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Der erste Schritt
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Der erste Schritt

Teil 2
© by Aisling ()
 
Disclaimer: Mir gehört mal wieder gar nichts...
Kommentar: Hatte ich schon erwähnt, dass mich die 'Echten Kerle' einfach nicht loslassen? Wie ich es schaffe, aus so einem kleinen Film so viele Storys zu ziehen, ist mir selber ein Rätsel. Die aktuelle Geschichte kann man als lose Fortsetzung von 'Schattensprünge' sehen. Man muss 'Schattensprünge' aber nicht kennen, um diese Story lesen zu können.
Timeline: Etwa sechs Monate nach dem Film.
Beta: Birgitt
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Das Aufstehen am nächsten Morgen war sehr nervenaufreibend.

Drei Männer, die fast gleichzeitig ins Bad wollten, war ein Erlebnis, auf das Chris in der näheren und ferneren Zukunft definitiv verzichten konnte.

Auch wenn oder eben weil einer dieser Männer ein spärlich bekleideter Edgar war.

Doch genau dieser Edgar blockierte das Bad über eine Stunde. Er hatte sogar abgeschlossen und das kannte Chris gar nicht von ihm.

Mike - Frühaufsteher wie er war - hatte die Nase vorn gehabt und war schon weg, noch bevor Chris überhaupt unter die Dusche kam.

Als Chris um halb zehn im Präsidium ankam, war seine Laune auf dem absoluten Nullpunkt. Nach der Badezimmeraktion musste auch noch ein Idiot auf der Bremer Strasse einen Unfall bauen, so dass der Verkehr nur einspurig lief. Das absolute Verkehrschaos war angesagt.

Mit einem sehr mürrischen "Morgen!" betrat Chris sein Büro und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

Es war kein Wunder, dass Mike sofort die Flucht ergriff.

Zwei Minuten später, noch bevor Chris überhaupt daran gedacht hatte, seinen Computer hochzufahren, kam Mike zurück und stellte Chris eine Tasse auf den Schreibtisch.

Überrascht sah Chris auf.

"Ich habe eher damit gerechnet, dass du frühestens in einer Stunde wieder auftauchst. Womit habe ich das verdient?"

"Eigentlich gar nicht. Aber ich habe in den Nachrichten gehört, was auf der Bremer Strasse los ist. Und nachdem dich Edgar ein klein wenig aufgehalten hat, kann ich mir vorstellen, dass du den Kaffee jetzt dringend brauchst."

"Mike, ich liebe dich."

So wollte Chris das eigentlich gar nicht sagen. Und Mike musste es natürlich falsch verstehen.

"Nee du, das lass' mal lieber bleiben."

"So meinte ich das auch gar nicht. Ich steh' nicht auf Männer."

Dass Chris für einen ganz gewissen Automechaniker inzwischen eine Ausnahme machen würde, verschwieg er.

"Ja, ja, ich weiß."

Mikes Grinsen war fast schon ansteckend, so deprimierend Chris' Gedanken auch waren, irgendwie besserte sich seine Laune.

"Sag mal, Mike, hättest du mich nicht warnen können, dass Edgar so ewig lange im Bad braucht?"

"Wer hat denn ewig mit ihm in einer WG gewohnt? Ich dachte, dass du diese Marotte von ihm kennst."

"Als ich bei ihm gewohnt habe, ist er nicht so früh aufgestanden. Wenn ich fertig war, um zum Dienst zu gehen, da drehte er sich meistens noch mal um."

"Das war auch im Sommer."

"Und was hat das damit zu tun?"

Chris trank noch einen Schluck Kaffee. Vielleicht verstand er dann, was Mike sagen wollte.

"Seit dem Glatteis letzten Monat hat Edgar eine Warteliste für Reparaturaufträge. Er ist jetzt fast immer schon um sieben Uhr morgens in der Werkstatt und vor zehn brauch' ich gar nicht mit ihm zu rechnen."

"Dann sind unsere Dienstzeiten ja fast schon angenehm."

Aber irgendwas stimmte nicht an dem, was Mike gesagt hatte. Zuerst fiel es Chris nicht ein. Deswegen kümmerte er sich erst mal um die Arbeit und fuhr den Computer hoch.

Als er sein Passwort eingegeben hatte und sich über die langen Ladezeiten ärgerte, wusste er plötzlich, was es war.

"Wieso ist Edgar pleite, wenn er soviel arbeitet?"

"Ich wusste, dass du das fragen würdest."

Mike schien sich gar nicht wohl zu fühlen.

"Was hat er jetzt wieder angestellt?"

"Nichts Illegales. Mehr oder weniger jedenfalls."

Bei dieser Formulierung stutzte Chris. Was war los?

"Komm, jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Besser ich erfahr' es jetzt als später, wenn ich bei Edgar wohne."

"Dann ist es Edgar, der deinen Ärger abbekommt. Und er hat es sogar verdient."

"Gut, ich werde mich nicht aufregen, vorausgesetzt, ich erfahre jetzt, was los ist."

Mike nippte noch einmal an seinem Kaffee. Es schien ihm wirklich unangenehm zu sein.

"Edgar hat sich eine Hebebühne geleistet. Und statt mich zu fragen, hat er bei einem Hai einen Kredit aufgenommen. Wenn er nicht pünktlich zahlt, dann nehmen die seine Werkstatt auseinander."

"Edgar ist ein Idiot!", entfuhr es Chris. "Wie kann er nur so was Blödes machen?"

"Ich weiß es nicht." Mike zuckte mit den Schultern. "Als ich davon erfahren habe, war der Vertrag schon unterschrieben. Und frag' besser nicht, was für Zinsen er zahlen muss."

"Hast du den Hai schon mal überprüft?"

Es war nur eine rhetorische Frage, denn Chris bezweifelte, dass Mike einfach nur tatenlos zusehen würde, wenn sein Freund sich ins Unglück stürzte.

Mike winkte ab.

"Habe ich. Es liegen mehr als ein Dutzend Anzeigen gegen ihn vor, aber man hat keinen Beweis. Da kann ich erst wieder was machen, wenn sie bei Edgar zugeschlagen haben."

"Scheiße. Soweit darf es nicht kommen."

Nachdenklich starrte Chris auf seinen Monitor, doch seine Gedanken galten nicht der Arbeit.

"Ich denke, es wird Edgar helfen, wenn ich heute Abend mal schaue, was für Vorräte er hat, und dann alles Fehlende besorge."

Noch ein Schluck und die Tasse war leer. Doch Chris' Koffeinspiegel war nach dem Schock, den er gerade verdauen musste, viel zu gering, um den Tag zu überstehen.

"Möchtest du auch noch 'nen Kaffee, Mike?"

Irgendwie musste er sich ja revanchieren.

"Ich hatte eben schon einen, wenn ich zuviel trinke, bekomme ich Sodbrennen. Aber lass mich lieber gehen."

Bevor Chris etwas sagen konnte, stand Mike auf, nahm sich die Tassen und war schon fast zur Tür raus. Doch Chris rief ihn zurück.

"Mike, da stimmt doch was nicht. Du gehst sonst nicht freiwillig Kaffee holen. Was willst du?"

"Ich will gar nichts. Nur bin ich heute Morgen schon Carstensen in die Arme gelaufen."

"Du Ärmster."

"Ich? Nö, ich konnte mich damit rausreden, dass ich mit deinen Notizen nicht klargekommen bin."

Chris verstand, was sein Partner da durch die Blume ausdrücken wollte.

"Du willst mir damit sagen, dass ich mich jetzt sofort um den Bericht kümmern muss, bevor ich den Anschiss meines Lebens bekomme."

"So ungefähr."

Seufzend fügte Chris sich seinem Schicksal.

"Wo isser denn?"

Mike ging zurück zu seinem Schreibtisch, öffnete die Schublade und warf Chris den Bericht rüber, bevor er verschwand, um Kaffee zu holen.

 

Fast zwei Stunden später saß Chris immer noch über dem Bericht. Das Opfer war Heinrich Hofmann, ehemaliger Studienrat und nun hauptamtlicher Dezernent im Magistrat. Bei ihm war vor einem Monat - am 22. Dezember - nicht nur mitten in der Nacht eingebrochen worden, nein, man hatte auch seinen neuen Mercedes geklaut. Die Diebe hatten seine Haustür geknackt, den Schlüssel zum Wagen aus dem Schlüsselkasten im Flur genommen und waren dann mit seinem Auto weggefahren. Hofmann hatte laut seiner Aussage davon nichts mitbekommen und erst am nächsten Morgen festgestellt, dass mit seiner Tür etwas nicht stimmte.

