|
Wenn der Nordwind nach dir sucht© by Birgitt ()
Silvester 2002 "Bestimmt tut's dir leid, dass wir Gerd abgesagt haben." Es brauchte ein paar Sekunden, bis Mikes als Feststellung getarnte Frage in mein Bewusstsein vordrang und aus der Wahrnehmung ein Verstehen wurde. "Nein, natürlich nicht. Dies ist so ziemlich das, was ich als perfekten Jahreswechsel betrachte." Ich hielt für ein paar Sekunden inne, unsicher, ob ich weiterreden sollte. Wie leicht könnte Mike mein Empfinden als Vorwurf missverstehen... "Abende wie diese sind so selten, da sollten wir doch die wenigen Gelegenheiten, allein zu sein, genießen. Was brauche ich eine lärmende Horde von Leuten, die ich nicht wirklich sehen will, wenn ich bei dir sein kann?" "Nach deiner Begeisterung übers letzte Jahr dachte ich, du wärst vielleicht doch lieber-" Ich unterbrach ihn, ohne mich aus der gemütlichsten aller Positionen zu rühren. Nur ein Bombenalarm oder Brand hätte mich dazu gebracht, mich aus Mikes Umarmung zu lösen. "Vergiss, was ich über das letzte Jahr gesagt habe. Wir sind lang genug zusammen, dass du mir meine weißen Lügen eigentlich anmerken müsstest. Du hattest Dienst und ein Mördergewissen, weil du Silvester nicht mit mir zusammen sein konntest." Schweigen. Ich fragte mich, ob Mike einen weiteren Kommentar oder eine genauere Erklärung von mir erwartete. Die perfekte Stimmung war dahin. Da lag etwas in der Luft... Aber ich würde diesen Moment nicht so ohne weiteres aufgeben: Noch immer war mir wohlig warm, noch immer genoss ich die friedliche Stimmung, die nicht mal von Musik gestört wurde. Gelegentlich ging ein verfrühter Knaller los, oder man hörte Stimmen und Gelächter von draußen. Aber hier drinnen bei uns war es ruhig. Bilder einer eingeschneiten Skihütte kamen mir in den Sinn. Nicht, dass ich mir etwas aus Wintersport machte, aber die Vorstellung mit Mike allein und auch unerreichbar zu sein, war verlockend. Doch so schnell, wie sich das Bild in meinem Kopf aufgebaut hatte, so schnell zerstob es auch wieder. Weder Mike noch ich waren für das Leben eines Einsiedlers geschaffen. Wir beide brauchten die Herausforderungen, die uns unsere Arbeit täglich - in Mikes Fall oft genug auch nächtlich - präsentierte. "Du hast Recht." Wieder schrak ich aus meinen Gedanken hoch, bestärkt in meiner Ahnung, dass Mike etwas auf dem Herzen hatte. "Womit habe ich Recht?" "Dass wir lang genug zusammen sind. Zu lang, um Geheimnisse voreinander zu haben. Auch wenn sie noch so gut gemeint sind." Er holte etwas tiefer Luft; so nah wie wir uns waren, entging mir keine seiner Bewegungen. "Die gut gemeinten sind sogar die schlimmsten." Die Ahnung wurde zur Gewissheit. Gott sei Dank konnte Mikes Problem nichts mit unserer Beziehung zu tun haben. Dessen war ich mir sicher. Nur... bei Mikes Job waren Berufliches und Privates so gut wie untrennbar. Zumindest so wie Mike seinen Beruf begriff. Bei guten Polizisten litt nun einmal das Privatleben. Mike hatte mir in diesem Punkt nie etwas vorgemacht. Ich hatte gewusst und geliebt, auf was ich mich einließ. Auch wenn es in der Praxis nicht immer harmonisch ablief, war Mikes Hingabe in jeglicher Hinsicht wesentlicher Bestandteil meiner Liebe zu ihm. Langsam strich ich mit meiner Hand seinen Unterarm entlang, spürte die seidenweichen Härchen, ergriff schließlich seine Hand. Gleich nach dem Essen hatten wir uns auf die Couch zurückgezogen, uns aneinander gekuschelt und geküsst, flüsternd miteinander gesprochen, so als würden wir abgehört oder als säßen unsere Eltern im Raum nebenan. Hatten zusammen geschwiegen, ohne den Druck einer verbalen Kommunikation, in dem Bewusstsein vollkommen Verständnisses. Ich hatte gehofft, dieser wunderbare Abend würde übergangslos zu einer wundervollen Nacht werden. Doch die letzten Minuten hatten mein Erleben als Illusion entlarvt. Mehr noch: Es war eine einseitige Täuschung gewesen. "Wie lange schleppst du es schon mit dir herum?" Wieder bemühte ich mich, meine Stimme weich klingen zu lassen. Kein Vorwurf, kein Zicken. Nicht mal wegen der verdammten Truppe. Besonders nicht wegen der verdammten Truppe. Mikes Kollegen waren ein Kapitel für sich, kein besonders angenehmes, und er zog es vor, dieses Thema nicht zu diskutieren. Für mich war es nichts weniger als ein Wunder, was er für seine Arbeit in Kauf nahm. Ich an seiner Stelle hätte die Brocken schon längst hingeworfen. Aber vielleicht auch nur, weil ich selbst in der Filiale mit einem guten Arbeitsklima und wirklich netten Kollegen gesegnet war. Hätte ich mich ähnlich wie Mike über Jahre mit Arschlöchern als Kollegen herumgeschlagen, würde es mir wohl auch nicht einfallen, alles einfach hinzuschmeißen. Mike war einiges gewohnt. Trotzdem blieb der Eindruck, dass er oft genug nur von Trotz und seinem Dickkopf getrieben wurde. "Gedanken lesen muss sich in deinem Beruf bezahlt machen. Die Zeit, die du sparst, um bei der SCHUFA Informationen über eure Bittsteller einzuholen..." Mike blies mir sanft ins Haar, und ich für meinen Teil hätte jetzt gern auf weitere Diskussionen verzichtet. Ich hatte Mike begehrt seit dem ersten Augenblick, als er vor über fünf Jahren in meinem Büro aufgetaucht war. Liebe war dazu gekommen, ohne dass die Leidenschaft darunter gelitten hatte. Im Gegenteil. "Funktioniert nur bei dir, glaub' mir." "Will ich auch hoffen." Wenn ich jetzt auf seinen spielerisch drohenden Ton einging, wäre der Augenblick vorbei und die Chance vertan, Mike von seiner Last zu befreien. So sehr ich mir die Unbeschwertheit des frühen Abends zurückwünschte - der Preis war zu hoch. Mike selbst hatte die ernste Stimmung mit seinen Bemerkungen heraufbeschworen; dass er in dem Moment, indem ich darauf einging, versuchte, mir auszuweichen, aktivierte meinen inneren Alarm. "Erzählst du mir die ganze Geschichte freiwillig oder muss ich sie dir Stück für Stück aus der Nase ziehen?" "Ich will uns nicht den Abend verderben..." Das hast du schon schluckte ich gerade noch hinunter, ersetzte es durch: "Nur dir selbst also." Ich setzte mich auf, wandte mich zu ihm um, ohne seine Hand loszulassen. Im Licht der Kerzen, die den Raum vor der vollkommenen Dunkelheit bewahrten, war er der absolut wundervollste Anblick, den es für mich auf der Welt gab. "Wie kann es mir den Abend verderben, wenn du mit mir teilst, was dir auf der Seele lastet?" Gott, klang das kitschig, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das, was ich fühlte, treffender hätte formulieren können. Und Mike schien es nicht zu stören, dass ich rosarotes Vokabular benutzte. Mit einem leichten Kopfschütteln hob er seine freie Hand und streichelte meine Wange, ließ die Hand wieder sinken. "Das mein' ich gar nicht. Es ist nur..." Er holte tief Luft und sah weg, verstärkte gleichzeitig den Druck auf meine Hand, so, als hielte er sich daran fest. "Es wird dir nicht gefallen. Ab Donnerstag bin ich wieder auf der Straße." Er hatte Recht. Es gefiel mir nicht. Und obwohl ich jeden Tag damit gerechnet hatte, kam dieser Moment wie ein Schock, der sich als Eisklumpen in meinem Magen festsetzte. Nicht die Einsamkeit, wenn Mike seiner Arbeit nachging, machte mir Sorgen; auch bei mir gab es Zeiten, in denen ich zum Telefon griff und Mike informierte, dass es bei mir später werden würde. Nein, es war die nackte Angst, dass er nicht zurückkommen würde. Irgendwann gäbe es einen Anruf, in dem man mir - freundlich, mitfühlend, unabänderlich - mitteilte, dass Mike in Ausübung seines Dienstes- Oder sie standen - immer zu zweit, immer in Uniform - vor der Haustür, baten vielleicht darum, hereinkommen zu dürfen, rieten mir, mich zu setzen- Selbst in Gedanken waren diese Szenerien Horror pur, vielleicht machte meine in dieser Hinsicht außergewöhnliche Phantasie alles noch grauenhafter. Wie diese Angst mit meiner Überzeugung einherging, dass ich mir Mike in keinem anderen Beruf vorstellen konnte? Ich hatte keine Ahnung. Beide Gefühle existierten wie unabhängig voneinander, als hätten sie absolut nichts miteinander zu tun. Doch im Moment überwog klar die Panik, dass Mike etwas im aktiven Dienst zustoßen könnte. Die letzten Monate war die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses relativ gering gewesen. Mike war mal wieder ohne direkten Partner und bekam in erster Linie den Innendienst für das Trio Kallenbach/Deichsel/Niemcek - oder besser: die Zweckgemeinschaft - zugeteilt. Bei Observationen war er nur zur Unterstützung dabei, hatte keinen aktiven Anteil an den Einsätzen. Er hasste es und seine Laune war entsprechend, aber ich konnte mir nicht helfen, ich war im Grunde meines Herzens um jede Sekunde froh, die er vor den Akten hocken musste. "Und mit wem?", fragte ich, als er nicht weitersprach. "Wenn ich's nur wüsste. Die endgültige Entscheidung war noch nicht gefallen. Der Chef wollte mir nicht mal sagen, welche Kandidaten in Frage kommen." "Was ist mit euren inoffiziellen Kanälen? Die funktionieren doch ohnehin besser-" "Vergiss es!" Mike schrie es fast, und ich zuckte zusammen, zog meine Hand zurück, bevor ich begriff, was ich da tat. Und Mike reagierte sofort. "Sorry, Lieber, aber... die Trommeln sind ziemlich still, wenn ich in der Nähe bin. 'In sechs Jahren fast ebenso viele Partner, da kann doch was nicht stimmen.' Ich bin nicht gerade der Glücksbringer unserer Abteilung. Chris ist der einzige, zu dem ich noch halbwegs guten Kontakt habe. Abgesehen von Deichsel und Kallenbach natürlich. Nur... bevor ich die frage, geh' ich lieber ein vor Neugierde." "Und was ist mit Chris? Dem sind Vorschriften und Spielregeln egal genug, dass er dir weiterhelfen würde. Und da er ja jetzt Zoll und nicht mehr Kripo ist, käme keiner auf die Idee, ihm Nestbeschmutzung vorzuwerfen." In letzter Zeit hatten wir Mikes Expartner nur selten gesehen. Ich kannte ihn nicht wirklich gut, aber Mike hatte ihn mehr oder minder regelmäßig getroffen oder zumindest gesprochen. Bis zum Sommer dieses Jahres. Seitdem herrschte weitestgehend Funkstille. Wir hatten dieses Thema nur einmal angeschnitten, als Mike mir erzählte, dass sein Ex, Eddie, nun mit Chris, seinem langjährigen Partner bei der Kripo Frankfurt zusammen war. Und die Geschichte war wohl noch komplizierter, als sie sich anhörte. Denn zum damaligen Zeitpunkt, also Ende Juli, war das Ganze eine Falschmeldung gewesen. Erst seit ein paar Wochen waren Chris und Eddie tatsächlich ein Paar. Kurz vor Weihnachten hatte Mike die beiden schließlich doch getroffen, auf der Feier von Chris' Abteilung. Ich hatte die Vertretung unserer Geschäftsstelle beim Adventssingen der Freiwilligen Feuerwehr am Hals gehabt und den Abend mit einer Stunde Bibbern Am Weißen Stein und zwei Stunden gähnender Langeweile auf der anschließenden Feier im Vereinsheim der Feuerwehr zugebracht. Mike war also allein gegangen... statt zur Feier seiner eigenen Abteilung - letztere schenkte er sich schon seit Jahren. Viel hatte er nicht gesagt, als er zurückkam. Er war ziemlich betrunken gewesen. Niemals eine gute Ausgangsbasis für eine Diskussion, und ich hatte mir jeden Kommentar und jede Frage verkniffen. "Klar würde der mir helfen." Wieder schwieg Mike. Dieses seltsame Gespräch trug nicht dazu bei, dass der Klumpen in meinem Magen schmolz. Im Gegenteil. Langsam stand ich von der Couch auf, ging hinüber zu dem kleinen Weihnachtsbaum, den wir vor einer Woche gemeinsam geschmückt hatten. Dieses Weihnachtsfest gehörte zu den besten, die ich je erlebt hatte. Ich war so sicher, dass Mike und ich zusammen gehörten. Ich war jetzt nur nicht mehr so sicher, ob Mike auch so fühlte. Obwohl er noch nichts gesagt hatte, das meine Ängste hatte nähren können, war da dieses definitive Gefühl, dass irgendetwas im Busch war. Ich sog das unvergleichliche Aroma der Tanne ein und befingerte eine der tiefblauen Kugeln, in denen sich der Kerzenschein fing. Ganz vorsichtig, so als hielte ich unser Glück in Händen, das so leicht zerbrechen konnte. "Und du willst ihn nicht fragen aus genau welchem Grund?" Die Frage schien das Signal gewesen zu sein, auf das Mike gewartet hatte. Blitzschnell war er hinter mir, umarmte mich, als wollte er verhindern, dass ich bei dieser raschen Annäherung die Flucht ergriff. Seine rechte Hand berührte leicht meine linke Seite, und ich fühlte, wie er seine Wange an meinen Rücken schmiegte. "Im Sommer war ich soweit, dass ich von der Abteilung weg wollte." Ich drehte mich zu ihm um, machte mich dabei aus seiner Umarmung frei, trat einen Schritt zurück. Ich musste ihm in die Augen sehen, auch wenn ich es ihm dadurch schwerer machen würde. "Ich hatte das Schreiben ans Präsidium fertig, trug es ständig bei mir." Er tippte sich auf die Brust; der Symbolismus war erschreckend deutlich. Es ging um eine Herzensangelegenheit. "Ich wollte vorher mit Chris darüber reden." Er sah auf seine Hände und vergrub sie in seinen Hosentaschen. Er sah mich nicht an, als er weitersprach. Unfassbar leise weitersprach. "Und nicht nur, weil er mein Freund ist und so lang mein Partner gewesen war..." Es dämmerte mir. Die Anzeichen waren damals deutlich zu sehen gewesen, und ich hatte Mikes ungewöhnliches Verhalten und seine Stimmung auf diese verrückte Chris-Eddie-Geschichte reduziert. "Sondern weil du zu ihm zurück wolltest." Er hob den Kopf, eine leichte Röte färbte sein Gesicht. "War'n günstiger Zeitpunkt. Dachte ich jedenfalls." Er lachte humorlos auf. "Als wenn's in unserem Laden günstige Zeitpunkte gibt. Ein Wechsel zum Zoll. In meinem Alter. Eher friert die Hölle zu... Wahrscheinlich besser, dass der Antrag als Konfetti im Main gelandet ist." Mikes Ton hatte die Grenze zwischen Sarkasmus und Bitternis deutlich überquert. "Aber sonst... der Plan war nicht schlecht. Chris hatte tierische Probleme mit seinem Partner. Esser nahm so ziemlich jede Gelegenheit wahr, Scheiße zu bauen und Chris mit rein zu ziehen." Mike sah mich erwartungsvoll an. Ich nickte; ich hatte ein paar Telefonate mitbekommen, in denen Mike versucht hatte, Chris nach einer weiteren Heldentat von diesem Esser wieder aufzubauen. "Schön einfach hab' ich mir das ausgemalt. Von meinem Haufen wegzukommen. Und gleichzeitig Chris zu helfen. Aber mein Timing war noch nie wirklich gut. Von heute auf morgen hatte Chris einen neuen Partner. Ganz abgesehen von der Sache mit Eddie..."
