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Somewhere over the rainbow

© by Counselor ()
 
Disclaimer: Die Charaktere zählen leider nicht zu meinem geistigen Eigentum. Ichverdiene kein Geld mit dieser Story.
A/N: Für alle, die nach "Nichts ist für die Ewigkeit" fragten, was Daniel in Smallville gemacht hat. Danke an meine beiden Betas: Antares (die Daniel-Spezialistin *g*) und Birgitt, ohne deren Rat und Denkanstösse ich verloren gewesen wäre. DANKE, Mädels! Verbleibende Fehler gehen auf mein Konto.
A/N: In Season 3 von Smallville lässt Lionel Luthor mit einem Medikament, das aus einer Blutprobe von Clark Kent hergestellt wurde, Experimente an kürzlich Verstorbenen durchführen. Es wirkt Wunder, wenn auch nicht auf Dauer. Eine überstürzte "Räumungsaktion" des Labors gibt es in der Serie ebenfalls. Die Artefakte sind großes Thema in Season 4.
Die Zeitlinie für Stargate ist circa Staffel 7, obwohl ich mich da eher in einem AU bewege.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Mit einem Seufzen klappte Dr. Daniel Jackson das vor ihm liegende Buch zu und schob es von sich. Mindestens eine halbe Stunde hatte er auf den Text gestarrt, ohne die Bedeutung der alten Schriften auch nur ansatzweise zu erfassen. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Langsam lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Wenn es ihm nur gelänge, seine Gedanken unter Kontrolle zu bekommen.

Ein leises Räuspern unterbrach sein Grübeln. Daniel öffnete die Augen und sah Samantha Carter im Türrahmen stehen. "Hi, Sam. Ich-"

"Ich sehe, du nimmst gerade deine wohlverdiente Kaffeepause, und ich hoffe, du hast nichts gegen ein wenig Gesellschaft", unterbrach Sam ihren Kollegen.

"Nun ja..." Daniel nahm einen großen Schluck aus der Tasse und schnitt eine Grimasse. Das Gebräu war inzwischen eiskalt. "Eigentlich könnte ich ein bisschen Ablenkung ganz gut gebrauchen."

"Du hast es ihm noch immer nicht gesagt?"

Daniel konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in Sams Frage ein Vorwurf steckte und antwortete entsprechend defensiv. "Ich weiß einfach nicht, ob es richtig ist. Gerade jetzt."

"Daniel..." Sam kam zum Tisch und setzte sich auf einen freien Stuhl. "Du hast mir selbst erzählt, was für ein großartiges Angebot das ist. Du kannst dir diese Chance doch nicht einfach entgehen lassen."

Nervös strich sich Daniel durch die ohnehin strubbeligen Haare. "Ich denke einfach, dass Jack uns, seine Freunde, jetzt braucht."

"Ich weiß nicht", antwortete Sam nachdenklich. "Mir scheint eher, dass Jack Zeit für sich braucht, um alleine damit fertig zu werden. Ganz ehrlich, Daniel, wir können ihm unsere Hilfe nicht aufzwingen."

"Ich fühle mich einfach nur schlecht, weil mir nie aufgefallen ist, wie angespannt Jack in den letzten Monaten war. Es muss schrecklich für ihn gewesen sein mitanzusehen, wie Frank langsam an diesem Goa'uld Gift zugrunde ging. Dann verschwindet Franks Leiche und er konnte noch nicht einmal richtig Abschied nehmen..."

Sam griff über den Tisch nach Daniels Hand. "Aber das Leben geht weiter - für ihn und für uns."

Daniel erwiderte Sams besorgten Blick mit einem Lächeln. "Du hast Recht. Ich sollte eigentlich schon längst unterwegs sein."

"Wohin unterwegs?", ertönte Jack O'Neills Stimme von der Tür.

"Jack!" Daniel starrte perplex auf seinen Vorgesetzten. "Wir haben gerade von dir gesprochen."

"Ach?"

"Ja", mischte sich Sam ein, "aber eigentlich ging es eher darum, dass Daniel eine Einladung nach Kansas bekommen hat."

"Kansas?", wiederholte Jack erstaunt. "Gibt's da was Besonderes?"

Daniel zog einen Briefbogen aus der Schreibtischschublade und reichte ihn an Jack weiter. Dieser überflog das Schreiben und gab als Kommentar nur ein einziges Wort von sich. "LuthorCorp?"

Daniel nahm dies als Aufforderung zu genaueren Ausführungen. "Ich weiß zwar nicht, wie sie ausgerechnet auf mich kamen, aber in Fachkreisen geht das Gerücht, dass in der Luthorschen Privatbibliothek einige sehr seltene Exemplare stehen. Manch einer behauptet sogar, sie hätten "Das Auge des Ra", obwohl doch bekannt ist, dass es dieses Buch nur noch einmal gibt und dieses Exemplar befindet sich im Besitz von Catherine Langford-"

"Luft holen, Daniel, Luft holen!", unterbrach Jack Daniels Redefluss und legte den Briefbogen auf den Tisch. "Sehr seltene Bücher, das ist nach meiner Erfahrung etwas, dem der Daniel, den ich kenne, nicht widerstehen kann. Warum bist du noch hier?"

"Du meinst, es macht dir nichts aus, wenn ich fahre?"

Jack zuckte die Schultern. "Soviel ich weiß, hat SG-1 in den nächsten drei Wochen keine geplanten Außenmissionen. Viel Spaß in Kansas!"

Entgeistert starrte Daniel Jack hinterher, der bereits wieder im Gang verschwunden war. "Oh."

"Tja", lachte Sam und fügte in neckendem Tonfall hinzu, "schlag die Absätze zusammen, Dorothy! Auf dass du findest, was du suchst!"

 

***
 

Herzhaft gähnend schälte sich Daniel aus dem Ledersitz, griff seine Reisetasche und schickte sich an, von Bord zu gehen. Ein eigenes Flugzeug hatte durchaus etwas für sich, konstatierte er gedanklich, während er der Stewardess zum Abschied zunickte. Besonders wenn es sich, wie im Fall der Luthors, um einen hochmodernen Jet handelte.

Als er sich mit LuthorCorp in Verbindung gesetzt hatte, um die Einladung anzunehmen, hatte man ihm mitgeteilt, dass er nichts weiter zu tun hatte, als am nächsten Morgen punkt 8 Uhr am vereinbarten Treffpunkt am Flughafen zu sein. Dass Lionel Luthor ihm den Firmenjet schicken würde, hatte er nicht erwartet. Doch da ihm dies die Reise in einer bis zum letzten Platz gefüllten Linienmaschine ersparte und er so um einiges schneller in der Luthorschen Bibliothek stehen würde, beschwerte er sich nicht über die bevorzugte Behandlung.

Voller Vorfreude stieg Daniel nun die zwei Stufen zum Rollfeld hinunter und blickte sich suchend um. Weit und breit niemand zu sehen. Er drehte sich zur Stewardess, die nach ihm den Jet verlassen hatte, doch auch die junge Frau zuckte nur ratlos mit den Schultern. Während Daniel noch überlegte, ob er weiter warten oder bei LuthorCorp anrufen sollte, schoss plötzlich ein silberfarbener Porsche auf die Rollbahn, hielt mit rasantem Tempo auf den Jet zu und kam mit quietschenden Reifen neben Daniel zum Stehen.

Die Fahrertür wurde geöffnet und ein kahlköpfiger junger Mann stieg aus dem Auto. Er würdigte Daniel keines Blickes, sondern kletterte wortlos ins Flugzeug, nur um kurz darauf mit einem strahlenden Lächeln wieder zurückzukommen. "Dr. Daniel Jackson?", erkundigte er sich wohl nur der Form halber, während er den Archäologen von oben bis unten musterte. "Lex Luthor. Freut mich, Sie kennen zu lernen."

Daniel ergriff die dargebotene Hand. "Freut mich ebenfalls, Mr. Luthor."

"Oh nein, nein", erwiderte sein Gegenüber lachend. "Nennen Sie mich Lex. Das Mr. Luthor können Sie sich für meinen Vater aufsparen."

"Lex, ja, also..." Nervös rückte Daniel seine Brille zurecht, als Lex noch immer keine Anstalten machte, sich wieder ins Auto zu setzen. "Was tun wir jetzt?"

Lex lächelte. "Wir steigen ins Flugzeug und machen einen Abstecher nach Mexiko."

"Aber ich verstehe nicht." Die Verwirrung stand Daniel deutlich ins Gesicht geschrieben. "Sollte ich mich nicht zuerst bei Ihrem Vater melden?"

"Mein Vater", erklärte Lex, während er Daniel zurück in den Jet schob, "befindet sich auf Geschäftsreise. Europa. Der Termin ergab sich sehr kurzfristig."

Daniel betrat die Passagierkabine, die er gerade erst verlassen hatte, und ließ sich wieder in den Ledersitz sinken. "Aber-"

"Kein aber", fiel ihm Lex ins Wort. "Was ist schon Theorie gegenüber Praxis? Die Ruinen von Teotihuacan, reizt Sie das überhaupt nicht, Daniel?"

"Teotihuacan?", wiederholte Daniel verdutzt. "Aber dort sind die Ausgrabungen abgeschlossen."

"Wir müssen dringend an Ihrer Ausdrucksweise arbeiten, Daniel", stellte Lex fest.

Daniel überlegte fieberhaft, was an seiner Antwort so brüskierend war, kam zu keinem Ergebnis und schwieg lieber.

Lex, der inzwischen im Sitz gegenüber Platz genommen hatte, beugte sich vor. "Dieses dauernde ,aber' irritiert mich. Warum genießen Sie nicht einfach den unverhofften Ausflug?"

"Ja, a-", setzte Daniel an, korrigierte sich jedoch nach einem Blick auf Lex' gerunzelte Stirn sofort. "Also, dann, auf nach Mexiko."

Lex lächelte zufrieden. "Sobald der Jet aufgetankt ist, starten wir."

 

***
 

Eine leichte Berührung an der Schulter ließ Daniel zusammenzucken. "Was?", murmelte er schlaftrunken.

"Wir sind soeben in Mexiko gelandet und ich kann nur hoffen, dass die Tempel Sie länger wach halten, als ich dazu imstande war."

"Aber nein... ich... ich war nur so... letzte Nacht... Es tut mir leid!" Daniel konnte nicht verhindern, dass ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. Hallo Fettnäpfchen! Warum hatte er nur bis weit nach Mitternacht liegen gebliebenen Schriftkram erledigt? Das meiste hatte ohnehin schon wochenlang in seiner Schreibtischschublade gelagert, da wäre es auf ein paar weitere Tage nicht angekommen. Stattdessen hatte er gemeint, Ordnung schaffen zu müssen. Als Folge davon durfte er nun wohl den Hauptpreis in der Kategorie "Wie schaffe ich es, in kürzester Zeit einem Gönner gründlich vor den Kopf zu stoßen?" sein Eigen nennen.

Lex war Daniels Verlegenheit nicht entgangen. "Oh, keine Sorge, ich habe lieber einen ausgeschlafenen Archäologen an meiner Seite als einen vor Müdigkeit unkonzentrierten." Er lehnte sich langsam zurück und ließ seine Hand Daniels Arm hinab gleiten. "Dennoch werde ich mir große Mühe geben, dass Sie meine Anwesenheit künftig nicht mehr als einschläfernd empfinden - Daniel."

Etwas an der Art, wie Lex seinen Namen ausgesprochen hatte, jagte Daniel heißkalte Schauer über den Rücken. Der Archäologe starrte gebannt auf sein Gegenüber, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Was passierte hier gerade? Litt er an Halluzinationen oder flirtete der Kronprinz von LuthorCorp tatsächlich mit ihm?

Mit einem leichten Ruck kam der Jet zum Stillstand.

