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Wenn der Nordwind nach dir sucht...
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Teil 3
 
 

Wenn der Nordwind nach dir sucht

Teil 2
© by Birgitt ()
 
Disclaimer: Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, durch sie materielle Vorteile zu erlangen
Anmerkung der Autorin: Auch diese Echte Kerle-Story ist Aisling gewidmet. Sie weiß, dass diese Danksagungen nicht nur leere Sprüche sind. Schließlich steht sie mir nicht nur als Beta mit Rat und Tat zur Seite - sie sorgt auch dafür, dass ich - einigermaßen - auf Kurs bleibe. Alle 'überlebenden' Abweichungen gehen auf mein Konto.
Soundtrack: Wenn der Nordwind nach dir sucht (Zeichen der Zeit)
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 2: if you fought for freedom, but you got lost the more you try

 

"Was soll das? Warum hast du nicht gewartet? Und wo warst du?", zischte ich in Mikes Ohr, als ich mich neben ihn setzte. Ich hatte mir Zeit gelassen, aus dem Bistro herauszukommen; keine Chance, dass ich mir die Blöße gab, Mike hinterher zu rennen. Ich war immer noch entschlossen, diese Geschichte durchzustehen. Aber ich hatte nicht lange gebraucht, um zu begreifen, was für einen Dickschädel Mike hatte. Nach dem, was Klaus mir so erzählt hatte, war diese Eigenschaft wohl maßgeblich dafür verantwortlich, dass er immer noch im Dienst war und die Brocken nicht schon vor ein paar Jahren hingeschmissen hatte. Als ich im Büro angekommen war, war Mike nicht da gewesen und auch in der nächsten Stunde nicht aufgetaucht.

Wenigstens hier bei der Besprechung kann er mir nicht weglaufen. Nur wetten würd' ich nicht drauf, nicht nach dem Stunt vorhin im Bistro...

Stur sah er geradeaus. "Ich hab' dir 'ne Nachricht da gelassen."

Hatte er. Sehen uns beim Meeting. Nicht mehr. Hätte kaum weniger sein können. Ich lehnte mich nach vorn, griff nach einer der Akten, die vor ihm lagen. "Schön, dass ich jetzt weiß, was ich dir wert bin. Ein Post-it ganz für mich allein!" Ich öffnete den Hefter und zog die Protokolle des gestrigen Tages heraus. Nicht, dass sie irgendetwas Wichtiges enthielten. Zumindest nichts, was den aktuellen Fall und die bevorstehende Besprechung betraf. Bis auf den abendlichen Vorfall war es ein reiner Routinetag gewesen. Aber es war besser, die Aufzeichnungen noch einmal durchzugehen, statt mich von Mike ignorieren zu lassen. Und keinesfalls würde ich jetzt eine Diskussion mit ihm anfangen, wo Deichsel keine zwei Meter entfernt saß und seine Ohren wackeln ließ. Bei meinem Eintreffen im Besprechungszimmer hatte er mich um seinen ewigen Stumpen herum nuschelnd darauf aufmerksam gemacht, dass Kallenbach noch beim Chef saß und jeden Augenblick zu uns stoßen müsste. Jetzt schaute er jede Minute auf seine Uhr und verfluchte wohl innerlich seinen Kollegen für jeden Moment, den er ihn Lügen strafte.

Nachdem Deichsel zum fünften Mal nach der Zeit gesehen hatte, kam von Mike, "Hoffentlich hat Ehrenberg ihn nicht gefressen."

Es hätte mitfühlend oder zumindest humorvoll klingen können, aber sogar Deichsel bekam die Bissigkeit in Mikes Worten mit. Und konterte gleich. "Zumindest ist er dort, wo er gefressen werden kann."

Mike war sprachlos, mir ging es ähnlich. Vielleicht war es seine Nervosität, die Deichsel diese ungeahnte Schlagfertigkeit verliehen hatte. Doch wie ich Mike kannte, würde er nicht lange brauchen, um sich von dem Schock zu erholen. Ich war erleichtert, dass Kallenbach sich diesen Zeitpunkt aussuchte, um hereinzukommen und einen Aktenordner auf den Tisch zu knallen. Er sah überaus zufrieden mit sich selbst und dem unbedeutenden Rest der Welt aus. So einen Gesichtsausdruck hatte er in dem Moment gehabt, als er mir anvertraut hatte, dass Mike schwul ist. Er setzte sich neben Deichsel, blätterte umständlich in dem Aktenordner.

"Nun spann uns nicht auf die Folter!" Die schlechte Laune, die Mike nicht an Deichsel hatte auslassen können, machte sich deutlich bemerkbar. Kallenbach hatte nur ein schiefes Lächeln für ihn übrig. Ich war mir nicht im Klaren, ob das für uns - für Mike und mich - gute oder schlechte Nachrichten bedeuten würde. Ich tippte auf letzteres.

"Geduld, Herr Kollege. Du erfährst noch früh genug, ob du dein Wochenende vergessen kannst."

Kallenbach ging nicht nur Mike auf die Nerven. "Hat Ehrenberg es gekauft oder nicht?"

"Er hat, Frau Stern. Obwohl er es anders ausgedrückt hat. 'Ich halte Ihre Analysen für durchaus nachvollziehbar. Gute Arbeit. Sagen Sie das auch den Kollegen.' Und dann hat er die Vorermittlungen mit drei Teams genehmigt. Mit der detaillierten Planung will er nichts zu tun haben, das überlässt er uns." Uns sagte er, und es klang, als meinte er sich selbst. Jede Wette, dass es nicht nur so klang..

"Was hat dann so lange gedauert?"

"Es ist nicht einfach, zu Manfredi durchzukommen."

Mike pfiff leise. "Na, das ist doch schon was. Was sagt denn der Herr Stellvertretende Staatsanwalt?"

"Wir haben zwei Wochen, um unsere Theorie zu untermauern. Pauly und Herzog kommen als drittes Team dazu."

Ich kannte die Kollegen nicht, aber Mike sah nicht unzufrieden aus. Bisher hatten wir die Nachforschungen bezüglich der drei Musketiere, wie wir die Verdächtigen unter uns nannten, nur sehr sporadisch angehen können. Während Kallenbach und Deichsel sich mit Gerschenk abgeplagt hatten, waren Mike und ich seinem Tip nachgegangen, der uns auf die Spur von Jugendlichen gebracht hatte, die versuchten, Ersatzteile von recht exklusiven Autos an den Mann zu bringen. Mikes Informant hatte die drei als recht jung beschrieben. Noch nicht trocken hinter den Ohren und viel zu dumm und leichtsinnig, um lange im Geschäft zu bleiben. Wenn sie es überhaupt schafften, in solche Geschäfte einzusteigen, bevor wir sie von der Straße wegholen konnten.

Recherchen hatten allerdings ergeben, dass es in letzter Zeit keine Diebstähle oder Einbrüche gegeben hatte, die mit der Liste, die Mike von seinem Informanten bekommen hatte, logisch zusammenpassten. Aber das Angebot der Musketiere passte zu einer Serie von Vandalismusfällen, bei denen Nobelwagen als schrottreife Wracks endeten. Mike hatte den Verdacht, dass die drei entweder Trittbrettfahrer in dieser Sache waren oder versuchten, einen größeres Stück Kuchen abzubekommen als ihnen zustand. Begründet hatte er seine Vermutungen mit der Einschätzung, die ihm sein Informant gegeben hatte. Der war wohl ein alter Hase in der Branche. Ich gebe zu, Mikes Geheimnistuerei ging mir nicht nur auf die Nerven, ich war auch neugierig, wer seine Quelle war. Nun, jetzt waren wir im Spiel und würden bald mehr wissen. So oder so. Kallenbachs nächste Worte schienen wie eine Antwort auf meine Gedanken.

"Vor Montag läuft da allerdings nichts. Das gibt Niemcek genug Zeit, die Sache mit seinem Informanten einzustielen."

Deichsel räusperte sich. "Und am Wochenende?"

"Haben wir frei. Bis Montag Mittag. Da kommen dann die beiden anderen dazu, und wir planen den Einsatz. Geht das klar, Niemcek?"

"An uns- an mir wird's nicht liegen." Der Versprecher allein genügte, dass meine Wut über Mike wieder aufflammte.

"Dann sehen wir uns Montag, zwei Uhr wieder hier. Übrigens ist dir eins klar, Niemcek... Wenn sich deine Theorie als Hirngespinst entpuppt oder wir auf keine anderen Beweise gegen eure Musketiere stoßen, muss dein hochgeschätzter Informant als Zeuge herhalten. Das ist der Deal, drunter geht nichts."

Mike sah Kallenbach nicht mal an, raffte seine Papiere zusammen und stand auf. Ich tat es ihm nach einer Sekunde des Zögerns gleich. Es hatte wenig Sinn, ihn hier und jetzt wegen seines Verhaltens zu erwürgen, das Publikum gefiel mir überhaupt nicht. Ich würde warten, bis ich ihn in einer dunklen Ecke erwischte. Er war schon fast an der Tür und ich zwei Schritte dahinter, als Deichsel uns hinterher rief. "Seit wann nehmt ihr den Streifenhörnchen die Arbeit ab?"

Mike stoppte und drehte sich um. Überraschend sanft schob er mich etwas zur Seite, ließ eine Hand auf meinem Unterarm. Täuschte ich mich oder zitterte sie leicht? "Im Gegensatz zu euch hab' ich niemals begriffen, wann man wegsieht, um sich das Leben einfacher zu machen. Vielleicht habt ihr Feierabend, wenn die Schicht um ist. Wenn ich jemals so denken will, such' ich mir 'nen andern Job. Vielleicht überrascht es euch, aber ich bin nicht wegen des tollen Arbeitsklimas immer noch bei diesem Verein." Ich stand nah genug, um sein schweres Atmen zu bemerken. Und das Zittern seiner Hand war jetzt deutlich zu spüren. "Ich muss hier raus", murmelte er. Und ließ seinen Worten die Tat folgen. Die Tür knallte er vor meiner Nase zu.

"Verdammt, Mike!", rutschte es aus mir raus. Und dann war schon Kallenbach neben mir, stützte seine Hand an der Tür ab und lehnte mit seinem Gewicht dagegen.

"Wir haben Sie ja gewarnt, Frau Kollegin, was Ihnen da bevorsteht. Aber es ist ja noch nicht aller Tage abend. Wenn Sie Ihr Herz ausschütten wollen, wissen Sie, an wen Sie sich wenden können. Rein beruflich, natürlich."

Ich hatte keine Zeit für seine Anzüglichkeiten und Interesse schon gar nicht, wollte nur Mike hinterher. "Lass mich raus, Kallenbach. Was euch angeht, habe ich Feierabend."

Sein Grinsen verschwand, aber er hielt seine Stellung, starrte mich an. Und ich starrte zurück.

Plötzlich stand Deichsel hinter mir. "Mensch, lass sie gehen." Für einen Moment dachte ich, Kallenbach würde auf Deichsel losgehen, aber es blitzte nur kurz auf in seinen Augen, dann trat er von der Tür weg.

"Schönes Wochenende, Frau Kollegin."

Ich beeilte mich, hinter Mike herzukommen. Vor der Tür sah ich den Gang hinauf und hinab. Mike war natürlich nicht mehr zu sehen. Scheißkollegen.

 

***
 

"Du bist noch hier!" Ich war überrascht und erleichtert und hörte mich auch so an.

Mike rührte sich nicht, starrte weiter auf das Telefon, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Er hatte nicht mal aufgesehen, als ich ins Büro gestürmt war. "Offensichtlich."

Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Und auch nicht wie. Vielleicht war das der beste Anfang überhaupt. "Mike, ich begreife dich nicht."

"Da bist du nicht allein." Er griff in seine Hosentasche, zog sein Handy heraus und legte es neben das Telefon. "Carola, das ist meine letzte Chance, und ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt ergreifen soll."

"Nach meiner Erfahrung gibt es so etwas wie eine letzte Chance nicht."

Jetzt endlich sah er mich an. Seine Augen glitzerten leicht. "Nach deiner Erfahrung, ja?"

"Nun tu nicht so, als wäre ich ein Küken!"

"Du bist sauer auf mich."

"Schnellmerker. Wieso lässt du zu, dass dir die beiden Hyänen so unter die Haut gehen? Wieso hast du zugelassen, dass Kallenbach mit Ehrenberg über die Musketiere spricht? Es war dein Informant, deine Recherche und dein Plan."

"Ich hatte etwas Hilfe."

"Na, was habe ich dir schon geholfen? Etwas Aktenwühlerei, ein paar Denkanstöße." Mike schwieg nur. Es war schwierig, nicht auf und ab zu laufen und so etwas von meiner Anspannung loszuwerden. Nach ein paar Augenblicken konnte ich es nicht mehr zurückhalten. "Nicht, dass ich nicht mehr getan hätte, wenn du mir die Gelegenheit gegeben hättest."

"Carola, ich kann meine Quelle nicht preisgeben. Nicht mal Kallenbach weiß, wer mein Informant ist." Er steckte sein Handy wieder ein. "Zumindest hoffe ich, dass er es nicht weiß. Er würde keine Minute zögern, es zu seinem Vorteil zu nutzen."

Ich schnaubte. "Und du hast Skrupel, an ihm vorbei zum Chef zu gehen. Ich begreife dich wirklich nicht."

"Verdammt will ich sein, wenn ich auf Kallenbachs Niveau sinke. Carola, sechs Jahre Durststrecke sind eine lange Zeit. Kallenbach ist hier die Nummer eins, und ich riskier' nicht diesen Fall, nur damit ich gut aussehe vor Ehrenberg. Vieles spricht dafür, dass hinter diese Geschichte mehr steckt als ein Abenteuer von dummen Jungen. Wenn wir das erfolgreich über die Bühne bringen, schuldet Kallenbach mir was. Auf rein beruflicher Ebene. Ich will wieder einen Fuß in der Tür haben."

"Warum hast du nie den Versuch unternommen, den Fuß in eine andere Tür zu kriegen? Es gibt andere Abteilungen. Es können doch nicht alle so denken wie Kallenbach und Deichsel."

Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust. "Willst du schätzen? Wenn dich ein Kollege schief ansieht oder Gespräche verstummen, sobald du in einen Raum kommst, denkst du nicht darüber nach, wie du sie davon überzeugen kannst, dass Schwule gute Polizisten sein können. Dann hast du genug damit zu tun, ihnen nicht eins in die Fresse zu geben. Und das beste Mittel ist immer noch, sie einfach stehenzulassen. Klingt paranoid, was?"

"Klingt, als ob du bereust, dass du dein Coming-out hattest."

"Stimmt. Tue ich."

Ich musste ein Schaudern unterdrücken, stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich es nicht wüsste und nicht erfahren sollte. Wann es mir auffallen würde, dass er keine privaten Gespräche führt, dass er nichts über sein Privatleben erzählt, dass er mich niemals einlädt, etwas nach Feierabend zu unternehmen. Ob es mir überhaupt auffallen würde...

"Ich will meine Unantastbarkeit wiederhaben."

"Kallenbach hat etwas in der Hand gegen dich?"

"Nicht so dramatisch. Nichts Konkretes, was er oder andere mir vorwerfen könnten. Aber die Nächte sind lang, und ich will nicht mit meinem Seelenfrieden für meine Karriere bezahlen."

"Was?"

"Ich habe einmal den Fehler gemacht, Privates und Berufliches nicht zu trennen. Wenn wir diesen Fall erfolgreich abschließen, wird mir das nicht noch einmal passieren."

Ich begriff ihn immer noch nicht, hatte aber das Gefühl, dass er nicht deutlicher werden würde, wenn ich nochmals nachhakte. Aber da war etwas anderes in seiner Feststellung, bei dem ich sicher sein musste, dass ich mich nicht verhört habe. "Wir, Mike?"

"Wenn ich dir nichts über meinen Informanten erzähle, heißt das nicht, dass ich dir nicht traue. Im Gegenteil. Es reicht aber, wenn Kallenbach mich auf dem Kieker hat."

"Das kannst du gleich vergessen, Mike, Kallenbach differenziert nicht mehr zwischen uns beiden. Den Zahn, dass er mich gegen dich ausspielen kann, habe ich ihm gerade gezogen."

Er sah mich lange und schweigend an, aber ich hatte keine Mühe, seinem Blick standzuhalten. Er nickte schließlich. "'kay. Trotzdem bleibt es so, wie es ist. Das mit dem Informanten schultere ich allein. Es reicht, wenn einer die Verantwortung trägt, wenn alles schiefläuft."

Mir war klar, dass er keinen Kompromiss eingehen würde. "Unter einer Bedingung. Wenn das hier vorbei ist, egal ob es gut oder schlecht ausgeht, will ich die komplette Geschichte hören."

"Versprochen." Es kam ohne Zögern. "Wegen heute Mittag... Tut mir leid, was ich da veranstaltet habe. Hab' versucht, mein Problem mit Klaus auf dich abzuwälzen. Kommt nicht mehr vor."

"Ich denke, wir sind quitt. Was ich gestern im Lagerhaus abgezogen habe, war auch nicht fair." Ich streckte ihm meine Hand hin. "Abgemacht, Partner?"

"Abgemacht." Seine Hand war eiskalt, aber der Händedruck fest.

"Der Beginn einer wunderbaren Partnerschaft?" Ich lächelte ihn an und war erleichtert, dass er es erwiderte.

"Und der Beginn eines wunderbar langen Wochenendes."

Ich ließ seine Hand los, stemmte meine Hände in die Hüften. "Nun, das kommt darauf an. Hattest du nicht etwas von einem Umzug erzählt? Bei dem eine Wohnung für Thorsten und mich rausspringen könnte?"

"Hab' ich. Wenn's dir nichts ausmacht, Samstag in aller Herrgottsfrühe aufzustehen... Morgen Abend fangen wir an, so gegen halb sechs, aber da wir erst Samstag in die Wohnung können, werden wir nur die erste Wagenladung fertigmachen und die Sachen in der Wohnung soweit wie möglich vorbereiten. Laut Täuber-Plan ist die erste Tour für Samstag Morgen um sechs angesetzt."

Ich brauchte nicht lang, mich zu entscheiden. "Du kannst mich morgen um fünf abholen."

"Morgen?"

"Ja, wenn schon, denn schon. Oder bin ich im Weg?" Er schüttelte den Kopf, begann zu grinsen. Ich traute mich kaum nachzufragen. "Was ist jetzt wieder?"

"Du hast gar nicht nach den Stockwerken gefragt."

"Nicht mein Ressort. Ich hatte nicht vor, irgendetwas zu schleppen, was schwerer ist als ein Brotkorb. Dafür haben wir starke Männer an unserer Seite."

"Starke Männer?" Mike sprang auf und sah sich um. "Wo?"

"Kindskopf. Ich habe deine Muskeln und dich schon in Aktion gesehen." Ich deutete einen Boxhieb an.

Er rieb sich das Kinn. "Erinnere mich nicht dran."

"Du musst zugeben, das hat uns eine steife und formale Begrüßung erspart. Und du kamst nicht in Versuchung, mir den unverwundbaren Supermann vorzuspielen."

"Psscht. Wie kannst du so sorglos meine geheime Identität erwähnen? Ist doch alles nur Tarnung."

"Wo ist denn Ihre Brille, Mr. Kent?"

"Wer hat denn gesagt, dass ich DER Supermann bin? Gibt noch andere Superhelden."

"Supergroby."

