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Geheimnisse und Offenbarungen
Teil 1
Teil 2
 
 

Geheimnisse und Offenbarungen

© by Kati ()

 

Disclaimer: Naja, Spike, Buffy und die anderen gehören Joss, aber natürlich ist meine Fantasie auch mein!
Diese Geschichte schrieb ich, weil Natalie so rumgejammert hat, daß es kaum deutsche B/S - Fanfic gibt. Man muß eben nur herausgefordert werden, dann klappt's auch mit der Fanfic! Oder so lange jammern, bis es klappt... Also, Natalie, hier nun mein kleines "Geschenk" für dich, und wehe, du weißt das nicht zu würdigen... Oh, Mann, das klingt aber gönnerhaft!
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Buffy-Sektion

 
Teil 1

 

Sie packte ihre Tasche. Ein paar Pflöcke, die Armbrust, ein großes Messer - eben die Standardwaffen für die Patrouille.

Willow lag auf ihrem Bett und las. Sie schaute von ihrem Buch auf, als Buffy sich die Tasche über die Schulter warf.

"Routine-Patrouille? Oder gibt's mal wieder einen Weltuntergang?", fragte sie lächelnd.

"Naja, ich denke, nichts außergewöhnliches. Ich soll vorher nochmal bei Giles vorbeikommen. Wer weiß, was er wieder hat..."

"Wenn was sein sollte, wobei ich dir helfen kann - ich gehe nachher noch zu Tara. Wir wollen noch was ausprobieren."

"Danke, aber ich denke, ich komme auch so zurecht. Mach's gut, Willow!"

Und damit war sie schon aus der Tür.

 

* * * * *

 

"Hallo, Giles.", sagte sie, als er ihr die Tür öffnete.

"Guten Abend, Buffy. Schön, daß du daran gedacht hast, vorbeizuschauen."

Er lächelte und schloß hinter ihr die Tür.

"Ich wollte dich bitten, daß du die normalen Patrouillen ab jetzt mit Spike zusammen unternimmst. Es erscheint mir sicherer."

Buffy verdrehte die Augen. "Aber Sie wissen doch, wie sehr der Kerl mich nervt. Und außerdem kann man ihm nicht trauen."

"Buffy... ähm, ich denke, es ist sicherer für dich, wenn du noch einen... ähm Partner an deiner Seite hast und nicht allein gegen deine Gegner antreten mußt..."

"Partner? Der ist ein Partner wie ein Pickel im Gesicht!", rief sie wütend aus.

"Buffy, hör mir zu." Er hob beschwichtigend die Hand, als sie erneut zum Sprechen anhob, und schüttelte den Kopf.

"Nein, Buffy, wirklich, ich denke - obwohl ich es nicht gerne zugebe - daß er jetzt, wo der Chip ihn vom Beißen abhält, keine andere Möglichkeit zum Überleben hat, als sich uns anzuschließen. Er weiß das. Und solange das so ist, sehe ich nicht ein, warum du weiterhin allein dein Leben riskieren sollst, wenn Spike auch gegen Dämonen kämpfen kann..."

Er nahm seine Brille ab und sah ihr ernst in die Augen.

"Sieh mal, ich mache mir jedes Mal Sorgen, wenn ich dich da hinausschicken muß, und ich finde es... ähm... beruhigend, zumindest aber etwas erträglicher, wenn ich weiß, daß du da draußen nicht ganz allein bist."

Sie drehte ihre Augen himmelwärts. "Aber Giles, der Kerl ist echt ätzend. Er lenkt mich mit seinem Gerede nur von meiner... Arbeit ab."

Giles seufzte und holte dann tief Luft.

"Buffy, ich muß dir doch nicht immer wieder sagen, wie sehr mir an dir liegt. Es ist fast, als wärst du eine... ähm... Tochter für mich. Und, nun ja, ein... ähm... Vater setzt nun mal seine Tochter sehr ungern Gefahren aus, zumal, wenn sie einen... ähm... Beschützer haben könnte."

"Beschützer? Giles!" Sie stampfte mit dem Fuß auf und wußte nicht, für welches Gefühl sie sich entscheiden sollte: Rührung darüber, daß er sie eine Tochter genannt hatte - oder Empörung darüber, daß er Spike als "Beschützer" tituliert hatte.

Die Empörung siegte.

"Sie wissen doch selbst, wie blasiert dieses englische Ekel ist!"

Huuuch! Sie hielt erschrocken ihre Hand vor den Mund und wurde rot.

"Naja, nichts gegen Engländer... und ... äh...", sie besann sich.

"Schon gut, Buffy. Du kannst es ja erstmal nur an diesem Wochende probieren. Heute ist Freitag - also nur bis Sonntag, und dann reden wir nochmal darüber. Bitte."

Es hatte sowieso keinen Zweck, er würde sie weiter mit Argumenten zuschütten, da könnte sie auch gleich klein beigeben.

"Ach, Giles, wenn Ihnen so viel daran liegt, kann ich es ja mal versuchen. Wenn er mir zu sehr auf den Keks geht, kann ich ihn einfach irgendwo stehenlassen - oder ihn auch gleich pfählen. Dann brauche ich nie mehr mit ihm auf Dämonenjagd zu gehen."

Sie schüttelte resigniert den Kopf. "Also gut, ich hole Spike nachher ab. Oh, Mann, Sie verstehen's aber auch immer wieder, mich zu überreden."

Jetzt mußte sie lächeln, als sie in Giles' perplexes Gesicht sah. Wahrscheinlich hatte er mit viel mehr Widerstand gerechnet und sich noch ein paar weitere Argumente zurechtgelegt gehabt - die nun nicht mehr nötig waren...

Aber er fing sich wieder.

"Fein, Buffy. Ich glaube, du wirst doch langsam erwachsen. Früher hätten wir wohl einen wesentlich längeren... Disput gehabt. Es ist gut, daß du es einsiehst - und wenn man Hilfe bekommt, egal, woher, dann sollte man sie auch..." Er unterbrach sich, als er an ihrem Ausdruck feststellen konnte, daß *er* nun die Nervensäge war, und er wollte nicht länger mehr auf diesem Thema herumreiten... Er hatte sein Ziel erreicht.

Buffy sah ihn grinsend an: "War's das? Dann werde ich mal losziehen. Machen Sie's gut, Giles.", sagte sie nur kurz, rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und wandte sich zur Tür.

"Ähm, Buffy...", er setzte seine Brille auf und sah sie enschuldigend an. "Bitte verzeih', wenn ich manchmal wie eine, nun ja, Glucke bin. Aber auch ich kann nicht aus meiner Haut...", sagte er verlegen.

"Schon gut, Giles, weiß ich doch. Bis dann."

Und sie schlüpfte hinaus in die anbrechende Nacht.

 

* * * * *

 

'Mein Gott!', dachte sie auf dem Weg zu Spikes Krypta. 'Wieso denken alle auf einmal so gut von Spike?' Der Typ hatte mehr als ein Jahrhundert lang gemordet, massakriert, gefoltert und was sonst nicht noch alles. Und ganz plötzlich, so von heute auf morgen, war er zum "Beschützer" geworden, wie Giles ihn gerade bezeichnet hatte. Sie, Buffy, würde sich jedenfalls nicht von diesem blonden Billy-Idol-Verschnitt um den Finger wickeln lassen... Vorsicht war bei dem Kerl angebracht, und nicht zu knapp!

Ihr fiel Willows Zauber wieder ein, und unwillkürlich mußte sie sich schütteln, als sie daran dachte, wie er sie geküßt - und sie ihn zurückgeküßt - hatte, igitt!

Naja, wenn sie ehrlich war, sooo schlimm war es nun auch nicht gewesen. Eigentlich war sie immer noch ganz beeindruckt, wie gut der Typ küssen konnte. Nicht daß Riley das nicht konnte - oder Angel - aber es war irgendwie anders gewesen, leidenschaftlicher, sexyer... Oh Gott, jetzt dachte sie in einem Atemzug an Spike und sexy - wo sollte das nur enden. Sie konnte den Kerl nicht ausstehen, basta!

Sie blieb vor der Tür zu seiner Krypta stehen und versuchte, ihren Gesichtsausdruck auf ihn einzustimmen. Mürrisch! Böse! Angeekelt!

Sollte sie ihn wirklich mitnehmen? Giles würde doch gar nicht merken, wenn sie die Patrouille allein absolvierte...

Sie schüttelte den Kopf. Nein, er würde es merken - in ihren Augen würde er es lesen können.

Sie seufzte. Warum hatte sie sich auch breitschlagen lassen!

Mit einem wohldosierten Fußtritt stieß sie die Tür auf.

Spike saß in seinem Sessel vor dem Fernseher, die Beine hochgelegt und hatte seine üblichen schwarzen Jeans und sein schwarzes T-Shirt an.

Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, sagte er: "Hallo, Jägerin. Was verschafft mir die Ehre, daß du deinen süßen Arsch hier reinschiebst?"

Sie rollte mit den Augen und hätte am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht.

Ohne auf seine Frage einzugehen, ging sie zum Fernseher und schaltete ihn ab.

"Hey, was soll das? Das hier nennt sich Privatsphäre! Dich haben sie wohl mit dem Klammerbeutel gepudert?", rief er empört und sprang auf.

