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Wenn der Nordwind nach dir sucht...
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Wenn der Nordwind nach dir sucht

Teil 3
© by Birgitt ()
 
Disclaimer: Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, durch sie materielle Vorteile zu erlangen
Anmerkung der Autorin: Auch diese Echte Kerle-Story ist Aisling gewidmet. Sie weiß, dass diese Danksagungen nicht nur leere Sprüche sind. Schließlich steht sie mir nicht nur als Beta mit Rat und Tat zur Seite - sie sorgt auch dafür, dass ich - einigermaßen - auf Kurs bleibe. Alle 'überlebenden' Abweichungen gehen auf mein Konto.
Soundtrack: Wenn der Nordwind nach dir sucht (Zeichen der Zeit)
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 4: Mauern der Liebe

 

Mittlerweile konnte ich Kaffee nicht mehr ertragen. Schon den Rest des letzten Bechers hatte ich auf der Toilette entsorgt, gleich danach die vom Körper verarbeitete Flüssigkeit der vorhergehenden Becher. Irgendwann reichte es auch nicht mehr, dass er von innen wärmte; die Halbwertzeit dieser Energie ging rasant auf Null zu. Zumindest die letzten zwei Runden, die wir aus dem Automaten gezogen hatten, waren mehr Zeitvertreib als physiologischer Bedarf gewesen.

Einmal hatte Klaus Anstalten gemacht, mich anzusprechen, aber mein Blick hatte ihn abgeschreckt. Es war wesentlich einfacher, etwas wütend auf ihn und sehr wütend auf Mike zu sein, als mir selbst einzugestehen, dass ich nette Männer wie ein Arsch behandelte. Leider Gottes war Klaus nicht nachtragend - eine Eigenschaft, die er mit Mike gemeinsam hatte, der zwar unglaublich sauer werden konnte, bei dem es aber nie lang vorhielt. Im Moment kam es mir ganz gelegen, meine Wut am Flackern zu halten. Auch wenn es nur auf Sparflamme war, ich konnte das Feuer jederzeit wieder hochdrehen. Eddie schien das zu spüren, denn er ließ uns nicht mehr allein. Ich war einfach nur froh, dass er da war, völlig egal, ob es um meinet- oder um Klaus' Willen war. Nicht, dass ich glaubte, wir wären wirklich handgreiflich geworden. Zumal ich dann der Schwester zugetraut hätte, dass sie einschritt und uns rauswarf.

 

Ab und an hatte ich wieder Frau Sterns Stimme im Ohr, als sie mir zu erklären versucht hatte, wie der Unfall sich ereignet hatte. Da war ein Zögern in ihrem Tonfall gewesen, der mich hatte stutzen lassen. Wenn sie versucht hätte, Distanz aufzubauen, indem sie das Geschehene im Stil eines Berichtes formuliert hätte - das wäre eine logische Reaktion gewesen. Ich hoffte, dass Mike bald mehr Licht ins Dunkel bringen würde. Ich hoffte, dass Mike bald in der Lage sein würde, Licht ins Dunkel zu bringen. Nicht nur, was den Unfall und ihren aktuellen Fall anging...

Vor allem wird er mir diese Geschichte mit der Patientenverfügung erklären müssen. Zehn Jahre und verliert kein Wort drüber. Traut mir zu, dass ich so etwas wie den Wert seines Lebens beurteilen kann, traut sich aber nicht, mir davon zu erzählen. Und seinem Klaus auch nicht.

Was mich und Eddie angeht, hab' ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Wir sind immer noch so frisch zusammen, dass ich irgendwie dem Braten noch nicht traue. Als würde ich dieses ganze Traumgebilde dadurch zerstören, dass ich irgendwelche Konsequenzen aus unserer Beziehung ableite, die über eine Zahnbürste in Eddies Badezimmer hinausgehen...

Bei diesem Gedanken musste ich lächeln, und vorsichtig schob ich meine Hand in Eddies Nacken, begann, diesen leicht zu massieren. Ja, Eddie war da und war ein fester Bestandteil meines Daseins. Eigentlich sollte ich mich kneifen, um festzustellen... Obwohl... das tat weh... Also zwickte ich lieber Eddie leicht ins Ohrläppchen; er drehte sich zu mir um und streckte mir die Zungenspitze raus. Ich konnte ein Versprechen in seinen Augen lesen. 'Warte, bis wir unter uns sind!'

Gott, wo bin ich nur hingeraten? Wer hätte gedacht, dass ich mich jemals so auf einen Menschen einlassen könnte? Und dazu noch auf einen Mann... Damals, als ich Eddie kennengelernt habe, war es ein Tanz auf einem Vulkan gewesen, einem Vulkan, von dem ich jederzeit runterrennen konnte. Und schließlich hab' ich das auch getan und geglaubt, damit wär' die Sache erledigt. Weit gefehlt, jetzt stehe ich regelmäßig am Rand des Kraters und setze zum Sprung an. Und finde allein an der Vorstellung schon Vergnügen. Obwohl ich in diesem Augenblick alles dafür geben würde, einfach los- und diese Situation hinter mich lassen zu können.

Ich legte den Kopf auf Eddies Schulter und schloss die Augen. Es war kein halbes Jahr her, da hatte ich mich danach gesehnt, genau das tun zu können, und hatte befürchtet, es würde niemals möglich sein, solche Momente der Nähe zu erleben.

 

Plötzlich drangen Laute an mein Ohr, und ich sah mich um. Eddie nahm mein Gesicht in seine Hände und flüsterte mir zu. "Sie kommen wohl hoch. Ich denke, der nächste Schritt ist dein Job."

So langsam wurden aus den Lauten im Hintergrund Türenklappern und Stimmen. Ich stand auf und an der Tür drehte ich mich um. "Haltet die Daumen." Ich weiß nicht, was und wie Eddie es angestellt hatte, aber Klaus blieb neben ihm sitzen. Auf dem Flur sah ich gerade noch, wie ein Bett in eines der Zimmer geschoben wurde. An der Theke stand ein Mann, in OP-Kleidung, der etwas auf ein Clipboard kritzelte. Welchen Namen hatte die Schwester noch erwähnt? Ach ja, Rohloff.

"Doktor Rohloff?" Ich ging weiter auf ihn zu, und er sah mir entgegen. "Mein Name ist Schwenk, Christoph Schwenk. Herr Niemcek und ich-"

"Einen Moment, Herr Schwenk, geben Sie mir zwei Minuten, um ein paar Anweisungen zu notieren, dann stehe ich Ihnen zur Verfügung."

Ich fühlte mich, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Nach einer weiteren Sekunde hob ich die Hände. "Klar... Kein Problem." An seinem Blick konnte ich erkennen, dass er den sarkastischen Unterton nicht mitbekommen hatte. Die Versuchung war groß, die Wartezeit genau zu kontrollieren, aber ich beherrschte mich und sah weder auf die Stationsuhr noch auf meine Armbanduhr. Meine Müdigkeit, die der Kaffee nicht hatte beseitigen können, war wie weggeblasen. Genug Energie also, um mehr und mehr die Geduld zu verlieren bei jedem Haken und jedem Kreuz, die Rohloff auf den Papieren hinterließ. So nach und nach drehte ich die Flamme wieder höher. Es schien, als hätte ich bald die Gelegenheit, die Vorteile von Mikes kleiner Überraschung auszukosten. Komm mach schon...

Rohloff legte das Board hinter die Theke, auf den Arbeitsplatz der Schwester. "Begleiten Sie mich in mein Büro, Herr Schwenk. Ich könnte einen Stuhl und etwas zu trinken gebrauchen." Er ging an mir vorbei, ohne auch nur auf eine Reaktion zu warten.

"Nein." Ich hatte es laut ausgesprochen, so dass er stehenblieb und sich zu mir umdrehte. "Mich interessiert es nicht sonderlich, was Sie jetzt brauchen. Erst erwarte ich, dass Sie Ihren Job zu Ende bringen. Ich will wissen, was mit meinem Freund los ist. Verschwenden wir keine Zeit mit Höflichkeitsfloskeln und eingeübter Anteilnahme. Geben Sie mir die Fakten, dann sind Sie mich los."

Rohloff schluckte und kam zu mir zurück. "Was bilden Sie sich ein? Ich habe mehrere Stunden OP hinter mir-"

"Ich bilde mir ein, dass es mein Recht ist, von Ihnen ohne Umschweife informiert zu werden. Verständlich informiert zu werden. Keine Floskeln, kein Fachchinesisch. Hier und jetzt. Wir stehen ja nicht gerade auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, wenn es Ihnen um Privatsphäre geht!"

"Wie Sie wollen, Herr Schwenk. Ich hatte nie die Absicht, Ihnen die Wahrheit vorzuenthalten. Wenn Sie an den Röntgenbildern interessiert sind..."

"Nicht, wenn Sie in der Lage sind, es mir ohne zu erklären."

"Herrn Niemcek geht es den Umständen entsprechend gut. Und das ist *keine* Floskel. Die normalerweise zu erwartenden Auswirkungen eines solchen Aufpralls sind nicht zu unterschätzen, aber bringen keinerlei Probleme mit sich. Gehirnerschütterung, Schleudertrauma, Prellungen im Bereich des Brustkorbes, nichts Aufregendes." Rohloff steckte die Hände in die Hosentaschen. Jetzt kommt es. Ich hatte noch nie ein so lautes nicht ausgesprochenes Aber gehört. "Herr Niemcek hatte das Pech, dass sein linkes Bein ungeschützt in die Gefahrenzone geraten ist. Der Aufprall erfolgte weder frontal noch seitlich, sondern der Wagen ist mit dem linken Kotflügel gegen den LKW geprallt. Allein die Stärke des Aufpralls hat Schäden in Form von zwei komplizierten Brüchen angerichtet, dazu kommen Quetschungen und Schnitte. Sein Knie hat einiges abbekommen, und wir können zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen, inwieweit es seine normale Funktionsfähigkeit wieder erlangen wird. Vor allem kann ich weitere operative Eingriffe nicht ausschließen."

Jetzt hatte ich meine Fakten. Ein Satz machte mir besonders zu schaffen. Mike würde es ähnlich sehen. "Sie sprechen von der Möglichkeit, dass Herr Niemcek seinen Beruf aufgeben muss."

"Im schlimmsten aller Fälle? Ja. Aber das ist noch kein abschließendes Urteil. Nach den heutigen Ereignissen sollten wir froh sein, dass der Unfall so glimpflich abgelaufen ist. Wir werden uns auf die Chancen des Patienten auf Gesundung konzentrieren, bevor wir vor den möglichen Konsequenzen kapitulieren, Herr Schwenk."

Mistkerl. Er hatte die erste Gelegenheit ergriffen, mir doch noch einen mit der 'wir wissen, was wir tun, und Sie haben gottseidank keine Ahnung'-Keule zu geben. "Wie sehen die Chancen aus?"

"Im Moment werde ich nicht so töricht sein, Ihnen irgendwelche Zahlen zu nennen. Wir sind keine Viertelstunde aus der OP raus, Herr Niemcek wird erst in ein paar Stunden aufwachen, und vielleicht nutzen Sie selber die Zeit und gehen nach Hause. Schlaf wird Ihnen gut tun."

Sein Ton nervte und rüttelte mich entsprechend auf. Wenn ich jetzt zu Klaus und Eddie ging, brauchte ich einen gescheiten Anfang. Nicht so was wie Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Ich wagte gar nicht, mir vorzustellen, wie Eddie und vor allem Klaus auf diese Nachrichten reagieren würden, egal, wie ich sie verpackte. Und wieder war da diese kleine Stimme, die Mike für seine blödsinnige Idee verfluchte.

"Kann ich zu ihm?"

Rohloff hob die Augenbrauen. "Herr Niemcek wird wie gesagt noch einige Stunden schlafen."

"Na, ich habe auch nicht vor, ihn zu wecken!"

"Ich sage der Schwester Bescheid. Noch etwas?"

Das ist doch wohl eher meine Frage... "Nein, mir reicht's."

Diesmal begriff er, wie meine Bemerkung gemeint war, und ließ mich einfach stehen. Großartig. Jetzt muss ich nur noch versuchen, Klaus und Eddie meine Neuigkeiten zu überbringen, ohne dass es wie eine heuchlerische 'Alles wird gut-Ansprache klingt. Zum Teufel, Mike, so langsam habe ich den Eindruck, du wusstest ganz genau, was du mir hier antust.

 

***
 

Mir hatte es die Sprache verschlagen. Gott weiß, dass ich nicht der Verständnisvolle bin, nie war und wahrscheinlich nie sein werde, aber die heutige Nacht hätte die Geduld eines Engels überstrapaziert. Ich war drauf und dran, mir Klaus zu schnappen und etwas Vernunft in ihm wachzurütteln, aber Eddie war schneller. Und er hatte keine Probleme damit, Klaus zu packen und von dem Stuhl zu ziehen, auf den er gesunken war. Und er hatte auch keine Schwierigkeiten, das zu formulieren, was mir bereits auf der Zunge lag.

"Du bist ja wohl völlig durchgedreht. Wie könntest du schuld an diesem Scheiß sein? Oh ja, ich weiß genau, was du meinst, und ich weiß genau um diese Gefühle. Denkst du, mir geht es anders, wenn ich weiß, dass Chris da draußen auf der Jagd nach den bösen Kerlen ist? In einer Zeit, wo irgendein Kid in Panik geraten und eine Waffe ziehen und ihn verletzen oder ihm Schlimmeres antun kann? Da hab ich mir schon oft gewünscht, dass IRGENDETWAS passiert, damit er nicht in Gefahr kommt. Nicht, dass dieses 'Irgendetwas' jemals eine konkrete Form angenommen hätte. Und selbst wenn... All das hat keine Chance gegen das Gefühl, ihn wieder in den Armen zu halten und zu begreifen, dass sein Job ein Teil von ihm ist, von dem Mann, in den du verliebt bist, für den du alles geben willst."

Klaus schaffte es irgendwie, den Kopf zu heben und Eddie anzusehen, aber ich hatte den Eindruck, es kostete ihn alle Kraft, die er noch in sich hatte. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Schöne Worte, Eddie. Aber wie soll mir das über die Tatsache hinweghelfen, dass ich ihn Gedanken verraten habe?"

"Nicht die schönen Worte helfen, Mann. Nur die Sicherheit, dass du weißt und fühlst, dass du Mike mit allen Risiken liebst."

Als Klaus den Kopf wieder sinken ließ, sah Eddie mich an und zwinkerte mir zu. Was hat er denn jetzt vor?

"Wahrscheinlich ist es besser, wir folgen dem Vorschlag, den der Arzt Chris gemacht hat. Wir können ja eh nichts tun und sollten heim und uns ausruhen. Du kannst gern zu mir kommen."

Gerissener Hund! Ich muss mich mehr vor dir in Acht nehmen, wenn du solche Tricks drauf hast-

"Hast du sie noch alle? Wie kannst du denken, dass ich Mike nur eine Minute allein-" Klaus brach ab, und langsam löste das Licht der Erkenntnis das Funkeln in seinen Augen ab. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die beiden anderen allerdings auch nicht. Ohne den Blick von Eddie zu wenden, sprach Klaus mich an. "Chris, ich muss zu ihm."

"Das schaffen wir. Wartet hier." Erleichtert, dass Klaus wieder einigermaßen klar war, lief ich aus dem Raum. Aber auf dem Weg zur Schwester schüttelte ich den Kopf. Wie war ich bloß an diesen Typen geraten? Ich musste mich in Zukunft wirklich vorsehen...

"Anne, hat der Doktor schon mit Ihnen gesprochen? Ich würde gern zu Herrn Niemcek, bevor wir Ihren Warteraum für heute Nacht räumen."

Sie stand auf und ging vor mir, drehte sich halb zu mir um. "Ich bin froh, Herr Schwenk, dass Doktor Rohloff Sie davon überzeugt hat, dass Sie und Ihre Freunde hier nichts ausrichten können. Ich hatte mich schon auf eine längere Diskussion mit Ihnen eingerichtet."

Ja, klar. So wie ich das sehe, hätte sie einen Heidenspaß daran gehabt, mich davon zu überzeugen, dass es das Beste war, uns aus der Abteilung hinaus zu komplimentieren. Aber freuen Sie sich nicht zu früh, Anne. Ich hab' nur gesagt, dass wir den Warteraum verlassen...

Sie öffnete die Tür, sah kurz hinein und hielt mir dann die Tür auf. Ich zwinkerte ihr zu, nutzte es schamlos aus, dass sie aus Rücksicht auf den schlafenden Patienten keine Szene wegen meiner Dreistigkeit machen würde.

Ich ging näher an das Bett, bemüht, leise zu sein. Mike lag regungslos, und mein Blick fiel auf das kompliziert aussehende Gebilde, das einmal sein linkes Bein gewesen war. Vom Knöchel hoch bis zum Knie war es eingegipst, das Knie selbst steckte in einer Metallkonstruktion. Das Bein war leicht angewinkelt und hochgelegt. Ich zwang mich, diese merkwürdige Faszination zu ignorieren, doch ganz konnte ich mich von dem Gedanken nicht lösen, dass Mikes berufliche Zukunft und wahrscheinlich noch viel mehr davon abhing, dass die Ärzte eine Ahnung hatten, was sie hier anstellten.

Mikes Gesicht war blass, ungewöhnlich blass, aber entspannt. Soweit ich das beurteilen konnte, schlief er ruhig und fest. Aber dafür waren natürlich die Nachwirkungen der Anästhesie verantwortlich. Ich hoffte, dass er so weiterschlafen konnte, sobald die Drogen ihre Wirkung verlören. Bitte keine Alpträume. Nicht heute Nacht. Die kommen früh genug.

