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2004© by Sam23 ()
Der Cursor blinkte ungeduldig auf dem hellen Bildschirm. Natürlich wusste Major Samantha Carter besser als jeder andere, dass kein Cursor der Welt ungeduldig blinken konnte. Der dünne schwarze Balken vor ihren Augen war Teil des Computers und nicht wirklich zu einer emotionalen Regung fähig. Ebenso wusste Sam, dass sich weder die Blinkfrequenz ohne fremdes Zutun erhöhen konnte, noch dass sich in dem Blinken eine Botschaft verbergen konnte. Und trotzdem: Der Cursor blinkte ungeduldig und erklärte ihr, dass sie sich gefälligst beeilen sollte, denn die Party wäre bereits in vollem Gange und er habe keine Lust den Rest des Abends die Abwehr des gut aussehenden, aber äußerst aufdringlichen Colonel Hoffer allein zu bestreiten. Bevor sie ihn aufhalten konnte, schoss Sam der bizarre Gedanke durch den Kopf, dass der Cursor mit Sicherheit nicht auf die Party eingeladen war. Sie schloss die Augen, wartete, bis der Anfall von geistiger Umnachtung beendet war und drehte sich dann zu Janet Fraiser um - der wahren und einzig logischen Quelle der Botschaft. "Hey, Janet." "Hey, Janet? Sam, es ist bereits nach elf, wie lange willst du dich hier noch verkriechen?" "Ich verkrieche mich nicht", wehrte Sam ab und klickte gleichzeitig das Fenster ihres Textverarbeitungsprogramms vom Monitor. Janet zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. "Sam, wo nichts ist, kann man auch nichts unbefugt lesen." "Huh?" Die geistige Umnachtung war wohl noch nicht vorbei. Wenn Sam Carter es sich recht überlegte, befand sie sich eigentlich bereits seit heute Morgen in diesem Zustand und langsam dämmerte ihr, dass sie ihn wohl oder übel ins neue Jahr mitnehmen würde. Es war eigentlich nicht ihre Art so... planlos zu sein. Ganz und gar nicht. "Du hattest noch gar nichts geschrieben", erklärte Janet und wedelte mit der Hand in Richtung Computerbildschirm. Sam setzte an zu erwidern, dass sie keineswegs versucht hatte, etwas vor Janet zu verbergen, beschloss jedoch, dass es taktisch wohl klüger war, einfach das Thema zu wechseln. "Wie ist die Party?" Janet legte den Kopf schief. "Nett, wirklich nett, aber auch *etwas* anstrengend." Sam nickte. "Hoffer." Janet warf die Hände in die Luft. "Versteh mich nicht falsch, der Mann ist wirklich gutaussehend und sicher nett, aber meine Güte, den hält nicht mal ein Flugzeugträger auf, wenn er in den Flirt-Modus schaltet." Sam grinste. "Ein Flugzeugträger nicht. Aber vielleicht General Hammond??" Janets Kopf neigte sich bedenklich weit zur Seite und Sam stellte mit einer gewissen gutmütigen Schadenfreude fest, dass sie heute nicht die Einzige war, die heute Schwierigkeiten mit dem Denken hatte. Schließlich grinste Janet. "Wenn das mal keine Idee ist: Ich schnapp mir einfach unseren guten General, trink in aller Ruhe ein Glas Wein mit ihm, walze mit ihm ein, zwei Runden über das Parkett und schon ist das Colonel-Problem gelöst." Sam wollte sich wieder ihrem Computer zuwenden, doch Janet hielt sie mit einem Griff an die Schulter davon ab, die Bewegung zu Ende zu führen. "Aber das andere Problem haben wir noch nicht gelöst." "Und das wäre?" "Warum du dich hier verkriechst und wie ich dich hier raus und auf die Party kriege." "Das ist eigentlich relativ einfach, Janet: Lass mich kurz allein, damit ich diese Sache hier beenden kann und ich bin spätestens in zehn Minuten drüben in der Kantine. Versprochen." Janet Fraiser beäugte ihre Freundin skeptisch, schmetterte den Vorschlag jedoch nicht ab, sondern drehte sich schließlich um und verließ den Raum. Als die Ärztin die Tür öffnete und hindurch trat, konnte Sam gedämpft Lachen, Singen und das Klirren von Gläsern hören, das aus dem Korridor für wenige Momente in das Zimmer drang. Sam grinste. Wenn man den Lärm bis hierher hören konnte, musste es eine verdammt gute Party sein. Für einen Moment war sie versucht aufzustehen und hinter Janet herzulaufen, doch dann verschwand das Grinsen aus ihrem Gesicht und sie wandte sich mit einem nachdenklichen Ausdruck wieder dem Bildschirm zu. Sie starrte auf den schwarzen Bildschirmhintergrund, auf dem in der Mitte das SGC-Logo prangte. Ihre Hand wanderte zur Maus und sie wollte die Textverarbeitung wieder aufrufen, doch etwas ließ sie zögern.