Die Diebe hatten sich weder für seine Stereoanlage, noch für seinen Computer interessiert.

Als die Polizei den Tatort untersuchte, wies alles auf einen Auftragsdiebstahl hin - es war der achte Mercedes, den man innerhalb einer Woche in der Altstadt von Beckenheim geklaut hatte.

Chris hatte sich die Wohnung selbst angesehen - aus Neugierde, er wollte wissen, wie ein Dezernent von Frankfurts Steuergeldern lebte.

Es schien ein Routinefall zu sein, den er normalerweise in den nächsten Tagen mit dem Vermerk "Täter konnte nicht ermittelt werden." zu den Akten legen würde.

Wenn da nicht einige Punkte in den Unterlagen wären, die Chris nicht greifen konnte.

Zum einem war es die Tatsache, dass Hofmann angeblich nicht wach geworden sein sollte - die Dielen in dem alten Fachwerkhaus knarzten so laut, dass selbst ein Tauber davon wach werden würde.

Sich die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als ob niemand da wäre, war in einem solchen Fall bestimmt die beste Alternative, um so etwas unbeschadet zu überstehen, aber warum hatte Hofmann so vehement behauptet, fest geschlafen zu haben?

Und dann war da noch das Parfüm, das Chris beim Betreten der Wohnung gerochen hatte. Ein Duft, den Helen liebte, aber nur selten auftrug, weil es sehr teuer war. Hofmann behauptete jedoch, allein gewesen zu sein. Auf die Frage nach seiner Frau hatte er geantwortet, dass sie zur Kur in Bad Orb wäre.

Wenn jemand mitwetten würde, dann hätte Chris all sein Geld darauf gesetzt, dass Hofmann die Abwesenheit seiner Frau genutzt hatte, um fremdzugehen.

Deswegen konnte er auch verstehen, dass Hofmann die Anwesenheit seiner Geliebten leugnete. Und eigentlich hatte Chris auch gar nicht vorgehabt, daraus eine Show und dem Dezernenten das Leben schwer zu machen.

Aber wenn jemand meinte, seine Beziehungen spielen zu lassen, um die bürokratischen Regeln zu beschleunigen, dann wurde Chris misstrauisch.

Denn egal, ob er den Bericht jetzt oder in zwei Wochen zu den Akten legte, bei einen Diebstahl dieser Art zahlte die Versicherung erst anderthalb bis zwei Monate nach der Tat und deswegen konnte Chris nicht verstehen, warum die von oben diesen Druck machten.

"Mike?"

"Hmmm."

Mike starrte aber weiter auf seinen Bildschirm und schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein.

"Was hältst du davon, wenn wir uns den Hofmann noch mal ansehen? Ich hab' das Gefühl, dass da was nicht stimmt."

Jetzt blickte Mike hoch.

"Bist du sicher? Du weißt, dass uns Ehrenberg seit dem Vorfall mit dem Stardirigenten auf den Kieker hat."

Chris fuhr mit den Fingern durch seine Haare.

"Ich weiß. Schließlich reibt Kallenbach es uns mit schöner Regelmäßigkeit unter die Nase."

,Und ich muss immer daran denken, dass seine Verlobte bei Queen so richtig abgeht.'

"Ich habe auch nicht vor, jemanden zu verhaften. Ich versteh' nicht, warum der werte Herr Dezernent unbedingt seine Beziehungen ausspielen muss, nur damit die Akte einige Tage früher geschlossen wird."

"Vielleicht braucht er ganz dringend Knete und hofft, dass die Versicherung schneller zahlt, wenn wir den Fall abgeschlossen haben."

"Dann kennt er die Versicherungen schlecht. Aber so klasse, wie er das alte Fachwerkhaus restauriert hat, bezweifle ich, dass er ein finanzielles Problem hat. Der hat Kohle ohne Ende."

"Bist du dir da so sicher?"

Mike lehnte sich zurück, streckte sich und verschränkte seine Arme über dem Kopf.

"Nein." Chris schüttelte den Kopf. "Sicher kann ich mir nicht sein, aber wegen einer fixen Idee bekomme ich keine Bankauskunft."

"Verbeiß dich nicht zu sehr in etwas. Kann ja sein, dass Hofmann beim letzten Opernbesuch Carstensen getroffen hat und ihn gefragt hat, ob er was über den aktuellen Ermittlungsstand weiß."

"Und Carstensen ist jetzt derjenige, der die Welle macht." Chris nickte. "Zuzutrauen wär's ihm. Und wenn er es aus reiner Bosheit macht, um uns einen reinzuwürgen. Den Kerl hab ich gefressen."

"Ich weiß und da ich keine Lust habe, in Offenbach den Verkehr zu regeln, versuche ich, euch beide auf Abstand zu halten."

"So schlimm bin ich doch auch nicht."

Chris zögerte einen Moment, dann sprach er weiter.

"Aber ich weiß es zu schätzen, wie sehr du an deine Karriere denkst."

"Phhhhhh..."

Mike wandte sich wieder seinem Bildschirm zu.

Im Endeffekt hatte Mike aber Recht. Je weniger er Carstensens Visage sah, umso weniger regte er sich über ihn auf.

"Mike?"

"Ja?"

Es klang schon deutlich genervter und Chris wusste, dass er jetzt einen anderen Tonfall anschlagen musste.

"Bist du mir böse, wenn ich dich bitte, dass wir trotzdem hinfahren? Bevor ich meine Unterschrift unter den Bericht setze, möchte ich auf Nummer sicher gehen."

"Du gibst ja eh' keine Ruhe."

"War das jetzt ein Ja?"

Jetzt durfte er nicht locker lassen, sonst würde Mike doch noch abblocken.

"Bevor ich das noch zwei Stunden mit dir durchdiskutiere, fahren wir jetzt hin. Das dauert nur eine gute Stunde."

"Du bist der beste Partner, den ich je hatte."

Dabei stand Chris schon auf, ging zum Schrank und holte sich seinen Wintermantel.

"Nein, ich bin zu gutmütig. Denk daran, deinen Computer runterzufahren."

"Ja, Mama!"

 

Wie Chris es schon befürchtet hatte, war Hofmann nicht da, aber seine Frau öffnete die Tür. Sie wirkte sehr sportlich, war attraktiv und um die vierzig Jahre alt.

Ihre Miene wurde eisig, als Chris und Mike ihre Dienstausweise vorzeigten. Doch sie trat einen Schritt zur Seite, um die beiden hereinzulassen.

Als sie hineingingen, knarzten die Dielen mit einer Lautstärke, dass Mike einen Schritt zurücksprang.

"Die Dielen sind schon seit Jahren so laut. Die brechen nicht durch, Herr Niemzisch."

"Niemcek bitteschön", korrigierte Mike sie sofort.

"Ich wundere mich jetzt nur, warum Ihr Mann den Einbrecher nicht gehört hat."

"So laut, wie Heinrich schnarcht, ist es ein Wunder, dass er morgens seinen Wecker hört."

Sie führte sie in das Wohnzimmer.

Um in dem alten Fachwerkhaus einen großen Raum zu schaffen, war eine Zwischenwand entfernt worden. Der Charme des alten Hauses hatte nicht gelitten - die Renovierung war mit viel Fingerspitzengefühl durchgeführt worden.

,Ja, so könnte ich auch leben.'

"Stört es Sie denn nicht, wenn Ihr Mann so laut schnarcht?"

Chris war schlicht und einfach neugierig.

"Nein, seit unser Sohn in Hannover Tiermedizin studiert, habe ich ein eigenes Zimmer. Gefällt Ihnen der Raum?"

"Er ist einfach nur toll. So möchte ich irgendwann auch leben. Sind das Bilder Ihrer Familie?"

Chris deutete auf einige sehr alte Fotos, die direkt neben dem Fenster hingen.

"Ja, das ist das Hochzeitsfoto meiner Urgroßeltern und das ist ein Kinderbild von meiner Großmutter. Das Haus ist seit vier Generationen in Familienbesitz."

"Dann sind Sie hier groß geworden?"

"Ja, und ich habe sämtliche Renovierungsarbeiten hier überwacht."

Im Verlauf dieses Gespräches wirkte Frau Hofmann gar nicht mehr so abweisend. Es schien sie zu freuen, dass Chris und Mike Interesse an dem Haus bekundeten.

"Da erzähle ich Ihnen alles über dieses Haus und habe Sie noch gar nicht gefragt, ob Sie etwas trinken möchten. Vielleicht einen Kaffee? Es würde mich nicht wundern, wenn es die nächsten Tage schneit, so kalt wie es ist."