"Klaus ist hier, Mike. Ich werd' ihn gleich holen. Aber erst muss ich was loswerden. Wie konntest du mir so was antun, du Riesenidiot? Es gibt nur einen Menschen, wenn es um dein verdammtes Leben und dein verdammtes Glück geht. Keine Ahnung, was du damit bezweckt hast, aber es ist gründlich in die Hose gegangen. Mach dir keine Sorgen, du wirst Gelegenheit haben, mir das Ganze zu erklären. Jetzt hol' ich dir erst mal deinen Klaus. Gott weiß, warum ich das für dich tue." Ich schob meine Hände in die Hosentaschen und sah mir Mike nochmals von oben bis unten an. Er hatte bei meinem geflüsterten Monolog nicht mal mit der Wimper gezuckt oder einen anderen Muskel gerührt. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich, ein langsamer, aber stetiger Rhythmus. "Ich denke, ich weiß doch, warum ich das tue. Alles, was dafür sorgt, dass du bald wieder auf den Beinen bist, ist mir willkommen. Denn ich brenne darauf, dir für heute Nacht eins in die Fresse zu geben." Ich trat noch etwas näher zu ihm, bis ich in der Lage war, seine Hand zu berühren. Sie war warm, und ich war froh um diesen weiteren Beweis, dass er lebte. "Mach's gut, Alter."

Noch einmal wanderte mein Blick zu Mikes linkem Bein. "Und das kommt in Ordnung, hörst du?"

Draußen auf dem Gang lehnte ich mich gegen die geschlossene Tür. Jetzt gab es nur noch zwei Dinge. Klaus da rein und mich und Eddie hier raus zu bringen. Plötzlich stand die Schwester neben mir.

"Sind Sie in Ordnung, Herr Schwenk?"

"Kein Problem. Nur müde. Aber dagegen werde ich jetzt was tun. Danke."

 

Im Warteraum drückte ich Eddie und Klaus Jacke und Mantel in die Arme. "Ich denke, wir haben lange genug gewartet. Klaus, gibst du uns deine Wohnungsschlüssel? Wir kommen in ein paar Stunden wieder und bringen dir ein paar Sachen, damit du dich umziehen kannst. Und auch Sachen für Mike. Sollen wir jemanden verständigen?" Jetzt, wo ich kurz davor war, mit Eddie hier wegzukommen, war alles viel leichter.

Er drückte mir kopfschüttelnd die Schlüssel in die Hand. "Ich habe ja das Handy. Darum kümmere ich mich selbst. Nur eins... Könnte einer von euch meinen Wagen mitbringen? Der Tiefgaragenchip ist am Autoschlüssel."

Gemeinsam passierten wir die Theke, und ich reichte der Schwester meine Hand. "Ich denke, wir sehen uns mor- heute Morgen, Anne."

"Machen Sie sich nicht allzu viele Sorgen um Ihren Freund. Herr Doktor Rohloff ist wirklich gut und schließlich Spezialist für Verletzungen dieser Art. Und wir werden uns um ihn kümmern."

Bei Erwähnung von Rohloffs Qualitäten stellten sich meine Nackenhaare auf. Ich würde abwarten, und die Dinge im Auge behalten. Aber ich glaubte nicht, dass die Schwester mich mit einem billigen Versprechen abfertigen wollte. "Danke. Weiß ich zu schätzen."

Mit Klaus und Eddie im Schlepptau machte ich mich auf den Weg zum Aufzug. Auf der Höhe von Mikes Raum blieb ich stehen, öffnete die Tür und schob Klaus hinein. Kaum hatte ich die Tür hinter ihm geschlossen und mich wieder umgedreht, da baute sich die Schwester vor mir auf.

"Was soll denn das, Herr Schwenk? Sie haben kein Recht-"

"Tut mir leid, aber da irren Sie sich gewaltig. Ich bin überzeugt, ich habe das Recht. Glauben Sie mir, ich handle im Sinne und nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten."

"Ja, aber-" Diesmal musste ich sie nicht zu unterbrechen, das tat sie selbst.

"Anne, Herr Täuber ist genau das, was Herr Niemcek jetzt braucht. Ich bin sicher, dass Sie von medizinischer Seite alles für ihn tun werden, aber das ist nicht alles, was wir für ihn tun können. Falls Sie darauf aus sind, habe ich kein Problem damit, die ganze restliche Nacht hier zu stehen und dafür zu sorgen, dass Herr Täuber da drin bleiben kann. Wenn Sie wollen, dann schwinge ich meine Marke und mache das zu einer polizeilichen Ermittlungsangelegenheit. Das Ergebnis ist in jedem Fall dasselbe, und deshalb sollten wir diesen ganzen Unsinn lassen."

Als sie schließlich nickte, trat ich von der Tür weg. Ich war bereit einzugreifen, falls sie hineingehen wollte, aber ich rechnete nicht damit. Sie könnte auch warten, bis Eddie und ich raus waren, aber ich war sicher, sie hatte eingesehen, worum es mir hier ging.

"Die ganze Nacht kann ich hier stehen, Anne", wiederholte ich.

"Ich kann mir vorstellen, dass Sie nach einer durchwachten Nacht unausstehlich sind."

"Unausstehlich ist noch harmlos ausgedrückt", kam es von Eddie.

Die Schwester sah uns abwechselnd an, ihr Blick wanderte schließlich zur Tür. "Das wollen wir doch dieser Abteilung nicht zumuten."

"Nein, das wollen wir nicht. Tun Sie mir noch einen Gefallen?" Ich wartete ihre Zustimmung nicht ab. "Wenn Sie das nächste Mal Frau Stern sprechen... Erzählen Sie ihr, wie es Herrn Niemcek geht. Gute Nacht, Anne." Eddie würde damit leben müssen: Ich beugte mich vor und küsste sie auf die Wange. "Und Herr Täuber trinkt seinen Kaffee schwarz." Soviel hatte ich während der verdammten langen Nacht gelernt.

 

 
Teil 4 - Während andre hinter deinem Rücken Schwerter zücken: Mike

 

 
Kapitel 1: Goldene Brücken

 

3. Februar 2003

"97... 98... 99... 100... 101..."

"Es ist hellichter Tag und du zählst Schäfchen."

"Kästchen. Ich zähle Kästchen." Ich blickte hoch und funkelte Klaus an. "Und jetzt hab' ich die Reihe verloren, in der ich war." Ich sah zu, wie er einige Tüten auf dem Tisch abstellte und zu mir rüberkam. Gott, war ich froh, dass er wieder da war. Jedes Mal, wenn er für ein paar Stunden weg musste - war es, um Besorgungen zu machen oder wegen eines Termins in der Bank, den er nicht absagen konnte - musste ich mich dazu zwingen, nicht pausenlos auf die Tür zu starren, bis er wieder auftauchte.

"Tut mir schrecklichst leid." Er zog die Jacke aus und warf sie auf den Stuhl neben meinem Bett. Nach der Kälteperiode waren die Temperaturen enorm gestiegen. Klaus sah aus, als wäre schon Frühjahr. Er beugte sich zu mir und küsste mich. Brach viel zu früh ab. Bei Gelegenheit müssten wir ausprobieren, inwieweit dieses Krankenbett für zwei geeignet war. Nicht, dass ich zu viel mehr als Kuscheln in der Lage gewe- "Was tust du eigentlich da? Wenn dir langweilig ist-"

Klaus platzte gnadenlos in meine Phantasien, und ich hatte keine Mühe, genervt zu klingen. "Nein, ich lese kein gutes Buch!" Den Spruch hatten sie mir heute Morgen zusammen mit einer Auswahl Bücher aus der Krankenhausbibliothek serviert. Eine Geste in Richtung Stapel, den die verschiedenen Besuche von Klaus, Carola und Eddie zu einem wahrhaft babylonischen Turm hatten anwachsen lassen, hatte genügt, um die nette Dame mit ihrem Karren unverrichteter Dinge wieder auf den Weg zu bringen. "Jetzt hab' ich mal die Zeit, ein paar Schmöker in Angriff zu nehmen, und dann bin ich zu nervös, um auch nur eine Seite zu lesen. Is' wohl Teil der beliebten Atmosphäre in einem Krankenzimmer."

"Eher das Ergebnis deiner legendären Geduld." Er griff sich das oberste Buch vom Stapel. "Harry Potter? Das war heute Morgen noch nicht da."

"Geschenk von Carola, Kerstin und den Kurzen. Alle vier Bände." Ich sah auf meine Armbanduhr. "Bis vor einer halben Stunde war Carola noch hier. Hatte ihre letzte Nachuntersuchung und ist nun offiziell gesund. Vor allem: Anfang nächster Woche diensttauglich. Zumindest für den Innendienst." Davon war ich noch Lichtjahre entfernt. Unwillkürlich fasste ich nach meinem linken Bein. Die Medikamente wirkten tadellos, und ich hatte keine Schmerzen. Nicht, dass ich die bräuchte, um mich daran zu erinnern, was da als vormals funktionierendes Körperteil mit Schienen und Verbänden verkleidet in einer Schlinge hochgelegt war. "Mein nächster Termin ist morgen."

"Ich weiß. Ich habe den Arzt gerade getroffen, und er hat mir davon erzählt." Na, das war doch eine Überleitung, die sich sehen lassen konnte. Ich hatte es so satt, auf unsere Aussprache zu warten. Doch Klaus sah weg und blätterte einen Potter auf. "Wenn du willst, lese ich dir vor. Ich bin auch noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen, und die Filme haben mir ganz gut gefallen."

Netter Versuch, Klaus. "Hey, lenk nicht ab." Er legte das Buch wieder auf den Stapel und setzte sich auf den Stuhl, verschränkte die Arme. Und sah mich nur an. Na dann nich', ich kann warten. Wenn du immer noch nicht willst... Wahrscheinlich wartete er auf eine Art Entschuldigung, aber die würde er von mir nicht kriegen. "Chris hat vorhin angerufen und mich vorgewarnt." Ich hielt Notizblock und Kugelschreiber hoch, um klarzumachen, dass ich seine Frage von vorhin beantwortete. "Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren, um einen einigermaßen verständlichen Bericht hinzubekommen."

"Geht es um den Unfall oder um eure Ermittlungen?"

"Sowohl als auch. Ehrenberg will meine Version des Abends, aber der Bericht geht auch an die Versicherung."

"Ich begreife nicht ganz, warum dich Chris deswegen warnen sollte. Du hast doch gesagt, dass das Treffen und die Überwachung reibungslos abgelaufen sind. Bis zu eurem Unfall. An dem du keine Schuld hattest."

Ansichtssache. Ich hätte eher begreifen müssen, dass eine wilde Verfolgungsjagd bei dem Wetter aussichtslos sein würde... Aber darum ging es mir jetzt gar nicht. "Du klingst genauso nach Verfolgungswahn wie Chris vorhin. Am Unfallhergang bestehen gar keine Zweifel. Carolas Bericht und die Aussagen der Augenzeugen, allen voran des LKW-Fahrers, in Kombination mit den Spuren... Nee, da mach' dir keine Gedanken. Aber Chris hat irgendwas in Erfahrung gebracht wegen der Ermittlung. Wollte mir nichts Konkretes sagen, zumindest nicht am Telefon. Er will noch heute vorbeikommen und mit mir über Mittwochabend sprechen, bevor ich den offiziellen Bericht schreibe."

"Hat es was mit Eddie zu tun?"

"War auch mein erster Gedanke. Aber es..." Es fiel mir immer noch nicht leicht, über Chris in Verbindung mit Eddie zu reden. "Aber es hörte sich nicht so an. Ein einfaches 'Halt ihn da raus!' hätt's in dem Fall getan, da bräuchte Chris nich' extra hier auftauchen." Tiefer Atemzug. "Klang auch nicht so. Chris klingt irgendwie besonders, wenn er über Eddie spricht."

Klaus beugte sich vor, stützte die Unterarme auf seine Knie, Hände gefaltet. "Ich weiß, was du meinst. Ist mir auch schon aufgefallen." Er sah zu mir hoch. "Du hattest Recht mit dem, was du von der Weihnachtsfeier erzählt hast. All diese kleinen Anzeichen... In der Nacht, als wir darauf warteten, dass du aus der OP kommst, da konnte ich nicht umhin, die beiden zu beobachten. Es tat so gut und gleichzeitig etwas weh. Wo ich doch eine Heidenangst hatte, dass irgendetwas schiefgeht bei der Operation. Chris und Eddie zusammen zu sehen... so zusammen zu sehen, hat mich ständig daran erinnert, was ich verlieren könnte. Fast verloren hätte..."

Scheiße, jetzt fängt er doch davon an. Und ich hatte plötzlich nur noch Angst davor. Vor ein paar Minuten wollt' ich's einfach nur hinter mir haben. Aber einfach ist hier gar nichts mehr. "Hey, sollte lieber Besuch nicht auftauchen, um den Patienten aufzuheitern?" Es klang nicht ein bisschen scherzhaft. Nur kläglich.

Klaus stand auf, schob den Nachttischwagen beiseite und setzte sich zu mir aufs Bett. Seine Hand lag an meiner Wange, bevor ich nur einen Muskel rühren konnte. Sein Ausdruck hatte eine Entschlossenheit, die bedrohlich auf mich wirkte, und ich spürte mal wieder, was es hieß, dass ich hier bewegungsunfähig liegen musste. Es gefiel mir ganz und gar nicht, und ich reagierte entsprechend. Ich fasste Klaus' Hand und hielt sie fest. Er schüttelte den Kopf.

"Mike, ich habe es satt, bei dir nur bestimmte Rollen ausfüllen zu dürfen. Ich will dich ganz oder gar nicht, begreifst du das nicht? Vor vier Tagen bin ich durch die Hölle gegangen. Wahnsinnig vor Angst um dich. Wahnsinnig vor Verzweiflung, dass du mich nicht genug lieben konntest, um mich als den Menschen zu benennen, dem du am meisten vertraust, der dir am nächsten steht. Als ich endlich an deiner Seite sein durfte, war da ständig diese kleine Stimme, die mir einredete, ich hätte kein Recht, bei dir zu sein. Kein Recht, über deinen Schlaf zu wachen. Ich suchte den Fehler bei mir, suchte einen Grund, der dich davon abhielt, mir völlig zu vertrauen. Ich fand den Fehler nicht, aber da ja Liebe blind macht... Vielleicht kannst du es mir erklären. Nein, warte. Ich verlange, dass du es mir erklärst. Mit dieser Unsicherheit kann ich nicht leben. Und vor allem kann ich dann nicht bei dir bleiben."

Erschrocken ließ ich seine Hand los, und er stand auf, ging zwei Schritte zurück. Seine Entschlossenheit war wie weggeblasen. Stattdessen sah er mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich von Angeklagten kannte, die auf die Verkündung ihres Urteils warteten. Trotzdem fühlte ich mich immer noch in die Enge getrieben. "Ich will dich nicht verlieren, Klaus." Ich wusste, das würde nicht reichen. Nicht mehr.

"Aber? Tu mir einmal den Gefallen und sprich dieses 'aber' aus, das ich in letzter Zeit beständig in dir spüre."

Das konnte ich nicht. Weil ich es selbst nicht begriff. Mich selbst nicht begriff. Nur würde Klaus mir diesmal keine Wahl lassen. Er wollte Antworten. Jetzt. "Als ich aus der Narkose aufgewacht bin... Ich war echt froh, dass du da warst." Ganz super klingt das, Mike. Echt! "Wirklich. Aber es hat nich' lang gedauert, bis mir klar wurde, was ich dir antue. Wie kann ich von dir verlangen, so was durchzumachen und auf dich zu nehmen?"

"Hast du nicht. Hast du nie. Wenn wir uns lieben, sollte das überhaupt nicht die Frage sein. Wenn du dir meiner Liebe sicher bist, wie kannst du daran zweifeln, dass ich immer für dich da sein will?" Er stemmte die Hände in die Hüften. "In guten wie in schlechten Zeiten."

Er machte mir Angst, mit seiner Gewissheit, mit der Unbedingtheit, mit der er seine Liebe gab und die meine einforderte. Bei Eddie war mir das erspart geblieben, obwohl ich es mir von ihm gewünscht hatte. Blind wie ich gewesen war. Verliebt halt. Im Nachhinein gesehen war es wohl Glück, dass der Kelch an mir vorübergegangen war. Bei Eddie wäre ich so bescheuert gewesen und hätte mich auf diese Unbedingtheit eingelassen. "In dieser Geschichte ist nur eins sicher. Wie soll ich meinen Job noch vernünftig machen, wenn mir dauernd im Kopf rumspukt, was ich dir damit antue?"

"Ich dachte, diese Frage hättest du dir längst beantwortet. Nach so vielen Jahren musst du doch begriffen haben, dass mehr zwischen uns läuft als eine kurzlebige Affäre oder eine Beziehung, die man irgendwie emotional eingrenzen kann! Ganz oder gar nicht, Mike!"

"Verdammt, ich will nicht, dass du über mein Leben entscheiden musst!" Raus war's. Das letzte Argument, an dem ich mich festhalten konnte.

Klaus warf die Arme hoch. "Oh Mann, Mike, das will ich auch nicht. Kommt in meinen Zukunftsplänen auch nicht vor. Aber ich will dieses Recht haben, es tun zu dürfen, wenn es passieren sollte. Glaubst du, es fällt mir leichter, wenn man mir Türen vor der Nase zuschlägt und mir erklärt, dass ich kein Recht habe, zu erfahren, wie es dir geht? Wenn es dir um objektive Entscheidungen geht, warum überlässt du es nicht einfach den Ärzten und den Apparaten? Aber das hast du nicht getan. Du hast Chris ins Spiel gebracht. Einen Freund. Glaubst du, der wäre zu rationalen Entscheidungen fähig? Dann hättest du ihn Mittwoch Nacht erleben sollen. Nein, Mike, du machst halbe Sachen, und da spiele ich nicht mehr mit."