"Genau. In Wahrheit habe ich blaues Fell und eine rote Knollennase. Und Klaus wäscht die Tischtücher, mit denen ich nächtens durch die Stadt fliege."

"Hinter jedem erfolgreichen Mann..." Ich ließ den Satz unvollendet, und Mike lachte nur.

"Lass das nicht Klaus hören. Der glaubt, er ist das starke Geschlecht in unserer Beziehung."

Er zog seine Jacke an, ging in Richtung Tür. "Und jetzt lass uns hier abhauen. Ich bring' dich nach Hause. Oder musst du noch was einkaufen?"

"Nein, im Moment nutze ich die Vorteile von Hotel Mama schamlos aus."

Er hatte schon die Hand auf der Klinke, da fiel mir etwas ein. "Warte, Mike. Diese Umzugsaktion und all das... Wie passt das denn mit diesem Entschluss zusammen, Privates und Berufliches zu trennen?"

Fragend zog er eine Augenbraue hoch. "Was hat das mit dir zu tun? Wir sind Partner!"

Er klang etwas entrüstet, vollkommen überzeugt und war meiner Meinung nach völlig unlogisch. Aber es gefiel mir. Sehr.

 

 
Kapitel 3: and nothing goes your way and you become too scared to try

 

25. Januar 2003

Kerstin setzte sich seufzend auf den Küchentisch und sah sich in dem Raum um. "Oh. mein. Gott. Wir haben es tatsächlich geschafft."

Klaus öffnete eine Bierflasche und reichte sie ihr. "Du machst wohl Witze. Das Schwerste haben wir noch vor uns. Hast du dir schon mal ausgerechnet, wie oft wir runter und wieder rauf müssen, bis wir das Zeugs hier in der neuen Wohnung haben? Vom Aufstellen der Möbel und dem Auspacken ganz zu schweigen."

"Wehe dem, der mir auch nur eine Schätzung gibt."

Zu fünft - Herr Martens, Kerstins Vater, war vor zehn Minuten nach Hause gefahren - hatten wir knapp vier Stunden gebraucht, um Kerstins Einrichtung zu verpacken, Möbel zu zerlegen. Den Inhalt der Schränke hatte Kerstin größtenteils in den letzten Tagen in Kisten verstaut. Der Transporter, den Herr Martens von einem Kollegen geliehen hatte, stand vollgepackt im Innenhof.

Mike nahm sich auch ein Bier aus dem Kasten, der auf dem Küchentisch stand. "Und du hast Recht. Für heute haben wir es geschafft. Und jetzt?" Wir schauten ihn fragend an. Er hob die Schultern. "Ich hab' 'nen Bärenhunger."

Kerstin sprang vom Tisch und öffnete den bereits abgeschalteten Kühlschrank. "Außer den Getränken habe ich nichts mehr im Haus. Alle Einkäufe von morgen landen direkt in der neuen Wohnung. Doppelt geschleppt wird nicht. Wir wär's mit Pizza?"

"Und essen hier?" Klaus schüttelte den Kopf. "Bitte nicht."

Mike sah sich um und seufzte. "Na ja, wir brauchen nur was in den Magen, groß gemütlich machen ist eh nicht drin. Aber wenn du 'ne bessere Idee hast..."

"Ich dachte, wir verlegen diese ausgelassene Party zu uns nach Hause, holen unterwegs etwas zu essen. Carola und Kerstin können im Gästezimmer übernachten. Wir starten dann morgen früh die erste Tour von uns aus." Wir hatten nicht nur den Sprinter beladen, sondern auch Mikes Passat und sogar Kerstins Mini-Mazda an den Rand ihrer jeweiligen Belastbarkeit gebracht. Klaus' Wagen hatte Timing bewiesen und stand in der Werkstatt.

Kerstin nickte langsam. "Gute Idee, das erspart es mir, mich in dieser Atmosphäre schlaflos hin und her zu wälzen. Ich rufe meinen Vater an, dass wir uns direkt an der neuen Wohnung treffen." Herr Martens war ohnehin als Fahrer für den Transporter eingeplant; klar, dass er sich für das Teil verantwortlich fühlte.

Ich zögerte kurz. Eigentlich sehnte ich mich nur nach meinem eigenen Bett, aber es würde Mike zwei Umwege ersparen- "Carola?", fragte Klaus. "Einverstanden?"

"Okay", sagte ich etwas gedehnt. "Ich rufe nur eben meine Mutter an und sage Thorsten gute Nacht. Wie ich ihn kenne, wird er darauf bestanden haben, auf seine Mama zu warten."

"Alles klar. Kerstin packt ein paar Sachen für heute Nacht ein-"

Ich fiel ihm ins Wort. "Ja, genau, hast du auch etwas für mich?"

Kerstin nickte. "Hab' ich." Sie verschwand aus der Küche, aber Mike rief sie zurück.

"Was willst du essen? Ich rufe schon mal bei unserem Italiener an, dann ist alles fertig, wenn wir dort sind."

"Ach, Pasta reicht mir eigentlich. Nein, Gnocchi in Käsesauce. Und einen kleinen Tomatensalat bitte."

"Carola?"

"Calzone. Von mir aus mit allem, nur keine Anchovis!"

Ich ging in den Flur und zückte mein Handy. Nach dem zweiten Klingelton meldete sich meine Mutter. "Stern."

"Ich bin's, Caro. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich bei- äh, dass ich nicht nach Hause komme. Wir wollen morgen früh raus, so-" Ich murmelte noch etwas, fühlte mich plötzlich wie ein Teenager. Bevor meine Mutter einen Kommentar loslassen konnte, sprach ich schnell weiter. "Ist Thorsten noch wach?"

"Er hat sich wirklich Mühe gegeben, ist aber kurz nach neun eingeschlafen. Ich hab ihn ins Bett gebracht, und er hat nicht mal gezuckt."

Gott sei dank. Ich glaube nicht, dass ich für Thorsten eine bessere Erklärung gehabt hätte als für meine Mutter. "Ja, dann lass ihn mich bitte morgen auf dem Handy anrufen, ja? Mama, ich muss jetzt Schluss machen. Wir wollen los." Ich beendete die Verbindung, ohne auf ihre Antwort zu warten, fühlte, wie ich rot wurde. Das war ja grauenhaft, wie ich mich benahm.

Klaus schaute um die Ecke. "Kerstin fährt mit Mike, wir fahren in Kerstins Auto." Er wandte sich um. "Wir fahren schon los, Mike." Er kam raus und ging zum Schlafzimmer, klopfte an. Auf Kerstins Ruf öffnete er die Tür. "Gibst du mir deine Wagenschlüssel? Carola und ich fahren schon mal los und bringen das Essen mit." Er griff sich den Mantel, und lief an mir vorbei, öffnete die Tür für mich. Auf dem Weg zum Auto klickte es plötzlich in meinem Kopf. Seltsam, dass er mich mitnimmt und nicht Kerstin. Oder anders herum, dass ich nicht mit Mike fahre...

Klaus ließ mir kaum Zeit, meinen Gedanken weiterzuspinnen. Er schloss mir die Wagentür auf, und ich setzte mich, vorsichtig, da wir eine wilde Sammlung von Übertöpfen und Vasen in zwei Kartons auf dem Boden vor dem Beifahrersitz plaziert hatten. Nach einigen Versuchen, meine Füße zwischen die Kartons zu quetschen, stellte ich sie auf den Rand des stabileren Kartons.

"Oh, schön, du hast es dir bequem gemacht", lachte Klaus, als er einstieg. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, und ihm rutschte eine Decke auf den Kopf. Fluchend drehte er sich um und stopfte sie nach hinten.

"Nicht so doll", warnte ich, "sonst öffnet sich der Kofferraum."

"Drück lieber die Daumen, dass uns die Polizei nicht anhält."

"Erstens hast du die schon im Wagen, und zweitens kannst du ja warten, bis dein Kripomann hinter uns ist und uns Deckung gibt. Außerdem ist alles vorschriftsmäßig verpackt da hinten. Du kannst sogar durch den Rückspiegel schauen."

"Und sehe Kerstins Schaukelpferdchen, wie es mich angrinst." Er ließ den Wagen anspringen und setzte aus dem Stellplatz zurück auf die Straße.

"Ist doch ein gutes Gefühl, wenn deine Passagiere Vertrauen zu dir haben."

"Ich habe eher den Eindruck, es lacht mich aus. Ich weiß nicht, was sie mit dem Ding anfangen will. Wurmstichig, abgeblätterte Farbe..."

"Wahrscheinlich hängt ihr Herz dran."

"Und warum musste ich es vom Speicher runterholen?"

"Weil die Wohnung zu klein war. Das ändert sich ja jetzt."

"Trotzdem google ich ihr mal eine Liste von Trödelmärkten und Secondhand-Läden."

"Ich weiß jetzt schon, was sie sagt, was du damit machen kannst."

"Schön, dass ihr auf einer Wellenlänge liegt."

Er nahm die erste Kurve etwas zu scharf für meinen Geschmack; ich konnte gerade noch verhindern, dass ich die Vasensammlung dezimierte. "Hey, Paris-Dakar ist eine andere Strecke." Vorsichtshalber setzte ich mich in den Schneidersitz, was in angeschnalltem Zustand nicht so einfach war. "Das war doch genau das, auf das du spekuliert hast, oder?"

Er sah kurz zu mir rüber. "Was? Dass ich Rallye fahren darf? Das einzig Spannende an einem Umzug ist der Beifahrer, der in den Kurven quiekt 'der kippt'..."

"Ich habe nicht gequiekt. Und ich meine was anderes, und du weißt genau, wovon ich rede. Mike hat mir von deinem infamen Plan erzählt."

Er schüttelte den Kopf. "Niemand versteht mich. Infamer Plan, tststs. Der Plan ist genial. Kerstin wird einen Untermieter brauchen, wenn die Einliegerwohnung fertig ist. Und du willst bei deiner Mutter raus. Du und Kerstin mögt euch, du und Claudia auch."

"Klaus, Claudia ist vier! Sie war nett während der zwanzig Minuten, bis sie von der Mutter ihrer Freundin zum im Haus campen abgeholt wurde."

"Na, siehst du, dann braucht dir nur noch die Wohnung zu gefallen-"

"-die im Moment noch eine halbe Baustelle ist."

"Ach, das geht schnell. Horstmann kriegt den Rest der Kaufsumme erst, wenn sie bezugsfertig ist."

"Wie kommt es eigentlich, dass der verkauft und vorher noch die Renovierung übernommen hat?"

Klaus ging vom Gas, und aus Schritt- wurde Schneckentempo. Ahhh, eine rote Ampel am Ende des Horizonts. Er nahm sich meinen Protest zu Herzen. Oder er wollte Zeit gewinnen. Wahrscheinlich letzteres. "Das war ein Deal, den unsere Immobilienabteilung gefahren hat, bevor wir das Objekt aufgenommen haben. Er ist vom Fach, macht Innenausbauten bei etlichen von unseren Kunden. Wir haben den Kaufpreis erhöht für die Renovierung."

"Aber um nicht so viel, wie so eine Renovierung am freien Markt gekostet hätte?"

"Wenn du mal einen Job brauchst, kannst du sofort bei uns anfangen." Klaus grinste vor sich hin, schaltete wieder hoch. "Ernsthaft. Ich will weder dich noch Kerstin unter Druck setzen. Ich dachte nur, es wäre eine mögliche Lösung-"

"-für ein Problem, das nicht das deine ist. Woher kommt das eigentlich, dass du dich... so engagierst?" Ich war richtiggehend stolz darauf, dass ich meine Stimme soweit unter Kontrolle hatte, dass meine Frage nicht wie ein Vorwurf oder gar Angriff klang.

"Ich finde, es ist nichts Verwerfliches daran, Menschen, die man mag, zu helfen."

"Danke für das Kompliment, aber woher kommt dieses unverdiente Vertrauen? Bei mir zum Beispiel. Wir kannten uns kaum zwei Wochen, und du hast mich aufgesucht, um mit mir über Mike zu sprechen." So, jetzt war das raus, und ich hatte das Gefühl, Klaus hatte mich nur deswegen mitgenommen, damit ich diese Frage loswerden konnte. Als er schwieg, ging ich einen Schritt weiter. "Nicht, dass mich Mikes Vertrauen nicht auch überrascht, aber mit ihm bin ich immerhin einige Stunden mindestens fünf Tage die Woche zusammen." Den Rest schluckte ich herunter, auch wenn die Stimme in meinem Hinterkopf zu laut war, um sie zu ignorieren. Und vielleicht liegt in seinem Vertrauen ja auch ein Schuss von Verzweiflung. Jedenfalls hat sein Gerede von der letzten Chance deutlich danach geklungen...

"Ich glaube nicht, dass Mikes Vertrauen dir gegenüber nur aus einer reinen Notwendigkeit heraus entsteht. Das ist nicht sein Stil, dafür ist er nicht der Typ."

Klasse, jetzt kann er auch noch Gedanken lesen, oder was? "Das beantwortet nicht meine eigentliche Frage."

"Gestern Mittag war Mike bei mir und hat mir in etwa die gleiche Frage gestellt. Hat mich gefragt, wie ich dazu komme, hinter seinem Rücken mit dir über ihn zu sprechen."

Wieder schwieg er, und ich wurde langsam wütend über seine Art, ein Gespräch zu steuern, wie es ihm passte. Es mochte eine Berufskrankheit bei ihm sein, aber ich hatte keinen Nerv für Spielchen. "Hat er wenigstens eine Antwort gekriegt?"

"Nicht auf alle seine Fragen, fürchte ich", sagte Klaus leise, und ich versuchte, etwas aus seiner Körperhaltung zu erkennen, da ich von seinem Gesicht nur das Profil sehen konnte, dazu noch im dunklen Wagen. Aber seine aufrechte Haltung gab mir keinen Anhaltspunkt. Ich hatte keine Ahnung, ob er sich verkrampft hatte. Es sah nicht so aus. "An dem ersten Abend in der Trainingshalle... oder besser danach, als du uns erklärt hast, wieso du noch an dem Abend selbst gekommen bist, um Mike zu treffen... Du warst so wütend über die Kollegen, die dir weismachen wollten, dass es zu Mikes Angewohnheiten gehört, seine Partner auszutesten..."

Er sah zu mir hinüber, und ich nickte als Bestätigung. Er hatte es richtig erkannt damals, dass ich außer mir war. Kallenbach hatte mir bei meiner Ankunft im Präsidium die Story aufgetischt, dass Mike es nicht für nötig gehalten hatte, mich zu begrüßen. Dass er ungerührt seiner Wege ging, obwohl er wusste, wann ich eintreffen würde. Ich war sauer gewesen über diesen arroganten neuen Kollegen und genau in der richtigen Stimmung, dem meine Meinung zu sagen. Aber es hatte sich ziemlich schnell herausgestellt, dass man Mike genauso verarscht hatte wie mich.

"Ich hab's zuerst gekauft... Bis ich gesehen habe, wie du- Na ja, als Axel Mike von den Beinen geholt hatte und ich deine Reaktion gesehen habe, da war meine Wut wie weggeblasen, auch wenn's zu dem Zeitpunkt reiner Instinkt war. Und als ich begriffen habe, wie leicht ich mich habe manipulieren lassen... Hätte ich Kallenbach und Deichsel zur Rede gestellt, wahrscheinlich hätte ich alles nur noch schlimmer gemacht. Ich musste die Sache mit meinem potentiellen Partner selbst klären. Und keine Chance, dass ich bis zum nächsten Tag gewartet hätte." Ich rief mir die Gefühle des besagten Abends in meine Erinnerung zurück. "Ich gebe zu, es war mehr als nur eine Spur Widerspruchsgeist und Trotz dabei." Ich war von den gehässigen Bemerkungen Deichsels und mehr noch von den gar nicht so subtilen Andeutungen Kallenbachs abgestoßen gewesen, gleichzeitig so... berührt - um nicht zu sagen gerührt - von Klaus' Sorge um Mike, die sich noch Stunden später gezeigt hatte, dass ich meine Wahl schnell getroffen hatte.

Klaus nickte. "Eben. Da war nichts Gespieltes an der Art, wie du Mike und auch mir gegenüber getreten bist. Und die Tage und Wochen danach hatten meinen ersten Eindruck nur bestätigt. Zum ersten Mal seit Monaten hatte Mike wieder ein Leuchten in den Augen, wenn er sich über seine Arbeit ausließ. Vor allem: Er erzählte von sich aus, ohne dass ich ihm alles aus der Nase ziehen musste. Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein, aber wenn du ihn vorher erlebt hättest... Diese gefakte gute Laune, es ist alles in bester Ordnung-Fassade... Die ich ihm leider viel zu lang abgekauft hatte..."

"Aber warum hast du nicht einfach die Dinge laufen lassen? Irgendwann hätte Mike mir von seinen Sorgen von sich aus erzählt, von seinen Schwierigkeiten... Schließlich bin ich nicht blind, und ich bekomme mit, was zwischen ihm und den Kollegen so abgeht. Gestern... ich glaube, er fühlt sich von uns übergangen..."

"Ich weiß. Er war gestern Mittag in der Filiale. Nach eurem... Gespräch im Bistro." Als ich das kommentieren wollte, packte seine Hand meine halb erhobene. "Ich wollte nicht riskieren, dass Mike dir etwas vorspielt, wie er es bei mir getan hat. Deshalb habe ich mich eingemischt, habe dir von Mikes Expartnern erzählt, von meiner Angst, er könnte was Unüberlegtes tun, um sich zu beweisen. Ich kam mir vor wie eine Klatschtante. Aber ich konnte nicht riskieren, dass ihr... dass du-"

"-dass ich mir eine so komplizierte Partnerschaft nicht antun wollte und die Flucht ergreife? Wenn du das glaubst - oder geglaubt hast - dann hast du dich viel eher als Mike von Verzweiflung treiben lassen."

Klaus quetschte den Wagen in eine Parklücke und drehte sich zu mir um. "Touché. Ich kann dich nur um Entschuldigung bitten, Carola. Was ich hiermit tue. Ich werde den Teufel tun und mich noch einmal in eure Partnerschaft einmischen."

Ich nickte langsam. "Hast du dieses Versprechen Mike auch gegeben?"

Er seufzte. "Nein. Dazu bin ich nicht mehr gekommen. Aber das braucht dich nicht zu kümmern. Damit müssen Mike und ich klarkommen." Er lächelte, zumindest versuchte er es, und es wurde eine Grimasse daraus. "Ich hole das Essen." Er stieg aus und, bevor er die Tür zuschlug, beugte er sich runter und schaute er mich noch mal an. "Pass gut auf ihn auf. Und das meine jetzt nicht so, wie du es beim letzten Mal verstanden haben musst. Sondern... du weißt schon." Die Tür knallte zu, und er hastete über die Fahrbahn, zur Pizzeria. Und mir war bei Klaus und Mike nicht mehr ganz klar, wer von wem gelernt hatte, wenn es um taktische Gesprächsführung ging.

 

 
Kapitel 4: you stop believing in yourself

 

29. Januar 2003

Zum siebten Mal innerhalb einer Viertelstunde schaute ich auf die Uhr. Nachdem mich Mike beim dritten Mal kopfschüttelnd angesehen hatte, schielte ich mittlerweile nur noch auf die Anzeige meines Monitors, während ich versuchte, mich mit Solitaire abzulenken. Völlig vergeblich natürlich.