Sie grinste ihn an. "Wer Privatsphäre haben will, muß sie sich erstmal verdienen. Du kommst jetzt mit auf Patrouille, Spike. Danach kannst du machen, was du willst."

Er sah sie erstaunt an. Sie war wirklich ein Miststück! Aber ein sexy Miststück mit tollen Haaren und einem wirklich süßen Arsch... Sie hatte heute ihre schwarze, enge Lederhose an und eine kurze Jeansjacke darüber und sah einfach zum Anbeißen aus. Aber er mußte natürlich empört bleiben... oder zumindest nicht gerade begeistert. Naja, die Jägerin war allemal besser als das beschissene Fernsehprogrammm...

Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung.

"Ach, was soll's. Schlimmer kann's ja nicht werden. Das Fernsehprogramm war sowieso Scheiße - und ein bißchen Gewalt muntert einen besser auf als jeder verdammte Film."

Jetzt war es Buffy, die sauer war. Sie hatte gehofft, ihn mit ihrem Vorgehen viel mehr zu reizen - und ihn so vielleicht schon loszuwerden, *bevor* sie mit ihm auf Patrouille gehen mußte. Es hatte nicht geklappt.

"Na dann mal los, Spike, gehen wir!"

Sie sah zu ihm hoch und zeigte mit einer eleganten Geste einladend zur Tür...

... die in diesem Moment krachend aufflog.

 

* * * * *

 

Das Telefon klingelte früh am Morgen. Unwillig hob Giles ab.

"Ja?"

"Hallo, Giles. Hier ist Willow. Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie so früh störe, aber ich bin gerade... ähm... nach Hause gekommen, und es sieht so aus, als ob Buffy nicht von ihrer Patrouille gestern abend zurückgekommen wäre. Und da sie vorher zu Ihnen wollte, dachte ich, Sie wüßten vielleicht..."

"Willow, nein, keineswegs. Sie ging hier bei Einbruch der Nacht weg, und ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht hat sie ja bei Riley... ähm... übernachtet."

"Hm. Nein. Der ist bei seiner Familie in Iowa."

"Oh." Beide schwiegen einen Moment. Dann sagte Giles mit besorgter Stimme:

"Ich hatte sie gestern gebeten, die Patrouille mit Spike zu machen. Hoffentlich... ähm... hat sie nicht recht behalten mit ihrem Mißtrauen ihm gegenüber."

"Oh Gott, Giles, Sie denken doch nicht, daß Spike... Vielleicht... vielleicht gibt es ja eine ganz simple Erklärung..."

Giles räusperte sich. Sein Hals war mit einem Mal trocken.

"Vielleicht hast du recht. Hoffentlich. Aber wir sollten auf jeden Fall zu Spike, um sicherzugehen. Es wäre ja möglich, daß sie doch nicht zu ihm gegangen ist...".

Er machte eine Pause. "Obwohl sie es mir versprochen hatte... Willow, rufe bitte Xander an und gehe mit ihm zu Spike. Ich versuche, ein wenig rumzutelefonieren... bei der Polizei... und den Krankenhäusern."

"Mache ich, Giles. Wir treffen uns dann nachher bei Ihnen."

 

* * * * *

 

Die beiden näherten sich langsam der Krypta. Am Tage sah alles hier so friedlich aus. Ein Rotkehlchen saß auf einem herabhängenden Ast und sang seine melancholische Weise. Willow blieb unwillkürlich stehen, als sie die weit offenstehende Tür zur Krypta sah.

"Xander! Die Tür steht auf."

"Vielleicht hat Buffy nun endgültig Spikes Ende besiegelt, und die Krypta ist wieder zu haben.", sagte er grinsend. "Oder er sonnt sich."

Sie gingen langsam und vorsichtig näher heran, aber es war alles ruhig. Xander betrat zögernd den Raum, hinter ihm Willow. Kampfspuren waren da. Der Sessel, auf den Spike sich immer hingefläzt hatte, war zerbrochen und lag auf der Seite. Der Fernseher war umgekippt, und auf dem Boden lagen Glassplitter.

"Oh Mann, der Reißzahn hat sich gewehrt. Ich dachte, der kann gar nicht mehr gegen Menschen kämpfen. Ich sehe bloß keinen Aschehaufen, mal abgesehen von dem ganzen Dreck hier drin." Xander sah sich forschend um.

Willow hatte sich umgedreht und entdeckte Buffys Waffentasche auf dem Boden hinter der Gruft. "Oh Gott, Xander.", stöhnte sie auf und hielt die Tasche hoch, damit er sie sehen konnte.

Xanders Kinnlade klappte herunter, und er sah sich nervös um.

"Er wollte wohl seine dritte Jägerin abhaken...", sagte er leise, und sein Gesicht war fahl geworden. Willow schluchzte auf.

"Nein. Das kann nicht sein. Der Chip funktioniert noch.", sagte sie trotzig und richtete sich auf. Dann sah sie Spikes Ledermantel. Und hoffnungsvoll fügte sie hinzu: "Hast du Spike jemals ohne seinen Ledermantel gesehen, außerhalb seiner Krypta, meine ich?" Sie zeigte mit der Tasche, die sie immer noch in ihrer Hand hielt, auf den Mantel, der abseits in einer Ecke lag.

"Willow, du hast recht. Wenn er Buffy... äh... getötet hätte, wäre er abgehauen - aber niemals ohne seinen geliebten Mantel. Irgendwas ist hier passiert. Vielleicht mit allen beiden. Jedenfalls sind sie verschwunden - was kein Beweis dafür ist, daß sie tot sind."

Willow sah ihn verblüfft an. "Mann, du kannst ja richtig kombinieren, Sherlock."

Er hörte nicht zu, sondern ging zu der Ecke, in der der Mantel lag, hob ihn auf und fing an, in dessen Taschen herumzukramen. Vielleicht könnte ja der Tascheninhalt Aufschluß bringen...

Zigaretten, Feuerzeug, ein Pflock - wieso ein Pflock? - ein winziger, schwarzer Slip.

"Oh, Mann, was man so alles über die Leute erfahren kann, wenn man in ihren Taschen kramt..." Er grinste und hielt die Unterwäsche hoch. "Was meinst du, was ein Kerl wie Spike mit einem Damenslip will?"

"Keine Ahnung. Auch Spike hat seine Bedürfnisse... aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter." Sie schlenderte zum umgekippten Sessel hinüber. Daneben hatte sie etwas entdeckt, was irgendwie fremd wirkte in dieser Umgebung. Ein kleines Ding, das aussah wie ein Dartpfeil mit einer Ampulle lag auf dem Boden neben dem Sessel. Sie bückte sich und hob es auf.

"Gibt es auf Friedhöfen Wildhüter oder Zoowärter?", fragte sie Xander.

"Was? Was meinst du?"

"Naja, da gibt es doch so Gewehre mit Betäubungspfeilen... Und ich glaube, das hier ist so ein Ding." Sie gab Xander, der inzwischen zu ihr herübergekommen war, den kleinen Pfeil mit der Ampulle.

Er betrachtete ihn eingehend. "Ja, das ist sowas. Das sieht nach einer... Entführung aus. Was wollen Entführer mit einer Jägerin und einem Vampir?"

"Weiß nicht. Aber Fakt ist, daß den beiden etwas zugestoßen ist. Buffy bleibt nicht einfach weg, ohne uns zu benachrichtigen. Nimm den Mantel auch mit - wir gehen zu Giles. Vielleicht hat er inzwischen was rausgefunden. Hier können wir nichts mehr ausrichten."

Sie schaute sich traurig um, Tränen in den Augen.

"Buffy.", flüsterte sie besorgt.

 

* * * * *

 

Dunkle Nebelschwaden umwaberten seinen Blick. In seinem Mund war ein schaler Geschmack nach irgendwas Medizinischem, und er konnte immer noch keinen klaren Gedanken fassen. Was war das bloß? Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war, wie die Tür zu seiner Krypta donnernd aufflog. Er hatte noch zugesehen, wie sich daneben ein großes Stück Putz von der Wand gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Draußen vor der Tür war eine Bewegung gewesen, und dann sah er etwas auf sich zufliegen, etwas winziges, aber er konnte nicht mehr ausweichen. Und das allerletzte, an das er sich erinnern konnte, war, wie die Jägerin neben ihm zusammenklappte - und dann waren auch ihm die Sinne geschwunden. Nur noch Dunkelheit.

Er konnte seine Beine spüren, wußte aber nicht, ob er lag oder stand. Er versuchte, die Augen zu öffnen, blinzelte benommen und sah über sich eine Balkendecke, grau und verschimmelt von Feuchtigkeit.

Er mußte wohl liegen, denn als er mit seiner Hand neben sich herumtastete, fühlte er festen Boden, der von Staub bedeckt war. Es roch moderig.

"Zur Hölle, wo bin ich?", fluchte er, als er halbwegs zur Besinnung kam. Als er ächzend den Kopf hab, wurden die Nebelschwaden wieder dicker, aber er riß sich zusammen, schüttelte den Kopf, wie um sie so zu vertreiben, und setzte sich auf.

Der Raum war fast dunkel, nur von indirektem Licht beleuchtet, das aus keiner bestimmten Richtung zu kommen schien, aber seine Vampirinstinkte ließen ihn alles klar erkennen. Er lag auf dem Boden eines riesigen Kellergewölbes, alle paar Meter war ein runder Pfeiler, um die Decke abzustützen. Vor sich sah er ein paar alte Holzfässer, wahrscheinlich leer - bei seinem Glück. Obwohl ihm so schon mulmig genug war, hätte er niemals was gegen einen guten Tropfen einzuwenden...

