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Schlaflos© by Tatjana ()
André lauschte den ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen, während er gedankenverloren in die Dunkelheit starrte. Sacht streichelte er die nackte Haut und genoß die Schwere von Ceals Körper, der sich an seinen schmiegte. An Schlaf war gar nicht zu denken...
Ceal reagierte mit einem unwilligen Grunzen, als es an der Tür schellte und nur widerwillig ging sie, um zu öffnen. "Guten Abend, Miß Morgan." "Was wollen Sie denn hier?" Die Begrüßung war alles andere als herzlich und die Beobachterin sah nicht aus, als wollte sie den Besucher hereinbitten, so, wie sie in der Tür stand. Dabei sah sie niedlich aus: eine Art Jogginghose in hellem Grau mit pinkfarbenen Zierstreifen an der Seite, ein weißes T-Shirt und umgekrempelte Socken. Es sah ganz so aus, als erwartete sie heute keinen Besuch mehr. Statt beleidigt zu sein von der schroffen Art der Amerikanerin lächelte Korda und zog aus der Innentasche seines Jacketts eine Flasche Rotwein. "Ihre neue Wohnung einweihen." Als Ceal weiterhin zögerte, machte André ein verschmitztes Gesicht. "Wenn Sie mich nicht freiwillig reinlassen, gehe ich zu Ihrer Mutter!" drohte er scherzhaft. "Stiefmutter." Diese Verbesserung kam automatisch, ohne daß Ceal etwas dafür konnte, und nach einem weiteren Moment des Überlegens gab sie den Weg frei, indem sie sich einfach umdrehte und in die kleine Pantryküche ging. Heute konnte sie mehr denn je auf Maries geschätzte Gesellschaft verzichten! Langsam folgte der Unsterbliche ihr. In seinen Augen hatte es amüsiert aufgeblitzt, als er die Reaktion seines Gegenübers wahrgenommen hatte, doch hatte er genug Anstand, sich jeden weiteren Kommentar zu verkneifen. Aufmerksam sah er sich um. "So also sieht Ihr ganz privates Reich aus." Er nickte anerkennend. "Gefällt mir." "Was hab ich doch für ein Glück!" Aus einer Schublade kramte Ceal den Korkenzieher und reichte ihn über den Tresen, der die Küche vom Wohnraum trennte. "Ich hätte eher damit gerechnet, daß Sie sich bereits bestens in meinen Schränken auskennen." "Sie tun mir unrecht, kleine Lady." "Nennen Sie mich nicht so!" So etwas wie Ärger blitzte in den Augen der jungen Frau auf und André zog es vor, sie nicht weiter zu necken. Und so machte er ein reumütiges Gesicht und konzentrierte sich darauf, die Flasche zu öffnen. "Was machen die Beobachter so?" fragte er statt dessen harmlos. "Weiß Vermus, was Sie sind?" "Wollen Sie es ihm sagen?" Kordas Blick war ernst und für eine Sekunde lang dachte Ceal in ihm eine Drohung sehen zu können, aber da senkte der Mann seinen Kopf auch schon wieder und zog kräftig am Korkenzieher. "Vielleicht." Ceals Stimme klang zickig, während sie sich nach den Weingläsern reckte. So entging ihr das Mustern, dem André sie unterzog. Eigentlich nagte so ein kleines bißchen schlechtes Gewissen an ihr, weil sie so unhöflich war, aber die Amerikanerin war noch weit davon entfernt, zu vergessen, was gewesen war. Zu sehr hatten die Erlebnisse, die sie mit André Kordas Bekanntschaft verband, sie verletzt. Eingerenkt hatte sich nichts. Kommentarlos hatte sie Methos seine Bücher zurückgeschickt und vermied auch jeden weiteren Kontakt zu ihm. Oder zu Joe. Oder zu jedem anderen, dessen sie sich nicht sicher sein konnte. Außerdem ärgerte es sie, daß sie der faszinierenden Art von Korda derart aufgesessen war, daß es sie dazu bewogen hatte, ihm zu vertrauen. Gewiß, er war mehr als nur interessant, aber alles, was sie von ihm gesehen hatte, war nur Schein und Lüge gewesen. Auf ihre Fragen war er ihr die Antworten schuldig geblieben und hatte sie blindlings in ihr Fast-Verderben laufen lassen! Welchen Grund sollte sie also haben, sich über seinen Besuch zu freuen? "Aber wir könnten uns