Wieder und wieder ging ich den Plan für den heutigen Abend durch. Überprüfte gedanklich meine Ausrüstung, suchte nach irgendetwas, das ich übersehen hatte. Oder irgendetwas, das wir übersehen hatten. Laut Mike waren sowohl Kallenbach und Deichsel als auch Herzog und Pauly gut genug, dass die Geschichte von unserer Seite aus problemlos über die Bühne gehen sollte. Überwachung des Treffpunkts... Photos von den Verdächtigen... Observation, bis wir wussten, wer dahinter steckte. Falls jemand dahintersteckte.

Wie hatte es Mike in der Besprechung formuliert? "Der entscheidende Faktor ist die Unerfahrenheit der Jungs. Sobald die mitkriegen, dass aus ihrem Deal nichts wird, brauchen sie einen neuen Plan. Falls sie einen großen Bruder haben, werden sie ihn kontaktieren. Falls sie nur Trittbrettfahrer sind, kriegen wir sie über die Ware."

Später hatte ich ihn dann gefragt, was er für wahrscheinlich hielt. "Trittbrettfahrer", war seine Antwort gewesen.

"Aber sie haben sich das nicht einfach irgendwo abgeguckt. Ich denke, sie waren Teil einer größeren Sache. Und sind auf die Idee gekommen, dass sie das Gehirn dahinter nicht bräuchten. Dass mehr für sie drin sein könnte oder sollte. Oder es reizte sie der Thrill bei der ganzen Sache. Mein Informant hatte den Eindruck, dass die Jungs das Geld nicht nötig haben. Outfit, aber mehr noch ihr Auftreten lassen einen anderen Schluss zu. Seiner Einschätzung nach halt keine Kids, die an Kohle kommen wollen oder müssen."

"Jungs aus gutem Hause, mit zu viel Zeit und zu wenig Herausforderungen?"

"So ungefähr. Aber diese Spekulationen nutzen nichts, wir müssen auf alles vorbereitet sein. Sobald wir am Treffpunkt sind, können wir nur abwarten und sehen, wie sie reagieren, wenn ihr 'Geschäftspartner' sich nicht blicken lässt."

Ein leises Fluchen riss mich aus meinen Erinnerungen. "Was ist denn los?"

"Papierstau. Dieses Papier ist unmöglich."

"Ich hab's aufgegeben und drucke Seite für Seite immer nur ein Blatt aus. Bei der Materialstelle habe ich schon gemeckert, aber die haben natürlich wieder groß eingekauft, und wegwerfen kommt ja nicht in Frage."

"Ob die's wegwerfen oder ich, is' ja wohl egal." Demonstrativ knüllte Mike die Blätter zusammen und warf sie in den Papierkorb.

"Was willst du denn ausdrucken?"

"Ich habe die Ersatzteilliste und die Liste der beschädigten Wagen der letzten zwei Monate neu sortiert. Alphabetisch kommen wir da nicht weiter. Wenn uns unsere Musketiere nicht auf die richtige Spur bringen, gibt's für uns die üblichen Laufereien. Ich wollte schon mal die Namen der Leute dazuschreiben, die als Abnehmer für solch heiße Ware in Frage kommen."

"Gute Idee. Ich werde dir helfen. Kommt ja nicht in Frage, dass du dich alleine beschäftigst, während ich darauf warte, dass es sieben wird. Überspielst du mir die Datei?"

"Wir machen's nicht am PC, sondern erst einmal handschriftlich. Ich find's einfacher, übersichtlicher."

"Egal, Hauptsache, ich kriege was zu tun."

"Du hättest Paulys Angebot annehmen sollen, ihn und Herzog zu begleiten, wenn sie das Geld holen." Mikes Grinsen war ansteckend.

"Nee du, wenn schon Tod durch Langeweile, dann suche ich mir die Langeweile lieber selbst aus. Der Pauly scheint es ja nötig zu haben, dass er meine offensichtlichen Signale, dass ich an ihm nicht interessiert bin, einfach so ignoriert."

"Das isses gar nicht. Er hat eher einen Ruf zu verlieren."

"Ah, der Casanova der Truppe."

"Je unnahbarer du dich gibst... Aber keine Sorge, es ist mehr ein Sport für ihn, und Niederlagen steckt er schnell weg. Und seinen Job nimmt er ernst."

Für den Fall, dass nicht alle drei Verdächtigen zum Treffpunkt erschienen oder gar ohne Ware auftauchten, würde Mike mit dem Geld reingehen und den Deal auf den Weg bringen. Wir alle hofften darauf, dass sich die drei mit der Ware zeigten und sich aus dem Staub machten, wenn niemand zum vereinbarten Zeitpunkt eintraf. Und sich hoffentlich in Richtung Hintermann aus dem Staub machten. Kallenbach würde in der Halle sein, um die Situation einzuschätzen und die entsprechenden Befehle an uns, die wir in den Autos warteten, um schließlich die Verfolgung aufzunehmen, weiterzugeben.

Mike holte neues Papier aus der Schublade und fluchte wieder. Seine Hände waren voll Druckerschwärze, und er hinterließ entsprechende Abdrücke auf den Blättern.

"Du wäschst dir die Dreckspfoten, und ich fange schon mal mit dem Ausdruck an."

Mike funkelte den Drucker an und nickte dann. Er klinkte mit dem Ellbogen die Tür auf und verschwand. Ich kontrollierte gerade den fertigen Ausdruck, als es klopfte. "Herein." Ich kannte den Mann nicht, der hereinkam, nicht einmal vom Sehen. Er war schlank, trug Jeans, Hemd und Jackett. So wie er sich umsah... nicht unsicher, eher neugierig... Und sich bewegte... Als trüge er ein Schulterhalfter... Bestimmt gehörte der zur Truppe. "Guten Tag. Kann ich Ihnen helfen?"

"Ja, eigentlich... Ich wollte zu Herrn Niemcek."

Ich ging wieder rüber zu meinem Platz. "Der wird gleich wieder zurück sein. Wollen Sie sich solang setzen?" Ich deutete auf den Besucherstuhl.

Mit einem Nicken ließ er sich darauf nieder. "Ja, danke." Wieder sah er sich um, sein Blick wanderte zu Mikes Schreibtisch. Dort stand ein Bild von Klaus, und er betrachtete es genau. Als er seine Hand hob, dachte ich, er würde es in die Hand nehmen, doch dann fuhr er sich durch die an den Schläfen ergrauten Haare. Er sah weder geschockt noch verwirrt aus; beides Reaktionen, die ich schon bei Fremden erlebt hatte, die das Photo gesehen hatten. Stattdessen wirkte er nur sehr nachdenklich. Und machte keine Anstalten, sich mir vorzustellen. Na, fragen würde ich nicht.

 

Die Tür ging auf, und Mike war zurück, rieb an seiner rechten Hand. "Ich hab' keine Ahnung, was für 'ne Schmiere sie in die Seifenspender füllen, aber zur Reinigung ist das Zeug bestimmt nicht geeignet."

Der Mann war aufgesprungen, und ich unterbrach Mikes Monolog. "Mike, du hast Besuch."

Er ließ endlich seine Hand in Ruh und sah hoch. "Chris!"

"Hallo, Mike."

Mike schlug die Tür zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. "Was hat dich denn hierhin verschlagen?" Erfreut klang das nicht.

"Ich würde dich gern sprechen. Allein."

Ich war sicher, dass Mike mich bitten würde, sie allein zu lassen. Oder dass er mit diesem Chris den Raum verlassen würde.

"Was immer du mir zu sagen hast, kannst du hier und jetzt los werden."

"Wie du willst." Chris ging langsam auf Mike zu, der sich langsam aufrichtete. Ex!, schoß es mir durch den Kopf, aber der Gedanke setzte sich nicht fest. Ein ehemaliger Freund würde wohl kaum hier im Büro auftauchen. Schon gar nicht nach so vielen Jahren, die Mike und Klaus-

"Ich hatte vorhin einen netten Anruf von unserem gemeinsamen Freund Kallenbach. Du kannst dir wohl nicht vorstellen, was er mir mitzuteilen hatte?"

"Seit wann nimmst du den überhaupt ernst?"

"Weich mir nicht aus, Mike. Glaub mir, ich hätt's lieber von dir erfahren." Für ein paar Sekunden hielt Mike dem Blick von Chris stand, dann ließ er den Kopf sinken. "Mein Gott, es ist wirklich wahr." Mike wollte an Chris vorbei, aber der packte ihn am Oberarm und drehte ihn zu sich um. "Verdammt, es ist wahr. Wie kannst du ihn nur in diese Scheiße reinziehen? Hast du eine Sekunde überlegt, was das für ihn bedeutet?"

"Chris, hör mir zu, das ist nicht so einfach. Er hat mich-"

"Es ist nicht so einfach? Für wen ist es denn nicht einfach? Für dich? Erzähl mir doch keinen Scheiß, Mike, ich habe diese Spiele lang genug selbst gespielt. Obwohl ich niemals dein Händchen für diese Dinge hatte, auch damals nie begriffen habe, wie du an diese ganzen Informationen gekommen bist. Aber dass du jetzt Eddie in so was reinziehst, ist wohl das Letzte. Du weißt doch am Besten, wie schwer es für ihn war, aus der Szene rauszukommen. Und wie schnell Dreck wieder haften bleibt. Und das bei seiner Kundschaft. Meinst du, die finden es chic oder in, ihre blitzenden Schätze einem Polizeispitzel anzuvertrauen?"

Mike riss sich los und baute sich vor Chris auf. Aschfahl war er im Gesicht, während Chris ausssah, als würde die Ader in seinem Hals jede Sekunde platzen. "Oh phantastisch, Chris, seit wann malst du eigentlich nur noch in Schwarz und Weiß? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du meine Kontakte jemals als verwerflich angesehen hast, wenn wir davon profitiert haben. Oder wenn du davon profitiert hast. Und was Eddie angeht, weiß ich es wirklich am Besten. Ich war nicht nur dabei, ich war ganz dicht dran. Zu dicht. Ich kann nicht behaupten, dass es unsere Beziehung oder meine Karriere nach vorne gebracht hat. Aber mir war's das wert gewesen. Eddie hat den Absprung geschafft, und ich habe es keine Sekunde bereut, was ich da riskiert habe."

"Was du riskiert hast? Vergisst du da nicht etwas?"

"Was soll ich vergessen? Deinen heroischen Anteil an der ganzen Sache? Habe ich nicht, dafür hat schon Eddie gesorgt, mit seinen Augen, die jedesmal aufleuchteten, wenn nur dein Name fiel. Aber auch das war's mir wert. Du hast etwas vergessen, Chris. Während du den sauberen Abgang geschafft hast, saß ich immer noch in dieser Abteilung fest."

"Ist wohl kaum meine Schuld, Mike. Wenn es so grauenhaft für dich gewesen ist, wieso bist du dann geblieben?"

"Darauf kommst du vielleicht, wenn du für zwei Minuten aufhörst, an dich selbst zu denken!"

"Ich denke hier nicht an mich, sondern an Eddie. Ich schwöre dir, Mike, wenn du diese Geschichte versaust und Eddie bleibt auf der Strecke..." Chris ließ seine Hände sinken, mit denen er gerade noch gestikuliert hatte. "Es ist mir unbegreiflich, was in dir vorgeht, Mike. Erst dein Stunt bei der Weihnachtsfeier, jetzt diese Aktion. Warum Eddie da mitspielt, warum er glaubt, dir das hier schuldig zu-"

"Schuldig?" Chris und ich zuckten zusammen, als Mike Chris plötzlich anfuhr. "Eddie schuldet mir rein gar nichts, klar?"

Chris stand vor Mike mit offenem Mund, schloss ihn ganz langsam. Mit jedem Zentimenter fand er wohl seine Entschlossenheit wieder. "Wie auch immer. Es ist ohnehin vorbei. Das Spiel ist im Gange. Denk nur an meine Worte, dass ich nicht zulasse, dass Eddie für deine Karriere über die Klinge springt." Dies kam ganz ruhig, klang aber drohender als all die wütenden Anschuldigungen vorher. In der nächsten Sekunde war Chris aus der Tür.

 

Mike stand einfach nur da, ballte die Fäuste und versuchte vergeblich, sich zu beruhigen. Ich wusste, ich musste etwas sagen, aber ich hatte absolut keine Ahnung was. Ich wusste nur, dass ich am liebsten Kallenbach und Chris meine Meinung ins Gesicht geschrien hatte. Kallenbach für diese absolut unnötige Indiskretion, egal, was zwischen ihm und Mike war. Und diesem Chris für seinen blödsinnigen Auftritt, ein paar Stunden, bevor unser Einsatz - Aber das war jetzt gleich, ich musste irgendwas mit Mike anstellen, damit er wieder zu sich kam.

Ich ging zu ihm rüber, legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. Bevor ich etwas sagen konnte, drehte er sich zu mir um.

"Tut mir leid, Carola, dass du das mitbekommen hast. Ich hätte wissen müssen, dass Chris sich wegen dir nicht zurückhalten würde."

"Mike, vergiss das jetzt. Mir tut es nicht leid, dass ich hier war. Bin, verdammt!" Der Fluch half, etwas von meiner Wut los zu werden.

Und Mike half es wohl auch, denn er holte tief Atem und sagte, "Eigentlich tut es mir auch nicht leid."

"Es wäre übertrieben, wenn ich sagte, dass ich das alles begreife oder dass ich dich begreife. Aber das hilft uns jetzt nicht weiter. Wir müssen heute Abend da raus und unser Bestes geben. Nur bei diesem Scheiß-Kallenbach bin ich mir da jetzt nicht mehr so sicher."

"Er ist nicht so blöd und macht einen nachzuprüfenden Fehler, Carola, da mach dir mal keine Gedanken."

"Und was ist mit dir?"

"Mit mir?"

"Menschenskind, Mike, du hast doch deine Entscheidung schon vor fast einer Woche getroffen, diese Geschichte durchzuziehen. Und jetzt sind's nur noch ein paar Stunden bis zu dem Treffen."

"Oh, das Date werden wir auch einhalten. Und Chris wird keine Gelegenheit bekommen, mir den Arsch aufzureißen!"

Die Reaktion erinnerte mich an Mikes Entschlossenheit, seinen Informanten rauszuhalten, und ich wagte nicht zu fragen, wie weit er dabei gehen würde. Die andere Frage, die mir auf der Seele lag, war plötzlich vergleichsweise einfach zu stellen. "Mike, ich weiß, ich habe versprochen, bis zum Abschluss des Falles zu warten, aber-"

Er lachte leise und ging zu seinem Platz, setzte sich auf die Tischplatte. "Weiß schon. Und es ist okay. Jetzt kannst du auch den Rest hören. Der Informant ist mein Exfreund, Edgar Sänger. Er war mal in illegale Geschichten verstrickt, nicht von der Sorte Schicksalsschläge und schlechter Umgang, sondern er hat sich so seine Kohle verdient. Wenn man ihn fragte, kam der lapidare Spruch 'Ich frisiere geklaute Autos.' Zu der Zeit haben Chris und ich ihn kennen gelernt. Chris war damals noch in dieser Abteilung; wir waren über fünf Jahre Partner zu der Zeit." Er sah mich an und zuckte mit den Schultern. "Ziemlich viele Exe auf einen Haufen, nicht?"

Was konnte ich nur sagen? Und es war auch gar nicht nötig.

"Na ja, damals bin ich mit Eddie zusammengekommen. Es hat nicht lang gehalten. Eddie ist ausgestiegen aus der Szene. Hat seit mehreren Jahren eine florierende Werkstatt. Absolut sauber. Keine krummen Sachen mehr. Und er ist jetzt mit Chris zusammen. Die einzig wahre und große Liebe." Ich war überrascht, dass keine Bitterkeit in seinen Worten war. Es hörte sich eher an wie... Sehnsucht? "Und in diese Dreiecksgeschichte, die überhaupt gar keine ist, platzen jetzt unsere Musketiere."

"Warum hast du Chris nicht gesagt, dass du Eddie raushalten wirst? Oder hast ihn nicht von Anfang an eingeweiht?"

"Du kennst Chris Schwenk nicht. Warum glaubst du, hat Eddie ihm nichts erzählt? Chris hat nicht ganz Unrecht mit dem, was er mir vorwirft. Es geht mir um meine Karriere. Er hat nur nicht begriffen, wer hier den Einsatz zahlt und das Risiko trägt."

Langsam dämmerte es mir. "Und es ist nicht das erste Mal."

"Was?" Mike sprang vom Schreibtisch und stellte sich vor mich. "Wie meinst du das?"

"Ich denke, ich weiß, warum du nicht die Abteilung gewechselt hast, als dein Partner sich versetzen ließ. Es war wegen Eddie. So konntest du ihm besser helfen. Und ihn gleichzeitig unter Druck setzen. Er konnte dich ja schlecht bei seinen Freunden mit den Worten vorstellen, 'Mein Liebhaber, der Bulle', oder?"

Mikes Augen weiteten sich, er drehte sich von mir weg, ließ den Kopf hängen und seine Schultern begannen zu zucken. Ich und meine große Klappe! "Mike, sorry, es tut mir leid!"

Er schüttelte den Kopf, sah mich wieder an. Er lachte, lachte, dass ihm die Tränen die Wangen runter liefen. "Carola, wo zum Teufel warst du die letzten sechs Jahre?"

 

 
Intermezzo: Wenn der Nordwind nach dir sucht

 

"Und nun bringen wir euch gnadenlos das aktuelle Wetter, egal ob ihr's hören wollt oder nicht. Und ihr wisst ja was Leuten passiert, die nicht hören wollen... Mit der einbrechenden Nachtkälte kommt es zu schweren Beeinträchtigungen des Verkehrs im gesamten Sendegebiet. Der Wetterdienst warnt vor überfrierender Nässe; die Temperaturen liegen zwischen minus fünf und minus acht Grad. Vorhersage für morgen: Null Besserung in Sicht. Wir empfehlen, mit dem Hintern zu Hause zu bleiben, und allen, die unbedingt auf die Piste wollen, eine vorsichtige Fortbewegung."

Carola schaltete das Radio aus. "Was heißt hier wollen? Wenn ich die Wahl hätte, läge ich jetzt in einem heißen Bad. Oder gemütlich auf der Couch. Oder-"

"Hörst du auf damit ? Ich hab' selbst genügend Phantasie, um mir alternative Freizeitbeschäftigungen vorzustellen." Ich fingerte an den Einstellungen von Standheizung und Klimaanlage, die den Wagen einigermaßen wärmten und für eine freie Sicht sorgten. Es war kurz nach acht, und draußen war es dunkel, die einzige Beleuchtung ein Strahler, der am Dach des Lagerhauses angebracht war und der wohl den Platz vor der Halle ausleuchten sollte. Dafür reichte die Leistung aber nicht aus. Für unsere Zwecke war es perfekt. Genug, um zu sehen, zu wenig, um gesehen zu werden. Vor einer Stunde hatten wir den Passat in der Nähe eines Containers geparkt, der uns mit seinem Schatten vor neugierigen Blicken schützen würde. Falls es diese überhaupt geben würde...

Ich sollte mir Sorgen machen. Falsch. Ich machte mir bereits Sorgen. Dass die Jungs nicht pünktlich oder gar zu früh am Treffpunkt erschienen, überraschte mich. Ich hatte erwartet - nein, gehofft - dass sie übereifrig zur Stelle sein würden, begierig und nervös, den Deal hinter sich zu bringen.

Als ich zum xten Mal nach dem Knopf in meinem Ohr tastete, griff Carola meine Hand. "Es ist alles in Ordnung mit der Technik, Mike. Sie werden sicher gleich kommen."

