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Der erste Schritt
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Der erste Schritt

Teil 1
© by Aisling ()
 
Disclaimer: Mir gehört mal wieder gar nichts...
Kommentar: Hatte ich schon erwähnt, dass mich die 'Echten Kerle' einfach nicht loslassen? Wie ich es schaffe, aus so einem kleinen Film so viele Storys zu ziehen, ist mir selber ein Rätsel. Die aktuelle Geschichte kann man als lose Fortsetzung von 'Schattensprünge' sehen. Man muss 'Schattensprünge' aber nicht kennen, um diese Story lesen zu können.
Timeline: Etwa sechs Monate nach dem Film.
Beta: Birgitt
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Der letzte gemeinsame Arbeitstag bei der Fahndungsgruppe Autoschieberei kam viel schneller, als Chris gedacht hatte. Den 21. Februar hatte er als ihren letzten Tag rot im Kalender angemarkert.

Auf der einen Seite hatte es ihm viel Spaß gemacht, mit Helen zu arbeiten, andererseits war es sehr belastend für ihre Beziehung gewesen, dass sie fast nonstop aufeinanderhockten.

Die gemeinsame Wohnung und dieselbe Abteilung waren bei aller Liebe mehr, als Chris verkraften konnte.

Doch bevor Helen die Abteilung nach fast einem halben Jahr endgültig verließ und zur Konkurrenz - Zollkriminalamt - wechselte, hatten ihre Kollegen eine kleine Überraschungsfeier vorbereitet. Chris war dazu verdonnert worden, Helen an diesem Abend zur Kneipe zu lotsen, natürlich ohne ihr zu erzählen, was genau sie dort erwartete.

Manchmal starteten die Jungs noch nicht mal eine Feier, wenn sich ein Kollege nach fünf Jahren verabschiedeteAber bei Helen war es etwas anderes.

Dabei lag es nicht an ihrer Arbeit - die sie nach einigen ,Startschwierigkeiten' sehr professionell und routiniert erledigte. Es lag daran, dass sie sich als Frau in einer von Männern dominierten Abteilung erfolgreich durchgesetzt hatte. Selbst Kallenbach hatte dies zähneknirschend eingestanden. Und Deichsel hatte letztens die Flucht ergriffen, nachdem Helen ihn nur wütend angeschaut hatte, als er mal wieder versucht hatte, auf den Vorfall mit dem Stardirigenten herumzureiten.

"Chris?"

Helens fragender Ton riss Chris aus seinen Gedanken.

"Ja, bitte?"

"Von mir aus können wir los. Ich habe mich von allen verabschiedet und meinen Dienstausweis und die Waffe bei Ehrenberg abgegeben."

Helen hatte sich gegen den Türrahmen gelehnt und sah sehr verloren aus. Ihre blonden schulterlangen Haare und die schlanke Gestalt unterstrichen dies nur. Ohne ihre Dienstwaffe, die sie einmal scherzhaft ,Baby' genannt hatte, wirkte sie irgendwie schutzlos.

"Dann kann ich ja Feierabend machen. Den Bericht werde ich übermorgen schreiben."

Chris klappte die Kladde zu und ließ sie in Mikes Schreibtisch verschwinden.

,Morgen früh kriegt Mike ihn. Ich hab' schon lang genug darüber gegrübelt!'

Dann stand er auf, nahm sein Jackett, das über seinem Stuhl hing, und ging zur Tür. Bevor er hinausging, blieb er vor Helen stehen und gab ihr einen Kuss.

Seit ihrem Fiasko bei der Observation des Luxus-Mercedes, wo sie im Einsatz nicht die Finger voneinander hatten lassen können, gönnten sie sich im Dienst nicht einmal mehr einen Kuss. Es war keine Heldentat gewesen, dass ihnen das Observationsobjekt direkt unter ihrer Nase geklaut worden war. Sie hatten es nur Mike zu verdanken, dass ihnen kein Disziplinarverfahren angehängt worden war.

Doch so elend, wie Helen aussah, musste es sein. Als Chris sich von ihr löste, wirkte sie schon viel entspannter. Das zeigten auch ihre Worte.

"Danke, das habe ich jetzt gebraucht. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so an die Nieren geht, dem Laden hier den Rücken zu kehren."

"Lass mich raten: Du hast dich zuerst von Kallenbach und Deichsel verabschiedet und nicht zum Schluss, wie ich es dir geraten habe."

Helen revanchierte sich mit einem Knuff in Chris' Rippen. Statt sich zu beschweren, dass es weh tat, grinste er. Er wollte nicht, dass seine Freundin traurig war, dann schon lieber wütend.

"Nein, ich hatte mir das Dream-Team bis zum Schluss aufgehoben und danach war ich auch froh, dass es mein letzter Tag ist. Doch auf dem Flur ist mir Mike über'n Weg gelaufen. Er hat mich zwar nur kurz gedrückt und gemeint, dass ich ihn nicht so schnell los bin. Aber irgendwie bin ich doch traurig."

"Nächste Woche hat er uns zum Abendessen eingeladen. Seit er mit Edgar zusammen ist, weiß ich auch, wie seine Wohnung von innen aussieht. Kommst du? Sonst kannst du dich von diesem Laden gar nicht mehr trennen."

Chris hielt Helen seine Hand hin. Sie schlug ein und händchenhaltend gingen sie durch das Foyer der Kripo Frankfurt.

 

Dass bei solchen Auftritten sein Image als ,harter Mann' litt, war Chris' geringste Sorge.

Der Spitzname ,Krawalltunte' verfolgte ihn inzwischen überall hin. Auch das Gerücht, dass er sich bei seinem ,Coming-Out' mit vier Kollegen gleichzeitig geprügelt hatte und aus dieser Keilerei als Sieger hervorgegangen war, wollte nicht verstummen.

Im Gegensatz dazu sprach niemand darüber, dass Chris eventuell schwul sein könnte. Er vermutete, dass Helen dafür verantwortlich war, hatte aber nicht den Mut, sie zu fragen. Chris wollte einfach nicht wissen, wie sie das geschafft hatte.

Mike profitierte davon, dass Chris so viel Stress verursacht hatte. Viele Kollegen ignorierten die Tatsache, dass Mike wirklich schwul war und dazu auch noch mit einem Kleinkriminellen eine heiße Affäre hatte. Und jeden weiteren Gedanken an Edgar klammerte Chris aus. Er wollte nicht über ihn nachdenken. Schließlich waren sie beide gebunden. Punkt. Ende. Aus. Und zwar endgültig.

Chris blickte zu Helen, auch sie wirkte geistesabwesend. Der Abschied schien ihr nicht leicht zu fallen. Chris war froh, dass die Jungs sie am Abend überraschen wollten. Er musste sich nur noch etwas einfallen lassen, damit Helen auch mit in die Kneipe kam.

 

Durch Helens Weggang entstand in der abteilungsinternen Hackordnung eine Lücke, die sich nicht so ohne weiteres schließen würde. Als sie die Spindtür gegen Deichsels hässliche Visage geknallt hatte, hatte sie sich in der Hierarchie einen Platz relativ weit oben erkämpft, obwohl sie ein Greenhorn war. Chris hatte sich fest vorgenommen, dem Dream-Team klar zu zeigen, dass es dieses Machtvakuum nicht ausfüllen konnte.

"Chris? Sag mal, wo bist du mit deinen Gedanken? Dein Auto steht am anderen Ende des Parkdecks."

Seit zwei Wochen hatte Chris ein niegelnagelneues Auto. Einen Golf-Cabriolet. Er hatte nicht nur das gesamte Geld, das er für sein gestohlenes Auto von seiner Versicherung bekommen hatte, hineingesteckt, sondern auch noch einen kleinen Kredit aufgenommen. Er hatte sich noch nicht an das Aussehen gewöhnt. Warum musste auch ein Kollege aus der Sitte dasselbe Modell fahren, das er früher gehabt hatte?

"Bei der Arbeit."

Als Chris Helens ungläubigen Blick sah, fühlte er sich genötigt, noch etwas hinzuzusetzen.

"Glaubst du wirklich, dass Kallenbach akzeptiert, dass wir im Fall Jakubinski gleichgestellt sind? Ich lass ihn in Ruhe arbeiten, aber wenn er versucht, meine Arbeit zu boykottieren, spiel' ich nicht mit."

Gedankenverloren folgte Chris Helen, die ihn in die andere Richtung zog. Dort sah er auch schon den Lack von seinem Golf schimmern. Mitternachtsblaumetallic war nicht seine erste Wahl gewesen, aber inzwischen liebte er diese Farbe.

"Mann, bin ich froh, dass ich dieses Affentheater hinter mir habe."

"Gib's doch zu, du hast es genossen, Deichsel allein mit deinen giftigen Blicken zu vertreiben. Also meckere nicht."

"Stimmt, das hat mir Spaß gemacht. Aber sonst war es manchmal weniger schön. Ich musste immer aufpassen, was ich sage, weil Kallenbach alles auf die Goldwaage gelegt und immer versucht hat, mir einen Strick draus zu drehen. Ich bin froh, dass das vorbei ist."

Sie waren fast beim Auto, da zückte Chris auch schon den Schlüssel und betätigte mit einem Knopfdruck die Zentralverriegelung.

,Die ganzen Extras sind schon was Feines.'

"Wart's nur ab. Beim Zoll sind die auch nicht besser. Was ist, wenn du in einer Abteilung landest, wo der Zickenterror herrscht?"

Chris fand es sehr praktisch, dass er Helen die Tür öffnen konnte, ohne dass er sich wie ein Gentleman verhalten musste. Er öffnete die Fahrertür und mit einem tiefen Seufzen sank er in den Recaro-Sitz. Das war was ganz anderes als sein unbequemer Bürostuhl. Wohlig räkelte er sich, doch Helen - die inzwischen eingestiegen war - gab keine Ruhe.

"Damit komm' ich klar. Ich kämpfe nur nicht gerne gegen Männer, die sich für was Besseres halten und glauben, dass ich mich hochschlafe."

Schuldbewusst senkte Chris den Kopf. Er hatte ihr das Leben am Anfang ganz schön zu Hölle gemacht. Aber genau das war der Aufhänger, den er brauchte.

"Ich bin damals auch nicht nett zu dir gewesen."

"Meine Rache war fürchterlich."

"Stimmt, wir sind jetzt zusammen. Aua!"

Der Knuff in die Seite hatte wirklich weh getan.