Die Faszination des Augenblicks war mit einem Schlag verflogen. Lex nickte ihm kurz zu "Los geht's!" Er sprang förmlich aus dem Sitz.

Zögernd folgte Daniel ihm. Wenn er Lex' Blicke richtig gedeutet hatte, dann...

"Daniel?", ertönte Lex' Stimme vom Rollfeld.

Mit tiefgreifender Situationsanalyse beschäftigt stolperte Daniel beim Aussteigen und landete fluchend in den Armen eines grimmig dreinblickenden Mexikaners.

Lex stand einige Meter entfernt und grinste amüsiert. "Alles in Ordnung?"

"Ich war nur... ich wollte...", stammelte Daniel, dann winkte er ab. "Es geht mir gut."

"Schön." Lex zeigte auf einen Helikopter, dessen Rotoren bereits auf Hochtouren liefen. "Wir steigen nur um."

"In dieses Ding?" Daniel beäugte den klapprig wirkenden Helikopter skeptisch und warf einen Seitenblick auf den stämmigen Mexikaner, der ihn noch immer aus fast schwarzen Augen nieder zu starren versuchte.

"Sie können auch gern den Bus nehmen oder zu Fuß gehen, wenn Ihnen das lieber ist", konterte Lex. "Circa fünfzig Kilometer nordöstlich. Wir sehen uns dann später? Morgen?"

"Helikopter ist klasse!", erwiderte Daniel und hastete los, um möglichst viel Raum zwischen sich und den Mexikaner zu bringen und einzusteigen, bevor sein Gastgeber es sich doch noch anders überlegte.

Mit Entsetzen registrierte Daniel, dass das Subjekt seines Unwohlseins ihm folgte.

Lex beobachtete sein Mienenspiel und lachte. "Hector haben Sie ja bereits kennen gelernt. Er gehört zum Sicherheitsteam an der Ausgrabungsstätte und begleitet uns."

Mit einem resignierenden Seufzen akzeptierte Daniel sein Schicksal als Hector sich neben ihm auf die Sitzbank quetschte, während Lex neben dem Piloten Platz nahm.

Daniel war sich sicher, dass der Rest des Tages nur besser werden konnte.

 

***
 

Obwohl er aufgrund seiner Erfahrungen mit den Goa'uld wusste, dass die Bauwerke und wissenschaftlichen Errungenschaften früher irdischer Hochkulturen meist dem Einfluss dieser außerirdischen Sklaventreiber zu verdanken waren, hatte die archäologische Forschung für Daniel nichts von ihrem Reiz verloren.

Begeistert wanderte er nun über die Calle de los Muertos, die Straße der Toten, auf die beeindruckende Sonnenpyramide zu. Das Bauwerk war weiträumig abgesperrt. In anderen Teilen der alten, auf einem Hochplateau gelegenen Stadt tummelten sich Touristen. Doch der vor ihm liegende Bereich war bis auf weiteres Hoheitsgebiet von LuthorCorp. Eigentlich wollte er gar nicht wissen, wie die Luthors es geschafft hatten, offiziell an den neuesten Ausgrabungen beteiligt zu werden; trotzdem lauerte die Frage beständig am Rande seines Bewusstseins.

Vermutlich stellte LuthorCorp hochmoderne Gerätschaften zur Verfügung und erhielt dafür eine Art Erfolgsbeteiligung. Dennoch rätselte Daniel über die Beweggründe. Warum forschte ein Konzern, der in agrarwissenschaftlicher und technischer Hinsicht als zukunftsweisend galt, in den Ruinen der Vergangenheit? Was hofften sie zu finden?

Ein Räuspern riss ihn aus seinen Überlegungen.

Lex stand neben ihm, die Hände in den Hosentaschen vergraben. "Beeindruckend, nicht wahr?"

Daniel nickte wortlos. Die Dimensionen dieser weitläufig angelegten Stadt entfalteten ihre Wirkung erst, wenn man inmitten der unzähligen Bauten stand. Auch wenn ein Großteil verfallen oder völlig abgetragen war, die Mystik des Ortes war ungebrochen. Während sein Blick gebannt an den unzähligen zur Pyramidenspitze führenden Stufen hing, versuchte er, den Gedanken zu verdrängen, dass ein Goa'uld-Systemlord seinen Untertanen als gefiederter Schlangengott Quetzalcoatl erschienen und in allen Teilen Mesoamerikas vorherrschend gewesen war. "Als die Azteken hier ankamen, war Teotihuacan bereits seit Jahrhunderten eine Ruine", erklärte er.

"Heißt Teotihuacan übersetzt nicht ,Die Stadt der Götter'?", erkundigte sich Lex.

"Das ist die allgemein gültige Übersetzung. Sprachwissenschaftler sind sich aber über die Genauigkeit bei der Übersetzung des alten Dialektes uneinig, denn Teotihuacan könnte eine ,bereinigte' Form des ursprünglichen Namens sein. Es gibt viele Interpretationen, eine der gewagteren ist ,der Ort derjenigen, die den Weg zu den Göttern haben'."

Lex packte Daniels Schulter. "Lassen Sie uns in den Schatten gehen, dort ist es wesentlich angenehmer."

Daniel löste widerstrebend seinen Blick von der Struktur des imposanten Steinbaus. Wie hatte er nur so unaufmerksam sein können? Lex' Haut war sehr hell und daher nicht gerade geschaffen für die stechende Sonne in über zweitausend Metern Höhe. Daniel hatte zwar registriert, dass Lex einen Sonnenhut trug und sich mit Sunblocker eingerieben hatte, aber nicht weiter darüber nachgedacht. "Natürlich, tut mir leid."

"Sparen Sie sich Ihre Floskeln, kommen Sie lieber mit!", forderte Lex ihn auf.

Während sie dem Sonnensegel zustrebten, das eigens für Lex und Daniel aufgespannt worden war, dünkte es dem Archäologen, dass vielleicht endlich zur Sprache kommen würde, warum er hier war.

"Finden Sie den Gedanken, dass die frühen Hochkulturen der Menschheit vielleicht einen gemeinsamen Ursprung hatten, nicht auch interessant?", fragte Lex unvermittelt, nachdem sie sich im Schatten niedergelassen hatten.

Prima. Genau das Thema, das er jetzt dringend brauchte.

Die These, dass die Hochkulturen einen gemeinsamen Ursprung hatten, hatte das SG-1- Team längst bewiesen. Doch die Tatsache, dass dieser Einfluss von wurmartigen Parasiten, die Menschen als Wirte benutzten und sich rund um den Erdball als Götter präsentiert hatten, ausgegangen war, zählte nicht zu den Informationen, die man in frei zugänglichen Hochglanzbroschüren fand.

"Bin ich hier, weil Sie Beweise für diese These gefunden haben?", versuchte Daniel, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum Lex ihn nach Mexiko gebracht hatte.

Ein kleines Lächeln zeigte sich in Lex' Mundwinkeln. "Nein. Sie sind hier, um mir bei der Suche nach Etwas zu helfen." Lex reichte ihm ein dicht beschriebenes Blatt Papier. "Sie haben sicher schon davon gehört?"

Daniel studierte die Schriften aufmerksam. "Drei Artefakte, von hoch entwickelten Kulturen versteckt. Die Legende besagt, wenn die drei Einzelteile zusammengefügt werden, weisen sie den Weg zu einem Wissensschatz, der selbst die Bibliothek von Alexandria in den Schatten stellt." Natürlich hatte er von dieser Legende gehört. Doch zu seinem Alltag gehörten inzwischen völlig andere Legenden. "Sie suchen HIER nach einem der Artefakte?"

"Maya, Azteken, Inka - allesamt Hochkulturen im Gebiet von Mexiko bis Honduras, die in Frage kämen. Nach Auswertung aller verfügbaren Informationen ist die Aussicht auf Erfolg hier am größten."

"Manchmal dienen Hinweise nur dazu, Suchende in die Irre zu führen. Glauben Sie mir, Lex, ich spreche aus Erfahrung." Daniel hielt einen Moment inne, bevor er nachhakte. "Passten nicht Palenque, oder auch die Maya-Tempel in Guatemala und Honduras ebenso perfekt auf das Suchprofil wie Teotihuacan?"

"Viele der bekannten Maya-Pyramiden sind bereits bis in den letzten Winkel erforscht."

"Wie auch diese Anlage hier", konterte Daniel.

Lex lächelte. "Doch in den Tempelanlagen der Maya wurde nicht kürzlich durch einen Geo-Satelliten eine noch unbekannte unterirdische Höhle entdeckt."

Daniel blickte sein Gegenüber erstaunt an. Natürlich, LuthorCorp hatte aufgrund der Forschungen im Agrarbereich jederzeit Zugriff auf Daten von Geo-Satelliten. Dennoch wunderte es ihn, wie die Firmenleitung den Zusammenhang von Agrarwissenschaft und Höhlenforschung erklärte. Er hütete sich, diese Frage laut zu stellen, und erkundigte sich stattdessen nach der Lage der Höhle.

"Sie liegt sehr dicht an der großen, bereits erforschten Höhle unterhalb der Sonnenpyramide, doch der Zugang muss in einem der kleineren Tempel gewesen sein, die völlig zerstört sind. Deshalb haben wir uns entschlossen, von der großen Höhle aus durchzubrechen."

"LuthorCorp lässt sich das Ganze ja ganz schön was kosten", bemerkte Daniel trocken.

"Nicht LuthorCorp, mein Vater", entgegnete Lex. "Er finanziert dieses Unternehmen aus seinem Privatvermögen. Es ist sein Hobby."

Daniels Gedanken rasten. Er konnte immer weniger glauben, dass die mexikanische Regierung dies einfach so genehmigt hatte.

Für Lex war er anscheinend wie ein offenes Buch. "Glauben Sie mir, Daniel, es geht alles mit rechten Dingen zu. Das Letzte, was mein Dad beabsichtigt, ist, seinen mexikanischen Freunden vor den Kopf zu stoßen."

Daniel nickte, war aber weit davon entfernt, Lex' Aussage Glauben zu schenken. Dieses Mal war vielleicht alles korrekt und offiziell. Soweit man das bei einer Regierung mit korrupten Mitarbeitern sagen konnte. Aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Menschen, denen scheinbar unerschöpfliche finanzielle Mittel zur Verfügung standen, oftmals vor nichts zurückschreckten, um ihre Gier nach Besitz und Macht zu befriedigen.

Wie aus dem Nichts tauchte Hector auf und informierte sie, dass der Durchbruch erfolgreich abgeschlossen war.

 

***
 

Drei Stunden später befanden sie sich bereits wieder an Bord des Jets mit Kurs auf Smallville und schwiegen sich an.

Die Höhle bestand nur aus einer einzigen Kammer, doch barg sie viele Kunstschätze, die auch Daniel in ihren Bann gezogen hatten. Keramiken, darunter zylindrische Gefäße mit drei Beinen und einer beeindruckenden Ornamentik, sowie Masken, deren Augen mit Muscheln und kunstvoll verarbeitetem Obsidian besetzt waren. Die mexikanischen Archäologen hatten gejubelt, Lex enttäuscht geschwiegen.

Im Stillen wunderte sich Daniel, warum Lex diesen Fehlschlag - der aus archäologischer Sicht keiner war - persönlich nahm. Er konnte sich das nur so erklären, dass Lex geplant hatte, seinen Vater bei dessen Rückkehr aus Europa mit dem Artefakt zu überraschen. Das ließ auf eine sehr enge Beziehung zwischen Vater und Sohn schließen.

Daniel war einige Male versucht, ein Gespräch zu beginnen, doch der gedankenverlorene Blick seines Gegenübers hielt ihn davon ab. Lex brach sein Schweigen nur, um die Stewardess aufzufordern, ihm einen weiteren Scotch zu bringen.