Pauly und Herzog waren auf der Straße positioniert, an der das Lagerhaus lag. Ein Gebäude wie Dutzende anderer in diesem Industriegebiet, bis auf zwei Eigenschaften. Es stand seit einigen Monaten leer, uninteressantes Mahnmal des Konkurses der Firma Bleil, Werkstattausbauten aller Art. Und es hatte einen Parkplatz, der nur eine Einfahrt und damit Ausfahrt zur Straße besaß. Die hatten Kardinal 5 und 6, so die Codenamen für Pauly und Herzog, fest im Blick. Hinter dem Gebäude stand Deichsel, Kardinal 2. Unsere Nummer Eins, Kallenbach, hielt sich im Lagerhaus auf, in das er durch eines der Fenster eingestiegen war. Alle Türen, bis auf den Haupteingang, waren verschlossen und verrammelt.

"Riecht alles so sehr nach Falle, dass es stinkt", murmelte ich.

Carola zog die Schultern hoch. "Kann uns egal sein. Wir müssen uns nur an sie dranhängen, der Deal ist lediglich der Aufhänger, und es ist sogar egal, ob er zustande kommt."

"Klingt, als könnten wir nicht verlieren. Und gerade das macht mir Sorgen." Als hätte sich mein Gefühl übertragen, schauderte Carola leicht. "Hey, ist dir kalt?"

"Wahrscheinlich die Aufregung. Trotz aller Vorbereitungen und guten Argumente, warum die Geschichte nur gut ausgehen kann."

"Wart' mal, ich hab' da was."

Ich drehte mich halb im Sitz um und zog einen dicken Wollpulli von der Rückbank, eins der wenigen Dinge, die Carolas Aufräumaktion im Wagen überlebt hatten. Naja, aufräumen... es war mehr ein Entmüllen gewesen. Und eine anschließende Reinigung. So ganz hatte ich mich an die Ordnung noch nicht gewöhnt - aber Carola hatte nicht groß gefragt, bevor sie ans Werk gegangen war. Hatte mir lediglich einen Müllsack überreicht. Schau mal durch, ob was Wichtiges dabei ist.

"Ist zwar nicht selbst gestrickt und wohl auch nicht mit Perwoll gewaschen, aber laut Klaus hält der schön warm." Ich hielt ihn ihr hin.

"Der ist mir doch bestimmt zu groß und wird mich vielleicht behindern. Danke, so kalt ist es gar nicht."

"Leg ihn dir nur über, brauchst ihn ja nicht anzieh'n." Sie beugte sich etwas vor, und ich legte ihr das Teil um die Schultern. Bei der Gelegenheit drückte ich sie kurz an mich. "Wird schon schiefgehen."

"Wenn du es sagst." Sie zog den Pulli enger und sah auf ihrer Seite hinaus in die Nacht.

Zwölf Minuten nach. Hallo, lieber Gott, hier spricht Mike. Mach, dass sie kommen... Es darf alles passieren, sie müssen nur herkommen.

"Kardinal 5. Kleintransporter nähert sich." Bei Paulys Meldung hielt ich den Atem an und war sicher, dass es Carola auch tat. "Verlangsamt die Fahrt. Okay, das müssen sie sein. Sie biegen auf den Parkplatz ab... jetzt!"

"Kardinal 1. Alle Lichtquellen aus und völlige Ruhe!"

Jawoll, Herr Ermittlungsführer, du Arsch. Die Gedanken sind frei.

Der Transporter fuhr langsam an uns vorbei und stellte sich direkt vor den Haupteingang, schon beim Ausrollen wurden die Scheinwerfer gelöscht. Ich zählte in Gedanken die Sekunden, und bei zwölf öffneten sich gleichzeitig Fahrer- und Beifahrertür. Auf jeder Seite stieg eine Person heraus. Ich schluckte, aber es half nichts gegen die Trockenheit, die ich plötzlich in meiner Kehle spürte. Die zwei Personen schlossen die Türen und gingen auf das Lagerhaus zu. Verdammt! Wo ist der Dritte Mann?

Eine Hand schloss sich um mein linkes Handgelenk und drückte kurz zu. Mit meiner rechten Hand wiederholte ich Carolas Geste. Sie zog die Tasche mit dem Geld hinter ihrem Sitz vor, und ich griff mir Wollmütze und Handschuhe vom Armaturenbrett und zog sie an. Jetzt kam es auf Kallenbach an, wann ich loslegen sollte. Meine Hand ruhte auf dem Griff der Beifahrertür.

Die Lichtkegel von zwei Taschenlampen zuckten über die Front der Halle. Eine der beiden Personen blieb etwas zurück, drehte sich um und schwenkte die Lampe in ungefähr unsere Richtung, der Schein traf allerdings nur den Container. Dann folgte die Person der ersten in die Halle. Die Tür schlug hinter ihnen zu.

Verdammt. Verdammt. Verdammt! Ich war versucht, Pauly und Herzog zu kontaktieren, aber was sollte das bringen? Wäre ihnen was aufgefallen, hätten sie es gemeldet. Wir mussten auf Kallenbach warten. Komm schon, komm schon. Gib mir dein Okay.

"Kardinal 1 an Kardinal 3. Auftritt."

Carolas Mund war blitzschnell an meinem anderen Ohr. "Viel Glück."

Ich sprang aus dem Wagen und kontrollierte den sicheren Sitz meiner Waffe, die im hinteren Hosenbund steckte. Bei meiner Vermummung würde ich im Notfall niemals schnell genug ans Schulterhalfter kommen. Dann schulterte ich die Tasche und nahm meine Stablampe vom Wagenboden auf. "Danke." Ich schloss die Tür leise und rannte auf die Halle zu. Schon nach wenigen Schritten war mir klar, dass der Wetterbericht nicht gelogen hatte. Es war stellenweise spiegelglatt, die großen Pfützen auf dem Platz waren gefroren. Schlitternd kam ich zum Stehen, atmete durch und ging, so schnell ich konnte, auf das Gebäude zu, bemüht, nicht noch einmal die Balance zu verlieren. Vor dem Eingang holte ich tief Luft und öffnete die Tür. Grelles Licht blendete mich, als sie mich mit ihren Taschenlampen anleuchteten. Mit einem Knall schmiss ich die Tür zu.

"Was soll der Scheiß, haltet die Dinger flach!"

Die Lichtkegel senkten sich, ungefähr auf Bauchhöhe. "Schon besser!" Ich blinzelte ein paarmal, bis ich wieder etwas erkennen konnte. Ich schaltete meine eigene Lampe an, hob sie vorsichtig hoch. Langsam ging ich auf die beiden Gestalten zu, hielt meine Hände halb hoch, in einer defensiven Haltung.

"Sie kommen spät!"

Ich antwortete nicht, ging langsam weiter, bis ich den beiden gegenüberstand. Im Licht der Taschenlampen sahen sie unglaublich jung aus, kaum alt genug für den Führerschein. Der rechts Stehende, der mich gerade angesprochen hatte, war merklich nervös. Er hielt seine Lampe nicht still, seine Augen gingen hin und her; es war mir unmöglich, Blickkontakt aufzunehmen. Der zweite, etwas kleinere, starrte mich an, blinzelte nicht mal. Beide sahen aus, als wären sie liebend gern woanders und als wären sie sich dieser Tatsache voll bewusst. Fast taten sie mir leid.

"Sie sind zu spät", sagte der Größere.

Langsam drehte ich mein Handgelenk, schob den Ärmel meiner Jacke hoch, sah demonstrativ auf meine Armbanduhr. "Tatsächlich! Wär' mir gar nicht aufgefallen. Wie seid ihr denn hierher gekommen? Via Hubschrauber? Da draußen ist der Teufel los. Und ich frag' mich langsam, warum ich meinen Hals bei diesem Scheißwetter riskiere, um mit zwei Klugscheißern Belanglosigkeiten auszutauschen. Bin gespannt, welchen Schrott ihr Grünschnäbel mir für mein gutes Geld bieten könnt."

"Schrott?" Der Größere brüllte es fast heraus, und der andere griff an seinen Ärmel. Ledermantel, gute Qualität. Ach Eddie, dein Instinkt scheint dich nicht verlassen zu haben.

"Sie haben doch bestimmt die Liste bekommen. Dann wissen Sie, dass es 1a-Material ist, was wir anbieten."

"Papier ist geduldig. Ich bin hier, um was zu sehen." Langsam zog ich die Tasche von meiner Schulter, ließ sie zu Boden gleiten, langsam, jede Bewegung langsam, denn so sehr meine Worte reizen sollten, umso weniger durften meine Gesten die beiden erschrecken. Papier ist geduldig, Worte sind billig und Taten müssen täuschen statt zu verraten. Und es geht nichts über Adrenalin, um den eigenen Schiss zu vergessen! Mit dem Fuß kickte ich die Tasche, sie rutschte über den Betonboden bis vor die Füße der Jungs. Der Größere bückte sich. Der Kleinere ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen.

Der Größere öffnete den Reißverschluss, zog den DIN-A-4-Umschlag heraus. Er sah hoch, und ich konnte seine Enttäuschung erkennen. Enttäuschung, keine Wut. Noch nicht. Gib ihm die schlechte Nachricht... "Dreitausend sind kein Koffer voll, tut mir leid."

"Dreitausend? Wir wollten-"

"Das hier ist kein Wunschkonzert. Dreitausend ist der Preis, wenn die Ware in Ordnung ist." Ich war mir nicht sicher, ob ein kleiner Anreiz nicht zu viel des Guten wäre. Mein Bauch sagte ja, während der Kopf noch zweifelte. "Das Geld und einen Fuß in der Tür. Oder wollt ihr auch in Zukunft Klinken putzen?" Halt die Klappe, Mike! Lass es erst wirken. Lass vor allem die Scheinchen wirken!

Der Größere schluckte jeden weiteren Protest runter und begann zu zählen.

"Und?", fragte der Kleinere. Sein Partner sah endlich wieder hoch und nickte. "Die Ware ist draußen im Transporter. Sind Sie allein?"

"Ja und nein. Wenn es okay ist, rufe ich meinen Fahrer. Darf ich?" Ich machte die Geste für einen Telefonhörer, und der Kleinere nickte. Für eine Sekunde überlegte ich, sie hier und jetzt zu stellen. Scheiß auf die Taube auf dem Dach! Der reizvolle Moment verging, und ich zog mein Handy aus der hinteren Hosentasche, drückte die Kurzwahl. Drei Freizeichen später meldete sich Carola.

"Ja?"

"Du kannst vorfahren. Wir sind uns einig." Verbindung aus, Handy zurück in die Tasche. Immer noch langsam und überdeutlich.

"Geben wir ihr ein paar Minuten."

"Ihr?"

"Es gibt Frauen, die Auto fahren können."

Der Größere stopfte den Umschlag in die Tasche zurück und stand auf. Ich streckte meine Hand aus. "Noch hab' ich nichts gesehen." Als er zögerte, lächelte ich ihn an. "Komm schon. Ist ja nicht für immer." Er reichte mir die Tasche, sah sich nach seinem Freund um. Dessen Starre löste sich zum ersten Mal, und ich hielt es für eine gute Gelegenheit, den beiden etwas auf den Zahn zu fühlen.

"Wo ist eigentlich der Dritte in eurem Bunde?" Die beiden wechselten einen schnellen Blick, und ich hakte nach. "Hat er nasse Füße gekriegt? Oder macht ihr für ihn die Drecksarbeit, während er im Warmen auf euch wartet?"

"Geht Sie nichts an!" Der starre Blick war zurück, und ich markierte einen verbalen Rückzug.

"War nur 'ne Frage. Und zu zweit ist das Teilen leichter." Ohne auf die Wirkung meiner Worte zu warten, drehte ich mich um, ging zur Eingangstür, öffnete sie für die beiden Jungen, die mir gefolgt waren.

Draußen wartete Carola. Sie war ausgestiegen und lehnte sich gegen die Fahrertür. Ich breitete die Arme leicht aus und rief ihr zu. "Wie ich gesagt habe. Absolut keine Probleme." Sie verschränkte die Arme und blickte mich düster an. Meine Extravorstellung würde wohl noch ein Nachspiel haben. Aber dieses Spiel war noch nicht vorüber.

Die Jungen gingen zum Transporter und öffneten die Tür zur Ladefläche, leuchteten hinein. Ich gesellte mich zu ihnen und ging die Ware durch, hakte gedanklich die Liste ab. Es war alles da. Ich deutete auf die Faltbox auf der rechten Seite der Ladefläche. "Die könnt ihr behalten; Autoradios interessieren mich nicht. Und die sind im Preis eh nicht drin."

Ich drehte mich zu den beiden um. "Wenn ihr einverstanden seid, haben wir einen Deal." Ich bot dem Kleineren meine Hand, und er ergriff sie, zog aber gleich wieder zurück, als hätte er sich verbrannt. "Und beim nächsten Mal kommt ihr gleich zu mir. Ist viel zu riskant, wenn ihr die Händler und Werkstätten abklappert." Ich gab dem Kleinen eine Karte, auf der nur eine Telefonnummer stand. "Sagt nur, dass ihr ein interessantes Angebot habt, und hinterlasst eine Nummer, unter der ich euch erreichen kann."

Ich ging zu Carola und streckte ihr die Hand hin. Sie gab mir die Autoschlüssel, verzog dabei keine Miene. "Setz dich ins Auto - ich fahre gleich." Dann wandte ich mich an die Jungen. "Packen wir's an?"

Zehn Minuten später war alles im Kofferraum verstaut. Ich hatte die Rückbank umgelegt und mit alten Decken ausgeschlagen, da legten wir die Teile drauf. Bevor ich den Kofferraum zuschlug, warf ich nochmals einen Blick auf die Pracht. Die beiden hatten keine Ahnung von dem Marktwert. Schon ihre Forderung von fünftausend war niedrig gewesen; dass ich sie so einfach auf dreitausend runter bringen konnte, war der Beweis, dass sie auf eigene Faust handelten. Keine Laufburschen, sondern Trittbrettfahrer. Jetzt kam es darauf an, ob wir in einem angemessenen Zeitraum herausfanden, bei wem sie sich diese Masche abgeschaut hatten.

 

***
 

Wir beobachteten, wie der Transporter langsam vom Parkplatz fuhr, warteten bis Pauly und Herzog in sicherem Abstand folgten und zogen dann selbst aus der Einfahrt, in die ich gefahren war, um auf den Abzug der Jungs zu warten.

"Wie war's?" Bis jetzt hatten Carola und ich kein Wort gewechselt, so als würde dadurch die Magie zerstört, die dafür gesorgt hatte, dass bis jetzt alles reibungslos gelaufen war. Bis auf die Geschichte mit dem dritten Mann. Aber haben wir die beiden, wird der auch kein Problem mehr sein.

"Amateure sind unberechenbar. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe."

"Haben sie etwas über ihren fehlenden Freund verlauten lassen?"

"Ich hab das Thema getestet, aber nichts Brauchbares erfahren. Scheint eine offene Wunde zu sein."

"Kardinal 1 an Kardinal 3. Wir sind hinter euch."

Ich blickte in den Rückspiegel und nahm das Mikro vom Armaturenbrett. "Bestätigt."

Carola lachte leise. "Ist ja fast so was wie eine Parade durch die Stadt, was wir hier veranstalten."

"Solange Pauly und Herzog in der Lage sind, den Sichtkontakt zu halten. Solange die Jungs sich nicht trennen." Ich sah kurz zu ihr hinüber.

"Als du drin warst, habe ich das Kennzeichen überprüfen lassen. Mietwagen. Die Verleihfirma hat ihren Stützpunkt an der Kuhwaldstraße. Die anderen sind informiert."

"Kuhwaldstraße... Das ist in der Nähe vom Congress Center." Ich schaltete das GPS an. Carola gab die Information ein, und die Skizze leuchtete auf.

Langsam wurde ich ruhiger. Der Transporter fuhr recht langsam und vorsichtig. Es war nicht einfach, mit so einem Wagen klarzukommen, wenn man es nicht gewohnt war. Schon gar nicht bei diesem Sauwetter. Und bei der Dunkelheit wurden alle Autos zu dunklen Schatten mit Scheinwerferaugen. Trotz der Warnungen des Wetterdienstes waren die Straßen belebt genug, dass es nicht auffiel, wie wir dem Transporter folgten.

"Falls sie zur Autovermietung wollen, nehmen sie nicht den direkten Weg."

Ich nickte und schaltete runter. Pauly hatte sein Tempo verlangsamt.

"Kardinal 6. Objekt hält. Wir ziehen vorbei, bleibt ihr zurück."

Pauly überholte mit seinem Astra den Transporter, der in zweiter Reihe gehalten und die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte. Ich bog in die nächste Seitenstraße ein und wendete, hielt an. Deichsel imitierte das Manöver.

"Kardinal 6. Der Beifahrer steigt aus."

"Kardinal 4. Bestätigt. Und er hat die Geldtasche bei sich."

"Kardinal 1. Ich folge dem Beifahrer zu Fuß, unterstützt durch Wagen 1 und 3. Wagen 2 folgt dem Transporter."

"War so was von klar", murmelte ich.

Carola funkelte mich an, sprach in das Mikro. "Wagen 2 okay."

Sie räusperte sich. "Mike, tu mir einen Gefallen. Mach deinen verdammten Job, klar? Jetzt, wo die Sache läuft, ist es völlig wurscht, welchen Part wir übernehmen. Und da die Typen uns gesehen haben, können wir den Jungen mit dem Geld schlecht verfolgen."

Sie hatte Recht. Trotzdem nagte es an mir, dass sich Kallenbach nicht nur die offensichtlichen Rosinen rauspickte, sondern seinen Arsch auch doppelt absicherte. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass Eddie mittlerweile uninteressant geworden und aus dem Spiel war. Eine Sorge weniger.

 

Der Transporter fuhr wieder an und ich ließ einen Wagen zwischen ihn und uns, bevor ich auch losfuhr. Wir passierten die Paulskirche, hielten uns dann in Richtung Hauptbahnhof. Wir hatten laut GPS die Idealroute zur Autovermietung eingeschlagen.

"Er bringt den Transporter weg, nimmt seinen eigenen Wagen, fährt zurück in die Stadt. Und wir sind wieder im Spiel."

"Du willst mich wohl bei Laune halten", kommentierte ich Carolas Analyse.

"Schlaues Kerlchen. Tu dir einen Gefallen und lass es wirken. Diese Dackelfalten machen dich alt."

"Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Übrigens wird der wohl noch tank- Na, wer sacht's denn." Ich deutete nach vorn, wo der Transporter die Tanke anfuhr. Ich nahm die Gelegenheit wahr, am Straßenrand zu parken, wobei ich mit Bedacht die erste Lücke ignorierte, da sie hell erleuchtet war. "Informierst du die anderen?"

Wir waren aus der Reichweite der Funkgeräte. Carola aktivierte ihr Handy und wählte. "Herzog? Wir sind auf dem Weg zur Autovermietung. Wie sieht es bei euch aus?"

Ich behielt den Rückspiegel im Auge. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, wie lange der tankte. Ganz ruhig, Mike. Haste schon tausendmal mitgemacht. Scheißroutine, aber Routine.

"In Ordnung, Herzog. Wir melden uns, wenn wir bei easymiet sind." Sie drehte sich zu mir um, grinste. "Kallenbach rennt seinem Objekt immer noch hinterher. Bestimmt bereut er jetzt, wie er die Arbeitsteilung vorgenommen hat."