"Sei nett zu mir, Süße, sonst lade ich dich heute Abend nicht zum Essen ein!"

"Du willst mich einladen? Ich dachte, du bist pleite, weil du dein Auto abbezahlen musst."

"Wirklich gut geht es meinem Konto nicht, aber Mike hat mir von einer netten, billigen Kneipe erzählt, die er letztens ausprobiert hat."

Mit einem Seitenblick überzeugte sich Chris, dass Helen nicht vorhatte, ihn noch einmal zu schlagen, dann startete er den Wagen.

Der Motor schnurrte. Es war ein dickes, zufriedenes Brummen und Chris war in Versuchung, das Lenkrad zu streicheln.

"Gut, aber dann fahr' ich nach Hause."

Im Geiste zählte Chris ganz langsam von zehn bis null. Nein, das regte ihn nicht auf. Er hatte sich in den letzten Monaten verändert und das Auto war nicht mehr wichtiger als seine Freundin.

Bei Null angekommen stieß er die Luft aus, merkte erst jetzt, dass er sie angehalten hatte.

"Nur wenn du nicht meckerst, dass ich mehr als ein Bier trinke."

"Solange du dich vom Rotwein fernhältst, meinetwegen."

Chris legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Parklücke. Die Tiefgarage konnte er nur im Schritttempo verlassen, es war so eng und unübersichtlich, dass er regelmäßig lautstark darüber fluchte. Heute nahm er auf Helen Rücksicht und verkniff sich jeden Kommentar.

"Was macht es für einen Unterschied, ob ich Wein oder Bier trinke?"

"In unserer ersten Nacht hast du es auf den Wein geschoben, dass du keinen hochbekommen hast."

Grundsätzlich hatte Chris nichts gegen intelligente und wortgewandte Frauen, ganz im Gegenteil, er war schrecklich stolz, wenn Helen mal wieder jemanden mit ihrer scharfen Zunge fertig machte. Doch es gab Momente, wo er sich wünschte, dass sie doch nur ein braves Heimchen am Herd war. Jetzt zum Beispiel.

Es war auch einer der Augenblicke, wo es besser war, nichts zu sagen. Alles andere würde zu unnötigem Streit führen.

Also hielt er seinen Mund und konzentrierte sich auf den Straßenverkehr.

Helen schien jedoch zu merken, dass sie mit ihrem Kommentar Chris getroffen hatte, und versuchte, das wieder gutzumachen.

"Tut mir leid, so war das nicht gemeint. Es ist mir auch recht egal, ob du ein, zwei oder drei Bierchen trinkst, du wirst ja noch nicht mal aggressiv, wenn du was intus hast. Zudem scheinst du ja zu wissen, wie viel du verträgst, und solange du weder auf den Tischen tanzt, noch am nächsten Tag einen Filmriss hast, kannst du von mir aus alles trinken."

,Wenn du wüsstest.'

Chris wollte nicht darüber nachdenken, wie sein Leben jetzt verlaufen würde, wenn er sich beim letzten Mal nicht ins Koma gesoffen hätte - Filmriss inklusive. Aber er hatte sich nun einmal für Helen und gegen Edgar entschieden und es war jetzt zu spät, etwas zu ändern.

"Nein, zu einem Filmriss wird es bei mir nicht kommen."

,Nie wieder. Eher friert die Hölle zu.'

Als Helen ihre Hand auf sein Knie legte, blickte Chris kurz zu ihr rüber, und als er sah, wie verliebt sie ihn ansah, wusste er, dass er keine falsche Entscheidung getroffen hatte.

Doch die bohrende was-wäre-wenn-ich-mich-erinnern-könnte-Frage verstummte nicht.

 

Anderthalb Stunden später bezweifelte er, dass er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Solange wartete er schon, dass Helen endlich aus dem Bad kam. Nicht, dass sie Kampfbemalung auflegte, nein, wenn sie sich schminkte, war es sehr dezent und sah einfach nur klasse aus.

Aber musste das denn sein, wenn Chris sie offiziell nur zu einem Kneipenabend eingeladen hatte?

"Helen! Wie lange dauert es denn noch? Ich habe Hunger! Komm' doch endlich in die Gänge."

"Ich bin gleich fertig", kam es dumpf durch die Badezimmertür zurück. Das hatte Helen allerdings auch schon vor einer halben Stunde behauptet.

"Bitte, du brauchst dich nicht pikfein zu machen, das ist nur eine Kneipe mit Restaurant. Kein Szenelokal oder irgendwas Nobles. Das könnte ich mir gar nicht leisten. Und ich habe wirklich Hunger."

Wenn sie sich nicht langsam beeilten, dann würde Mike auch ohne sie das Buffet eröffnen. Chris hatte keine Lust, nur irgendwelche Reste zu futtern. Er hatte genug Geld gespendet, um auch ein anständiges Stück Braten zu bekommen.

Als Helen auch nach dieser Ansprache nicht aus dem Badezimmer kam, hatte Chris genug. Entschlossen hämmerte er gegen die Tür. Laut genug, um auch den Nachbarn hochzuschrecken.

Keine zwei Sekunden später riss Helen die Tür auf.

"Sag' mal Chris, spinnst du? Ich will mich nur ein wenig frisch machen und du veranstaltest so ein Affentheater."

Einen Unterschied konnte Chris nicht feststellen. Helen sah noch genau so aus, wie sie ins Bad hineingegangen war. Gut, die Haare lagen anders, aber das war es auch schon.

"Ich habe Hunger."

Ihr Seufzen machte sehr deutlich, was sie davon hielt.

"Na gut, dann lass uns gehen, du gibst ja eh' keine Ruhe."

"Stimmt. Deine Haare sehen so übrigens toll aus."

"Danke."

Dass Helen errötete, war selten, doch mit diesem Kompliment hatte Chris wohl einen Nerv getroffen.

Dabei hatte er zu ihrer Frisur überhaupt keine Meinung. Ihm war wichtig, dass seine Freundin nett aussah und dass ihr Haar weich und seidig war, wenn er es berührte. Bei der Menge Haarspray, die sie heute verwendet hatte, würde es sich diese Nacht nicht so anfühlen. Aber wenn Frau meinte, sich hübsch machen zu müssen, war Chris der letzte, der deswegen mehrere Tage Enthaltsamkeit riskierte. Dann nahm er lieber den Gestank des Haarsprays in Kauf.

"Es ist die reine Wahrheit, Schatz. Und jetzt komm, mein Magen knurrt."

Damit packte er ihre Handtasche, nahm Helen bei der Hand und zog sie aus der Wohnung. Nicht, dass Helen es sich anders überlegte und ins Bad zurück wollte. Lachend ließ Helen sich diese Behandlung gefallen.

 

Und als sie eine halbe Stunde später die Kneipe betraten und Helen sah, wer alles anwesend war, fiel sie Chris um den Hals.

"Danke, das ist so toll von dir. Damit hab' ich wirklich nicht gerechnet."

"Bedank dich nicht bei mir, sondern bei den anderen. Die wollten eine Abschiedsfete schmeißen und Mike hat das Ganze organisiert. Ich hatte nur den Auftrag, dich herzubringen, ohne dass du es vorher erfährst."

Da löste sich Helen von ihm, ging zu Mike, nahm ihn in den Arm und gab ihm einen dicken Kuss auf die Stirn.

Chris sah lachend zu. Er war froh, dass die beiden sich so gut verstanden. Und dass Mike schwul war und kein Interesse an Helen hatte, war noch ein zusätzlicher Pluspunkt. So hatte er gar keinen Grund, eifersüchtig zu werden.

Als Helen zum nächsten Kollegen ging - Pauly war der Glückliche - spürte Chris, dass auch er beobachtet wurde. Er blickte zur Seite und sah Edgar. Mit verwaschener hellblauer Jeans und schwarzem Hemd sah er einfach nur verboten gut aus. Chris schluckte einmal trocken und dann wurde ihm bewusst, dass er einen Mann anstarrte.

,Das darf nicht sein.'

Und schon gar nicht Edgar Sänger, der mit seinem Partner/Kumpel/Freund Mike zusammen war.

Um sich keine Blöße zu geben, nickte er Edgar kurz zu und steuerte dann die Theke an.

Damit er den Abend überlebte, brauchte er definitiv mehr als nur ein Bier.

 

Einige Stunden und unzählige Biere später fand Chris Helens Abschiedsfeier halbwegs erträglich. Er hatte etwas gegessen, der Wirt schob ihm kommentarlos ein neues Bier hin, wenn das vorhergehende Glas halbleer war, und Helen stand bei Ehrenberger und schien doch wieder etwas Dienstliches zu besprechen.

Überhaupt hatte Helen den ganzen Abend damit verbracht, mit allen Anwesenden zu reden und zu flirten, und dabei ihren Freund ganz vergessen.

,Nicht mein Problem.'

Mike und Edgar waren auch noch da. Sie standen mit einigen anderen zusammen und hatten ihren Spaß. Jedenfalls hatte Chris gerade mitbekommen, wie Edgar laut gelacht hatte. Darauf hatte Chris sich einen Korn bestellt und auf ex getrunken.

"Chris, meinst du nicht, dass du genug für heute hast?"

Mit alkoholvernebeltem Blick schaute Chris hoch. Direkt in Helens Gesicht. Sie schien besorgt zu sein. Und Recht hatte sie auch noch. Er hatte genug gesehen, wollte sich einfach nicht vorstellen, was in der Nacht zwischen Edgar und Mike passieren würde.

Igitt, er war doch nicht schwul.

"Hast Recht, meine Süße, ich hab' genug und fahr' nach Haus'. Wenn du bleibst, ist das in Ordnung, dann nehm' ich'n Taxi und fahr' schon mal vor."

Genauso wenig, wie er sich Mike und Edgar vorstellen wollte, konnte er jetzt mit Helen zusammen sein. Chris wollte einfach nur allein sein, ins Bett gehen und seinen Rausch ausschlafen, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen.

Unbeholfen fingerte er sein Portemonnaie aus der Hosentasche und reichte dem Wirt einen Schein. Dann kletterte er vorsichtig vom Barhocker runter. Als er diesen Akt fast hinter sich gebracht hatte, fühlte er Helens Hand an seinem Oberarm, die ihn stützte. Und die Hilfe hatte er dringend nötig.

Endlich hatte er wieder Boden unter den Füßen. Fest fühlte er sich nicht an, vielmehr hatte Chris den Eindruck, über schwankende Planken zu laufen.