Daniel starrte aus dem Fenster und grübelte, ob er die Luthorsche Bibliothek jetzt noch zu sehen bekäme. Hatte Lionel Luthor ihn nur eingeladen, um mit seiner Hilfe nach den geheimnisvollen Artefakten aus der Legende zu suchen? Für die Bestimmung der wahrscheinlichsten Fundorte hätte er jeden beliebigen Archäologen zu Rate ziehen können. Was wollten die Luthors wirklich von ihm?

 

"Es tut mir leid, ich bin ein schlechter Gastgeber", durchschnitt Lex' Stimme die Stille.

"Nein, schon in Ordnung", erwiderte Daniel, "Sie waren überzeugt, eines der Artefakte in der Höhle zu finden. Verständlich, dass Sie enttäuscht sind."

"Wir haben die Hinweise einfach falsch gedeutet, aber all die Zeit, die wir in dieses Projekt gesteckt haben... "

"Und all das Geld", fügte Daniel an.

Lex lachte. "Geld? Geld spielt keine Rolle. Es ist nur schade um jede Minute, die man in ein erfolgloses Unternehmen investiert."

"Was werden Sie nun tun?"

Lex betrachtete die goldbraune Flüssigkeit in seinem Glas andächtig und grinste Daniel dann über den Rand des Glases hinweg an. "Nach neuen Informationen suchen und weiter Augen und Ohren offen halten."

"Ist es das wert?"

"Daniel, wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, darf man sich auch von Rückschlägen nicht aufhalten lassen. Das ist Etwas, das ich von meinem Vater gelernt habe. Ich bin mir sicher, dass es diese Artefakte gibt, und ich werde sie finden." Lex nippte an seinem Scotch.

"Ihr Vater muss Ihnen sehr wichtig sein", schlussfolgerte Daniel.

Lex starrte ihn überrascht an. "Wie kommen Sie darauf?"

"Weil Sie sich so engagieren, um für ihn die Artefakte zu finden."

Für einen Moment schaute Lex völlig perplex, dann begann er zu lachen. "Daniel. Sie sind einfach herzerfrischend."

Daniel überlegte krampfhaft, was Lex wohl so unterhaltsam an seiner Aussage fand.

"Ich verrate Ihnen etwas, Daniel." Lex leerte sein Glas in einem Zug und leckte sich danach genüsslich die Lippen. "Liebend gern hätte ich meinem Vater eines der Artefakte präsentiert - jedoch nur, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen, wenn ich ihm sage ,Pech gehabt, Dad, ich war schneller'."

Daniel konnte nicht fassen, was er gerade gehört hatte. "Sie wollen die Artefakte für sich?"

"Glauben Sie mir, Daniel, ein solch mächtiger Schatz in den Händen von Lionel Luthor ist ein Szenario, das Sie nicht erleben wollen."

Daniel bezweifelte, dass Lex' Absichten völlig selbstlos waren: "Und Sie machen das alles nur, um Ihren Mitmenschen einen Gefallen zu tun?"

Sein Gegenüber lächelte kryptisch und hüllte sich wieder in Schweigen.

 

***
 

Der Rest des Fluges und die Fahrt zum schlossähnlichen Haus der Luthors verliefen schweigend. Beide Männer hingen ihren Gedanken nach und beachteten einander kaum.

Nachdem Daniel sein Gepäck in dem ihm zugewiesenen Gästezimmer abgestellt hatte, bot Lex ihm eine Führung durch das Haus an. Da er wohl ahnte, dass er seinen Gast kaum ohne Gewaltanwendung aus der Bibliothek kriegen würde, wenn er erst einmal darin war, setzte er diesen Raum an das Ende des Rundgangs. Es war weit nach Mitternacht, als die beiden schließlich vor der Luthorschen Büchersammlung standen, doch auf einmal war Daniel wieder hellwach. Unablässig ging er vor den Regalen auf und ab und ließ seinen Blick über all die literarischen Schätze gleiten.

Während Lex ihn mit Argusaugen beobachtete, strich er ehrfürchtig über die Buchrücken. "Wundervoll."

"Es ist sehr einfach, Sie glücklich zu machen, Daniel." Lex' Atem strich warm und sanft über Daniels Nacken. Verdutzt schaute Daniel über seine Schulter. Lex war ihm so nahe gekommen, dass Daniel seine Körperwärme spüren konnte, obwohl er ihn nicht berührte. Er schluckte heftig und drehte sich langsam um. Da war es wieder, dieses begehrliche Funkeln in Lex' Augen, das kleine Stromstöße durch Daniels Nervenbahnen jagte.

Und Lex wagte sich noch weiter vor. "Ich frage mich, ob es noch eine andere Möglichkeit gibt, diesen ekstatischen Glanz in Ihre Augen zu bringen?"

Ein Hüsteln lenkte Lex' Aufmerksamkeit von Daniel ab. "Was?"

Ein Bediensteter stand mit stoischer Miene in der Tür. "Rose lässt Ihnen ausrichten, dass sie einige Kleinigkeiten zubereitet hat, Mr. Luthor."

Lex musterte Daniel mit einem weiteren lasziven Blick von oben bis unten. "Ja, ich denke, ich verspüre einen gewissen Appetit." Abrupt drehte er sich um und schickte sich an, den Raum zu verlassen. "Kommen Sie, Daniel?"

Während er Lex wortlos folgte, atmete Daniel erleichtert auf.

In allerletzter Sekunde durch den Pausengong vor dem K.o. gerettet.

 

***
 

Die folgende Woche verging wie im Flug. Bereits am zweiten Tag waren sie zum "du" übergangen. Daniel mutmaßte, dass Lex seinen Tagesablauf ganz bewusst dem seinen angepasst hatte, was ihm - wenn er ehrlich zu sich selbst war - gefiel.

Nach dem gemeinsamen, ausgiebigen Frühstück gab sich Daniel seiner Begeisterung für die Luthorsche Bibliothek hin, während Lex geschäftliche Angelegenheiten regelte.

Wenn Daniel im Eingang der Bibliothek stand, konnte er über die Balustrade hinweg genau auf Lex Schreibtisch blicken, der ein Stockwerk tiefer platziert war. Mehr als einmal ertappte er sich dabei, wie er sich mit einem schnellen Blick vergewisserte, dass Lex noch dort saß. Beim Gedanken, den ganzen Tag allein mit dem Personal in dem schlossähnlichen Gebäude verbringen zu müssen, schauderte es Daniel. Während er sich konzentriert durch die altertümlichen Schriften las, bekam er zwar relativ wenig von seiner Umgebung mit, doch die Tatsache, dass Lex jederzeit für ihn greifbar war, gab ihm die nötige Ruhe für seine Studien. Zudem zeigte der junge Mann ein großes Interesse an Archäologie, Sprachen und historischen Texten, so dass sich aus kurzen gemeinsamen Kaffeepausen oft stundenlange Gespräche und Diskussionen entwickelten.

 

Anfangs hatte er gerätselt, ob es wirklich möglich war, ein Unternehmen von zu Hause aus zu leiten, doch laut eigener Aussage war Lex' Anwesenheit im Mutterkonzern in Metropolis nur in Notfällen erforderlich. Derzeit wurde an keinem Projekt gearbeitet, das ihm direkt unterstand.

Häufig ließen sie das Mittagessen zugunsten eines frühen Abendessens aus. Dank der hervorragenden Kochkünste von Lex' Personal fürchtete Daniel schon bald um seine schlanke Linie. Als er diese Bedenken gegenüber Lex erwähnte, lachte der junge Mann und erwiderte, dass seine Köchin überglücklich wäre, endlich einen ordentlichen Esser im Haus zu haben und er die gute Frau doch wohl nicht enttäuschen wollte. Nichtsdestotrotz stünde es ihm frei, den Fitnessraum im Keller zu nutzen. Was Daniel sich auch vorgenommen, aber nicht ein einziges Mal in die Tat umgesetzt hatte.

Von Beginn an hatte Lex ihm klar gemacht, dass er Daniels Gesellschaft am Abend erwartete und nicht gewillt war, ihn dem Studium der Bücher zu überlassen. Daniels erste Reaktion war Ablehnung, denn am liebsten hätte er jede freie Minute mit den Kostbarkeiten, die in der Bibliothek versteckt waren, verbracht. Doch schnell war ihm bewusst geworden, wie gut ihm die gemeinsamen Unternehmungen taten. Entgegen seinem Alltag beim Stargate-Projekt, bei dem das Privatleben viel zu kurz kam, konnte er nun seine Freizeit ohne Zeitdruck genießen.

Außer einem Kinobesuch, einem Opernabend und einer Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der Lex nicht fehlen durfte, hatten sie auch einen relativ unspektakulären, aber angenehmen Abend im "Talon" verbracht. Das Cafe, das Lex gehörte und von der noch sehr jungen, geschäftstüchtigen Lana Lang geführt wurde, war der angesagteste Treffpunkt für Smallvilles Jugend. Wenn er Lex' beiläufige Bemerkungen richtig interpretierte, hielt er sich hier ebenfalls gern und oft auf. Zuerst kam es Daniel etwas merkwürdig vor, dass sich Lex so bereitwillig unter die Schüler und Studenten mischte, doch dann rief er sich ins Gedächtnis, wie kalt, leer und düster das Luthorsche Heim manchmal wirkte. Ihm wurde klar, dass Lex auf diese Weise versuchte, dem Alleinsein zu entfliehen.

Wie einsam war Lex Luthor wirklich?

 

***
 

Eine Woche später betrat Daniel mit Lex eine Galerie in Metropolis und war versucht, auf dem Absatz kehrt zu machen.

"Du sagtest, es wäre eine Foto-Ausstellung!", wandte er sich vorwurfsvoll an Lex.

Lex blickte irritiert zu Daniel. "Ist es doch auch."

"Ja, aber ,solche' Fotos?", druckste Daniel. Das Muster des Fußbodens war ohne Zweifel sehr faszinierend.

"Du meinst, die Schwarz-Weiß-Technik?", neckte ihn Lex.

"Du weißt genau, WAS ich meine!"

Lex seufzte. "Es sind sehr sinnliche, geschmackvolle Darstellungen nackter Körper."

"Männerkörper!"

"Sind etwa nur Frauenkörper es wert, betrachtet zu werden?"

Daniel schielte aus dem Augenwinkel auf das Foto, vor dem sie standen. Es war nicht etwa so, dass er die Bilder abstoßend fand, nein, die Aufnahmen waren wirklich sehr ästhetisch. Daniel fühlte sich nur unwohl bei dem Gedanken, wie sein Körper reagieren würde, besonders, wenn er sich vorstellte, dass Lex und... Eine Hitzewelle durchlief seinen Körper. Ganz falsch.

Willkommene Ablenkung erschien in Form einer jungen Frau, die Lex und ihm zur Begrüßung Champagner reichte.

"Hallo Lex, schön, dass es sich zeitlich einrichten ließ. Jonathan wird begeistert sein." Sie stutzte. "Danny?"

Daniel musterte die Frau für einen Moment, dann lächelte er. "Rebekka!"

Rebekka umarmte Daniel herzlich. "Ist das toll, dich wiederzusehen."

Lex schmunzelte. "Ihr kennt euch?"

"Oh ja, Danny war auch an der UCLA und obwohl wir verschiedene Studiengänge belegt hatten, hatten wir ein paar Kurse zusammen."

Lex nippte an seinem Champagner und sagte mit einem herausfordernden Lächeln: "Wunderbar, ich bin schon sehr gespannt auf die Anekdoten, die du mir über Daniels wilde Jugend erzählen wirst."

"DAS werde ich zu verhindern wissen", mischte sich Daniel ein und fügte hinzu: "Aber woher kennt ihr beide euch?"

Rebekka lachte. "Lex hat meinem Bruder diese Ausstellung ermöglicht, wofür wir ihm auf ewig dankbar sein werden. Ohne entsprechende Unterstützung bekommt man als freischaffender Künstler kaum ein Bein auf die Erde. Vom Zugang zu Metropolis' High Society ganz zu schweigen."