Selbst die Vorstellung von einem angefressenen Kallenbach lenkte mich nicht genug ab, um ruhiger zu werden. Carola schien es auch zu spüren, denn sie legte mir ihre Hand auf die Schulter.

"Ich benehme mich wie ein Anfänger, was?" Sie hob eine Augenbraue, und ich fügte schnell hinzu. "Sorry, so meinte ich es nicht. Es ist nur" - ich nahm wieder den Spiegel ins Visier - "es ist so lange her-"

 

Endlich! Der Transporter fuhr zurück auf die Straße, und das Spielchen begann von vorn. Diesmal ging es ohne Unterbrechungen zur Kuhwaldstraße. Dann hieß es wieder warten. Der Parkplatz der Vermietung und der Eingang waren hell erleuchtet. Wir konnten den Jungen ohne Schwierigkeiten beobachten, wie er den Wagen parkte, ein paar Minuten später ausstieg, mit einem Umschlag in der Hand. Er holte die Kiste mit den Autoradios heraus, schmiss den Umschlag hinein, und ging dann zum Eingang, wo er den Umschlag einwarf. Dann ging er zum Kundenparkplatz, packte die Kiste in einen Golf, stieg dann in den Wagen.

Er verließ den Parkplatz, fuhr an uns vorbei zurück, in Richtung Innenstadt. Carola informierte die Kollegen, erfuhr, dass Kallenbachs Verfolgungsjagd in einer Trendkneipe geendet hatte. Wahrscheinlich war der Keller als Treffpunkt ausersehen worden, um dort auch den Deal zu feiern. In einem weiteren Gespräch klärte Carola die Identität des Halters des Wagens, an dem wir dranhingen.

"Paul Grossmann, 51 Jahre. Lindenweg, Bad Homburg."

"Aha. Der Herr Papa."

"Vermutlich. Gestohlen ist der Wagen nicht."

"Wenn ich sehe, wie der fährt, glaube ich das gern; der kennt seine Schüssel. Na, mein Junge, hau mir hier nicht ab." Ich biss mir auf die Unterlippe, bemüht, den optimalen Abstand zu finden. Ich wollte nicht riskieren, dass er uns bemerkte, aber bei dem Tempo, das der draufhatte, bestand die Gefahr, ihn zu verlieren, wenn ich ihn an einer zu langen Leine ließ.

"Der hat ja wohl 'nen Knall. Ich werde die Kollegen von der Streife informieren." Wieder zückte Carola ihr Handy.

"Besser ist das." Ich gab noch etwas mehr Gas, aber ich merkte schnell, dass ich den Anschluss so nicht halten konnte. Als ich um die nächste Kurve kam, war der Wagen bereits nicht mehr zu sehen. Verdammt!

"Mike! Vorsicht, der zieht raus!" Aus der Seitenstraße knapp hundert Meter vor uns kam ein LKW. Instinktiv trat ich auf die Bremse, der Passat rutsche mir hinten weg, und ich ließ die Bremse los. Zu spät. Wir schlitterten auf den LKW zu. Vergeblich versuchte ich gegenzusteuern. Abrupt riss ich das Lenkrad nach rechts, um zu vermeiden, in den Gegenverkehr zu geraten, der Wagen stellte sich quer, hatte aber immer noch zu viel Fahrt drauf, als dass es viel nutzte. Ich stemmte meine Hände gegen das Lenkrad. Ein gellender Schrei ging mir durch Mark und Bein. Ich krallte mich fest und schloss die Augen. Als der Aufprall - endlich? - kam, jagte ein stechender Schmerz durch meine linke Seite, und mein eigener Schrei erstarb.

 

 
Teil 3 - den du nicht halten kannst: Chris und Mike

 

 
Kapitel 1: wenn du endlich da bist

 

Hallo Lieblingsbulle! Bin noch mal in die Werkstatt. Eiliger Auftrag sprich CASH für mich. Bin spätestens um halb neun zurück. Okay, um neun. Hätte dir gern was zu essen vorbereitet und in den Kühlschrank gestellt, aber deine Spiegeleier brätst du besser frisch. Liebe dich trotzdem. Dein Schrauber in Geldnot.

Es war viertel nach neun, und ich las die Nachricht zum vierten Mal durch, seitdem ich die Küche betreten hatte. Ich konnte den Zettel unmöglich zerknüllen, auch wenn ich dazu in genau der richtigen Stimmung war. Oder: gewesen war. Eddie wusste genau, wie er mir den Wind aus den Segeln nahm, selbst wenn er keine Ahnung hatte, dass überhaupt ein Sturm drohte. Ich machte die Nachricht an der Pinnwand fest, wo sich schon eine ziemliche Anzahl von Zetteln befand. Seit drei Wochen machte Eddie Überstunden. Wie hatte er mir die frohe Botschaft noch präsentiert?

"Forderungsausfall von sieben Mille. Mein Cash-flow hakt ganz gewaltig."

"Und der Banker deines Vertrauens?"

"Selbst der Überbrückungskredit, den Klaus mir hätte verschaffen können, würde mich bis zum Ende des Jahres aus dem Finanzierungsplan werfen. Mit viertausend komme ich über die Runden. Und die Wochenenden halt' ich frei."

"Ich könnte dir-"

"Sprich's nicht aus, Christoph Schwenk. Denk es nicht mal!"

Natürlich verstand ich, dass er meine Hilfe nicht wollte, und bei meinem eigenen Job sollte ich der letzte sein, der in dem speziellen Glashaus namens geregelte Arbeitszeiten mit Steinen warf. Doch genoss ich gerade die Abende, Nächte und Morgenstunden mit ihm viel zu sehr, als dass ich nur eine Minute missen wollte. Wie meine eigene Wohnung aussah, wusste ich kaum noch. Meist klaubte ich nur die Post unten aus dem Briefkasten oder rannte schnell hoch, weil ich eine Kleinigkeit vermisste, die noch nicht so nach und nach ihren Weg in Eddies Haus gefunden hatte. Es wurde Zeit, dass wir über den offiziellen Umzug sprachen. Mann, einige meiner früheren Beziehungen hatten weniger lange gedauert als mein stückweiser Einzug in Eddies Wohnung.

Jedenfalls war das Gefühl nicht zu schlagen, das mich jeden Abend packte, sobald ich Engin eine gute Jagd im Singleteich wünschte und mich dann der Vorfreude hingab, wenig später bei Eddie zu sein. Und deshalb empfand ich diese beschissenen Tage, an denen er später oder gar spät heimkam, als ein großes Opfer. So egoistisch das klingen mochte. So egoistisch es vermutlich war. War mir egal - ich hatte einige Jahre nachzuholen, und so traf mich jeder verlorene Tag ins Innerste. Ich konnte mich nicht erinnern, eine solche Liebe und Leidenschaft jemals zuvor erlebt zu haben. Nun tat ich es, und es hatte nicht viel Zeit gebraucht, bis ich sie als selbstverständliches Glück empfand. Ich kam heim, Eddie war da oder ich würde bald den Schlüssel in der Haustür hören. Und dann war Eddie, wo er meiner Meinung nach hingehörte. In meinen Armen.

Überstunden also. Er brauchte dringend Geld und wollte es sich nicht von mir leihen. Ich kannte seine Sturheit gut genug, um zu akzeptieren, dass ich meinen eigenen Dickschädel in dieser Sache nicht durchsetzen würde. In den Stunden des Wartens kontrollierte ich die Ungeduld, indem ich mir selbst befahl, Eddie nicht als gegeben anzusehen, nicht als mein Eigentum, nicht als Antwort auf all meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich blätterte in der Fernsehzeitung oder las den einen oder anderen Artikel im Kicker, an deren Inhalte ich mich nicht mehr erinnern konnte, sobald Eddie zurückkam - falls ich denn überhaupt begriffen hatte, was diese wilde Sammlung von Buchstaben bedeuten sollte. Ich sah fern und zappte von Sender zu Sender, ehe auch nur ein Programm die Chance bekam, mich zu interessieren oder gar zu fesseln. Ich telefonierte mit Bekannten, die mir eigentlich egal waren. Machte mir was zu essen, das mir erst dann schmeckte, wenn ich die Reste - Reste? Meist ist es die komplette Mahlzeit! - zusammen mit Eddie vertilgte. So tat ich im Grunde nichts anderes als auf Eddie zu warten, versuchte, nicht eifersüchtig auf seine Arbeit zu sein. Oder sauer auf ihn, weil er entschieden hatte, sich nicht helfen zu lassen. Und alles war vergessen, wenn Eddie in der Tür stand. Keine Ahnung, wie oft wir uns direkt in der Eingangshalle geliebt hatten, nachdem die Tür gerade mal ins Schloss gefallen war.

 

Heute war es anders. Ich hatte mir auf dem Heimweg alles wunderschön zurechtgelegt, wollte die Sache mit Mike so schnell wie möglich klären, bevor sie sich zu einem Problem zwischen uns auswuchs. Und dann war Eddie nicht da und damit auch kein Ventil für meine Scheißwut und die noch schlimmere Verwirrung und Angst. Ich war drauf und dran, in die Werkstatt zu fahren. Leider Gottes hatte Eddie seine heiligen Hallen nicht mehr im Hinterhof, und bei meinem heutigen Glückstag fuhren wir glatt aneinander vorbei.

Der ursprüngliche Plan war natürlich gewesen, meine Aggressionen schön bei Mike abzuladen, und alles wäre wieder normal. Normal in meiner Definition. Aber das hatte nicht funktioniert. Kein Stück. Auf dem Rückweg vom Präsidium zum Zollamt war hatte ich versucht, Mikes Anblick aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Schon auf der Weihnachtsfeier hatte er mich schockiert, aber das hatte ich damals damit abgetan, dass er sich regelrecht besoffen hatte. Schließlich war es ja nicht so, dass ich ihn noch nie betrunken gesehen hatte. Das letzte Mal lag zwar schon etliche Jahre zurück, aber als bequeme Erklärung für seinen Ausraster auf der Feier hatte es mir genügt. Ich hatte ihn in ein Taxi verfrachtet und damit meine Schuldigkeit getan.

Zu Neujahr hatte ich kurz mit Klaus gesprochen, um mein sich ab und an meldendes Gewissen zu beruhigen, und es hatte wieder gereicht, um mein Leben mit Eddie danach wieder in vollen Zügen zu genießen. Kallenbachs Anruf heute Mittag hatte mein Unbehagen, was Mike anging, wieder an die Oberfläche gespült. Arschloch. Leider war Kallenbach diesmal nicht geeignet, um als Sündenbock für diese Scheiße herzuhalten. Sehr schade.

Aber Mike war als Blitzableiter auch nicht geeignet gewesen. Bisher hatte ich nie ein Problem damit gehabt, dass er Eddies Ex war. Lag ja auch schon etliche Jahre zurück. Aber die Konfrontation mit ihm heute... Als hätte ich endlich begriffen, dass er ein Teil von Eddies Vergangenheit war. Vergangenheit, die so lebendig war, dass sie Eddie immer noch beeinflusste. Und damit mich auch. Mike wusste Dinge von Eddie, die ich wahrscheinlich niemals erfahren würde. Die ich niemals hören wollte. Ich wollte diesen Scheißballast nicht.

Aber das war nicht alles. Soweit ich es wusste, hatte Mike Eddie es niemals vorgeworfen, dass er ihn verlassen hat. Im Gegenteil. Eddie konnte auf Mike immer zählen. Nicht, dass er es gebraucht oder gar ausgenutzt hatte... Aber Mike war bereit gewesen, ihre Beziehung als Freundschaft weiterleben zu lassen. Eddie war derjenige gewesen, der anfangs damit Probleme gehabt hatte. Aber er hatte immer gewusst, dass Mike für ihn da war. Eddie braucht Geld, Mike hat schon immer Verwendung für den richtigen Tip gehabt. Ich hasste mich für diesen Verdacht, aber ignorieren konnte ich diese penetrante Stimme nicht. Und auch nicht eine andere Stimme.

"Eddie schuldet mir rein gar nichts, klar?"

Immer und immer wieder hallte es in meinem Kopf wider, es war zum wahnsinnig werden. Und kein Eddie, der mich aus diesen Gedanken reißen konnte.

 

"Chris?" Erschrocken blickte ich hoch und sah in Eddies Gesicht. "Hey, was ist denn los? Ich rechne damit, dass du mich in der Haustür überfällst und vernaschst-" Er brach ab und wiederholte dann. "Was ist denn los?"

Leise und rauh klang er, und ich hatte auf einmal einen dicken Kloß im Hals. Wie konnte ich nur eine Sekunde glauben, dass er mich hinterging? Jedenfalls brachte ich keinen Ton heraus, und Eddie reagierte entsprechend.

"Du hast doch meine Nachricht gefunden?" Ich nickte, und er sprudelte heraus. "Ja, ich weiß, ich wollte längst hier sein. Aber bei dem Wetter konnte ich wirklich nichts riskieren. Schließlich wollte ich in einem Stück nach Hause kommen." Er zwinkerte mir zu, aber sein Grinsen geriet zur Grimasse. "Insbesondere wollte ich mit einem ganz bestimmten Stück nach Hause kommen."

Typisch Eddie. Keine Gelegenheit zur Frivolität wurde ausgelassen. Ich seufzte und rollte die Augen. Es war einfacher, wieder zu atmen, wenn ich mich über eine solche Kleinigkeit aufregte, die mir nicht selten sehr gelegen kam. "Mann, kannst du nur an das eine denken?"

Er breitete theatralisch die Arme aus. "Was kann ich dafür, dass mich der Herrgott mit so einer schmutzigen Phantasie gesegnet hat? Und du bist ja nicht ganz unschuldig. Glaubst du, dass ich bei jedem Kerl so abgeh' wie bei dir?"

"Will ich dir auch nicht raten."

Eddie ließ die Hände sinken und steckte die Hände in die Taschen. "Ach ja? Was würdest du mir denn jetzt raten?"

Sein Gesicht hatte diesen wahnsinnig machenden und gleichzeitig unwiderstehlichen Ausdruck. Dieses triumphierende Grinsen, verbunden mit diesem herausfordernden Blick. Jedes Mal, wenn er mich so ansah, waren die letzten Jahre vergessen. Ich stand wieder in der Küche seiner alten Wohnung und versuchte vergeblich, meine Gefühle für ihn in irgendwelche Schranken zu weisen. Schon damals war mein Credo Ich steh' überhaupt nur auf Frauen nichts weiter als ein Spruch gewesen, an den ich mich zwar geklammert hatte, aber an den ich nicht wirklich mehr hatte glauben können. Ausweichmanöver. "Abendessen. Ich bin wahnsinnig hungrig." Autsch, Chris, das war richtig schlecht. Du hast's ihm schon mal besser zurückgegeben.

Er starrte auf mich herab, wusste immer genau, wann er seinen Größenunterschied ausspielen musste. "Ich auch. Und für das Gericht, das ich im Sinn habe, brauchen wir keine großartigen Zutaten."

Meine Taktik, so armselig sie gewesen war, funktionierte. Und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Alles, was mich von einem ernsthaften Gespräch bewahrt... Ich hatte immer noch Angst vor dem, was ich Eddie vorwerfen würde. "Was heißt keine großartigen Zutaten? Was wir hier haben, sind so ziemlich die besten Zutaten, die ich mir vorstellen kann. Selbst deine verwöhnte Zunge sollte damit zufrieden gestellt-"

Weiter kam ich nicht. Besagte Zunge war einen Augenblick später in meinem Mund, und ich hatte genug damit zu tun, das Atmen nicht zu vergessen. Für alle höheren Gehirnaktivitäten fehlte es eindeutig an Energie.

 

***
 

Ich war Eddie dankbar, dass er es fertiggebracht hatte, uns irgendwie ins Wohnzimmer und auf die Couch zu manövrieren. Die Einzelheiten fehlten mir und interessierten auch nicht weiter. Sein Kopf ruhte jetzt auf meiner Brust, und meine Hand lag auf seinem Kopf, ab und zu drehte ich ein paar seiner Locken um meine Finger. Er war wach, das konnte ich an seiner Atmung merken. Dennoch brauchte es ein vernehmliches Knurren aus seiner Magengegend, um das Schweigen zu brechen, denn eigentlich hatte ich keine Lust, diesen Augenblick zu stören. Aber da gab es ja noch diese unvermeidlichen Körperfunktionen eines gewissen mir naheliegenden Herrn.

"Ich lass' dich hiermit wissen, dass ich beleidigt bin, Edgar Sänger. Reich' ich nicht mehr, um deinen Hunger zu stillen?"

"So sehr ich es hasse, dein Weltbild mit dir im Zentrum zu zerstören, Chris... Ich glaub', meine Prioritäten haben sich gerade zugunsten eines Käsebrotes verschoben."

Ich griff seinen Haarschopf, und er jaulte lauter auf, als nötig gewesen wäre. Nicht zum ersten Mal segnete ich die Tatsache, dass wir keine unmittelbaren Nachbarn hatten. "Unwürdiger. Nie wurde es gewagt, mich mit einem profanen Käsebrot zu vergleichen."

"Ich hab' dich nicht mit 'nem Käsebrot verglichen. Wär' ja auch ein Witz. Schließlich ist ein Käsebrot mit nichts zu vergleichen- Auaahh!"

Ich hielt fest und zwang ihn, seinen Kopf zu drehen. "Egal, welche niederen Instinkte dich dazu treiben, deinen Herrn und Meister zu erzürnen... Erst bekomm' ich meinen Nachtisch."

Eddie drehte sich vollends um und drückte meine Schultern nach unten. "Wie du befiehlst."

Das Telefon schrillte in der Sekunde, als Eddie sich mir näherte. Das nächste, was ich bewusst mitbekam, war, dass Eddie das Telefon von der Station riss. "Sänger!" Er lauschte und lehnte sich nach ein paar Sekunden gegen die Anrichte, ließ die Schultern sinken. Als er wieder sprach, war seine Stimme viel ruhiger. "Danke. Nein, das war wohl mein Fehler. Ich muss das Licht einfach vergessen haben. Ich hoffe, das hat nicht für 'nen Aufruhr gesorgt." Wieder wartete er die Antwort ab, nickte. "Gott sei Dank. Es tut mir leid. Ruhige Schicht wünsche ich." Wie in Zeitlupe legte er auf. "Mist."

Seine fast panische Reaktion auf das Klingeln und seine Erleichterung jetzt ließen nur einen Schluss zu. Mike. Scheiße. Ich seufzte, zählte langsam bis zehn. Bevor ich ausflippte, musste ich Eddie die Chance geben, selbst mit der Sache rauszurücken. "Hallo? Willst du mir sagen, was das eben sollte?"

"Oh, 'tschuldige. War nur der Wachdienst. Hab wohl vergessen, das Licht im kleinen Büro auszumachen. Die haben die Sache überprüft."

Und du springst hoch, als erwartest du eine Todesnachricht? "Und deswegen rufen die an?" Komm schon, Eddie, erzähl's mir!

"Das war der Neue, Wehrkamp. Der ist noch was übereifrig."

"Mach ihm klar, dass es nicht förderlich für die Karriere ist, seinen Arbeitgebern einen Herzinfarkt zu bescheren." Ich konnte selbst hören, dass meine Stimme einen völlig falschen Klang hatte.

"Was regst du dich eigentlich so darüber auf? Ist doch nichts passiert." Und wieder ging sein Blick ins Leere.