Eine Tür oder Fenster konnte er nicht erkennen, jedenfalls nicht vor sich. Er drehte den Kopf, weil er neben sich einen Herzschlag hörte.

"Die Jägerin.", dachte, nein, wußte er. Und seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht. Etwa zwei Meter von ihm entfernt lag Buffy, bewußtlos.

Sie lag auf dem Rücken mit ausgestreckten Beinen, die Augen geschlossen.

Wie kamen sie hierher?

Er stand mit wackligen Beinen auf und faßte sich an den Kopf. Grundgütiger, was immer diese Typen ihm verabreicht hatten, das war nicht von schlechten Eltern! Mit der linken Hand fuhr er sich durch sein blondes Haar, und mit der rechten faßte er in seine Manteltasche - und stellte fest, daß da gar keine Manteltasche war.

Verdammt, noch nicht mal rauchen konnte er.

Er sah zu Buffy hinüber, die noch immer unbeweglich dalag. Wohl oder übel waren sie nun Verbündete... bloß gegen wen? Wie, zur Hölle, waren sie hierhergekommen - und wo war *hier* überhaupt? Unsicheren Schrittes ging er zur Jägerin und hockte sich neben sie.

"Hey, Jägerin, wach auf! Genug geschlafen." Er berührte sie leicht an der Schulter.

Sie murrte und rührte sich etwas. Er konnte beobachten, wie sie langsam zu sich kam. Ihre Augen flogen unruhig unter ihren Lidern hin und her, dann blinzelte sie und sah zu ihm auf.

'Diese Augen', dachte er. 'Was für eine Farbe, braun und grün in einem und einmalig schön...' Er zog die Augenbrauen hoch und schalt sich selbst einen verdammten Wichser für seine immer wiederkehrenden Fantasien mit ihr. Das war tabu!

Durch die wattigen Nebelschwaden hindurch konnte sie nur schwach einen Blondkopf erkennen. Ihre Jägerinneninstinkte schlugen Alarm: Vampir! Sie spürte die kalte Berührung an ihrer Schulter und wurde plötzlich munter.

Ihre Faust schoß nach oben in das unscharfe Gesicht über sich und landete einen Treffer.

Der Vampir flog gegen den Pfeiler, der mehrere Meter entfernt hinter ihm stand und blieb dort zusammengekrümmt liegen.

Buffy richtete sich mühsam auf und sah sich um. Na, dieser Kerl würde sie jedenfalls nicht mehr so schnell anfassen, dachte sie verschwommen. Aber wo war sie überhaupt? Und wie kam sie hierher?

Sie hörte ein Stöhnen aus der Richtung, wo der zusammengekrümmte Körper des Vampirs gelandet war und erkannte - Spike.

Uuuuups.

Er rappelte sich mühselig auf und zog sich am Pfeiler auf die Beine. Diese verdammte Jägerin! Er faßte sich vorsichtig an die Nase und stöhnte bei der Berührung auf. Scheiße, nicht nur, daß er hierher verschleppt worden war - warum auch immer - nein, verdammt, die blöde Kuh mußte ihn auch noch schlagen... Und einen verdammt harten Schlag hatte sie, das mußte er zugeben, wenn auch nur ungern...

"Oh, Mann, Jägerin. Was sollte denn das? Falls du es vergessen haben solltest, ich bin Spike, der verdammte Vampir, der, verflucht nochmal, nicht beißen kann - und dein Mitgefangener, wenn man das so bezeichnen kann, an diesem gastlichen Ort hier.", knurrte er mürrisch.

Buffy sah zu ihm hin und runzelte die Stirn.

"Von allen... äh... Personen dieser Welt mußt ausgerechnet *du* mein 'Mitgefangener' sein, Spike. Was habe ich nur verbrochen, daß ich so bestraft werde?", seufzte sie.

"Dito.", antwortete er schlicht.

Und dann: "Was meinst du, wo wir hier sind? Und wer uns entführt hat? Und wozu?"

Zu viele Fragen auf einmal, dachte er. Aber die wichtigste hatte er noch nicht gestellt:

"Und wie kommen wir hier wieder raus, Süße?"

"Spike! Woher soll ich denn das alles wissen? Ich bin doch auch gerade erst aufgewacht. Hätte ich mich bloß nicht so schnell von Giles überreden lassen. Dann wärst nur du entführt worden - warum auch immer - und ich würde jetzt in meinem warmen und weichen Bett liegen."

"Wieso - von Giles überreden lassen?", fragte er neugierig.

Sie hob den Kopf zur Decke und rollte mit den Augen.

"Naja, er hat mich überredet, mit dir auf Patrouille zu gehen - und jetzt haben wir den Schlamassel, Blondie. Ein schönes Wochenende! Gefangen mit einem irren, 'impotenten' Vampir. Ein guter Titel für einen Vincent-Price-Film, oder?", grinste sie ihn an.

Er sah böse zu ihr hinüber.

"Klar, wie wär's denn mit 'Die Schöne und das Biest'? Oder, nein, besser: '*Der* Schöne und das Biest'? Oder: 'Ich Tarzan, du Jane....'"

Sie hob die Hände und unterbrach ihn: "Natürlich, so können wir weitermachen, bis unsere Wärter - oder wer oder was auch immer - kommen und uns abmurksen. Wie wär's, wenn wir mal was Konstruktives ersinnen - zum Beispiel einen Fluchtplan?", fragte sie sarkastisch.

"Du hast mit den Gemeinheiten angefangen, Jägerin. Und im Übrigen - ich bin nicht derjenige, der hier rummeckert von wegen '...bloß nicht auf Giles gehört' und so. Wer sagt denn, daß die Typen nicht gewartet haben, bis du in der Krypta warst, damit sie dich kriegen? Und vielleicht wollten sie ja *nur* dich und ich bin aus Versehen hier? Aber das tut nun auch nichts mehr zur Sache - wir müssen hier raus, und zwar bald, verdammt nochmal."

Nicht schlecht, dachte sie. Vielleicht kann man mit ihm zusammen ja doch was anfangen. Und schließlich waren sie aufeinander angewiesen - und niemand sonst war da, der ihr helfen konnte. Sie mußten zusammenhalten. Und lieber *mit* ihm, als allein - oder schlimmer: gegen ihn...

Dann räusperte sie sich.

"Was meinst du, was das hier ist? Sieht nach einem Keller aus, ziemlich alt und lange nicht benutzt." Sie sah ihn an.

"Naja, könnte ein altes Herrenhaus sein, vielleicht eine Stadtvilla. Aber jedenfalls ewig nicht bewohnt, sonst würde es hier nicht so mufflig riechen. Vielleicht existiert ja nur noch dieser Keller hier, und das Haus ist eingefallen oder wurde abgetragen."

Er zögerte, dann fügte er hinzu: "Aber einen Ausgang gibt es hier nicht, jedenfalls keinen sichtbaren. Vielleicht so eine Art Geheimgang - wir sollten mal die Wände näher untersuchen, Kleines."

"Gut.", sagte sie nur und zeigte auf die gegenüberliegende Wand. "Ich fange dort an, du auf der anderen Seite, dann können wir nichts auslassen."

Ohne zu antworten, drehte er sich um und ging auf die Wand hinter sich zu. Sie sah ihm hinterher. 'Warum trägt er eigentlich immer diesen verdammten Mantel - da kann man nie seinen göttlichen Hintern sehen.', dachte sie mit Abstand, '... und auch nicht seine tollen Oberarme.'. Als ihr klarwurde, was ihr da eben durch den Kopf gegangen war, zuckte sie zusammen. 'Hey, das ist Spike! Böse Buffy!' Aber dann mußte sie kichern. Naja, anschauen kann ja nichts schaden...

Sie ging auf die Wand zu und machte sich daran, sie zu untersuchen.

 

* * * * *

 

Giles öffnete ihnen die Tür und machte ein besorgtes Gesicht.

"Hallo, ihr Beiden. Nun ja, weder bei der Polizei, noch bei den Krankenhäusern weiß man etwas. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Was habt ihr denn von Spike erfahren?", fragte er.

"Der ist nicht zu Hause.", antwortete Xander.

"Aber es sieht so aus, als ob er nicht freiwillig ausgegangen ist.", fügte Willow hinzu. Sie hob Buffys Tasche. "Und das hier haben wir dort gefunden."

Giles' Gesicht wurde noch besorgter, als er die Tasche sah. Er machte sich jetzt Vorwürfe, daß er ihre Argumente nicht beachtet hatte.

"Aber es ist nicht das, was Sie jetzt vielleicht denken, Giles. Wir haben noch das hier gefunden." Xander holte den Betäubungspfeil aus seiner Tasche und gab ihn Giles in die Hand. Giles sah sich das kleine Ding interessiert an.

"Und wonach sieht es dann aus?", fragte er.

"Xander und ich denken, die beiden sind entführt worden. Wir haben auch Spikes Mantel gefunden - hier ist er. Und ich denke nicht, daß er jemals ohne das Ding abhauen würde..."

Giles nickte. "Ja, das ergibt einen Sinn. Aber wieso sind sie entführt worden?"