über einen Preis sicher einig werden." schloß sie kühl und stellte die Gläser mit Nachdruck ab. André schnupperte am Korken,, ein feines Lächeln umspielte seine Lippen dabei, dann legte er sowohl Korken als auch Korkenzieher beiseite. "Sie sind nicht käuflich, Miß Morgan. Sie hätten mehr als einmal die Gelegenheit gehabt, sich die passende Meinung in Geld aufwiegen zu lassen, aber Sie haben es vorgezogen, Ihrer moralischen Verpflichtung treu zu bleiben... Bei Ihnen piept es!" Gemeint war die Mikrowelle, die sich lautstark in die Unterhaltung einmischte und der Ceal jetzt ihre Aufmerksamkeit schenkte. "Autsch!" Fluchend und etwas zu hastig landete die kleine Pappschachtel auf einem Teller, mißtrauisch von Korda beäugt. "Was ist denn das?" So hatte das Zeug ausgesehen, mit dem er den Boden seines Clubs hatte sanieren lassen! "Lasagne. - Single- Küche." Eine Schublade ging auf. "Möchten Sie auch was?" Nein, wollte er eigentlich nicht, aber Ceal gab sich gerade so friedfertig, daß er kein Risiko eingehen wollte. "Paßt bestimmt gut zum Wein." mutmaßte er halbherzig. Grinsend, als hätte sie seine Gedanken gelesen, reichte die Amerikanerin dem Mann einen Teller, stellte ihren daneben und kam in den Wohnraum, um die Balkontür zu öffnen.
Draußen zog bereits die Dämmerung auf und von oben betrachtet hatte Paris etwas sehr Schönes. Vielleicht waren es gerade Ausblicke wie dieser, daß so viele Verliebte Frankreichs Hauptstadt als Stadt der Liebe bezeichneten? Die vielen kleinen Lichterpunkte, die die Straßen erhellten, die grellen Farben, in denen die Sehenswürdigkeiten angestrahlt wurden, darüber die herabsinkende Nacht... Doch, es war schon romantisch. Als Ceal sich umdrehte, stieß sie fast mit Korda zusammen, der hinter ihr stand, die Weingläser in der Hand, von denen er ihr eines reichte. "Darauf, daß Sie diesmal länger Freude an Ihrer Wohnung haben." Sacht ließ er sein Glas an das ihre klingen und mit einer kleinen Grimasse ließ Ceal den Toast unkommentiert stehen, indem sie am Wein nippte. "Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht." "So?" "Ja." "Warum haben Sie sich die nicht gemacht, als Sie mich in die Höhle des Löwen geschickt haben?" "Ich wußte, daß Sie es schaffen würden." "Ach!? Wissen Sie, um ein Haar hätte Stephane mich umgebracht, aber wie gut, daß SIE wußten, daß ich es schaffen würde!" Ceal fauchte wie eine gereizte Katze, ließ den Unsterblichen dabei aber völlig unbeeindruckt. Er fühlte, wie verletzt sie sein mußte, aber er verstand auch, daß sie immer noch nicht begriffen hatte, worum es überhaupt gegangen war. Sie mochte durch Methos' Aufzeichnungen einiges erfahren haben, vielleicht hatte sie sogar einen Eindruck, eine Ahnung davon bekommen, aber verstanden hatte sie es nicht. So klug und dabei so unvernünftig... "Warum versuchen Sie es nicht einfach mal mit reden?" fragte er leise. Auf seine Frage bekam André nur einen zischenden Laut zu hören, der zu identifizieren ihm unmöglich war, weil sie ihm abrupt den Rücken zudrehte. Sanft, aber mit Nachdruck faßte er sie bei den Schultern und drehte sie wieder zu sich herum. Trotz flackerte in ihren Augen und vorsichtig nahm er ihr das Glas ab, um es achtlos in einem Regal abzustellen. "Mit wem denn?" nuschelte sie dabei, unsicher geworden. "Mit mir, zum Beispiel." Vorsichtig streckte André die Hand aus, als hätte er Angst, sie könnte vor ihm zurückschrecken, doch statt dessen versteifte sich ihre Haltung nur und in ihren Augen flackerte es unruhig, als könnte sie diese Situation nicht einordnen. Fast fragend senkten sich Andrés Lippen auf Ceals. Er wollte ihr die Gelegenheit geben, sich zurückzuziehen, sollte sie das wollen, aber das tat sie nicht. Ganz still hielt sie, ehe sie zögernd die Augen schloß und seinen Kuß erwiderte...