Eddie. Edgar Sänger. Exlover, aber nicht Exfreund. Ganz im Gegenteil. Mike war wahrscheinlich Eddies bester Freund. Und er war es unglaublicher Weise in dem Moment geworden, als sie sich getrennt hatten. Jedenfalls was Mikes Anteil an dieser Freundschaft betraf. In den ersten Monaten unserer Beziehung hatte ich nicht wenige Probleme mit dieser Konstellation gehabt. Schließlich kam erschwerend hinzu, dass ich Mike dadurch kennen gelernt hatte, dass er sich klammheimlich in einer finanziellen Angelegenheit für Eddie verbürgte. Mittlerweile hatte ich akzeptiert, dass er Eddie immer lieben und für ihn so ziemlich jedes Opfer bringen würde. Nur die Tatsache, dass Mike klar war, dass Eddie ihn nicht liebte, wohl niemals geliebt hatte, ließ mich nachts ruhig schlafen. Ich hoffe nur, Mike wird nie zwischen uns wählen müssen...
Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich mich so von all diesen Gedanken befreien. Wohin waren die Sorglosigkeit und Zufriedenheit des heutigen Abends verschwunden? Doch so hilflos ich mich augenblicklich fühlte, ich wollte diesen Moment gegen nichts in der Welt tauschen. Es war lange her, dass Mike offen mit mir geredet hatte, und ich hatte mir eingeredet, es wäre alles in Ordnung. "Vielleicht solltest du dir etwas anderes suchen... Raus aus diesem Scheißjob, der dich nur noch kaputt macht." Eddie verdrängte ich als Thema, da sah ich keine Chance, zu Mike durchzudringen. "Ich habe doch Beziehungen in der Sicherheitsbranche... Ein paar Anrufe genügen und du könntest-" Ich biss mir auf die Zunge, als ich seinen Gesichtsausdruck wahrnahm. In der nächsten Sekunde stand ich allein und Mike setzte sich auf die Couch, vergrub das Gesicht in seinen Händen. Mir wurde klar, dass ich in meiner Hast, meine Loyalität zu demonstrieren, weit über das Ziel hinausgeschossen hatte. "Okay, scheiß Idee, Mike. Vergiss, was ich gesagt habe. Aber so kann es doch nicht weiter gehen. Du bringst dich noch um den Verstand." Wieder fragte ich mich, warum ich nichts von den Veränderungen in ihm mitbekommen hatte, die jetzt in seinen wenigen Erklärungen so offenbar wurden. Hätte er all die Monate geschwiegen und gegrübelt, vielleicht wäre ich stutzig geworden. Doch er hatte bereitwillig von all dem Ärger und den Pannen im Büro erzählt, hatte immer wieder über seine Kollegen und das ganze System geschimpft... Alles irgendwie Schauspiel... oberflächlicher, nicht wirklich wichtiger Frust, der feierabendliche Wortschwall über die Inkompetenz von Deichsel und die noch weniger erträgliche Ignoranz von Kallenbach. Alles in allem eine leicht rauhe Fassade, die die viel scheußlichere Wahrheit erfolgreich verdeckte. "Schon okay. Nicht deine Schuld, Klaus", nuschelte Mike in seine Handflächen, hob dann den Kopf. Er lächelte schief. "Ich will ja nicht wirklich weg von der Kripo. Wollte es nie, nicht mal, als Ehrenberg mir die gute Nachricht überbrachte, dass ich mich ab sofort als Teil des Teams Kallenbach und Deichsel betrachten sollte. Ist schließlich- War schließlich nur 'ne Notlösung auf Zeit." Die beiden Namen geisterten schon seit Jahren, eigentlich vom ersten Tag an, seitdem ich Mike kannte, durch unsere Diskussionen, wenn es um seinen Job ging. Vor allem bei Kallenbach sah Mike regelmäßig rot, und die Zusammenarbeit mit ihm bedeutete für Mike Stress pur. "Schließlich weiß ich, was ich kann, und..." Er stockte, wurde noch röter. "Es ist nicht nur ein Job, sondern eine Berufung." Er seufzte, als wäre er erleichtert, dass dieses Eingeständnis raus war. "Hört sich großartig an, was? Ne, lass mal, ich komm schon durch. Nur hab ich 'ne Scheißangst, dass es auch mit diesem Neuen nicht klappen wird. Lande ich noch einmal bei Kallenbach und Deichsel, dann war's das. Dann kann ich mich drauf einrichten, die Zeit bis zur Pensionierung mit dem Anspitzen von Bleistiften zu verbringen. Der Chef hat schon so was angedeutet, dass er sich nicht mehr erklären kann, warum es keiner der Kollegen länger als ein Jahr mit mir aushält. Nicht, dass irgendjemand mein Schwulsein ins Spiel gebracht hat, und auch Ehrenberg ist politisch zu korrekt als es zuzugeben und damit offiziell werden zu lassen. 'Nein, nein, der Ehrenberg hat seine Leute im Griff und die sind tolerant und minderheitenfreundlich.'" Mir war nicht ganz klar, was ich bei diesem Ausbruch fühlte. Hatte er mich die ganze Zeit über schonen wollen, aus Angst, ich könnte mich verantwortlich oder schuldig fühlen? Er hatte mir von seinem ungewöhnlichen Coming-out erzählt, aber was mir noch deutlicher in Erinnerung geblieben ist, war seine Bemerkung, dass er dieses Detail gerne ändern würde, wäre er in der Lage, die Zeit zurückzudrehen. Aber die hatte er so beiläufig und halb im Scherz gemacht, dann auch nie mehr erwähnt, dass ich mir deswegen nicht den Kopf zerbrochen hatte. Jetzt allerdings klangen seine Worte von damals ganz und gar nicht mehr banal. "Weißt du, Klaus, ich kam mir vor, als stände ich auf einer Bühne, so eben sichtbar im Halbdunkel, wenn überhaupt. Eddie taucht auf und es ist plötzlich so einfach und so verführerisch, in das Licht der Scheinwerfer zu treten und sie alle zu verblüffen. Und dann ist es schon vorbei, ich hatte meinen Auftritt gehabt." Er machte eine kurze Pause, lächelte mich an. "Wenn ich noch mal so 'ne Dummheit begehen sollte, hast du hiermit die Erlaubnis, mich mit meiner eigenen Waffe zu erschießen." Ich hatte bisher geglaubt, er hätte gewitzelt, um mir die Komik der Situation näherzubringen, aber jetzt begriff ich, dass er es wohl schon damals als einen Witz auf seine Kosten verstanden hatte. Verstanden haben musste. Und ich hatte mich damit begnügt, durch das Schlüsselloch zu schauen, durch das zu sehen Mike mir erlaubt hatte. Hatte meine eigenen Erfahrungen auf Mikes Alltag übertragen. Aber Banker duschen nur sehr selten gemeinsam... "Auf Parties mögen solche Statements gut klingen, und in Erklärungen für die Presse und die Öffentlichkeit kommen die um solche Sprüche nicht rum. Die Praxis - oder zumindest meine Praxis - sieht etwas anders aus. Mit Ignoranten wie Kallenbach und Deichsel kann ich sogar leben, die machen dumme Bemerkungen, die ich kontern kann. Zumindest solange ich nicht enger mit ihnen zusammenarbeiten soll. Aber dieses geheuchelte Verständnis, das regelmäßig in vorsichtige Zurückhaltung umschlägt, und das von Menschen, auf die ich mich verlassen muss... Mann, Klaus, das kann dich in unserem Job das Leben kosten. Und so ist es früher oder später mit fast allen meinen Partnern zu Zusammenstößen gekommen, die damit endeten, dass Mike Niemcek mal wieder solo war. Ich hab's so satt, immer wieder die Vertrauensfrage zu stellen und wieder und wieder von vorn anzufangen. Langsam verlier' ich die Kraft, das durchzustehen." Ich fragte mich, woher er überhaupt die Kraft genommen hatte, so lange durchzuhalten. Als hätte ich diesen Gedanken laut ausgesprochen, sah Mike mich an und fuhr dann fort. "Irgendwann verlieren deine eigenen Durchhalteparolen an Glaubwürdigkeit, glaub's mir. Und dann helfen auch die kleinen Erfolgserlebnisse nicht mehr, wie eine erfolgreiche Ermittlung oder ein Coup bei einer Razzia, für die ich die entscheidenden Hinweise besorgt habe. Es passierte ja auch immer seltener, dass ich solche Resultate für mich verbuchen konnte. Im Sommer brach dann die Hoffnung weg, dass ich Chris als Partner zurückgewinnen konnte. Wie gesagt, der Wechsel zum Zoll wäre in jedem Fall ein mittlerer Staatsakt geworden. Bei solchen Aktionen können sich die hohen Herren so was von umständlich anstellen. Aber Chris kennt mich zumindest gut genug, mir eine Chance zu geben. Das Gequatsche der anderen hätte ihn wahrscheinlich nur angestachelt. Aber für Chris liefen die Dinge plötzlich so was von gut, da passte ich überhaupt nicht mehr rein. Was blieb mir da andres übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und mich mit Kallenbach und Deichsel zu arrangieren?" "Und was ist mit mir?" "Mit dir? Du bist wohl das einzige, was mich noch zusammengehalten hat. Es ist mir verdammt schwergefallen, mich nicht ständig bei dir auszuheulen, hatte Angst, dass ich meine letzte Zuflucht auch noch versauen würde. Ich brauchte diese Auszeiten, in denen ich von dem ganzen Scheiß nichts hören oder sehen musste. Abschalten kann ich nur bei dir." "Trotzdem - du hättest mir eher davon erzählen sollen." Er legte den Kopf seitlich und ich musste grinsen. "Nein, gefallen hätte es mir nicht. Und wirklich helfen hätte ich dir auch nicht können. Nur mit dummen Ratschlägen nerven. Dich mit Lebensweisheiten, belegten Broten und einer Thermos ins Büro schicken." Für einen Augenblick starrte er mich an und lachte dann, in Erinnerung an die ersten Wochen, nachdem wir zusammengezogen waren. "Ich war sicher, du hättest den Verstand verloren... Und ich wollte dich nicht verletzen, hab' krampfhaft überlegt, wie ich dir sagen könnte, dass ich belegte Brote hasse und dein Kaffee nur scheußlich schmeckt. Aber die Brotdose mit dem Batmanaufkleber war süß. Obwohl ich immer noch nicht weiß, wie ich dich an den Dunklen Ritter erinnern konnte..." "Die vielen Nachtschichten damals." Ich räusperte mich, ließ meine Stimme eine halbe Oktave tiefer sinken, flüsterte, unterstützt mit übertriebenen Handbewegungen. "Mein Freund, der Kämpfer gegen lichtscheues Gesindel..." Die Stimme kratzte im Hals, und ich sprach normal weiter, bevor ein Hustenanfall den melodramatischen Effekt zunichte machen konnte. "Damals hatte ich noch Illusionen, hatte mir nie vorgestellt, dass ihr euch neunzig Prozent der Zeit zu Tode langweilt und auf einen Einsatz wartet, der vielleicht niemals kommt. Und ich bin sicher, ich finde die Dose, wenn ich danach suche. Nach dem Umzug ist sie sicher im Keller gelandet. Warte, ich gehe sofort hoch und fange an-" Während ich noch sprach, ging ich zur Tür, aber Mike war schneller und versperrte mir den Weg. "Wenn du glaubst, du kannst dich aus dem Staub machen... Ich hab' andre Pläne für heute Nacht." "So? Und willst du nicht wenigstens der Höflichkeit wegen fragen, was ich von diesen Plänen halte?" "Alles der Reihe nach, der Herr. Wann immer du aufhören willst..." Er küsste mich leicht auf den Mund, leckte sich die Lippen, lächelte und wiederholte den Vorgang. Einmal, zweimal... "Hmmm, lecker. Wann immer du aufhören willst, sag' nur Bescheid. Von mir aus kannst du auch schreien; ich hab's überprüft, wir sind allein im Haus, und außerdem sind die Wände dick." "Du machst mir Angst. Ist der Jahreswechsel nicht Anlass für das Umsetzen guter Vorsätze?" "Wir haben noch was Zeit bis Neujahr." Wieder berührten seine Lippen die meinen, und meine Zurückhaltung schmolz dahin; auch der Klumpen in meinem Magen war nicht mehr zu spüren. In dem Moment, als ich meinen Mund öffnete, erklangen die Glocken und die Raketen jagten mit einem wilden Lärm durch den Nachthimmel. Mike sah mir in die Augen. "Na ja, mein Zeitgefühl lässt zu wünschen übrig. Aber das macht auch keinen Unterschied. Vorsätze sind dazu da, gebrochen zu werden. Frohes neues Jahr." Meine Antwort erstickte er mit dem nächsten Kuss. Ich war vollkommen zufrieden damit, ihm für einen weiteren Augenblick ein bisschen Freiraum zu schaffen.
Neujahr 2003 "1822-Frankfurter Sparkasse. Geschäftsstelle Eschersheim, Täuber am Apparat!" Die Worte waren heraus, bevor ich mir dessen bewusst wurde. Blöder Automatismus! Typisch Bürotiger! "We wish you a Merry Christmas, we wish you a Merry Christmas, we wish you a Merry Christmas and a Happy New Year!" Die Stimme kam mir bekannt vor, ich konnte sie aber erst einordnen, als die Gesangseinlage via Telefon rüde unterbrochen wurde. "Es reicht, Eddie. Gib mir endlich den Hörer oder ich sperr' dich in die Besenkammer." "Kannst du ja mal versuchen, Kleiner! Isch 'abe gar keine Besenka-" Ich wartete ab, bis das hörbare Geraufe um den Hörer einen Sieger fand. "Klaus? Christoph Schwenk hier. Tut mir leid das gerade, aber Eddie ist mir zuvorgekommen." "Frohes Neues, Klaus!", ertönte es johlend aus dem Hintergrund. "Wart' mal eben." Der Hörer wurde abgelegt, und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, während Chris versuchte, Eddie in die Schranken zu weisen. Wahrscheinlich würde es damit enden, dass er ihn aus dem Zimmer warf. Die Begegnungen mit Eddie hatten mir klar gemacht, dass er nur schwer zu stoppen war, wenn er mal in Fahrt kam. Mit einem Knall fiel eine Tür ins Schloss. Aha! "Sorry, da bin ich wieder. Da machste was mit." "Scheint so. Frohes neues Jahr, Chris." "Danke, danke gleichfalls. Da hat sich meine Schnüfflernase doch nicht getäuscht, dass ich dich am Neujahrstag im Büro finde." "Was tut man nicht alles für die Karriere. Aber heute Mittag wird Mike vorbeikommen und mir die rote Karte zeigen. Wir sind zum Essen verabredet." Automatisch schaute ich auf die Wanduhr. Schon halb zwölf. Vielleicht war er bereits auf dem- "Ist was passiert, Chris?" Der plötzliche Gedanke, dass etwas mit Mike sein könnte und das der Grund für Chris' Anruf war, ließ mich die Frage beinahe brüllen. "Hey, komm runter, Klaus. Alles okay. Nur... bei euch geht keiner ans Telefon und Mikes Handy lässt mich nur auf seine Mailbox. Übrigens seit zwei Tagen schon." Liebend gern hätte ich aufgelegt und mich auf dem Weg nach Hause gemacht; der Schreck saß mir derart in den Gliedern, dass die Hand, mit der ich den Hörer hielt, leicht zitterte. Ich schluckte ein paar Mal, bis ich in der Lage war, Chris zu antworten. "Das mit dem Handy kapiere ich nicht. Das Telefon haben wir abgeschaltet, um unsere Ruhe zu haben. Für berufliche Notfälle haben wir ja unsere Handys. Ich weiß nicht, warum Mike seines abgeschaltet hat." "Nich' weiter schlimm. Er steht ja nicht auf dem Dienstplan. Wäre die Welt untergegangen, hätten die Kollegen ihn schon abgeholt. Ihr wohnt ja netter Weise nicht weit vom Präsidium. Nein, ich wollte mich nur bei ihm melden, um... äh-" Chris brach mitten im Satz ab, aber bevor ich nachhaken konnte, sprach er weiter. "Du weißt, dass er einen neuen Partner bekommt?" "Dass er einen bekommt - ja. Er wusste nicht, was genau da auf ihn zukommt. Besser gesagt: wer." "Deswegen rufe ich an. Als die Gerüchteküche anfing zu brodeln, hab' ich mich schlau gemacht. Ähm... vielleicht könnten wir kurz bei euch vorbeischau'n?" Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache. Wenn Mike sein Handy ausgeschaltet hatte, dann wohl aus dem Grund, der Welt da draußen für eine Weile aus dem Weg zu gehen. Das schloss Chris Schwenk offenbar mit ein. "Schwierig. Für heute Nachmittag haben wir Kinokarten, und danach wollten wir noch einen Kneipenbummel dranhängen. Ich habe keine Ahnung, wann wir zurück sind." Chris war kein Dummkopf und kapierte auch, was ich nicht direkt aussprechen wollte. "Wie gesagt, keine Eile und kein Beinbruch. Falls er's vor Neugierde nicht mehr aushält, kann er mich anrufen. Ich bin bei Eddie. Oder er ruft übers Handy an." "Ich werde es ausrichten. Danke für den Anruf." "Da nich' für." "Und Grüße an Eddie - ich hab' mich gefreut über das Ständchen." Chris lachte leise. "Mehr schauerlich als schön, was? Dabei hat er die ganze Nacht geübt. Na ja, fast die ganze Nacht." Chris' Stimme wurde so weich und zärtlich bei diesem Nachsatz, dass es mir durch und durch ging. "Ich werd' die Grüße ausrichten. Und Klaus, was Mike angeht..." Irgendwie ahnte ich, was er sagen wollte. Aber es würde gut tun, es Chris aussprechen zu hören. "Pass gut auf ihn auf, ja?", kam es wie aus der Pistole geschossen, und Chris wartete die Antwort nicht mal ab, legte in der nächsten Sekunde auf.