Die drei schwiegen einen Moment. Dann gab sich Xander einen Ruck.

"Die Initiative..."

"... gibt's nicht mehr, Xander. Glücklicherweise. Aber wenn wir den Grund der Entführung rausbekommen, dann könnte uns das zu den Entführern bringen - und zu Buffy."

"Wir könnten doch nochmal auf den Friedhof gehen und die Gegend um Spikes Krypta herum absuchen. Vielleicht finden wir Spuren oder irgend etwas, was uns weiterhilft.", schlug Willow aufmunternd vor.

Giles nickte wieder. "Ja, Willow, ich wüßte auch gar nicht, wo ich sonst ansetzen sollte."

Er hob ratlos die Hände. Eine entführte Jägerin, betäubt mit irgendwelchen Drogen, seine Buffy, wo war sie wohl jetzt in diesem Augenblick? Er ließ verzweifelt den Kopf sinken.

'Nein, ich darf nicht resignieren.', dachte er dann.

Er richtete sich auf, reckte den Hals und sagte: "Nun denn, laßt uns gehen. Je eher wir anfangen, desto wahrscheinlicher ist es, daß wir noch Spuren finden."

 

* * * * *

 

Sie trafen sich wieder in der Mitte des Kellers. Beide hatten ergebnislos alles abgesucht.

"Wie sind wir hier hereingekommen, wenn es keinen Eingang - oder Ausgang - gibt?", fragte Buffy verzweifelt und hob den Kopf, um dem Vampir in die Augen blicken zu können.

'Das nenne ich blaue Augen', dachte sie schwärmerisch.

Und dann zuckte sie wieder zusammen. Was war bloß mit ihr los, daß sie dauernd diese Gedanken hatte? Schon wieder sexy Spike. Sexy Spike? Das konnte, ja durfte einfach nicht sein...

Er beantwortete ihre Frage mit Sarkasmus.

"Durch Zauberkraft? Durch die Decke? Gebeamt?", fragte der Vampir zurück und blickte unwillkürlich nach oben. Die Holzbalken waren halb verfault und machten nicht gerade einen vertrauenerweckenden Eindruck. Früher mußte die Decke verputzt gewesen sein, denn an manchen Stellen war davon noch etwas zu sehen. Vielleicht gab es ja wirklich so eine Art Falltür oder eine kleine Lüftungsklappe.

"Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, Kind."

"Komisch, daß sich unsere Entführer so gar nicht sehen lassen. Wir müssen doch schon seit Stunden hier unten sein."

Sie zog die Augenbrauen zusammen und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, als würde sie eine Spinnwebe entfernen wollen. Langsam meldete sich ihr Magen, aber auch Durst.

"Naja, so verflucht scharf drauf, die Typen zu sehen, bin ich nicht, Jägerin. Vielleicht haben die ja gerade was besseres zu tun, als nach uns zu sehen... Und ich will lieber schon verschwunden sein, wenn die sich an uns erinnern."

Spike blickte immer noch nach oben, als hätte er dort etwas entdeckt. Er war sich nicht sicher, aber die eine Stelle dort sah aus, als hätte sich da erst vor kurzem ein Stück Putz abgelöst - aber darunter war es nicht zu entdecken. Vielleicht war das extra so getarnt, dachte er. Bloß - wie gelangte man dorthin? Das waren mindestens fünf Meter bis zur Decke. Zufällig streifte er mit seinem Blick die alten Fässer.

Und dann kam ihm die Idee.

"Ich glaube, da oben ist so eine Art Luke. Sieh mal, Süße. Und ich denke, wenn wir die Fässer übereinanderstellen, dann könnten wir bis dort oben hinaufkommen. Wäre einen Versuch wert, oder, Jägerin?"

Sie blickte zu der von ihm angegebenen Stelle hinauf. Ja, tatsächlich, da war etwas, was irgendwie anders aussah als der Rest der Decke. Vielleicht hatte Spike ja recht. Ein Hoffnungsschimmer machte sich in ihr breit.

Ohne viele Worte machten sich die beiden an die Arbeit und türmten die Fässer an der Stelle übereinander. Es waren bei weitem nicht genug Fässer, um das ganze sicher zu machen, aber irgendwie würde es schon gehen. Eine wacklige Angelegenheit hatten sie da hingestellt, und Buffy schwand der Mut - da sollte sie rauf?

Spike stand oben und ließ sich von ihr das letzte Faß heraufwuchten. Er hielt mit Mühe die Balance, aber mit der Kraft der Verzweiflung konnte er sich halten. Er stieg auf das oberste Faß und konnte gerade so an die Decke fassen.

Ja, das war eine Klappe. Sie war nicht scharf umrissen, mit unregelmäßigen Außenkanten und ohne erkennbaren Abschluß. Aber es war immerhin eine verdeckte Öffnung.

Er ächzte, als er mit aller Kraft seinen ausgestreckten Arm dagegendrückte. Nichts. Sie hatte sich noch nicht einmal gerührt. Er versuchte es wieder, diesmal mit einem weit ausholenden Schlag. Wieder nichts. Die Fässer unter ihm wankten gefährlich, aber er achtete nicht darauf.

Buffy sah von unten besorgt zu.

"Laß mich doch mal probieren, Spike. Vielleicht bist du ja aus der Übung..."

"NEIN." Mit voller Wucht schlug er seine Faust an die Klappe... die sich nicht rührte. Dafür fing jetzt der Fässerturm verdächtig an zu schwanken. Spike sah erschrocken zu Buffy herunter, die bleich wurde. Er konnte nur noch "Weg da!" brüllen, dann fielen die Fässer wie ein Turm aus Bauklötzern zusammen, und er sprang verzweifelt zur Seite Im Fliegen bemerkte er, wie sich - wie durch Geisterhand - auf einmal die Klappe von oben öffnete. Er fluchte, dann sah er, wie der Boden immer näher kam, und wie in Zeitlupe fiel er auf ein herabrollendes Faß und wurde von ihm mitgerissen. Er fand nirgendwo Halt, faßte mit den Händen ins Leere, als er auf dem Boden aufschlug - und eines der Fässer über ihn hinwegrollte.

Verflucht, es wurde immer schlimmer.

Aus den Augenwinkeln hatte er gesehen, wie die Jägerin sich hinter einem Pfeiler in Sicherheit brachte und aus sicherer Entfernung seinen 'Stunt' beobachtet hatte.

"Tolle Leistung, Spike. Da stimmt das also doch, was die in den Vampirfilmen immer zeigen: Daß ihr fliegen könnt.", kicherte sie.

Spike knurrte nur und bedeutete ihr wortlos, mit dem Finger in Richtung Klappe weisend, nach oben zu schauen.

Die stand jetzt offen.

Und langsam wurde eine Leiter hindurchgeschoben, bis sie unten auf dem Boden zum Stehen kam. Ein eigenartiges Grunzen war zu hören, dann kam ein krallenbewehrtes Bein - oder zumindest sollte es wohl eines sein - zum Vorschein, und dann ein zweites Bein. Eine riesige Erscheinung kletterte erstaunlich flink die Leiter hinab, hinter ihr kamen noch mehrere andere Dämonen. Aber der erste war wirklich beeindruckend.

Weit mehr als drei Meter groß, hatten seine Arme und Beine beträchtliche Reichweiten. Er hatte keine Hörner, dafür aber riesige Krallen an Füßen und Händen - wenn man diese Gliedmaßen so nennen konnte. Und sein Kopf war einfach gewaltig, mit riesigen hervorstehenden gelben Augen, die sich unruhig bewegten wie bei einem Chamäleon. Sein gesamter Körper war mit Schuppen bedeckt und von undefinierbarer Farbe. Das Grunzen, das sie anfangs gehört hatten, war lauter geworden und hatte sich zu einem Knurren entwickelt. Es ging von ihm aus.

Die anderen Dämonen - es waren sechs - waren nur mäßig groß und bewegten sich langsam, als sie unten angekommen waren. Sie sahen relativ normal aus - für Dämonen. Alle waren bewaffnet - mit Äxten und anderen Schlagwaffen, und einer von ihnen trug einen großen Rucksack.

Spike lag immer noch benommen auf dem Boden, seine Beine unter einem Faß, aber er blickte genauso erstaunt auf den Riesen wie Buffy. Mit einem Ruck zog er die Beine unter dem Faß hervor, wobei das Faß ins Rollen kam und genau auf den Riesen zurollte.

Der streckte lässig ein Bein aus und hielt es sich vom Leib, als wäre es ein lästiger Fußball, den spielende Kinder auf ihn abgeschossen hätten.

Buffy schluckte und mußte sich zusammenreißen, um die Erstarrung, in die sie beim Anblick des Monsters verfallen war, abzuschütteln.

Spike hatte recht gehabt, es wäre besser gewesen, wenn sie schon geflohen wären, bevor sich ihre Entführer mit ihnen befaßten...

 

* * * * *

 

Willow drehte sich herum zu Giles. Sie hatten jetzt jeden Flecken mindestens dreimal abgesucht, jeden Zentimeter um die Krypta herum. Und nichts gefunden.

Es war zum Verzweifeln.

Sie war noch einmal in die Krypta hineingegangen, suchte dort zum wiederholten Male jeden Winkel ab, jedoch ohne jede Hoffnung.