Der dezente Duft, den Ceals Parfum verströmte, stieg dem Unsterblichen in die Nase und tief sog er die Luft ein. Es war einfacher gewesen, als er gedacht hatte und jetzt wußte er sicher, daß Ceal die Frau war, mit der er den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Oder seines; je nachdem, was eher eintrat. Ceal war stark. Und starrsinnig. Es reizte ihn, sie herauszufordern, doch hatte er vorhin feststellen müssen, daß sich hinter der Fassade der toughen Beobachterin ein äußerst sensibles und verletzliches Wesen verbarg, das zu beschützen ihm ein dringlicher Wunsch war. Und wenn er einmal nicht mehr wäre, würde Morregan auf sie Acht geben...
"Hi." Morregan sah von ihrer Näharbeit auf und augenblicklich verzog sich ihr Gesicht in ein einziges, strahlendes Lächeln. Sie legte das Nähzeug beiseite und stand auf, um den überraschenden Besucher herzlich zu umarmen. "André, welch günstiges Geschick verschafft mir die Freude deines seltenen Besuches?" Auf ihre einladende Geste hin nahm der Unsterbliche an dem schmiedeeisernen Tischchen auf der Terrasse Platz, wo er die langen Beine übereinanderschlug. "Der Wunsch nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen," erwiderte er leichthin, worauf die Ältere wissend grinste und im Haus verschwand, nur um Augenblicke später mit einem gut gefüllten Tablett wieder zu erscheinen. Sorgfältig plazierte sie Tassen und Teller, schenkte Kaffee ein und reichte sogar die Sahne zum Kuchen an, die der Mann großzügig auf den Beeren verteilte. "Deine?" Kauend deutete André mit der Kuchengabel auf zwei etwa vierjährige Kinder, die es augenscheinlich sehr eilig hatten, zu ihnen zu gelangen. Morregan folgte seiner Geste und nickte. "Ihre Mutter wollte lieber weiterhin... Na ja, lassen wir das." "Mama! Mama!" Überrascht zog André die Augenbrauen in die Höhe, wohingegen Morregan lächelnd antwortete: "Was ist denn?" "Julian hat was gefunden!" Einer der beiden Knirpse stolperte die Stufen hoch und drückte Morregan etwas in die Hand, während der andere sie erwartungsvoll ansah. Als die Unsterbliche in ihre Hand blickte, sah sie dort einen Frosch sitzen, doch anstatt entsetzt aufzuschreien, nahm sie die Hand des Jungen namens Julian und setzte das Tier wieder hinein. "Meinst du nicht, daß er bei seinen Freunden besser aufgehoben ist?" "Dürfen wir Kuchen?" Ohne eine Antwort abzuwarten stopften die Knirpse sich mehrere Stücke in die Taschen, jeder noch eines in die Hand und schon rannten sie wieder von dannen. Morregans Blicke folgten ihnen, während sie möglichst unauffällig ihre Hand in der Jeans abwischte. "Pfui Deibel!" murmelte sie dabei, dann schenkte sie André wieder ihre volle Aufmerksamkeit, der sie fragend musterte. "Mama?" wollte er wissen. "Wie soll ich einem Kleinkind erklären, daß die Frau, die ihn aufzieht und die er von Geburt an kennt, nicht seine Mutter ist?" Achselzuckend nahm Morregan ihre Tasse. "Wirst du es ihm später sagen?" "Natürlich!" In der Bewegung hielt sie inne. "Warum fragst du?" "Nur um sicher zu gehen, daß du deinen Prinzipien treu bleibst." André bediente sich am Kuchen. "Ich habe gehört, du hast eine neue... na, nennen wir es mal Spielgefährtin?" Über den Rand der Tasse hinweg fesselten die leuchtendgrünen Augen den Mann, der ihr gegenüber saß. "Deine Quellen sind sehr gut informiert." Morregan dankte es mit einem Lächeln und dem Neigen ihres Kopfes. "Ceal ist ein tolles Mädchen." "Maurice wird sie dir nicht grundlos so ans Herz gelegt haben." Ganz Gastgeberin schenkte Morregan unaufgefordert nach. "Wirst du es ihr sagen?" "Nein." Und auf den fragenden Blick weiter: "Sie hat das andere noch nicht einmal verkraftet; was glaubst du wohl, was passiert, wenn ich ihr die Wahrheit erzähle?" "Wahrscheinlich wird sie an allem zweifeln, woran sie jemals geglaubt