Langsam ließ ich meine Hand sinken, legte den Hörer auf die Station. Ich sicherte die Depotdaten, die ich während der letzten zwei Stunden aktualisiert und analysiert hatte, dann das System. In der nächsten Woche würde ich unsere Anlagekonten anpassen müssen. Mit etwas Glück brachte uns das ein paar Prozent. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, unsere privaten Finanzangelegenheiten nach Büroschluss in der Filiale zu erledigen. Ich hatte das Gefühl, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, wenn ich es in der Wohnung tat. Es hatte wenig Sinn, nach Hause zu gehen. Bei meinem Glück war Mike schon auf dem Weg, und wir liefen aneinander vorbei. Um zwölf hatte er hier sein wollen. Das Warten fiel mir schwer, doch weiter zu arbeiten kam ebenfalls nicht in Frage. Dazu fehlte mir nach diesem Anruf das Interesse und ganz entschieden der Nerv. Ich drehte mich in meinem Bürosessel hin und her, dachte über die kleinen Botschaften nach, die mir Chris mit diesem Telefonat hatte zukommen lassen. Gott, wie musste Chris Eddie mögen, wenn ich seine Zärtlichkeit für ihn sogar durchs Telefon in seiner Stimme ausmachen konnte. Ein ungewöhnliches Paar, in der Tat. Aber was war dann mit Mike und mir? Kein bisschen normaler. Und was war überhaupt normal? Pass gut auf ihn auf, ja? Wenn eines sicher war, dann das. Auch - oder gerade - weil ich diesen Job in den letzten Monaten äußerst dilettantisch erledigt hatte. Schließlich war Neujahr und nicht alle guten Vorsätze waren dazu da, um gebrochen zu werden. Der Streit heute Morgen hatte mich in dieser Beziehung nur trotziger und entschlossener gemacht.
"Klaus... Verrätst du mir, was du gestern Abend unter die Sauce gemischt hast?" Mike befingerte seinen Toast, den er mit Marmelade und Quark beladen hatte. Nie im Leben brachte er das Teil ohne Unfall bis zu seinem Mund. Würde spannend sein, ihn dabei zu beobachten... "Willst du ein Kochbuch schreiben? Dann hätte ich gerne eine namentliche Erwähnung. Lass sehen... Dosentomaten, denen ich den finalen Mantsch beigebracht habe... Sambal oelek und Fertigbrühe... eine Packung italienischer Tiefkühlkräuter... ohne Verpackung natürlich. Hmm, wenn ich's mir recht überlege, will ich doch nicht erwähnt werden. Und wenn du keine revolutionäre Zubereitungsmethode für Spaghetti entwickelt hast, würde ich das mit dem Kochbuch ganz vergessen." Ich musste Atem holen, und Mike ergriff die Gelegenheit, meinen Redefluss zu stoppen. "Ich hatte 'ne geheime Zutat erwartet... Nach dem sentimentalen Schmu, den ich gestern Abend verzapft habe..." Ich musste mich verhört haben. Ich war sicher, Mike genau verstanden zu haben. "Sentimentaler Schmu? Keine Ahnung, wovon du sprichst. In der Sauce war bestimmt nichts, aber vielleicht hast du beim Salz die Dosen verwechselt." "Keine Sorge, die Psychowürze ist polizeisicher versteckt." Endlich ließ er seinen Toast in Ruh und sah mir in die Augen. Mit einem Blick, der mich an den Mike erinnerte, der mir in den letzten Wochen vorgaukeln konnte, dass alles wie immer war. "Ich will nur nicht, dass du mein Gerede von gestern ernst nimmst." Es brauchte einiges, um mich auf die Palme zu bringen, aber Mike hatte mich gleich so weit. "Was genau meinst du mit Gerede? Was du mir ins Ohr geflüstert hast, nachdem wir miteinander geschlafen haben?" Zu seiner Ehre musste ich gestehen, dass er entsetzt war über diesen Vorwurf. "Nein, Klaus, bist du wahnsinnig? Ich meine das Gejammer über den Job und die Kollegen und all das. Es war nicht fair-" "Verdammt, Mike, was ist denn das jetzt? Ich bin heilfroh, dass diese blöde Geschichte klar ist zwischen uns. Endlich hast du mir wieder den Mann gezeigt, in den ich mich verliebt habe. Endlich mal jemand, der nicht den Supermann raushängen lässt. Endlich einer, der seine Gefühle zulässt. Gestern Abend warst du wieder der Mann, den ich immer wollte. Immer noch will. Deine Arbeit ist so ein wichtiger Teil von dir, was bleibt mir denn, wenn du mich davon ausschließen willst?" "Und glaubst du, es ist einfach, die Angst in deinen Augen zu sehen, wenn ich dir was erzähle? Oder dieses Leuchten, wenn mal wieder feststeht, dass ich in dem Scheißbüro hocken muss und deswegen fast wahnsinnig werde?" "Ja, darf ich denn keine Angst um dich haben? Niemals habe ich versucht, dich dazu zu bringen, den Job aufzugeben." Ich hielt inne und fügte dann hinzu. "Okay, gestern Abend, aber das war nur, weil ich dachte, du hältst es in dem Laden nicht mehr aus." "Ja sicher, du willst nur mein Bestes." Der zynische Ton wirkte wie eiskaltes Wasser, wenn es einem über den Kopf gegossen wurde. Mein Zorn verrauchte in Sekunden, die einsetzende Verzweiflung war schlimmer. "Wäre es falsch, wenn ich unser Bestes wollte?" Ich stand auf, ging um den Küchentisch herum und hockte mich neben ihn. "Bitte, Mike, du musst mir glauben, dass ich unbeschreiblich glücklich war, dass du gestern so offen mit mir warst. Mach' das nicht kaputt, indem du so tust, als wäre es eine momentane Schwäche von dir gewesen. Dass du dich mir niemals anvertrauen wolltest. Aus welch ach so edlen Gründen auch immer." Er musste den nächsten Schritt tun. Also blieb ich hocken und wartete. Mike stand auf und ging zur Tür, wo er sich noch einmal umdrehte. "Ich kann nicht an zwei Fronten kämpfen, Klaus." In der nächsten Sekunde war er aus der Tür und ich mit meinem Schock allein. Und mir wurde klar, dass ich aus der Wohnung raus musste, bevor ich Dinge zu ihm sagte, die mir spätestens eine Stunde später leid tun würden. Ich zog mich um, aber bevor ich die Wohnung verlassen konnte, stand Mike neben mir. "Bleibt es bei dem Programm von heute?" Ich wurde aus seinem Ton nicht schlau, aber ich wollte keine weiteren Risiken eingehen, indem ich jetzt in eine Diskussion einstieg, bei der ich nicht abschätzen konnte, wo wir damit landen würden. Am besten interpretierte ich seine Frage als Waffenstillstandsangebot. Sehr passend zu seiner Bemerkung, er könne nicht an zwei Fronten kämpfen. "Wenn du willst... Ich gehe ins Büro." "Um zwölf bin ich da."
Ich schwang den Stuhl herum und griff meine Aktentasche, die auf der Anrichte hinter mir stand, und zog die Brotdose heraus. Der Aufkleber war schon etwas angegriffen, wellte sich an einer Ecke nach oben. Ich strich ihn glatt; vergeblich, er klebte an der Stelle nicht mehr. Letzte Nacht hatte ich geschwindelt; ich hatte genau gewusst, wo sich die Dose befand. In der untersten Schublade meines Nachttisches. Und heute Morgen hatte ich sie eingesteckt. In der Dose bewahrte ich Fotos auf, Briefe... Andenken an die letzten Jahre mit Mike, größtenteils aus der Anfangszeit. Seine Visitenkarte von der Kripo: Auf die Rückseite hatte er seine Privatnummer gekritzelt. Die an Kitsch nicht zu übertreffenden Postkarten, die er mir von dem Lehrgang aus Fulda geschickt hatte. Täglich. Mit abgewandelten oder kommentierten Kalendersprüchen. Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie zu machen, wenn keiner zuschaut. - Schade. Und ich hätte so gerne Publikum. So war es Tag für Tag gegangen. Würde ich Mike die Karten heute zeigen, fände der seine geistreichen Einfälle wohl total blöde und peinlich dazu. Zurück in die Dose damit. Dann das Buch des Schlechten Gewissens. Nachdem Mike mich das dritte Mal versetzt hatte, war er zur Konkurrenz gegangen und hatte ein Sparkonto angelegt. Immer wenn er wegen seiner Arbeit ein Date mit mir absagen musste, hatte er fünfzig Mark eingezahlt. Nach einem halben Jahr musste er sich und mir eingestehen, dass die Angelegenheit auf die Dauer zu teuer werden würde. Das bis dahin gesparte Kapital hatten wir während eines wilden Wochenendes auf den Kopf gehauen. Unsere Liebesspiele während der drei Tage hatte er als Zinseszinsen tituliert... Mitten in diese Erinnerungen platzte das Annäherungssignal des Gebäudes. Ich packte die Batmandose wieder in die Tasche, ging in den Vorraum und kontrollierte die Monitore. Mike. Auf die Minute pünktlich. Ich fischte den Schlüssel aus der Hosentasche, checkte noch einmal die Kameras und öffnete die Hintertür, als Mike klingelte. "Komm noch einen Moment rein. Ich packe meinen Krempel zusammen, dann können wir los." Er folgte mir ins Büro, befingerte ein paar der Akten, die auf dem Schreibtisch lagen. "Ich hoffe, du hast was geschafft." "Nicht so viel wie ich wollte, aber mehr als ich unbedingt musste. Fairer Kompromiss. Besonders für Neujahr." Ich schob mich an ihm vorbei, so dass ich zum Schrank kam, in dem ich Mantel und Schal hängen hatte. "Ja, besonders für Neujahr." Ich war halb in einen Ärmel geschlüpft und hielt beim Klang seiner Stimme inne. Zum ersten Mal heute hatte darin etwas Echtes mitgeschwungen. Es hörte sich unendlich traurig an, war aber viel besser als die Gleichgültigkeit oder die gespielte Arroganz von heute Morgen. Ich warf den Mantel auf den Besucherstuhl und legte Mike die Hand auf die Schulter, zwang ihn mit leichtem Druck, sich zu mir umzudrehen. "Offen gestanden habe ich mich fast nur mit unseren Konten abgegeben. Nichts Geschäftliches im eigentlichen Sinn. Ich musste einfach nur raus, weißt du." "Meine Schuld, ich weiß." Er lachte leise, als ich die Augen rollte. "Okay, ich hör' schon auf damit. Es ist nur... Die letzten Monate warst du so erfolgreich, und alles schien dir so leicht zu fallen. Während ich jeden Tag tiefer in dieses Loch fiel. Immer weiter abrutschte, während du... während ihr..." Er schwieg und sah mich nicht an. Schob die Hände tief in seine Jeans. Er bot das Bild eines kleinen trotzigen Jungen, der wusste, dass er sich entschuldigen musste, und den dieses Wissen nur noch mehr verstocken ließ. "Ihr, Mike?" "Du hier in der Bank... und Chris mit seinem Partner... Eddie mit seiner Werkstatt... Und natürlich Chris und Eddie zusammen." Er drehte sich wieder um, hielt im nächsten Moment sein Bild in den Händen. Seit Anfang des letzten Jahres stand es auf meinem Schreibtisch. Hatte mich eine Menge meiner Überredungskunst gekostet, bis ich Mike soweit hatte. Bei der Erwähnung von Chris und Eddie wollte ich Mike schon von dem Anruf gerade erzählen, aber das wäre nicht gut. "Kannst du mir noch mal verzeihen?" Sie war kaum zu hören, diese Bitte. Ganz dicht stellte ich mich hinter ihn. "Was soll ich dir verzeihen? Deinen Auftritt heute Morgen oder den sentimentalen Schmu gestern Abend?" Sorgfältig stellte er das Bild zurück an seinen Platz, lehnte sich zurück, bis er mich berührte. Seine Haare kitzelten mein Kinn. "Ich bin ein Idiot." Vor Erleichterung wurde mir fast weiß vor Augen. "Das kannst du schriftlich haben." "Wenn du willst, diktier' ich's dir."