Sie holte tief Luft und versuchte, den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, hinunterzuschlucken. Was war nur geschehen? Sie waren sich jetzt ganz sicher, daß es nur eine Entführung sein konnte, denn alle Anzeichen sprachen dafür. Aber wer sollte so etwas tun? Und warum? Waren es die aus der Anderen Welt - oder gar Menschen?

Die Methode - Betäubungspfeile - konnte durchaus von Menschen sein. Aber warum sollten Dämonen nicht auch die neuen Techniken nutzen - bloß, weil sie länger auf der Erde waren als die Menschen?

Sie war mit dem Fuß irgendwo hängengeblieben und stolperte. Diese blöde, versiffte Krypta, noch nicht mal in Ruhe nachdenken konnte man hier.

Sie runzelte die Stirn und sah auf ihren Schuh hinunter. Im Leder steckte irgend etwas scharfes, glattes, leicht gebogenes. Wie ein riesiges Gitarrenplektrum von undefinierbarer Farbe zwischen grau und grün und braun.

Sie hob das Bein an und zog das Ding heraus. Sah aus... sie war auf einmal ganz aufgeregt.

Sie hatten eine Spur! Das mußte eine Schuppe von einem Dämonen sein.

"Giles! Kommen Sie, ich habe was.", rief sie laut aus.

Giles und Xander waren im Nu bei ihr, beiden war anzusehen, daß sie froh waren, endlich etwas gefunden zu haben, auch wenn sie noch nicht wußten, was es war.

"Hier, sehen Sie mal. Das sieht aus wie eine Schuppe, oder?"

Giles nahm ihr das Ding aus der Hand und betrachtete es.

"In der Tat, Willow. Gut gemacht. Jetzt wissen wir schon mehr - es waren keine Menschen.", sagte er. Dann sah er sich nach Xander um.

"Vielleicht weiß Anya auch ohne große Recherche, von was für einem Dämon dieses Ding hier stammen könnte. Ist ziemlich groß, nicht wahr? Bitte sag ihr, sie soll bei mir vorbeikommen..."

"Klar, Giles, sie wollte sowieso heute abend vorbeikommen. Wir hatten... ähm... was vor."

Xander rieb sich verlegen die Nase und wandte sich dann zum Gehen.

"Bis dann, wir sehen uns."

"Ja, Xander. Wir werden schon sehen, was wir tun können."

Willow hatte dabeigestanden und überlegt.

"Giles... vielleicht, wenn wir was finden, könnten Tara und ich durch einen Bestimmungszauber herausfinden, wo sich dieser Dämon aufhält. Und dort wären dann Buffy und... Spike vielleicht auch nicht mehr weit. Bitte - lassen Sie es uns versuchen..."

"Du brauchst mich nicht zu bitten. Diese Sache fordert unsere ganze gemeinsame Kraft, und ich bin froh, daß ich dich... und... Tara zur Unterstützung habe."

Sie wurde verlegen und bekam rote Wangen. Sie würde sofort zu Tara gehen und mit ihr diesen Zauber besprechen. Was für eine Herausforderung!

Dann schoß ihr wieder durch den Kopf, weshalb das alles hier stattfand, und schulbewußt wegen ihrer Euphorie, schaute sie zu Giles auf. Aber der hing seinen Gedanken nach und hatte ihren 'Fehltritt' gar nicht bemerkt.

"Also dann, Giles, bis nachher!"

"Was...? Ach ja, Willow, beeilt euch."

 

* * * * *

 
Teil 2

 

Als letzte trafen Xander und Anya bei Giles ein. Willow und Tara saßen auf der Couch, die Köpfe über ein Buch gebeugt, und nickten den beiden mit abwesenden Gesichtern zu.

Giles stand vor dem Bücherschrank und grübelte, die Brille in der einen Hand, ein Buch in der anderen. Er blickte sich zu ihnen um.

"Hallo, ihr beiden. Da seid ihr ja."

"Hallo!", sagte Anya und grinste, als sie alle so eifrig bei der Arbeit sah.

"Anya, gut, daß du kommst. Ähm... ich hoffe, du kannst dich von deiner Zeit als... Dämon vielleicht noch an das hier erinnern?"

Er hielt ihr die riesige Schuppe hin. Sie nahm sie entgegen, drehte sie in ihrer Hand und beschnüffelte sie.

"Also, wenn mich nicht alles täuscht - bei der Größe kann man sich kaum täuschen, aber der Geruch überzeugt mich dann doch - igitt! - ist das die Schuppe von einem Lamora-Dämon, Giles."

Alle Gesichter hatten sich erwartungsvoll Anya zugewandt.

"Und?", fragte Giles ungduldig.

"Was für ein Dämon ist das?"

Willow schaute interessiert zu Anya, wie diese an der Schuppe roch.

"Ein ungewöhnlich schöner Name für einen Dämon.", warf sie ein. "Hört sich fast wie 'l'amour' an, so romantisch..." Sie blickte verträumt zu Tara hinüber.

"Das ist aber auch alles, was an dem Vieh schön ist." Anya wandte sich jetzt zu Willow um.

"Das ist ein richtiges Monster. Riesengroß mit scharfen Schuppen und Krallen am ganzen Körper. Sogar sein Penis ist voller Schup..."

"Anya!" Xander faßte sie bei den Schultern. "Ich glaube nicht, daß das jetzt wichtig ist."

"Naja, für ihn schon. Er nimmt damit Nahrung auf."

"Was? Wie? Häh?" Xander war baff. Und die anderen sahen auch ratlos aus.

Giles hob die Hände, um sie zu beruhigen.

"Erstmal würde ich gerne wissen, was für eine Art Dämon dieser... äh... Lamora ist. Vielleicht bekommen wir dann auch was über sein Motiv raus - und seinen Aufenthaltsort."

Er sah Anya fragend an.

"Naja, ich weiß auch nicht besonders viel über diese Monster. Es gibt nicht viele davon. Die anderen Dämonen meiden sie größtenteils, weil sie so unberechenbar sind."

"Sind das nicht alle Dämonen, mehr oder weniger?", fragte Tara etwas irritiert. Ausgerechnet Dämonen regten sich über Unberechenbarkeit auf...

"Ja, schon, aber bei diesem muß auch jeder Dämon, der verliebt ist, vorsichtig sein."

"Häh? Verliebt?" Xander war jetzt vollkommen verwirrt und machte ein nicht gerade intelligentes Gesicht.

"Anya, erzähl uns doch ein wenig mehr - oder besser, alles, was du weißt, damit... wir uns ein Bild machen können. Was meinst du mit... ähm... verliebt?"

Giles hatte sich aufgerichtet und sah Anya neugierig an.

"Nun ja, ich soll doch nicht immer über dieses Thema reden - und nun auf einmal doch?"

Anya blickte Xander fragend an. Der nickte nur, und sie fuhr fort.

"Der Lamora-Dämon lebt von Verliebten. Er saugt ihnen das Gehirn aus - wegen dieser Enophine - oder wie das heißt, der Glückshormone. Er hat einen unheimlich guten Riecher, was das betrifft - und weiß genau, wer verliebt ist. Mit seinem Penis dringt er ins Gehirn ein, und dann..."

"Endorphine. Schon gut, Anya. Aber was hat das mit der Jägerin zu tun?" Giles runzelte die Stirn und setzte sich seine Brille wieder auf. Er hatte sich dem Bücherschrank zugewandt und suchte nun offensichtlich nach einem bestimmten Buch.

"Keine Ahnung. Vielleicht lieben sie sich?"

"Wer? Der Lamora und Buffy? Das ist widersinnig!"

"Nein!", antwortete Anya und verdrehte die Augen.

"Na, Buffy und Spike natürlich!"

Im Raum war augenblicklich Stille eingetreten. Niemand rührte sich. Alle Augen waren auf Anya gerichtet und - hatten den gleichen entsetzten Ausdruck. Der Augenblick zog sich unendlich in die Länge, bis Anya schließlich die Hände hob: "Hey, was ist denn? Ist ein Blitz eingeschlagen oder hat jemand in Giles' Lieblingsbuch ein Eselsohr gemacht?", fragte sie mit unschuldigem Gesichtsausdruck.

Giles war der erste, der sich rührte. Er räusperte sich verlegen.

"Wie kommst du denn darauf, daß Spike und Buffy sich... nun ja... lieben könnten?", brachte er es auf den Punkt.

"Naja, warum sonst wäre ein Lamora an den beiden interessiert? Sie wollten doch nach einem Motiv forschen, Giles. Und ich wollte ja nur helfen. Wenn Ihnen das nicht paßt, kann ich ja wieder gehen." Sie wandte sich an Xander. "Kommst du? Wir wollten doch heute abend die neue Stellung ausprobieren..."

Xander rollte mit den Augen.

"Das geht jetzt nicht - wir haben einen Notfall, Anya."

"Ich habe auch einen Notfall, Xander!", antwortete Anya grinsend.

Ihren letzten Kommentar ignorierend, hob Giles die Hand und zeigte auf ein Buch in seinem Schrank.

"Da ist es ja. 'Die Legenden der Dämonen'. Mal sehen, ob wir dort nicht mehr über den Lamora finden. Ähm - und danke, Anya, du hast uns sehr geholfen. Ohne dich wüßten wir noch immer nicht, um welchen Dämonen es sich handelt."