hat." mutmaßte die Ältere trocken. "Trotzdem finde ich, hat sie es verdient, es zu erfahren." "Nicht jetzt. Vielleicht später einmal." "Wie ist sie so?" "Süß. Fast so ein bißchen wie du." Fragend zog Morregan ihre Augenbrauen in die Höhe und legte den Kopf etwas schief, worauf Korda fortfuhr: "Sie hat was katzenhaftes an sich. Wenn man sie ärgert, faucht und spuckt und kratzt sie. Und wenn sie gut drauf ist, kommt sie sogar von alleine zum Schmusen. - Aber sie ist bei weitem nicht so hart im Nehmen, wie man annimmt." "Was sagt Crystal dazu?" "Was soll die wohl dazu zu sagen haben?" "Ich könnte mir vorstellen, daß sie die kleine Morgan als Konkurrentin ansehen könnte. Du weißt doch wie das so ist zwischen Lehrern und Schülern." "Das soll sie sich wagen!" Andrés Gesicht verfinsterte sich. "Wegen Ceal bin ich übrigens hier." "Ich habe auch nicht angenommen, daß du nur auf eine Tasse Kaffee gekommen bist." "Ich möchte dich bitten, ein Auge auf sie zu haben, sollte mir etwas zustoßen." "Hm?" "Hey, ich bin nicht unsterblich, weißt du!?" "Das ist keiner von uns; aber wieso denkst du, daß ausgerechnet ich dich überlebe?" "Weißt du,..." Korda lächelte. "... ich habe so das Gefühl, als würdest du den großen Preis absahnen und als letzte übrigbleiben." "Das will ich aber gar nicht. Nein, ernsthaft. Ich habe mein Leben gelebt und du kannst dir sicher sein, ich habe nichts ausgelassen. - Außer dem Anstreben der Weltherrschaft, aber das ist was anderes. Die Ewigkeit wartet bereits auf mich und der Preis reizt mich nicht die Bohne." "Ich glaube nicht, daß es jemanden geben wird in der nächsten Zukunft, der dich besiegen kann, Liebes. Wirst du mir den Gefallen tun?" "Sicher. Wünsche?" "Ich will, daß sie das Sanctuary bekommt." "Okay." "Danke. Du nimmst mir eine große Bürde ab." Morregan lächelte versonnen. "Nein, ich denke, die größte Bürde steht dir noch bevor. Nämlich dann, wenn du ihr sagst, was euch wirklich zusammengeführt hat."
Damit mochte Morregan wohl recht haben und André hatte keine Ahnung, wie er diese für ihn äußerst unangenehme Situation am besten regeln könnte. Er versuchte, sich mit dem Gedanken zu trösten, daß er vielleicht nie in die Verlegenheit kommen würde, Rede und Antwort stehen zu müssen...
"Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind." Duprée sah auf, als der Schatten auf ihn fiel und er André Korda erkannte, dem der Widerwille ins Gesicht geschrieben stand. "Was wollen Sie?" Korda gab sich keine Mühe, höflich zu sein und selbst die einladende Geste des alten Beobachters übersah er, mit der er zum Sitzen aufgefordert wurde. "Ich möchte Sie um etwas bitten, Monsieur Korda." Die Züge des Unsterblichen wurden maskenhaft starr, als er sich etwas mehr aufrichtete, um seine Abneigung zu bekunden, aber lächelnd fuhr der Greis fort: "Wir wissen doch beide, daß Sie nicht der sind, den Sie vorgeben zu sein. Was, denken Sie, würde Monsieur Vermus sagen, wenn er erfahren müßte, daß der von ihm so überaus geschätzte Förderer der Beobachter selbst ein Unsterblicher ist?" "Was wollen Sie?" Kordas Stimme klang schärfer. Er hatte keine Angst, daß Duprée ihn enttarnen könnte; es gab genügend Mittel und Wege, das zu verhindern. Aber er empfand es als lästig, seine kostbare Zeit hier totzuschlagen und einem alten Mann zuzuhören, der anscheinend keinerlei Eile kannte. "Haben Sie schon mal von den Jägern gehört?" Jetzt wurde der Clubbesitzer doch neugierig. Natürlich hatte er von den Jägern gehört! Morregan hatte ihm einmal davon erzählt; von ihrem Ursprung und ihrem Ende, von der Etablierung der Beobachter und von James Horton, der die Beobachter ihrem ursprünglichen Auftrag wieder zuführen wollte. Geschmeidig ließ er sich auf die hölzerne Bank sinken. "Horton ist tot." "Aber die Jäger sind es nicht. Er hatte