Daniel blickte sich um und erkannte tatsächlich etliche Leute, die auch bei der Wohltätigkeitsveranstaltung in der vergangen Woche zugegen gewesen waren. Der gesellschaftliche Einfluss der Luthors war größer, als Daniel erwartet hatte. Der Künstler konnte sich wirklich glücklich schätzen, dass Lex ihn förderte, denn neben vielen Bildern klebten kleine, rote Punkte, die signalisierten, dass diese Werke bereits Käufer gefunden hatten. Daniel fragte sich, ob Lex dazu gehörte.

Als ob Lex seine Gedanken gelesen hätte, sagte er in diesem Moment zu Rebekka: "Mir fehlt noch ein Bild für mein Schlafzimmer. Vielleicht könnte ich Jonathan bitten, Daniel zu fotografieren?"

Rebekka schien von der Idee begeistert. "Ja, am besten bei archäologischen Ausgrabungen in Ägypten ... aber ohne seine Berufskleidung", neckte sie.

"Ja, das wäre mit Sicherheit ein tolles Foto. Die Pyramiden im Vordergrund und ich ... dahinter!", konterte Daniel.

Rebekka schaute von Daniel zu Lex und wieder zurück. "Allerdings würden mir persönlich sofort mehrere Arrangements für gemeinsame Fotos von euch einfallen, falls es gewünscht wird."

Daniel lief hochrot an und widerstand mit Mühe dem Bedürfnis, im Boden zu versinken.

"Oh oh, Danny", grinste Rebekka, "du musst mich nicht gleich mit Blicken töten." Sie entwand Daniel das leere Champagnerglas, das er krampfhaft festhielt. "Ich lass euch zwei Hübschen jetzt wieder allein. Bis später!"

Lex grinste nur amüsiert und nippte an seinem Champagner.

 

Verschiedene Personen suchten das Gespräch mit Lex und während er seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkam, entschuldigte sich Daniel und betrachtete - immer abseits anderer Besucher - die ausgestellten Werke. Als er seinen Rundgang fast beendet hatte, stand Lex plötzlich wieder neben ihm. "Ich hoffe, du denkst gerade an mich."

"Was?", keuchte Daniel.

Lex fuhr mit der Hand zuerst unter Daniels geöffnetes Sakko, dann unter das T- Shirt und ließ die Finger forschend über Daniels Oberkörper gleiten. "Deine Nippel sind hart. Also, denkst du an mich oder gefallen dir die Bilder etwa doch?"

Ohne nachzudenken antwortete Daniel: "Beides."

Überrascht zog Lex die Augenbrauen in die Höhe, kam aber zu keiner Erwiderung, da in diesem Moment Rebekka auftauchte und Daniel mit sich zog. "Entschuldige, Lex, ich muss dir den Süßen mal für eine Weile entführen."

 

Nachdem sie ausgiebig über die ,guten, alten Zeiten' philosophiert hatten, verabschiedete sich Rebekka und Daniel gesellte sich zu Lex, der sich gerade mit Rebekkas Bruder unterhielt. Sie gratulierten Jonathan noch einmal zu seiner erfolgreichen Ausstellung und machten sich auf den Heimweg.

Im Wagen plapperte Daniel wild drauf los und erzählte von seiner Studienzeit, nur um zu vermeiden, dass Lex eventuell ein anderes Thema ansprach. Zurück in der Luthorschen Residenz bedankte er sich für den netten Abend und flüchtete in sein Zimmer.

Daniel lag noch lange Zeit wach und dachte über sich und Lex nach. Waren die zumeist herausfordernden Neckereien vielleicht nur ein Versuch, emotionale Barrieren zu durchbrechen? Was er über Lex' Vergangenheit erfahren hatte, ließ darauf schließen, dass er seit frühester Jugend ein Außenseiter gewesen war. Die Sticheleien seiner Mitschüler und die abschätzigen Blicke hatten sein Vertrauen in Menschen nicht gestärkt. Der frühe Tod der Mutter und das strenge Regiment des Vaters hatten mit Sicherheit ebenfalls nicht zur Beziehungsfähigkeit beigetragen.

Was wusste Lex über echte Freundschaft?

Bei wem fand Lex Rückhalt, wenn er welchen brauchte? Wie hielt er dem Alltagsdruck stand, wenn es niemanden gab, der seine Sorgen und Ängste teilte? Daniel hatte zwar momentan keinen Partner und auch keine Familienangehörigen mehr, die ihm nahe standen, aber seine Kollegen des SG-1-Teams waren im Laufe der Jahre zu solch engen Freunden geworden, dass sie ihn in jeder Problemsituation auffangen konnten.

Bei wem konnte sich Lex, in der Gewissheit, aufgefangen zu werden, fallen lassen?

Daniel musste sich eingestehen, dass er nicht nur Mitgefühl für Lex empfand, sondern sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlte. Er genoss es, seine Zeit mit jemandem zu verbringen, der viele seiner Interessen teilte.

Daniel wälzte sich von einer Seite des Bettes zur anderen. Es kam einfach nicht in Frage.

Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Und wenn er sich das oft genug einredete, würde er es irgendwann glauben.

Eines konnte er jedoch nicht verleugnen.

Er bewegte sich auf einem sehr schmalen Grat und mit jeder weiteren provokanten Attacke von Lex stieg das Risiko, dass er nicht mehr widerstehen konnte.

 

***
 

Als Daniel am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, erwartete ihn eine Überraschung. Lex hatte eine hitzige Diskussion mit einem Mann, den Daniel sofort als Lionel Luthor erkannte. Mit einem festen Handschlag wurde er begrüßt. "Dr. Jackson, es ist mir eine Freude. Ich hoffe, unsere Bibliothek entspricht Ihren Erwartungen?"

"Mr. Luthor. Ja. Danke. Danke für die Einladung."

"Schön, schön." Lionel schien zufrieden. "Setzen Sie sich doch, Dr. Jackson!"

Hinter dem Rücken seines Vaters schnitt Lex Grimassen und Daniel hatte Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. Er verschanzte sich hinter seiner leider viel zu kleinen Kaffeetasse und versuchte, ein möglichst gleichmütiges Gesicht zu machen.

Nachdem Lex sich ebenfalls gesetzt hatte, kam Lionel direkt zum Thema. "Dr. Jackson, Sie haben vermutlich geahnt, dass ich meine Einladung an Sie nicht ohne Hintergedanken ausgesprochen habe."

Daniel wappnete sich innerlich gegen das, was nun kommen würde, und hoffte, dass er mit der Annahme der Einladung nicht automatisch ein lebenslanges Arbeitsverhältnis mit LuthorCorp eingegangen war.

"Erzählen Sie mir von Atlantis, Dr. Jackson", forderte Lionel ihn breit grinsend auf.

Daniel schnappte nach Luft und auch Lex starrte seinen Vater erstaunt an.

"Atlantis?", wiederholte Daniel mit einem leichten Quietschen in der Kehle. "Versunken. Definitiv versunken!"

Lionel goss sich Kaffee nach. "Das ist alles, was Ihnen dazu einfällt, Dr. Jackson? Ich hatte auf mehr Informationen gehofft."

"Mein Spezialgebiet ist Ägypten. Mit der Suche nach versunkenen Städten habe ich relativ selten zu tun", kam ihm die Ausrede bemerkenswert leicht über Lippen. Aber er ahnte, dass Lionel ihn nicht so leicht vom Haken lassen würde.

"Da ist mir aber was anderes zu Ohren gekommen." Lionel schien den Wortwechsel außerordentlich zu genießen. Er nahm sich ein ofenwarmes Croissant, biss hinein und lehnte sich kauend zurück.

Zu Ohren gekommen? Woher kannte Lionel Daniels derzeitigen Forschungsbereich? Die neueste Aufgabe des SG-1-Teams war tatsächlich die Suche nach der geheimnisvollen Stadt Atlantis, doch davon konnte Lionel nichts wissen.

Da Daniel schwieg, entschied sich Lionel, noch ein wenig nachzuhelfen. "Wissen Sie, Daniel - ich darf Sie doch Daniel nennen? - als ich Senator Kinsey kürzlich von meinem Vorhaben erzählte, nach Atlantis zu suchen, vertraute er mir an, dass Sie unlängst auf neue Hinweise zur Lage der Stadt gestoßen sind."

Daniel unterdrückte einen Fluch. Kinsey. Der ehrgeizige Senator, der schon so oft versucht hatte, das Stargate-Projekt beim Präsidenten in Misskredit zu bringen. Es wunderte ihn kaum, dass ausgerechnet dieser Mann seine Finger im Spiel hatte. Trotzdem konnte Daniel Lionels Aussage im ersten Moment kaum glauben. Er wusste, dass Kinsey niemals seine eigene Karriere, die er so rücksichtslos vorantrieb, riskieren würde, indem er geheime Informationen ausplauderte.

Lex' Blick ruhte fragend auf Daniel. Der Archäologe registrierte, dass beide Luthors auf seine Reaktion warteten. Er zuckte hilflos mit den Schultern. "Was wollen Sie hören?"

Lionel legte das Croissant beiseite. "Ehrlich gesagt hatte ich darauf gehofft, dass Sie mir bei der Suche nach Atlantis behilflich sind. Wenn dies zeitlich nicht möglich ist, würde es mir schon weiterhelfen, wenn Sie Ihre Ergebnisse mit mir teilen."

Langsam dämmerte es Daniel, was Lionel eigentlich im Sinn hatte, und wie Kinsey ins Bild passte. Die unangenehme Anspannung, die sich in seinem Körper gebildet hatte, ließ etwas nach. Er lachte. "Was hat er Ihnen für diese Information abgeluchst, Mr. Luthor?", fragte Daniel, der seine innere Balance wieder gefunden hatte.

"Ich verstehe nicht", zischte Lionel ihm über den Tisch hinweg zu.

Daniel grinste spitzbübisch. "Ihr Freund Kinsey hat Sie aufs Kreuz gelegt." Er nahm einen Schluck Kaffee, bevor er fortfuhr. "Ja, ich habe bei meinen Forschungen vermeintliche Anhaltspunkte auf Atlantis entdeckt..."

"Ja!", murmelte Lionel mit geballter Faust.

"... doch dann stellte sich heraus, dass es nur eine Sackgasse war. Mit diesen Hinweisen ist es nicht möglich, Atlantis hier auf der Erde zu finden." Daniel war sehr zufrieden mit sich. Er hatte noch nicht einmal zu einer Notlüge greifen müssen. Das Stargate von Atlantis, auf dessen Toradresse sie kürzlich gestoßen waren, ließ sich mit den bisher entdeckten sieben Symbolen nicht anwählen.

Nachdem Daniel sich von dem ersten Schreck erholt hatte, war ihm klar geworden, dass Lionel zwischen der atlantischen Hochkultur und den versteckten Artefakten einen Zusammenhang vermutete. Lionels Suche galt nicht Atlantis. Hierbei ging es einzig und allein um die Artefakte. Das musste auch Kinsey klar gewesen sein, der Lionels Besessenheit kurzerhand zu seinem Vorteil ausgenutzt hatte.

Daniel musste Lionels Aufmerksamkeit nur in eine neue Richtung lenken. Er blickte Lionel selbstsicher an. "Kinsey wusste, dass meine Entdeckung zu keinem Ergebnis geführt hat, aber das hat er Ihnen wohlweislich verschwiegen. Aber wenn ich Ihnen in meiner Funktion als Archäologe einen guten Rat geben darf... Beschränken Sie Ihre Suche nach den Artefakten auf Südamerika, Ägypten und Fernost, vergessen Sie Atlantis, es passt einfach nicht ins Schema."

Lionel, der die Augen keinen Moment von dem Archäologen abgewendet hatte, sprang wütend auf. "Woher wissen Sie von den Artefakten?"