Triumphierend blickte sich Anya in der Runde um. Die beiden Hexen hatten sich wieder ihrem Buch zugewandt, und Xander sah zufrieden aus, daß er dieses leidige Thema beiseite schieben konnte. Er mußte wohl doch nochmal eingehender mit seiner Freundin reden...

Giles hatte inzwischen in dem Buch herumgeblättert und offensichtlich etwas gefunden, denn er hob den Kopf. Sein Gesichtsausdruck jedoch sah alles andere als zufrieden aus.

"Hört mal, ich habe da etwas gefunden, das nicht gerade zu Optimismus anregt. Was Anya sagte, ist wahr. Das Monster... ähm... ist wirklich so eine Art Aufspürer von Liebenden, und zwar zum Zwecke der... Nahrungsaufnahme. Oh Gott. Und dann steht hier was von einer Legende, die seit Jahrtausenden unter den Lamoren kreist. Und das ist es, was mich beunruhigt. Da soll... wenn es einmal vorkommt, daß... nun ja, daß eine Jägerin und ein Vampir sich ineinader verlieben - wie auch immer - diese beiden als Opfer von einem Lamoren dargebracht werden können... Und der Lamora, der dies tut, nun ja, der wird dadurch für alle Zeiten zum Herrscher über alle Dämonen..."

Die beiden Hexen sahen ihn erstaunt an.

"Aber Buffy *haßt* Spike!", sagte Willow voller Verwirrung. "Sie spricht nur negativ von ihm und will am liebsten überhaupt nichts mit ihm zu tun haben. Das wissen Sie doch am besten, Giles. Wie kommt denn dieser Lamora darauf, daß die beiden sich lieben könnten?"

Anya verdrehte die Augen:

"Der Dämon kommt da nicht drauf, er *weiß* es, er hat ein untrügliches Gespür für sowas!"

Jetzt sahen alle noch verwirrter aus, nur Tara lächelte.

"Nun ja, ich bin ja noch nicht so lange dabei, aber vielleicht schärft gerade der Abstand den Blick für solche Dinge. Ich denke schon, daß die Sache stimmen könnte, und daß die beiden es nur noch nicht selbst wissen. Und heißt es nicht auch 'Was sich liebt, das neckt sich'?"

Giles faßte sich an die Stirn und sah schuldbewußt aus.

"Und ich habe die beiden zusammengebracht. Wie konnte ich nur.", sagte er resigniert.

"Giles, bitte geben Sie sich nicht wieder die Schuld an etwas, auf das niemand - auch die Beteiligten nicht - einen Enfluß haben kann!" Willow war aufgestanden und ging zu ihm hin.

"Nun ja, Willow, gewiß hast du recht, aber... als Wächter muß man so vieles beachten und bedenken, und wenn etwas... schiefgeht, sucht man immer zuerst die Schuld bei sich." Dann, als ob er diesen Gedanken endlich abschütteln wollte, reckte er sich. "Nun ja, wie auch immer, wir müssen jetzt herausfinden, was dieses... Opfer, von dem da die Rede ist, beinhaltet und wann das stattfinden soll. Und natürlich, wo sich die beiden befinden könnten. Hier in dem Buch steht irgendwas von einem Vollmondritual... Jetzt haben wir...."

Er schaute auf den Kalender an der gegenüberliegenden Wand.

"Morgen ist Vollmond. Ich denke, bis dahin können wir sicher sein, daß die beiden am Leben bleiben... beziehungsweise am Unleben. Wir haben noch viel zu tun, Leute!"

 

* * * * *

 

Buffy stand unbeweglich hinter dem Pfeiler, wo sie sich vor den herabfallenden Fässern - und dem fliegenden Vampir - in Sicherheit gebracht hatte. Sie hatte in all den Jahren als Jägerin noch niemals so einen riesigen Dämonen zu Gesicht bekommen. Er sah nicht nur furchterregend aus, er flößte sogar ihr Respekt ein - und das hieß schon was. Unwillkürlich hatte sie eine Abwehrhaltung eingenommen, die Arme angehoben, die Hände zu Fäusten geballt, die Knie leicht angewinkelt.

Das Monster war neben der Leiter stehengeblieben, und die anderen Dämonen hatten sich an ihm vorbeigedrückt und sich im Halbkreis um es aufgestellt, mit den Gesichtern zu ihren Gefangenen hin. Buffy versuchte, Spikes Blick einzufangen, aber der war gerade damit beschäftigt, sich ächzend auf seine Beine zu hieven. Er sah nicht gerade erfreut aus...

Es wurde immer schlimmer, verflucht nochmal! Er rappelte sich mühsam auf, und alles tat ihm weh. Und dann noch diese Typen, die in der Überzahl und dazu noch bis an die Zähne bewaffnet waren. Was wollten die bloß von ihm und der Jägerin?

Er drehte sich zu Buffy um und sah, daß diese Verteidigungsstellung eingenommen hatte.

'Mutiges Mädchen, alle Achtung...', dachte er flüchtig, aber er wußte auch, daß sie beide keine Chance gegen diese Übermacht hatten. Und er wußte auch, daß Buffy das auch wußte. Ihm mußte irgend etwas einfallen - nur was?

In diesem Moment fing das Monster an zu sprechen - wenn man dieses donnernde Geknurre *Sprechen* nennen konnte...

"Na, ihr beiden Turteltäubchen, habt ihr es euch denn in eurem neuen Heim schon gemütlich gemacht?", fragte es, gefolgt von einem höllischen Lärm verursachenden Lachen. Es mußte wohl einen umwerfenden Witz gemacht haben, denn die anderen Dämonen stimmten in sein Lachen ein.

Buffy schaute es böse an und erwiderte: "Klar doch, wie witzig. Wir haben gerade nach dem Zimmerservice gerufen, weil die Minibar alle ist."

Das Riesenmonster schüttelte sich noch mehr.

"Ach, wie herzerfrischend es doch sein kann, wenn jemand im Angesicht seines bevorstehenden Todes immer noch seinen Humor bewahrt!"

Dann wurde es ernst.

"Du bist die Jägerin. Deshalb haben wir dich hierhergeholt, zusammen mit deinem Freund hier, dem Vampir. Ich freue mich, daß es euch beiden hier so gut gefällt, aber leider bleibt ihr nicht lange hier, denn morgen...", er überlegte kurz. "Nein, es ist ja schon längst heute - also heute wird euer letzter Tag anbrechen und ihr werdet euer Opfer bringen..."

"Das ist nicht mein Freund!", unterbrach ihn Buffy trotzig. "Und außerdem hast du nicht das Recht, uns hier festzuhalten - das ist Kidnapping!"

Sie wußte, wie lächerlich sich das anhören mußte, aber irgendwie war sie blockiert und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie hoffte, daß ihr schon bald etwas einfiele - und was war mit Spike? Der war doch sonst nicht auf den Mund gefallen, oder? Der stand nur da und rollte mit den Augen.

Der Dämon lachte wieder sein Donnerlachen.

"Nein, es ist wirklich immer wieder zu köstlich, diesen Liebessklaven zuzuhören. Also wirklich, fast tut es mir leid, daß ihr beiden so bald sterben müßt - zu meiner Unterhaltung würde ich euch gerne noch hierbehalten. Aber die Pflicht ruft, da kann man nichts dran ändern..."

Er drehte sich zu dem Dämon mit dem Rucksack um und bedeutete ihm, diesen auf den Boden zu stellen, was der auch sofort tat.

"Nun, ihr beiden Süßen, ich bin gekommen, um euch etwas zu bringen, was euch eure letzten Stunden ein wenig versüßen wird..." Er kicherte wieder, offensichtlich höchst amüsiert über seinen Kalauer.

"Dies hier verdankt ihr meiner Großzügigkeit. Wir lassen euch etwas Nahrung und ein paar Decken da - und noch ein paar andere Luxusgegenstände, damit ihr eure letzten Stunden so angenehm wie möglich verbringen könnt, ihr Lieben. Ich möchte, daß ihr bei vollen Kräften seid an eurem großen Tag."

Jetzt erst erwachte Spikes Widerspruchsgeist: "Hey, du häßlicher Möchtegern-Alligator! Was soll das werden? Was habt ihr mit uns vor, und wieso eigentlich gerade mit uns? Habt ihr nicht nur die verdammte Jägerin gewollt? Ihr könntet mich ja einfach gehen lassen - ich bin doch auch ein Dämon, genau wie ihr. *Sie* hier ist die Jägerin, die Monster wie euch jagt und tötet..." Er zeigte verzweifelt auf die Jägerin.

Während seiner Rede hatte er sich jedoch immer näher an den ihm am nächsten stehenden Dämonen herangepirscht. Jetzt warf er sich mit voller Wucht - und ausgefahrenem Vampirgesicht - auf seinen Kontrahenten und entriß ihm die Hellebarde, die dieser in der Hand gehalten hatte. Er schwang sie mit voller Wucht auf seinen Gegner - und schlug ihm mit einem Hieb den Kopf ab. Dann wandte Spike sich dem nächsten zu und trat diesem voll in den Unterleib, während er der Jägerin die Hellebarde zuwarf und die Axt, die dem zweiten Dämonen aus den Händen fiel, auffing. Buffy hatte die Hellebarde mit einer geschickten Bewegung aufgefangen und sich auf den nächsten Dämonen gestürzt. Mit einem Rundumtritt traf sie ihn in den Brustkorb, daß er wankte.