Die Worte gingen mir durch und durch, und ich starrte ihn an. Die Angst vor seiner Nähe schlug um in Panik, dass er jetzt einfach gehen würde. Nicht, dass er nicht allen Grund dafür hätte, nach dem, was ich in den letzten Wochen abgezogen hatte. Ich schluckte den Protest herunter. Wahrscheinlich war es besser so. Ich tat ihm nur weh. Und ich würde nicht aufhören können, ihm weh zu tun. Wo ich noch nicht mal wusste, ob ich jemals wieder völlig gesund werden würde. Wenn ich als Krüppel endete und er nur aus Mitleid bei mir bliebe-

"Willst du mich heiraten, Mike?"

Ich öffnete Mund, kein Ton kam heraus. Kein Wunder, ich konnte nicht mal richtig atmen. Klaus stand da, sah auf mich herab, Hände wieder in die Hüften gestemmt. Schaute nur, sagte nichts mehr, zuckte nicht mal mit der Wimper. Ich musste mich verhört haben. Oder ich träumte. Nein, wahrscheinlich war ich durchgedreht, und all das um mich herum war eine total abgefahrene Illusion. Es gab nur einen Weg, das festzustellen. "Klaus, wiederhol' das mal. Langsam und deutlich, dass ich mitkomme."

"Ich habe dich gefragt, ob du mich heiraten willst."

Ich hatte mich nicht verhört. Und die Bettdecke unter meinen Fingern fühlte sich echt an, und mein Mund war plötzlich wie ausgedörrt. Kein Traum? Blieb nur die letzte meiner Erklärungen.

"Du bist verrückt. Du bist verrückt... oder ich bin es."

"Da ich nur das erste ausschließen kann, wird es dir nichts helfen. Mike, für mich macht es keinen Unterschied, wie wir zusammen sind. Aber du lässt mir keine Wahl. Ich will dich ganz. Und ich will eine Antwort. Eine, die alle Antworten in sich trägt. Ich will mich nicht mehr dafür rechtfertigen müssen, was ich für dich empfinde. Nicht vor den Ärzten und Schwestern hier, nicht vor deinen Kollegen, nicht vor deinen Freunden. Vor allem nicht vor dir."

"Sag mal, wie stellst du dir das vor? Ich weiß nicht mal, was aus diesem Scheiß hier wird, ob ich jemals wieder laufen werde-"

"Ist mir egal. Ich will eine Antwort."

"Und wenn ich keine habe?"

"Du hast eine."

Ein Blick in sein Gesicht genügte, und mir war klar, dass er mich nicht vom Haken lassen würde, bis er ein klares Ja oder Nein hörte. Ich vertraute ihm genug, dass ich Mitleid als Motiv ausschloss. Wenn er wollte, konnte Klaus herrlich unkompliziert sein. Ist mir egal. War's mir das auch? Egal? Ich dachte an das eisige Gefühl, das mich vorhin überrollt hatte, als ich glaubte, er würde gehen. Niemals konnte ich ihn aufgeben. Ganz oder gar nicht.

Er klang so sicher. Und ich hatte Angst, Schiss, wollte Zeit gewinnen und griff nach Strohhalmen. "Was ist mit deiner Mutter?" Seine Mutter war mir egal wie nur sonst was, aber jetzt kam sie mir sehr gelegen.

Und Klaus blieb unbeirrt. "Wir werden ihr eine Einladung schicken."

Wir... Es klang so gut, dass es mich wärmte. Arschloch, unfaires. Ich konnte mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Wo vorhin die Angst gesessen hatte, breitete sich ein geiles Gefühl aus. "Muss ich einen Anzug tragen? Ist nicht ganz mein Stil..."

Im nächsten Augenblick hockte Klaus wieder auf dem Bett und nahm meine Hände. "Ich kann mich erinnern, dass du das schon mal gesagt hast. Und damals hast du mich gemeint. Du bist nicht mein Stil."

Ja, das hatte ich. Berühmte letzte Worte. Zwei Stunden späten hatten wir unser erstes Mal gehabt. Ich seufzte. "Ich hab' niemals behauptet, intelligent zu sein."

"Das braucht es auch nicht. Intelligent bin ich selbst." Er hielt immer noch meine Hände fest, Kraft hatte er auch, zuschlagen war also nicht drin. Ich begriff, dass ich den Kampf verloren hatte. War mir nicht mal sicher, dass ich ihn jemals hatte gewinnen wollen.

"Ja."

"Dass du es nur einsiehst."

"Das meinte ich nicht." Ich hatte das Gefühl abzustürzen und das einzige, was mich davor bewahrte, waren Klaus' Hände. Mehr brauchte ich nicht. "Ich wollte sagen: Ja, ich will."

Klaus drückte fester zu, seine Augen funkelten. "Na endlich."

 

***
 

"Na, da freut sich aber jemand, uns zu sehen. Siehst viel besser aus, Mann. Klaus übrigens auch, der ist uns am Eingang in die Arme gelaufen."

Chris ließ sich auf den Stuhl neben meinem Bett fallen. Sein Partner, Engin Korpak, holte sich einen zweiten Stuhl heran und setzte sich rittlings drauf, legte die Arme auf die Lehne.

Ich hatte nicht die Absicht, seine absolut korrekte Einschätzung meiner Gemütslage zu kommentieren. Auch wenn er bei dem Grund für mein Strahlen voll daneben lag. "Tja, Klaus dachte, er müsste zur Abwechslung mal was arbeiten. Kann ja nicht jeder so'n gemütlichen Job haben wie ihr beide."

"Hey, wer liegt denn hier im Bett und dreht nicht mal Däumchen?"

"Und wir sind rein dienstlich hier. Naja, fast. Chris hat mir erzählt, dass du vor Aufregung umkommst in diesem Laden. Deshalb hab' ich dir was zur Entspannung mitgebracht." Engin reichte mir ein Paket, das in Geschenkpapier eingeschlagen war.

"Danke!" Ich fingerte an dem Papier. Gottseidank viel zu leicht und schmal für ein Buch. "Das wär' doch nicht nö-" Ich sah Engin an, und der zwinkerte mir nur zu, also schluckte ich die Höflichkeitsfloskel runter und grinste. "Wär' doch nicht nötig gewesen, es vorher einzupacken."

Chris räumte mit dem Rest der unbehaglichen Stimmung auf. "Kannst es ruhig aufreißen. Weiß ja, dass es mit deiner Feinmotorik nich' so weit her is'. Mein Partner zeichnet sich zwar durch aggressive Sparsamkeit aus, aber ich glaube nicht, dass er das Geschenkpapier wiederhaben will. Oder das Tesa." Chris versuchte, der Faust auszuweichen, aber Engin hatte sein Manöver wohl erwartet und traf Chris erfolgreich unterhalb der Rippen. "Na, stimmt's denn nicht? Wer hat denn seinen eigenen Stapel mit Schmierpapier? Wer biegt denn alle Büroklammern wieder funktionsfähig?"

Grinsend packte ich aus, zum Vorschein kam eine CD-ROM. "Boxing Heroes?"

"Eine HBO-Produktion. Hat mir ein Kollege zukommen lassen. Ich dachte, die Chance, dass du es noch nicht hast, ist recht hoch. Und es ist auch nur ein Teil der Doku. In den nächsten Tagen kann ich dir den Rest brennen."

"Hey, danke. Und ich hab's noch nicht. Klasse." HBO war mir allerdings ein Begriff. Der Sender in den Staaten für Boxkämpfe.

Engin zuckte mit den Schultern. "War ja nicht sooo schwer, deinen Geschmack zu treffen. Schließlich weiß ich von Chris, dass du ab und an in den Ring steigst."

Steigst... Gegenwart. Wohl eher Vergangenheit. Ich schüttelte den Kopf, traute mich nicht, etwas zu sagen. Aber da saßen Chris und Engin, bekamen jede meiner Regungen mit - das brachte mich zur Besinnung. Reichte, wenn ich Klaus mit meinem Selbstmitleid nervte. Und ich war sicher, dass Engin sein Geschenk in jedem Fall als Aufmunterung gemeint hatte.

"Danke, das ist wirklich klasse. Jetzt muss Klaus mir einfach einen Laptop organisieren." Chris öffnete den Mund, und ich stoppte ihn. "Bitte nicht, Chris, ich will nichts von den dunklen und endlosen Weiten eurer Asservatenkammern wissen."

Chris machte auf unschuldig, so gut, dass ich es ihm fast abnahm. "Ich bin ein sauberer Bulle, klar. Und als ob du meine Quellen nötig hättest."

"Ist okay, sauberer Bulle, ich werde deinen Ruf nicht ankratzen. Und danke fürs Brennen. Freut mich ohne Ende." Und nicht nur über Geschenk und Besuch. Ich hatte immer noch das Gefühl, von innen zu strahlen. Und glaubte, das blödeste Lächeln der Welt auf dem Gesicht zu haben. Umständlich verstaute ich die CD-ROM im Schränkchen.

"Mike?" Chris' Tonfall war ungewöhnlich zurückhaltend, als hätte er mitgekriegt, dass ich auf Wolke Sieben saß.

"Hmm?", machte ich und sah Chris an, immer noch grinsend, aber hoffentlich nicht mehr so schlimm. Chris nickte in Richtung Gipsbein.

"Gibt's schon was Neues?"

Das half, um das Strahlen mehr als ein wenig zu dimmen. "Morgen steht eine Untersuchung an. Wahrscheinlich muss ich noch mal operiert werden."

"Ich drück die Daumen, Alter."

"Wird schon werden." Standardantwort. Oder besser: Standardlüge. Nicht gerade okay für einen Freund, aber da war ja noch Engin, und außerdem täte ich Chris kaum einen Gefallen, wenn ich ihm mein Seelenleben vor die Füße schmiss.

Engin räusperte sich, und das riss uns aus unserem Schweigen. "Chris, willst du oder soll ich?"

Das erinnerte mich an den Anruf. "Ja genau, was sollten denn diese geheimnisvollen Andeutungen heute Morgen? Von Carola weiß ich nur, dass sie zwei der Jungs eingesammelt haben." Eigentlich sollte mich die Geschichte nicht weiter interessieren, da ich ja ohnehin aus dem Verkehr gezogen war. Und uneigentlich sprang ich auf das Thema an wie ein Verdurstender auf ein Glas Wasser.

"Sonst hat noch keiner mit dir gesprochen?", fragte Chris.

Fast hätte ich gelacht. "Die Truppe glänzt durch Abwesenheit. Naja, Ehrenberg hat sich mal kurz gemeldet, aber das hab' ich dir ja erzählt."

"Nimm's nicht persönlich, Mike."

"Zu spät, hab' ich schon. Aber keine Sorge, es ist nicht mehr so wichtig. Im Moment jedenfalls nicht. Dauert ja noch etwas, bis ich mich wieder mit den Idioten rumärgern muss."

Wieder war es Engin, der die folgende Stille durchbrach. "Es gibt da was, das dich interessieren wird. Es ist noch nichts Greifbares, aber Chris glaubt, dass es sich lohnt nachzuhaken."

Ich blickte zu Chris, der mich nur nachdenklich ansah. Und Engin redete auch nicht weiter. "Schont meine Nerven. Aufregung ist Gift für mich. Also spannt mich nicht auf die Folter."

Engin holte tief Luft, aber Chris legte ihm eine Hand auf den Unterarm. "Lass mal, Engin, wenn du richtig loslegst, lauschen wir noch morgen früh deinen Geschichten." Diesmal begnügte sich Engin damit, die Augen zu rollen. Chris grinste ihn an und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück. "Also... Ehrenberg hat eure Ermittlung schon in der Nacht abgebrochen. Der Junge, den du und Carola verfolgt habt, ist der Sohn von Paul Grossmann, Felix Grossmann. Die Streife konnte ihn nicht erwischen, sie haben ihn aber einkassiert, als er nach Hause gekommen ist. Vorher hatten Kallenbach & Co. den anderen, Markus Fessenbach, verhaftet und dabei das Geld sichergestellt. Ihren dritten Kumpan haben sie nicht verpfiffen, und am Donnerstag waren die Anwälte von Grossmann schon vorstellig und haben die beiden rausgeholt. Ergebnis: Geständnisse und Reue der beiden Jungs, das Angebot von Grossmann senior für den Schaden aufzukommen. Es wird wohl auf einen Kompromiss und Sozialarbeit für die beiden rauslaufen. Die sind gerade achtzehn geworden. Die schieben die glatt noch unters Jugendrecht, wenn Papa mit Geld alles wieder heile macht."

"Und Ehrenberg findet die Theorie mit eventuellen Hintermännern oder die Überlegung, die Jungs könnten große Fische imitiert haben, nicht für stichhaltig genug? Er will das Ganze als Dumme-Jungen-Streich abhaken?" Klasse! All der Scheiß hier für die Katz'!

Engin räusperte sich wieder. "Naja, es ist ihm zu unsicher. Viel Einsatz, wenig Chancen auf ein beweiskräftiges Resultat. Wo er nicht ganz unrecht hat."

Ich sah Engin an, und ich nahm ihm ab, dass ihm die Sache auch nicht gefiel. Ich schluckte meine Wut runter. Hätte jetzt nichts geholfen, sie an dem Falschen auszulassen. "Ich hatte trotzdem auf etwas mehr gehofft."

"Da ist auch mehr. Nur will Chris damit noch nicht groß rauskommen. Es geht auch in eine ganz andere Richtung als diese Autogeschichte."

"Und warum kommt ihr dann zu mir?" Ich verstand jetzt nur noch Bahnhof.

"Ehrenberg überlegt es sich tausendmal, wenn er jemandem mit guten Beziehungen auf die Füße tritt. Deshalb hat er auch bei dem Namen Grossmann gekuscht. Aber das sollte ja für dich nichts Neues sein." Chris grinste, und ich wusste, dass er jetzt mit dem Paukenschlag rausrücken würde. "So lange ist es ja nicht her, dass du von einem gewissen Fall abgezogen wurdest, als du in eine Sackgasse nach der anderen gerannt bist."

Endlich dämmerte es. Aber nur ein bisschen. "Bechthold? Wie kommst du denn jetzt auf den?"

"Nun, ich bin nicht auf ihn gekommen, sondern Engin. Er hat sich Unterlagen aus dem Gymnasium besorgt, das Grossmann junior und Fessenbach gemeinsam besuchen. Ist die Namen der Jungs durchgegangen, mit denen sie gemeinsame Kurse haben. Und blieb bei Bernhard Neuendorf hängen."

Mir verschlug es die Sprache. Fast zumindest. "Sag mir, dass es nicht der Bernhard Neuendorf ist."

"Tja, da wir jetzt hier sitzen... Er ist es. Frag nicht, wie und wann er nach Frankfurt gekommen ist. Bis heute Morgen war ich - genau wie du - der festen Überzeugung, dass er in dem schicken Internat in der Schweiz sitzt, in das ihn sein Patenonkel gesteckt hat. Und es scheint, der Apfel fällt nicht weit vom Pferd, auch wenn's nur Seelenverwandtschaft ist."

"Du glaubst, Bechthold hat da Druck gemacht, dass sein lieber Bernd aus dieser Autogeschichte rausbleibt."

"Sieht ganz so aus."

"Und was versprichst du dir davon? Es sind ja nicht gerade Neuigkeiten. Allein die Tatsache, dass Neuendorf in Frankfurt ist, gibt uns noch keine Beweise gegen Bechthold."

"Das nicht, aber einen neuen Ansatz. Solange der Junge in Frankfurt ist, haben wir eine mögliche Schwachstelle."

"Wahrscheinlich schiebt Bechthold ihn sofort wieder ab, in den nächsten goldenen Käfig."

"Es hat wohl schon mal nicht so funktioniert, wie sich der liebe Onkel das gedacht hat. Und wenn wir den Jungen in Ruhe lassen, ihn etwas im Auge behalten... vielleicht springt was dabei raus."

Ich musste zugeben, dass Chris' Enthusiasmus ansteckend war, aber ich hatte etliche erfolglose Schichten hinter mir, wo jedes Detail über Bechthold sich als nicht beweiskräftig oder gar als Nullnummer herausstellte. Der Mann war top in seinem Fach, hatte Beziehungen ohne Ende und vor allen Dingen einen wirklich guten Ruf, den er sich - kostspielig - erworben hatte. Bernhard Neuendorf war ein Beispiel für Georg Bechtholds praktizierte Nächstenliebe. Seine Eltern waren vor etwa drei Jahren unter nicht geklärten Umständen bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Arbeitgeber, Georg Bechthold, hatte sich des einzigen Kindes angenommen. Es hatte Gerüchte gegeben, dass Bechthold für den Tod der Neuendorfs verantwortlich war, aber Beweise natürlich nicht.

"Weißt du noch mehr über den Autounfall der Eltern als in den Akten steht, Mike?", fragte Chris, als hätte er meine Gedanken gelesen.

"Willst du es als Hebel bei dem Jungen benutzen?" Chris nickte. "Es gab nur Gerüchte, und selbst die widersprachen sich in mehreren Punkten, dass ich keine Möglichkeit hatte, irgendwo anzusetzen. Endlose Abende hatte ich versucht, mit ein paar illegalen Einwanderern ins Gespräch zu kommen, aber die trauen niemandem mehr. Die heißeste Spur deutete darauf hin, dass Bechthold ein Exempel statuiert hat, da die Neuendorfs Illegale auf eigene Rechnung eingeschleust hatten. Sie leiteten für Bechthold eine Agentur, die junge Mädchen aus Russland nach Frankfurt brachte. Unter dem Vorwand, sie fit für die Karriere als Model zu machen. Du kannst dir vorstellen, welchen Laufsteg die nachher beackert haben."

"Und du hast rein gar nichts rausbekommen?", fragte Chris.