Sein Kopf ruhte auf meinem Bauch und die ruhigen Atemzüge sagten mir, dass er endlich eingeschlafen war. Meine Finger spielten mit seinem Haar, das an einigen Stellen deutlich auf dem Rückzug war. Bald würde er sich wieder einer Radikalkur unterziehen und die blonden Locken der Friseurschere opfern. In den letzten Monaten bevorzugte er einen Kurzhaarschnitt Marke Waschlappen. Vielleicht sollte ich mit ihm darüber sprechen. Ich mochte es, wenn er seine Haare länger trug. Mit etwas diplomatischem Geschick konnte ich ihm einreden, dass es ihn jünger machte. Was es nicht tat. Es machte ihn älter. Aber auch weniger hart aussehend. Immer hatte ich Angst, dass er irgendwann mal glaubte, was er im Spiegel sah. Wir waren nicht essen gegangen und auch nicht ins Kino. Zwei Anrufe und die Reservierungen waren gecancelt. Hand in Hand - ja, ganz recht, Händchen haltend - waren wir von der Filiale direkt nach Hause gegangen. Was man so gehen nennen konnte. Als wir aus der Bank traten, hatte heftiger Schneefall eingesetzt, und in wenigen Minuten war der Gehweg eine Schlinderbahn aus Eis und Matsch gewesen. Mike hatte keine Probleme mit der Balance gehabt, mich hatte es aber zweimal auf Knie und Handflächen gezwungen. Schließlich hatte er fest meine Rechte gepackt und mich sicher nach Hause gebracht. Ohne ein Wort zu sagen. Alles, was er mir hatte mitteilen wollen, hatte ich in diesem Händedruck gefunden. In der Wohnung hatte es so sehr nach Heim gerochen, dass mir fast schwindlig geworden war. Wir waren um die Wette gerannt, wer als erster ins Bad kam. Bereits im Lauf die Klamotten vom Körper reißend, hatten uns dann unter der Dusche getroffen, zitternd vor Kälte und Erregung gleichermaßen. Der Rest war ein Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte. Nun, nicht ganz. Jetzt mochte er ruhig bei mir liegen, doch vor Minuten noch war seine Stimme voller Reue gewesen und ich hatte mehr Tränen von seinen Wangen geküsst als jemals zuvor. Ich hatte nicht die Absicht, ihn die Wunden dieser nicht mal vierundzwanzig Stunden verstecken zu lassen, wie er es das letzte halbe Jahr mit seinen Problemen so erfolgreich getan hatte. Sein Misstrauen und seine Abwehrhaltung mir gegenüber hatten zu sehr geschmerzt, als dass ich ihm diesen Ausweg zugestehen würde. Entweder wir zerbrachen hieran oder... Es war schwer, klar zu denken, wenn er mir so nahe war. Wenn ich ihn mit allen Fasern meines Seins spüren konnte. Der Geruch allein machte mich halb wahnsinnig vor Verlangen. Und vor Angst, dass ich dies bald nicht mehr mein eigen nennen konnte. Vor Mike hätte ich nie geglaubt, dass solche Gefühle möglich waren. Und jetzt steckte ich so tief drin, dass ich beinahe darin ertrank. Zeit, schwimmen zu lernen. Morgen würde der Alltag wieder einsetzen. Aber diesmal war ich entschlossen, die Dinge nicht einfach laufen zu lassen. Mike würde merken, was er sich mit mir eingebrockt hatte. Ich lass dich nicht mehr los, mein Herz. Egal, was dich dazu treibt, mich wegzustoßen. Ich finde es heraus. Vielleicht kannst du nicht an zwei Fronten kämpfen, aber wir beide können es. Gemeinsam. Ein kühler Luftzug erinnerte mich daran, dass wir hier völlig entblößt lagen, und ich zog die Bettdecke über uns beide. Mike kroch - ohne wirklich wach zu werden - etwas höher, bis wir nebeneinander lagen. Er schob seinen rechten Arm unter meinen Körper und murmelte etwas Unverständliches. Mit jedem seiner Atemzüge schmiegte er sich mehr an; fasziniert beobachtete ich diesen Prozess der Verschmelzung. Wenn er wach würde, mussten wir reden. Er hatte ein Recht darauf zu erfahren, dass er mich nicht ausschließen konnte. Alles andere war dann seine Sache. Und wenn er dich verlässt? Seine Sache. Seine Entscheidung. Aber leicht machen würde ich sie ihm nicht. Im Gegenteil. Ob ich ihm von dem Anruf erzählen sollte? Sehr viel Sinn machte es nicht mehr; morgen früh würde Mike ohnehin mit seinem neuen Kollegen konfrontiert. Aber ich hatte den Eindruck gehabt, bei dem Anruf von Chris war es um mehr gegangen. Das mit Mikes Partner war nur ein Vorwand, höchstens der Auslöser gewesen, sich zu melden. Chris hatte Mike bei der Weihnachtsfeier zum letzten Mal gesehen, ich war mir sicher, dass da irgendwas passiert sein musste. Etwas, das nicht nur Chris Sorgen machte, sondern auch für Mikes sonderbares Verhalten verantwortlich war. Mike hatte mir nichts von der Feier erzählt. In der Nacht war er nicht wirklich fähig gewesen, in den Tagen danach hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Weil du es nicht für so wichtig gehalten hast! Nun war es wichtig. Allein deshalb war Chris' Anruf Gesprächsthema. Wenn ich Mike klarmachen wollte, dass ich unbedingte Offenheit von ihm erwartete, konnte ich nicht mit Verschleierungstaktiken kommen. Schon gar nicht mit solchen, die innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden, aufflogen. Ich lauschte Mikes Atemzügen, sie waren regelmäßig und tief. Mangelnder Schlaf in der letzten Nacht konnte kaum die Erklärung dafür sein, dass er so weggetreten war. Auch unser Liebesakt von gerade nicht. Mike hatte eine ziemliche Stamina; er nahm jede Gelegenheit war, zum Boxtraining zu gehen. Es musste etwas anderes sein, was ihn so ersch- Das Telefon schrillte in meine Gedanken hinein. Mike musste es wieder angeschlossen haben. Er saß aufrecht im Bett, bevor ich einen Muskel regen konnte. Berufskrankheit... Er schwang die Beine aus dem Bett; ich kriegte ihn gerade noch am Arm zu packen. Bei dem erstaunten Blick, den er mir zuwarf, ließ ich los, aber die Hand auf seinem Unterarm liegen. "Lass mich den Anruf annehmen. Ich vermute, es ist meine Mutter. Ihr obligatorischer Feiertagsanruf steht noch aus." Innerlich fluchte ich - schon wieder Halbwahrheiten. Aber ich konnte es nicht riskieren, dass es Chris war. Ich würde Mike von dem Anruf erzählen, doch er durfte es nicht anders erfahren. Bei seinem entsetzten Blick musste ich grinsen, trotz meines schlechten Gewissens, weil ich ihn hinhielt. Meine Mutter war von Mike nicht begeistert, um es milde auszudrücken. Sie machte ihn nicht nur für meine sexuelle Orientierung verantwortlich; er war zudem nicht präsentabel für ihre Kreise. Manchmal fragte ich mich, wie sie mit einem männlichen Partner, der letzteres Kriterium zu ihrer vollen Zufriedenheit erfüllen würde, zurechtgekommen wäre. Ich vermute, Mikes sozialer Status war eine größere Verletzung der Etikette als sein Schwulsein. Ich nahm seine Hand auf und küsste sie. "Soll ich grüßen?" Ich zwinkerte ihm zu. Er grinste und nickte. "Au ja", machte er übertrieben. Lachend ging ich rüber ins Wohnzimmer. Wir hatten keinen Anschluss im Schlafzimmer; wichtige Anrufe für Mike kamen übers Handy. Die Nummer auf dem Display sagte mir rein gar nichts. Obwohl... Ausland. Schweiz. Also wirklich meine Mutter. Chris wäre mir jetzt doch lieber gewesen... Ich holte Luft und hob ab. "Niemcek/Täuber." "Klaus? Johannes hier. Sag mal, was ist denn bei euch los? Deine Mutter kommt um vor Sorge." "Sie hat meine Handynummer." "Du weißt, dass sie diese Geräte verabscheut. Sie boykottiert sie." "Dann kann die Sorge ja nicht so groß gewesen sein." Ein Räuspern war die einzige Antwort auf meinen gewollt bissigen Kommentar. "Du kannst ihr mitteilen, dass hier alles in Ordnung ist." "Sie hätte sich gefreut, wenn du dich bei ihr gemeldet hättest. Neujahrsgrüße von ihrem einzigen Kind sind doch das Mindeste-" "Das kann sie mir gerne selbst sagen." "Nun, leider fühlt sie sich im Moment nicht wohl. Ihr Kopf..." Er beließ es bei dieser Erklärung. 'Mama hat Migräne, Klaus. Bitte geh in dein Zimmer und lies etwas.' "Verstehe. Richte ihr meine Genesungswünsche aus. Und Mike lässt sie herzlich grüßen." Mein Stiefvater war sich nicht zu fein, den Hörer auf die Gabel zu knallen. "Frohes Neues", murmelte ich und legte ebenfalls auf. Mike hatte die Arme hinter seinen Kopf verschränkt und sah mir entgegen. "Und?" Ich seufzte und blieb in der Tür stehen. "Sankt Moritz." "Deine Mutter." "Nein, das Arschloch, das sie geheiratet hat." "Ist was passiert?" Für die Besorgnis, die in seiner Stimme mitschwang, hätte ich ihn küssen mögen. So wie meine Mutter Mike behandelte, konnte sein Gefühl nur mit mir zu tun haben, nicht mit ihrem Gesundheitszustand. Aber bevor ich ihm zeigen konnte, wie sehr mir seine Sorge um mich bedeutete, musste der Anruf von heute Morgen aus dem Weg. "Nichts Ungewöhnliches. Wie du weißt, mag Frau von Neutingen ihre Parties nicht nur fröhlich, sondern auch feucht." Die Information reichte Mike vollkommen. Er setzte sich auf und schlug die Bettdecke zurück. "Komm wieder her. Du holst dir sonst den Tod." "Ich dachte, wir gehen noch ein bisschen raus. Das Unwetter hat sich gelegt, und eine halbe Stunde haben wir noch, bevor es dunkel wird." Ich wusste genau, dass aus meinem Vorhaben nichts wurde, wenn ich ins Bett zurückkroch. Es wäre viel zu einfach und zu verlockend, das Angenehme das Notwendige verdrängen zu lassen. "Du willst raus in diese Kälte, wenn wir die Zeit im Bett verbringen können?" Mike klang amüsiert, nicht beleidigt. "Ich muss mit dir reden." "Können wir auch im Bett." Ich hob nur eine Augenbraue und Mike grinste. "Schon gut, Spielverderber." Er kletterte übertrieben mühsam aus dem Bett und ging zum Schrank, wo er frische Kleidung für uns herauszog und aufs Bett warf. "Mit dir hab' ich mir was eingebrockt." Er angelte Schals und Wollmützen vom oberen Regal. "Und Pech für dich, dass ich vom Umtausch ausgeschlossen bin. Gekauft wie gesehen." Er lugte um die Schranktür und streckte mir die Zunge raus. Wieder flog ein Kleidungsgeschoss aufs Bett. "Oh nein, nicht die mit dem Troddel." Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Und Mike war nicht viel langsamer. "Du magst mein Weihnachtsgeschenk nicht?" "Das ist kein Geschenk, das ist ein ästhetischer Unfall." Bei seinem Gesichtsausdruck wusste ich, dass mein Protest aussichtslos war. Mike marschierte zum Bett, nahm die Mütze auf und kam zu mir. In der nächsten Sekunde stand ich da, völlig nackt, mit einer Troddelmütze auf dem Kopf. Mike gab mir einen Klaps auf den Hintern. "Den Rest kannst du selber anziehen." Bevor ich reagieren konnte, war er an mir vorbei und verschwand ins Bad.
***
Wir gingen langsam und dicht beieinander. Nach ein paar Minuten hatte seine Hand die meine in meiner Jackentasche gefunden. Der Schneeregen hatte tatsächlich ausgesetzt, aber der Wind war scharf und böig. Straßen und Gehweg waren stellenweise spiegelglatt, und ich war froh über die Spikes an meinen Schuhen; das Abenteuer von heute Mittag reichte mir. Die Stadt blinkte in weihnachtlicher Dekoration, war aber seltsam menschenverlassen. Es machte keinen Sinn, Straßen und Gebäude festlich herauszuputzen, wenn niemand da war, um es zu bewundern. Der Kontrast erinnerte mich an einen meiner absoluten Lieblingsfilme, in der James Stewart als tragischer und verzweifelter Held fast von Sinnen durch seine seelenlose Heimatstadt irrte. Mike zog mich mit dem Ritual auf, dass ich mir jedes Weihnachten Ist das Leben nicht schön? mit unverbrauchter Begeisterung gab, nur um sich nach spätestens zehn Minuten mit großen Tassen heißer Schokolade bewaffnet neben mir auf der Couch niederzulassen. "Und? Verrätst du mir, warum ich hier draußen bin, bevor ich zum Eiszapfen werde? Oder ist das ein Test?" Ich genoss Mikes Nähe und wollte sie nicht verlieren. Also zögerte ich mit einer Antwort auf seine Frage, wohl wissend, dass Mike es nicht auf sich beruhen lassen würde, wenn ich einfach schwieg. "Es ist dieser Anruf", stellte Mike fest. Ich zuckte regelrecht zusammen, erschrocken, dass er geradezu in meinen Kopf geschaut hatte, begriff aber in der nächsten Sekunde, dass er den Anruf meines Stiefvaters gemeint haben musste. "Meld' dich bei deiner Mutter", setzte er nach und rieb mit dem Daumen über meine Hand. "Nicht heute. Irgendwann in den nächsten Tagen. Oder du fährst zu ihr, wenn sie aus der Schweiz zurück ist. Du musst sie nicht meinetwegen meiden." "Ich meide sie meinetwegen, Mike. Ich habe zwischen euch wählen müssen. Aber niemals ist mir eine Wahl leichter gefallen." Der Druck auf meine Hand verstärkte sich. "Trotzdem. Wenn du irgendwann das Gefühl hast... lass dich nicht von irgendeinem Pflichtgefühl mir gegenüber abhalten, dich mit ihr zu versöhnen." Ich war heilfroh, dass Mike niemals die Bitternis zwischen meiner Mutter und mir hatte erleben müssen. So blieb ihm der Luxus, das Kapitel Marlies von Neutingen eher mit Belustigung als Wut oder gar Hass zu betrachten. "Pflichtgefühl, Mike? Ich hege eine Menge Gefühle dir gegenüber, aber Pflichtgefühl ist nicht dabei." Der Druck der Hand ließ etwas nach, und ich beeilte mich weiterzusprechen. "Versteh mich nicht falsch, ich erkenne durchaus meine Pflichten in unserer Partnerschaft, daran darfst du nie zweifeln. Aber es ist nicht so, dass ich sie akzeptiere, weil ich muss, sondern weil..." Ich sah zu ihm herüber und entdeckte, dass er mich eingehend betrachtete. "... ich will." Ich musste schlucken, hatte das Gefühl, ich hätte zum erstenmal unsere tiefe Verbundenheit überzeugend und vor allen Dingen überzeugt zum Ausdruck gebracht. Und diesmal drückte ich seine Hand. Für ein paar Minuten gingen wir schweigend weiter. Die Dämmerung setzte ein, und ich wusste, ich hatte nicht mehr viel Zeit, um mich auszusprechen. Mike hatte bestimmt nicht vor, stundenlang in der Kälte herumzulaufen, wenn eine warme Wohnung auf uns wartete. "Chris hat heute Morgen im Büro angerufen." Mikes Hand entglitt mir, als er abrupt stehenblieb. Ich drehte mich zu ihm um und versuchte, an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, was in ihm vorging. Erfolglos. "Chris hat dich angerufen?", kam es fast lautlos von seinen Lippen. "Nun, nicht ganz. Er hat versucht, dich zu erreichen, aber du hattest dein Handy wohl abgeschaltet." Mir schien, als wäre er erleichtert über meine Erklärung. Der Atemstoß, den er von sich gab, sorgte für eine beachtliche Dampfwolke. Er schloss wieder zu mir auf und ging weiter. Ohne seine Hand um meine zu legen. "Er weiß wohl tatsächlich, wer dein neuer Partner wird." "Hat er's dir gesagt?" Ich schüttelte den Kopf