Mike und Chris wechselten einen Blick, dann antwortete Mike.

"Eigentlich wollen wir Sie nicht lange aufhalten, aber zu einem guten Kaffee sage ich nicht nein."

"Sie müssen wissen, dass der Automat in unserer Abteilung keinen Kaffee, sondern eine undefinierbare Brühe zusammenbraut."

"Dann bekommen Sie Ihren Kaffee. Wenn Sie möchten, dann ziehen Sie Ihre Mäntel aus. Ich hänge sie an die Garderobe."

Chris bekam den Eindruck, dass Frau Hofmann ziemlich einsam und ausgehungert nach Kontakt war.

,Vielleicht auch nach mehr, wenn ihr Mann schnarcht und fremdgeht.'

Wenn Edgar für ihn tabu war, dann war Frau Hofmann genau das Richtige für eine Ablenkung - vorausgesetzt er schloss den Fall schnell ab.

Als Chris ihr seinen Mantel gab, roch er ihr Parfüm. Es war Helens Duft.

,Scheiße, den Fall hab' ich noch lange an der Backe.'

Doch er ließ sich nichts anmerken und lächelte Frau Hofmann an.

"Das ist sehr nett von Ihnen. Als Polizist wird man selten so zuvorkommend behandelt."

Amüsiert beobachtete er, wie sich Frau Hofmanns Wangen leicht röteten.

"Sie machen doch nur Ihre Arbeit und das ist doch nie etwas Persönliches. Und den Kaffee gibt es bei mir, wenn mir jemand sympathisch ist, egal ob Polizist, Stromableser oder Gerichtsvollzieher."

Danach ging sie mit den Mänteln in den Flur, ließ aber die Tür offen.

Chris schaute Mike an. Der nickte und setzte sich auf die Couch, so dass er einen guten Blick in den Flur hatte.

Währendessen ging Chris zum Sekretär, der in der Nähe des Fensters stand. Er fing mit der obersten Schublade an und durchsuchte sie schnell, aber gründlich. Er hoffte, irgendetwas zu finden, was seinen Verdacht bestätigte, dass dieser Einbruch nicht koscher war.

Anfangs fand er nichts Auffälliges. Eine Mappe mit Rechnungen, diverse Tankquittungen, Kassenzettel und Büromaterial. Chris blätterte durch die Belege, fand aber nichts Ungewöhnliches, nur Telefonrechnungen, Stromrechnungen und eine Rechnung über eine Brille. Selbst die hatte nicht die Welt gekostet.

Doch so schnell wollte er nicht aufgeben und durchsuchte auch die anderen Schubladen, bemühte sich, keinen Lärm zu machen.

Die unterste Schublade war voll mit allerlei Krimskrams: Kugelschreiber der SPD, Flyer von verschiedenen Bringdiensten und einen Notizblock mit einem Werbeaufdruck von Hofmanns CDU-Konkurrent. Grinsend nahm Chris ihn in die Hand. Dann stutzte er. Irgendjemand hatte schon auf diesem Block geschrieben und einen Zettel abgerissen. Chris konnte die durchgedrückte Telefonnummer und den Namen Edward erkennen. Soweit Chris es beurteilen konnte, war es eine polnische Nummer, nach den ersten Ziffern zu schließen ein Anschluss in Warschau.

Da er seinen eigenen Notizblock in der Manteltasche hatte, knöpfte Chris den linken Arm von seinem Hemd auf und schrieb die Nummer auf seinen Unterarm. Dann legte er den Stift weg und schloss die Schublade.

Den Ärmel hatte er noch nicht wieder zugeknöpft und wollte sich gerade um den Wohnzimmerschrank kümmern, als Mike sich räusperte.

Leise schloss Chris die Tür wieder, trat einen Schritt zur Seite und studierte eingehend das Bild, das über dem Fernseher hing.

"Hier kommt der Kaffe."

"Warten Sie, ich helfe Ihnen."

Ganz Gentleman nahm Chris Frau Hofmann das Tablett ab, um es fast sofort auf den kleinen Wohnzimmertisch abzustellen.

"So nett ist noch nicht einmal mein Mann."

"Der weiß bestimmt nicht zu schätzen, was er an Ihnen hat."

Mikes Räuspern machte Chris klar, dass er ein klein wenig zu dick auftrug. Doch Frau Hoffmann schien es nicht zu stören.

Chris setzte sich neben Mike auf die Couch. Frau Hofmann verteilte die Tassen und goss den Kaffee ein.

Sie wollte gerade Mikes Tasse füllen, als dieser abwehrend die Hände hob.

"Für mich bitte nur halb voll, Frau Hofmann. So gerne ich auch Kaffee trinke, ich bekomme leicht Sodbrennen."

Entschuldigend lächelte Mike sie an.

"Wenn mein Mann doch nur soviel Rücksicht auf seine Gesundheit nehmen würde. Aber nein, wenn er abends nach Hause kommt, dann setzt er sich an den Sekretär und arbeitet weiter. Dabei trinkt er dann noch zwei Tassen Kaffee und behauptet, nicht schlafen zu können, obwohl er das ganze Haus zusammensägt."

,Du bist reif, gepflückt zu werden, Mädchen. Aber leider darf ich nicht, weil wir noch ermitteln.'

"Als hauptamtlicher Dezernent hat er nicht gerade wenig Arbeit."

Mike nahm sich eins von den selbstgebackenen Plätzchen, die Frau Hofmann mit dem Kaffee serviert hatte.

Doch der Vermittlungsversuch ging nach hinten los.

"Ich rede und rede und rede, dabei habe ich ganz vergessen, dass Sie ja auch noch ein dienstliches Anliegen haben. Tut mir leid, wenn ich Ihre Zeit verschwendet habe. Bitte, meine Herren, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"

So redselig, wie die gute Dame war, hatte Chris gehofft, dass sie ihm im Laufe eines Gesprächs verwertbares Material liefern würde. Dies konnte er aber knicken, wenn sie wusste, dass er sie aushorchte.

"Ganz so wichtig ist unser Anliegen nicht. Es ist nur so, dass der zuständige Staatsanwalt, Herr Carstensen, uns gestern gefragt hat, wie denn der Ermittlungsstand ist. Und da dachten wir, dass wir am besten persönlich vorbeikommen, und mitteilen, dass wir kurz vor dem Abschluss stehen."

Mit dieser kleinen Ansprache hatte Mike Chris gerettet, denn dieser hatte keine Idee gehabt, was er jetzt sagen sollte.

"Hat mein Mann mal wieder seine Beziehungen spielen lassen?"

Frau Hofmann wirkte fast schon verärgert.

Um keinen Ehekrach zu provozieren - für den Carstensen sie dann verantwortlich machen würde -, korrigierte Chris sie.

"Nicht wirklich. Er hat sich nur nach dem Ermittlungsstand erkundigt. Und das ist ja sein gutes Recht. Nur...", Chris kratzte sich am Hinterkopf. "Wir haben uns im Umgang mit der Prominenz nicht gerade mit Ruhm bekleckert."

"Unser Vorgesetzter meint, dass es uns an Taktgefühl mangelt, und da dachten wir, dass es nicht schaden kann, wenn wir einmal persönlich vorbeikommen", ergänzte dann auch noch Mike. Damit hatten sie die Situation im Griff, denn Frau Hoffmann nickte verständnisvoll, bevor sie sich auch ein Plätzchen nahm.

So wie sie das Gebäck ansah, bevor es in ihrem Mund verschwand, zählte sie jede einzelne Kalorie.

,Helen hatte das Gott-sei-dank nicht nötig. Und Eddie arbeitet zu hart, um Fett anzusetzen.'

"Und was ist der aktuelle Ermittlungsstand?"

Ein wenig aus seinen Gedanken geschreckt, sah Chris zu Mike. In dessen Mund verschwand gerade ein weiteres Plätzchen. Und so blieb es mal wieder an Chris hängen.

"Wir haben keine Ahnung, wer der Täter sein könnte, es sind ja so gut wie keine Indizien gefunden worden. Ich persönlich vermute, dass es sich um einen Auftragsdiebstahl handelt. Vermutlich ist der Mercedes umlackiert worden und wird von seinem neuen Besitzer stolz in Moskau spazieren gefahren. Wir warten jetzt noch auf das Ergebnis von unseren russischen Kollegen und dann ist der Fall für uns gelaufen."

"Ich habe vor einiger Zeit von solchen Sachen in der Zeitung gelesen, aber nie im Leben damit gerechnet, dass uns so etwas passieren könnte."