Schüler; immer noch treue Anhänger seiner Lehren warten nur darauf, daß sie sich wieder erheben können, um die Beobachter und die Unsterblichen zu vernichten. Sie und ich, wir wissen, wie das enden muß!" "Und weiter?" "Ich habe Beweise für ihre Existenz. Zahlen, Daten, Namen, Orte. Aber mich haben sie in Rente geschickt und es würde auffallen, wenn ich zu viele Fragen stelle." Der Beobachter langte in die Innentasche seiner Jacke und zog ein verknicktes Foto hervor, das er vor dem anderen auf den Tisch legte und das den Schnappschuß einer jungen Frau zeigte. "Sie verfügen über die nötigen Mittel, diese Organisation aufzureiben." Korda wandte keinen Blick von der Fotografie, während er antwortete: "Aber ich bin kein Beobachter und ich kann es mir nicht leisten, unnötig aufzufallen." "Ich werde es tun." Fast zärtlich berührten Maurices Finger das Foto. "Ihr Name ist Ceal Morgan. Sie ist jung und idealistisch; sie glaubt noch an das, was sie tut." "Warum erzählen Sie mir das alles?" "Wenn ich mein Werk nicht vollenden kann, möchte ich, daß Sie sich Mademoiselle Morgans annehmen und sie dahin führen, wo ich nicht mehr hinkonnte. Sie ist ein kluges Mädchen, sie wird verstehen, was man von ihr verlangt. Und sie ist clever genug, um diese unselige Angelegenheit endlich zum Abschluß zu bringen." Ohne Aufforderung schob Duprée eine dicke Akte über den Tisch im Park. "Hier werden Sie alles finden, was Sie über Ceal Morgan wissen müssen. Ich will nur wissen, daß jemand über sie wacht und sie beschützt, wenn ich mal nicht mehr bin." Wortlos schlug André den Deckel auf und studierte die ersten Seiten der Akte eingehend. Mutter bei der Geburt gestorben, Vater Archäologe und ebenfalls verstorben, als die kleine Ceal acht gewesen war. Seitdem lebte sie bei ihrer Stiefmutter in Paris, wo Madame Girod als Concierge ihren Lebensunterhalt verdiente. Das nicht unbeträchtliche Vermögen von Mister Morgan war an Ceal als Alleinerbin gegangen und wurde treuhänderisch von ihrer Stiefmutter verwaltet. Ceal war eine gute Schülerin, wenn auch der ein oder andere Vermerk in ihren Zeugnissen davon berichtete, daß sie es mit Autoritätspersonen nicht so genau nahm. Verblüfft zog der Unsterbliche die Augenbrauen hoch. Ceal Morgan war die Assistentin von Adam Pierson!? Guck mal einer schau! Ob sie wohl wußte, mit wem sie da zusammenarbeitete? Auf jeden Fall erweckte dieses Mädchen Kordas ungeteiltes Interesse und mit Nachdruck schloß er den Pappdeckel wieder und faltete seine Hände darauf. "Und warum denken Sie, ausgerechnet ich müßte Ihnen helfen, Duprée?" "Machen Sie sich nicht die Mühe, mir zu drohen, Monsieur Korda. Ich bin ein alter Mann, mich kann nichts mehr erschüttern. Ich bitte Sie lediglich um diesen Gefallen, nicht mehr und nicht weniger. Tun Sie's oder lehnen Sie ab. Ganz wie es Ihnen beliebt." Maurice stand umständlich auf und als er seine zurecht gezerrt hatte und sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte, hatte er schon noch was dynamisches an sich. "Guten Tag, Monsieur." Sinnend blickte André ihm nach, dann lächelte er flüchtig, nahm die Akte und erhob sich ebenfalls. Am Rande des Parks wartete Francis mit dem Wagen und hielt dienstfertig den Schlag auf, um seinen Boß einsteigen zu lassen.
Was würde Ceal wohl sagen, wenn sie erführe, daß alle sie nur benutzt hatten? Duprée hatte sehr wohl gewußt, daß seine Ergebnisse kaum erwähnenswert sein würden, umso mehr hatte er darauf gebaut, daß die junge Kollegin mehr Erfolge würde vorweisen können. Vielleicht war Darius der einzige gewesen, dem Ceal vorbehaltlos hatte vertrauen können, aber das wollte er ihr nicht sagen. - Noch nicht. Der Unsterbliche wußte, daß er sich auf Morregan verlassen konnte. Sie würde schon alles in die richtigen Wege leiten und das machte ihn etwas ruhiger...