Heute Morgen war sie sich ihrer Sache noch so sicher gewesen. Es war das Richtige und es musste getan werden. Wenn ihr dieses Jahr etwas bewiesen hatte, dann das. Dieses Jahr. Dieses Jahr, das in weniger als einer Stunde vorbei sein würde. Das Jahr ohne Daniel. Das Jahr, das abgesehen davon, wie alle anderen Jahre davor gewesen war. Sam hatte gelitten, sie hatte gelacht, sie hatte geweint, sie hatte verloren und gewonnen - und war wieder nicht Angeln gewesen. Ein Jahr wie jedes andere, seit sie ihren Dienst bei der SGC angetreten hatte. Und genau das war die Frage. Wenn nun dieses Jahr - 2003 - nicht anders als alle anderen Jahre gewesen war, warum saß sie dann hier an ihrem Computer und war entschlossen diese Zeilen zu schreiben? Wenn dieses Jahr - 2003 - ein ganz normales Jahr gewesen war, warum nahm sie nun die Bürde dieser Zeilen und ihrer Konsequenzen auf sich? Warum stand sie nicht einfach auf, loggte sich aus dem System aus und ging zu ihren Freunden, um 2004 willkommen zu heißen und sich gegenseitig klar zu machen, das 2004 ein besseres Jahr werden würde. Dass sie den Kampf gegen die Goa'uld gewinnen würden. Dass 2004 mehr Lachen als Weinen und mehr Frede als Leid bereithalten würde. Warum? Der blinkende Cursor konnte ihr keine Antwort geben, aber die Tatsache, dass sie völlig unbewusst im Zuge dieser Überlegungen nun doch das Schreibprogramm aufgerufen hatte, sagte ihr deutlich, wie ihr Unterbewusstsein darüber dachte. Sams Finger schwebten über der Tastatur und sie atmete tief ein. Vielleicht war ja genau das der Grund. Eben *weil* 2003 so gewesen war, wie all die Jahre davor. Weil sie wieder gelitten hatte, verletzt worden war, allein geblieben war und Menschen verloren hatte, die ihr lieb waren. Unwillkürlich drehte sie sich um und blickte an die Stelle, an der Janet wenige Minuten vorher gestanden hatte. Was wenn 2004 wirklich wie jedes andere Jahr werden würde? Wen würde sie dann verlieren? Wer würde dann leiden? Was würden sie dann für Katastrophen und Kämpfe ausstehen müssen? Und direkt daran schloss sich die wichtigste Frage überhaupt an: Würde sie, Samantha Carter, dieses neue Jahr überleben? Würde sie genug Kraft und Ausdauer haben, würde sie genug Willensstärke und Intelligenz und vor allem genug Glück haben 2005 noch zu erleben? Diese Frage und die statistisch in wenigen Sekunden errechnete Wahrscheinlichkeit waren genug, um die Finger, die über der Tastatur schwebten in Bewegung zu setzen. Sam tippte langsam und überlegte sich jeden Buchstaben, jedes Wort genau. Niemals hatte sie gedacht, dass Sie diese Worte schreiben würde, denn sie war stets der Meinung gewesen, dass es - gegen alle Vernunft - Unglück brachte, in ihrem Alter Vorkehrungen dieser Art zu treffen. Militärdienst hin oder her. "Ich, Major Samantha Carter im Vollbesitz..."