Daniel verzog keine Miene, obwohl er am liebsten gejubelt hätte. Ablenkungsmanöver gelungen.

"Von mir", meldete sich Lex mit ruhiger Stimme zu Wort. "Ich habe es ihm erzählt."

Lionel schnaubte empört. "Hast du eigentlich nicht daran gedacht... habe ich dir nicht beigebracht..." Er schüttelte ungläubig den Kopf. "In Momenten wie diesen bin ich mir nicht sicher, ob du wirklich mein Sohn bist!"

"Vielleicht wäre es besser, Ihre Wut auf den Senator nicht an Ihrem Sohn auszulassen, Mr. Luthor", schlug Daniel vor.

Erbost baute sich Lionel vor Daniel auf. Für einen Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können, dann flüsterte Lionel ihm zu: "Um den Senator werde ich mich zu gegebener Zeit kümmern. Aber Sie", er richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf Daniel, als ob er ihn damit aufspießen wollte, "wagen Sie es nicht noch einmal, mir zu sagen, was ich tun oder lassen soll!"

Ohne ein weiteres Wort stürmte Lionel aus dem Raum.

 

"So ein gemeinsames Frühstück ist doch eine tolle Art, den Tag zu beginnen", stellte Lex spöttisch fest und goss sich Kaffee nach.

Als sich die Tür hinter Lionel geschlossen hatte, war Daniels kurzfristige Hochstimmung mit einem Mal verflogen. Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. "Dann geh ich wohl besser packen."

Lex griff nach seinem Arm. "Was?"

"Ich denke nicht, dass dein Vater mich länger hier haben will."

"Warum? Also, ich halte deinen Rat bezüglich der Artefakte für vernünftig und werde ihn mit Sicherheit beachten. Lass dich von ihm nicht einschüchtern, Daniel, du bist jetzt mein Gast, und es gibt nichts, was er dagegen tun könnte", erklärte Lex bestimmt.

Trotz Lex' Zuversicht wenig überzeugt ließ Daniel sich wieder auf seinen Stuhl sinken. Der Appetit war ihm plötzlich vergangen. Er nahm einen Schluck seines inzwischen kalten Kaffees und grübelte über seine derzeitige Situation. Hatte er sich im Gespräch mit Lionel zuviel herausgenommen? Immerhin hatte er diesem Mann seine Einladung nach Smallville zu verdanken. Einen Mann wie Lionel Luthor sollte man sich nicht zum Feind machen. Hatte er genau das getan, indem er in seinen Bemerkungen über Kinsey eine gewisse Schadenfreude hatte mitklingen lassen?

 

Bis zum Mittag hatte sich noch nichts an Daniels gedrückter Stimmung geändert. Wie jeden Vormittag hatte er sich in die Bibliothek zurückgezogen, nur mit dem Unterschied, dass ihn die altertümlichen Schriften und seltenen Bücher so gar nicht reizen konnten. An die Wand gelehnt starrte er auf die Bücherregale, ohne diese bewusst wahrzunehmen.

Es dauerte eine Weile, bis er sich eingestehen konnte, warum ihn der morgendliche Disput mit Lionel aus der Bahn geworfen hatte.

Lex.

Daniel musste zugeben, dass er sich viel zu schnell an den ausgeglichenen Tagesablauf der vergangenen zwei Wochen gewöhnt hatte. Lex' Gesellschaft war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Daniel schalt sich selbst einen Narren. Hatte er geglaubt, dass es immer so weitergehen konnte? Die Wahrheit war, er hatte nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht. Bis zu diesem Morgen, als Lionel ihn in Nullkommanichts auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte.

Als Daniel die leisen Schritte auf der Holztreppe registrierte, stand Lex schon fast im Zimmer. "Mein Vater hat angerufen, er wird wohl vorerst in Metropolis bleiben."

"Oh", murmelte Daniel.

"Warum so griesgrämig? Das sind doch gute Neuigkeiten", meinte Lex grinsend.

"Aber irgendwann kommt er doch zurück", seufzte Daniel, bevor ihm bewusst wurde, wie das für Lex klingen musste. "Also, ich meine..."

"Ist schon gut", beschwichtigte Lex, "ich hätte auch noch eine Weile auf seine Anwesenheit verzichten können."

Dieses Geständnis entlockte Daniel immerhin ein kleines Lächeln. Doch er wurde sofort wieder ernst. "Weißt du, ich sollte mir vielleicht doch langsam Gedanken über den Zeitpunkt meiner Abreise machen."

"So eingeschüchtert?"

Wenn es nach Daniel ginge, würde er natürlich gern auf weitere Zusammentreffen mit Lionel verzichten, aber Lex sollte nicht glauben, dass dies der einzige Grund war. "Es ist nicht nur dein Vater, es gibt da immer noch meinen Job, zu dem ich zurückkehren muss UND WILL."

"Ich verstehe. Aber das hat noch ein wenig Zeit, oder?"

Obwohl Daniel sich bereits entschieden hatte, verschränkte er die Arme vor der Brust und tat, als müsse er angestrengt nachdenken.

Lex ging sofort auf das Spiel ein. "Es ist natürlich deine Entscheidung, aber hatte ich schon erwähnt, dass im Keller eine Folterkammer ist?"

Daniel hob lachend die Hände. "Ich gebe mich geschlagen. Ein paar Tage bleibe ich noch, dann muss ich wirklich zurück."

"Gut." Lex schien für den Augenblick zufrieden. "Was sollen wir heute Abend unternehmen?"

"Lass uns einfach hier bleiben."

Lex' Lächeln wurde eine Spur strahlender.

 

****
 

Ruckartig setzte sich Daniel im Bett auf und begriff sofort, dass er einen gewaltigen Fehler gemacht hatte. Das Tageslicht, das durch die geschlossenen Vorhänge schimmerte, schmerzte in seinen Augen. Himmel, sogar die Farbe der Vorhänge schmerzte in seinen Augen. Die Nerven hinter seinen Augäpfeln schienen in Flammen zu stehen. Von dem Dröhnen in seinem Schädel mal ganz abgesehen.

Vorsichtig legte er sich wieder hin. Er war erstaunt, dass sein überdimensionaler Kopf - so viel Schmerz konnte einfach nicht in einen normalen Kopf passen - überhaupt Platz auf dem Kissen fand. Der verfluchte Wein. Das war mit Sicherheit nicht nur ein Glas, sondern mindestens eine ganze Flasche zuviel gewesen. Seine einzige Rechtfertigung war, dass er sich nicht anders zu helfen gewusst hatte, um Lex' verheißungsvollen Blicken zu entgehen.

Wie auf Kommando klopfte es an der Zimmertür und Lex lugte ins Zimmer. "Ausgeschlafen?"

"Wo ist euer Ersatzteillager - ich brauche einen neuen Kopf!", flüsterte Daniel.

Lex lachte leise. "Moment."

Daniel starrte auf die Tür, die sich bereits wieder öffnete. Lex trug ein voll beladenes Tablett herein und stellte es auf dem kleinen Tisch am Fenster ab. Dann griff er sich das Glas, das zwischen Tasse und Thermoskanne stand, und brachte es Daniel ans Bett. "Hier, Luthorsches Geheimrezept. Vertreibt auch den hartnäckigsten Kater."

"Miau", witzelte Daniel gequält, als er nach dem Glas griff

Lex zog die Hand mit dem Glas zurück. "Soll das heißen, du willst hier verschwinden?"

"Nein, das heißt, ich bin nicht ich selbst und muss dringend etwas dagegen tun!"

Daniel setzte sich langsam auf und nahm das Glas entgegen. Neugierig schnüffelte er an dem Inhalt. "Riecht grässlich." Mit gerümpfter Nase hielt er das Getränk weit von sich.

"Schmeckt auch mindestens genauso grässlich wie es riecht. Aber es hilft", entgegnete Lex mit einem aufmunternden Grinsen, während er eines der Fenster öffnete. "Oder möchtest du lieber den Rest des Tages mit einem Brummschädel im Bett liegen und dich in Selbstmitleid suhlen?"

"Nennst du mich etwa einen Jammerlappen?", fragte Daniel. Er war versucht, sein Kopfkissen Richtung Lex zu schleudern. Dann besann er sich eines Besseren und leerte das Glas in einem Zug.

Lex nickte anerkennend und setzte sich auf den Rand des Bettes. "Nein, ich meinte, dass es dir gar nicht unrecht ist, wenn dir jemand sagt, was du tun sollst."

Daniels Kopf dröhnte und er fühlte sich ganz und gar nicht imstande, tiefgründige Diskussionen zu führen. Trotzdem konnte und wollte er das Thema nicht auf sich beruhen lassen. "Du meinst damit, ich übernehme nicht genügend Verantwortung für mein eigenes Leben?"

"Du legst mir ständig Worte in den Mund", erwiderte Lex amüsiert. "Mein Eindruck ist, dass du sehr gern die Kontrolle abgibst. Etwas, das ich mir nicht leisten kann." Lex' Stimme wurde sanfter, eindringlicher. "Etwas, das ich sehr faszinierend finde."

Irritiert stellte Daniel das leere Glas auf dem Nachttisch ab. Um nicht auf Lex' forschenden Blick reagieren zu müssen, sah er auf seine Hände. Er war sich nicht sicher, auf was Lex hinaus wollte, und er konnte sein Gehirn auch nicht dazu bringen, das Gehörte zu sinnvoller Information zu verarbeiten. Vermutlich war es nur wieder eine von Lex' üblichen Neckereien.

"Wer hat mich hierher gebracht?" Die Frage war ihm aus heiterem Himmel in den Kopf geschossen und ohne über eventuelle Konsequenzen nachzudenken, hatte er sie laut ausgesprochen.

Lex lächelte verschwörerisch. Das Gespräch schien einen Verlauf zu nehmen, der ihm gefiel. "Was denkst du?"

"Ich weiß nicht", stammelte Daniel. "Wir saßen unten vor dem Kamin, der Wein war ziemlich süffig und... und dann weiß ich nur noch, dass ich nichts mehr weiß."

"Hier rauf hast du es immerhin noch durch eigene Kraft geschafft. Mit ein bisschen Unterstützung meinerseits."

Daniels Erinnerung war verschwommen. Doch, ja, da waren die Treppen gewesen. Viel zu viele Treppen. Schwankende Treppen. Ein Arm, der fest um seine Taille geschlungen war. Die Wärme eines fremden Körpers eng an seinen gepresst.

"Nachdem du auf deinem Bett lagst, warst du allerdings völlig weggetreten", riss ihn Lex' Stimme zurück in die Gegenwart. "Jedenfalls hast du keinen Laut mehr von dir gegeben, als ich dich ausgezogen habe."

Daniels Augen weiteten sich vor Erstaunen, als die Bedeutung der Worte in sein Bewusstsein drang. Sein Mund war mit einem Mal so trocken, als hätte er tagelang Wüstensand geschluckt. "Und?", krächzte er.

Lex rutschte ein Stück höher und beugte sich über Daniels Oberkörper. "Ich kann es selbst noch nicht glauben, aber ich habe tatsächlich der Versuchung widerstanden, die Situation auszunutzen. Es wäre so einfach gewesen, glaub mir. Stattdessen stand ich beinahe eine Stunde lang neben deinem Bett und habe den Anblick deines nackten Körpers genossen. Stück für Stück. Vom Scheitel bis zur Sohle. Bis sich auch das letzte bisschen Daniel Jackson fest in mein Gedächtnis gebrannt hatte." Lex seufzte. "Letzte Nacht ist mir schmerzlich bewusst geworden, was Selbstbeherrschung wirklich heißt." Wie Samt strich Lex' Stimme über Daniels Haut und setzte seinen Körper in Flammen.