"Ein paar Namen. Alles kalte Spuren, als ich sie endlich aufgetan hatte. Jetzt wird's erst recht nicht klappen, es ist doch schon wieder fast ein Jahr her." Der Frust, den ich schon längst überwunden geglaubt hatte, brach wieder durch. "Drei Monate für die Katz."

Engin mischte sich wieder ein. "Vielleicht auch nicht. Krause gibt Chris und mir ziemlich viel Seil in der Angelegenheit, solange wir die aktuellen Ermittlungen nicht vernachlässigen. Wir bleiben an Bechthold dran. Steter Tropfen höhlt den Stein."

Mein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Mir wurde wieder schmerzhaft bewusst, was ich in den letzten Jahren so vermisst hatte. Aber das hatte sich ja zumindest seit Neujahr geändert.

"Noch eins, Mike. Könntest du dafür sorgen, dass Neuendorf nicht... belästigt wird?"

Endlich rückte Chris mit dem Grund für sein Auftauchen hier raus. Ich dachte an unseren Zusammenstoß vor ein paar Tagen. Der hatte wohl bei Chris Spuren hinterlassen, wenn er jetzt so deutlich um meine Unterstützung bat. Fast hätte ich geschmunzelt. Wenn ich mich damals, als wir noch Partner gewesen waren, nicht so oft zurückgehalten hätte, wäre uns so mancher Scheiß erspart geblieben.

"Du meinst, Carola und ich sollen uns still verhalten, was diese Autogeschichte angeht? Sollen uns brav den Anweisungen vom Chef fügen und die Sache für gegessen ansehen?" Es passte mir nicht. Nicht nach all dem, was ich in diesen beschissenen Fall investiert hatte. Nur... eine Wahl hatte ich nicht wirklich. Und auch das passte mir nicht. "Mann, Chris, ich bin wohl kaum in der Lage, mich gegen seine Entscheidung aufzulehnen!"

Chris und Engin wechselten einen Blick. Ich seufzte, alle Wut brachte nichts. Wenn ich Chris und Engin jetzt entgegenkam, bestand wenigstens die Aussicht, dass sie bei Bechthold weiterkamen. "'kay. Ich werd' mit Carola sprechen, dass sie um meinetwillen keine aussichtslosen Scharmützel austrägt oder auf Kreuzzug geht. Und meinen Bericht trimme ich auch auf entsprechend harmlos. Unter einer Bedingung."

"Was denn?", fragte Chris.

"Ihr kümmert euch ein bisschen um Carola? Ich fürchte, sie erbt meine Rolle in der Abteilung als fünftes Rad am Wagen und landet bei Kallenbach. Da braucht sie einen Ausgleich."

Bevor Chris einen Ton herausbrachte, stand Engin auf und verneigte sich, legte eine geballte Hand auf die Brust. "Einen Befehl erhalten heißt, ihn befolgen. Besonders wenn es um schöne Kriegerinnen geht."

Chris rollte die Augen. "Er nun wieder. Dabei kennst du sie doch gar nicht."

"Aber Mike hat ihre Qualitäten treffend beschrieben. Und ich nehme seinen Schwur an."

Ich grinste, und Engin griff meine ausgestreckte Hand. Klasse Partner, der Engin.

 

 
Kapitel 2: Wenn dein Herz nicht schlafen kann

 

"Wir verlieren doch nichts, wenn wir Chris entgegenkommen. Im Gegenteil. Ich hab's mir durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich letztes Jahr die Chance gehabt hätte, an Neuendorf ranzukommen, ich glaub', da wäre was drin gewesen. Bechthold hat was mit dem Tod seiner Eltern zu tun; eine bessere Eröffnung kann man sich doch nicht wünschen. Wird schwer genug für Chris, da will ich ihm keine zusätzlichen Steine in den Weg legen. Das ist jetzt sein Ding!"

Carola rührte sich nicht. Verdammt, sie gibt mir das Gefühl, ich müsste mich selbst überzeugen.

"Wie wär's, wenn du mich ansiehst, Carola? Ich hab' keine Lust, mit deinem Rücken zu reden."

Sie murmelte etwas, das unmöglich zu verstehen war. Ich seufzte. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. "Und jetzt bekomme ich nicht mal mehr 'ne Antwort?" Langsam drehte sich Carola um. Ooops. Das sah nicht gut aus.

"Ich habe nur festgestellt, dass ich es äußerst schwierig finde, dich so zu sehen und gleichzeitig wütend auf dich zu sein. Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich nicht viel davon halte, wie du deine Partnerin in solchen Situationen manipulierst."

"Ich manipuliere dich."

"Tust du. Vielleicht ist es sogar unbewusst, aber das Ergebnis ist dasselbe." Sie setzte sich auf den Stuhl, drehte ihn so, dass sie mir ins Gesicht sehen konnte. Mit dem Rücken zu meinem verletzten Bein. Es war offensichtlich und demonstrativ genug.

Ich hatte mir geschworen, bei Carola nicht dieselben Fehler zu machen wie bei Chris und seinen Nachfolgern. Aber das würde sie auch gar nicht zulassen. "Ich will deine ehrliche Meinung. Lass dich nur nicht aufhalten."

Wieder murmelte sie etwas, aber bevor ich mich beschweren konnte, sprach sie weiter. "Ehrlich gesagt, hab' ich keine Ahnung, was da zwischen dir und Chris Schwenk abläuft. Gut, ich begreife, dass ihr einiges zusammen erlebt und vielleicht auch durchgemacht habt. Ich begreife auch, dass er der neue Lover von deinem Ex ist. Aber deine Loyalität kann ich damit nicht erklären. Chris pfeift und Mike springt." Jetzt drehte sie sich zu dem Bein um. "Rein bildlich gesprochen, natürlich." Ich hatte ihre Stimmung definitiv falsch eingeschätzt. Sie war nicht wütend, sie war eindeutig sauer. "Nach Chris' Auftritt in unserem Büro-"

"Wir haben uns ausgesprochen, Carola, die Sache ist gegessen."

Wieder ein Murmeln und diesmal verstand ich es sogar. "Die Aussprache hätte ich gerne miterlebt."

"Du bist nicht meine Mutter."

"Nein, Mike, bin ich nicht. Ich bin schlimmer. Ich bin deine Partnerin. Brich' diese verdammten Brücken ab. Mike, Chris ist Vergangenheit, es ist sechs Jahre her. Er ist keine Sicherheitsleine mehr für dich, er ist eine Behinderung!"

"Aber darum geht's hier doch gar nicht. Seine Bitte, diese aussichtslose Sache - für uns aussichtslose Sache - ruhen zu lassen, ist doch mehr als logisch."

"Sobald du wieder auf deinen Beinen bist, werde ich dich würgen, Mike. Das mit Neuendorf ist schon okay; da mach dir mal keinen Kopf."

Meine Erleichterung musste sich wohl deutlich in meinem Gesicht gezeigt haben, denn sie lachte kurz auf. "War ja klar, dass dich das freut. Du kannst deinen Chris informieren, dass alles nach seinem Willen läuft."

Die Sache lief völlig aus dem Ruder. Ich hatte geplant, Carola von Chris' und Engins Erkenntnissen zu berichten, sie davon zu überzeugen, sich rauszuhalten, und ihr dann von Klaus und mir zu erzählen. Ich musste es loswerden, und sie war die erste Wahl - ohne zu überlegen und unzweifelhaft war da diese Gewissheit in meinem Kopf gewesen: Erzähl es Carola. Und jetzt kroch sie mir genau so unter die Haut wie Klaus heute Morgen. Was war eigentlich los, dass alle meinten, sie müssten mir nahe kommen? Nutzten es alle schön aus, dass ich hier nicht wegkonnte. Zumindest mit Worten musste ich dagegenhalten. "Du hast keinen Grund zur Eifersucht. Im Ge-"

"Eifersucht?" Ich zuckte zusammen. "Mike, bist du völlig blind? Ich mache dir hier doch keine Szene, weil ich eifersüchtig bin. Ich mache mir Sorgen um dich. Wie willst du denn die nächsten Wochen überstehen, wenn du keinen gesunden Egoismus entwickelst? Du nimmst Rücksicht auf Eddie, du hilfst Chris und Engin, du behandelst Klaus wie ein kleines Kind, das nicht begreift, dass es Böses und Unglück in dieser Welt gibt. Du hältst mich auf Distanz, weil du fürchtest, etwas von deinem eingebildeten Versagen im Job könnte mich oder meine Karriere in Schwierigkeiten bringen. Wo findest du selbst denn noch statt, Mike? Du musst aufhören, eine Nebenrolle in deinem eigenen Leben zu spielen!"

Sie hatte recht. Sie erzählte mir nichts Neues, konfrontierte mich mit Fakten, die ich alle schon kannte. Trotzdem klangen sie ungleich häßlicher, wenn sie sie laut aussprach. "Ist nicht so einfach. Wenn du die letzten Jahre miterlebt hättest..."

"Habe ich aber nicht. Und ich bin froh darum. Du machst mich schon in vier Wochen fertig. Ich spiel' da nicht mit, Mike."

Das hab' ich doch heute schon mal gehört?

Bevor ich reagieren konnte, sprach sie weiter. "Aber freu' dich nicht zu früh. Ich werde nicht weglaufen. So leicht wirst du mich nicht los. Gewöhne dich an den Gedanken, dass nach sieben schlechten Jahren sieben gute kommen."

Galgenhumor war einfacher zu ertragen als diese erschreckende Offenheit. "Wenn du von sieben guten Jahren sprichst, ist da der letzte Mittwoch schon drin?"

"Mike! Rede ich hier mit den Wänden? Das ist deine verdammte Zeitrechnung. Du bestimmst Anfang und Ende! Nicht ich, nicht Klaus, nicht Chris und Eddie. Und schon gar nicht so Typen wie Ehrenberg, Kallenbach und Deichsel."

Das geniale Gefühl in mir drinnen kämpfte sich wieder nach draußen. Erst Klaus, dann Carola - als hätten sie sich wirklich abgesprochen. Neue Zeitrechnung? Heute schien ein guter Tag dafür zu sein. "Yes, Sir. Zu Befehl, Sir."

"Kindskopf. Was tust du Klaus eigentlich ins Essen, dass er es mit dir aushält?"

Da war das Schlupfloch. Carola war beängstigend dicht an meine Schutzhülle gekommen. Wahrscheinlich hatte sie sie schon durchstoßen. Es tat irgendwie gut, sie in der Nähe zu wissen, aber es machte mir auch Angst. "Wenn ich auf so was zurückgreifen würde, hat er heute eine Überdosis bekommen."

"Was soll das denn jetzt heißen?"

Ich konnte es nicht mehr zurückhalten, aus dem Ablenkungsmanöver war das reine Bedürfnis geworden, es ihr zu erzählen. "Er hat mir einen Antrag gemacht."

"Häh?"

"Wo sind deine Schlagfertigkeit und Auffassungsgabe geblieben?" Plötzlich genoss ich jede Sekunde. "Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht."

"Nein!"

"Doch!"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich glaub's nicht! Wann denn?"

"Hier und heute. Heute Morgen."

"Wow! Der Mann hat Mut."

"Ja, danke für die Blumen. Was ist denn mit mir? Ich hab schließlich ja gesagt."

"Normalerweise hätte ich gesagt: Du bist ohnehin verrückt. Aber in diesem Fall... Du wärst verrückt, wenn du etwas anderes getan hättest."

"Wir haben also dein Wohlwollen?" Das Strahlen war in voller Stärke zurück.

"Blöde Frage. Es ist einfach geil. Vielleicht hatte ich ja Unrecht mit der Nebenrolle. Oder meine Predigt kommt einfach ein paar Stunden zu spät."

Ich holte tief Luft. "Nee, du hattest Recht, und dein Timing ist auch nicht daneben. Aber vielleicht begreif' langsam selbst, was ich will und brauche."

"Schön wär's." Sie sah mich an, als könnte sie wirklich nicht glauben, was sie soeben gehört hatte. Was ich nachvollziehen konnte. Ich konnte es selbst noch immer nicht fassen. Vielleicht, wenn ich es noch einmal aussprach...

"Hast du nicht was vergessen, Carola?"

"Nein, was denn?"

"Klaus und ich werden heiraten. Da sagt man was?"

Sie legte die Stirn in Falten. "Oh. Hab' ich das noch nicht?" Sie lächelte. "Sorry." Sie stand auf, trat ans Bett und plazierte einen Kuß auf meine rechte Wange. "Herzlichen Glückwunsch." Mit einem Seufzer ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken. "Mensch Mike. Ihr macht Sachen. Aber es gefällt mir."

"Danke." Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf und genoss das Gefühl, das ihr Kuß und ihre Worte bei mir hinterlassen hatten.

Wahrscheinlich sah ich ziemlich selbstzufrieden drein, denn sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Mach nur so weiter. Dann werde ich nicht warten können, bis du wieder auf den Beinen stehst, und erwürge dich irgendwann nachts in diesem Bett hier."

"Bist du noch sauer?"

"Ja, bin ich. Weil du mir so den Wind aus den Segeln nimmst."

"Tut mir leid."

"Wer's glaubt."

"Tu mir einen Gefallen. Gib Chris noch 'ne Chance. Wir haben uns ausgesprochen. Wirklich! Und ich denke, dass er hauptsächlich aus Sorge um Eddie ausgeflippt ist." Und aus Eifersucht. Aber dazu hat er wohl jedes Recht. "Außerdem hab' ich ziemliche Böcke geschossen, dafür schulde ich ihm mehr als nur so'n kleinen Gefallen."

"Fängst du schon wieder an?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein, es stimmt und ist kein Schuldkomplex. So sehr ich mich... naja, so sehr es mir gut tut, dass du um meinetwegen auf Chris wütend bist... Da ist so viel passiert- Ich werd's dir nach und nach beichten. Vertrau mir und vertrau Chris. Er hat seine Macken, aber er ist ein guter Polizist."

Sie stemmte ihre Füße gegen das Bettgestell. "Ich dachte, er wäre mehr. Dein Freund."

"Wahrscheinlich ist er das sogar. Sonst wär' er vorhin bestimmt nicht hier gewesen. Ich sach' mal, dass unsere Freundschaft im Moment etwas angeschlagen ist. Aber das wird schon wieder. Hoffe ich."

Carola schwieg, betrachtete mich eingehend. Ich wollte ihr alles erzählen, würde es auch, irgendwann. Aber im Moment reichte es wohl auch so.

"Okay. Ich misch' mich da nicht ein. Und halte mich in der Abteilung entsprechend zurück. Die kommenden Wochen werden ohnehin anstrengend genug. Irgendwelche Tips, wie ich die Zeit ohne dich überstehen kann?"

"Such dir was, wo du deine Aggressionen loswerden kannst, ohne ein Disziplinarverfahren zu kriegen."

"Hast du aus dem Grund mit dem Boxen angefangen?"

Ich lachte. "Nein, aber ich hab' mir sagen lassen, dass sich meine Linke in den letzten Jahren sehr verbessert hat."

"Thorsten fände es bestimmt klasse, wenn ich anfange zu boxen. Er löchert mich jetzt schon jeden Tag, dass ich ihn bei euch anmelden soll."

"Ist er jetzt bei deiner Mutter?"

Carola schüttelte den Kopf. "Nein, mit Claudia bei ihren Großeltern. Kerstin hat die beiden in ihrer Mittagspause hingekarrt."

"Hast du dich schon entschieden wegen der Wohnung?"

"Eigentlich muss ich es nur noch meiner Mutter beibringen. Sie hat in den letzten Wo-"

Das Telefon unterbrach sie. "'Tschuldigung." Ich hob ab. "Niemcek."

"Mike, Chris hier! Hast du schon mit deiner Carola gesprochen."

"Hab' ich. Sie sitzt hier bei mir."

"Darauf habe ich gehofft. Guter Junge. Gib Sie mir mal."

"Gespräch für Sie, Frau Kollegin. Chris Schwenk."

Carola zögerte etwas, nahm den Hörer dann aber doch. Ihre Augen weiteten sich, als sie Chris zuhörte, sah dann auf ihre Armbanduhr. "Wenn es nicht zu lange dauert... um acht erwartet mein Herr Sohn sein Taxi." Sie hörte weiter zu, nickte, ab und an schob sie ein 'ich verstehe' dazwischen. Schließlich lachte sie und schüttelte den Kopf. Ja, der Chris, der hat's drauf.

"Bis gleich also. Ich denke, ich kann es in zwanzig Minuten schaffen." Sie runzelte die Stirn. "Was?" Ein Grinsen. "Ich bin sicher, es gibt genug Schwestern, die Schlange-" Augenrollen. "Ja, die wohl auch. Bis gleich." Ich nahm ihr den Hörer ab. "Er ist noch dran."

"Chris?", fragte ich den Hörer.

"Danke, Alter. Ich denke, das funktioniert." Mir war klar, dass er Carola meinte.

"Ist nicht mein Verdienst. Reine Glückssache."

"Oder so. Eddie und ich halten die Daumen für morgen. Warte mal eben, Eddie wedelt mit den Armen. Es sieht wie eine wichtige Botschaft aus! Oder doch mehr wie ein Fluglotse- Hey, nicht so grob."

Im nächsten Moment drang Eddies Stimme an mein Ohr. "Mike, ich wollte dich nur warnen. Ich habe heut' Mittag mit Iris telefoniert."

"Iris! Na klasse!"

"Sie kennt deinen Aufenthaltsort. Und hat die Nummer."

"Du bist nicht zu gebrauchen, wenn's um Geheimnisse geht."

"Ich bin nicht zu gebrauchen, wenn's um meine Mutter geht. Und ich möchte mir nicht vorstellen, wenn sie's rauskriegt und ich hab' ihr nichts gesagt."

Da hatte er unbedingt Recht. "Danke für die Warnung, ich rechne mit allem."

"Rechne mit dem Schlimmsten. Und von mir weißt du nichts."