Ein leises Quietschen und das Murmeln der Brandung aus Lachen und Lauten ließ sie aufblicken. "Hey, Carter, der Doc schickt mich, sie meinte, ich solle gefälligst meinen Charme und besonders meinen Rang spielen lassen, um Sie vom Computer wegzulocken." "Hallo, Sir." Jack O'Neill trat weiter in den Raum hinein, blieb jedoch anders als Janet wenigen Minuten vorher in weiterem Abstand zu Sam und ihrem Computer stehen. "Was machen Sie da?", fragte er. Sam lächelte kurz und schüttelte den Kopf. "Ist nicht wichtig." Sie wusste, dass er von da, wo er stand, keinesfalls den Bildschirm sehen konnte und dennoch schlug ihr Herz schneller. Ausgerechnet ihn musste Janet schicken, sie von hier wegzuholen! Ausgerechnet ihn, die Person, von der sie als letztes wollte, das er das, was sie gerade schrieb zu sehen bekam. Jack O'Neill musterte sie einige Sekunden durchgehend und Sam widerstand der Versuchung ein fröhliches Lächeln aufzusetzen, da sie genau wusste, das er es sofort durchschauen würde. Jack stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte über sie hinweg auf den Monitor zu schielen. "So, nicht wichtig?" Betont langsam, so gleichgültig und ruhig, wie es ihr nur möglich war, drehte Sam den Bildschirm zur Seite und sich selbst zu ihrem vorgesetzten Offizier um. "Nein, nicht wirklich wichtig, aber ich habe es lange genug vor mir hergeschoben und denke, das es ... nötig ist." "Um ..." Jack blickte auf seine Uhr. "... 10 Minuten vor Mitternacht am 31. Dezember? Carter, ich bin auch kein wirklicher Party-Löwe, aber in der Kantine ist die Stimmung wirklich gut und Sie würden sicher nicht verpassen wollen, wie der Doc Colonel Hoffer zusammenfaltet und im nächsten Glas Sekt versenkt." "So schlimm?", fragte Sam und das Lächeln, das sich nun in ihr Gesicht stahl war echt. "Na ja, nicht für den Doc, aber ich fürchte Hoffer wird sich heute Abend noch so richtig blamieren", antwortete O'Neill in einem Plauderton, den Sam bei ihm selten hörte. Sie legte den Kopf schief und sah ihn an, während er davon erzählte, wie der Kampf der Giganten - Marines gegen Mediziner - bisher verlaufen war. In seinen braunen Augen war dieses schelmische Funkeln, das sie stets zum Lachen brachte. Sein Gesicht war leicht gerötet und seine Mundwinkel tendierten selbst beim Sprechen nach oben. Seine Hände waren nicht in seinen Hosentaschen vergraben, sondern ruhten an seinen Seiten - abgesehen von den Momenten, in denen er Colonel Hoffer oder Janet imitierte. Sam kam zu dem Schluss, dass Colonel Jack O'Neill - bekennender Partymuffel und Small-Talk-Hasser - an diesem Abend wirklich Spaß hatte. Und hatte nicht er von allen anderen Menschen hier, den meisten Grund mit dem vergangenen Jahr zu hadern? Hatte nicht er genauso viel, wenn nicht mehr verloren als sie? Und trotzdem stand er vor ihr und erzählte ihr von Colonel Hoffer und der Jagd nach einem 24-Uhr-Kuss-Opfer. Sams Augen wanderten zurück zum Bildschirm und dem, was darauf geschrieben stand. "Ehrlich, Carter, Sie wissen nicht, was Sie verpassen." Sam wandte sich wieder um. "Klingt nach Spaß, Sir." "Das klingt nicht nur so, Carter, das *ist* so. Na kommen Sie schon, wir haben nur noch ein paar Minuten Zeit, bevor der Ball fällt." Sam schmunzelte. "Sir, wir befinden uns hier in einer anderen Zeitzone, in New York ..." "Ja, ja, was auch immer. Sagen wir einfach, in wenigen Sekunden leuchten die Chevrons, okay?" "Das tun sie nur, wenn ..." O'Neill stieß ein verzweifeltes Stöhnen auf und raufte sich die Haare. "Caaaaartter!" Sam grinste breit. "Ja, Sir?" "Sie legen es tatsächlich darauf an, mich noch in den wenigen Minuten, die 2003 bleiben, in den Wahnsinn zu treiben, oder?" "Nein, Sir, aber es wäre ein guter Vorsatz für das neue Jahr." Sam