"Ich konnte nicht widerstehen, ich musste mir einfach vorstellen, wie es sich wohl anfühlen würde, deine Haut auf meiner Haut. Wie du dich mir auslieferst, mit Haut und Haaren. Wie dein Atem sich beschleunigt, wenn meine Hände dich liebkosen. Wie deine Stimme klingt, wenn du voller Lust meinen Namen stöhnst. Wie sich dein Körper unter meinem windet. Allein der Gedanke daran hat mich fast um den Verstand gebracht."

Das Klingeln eines Telefons unterbrach Lex' Ausführungen und versagte Daniel die Erfahrung, ohne jegliche körperliche Aktivität zum Höhepunkt zu kommen.

Widerstrebend löste Lex seinen Blick von Daniel und zog das noch immer schrillende Handy aus der Hosentasche. "Ja?", meldete er sich mit erstaunlich ruhiger Stimme.

Daniel nutzte den Augenblick, um aus dem Bett zu krabbeln und ins Bad zu verschwinden. Hier war er sicher. Nahm er zumindest an. Sicher vor den unglaublich verlockenden Avancen seines Gastgebers.

Er konnte es selbst nicht fassen, wie schamlos sein eigener Körper ihn hinterging, indem er mit solcher Heftigkeit auf Lex' Gedankenspiele reagierte. Daniel blickte an sich hinab. Gut, zumindest dieses Problem hatte sich für den Moment erledigt. Ein leichtes Druckgefühl im Unterleib erinnerte ihn jedoch daran, dass es Zeit wurde, die Restbestände des Weins loszuwerden.

Nachdem er seine Blase geleert hatte, griff er nach der Zahnbürste und begann, seine Zähne besonders gründlich zu reinigen. Dann spülte er den Mund aus und blickte sich um. Die Dusche. Er würde ausgiebig duschen, das brachte mehr Zeit zum Nachdenken. Innerlich lachte er über sich selbst. Warum brachte er es nicht fertig, einfach zurück ins Zimmer zu gehen und Lex fortzuschicken?

"Weil es nicht das ist, was ich will", gestand sich Daniel leise flüsternd ein. Er stieg in die Duschkabine, schloss die Tür und drehte den Hahn auf. Ein Schwall kaltes Wasser ließ ihn die Luft anhalten, dann wurde das Nass langsam wärmer, bis es die eingestellte Temperatur erreicht hatte. Daniel stand mit geschlossenen Augen unter dem Duschkopf und genoss das warme Wasser, das in stetigem Fluss über seine Haut rann.

Seine Gedanken ließen sich trotz allem nicht zur Ruhe bringen. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als all die Dinge zu tun, die Lex beschrieben hatte - und mehr. Er hatte keine Probleme damit, sich dem jüngeren Mann körperlich auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Die emotionale Seite war aber eine ganz andere Sache. Er konnte es sich einfach nicht leisten, Gefühle zu investieren. Gefühle konnten täuschen, verletzen und korrumpieren.

 

Die Tür der Duschkabine öffnete sich.

Daniel ließ seine Stirn gegen die Wandfliesen sinken. Nicht in Sicherheit.

"Lex?" Daniel war erstaunt, wie rau seine eigene Stimme klang.

"Daniel." Zwei kühle Hände legten sich auf seine Schulterblätter und strichen von dort den Rücken hinab. "Wie lange wolltest du mich noch zappeln lassen?"

Daniel, der wusste, dass er den Kampf mit der Versuchung endgültig verloren hatte, lehnte sich gegen Lex. "Bis mir jemand sagt, was ich tun soll."

Unterdrücktes Lachen schwang in Lex' Stimme, als er antwortete. "Dachte ich's mir doch." Er begann, Daniels verkrampfte Nackenmuskulatur mit den Daumen zu massieren. "Gut, dass wenigstens ich weiß, was zu tun ist."

Daniel schwelgte in den Empfindungen, die Lex' Finger durch seine Nervenbahnen jagten, und schwieg. Die Finger wanderten zielsicher über seinen Rücken, dann unter den Achseln hindurch und schließlich rieben die nun warmen Hände über seine harten Brustwarzen. Daniel stöhnte leise auf.

Lex schmiegte sich von hinten an ihn und rieb seine Erektion an Daniels Pobacken. "Du fühlst dich noch besser an als in meiner Fantasie", murmelte er mit heiserer Stimme. Er ließ seine Hände über Daniels Bauch gleiten und sog hörbar Luft ein. "Verdammt, Daniel, dreh dich endlich um!"

Das letzte Fünkchen Widerstand in Daniels Gedanken nahm in Form einer Frage Gestalt an. "Dein Telefon?"

Die Hände verharrten und Lex' Lachen hallte unnatürlich laut in der Duschkabine wider. Er packte Daniel am Oberarm und drehte ihn zu sich um. "Also, wenn du dir noch Gedanken um mein Telefon machen kannst, dann mache ich hier wohl irgendwas falsch."

Das wohlbekannte Gefühl von Unsicherheit arbeitete sich aus Daniels Unterbewusstsein an die Oberfläche. "Ich wollte-"

Lex' amüsierter Blick brachte ihn zum Schweigen. Dann verschwand das Lächeln. Ein hungriger Ausdruck lag in Lex' blauen Augen und Daniel erkannte, dass er als einzig wählbares Gericht auf Lex' persönlicher Speisekarte stand.

"Was mein Telefon angeht", erklärte Lex und griff an Daniel vorbei nach dem Duschgel, "das liegt irgendwo im Garten. Ich hab's aus dem Fenster geschmissen." Er verteilte das Duschgel großzügig auf Daniels Oberkörper und begann, Muster hinein zu zeichnen.

"Küss mich!", stieß Daniel atemlos hervor.

Lex hob den Kopf und suchte erneut Daniels Blick. "Und ich will verdammt sein, wenn ich in nächster Zeit etwas anderes aus deinem Mund höre als unzusammenhängendes Gestammel oder lustvolles Stöhnen."

Plötzlich fühlte Daniel die kalten Fliesen an seinem Rücken und den warmen Körper von Lex, der sich ungestüm gegen seinen presste. Im nächsten Augenblick zog sich Lex jedoch schon wieder von ihm zurück. Daniel stöhnte enttäuscht auf und schob seine Hüften auf der Suche nach Körperkontakt vor.

Lex' kehliges Lachen sandte Schauer über seinen Körper und das duftende Duschbad, das Lex in sinnlicher Langsamkeit über Daniels Bauch und die Innenseite seiner Schenkel rieb, tat ein Übriges, um seine Erregung weiter zu steigern. Daniel wand sich unter Lex' Fingern und stieß jedes Mal erstickte Seufzer aus, wenn Lex wie unabsichtlich seine Hoden streifte. Er wusste, dass der junge Mann nur mit ihm spielte, und doch würde er um nichts in der Welt jetzt mit einem anderen Menschen den Platz tauschen wollen. Was ihm nun noch zur Erfüllung seines eigenen Verlangens fehlte, war Lex' Mund auf seinem. "Lex", stöhnte er flehend.

Lex' schlanke Gestalt schmiegte sich an ihn. "Du bist so unglaublich heiß..."

Daniel beugte sich vor und knabberte mit seinen Lippen Lex' heftig pochende Halsschlagader entlang. Stöhnend ließ Lex seinen Kopf zur Seite sinken und griff mit einer Hand nach Daniels harter Männlichkeit, während er die andere fest um den Nacken seines Liebhabers schloss.

"Gott, Daniel", keuchte Lex, als Daniel sich mit kleinen Bissen den Weg zu seinen Brustwarzen bahnte.

Nachdem er den festen Nippeln die wohlverdiente Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, küsste sich Daniel hinauf zu Lex' Ohrläppchen. "Bitte, lass mich deine Lippen fühlen, küss mich endlich", bettelte er.

Lex löste den Griff von Daniels Nacken und strich mit dem Daumen über die Wange bis zu den Lippen: Außer Begehren lag auch ein Hauch Traurigkeit in dem Blick, mit dem er Daniel betrachtete. "Du hast keine Ahnung, was es bedeutet, sich mit einem Luthor einzulassen."

Sie starrten sich schwer atmend an, dann zog Lex Daniel zu sich heran und presste seinen Mund fordernd auf die leicht geöffneten Lippen.

Daniel umklammerte Lex' sehnige Gestalt wie ein Ertrinkender das rettende Floß und kostete das Gefühl von Lex' forschender Zunge in seinem Mund mit allen Sinnen aus. Wenn es nach ihm ginge, würde dieser Kuss nie enden. Sein Puls pochte unrhythmisch in seinen Ohren. Es dauerte einige Zeit, bis Daniel bewusst wurde, dass das Geräusch, das er wahrnahm, ein Laut von außen war.

Auch Lex war mit all seinen Sinnen zurück in der Realität und löste sich langsam von Daniel.

 

Wieder hämmerte es an der Badezimmertür. "Lex, ich weiß, dass du da drin bist. Ich will mit dir reden. Komm sofort da raus!", ertönte Lionel Luthors wütende Stimme.

Lex' Fingerspitzen streiften sacht über Daniels gerötete Lippen. "Es tut mir leid"

"Wenn du nicht bald mit deinem neuen Spielzeug fertig bist, komme ich rein und hole dich eigenhändig raus!", drohte Lionel.

Lex' Gesicht glich einer Maske. Er stieg aus der Dusche, schlang sich ein großes Handtuch um die Hüften und verließ das Bad.

Die nach den gehörten Drohungen nicht abwegige Vorstellung, sich nackt einem wütenden Lionel Luthor stellen zu müssen, hatte Daniel zurück auf den Boden der Tatsachen gebracht. Der Grad seiner Erregung hatte schlagartig nachgelassen und nun stand er zitternd im prasselnden Wasserstrahl. Wie in Trance drehte er die Wasserzufuhr ab und stieg aus der Dusche. Er nahm ein Handtuch vom Stapel und trocknete sich langsam ab.

Die Stimmen im anderen Zimmer waren mittlerweile verstummt. Zögernd öffnete Daniel die Tür einen Spalt. Lex, bereits wieder in Hose und Pullover gekleidet, stand am Fenster und blickte nachdenklich hinaus.

"Lex?"

Lex drehte sich um. Blieb am Fenster stehen. Kam nicht zu ihm. Ein Lächeln, in dem sich Bedauern widerspiegelte, spielte um seine Lippen. "Es gibt Dinge, um die ich mich sofort kümmern muss. Es tut mir leid." Er verließ das Zimmer ohne weitere Erklärung.

Daniel blickte verständnislos auf die Tür, die mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen war. Er ging zurück ins Bad und blickte kopfschüttelnd auf sein Abbild im Spiegel. "Daniel Jackson, worauf hast du dich da nur wieder eingelassen?"

 

Eine halbe Stunde später entschloss sich Daniel, sich seinen Studien in der Bibliothek zu widmen. Er bezweifelte, dass er sich in seinem aufgewühlten Gefühlszustand und mit den wieder stärker gewordenen Kopfschmerzen würde konzentrieren können, wusste aber nichts anderes mit sich anzufangen.

Als er Lex' Wohnzimmer betrat, war dieser nirgends zu sehen. Nachdenklich stieg Daniel die Stufen zur Bibliothek hinauf. Die Stimme von Lex' Mitarbeiter Peter rief ihn zurück. "Dr. Jackson?"

Daniel verharrte kurz und ging zwei Stufen zurück, so dass er Peter im Blickfeld hatte. "Ja?"

"Mr. Luthor lässt Ihnen ausrichten, dass er geschäftlich außer Haus ist. Er sei aber spätestens zum Abendessen zurück."

"Danke. Ach, Peter?"

"Ja, Sir?"

"Sie haben nicht zufällig das Rezept von dieser Anti-Kater- Spezialmixtur?"

 

***
 

Kurz nach Anbruch der Dunkelheit war Lex zurück. Er zog Daniel aus dem Sessel vor dem Kamin und hauchte einen Kuss auf seine Schläfe. "Was macht dein Kopf?"