"Feigling."

"Gib zu, wenn du nicht ans Bett gefesselt wärst, wärst du schon auf dem Weg ins Ausland. Wir sehen uns. Alles Gute für morgen."

Ich legte auf und seufzte. Aber da es gegen Iris eh kein Gegenmittel gab, konnte ich die Geschichte eh nur abwarten.

"Iris?" Carola zog ihre Jacke über und schnappte sich die Handtasche.

"Eddies Mutter. Sehr nett. Noch anstrengender. Sie hat mich ein bisschen adoptiert, als ich mit Eddie zusammen war. Und was ist mit dir? Noch Pläne heute Abend?"

"Das solltest du doch wissen. Ich wette, es war deine Idee. Das Duo Schwenk/Korpak hat mich zu einer ganz inoffiziellen und total zwanglosen Besprechung gebeten." Für jemanden, der sich bemühte, sauer zu klingen, sah sie ganz zufrieden aus.

"Damit hab' ich nichts zu tun."

"Wie du lügen kannst. Aber ich will mich nicht beschweren. So kann ich sofort austesten, ob dieser Chris eine zweite Chance wert ist."

"Sei nicht zu hart mit ihm."

Sie trat an mein Bett und küsste mich auf die Wange. "Nein, keine Sorge. Er hat sich in der Unfallnacht mir gegenüber mehr als fair verhalten. Das zählt etwas." Sie strich sich die Haare aus der Stirn. "Das mit Klaus... Ich freue mich für euch beide. Und es gibt mir ein gutes Gefühl, Mike."

"Mir auch, Carola, mir auch." Ich wartete, bis sie aus der Tür war, und zog dann die Schublade des Nachttisches auf, nahm meine Brieftasche heraus. Aus meinem Pass guckte ein Stück Papier heraus. Die neue Patientenverfügung. Ein richtiges Formular. Mit den richtigen Angaben. Mit dem richtigen Namen für den nächsten Angehörigen. Aus einem der hinteren Fächer zog ich die alte Erklärung. Das Papier war deutlich angegriffen, die Kanten abgescheuert. Und es war in vier Teile zerrissen.

Ich legte die einzelnen Teile auf das Betttuch vor mir. Sie war handgeschrieben, trug das Datum vom 27. April 1993. Der Name Christoph Schwenk stach heraus; ich hatte ihn in großen Druckbuchstaben in die Mitte einer abgesetzten Zeile geschrieben. Vor zwei Tagen hatte ich die Erklärung Chris in die Hand gedrückt. Als er vor mir auf und ablief wie ein gefangener Tiger, wild gestikulierte, argumentierte. Wie hatte ich ihn um seine Bewegungsfähigkeit in dem Augenblick beneidet. Als er endlich mal stehenblieb, hatte ich sein Handgelenk gepackt und ihm das Papier gegeben.

 

"Was soll ich damit, Mike?", fragte er, als er sich die Erklärung durchgelesen hatte.

"Kannst es zerreißen. Es ist überflüssig. Ungültig. Irrelevant."

"Und du glaubst, dann ist die Sache für mich erledigt? Dann hast du nichts von dem begriffen, was ich dir gerade versucht habe mitzuteilen. Mike, Mittwoch Nacht war für mich die Hölle. Nein, warte. Für mich war's nur Fegefeuer, Klaus ist durch die Hölle gegangen."

"Ich weiß, Chris. Ich hab's gesehen. In der Sekunde, als ich aus der Narkose aufgewacht bin und mir klar wurde, wo ich war. Und wer bei mir war." Die Erinnerung an diesen Moment war stark genug, mir die Kehle zuzuschnüren, und es war mir unmöglich weiterzusprechen.

Chris sah auf mich herab und hielt den Zettel hoch. "DAS ist okay, Mike. Aber es ist nicht entscheidend. Ich zerreiße es - nichts ändert sich. Wenn du's hier nicht begreifst..." Er tippte sich an die Stirn. "Wenn du es hier nicht spürst..." Er zögerte, als er auf sein Herz deutete. Gott, was würde aus Chris werden, wenn er erst ein paar Jahre mit Eddie zusammen war?

"Ich will dir keine Predigten halten, Mike, aber du musst endlich einsehen, dass ich niemals der war, den du an deiner Seite haben wolltest. Und dein Auftritt auf der Weihnachtsfeier war vom Übelsten. Wann immer ich dran denke, hab' ich einen schlechten Geschmack im Mund. Bis vorgestern hatte ich Eddie noch nicht einmal davon erzählt."

"Und was hat er gesagt?" Atemlos wartete ich auf die Antwort.

"Du sollst nicht den gleichen Fehler machen, den er gemacht hat. Verdammt, Mike, mach die Augen auf. Klaus liebt dich bis zum Wahnsinn. Und das, was ich über dich und ihn weiß, sagt mir, dass du ihn auch liebst."

Meinen nächsten Gedanken behielt ich für mich: *Was ihr über mich und Klaus wisst, meinst du wohl.* Mir war klar, dass das jetzt nicht länger Chris war, der da sprach. Ich fragte mich, wie Eddie ihn bearbeitet und wie er Chris dazu gebracht hatte, dass er jetzt so mit mir sprach. Ich fand, er hatte eine ehrliche Antwort verdient. "Das macht's nicht unbedingt leichter. Schau mich an. Nicht gerade der Hauptgewinn."

"Das überlass mal Klaus. Und wenn's dir hilft..." Chris zerriss das Papier, langsam und sorgfältig, legte die Teile ordentlich vor mir hin. "Ich bin nicht, was du suchst, Mike."

*Ich weiß.* "Ich weiß. Das weiß ich alles. Es tut mir leid, was ich da verbockt habe. Vor zehn Jahren hatte ich nicht wirklich jemanden, der hierfür in Frage gekommen wäre. Natürlich hätte ich dich fragen sollen, aber es war doch nur eine Formalität. Erinnerst du dich an Geschichte mit Hanussen damals? Ich sollte den Hintereingang abdecken und bei der Verfolgung- "

"-verknackst du dir den Fuß, weil du dich für Batman hältst."

Ich verzog das Gesicht bei dem Vergleich. "Die Kollegen von der Streife haben mich ins Krankenhaus gefahren. Und bei der Aufnahme haben die halt nach den nächsten Verwandten gefragt. Ich hatte dich als Ansprechpartner genannt, bevor ich es richtig durchdacht hatte." Ich rechnete mit einer Reaktion von Chris, aber er schwieg, hörte mir einfach nur zu. Wieder dachte ich an Eddie und an seinen Einfluss auf Chris. "Und später... Eddie wär' nie in Frage gekommen, wahrscheinlich weil ich recht schnell gecheckt hatte, dass es mit uns beiden nie was Ernstes wird. Da hab' ich's einfach dabei belassen. Und ich muss gestehen, ich hab' meist auch nicht dran gedacht."

"Meist?"

"In der letzten Zeit ist Klaus wieder und wieder damit angefangen. Und ich hab' dann immer abgeblockt. Zum einen weil ich ihm nicht erklären konnte, dass ich so was schon bei mir trug. Nur nicht so, wie er sich das wohl vorstellte. Und dann, weil ich ihm das nicht zumuten wollte. Ich weiß, es hört sich blöd an, da er ja von selbst mit dem Thema ankam. Aber bei meinem Job, vor allem so, wie ich ihn die letzten Jahre erlebt habe... Dieses Gefühl, als wäre ich ohne Rückendeckung. Auch wenn's nur eingebildet war..."

"Eddie sagt, du hättest Angst vor den letzten Konsequenzen eurer Beziehung."

"Sach mal, wie sehr hat Eddie dich eigentlich gecoacht für dieses Gespräch?"

"Na, vor allem hat er mich eindringlich davor gewarnt, dich nur anzubrüllen. Schließlich bist du... Naja, das ist ja nicht gerade die richtige Umgebung für 'ne Aussprache." Chris fuhr sich durch die Haare. "Ich werd' ihm sagen, dass es nicht ganz geklappt hat."

"Wieso? Du hast ja nicht die ganze Zeit gebrüllt."

Chris seufzte. "Stimmt auch wieder."

Ich hielt die Gelegenheit für günstig. "Und nimmst du meine Entschuldigung an?"

"Ja. Tu' ich. Ich möchte nur noch eins wissen. Warum redest du nicht mit mir? Wieso lässt du alles immer zur Explosion kommen, zum großen Knall? Halbherziges Gemurre, ironisches Geknarze im Gebälk ist ja gut und schön, aber irgendwie krieg' ich das nie so richtig mit. Dass du nie kapiert hast, dass du bei mir laut werden musst!"

"Damit du mir mal richtig zuhörst?"

Chris nickte und steckte die Hände in die Hosentaschen, sah mich fast trotzig an. Mir fiel ein, was ich mal zu Klaus gesagt hatte. Es war einfach gewesen, leise zu sein, wenn Chris so laut war. "Ich hätte es ja gekonnt, wenn ich gewollt hätte. Wollte ich aber nicht. Du hast nie ernsthaft nachgefragt, was ich neben dem Job so machte. Es hat dir gereicht, mit mir das eine oder andere Bier zu kippen, ab und zu ein Zug durch die Gemeinde. Du hattest deine Uschis und Gabis und Lisas. Nicht zu vergessen die Eintracht und deine Motoren. Ab und an ließ ich mich in deiner Peripherie blicken, und es gab keine lästigen Fragen oder neugierigen Blicke. Nicht von dir, nicht von den anderen. Der gute alte Mike. Nie weit, wenn man ihn brauchte, nie da, um im Weg zu stehen."

"Klingt bitter, Mann."

"War's manchmal auch. Ich bin nicht der Typ für One-Night-Stands. Ich war zwar kein Chorknabe, aber eine gewisse... tja, ich nenn's mal Attitüde, spricht sich schnell rum. *Der sucht was Festes.* Und so ein Ruf bleibt hängen. Eddie hat sich an dem Gequatsche nicht gestört, aber ich habe auch alles vermieden, um ihn nicht in die Enge zu treiben. Hab' mich ganz seinem Tempo angepasst. Oder besser: An seine Langsamkeit."

"Eddie sagt, er hat das erst begriffen, als schon Schluss war zwischen euch."

"Das war auch gut so. Er sollte nicht aus Mitleid bei mir bleiben. Es hätte auch nicht länger gehalten, und die Trennung wäre eine Katastrophe geworden. Dann hätte ich ihn auch als Freund verloren."

Chris öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Mir war klar, dass ihm das Weitersprechen nicht leicht fiel. "Kommt daher auch die Angst... offen zu... zu mir zu sein? Weil du Angst hast, mich als Freund zu verlieren?"

Auf manche Fragen musste man wohl Jahre warten. "Sind wir Freunde, Chris? Waren wir es jemals?"

Er gab die Antwort nicht sofort, drehte sich ab, ließ den Kopf sinken. "Keine Ahnung, Mike. Falls nicht... Wir könnten dran arbeiten. Nicht zuletzt wegen Eddie..."

Es klang so kläglich, dass ich grinsen und etwas gegen diese Stimmung tun musste. "Hat er dir mit Sexentzug gedroht?"

Chris wirbelte zu mir herum, bereit mich anzuschnauzen. Doch dann grinste er auch. "Manche Dinge ändern sich nie, was?"

"Würde mir in diesem speziellen Fall auch leid tun."

"Schon klar. Da du ja davon profitierst."

"Denk dran, ich hab schon mal am anderen Ende von Eddies Grausamkeit gestanden." Ich hielt Chris die Hand hin. "Waffenstillstand?"

"Waffenstillstand!" Er ergriff meine Hand. "Und ich glaub', es ist nicht nur wegen Eddie. Auch wegen mir. Und dir."

 

Langsam legte ich die Papierteile übereinander, riss sie in Achtel, legte sie nochmals zusammen, zerriss sie wieder. Zeit für neue Erinnerungen. Und vor allem neue Ziele. Ich nahm den Telefonhörer ab und wählte die Nummer.

Beim dritten Klingeln nahm er ab. "Täuber."

"Ich bin's. Ich musste deine Stimme hören."

Eine kurze Pause. "Ich bin in zwanzig Minuten bei dir."

 

 
Kapitel 3: tight ropes much too high

 

19. März 2003

"Herr Niemcek?"

Ich hatte es mir abgewöhnt, mich einfach so umzudrehen, wenn ich von hinten angesprochen wurde. Ich hielt an, atmete durch und wartete, bis die Schwester auf meiner Höhe war.

"Ja, was gibt's denn, Frau Beck?"

Der Grund war offensichtlich, denn sie hielt einen Brief hoch. Ich schluckte das unnötige 'für mich?' runter und lehnte die rechte Krücke an meinen Oberkörper und streckte die Hand aus.

"Hoffentlich gute Nachrichten." Und damit verschwand die Schwester auch wieder.

"Danke", sagte ich zu mir selbst und steckte den Umschlag in die Hosentasche. Ich war ohnehin auf dem Weg zurück ins Zimmer und hatte keine Lust, den Brief auf dem Gang zu öffnen. Auch wenn ich neugierig war. Auf dem Umschlag hatte ich Iris' Handschrift erkannt.

Es war nicht weit bis zu meinem Zimmer, und ich hatte einige Übung mit den Gehhilfen; trotzdem kostete es mich fast zehn Minuten, bis ich mich endlich auf meinem Lieblingsplatz niederlassen konnte. Es war ein niedriges Fensterbrett, breit genug, dass ich darauf sitzen konnte. Es war etwas hart, aber es war nichts, was mir etwas ausmachte. Ich blickte auf die Krücken zu meinen Füßen und fluchte leise. Sechs Wochen REHA. Sechs Wochen und ich hatte das Gefühl, nicht ein Stück weitergekommen zu sein. Im Gegenteil.

Immer noch Schmerzen. Oder besser: wieder Schmerzen. Dabei hatte es gut angefangen. Die Brüche am Schienbein und am Meniskus waren erstaunlich schnell und ohne Komplikationen verheilt, die OP am Kreuzband war optimal verlaufen, ebenso der Heilprozeß. Trotzdem hatte ich in den letzten zwei Wochen nur Rückschläge erlitten. Das Knie war geschwollen, ich traute mich nicht einmal, auf eine der Krücken zu verzichten, um das Bein mehr zu belasten. Das wäre normalerweise der nächste Schritt gewesen. Normalerweise.

Mein behandelnder Arzt, Dregger, hatte Anfang der Woche den Grund für meine Beschwerden herausgefunden. Offenbar war der Knorpel in der Meniskusgegend beschädigt, und die natürliche Regenerationsfähigkeit des Gewebes war nicht in der Lage, den Knorpelschwund auszugleichen. Er hatte mir verschiedene Behandlungen vorgeschlagen, mir die Mikrofrakturierung empfohlen. Ein relativ einfacher Eingriff. Eine mehrwöchige REHA-Phase und nach spätestens acht Monaten wäre ich nicht nur wieder in der Lage, meinem Beruf nachzugehen, sondern auch wieder Sport zu treiben.

Relativ leichter Eingriff. Das hatte Rohloff auch bei den anderen OPs gesagt. Eine mehrwöchige REHA-Phase. Die hatte ich gerade hinter mir. Statt weiterzukommen, trat ich auf der Stelle. Nein, ich machte Rückschritte. Spätestens acht Monate. Natürlich alles ohne Garantie.

Vor zwei Wochen, als die Welt noch in Ordnung zu sein schien, hatten wir den Heiratstermin für Anfang Mai festgelegt. Die ersten Einladungen verschickt. Den anschließenden Urlaub geplant. Natürlich Italien, mehr als ein Ersatz für die Reise, von der wir nach dem Unfall zurückgetreten waren.

"Eine Hochzeitsreise! Wie süß!", hatte Carola verkündet. Ich hatte die Augen gen Himmel gewandt, aber Klaus hatte nur gelacht.

Wieder ein Plan, den wir drangeben mussten. Vielleicht müssten wir die ganze Heirat verschieben, auf unbestimmte Zeit. Ich hatte wenig Lust, bei der Trauung im Rollstuhl zu sitzen. Und wenn sich die Sache mit meinem Knie so weiterentwickelte, würde es genau darauf hinauslaufen. Also noch eine OP, noch mehr REHA, noch mehr Frust, bis ich ins Leben zurück konnte.

 

Ich blickte aus dem Fenster, auf den weitläufigen Garten, ach was, das war schon ein Park. Mitte März und es war frühlingshaft warm. Viele Patienten gingen draußen spazieren, meist in Begleitung. Ich vermisste Klaus bis zum Wahnsinn, aber wir mussten sehen, dass wir seine Urlaubstage nicht unnötig vergeudeten. Bei den Plänen, die noch vor uns lagen... Trotzdem wollte ich ihn jetzt bei mir haben. Eigentlich jede Minute. Die Telefonrechnungen waren entsprechend. Email war erst recht kein Ersatz. Ich konnte nicht so schnell tippen, wie ich fühlte.

Ich schaute Richtung Telefon, das auf dem Nachttisch neben dem Bett stand. Sah auf die Krücken und schüttelte den Kopf. Er hatte ohnehin noch nicht Feierabend, und ich wollte nicht abgewimmelt werden, weil er gerade ein Kundengespräch hatte oder einen auswärtigen Termin. Wahrscheinlich bildete ich es mir ein, aber Klaus' Kollegen klangen mehr und mehr genervt, wenn ich zu ihren Anschlüssen weitergeleitet wurde, wann immer Klaus nicht an den Apparat konnte. Im Moment würde ich es nicht ertragen, vertröstet zu werden. Ich war ganz klar in halb leer-Stimmung.

