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Storm Front© by Sam23 ()
Donner. Ein lautes, brummendes und gleichzeitig sanftes Grollen, das durch den Regen und die Wolken, über die Fahrzeuge und die Menschen um sie herum direkt in ihrer Seele rollt. Sie schließt die Augen und hebt ihr Gesicht dem Himmel entgegen, als der kalte Regen ihre brennende Haut trifft. Sie steht einfach nur da, im Auge des Hurrikans aus schreienden, rennenden Menschen, und lässt das Wasser das Blut von ihrer Stirn und ihrem Gesicht waschen. Jeder Regentropfen fühlt sich an wie eine Nadel, die durch ihre Haut sticht und sich tief ins Fleisch bohrt. Aber sie erträgt den Schmerz, heißt ihn sogar willkommen und hofft, dass der Regen mit der Pein nicht nur das getrocknete Blut und die Tränen, sondern auch ihr Schuld hinfort spült. Denn sie hat sich schuldig gemacht. Vieler Dinge. Zu vieler Dinge. Selbst durch ihre geschlossenen Augen kann sie das helle Licht sehen, als der nächste Blitz auf die Erde rast. Natürlich weiß sie, dass er sie niemals treffen wird, da es einige wesentlich vielversprechendere Zielobjekte in der Nähe gibt, aber für einen Moment wünscht sie sich, dass der Blitz sie dennoch als Zielpunkt wählt. Tod durch Naturgewalt. Dieses Urteil könnte sie ohne Widerstand akzeptieren. Aber der Donner, der dem zornigen Blitz aus dem Himmel einige Sekunden später folgt, macht ihr klar, dass der Sturm sich bereits von ihr fort bewegt. Alles eine Frage der Perspektive, denkt sie.
Eine Bewegung erregt ihre Aufmerksamkeit, aber das erste Mal seit vielen Jahren beschließt sie weder zu agieren noch zu reagieren, sondern verhält sich einfach still, obwohl sie ahnt, dass die Bewegung von einem der Agenten verursacht wurde, der hier ist, um sie zu verhaften. Aber statt dem Klicken der Handschellen, hört sie ein benahe genauso vertrautes Geräusch. Ein tiefes Seufzen. Sie öffnet die Augen und blickt in sein zerstörtes Gesicht. Er sieht genauso schrecklich aus wie sie, ein Auge komplett zugeschwollen, die Haut rund herum bereits dunkel, ein tiefer Schnitt auf seiner Stirn, Kratzer und Blessuren verteilt über sein Gesicht und dunkle Flecken auf seinem ohnehin schon dunklen Hemd. Er sieht sie an, seine Ausdruck neutral, aber nicht leer. Sie erwidert den Blick, aber weiß nicht, was sie sagen soll. Worte können den Schaden, den sie seiner Seele über Jahre hinweg zugefügt hat, nicht wieder gut machen. Also sagt sie nichts und wartet einfach. Wartet darauf, das Urteil von ihm zu erfahren, darauf, dass er ihr sagt, dass sie unter Arrest steht und den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen wird. Und so seltsam es ihr auch schein, sie ist gewillt alles zu akzeptieren. Hilf die Welt zu retten und dir wird die Todesstrafe erspart. Das war der Deal. Und sie wird sich daran halten, vor allem wegen ihren Tochter. Das ist es zumindest, was sie sich selbst einzureden versucht. Um sie herum herrscht weiterhin hektische Bewegung und Geschrei, ab und an dringt Gewehrfeuer durch das Chaos, aber es ist zufällig und beginnt zu verklingen, wie die letzten Noten eines dramatischen Liedes. Es ist nicht vorbei bis die fette Dame singt. Nun in ihrem Fall war es ein Mann gewesen und er hatte geschrieen und nicht gesungen als das Ende kam, aber das Resultat war das gleiche. Es war vorbei.
Alles, was nun zu tun war, alles, was die Agenten und Soldaten nun taten, war das Theater aufzuräumen, nachdem das Publikum nach Hause gegangen war. Der Teil von ihr, der immer in Alarmbereitschaft ist, bemerkt, dass instinktiv jeder einen Bogen um sie macht, ihnen eine ruhige Insel auf dem Schlachtfeld schafft. Sie sieht ihn an und in seine tiefen, ruhigen Augen. Er scheint alles unter Kontrolle zu haben, aber sie sieht, dass seine Hände und Knie leicht zittern. "Ist alles okay?", fragt sie besorgt. Ihre Stimme, die sie seit über einer halben Stunde nicht benutzt hatte, klingt fremd in ihren Ohren. Sie erwartet, dass er über ihre Frage lacht oder zornig ist, erwartet eine scharfe Antwort, ein Zischen, dass sie kein Recht hat, ihm diese Frage zu stellen. Aber vor allem erwartet sie, dass er sich umdreht und geht. Aber er tut nichts dergleichen. Stattdessen zuckt er nur mit den Schultern, eine Geste, die seltsam relaxed aussieht für einen normalerweise so angespannten Mann wie ihn, aber trotzdem familiär und charmant wirkt. "Bist du es?" Sie unterdrückt den Zwang die Augen zu schließen, als sie seine sanfte Stimme hört, kämpft gegen den Drang an, den Tränen, die sich über Jahre aufgestaut hatten, freien Lauf zu lassen, kann aber nicht verhindern, dass sich ihre Mundwinkeln in einem traurigen Lächeln nach oben bewegen. "Das ist nichts", sagt sie und das Lächeln auf ihrem Gesicht spiegelt sich plötzlich in ihrem. Er nickt. "Ich denke wir haben schlimmeres durchgemacht", stimmt er zu und seine Augen verdunkeln sich für einen