Nichts hatte sich geändert. Alles war noch da. Wut, Eifersucht und jetzt vor allem die Angst. Und zurückhalten wollte und konnte ich mich nicht länger. Wenn du nicht damit rausrückst... "Du hast gedacht, es wäre Mike." War doch ganz einfach. Ohne zu üben. Du hast gedacht, es wäre Mike. Und wenn du mir genug Zeit zum Mitdenken gegeben hättest, als du ans Telefon gestürzt bist, hätte ich auch gedacht, es wäre Mike!

Es brauchte wohl etwas, bis es zu ihm durchdrang. Er sah mich an, der Schock stand deutlich in seinem Gesicht. "Was redest du da, Chris?"

"Du hast mich genau verstanden. Und du weißt genau, um was es geht. Du hast damit gerechnet, dass Mike anruft, um dir zu sagen, dass was schiefgelaufen ist bei eurem Deal!" Jedes einzelne Wort tat mir leid, in der Sekunde, als ich es aussprach, aber irgendwie schaffte ich es nicht, dies hier aufzuhalten.

"Unserem Deal? Was redest du da?"

"Erspar' mir das, ja? Ich war heute bei Mike, und ich weiß, was da läuft zwischen euch." Das war doch nicht ich, der da redete, oder? Leider war außer mir und Eddie niemand da. Ich war auf dem besten Weg, wahnsinnig zu werden. Eddies verwirrter Blick, die Verwunderung in seiner Stimme... Mann, musste ich denn erst allen Dreck in den Mund nehmen und aussprechen, bevor er... bevor er es endlich zugab? Musste er mich zu dem Arschloch machen, als das ich mich gerade fühlte?

Noch ein paar Sekunden hielt Eddies Starre an, dann atmete er tief ein und stemmte die Hände in die Hüften. "Du hast zwei Minuten, mir zu sagen, was Mike dir erzählt hat, bevor ich dich rausschmeiße."

Wut, Angst, Eifersucht. Jetzt war es die Wut, die mich antrieb. Hat der doch tatsächlich den Nerv, mich zur Rede zu stellen. Langsam ging ich auf ihn zu. "Ich begreif's nicht. Meine Hilfe lehnst du ab, ohne eine Sekunde zu zögern. Und ich denk, ich versteh' dich. Deinen verdammten Stolz, deinen bescheuerten Ehrgeiz, es allein zu schaffen. Und dann riskierst du alles, was du dir aufgebaut hast, für die erstbeste Gelegenheit an leichte Kohle zu kommen. Und kommst nicht erst zu mir, sondern gehst zu Mike. Was soll ich denn davon halten? Ja, welchen Reim soll ich mir denn darauf machen?" Deutlicher konnte und wollte ich nicht werden.

Und ich brauchte es auch nicht. Eddie begriff, begriff endlich, was da in meinem Kopf herumspukte. Und was an mir fraß. "Oh mein Gott, Chris." Er kam näher, überbrückte die letzten Schritte, die ich nicht hatte gehen wollen. Seine Hand war an meiner Wange, und es tat so gut, ihn zu spüren. Und so weh. Und unfair war es auch. Er schluckte schwer, aber die Hand blieb, wo sie war. "Als diese Möchtegern-Ganoven bei mir auftauchten, war mein erster Gedanke, sie rauszuschmeißen und die Sache zu ignorieren, den bequemen Weg zu suchen. Und in der nächsten Sekunde hatte ich den Hörer in der Hand und wählte Mikes Nummer. So wie damals, als ich noch in der Szene war. Und es war genau wie damals. In fünf Minuten war alles geklärt. Mike würde sich darum kümmern. Und er würde mich raushalten. So wie damals. Es war vorbei, bevor es anfing."

Eddie schlug genau in die Wunden. So wie damals. Wer sagt, die Vergangenheit ist vergangen? Aber da war auch seine Nähe, er war da, bei mir. Scheiße, Eddie, was stellst du hier mit mir an, verdammt? "Hast du überhaupt an mich gedacht? Wie konntest du mir nicht davon erzählen? Wenn alles so harmlos ist, was hätte es geschadet, mich einzuweihen?"

"Du erinnerst dich daran, was ich dir letzten Sommer auf der Treppe gestanden habe? Von meiner Angst, dass sich mein sehnlichster Wunsch erfüllt? Über die Grausamkeit der Götter? Nun, diese Angst habe ich immer noch. Es ist immer noch schwer, alle Sicherheitsleinen loszulassen, mich fallen zu lassen. Aber jeder Tag, den ich mit dir erlebe, vernichtet etwas von dieser Angst. Langsam begreif' ich, dass du meine Sicherheit sein kannst. Nur- Chris, du bist das Absoluteste und Extremste, was ich jemals in mein Leben gelassen hab'. Und wenn ich dich verlieren würde, durch meine eigene Schuld..."

Endlich löste sich diese Eishand von meinem Herzen. Endlich konnte ich Eddies Hand in meine nehmen. Jetzt, als er die Worte ausgesprochen hatte, die meine eigenen Gedanken beherrschten. "Du bist ein Riesenidiot, Edgar Sänger."

"Wahrscheinlich sind wir deswegen für einander bestimmt."

Ich zog seinen Kopf zu mir runter. "Dass du es nicht mehr vergisst." Ich bekam endlich meinen Nachtisch, sogar mit Nachschlag.

Als wir uns endlich voneinander lösten, nickte Eddie in Richtung Telefon. "Da is' noch was... Ich hab' Mike genervt, bis er mir gesagt hat, wann der Deal über die Bühne geht. Und bevor du fragst... natürlich mach' ich mir Sorgen. Nicht um meinetwillen, ich habe Mikes Wort und das genügt. Aber um Mike..."

Ich nickte. Es war niemals einfach, nicht dabei zu sein. Nichts tun zu können außer warten. Ich hatte noch den Vorteil, beide Seiten zu kennen. Eddie kannte nur das Warten. "Ich will dir nichts vorlügen, ein Risiko besteht immer. Aber Mike ist gut genug, um das durchzuziehen. Er ist zu lange dabei, um sich von ein paar Amateuren übertölpeln zu lassen."

Der Ton stimmte, aber ich nannte die falschen Gründe. Und Eddie war alles, nur nicht blöd. "Also ich arbeite lieber mit Profis. Die sind... verlässlicher."

Touché. Ich ging zur Tür, wo ich meine Jeans mehr als willig verloren hatte, fummelte das Handy raus. Ich betrachtete es kurz, sammelte dann meine restliche Wäsche ein und zog mich an. Dann wählte ich Mikes Nummer. Ich hatte ein Freizeichen, aber auch nach dem zehnten Klingeln meldete er sich nicht. Gar nicht gut. Wenn er nicht erreicht werden wollte, wäre das Teil deaktiviert. Wenn er lediglich beschäftigt wäre, hätte er die Mailbox an. Die Eishand war wieder da.

"Und?" Eddie kam zu mir rüber und zog sich seinen Sweater über.

"Er geht nicht ran. Ich versuch's gleich noch einmal. Oder vielleicht ruft er zurück..."

"Du hast ihm bei eurem... Gespräch keinen Grund gegeben, dass er dich ignoriert?"

Die Röte stieg mir ins Gesicht. "Vielleicht ein Dutzend?" Als Eddie die Augen rollte, zuckte ich mit den Schultern. "Aber das is' nicht Mikes Stil. Er wird wissen, wie ich denke, wenn er nicht rangeht..."

"Und was wird er wissen?" Eddie war nah genug, dass ich sein Flüstern verstehen konnte.

"Dass ich fürchte, dass was nich' in Ordnung ist, wenn er sich nicht meldet."

"Scheiße."

In der Tat. Ich drückte auf Wiederwahl. Ganz große Scheiße. Zum Teufel mit Bulleninstinkten.

 

 
Kapitel 2: egal was kommt, egal wer geht

 

"Das war Ehrenberg."

"Wer?"

"Mikes Chef."

"WAS?"

Ich drehte mich zu Eddie um, konnte ihm aber nicht in die Augen sehen. Es war so laut in meinen Ohren, dass es rauschte.

"Herr Schwenk? Ich habe Ihren Namen im Display von Herrn Niemceks Handy gesehen. Es tut mir leid, Sie davon unterrichten zu müssen, dass Frau Stern und Herr Niemcek einen Unfall hatten."

Nein! "Nein."

"Es tut mir wirklich leid. Wir sind in den Universitätskliniken, Unfallchirurgie. Genaue Einzelheiten sind mir leider noch nicht bekannt; allerdings sieht es zumindest bei Herrn Niemcek ernst aus. Aber nicht lebensbedrohlich, so versicherten mir die Ärzte."

"Chris! Rede mit mir!"

"Sie hatten einen Unfall."

"Wir fahren hin. Sofort."

"Ja... klar." Wo meine Antworten herkamen, wusste ich nicht.

Hände packten mich, drückten zu, bis es schmerzte. Ich sah hoch und da war Eddie. Blass, Augen fast schwarz. "Chris! Komm zu dir."

Ich schüttelte den Kopf, sehr langsam, sehr vorsichtig. "Sie haben Klaus nicht verständigt."

"Was?"

"Ehrenberg hat gesagt, dass die Angehörigen verständigt wurden. Sie haben eine Beamtin zu Frau Sterns Mutter geschickt und sie haben Mikes Vater telefonisch informiert. Ich hab' nach Klaus gefragt, und Ehrenberg hat nur geblockt. Hat gemurmelt, dass sie ihn später anrufen würden."

"Arschloch!"

Ich zuckte bei Eddies Ausbruch zusammen, in meinem Kopf klickte es. Das Denken setzte wieder ein. Ansatzweise. "Ja, genau, Arschloch. Wahrscheinlich traut sich kein Kollege, die frohe Botschaft zu überbringen."

"Dann müssen wir zuerst zu Klaus. Bevor er sich irgendwann Sorgen macht und versucht, Mike zu erreichen. Oder eure Kollegen es ihm doch noch via Telefon mitteilen."

Ich ging in den Hausflur und zog mir die Stiefel an, schlüpfte in den Mantel. "Wird er nicht."

Eddie hielt inne, als er sich den Schal umlegte. "Was wird wer nicht?"

"Klaus wird Mike nicht anrufen. Außer er weiß von dem Einsatz. Und wenn ich eins weiß, dann dass Mike ihm keine Details verraten würde. Nichts macht nervöser als die Gewissheit, dass der..." Ich schluckte, das hier war nichts, was ich Eddie gegenüber zugeben wollte. Wie schnell konnte sich diese Scheiße für uns selbst wiederholen. Feige Sau. Sag's ihm. "Nichts ist schlimmer als der Gedanke, dass der, den du liebst, auf deinen Anruf wartet. Oder sonst eine Nachricht." Ich griff nach meinen Autoschlüsseln, doch Eddie war schneller und drückte mir die seinen in die Hand.

"Du kannst gerne fahren, aber der Golf ist bestimmt zugefroren. Holst du schon mal den Kombi aus der Garage? Ich komm' gleich nach." Er schob mich regelrecht aus der Tür. Natürlich hatte er recht, der Wagen war zu. Während ich Eddies Alfa holte, fragte ich mich, was mit Eddie los war. Nicht nur, dass er mich beruhigt und mir zugeredet hatte, in einer Situation, die ihn viel härter hätte treffen müssen; jetzt ließ er mich auch noch warten. Ich umklammerte das Lenkrad, spielte mit dem Schalthebel. Die Versuchung, auf die Hupe zu drücken, war groß. Und bei jedem anderen als bei Eddie hätte ich der Versuchung auch nachgegeben.

Die Frontscheibe beschlug bereits, als Eddie aus der Tür trat und zum Auto kam, so schnell er konnte. Ich öffnete die Fensterscheibe und reichte ihm ein Tuch raus. "Geh noch mal über die Scheiben, ja?"

Zwei Minuten später saß er neben mir, knüllte das Tuch und warf es auf den Rücksitz.

"Wo warst du?"

"Telefoniert. Erst mit Mikes Vater. Er sollte nicht das Gefühl haben, dass er kommen muss. Ist schließlich 'ne weite Strecke."

"Wohnt er immer noch in München?"

"Schon einige Jahre nicht mehr. Er ist mittlerweile in Hamburg. Was tut man nich' alles für seinen Job."

"Ihr habt euch aber kennen gelernt?"

"Nicht wirklich. Aber er ist Mikes Vater, und das sollte einen Anruf wert sein. Ich hab' ihm versprochen, dass wir ihn auf dem Laufenden halten werden. Nicht, dass er drum gebeten hätte."

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Eddie sich mit der Hand durch die Haare fuhr, bemerkte ein leichtes Zittern. Plötzlich begriff ich. Eddies Sachlichkeit war nur ein verzweifelter Versuch, die Realität im Zaum zu halten. Innerlich brannte und zerrte es vermutlich an ihm. Wenn er es so wollte, würde ich alles dafür tun, dass die Ablenkung klappte. Und ich würde für ihn da sein, wenn es nicht mehr funktionierte.

"Und dann?"

"Hmmh?"

"Du hast 'erst' gesagt. Mit wem hast du denn noch telefoniert?"

"Mit meiner Mutter."

"Mit Iris?"

"Hab' ich mehrere Mütter?"

Ich zuckte zusammen - lange hatte seine Beherrschung nicht vorgehalten.

"Sorry, Chris, ich wollt' dich nicht anbrüllen. Gott, Iris mag Mike. Sie würd's mir nie verzeihen, wenn ich sie nicht angerufen hätte."

"Na ja, ich wunder' mich halt, dass du sie sofort anrufst, ohne zu wissen, wie's ihm wirklich geht." Eddie gab mir keine Antwort, aber ich brauchte eine. Musste seine Stimme hören, brauchte irgendwas Vertrautes, was das Chaos in meinem Kopf durchdringen konnte. "Komm, sach schon, was los ist."

"Ich wollte... musste mit jemanden reden, der sich um Mike sorgt, egal was... wer... ach Mann, Chris, du hast keine Ahnung, wie Mikes Vater reagiert hat. Ich hatte alles verdrängt. Vor allem die Tatsache, dass er nichts von seinem Sohn wissen will. Dass es ihn einen Scheißdreck interessiert, wie's ihm geht."

Vielen Dank, Eddie-Schatz. Ich behielt den sarkastischen Kommentar für mich, aber er musste wissen, dass ich mich übergangen fühlte. "Du hättest mit mir sprechen können."

"Ja, ich denke. Es schien mir einfacher, mit Mutter zu sprechen."

Ich schluckte schwer. Das hatte ich nicht hören wollen. "Du denkst... Ich weiß, das heute Abend war nicht gut von mir, aber was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn du Geheimnisse vor mir hast? Wenn du mir nicht bedingungslos traust? Ich hab' den Eindruck, du versuchst, einen Teil von dir für mich unberührbar zu machen." Und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, was mich dazu brachte, hier meine Seele auszubreiten.

"Nicht einen Teil von mir, Chris. Oder besser: Nicht nur einen Teil von mir. Ich meine, es ist ja nicht mein Geheimnis, sondern es geht dabei auch und in erster Linie um Mike. Und ich habe nicht gerade den Eindruck, dass ich dich mit diesem Thema begeistere."

"Wenn's dir um Mike geht... Glaubst du, ich mach' mir keine Sorgen? Der Mann war fünf Jahre mein Partner, mein-" Ich brach ab, als mir mal wieder bewusst wurde, wie wenig ich Mike kannte, von ihm wusste. War das jemals Freundschaft gewesen? Okay, wir sind nicht das schlechteste Team bei der Kripo gewesen, Stars geradezu verglichen mit Deichsel und Kallenbach, und unsere gemeinsame Abneigung gegen die beiden hatte uns zu einer Art Verbündeten gemacht. Während der ganzen Zeit hatte ich allerdings keinen Schimmer gehabt, was Mike vor mir verborgen gehalten hatte.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen meines Auftrittes heute Nachmittag, aber höchstens wegen der Form, nicht in der Sache. Dadurch, dass Mike jetzt verunglückt war - höchstwahrscheinlich in Ausübung seines Dienstes -, wurde doch nicht alles falsch, was ich dachte, und es machte seine Entscheidungen nicht vollkommen richtig. Oder?

Aber jetzt waren wir auf dem Weg zu Klaus, Mikes Freund, um ihm zu sagen, dass Mike im Krankenhaus war. Und möglichst so, dass ihm nicht die Tatsache ins Gesicht sprang, dass unser Auftauchen bei ihm ein höchst inoffizielles war.

 

***
 

Ohne uns zu verständigen, stiegen wir beide aus, als wir das Haus erreichten, in dem Klaus und Mike ihre Wohnung hatten. Ich konnte die paar Mal, die ich dort gewesen war, an einer Hand abzählen. Entschieden drückte ich die Klingel, und ein paar Augenblicke später meldete sich Klaus über die Anlage. "Ja, bitte?"

"Klaus, wir sind's, Chris und Eddie. Lässt du uns rein?"

Ich hörte ihn lachen, und er sagte was, das ich nicht ganz verstand. Ich tippte auf Italienisch - irgendwas mit amici. Freunde! Na super! Dann summte es, und wir drückten die Eingangstür auf. Im dritten Stock stand die Wohnungstür offen. Wir gingen ins Wohnzimmer, wo wir Klaus hantieren hörten.

"Entschuldigt die Unordnung. Ich habe es schamlos ausgenutzt, dass Mike heute Abend schuften muss, und mich mit meinem Sprachkurs breitgemacht. Irgendwer muss ja unsere Chancen auf Verständigung verbessern, wenn wir im April la bella Firenze heimsuchen."

Ich spürte Eddies Blick auf mir ruhen und räusperte mich vernehmlich, brachte aber sonst keinen Ton heraus. Klaus drehte sich zu uns um, einen Stapel Bücher in den Händen, und sein Lächeln erstarb. Wie auch das Leuchten in seinen Augen. Die Bücher landeten klatschend auf dem Laminat, und aus den Augenwinkeln sah ich Eddie zusammenzucken.

"Ist er... ist er..." Weiter kam Klaus nicht, und meine Hirntätigkeit setzte endlich wieder ein.

"Nein, nein, er ist im Krankenhaus. Er hatte einen Unfall, aber es ist nicht lebensgefährlich. Aber es hat ihn wohl ziemlich erwischt, nur Näheres wissen wir nicht. Noch nicht. Wir sind hier, um dich hinzubringen."

"Unfall?" Klaus schüttelte den Kopf, schlang die Arme um seinen Oberkörper. "Wie kann er einen Unfall haben?"

Ich hatte nicht die Nerven herauszufinden, was Klaus mit dieser Frage meinte. Wir mussten jetzt zum Krankenhaus, sonst wurden wir noch allesamt wahnsinnig. "Klaus, bitte, zieh dir was über und dann können wir los."

Da kam Bewegung in Eddie. Er rannte aus dem Zimmer; ich hörte Türen klappern. Ich starrte auf Klaus, hasste Eddie dafür, dass er mich auch nur eine Sekunde mit ihm allein ließ. Klaus stand einfach nur da stand und schüttelte den Kopf. Ich erinnerte mich daran, dass erst Eddies Berührung mich vorhin aus meinem Schock geholt hatte. Langsam ging ich auf Klaus zu, vorsichtig legte ich einen Arm auf seine Schulter, hatte Angst, ihn zu erschrecken. Oder fürchtete wohl eher, dass er mich mit seiner Reaktion aus der Fassung brachte. Noch mehr aus der Fassung brachte...