Dann fiel mein Blick auf den Brief, der zwischen meinen angewinkelten Beinen auf der Bank lag. Bereits der zweite Brief, den Iris mir aus Norwegen schickte. Und die erste Nachricht war eine Postkarte gewesen, die nun an der Pinwand aufgespießt war. Das Bild war ein typisches Touristenmotiv - wie Iris mit einem zwinkernden Smilie im Text zugab. Aber sie hatte einfach nicht widerstehen können, weil: Die Fjord- Landschaft ist atemberaubend, und diese Aufnahme wird dem zumindest im Ansatz gerecht.

Ich nahm den Brief auf und fuhr mit dem Zeigefinger unter die Lasche, riss ihn so auf. Ich zog die Bögen heraus und als ich sie auseinanderfaltete, fielen ein paar Farbfotos heraus. Zwei landeten zwischen meinen Beinen, das dritte auf dem Fußboden. Ich beugte mich herab und hob das Bild vom Boden auf. Ein Blockhaus war darauf zu sehen, braun mit weiß abgesetzten Fenstern. Es schien mitten in einen dichten Wald hineingebaut zu sein, lediglich vor dem Haus gab es so etwas wie einen Weg.

Das zweite Foto war ein Schnappschuß von Iris, dick eingepackt in einen knallroten Parka. Sie stand auf einem Felsen nahe einem Fluss und winkte mir zu. Naja, sie winkte halt.

Das dritte Foto zeigte eine kleine Kirche, die etwas heruntergekommen aussah. Zumindest waren die Fensterläden nicht ganz intakt, und die grüne Farbe, in der sie gestrichen war, blätterte an einigen Stellen deutlich ab. Typisch Iris, mir ein unzusammenhängendes Sammelsurium von Impressionen aus ihrem Urlaub zu schicken.

Noch etwas war aber typisch für diese Grüße. Auf den Rückseiten der Photos hatte Iris kurz ihre Eindrücke vermerkt, die sie mit dem jeweiligen Bild verband. Auf dem Blockhausbild fand sich folgender Text: "Mein Domizil für die letzte Woche hier. Ich habe es auf dem Wochenendausflug gefunden - es stellte sich heraus, dass es hier sogar mietbare Einsamkeit gibt. Meine Freundin protestiert zwar, aber ich bin sicher, sie ist froh, ihr Reich wieder für sich zu haben. Und ich freue mich auf ein paar Tage ganz für mich allein."

Ich erinnerte mich daran, wie Eddie mir von Iris' Norwegenplänen erzählt hat. Sie hatte sich kurzfristig entschlossen, endlich das Angebot einer ehemaligen Studienfreundin anzunehmen und sie in ihrer neuen Heimat zu besuchen. "Mutter glaubt wohl, sie müsste mir und Chris ein bisschen Spielraum geben. Als ob wir Angst hätten, sie könnte unser erblühendes Glück mit einer ihrer Heimsuchungen stören. Und so erleichtert wie Chris geschaut hat, als sie sich für sechs Wochen von uns verabschiedet hat, hatte sie damit wohl nicht unrecht. Ich bin sicher, dass seine Augen geleuchtet haben." Und Eddie hatte schallend gelacht bei meiner Bemerkung, dass Iris durchaus weise Momente hatte.

Nächstes Bild. "Was sagst du zu diesem Foto von mir? Mir gefällt es, und ich möchte, dass du ein Bild von mir hast, das auch mir gefällt. Dann kannst du dieses alte Ding, auf dem ich so eine Grimasse ziehe, endlich entsorgen. Ich verzeihe es Eddie nie, dass er mich in dem Augenblick abgelichtet hat, und dir werde ich es nie verzeihen, dass du es dir unter den Nagel gerissen hast, bevor ich es vernichten konnte. Erfülle den Wunsch einer alten Frau und tausche die Bilder aus, ja?"

Grimasse schreibt sie. Dabei hatte Eddie es geschafft, einen wahren Iris-Moment einzufangen, in dem sie so jung und ausgelassen war, als wäre sie Eddies große Schwester und nicht seine Mutter. Alte Frau... Von wegen. Ich behalte beide Fotos, dass du's nur weißt!

Das letzte Bild hatte ich mit Absicht aufgespart. Das verfallene Gebäude hatte etwas Anrührendes. Ich konnte nicht näher beschreiben, was für ein Gefühl es in mir auslöste. Ich drehte das Foto um. "Mike, das würde dir gefallen. Diese kleine Kirche ist eine Art Familienkapelle, die von ihren Besitzern vor etlichen Jahren aufgegeben wurde, zusammen mit dem kompletten Anwesen. Kati kennt die Hintergründe nicht; die Leute aus dem Dorf erzählen sich eine Menge Gruselgeschichten, aber alle scheinen nur die Wahrheit damit vertuschen zu wollen. Vielleicht ist es auch ein ganz langweiliges Ereignis, das zu einer Touristenattraktion aufgebessert werden sollte. Jedenfalls ist die Atmosphäre in der Kapelle ganz und gar nicht unheimlich; vielleicht bin ich auch zu realistisch und abgebrüht. Der Innenraum ist noch vollständig erhalten, halt voller Staub und Spinnweben, aber sonst... Eine beruhigende Stille, es ist, als ob jemand da ist, der - egal, was man ihm anvertraut - zuhört, ohne zu urteilen. Keine Angst, ich werde es nicht als Göttliche Präsenz bezeichnen... ooops! Du solltest es selbst erleben... Für Eddie habe ich übrigens auch einen Abzug gemacht."

Mit einem Seufzen legte ich die Fotos zusammen und auf die Bank. Sie macht es bestimmt nicht absichtlich; es ist zu lange her, und ich hab' ihr damals mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass es zwischen mir und Eddie nicht klappen kann... Trotzdem gab es mir jedesmal einen Stich, wenn sie zwischen mir und Eddie Verbindungen irgendeiner Art suchte. Vielleicht sollte ich den Brief später lesen... vielleicht sollte ich ihn überhaupt vergessen...

Im nächsten Augenblick hatte ich ihn auseinandergefaltet.

 

Mein lieber Mike,

ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich sofort mit der Tür ins Haus falle, aber wenn mir etwas unter den Nägeln brennt, muss ich es loswerden.

Man sagt, schlechte Nachrichten reisen besonders schnell, und die Neuigkeiten, die mich über dich erreichen, bestätigen diese Redensart leider nur zu deutlich. Am Wochenende hielt ich noch die zauberhafte Einladung zu eurer Eheschließung in den Händen, und gestern habe ich mit Eddie telefoniert, wo er mir berichtete, dass sich der Zustand deines Beines wesentlich verschlechtert hat.

Ich will dich aber nicht mit endlosen Formulierungen über Bedauern und Mitleid quälen, ich denke, du weißt, dass ich mit dir und Klaus fühle, so wie ich mich auch über die Mitteilung gefreut habe, dass ihr heiraten werdet. Ich habe ein gutes Gefühl, was euch beide angeht. Und da bin ich nicht allein.

Ich habe Eddie um Einzelheiten über deinen Zustand gebeten, sei ihm nicht böse, dass er offen zu mir war. Er weiß, dass ich dich als Mitglied meiner Familie ansehe, und du weißt es ja auch.

Ich habe noch mehr getan; ich habe mit meiner Freundin Kati gesprochen. Es gibt Spezialisten an ihrer Klinik, die seit Jahren mit der Mikrofrakturierung sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Sie kann die Kollegen unbedingt empfehlen, und ich vertraue Katis Urteil. Wahrscheinlich ist dir klar, worauf ich hinauswill. Falls du dich entschließt, nach Norwegen zur Behandlung zu gehen, kannst du mit meiner vollen Unterstützung rechnen. Eddie hat so etwas angedeutet, dass du ziemlich - wie hat er es genannt? - angefressen wegen deiner Ärzte in Deutschland bist. Nicht zuletzt ist Vertrauen wesentlicher Bestandteil der Behandlung.

Ich möchte dich in keiner Weise überreden oder drängen, ich will dir nur eine Alternative aufzeigen. Eine andere Alternative wäre natürlich *der* Experte für Operationen dieser Art bzw. seine Kliniken. Aber dieser Steadman arbeitet halt in Colorado. Und die norwegischen Kollegen haben einen durchaus vergleichbaren Standard erreicht.

Ruf mich an, wann immer du magst. Alles Gute für deine Besprechung am Freitag. Und jetzt werde ich diesen Brief als Express aufgeben, dann hast du ihn morgen. Ich wollte dich nicht anrufen; ich fürchtete, ich hätte dich zu sehr beeinflusst. So hast du Gelegenheit über meinen Vorschlag nachzudenken, ohne sofort Stellung nehmen zu müssen oder gar eine Entscheidung zu fällen.

Liebe Grüße an deinen Klaus. Er ist ein Glückspilz, und du bist es auch, egal was sonst noch passiert.

Iris

 

Ich hatte Iris' Stimme in meinem Ohr, als ich geendet hatte. Es gab mir ein gutes Gefühl, dass sie ein gutes Gefühl hatte. Trotz all der Katastrophen, die Eddie und ich mit ihr durchlitten hatten - und das in den wenigen Monaten, die wir zusammen gewesen waren - war mein Verhältnis zu Iris eines der besten Dinge, die mir die Beziehung mit Eddie eingebracht hatte. Und eins der wenigen, die sie auch überlebt hatten.

Natürlich konnte ich Eddie nicht böse sein, dass er sich Iris anvertraut hatte. Behandlung in Norwegen. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Allein der Papierkram, der damit verbunden sein könnte, ließ mich schaudern. In den letzten Wochen hatte ich so viele Formulare ausgefüllt, dass ich Schwierigkeiten hatte, meinen Namen zu schreiben, wenn ich keine Kästchen dafür vor mir liegen hatte.

Und da waren nicht nur die Unterlagen für die Versicherung und für die Dienststelle gewesen. Auch die ganzen Prozeduren für die Heirat hatten an den Nerven gezerrt. Ich hatte immer wieder Klaus' Gegenwart gebraucht, um wieder zu dem Wesentlichen zurückzufinden. Um mir klarzumachen, worum es uns ging. Iris' Brief hatte einen ähnlichen Effekt. Ich nahm mir das Bild der Kapelle noch einmal vor. Natürlich kamen wir nicht drum herum, das Formelle unter Dach und Fach zu bringen. Aber irgendwie reichte es mir nicht mehr. Es verkleinerte dieses Ereignis auf ein paar Unterschriften und ein paar Häkchen auf irgendwelchen Urkunden. Ohne wahre Bedeutung. Da musste es doch noch mehr geben. Eine Art Zeremonie. Vor Freunden, die sich mit uns freuen, statt vor einem Standesbeamten, der die ganze Sache nur abnickt. Und vor allen Dingen: Es musste bald sein. Irgendwie war das die Botschaft, die ich aus Iris' Worten herauslesen konnte. Oder wollte. War auch egal. Und egal, wo Klaus jetzt war. Ich musste ihn sprechen.

 

***
 

22. März 2003

"Mike?", fragte Klaus leise.

"Hmmm?"

"Ich dachte schon, du wärst eingeschlafen."

"Nein, ich habe nur über was nachgedacht." Ich öffnete die Augen, stellte beim Blick aus dem Wagen fest, dass wir fast da waren. Ich sah Klaus an, der darauf wartete, dass ich weitersprach. "Findest du's nicht verrückt, wie man sich in ein Foto verlieben kann? Naja, nicht in ein Foto, sondern in das, was es zeigt, meine ich."

"Es ist ja wohl eher so, dass dich Iris' Kommentare zu dem Bild überzeugt haben."

"Vielleicht haben die mir den Rest gegeben."

Klaus lachte. "Wie auch immer. Ich werde nichts in Frage stellen, was dich zu einer der vernünftigsten Entscheidungen deines Lebens gebracht hat."

"Du findest es vernünftig, dass wir nach Norwegen fahren, nur um uns..." Die Formulierung war mir noch etwas fremd, aber ich sollte mich daran gewöhnen. Je eher, desto besser. "Nur um uns das Ja-Wort zu geben?"

"Nur ist gut."

Meine Hand landete auf seinem Bein. "Du weißt doch, wie ich's meine. Und die anderen werden erst recht denken, dass ich in der REHA den Verstand verloren habe, statt wieder auf die Beine zu kommen. Toller Tausch." Der Seufzer war raus, bevor ich ihn zurückhalten konnte.

"Mike, du machst mich wahnsinnig. Dieser Knorpelschaden... damit war ja wohl nicht zu rechnen. Und deine Schuld ist es recht nicht. Sei froh, dass die Behandlung so erfolgversprechend ist. Und dass die REHA ambulant in Frankfurt möglich ist. Es war hart genug in den letzten Wochen."

"Du hast Recht und die Ärzte haben Recht und ich werde ohne zu meckern noch ein paar Monate- Tut mir leid, aber always look on the bright side funktioniert momentan nicht mehr so bei mir."

"Sag mal, haben sie dir eine Hormonbehandlung verpasst, von der ich nichts weiß? Oder bist du schon in der Midlife-Crisis? Du hast Stimmungsschwankungen, die jede Hollywood-Diva grün vor Neid werden ließen."

Extrem wahr. "Du hast Re- Okay, ich hör auf damit." Als ich meine Hand zurückzog, griff Klaus mein Handgelenk, ohne die Augen von der Straße vor ihm zu lassen.

"Untersteh dich! Mike, ich habe kein Problem damit, wenn du deine Sorgen bei mir ablädst, im Gegenteil. Aber bei Selbstmitleid spiel' ich nicht mit. Dann kannst du dich entscheiden, an welcher Haltestelle ich dich rauslassen soll."

Ich ließ die Hand an ihrem Platz und schloss die Augen. "Nee, lass mal. Ich bin noch nicht gut zu Fuß; den Luxus, vor der Haustür abgeladen zu werden, möchte ich nicht missen."

"Sei ein braver Junge, und der Luxus muss nicht vor der Haustür aufhören."

Außerordentlich bedauerlich, dass Klaus fahren musste. Und in der Innenstadt von Frankfurt war es nicht wirklich möglich, mal eben an den Rand zu fahren und- Besser wir kamen so schnell heim wie möglich. Ich vermisste unser Zuhause, hatte es erst begriffen, als ich in der REHA-Klinik beobachtet hatte, wie sich die Uhrzeiger stundenlang nicht bewegten. Ohne dass ich es realisiert hatte, war unsere Wohnung in den Monaten vor dem Unfall zu einer Zuflucht für mich geworden. Klaus' Verdienst, ohne Zweifel. Nicht meiner. Vorsicht, Mike, wie war das mit Selbstmitleid?

Plötzlich war es mir unmöglich zu warten, bis wir zu Hause waren. "Ich hab' eine verdammte Angst vor der Operation."

Klaus sah kurz zu mir rüber, konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. "Ich weiß, Mike. Ich auch."

"Aber ich will nicht glauben, dass das der Grund für diese Norwegen-Aktion ist. Oder ich will nicht, dass du glaubst, das wäre der Grund."

Für eine Sekunde legte er seine Hand an meine Wange. "Es ist nicht der Grund, das weiß ich. Es ist nur die Einsicht, dass Warten nicht lohnt. Morgen werde ich versuchen, einen früheren Termin für die Eheschließung zu bekommen. Du kannst derweil die anderen mit den Neuigkeiten schocken. Und keine Ausreden gelten lassen."

"Keine Chance, werd' ich nicht. Ich hatte vor, ins Büro zu fahren. Carolas Gesicht will ich sehen, wenn ich's ihr erzähle."

"Da habe ich eine bessere Idee. Wir laden die Mädels mit den Gören zum Abendessen ein und überrumpeln sie. Wenn die Kids von dem Abenteuer hören, haben wir die Mütter in der Tasche. Als Vorwand für das spontane Essen haben wir ja deine Heimkehr."

"Vorläufige Heimkehr."

"Mike, nach der Operation wird es so sein, als gingest du zum Dienst. Tagsüber die REHA, abends geht's heim. Es wird nicht einfach, aber du arbeitest doch auf ein erreichbares Ziel hin."

"Hast du dir schon mal überlegt, was danach passiert? Falls ich nicht wieder gesund werde?"

"Du wirst wieder gesund. Punkt."

"Und was ist, wenn ich wieder gesund werde?" Der Wagen machte einen kleinen Hüpfer. Mir wurde flau im Magen; ich hätte mit dem Thema besser bis zu Hause gewartet. "Nach all dem Scheiß, der mir bei der Truppe widerfahren ist... bei all dem Mist, den ich selbst verzapft habe... Ich denke nicht, dass ich da noch eine großartige Zukunft habe."

"Was ist mit Carola?"

"Oh ja, sie hat ja bestimmt den Luxus, auf meine Rückkehr warten zu können. Selbst im Optimalfall dauert es noch bis August, bis ich wieder einsatzfähig bin. Und ich rede hier nicht vom Innendienst. Das zählt nicht. Carola kann jeden Tag einen neuen Partner bekommen."

"Typisch für dich, alles schwarz oder weiß zu sehen. Anstatt froh zu sein- Mann, Mike, in der Nacht des Unfalls war ich nur froh, dass du überlebt hast." Wir waren in unserer Straße angekommen, und Klaus hielt vor der Haustür. Wortlos stieg er aus und kam um den Wagen rum, öffnete die Tür zu den Rücksitzen, zog die Krücken heraus. Dann öffnete er meine Tür und half mir raus. "Ich lass dich eben ins Haus, es wird mächtig kalt-"

"Danke, das schaffe ich schon. Fahr du nur in die Garage." Ich bereute meine Worte, vor allem den Tonfall, sofort. "Klaus, warte. Es tut mir leid."

"Weiß schon. Lass mich dir wenigstens bei der Treppe helfen." Es war ein Friedensangebot, und ich wäre ein Idiot, es abzulehnen.

"Klar, ich gehe nur rein." Ich wartete, bis er wieder im Auto saß, ging dann in Richtung Haus. Die Außenbeleuchtung sprang an, und als ich gerade die Schlüssel aus der Hosentasche zog, öffnete sich die Tür.