"So betrunken wie du bist, kommst du nicht heil nach Hause. Und so spät wie es ist, will ich auch ins Bett, ich habe mich auch schon von allen verabschiedet. Stütz dich ruhig ab, ich bring dich zum Auto. Und wenn du in den Wagen kotzt, ist es auch egal, schließlich ist es ja deiner."

Da war Chris anderer Meinung und er wollte Helen widersprechen, als er merkte, dass es zuviel war, gleichzeitig zu laufen und zu reden. Den Türpfosten verfehlte er mit viel Glück um wenige Zentimeter.

Alleine hätte Chris noch nicht einmal zu seinem Auto gefunden, es war Helen, die ihn sehr bestimmt dorthin schob und darauf achtete, dass er keine zu innige Bekanntschaft mit den Laternenpfählen machte. Erst als sie vor dem Wangen standen, sprach Helen wieder mit Chris - unterwegs hatte sie nur nicht jugendfreie Flüche von sich gegeben.

"Die Schlüssel."

"Hä?"

"Gib mir die Autoschlüssel, damit ich fahren kann."

"Ach, ja, 'tschuldigung."

Auffordernd streckte Helen die Hand aus. Chris, der jetzt endlich wusste, was sie wollte, kramte in seiner Hosentasche, bis er den Schlüssel in der Hand hatte. Dann schwenkte er ihn triumphierend vor Helens Nase.

"Is' meiner. Du bekommst ihn nur, wenn ich 'nen Kuss krieg'."

Statt ihm einen Kuss zu geben, schnappte Helen nach dem Schlüssel. Chris wollte seine Hand wegziehen, war aber nicht schnell genug. Dann hatte Helen auch schon den Schlüssel, während Chris damit kämpfte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als er es wiedergefunden hatte, wurde er von Helen gegen die Autotür gedrängt und dann küsste sie ihn.

Verlangend, wild, süß.

,Verdammt, für so was bin ich zu betrunken und mir ist schon schlecht.'

Doch Chris hatte keine Chance, dem Kuss zu entgehen, und so fügte er sich seinem Schicksal und ging auf die Zärtlichkeit ein.

Eine kleine Ewigkeit später löste sich Helen von Chris.

Keine Minute zu früh, denn Chris hatte inzwischen einen gewaltigen Würgereiz, schaffte es aber, ihn zu unterdrücken. Er kotzte doch nicht, wenn seine Freundin zusah.

Und schon gar nicht nach so einem Kuss. Diese Botschaft wollte er nicht rüberbringen. Er war noch nicht betrunken genug, um nicht zu wissen, was ihm dann blühen würde.

Endlich hatte er seinen rebellischen Magen wieder unter Kontrolle. Helen musterte ihn prüfend.

"Tust du mir 'nen Gefallen?"

"Welchen?"

"Gewähr' mir Gna...Gnade. Ich bin zu betrunken, um das durchzustehen."

Ein amüsiertes Lachen war Helens Antwort.

"Das ist mir auch schon aufgefallen. Mir gefällt es aber, dass du im Moment so hilflos bist."

,Womit hab' ich das verdient?'

"Können wir das nich' auf morgen verschieben? Du kannst mich auch fesseln, damit ich hilflos genug bin."

,Was habe ich gesagt? Gott, bin ich betrunken. Hoffentlich hat sie mich nicht verstanden, ich hab' ja genuschelt.'

"Hast du ein Glück, dass ich nicht auf Fesselspiele stehe. Komm, steig ein, damit du ins Bett kommst."

Helen öffnete die Beifahrertür auf und deutete einen Knicks an.

Chris wusste, dass es wirklich am besten war, sich zu Hause über die Kloschlüssel zu hängen und anschließend ins Bett zu gehen. Er hoffte nur, dass er solange durchhielt. Also stieg er ein, achtete darauf, seinen Kopf so wenig wie möglich zu bewegen.

Sein Auto würde sauber bleiben.

 

***
 

Der nächste Morgen Warum nur war es im Schlafzimmer so hell? Besonders dann, wenn kein Wecker klingelte und man ausschlafen konnte.

Mit einem unzufriedenen Brummen wollte Chris sich die Decke über den Kopf ziehen, aber irgendetwas lag schwer auf seinem Arm. Chris versuchte, das Hindernis von sich zu schieben. Kaum hatte er das Gefühl, etwas Bewegungsfreiheit zu haben, schmiegte sich dieses anhängliche Etwas schon wieder an ihn. Nach mehreren vergeblichen Versuchen freizukommen, sah Chris ein, dass es so nicht funktionierte.

Zudem seine Blase auch noch ein ganz dringendes Bedürfnis anmeldete. Chris würde nicht drumherumkommen, das Bett zu verlassen.

Also versuchte er, die Augen zu öffnen - es blieb aber bei einem Zwinkern, weil die Helligkeit ein schmerzhaftes Stechen in seinem Kopf auslöste.

Beim zweiten Versuch waren die Kopfschmerzen immer noch da, doch das Licht war nicht mehr ganz so unangenehm.

,Gott, hab' ich einen Kater.'

Chris versuchte, sich an den letzten Abend zu erinnern.

Da war Helens Abschiedsfeier, die unzähligen Biere, diverse Schnäpse, Edgars Lachen, der schwankende Weg zum Auto und Helens hungriger Kuss. Doch was danach passiert war... Es herrschte gähnende Leere in Chris' Gehirn.

"Scheiße, nicht schon wieder."

Ein prüfender Blick unter die Bettdecke bestätigte seine Befürchtung: Er war nackt.

Wesentlich misstrauischer blickte er zur Seite, um zu prüfen, wer das anhängliche Etwas war.

Erleichtert stellte er fest, dass es Helen war und kein schwuler Automechaniker.

"Wenigstens etwas."

Ganz langsam, um das Schwindelgefühl gering zu halten, setzte sich Chris auf und schob gleichzeitig Helen ein Stück zur Seite. Sie murmelte etwas Unverständliches, wickelte sich in die Bettdecke und drehte sich um.

Dabei zog sie Chris die Decke weg. Und das in einem ungeheizten Schlafzimmer bei winterlichen Temperaturen. Es war nur kalt. Am liebsten hätte Chris sich an Helen gekuschelt, aber seine volle Blase gab einen anderen Befehl.

Das Schicksal verfluchend stand Chris auf und ging ins Bad, dort war wenigstens geheizt.

Nachdem er dem Ruf der Natur gefolgt war, suchte er sich ein Aspirin, um den Kater zu bändigen. Nicht, dass er dann Ruhe haben würde, aber etwas weniger Kopfschmerzen würde er schon als Erfolg verbuchen. Er kaute die Tablette, damit die Wirkung schneller einsetzte. Anschließend trank er Wasser direkt aus dem Hahn, um den ekligen Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Da das nicht half, entschloss sich Chris, die Zähne zu putzen. Das würde auch gegen den Belag auf der Zunge helfen.

Danach fühlte Chris sich besser. Die Kopfschmerzen waren zwar immer noch da, aber sie waren zu einem dumpfen Dröhnen im Hintergrund verblasst.

Dafür hatte er das Gefühl, dass sein Spiegelbild ihn höhnisch angrinste. Hatte er ja auch nicht anders verdient. Innerhalb eines Jahres zwei Abstürze, bei denen er Erinnerungslücken hatte. Er hätte es besser wissen müssen.

Für das letzte Besäufnis hatte er wenigstens noch einen guten Grund gehabt. Wenn er daran dachte, wie Uschi ihn mit diesem Anabolikamonster konfrontiert hatte - es war ein Schock gewesen, den er nur betrunken hatte überwinden können.

Alle Stationen seiner Odyssee bekam Chris nicht mehr zusammen. Bruchstückhaft erinnerte er sich daran, sich irgendwelche Schnäpse an einer Bude gekauft zu haben, dann war da noch der Penner, von dem er das Bier bekommen hatte.

Idiotischer Weise hatte er das Bier mit Naturalien, seiner Tasche mit Klamotten, bezahlt. Seinen Verstand hatte Chris wohl schon vorher abgeschaltet, anders konnte er sich im Nachhinein sein Verhalten nicht erklären.

Selbst das Spiegelbild schien sich über diese Dummheit zu amüsieren. Empört zeigte Chris seinem Gegenüber einen Vogel, musste dann aber grinsend den Kopf schütteln.

,Bin noch viel besoffener, als ich gedacht habe.'

Um nicht an seinen jetzigen Zustand zu denken, versuchte Chris, sich weiter zu erinnern. Irgendwann war er wohl im Kater Carlo gelandet. Dunkel erinnerte er sich, eine Münze geworfen zu haben, ob er reingehen sollte oder nicht, aber ob sie auf Kopf oder Zahl gelandet war, wusste er nicht mehr.

In der Schwulenkneipe war er dann auf Edgar gestoßen, hatte ihm sein Leid geklagt und dann hatte der Hocker plötzlich Eigenleben entwickelt. Warum sonst war er vom Stuhl gekippt?

Seine nächste Erinnerung waren Edgars besorgte Miene und die Hand, die er ihm entgegenhielt. Kurz drauf waren sie auf dem Weg zu Edgars Wohnung gewesen. Edgar hatte ähnlich viel Schlagseite gehabt wie er selbst. Sie hatten sich gegenseitig gestützt, um nicht umzukippen.

,Was haben wir darüber gelacht.'

Die Erinnerung brachte Chris zum Schmunzeln. Doch als sie Edgars Wohnung betreten hatten, war alles anders gekommen, als Chris jemals gedacht hatte. Der erste Kuss war so überraschend gewesen und so, ja, erregend war der richtige Ausdruck. Edgars Berührungen waren nicht mehr freundschaftlich, sondern fordernd und leidenschaftlich.

,Verdammt, woher kamen diese Erinnerungen?'

Es war auf einmal alles da. Die heißen Küsse, die Sektflasche, die Edgar aus dem Kühlschrank geholt hatte, und wie sie sich die Flüssigkeit anschließend gegenseitig abgeschleckt hatten. Es war wild, leidenschaftlich und unglaublich intensiv gewesen - nur hatten sie es nicht zu Ende gebracht, dafür waren sie wirklich schon zu betrunken gewesen.

,Verdammt, verdammt, verdammt!'

Warum ausgerechnet jetzt? Warum zum Teufel hatte er sich nicht ein halbes Jahr früher daran erinnern können? Warum erst jetzt und nicht damals?