zuckte zusammen, hatte sie das eben wirklich gesagt. Innerlich nickte sie. Natürlich hatte sie das gesagt. Geistige Umnachtung. Hatten wir ja schon vorhin festgestellt. O'Neill grinste breit und trat nun doch einen Schritt näher. Sam, in der Hoffnung, damit seine Sicht auf den Bildschirm auf jeden Fall zu blockieren (sicher war sicher) stand auf und ging ihrerseits einen Schritt auf ihn zu. "Ist das eine Drohung, Major?", fragte O'Neill mit einem breiten Grinsen. "Kommt darauf an, Sir." O'Neills Augenbrauen schossen nach oben. "Oh, worauf , Major?" "Darauf, ob Sie mir einen Grund dafür geben, Sir." "Und was bitte, wäre so ein Grund, Major?" "Hm, mal sehen. Mit den Jungs einfach abzuhauen, während ich in irgendwelchen muffigen Kleidern herumlaufen muss." "Das ist doch Jahre her!", protestierte O'Neill. "Mir meinen Notfall-Schokoriegel aus der Jacke klauen." "Das war Teal'c, ich schwöre." "Das Gerücht nicht zu dementieren, ich hätte etwas mit Jonas." "Wie? Was für ein Gerücht? Das ist mir neu...." Der unschuldige Blick, der Sams Augen traf, war beinahe überzeugend. Aber nur beinahe. "Wetten über meine Freizeitgestaltung abzuschließen." "Und ich sage es wieder: Wir haben wegen Curling gewettet!" "Mich nicht zum Angeln einzuladen..." Jack war bereits dabei zu antworten, als er plötzlich verwirrt stutzte. "Moment, Sie wären mir böse, wenn ich Sie *nicht* zum Angeln einladen würde?" Sam ohrfeigte sich innerlich. Umnachtung. Mehr als nur geistig. Die Verwirrung wandelte sich in das breiteste Grinsen, das sie in seinem Gesicht seit langer Zeit gesehen hatte. "Dann, Major, werden wir keine Probleme haben und uns 2004 prächtig verstehen." Jack blickte wieder auf die Uhr. "Immer vorausgesetzt, wir setzen uns jetzt endlich in Bewegung, sonst verpassen wir das neue Jahr *und* die Party." Sekundenlang herrschte Stille, während sie sich nur ansahen. Der eine bittend, die andere zögernd. Sam sah ihn an, wie er dastand, ungeduldig wie ein kleines Kind, wohl wissend, dass er nach allem, was er durchgemacht hatte in diesem Jahr jedes Recht gehabt hätte, sich wie ein alter, gebeugter Mann zu fühlen. Aber er tat es nicht. Er gab nicht auf. Er gab niemals auf. Und plötzlich, während sie ihn ansah, wurde ihr klar, dass ein Jahr wie jedes andere vielleicht nicht das schlechteste sein würde. Ein Jahr wie jedes andere. Ein Jahr mit Jack O'Neill an ihrer Seite. Ein Jahr, das wieder damit enden würde, dass sie es gemeinsam verbrachten. So, wie es sein sollte. "Worauf warten wir, Sir?" Das Quengeln verschwand und machte einer unverhohlenen Begeisterung Platz. "Auf den Countdown, die guten Wünsche, was zu trinken, Auld Lang Syne und den Moment, in dem Hoffer versucht Doc Fraiser zu küssen und den Moment danach, in dem er merkt, das er bis zu den Schultern in der Bowle hängt." Mit einem befreiten Lachen, drehte Sam sich um, trat einen Schritt auf den PC zu und drückte erst STRG A und dann ENTF, ehe sie dem Colonel in Richtung Tür folgte. Als sie die Tür erreicht hatten, schob O'Neill sie sanft vor sich hinaus in den Korridor und flüsterte dabei. "Und nicht zu vergessen, den Moment, in dem wir alle nur neue Menschen in einem neuen Jahr sind und die Vorschriften noch die Aufschrift 2003 tragen." Und während er dies sagte und sie an sich vorbeischob, hätte Sam schwören können, für einen kurzen Moment seine Lippen auf ihrer Wange spüren zu können.
Jack O'Neill schaltete das Licht aus und zog mit einem entschlossenen Ruck die Tür zu. Im Labor zurück blieben Stille und Dunkelheit, unterbrochen nur von dem Summen eines Computers und dem ungeduldigen Blinken eines Cursors, der vergebens darauf wartete, über den Bildschirm bewegt zu werden.
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