und - da er immer noch stur geradeaus sah und meine Geste nicht sehen konnte - fügte ich hinzu, "Nein, du kannst ihn anrufen. Er ist wohl bei Eddie." "Bei Eddie", wiederholte er. "Schon klar. War sonst noch was?" "Das Übliche halt. Frohes Neues und all das. Auch von Eddie." "Danke." Für ihn schien die Angelegenheit damit gegessen. Ohne mich. "Hör mal, ich bin nicht dein Anrufbeantworter oder Sekretär. Was soll dieser Scheiß?" Mike blieb stehen und ich ebenfalls. Er sah zu mir hoch, er blinzelte mehrmals. "Was meinst du mit Scheiß?" "Hast du mir nicht mehr zu sagen?" "Wie kommst du denn darauf?" "Das mit deinem Partner klang für mich nach einem Vorwand von Chris. Um festzustellen, ob mit dir alles in Ordnung ist. Um dich dazu zu bringen, ihn zurückzurufen." Wieder ging er weiter. Staunend blieb ich für ein paar Sekunden stehen, ging dann auch weiter. "Mike, ich will eine Antwort." Ohne sich umzudrehen, sagte er, "Was ist das? Ein Anflug von Eifersucht? Du hast keinen Grund. Leider." "Was redest du denn da? Warum willst du, dass ich eifersüchtig bin?" "Na, ist das denn nicht der einzig wahre Ausdruck von Liebe?" So sehr ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten, umso mehr misslang es mir. In nicht nur einer Hinsicht. "Ich begreife nichts." "Wie solltest du auch." "Dann hilf mir verdammt noch mal auf die Sprünge!" "Das kannst du haben, verdammt!", schrie er in gleicher Lautstärke zurück. Endlich sah er mich wieder an, blieb stehen. Ich wagte nicht, näher zu kommen. "Du kannst die ganze Scheißgeschichte haben. Es war einmal... fangen nicht alle Märchen so an? Nun, bei mir war es Wirklichkeit. Chris und ich waren ein Team. Ein Klasseteam. Seite an Seite, Rücken an Rücken. Ich konnte mich jederzeit auf ihn verlassen, er wusste, ich würde immer für ihn da sein. Such dir irgendein Klischee aus dem Milieu aus, bei uns beiden hat es gepasst. Bis Helen und Eddie auftauchten. Das tragische Ende unserer Beziehung. Chris startete seine neue Karriere, und ich blieb als die Hälfte des Ganzen zurück. Weniger als die Hälfte." Mike verschränkte die Arme vor der Brust, versuchte, das Zittern seines Körpers zu kontrollieren. Ich durfte ihn jetzt nicht in die Arme nehmen. Nichts wünschte ich mir mehr. Obwohl... Eigentlich müsste ich ihn packen und schütteln und ihn anschreien, was er sich da zusammensponn. Mike hatte Chris jahrelang erfolgreich verheimlicht, dass er schwul war. Und bestimmt nicht, weil er ihm so sehr vertraute... Und Eddie- Wieder platzte er in meine Gedanken, als könnte er sie lesen. "Oh ja, ich hatte Eddie, nicht wahr? Perfekt. Bis auf die Tatsache, dass ich ihn niemals wirklich hatte. Eddie wollte nur Chris. Und ich wollte Chris auch. Wollte ihn wieder an meiner Seite haben. Aber da war ja Helen, und sie war Chris' Partner in jeder Beziehung. Dann kamen Gabi als neue Freundin und Esser als neuer Kollege. Als Esser Chris' Partner wurde, verschliss ich gerade meinen dritten. Und wieder war eine Chance weg, die ich niemals hatte. Irgendwie gewöhnte ich mich an diesen neuen Trott. Bis zu diesem Sommer. Als ich das fünfte Rad am Wagen von Kallenbach und Deichsel wurde. Als Chris mit Engin Korpak einen neuen Partner fand, der diese Bezeichnung auch verdient. Als ich glaubte, er wäre mit Eddie zusammen. Und das alles, nachdem ich für ein paar Minuten glauben durfte, dass sich mein Wunschtraum erfüllen würde." Seine Haltung verkrampfte sich noch etwas mehr, auch wenn ich das nicht für möglich gehalten hatte. Und seine Stimme wurde zu einem erstickten Flüstern. Mich zerriss es fast, als ich versuchte, meinen Drang zu unterdrücken, ihn aus diesem Loch rauszuholen. Ihn anzuschreien, dass weder Chris noch Eddie für sein Glück relevant waren. Es wäre ohnehin eine Lüge. Völlig egal, wie sehr Mike die Vergangenheit idealisierte und seine eigene Rolle darin als Misserfolg verstand - seine Sicht der Dinge war maßgeblich für seine derzeitige Krise. Menschen wie Mike konnte man nicht mit einem goldenen Käfig glücklich machen. Sie sehnten sich mit jeder Sekunde mehr nach der Welt jenseits der Gitterstäbe. Ich konnte nur hoffen, dass er begriff, dass er sich selbst belog. Also schluckte ich jede Kritik an Eddie und Chris runter. Ich würde damit ohnehin auf taube Ohren stoßen. "Chris' Anruf letzten Juli kam wie die Antwort auf meine Gebete. Ich hatte mich mal wieder grandios mit Kallenbach in der Wolle gehabt, war drauf und dran, den Kollegen von der Mordkommission einen schön einfachen Fall zu verschaffen, da ruft mich Chris an. Entschuldigt sich dafür, dass er sich ewig nicht gemeldet hat, und teilt mir mit, dass er dienstlich anruft. Überleg dir das mal, Klaus. In meiner Brieftasche liegt der schriftliche Antrag auf Versetzung, und Chris ruft mich dienstlich an. Und das nächste, was ich bewusst mitbekomme, ist seine Eröffnung, dass er einen neuen Partner hat. Der Rest des Gesprächs... Ich weiß nicht mehr, wie ich's geschafft habe, es über die Bühne zu bringen und die beiden dann noch mit Informationen aus meinen eigenen Ermittlungen zu versorgen. Du erinnerst dich an die Geschichte mit Bechthold? Es kam mir vor, als würde mir was gestohlen, und ich hätte den Dieben noch den einfachsten Weg gezeigt. Als Sahnehäubchen erfahre ich ein paar Tage später, dass da was zwischen Chris und Eddie läuft. Und zwar weder von Eddie oder Chris, sondern von einem wohlmeinenden Arschloch aus der Schwulenszene. Ganz klasse." Mit einem Schlag hatte ich wieder Mikes still im Bett liegende Form vor Augen, als er so tat, als schliefe er. Einen Tag später war er mit der Sache rausgerückt. Zumindest mit dem Teil der Geschichte, die mit Chris und Eddie zu tun hatte. Ich hatte geglaubt, damit wäre die Angelegenheit für uns durch gewesen. Irrtum Erster Klasse. Aber ich weigerte mich, uns ins Spiel zu bringen. Das musste schon von Mike kommen. "Das ist fast ein halbes Jahr her, Mike", war alles, was ich einzuwerfen wagte. Er lachte mich humorlos an. "Ein halbes Jahr ist nichts, wenn man sich mit falschen Hoffnungen über Wasser hält. Wider besseres Wissen habe ich darauf spekuliert, dass das mit Eddie genauso gründlich schief geht wie schon vor sechs Jahren. Und vielleicht war dieser Korpak ein totaler Versager. Früher oder später musste Chris begreifen, dass er mich braucht. Gerade bei einem Fall, in dem es wahrscheinlich um organisiertes Verbrechen ging, konnte er sich doch nicht auf einen Grünschnabel verlassen. Ohne Erfahrung, ohne Kontakte, ohne eine Ahnung, was es bedeutet, da draußen seinen Hals zu riskieren. Und mehr noch den seines Partners." Es tat weh. Ihn so zu sehen, diese Worte zu hören. Und was konnte ich ihm entgegenhalten? Ich kam in diesem Drama immer noch nicht vor. "Es half kein bisschen, dass mir klar war, dass ich Korpak Unrecht tat und einfach nur eifersüchtig auf ihn war. Und auf Chris, dass er die Möglichkeit bekam, sich in den Fall zu verbeißen, bei dem mich meine eigene Abteilung regelrecht hat auflaufen lassen. Da sagt mir alles, dass Bechthold der Hecht im Karpfenteich ist, und da ist niemand, der mir auch nur eine Sekunde ernsthaft zuhört." Mike schob seine Hände in die Hosentaschen; atmete tief durch. Ich konnte spüren, wie sehr ihn dieses Geständnis mitnahm. Und er war noch nicht durch. Wir waren noch nicht durch. "Zwei Tage vor der Weihnachtsfeier seiner Abteilung hat Chris mich angerufen und eingeladen. Tja, er wollte einfach nett sein zu einem alten Kumpel. Nur ich habe gedacht, es wäre endlich wirklich der erste Schritt zur Erfüllung meiner Hoffnungen. Doch Chris war keine Sekunde allein an diesem Abend. Wir begrüßen uns kurz. 'Schön, dich zu sehen, Mann!' - Umarmung - 'Willst du ein Bier? Oder was Härteres?' -Chris grinst mich an. Schluss. Als ich ihn mit Eddie sah... Als ich begriff, dass er sich mit Korpak angefreundet hatte und mit ihm witzelte, als wären sie schon immer ein Team gewesen... Da brauchte ich was Härteres. Irgendwas, das mir half, dort zu bleiben und zuzusehen. Denn nach Hause wollte ich nicht. Ich blieb und beobachtete Chris. Nicht, dass da was Spektakuläres passiert ist, nein, es waren diese kleinen Dinge, die nur bedeuten konnten, dass er mit Eddie zusammen ist... Du weißt, wovon ich spreche. Eine zufällige Berührung, die einen Sekundenbruchteil länger dauert als normal oder nötig ist, Blicke, die den anderen regelrecht auffressen. Es war nicht schwer zu erkennen, was da abgeht. Schließlich weiß ich, worauf ich bei Eddie achten muss." Ich war also nicht der einzige, der mit Blindheit geschlagen gewesen war. Chris auch. Aber der hatte Mike viel zu selten gesehen in den letzten Jahren; ihm konnte man keinen Vorwurf machen, dass er nicht mitbekommen hatte, was Mike durchgemacht hatte. Durchmachte. Ich hätte es merken müssen. "Innerhalb von zwei Stunden war ich zu. Meine Erinnerung an den restlichen Abend sind nur Fetzen. Bis auf eine Sache..." Jetzt kam es. Der Grund für Chris' Anruf. Der Grund für Mikes seltsames Verhalten seit der Weihnachtsfeier, das ich erst letzte Nacht realisiert hatte. Ich konnte nur beten, dass es nicht zu spät war. Und es musste schlimm sein, denn sonst hätte Chris nicht so lange damit gewartet, Kontakt aufzunehmen. "Ich hab' versucht, Chris anzumachen. Habe ihn abgefangen, als er raus auf die Toilette ging. Nicht, dass ich ihm gefährlich werden konnte. Ich war besoffen, und Chris ist Profi. Er hat mich in ein Taxi verfrachtet und auf den Weg nach Hause geschickt. Den Rest kennst du." Er lächelte schief. "Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass ich noch an einem Stück bin. Ich hätte es verdient, dass Chris mich auseinandernimmt." Das hattest du ja schon erfolgreich selbst getan. In mehr als einer Hinsicht. Aber damit brauchte ich ihn nicht zu konfrontieren. Das wusste er ohnehin. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Die Tropfen perlten von Mikes Gesicht. Ich war nicht sicher, ob es nur Regentropfen waren. Ich hoffte, einige würden salzig schmecken. "Du bist zu mir zurückgekommen, Mike." "Das ist ja der größte Betrug." Jetzt ging er eindeutig zu weit. Ich würde nicht zulassen, dass er mir eine Abschiedsszene aufs Auge drückte, die wir beide nicht wollten. Mike war nicht der Typ, der fünf Jahre einfach wegwarf; irgendwann würde er begreifen, dass er sich grauenhaft verrannt hatte. "Du irrst dich schon wieder, Mike. Ich liebe dich. Und ich weiß, dass du mich auch liebst. Würde ich behaupten, dass ich begreife, was deine Verzweiflung ausgelöst hat, dann müsste ich lügen. Aber ich werde dich nicht ohne Kampf fortlassen. Nicht mal, wenn es bedeutet, gegen dich selbst zu kämpfen. Wir haben fünf gemeinsame Jahre, und alles andere sind Schatten und Hirngespinste." Ich streckte die Hand aus, und er nahm sie, wie aus einem Reflex heraus. Bevor er wieder zurückziehen konnte, hielt ich ihn fest.
2. Januar 2003
In meiner Brusttasche vibrierte es. Ich zog mein Handy heraus. Mike. "Mike, Lieber. Was kann ich gegen dich tun?" Lachen drang an mein Ohr. "Danke, das hab' ich jetzt gebraucht. Hier ist der Teufel los. Störe ich?" "Keine Spur. Ich stehe an der Kasse an, aber das dauert noch, bis ich dran bin. Der komplette Stadtteil scheint im Moment hier zu sein. Meine Mittagspause wird wohl draufgehen." "Du Ärmster. Ich würde dich bedauern, aber ich hab' kein Auto. Gott, was red' ich hier für einen Blödsinn. Was ich sagen wollte: Sie haben meinen Wagen zur Inspektion verdonnert, das dauert mindestens bis morgen Mittag, bis ich den zurückkriege. Blöder Weise habe ich mich mit Axel zum Sparring verabredet. Ich dachte natürlich, es ist Dienstag. Aber da- "- heute Donnerstag ist, seid ihr in der Halle in Zeilsheim." "Ja, Mama. Kannst du mich abholen? Auf dem Hinweg kann Axel mich mitnehmen, aber er muss nach dem Training ja in eine ganz andere Richtung. Natürlich würde er mich trotzdem-" "Mike?" "Klaus?" "Ich komme. Fangt ihr um sechs an?" "Verlass dich drauf. Ich bleibe keine Minute länger in diesem Laden als nötig. Jetzt muss ich mit meinem Baby los, sonst ist mein Termin bei unserem Scotty weg. Bis heute Abend, Klaus!" "Warte mal! Was ist mit deinem Partner?" "Frag' nicht. Mehr als einen Namen hab' nicht. Stern heißt der. Und kommt nicht vor morgen. Gerade ist ein Fax reingeflattert. Irgendwas mit privaten Angelegenheiten. Fängt ja toll an. Ich zähle die Sekunden." "Ruf doch Chris an." Es war draußen, bevor ich mein Gehirn eingeschaltet hatte. "Oh nein, ich liebe Überraschungen. Besonders die unangenehmen. Ich MUSS los, der Meister der Technik wartet nicht. Lass dich nicht von deiner 1822 ärgern." "Keine Sorge. Stress im Büro ist doch das reinste Lebenselixier." "Verschluck' dich nicht dran." Weg war er. Ich verstaute das Handy wieder in der Jacke. Ich war der Kasse merklich näher gekommen. Eine ältere Dame war noch vor mir; sie starrte mich entsetzt an. Ignorante Schachtel. Ich setzte mein bestes Lächeln auf, das ich für die schwierigsten Kunden reservierte. "Mein Verlobter. Er ist so schrecklich verloren ohne mich." Hastig begann sie, die Waren aufs Band zu packen. Leider erwischte sie meinen Wagen. "Das ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie mich vorlassen. Aber aufpacken kann ich selbst." Ich bugsierte meinen Wagen an dem ihren vorbei und häufte den Rest meines Einkaufs auf das Band. Noch zwei weitere Kunden nutzten den Schock der Lady aus, bevor sie wieder zu sich kam. "Frohes Neues, Frau Martens. Den Jahreswechsel gut überstanden?" "Danke der Nachfrage, Herr Täuber. Und ein frohes neues Jahr." Die Kassiererin deutete auf meinen Einkauf, begann gleichzeitig mit dem Scannen. "Sie sind doch wohl nicht mit dem Rad da?" "Keine Sorge, der Einkauf war geplant. Draußen wartet der motorisierte Packesel." Gewöhnlich legte ich die wenigen Kilometer zur Filiale mit dem Fahrrad zurück. "Und bei den Temperaturen bin ich froh darüber." "Denk ich mir. Herr Täuber, ich habe heute Nachmittag frei. Könnte ich bei Ihnen vorbeischauen?" Ich hielt mit dem Einpacken der Waren inne. "Tun Sie mir das nicht an, Frau Martens. Und sich selbst auch nicht. Sie können sich nicht vorstellen, was schon heute Morgen los war." "Ich würde warten, Herr Täuber. Es ist nur..." Sie ließ den Satz