"Seien Sie froh, dass es nur das Auto ist, wenn Ihr Mann versucht hätte, die Diebe aufzuhalten, dann hätte es ein böses Ende genommen."

Das war Mikes einziger Kommentar, bevor er sich noch ein Plätzchen sicherte.

"Daran möchte ich gar nicht denken. Ich bin ja so froh, dass ich damals bei meiner Mutter zu Besuch war, denn im Gegensatz zu Heinrich wache ich von jedem Geräusch auf."

,Hab' dich!'

Doch äußerlich ließ sich Chris nichts anmerken.

"Da haben Sie wirklich Glück gehabt."

Die süßen Sachen waren überhaupt nicht Chris' Ding, um so faszinierter sah er zu, wie ein Plätzchen nach dem anderen in Mikes Mund verschwand. Er hatte fast die ganze Schale leergegessen.

"So gerne ich auch noch mit Ihnen plaudern möchte, die Berichte auf unseren Schreibtischen warten darauf, dass wir uns darum kümmern."

"Wir sind eigentlich schon viel zu lange geblieben, aber der Kaffee und die Plätzchen waren eine viel zu große Versuchung."

,Tja, hättest eher dran denken müssen, dass Edgar abends noch Leistung erwartet. So vollgefressen geht das nicht.'

Mike stand auf und warf den Plätzchen noch einen wehmütigen Blick zu.

"Warten Sie noch einen Moment, ich hole Ihre Jacken."

Frau Hofmann sprang auf und ging in den Flur.

Auch Chris erhob sich und blickte sich noch einmal um. Ja, dieses alte Haus war nach seinem Geschmack. Aber leider würde er sich so etwas niemals leisten können.

"So, bitteschön, Ihre Mäntel. Ich hoffe, dass ich Sie nicht zu lange aufgehalten habe."

Sie reichte den beiden Beamten die Mäntel.

"Nein, das war schon in Ordnung. So konnte ich mir wenigstens dieses alte Haus ansehen. Dazu hätte ich sonst nie die Gelegenheit gehabt."

"Und die Plätzchen waren klasse. Komm, Chris, sonst gibt unser Chef noch eine Vermisstenanzeige auf."

Ehrenberg war auf einer Tagung. Viel zu beschäftigt, um auf zwei seiner Beamten zu achten.

"Ist er so schlimm?"

Auf diesen Kommentar hatte Chris gewartet.

"Nein, wir sind nur zum Innendienst verdonnert worden, um sämtliche Berichte zu schreiben, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben. Und irgendwann sieht man nur noch Aktenzeichen."

An ihrem verständnisvollen Nicken erkannte Chris, dass Frau Hofmann nun glaubte, den wahren Grund für ihren Besuch zu kennen.

Inzwischen waren sie im Flur angekommen und Frau Hofmann ging vor, um die Tür zu öffnen.

Natürlich wurde dies vom Knarzen der Dielen begleitet.

"Bekommen wir eine Benachrichtigung, wenn der Fall abgeschlossen ist?"

"Abgeschlossen ist ein Fall erst, wenn wir den Täter gefunden haben und er verurteilt ist", entgegnete Mike. "Aber die Versicherung bekommt von uns die Information, dass Ihr Wagen nicht aufgespürt werden konnte und wird dann zahlen."

Chris beobachtete Frau Hofmann. Sie schien diese Information völlig gelassen hinzunehmen.

"Und wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, dann rufen Sie bei der Kripo Frankfurt an und fragen nach Hauptkommissar Schwenk. Ich helfe Ihnen gerne. Aber nun müssen wir wirklich."

Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich Chris, packte Mike an der Schulter und schob ihn vor sich hinaus.

Er hörte zwar, wie Frau Hofmann hinter ihm die Türe schloss, zwang sich aber dazu, nichts zu sagen, bis sie im Wagen saßen.

"Und?", wollte Chris von Mike wissen.

"Tja, du hast wohl Recht. Das ist mehr als oberfaul. Und weißt du, was ich gerne gemacht hätte?"

"Ja, ich habe dich gerade noch daran hindern können, Frau Hofmann zu fragen, wo denn ihre Mutter wohnt. Mich juckte es auch, aber wir wollen die gute Frau doch nicht vorwarnen."

"Gut. Dann prüfst du die Nummer, die du notiert hast, und ich versuche rauszubekommen, wo Frau Hofmann in der Nacht nun wirklich war."

"Wenn du mich fragst, dann hat sie persönlich den Wagen geklaut, um ihren Mann zu ärgern."

"Das traust du ihr zu? Ich kann Frauen schlecht einschätzen."

"Am Morgen nach dem Diebstahl habe ich in der Wohnung das gleiche Parfüm gerochen, wie sie es heute aufgelegt hatte. Ich hatte bei dem Geruch ursprünglich getippt, dass unser guter Dezernent die Kur seiner Frau genutzt hat, um sich anderweitig zu vergnügen."

"Und du willst die Gelegenheit nutzen und Frau Hofmann trösten?"

"Wenn sie nicht auf meiner Liste ganz oben stehen würde, bestimmt. Aber so ist sie tabu für mich."

,Und außerdem hätte es mit dem ständigen Gedanken an Edgar eh' nicht geklappt.'

"Komm, starte den Motor, Mike, wir haben noch eine ganze Menge Arbeit vor uns."

"Stimmt. Und Carstensen, dem du noch eine Erklärung schuldest."

"Ach, dem schreibe ich einen vorläufigen Abschlussbericht. Dann ist er zufrieden und wir können in Ruhe ermitteln."

Mike schüttelte den Kopf und fuhr los.

 

Zurück im Büro füllte Chris den Antrag auf Telefonnummernabfrage aus. Trotz moderner Technik würde es mehrere Tage dauern, bis die polnischen Kollegen sich dazu bequemten, ihnen Informationen über die Nummer zu geben.

Deswegen machte Chris sich anschließend daran, für Carstensen einen vorläufigen Abschlussbericht zu schreiben.

Da der Besuch bei Frau Hofmann keinen Beweis und viele Vermutungen gebracht hatte, gab es sowieso keinen Grund, den Bericht nicht zu schreiben. Die Telefonnummer war bestenfalls ein Hinweis, würde aber niemals als Beweis anerkannt werden.

Als Chris mit dem Bericht fertig war, beschloss er, ihn persönlich abzugeben. Vielleicht konnte er mit etwas Schleimerei ein paar Details zu Hofmanns Anfrage bei Carstensen erfahren.

Carstensen war aber nicht da und so gab Chris die Akte der Sekretärin, jedoch nahm er sich die Zeit, mit ihr zu flirten. Dass sie darauf einging, stärkte sein Selbstbewusstsein.

Auf dem Rückweg besorgte er sich noch einen Becher Kaffe und fühlte sich dann gestärkt genug, um sich auch dem restlichen Aktenberg zu widmen, den sie abarbeiten mussten, bevor sie in Sachen Jakubinski ermitteln durften.

Chris' einziger Trost war, dass Kallenbachs und Deichsels Aktenberg mindestens genauso hoch war wie sein eigener.

Bis kurz vor fünf hatte er es geschafft, zehn Abschlussberichte zu schreiben und war sehr dankbar, dass er mit dem Computer ganze Textbausteine einfach kopieren konnte.

Noch vor einem halben Jahr hätte er es mühsam mit der Schreibmaschine tippen müssen und mindestens drei Tage daran gesessen.

Mit einem zufriedenen Grinsen schaltete Chris seinen Computer aus.

,Feierabend und ich muss Edgars Bude auf Vordermann bringen.'

Mike dagegen saß mit einem ziemlich verbiesterten Gesichtsausdruck vor seinem Bildschirm.

"Mike! Alles in Ordnung? Kann ich dir helfen?"

Er hoffte, dass sein Partner ablehnen würde, aber fragen musste er.

"Gott! Hast du mich erschreckt."

So wie Mike zusammengezuckt war, wollte Chris das gerne glauben.

"Das kommt davon, wenn man versucht, den Monitor zu hypnotisieren. Was ist denn los?"

"Eigentlich schreibe ich nur einen Bericht über den Diebstahl des Mercedes' im Karstadt-Gebäude. Aber musste ausgerechnet einem Saudi der Wagen geklaut werden?"

Das war noch so ein Fall, den sie ungelöst zu den Akten legen mussten. Es wurden so viele Autos geklaut, dass sie sich nur noch um die großen Fische kümmern konnten. Alles andere mussten sie ziemlich schnell mit einem Abschlussbericht erledigen, um nicht restlos in Arbeit zu ertrinken.