Moment, als Erinnerungen seine Seele fluten, Erinnerungen, wachgerufen durch die Ereignisse der letzten Tage und ihre Anwesenheit. Auch ihre Augen verdunkeln sich, aber sie weiß, dass er mehr als nur Schmerz sehen wird, wenn er sie wieder ansieht. Er wird etwas sehen, dass sie noch nie jemanden so deutlich hat sehen lassen. Angst. Nach ein paar Sekunden senkt sie den Blick in Scham und Verzweiflung, wütend auf sich selbst, dass sie ihm nicht all die Dinge einfach sagen kann, auf die er ein Recht hat. Eine Hand berührt ihr Kinn und hebt ihren Kopf, sanft und langsam und sie folgt seiner Führung ohne Widerstand, bis sie ihm wieder in die Augen sieht. Der neutrale Ausdruck ist noch immer da. "Einer deiner Freunde sagte mir eins, dass ich ein Narr sei", sagt er mit einem Seufzen. "Wenn ich ehrlich bin, haben das mehr als nur ein paar Personen in den letzten Jahren getan." Die Hand, die unter ihrem Kinn liegt, wandert auf ihre linke Schulter. "Weißt du...." Er hebt den Kopf, blickt in den Himmel, für einen Moment abgelenkt vom Regen, der jede Sekunde stärker wird. Er sieht sie wieder an, sein Gesicht bedeckt mit Regen, Blut und Erschöpfung, sein Haar dunkel von Dreck und Regen, sein Hemd zerrissen und voller Blut und trotz allem nimmt ihr sein Anblick den Atem. Seine nächsten Worte bringen ihr Herz zum stehen. "Sie hatten Recht." Donner grollt durch die angehende Nacht und kündigt die Rückkehr des Sturms an. Zeitgleich und ohne zu wissen, welchen Dienst er ihr erfüllt, verdeckt er das Geräusch ihres brechenden Herzens. Alles vorbei, also. Aber was hatte sie erwartet? Nach allem was sie getan hatte? Nach allem was passiert war? Selbst wenn er alles wusste, selbst wenn sie ihm alles über das warum, wieso und weshalb sagen konnte, selbst wenn sie ihm sagen konnte, dass .... "...Es tut mir Leid." Die Worte sind leise, nicht mehr als ein Flüstern und für einen Moment ist sie nicht sicher, ob sie sie wirklich laut ausgesprochen hat. Ihre Augen wandern auf den Boden, in den Dreck und Schlamm, der den größten Teil ihres Lebens ausgemacht hat. Vielleicht sogar ihre Seele bedeckt. Die Hand löst sich von der Schulter und sie schließt die Augen, versucht im Geiste seine Berührung festzuhalten, wissend, dass dies sicher die letzte war, die sie teilten. Sie beginnt zu weinen. Leise, nicht in der Lage die Tränen noch länger zurückzuhalten, aber hoffend, dass die Tränen Deckung unter den Regentropfen finden. Eine Sekunde später weiß sie, dass der Regen nicht ausreicht, die Tränen zu verstecken, als sanfte Hände über ihre Wangen streichen und die Feuchtigkeit wegwischen. Arme schlingen sich um ihren plötzlich zitternden Körper und ziehen sie an eine breite Brust. Ein schmerzvolles Schluchzen entschlüpft ihrer Kehle, endlich befreit von Jahren der Haft. Die Arme schließen sich fester um sie und sie spürt, wie sie sich an sein nasses Hemd klammert, ihren Kopf an seiner Brust vergräbt, so als wolle sie nie wieder loslassen. Sie spürt, dass sein Körper plötzlich genauso stark zittert wie der ihre. Sie lässt sein Hemd los und schlingt die Arme um seinen Hals. "Es tut mir so leid, es tut mir so leid, es tut mir so leid" schluchzt sie und hört plötzlich tieferes ein Echo ihrer Worte. Nach einer Weile spürt sie, wie seine Arme langsam loslassen, seine Hände nach ihren Schultern greifen und sie sanft ein Stück wegschieben. Sie hat Angst, in seine Augen zu sehen, weiß jedoch, dass es ihm genauso geht. Dies war möglicherweise die größte Herausforderung ihres Lebens und sie würde nicht davor zurückschrecken. Also sieht sie ihn an und da sie als erstes von ihnen aufsieht, fängt ihren Blick die letzten Tränen ein, die er sich aus dem Gesicht wischt. Er atmet tief ein, teilt ihren Blick und sagt. "Was ich versucht habe zu sagen ist: Sie hatten Recht damit, dass ich ein Narr war. Aber ich sehe das so: Lieber bin ich ein glücklicher Narr als ein bitterer alter Mann." Sie legt den Kopf schief, traut ihrer Interpretation seiner Worte nicht wirklich. "Was genau willst du damit sagen?", fragt sie vorsichtig. Er sieht sie an, sein Blick ein letztes Mal ernst und voller Schmerz, bevor die Pein der Erinnerung endgültig aus seiner Seele und seinen Augen verschwindet. "Was ich damit sagen will, ist, dass wir einen neuen Toaster brauchen." Er lehnt sich vor und küsst ihre Stirn, während sie die Augen schließt. Momente später wird der Klang des Regens durch das leise Murmeln kleiner Regenbäche abgelöst, die Regen, Blut und Dreck hinwegspülen.
Einige Stunden später blickt sie in den klaren Nachthimmel. Sie ist ausgeruht, ihre Wunden versorgt und sie spürt sanfte Hände, die sich langsam um ihre Taille schlingen. Irina Bristow lächelt. Es gab noch viele Hindernisse, die sie überwinden mussten, aber der Sturm, in dem sie so lange Jahre gefangen waren, war nun endlich vorbei.
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