unvollendet. Ich schluckte den Seufzer herunter. "Kommen Sie kurz vor vier. Dann sehen wir weiter." "Danke." Sie nickte mir erleichtert zu und flötete dann professionell, "122,80, Herr Täuber." Ich schüttelte mich und schloss das Portemonnaie, zückte die Brieftasche. Für einen Banker ließen meine Überschlagsrechnungen zu wünschen übrig. "Ich denke, ich zahle mit meinem guten Namen." *** "Rechtlich gesehen haben Sie so gut wie keine Chancen. Und wenn ich richtig verstanden habe, haben Sie mehrfach mit Ihrer Vermieterin über die Übernahme des Vertrags gesprochen." Ich legte die Unterlagen auf den Schreibtisch, lehnte mich zurück. Frau Martens war komplett in Schwarz gekleidet; ich hatte sie in den letzten Wochen öfter so gesehen, seit der Beerdigung. Allerdings nur privat; während ihrer Arbeitszeit zeigten weder ihr Äußeres noch ihr Verhalten Anzeichen ihrer Trauer. "Ich habe es inzwischen aufgegeben. Sie macht mir mittlerweile nicht mal mehr die Tür auf. Für Frau Seibold ist es die perfekte Möglichkeit, die Wohnung neu zu vermieten. Oder sie in eine Eigentumswohnung umzuwandeln. Leider Gottes ist meine alte Wohnung schon zum nächsten Ersten vermietet, keine Chance, dass ich dort bleiben kann." Sie zog ein leicht geknülltes Taschentuch aus ihrer Rocktasche. "Entschuldigen Sie, Herr Täuber, aber die ganze Geschichte macht mich so wütend, dass ich heulen könnte." Sie schneuzte sich ausgiebig; das schien etwas zu helfen. "Wenn ich keine Wohnung in den nächsten Wochen finde, die ich mir leisten kann, sitzen meine Tochter und ich ab Februar auf der Straße." "Ich gebe zu, viel Zeit bleibt nicht. Leider haben Sie nicht bei Ihrem Freund gewohnt, dann hätte man daraus vielleicht ein Recht ableiten können." "Noch einfacher, wenn wir etwas Schriftliches festgelegt hätten, ich weiß. Gott, ich könnte mich treten, dass ich so leichtsinnig war. Aber wer rechnet schon damit-" Sie brach ab, putzte sich noch mal die Nase. Jetzt waren eindeutig Tränen in ihren Augen. Ja, wer rechnet schon damit, dass einem der Freund unter den Händen wegstirbt? Nicht im Alter von knapp dreißig. "Frau Martens, ich kann nicht viel für Sie tun. Ich werde mit Ihrer Vermieterin sprechen. Sie haben ein festes Einkommen und einen guten Leumund in der Gemeinde, das sollte doch was zählen." Frau Martens murmelte etwas Unverständliches. "Wie bitte?" Ihre Augen blitzten, als sie ihre Worte wiederholte. Und dieses Funkeln kam nicht von Tränen; sie war jetzt eindeutig wütend. "Davon habe ich bisher kaum was gemerkt." "Ich denke, ein Versuch ist es wert. Die Nummer von Frau Seibold habe ich ja." Ich verstand sie, verstand ihren Zorn und Unmut. Mike und ich hatten so unsere eigenen Erfahrungen mit der Nachbarschaft. Aber wer legt sich schon offen mit einem Banker und einem Bullen an? Da sind alleinerziehende Mütter leichtere Beute. "Wenn das ohne Erfolg bleibt, halte ich Augen und Ohren offen. In gewisser Weise sitze ich ja an der Quelle, was Immobilien angeht." Sie nickte und wurde ein bisschen rot. "Danke, Herr Täuber, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Mühe machen. Und es tut mir leid, was ich da vorhin gesagt habe." "Schon in Ordnung, ich habe mir den Schuh nicht angezogen." Ich wartete etwas, bevor ich mit meinem eigentlichen Plan rausrückte. "Es gibt noch eine weitere Option. Ihr Freund hat Ihnen doch Geld hinterlassen?" Eine rein rhetorische Frage, hatte mich Frau Martens doch deswegen vor den Feiertagen aufgesucht. "Das ich anlegen werde. Wenn mir was passiert, soll Claudia nicht-" Ich unterbrach sie mit einer Handbewegung. "Ich will Ihnen das auch nicht ausreden. Aber warum investieren Sie nicht in eine Eigentumswohnung?" Frau Martens öffnete ihren Mund, schloss ihn wieder. Bei dritten Anlauf brachte sie endlich etwas heraus. "Das wird niemals reichen." "Das kommt auf die Größe des Objektes an. Ich habe vorhin einige Finanzierungsmodelle durchgerechnet. Sie müssten natürlich eine Risikolebensversicherung abschließen, aber das stellt keine außerordentliche Belastung dar. Viel mehr, als Sie bisher für Ihre Miete gezahlt haben, sollte Sie das Ganze - also Zinsen, Tilgung und Versicherung - nicht kosten." Ich zog die Akte, die ich vorbereitet hatte, aus dem obersten Ablagekorb, legte sie vor Frau Martens auf den Schreibtisch. Sie befingerte das Deckblatt und kaute auf ihrer Unterlippe. "Wir haben immer von einem eigenen Haus geträumt." "Sie müssen und sollen sich nicht jetzt entscheiden. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch. Ich kümmere mich um Ihre Vermieterin und eventuelle Mietobjekte, Sie sehen sich die Unterlagen in Ruhe an. Einverstanden?" Lächelnd sah sie hoch. "Einverstanden. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann..." Sie seufzte. "Aber damit muss ich wohl wieder anfangen. Mir vorzustellen, was die Zukunft bringen kann." "Sie rufen mich an?" "Ja, das werde ich." Sie stand auf, hing sich die Handtasche um und klemmte sich die Akte unter den Arm. "Vielen Dank, Herr Täuber." Ich war ebenfalls aufgestanden und um den Schreibtisch herumgegangen. "Es ist mir ein Vergnügen, Frau Martens." Ich reichte ihr die Hand; ihr Händedruck war wesentlicher fester als der bei unserer Begrüßung. "Ich finde allein raus. Auf Wiedersehen, Herr Täuber." Sie stürzte fast aus dem Büro, ließ die Tür einen Spalt breit offen stehen. Ich schloss sie leise und ging zurück zum Schreibtisch, nahm Mikes Foto in die Hand. Die Empfindungen, die ich während des Gesprächs mit aller Macht ignoriert hatten, fluteten jetzt regelrecht mein Hirn. "Verdammt, Mike, wenn du mir so etwas antust... Wenn du mich allein lässt..." Es war nicht das erste Mal, dass mich die Gefahren, die Mikes Beruf mit sich brachte, beschäftigten. Finanziell waren wir beide unabhängig, das machte mir keine Sorgen. Die Wohnung hatten wir gemeinsam gemietet. Alles Materielle war in trockenen Tüchern. Aber alles andere... alles Wichtige und Entscheidende... Wie oft hatte ich Mike davon zu überzeugen versucht, dass er keineswegs sein Todesurteil unterzeichnete, wenn er eine Patientenverfügung ausstellte. Meine eigene hatte ich ständig bei mir, lag beim Pass und dem Organspendeausweis. Das Gespräch mit Frau Martens hatte alle Ängste wieder an die Oberfläche gespült; auch wenn diese Ängste ebenso irrational sein mochten wie Mikes Verhalten, so fühlte ich mich im Recht. Und ich würde dieses Recht auch durchsetzen. Wenn auch nicht gerade in diesen Tagen, wo Mike ohnehin schon mit Samthandschuhen angefasst werden musste... Oder war genau das der Fehler? Nahm ich zuviel Rücksicht? Ich stellte das Bild zurück auf seinen Platz, sah auf die Uhr. Viertel nach fünf. Nach Haus zu fahren lohnte sich nicht mehr wirklich. Ich könnte mir unterwegs eine Kleinigkeit zu essen besorgen, dann weiter zur Halle fahren. Bis wir heute Abend nach Hause kamen, würde es bestimmt neun werden, und allein der Gedanke an Essen ließ meinen Magen knurren. Ich hatte heute nicht mal ein paar Minuten für einen Snack gehabt. Als ich meinen Mantel aus dem Schrank holte, klopfte es, und Gerhard Mährlander steckte seinen Kopf zur Tür rein. "Endlich fertig? Ich wollte nur fragen, ob ich dich mitnehmen soll. Oder bist du mit dem Rad?" Die Frage kam mir bekannt vor. "Ich habe selbst den Wagen dabei, Gerd. Schließlich bin ich nicht Jan Ullrich im Wintertraining." "Na ja, was der so unter Wintertraining versteht, da tust du bestimmt mehr!" "Trotzdem danke für das Angebot. Seid ihr drüben fertig?" "Die Mädels sind vor fünf Minuten raus. Wir sind die letzten." Er blieb in der Tür stehen. Ich schloss die Schranktür und griff mir die Aktentasche. "Ist noch etwas?" "Was wollte die Martens?" "Was sie immer noch will. Eine Wohnung. Bis Ende des Monats. Halt doch mal die Augen und Ohren offen. Du mit deinem Dutzend Vereinen hast da klare Wettbewerbsvorteile." Gerd lachte und schüttelte den Kopf. "Ist doch kein unfairer Vorteil. Und so arg ist es gar nicht. Kegel- und Schützenverein, unser Stammtisch-" Ich fiel ihm ins Wort. "- die Skatrunde, Thekenmannschaft, nicht zu vergessen euer Pärchenkegeln und das Gehüpfe, zu dem dich deine Freundin mitschleift." "Bei den Jecken bin ich nur der Fahrer." "Und der Hahn im Korb." "Neidisch?" "Ohne Ende." Ich schob ihn aus der Tür. Gerd war absolut entspannt, was Schwule anging. Wenn ich an Mikes Kollegen dachte, konnte ich seine Einstellung nur als reinen Glücksfall ansehen. Und auch für den Rest der Kollegen war es kein Thema an sich, dass ich mit einem Mann zusammenlebte. "Lass uns hier verschwinden." "Apropos Thekenmannschaft. Uns sind für das Wochenende ein paar Leute ausgefallen. Du kommst heute Abend auf ein Bier, dann bist du offiziell Mitglied und kannst am Samstag auf Torejagd gehen." Gemeinsam verließen wir die 1822, unser Codewort für unsere Arbeitsstätte. Ich schloss ab, und wir warteten darauf, dass wir die Alarmanlage aktivieren konnten. "Sehe ich so aus, als fehlte mir der Jubel der Massen?" "Du siehst aus, als könntest du über den Hallenboden laufen, ohne dass die Zuschauer von ihren Sitzen gehoben werden. In unserer Mannschaft tragen neunzig Prozent der Leute ihren privaten Ball vor dem Bauch. Du bist wenigstens fit." "Genau das will ich auch bleiben. Hallenfußball ist doch reiner Mord für Sehnen und Gelenke." Ich hüpfte auf und ab, um warm zu bleiben. Gerd sah auf die Uhr. "Zwei Minuten. Zeit für den Zauberschlüssel." Ich aktivierte den Alarm, und wir gingen zu den Stellplätzen. "Was ist mit deinem Freund?" "Boxt. Immer noch." Gerhard schloss seinen Wagen auf. "Sag mal, diese Diskussion führen wir jedes Jahr. Mike hasst Fußball, ich kann mit dem Ball nicht mal geradeaus laufen. Sieh's ein, Gerd." "Okay, ich werd's mir merken. Bis zum nächsten Jahr, Miss Sophie." Er ließ sich auf den Sitz fallen. "Aber das Angebot für heute Abend gilt unabhängig von irgendwelchen Verpflichtungen." "Tut mir leid, Mike braucht seinen Chauffeur." "Naja, ein anderes Mal dann. Grüß den Boxer." "Und du deine Hüpfdohle!" Als er aus der Parklücke raus und auf der Straße war, winkte ich ihm zu und ging dann zu meinem Wagen. Ich wartete einige Minuten, nachdem ich eingestiegen war. Mein Atem bildete kleine Wölkchen, und nach ein paar Augenblicken war die Windschutzscheibe beschlagen. 'Grüß den Boxer.' Plötzlich hatte ich es sehr eilig, Mike zu sehen.
***
Ich lief an den Umkleidekabinen vorbei zum Halleneingang. Den Mantel hatte ich im Wagen gelassen, hatte Jackett und Krawatte gegen den Pulli eingetauscht, den ich heute Mittag von zu Hause mitgenommen hatte, ebenso wie die Turnschuhe, die ich jetzt trug. Die schwarzen Hosen waren gerade noch so akzeptabel für die Halle, auch wenn man ihnen bei näherer Betrachtung schon ihre Qualität ansah. Aber ich hatte gelernt, mich anzupassen. Als ich das erste Mal mit meiner Bürokluft beim Training aufgetaucht war, hatten die mich angesehen als wäre ich Wettmanipulator. "Klaus!" Rasche Schritte hinter mir und als ich mich umdrehte, war Mike schon fast auf gleicher Höhe. "Du bist ja schon da." "Hab dich vermisst", war das Einzige, das ich herausbrachte. Er strahlte mich regelrecht an, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Kann ich verstehen." Er zwinkerte mir zu. "Ich dich auch." Seine Hand in meinem Nacken fühlte sich unwahrscheinlich an, und fast hätte ich ihn gebeten, Training Training sein zu lassen. Doch der Moment war vorüber, als wir in die Halle traten, wo sich etwa ein Dutzend Männer und Frauen aufwärmten. Ich fragte mich, woher seine gute Stimmung kam, und schob es auf die Aussicht auf ein gutes Workout. Mike liebte das Training, mehr noch als die eigentlichen Kämpfe. "In einer Dreiviertelstunde haben wir den Ring zum Sparring." "Schönen Gruß von Gerd. Er fragt, ob du endlich deine Liebe zum Fußball entdeckt hast." "Zweckoptimist, was?" Er kniete und schnürte sich seine Schuhe nach, sah kurz zu mir hoch. "Hast du ihm nachgegeben?" "Bist du wahnsinnig? Ich auf dem Rad, du im Ring, das ist schon okay. Da fällt mir ein... Hast du Shorts dabei, die du mir leihen kannst? Dann verschwinde ich in den Kraftraum, bis du mit dem Sparring anfängst." Mike stand auf, sprang auf und ab, nickte in Richtung Umkleide. "Nee, aber ein Jogginganzug ist in meiner Tasche. Etwas zerknautscht, aber du wirst es überleben." "Ich schon, aber was ist mit meinem Publikum?" Ich ging aus der Halle, Mike brüllte mir "Nummer 3" hinterher. In der Kabine waren noch zwei Nachzügler, die sich über ihre Schichteinteilung während der Feiertage aufregten. Wir kannten uns vom Sehen, nickten einander zu. Sie nahmen nicht weiter von mir Notiz, als ich die Sportklamotten und ein kleines Handtuch aus Mikes Tasche zog. In zwei Minuten hatte ich mich umgezogen, entschlossen, dass der Anzug heute Abend in die Wäsche wandern würde. Nicht, dass es mir etwas ausmachte, Mikes Geruch in der Nase zu haben. Der Kraftraum lag im ersten Stock und war fast leer. Ich grüßte die Anwesenden und schwang mich auf eines der freien Trimmräder. Die Frau neben mir hatte wohl schon einige Kilometer runter; der Schweiß tropfte ihr aus den Haaren und vom Kinn, ihr graues Top war dunkel verfärbt. Sie verlangsamte ihr Tempo, richtete sich auf, radelte freihändig weiter. Sie strich sich die eigentlich blonden Locken, jetzt dunkle, schweißnasse Strähnen, aus der Stirn. "Hey, Klaus. Hat dich Mike immer noch nicht soweit, dass du dich der Staffel anschließt?" Ich setzte mich zurück und tippte gegen die Stirn. "Ich weiß, wo meine Stärken liegen, Steff. Wie groß ist dein Vorsprung?" Ich hatte Stefanie Schneider schon öfter bei diesen Gelegenheiten getroffen. Sie war eine Externe wie ich. PSV ja, P nein. "Vergiss es, Champion. Aber du kannst die zweite Schleife mit mir fahren, wenn du dich traust." "Handicap?" "Fahr dich erst einmal warm, dann sehen wir weiter. Zehn Minuten Quasseltempo, okay." "Sehr." Wir unterhielten uns über die überstandenen Feiertage und den Stress des ersten Arbeitstages, bis ich warm genug war und den Trimmer neu einstellen konnte. Stefanie lehnte sich nach einigen Minuten herüber und pfiff leise durch die Zähne. "Nicht schlecht, d-dein Pulswert", sagte sie leicht außer Atem. "Du hast hei-heimlich geübt, was?" Ich