"Klaus, hey, Mike ist tough. Der schafft das. Ihr schafft das."

Er ließ die Arme sinken, gestikulierte mit den Händen. "Weißt du, dass ich es gewusst habe? Dass es irgendwann so kommen musste?"

"Lass das, Klaus, das bringt dich nur um den Verstand. Jetzt ist nur wichtig, dass wir ins Krankenhaus kommen."

"Was ist mit Carola? Mit Frau Stern, meine ich."

"Wie ich Ehrenberg verstanden habe, ist es bei ihr weniger schlimm."

"Das kann ich nur hoffen. Wäre sie in Ordnung, wäre sie gekommen. Weiß ihre Mutter Bescheid, hast du eine Ahnung, Chris?"

"Sie haben eine Beamtin zu ihr rausgeschickt." Der Mann war unglaublich. Dachte in einem solchen Augenblick an... an andere halt. Unfassbar

.

Jetzt war Eddie zurück, schleppte einen Armvoll Klamotten an. Pulli, Mantel, Schal wurden mir in die Arme gedrückt. Dann zog Eddie Klaus an sich, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Es schien mir eine Ewigkeit, bis Klaus nickte. Hätte ich nicht die Hände voll gehabt, hätte ich Eddie von ihm weggezogen. Dann war's vorbei, und Eddie nahm mir die Sachen Stück für Stück ab, hielt sie Klaus hin, und der zog sich an. Statist Schwenk, zu Ihren Diensten!

"Hast du alles, was du brauchst? Papiere, Handy, Schlüssel?"

"Anrichte in der Diele und Schlüsselhaken." In der Diele zog er sich Stiefel an, nahm sein Filofax und seine Brieftasche aus der obersten Schublade der Anrichte, stopfte sich beides in die Manteltaschen. Ich löschte das Licht im Wohnzimmer. Draußen auf dem Treppenansatz warteten wir, bis Klaus die Wohnung abgeschlossen hatte. Für ein paar Sekunden verharrte er, und ich reckte mich, um zu erkennen, was er da anstarrte. Das Türschild. 'Niemcek/Täuber'. Oh Mann. In der Sekunde hatte ich nur einen Gedanken. Würden Eddie und ich jemals so weit kommen?

Beim Hinunterlaufen war Eddie plötzlich neben mir, griff meinen Arm. "Fährst du weiter? Ich setz' mich mit Klaus nach hinten, ja?" Als ich überrascht schwieg, nahm er das wohl als Zustimmung, hauchte einen Kuss auf mein Ohrläppchen und blieb zurück, bis er wieder auf Klaus' Höhe war. Ich riskierte einen Blick über die Schulter. Eddies Arm lag um Klaus' Schultern, und ich befahl meinem Hirn, es nicht als 'im-Arm-halten' zu registrieren.

Ich schloss den Wagen auf, und die beiden kletterten auf den Rücksitz. Ich schaute mehrfach in den Rückspiegel, so oft ich es bei diesem beschissenen Wetter wagte. Eddies Arm lag immer noch auf Klaus' Schultern, während er auf ihn einredete. Ihm erklärte, was er wusste, ein paar vage Vermutungen abgab. Falls Klaus so empfänglich für Eddies Stimme war wie ich selbst, musste ihm das helfen. Einfach nur zu wissen, dass er da war, half unglaublich. Aber das gehört doch mir!

Ich versuchte, die leise Stimme zu ignorieren, die sich in meinem Kopf breit zu machen drohte. Eddie war nicht für Klaus bestimmt, nicht für Mike, nur für mich allein. Was geht da nur ab?

Die Stimme nagte weiter an mir, ungewollte Bilder kamen dazu. Bilder von Mike und Eddie. Aus für die beiden glücklichen Tagen. Wie Eddie Mike von hinten umfangen hielt, ihm wohl unsinnige Dinge ins Ohr flüsterte, die Mike zum Lachen brachten. Damals hatte ich Helen gehabt, aber in solchen Momenten hatte ich mir ausgemalt, wie es gewesen wäre, wenn wir... wenn ich mich anders entschieden hätte. Dann wäre all das, was jetzt in mir brannte, nicht da... Ich war heilfroh, dass kaum Verkehr war; schließlich mussten wir mitten durch die Stadt. Ich fuhr direkt ins Parkhaus des Traumacenters und hatte Glück, dass ich in der ersten Etage einen freien Platz fand.

"Chris?"

Ich schrak fast hoch, als Eddie sich zu mir nach vorn beugte. "Ja, was ist denn?"

"Danke!"

Er ließ mir keine Zeit für eine Reaktion - bevor ich mich umdrehen konnte, kletterten die beiden schon aus dem Wagen. Ich beeilte mich, es ihnen gleichzutun. Ich schloss den Wagen ab, lief den Weg voraus. Der Weg zur Notaufnahme war gottseidank gut ausgeschildert. Zwar war ich mir immer bewusst, dass Klaus und Eddie mir dicht auf den Fersen waren. Doch ich sah mich nicht mehr um; für jetzt kannte ich meine Aufgabe, und die war, die beiden zu Mike zu bringen. Dann würde ich weitersehen. Und hoffentlich wieder etwas fühlen.

Auf der Station kam mir Ehrenberg entgegen; er hatte es offensichtlich eilig. "Herr Schwenk, gut, dass Sie da sind. Ich bin von einem wichtigen Termin weggerufen worden, und es wäre mir lieb, wenn Sie hier für mich-"

Während er sprach, war ich einen Schritt zurückgetreten, sah mir sein Outfit an. Seidenschal über dem eleganten Mantel, der den Abendanzug nur unvollständig verbarg. Ich hatte genug Frust in mir, um mir Höflichkeitsfloskeln zu verkneifen, und fiel ihm ins Wort. "Herr Ehrenberg, bevor ich hier Ihre verdammte Pflicht übernehme, wäre ich dankbar, wenn Sie mich über die Situation aufklären."

Er wurde knallrot, doch sein Termin war ihm offenbar wichtiger als irgendwelche Machtspiele. "Gut. Verstehe. Frau Stern und Herr Niemcek hatten einen Autounfall während einer Beschattung. Der Einsatz läuft noch unter der Leitung von Herrn Kallenbach. Wir müssen sehen, was noch zu retten ist in diesem Fall."

"Wie geht's den beiden?" Ich hatte Mühe, ihn nicht anzubrüllen.

"Frau Stern hat eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma, sie ist stabil und unter Beobachtung. Wie gesagt, ihre Mutter ist informiert worden. Laut der behandelnden Ärztin wird sie in ein paar Tagen entlassen werden können. Herr Niemcek ist noch in der OP; die Airbags haben wohl das Schlimmste verhindern können, aber sein linkes Bein, insbesondere das Knie, ist schwer verletzt worden. Eine Diagnose oder Prognose hat man mir nicht geben wollen."

Es hörte sich nicht gut an, aber viel Schlimmeres wäre drin gewesen. Ich drehte mich um, sah Klaus und Eddie etwas weiter den Flur runter warten. Ich lief zu ihnen zurück. "Er ist noch im OP. Absolut keine Lebensgefahr, aber auf eine konkrete Diagnose müssen wir einfach warten. Sein linkes Bein ist schwer verletzt. Und Frau Stern hat eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma. Tut mir einen Gefallen und wartet im Besucherraum auf mich? Ich habe hier noch was... Dienstliches zu klären."

Eddie nickte nur, nahm Klaus am Arm. Der machte sich aber frei und kam zu mir. "Hey, Chris, danke." Bevor ich reagieren konnte, umarmte er mich, und das einzig Richtige war, die Umarmung zu erwidern.

"Schon okay, Mann. Ich bin nur Überbringer der Nachricht!"

Klaus ließ mich los und trat einen Schritt zurück. "Du hast heute Nacht viel mehr getan als du ahnst." Er ging zurück zu Eddie, und die beiden liefen den Gang weiter Richtung Besucherraum. Wieder war mir nicht ganz klar, was Klaus mit seinen Worten gemeint hatte. Aber das musste und konnte warten.

 

Nicht warten konnte Ehrenberg, und ich wandte mich ihm wieder zu. Seine Nervosität konnte er nicht verbergen, denn er wippte auf den Fußballen vor und zurück. Also gut, lassen wir dich ein bisschen zappeln. Als wäre ich in Gedanken versunken, stellte ich mich hin und zupfte an meiner Unterlippe. Ehrenberg schaffte es keine Minute, sich zurückzuhalten. Mir war ja klar, was er von mir wollte, aber nichts war umsonst. Schon gar nicht in unserem Job. Und es spielte keine Rolle, dass ich mittlerweile in einem anderen Verein und einer anderen Liga spielte.

"Das war wohl Herr Täuber, der-" Er brach ab. Innerlich rollte ich die Augen; es gab wohl kein Fettnäpfchen, das der ausließ. Leider traten solche Typen immer in die Fettnäpfchen, die nicht wirklich zählten. Aber das Leben war halt nicht fair.

"Ja, Klaus Täuber, der Lebensgefährte von Herrn Niemcek. Ich hatte mir gedacht, ich erspare Ihnen die Arbeit, ihn zu unterrichten." Als er dazu nur schwieg, wurde es mir zu bunt. Ich hatte keinen Nerv mehr auf den Mann. "Ist Näheres über den Unfall bekannt?"

"Die Kollegen von der Streife vermuten, dass Herr Niemcek die Kontrolle über den Wagen verloren hat. Mehr weiß ich nicht."

"Ist Frau Stern ansprechbar?"

"Nun, die Ärztin hat ihr absolute Ruhe verordnet-"

"-und Sie haben die Antwort geschluckt, damit Sie schnell wieder zu Ihrem Termin können, schon klar." Ich trat dicht an ihn heran. Ich witterte hier meine Chance, etwas Brauchbares aus dieser Scheißsituation herauszuschlagen, auch wenn es noch nichts Konkretes war. "Hören Sie, Ehrenberg, ich bin zwar schon einige Zeit nicht mehr bei eurem erlesenen Haufen, aber manche Infos finden immer noch den Weg zu mir. Sie sind ein Könner, wenn es um die Balance zwischen dem eigentlichen Job und dem Buckeln nach oben geht. Soll mir auch egal sein, ich muss mir Ihr Gesicht ja nicht täglich antun. Ich begreife, dass der Fall wohl noch zur Ihrer Zufriedenheit von Kallenbach gehandelt wird, sonst würden Sie hier einen ganz anderen Tanz aufführen. Also lass' ich Sie vom Haken und halte Ihnen hier den Rücken frei. Sie bekommen von mir alle relevanten Informationen, ich veranlasse die notwendigen Gespräche, bereite den Papierkrieg vor. Aber dafür habe ich was gut bei Ihnen. Das hier ist ein Deal, klar? Es steht Ihnen frei, sich bei Ihren... Freunden aus den oberen Etagen zu erkundigen, was passiert, wenn Sie Ihren Teil nicht einhalten."

Seine Gesichtsfarbe besserte sich bei meiner Tirade nicht, und er nickte bloß. Er kramte seine Visitenkarte heraus und kritzelte auf die Rückseite eine Handynummer, gab mir dann die Karte. Klar, dass er nichts davon offiziell werden lassen wollte. Ich sah ihm nach, wie er die Station verließ, schüttelte den Kopf über soviel Borniertheit. Es kotzte mich an, wie er seine Abteilung führte, aber das war noch lange kein Grund, diesem Arsch das Feld kampflos zu überlassen. Da nahm ich gern ein bisschen Schmutz in Kauf, der vielleicht hängenblieb.

Vor allen Dingen hatte ich jetzt wieder den Kopf frei, um mich um die wirklich wichtigen Menschen zu kümmern. Nicht, dass es mir leichtfallen würde. Mit Arschlöchern Marke Ehrenberg hatte ich viel weniger Probleme. Aber ich hatte ja noch eine Gnadenfrist, bevor ich zu Eddie und Klaus musste. Zuerst würde ich die Schwester vom Dienst darüber informieren, dass ich ihr neuer Ansprechpartner war. Und würde ihr klar machen, dass nur ein Koma mich von einem Gespräch mit Carola Stern würde abhalten können.

 

 
Kapitel 3: wo deine Liebe ist

 

"Schwenk? Christoph Schwenk? Von der Kripo Frankfurt?"

Bevor ich die Schwester darüber informieren konnte, dass sich da was geändert hatte, sprach sie weiter. "Ich habe hier einen Eintrag, der Sie als Vertrauensperson von Herrn Niemcek nennt. Der Eintrag entspricht zwar nicht mehr den rechtlichen Ansprüchen einer voll wirksamen Patientenverfügung, da er aus dem Jahre 1994 stammt und nicht auf dem vollen Umfang einer Befragung des Pat-"

"Würden Sie mir in einfachen Worten erklären, was das bedeutet, statt sich darüber auszulassen, was es nicht bedeutet? Ich bin die Vertrauensperson von Herrn Niemcek?"

"Quasi ein Interessens- und im Extremfall ein Willensvertreter des Patienten. Hier und heute - da die Situation nicht lebensgefährlich ist - läuft es darauf hinaus, dass Sie berechtigt sind, über den Zustand des Patienten im Detail unterrichtet zu werden."

Ich stand da wie vom Blitz getroffen, erleichtert, erstaunt und ein bisschen erschrocken. Ich hatte absolut keine Ahnung gehabt, dass eine solche Eintragung existierte. Mike hatte es niemals auch nur mit einem Wort erwähnt. Allerdings machte es Sinn, nach dem, was Eddie im Auto über Mikes Vater gesagt hatte. Beziehungsweise, was er alles nicht über ihn gesagt hatte. Und vor knapp zehn Jahren waren wir noch Partner gewesen... Auch wenn ich mich an keinen Anlass erinnern konnte, der Mike dazu veranlasst haben könnte, mich - mich - zu seiner Vertrauensperson zu machen. Noch weniger war zu begreifen, dass er es in der Zwischenzeit nicht geändert hatte. Klaus' oder vielleicht noch Eddies Name müsste dort stehen.

Nicht, dass es mir nicht in den Kram passte. Die Schwester hatte mich nämlich erst einmal von oben bis unten misstrauisch gemustert, als ich anfing, mich vorzustellen und mein Anliegen vorzubringen. Und hatte mich unterbrochen, etwas über ein Irrenhaus gemurmelt, in dem sie die einzig Normale wäre... Mir war vom ersten Augenblick klar gewesen, dass die bei jeder Kleinigkeit zicken würde. Aber als Vertrauensperson hatte ich jetzt eindeutig Oberwasser. Und der Teufel ritt mich...

"Wären Sie dann nicht verpflichtet gewesen, mich zu kontaktieren, nachdem Herr Niemcek eingeliefert wurde?"

Ich hatte erwartet, dass sie sich in Ausflüchte retten würde, aber nichts dergleichen. Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und nickte lächelnd. "Okay, Herr Schwenk, Sie haben gewonnen. Ersparen wir uns beide das Hin und Her, und einigen wir uns darauf, dass uns beiden das Wohl des Patienten am Herzen liegt. Sobald ich Genaueres weiß oder wenn Herr Doktor Rohloff sich zeigt, werde ich Sie unverzüglich davon in Kenntnis setzen. Als Gegenleistung verschonen Sie mich mit nervigen Nachfragen und lassen mich in Ruhe meine Arbeit machen, ja?"

Innerlich atmete ich auf; endlich mal jemand, der seinen Job ernst nahm und auch etwas davon zu verstehen schien. Aber ich ließ mir nichts anmerken und schmiedete das Eisen, solange ich es für heiß genug hielt. "Ich bin der Letzte, der darauf aus ist, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, keine Sorge. Allerdings habe ich eine Bitte. Frau Stern, die Partnerin von Herrn Niemcek, kann mir vermutlich weiterhelfen, etwas Licht in diese Sache zu bringen, was relevant für eine wichtige polizeiliche Ermittlung wäre."

"Sie wollen mit ihr sprechen?" Kluges Kind. "Ich verspreche nichts. Wenn sie schläft, belassen wir es dabei. Sie braucht Ruhe und keine Aufregung. Und wenn sie sich weigert-"

"Ich weiß, dann lassen wir es, denn sie soll ihre Ruhe haben." Ich hob meine Hände. "Keinen Ärger, versprochen. Ich bin im Warteraum, wenn Sie mich suchen..." Ich inspizierte ihr Namensschild. "Schwester Anne-Maria Theissen."

Sie sah himmelwärts. "Anne genügt. Ich halte Sie auf dem Laufenden, Herr Schwenk."

"Verbindlichsten Dank, Anne."

 

Im Warteraum fand ich Eddie und Klaus an einem Tisch sitzend, beide hatten sich mit Getränken versorgt. Mit einem Seufzer setzte ich mich zu ihnen. Außer uns war niemand sonst da.

Eddie stand auf und ging zum Automaten. "Schwarz?" Er wartete mein Nicken gar nicht ab und warf die Münze ein. Keine Minute später stand ein Styroporbecher vor mir. Ich nahm ihn in die Hände, studierte den Inhalt. Sah aus wie Kaffee, roch wie Kaffee, dampfte. Das sollte genügen. Schmecken würde ich eh kaum was. Vorsichtig nahm ich den ersten Schluck. Yep, heiß.

"Alles geklärt. Ehrenberg hat das Feld geräumt, und sie halten uns auf dem neuesten Stand. Mit etwas Glück kann ich auch mit Mikes Partnerin sprechen. Vielleicht erfahren wir dann mehr darüber, wie's passiert ist." Ich sah hoch, blickte in Klaus' gerötetes Gesicht. Seine Augen glänzten zu sehr. "Nicht, dass es so wichtig ist. Es ist nur so-"

Klaus unterbrach mich, legte seine Hand auf meine. "Bitte, Chris, ist okay, bitte keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen." Seine Hand war wieder weg, bevor ich sie wegziehen musste. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen.

Jetzt, wo ich nichts mehr tun konnte als zu warten, wanderten die Gedanken zu Mike. Meine Auseinandersetzung mit Ehrenberg, meine Diskussion mit der Schwester... alles nur Taktik, um mich auf Trab zu halten, um mich abzulenken. Funktionierte nicht auf Dauer.

 

Und jetzt saß ich hier, wo ich eigentlich nicht hingehörte. Gab keinen Grund für mich hier zu sein. Ich arbeitete seit einer halben Ewigkeit nicht mehr mit Mike zusammen. Seine Partnerin lag ein paar Zimmer weiter. Und nach dem, was ich heute Nachmittag mitbekommen hatte, vertraute ihr Mike. Kein Bedarf für Christoph Schwenk. Ehrenberg sollte das Wohl seines Mitarbeiters am Herzen liegen, über das Interesse an dem Fall hinaus. Nichts Gespieltes oder Heuchlerisches, nur was die reine Menschlichkeit gebot. Er hätte locker alles, was die Ermittlung anging, von hier aus regeln können. Auf den Deal mit ihm hätte ich gern verzichtet. Klaus war Mikes Lebenspartner und nach allem, was ich über ihre Beziehung wusste, auch sein bester Freund. Was machte ich also eigentlich hier, lehnte mich für etwas aus dem Fenster, was mich wirklich nichts mehr anging? Schlechtes Gewissen wegen meiner Vorwürfe, meiner Verdächtigungen, meiner Eifersucht?