,Wenn Hofmann nicht nachgefragt hätte, wäre es auch so ein Fall gewesen.'

"Was ist denn daran so schlimm?"

"Ich versuche gerade, seinen kompletten Namen abzutippen und der besteht zum einem aus lauter unaussprechlichen Silben und ist zudem noch drei Zeilen lang."

"Wie oft hast du dich schon verschrieben?"

"Bis du mich angesprochen hattest, war es noch fehlerfrei. Und jetzt lass mich gefälligst einen Moment in Ruhe."

Grinsend stand Chris auf, nahm beide Kaffeetassen und brachte sie in die Küche.

Doch bei dem Chaos, das dort herrschte, verging ihm alles.

,Dagegen ist Edgars Wohnung sauber und gepflegt!'

Seine lieben Kollegen hatten die dreckigen Tassen, volle Aschenbecher und Teller mit Essensresten einfach auf die Spüle und an jedem nur möglichen und unmöglichen Platz abgestellt.

Oft hatte Chris sich schon dieses Chaos' angenommen, doch heute war es ihm zuviel.

,Sucht euch einen anderen Dummen. Ich hab' schon eine Küche zu putzen.'

Chris spülte nur seine Tassen aus, trocknete sie ab und nahm sie mit zurück ins Büro. Dort versteckte er die Becher in seiner Schublade.

Mike, der wohl den Namen fertig geschrieben hatte und auch Feierabend machte, verfolgte die Aktion mit einer hochgezogenen Augenbraue.

"Ihr zwei habt die Abteilung mit eurem ständigen Aufräumen ganz schön verwöhnt."

Es war Helen, die wegen der Küche ständig Anfälle bekommen hatte. Chris hatte nur mitgeholfen, damit seine Freundin anschließend keine schlechte Laune hatte.

,Das ist Vergangenheit. Mann, was war ich für ein Idiot.'

"Dann können sie sich direkt daran gewöhnen, dass diese Zeiten jetzt vorbei sind. Ich mach' Schluss für heute, fahr zu Edgar, stell dort meine Koffer ab. Ich will noch einkaufen, bevor die Geschäfte schließen."

Gleichzeitig holte Chris seinen Mantel aus dem Schrank.

"Hach, jetzt wo du solo bist, bist du ja wieder richtig auf Krawall gebürstet. Ich hatte schon befürchtet, dass Helen deine Krallen gestutzt hätte."

"Neee", Chris schüttelte den Kopf. "Sie hatte mich nur kurzfristig an die Leine gelegt. Aber irgendwie hatte ich gedacht, dass es dir gefallen hat, dass ich ruhiger und gesitteter bin."

"Es war aber auch schrecklich langweilig. So, ich mach jetzt auch Feierabend. Brauchst du bei dieser Einkaufsorgie noch Hilfe?"

Mike räumte seine Sachen in die Schublade.

"Jetzt, wo die Geschäfte bis acht auf sind, schaff ich's schon. Der Getränkediscounter, das Einkaufscenter und der Möbelmarkt sind ja im selben Industriegebiet. Ich will in zwei Stunden damit fertig sein."

So skeptisch wie Mike Chris ansah, hatte er seine Bedenken, doch plötzlich erhellte sich sein Gesichtsaudruck.

"Lass mich raten: Du kaufst ein Bett. Hast du etwa vor, dich bei Eddie häuslich niederzulassen?"

War Mike eifersüchtig? Chris war sich nicht sicher, ob die Stimme seines Partners diesen Unterton hatte. Besser er gab eine ausweichende Antwort.

"Das bezweifle ich. Irgendwann will ich doch wieder mein eigenes Reich haben. Aber ob ich mir jetzt oder in einem Monat ein neues Bett kaufe, macht keinen Unterschied. Naja..." Mit einem schiefen Blick zu Mike setzte Chris doch noch etwas hinzu. "Meinem Konto würde es jedoch gut tun, wenn ich nicht direkt in eine eigene Wohnung ziehen würde."

Auch Mike hatte sich seinen Mantel angezogen. Gemeinsam verließen sie das Büro und machten sich auf den Weg in die Tiefgarage.

"Wenn du länger bleiben willst, musst du dich mit Edgar arrangieren. Du wirst dann mehr abdrücken müssen als nur die Einkäufe."

Es hörte sich fast so an, als ob Mike mit so einem Arrangement sehr einverstanden wäre. Und Chris peilte gar nichts mehr. Er hatte das Gefühl, dass sein Partner etwas ganz Wichtiges vor ihm verbergen wollte. Deswegen hakte er nach.

"Du hättest kein Problem, wenn ich bei deinem Freund für längere Zeit unterkomme?"

Sie waren mal wieder die einzigen, die, statt mit dem Aufzug zu fahren, die Treppen nahmen. Chris war froh darüber, denn so konnte keiner ihr Gespräch mitbekommen.

"Wenn du bei ihm wohnst, wird Edgar seine Ruhe vor Marco haben. Es ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob die eine heiße Kiste laufen haben oder nicht. Hauptsache, Edgar wird von Marco nicht wieder in die Szene reingezogen."

"Moment!" Chris blieb stehen. Er konnte einfach nicht glauben, was er da gerade von Mike gehört hatte. "Habe ich dich jetzt richtig verstanden, dass es dir egal ist, wenn Edgar noch mit Marco..."

Zwei Stufen tiefer war auch Mike stehen geblieben und sah mit einem schiefen Lächeln hoch.

"Und die Frage stellt mir ausgerechnet der Chris Schwenk, der bei Frauen den Hals nicht voll bekommen kann. Du solltest am besten wissen, dass zwischen Liebe und Sex ein großer Unterschied ist. Und außerdem nimmt Edgar Kondome."

Da war ein Unterton in Mikes Stimme, der Chris schrecklich bekannt vorkam. Er hatte es immer dann gehört, wenn er früher einen seiner Schwulenwitze erzählt hatte.

"Mike, bevor ich bei einem von euch einziehe, will ich wissen, was wirklich abgeht. Du verheimlichst mir etwas. Und glaub mir, bevor ich es dir nicht aus der Nase gezogen habe, wirst du mich nicht los."

Chris sprang die Stufen runter, um wieder mit Mike auf einer Höhe zu sein. Dabei ließ er ihn nicht aus den Augen.

Fast zwei Minuten lieferten sie sich ein Duell, das ohne Waffen und ohne Worte ausgetragen wurde. Bis Mike als erstes zur Seite schaute.

"Gut", seufzte er. "Aber erwarte nicht, dass ich es dir hier erzähle."

"Nein, ich kenne zwei Straßen weiter ein kleines Bistro, das unsere Kollegen noch nicht entdeckt haben. Ich lade dich auch ein."

"Zur Henkersmahlzeit, nein, danke."

Versöhnlich legte Chris seinen Arm um Mikes Schulter.

"Glaubst du nicht, dass es gut tut, alles zu erzählen? Ihr habt mich gestern getröstet und heute übernehm ich den Job bei dir."

"Weißt du, dass du dich im letzten halben Jahr ganz schön verändert hast?"

,Das ist Edgars Verdienst.'

"Du weißt doch, ich bin der Polizist, dem die Frauen vertrauen, dann kannst auch du mir dein Herz ausschütten."

Mike schob Chris' Arm weg und sah ihn an.

"Chris, du bist verrückt."

"Ja, und deswegen kommst du jetzt mit."

"Du lässt mir ja keine andere Wahl."

Als Chris ihn einfach nur angrinste, schüttelte Mike den Kopf.

 

Kurz darauf saßen sie an einem etwas abseits liegenden Tisch im Bistro und Chris blätterte durch die Speisekarte. Da er den ganzen Tag nichts Vernünftiges gegessen hatte, entschied er sich für ein Tunfischbaguette.

Auch Mike bestellte etwas zu essen. Nachdem der Kellner mit ihren Bestellungen weg war, breitete sich ein fast schon unangenehmes Schweigen zwischen den Beiden aus.

Chris wusste einfach nicht, wie er das Gespräch weiterführen sollte, und Mike schien nicht bereit zu sein, von sich aus darüber zu sprechen.

Innerlich verfluchte Chris sich, dass er seinen Partner überhaupt so gedrängt hatte. Es war sehr wahrscheinlich ein Fehler, sich so in diese Angelegenheit einzumischen. Nicht wegen Mike, der brauchte garantiert jemanden, mit dem er reden konnte. Sondern weil er Edgar wollte.

Als der Kellner nach einigen Minuten das Essen brachte, war Chris froh über diese Ablenkung.

Nach dem ersten Bissen merkte er, wie hungrig er wirklich war.