Daniel grinste. "Zum Glück für mich scheint Peter sehr erfahren in der Zubereitung deines Anti-Kater-Geheimrezeptes zu sein."

Lex umschloss Daniels Finger mit seinen Händen. "Am liebsten würde ich genau da weiter machen, wo wir heute Mittag so abrupt unterbrochen wurden - doch ich muss gestehen, wenn ich nicht zuerst etwas zu essen bekomme, bin ich dazu einfach nicht mehr fähig."

Obwohl die Aussicht auf einen nackten, nassen Lex in der Dusche Daniels Phantasie zu Höchstleistungen anregte, folgte er Lex bereitwillig an den Esstisch. Sie aßen schweigend und voller Erwartung auf die Vollendung dessen, was am Mittag so vielversprechend begonnen hatte.

Das Läuten des Telefons unterbrach die traute Zweisamkeit. Lex zögerte, erhob sich dann aber doch von seinem Stuhl und ging Richtung Schreibtisch.

"Kannst du es nicht klingeln lassen?", fragte Daniel, frustriert über die Unterbrechung.

"Das ist das letzte Gespräch für heute, das ich annehme, in Ordnung? Danach gehöre ich ganz dir." Lex bedachte ihn mit einem herausfordernden Blick und nahm den Hörer ab. "Luthor."

>...<

"Das ist nicht dein Ernst."

Daniel blickte erstaunt auf, als er die Schärfe in Lex' Stimme vernahm. Dieser hatte ihm den Rücken zugewandt und hörte seinem Anrufer offensichtlich aufmerksam zu.

"Du solltest nicht von dir auf andere schließen!"

>...<

"Nein, auf keinen Fall!"

>...<

"Du irrst dich."

>...<

"Warte!"

Langsam legte Lex den Hörer auf und drehte sich wieder zu Daniel. Er wirkte unendlich erschöpft, was Daniel veranlasste, sofort an seine Seite zu eilen. Behutsam nahm er Lex in den Arm. "Was ist los?"

Lex ließ sich gegen ihn sinken. "Ich muss noch einmal weg."

"Nein!" Daniel war über den energischen Unterton in seiner Stimme selbst erstaunt. "Wenn du gehst, komme ich mit."

Lex nahm Daniels Gesicht in beide Hände und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. "In Ordnung, aber versprich mir, dass du im Wagen bleibst. Versprich es mir, Daniel!"

 

***
 

Langsam rollte der Wagen aus und kam knirschend auf dem Kies zum Stehen. Daniel blickte interessiert auf das spärlich erleuchtete Gebäude, vor dessen grauer Fassade mehrere schwarze Transporter geparkt waren. Ebenso dunkel gekleidete Männer trugen verschieden große Kartons zu den Wagen und verstauten sie.

Lex folgte Daniels Blick und beugte sich zu ihm. "Ich bin gleich zurück."

"Was tun sie da? Löst ihr eine Forschungsabteilung auf? Warum geschieht das mitten in der Nacht?", sprudelten die Fragen aus Daniel heraus.

Lex legte seine Hand auf Daniels Arm und versicherte ihm: "Es ist nicht wichtig - nicht für uns. Es betrifft mich und meinen Vater. Also, bitte, bleib im Wagen."

Daniel nickte. Lex stieg in einer fließenden Bewegung aus dem Wagen und bahnte sich zwischen den Lastenträgern einen Weg zum Eingang. Nachdem Lex im Gebäude verschwunden war, versuchte Daniel, seine Gedanken unter Kontrolle zu halten, was kläglich misslang. Zu gern würde er wissen, was dort drinnen vor sich ging. Warum hatte Lionel seinen Sohn mitten in der Nacht zu diesem weit außerhalb gelegenen Lagerhaus zitiert? Warum wurde das Gebäude in solch großer Eile geräumt?

Das Wageninnere kühlte merklich ab; Daniel hätte gern die Heizung wieder angestellt, doch Lex hatte - wohl aus Gewohnheit - den Schlüssel abgezogen. Als einzige Alternative blieb Daniel Bewegung. Doch er hatte versprochen, im Wagen zu bleiben. Nun, dann eben eingeschränkte Bewegung. Daniel rieb sich die Finger und krümmte wiederholt die Zehen, während er nach logischen Erklärungen für diese nächtliche Spritztour suchte. Vielleicht gab es Drohungen eines unzufriedenen Ex-Mitarbeiters und deshalb musste das Lager schnellstens geräumt werden?

Daniel hielt inne. Wie kam er nur darauf, dass es Ex-Mitarbeiter von LuthorCorp gab? Je länger er sich im Bannkreis von Lionel Luthor aufhielt, auch wenn er die Auseinandersetzungen zwischen Lex und seinem Vater immer nur am Rande mitbekam, desto überzeugter war er, dass in dieser Firma merkwürdige Dinge vor sich gingen, äußerst merkwürdige Dinge. Und wie unzählige Autoren düsterer Verschwörungsromane ihre Leser glauben machten, war es unmöglich, einer solchen Firma zu kündigen. Man wurde auch nicht entlassen. Man verschwand.

Ein eiskalter Schauer lief Daniel über den Rücken und es hielt ihn nicht länger im Wagen. Zögerlich stieg er aus und drückte die Wagentür leise ins Schloss. Er würde in der Nähe des Wagens bleiben, sich nur ein wenig die Beine vertreten, um die Blutzirkulation in Gang zu halten. Dagegen hätte Lex bestimmt nichts einzuwenden, versicherte Daniel sich selbst. Er umrundete das Auto mehrmals, starrte dabei stur vor sich hin und warf keinen einzigen Blick in Richtung des Gebäudes.

Erst das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Vom Lichtkegel der Scheinwerfer geblendet hielt er eine Hand schützend vor die Augen. Dann erlosch das Licht und Daniel blinzelte einige Male, bis seine Augen wieder Details und nicht nur Umrisse wahrnahmen. Ein Krankenwagen. Warum ein Krankenwagen?

Ein eiskalter Kloß bildete sich in Daniels Kehle. Nicht Lex. Lex war bei seinem Vater. Lionel würde nie zulassen, dass seinem Sohn etwas geschah. Oder würde er? Daniel war sich plötzlich nicht mehr sicher. Und Lex? Hatte er genug von den ständigen Demütigungen seines Vaters gehabt? Hatte sich die Enttäuschung des jungen, so ausgeglichen wirkenden Mannes zu unbändiger Wut gesteigert? Nein, NICHT Lex.

Daniel riskierte einen Blick auf die Männer, die noch immer gelassen die Transporter beluden. Es konnte nichts vorgefallen sein. Lex ging es gut.

Die Hände zu Fäusten geballt starrte Daniel auf das Gebäude, der Kloß im Hals verschwand nicht. Dann setzte er sich in Bewegung. Zielstrebig drängte er sich an den Männern in den dunklen Overalls vorbei. Keiner machte auch nur den Versuch, ihn aufzuhalten. Unbehelligt betrat er das Gebäude und drückte sich augenblicklich seitlich gegen eine Wand, um mehrere Männer mit einem großen, unförmigen Gerät vorbei zu lassen. Er warf einen prüfenden Blick in einen kleineren Raum, in dem sich aber nur noch zwei Computermonitore befanden. Die gekachelten Wände und der Geruch von Desinfektionsmitteln ließen auf eine Art Labor schließen. Welche Forschungen hatte LuthorCorp hier nur betrieben?

Noch immer in Sorge um Lex ging Daniel weiter den Gang entlang. Nach einer Biegung fand er sich vor einer verglasten Doppeltür wieder, hinter der die Schemen mehrerer Personen zu sehen waren.

"Lex?" Daniel stürmte durch die Tür und fand sich Auge in Auge mit einem offensichtlich verdutzten Lionel Luthor.

Lionel fuhr sich durch das dichte Haar und wandte sich an seinen Sohn, der hinter ihm gestanden hatte. "Wie kommt ER hierher?"

"Mit mir, Dad." Lex' Miene verriet, dass er über Daniels Auftauchen nicht gerade begeistert war.

"Du hast wohl das letzte bisschen Verstand verloren, Sohn!", ereiferte sich Lionel.

Lex trat an seinem Vater vorbei auf Daniel zu und packte ihn am Arm. "Lass uns gehen, ich bin hier sowieso fertig."

Daniel nutzte die Chance, sich umzusehen. Der Raum war noch nicht vollständig leer geräumt. Eine junge Frau packte gerade mehrere Reagenzgläser in eine Kühlbox, leere Spritzen und medizinisches Werkzeug wurden hastig in einen großen Müllbeutel geworfen und einige Männer trugen Laborgeräte aus dem Raum. In der Ecke, die von der Tür am weitesten entfernt war, standen zwei Personen neben einer fahrbaren Liege. Zwei Infusionsständer waren am Kopfende befestigt und ein Monitor zeigte einen extrem langsamen, aber regelmäßigen Pulsschlag an.

"Was...", setzte Daniel an.

Lex unterbrach ihn. "Lass uns gehen!"

"Aber...", protestierte Daniel, in dessen Blickfeld sich Lex' Vater schob.

"Dr. Jackson, ich empfehle Ihnen, dem Rat meines Sohnes zu folgen."

Widerstrebend ließ sich Daniel von Lex aus dem Raum ziehen, blieb aber nach ein paar Schritten stehen.

"Daniel, warum bist du nicht beim Wagen geblieben?", fragte Lex mit einem kühlen Unterton in der Stimme.

Daniel seufzte. "Ich sah den Krankenwagen und fürchtete, dir sei etwas passiert. Ich konnte einfach nicht warten."

Augenblicklich änderte sich Lex' gesamte Körpersprache. Daniel fühlte sich, als würde er jeden Moment in der liebevollen Zuneigung ertrinken, die er in Lex' Augen sah. Lex trat näher und legte ihm die Hand an die Wange. "Gott, Daniel, ich-"

Das Knallen der heftig aufgestoßenen Türen riss die beiden aus ihrer kleinen Welt. Lex zog Daniel beiseite und die Liege wurde an ihnen vorbei geschoben. Daniel, noch immer benommen von Emotionen, registrierte fast unbewusst die Person, die dort auf der Bahre lag. Erstaunt blickte er den Sanitätern hinterher, sah dann zu Lex und zuletzt in die angriffslustigen Augen von Lionel Luthor. "Aber das ist Frank! Frank Parker", stammelte er.

In einer Geste, die seinen Missmut sehr deutlich zum Ausdruck brachte, warf Lionel beide Arme in die Luft. "Jetzt siehst du, was du wieder angerichtet hast!", tadelte er seinen Sohn. "Bist du nun zufrieden?"

"Wir dachten, er sei tot", sagte Daniel noch immer völlig fassungslos. "Wie kommt er hierher, was haben Sie mit ihm gemacht?"

Nach einem winzigen Fingerzeig von Lionel setzte sich einer der Leibwächter in Bewegung.

Lex versperrte ihm den Weg. "Nein, Dad! Du wirst ihm nichts tun."

Lionels Laune verschlechterte sich ob des Ungehorsams seines Sohnes weiter. "Geh aus dem Weg, Sohn."

Daniel, der sich erst jetzt der Gefahr bewusst wurde, in der er schwebte, wurde bleich. "Das können Sie nicht tun."

Lionel lächelte. Lächelte wie der Teufel, bevor er eine gefallene Seele in das ewige Höllenfeuer stößt. "Dr. Jackson, Sie haben ja keine Ahnung, was ich alles tun KANN."

"NEIN!", fuhr Lex erneut lautstark dazwischen. "Das lasse ich nicht zu."

Lionel trat auf Lex zu. "Du verlangst sehr viel von mir."

"Verzichte auf Parker und überlasse ihn Daniel. Du weißt, dass das die einzige Möglichkeit ist, unbehelligt aus dieser Sache zu kommen."

Zärtlich strich Lionel seinem Sohn über den kahlen Kopf. "Wo ist nur der kleine Junge geblieben, den ich mit der Aussicht auf ein neues Spielzeug trösten konnte?"