Unwillkürlich krampften sich seine Hände um den Rand des Waschbeckens.

Sie war da. Die gesamte Erinnerung an die verflixte Nacht. Naja, nicht ganz, es war eher eine Aneinanderreihung einzelner Szenen. Genug, um zu wissen, dass es weder eklig noch abstoßend, sondern einfach nur fantastisch gewesen war.

Aber was sollte er jetzt mit dieser verdammten Erinnerung? Edgar hatte Mike und er war mit Helen zusammen. Und er liebte Helen. Sie waren zusammen glücklich. Oder etwa nicht?

Ein leises Klopfen riss Chris aus seinen Gedanken.

Er blickte auf sein Spiegelbild und erschrak. So verstört konnte er gar nicht aussehen.

"Chris! Alles in Ordnung mit dir?"

Helen hörte sich selbst durch die Tür ernsthaft besorgt an.

"Mir geht es fantastisch. Nur eine Horde Katzen glaubt, dass mein Hirn eine Delikatesse ist."

"Du Ärmster. Bleibst du noch lange im Bad? Ohne dich ist das Bett so kalt."

"Ich komm' gleich zu dir. Aber erst muss das Aspirin wirken."

"Du, auch wenn du gestern besoffen warst, warst du total süß. Ich liebe dich."

Danach herrschte Stille. Chris vermutete, dass Helen wieder ins Schlafzimmer gegangen war.

Was ihm mehr als recht war. Er musste einige Sachen überlegen, Prioritäten neu ordnen, bevor er ihr wieder gegenübertreten konnte.

,Wie zum Teufel soll ich mit diesen Kopfschmerzen überhaupt denken?'

Resigniert griff Chris noch einmal zu den Tabletten. Dann setzte er sich auf den Boden - auf den Duschvorleger, die Fliesen waren ihm doch zu kalt - um in Ruhe nachzudenken.

 

Eine halbe Stunde später war die Situation für ihn klar. Dass er nun wusste, wie sehr es ihm gefallen hatte, mit Edgar ins Bett zu gehen, änderte nichts an der Tatsache, dass er jetzt mit Helen zusammen war. Und sie waren glücklich zusammen. Helen verstand ihn, wenn er mal wieder Überstunden schob, weil er sich in einen Fall verbissen hatte. Auch harmonierten sie gut im Bett. Zudem liebte Helen ihn. Er konnte ihre Gefühle einfach nicht verletzen.

Und wo sollte er wohnen, falls er sich von Helen trennen sollte? Edgar würde ihn bestimmt nicht mit offenen Armen empfangen. Nein, es war besser, alles so zu lassen, wie es war.

Glücklich, alles so logisch durchdacht zu haben, stand Chris auf.

Er blickte noch einmal in den Spiegel, schnitt eine Grimasse und dann verließ er das Bad, um sich an Helen zu kuscheln. Sie war bestimmt warm und weich.

 

Warum klappte nie etwas so, wie er es sich vorstellte? Chris war nahe dran zu verzweifeln. Er war wieder ins Bett gegangen und hatte sich an Helen gekuschelt, doch das war es dann gewesen. Kein Sex. Nicht, dass er es nicht gewollt hätte. Doch aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hatte es nicht geklappt.

Hoffentlich hatte Helen nicht gemerkt, was los war. Chris befürchtete, dass sie dann einige Fragen stellen würde, die er nicht beantworten konnte.

Es hatte doch ein halbes Jahr wunderbar geklappt. Und jetzt auf einmal nichts mehr.

Und Schuld war diese leidige Erinnerung. Zu nichts nutze und dann noch Stress verursachend. Genervt ließ Chris Helen los und drehte sich zur Seite. Jetzt war sie diejenige, die keine Decke mehr hatte.

"Was soll das? Es ist kalt. Gib mir die Decke wieder."

Kommentarlos folgte Chris ihrer Forderung, doch statt sich wieder an sie zu schmiegen, stand er auf.

"Bleib' liegen, ich mach mir was zu trinken und komm' wieder zu dir."

"Schön."

Statt sich wieder in das Laken zu kuscheln, räkelte sich Helen und ließ viel Haut sehen. Normalerweise hätte es Chris dazu gebracht, wieder ganz schnell ins Bett zu gehen, doch heute regte sich nichts - nur sein schlechtes Gewissen, das ihm sagte, dass Helen nun wirklich nichts dafür konnte. Er beugte sich über seine Freundin und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

"Was hältst du davon, wenn ich uns ein richtiges Frühstück mache? Mit Kaffee, Omelett und Brötchen."

"Du wolltest doch wieder zu mir kommen?"

"Stimmt, aber ich merke gerade, wie hungrig ich bin. Also, was meinst du?"

Helen schien über seinen Vorschlag gar nicht glücklich zu sein, aber Chris wusste ganz genau, dass es besser war aufzustehen.

Auch wenn er jetzt keinen hochbekommen hatte, vielleicht konnte er später mit Helen eine Nummer auf dem Küchentisch schieben. Es durfte doch einfach nicht wahr sein, dass es nicht klappte.

"Gut, dann hab' ich wohl keine andere Wahl. Vor einem halben Jahr dachte ich noch, dass du schwanzgesteuert wärst. Heute weiß ich es besser: Bei dir geht die Liebe durch den Mangen. Nur gut, dass du dich selbst bekochst."

"Stimmt, denn wenn du kochen müsstest, würden wir verhungern."

Nicht dass das bei Edgar anders wäre. Der war nicht nur ein miserabler Koch, sondern auch sehr chaotisch.

Helen war ordentlich, selbst für Chris' Verhältnisse zu ordentlich.

*Bums*

Das war das Kopfkissen gewesen. Und Helen hatte damit seinen Kopf getroffen. Als Chris sich von dem Ungetüm befreit hatte, sah er, dass seine Freundin lachte.

Doch statt sich zu einer Kissenschlacht provozieren zu lassen, ließ er das Kissen auf das Bett fallen und hob seine Jeans vom Boden auf, warf sie aber einen Moment später angewidert zu Seite. Sie stank nach Bier und Rauch.

Und wieder waren die Erinnerungen an seine Nacht mit Edgar da. Wild, lebhaft und in Farbe.

Chris stolperte zum Schrank, griff sich die erste Hose, die er in die Finger bekam, und floh aus dem Schlafzimmer.

Helen rief ihm etwas hinterher, doch er verstand es nicht.

Erst in der Küche - durch zwei Türen von Helen getrennt - blieb er stehen und sah sich um. Alles war sauber und ordentlich. Es stand noch nicht einmal ein Glas in der Spüle. Es wirkte fast schon steril.

Ganz anders Edgars Küche. Immer ein wenig chaotisch, dafür strahlte sie eine Wärme aus, die Chris ein Gefühl von Heimat gab.

"Scheiße, Scheiße, Scheiße!"

Selbst Fluchen half nicht.

Nichts hielt sein Gehirn davon ab, Bilder zu erzeugen. Bilder von einem Edgar mit Mike. Zusammen frühstückend, gemeinsam an einem Auto schraubend - nein, das ging nicht, Mike reagierte ja auf Öl allergisch - oder wie die zwei zusammen im Bett lagen.

Im Gegensatz zu Chris' bisherigen Vorstellungen war dies aber nicht mehr abstoßend oder ekelhaft. Ganz im Gegenteil, er fühlte, wie sein Verräter sich regte.

Diese Bilder wollte er nicht.

Er zog die Jeans an und fing an, das Frühstück zu machen, und stellte als erstes die Kaffeemaschine an. Doch er schaffte es nicht sich abzulenken.

Als er die Kaffeetassen aus dem Schrank kramte und seinen ,Das kleine Arschloch'-Becher auf den Tisch stellte, musste Chris sich beherrschen, nicht alles stehen und liegen zu lassen und zu Edgar zu fahren. Wenn er diesem Impuls nachgeben würde, würde er vielleicht mit Edgar ins Bett steigen. Aber ansonsten würde er vor einem Scherbenhaufen stehen

Mike und Helen hätten dann mehr als einen Grund, sauer auf ihn zu sein. Und seinen Job konnte er dann vergessen, weil Mike ihm berechtigterweise das Leben zur Hölle machen würde.

Wie hatte Mike es ganz beiläufig, mit sanfter Stimme gesagt?

"Du hattest deine Chance, Chris. Wenn du es dir anders überlegst und Edgar wiederhaben willst, musst du dir einen anderen Partner suchen. Denn ich lass nicht zu, dass du auf meinen Gefühlen rumtrampelst."

Wieso hörte sich das Ganze nach einem schlechten Liebesroman an? Dort gab es doch auch tausend Irrungen und Wirrungen, bis die Prinzessin ihren Prinzen fand.

,Ich will lieber einen Prinzen. Oder einfach Edgar.'

Warum konnte er nicht zu Edgar fahren, ihm erklären, dass die Erinnerung wieder da war und gut war?

Edgar würde vielleicht fragen, ob er es wirklich ernst meinte, aber Chris zweifelte keinen Augenblick, dass sie schlussendlich im Bett landen würden.

Helen und Mike würden dann gute Miene dazu machen und Trauzeuge spielen.

Aber nein, das Leben war einfach nicht fair.

 

"Ist etwas Besonderes mit der Tasse?"

Chris blickte hoch. Helen war barfuss in die Küche gekommen. Sie trug nur ein T-Shirt und sah fast schon mädchenhaft unschuldig aus.

"Nein, sie hat mich nur an etwas erinnert."

"Mich erinnert sie immer an unseren ersten Arbeitstag. Als du viel zu spät in seltsamen Klamotten zur Observation gekommen bist. Und verkatert warst du. Manchmal frag' ich mich ja schon, was in dieser Nacht passiert ist."

,Ich weiß es jetzt.'

Sie schien aber keine Antwort zu erwarten, nahm ihre eigene Tasse - ein verliebter Obelix, der Falbala anschmachtete - und schüttete sich Kaffee ein.

"Auch was?"

"Ja, danke."

Es schien fast so, als ob Helen etwas sagen wollte, es sich dann aber anders überlegte. Kommentarlos goss sie Chris den Kaffee ein.

Da er noch zu heiß war, stellte Chris den Kaffee ab und kümmerte sich um das Omelett. Er wusste, dass Helen sich an den Tisch gesetzt hatte, die Füße untergeschlagen und ihre Hände um die Tasse geschlungen. Das machte sie immer, wenn sie zuschaute.