Jedoch in der Zwischenzeit waren die restlichen Dämonen und das Monster aktiv geworden. Der Riese hatte Spike einfach mit einem Arm am Nacken bei seinem T-Shirt ergriffen und hielt ihn in die Höhe, mit der anderen Hand schlug er ihm die Axt aus den Händen.

Dann brüllte er so ohrenbetäubend, daß die Wände des Kellers erbebten.

Alles hielt inne.

Buffy, die gerade wieder zu einem Schlag ausgeholt hatte, blieb stehen, die Hellebarde hoch über ihren Kopf erhoben, schaute sie entsetzt auf den im Griff des Riesen zappelnden Spike.

'Oh Gott.', dachte sie, 'bitte laß ihn ihn nicht umbringen...', und ihr Herz machte einen erschrockenen Sprung.

Das Monster schüttelte den baumelnden, sich verzweifelt wehrenden Vampir, der inzwischen wieder sein menschliches Gesicht hatte, und brüllte: "Habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Ihr habt keine Wahl - und je mehr ihr euch wehrt, desto schlimmer wird es euch ergehen! Schluß jetzt, Jägerin - oder ich zerfetze deinen Freund hier!"

Spike hatte inzwischen aufgehört, sich zu wehren und baumelte nun ruhiger im Griff des Riesen. Er schämte sich. Wie hatte es bloß dazu kommen können, hier so hilflos zu enden?

Und wieso kämpfte die Jägerin nicht weiter? Es war doch egal, ob dieses Monster ihm den Garaus machte oder nicht - er war sowieso zu nichts mehr nütze.

"Jägerin!", rief er verzweifelt. "Hör nicht auf, mach weiter - die Leiter ist frei, du kannst es schaffen!"

Auch sie hatte gesehen, daß von den Dämonen niemand mehr auf die Leiter geachtet hatte, und bei ihrem Kampf mit dem Dämonen war sie dem Fuß der Leiter schon sehr nahe gekommen.

Aber sie konnte nicht - nicht ohne Spike, warum auch immer, sie wußte nicht, warum sie aufgehört hatte, zu kämpfen. Der Kampf erschien ihr mit einem Mal aussichtslos.

Langsam ließ Buffy ihre Waffe sinken. Der Dämon, den sie gerade bearbeitet hatte, riß sie ihr aus der Hand und stieß sie fort, so daß sie an den Pfeiler hinter sich krachte. Sie war wie betäubt, seit sie den sich vergeblich wehrenden Spike im Griff des Monsters gesehen hatte.

Was war nur mit ihr los? Das war doch bloß der nervige, nutzlose und 'böse' Spike, dessen Leben da zur Debatte stand - und kein *Freund*, wie dieses Monster immer wiederholte...

Wie kam es bloß, daß sie sich dadurch erpressen ließ?

"Es hat keinen Zweck, Spike. Sie sind in der Überzahl.", sagte sie hoffnungslos und senkte den Kopf.

Spike sah sie erstaunt an. Dann schüttelte er verständnislos den Kopf und sagte zu dem ihn wie einen nassen Lappen von sich weghaltenden Monster: "Nun kannst du mich ja wieder runterlassen, du schuppiger Räuberhauptmann. Ich habe genug geschaukelt für heute."

Abrupt ließ der Dämon den Vampir fallen, der sich fing und in katzenhafter Anmut auf den Füßen landete.

Spike ging sofort zu Buffy hinüber, die immer noch vor dem Pfeiler auf der Erde lag, und half ihr hoch.

"Komm, Jägerin, wir werden dann eben was anderes versuchen.", flüsterte er ihr aufmunternd ins Ohr.

Währenddessen hatte sich der Riese samt seiner Gefolgschaft wieder der Leiter zugewandt und machte sich daran, sie als erster zu erklimmen.

"Hey, du Riesenschuppentier!", rief Buffy ihm hinterher. "Und was ist mit Lösegeld?"

Die Antwort war nur wieder ein donnerndes Lachen.

"Ach, ihr seid aber auch zu naiv - wenn man die Weltherrschaft haben kann, braucht man doch kein Lösegeld! Einfach zu herzerfrischend, eure Naivität, ihr beiden Turteltäubchen!"

Buffy sagte kleinlaut zu Spike: "Naja, man kann ja wohl mal fragen..."

Spike fiel noch etwas ein: "Und im Übrigen.", rief er dem langsam verschwindenden Pulk hinterher. "Wieso nennst du uns immer 'Turteltäubchen'?"

Das Monster war schon oben in der Luke verschwunden gewesen, kam jetzt aber nochmal zum Vorschein. Seine beiden vorstehenden Augen sahen in verschiedene Richtungen, und sein Maul war zu einem Grinsen verzerrt. Während die anderen Dämonen in der Luke verschwanden und die Leiter hochzogen, sagte er: "Ha - das ist der Gipfel! Natürlich weil ich ein Lamora bin. Ihr seid wirklich das witzigste Paar, das ich in meiner Laufbahn getroffen habe - und ich rede hier von mehr als tausend Jahren - , besser noch als Harry und Sally, aber, so leid es mir tut, ich finde, das solltet ihr schon selbst herausfinden. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn der Groschen fällt - das kann ich euch versprechen!"

Er verschwand, dann schien ihm noch etwas einzufallen, denn sein Riesenkopf erschien noch einmal in der Öffnung.

"Ach ja, bevor ich es vergesse - das mit den Fässern war gar nicht mal übel, aber es hat keinen Zweck, denn auf der Klappe liegt gleich wieder ein Fels. Und so stark ihr zwei Süßen auch seid - das ist selbst für euch nicht machbar. Und außerdem will ich nicht, daß euch was passiert..."

Mit einem dröhnenden Lachen wandte er sich endgültig ab.

Und damit fiel die Klappe zu, und die beiden waren wieder allein in ihrem Gefängnis.

 

* * * * *

 

Der blonde Vampir wischte sich angewidert über sein Gesicht.

"Pfui Teufel, der Kerl hatte vielleicht eine feuchte Aussprache - der braucht bestimmt nie zu duschen, das erledigt der Wichser gleich, indem er gegen die Decke brüllt..."

Buffy sah ihn nur grinsend an und sagte: "Du hast wenigstens schon geduscht - ich hab's nicht getan, seit ich gestern morgen aufgestanden bin..."

"Oh ja, lach nur, Jägerin - du warst ja nicht in seinem Baumelgriff!" Spike wirkte fast beleidigt, als er das sagte, und Buffy wollte ob seiner Demütigung nicht mehr daran rühren und wechselte das Thema: "Wollen wir mal nachschauen, was uns der Weihnachtsmann gebracht hat?"

In Ermangelung einer anderen sinnvollen Beschäftigung machten sich Buffy und Spike über den von den Dämonen zurückgelassenen Rucksack her - und aus Hunger und Durst.

Darin befanden sich wirklich ein paar nützliche Dinge für ihren Kerkeraufenthalt hier.

Als wichtigstes Wasserflaschen, wovon Buffy sofort eine aufschraubte und leerte, trotz Spikes Warnung, daß darin vielleicht Drogen sein könnten - wie er in seiner leidigen Gefangenenzeit bei der Initiative hatte erfahren müssen. Aber Buffy scherte sich nicht darum - sie hatte nur einfach höllischen Durst.

Dann waren sogar ein paar Blutkonserven darin, Menschenblut, wie Spike erfreut feststellte, die er dann, nach anfänglichem Zögern und einem kurzen Seitenblick auf die Jägerin, die zum Glück mit einer Kekspackung beschäftigt war, anbrach - auch er hatte inzwischen übermäßigen Durst bekommen.

Die Pizza ließ Buffy erst einmal links liegen, die könnte sie später essen. Aber eine der Kekspackungen riß sie sofort gierig auf und stopfte sich gleich zwei davon in den Mund.

"Hmmm. Schokoladenkeksche. Meine Lieblingschkeksche.", sagte sie fröhlich zu Spike, als hätte sie vergessen, wo sie beide sich befanden. Er rollte nur mit den Augen.

Eine Packung Kerzen und Streichhölzer konnten durchaus von Nutzen sein, Buffy stellte sofort mehrere Kerzen auf, und der Raum wurde im Nu heller - und der Ort ihrer Gefangenschaft... deutlicher. Jahrzehntealter Staub, Spinnweben von hunderten Generationen von Spinnen, alte Lumpen, feuchte Wände... Vielleicht war es vorher doch 'gemütlicher' gewesen, als das ganze Interieur ihrer Behausung für sie fast unsichtbar gewesen war...

Die beiden Decken waren mehr als willkommen, denn es gab nirgendwo eine Sitz- oder Liegemöglichkeit. Und wenn sie hier schon aushalten müßten, dann konnten sie ja auch ebensogut die Gaben des Riesendämonen nutzen...

Sie opferten keine der Decken, um den toten, von Spike geköpften Dämonen zuzudecken, den die anderen achtlos hatten liegenlassen. Zusammen begutachtetn sie die Leiche, konnten aber leider nichts brauchbares finden. Ohne weiteres Interesse wandten sie sich ab.

Spike breitete eine Decke auf dem Boden aus und setzte sich darauf, den Oberkörper an einen Pfeiler gelehnt. Mit einer ausholenden Geste lud er Buffy ein, neben sich Platz zu nehmen. Nach anfänglichem Zögern gab sie sich einen Ruck und setzte sich neben ihn - eine Handbreit Platz zwischen sich und dem Vampir lassend.