Gierig verschlang er seine Portion und blickte erst wieder zu Mike, als sein Teller leer war.

Mike hatte mit der Gabel in seinem Salat gestochert und starrte vor sich hin.

"Mike?"

Es dauerte einen Moment, bis er reagierte.

"Was ist?"

Es klang nicht genervt, eher resignierend.

"Nun spuck schon aus, was dich quält."

"Es ist so schwierig. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll."

"Am besten in einfachen, kurzen Sätzen, damit ich es auch verstehen kann. Was stimmt zwischen dir und Edgar nicht?"

Doch bevor Mike etwas sagen konnte, kam der Kellner und wollte Chris' Teller abräumen.

Verärgert über diese Störung, blickte Chris ihn einfach nur an. Zwei Sekunden später war der Kellner weg und der Teller stand noch auf seinem Platz.

"Eddie ist eine Nummer zu groß für mich. Wenn wir zusammen sind, habe ich das Gefühl, wie eine Motte das Licht zu umkreisen. Und genauso würde ich mich verbrennen, wenn ich mich zu sehr auf ihn einlasse."

"Glaubst du nicht, dass du dir das nur einbildest? Ich kenne Edgar - jedenfalls soweit ich das von unserer WG-Zeit beurteilen kann", ergänzte Chris, als er Mikes seltsamen Blick sah. "Der Junge ist impulsiv, verrückt und schrecklich selbstbewusst. Und doch kann er unheimlich sensibel und verletzlich sein. Ich glaube nicht, dass er zulässt, dass du dich verbrennst."

Doch Mike schüttelte den Kopf.

"Nein, es ist so, dass ich Eddie liebe. Aber er liebt mich nicht. Dass er mich mag und wir viel Spaß im Bett haben, steht hier nicht zur Diskussion. Für ihn ist unsere Beziehung nur ein Zwischenspiel, nichts für die Ewigkeit." Mike lachte, doch es war bitter. "Im Gegensatz zu den meisten schwulen Jungs bin ich einfach nicht der Typ, der von einem Bett zum nächsten hüpft. Das ist einfach nicht mein Ding."

"Aber Edgars?"

Und irgendwie tat Chris dieser Gedanke weh. Denn er wollte Edgar nicht nur für ein kleines Abenteuer, nein, wenn er sich auf diesen verrückten Mann einließ, dann nur in einer langfristigen Beziehung.

,Vielleicht sogar für den Rest meines Lebens.'

Energisch blendete Chris diesen Gedanken aus. Jetzt war Mike dran.

Der hatte aber keine Antwort gefunden.

"Keine Ahnung. Vielleicht ist Eddie einfach noch zu jung, um sich für den Rest seines Lebens zu entscheiden. Er ist schließlich auch zehn Jahre jünger."

"Hast du das auch gemacht, als du jung warst?"

"Jede Nacht einen anderen? Nein!" Mike schüttelte den Kopf. "Bei mir waren es immer Beziehungen, auch wenn die es selten über das erste Stadium der Verliebtheit hinaus geschafft hatten. Dafür, dass ich schwul bin, bin ich verdammt spießig. Wahrscheinlich zu spießig für Edgar."

"Hast du mit Edgar schon mal darüber gesprochen?"

Chris fuhr mit den Fingern durch sein Haar, denn als Partnerschaftsberater war er eigentlich der letzte Ansprechpartner.

"Was gibt es da zu bereden? Ich war für Edgar die Notlösung, weil er dich nicht haben konnte. Ich wusste es und habe es akzeptiert. Nur merke ich, dass ich es nicht mehr aushalten kann."

"Und was gedenkst du zu tun?"

"Wenn ich das wüsste. Ich hätte schon längst mit ihm Schluss gemacht, wenn ich nicht so viel für ihn empfinden würde. Und dann mach ich mir Sorgen, dass er wieder in seine halbseidenen Geschäfte abrutscht, wenn er seine eigenen Wege geht."

"Und du glaubst ernsthaft, dass er kein krummes Ding dreht, solange ihr zusammen seid?"

Misstrauisch blickte Mike Chris an.

"Was willst du mir damit sagen?"

"Als ich bei ihm gewohnt habe und du mir den Tipp gabst, dass Deichsel und Kallenbach in den nächsten Tagen Edgars Werkstatt filzen würden, da..."

,Verdammt, das war so peinlich!'

"Was?"

"Als ich es ihm am nächsten Tag gesteckt hatte, da hat er mir gebeichtet, dass er einen Alfa Romeo zum Umlackieren da hatte."

"Das ist aber noch nicht alles."

Wieder fuhr sich Chris durch die Haare.

"Er hat mich solange bequatscht, bis ich den Alfa zur Schrottpresse gefahren habe."

Stille. Mike starrte Chris ungläubig an. Dann lachte er. Und es war ein wirklich amüsiertes Lachen.

"Edgar hat es tatsächlich geschafft, dass du ein krummes Ding drehst. Mein Gott, der Tag muss zum Feiertag erklärt werden."

"Danke, vielen Dank, Mike. Aber ich hab' ihm auch entsprechend die Ohren langgezogen."

"Das kann ich mir gut vorstellen. Sag mal, bist du dir eigentlich ganz sicher, dass du nur hetero bist?"

"Für Edgar würde ich vielleicht eine Ausnahme machen."

Wieso war ihm das jetzt rausgerutscht? Bestimmt würde Mike ihm jetzt eine runterhauen. Und das hatte er dann auch wirklich verdient.

Doch Mike lehnte sich zurück und lachte. Es hörte sich selbst in Chris' Ohren echt an.

Als er sich von seinem Lachanfall erholt hatte, nahm Mike seine Gabel und machte sich über seinen Salat her.

Chris verfolgte diese Aktion ziemlich ungläubig. Er konnte dieses Verhalten einfach nicht begreifen.

Mike hatte den Teller fast leergegessen, als Chris seine Stimme wieder fand.

"Kannst du mir bitte verraten, was diese Aktion soll? Ich hab' noch nie behauptet, Frauen zu verstehen, und hatte eigentlich gedacht, dich in den letzten Monaten ein wenig kennengelernt zu haben, aber jetzt weiß ich gar nichts mehr."

Dies schien Mike sehr zu amüsieren. Doch bevor er Chris aufklärte, trank er noch einen Schluck.

Dann lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Für solche Spielchen hatte Chris aber überhaupt keine Nerven mehr. Er wollte einfach nur wissen, was los war. Nicht mehr und nicht weniger. Genervt blickte er Mike an.

Dieser wusste auch, was die Stunde geschlagen hatte.

"Es ist ganz einfach: Ich habe festgestellt, dass eine Beziehung mit Eddie einfach nicht funktioniert. Jetzt wo er rund um die Uhr arbeitet, ist es noch okay, aber er ist zu intensiv. Dann sind wir zu unterschiedlich und anstrengend ist er auch noch. Hast du das verstanden?"

Ja, Chris hatte es verstanden. Anstrengend war Edgar, verrückt auch, aber bei dem Punkt mit zu intensiv war er definitiv anderer Meinung.

,Ich will ihn gar nicht anders haben.'

"Ja, jetzt sprichst du auch in einfachen, kurzen Sätzen."

Darüber grinste Mike nur.

"Ich will aber nicht, dass Eddie wieder in die Szene abrutscht, dafür mag ich ihn zu sehr. Und im Knast würde er kaputt gehen."

"Das habe ich auch verstanden. Weiß aber nicht, worauf du hinaus willst."

"Gut, du hast es nicht anders gewollt."

Und irgendwie wirkte Mikes Lächeln fast schon diabolisch. Chris hielt aber seinen Mund, er wollte endlich wissen, was Mike hier für Spielchen spielte.

"Nachdem du mir gestern gesagt hast, dass du mit Helen Schluss machen willst, habe ich mir vorgenommen, dich mit Eddie zu verkuppeln. Denn ihr beide würdet euch ideal ergänzen. Und ich wüsste ihn in guten Händen. Einfach und verständlich genug?"

Es dauerte eine ganze Weile, bis Chris merkte, dass sein Mund offen stand. Eilig klappte er ihn wieder zu.

"Aber du hast doch selbst gesagt, dass ich unsere Zusammenarbeit vergessen kann, wenn ich- "

"Das ist Vergangenheit. Vergiss es."

"Gut."

Chris' Gedanken rasten. Jetzt hatte er freie Bahn bei Edgar, musste es nur noch schaffen, ihn zu überzeugen, dass er nicht nur einen heißen Fick, sondern auch eine Beziehung wollte. Hundertprozentige Treue wollte er nicht, aber wehe Edgar würde auch nur daran denken, mit Marco ins Bett zu steigen.