Bisher hatte es Chris gemocht, dass es ihr Spaß machte, ihm beim Kochen zuzusehen und zur Hand zu gehen. Heute machte es ihn nervös. Doch er sagte nichts.

Die Stille, die nur von seinem Hantieren mit den Kochutensilien unterbrochen wurde, empfand Chris als bedrückend. Fast als ob er dazu aufgefordert wurde, Helen zu erzählen, was mit ihm los war.

,Keine Chance. Never ever.'

"Bist du mir böse?"

Es war Helen, die das Schweigen brach. Chris war so in Gedanken versunken, dass er leicht zusammenzuckte.

Erstaunt drehte er sich um.

"Warum soll ich dir böse sein?"

"Weil ich zum Zoll wechsle und demnächst die Karriereleiter hochfalle."

"Dafür hast du aber die letzten Jahre hart genug gearbeitet."

"Es ist mir nicht leicht gefallen zu gehen, ich arbeite gern mit euch zusammen. Als man mir das Angebot gemacht hat, habe ich lange überlegt, ob ich es wirklich machen soll. Es ist ja nicht einfach, in die andere Behörde zu wechseln. Aber das haben wir ja oft genug durchgekaut."

"Ja, die haben dir einige Steine und noch viel mehr Formulare in den Weg gelegt."

"Stimmt, aber wenn ich es nicht gemacht hätte, würde ich jetzt von Zweifeln geplagt vor dir sitzen, würde mich fragen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe oder nicht. Und das jeden Tag meines Lebens. Ich musste einfach gehen."

Zweifel hatte Chris auch, genau seit jener Nacht, als er Edgar gesagt hatte, dass eben nicht alles möglich sei.

"Ich kann dich gut verstehen."

Um Helen nicht ansehen zu müssen, kümmerte Chris sich um das Omelett, obwohl es eigentlich nur vor sich hin brutzeln musste.

"Manchmal bist du mir unheimlich, Chris."

"Warum?"

"Du verstehst Dinge, die ich selbst noch nicht wirklich begriffen habe. Und dabei bist du nun wirklich kein Frauenversteher."

Was sollte Chris dazu sagen? Er entschied sich für ein neutrales Grunzen und stocherte in dem Omelett herum, als ob sein Leben davon abhing.

Plötzlich und ohne Vorwarnung schmiegte Helen sich an seinen Rücken und schlang besitzergreifend ihre Arme um seinen nackten Bauch. Was musste diese Frau auch barfuss laufen, so dass er ihre Schritte nicht hören konnte?

"Brumm doch nicht so rum. Mir brauchst du nichts zu beweisen, ich liebe dich mit all' deinen Macken. Obwohl ich mich manchmal frage, ob ich nicht verrückt bin, so einen Mann zu lieben."

"Danke, ich dich auch."

"Du brummst schon wieder."

"Süße", energisch packte Chris Helens Arme und versuchte, etwas Abstand zu gewinnen. "Wenn du meinen Kater hättest, würdest du auch nur brummen. Ich werde mich nach dem Frühstück gepflegt vor die Glotze setzen, mich durch sämtliche Kanäle zappen und hoffen, dass ich morgen wieder fit für die Arbeit bin."

"Du hast da was vergessen!"

"Dass du in dieser Planung nicht auftauchst? Tut mir leid, aber deinen Ansprüchen kann ich heute nicht genügen. Kein Sex, keine wilden Liebesspiele, denn davon werden meine Kopfschmerzen nur schlimmer."

Um seine anhängliche Klette loszuwerden, hatte Chris sich umgedreht und hielt Helen fest. Diese zog zur Antwort einen Schmollmund, der ihn fast schwach werden ließ. Doch irgendwie tauchte in genau diesem Augenblick ein Bild von Edgar vor seinem geistigen Auge auf.

,Verdammt, Edgar, verschwinde aus meinem Kopf!'

"Helen, bitte. Ich hab' noch nicht mal die Energie, um mich mit dir darüber zu streiten."

"Du brauchst dich doch nur auf den Rücken zu legen und die Augen zu schließen, den Rest erledige ich dann schon. Und keine Sorge, ich werde dich nicht fesseln."

Dunkel erinnerte sich Chris, warum Helen genau das sagte.

"Wir können es gerne machen, aber beschwer' dich nicht bei mir, wenn sich nichts regt, ich habe dich gewarnt."

Damit ließ er Helen los und drehte sich zum Herd. Als er das Omelett wendete, stellte er fest, dass es angebrannt war. Seufzend entsorgte er es in den Mülleimer.

"Gut, dann gibt es doch nur Brot. Das waren die letzten Eier."

Chris warf einen Seitenblick auf Helen, die sich wieder auf ihren Stuhl gesetzt hatte und schmollte. Wie immer, wenn etwas nicht so lief, wie sie es sich vorstellte.

Chris hatte weder Lust noch Nerven, dies mit ihr auszudiskutieren. Wenn sie mit seiner Tagesplanung nicht zurecht kam, war das ihr Problem. Den letzten freien Tag hatten sie ja auch auf dieser dämlichen Vernissage verbracht, die Helen so toll fand. Dass Chris sich dabei zu Tode gelangweilt hatte, hatte sie auch ignoriert.

 

Das Frühstück verlief in einer sehr eisigen Atmosphäre. Chris hatte keine Lust, sich mit Helen auszusöhnen. Wenn sie meinte, dass sie ein Recht hatte zu schmollen, dann sollte sie es. Bitteschön. So hatte er wenigstens seine Ruhe.

Nach dem Frühstück räumte Chris schweigend den Tisch ab und verzog sich mit einer vollen Kaffeetasse ins Wohnzimmer.

Helen kam ihm nicht nach. Chris konnte hören, wie sie duschte, und kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Eigentlich sollte Chris ein schlechtes Gewissen haben, schließlich war er nicht ganz unschuldig an dieser Auseinandersetzung. Aber das hatte er nicht. Er war froh, seine Ruhe zu haben und Helen nicht ins Gesicht sehen zu müssen, aus Sorge, dass sie merkte, dass es nicht nur der Kater war, der sein seltsames Verhalten verursachte.

Mit der Ruhe kehrten aber auch alle Bilder von Edgar zurück. Und der Wunsch, alles hinzuschmeißen und mit Edgar von vorn anzufangen, wurde immer größer.

Chris zappte sich durch sämtliche Kanäle, doch nichts konnte ihn ablenken. Es gab nur eine Sache, die ihn vom Nachdenken abhalten würde.

Als Chris sich dabei ertappte, wie er ein Glas mit dem teuren Whiskey füllte, wurde er wütend.

,Ich sollte doch am besten wissen, dass Alkohol keine Lösung ist!'

Er wollte sich nicht betrinken. Genauso wenig, wie er Edgar Sänger begehren wollte. Er wollte doch einfach nur in Frieden leben.

Laut fluchend warf er die Flasche und das Glas auf die Fliesen. Das Geräusch des berstenden Glases ließ seine Wut verrauchen. Betroffen stand Chris vor der Sauerei, die er angerichtet hatte.

,Was ist nur los mit mir?'

Mit den Fingern fuhr er sich durchs Haar.

So konnte es doch nicht weitergehen. Wenn er länger in dieser Wohnung bliebe, konnte er für nichts mehr garantieren.

Aber einfach aufgeben und fliehen war nicht sein Ding.

Er holte Besen und Kehrblech, entsorgte die Scherben und stieg dann unter die Dusche.

Zuerst drehte er warmes Wasser auf, dann kalt. Nichts, was er jeden Morgen machte, aber heute brauchte er es.

Anschließend fühlte er sich halbwegs wach.

Aber was sollte er jetzt machen? Sein Baby über die Piste zu jagen, war keine gute Idee, dafür war Chris noch nicht nüchtern genug. Ins Büro konnte er auch nicht, denn Mike wollte er bestimmt nicht über den Weg laufen.

Und seine restlichen Bekannten würden ihn nur nerven, wenn er sie besuchen würde.

Joggen war eine Möglichkeit. Dafür brauchte er sich nicht ins Auto zu setzen. Zudem hatte er schon viel zu lange das Training schleifen lassen.

Entschlossen rubbelte Chris sich trocken, zog sich Sportsachen an, schnappte sich die Schlüssel und verließ die Wohnung.

 

Zwei Stunden später fühlte Chris sich wesentlich besser. Er war nicht nur von der körperlichen Anstrengung ausgelaugt und irgendwie angenehm erschöpft, sondern hatte es auch noch geschafft, seine Gedanken in halbwegs logische Bahnen zu zwingen.

Ruhig hatte er seine Beziehung zu Helen überdacht und festgestellt, dass sie außer Sex und dem Job keine gemeinsamen Interessen hatten. Als Grundlage für eine Beziehung reichte es definitiv nicht.

Während Chris in der Bockenheimer Anlage seine Runden gedreht hatte, hatte er sich fest vorgenommen, mit Helen darüber zu sprechen. Vielleicht hatte er ja Glück und sie setzte ihn nicht direkt vor die Tür. Falls doch, würde er hoffentlich bei Mike unterkommen.

Was Edgar betraf, war es für Chris schwierig. Denn mit irgendwelchen logischen Argumenten konnte er diesen Gefühlswirrwarr nicht lösen. Sein Ziel war es, Mike nicht zu verletzen und seine Finger von Edgar zu lassen - vorerst jedenfalls.

Als Chris die Wohnungstür öffnete, wusste er sofort, dass Helen zurück war. Sie hatte nicht abgeschlossen, sondern nur die Tür ins Schloss fallen lassen.

Ein mulmiges Gefühl bereitete Chris Magenschmerzen. Was, wenn Helen ihn nun wirklich rausschmiss?

,Nur keine Angst, du schaffst das schon.'

"Helen! Ich bin wieder da!"

Vielleicht wäre es taktisch günstiger gewesen, ihr einen Zettel dazulassen.

Keine Antwort und Chris machte sich auf die Suche. Zuerst schaute er in der Küche nach, dann im Schlafzimmer, anschließend im Wohnzimmer und zum Schluss im Bad. Doch Helen war nirgendwo.

'Wahrscheinlich ist sie schon wieder weg.'

Allerdings hatte sie den Boden im Wohnzimmer noch feucht aufgewischt, wie Chris resignierend feststellte.

"Na, toll. Noch ein Grund, mir eine Szene zu machen."

Möglicherweise war sie zu ihrer Schwester gefahren, um sich dort auszuweinen.