Wütend schlug Lex den Arm seines Vaters beiseite. "Daniel ist kein Spielzeug. Er ist... mir wichtig. Und sollte er je durch deine Hand zu Schaden kommen, schwöre ich, du wirst es bereuen."

"Du drohst mir?" Lionel lachte erstaunt auf. "Ist es das wert? Ist ER das wirklich wert?"

Lex starrte ihn an und zeigte keinerlei Reaktion.

"Wir werden sehen", sagte Lionel mit süffisantem Grinsen. Er schien einen Augenblick zu überlegen, dann wandte er sich an seinen Mitarbeiter. "Hol ihn zurück!"

Schweigend warteten sie einige Minuten, bis Lionels Leibwächter in Begleitung eines Sanitäters die Liege mit Parker zurück in den Gang schob.

"Nun, Dr. Jackson", sagte Lionel in geschäftsmäßigem Tonfall, "hier haben Sie Ihren Freund. Ich zähle auf Ihre Verschwiegenheit, sonst kann ich - trotz der Drohungen meines eigen Fleisch und Bluts - für nichts garantieren."

Lex wollte etwas erwidern, doch Daniel hielt ihn durch eine kurze Berührung an der Schulter zurück. Er wusste, was Lionel hören wollte "Sie können sicher sein, dass ich über Ihre Suche nach den Artefakten Stillschweigen bewahren werde. Übergeben Sie mir Frank und ich werde dafür sorgen, dass Sie auch in dieser Angelegenheit keine Schwierigkeiten bekommen werden."

Lionel nickte. "Zumindest verstehen Sie es, Geschäfte zu machen, Dr. Jackson."

Wenig beeindruckt von dem eisigen Blick, den Lex ihm zuwarf, machte Lionel zwei Schritte Richtung Liege und wies den Sanitäter an, die Infusionen und die Monitorüberwachung zu entfernen.

Daniel verfolgte den Vorgang unsicher. "Was passiert nun?"

Lionel trat an das Kopfende der Liege und beobachtete, wie der Sanitäter die Infusionsnadeln aus Parkers Arm zog. "Mr. Parker, der vor seiner Ankunft hier so gut wie tot war, wurde in ein künstliches Koma versetzt. In den vergangenen Monaten haben wir ihn mit einem neuen, noch nicht erforschten, hm, Medikament behandelt, um seinen Körper zu retten. Gerade haben wir die Zufuhr der Medikamente unterbrochen."

Daniel starrte ihn an. "Das bedeutet was genau?"

Lionel runzelte amüsiert die Stirn. "Sie sind bei weitem nicht so brillant, wie in den Fachzeitschriften immer behauptet wird, Dr. Jackson. Entweder Mr. Parker wacht auf - oder nicht. Das ist nun nicht mehr mein Problem."

Langsam drang die Bedeutung der Worte in Daniels Bewusstsein. "Aber... das heißt, ich muss sofort Hilfe holen. Lex, gib mir dein Handy!"

"Das muss warten."

Das war nicht die Antwort, die Daniel erwartet hatte, und er sah entgeistert in die Augen des jungen Mannes, die keinerlei Emotion zeigten. "Lex?"

"Du musst meinem Vater die Zeit geben, das Gebäude vollständig zu räumen. LuthorCorp darf auf keinen Fall damit in Verbindung gebracht werden."

Daniel schüttelte ungläubig den Kopf. "Das kann nicht dein Ernst sein."

Lex griff Daniels Hand und strich in einer liebevollen Geste mit dem Daumen über den Handrücken. "Bitte", sagte Lex leise.

"Die Bitte meines Sohnes ist natürlich nicht ganz uneigennützig, nicht wahr, Lex?", mischte sich Lionel ein.

Daniel konnte förmlich spüren, wie Lex innerlich verkrampfte, doch er konnte die Ungewissheit nicht ertragen. "Was meint er damit, Lex?"

"Ich denke nicht, dass mein Sohn Ihnen darauf eine Antwort gibt, Dr. Jackson. Er wird nie freiwillig zugeben, dass er hieran beteiligt ist und nicht um meinen, sondern eher um seinen Ruf fürchtet."

"Daniel", flüsterte Lex, "hör nicht auf ihn. Ihm geht es nur darum, den größtmöglichen Schaden anzurichten. Nicht wahr, Dad?"

Daniel blickte verwirrt vom Sohn zum Vater.

Lionel schmunzelte. "Glauben Sie wirklich, Dr. Jackson, das wäre allein mein Projekt gewesen? Sie wissen doch sicher, dass Lex einen Abschluss in Technischer Biochemie hat? Warum sollte ich mir Hilfe von außen holen, wo ich solch einen hochbegabten Sohn habe?"

Daniel hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen. "Du hast ihm geholfen, an Menschen zu experimentieren?"

Lex schloss die Augen und lehnte sich sacht an Daniel. Dieser spürte Lex' Atem sanft über seinen Nacken streichen und wünschte sich nichts sehnlicher, als die bohrenden Fragen hinter sich zu lassen und mit Lex an einen Ort zu flüchten, an dem sie sicher vor der Wirklichkeit waren. Doch diesen Ort gab es nicht. "Traust du mir das tatsächlich zu?", wisperte Lex in sein Ohr.

Daniel überlegte kurz und schob Lex verwirrt von sich. "Ich weiß es nicht, Lex, ich weiß es nicht."

In den Augen des Mannes, die vor ein paar Stunden noch voller Verlangen gestrahlt und ihn voller Zuneigung angeblickt hatten, lagen nun nur noch Schmerz und Enttäuschung. Daniel fühlte diesen Schmerz auch, doch er konnte einfach nicht über seinen Schatten springen.

"Siehst du, Lex", höhnte Lionel, "er ist dein Vertrauen nicht wert."

"Verschwinde endlich!", fuhr Lex seinen Vater an.

Dieser fixierte Daniel noch einmal mit berechnendem Blick, schwieg aber und entfernte sich rasch.

Lex trat ein Stück zurück und schaute Daniel offen an. "Ich habe nicht an diesem Projekt mitgewirkt. Mein Vater bat mich um Hilfe bei der Verlegung des Labors, das ist alles", erklärte Lex vollkommen ruhig.

"Aber du hast gebilligt, dass er an Menschen experimentiert", warf ihm Daniel vor.

"Daniel, ich hatte keine Ahnung, was er hier tut. Er war heute Mittag bei mir, weil er zuverlässiges Personal für den ungeplanten Umzug des Labors brauchte. Ich hab ihm die Leute besorgt, das war der Deal."

Daniel wollte das Thema nicht auf sich beruhen lassen. "Aber als du vorhin mit ihm in dem Raum warst, da hast du Frank doch gesehen, oder?"

"Meinen Vater davon zu überzeugen, dass du nicht von Kinsey geschickt worden bist, um ihm zu schaden, unmöglich von dem Labor wissen konntest und ihn infolgedessen auch nicht verraten hattest, erschien mir wichtiger als ein komatöser Patient, der zudem noch in der Obhut der besten Ärzte war. Ist das so verwerflich, Daniel?"

"Dennoch scheinst du es zu billigen, dass dein Vater seine skrupellosen Experimente nun an einem anderen Ort weiter führt!" Daniels Gefühle fuhren Achterbahn, aber da war noch immer diese kleine Stimme, die auch den geringsten Zweifel kräftig schürte. "Ich kann nicht mit jemandem zusammen sein, dem ein Menschenleben so wenig wert ist."

"Ein Menschenleben ist mir sehr viel wert. Und es war dein Leben, um das ich mir die meisten Sorgen gemacht habe. Was verlangst du noch von mir?"

"Gib mir dein Handy. Lass mich Hilfe für Frank holen!" Daniel streckte verlangend die Hand aus.

Lex ignorierte die Geste und drehte sich um. "Ich kann nicht, Daniel. Frank muss warten."

Die letzten Worte klangen kalt und hart in seinen Ohren und Daniel wusste, dass es keinen Weg gab, Lex' Meinung zu ändern. Er war noch immer nicht wieder Herr über seine Emotionen, doch eines wusste er genau: Als Partner von Lex - auch wenn die Beziehung nicht von Dauer war - würde er über kurz oder lang in den Strudel der Luthorschen Machenschaften gezogen werden. Eigentlich hing er jetzt schon mittendrin und er war sich nicht sicher, ob seine Gefühle für Lex stark genug waren, dies in Kauf zu nehmen.

 

Lex stand mit dem Rücken zu ihm und beobachtete, wie die Arbeiter den Raum hinter den Glastüren leerten. Daniel starrte voll bittersüßem Verlangen auf Lex' schlanke Gestalt, vergaß darüber Zeit und Raum und schreckte erst auf, als Lex ihn ansprach. "Daniel?"

Abrupt war er mit allen Sinnen zurück in dem tristen Gang. Die Glastüren standen offen und gaben den Blick auf einen vollkommen leeren Raum frei.

"Sie sind fertig", erklärte Lex unnötigerweise.

"Ja", war das einzige, das Daniel hervorbrachte.

Lex zog das Handy aus seiner Manteltasche und hielt es Daniel entgegen. "Ruf Hilfe für deinen Freund."

Daniel griff nach Lex' kleinem Telefon und für einen kurzen Moment berührten sich ihre Fingerspitzen. Der wilde Tanz, den seine Hormone im Kampf mit seinen Emotionen daraufhin aufführten, war zu viel für Daniel.

"Du hattest Recht", flüsterte er, bevor ihn der Mut verließ, "ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet, sich mit einem Luthor einzulassen. Und nun, nach diesem kleinen Vorgeschmack, weiß ich, dass ich einfach nicht dazu in der Lage bin. Mit deiner Entscheidung, das Wohl von LuthorCorp über das eines Menschen zu stellen, hast du mir gezeigt, dass du - egal, wie sehr du dich dagegen wehrst - letztendlich doch deines Vaters Sohn bist."

Lex wurde bleich.

".Ich kann dich nicht mehr wiedersehen", stieß Daniel mit letzter Willenskraft hervor. "Geh jetzt!"

Daniel konnte den Schmerz in Lex' Augen sehen, dann wurde das vertraute Gesicht zu einer starren Maske, und ohne ein weiteres Wort drehte Lex sich um und ging. Verzweifelt schaute Daniel ihm nach, versucht, ihn zurück zu rufen und in die Arme zu nehmen, ihm den Rückhalt zu geben, den er so dringend brauchte.

Daniel hörte den Wagen mit aufheulendem Motor davon fahren und atmete einige Male tief durch.

 

Während er Lex' Handy aufklappte und Hammonds Nummer für Notfälle wählte, betrachtete er den noch immer im Tiefschlaf liegenden Frank Parker. Vielleicht gab es ja wenigstens für ihn und Jack ein Happy End.

Nachdem er Hammond informiert hatte, blieb ihm nichts weiter zu tun, als auf das Einsatzteam zu warten. Gedankenverloren wanderte er durch die nun kahlen Räume, bis er wieder vor Franks Liege stand. Er fühlte den Puls, der nun schon viel kräftiger schlug, als eine halbe Stunde zuvor. Fürsorglich strich er Frank einige widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Fast kam es ihm so vor, als hätte er eine Bewegung wahrgenommen. Und, tatsächlich, hinter den geschlossenen Lidern zuckten die Augäpfel hin und her.

Da er die Stille nicht mehr ertragen konnte, sprach er erst zu sich selbst, dann führte er einen sehr phantasievollen Dialog mit Frank, wobei er Franks schnippische Antworten beinahe hören konnte. Irgendwann, als er schon längst jegliches Zeitgefühl verloren hatte, hörte er die Hubschrauber.

Daniel griff nach Franks Hand und schlug die Absätze seiner Schuhe dreimal zusammen. "Ab nach Hause, Toto."

 
Ende

 
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