,Nicht mit diesem Bubi. Den hab' ich gefressen."

"Herzlich willkommen übrigens!"

"Bitte?"

Chris wusste schon wieder nicht, was Mike meinte. Der grinste, verzehrte genüsslich das letzte Salatblatt, ehe er sich zu einer Antwort herabließ.

"Der König der Schwulenwitze ist am anderen Ufer angekommen. Das ist doch ein Grund zu feiern."

 

Eine halbe Stunde später war Chris auf dem Weg zum Einkaufszentrum. Es war zu spät, um vorher noch zu Edgars Wohnung zu fahren, und so hatte er kurzentschlossen umdisponiert. Er wollte nur noch die nötigsten Sachen - von denen er aus Erfahrung wusste, dass sie in Edgar Haushalt nicht existierten - besorgen, bevor er sich im Gästezimmer häuslich einrichtete.

Mikes Kommentar über das Wechseln des Ufers hatte bei ihm viele Fragen aufgeworfen.

Davon war die wichtigste, ob er wirklich schwul genug war, um sich auf Edgar einzulassen. Auch wenn Chris dank seiner wiedergekehrten Erinnerung wusste, dass er keine Probleme hatte, mit einem anderen Mann ins Bett zu steigen, so fragte er sich, ob er das auch dauerhaft konnte. Oder ob dieser Reiz des Neuen nicht ganz schnell verfliegen würde.

Über die Konsequenz einer Beziehung mit Edgar im Alltag wusste Chris mehr, als ihm lieb war.

Sein ,Coming out' war ja noch nicht allzu lange her. Nur seine Beziehung mit Helen hatte ihn davor bewahrt, ein Außenseiter zu werden.

Mike dagegen wurde seit seinem ,Coming out' von einigen wenigen Kollegen gemieden - da es sich um die netten Mitarbeiter handelte, die auch sonst Ärsche waren, gab es grundsätzlich kein Problem, aber manchmal hatte Chris das ,Warum' in Mikes Augen gesehen, wenn einer dieser Kollegen so herablassend gegrinst hatte, wenn sie sich im Gang begegnet waren.

Und Ehrenberg kam ein Mal ins Büro, als Helen und Mike unterwegs waren, das Mittagessen zu besorgen. Grund seines Besuches war, Chris gegenüber die dezente Anmerkung fallen zu lassen, dass er sich besser einen anderen Partner suchen sollte, falls er beabsichtigte, Karriere zu machen.

In diesem Moment hatte Chris das dringende Bedürfnis gehabt, seinem Vorgesetzten die Nase zu brechen. Aber er hatte es doch nicht getan. Stattdessen hatte er die Zähne zusammen gebissen, unter dem Tisch seine Hände zu Fäusten geballt und ganz unverbindlich gemurmelt, dass er darüber nachdenken würde.

Einzig die Tatsache, dass Ehrenberg danach gegangen war, ohne noch weiter zu drängen, bewahrte Chris vor einem Disziplinarverfahren wegen tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten.

Dafür trat Chris anschließend den Mülleimer quer durch den Raum und schmiss auch noch einen Aktenordner hinterher.

Weder Mike noch Helen hatten jemals von diesem Gespräch erfahren.

Als sie mit den Tüten vom Chinesen zurückkamen, hatte Chris aufgeräumt und sich schon wieder ein wenig beruhigt. Und da er einfach nicht miterleben wollte, wie Mike auf so eine Information reagieren würde, hatte er nie wieder ein Wort darüber verloren.

Wollte er für Edgar seine Karriere aufgeben? War es das wirklich wert?

Ein wenig gedankenverloren brachte Chris den Einkauf hinter sich. Er brauchte keine halbe Stunde, alle möglicherweise lebensnotwendigen Sachen für den Haushalt in den Korb zu werfen. Selbst an der Kasse war niemand vor ihm.

Zehn Minuten später parkte Chris im Hof und rief Edgar, der in der Werkstatt einen Motor auseinandernahm, ein kurzes ,Hallo' zu. Dann ging er hoch in die Wohnung.

Den Schlüssel hatte Chris schon am Morgen bekommen.

Und als er seine Sachen im Gästezimmer abstellte und auf die Matratze hinabsah, hatte er das Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein.

 

Endgültig heimisch fühlte Chris sich, als er die Küche betrat: Es war nicht aufgeräumt und überall stapelte sich das schmutzige Geschirr.

,Bei uns in der Abteilung sieht es aber noch schlimmer aus.'

Mit diesem Gedanken tröstete Chris sich, als er anfing, das Chaos zu beseitigen.

 

Zwei Stunden später war die Küche sauber. Selbst den Kühlschrank hatte Chris ausgewischt. Der war zwar nicht wirklich dreckig gewesen - er lebte noch nicht - aber um seine Einkäufe zu verstauen, hatte Chris ihn aufräumen müssen.

Jetzt war er selbst verschwitzt und hatte das Gefühl, verdreckt zu sein.

Bevor sich Chris seine Klamotten vom Leib riss und unter die Dusche stieg, ging er noch mal in sein Zimmer, um seine Matratze frisch zu beziehen. Er wusste, warum er neue Bettwäsche gekauft hatte.

 

Chris hielt gerade den Duschkopf über sich und genoss das heiße Wasser, das auf ihn hinabprasselte, als er aus dem Flur ein "Hallo!" von Edgar hörte.

"Ich bin im Bad und dusche!", rief Chris. Dann drehte er den Hahn ab, nahm das Shampoo und wusch seine Haare.

Falls er wirklich vorhatte, sich für eine längere Zeit bei Edgar einzuquartieren, musste er unbedingt einen Duschvorhang kaufen. Die Alternativen sich morgens entweder am Becken zu waschen, oder ein Bad einzulassen, waren einfach nichts für ihn. Ein neues Bett wäre eine Fehlinvestition, falls er wirklich was mit Edgar anfangen sollte.

Seine Augen hatte Chris fest geschlossen, denn er wollte nicht, dass der Schaum hineinkam.

"Ein nackter Mann in meinem Bad ist ein Anblick, an den ich mich gewöhnen könnte."

,Verdammt! Wo kommt der denn her?'

Zusammengezuckt war Chris auch noch. Er war einfach mit seinen Gedanken zu weit weg gewesen, um mitzubekommen, wie Edgar sich ins Bad geschlichen hatte. Und nach dessen seltsamen Anfall von Prüderie am Morgen hatte er auch überhaupt nicht damit gerechnet.

"Musst du mich so erschrecken? Achtung, ich dreh das Wasser wieder auf."

Gleichzeitig tastete Chris nach dem Duschkopf.

"Wenigstens kann ich bei dir sicher sein, dass du die Überschwemmung weg machst. Die Küche sieht übrigens wieder klasse aus. Danke."

Mit dem warmen Wasser spülte Chris sich sein Gesicht ab. Er wollte sehen, was Edgar machte.

Der erste Blick war für Chris mehr als nur erfreulich. Edgar stand am Waschbecken, hatte seinen Pullover ausgezogen und wollte sich wohl den Dreck von der Arbeit abschrubben. Fasziniert sah Chris zu, wie Edgar den Wasserhahn aufdrehte, einen Waschlappen nahm und anfing, den Oberkörper zu waschen.

Dann wurde Chris ganz heiß.

"So eine verdammte Scheiße!"

Warum musste in diesem dämlichen Altbau immer das Badewasser heiß werden, wenn ein anderer Wasserhahn aufgedreht wurde?

Fluchend ließ Chris den Duschkopf fallen und sprang aus der Wanne, um sich nicht zu verbrühen.

Beinahe wäre er in dem See, der sich um die Wanne gebildet hatte, ausgerutscht, er konnte so gerade eben noch das Gleichgewicht halten.

Bevor noch ein weiteres Unglück geschah, drehte Chris das Wasser ab. Den Schaum hatte er schon längst ausgespült.

"Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht, dass du kein kaltes Wasser mehr bekommst, wenn ich mich wasche. Alles in Ordnung?"

Quasi als Entschuldigung reichte Edgar ihm ein Handtuch. Chris trat einen Schritt näher, um es ihn abzunehmen.

"Ich bin okay, bin froh, dass ich den Stunt überlebt habe."

"So, wie du geflucht hast, hast du mich ganz schön erschreckt."

Gott, was redeten sie da? Und dann bemerkte Chris, dass Edgar noch einnen Schritt näher gekommen war und ihn mit einer Gier betrachtete, die seiner eigenen in keiner Weise nachstand.