Wahrscheinlich war es wirklich besser, sich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umzusehen.

 

Mike war bestimmt noch im Büro und schrieb Berichte - meistens machte er das an Tagen, wo Chris nicht da war.

Die Nummer war schnell gewählt und Mike hob schon nach dem zweiten Klingeln ab.

<Niemcek.>

"Hi, Mike, ich bin's."

<Grüß dich, Chris. Bist du krank? Du rufst doch sonst nie an, wenn du frei hast. >

"Das schon, ich habe da ein eher privates Problem."

<Helen?>

"Ja und nein."

Ein Seufzen war Mikes einzige Antwort.

"Es ist nicht so, wie du denkst", fügte Chris hinzu.

<Ach, ja? Da bin ich mir nicht so sicher. Was kann ich denn gegen dich tun?> "Darf ich ganz eventuell, nur für einige Nächte, auf deiner Couch pennen? Du bist eh die ganze Zeit bei Edgar und dann würde es doch gar nicht auffallen."

<Was hast du angestellt?>

"Wieso muss immer ich was anstellen?"

Das war nicht fair von Mike.

<Ich kenn' dich und deine Balzrituale schon seit einigen Jahren. Lang genug, um zu wissen, dass du immer Schuld bist.>

"Dieses Mal aber nicht. Jedenfalls nicht so, wie du denkst."

<Sondern?>

Mike klang eindeutig gelangweilt.

"Ich will heute mit Helen Schluss machen und rechne damit, dass sie mich anschließend rauswirft."

Auf der anderen Seite der Leitung herrschte erst einmal Stille. Mike schien es wohl die Sprache verschlagen zu haben. Dann hörte Chris, wie sein Partner sich räusperte.

<Irgendwie überrascht mich das gar nicht. Mich wundert nur, dass du so konsequent bist und zuerst den Schlussstrich ziehst. Aber es war nett, dass du gewartet hast, bis Helen bei uns aufgehört hat.>

Aus Mikes Mund hörte es sich so berechnend an. Und Chris fühlte sich richtig mies.

"Das stimmt nicht. Mir ist das erst heute klar geworden."

<Schon klar, du warst verkatert und sie hat rumgezickt, wollte wohl mehr, als du schlucken konntest.>

War Mike früher auch so ironisch und bissig gewesen? Jedenfalls hatte er bei Chris eine volle Breitseite gelandet. Nur den Mast hatte er noch nicht erwischt.

"Mike, ich möchte darüber am Telefon nicht groß diskutieren. Ich brauche einfach ein ,ja' oder ,nein' von dir."

<Und wenn meine Antwort nein lautet?>

Hatte Mike keinen Sex gehabt? Oder welche Laus war ihm über die Leber gelaufen?

"Dann fang' ich an zu beten, dass es eine messefreie Woche ist. Notfalls penn' ich in meinem Auto. Das hat wenigstens eine Standheizung."

<Dann hast du ja alles von langer Hand geplant.>

"Mike!"

Chris' Stimme hatte einen warnenden Unterton. Seine Geduld war erschöpft.

<Schon gut. Ich hab's kapiert. Und ja, du kannst bei mir übernachten. Vorausgesetzt, du kochst.>

"Das ist Erpressung!"

<Stimmt, aber ein Hotel wäre teurer. Rechne damit, dass Edgar sich auch zum Essen einlädt.>

,Auch das noch!'

Auf einmal waren die Kopfschmerzen wieder da und Chris hatte das Gefühl, dass nicht nur eine Horde um sein Hirn kämpfte. Es war Zeit, das Geplänkel mit Mike zu beenden.

"Gut, ich hab' ja keine andere Wahl. Wann bist du zu Hause?"

<Ich werd' in einer Stunde Feierabend machen und fahre dann direkt zu mir.>

"Gut, ich weiß wohl noch nicht, wann ich einschlagen werde. Helen ist unterwegs und ich habe keine Ahnung, wann sie zurückkommt."

<Ach, Chris?>

,Was wollte Mike jetzt noch?'

Immer wenn sein Partner diesen Ton anschlug, dann kam es ganz dicke. Entsprechend zurückhaltend reagierte Chris auch.

"Ja, bitte."

<Wenn du gestern noch den Hofmann-Bericht fertig geschrieben hättest, statt ihn in meine Schublade zu legen, dann wäre ich eben wesentlich netter zu dir gewesen.>

"Was war denn damit los? Ehrenberg braucht ihn doch nicht vor Mittwoch. Ich wollte nur, dass du dir mein bisheriges Geschreibsel mal ansiehst, denn ich habe das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Hast du die Notiz nicht gesehen?"

Siedendheiß fiel Chris ein, dass er keinen Zettel geschrieben hatte.

<Da war keine Nachricht. Und Carstensen hat mich heute Morgen im Flur abgefangen, um mir zu sagen, dass er ausgerechnet diesen Bericht jetzt sofort braucht. Ich konnte mir noch nicht mal einen Kaffee holen, so sehr hat der genervt.>

"Ähm..."

Doch Mike ließ Chris nicht zu Wort kommen.

<Weißt du, dass ich deinen ganzen Schreibtisch durchwühlt habe, bis ich ihn irgendwann ganz zufällig bei mir gefunden habe. Ich habe mit diesen Scheißbericht zwei Stunden verschwendet und durfte dann Carstensen sagen, dass er sich noch gedulden muss, weil der Bericht nicht fertig war.>

Von allen Staatsanwälten, mit denen sie zusammen arbeiteten, war Carstensen das größte Arschloch. Er strahlte eine Arroganz aus, bei der Chris jedes Mal in Versuchung war, einfach nur zuzuschlagen, um zu sehen, wie diese Selbstgefälligkeit verschwand. Bisher hatte er sich immer zurückhalten können. Selbst Helen war nicht mit Carstensen zurecht gekommen.

"Es tut mir leid."

Und das meinte Chris auch so. Irgendwie musste er das wieder glatt bügeln.

<Ich habe ja gerade schon meine Rache gehabt. Also vergiss es. Ich hab' doch noch eine Bitte...>

"Dir erfüll' ich jeden Wunsch."

<Ich werde dich daran erinnern.> "Okay ich erfülle dir fast jeden Wunsch. Was denn?"

<Meldest du dich bitte kurz, wie es mit Helen gelaufen ist? Selbst wenn sie dich nicht rausschmeißt?>

Die Sorge in Mikes Stimme zu hören, tat Chris richtig gut.

"Sicher mach ich das. Und Mike?"

<Ja?>, kam es nur zögerlich von der anderen Seite. Dachte Mike wirklich, dass er die Situation ausnutzen würde?

"Danke, manchmal hab' ich dich wirklich nicht verdient."

<Ersetz' das ,manchmal' durch ,immer' und dann stimm' ich dir zu.>

Das breite Grinsen seines Partners bekam Chris selbst durch den Hörer mit. Wenn da nicht noch ein Gespräch mit Helen anstehen würde, hätte er jetzt sogar lachen können.

"Träum' weiter, Mike!"

<Du kommst in meinen Träumen nicht vor. Bis nachher.>

"Bis nachher."

Kopfschüttelnd legte Chris den Hörer auf die Gabel. Der erste Schritt war getan.

Jetzt musste er nur noch sehen, dass die Unterredung mit Helen ohne Blutvergießen endete.

Aber zuerst brauchte er dringend eine Aspirin.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Tablette wirkte und das Pochen in seinem Kopf soweit nachgelassen hatte, dass er wieder klar denken konnte.

 

Eine weitere halbe Stunde später ertappte Chris sich dabei, dass er unruhig in der Wohnung auf und ab lief. Den Fernseher hatte er mehrfach angeschaltet, sich durchgezappt und wieder ausgeschaltet. Die aktuelle Sportzeitung konnte ihn auch nicht faszinieren.

'Wenn ich so weiter mache, bin ich ein Fall für die Klapse.'

Und darauf hatte Chris überhaupt keine Lust. Solange er auf Helen wartete, musste er sich irgendwie sinnvoll beschäftigen. Aber er hatte nichts zu tun. Die Küche war so sauber, dass man selbst vom Fußboden essen konnte, das Bad war frisch gewischt. Im Schlafzimmer hatte Helen die Betten gemacht und selbst das Wohnzimmer war aufgeräumt, noch nicht mal eine Zeitung lag auf dem Tisch.

Nichts, was ihn ablenken könnte.

Chris war sich bewusst, dass seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren und dass es eigentlich zwecklos war, Helen in diesem Zustand gegenüberzutreten.

'Ein falsches Wort von ihr und ich ticke so aus, dass sie mich rausschmeißt, ohne mir Zeit zu geben, meine Koffer zu packen.'

Um das zu verhindern, ging Chris ins Schlafzimmer und packte seine Sachen. Erstaunlich schnell war er fertig. Dafür hatte er sich zwar einen von Helens Koffern ausgeliehen, aber er hoffte, dass sie ihm das nicht vorwerfen würde.

Zwei Koffer und eine Plastiktüte. Das waren all seine Habseligkeiten. Gut, den Wohnzimmerschrank und die Mikrowelle hatte Chris auch bezahlt, aber irgendwie zählte das nicht.

Er schloss gerade den zweiten Koffer, als er hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde. Schnell stellte er das Gepäck in den Schrank. Vielleicht schaffte er es dieses eine Mal, eine Beziehung halbwegs diplomatisch und ohne Streit zu beenden.

Helen war noch im Flur und zog ihre Schuhe aus. So, wie sie aussah, hatte sie einen ausgedehnten Waldspaziergang hinter sich. In ihren Haaren hing noch ein halb vertrocknetes Blatt und ihre Schuhe waren verschlammt. Irgendwie sah sie sehr verfroren aus.

Chris kam sich sehr linkisch vor, als er vor ihr stand und sie betrachtete. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte.

"Möchtest du einen Kaffee haben?"

Es war sich nicht sicher, wie er sie begrüßen sollte, alles kam ihm falsch vor.

Helen stellte ihre Schuhe ordentlich in den Schuhschrank, bevor sie Chris ansah. Sie schien genauso fertig zu sein wie er selbst. Jedenfalls hatte sie dunkle Ringe unter den Augen und schien auch geweint zu haben.

"Ja, gerne. Danke."

Es war eine Flucht, eine feige Flucht in die Küche. Und dabei wollte er ihr mutig gegenübertreten.

'Verdammt, verdammt, verdammt!'