grinste nur und erwartete geradezu ihr Angebot, in einem der Rennen mitzumachen. Sah ich so alt aus, dass sich alle über meine Kondition wunderten? Nun, Radrennen hatte ich schon gefahren, und im Sommer würde ich wieder die verschiedenen Volkswettbewerbe abklappern, Laufen und Radeln. Aber als ständige Verpflichtung, vielleicht jedes Wochenende über die Dörfer ziehen? Nein, danke. Langsam kam ich ins Schwitzen. Der Schweiß tropfte mir die Nase herab, rann den Rücken herunter. Nicht, dass Mike und ich in den letzten Tagen nicht unsere Bewegung gehabt hatten, aber ich wusste das Workout trotzdem zu schätzen. Mein Körper übernahm die Kontrolle, ich konnte meine Gedanken schweifen lassen, irgendwie hatte es etwas Meditatives. Weshalb es mich auch völlig überraschte, als Stefanie plötzlich neben mir stand. "Bis die Tage, Klaus. Vergiss das Heimfahren nicht." Ich nickte, außer Atem, verlangsamte nach und nach die Frequenz bis zum Stillstand. Ich sah auf die Uhr. Kurz vor halb acht! Ich angelte das Handtuch vom Boden und wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht, rubbelte durch die Haare. Der Kraftraum war mittlerweile gut besucht; ich hatte nicht mitbekommen, wann die meisten hereingekommen waren. Nochmals wischte ich mir durchs Gesicht, stieg vom Rad. Stretching. Fünf Minuten mussten reichen; ich vermutete, dass Mike bereits mit dem Sparring durch war. Als ich in die Halle kam, war er allerdings noch im Ring. Ich ging zu der Anlage, setzte mich auf eine der Bänke. Während einer kurzen Verschnaufpause kam Mike an die Seile, nass geschwitzt. "Wir haben später angefangen. Ist eine Viertelstunde okay?" "Ich sitze hier gut." "Spinnst du? Du holst dir den Tod. Häng' dir das solange um." Er ging in eine Ecke und schmiss mir etwas zu, das sich als großes Handtuch entpuppte. Ich legte es mir über die Schultern, rieb mir langsam die Haare damit trocken. Axel rief Mike etwas zu, was ich nicht verstand, und im nächsten Moment gingen die beiden wieder zur Sache. Beide trugen Kopf- und Zahnschutz. Vorschrift. Das sogenannte Restrisiko war groß genug. Axel versuchte einen plötzlichen Ausfall nach links, um so auf Mikes schwächere Seite zu kommen, knickte dabei aber um. Er versuchte, Mikes Arm zu greifen, fand aber keinen Halt und knallte auf den Hosenboden. Mike blieb keuchend stehen und sah auf seinen verdutzten Gegner herunter. "Du... du kannst mir ein-einfach sagen, wenn du ge-genug hast." Er wartete, bis Axel wieder auf den Beinen stand, begann dann eine Attacke, trieb Axel in die Seile. "Und? Genug?" Axel schnaubte, halb wütend, halb erstaunt, stieß Mike weg und tänzelte aus der Bedrängnis. Plötzlich tauchte eine Gestalt neben mir auf. Ich sah mich um. Eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, halblange braune Haare, schlank, Jeans, Lederjacke. "Guten Abend. Ich möchte Herrn Niemcek sprechen." "Der ist im Moment etwas beschäftigt." Ich stand auf und stellte mich neben sie. "Mike!" Mike drehte sich um, hob seine Rechte, als Zeichen für eine Unterbrechung, und Axel richtete sich aus seiner Pose auf. "Was?" "Du hast Besuch!" Die Frau neben mir trat etwas näher an den Ring. "Ich hätte auch gewartet... Herr Niemcek, ich bin Carola Stern und würde Sie gern sprechen." "Wenn's nicht le-lebenswichtig ist... Bin in ein paar Minuten fer-fertig." "Ich sagte ja, ich kann warten." Mike nickte Axel zu, und die beiden starteten einen weiteren Tanz. Plötzlich hielt Mike inne... trat einen Schritt zurück... ließ die Fäuste sinken. Doch bevor er Axel ein Zeichen geben konnte, traf der ihn am Kinn. Ins Schwarze sozusagen. Mike ging wie ein nasser Sack zu Boden, schlug der Länge nach hin. Ich sah es Axel an, dass er gar nicht begriff, was da los war. Bevor er sich auch nur Stück bewegte, war ich schon zwischen den Seilen durch, krabbelte auf allen Vieren zu Mike, hörte eine Stimme im Hintergrund, die nach dem Sanitäter rief. "Oh verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt!" Axel drängte sich neben mich. "Verdammt, verdammt!" "Schnauze!", brüllte ich und schob Axel so weg, dass ich mich über Mike beugen konnte. Gott, er hatte die Augen offen, starrte nach oben und blinzelte. "Ist er okay?", flüsterte es neben mir. "Zumindest nicht ausgeknockt!", schnauzte ich Axel an, unsagbar erleichtert, dass er Mike wohl doch nicht voll am Kopf erwischt hatte. Meine Hand zitterte, als ich Mikes Schulter fasste. "Mike? Kannst du mich verstehen?" Sein Brustkorb hob und senkte sich deutlich, als er tief Luft holte. Langsam bewegte er die Kinnlade nach unten und zu beiden Seiten, verzog das Gesicht, öffnete wieder den Mund. Er spuckte den Zahnschutz aus. "Mach ihn ab", kam es rauh und leise. Nach einer Sekunde begriff ich und entfernte den Kopfschutz, stützte dabei Mikes Kopf vorsichtig ab, schleuderte den Schutz weg, froh irgendetwas tun zu können. Langsam ließ ich Mikes Kopf runter, riss mir dann das Handtuch vom Rücken, legte es unter seinen Kopf. "Axel, wo bleibt der verdammte Sani?" Seit einem schweren Trainingsunfall vor etwa drei Jahren war immer jemand beim Training, der Ahnung von Sportverletzungen hatte. "Vielleicht hätten Sie ihn nicht anrühren sollen." Ich drehte mich zu der sanften Stimme um, wollte wieder losbrüllen, als ich sah, wie erschreckt die Frau aussah. Und ihr Ton hatte auch nicht nach Vorwurf geklungen, vielmehr nach ehrlicher Besorgnis. "Bei einem KO hätte ich das auch nicht getan, Frau..." Plötzlich setzten sich einige Hebel in meinem Hirn wieder in Bewegung, begriff endlich, was Mike so aus dem Konzept und letztlich auf die sprichwörtlichen Bretter gebracht hatte. "Stern?" Sie nickte. "Carola Stern. Ich bin Herrn Niemcek als neue Kollegin zugeteilt worden." "Kollegin." Ich ließ mir das Wort auf der Zunge zergehen. "Nun begreife ich einiges... Oh, Entschuldigung. Mein Name ist Täuber, Klaus Täuber, der Freund des Opfers." Sie reichte mir die Hand, und ich schüttelte sie. "Das sollte nicht mehr passieren, wenn er an seinem Timing arbeitet. So schlecht sah es nämlich nicht aus." Mike setzte sich etwas auf und stützte sich auf seine Ellbogen. "Könnt ihr aufhören zu reden, als wär' ich nicht da? Hilf mir mal hoch, Klaus!" "Erst wenn der Sani sein Okay gibt." "Axel hat mich kaum getroffen." "Ja, klar, du wolltest nur einen spektakulären Abgang. Du bleibst, wo du bist." Unwillkürlich packte ich ihn an der Schulter. Er verdrehte die Augen, gehorchte aber. Ich sah mich um. "Wo steckt denn der Kerl?" "Der Kerl ist schon da!" Der Sanitäter funkelte mich an, sagte aber sonst nichts weiter. Frau Stern und ich machten den Weg frei, sahen zu, wie der Sanitäter Mike tief in Augen schaute, Finger hochhielt, hörten Mikes entnervte Antworten auf die verschiedenen Fragen nach seinem Wohlbefinden. "Wenn er so klingt, geht's ihm ganz gut." Es tat gut, meine Erleichterung jemandem mitteilen zu können. "Wie klingt er denn, wenn's ihm schlecht geht?", fragte Frau Stern. "Dann klingt er gar nicht. Sagt keinen Ton." "Gut zu wissen. Das kann ja heiter werden." Ich sah von Mike zu Frau Stern. Sie hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, und ihr Gesicht trug einen entschlossenen Ausdruck. Sie wirkte älter als noch vor ein paar Minuten. "Das hoffe ich. Und das meine ich jetzt ohne Flachs." Sie sah mich lange an, sah dann zu Mike hinüber, der angefangen hatte, mit dem Sanitäter zu streiten. "Ja. Ich weiß." "Gut." Und auch das kam aus vollem Herzen.
23. Januar 2003
"Hast du am Samstag schon was vor?" "Hmmmm", machte ich und tippte weiter. Mike hatte die nette Eigenschaft, immer dann in meine Schreibarbeit einzufallen, wenn ich Probleme hatte, einen Satz sachverhaltsgenau und dennoch verständlich zu formulieren. "Was für ein 'Hm' war das jetzt? Ein 'Ja, habe ich', ein 'Muss mal überlegen' oder ein 'Was ist ein Samstag'?" Seufzend blickte ich am Monitor vorbei. Er würde nicht eher Ruhe geben, bis er eine Antwort hatte. "Ein 'Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, weil ich dir nicht zuhöre, und halt die Klappe, bis ich das hier fertig habe.'" Grinsend stellte Mike seine Tasse auf den Schreibtisch und kam zu mir rüber. Gott, nein, womit habe ich das verdient! Zu allem Überfluss biß er noch in sein Teilchen. Noch bevor er bis auf zwei Schritte heran war, fuhr ich ihn an. "Was denn? Ich komme klar, ich brauche keine Hilfe, nur noch zehn Minuten Ruhe." So leicht ließ er sich nicht aufhalten. "Lass mich doch mal sehen, Carola. Schließlich war ich dabei." "Kau mir nicht ins Ohr!" Es fiel mir schwer, nette Männer anzublaffen, aber Mike war nicht nur nett, er war auch mein Partner. Gib denen den kleinen Finger, und du meldest am nächsten Tag deine komplette Hand als vermisst. "Du hast die Wahl. Ich mach' das hier allein oder du machst künftig alle Protokolle!" "Hmmm", brummte er, und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. "Frischen Kaffee?" Er deutete mit dem Daumen auf die Anrichte, wo mein Einstandsgeschenk prunkte. Sehr nützliches Mitbringsel - mit der alten Maschine hätte ich vieles gekocht, nur keinen Kaffee. Auf mein Nicken erwiderte Mike, "Dann hol ich mal 'ne Kanne Wasser." "Aus dem Erdgeschoss, bitte. Und lass dir Zeit." Ich hatte noch mehr auf der Zunge liegen, aber das Besuch' 'nen Kollegen konnte ich gerade noch zurückhalten. Kein gutes Thema. Mit "Wie könnte ich deinen Wünschen widerstehen?" war er aus der Tür, Kanne in der einen, Restkuchen in der anderen Hand. Fünf Minuten später speicherte ich das fertige Protokoll ab, machte einen Ausdruck. "Geht doch, wenn einem keine hilfreichen Kollegen über die Schulter gucken." Ich begann mit der Korrektur - am Bildschirm fielen mir meine eigenen Fehler nicht auf, dazu brauchte ich Papier in meinen Fingern. Doch schon nach vier Sätzen stockte ich. ... verzichteten wir darauf, Verstärkung anzufordern, da die Situation übersichtlich war und keinen Schluss auf Schwierigkeiten zuließ. Ich biss mir auf die Unterlippe, war mir nicht ganz klar, ob ich das noch einmal neu schreiben sollte. So übersichtlich und gefahrlos, wie ich den Zwischenfall hier geschildert hatte, hatte es für mich nicht ausgesehen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Heruntergekommenes Lagerhaus... Lichtreflexe, die sich in zerbrochenen Fensterscheiben spiegelten... Ich hatte mich ganz auf Mikes Einschätzung verlassen. Schließlich war ich nach einigen Jahren Abwesenheit erst seit ein paar Wochen wieder in Frankfurt, mit einem neuen Partner unterwegs und nicht zuletzt immer noch ein Anfänger, was die Arbeit auf der Straße anging. Meine Nervosität - oder Angst? - war schnell überwunden gewesen. Der gesunde Schuß Adrenalin hatte dafür gesorgt, dass ich Mike in das Lagerhaus folgte, ihm Deckung gab, als er die Unruhestifter konfrontierte. In weniger als fünf Minuten hatten wir die beiden Jugendlichen unter Kontrolle gehabt. Sie waren betrunken gewesen und hatten eine große Klappe gehabt, aber sonst unbewaffnet. Mike hatte sich auf keine Diskussionen eingelassen. Seine größte Sorge bei der ganzen Aktion war gewesen, dass die Jungs ihm ins Auto kotzen würden. Das hatten sie sich Gott sei Dank für die Wache aufgehoben, wo einer dem Diensthabenden auf die Schuhe reiherte, und der andere es trotz grundsätzlicher Solidarität mit seinem Freund zumindest bis zum nächsten Papierkorb schaffte. Im Nachhinein waren meine Zweifel zurückgekommen, und viel stärker. Meine Formulierung im Protokoll las sich, als wollte ich mich damit selbst überzeugen. Blöder Weise machte diese schriftliche Umsetzung der gestrigen Ereignisse alles nur noch schlimmer, anstatt einen Schlussstrich unter einen eigentlich erfolgreichen Arbeitstag zu ziehen. Also saß ich hier dumm rum, starrte auf mein Geschreibsel, und es blieb nur ein Gedanke übrig: Gerade weil ich so ein Grünschnabel war, hätte Mike auf Nummer Sicher gehen müssen, hätte um Verstärkung bitten sollen. Es half kein bisschen, dass seine Vorgehensweise genau in das Bild passte, das mir sein Freund Klaus in einem Vier-Augen-Gespräch letzte Woche vermittelt- Mike platzte ins Büro und in meine Gedanken, ging mit der gefüllten Kanne zur Kaffeemaschine. "Frisch von der besten Quelle." Mit Schwung goss er das Wasser um, fummelte dann mit einer Filtertüte. "Was ist denn die beste Quelle?" "Toilettenraum vom Chef." "Nicht wahr!" Er sah zu mir rüber. Auf diese Entfernung konnte ich den Schalk, der in seinen Augen blitzen musste, leider nicht erkennen. "Könnte ich dich anlügen?" Er füllte das Pulver ein. "Ich frage lieber nicht, wie du in seine Räume gekommen bist." Kommentarlos setzte er sich wieder an seinen Platz, stützte seinen Kopf auf einer Handfläche ab. "Du bist fertig?" Ich nickte und reichte ihm den Ausdruck. Besser, ich bringe es hinter mich... Oder uns. Als ich merkte, wie ich den Atem anhielt, während er sich das Protokoll durchlas, checkte ich meine Mailbox. Ich blieb an diesem unsäglichen Fragebogen hängen, den mir Vera Kamphausen, die Frauenbeauftragte für Beamtinnen im aktiven Dienst, bereits vor einer Woche geschickt hatte. Mit der Bitte um schnelle Antwort. Ich hasste diesen Kram. Aber im Moment war mir jede Ablenkung recht. Plötzlich stand Mike neben mir, legte das Protokoll in die Ablage. "Ich denke, wir haben uns 'ne Pause verdient. Ich lad' dich zum Essen ein." "Und das Protokoll? Nichts zu meckern?" "Nö. Was ist jetzt mit essen gehen?" Sein Gesicht gab nichts her, was mich misstrauisch machen konnte. Und genau das machte mich misstrauisch. "Du hast doch gerade gegessen. Außerdem habe ich keine Lust auf Currywurst im Freien bei diesem Wetter." "Carola, du traust mir rein gar nichts zu. Wer hat denn was von Currywurst gesagt? Richtig essen gehen, an einem Tisch sitzen, etwas von der Karte auswählen, gepflegte Unterhaltung bei gutem Essen, Wein fällt für uns dienstbeflissene Freunde und Helfer ja leider aus. Und - wie gesagt - das Beste von allem: Ich zahle." Er lächelte und tippte sich auf die Brust. "Komm schon, ich brauch' was Warmes. Das Teilchen war nur was für den hohlen Zahn." Als ich immer noch zögerte, versuchte, meine Ahnung in einen konkreten Verdacht zu packen, streckte Mike mir die Hand hin. Ich hatte keinen Grund, sie nicht zu ergreifen.