Ohne weiter nachzudenken, machte Chris genau das, was er wirklich wollte. Er ließ das Handtuch fallen, griff nach Edgars Haaren und zog dessen Kopf nicht wirklich sanft zu sich herab. Dann küsste er ihn.

Es war nichts Liebevolles oder Zärtliches in diesem Kuss. Er war hart und fordernd und drückte genau das aus, was Chris wollte. Edgar schien diese raue Behandlung nicht zu stören und er ließ sich in den Kuss fallen.

Zwei muskulöse Arme umfassten Chris und zogen ihn in eine enge Umarmung. Dieses Gefühl von Edgars Jeanshose auf seiner nackten, nassen Haut war mehr als nur erregend. Doch gleichzeitig auch störend.

Mit einem unwilligen Knurren ließ Chris Edgars Haare los und machte sich an dessen Hose zu schaffen - ohne den wilden Kuss zu unterbrechen.

Dafür begann Edgar, an Chris' Hals zu knabbern. Es fühlte sich so gut an, dass Chris seinen Kopf in den Nacken legte und einfach nur genoss. Statt die Hose an Edgars Körper herabzuziehen, hielt er sich jetzt daran fest. Er krallte seine Finger in den Stoff, als Edgar an der Halsbeuge angelangt war und sie mit mehr oder weniger sanften Bissen traktierte.

So intensiv es auch war: Es war nicht genug. Und schon mal gar nicht auf diesen kalten, nassen Boden.

"Bett!"

Es war mehr ein Stöhnen als ein Befehl, doch Edgar verstand auch ohne viele Worte.

 

Mitternacht war lange vorbei, Chris saß in der Küche und grübelte. Im Bett hatte er es nicht mehr ausgehalten, er war unruhig geworden und hatte Edgar, der selig schlummerte, nicht wecken wollen.

Deswegen hatte er sich in die Küche geschlichen, einen Whiskey eingeschüttet und saß jetzt vor dem vollen Glas und wusste nicht, ob er überhaupt einen Schluck trinken sollte.

War es wirklich erst 48 Stunden her, seit er sich auf Helens Abschiedsfeier betrunken hatte? Dass er geglaubt hatte, in einer glücklichen Beziehung mit gutem Sex zu leben? Nun, zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, wie göttlich der Sex mit Edgar war. Und jetzt war alles ganz anders. Und Chris wusste nicht, wo er wirklich stand.

Sicher war er sich nur, dass er die nächste Woche nicht die Gemeinschaftsdusche aufsuchen sollte, die diversen Bisse und Kratzer würden sonst zu seltsamen Fragen führen. Fragen, die er noch nicht beantworten wollte, beantworten konnte.

Der goldgelbe Whiskey glänzte verheißungsvoll. Aber es war eine trügerische Verheißung, die nichts brachte. Chris nahm das Glas in die Hand und betrachtete das Getränk.

Alkohol war an allem Schuld. Sein erster Absturz, der ihn mit Edgar zusammengebracht hatte, sein Filmriss und die Tatsache, dass er sich seit gestern wieder an alles erinnern konnte.

Und jetzt war er wohl mit Edgar zusammen. Er, Chris Schwenk, hatte sich auf einen schwulen, kleinkriminellen Automechaniker eingelassen und war verdammt glücklich. Glücklicher, als jemals zuvor in seinem Leben.

"Du kannst nicht schlafen?"

Langsam hob Chris seinen Kopf. Lässig am Türrahmen gelehnt stand Edgar. Nackt wie Gott ihn geschaffen hatte. Und mit mindestens genau so vielen Kratzern, wie sein eigener Körper auch hatte.

,So was sollten wir nicht zu oft machen. Sonst behalten wir noch bleibende Schäden.'

"Ich versuche gerade zu verdauen, was die letzten zwei Tage auf mich eingestürmt ist. Nicht gerade einfach für mich."

"Weil du dich doch mit mir eingelassen hast? Wegen Mike brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben."

Edgar kam in die Küche, setzte sich Chris gegenüber und sah ihn provozierend an. Doch Chris ließ sich nicht herausfordern.

"Ich weiß. Ich hatte heute ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit ihm. Glaubst du wirklich, dass ich es sonst so weit hätte kommen lassen?"

"Vor einem halben Jahr hättest du es gemacht, aber du hast dich verändert."

"Und du bist schuld."

"Daran bin ich gerne schuld. Was bedrückt dich?"

"Es ist..." Chris zögerte, blickte noch einmal auf das Glas in seiner Hand, entschloss sich dann, den Stier bei den Hörnern zu packen. "Ich hab' die letzten Monate miterlebt, wie meine lieben Kollegen Mike behandelt haben, seit sie wissen, dass er schwul ist. Und ich weiß nicht, ob ich das aushalten werde."

"Dann halt doch einfach die Klappe. Willst du den Whiskey jetzt trinken oder festhalten?"

Edgars Gesichtsausdruck hatte etwas Endgültiges, und der abrupte Themenwechsel sollte Chris wohl klar machen, dass das Thema durch war, doch Chris konnte es nicht so einfach zur Seite schieben.

"Und was ist mit uns? Ist das jetzt nur eine heiße Nummer, die wir miteinander geschoben haben oder soll das mehr sein? Wie soll es denn weitergehen, wenn ich es verheimliche?"

Chris setzte das Glas ab und fuhr mit den Fingern durch seine Haare.

"Du brauchst es nicht zu verheimlichen, Mike sollte es schon erfahren. Aber glaubst du im Ernst, dass deine Kollegen nach deinem Privatleben fragen, wenn du ihnen nichts erzählst?"

Damit hatte Edgar wohl Recht.

"Gut, das ist ein Punkt, und wie geht es weiter?"

"Wenn du den Whiskey nicht trinkst, dann gib ihn mir. Ansonsten würde ich sagen, dass wir jetzt in mein Bett gehen. Ich brauch noch einige Stunden Schlaf. Auch wenn morgen Samstag ist, muss ich arbeiten."

"Die Hebebühne?"

"Mike hat dir also wirklich alles erzählt?"

Das Seufzen in Edgars Stimme war unüberhörbar. Chris beschloss, reinen Tisch zu machen.

"Wenn du jemals mit Marco eine Nummer schieben solltest, dann sind wir geschiedene Leute."

"Er hat's wirklich getan."

Edgar schnappte sich das Glas und leerte es in einem Zug.

Danach blickte er Chris an.

"Erwarte nicht, dass ich dir hundertprozentig treu bin. Ich bin nicht der Typ dafür. Dafür erwarte ich auch nicht, dass du mir treu bist."

"Solange du um sämtliche Kleinkriminellen einen großen Bogen machst, werde ich damit klarkommen. Vorausgesetzt, du vernachlässigst mich nicht im Bett."

"Du glaubst allen Ernstes, dass du mich sexuell auslastest?"

Edgar blickte Chris ungläubig an.

"Eddie, du bist zwar jünger, aber das bedeutet nicht, dass ich deswegen nach der ersten Runde einschlafe. Das warst du."

"Ich habe auch den ganzen Tag hart gearbeitet, während du faul im Büro gesessen hast."

Das konnte Chris nicht auf sich sitzen lassen, stand auf ging zu Edgars Stuhl und beugte sich über ihn. Dann küsste er Edgar. Es war ein leidenschaftlicher Kuss, aber die Wildheit fehlte. Stattdessen war es fast schon liebevoll. Edgar krallte seine Hände in Chris' Haare und zog ihn näher zu sich ran. Bis sie sich irgendwann atemlos voneinander lösten.

"Bett?", fragte Chris wieder.

"Sicher, aber lass es uns etwas ruhiger angehen. Noch eine Runde klingonischer Sex und ich kann morgen früh nicht mehr arbeiten, weil mir alles wehtut."

Grinsend stand Chris auf und hielt Edgar die Hand hin. Dieser ergriff sie und ließ sich hochziehen.

"Glaubst du etwa, mir geht es besser? Ich hab' morgen garantiert einen Muskelkater."

"Du kannst auch ausschlafen. Und mir tut jetzt schon alles weh."

"Dann massier ich dich, wenn du von der Arbeit zurückkommst."

Es würde Spaß machen, Edgars Körper durch eine Massage besser kennen zu lernen.

Während ihrer Kabbelei zog Chris Edgar ins Schlafzimmer.

Er war sich immer noch nicht sicher, ob eine Beziehung mit Edgar gut gehen würde, aber es kam auf einen Versuch an.

Und Familie Hofmann würde auch noch merken, dass es ein Fehler war, ein krummes Ding zu drehen.

 
Ende

 
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