Gerade als Chris das Wasser in die Maschine schüttete, betrat Helen die Küche. Mit ihren Hausschuhen war sie unüberhörbar.

"Ich geh kurz ins Bad, mich etwas frisch machen. Bin gleich wieder da."

Bevor Chris etwas sagen konnte, war Helen auch schon wieder weg.

Die Tassen mit dem dampfenden Inhalt standen auf dem Tisch und Chris stellte gerade die Kanne ab, als Helen wieder reinkam.

Auch wenn sie nur wenige Minuten im Bad gewesen war, hatte Chris den Eindruck, dass sie an ihrem Aussehen mehr getan hatte als sonst in zwei Stunden. Er verkniff sich aber jeden Kommentar.

Stattdessen setzte er sich hin, nahm seine Tasse und trank einen kleinen Schluck. Der Kaffee war zwar noch sehr heiß, aber so eben erträglich.

Helen setzte sich zu ihm und nahm ihren Becher. Statt zu trinken, wärmte sie ihre Finger daran.

"Ich habe heute viel Zeit gehabt, um nachzudenken."

Eigentlich hatte sich Chris diesen Satz zur Eröffnung zurecht gelegt, deswegen war er überrascht, dass Helen ihn jetzt benutzte.

"Du auch?"

"Seit wann denkst du nach?"

Nein, Chris spülte den bissigen Kommentar, den er schon auf den Lippen hatte, mit einem großen Schluck Kaffee hinunter - um anschließend nach Luft zu schnappen. Der Kaffee war heiß.

"Es tut mir leid. Ich wollte dich jetzt nicht beleidigen. Es ist mir rausgerutscht, ich bin einfach nervös."

"Schon gut. Ich fühl' mich auch nicht wohl in meiner Haut. Worüber hast du denn nachgedacht?"

Es war doch nur höflich, wenn er Helen bei der Wahl des Gesprächsthemas den Vortritt ließ.

"Ich habe versucht herauszufinden, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben."

"Und zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?

Helens Gedanken hatten sich wohl in ähnlichen Bahnen bewegt wie seine eigenen.

"Drei Mal darfst du raten."

"Sex und die Arbeit. Mehr verbindet uns nicht. Dafür kann ich dir umso mehr Unterschiede aufzählen."

"Und was ist mit dem Kochen?"

"Ich koche und du schaust zu. Eine wirkliche Gemeinsamkeit ist es wohl nicht."

Es tat weh, das so sachlich zu diskutieren. Und statt Helen anzuschauen, starrte Chris auf seine Tasse.

"Da hast du wohl auch Recht. Und weißt du, zu welcher Erkenntnis ich gekommen bin?"

Helens Stimme hörte sich unheimlich traurig an. Chris sah hoch und bemerkte die Träne, die über ihr Gesicht lief.

'Musste es so weh tun?'

"Ich befürchte, dass ich zu der gleichen Antwort gekommen bin."

Warum saß jetzt nur so ein Kloß in seinem Hals.

Chris nahm aus seiner Hosentasche ein frisches Tempo und reichte es Helen, doch die beachtete es gar nicht. Sie schien Chris gar nicht wahrzunehmen, sondern starrte auf ihre Tasse.

"Du meinst, dass das mit uns nicht gut gehen kann?"

Es war leise, fast ein Flüstern, und Chris nickte nur, weil er seiner Stimme nicht traute, aber da Helen nicht hochschaute, räusperte Chris sich.

"Ja, es tut mir leid, Sü- Helen."

"Mir auch."

Jetzt weinte Helen. Doch kein Ton kam über ihre Lippen. Sie saß einfach nur still da und Chris beobachtete, wie die Tränen herabliefen. Bis es ihm zu viel wurde. Er stand auf, ging zu Helen und hockte sich neben sie.

Zuerst berührte er sie vorsichtig am Arm, versuchte dann, ihr mit dem Taschentuch, das er immer noch in der Hand hielt, die Tränen abzuwischen.

Als Chris merkte, dass es nichts half und Helen sich in einen Weinkrampf reinzusteigern schien, zog er sie kurzentschlossen in seine Arme.

 

Zwei Stunden später stand Chris vor Mikes Tür. Schwer bepackt mit seinen Sachen und einfach nur fertig.

Es hatte eine Weile gedauert, bis Helen sich wieder beruhigt hatte. Dabei hatte sie so geheult, dass er anschließend sein Hemd wechseln musste. Chris hatte sich hilflos gefühlt wie selten zuvor. Bisher hatten seine Beziehungen immer im Streit geendet und irgendwie schien es nach dieser Erfahrung doch die einfachere Methode, Schluss zu machen.

Zuerst hatte er Helen nur getröstet und nachdem sie sich beruhigt hatte, bestand sie darauf, ihre Beziehung noch einmal zu diskutieren.

Für Chris war es eine Tortur gewesen. Und wenn da nicht der Gedanke an Edgar gewesen wäre, hätte Helen ihn erneut rumbekommen. Aber als sie versucht hatte, ihn zu verführen - bisher ihre erfolgreichste Strategie, Streit zu beenden - da hatte sich bei Chris absolut gar nichts gerührt.

Nach einer Weile hatte Helen aufgegeben; sie wusste, wann sie verloren hatte. Diesen Augenblick hatte Chris genutzt, um ihr vorzuschlagen, sofort zu gehen, und Helen hatte zugestimmt.

Aber als Chris die gepackten Koffer hervorgeholt hatte, hatten erneut Tränen in ihren Augen gestanden. Dieses Mal war Chris standhaft geblieben. Er hatte sie nur kurz gedrückt, ihr den Wohnungsschlüssel gegeben, sich überzeugt, dass er seinen Autoschlüssel eingesteckt hatte, und dann die Wohnungstür hinter sich ins Schloss gezogen.

Chris hatte das Gefühl, dass ein großer Stein von seinem Herzen gefallen war. Das Kapitel Helen Renmark war für ihn beendet.

 

Trotz allem zögerte Chris, als er jetzt vor Mikes Wohnung stand. War es eigentlich richtig, sich bei seinem Partner einzuquartieren, wo er es auf dessen Freund abgesehen hatte?

,Ich werd' alt. Früher hatte ich doch auch nie Gewissensbisse.'

Im Gegenteil, für eine heiße Affäre hatte er verheiratete Frauen bevorzugt. Diese beanspruchten nicht soviel Zeit, waren meistens ausgehungert nach Zärtlichkeit und ansonsten recht anspruchslos.

Und selbst als Chris mit Uschi eine feste Beziehung eingegangen war und bei ihr gewohnt hatte, hatte es ihn nicht gehindert, sich auf das eine oder andere Abenteuer einzulassen.

Wenn er daran dachte, dass er beim letzten Polizeifest Kallenbachs Verlobte auf dem Rücksitz seines Autos vernascht hatte, musste er grinsen. Es war sehr unbequem gewesen, aber die Gefahr, erwischt zu werden, hatte den Reiz nur erhöht.

Bis heute wusste Kallenbach nicht, was da gelaufen war. Und wenn es nach Chris ging, würde er es auch nie erfahren.

Helen hatte er nicht betrogen. Sie hatte ihm einfach keinen Freiraum dafür gelassen und dann war sie im Bett auch noch so fordernd gewesen, dass er keine Energie mehr für andere Frauen gehabt hatte.

Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihn keine andere Frau mehr interessiert hatte. Irgendwie hatte sich ein ganz gewisser Automechaniker in sein Herz geschlichen. Vielleicht war das der Grund für seine Treue gewesen.

Wieso hatte er also bei Mike und Edgar Probleme?

Edgar war doch auch kein Kind von Traurigkeit. Wenn Chris es richtig mitbekommen hatte, traf er sich immer noch regelmäßig mit Marco. Warum also sollte er dann ein Problem damit haben?

Das Öffnen der Tür riss Chris aus seinen Gedanken und Mike stand vor ihm.

"Wie lange stehst du denn schon hier? Komm' rein, es ist doch kalt draußen."

In dem Moment wusste Chris, dass er es Mike einfach nicht antun konnte. Sein Partner war so glücklich, seit er mit Edgar zusammen war, dass er ihn wirklich nicht verletzen wollte. Dafür waren sie einfach schon viel zu lange befreundet.

"Danke."

Und als Mike ihn in seine Wohnung schob, ihm die Koffer abnahm und ihn in eine Umarmung zog, wusste Chris, dass er von sich aus nichts mit Edgar anfangen würde.

 

Mike stellte keine Fragen, sondern gab Chris einfach nur den Halt, den er brauchte.

Es hatte doch Vorteile, wenn der beste Freund schwul war.

Nach einer kleinen Ewigkeit löste sich Chris aus der Umarmung.

"So schlimm?"

Chris konnte nur nicken. Darüber reden wollte er nicht. Noch nicht.

Das schien Mike auch ohne Erklärung zu verstehen.

"Komm erst mal ins Wohnzimmer. Ich glaub', du kannst zur Stärkung was Hochprozentiges brauchen."

Schon wieder wurde Chris am Arm gepackt. Jetzt wurde er ins Wohnzimmer geschoben. Es war ein großer Raum, mit einem rotbraunen, flauschigen Teppichboden. Auch die Möbel und Vorhänge spiegelten diese Töne wider.

Chris fragte sich schon seit seinem ersten Besuch, warum Mike diese Wohnung die ganzen Jahre vor ihm versteckt und ihn nie eingeladen hatte.

Oder lag es daran, dass Mike vor Edgar mit einem andern Mann zusammengelebt hatte?

Chris schwor sich, Mike in den nächsten Tagen darauf anzusprechen.

Auf der Couch - die für die nächsten Tage Chris' Schlafstätte sein sollte - saß Edgar. Er hielt ein Rotweinglas in der Hand und wirkte gutgelaunt, zufrieden und entspannt.

,Ich hätte wissen müssen, dass Mike Edgar anruft. Das überleb' ich nicht.'

Es war fast zuviel für Chris und als Mike ihm ein Whiskeyglas in die Hand drückte, kippte Chris den Inhalt in einem Zug runter.

Das Brennen im Hals war fast schon angenehm.

"So schlimm?"

Wusste Edgar, dass er Mikes Frage wiederholte?

"Schlimmer. Ich hatte nie gedacht, dass mir eine freundschaftliche Trennung so an die Nieren geht. Selbst als Uschi mir die Koffer vor die Tür gestellt hatte, hab' ich mich nicht so elend gefühlt."