Abwehrbereit hob die Unsterbliche ihr Schwert, kalt fixierte sie den unsterblichen Gegner, der sich ihr in den Weg zu stellen wagte. Heftig fuhren die beiden Kontrahenten aufeinander los, kurze, harte Schläge folgten rasch aufeinander, ehe die Frau eine schnelle Drehung vollführte, ihrem Gegner so sein Schwert aus der Hand riß und ein Hieb mit dem Ellenbogen ihn zu Boden schickte, wo er benommen liegenblieb. Morregan vollendete ihre Drehung, holte weit über ihren Kopf aus... und erstarrte. Ungläubig starrte sie dem Mann ins Gesicht, der sich mühsam wieder aufrappelte und glaubte, im Zögern der Überlegenen eine Chance zu sehen. Ein scharfer Schmerz durchzuckte Morregans Hand, während der Unsterbliche vor ihr leblos zurücksank und regungslos liegen blieb. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihn betrachtete, dann gab sie ihren Begleitern ein gebieterisches Zeichen. "Nehmt ihn mit!" Als André wieder zu sich kam, blickte er direkt auf den Rücken der fremden Unsterblichen, die er so leicht zu besiegen gewähnt hatte. Jetzt drehte sie sich um und kam lächelnd zu ihm herüber, wo sie ihm ein gefülltes Glas reichte. Er nippte und der ungewohnt beißende Geschmack in der Kehle ließ ihn husten. "Schottischer Whiskey ist was anderes als euer lauwarmer Reiswein, wie?" Die weibliche Stimme klang leicht spöttisch und über den Rand des eigenen Glases hinweg unterzog sie den Mann einer genauen Musterung. Nicht, daß sie das nicht schon getan hatte, als er noch ohne Bewußtsein gewesen war, aber so war es doch viel interessanter! "Willst du meinen Kopf?" krächzte der in leuchtende Seide gekleidete Unsterbliche, nur um überhaupt etwas zu sagen. Der Buzz der Frau war enorm und hätte ihn warnen sollen, sie herauszufordern, aber ihre Figur wurde der Kraft nicht gerecht, die in ihr schlummerte. André hatte gedacht, es wäre eine schnell erledigte Sache und entweder würde er sie töten oder aber sich noch ein wenig mit ihr vergnügen, sollte ihr Leben ihr soviel wert sein, sich ihm anzubieten. "Vielleicht später." Korda sah auf und blickte in faszinierend schillernde, leuchtendgrüne Augen, die ihn furchtlos musterten. Ihre Haltung drückte keinerlei Bedrohung aus und erweckte so sein Interesse. Noch nie war er einer Frau begegnet, die sich ihrer so sicher war und die so deutlich machte, daß sie keinen Herrn anerkennen würde. Deutlich sah er das Interesse an ihm in ihren Augen glimmen und er gönnte sich ein Lächeln. "Vielleicht könnten wir uns einig werden?" meinte er zurückhaltend. "Vielleicht." bestätigte sie ruhig. Faszinierend! Er sah aus wie Kronos, nur fehlte ihm die Narbe über dem Auge. Als wären es Zwillinge! Und er verstand sich darauf, seinen Preis auszuhandeln, wie sie seiner Körpersprache entnehmen konnte. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, ehe sie sich anmutig erhob und vor ihn trat. Morregan zögerte nur einen Herzschlag lang, dann schwang sie ihr Bein über seinen Schoß und ließ sich darauf nieder, hungrig suchten ihre Lippen die seinen...
Ganze drei Tage lang verbrachte André mit Morregan und keine Sekunde war langweilig. Allerdings meldeten ihre Leute bald, daß die Polizei ihn suchen würde und so sorgte die Ältere dafür, daß Korda ungesehen die Stadt verlassen konnte, um in sein kleines Dorf zurückzukehren. Ein paar Tage später hatte sie ihn dort besucht und ihren Bund erneuert. Und seitdem wußte er, daß er sich bedingungslos auf sie verlassen konnte...
Neben ihm regte sich Ceal. "Worüber denkst du nach?" wollte sie leise wissen. "Über nichts. Ich kann nur nicht schlafen." Diese Lüge glitt leicht über seine Lippen und es würde die erste von vielen sein, das wußte er. "Schlaf weiter, Mäuschen. Oder sollte dir der Sinn nach was anderem stehen?" "Hmmm." Grinsend wälzte André sich auf die Seite und ließ seine Hände über den herrlich warmen Körper gleiten, der sich ihm so willig darbot....
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