Beide schwiegen. Die Ausweglosigkeit ihrer Situation war mit aller Macht wieder in ihr Bewußtsein gerückt, und beide hingen ihren Gedanken nach.

Spike linste verstohlen zu ihr hinüber. Was dachte sie wohl gerade? Ihr Gesichtsausdruck war nichtssagend. Sie hatte den Blick gesenkt und den Kopf auf ihre Arme gestützt, die Knie angezogen.

Sie hätte vorhin fliehen können, hatte es aber nicht getan.

Aus Angst? Nein, das konnte nicht sein - so lange er sie kannte, war sie Gefahren nie aus dem Wege gegangen, hatte sich mutig gegen alles Böse gestellt, egal wie aussichtslos der Kampf auch schien. Wenn sie etwas *nicht* war, so war das feige. Aber warum hatte sie ihre Chance nicht wahrgenommen?

Er, Spike, wäre sofort und ohne zu zögern geflohen und hätte sie hier zurückgelassen. Ohne mit der Wimper zu zucken!

Er schüttelte unmerklich den Kopf bei diesem Gedanken. Wem wollte er hier was vormachen? Vielleicht könnte er andere damit narren - aber nicht sich selbst... Er wäre nie ohne sie geflohen - nein, gerade hatte er sich selbst noch dem Riesenvieh opfern wollen - für ihre Flucht - und nun wollte er sich selbst erzählen, daß er sie im Stich gelassen hätte?

'Du bist ein Idiot, Spike.', dachte er resigniert.

Und dann fiel ihm wieder seine Frage ein - warum hatte sie nicht die Gelegenheit wahrgenommen und warum hatte sie aufgehört, zu kämpfen? Er wagte nicht, sich selbst die einzig logische Antwort zu geben: Seinetwegen.

Das konnte einfach nicht sein. Sie haßte ihn - hatte es immer getan und würde es immer tun.

Dann bemerkte er, daß sie ihn beobachtete und versuchte, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen.

"Spike - meinst du, wir kommen hier lebend... ich meine, ich lebend und du noch unlebend - raus?", fragte sie leise. Sie hatte sich fröstelnd in die zweite Decke gewickelt und sah ihn fragend an.

"Naja, Jägerin - das weiß ich auch nicht. Aber wie ich deine ganze Gang von Jägerinnen-Groupies kenne, sind die längst dabei, einen Plan auszuhecken und dich zu suchen. Und wir zwei 'Süßen' sind ja auch nicht auf den Kopf gefallen und können uns immer noch was ausdenken, um zu fliehen oder diese ganze verfluchte Dämonenbande umzubringen..."

Der Vampir versuchte, so optimistisch auszusehen, wie er nur konnte, allerdings sah er an Buffys zweifelndem Gesichtsausdruck, daß ihm das nicht besonders gelungen war.

Buffy sah ihn an. So nahe war sie ihm noch nie gewesen... naja, bis auf ihre "Verlobung", aber das war unter Willows Zauber gewesen. Sie musterte sein Gesicht, seine wie von einem Bildhauer gemeißelten Wangenknochen, die Narbe an der Augenbraue, seine schlanken Hände mit den schwarzlackierten Nägeln, seine Arme, die so blaß und so stark waren, wie aus Alabaster geformt... als ob sie ihn zum ersten Mal sähe.

Ohne es zu bemerken, war sie näher an ihn gerückt und berührte ihn fast an der Seite.

Er hatte sich nicht gerührt, sondern schien nur noch tiefer in seineGrübeleien versunken.

Plötzlich bemerkte er, wie sie zitterte.

Unwillkürlich hob er die Hand und streichelte zögernd ihren Arm.

Sofort zog sie ihren Arm unter seiner Hand hervor und rückte wieder von ihm ab. Sie wußte nicht, was mit ihr los war. Wahrscheinlich war sie übermüdet, die ganze Aufregung noch dazu, die ständige Anspannung und dann diese aussichtslose Situation, in der sie sich befand...

Sie versuchte, sich zu fangen und richtete sich auf.

Nein, sie würde sich nicht gehenlassen, und schon gar nicht vor Spike! Sie war schon so oft in Situationen gewesen, wo es um Leben und Tod ging - und jetzt gerade sollte sie verzweifeln? Und dazu noch im Beisein ihres Feindes? Niemals!

Sie runzelte die Stirn. Hatte sie eben wirklich an ihn als 'Feind' gedacht? Gerade, nur wenige Minuten war es her, da hatte er ihr mit seinem Ablenkungsmanöver die Flucht ermöglicht, ohne zu zögern.

Und sie hatte das Undenkbare getan - sie hatte die Fluchtmöglichkeit nicht genutzt... Sie hatte Skrupel gehabt, ihn, *Spike*, hier zurückzulassen. Das konnte nicht sein, nicht, wenn er ihr Feind war...

Sie schüttelte diesen unangenehmen Gedanken ab. Verzweifelt dachte sie an die wenigen Möglichkeiten, die sie hatten. Aber sie mußte jetzt stark sein - und sie mußten einen Ausweg finden, gemeinsam...

Er hatte bestimmt recht - ihre Freunde würden längst nach ihr suchen. Und sie würden sie finden. Ganz bestimmt. Und sie konnten von hier auch etwas unternehmen...

Aber was?

"Sag mal, du kennst dich doch in der Dämonen-Welt ein wenig aus, oder? Was war denn das für ein Kerl - wie hieß der noch? - Lami... oder so, und warum, denkst du, hat der gerade *uns* zu 'Opfern' auserkoren, Spike?"

 

* * * * *

 

Die beiden Hexen waren schon gegangen - sie wollten die Zutaten für ihren Zauberspruch besorgen und ihn dann bei Tara durchführen.

Anya hatte sich gelangweilt den Fernseher angemacht und sah eine Seifenoper, hoffend, daß Xander endlich mit ihr von hier verschwinden würde.

Giles klappte das Buch zu und schüttelte den Kopf.

"Ich habe das Gefühl, wir bewegen uns im Kreis.", sagte er zögernd.

"Wieso, Giles, wir sind doch schon weitergekommen mit unseren Recherchen."

Xander hatte den Kopf gehoben und sah ihn mit großen Augen an.

"Ja, schon. Aber... nun ja... wir wissen immer noch nicht, wo sie sich aufhalten. Nun, das werden hoffentlich Willow und Tara herausfinden... Und wir sind... ähm... immer noch ohne einen konkreten Plan, wie man dieses 'Ritual' verhindern könnte. Und dann kann ich nirgendwo einen Hinweis darauf finden, wie man diesen Lamora töten kann. Zu viele Fragen und zu wenig Antworten!"

Ohne sich vom Fernseher abzuwenden, sagte Anya: "Salzwasser."

"Häh?" Xander sah sich fragend nach ihr um.

"Na, mit Salzwasser, das man ihm in die Augen spritzt! Dann löst er sich auf."

Giles sah sie unschlüssig an.

"Salzwasser? Tatsächlich? So einfach kann man dieses Monster umbringen? Das klingt zu leicht. Und wieso steht es dann nirgendwo in den Büchern?"

"Das ist ein Geheimnis unter Dämonen - das erfahren menschliche Bücherschmierlinge nicht."

Giles runzelte die Stirn.

"Wie ist es möglich, daß Dämonen so lange dichthalten können?"

"Die Lamoren saugen allen Verrätern das Gehirn aus - auch ohne Enephine, wenn's auch nicht so gut schmeckt..."

"Endorphine. Nun ja - wenigstens wissen wir jetzt, wie wir ihn töten können... nebenbei gesagt, Anya... warum hast du uns das nicht gleich mitgeteilt?"

"Sie haben nicht gefragt.", sagte sie nur kurz.

Xander sah sie besorgt an. "Und wieso hast du es jetzt gesagt - hast du keine Angst, ich meine, gehirnmäßig und so...?"

"Bin ja kein Dämon mehr - und außerdem habe ich ja einen starken Beschützer!"

Anya sah ihn mit Besitzerstolz an, und Xander konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Er faßte sich an den Kopf. "Trotzdem kann ich immer noch nicht glauben, daß Buffy und Spike ein... Paar sein sollen.", sagte er nachdenklich.

"Na, ich nehme an, die beiden haben das selbst noch nicht geschnallt. Das wird vielleicht eine Überraschung für sie werden, wenn die das rausfinden!" Anya lachte auf.

"Können wir jetzt endlich gehen, Xander? Es ist ja schon nach Mitternacht, und... ähm... vor morgen abend können wir wohl doch nichts mehr tun - oder zumindest, bis die beiden Hexen ihren Zauber erledigt haben..." Sie sah Xander bittend an.

"Geht nur, Kinder. Es ist gut. Ich werde nur noch ein wenig wegen dieses Rituals recherchieren - es nutzt uns nicht, wenn wir alle übernächtigt sind..."

Giles hatte sich die Brille abgenommen und wischte sich die Augen. Er sah müde und besorgt aus, aber nicht mehr so verzweifelt. Zusammen würden sie es schon schaffen...

Die beiden gingen zum Ausgang.

"Na dann - wir sehen uns morgen, Giles."

Und damit schloß sich die Tür hinter ihnen.

 
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