,Das Erwachen am nächsten Morgen zählt nicht.'

"Chris, vielleicht liegt es daran, dass du erwachsen wirst."

Mikes gutmütiger Spott prallte an Chris ab.

"Gut möglich. Oder es liegt daran, dass ich noch was für Helen empfinde. Aber egal. Ich will nicht darüber reden."

Währenddessen hatte Mike Chris noch einen Whiskey eingeschenkt und sich in den Sessel gesetzt, so dass Chris die Wahl zwischen Hocker und Couch blieb.

'Ist das ein Test?'

Der Hocker war viel zu unbequem, deswegen setzte Chris sich neben Edgar und ignorierte das Kribbeln in seinem Bauch.

Dass in den nächsten Minuten keiner redete, störte Chris nicht. Im Gegenteil, er empfand es als entspannend. Jetzt war auch leise Musik zu hören, Mike hatte wohl eine Klassik-CD eingelegt.

,Helen weiß bestimmt, was es ist.'

Chris jedoch hatte keine Ahnung. Er spürte nur, dass die Musik - irgendwelche Streichinstrumente, die eine schöne Melodie spielten - ihn dazu brachte, sich fallen zu lassen.

Seufzend lehnte er sich zurück, schloss die Augen und versuchte, sich nur auf die Musik zu konzentrieren.

Es tat gut, bei zwei Freunden zu sitzen. Weder Mike noch Edgar würden jetzt irgendwelche Fragen stellen. Sie kannten ihn gut genug, um zu wissen, dass er irgendwann von selbst anfangen würde.

Ganz langsam driftete Chris ins Land der Träume. Der Tag war anstrengend gewesen und er war körperlich und geistig erschöpft.

*Klatsch*

Chris schreckte hoch.

"Verdammt! Was soll das?"

Edgar hatte mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel geschlagen. Es tat nicht weh, aber das Geräusch hatte ihn aufgeschreckt.

"Nicht einschlafen, Chris."

"Warum nicht? Das ist für die nächsten Tage mein Bett und ich bin einfach nur müde."

"Es ist nicht dein Bett."

So wie Edgar ihn ansah, ahnte Chris Übles.

"Sondern?"

"Ich habe eben alles noch mal mit Mike durchgekaut und wir sind uns einig, dass es besser ist, wenn du wieder das Bett im Gästezimmer beziehst."

,Bloß nicht.'

"Eddie meint, dass wir die meiste Zeit hier verbringen und nicht in seiner Wohnung. Und da hast du dann auch noch ein Zimmer, in das du dich zurückziehen kannst."

"Ich will doch bei niemandem einziehen, ich suche nur ein Bett, in dem ich einige Nächte pennen kann. Wenn ich eine Wohnung gefunden hab', dann bin ich weg."

Und wenn sich Edgar noch weiter so räkelte und ihn immer wieder scheinbar zufällig berührte, dann war es nur eine Frage von Minuten, bis Chris alle guten Vorsätze über Bord schmeißen würde.

Nein, länger als einige Tage würde er diese Wohngemeinschaft nicht ertragen.

"Wovon träumst du, Chris? Seit dem Sommer hat sich der Wohnungsmarkt nicht geändert. Marco sucht auch schon seit Monaten nach einer neuen Bleibe."

Bei Chris klingelten sämtliche Alarmglocken und er setzte sich auf.

"Willst du damit etwa andeuten, dass Marco auch-"

"Nein", Edgar hob abwehrend seine Hände und verschüttete dabei den Wein - traf aber nur seine eigene Hose und kümmerte sich nicht groß darum. Mike verfolgte die Szene mit einem panischen Gesichtsausdruck, der sich erst entspannte, als Edgar das Glas absetzte.

"Glaubst du wirklich, dass ich euch beide zusammen in meine Wohnung lasse? Das würde ich meiner Bude doch nicht antun. Marco wohnt bei seiner Mutter, nur haben die so ihre Probleme miteinander."

,Weil er schwul oder weil er kriminell ist?'

Chris schaffte es so gerade eben, diesen Kommentar für sich zu behalten. In Edgars Gegenwart gab es Themen, die man besser nicht diskutierte. Schon gar nicht, wenn man direkt neben ihm saß.

"Ich habe kein Problem mit Marco. Und deine Wohnung würde es auch überleben. Marco hat nur ein Problem mit mir!"

"Stimmt, und meine Mutter liebt Marco heiß und innig. Mir kommt das im Moment ganz recht, da Marco meint, Besitzansprüche zu stellen, die er nicht hat."

Langsam verstand Chris, worauf Edgar hinaus wollte.

"Du meinst, wenn er weiß, dass ich wieder bei dir wohne, dann hast du deine Ruhe?"

"Genau so. Und Mike hat keinen Grund mehr, sich Sorgen zu machen."

,Das sehe ich aber anders.'

"Wenn ich mir wegen Marco Sorgen machen würde, dann würde er eher gestern als morgen in U-Haft sitzen. Dein Kumpel hat genug Dreck am Stecken, dass ich mir dafür nicht mal die Hände schmutzig machen müsste."

Diesen Ton kannte Chris. Früher hatte Mike genau in diesem Tonfall Kommentare zu den Schwulenwitzen abgegeben. Und so wie er Edgar ansah, war er sehr... Eifersüchtig war vielleicht das falsche Wort. Besitzergreifend war der bessere Ausdruck.

"Warum hast du Marco nicht gesagt, dass Iris bei dir wohnt? Dann hättest du sowieso deine Ruhe."

Besser ein unverfängliches Thema anschneiden. So sehr Chris sich wünschte, mit Edgar zusammen zu sein, genau so wenig wollte er jetzt einen Streit miterleben. Das sollten sie unter sich klären.

"Iris war über Weihnachten zwei Wochen bei uns. So sehr ich sie in der Zeit schätzen gelernt habe, ich war heilfroh, als sie wieder weg war."

"Was Mike damit sagen will: Niemand glaubt mir, wenn ich behaupte, dass Mutter jetzt noch bei uns ist."

"Ja, sie ist anstrengend", war Chris' einziger Kommentar dazu. Er hatte genug von den beiden. "Wenn ich das Gästezimmer beziehen soll, dann gibst du mir besser jetzt den Schlüssel, denn sonst penn' ich doch auf der Couch ein."

"Du weißt ja, wenn du reden möchtest-", setzte Mike an.

"Ja, ich weiß, aber nicht heute. Ich brauch' eine Dusche, etwas zu essen und dann eine Matratze."

"Ähm..."

"Ist der Kühlschrank mal wieder leer?"

Von Edgar kam nur ein Nicken.

"Lass mich raten, die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, die Nachbarn von oben sind besonders aktiv und du bist pleite."

Wieder nickte Edgar, gab sich aber Mühe, schuldbewusst auszusehen.

Das führte Chris in Versuchung, ihm einfach nur durch die Haare zu strubbeln. Erst als er die Hand schon ausgestreckt hatte, wurde ihm klar, was er da - direkt vor Mikes Nase - vorhatte.

Er verwandelte die Geste in einen Klaps auf Edgars Hinterkopf.

"Hey! Was soll das?"

Edgar rieb sich die Stelle und sah Chris empört an.

"Den hast du dir verdient. Und lass dir eins gesagt sein: dafür, dass ich bei dir wohne, kauf' ich die Lebensmittel und putze. Komm' mir nicht mit Miete und sei ordentlich, wenn ich aufgeräumt habe. Und wenn deine Mutter zu Besuch kommt, dann schlafe ich bei Mike."

Chris zögerte einen Moment, dann setzte er nach.

"Und falls dein lieber Marco jemals bei dir auftaucht, dann schmeiße ich ihn raus."

"Gott, womit habe ich das verdient? Jetzt habe ich zwei Ordnungshüter am Hals."

Fast gleichzeitig sahen sich Mike und Chris an und schüttelten die Köpfe.

Dann fiel Chris noch etwas ein.

"Ach ja, deine Werkstatt-"

"Ja, ja. Keine geklauten Autos zum Umlackieren, keine illegalen Ersatzteile und für jede Droge, die härter ist als Hasch, setzt es Schläge."

Glücklich und zufrieden sah Edgar in dem Moment gar nicht aus.

"Das war zwar nicht ganz das, was ich sagen wollte, aber ja, es passt."

"Das habe ich Edgar als meine Bedingungen für unsere Beziehung diktiert", mischte sich Mike wieder in das Gespräch ein.

"Hält er sich dran?"

Denn irgendwie konnte Chris das nicht so ganz glauben.

"Mike hätte es anders formulieren sollen. Ich steh' auf Schläge."

Die Bilder, die darauf in Chris' Kopf entstanden, waren nicht jugendfrei.

"Ich glaub's nicht! Chris, du wirst ja rot."

Musste Mike das jetzt sagen?

"Das ist noch gar nichts. Ich finde ihn ganz besonders niedlich, wenn er vor Verlegenheit nicht weiß, was er sagen soll."

,Edgar, ich liebe dich.'

Chris musste sich räuspern, dann konnte er auf ihre lieben Kommentare antworten.

"Danke. Wofür brauch' ich Feinde, wenn ich euch als Freunde hab'?"

Auf diesen Schreck nahm Chris sein Glas und kippte den restlichen Inhalt runter.

,Autofahren ist jetzt nicht mehr.'

"Dafür übernachte ich heute hier. Und morgen fahr ich nach der Arbeit einkaufen und kümmere mich um die Wohnung. Aber verlange nicht, dass ich mich heute noch deiner Bude stelle."

Fragend schaute Chris Mike an. Dieser stimmte mit einem leichten Senken seines Kopfes zu.

 

Der restliche Abend verlief für ihre Verhältnisse sehr harmonisch. Das Abendessen bestellten sie beim Chinesen und nachdem der Tisch abgeräumt war, verwandelte Mike die Couch in ein Bett, während Edgar den Müll runter brachte. Doch selbst in diesem Moment fragte Mike nicht nach Helen.

Als Chris unter seiner Decke gekuschelt darauf wartete, endlich einzuschlafen, fragte er sich, was Helen jetzt wohl machte und ob sie auch Freunde hatte, bei denen sie unterkriechen konnte.

Irgendwie bezweifelte er, dass ihre Schickimicki-Bekanntschaften dazu taugten. Er hoffte, dass ihre Schwester für sie Zeit hatte.

Bevor er aber weiter grübeln konnte, schlief er ein.

 
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