"Herr Niemcek! Sie sind zurück?"

Offensichtlich. Aber ich hielt das Grummeln zurück. "Gerade angekommen, Frau Discher."

"Warten Sie, ich halte Ihnen die Tür auf. Ist Herr Täuber nicht bei Ihnen?"

Ganz normale Konversation, Mike, keine Anspielungen, keine versteckten Spitzen. Einfach die nette Nachbarin, die Small-Talk macht. "Er bringt den Wagen in die Tiefgarage."

"Ja natürlich." Ich fühlte ihren Blick auf mir, als ich durch den Eingang hüpfte. "Das geht ja schon sehr gut!"

Das ging schon mal viel besser. Ein Zwischenhoch und dann ist alles schlimmer als vorher... Ich hatte schon eine entsprechende Entgegnung auf den Lippen, als mir klar wurde, was ich hier trieb. Selbstmitleid. Die Botschaft hatte ich wohl vernommen, doch kapierte ich es erst jetzt, wo ich drauf und dran war, mich vor einer Wildfremden wie ein kleines Kind aufzuführen. "Und ist ein gutes Training für die Oberarmmuskulatur." Ich lächelte sie an. "Danke für die Hilfe."

Sie musterte mich von oben bis unten, sah dann zu den Treppenstufen hinüber. "Wenn Sie wollen- "

"Ich komme zurecht, Frau Discher, danke für das Angebot. Schönen Abend noch." Ich wartete keinen weiteren Kommentar ab, sondern stakste zu den Briefkästen, lehnte meine Krücken an die Wand, zog die Schlüssel hervor und öffnete unseren Briefkasten. Alles reine Show, denn schließlich hatte Klaus die Post von heute Morgen bereits mit zur Klinik gebracht. Alles, was ich jetzt noch finden konnte, war Werbematerial. Richtig. Zwei Prospekte von Baumärkten steckten in dem Kasten. Ich stopfte sie mir in die Hosentasche, griff nach meinen Krücken. Ich war gerade zwei Stufen hoch, als endlich die Haustür zuschlug. Und am ersten Treppenabsatz, als sie wieder aufgeschlossen wurde. Ich wandte mich um, und Klaus schob sich mit Koffer und Reisetasche in den Händen herein, über seiner rechten Schulter spannte sich der Gurt der Laptoptasche.

"Was ist mit dem Rucksack? Du hast doch wohl nicht meinen Rucksack im Auto gelassen? Nicht, wo du noch den Mund frei hast. Ein guter Test für deine Dritten."

"Wie der Name schon sagt, hängt das Teil auf meinem Rücken. Und ist Bestandteil dieser ausgeklügelten Balance, Klugscheißer."

Ich hatte Mühe, nicht zu lachen. "Und was soll diese Demo? Ich hab' dich auch so schon für äußerst fit gehalten."

"Ich hatte keine Lust, mehrmals zu gehen."

"Deshalb besser einmal Schneckentempo. Wenn du an die Tierchen überhaupt heranreichst... Du hättest auch einen Teil bis morgen im Kofferraum lassen können. Jetzt lass wenigsten einen Teil der Sachen hier im Treppenhaus, sonst schaffst du den Aufstieg nie."

Er murmelte etwas und stellte Reisetasche und Koffer ab, kam zu mir hoch. "Ich weiß, wie du packst, Mike. Verteilst alles Wichtige auf zig Taschen. Spätestens wenn ich im Bademantel gewesen wäre, hättest du gebrüllt, dass ich deinen Schlafanzug oder deine Zahnbürste oder den Krimi, den du gerade liest, im Auto gelassen habe."

"Ich höre immer Schlafanzug und lesen. Mein Programm für heute abend sieht anders aus. Du kannst mir beweisen, wie fit du wirklich bist."

"Zu spät. Die Tischtennisplatte steht schon wieder im Keller."

Ich ließ Klaus den Vortritt auf der Treppe und hüpfte hinterher, leicht außer Atem. Zwar war ich ganz gut im Training, aber es war ein harter Tag gewesen. "Mein nächster Liebhaber wohnt im Erdgeschoß, das schwöre ich."

Er sah über die Schulter und grinste. "Mach nur so weiter, und ich formuliere für dich die Anzeige."

"Bezahlst du sie auch?"

"Kommt auf den Unterhalt an, den du mir nach der Trennung zugedacht hast."

"Unterhalt? Mit welcher Begründung denn das?"

"Für außerordentliche sexuelle Gefälligkeiten, was denn sonst."

"Kannst du das noch lauter rausbrüllen?"

"Klar kann ich. Aber ich dachte, deine Ohren wären noch in Ordnung."

"Nicht nur meine Ohren, wart's nur ab."

"Leere Versprechungen, nichts weiter. Wetten, dass ich schneller rauf, runter und wieder rauf bin mit den Klamotten, ehe du ganz oben bist?"

Ich hielt inne und Klaus auch. Er sah zu mir herab, drei Stufen über mir stehend. Keine Chance, dass ich mir die Herausforderung entgehen ließ. "Ich koch' dann schon mal Kaffee, bis du ankommst. Um was wetten wir?"

"Nur für die Ehre?"

"Vergiss es."

"Um zwei Erste-Klasse-Tickets nach Norwegen. Der Rest der Gang kann sich in der Touristenklasse vergnügen. Soll uns dann egal sein."

"Und wenn ich verliere?"

Er kam die Treppenstufen, die uns trennten, herunter. "Du wirst auf deine Ärzte und die Physios hören, wirst deine Wut in deine Übungen stecken, wirst deine Ängste und verdammten Selbstzweifel mit mir teilen und wirst in Rekordzeit wieder gesund."

Scheiße. Sein Gesicht war dem meinen so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut fühlte. Ich hätte gerne weggesehen, aber das war völlig unmöglich. Sprechen war auch nicht einfach, nicht mit diesem Mörderkloß in meinem Hals. "'kay", würgte ich schließlich heraus.

Klaus nickte langsam. "Auf die Plätze, fertig, los." Er jagte die Treppen hoch, als er das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen hatte. Dürfen Banker bescheißen? War mir egal. Ich hatte alle Zeit der Welt, nach oben zu kommen.

 

 
Kapitel 4: du spürst, dass du weiter musst

 

4. April 2003

"Möchtest du auch?" Carola stand in der Tür und hielt die Weinflasche hoch, die das Abendessen halb voll überlebt hatte. Sie hatte leise gesprochen, mit Rücksicht auf Klaus und Thorsten, die auf der Couch eingenickt waren. Klaus hatte seinen Arm um Thorsten gelegt und der kuschelte sich an Klaus; beide schliefen offensichtlich tief und fest. Kein Wunder nach diesem Tag.

Carola folgte meinem Blick, und ihre Gedanken gingen in die gleiche Richtung. "Unsere Männer sind total erschlagen. Wir sollten sie ins Bett bringen. Morgen wird es nicht weniger anstrengend." Ich schüttelte den Kopf, als Antwort auf beide Bemerkungen. Ich hatte keine Lust, Augenblick und Anblick zu zerstören. "Bist du denn gar nicht müde, Mike?"

Sie klang besorgt, aber ich konnte kein Mitleid oder heuchlerisches Bedauern in ihrem Tonfall spüren. "Wie sollte ich denn? Bei der Hege und Pflege. Ich hab' kaum einen Muskel gerührt."

"Das war ja auch der Deal mit den Ärzten; sonst hättest du für diese Reise niemals grünes Licht bekommen." Sie winkte nochmals mit der Flasche. "Und was ist hiermit?"

"Nein danke, ich bleib' beim Wasser." Alkohol hatte ich mir abgewöhnt, mit all den Behandlungen und Medikamenten wollte ich kein Risiko eingehen. Und im Moment brauchte ich keinerlei Drogen, um einen Rausch zu bekommen.

Carola ging zurück in die Küche, kam mit einem halb gefüllten Glas wieder zurück, ließ sich vor meinem Sessel auf dem Boden nieder, lehnte sich gegen mein Bein. Das linke hatte ich auf einem Stuhl hochgelegt. "Iris ist einfach unglaublich. Wie sie das alles so schnell organisiert hat, ist mir unbegreiflich. Mit einem großen U."

Ja, das war wohl das Wort. Unbegreiflich mit einem großen U. Carola, Thorsten, Klaus und ich teilten ein kleines Ferienhaus, Eddie und Chris wohnten bei Iris in dem Blockhaus, von dem sie mir das Foto geschickt hatte. Mit Hilfe ihrer Freundin Kati hatte sie nicht nur die Unterkunft für uns vorbereitet, die Flüge gebucht, den Transport nach Tysnes organisiert, sie hatte es auch geschafft, dass wir morgen unsere Feierstunde in der Kapelle abhalten konnten. Vor einer halben Stunde hatten wir uns alle für die Nacht verabschiedet. Kati war mit ihrem Clan zurück Richtung Bergen, Iris mit dem Traumpaar auf dem Weg zur Blockhütte. Morgen Vormittag würden sie und zumindest Kati wieder hier einschlagen, zu einem ausgedehnten Frühstück.

Es hätte mir leid tun müssen, bei all dem Treiben so untätig zu sein, aber der Gedanke war mir während des ganzen Tages nicht gekommen. Ich war mittendrin statt nur dabei, und wenn ich erklären sollte wie, könnte ich es nicht. Wahrscheinlich waren es die Kinder, die uns seit der Landung auf dem Bergenser Flughafen in Atem hielten. Thorsten war happy und dementsprechend außer Rand und Band. Klaus hatte ihm zwar erzählt, dass Kati Enkelkinder hatte und er nicht der einzige Junge sein würde, aber mit einer Horde vom Ausmaß einer Fußballmannschaft hatte er nicht gerechnet. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich sprachlich verständigten, aber es funktionierte. Und Klaus war nach zehn Minuten zum Anführer der Bande geworden.

Irgendwann inmitten des Trubels hatte er Kati, die ihm nicht mal bis zu seiner Schulter reichte, in den Arm genommen und sie gedrückt. "Ihr seid unglaublich. Was ihr alles für uns Fremde auf die Beine stellt!"

Sie hatte gelacht und ihm einen Klaps gegeben. "Fremde, was für ein Blödsinn. Ihr seid doch Freunde von Iris."

Als dann Chris und Eddie mit Iris in unserem Domizil eingetroffen waren, hatte es keine Halten mehr gegeben. Zusammen mit Carola hatten die Männer die eine Mannschaft gebildet und tobten dann mit der Kindermannschaft durch den Garten, bis Iris und Kati zum Abendessen riefen. Es war eng, es war laut, es war einfach großartig gewesen. Chris hatte Iris gespielt brummig angeraunzt, dass sie das nächste Mal die wilden Horden zähmen könnte, während er kochte. Eddie hatte sich mit Katis Mann Per über seine geliebten Motoren unterhalten. Klaus hatte sich ein Spiel ausgedacht, bei dem der erste, der etwas sagte, verlor. Das hatte den Geräuschpegel erheblich gesenkt, bis eines der Mädel begriff, was da abging, und lautstark verlangt hatte, dass das ja auch für die Erwachsenen gelten musste. Ich hatte das Gefühl gehabt, Kati hatte den Kommentar ihrer Enkeltochter wohl sehr frei übersetzt, denn Per bemerkte auf Englisch, dass ihr Norwegisch sehr zu wünschen übrig ließ.

Die Abschied war ein ebensolches Sprachengewirr gewesen und hatte mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Dabei hatten wir übersehen, dass Thorsten sich in Katis Van geschlichen hatte, und kurz danach waren zwei von Katis Enkeln nicht mehr aufzufinden gewesen. Als wir endlich allein waren, hatte es Gott sei Dank nicht lang gedauert, bis Thorstens Entrüstung, dass er nicht hatte mitfahren dürfen, in bleierne Müdigkeit umgeschlagen war.

"Und dass wir hier mit fast kompletter Belegschaft aufkreuzen können, ist ebenso ein kleines Wunder."

"Schade, dass Kerstins Filialleiterin ein solches Ekelpaket ist. Wenn selbst Klaus sie nicht umstimmen kann, sagt das eine Menge über den Zustand ihres Herzens aus. Dabei hatten alle Kollegen schon zugestimmt, ihre Schichten mit ihr zu tauschen!"

"Das ist nicht der Grund. Kerstin ist drauf und dran, ihre Stelle zu kriegen."

Carola wandte sich um und sah zu mir hoch. "Wow. Ich tippe mal auf Klaus als Informationsquelle."

"Er ist halt sehr gründlich, wenn es um Geschäftliches geht. Er kennt den Geschäftsführer der Kette, und bevor er Kerstin den Kauf der Wohnungen vorgeschlagen hat... Ein paar unverbindliche Anrufe und er wusste, dass die Sache für Kerstin nicht zu einem finanziellen Fiasko werden konnte."

"Und für seine Bank auch nicht?"

"Das außerdem."

Carola sah zu Klaus und schüttelte den Kopf. "Weiß Kerstin es auch? Erzählt hat sie mir nichts."

"Glaub' ich nicht. Wenn sie auch nur den Verdacht haben würde, dass Klaus für sie Beziehungen spielen lässt..."

"Würde er das?"

"Nein. Er hält nichts von dem, was man normalerweise unter Vitamin B versteht. Nur wenn er glaubt, dass er eine Ungerechtigkeit ausbügeln kann, ist er nicht mehr zu halten."

"Ich werde Kerstin nichts sagen."

"Weiß ich doch. Hast du schon bei ihr angerufen?"

"Sofort als wir hier angekommen sind, habe ich es versucht. Aber ich hatte nur ihre Mailbox dran; kein Wunder, um die Zeit war im Geschäft wahrscheinlich Hochbetrieb. Ich werde es gleich noch mal versuchen."

Es war ein wahrer Glücksfall, dass sich die beiden so gut verstanden. Und dass die Kids sich ebenfalls angefreundet hatten. Das machte es wesentlich einfacher, die Kinderbetreuung zu organisieren. Inzwischen hatten sie ein regelrechtes Netz aus Kindergarten, Großeltern und Babysittern aufgebaut. Und Sitter Nummero Uno war ganz klar Klaus geworden. Nicht nur quantitativ. Vor allem Thorsten maulte, wenn er nicht zu uns kommen konnte und Mama ihm stattdessen einen in seinen Augen unzureichenden Ersatz vor die Nase setzte. Einmal hatte er sich lauthals bei Klaus darüber beschwert, hatte die Babysitterin als 'langweilige Schnalle' tituliert, die nur am Telefon hing und mit ihren Freundinnen quatschte, statt ihren 'Job zu machen'. Letztere Formulierung hatte Klaus vermuten lassen, dass Thorsten seine Ausdrucksweise von mir hatte. Und er hatte mich bei dem Vorwurf angesehen, als müsste er zwei kleine Jungs gleichzeitig erziehen.

"Es ist so viel passiert, während ich in der REHA war. Ich hab' noch nicht einmal deine neue Wohnung gesehen."

"Die läuft doch nicht weg."

"Und wie Thorsten sich an Klaus hängt... Ich habe das Gefühl, dass ich von dem wirklichen Leben nicht mehr viel mitbekomme." Diese Feststellung tat nicht wirklich weh; es überraschte mich nur, dass ich diese Entdeckung hier so ruhig und in aller Klarheit machte.

Carola schreckte regelrecht auf, drehte sich vollends zu mir um. "Hey, was wird denn das? Kriegst du hier den Blues, oder was?"

Ich hob den Zeigefinger an den Mund. "Leiser." Dann schüttelte ich den Kopf. "Nein. Im Gegenteil. So langsam begreife ich, was wirklich wichtig ist für mich. So idiotisch wie ich mich in den letzten Monaten benommen habe, ist all dies hier doch unglaublich. Wie ihr alle zu uns haltet... Zu mir..." Sie sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. "Nimm doch mal Iris als Beispiel. Ich hab' mich fast ein Jahr nicht mehr bei ihr gemeldet, nicht seitdem die Sache mit Chris und Eddie im Sommer losging. Trotzdem hat sie sich nach dem Unfall um mich gesorgt, als wäre ich ihr eigener Sohn. Und den anderen hab' ich noch viel schlimmer vor den Kopf gestoßen. Dich doch auch!"

"Was erwartest du denn jetzt von mir? Soll ich dir erklären, wie Freundschaft und Liebe funktioniert?"

Ich lachte leise. "Brauchst du nicht. So langsam scheint es in meinen Dickschädel einzudringen."

"Ich hätte sonst nachgeholfen."

"Eigentlich ist es pure Ironie. Ich hab' Chris seine Sturheit und Blindheit vorgeworfen... Und selbst nicht gemerkt, was so offensichtlich ist." Ich nickte in Klaus' Richtung.

"Dass du es nur einsiehst... Ich werde dich an dieses Geständnis erinnern, wenn du mal wieder im Dunkeln tappst."

"Ich bitte darum." Ich fummelte in meinen Hosentaschen, zog das Kästchen heraus, das ich seit Tagen bei mir trug. "Und ich habe noch eine Bitte. Klaus und ich werden morgen Ringe tauschen. Würdest du den solange an dich nehmen? Nicht, dass ich ihn in der Aufregung noch verliere." Der Nachsatz war Verlegenheit pur.

Carola schnaubte. Sie streckte die Hand aus, und ich setzte das Kästchen auf ihre Handfläche. "Darf ich?" Ich nickte und sie klappte das Teil auf. Der Schein der Lampe ließ das Gold des Reifs glänzen. Carola nahm den Ring und sah sich die Inschrift an. "3. Juli 1997."

"Da bin ich Klaus zum erstenmal begegnet."

Sie legte das Schmuckstück zurück, schloss das Kästchen. "Wäre das nicht Eddies oder Chris' Aufgabe?"

"Wir haben uns abgesprochen, Klaus und ich. Eddie nimmt Klaus' Ring. Und du bist meine Partnerin, nicht Chris."