Alles, was ich hätte sagen können oder wollen, war absolut nicht angebracht. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Wie sollte ich Eddie klarmachen, dass ich jetzt lieber überall anders wäre als hier? Bevorzugt mit ihm zusammen. Aber wo ich Probleme hatte zu begreifen, wie wir Klaus oder Mike helfen konnten, war es für ihn selbstverständlich, da zu sein, Klaus sogar nah zu sein. Ihn in den richtigen Momenten zu berühren oder mit einer Bemerkung aufzumuntern. Wie sollte ich Klaus erklären, dass ich als Mikes Vertrauensperson registriert war, eine Bezeichnung, die ich in keiner Beziehung ausfüllen konnte? Eine Tatsache, für die ich nicht einmal eine Erklärung hatte... Und wie sollte ich ihnen klarmachen, was heute Nachmittag zwischen Mike und mir abgegangen war? Gut, das war etwas, was ich vor allem mit Mike ausmachen musste, aber der war nicht verfügbar, und die Sache brannte mir auf der Seele. Alles, was ich jetzt würde von mir geben können, würde alles nur verschlimmern, würde keinem helfen. Am allerwenigsten mir selbst.

 

Plötzlich war Eddies Hand da. Ich zögerte keinen Augenblick und ergriff sie, es war die instinktive Reaktion eines Ertrinkenden. Als ich mich endlich traute, aufzusehen, sah ich in seinen Augen nur unbedingte Liebe. Hatte er meine Verzweiflung spüren können, meine Angst?

Ich blickte hinüber zu Klaus, und der nickte nur. "Du hast Recht mit dem, was du mir vorhin gesagt hast. Mike ist tough, wir schaffen das."

Bedingungslose Loyalität. Etwas, das keiner sonst Mike hatte bieten können. Eddie nicht und ich als sein Partner im Job erst recht nicht. Für Klaus zählte nur Mikes Glück, und da ging er keine Kompromisse ein. Und pfiff auf alle Konventionen. Akzeptierte die Hilfe und Nähe von Mikes Ex und einem Mann, den er kaum kannte, ohne dass er ihre Motive auch nur für eine Sekunde hinterfragte.

Ich hatte mich total verrannt. Eigentlich blieb mir nur eins zu tun. Nein, zwei Dinge. Ich sicherte mir Ehrenbergs Dankbarkeit und ich ließ Eddie sein Ding durchziehen, zeigte ihm damit, dass ich ihm vertraute. Nur war es mir im Moment unmöglich, Eddies Hand loszulassen.

"Herr Schwenk?" Ich wirbelte herum, Anne stand in der Tür. "Frau Stern ist wach und Sie können zu ihr."

Ich drückte nochmals Eddies Hand und folgte der Schwester nach draußen. Sie ließ mich in Frau Sterns Zimmer und schloss die Tür mit den Worten. "Nicht zu lange, bitte"

 

Frau Stern sah schmal und blass aus. Ich ging auf das Bett zu, und sie öffnete die Augen. Sie weiteten sich, und ich zweifelte, ob es so klug gewesen war, hierher zu kommen. Ich hoffte, dass ich ein paar Worte anbringen konnte, bevor sie mich rauswarf. Super, Chris, du hast es geschafft, die Möglichkeit zu verdrängen, dass die Lady sauer auf dich ist! Wenn sie dich nicht killt, wird mir Anne den Hals umdrehen, weil ich ihre Patientin doch aufgeregt habe.

"Was machen Sie denn hier? Von allen Leuten-" Sie brach ab und tastete mit ihrer Hand hinter sich. Ich begriff die Geste und musste handeln. Oder zumindest endlich meinen Mund aufmachen.

"Warten Sie einen Moment, bevor Sie die Schwester alarmieren, Frau Stern. Ich gebe zu, dass es etwas gedankenlos war, Sie aufzusuchen, aber ich habe keine bösen Absichten."

Die Hand landete auf dem Oberbett, und Frau Stern sah mich funkelnd an. "Sie haben Nerven. Und zwei Minuten, um mich von Ihren reinen Motiven zu überzeugen."

"Wenn Sie sich nicht wohl fühlen, dann-"

"Gott, wie hat Mike Sie nur als Partner ertragen? Kommen Sie zur Sache, Mann. Und dann raus hier."

Wow. Wenn sie in ihrem Zustand in der Lage war, einen solchen Ton anzuschlagen, war Mike nur zu beglückwünschen. Am besten stieg ich mit einer Halbwahrheit in das Gespräch ein. "Ihr Chef, Herr Ehrenberg, hat mich gebeten, für ihn... na ja, einzuspringen, da er einen wichtigen Termin hatte."

"Einzuspringen?"

Am besten, ich kam zum Kern der Dinge. "Nun, ich wollte fragen, ob Sie mir Einzelheiten über den Unfall verraten können."

"Kann ich. Könnte ich. Was wollen Sie denn wirklich wissen? Ob Mike den Einsatz geschmissen hat? Ob Ihr Freund mit Post vom Staatsanwalt rechnen muss?"

Die Frage, ob sie sauer auf mich war, hatte sich damit erledigt. Noch jemand mit Loyalität. "Moment, so kommen wir nicht weiter, da kann ich gleich gehen."

"Gute Idee", murmelte sie. "Ach Scheiß, ich bin zu müde fürs Schattenboxen. Die Geschichte ist schnell erzählt."

Das war sie in der Tat. Lediglich als Frau Stern schilderte, wie Mike die Kontrolle über den Wagen verlor, wurde sie etwas unsicher. Ich vermutete erst, sie hatte Angst, ihn reinzureiten, aber das war es nicht. "Sehen Sie, ich habe in dem Moment mit der Wache gesprochen, dass sie den Verdächtigen übernehmen sollen, da wir ihn verlieren würden. Keine Chance, dem bei seiner Fahrweise folgen zu können, ohne..." Sie schluckte, fuhr dann fort. "Ohne den eigenen Hals zu riskieren. Der LKW zog einfach aus der Seitenstraße in unsere Spur, ich glaube, ich habe Mike noch angebrüllt. Der Rest ist einfach nur noch... Keine Ahnung. Verschwommene Bilder, Schreie. Und schließlich Dunkelheit."

Sie machte eine Pause, zupfte an dem Bettlaken. "Die Schwester hat mir gesagt, dass Mike noch im OP ist. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie mehr wissen?"

"Klar. Und danke."

"Schon okay."

"Noch eine Frage. Ehrenberg hat mir keine Einzelheiten zum Unfall genannt, bevor er ging. Wissen Sie, mit wem von der Streife Sie telefoniert haben? Mit denen kann ich dann die offenen Punkte klären."

"Cornelissen. Glaube ich. Ich bin über die Zentrale gegangen, habe unsere Position genannt und die haben mich weiterverbunden."

"Das krieg ich schon raus. Und jetzt ruhen Sie sich aus."

Ich hatte die Hand auf der Klinke, als sie mich nochmals ansprach. "Herr Schwenk? Tut mir leid, wenn ich Sie vorhin angeblafft habe. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand kommt und sich nach der Sache erkundigt. Mir etwas von Mike sagt. Es war ein Unfall, ganz klar waren wir zu schnell unterwegs bei dem Wetter, aber... es war halt ein Unfall."

Ich hatte mich nicht geirrt. Noch jemand mit Loyalität. "Ich habe nicht vor, Mike irgendwas anzuhängen. Ich bin immer noch sauer auf ihn, aber das spiele ich nicht in dieser Sache gegen ihn aus."

Das war wohl genug, um sie zu beruhigen. Vor der Tür atmete ich tief durch. Ehrenbergs Gefallen musste ich mir wahrlich hart erarbeiten. Ich sah auf die Uhr. Kurz vor zwölf. Ich fühlte mich völlig erschlagen, aber es war keine Müdigkeit, die Schlaf heilen konnte.

Aber daran war jetzt nicht ohnehin nicht zu denken. Ich fragte Anne, ob ich ein privates Telefongespräch führen könnte. Sie ließ mich in den Aufenthaltsraum der Schwestern und knipste das Licht an. "Solange es nicht Hawaii ist."

 

Ich setzte mich auf den kleinen Schreibtisch und wählte Ehrenbergs Nummer. Es dauerte keine drei Klingelzeichen, da hatte ich ihn am Apparat.

"Ja?"

"Schwenk hier." Für einen Augenblick überlegte ich, ihn über Mikes und Frau Sterns Zustand zu informieren, doch ich hielt es für vergebliche Liebesmüh. Vielleicht überrascht er mich und fragt. "Ich habe mit Frau Stern gesprochen. Sie haben den Halter des Wag-"

"Hat sich alles erledigt, Herr Schwenk. Ich habe inzwischen mit Cornelissen gesprochen. Der Wagen konnte entkommen. Ich habe einen Streifenwagen zu den Grossmanns rausgeschickt. Sobald der Junge da auftaucht-"

"Der wird doch wohl versuchen, seinen Freund zu treffen."

"Das kann er nicht. Ich habe Kallenbach zugreifen lassen. Wo ein Element aus der Überwachung raus war, machte sie keinen Sinn mehr. Wir haben genug in der Hand gegen die Jungs."

"Und was ist mit den Hintermännern?"

"Falls es sie überhaupt gibt. Mir stand das Ganze zu sehr auf wackligen Beinen. Wir haben schon genug investiert, ich werde es nicht noch schlimmer machen, indem ich Phantomen hinterherjage."

Was hast du denn schon investiert? Doch ich schluckte es runter. Ich wunderte mich über Ehrenbergs Tonfall, wieder so arrogant und sicher, wie ich es von ihm gewohnt war. Vorhin hatte er noch ganz anders geklungen. Aber jetzt konnte ich nicht mehr viel unternehmen, auch wenn mir die Sache gar nicht gefiel. Morgen würde ich mich bei Kallenbach und Cornelissen schlau machen, was da abgegangen ist. Und was die Jungs so erzählen konnten, würde auch interessant werden.

"War sonst noch etwas, Herr Schwenk?"

"Abgesehen vom Gesundheitszustand Ihrer Leute könnte ich Ihnen nichts berichten." Ich knallte den Hörer auf die Gabel, froh, dass es nicht mein Handy war. Das hätte ich wohl an die Wand geklatscht.

 

Im Warteraum saßen Eddie und Klaus immer noch am Tisch und unterhielten sich. Sie blickten mir entgegen, als ich eintrat.

Ich setzte mich wieder zu ihnen. "Nichts Neues von Mike. Frau Stern geht's den Umständen entsprechend gut. Sie hat mir den Unfall geschildert. Sie waren dabei, die Observation abzubrechen, als ihnen ein LKW in die Quere geriet. Mike hat versucht zu bremsen, auszuweichen, aber bei der Wetterlage..."

Klaus stand langsam auf. "Ich kann nicht mehr hier sitzen und warten, ich muss mich etwas bewegen."

Eddie war halb aus dem Sitz, aber Klaus legte ihm kopfschüttelnd die Hand auf die Schulter. "Lass mich bitte etwas allein, Eddie. Ich gehe nur auf den Gang, vielleicht raus auf den Balkon."

Sobald er aus der Tür war, stand Eddie auf und kam zu mir rüber, kniete sich neben meinen Stuhl. Ich fuhr ihm durch die Haare. "Welchen Eindruck macht er auf dich?"

"Es ist nicht leicht, aber solange Mike lebt..." Er stand auf und zog mich hoch. "Es tut mir leid, Chris, aber es war sicher nicht meine Absicht, dich auszuschließen."

Es wurde gefährlich, wenn er in der Lage war, meine Gefühle besser zu deuten als ich selbst. "Ich vermute, es ist-"

"Ja, was? Sprich's nur aus. Der Christoph Schwenk, den ich kenne, hatte damit noch nie Schwierigkeiten, die Dinge beim Namen zu nennen. Zwar nicht immer beim richtigen..."

Ich knuffte ihn, und er stieß zurück. "Es ist nicht wirklich Eifersucht, nicht bei dir und Klaus, aber so wir ihr miteinander umgeht... So... nicht zurückhaltend."

"Aha. Du machst dir Gedanken, ob's ein Schwulending ist. Und hast dir die Frage selbst mit ja beantwortet, mit dem Ergebnis, dass du dich in Aktivitäten stürzt und quasi Land gewinnst." Die Hitze stieg in mir hoch. "Keine Sorge, ich will keine Rechtfertigung hören. Und wahrscheinlich ist es ein Schwulending. Ich mag Klaus sehr, und sei's nur darum, dass er Mike glücklich macht. Ich hab' das nicht gekonnt. Ich hab' Mike nur gebraucht."

Innerlich schrie es in mir, dass das unglaublich viel war. Dass ich mir genau das von Eddie auch wünschte. Dass er mich braucht, aber noch mehr. Dass er mich liebt, dass er verrückt nach mir ist, dass ich der Einzige für ihn bin.

"Ich sollte nicht so verdammt egoistisch sein. Schließlich nimmt mir Klaus ja nichts weg."

"Sei nicht albern, Chris, natürlich tut er das. Und ich liebe dich dafür, dass du's zulässt. Dass du dich stattdessen mit Ehrenbergs, Krankenschwestern und Partnerinnen herumschlägst."

"Ich konnte dich ja schlecht von Klaus wegzerren." Obwohl ich ein- oder zweimal kurz davor war.

"Chris, ich will weder einen Märtyrer als Liebhaber noch muss er diese Schwulendinge draufhaben. Ich will nur dich." Er nahm mein Gesicht in seine Hände, streichelte mir über die Wangenknochen, beugte sich zu mir herab. Kurz bevor er meine Lippen mit den seinen berührte, flüsterte er. "Ich will nur dich, und du brauchst mir nichts zu beweisen, mir oder anderen nichts vorzuspielen. Sei einfach Chris, mehr habe ich nie gesucht und mehr will ich nicht finden."

Verdammte Scheiße! Ich merkte, wie mir eine Träne die Wangen runterlief, wie Eddie sie fortwischte, seinen Kuss intensivierte, bis mir die Knie weich wurden. Wenn er nur nicht aufhört... nicht für eine Sekunde... Als ich seine Hand in meinem Nacken spürte, war mir klar, dass er genau das tun würde. Ich brach den Kuss ab, bevor er es tun konnte. Er sagte kein Wort, massierte den Nacken weiter, bis ich seine Hand wegzog. Uns war beiden klar, dass die Nacht noch nicht vorbei war. Und mir war klar, was ich als nächstes zu tun hatte.

"Eddie? Ich muss Klaus was sagen, was ihm nicht gefallen wird. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund hat Mike mich als seine Vertrauensperson für Notfälle wie diese bestimmt. Die Schwester hat's mir vorhin gesagt. Ich hatte bis grade keine Ahnung davon." Es brach geradezu aus mir hinaus, als müsste ich nicht nur Eddie, sondern auch mich selbst davon überzeugen, dass ich mit der Sache eigentlich nichts zu tun hatte. "Vielleicht hat er einfach nicht mehr dran gedacht. Es ist schließlich fast zehn Jahre her."

"Das ist nicht der Grund, Chris, und ich denke, du weißt es auch." Eddie und ich wirbelten herum. Klaus war ins Zimmer gekommen, ohne dass wir es bemerkt hatten. Was für eine Nacht! "Gerade habe ich die Schwester gefragt, ob es Neuigkeiten gibt, und sie hat mich nur seltsam angesehen und dann gesagt, dass ich mich an dich wenden soll! Für eine Sekunde dachte ich- war ich sicher- Verdammt!" Er ließ die Arme an die Seite sinken, und in dem Augenblick war ich überzeugt, dass er vor unseren Augen zusammenbrechen würde. Eddie reagierte schneller als ich und war bei ihm, bevor etwas passieren konnte.

"Komm schon, Mann, setz dich erst mal hin. Von Mike gibt es noch nichts Neues."

"Ich will mich nicht setzen, ich will nur wissen, was hier abgeht!" Als hätte Eddies Berührung Klaus neue Energie verliehen, machte er sich frei und baute sich vor mir auf. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich hatte ihn noch nie sauer erlebt. Und er war eindeutig wütend - und zwar auf mich.

"Nichts geht hier ab. Zumindest nichts, was ich-" Was sollte das, dass ich hier versuchte, mich zu verteidigen oder zu rechtfertigen? "Klaus, du musst mir glauben, dass ich weder eine Ahnung von der Sache hatte noch mir erklären kann, was Mike da geritten hat. Wir haben über so was nie gesprochen!"

Er trat noch einen Schritt näher. "Nun, ich habe mit ihm darüber gesprochen. Oder besser: Ich habe es versucht. Er hat sich geweigert, überhaupt darüber zu diskutieren. Und ich dachte jedesmal, er hätte diese irrationale Angst, dass er mit einem solchen Arrangement etwas heraufbeschwören könnte. Aber da lag ich wohl völlig falsch. Und das ist ja wohl nicht das Einzige, bei dem ich falsch lag."

"Was willst du denn damit sagen? Was willst du mir damit unterstellen? Du solltest diese Vorwürfe aufsparen, bis Mike wieder da ist! Ich hab' mir das nicht ausgesucht! Hätte ich's auch nur geahnt, glaub mir, ich hätte was dagegen unternommen. Der Gedanke, dass ich eine Entscheidung darüber treffen müsste-" Der Gedanke allein schnürte mir die Kehle zu. Wenn ich mir vorstellte, bei Eddie zu entscheiden, ob er nach einem schweren Unfall weiterleben sollte... "Diese Scheiße würd' ich nicht mal meinem ärgsten Feind wünschen!"

Klaus antwortete nicht, aber ich konnte spüren, wie es in ihm kochte. Komm, Chris, wie würdest du dich fühlen, wenn dein Lover einen anderen zu seiner Vertrauensperson macht? Es kostete mich den letzten Nerv und meine letzten Reserven, hier nicht auszuflippen. Fast gepresst wiederholte ich. "Nicht mal meinem ärgsten Feind!"

"Was hat das mit deinen Wünschen zu tun? Offensichtlich traut dir Mike genug, dass du eine solche Entscheidung für ihn treffen kannst."

Okay, das reicht. "Genau das ist der Punkt. Mike traut es mir zu. Mike hat diese blöde Eintragung veranlasst. Mike hat es dir nicht erzählt. Jetzt sag mir mal, wo genau ich da Scheiße gebaut haben soll! Ich kann nichts für Mikes seltsame Vorstellungen, wie ich zu ihm stehe!"

"Das ist ja wohl noch nicht raus, wessen Vorstellungen von Freundschaft seltsam sind!"

Bevor ich Klaus die passende Antwort geben konnte, trat Eddie zwischen uns. Leider. "Bevor ihr euch die Köpfe einschlagt... Im Moment interessiert doch nur, dass Mike heil aus der OP kommt. Im Moment führt ihr euch auf wie kleine dumme Jungs, die im Sandkasten um Spielzeug streiten!"

Ich wurde mir plötzlich der Hitze bewusst, die zwischen uns dreien herrschte, und trat einen Schritt zurück, drehte mich aber nicht ab. Natürlich hatte Eddie Recht, aber das reichte nicht, dass ich hier einen Rückzieher machte. Und es änderte nichts daran, dass es richtig gut getan hatte, meinen Frust Klaus ins Gesicht zu schreien. Und wenn es Klaus auch geholfen hatte, bedeutete das, dass wir uns gerade nicht komplett zu Affen gemacht hatten. Wenn ich mir aber Eddie so ansah, mit diesem Kopfschütteln und den Falten auf seiner Stirn, war ich mir da nicht so sicher. Wahrscheinlich wurde ich nie erwachsen. Ich konnte nur hoffen, dass ich Eddie nicht irgendwann zu sehr nervte.

 
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