***
Wir landeten im Bistro, wie zu erwarten gewesen war. Es lag nicht nur günstig, auch die Preise waren sehr okay. Als wir gegen halb zwölf eintraten, standen auf den meisten Tischen leer gegessene Tabletts und Teller, neben den großen bunten Tassen, Markenzeichen des kleinen Restaurants. Schichtwechsel. Wir waren etwas früh fürs Mittagessen, zu spät für ein zweites Frühstück. Ich trottete hinter Mike her, der einigen Kollegen zunickte. Ich versuchte, Namen und Gesichter zusammen zu bekommen. Das würde definitiv noch Zeit brauchen. Aktuell hatten wir kaum Kontakt mit Leuten aus anderen Abteilungen. Die Arme vor der Brust gekreuzt blieb Mike an einer der Nischen im hinteren Teil des Raumes stehen. "Wie versprochen. Tisch, sogar mit richtigen Stühlen statt Hockern. Und eine Karte." Er zog das DIN A 4-Blatt zwischen Vase und Kerzenhalter weg und präsentierte es mir. "Die Dame ist hoffentlich zufrieden." Ich hatte das Gefühl, dass sich die Blicke der anderen Gäste in meinen Rücken bohrten. Kann der Kerl sich nicht einfach hinsetzen und gut ist? Was soll denn diese Demonstration? "Wo ist denn die versteckte Kamera?" Ich verrenkte mir den Hals und sah mich um. "Ich glaube, ich möchte doch nur 'ne Currywurst." Lachend legte er das Blatt auf den Tisch und zog den ihm am nächsten stehenden Stuhl mit einer einladenden Handbewegung zurück. "Zu spät. Der Kellner ist schon im Beuteanflug." Mit unseren Getränkebestellungen flog der eine halbe Minute später wieder zur Theke zurück, und ich sah mir das Angebot des Tages an. Eine stattliche Anzahl Stammgerichte wurden durch eine Empfehlung des Chefs ergänzt. Frische Spätzle hörten sich verlockend an, Gorgonzola-Rahmsauce sündig. Meine Wahl stand fest. Ich hielt Mike die Karte hin, aber er schüttelte den Kopf. "Danke, ich weiß schon." Der Kellner brachte Mikes Schorle und mein Mineralwasser. "Carola?", fragte Mike. "Ich vertraue auf die Empfehlung des Meisters", wandte ich mich an den Kellner und tippte dabei auf die Karte. "Berühmte letzte Worte." Ich funkelte Mike an, aber der Kellner lachte und fragte. "Und was darf ich Ihnen bringen?" "Die große Portion Tomatensuppe. Aber bitte nicht mit dem Knoblauchbrot. Wäre warmes Baguette ein Problem?" "Für uns nicht." Der Kellner schrieb seinen Bon, schob die Kopie unter die Vase, zog ein Feuerzeug aus der Hosentasche und zündete die Kerze an, die nicht mehr war als nur ein Stummel, und zog von dannen. "Stimmungsvoll", kam es von Mike. "Romantisch geradezu. Wenn die Kerze ein Countdown ist, müssen wir uns mit dem Essen beeilen." Mike grinste, stieß mit seinem Glas an das meine. "Auf dein Spezielles." Ohne auf eine Erwiderung zu warten, nahm er einen großen Schluck, rieb mit dem Zeigefinger über den Glasrand, sah mich nicht mehr an. Als sein Schweigen andauerte, machte sich meine Ahnung von vorhin bemerkbar. Aber ich empfand sie als viel zu vage, und so schwieg ich auch. Auf Smalltalk hatte ich absolut keine Lust und Mike anscheinend auch nicht. Er war völlig in Gedanken versunken. Ich sah mich im Raum um; die Einrichtung war größtenteils eher zweckmäßig denn schick oder auch gemütlich. Das Geschäft war die reine Goldgrube mit ihrer phantastischen Lage in der Nähe von Präsidium und Zollamt. Lediglich eine Handvoll durch Spaliere abgeteilte Nischen boten etwas mehr Atmosphäre. An der Theke saßen zwei Beamte, die durch ihre Motorradkluft leicht einzuordnen waren. Sonst sah ich keine Uniformierten; trotzdem schätzte ich den Anteil an Zivilisten als verschwindend gering ein. Bei unserem ersten Besuch hier hatte Mike was von einer Schnüfflerfestung gemurmelt und mich auf die verschiedenen Spezialgebiete aufmerksam gemacht. Sitte, Mordkommission, Zoll, SOKO hier, SOKO da, noch mehr Sitte... Ich war nur froh gewesen, dass er nicht mit dem Finger auf die Leute gezeigt hatte. Der Kellner brachte das Essen. Jetzt waren wir zumindest sinnvoll beschäftigt. Ich merkte, wie hungrig ich war. Der Duft und nach den ersten Bissen auch der Geschmack des Essens bauten meine Anspannung ziemlich ab. Das Essen war gut genug, dass ich es für eine mitteilungswerte Information hielt. "Das ist wirklich lecker. Hätte ich nicht gedacht." Wir waren zwar schon hier gewesen, aber dies war mein Debüt, was den Mittagstisch anging. Bei der Qualität und den Preisen war es ein Wunder, dass wir hier nicht öfters aßen. Nur- Wenn es hier von Kollegen nur so wimmelt... Umso erstaunlicher, dass wir jetzt hier saßen. Vor allem, dass Mike so demonstrativ auftrat, als wollte er mir etwas beweisen... "Hmm, ja, die sind nicht schlecht hier. Wesentlich mehr als eine Aufwärmbaracke für Bullen." Mike brach sein Baguette in kleine Stücke, tunkte sie in die Suppe und aß mit den Fingern. Er sah auf und begegnete meinem Blick. "Ist verdammt heiß." "Wenn das eine Entschuldigung war... ich habe mich nicht über deine Manieren beschwert. Und heiß war doch genau, was du wolltest." "Hast Recht in beiden Punkten." Schweigend aßen wir weiter, aber die Anspannung war Gott sei Dank weg. "Jetzt, wo ich dich nicht mehr in deiner kreativen Phase störe... Was ist mit kommendem Wochenende? Hast du schon was vor?" Ich deutete auf die Kerze. "Zwei Dates innerhalb von zwei Tagen? Ist das nicht etwas überstürzt, Mike?" "Nicht, wenn man weiß, dass man den idealen Partner gefunden hat." Ich verschluckte mich fast bei seinem Tonfall. Flachs war nicht mehr darin zu spüren, auch aus seinem Gesicht war jede Andeutung eines Grinsens oder gar Lächelns verschwunden. Ich rang nach Luft, versuchte, nicht zu husten, merkte, dass mein Gesicht heiß wurde. "Tut mir leid, Carola." Jetzt war Mikes Lächeln wieder da. "Samstag zieht eine Freundin von Klaus um. Sie kann jede Hilfe gebrauchen." Ich hatte mich soweit im Griff, dass ich bei Klaus' Namen nicht auch noch zusammenzuckte. "Eine Freundin?" "Ist etwas kompliziert. Sie ist- war eine Kundin, die er drauf gebracht hat, sich eine Eigentumswohnung zu kaufen. Mittlerweile ist sie nicht mehr seine Kundin, sondern die eines Kollegen aus der Immobilienabteilung. Und nachdem man ihm keine Kungelei mehr nachsagen konnte..." Vorsichtig begab ich mich auf das brüchige Eis. "Manchmal frage ich mich, wo du den gefunden hast..." Darauf bekam ich keine Antwort, und ich traute mich nicht, auch noch auf der Eisfläche auf und ab zu tanzen. Ich hatte keine Ahnung, was Mike im Schilde führte. Dass er etwas vorhatte, war aber keine Frage mehr. Er löffelte seinen Rest Suppe aus der Schale, und ich zog mich zurück auf sicheren Untergrund. "Wann und wo soll's losgehen?" "Ich hab' noch nichts Konkretes zugesagt. Nicht vor der Besprechung mit unserem Dynamischen Duo heute Nachmittag. Ich glaube aber nicht, dass wir so schnell grünes Licht kriegen." Mike hatte einen heißen Tip bekommen, der auf etwas Größeres schließen ließ. Nichts, was ein Team allein lösen konnte und sollte. Deshalb brauchte er nicht nur das Einverständnis von Ehrenberg, sondern auch die tatkräftige Unterstützung von Deichsel und Kallenbach. "Und falls nicht?" "Werd' ich nachsitzen müssen und mehr Informationen besorgen. Die Chance lasse ich mir nicht entgehen." "Also haben wir entweder eine offizielle Ermittlung oder noch ein paar zeitintensivere private Schüffeleien auf unserer Tagesordnung. In beiden Fällen werden wir kaum eine große Hilfe beim Umzug sein." Ich betonte das wir. Mike sollte ruhig merken, dass mir seine Einsamer Wolf-Anfälle gegen den Strich gingen. Mir ging es auch gegen den Strich, dass Mike mir nicht alles über seinen Informanten sagte, aber da hatte ich bereits zweimal auf Granit gebissen. Aber nicht nur ich, auch Kallenbach und Deichsel waren ahnungslos. Aber die waren nach dem Fehlschlag mit Gerschenk frustriert genug, in dieser Beziehung auf Mikes Wort zu vertrauen. Sie waren begierig, möglichst schnell einen Erfolg nachzulegen. Nach der Verhaftung von Gerschenk, einem mutmaßlichen Hehler, hatten Kallenbach und Deichsel seit letztem Freitag ihre Zeit mit Verhören und einer Hausdurchsuchung verschwendet. Der Mann hielt dicht, und Kolbach, einer der Topanwälte Frankfurts, hatte ihn gestern rausgeholt. Wahrscheinlich von Gerschenks Hintermann bezahlt, dem großen Fisch, den sich das Dynamische Duo eigentlich angeln wollte. Aber auch dafür gab es keine Beweise. Gerschenk war ihr einziger Anhaltspunkt gewesen. Zwar stand noch die Verhandlung aus, aber alle Anzeichen signalisierten Misserfolg. Entweder war Gerschenk ein unglaublicher Dickkopf oder der Fisch war ein richtiggehender Hai, der ihm genug Angst machte, dass er auf den Deal des Staatsanwaltes nicht einging und lieber Gefängnis riskierte. Und wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was Mike mir über Kolbach erzählt hatte, war dieses Risiko noch nicht mal sehr groß. So lieb wie sich Mike und Kallenbach hatten, war es schon bezeichnend, dass Kallenbach beim Chef in Mikes neuer Sache vorsprach. Aber ich hatte keinen Zweifel, was Kallenbach und Deichsel anstellen würden, wenn Mikes Spur sich als Windei entpuppte. Vielleicht hielt er deshalb seinen Informanten sogar vor mir geheim. So hielt er mich aus allem raus, was schiefgehen konnte. Ich hasste seine Fürsorge. Mike sah mich an, immer noch dieses leichte Lächeln auf den Lippen. "Nein, eine große Hilfe beim Umzug sind wir wohl nicht." Mir riss der Geduldsfaden. "Mike, was spielst du hier eigentlich mit mir?" Er schob die Schale von sich und leerte sein Glas. Jetzt kommt es. "Wie ich Klaus kenne, geht's gar nicht in erster Linie ums Helfen. Ich seh' das so: Du sollst Klaus' Freundin, Kerstin Martens, kennen lernen." "Aha. Und was steckt jetzt dahinter? Oder vielmehr: Was bringt dich auf die Idee?" "Drei Dinge. Erstens: Du hast in Klaus' Gegenwart verlauten lassen, dass du lieber früher als später bei deiner Mutter ausziehen willst, es aber schon wegen Thorsten nicht so einfach ist." Er machte eine Pause, und ich nickte. Klar, es war schon ein großer Vorteil, dass Mama auf meinen Kurzen aufpassen konnte. Kindergärten nach dem Muster 24/7 waren extrem selten. Und grundsätzlich nicht billig. "Zweitens hat Kerstin sich ein..." Er machte noch eine Pause und sagte dann im Tonfall eines Dozenten, "hat sie in ein Objekt investiert, das nicht nur aus einem frisch renovierten Apartment besteht, sondern auch über eine Einliegerwohnung verfügt, die geradezu ideal zur Untervermietung geeignet ist." Als er fortfuhr, war alles Gekünstelte aus seiner Stimme verschwunden, und seine nächsten Worte waren purer Sarkasmus. "Hatte ich erwähnt, dass Kerstin eine Tochter in Thorstens Alter hat?" "Und drittens?" "Drittens hat Klaus eine besondere Gabe, sich um die Leute zu kümmern und zu sorgen, die er... mag." So langsam begriff ich, was Mike vorhatte. All das Gerede sollte vermutlich nur eine perfekte Überleitung sein. Für einen grundehrlichen Typen, als den ich Mike in den letzten Wochen kennen gelernt hatte, eine Taktik, die mir Sorgen machte. Nur hatte ich keine Lust, mit ihm Verstecken zu spielen. Auf die Gefahr hin, dass ich ihn abschreckte, ging ich zum Angriff über. "Die er liebt, meinst du." Mike sog scharf die Luft ein, und bevor er etwas sagen konnte, redete ich schnell weiter. "Zeit für Klartext, ja? Warum sitzen wir hier? Damit ich nicht ausflippe und laut werde, wenn du mir etwas Unangenehmes zu sagen hast?" Endlich regte sich etwas Echtes in seinem Gesicht. Kein Flachs, keine Höflichkeit, keine strategische Ernsthaftigkeit. "Ich kann einstecken, also los." "Was hat Klaus dir über mich erzählt?" Mikes Instinkte und Fähigkeiten waren grauenhaft, wenn man auf der Gegenseite stand. Aber ich ließ mich nicht einschüchtern. "Solltest du das nicht lieber ihn fragen?" "Oh, keine Sorge, das werd' ich. Aber ich will deine Version zuerst." "Brauchst du Munition für einen Streit mit deinem Freund?" Wieder dieser Schatten auf seinem Gesicht. Er rieb sich die rechte Augenbraue, danach war der Schatten weg. "Nur eine faire Ausgangsbasis. Ich weiß, dass er dir etwas erzählt haben muss. Wieso hättest du sonst gestern Abend vorm Lagerhaus versucht, mich davon zu überzeugen, dass es besser wäre, 'vorsichtig an die Sache ranzugehen'? Und erzähl' mir jetzt keinen Blödsinn von deiner angeblichen Unsicherheit." Ich hatte es gewusst. Er hatte es gestern Abend mitbekommen und hatte es vorhin zwischen den Zeilen lesen können. Aber ich war sicher, weder Klaus noch ich selbst litten an Paranoia, wenn wir Mikes Verhalten für nicht normal hielten. Allein die Umstände, wie er mich jetzt mit seinen Vorwürfen konfrontierte, machten mich entschlossen genug, nicht auf seine Spielchen einzugehen. "Mike, ich bin sicher, er macht sich-" "-Sorgen um mich. Ja, lass stecken, Carola. Das weiß ich, ich bin seit mehr als fünf Jahren mit ihm zusammen. Du brauchst ihn nicht zu verteidigen, das kann er sehr gut selbst." Er hatte seine Stimme kaum erhoben, aber sie klang rauh. "Gott, wir können's uns nicht leisten, dass du glaubst, du müsstest auf mich aufpassen. Jedenfalls nicht so, wie's gestern gelaufen ist. Wenn du irgendeine meiner Entscheidungen für falsch oder bescheuert hältst, sag's mir offen ins Gesicht und versuch keine Freudschen Experimente." Als ich zu einer Antwort ansetzte, hob er seine Hand. "Aber wenn du denkst, dass ich mich da draußen beweisen will, weil meine Karriere den Bach runter ist... dann endet unsere Partnerschaft jetzt und hier." Das hatte kommen müssen. Schwarz-Weiß-Malerei. Als wäre Mike Niemcek der letzte aufrechte Streiter... Hatte ich das mit dem Einsamen Wolf erwähnt? "So einfach ist das wohl für dich. Ich habe aber schlechte Neuigkeiten: Das mit der Partnerschaft entscheidest du nicht allein. Und ich hatte und habe nicht vor, Nummer Sieben auf deiner Liste mit Ex-Kollegen zu werden." Mike zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Langsam stand er auf, aschfahl im Gesicht. Erschrocken suchte ich nach Worten, um mich zu entschuldigen, doch dann fand ich, dass ich jedes Wort so gemeint hatte. Schweigend griff sich Mike seine Jacke, zahlte am Tresen und verschwand aus dem Restaurant. Ich hatte jedes Wort so gemeint. Ich hatte nicht die Absicht, seine Nummer Sieben zu werden. Jetzt erst recht nicht.
|