Carola stellte das Kästchen auf den Boden, setzte sich hin und schlang die Arme um ihre Beine. "Glaub bitte nicht, dass ich die Ehre nicht zu schätzen weiß. Oder dass ich es nicht gerne täte. Liebend gerne. Aber unter den Umständen..." Sie brach ab.

"Unter welchen Umständen?" Ich wusste, was kommen würde. "Komm, sag schon."

"Ich habe Chris gebeten, dass er sich für meine Versetzung einsetzt. Nächste Woche will ich den Antrag stellen. Ich weiß zwar nicht, wann es klappt oder ob es überhaupt was wird... Aber ich muss es versuchen. In der Abteilung will ich nicht bleiben, und die letzten Wochen mit Chris und Engin haben mir gezeigt, wie gut die Arbeit laufen kann." Sie nahm das Kästchen auf und hielt es mir hin. "Es tut mir leid, Mike. Ich wollte es dir nicht vor morgen sagen."

"Das kommt nicht überraschend. Jedes Mal, wenn ich mit Chris gesprochen habe, hat er mir von dir vorgeschwärmt. Und er hat bedauert, dass er dich nicht offiziell mit ins Boot nehmen kann. Zumal er und Engin noch nicht mal grünes Licht haben. Du brauchst mir nicht zu erklären, wie man sich in so einen Fall verbeißen kann. Mir ging es nicht anders."

"Trotzdem... Wie sieht denn das aus, wenn ich versetzt werden will, während mein Partner sich von einer Verletzung erholt, die er sich bei einem gemeinsamen Einsatz mit mir zugezogen hat?"

Irgendwie kamen mir ihre Worte bekannt vor. Erschreckend vertraut. "Mach nicht den gleichen Fehler wie ich. Ich habe viel zu lange gewartet, viel zu viele Chancen vertan. Und vor allen Dingen... Bitte keine Rücksichtnahme auf mich. Bis ich wieder im Spiel bin, dauert es bestimmt ein halbes Jahr. Und eine Sicherheit dafür gibt es auch nicht." Ich nahm ihre Hand, setzte das Kästchen darauf und schloss ihre Finger darum. "Was mich betrifft, bist du meine Partnerin und Freundin. Klar?"

"Klar, Mike." Sie verstaute das Kästchen in der Tasche ihrer Jeans. "Ich freue mich auf morgen."

"Nicht nur du." Ich zog mein Bein vom Stuhl und stand auf. "Jetzt sollten wir unsere Männer dahin befördern, wo sie hingehören. Ich habe mir sagen lassen, die Nacht vor der Hochzeit soll was ganz Besonderes sein."

"Herr Niemcek, ich bin entsetzt!"

"Und ich bin froh, dass ihr im oberen Stockwerk schlaft, während wir unser Zimmer hier unten haben."

 

***
 

5. April 2003

Ich drehte mich vor dem Spiegel hin und her. Alles saß perfekt und passte ausgezeichnet, aber ich war mir selbst fremd. Ich fühlte mich fremd. Ich hasste es, mich zu verkleiden; Anzüge trug ich sonst nur vor Gericht und so etwas... Edles hatte ich noch nie besessen. Und dass ich so was mal tragen würde, hatte ich nie gedacht.

Anfang der Woche war Eddie plötzlich bei uns aufgetaucht und hatte mich zu einer Boutique seines Vertrauens geschleift. Keine Stunde später hatte ich in einer hellgrauen Kombination dagestanden, war mir mit dem weißen Hemd und der Krawatte vorgekommen wie eine billige Imitation des Paten.

 

"Klaus hat dich auf mich gehetzt, stimmt's?"

"War doch wohl klar."

Der Verkäufer ging noch mal prüfend um mich herum und meinte dann zu Eddie, "Sagen Sie Ihrem Freund, dass er durchaus atmen darf, das hält der Anzug schon aus."

Ich funkelte den Mann an. "Sag du diesem Witzbold, dass wir immer noch einen anderen Laden heimsuchen können."

Der Verkäufer hatte den Kopf geschüttelt. "Kunden wie Sie sind froh, wenn sie's hinter sich haben."

Natürlich hatte er recht, und Eddie lachte, und ich schluckte alle meine Flüche herunter.

 

Wie jetzt auch. "Du fühlst dich wohl, Mike, du fühlst dich wohl, Mike, du bist absolut entspannt."

"Mit wem sprichst du denn da, Mike?" Ich wirbelte herum: Thorsten stand im Zimmer. Die Tür war nur angelehnt gewesen, und ich hatte nicht mitbekommen, wie er hereingekommen war.

"Thorsten! Was machst du denn hier?"

"Klaus hat mir gesagt, ich soll ihm was zu trinken holen. Und als ich zurückkam, war die Tür zu. Abgeschlossen. Ob Klaus krank ist? Er sah aus, als müsste er kot- sich übergeben. Ist er krank, Mike?"

Ich hätte mich auch einschließen sollen. Zu spät. Und ich glaubte nicht, dass Thorsten sich noch einmal reinlegen ließ. Außerdem sah der kleine Kerl wirklich besorgt aus. Ich humpelte zum Bett und setzte mich. Thorsten kletterte neben mich.

"Klaus ist nicht krank. Nur was nervös. Deine Mama hat dir doch erklärt, dass für Klaus und mich heute ein wichtiger Tag ist."

"Ja. Aber bisher ist nichts Wichtiges passiert. Es ist langweilig. Mama hat sich angemalt. Iris und Kati auch. Ich durfte nicht. Ich sollte ein Bilderbuch ansehen. Langweilig. Raus darf ich nicht. Weil ich mich schmutzig mache." Er stutzte und lehnte sich zurück, um mich genauer in Augenschein zu nehmen. "Warum trägst du Sachen von Klaus?"

Ich hielt meinen Seufzer zurück und war froh, dass Eddie das nicht gehört hatte. "Das ist mein eigener Anzug, Thorsten." Er sah mich zweifelnd an. "Wirklich, der gehört mir." Was tat ich hier eigentlich? "Willst du nicht nachsehen, was deine Mama macht?"

"Nö, die regt mich heute auf. Sie ist zappelig." Kein Wunder. "Ich bleib' hier und pass auf, dass du dich nicht schmutzig machst."

Na super. "Wo sind denn Chris und Eddie?"

"Keine Ahnung. Sie wollten mich nicht mitnehmen. Es ist ein Geheimnis."

Mir wurde heiß und kalt. Das hörte sich nicht gut an. "Sie haben dir nichts verraten?"

Thorsten schüttelte den Kopf und gähnte. Als er damit fertig war, hielt er sich die Hand vor den Mund. Ich musste grinsen. Das hatte ihm Klaus beigebracht. Das missratene Timing natürlich nicht. "Sie sind mit Katies Auto weg. Ob sie die andern Kinder holen?"

Es reichte, wenn sich einer Sorgen machte, was Chris und Eddie da wohl ausheckten. "Das wird's sein. Wir werden ja alle zusammen feiern."

Thorsten rutschte vom Bett runter. "Wie lange dauert das noch bis zum Feiern? Ich hab Hunger!"

"Ich denke, du kannst noch was essen."

"Ich soll mich doch nicht schmutzig machen." Für Thorsten war sonnenklar, dass diese beiden Phänomene untrennbar verbunden waren.

"Okay, ich komme mit." Das war vielleicht die beste Ablenkung. Ich schnappte mir meine Krücken, und wir machten uns auf den Weg in die Küche. Da waren noch genug Reste vom Frühstück im Kühlschrank. Auf dem Gang fing uns Carola ab.

"Wo wollt ihr denn noch hin? Wir müssen gleich los!"

Ich hatte keine Probleme damit, die Schuld auf Thorsten abzuwälzen. "Dein Sohn hat Hunger."

"Nach diesem Frühstück? Und außerdem sollst du dich doch nicht schmutzig machen!"

Thorsten warf mir einen Siehst du?-Blick zu und trollte sich zu Carola. "Mir ist langweilig."

"Hast du das Bilderbuch durch?" Damit zogen die beiden ab. Und ich machte mich auf den Weg zu dem Mann, der aussah, als müsste er kotzen.

Als ich an die Tür klopfte, kam ein entnervtes "Ich bin nicht krank, Thorsten."

Grinsend brüllte ich zurück. "Aber mir ist wirklich schlecht. Und wenn du nicht sofort aufschließt-"

Weiter kam ich nicht. Die Tür öffnete sich, und Klaus lugte heraus. "Komm rein!" Ich hüpfte ins Zimmer, die Tür schlug zu, und Klaus lehnte sich dagegen.

"Thorsten hat Recht. Du bist grün um die Nase." Ich sah ihn mir von oben bis unten an. Klaus sah definitiv nicht verkleidet aus. Dunkelblau stand ihm ungemein. "Aber sonst... lecker."

"Jetzt nicht, Mike. Hat sich Thorsten bei dir beschwert? Ich liebe den kleinen Mann, aber heute hat er mich den letzten Nerv gekostet."

"Einzelheiten?"

"Er hat mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen und mit Fragen gelöchert. Das ging noch. Dann hat er sich auf mein Hemd gesetzt, und ich hab's erst gemerkt, als es schon Knitter hatte. Im Bad hatte er sich an meinem Rasiermesser zu schaffen gemacht. Ich hab ihn gewarnt, dass es scharf ist, und ehe ich es versah, hat er es an der Krawatte ausprobiert. Da hab ich ihn angebrüllt."

"Er ist noch ganz, keine Sorge. Er macht sich eher Sorgen um dich."

"Hätte ich nicht gedacht, dass mir die Sache so nahe geht."

"Wir hätten durchbrennen sollen."

"Sollen wir?"

Es klang verlockend, aber in dem Moment hörten wir Motorengeräusch draußen. "Zu spät! Die ersten Gäste treffen ein. An Iris und Carola wären wir vielleicht vorbeigekommen..."

Wir gingen ans Fenster. Und trauten unseren Augen nicht.

"Ein Oldtimer!" Wir waren uns einstimmig einig.

Fahrer und Beifahrertür öffneten sich gleichzeitig. Eddie ging um den Wagen herum, wienerte mit dem Ärmel seines Anzugs auf der Motorhaube herum. Chris sah ihm kopfschüttelnd zu. Klaus öffnete das Fenster, und bei dem Geräusch sahen Eddie und Chris zu uns hoch.

Ich konnte es mir nicht verkneifen. "Herr Sänger, Sie sehen aus, als würde Ihr Lebenstraum in Erfüllung gehen."

Eddie steckte die Begeisterung wohl in der Kehle, denn Chris war schneller. "Seid ihr nur froh, dass sich zwei Freunde gefunden haben, die euch sicher in den Hafen der Ehe fahren." Er stieß Eddie an, und gemeinsam überprüften sie die Dekoration, die den Wagen zur Hochzeitskutsche machte.

"Jetzt gibt es kein Zurück mehr." Ich schluckte mal wieder einen Kloß hinunter. Dann legte Klaus seinen Arm um meine Schultern, und ich gab meinen weichen Knien etwas nach.

"Das ist mir schon lange klar, Mike."

 

***
 

Eddie half mir in den Wagen. Ich hatte das Gefühl, er machte sich mehr Sorgen um das Wohlbefinden des Wagens als um das meine. "Dass du das Teil fahren kannst! Zittern dir nicht die Knie vor Ehrfurcht?"

"Geht inzwischen. Inzwischen habe ich das Stadium flach atmen erreicht."

"Ich will gar nicht wissen, was euch das kostet. Mann, ihr seid verrückt."

"Es muss heißen: 'Die spinnen, die Norweger.' Per hat das Teil organisiert."

Kopfschüttelnd lehnte ich mich zurück, atmete den Geruch des Leders genüßlich ein. So könnte ich in alle Ewigkeit dasitzen. Allmählich begriff ich Eddies Faszination für diese Schlitten. Chris öffnete die andere Tür, und Klaus, Carola und Iris stiegen ein, die Frauen uns Männern gegenüber, mit dem Rücken zu den Fahrern. Thorsten kletterte auf Klaus' Schoß."

Iris und Carola grinsten um die Wette. Klaus lehnte sich zu mir rüber. "Ist das nicht ein bisschen too much?"

Iris war schneller als ich. "Ich habe mir halt geschworen, wenn einer meiner Jungs heiratet, wird es Stil haben."

"Und ich dachte, es war Pers Idee", kam es etwas bissig von den vorderen Sitzen, auf denen mittlerweile Chris und Eddie saßen.

"Er die Ausführung, ich die Inspiration." Von Chris kam daraufhin nur ein Stöhnen; ich bin sicher, er überdachte seine Beziehung mit Eddie noch mal gründlich.

 

Von der Fahrt bekam ich nicht mehr viel mit. Der Duft der Blumensträuße, die Carola und Iris in den Händen hielten, stieg mir in die Nase, ich sah in Carolas und Iris strahlende Gesichter, spürte, wie Klaus meine Hand suchte und fand. Kein Zurück.

Die kleine Kapelle war ähnlich wie der Wagen mit Blumen und Stoffbändchen geschmückt. Die Eingangstür stand weit offen, und das Innere war sanft erleuchtet von dem Sonnenlicht, das durch die Fenster drang. Draußen stand Katis Clan, und Thorsten war als erster aus dem Wagen, verschwand in der Horde. Klaus beeilte sich ebenfalls auszusteigen, kam zu mir herum und half mir raus, reichte mir die Krücken. Hochzeit mit Schönheitsfehlern. Unwichtig.

Es war außergewöhnlich mild für April, aber wohl typisch für diese Insel am Golfstrom. Und wir hatten das Glück, dass es beständig war und keine Regenwolke in Sicht. Neben der Kapelle war ein Pavillon aufgebaut, für die Feier danach. Iris hatte an alles gedacht.

Als wir hineingingen, Klaus und ich voran, die anderen hinter uns, schienen zehn Pers um uns herum zu sein und Fotos zu schießen. Am Altar, der eine wahre Blumeninsel zu sein schien, warteten wir, bis alle ihren Platz gefunden hatten. Ich stellte meine Krücken ab, lehnte sie gegen den Altar hinter uns. Nach ein paar Minuten wurde es ruhig. Und plötzlich wusste ich nicht mehr weiter. Bis hierhin war alles von selbst gegangen, aber jetzt?

Und dann kam Iris nach vorn, legte ihre Arme auf Klaus' und meinen Rücken. "Meine lieben Freunde. Ich bin stolz und glücklich, dass ihr euch zu diesem Schritt entschlossen habt." Sie machte eine Pause und dann hörte ich Katis Stimme. Sie übersetzte natürlich für ihre Familie. "Es hat ein Weile gedauert, mehr als fünf Jahre, aber das kann ja nur bedeuten, dass ihr alle Krisen schon durch habt." Pause. Übersetzung. Leises Kichern von Katis Töchtern und Schwiegertöchtern. "Danke, dass ihr diesen Tag mit uns teilt."

Sie drückte Küsse auf unsere Wangen und setzte sich auf ihren Platz zwischen Chris und Eddie.

Klaus räusperte sich. Räusperte sich noch mal. "Carola, Eddie. Kommt ihr bitte nach vorn?"

Als Carola neben mir stand und Eddie neben Klaus, setzte er zum Weitersprechen an, aber ich legte ihm einen Finger auf die Lippen. "Bitte, lass mich." Er zögerte, sah mich fragend an. "Klaus, bitte?" Schließlich nickte er.

Ich nahm auch seine andere Hand. "Danke." Dann blickte ich zu den anderen. Es war so still, nicht mal die kleinsten Kinder gaben einen Laut von sich. "Danke euch allen. Dafür dass ihr jetzt bei uns seid." Ich wartete, und Kati übersetzte. "Die letzten Monate waren nicht einfach für mich. Ich habe sie mir noch schwerer gemacht. Und anderen auch. Vor allem Klaus. Und in einem der dunkelsten Momente hat er mich gebeten, ihn zu heiraten. Ich hatte Angst und gleichzeitig begriff ich, dass es auf seine Frage nur eine Antwort gab. Angst habe ich immer noch, aber wenn Klaus so verrückt ist... Dann darf ich nicht feige sein." Immer wieder machte ich Pause, damit Kati übersetzen konnte.

"Dass ihr alle hier bei uns seid, macht es unvergesslich" Ich drehte mich wieder zu Klaus. "Dass du hier bist, macht es erst möglich. Klaus, Lieber, ich verspreche dir..." Diese Pause war nicht geplant, nicht dazu gedacht, dass Kati meine Worte weitergeben konnte. Mir stockte einfach der Atem, als ich ihn ansah. Kein Zurück, Mike. "Ich, Michael Tobias Niemcek, verspreche dir, Klaus Täuber, Liebe und Treue bis zum Ende meiner Tage und darüber hinaus. Bis... Bis in alle Ewigkeit."

Klaus nickte. "Ich, Klaus Täuber, verspreche dir, Michael Tobias Niemcek, Liebe und Treue bis in alle Ewigkeit." Er wandte sich um und nahm den Ring, den Eddie ihm auf seiner ausgestreckten Hand hinhielt. Er schob mir den Ring auf den Finger. "In guten wie in schlechten Tagen", flüsterte er mir ins Ohr.

Carola legte mir den anderen Ring auf die Handfläche. Ich starrte ihn für ein paar Sekunden an, bis sie mir einen leichten Stups gab. Ich schob Klaus den Ring auf den Finger. Mir waren endgültig die Worte ausgegangen.

Als Klaus und ich uns einfach nur anstarrten, kam es lautstark von Chris. "Mann, willst du die Braut nicht endlich küssen?"

Bevor wir nur einen Muskel rühren konnten, fragte Thorsten: "Wer is'n die Braut?"

Ich wusste es auch nicht, aber ich wusste, wen ich jetzt küssen durfte. Wollte. Musste.

 
Ende

 
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