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Eine Nacht in Amnesien

© by Kati ()
 
Disclaimer: Joss ist Eigentümer, wer sonst, Leute!
Bemerkungen: Mit dieser Geschichte habe ich versucht, mir den Frust über das Finale der 6. Staffel von der Seele zu schreiben - was mir nur teilweise gelungen ist, aber wenigstens hatte ich meinen Spaß dabei. Dasselbe wünsche ich dem werten Leser...
Ohne meine Sklaventreiberin hätte ich erst gar nicht angefangen, frustriert wie ich war (und immer noch bin) - danke, Natalie, für den Tritt in meinen Allerwertesten... ;)
Dankeschön, Caro, dein virtuelles Schulterklopfen bewirkt mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst! Wer hat schon so einen kreativen und verständnisvollen Fan! ;)
Zuletzt noch ein dickes Dankeschön an SnowWhite, die mit ihren Geschichten meinen sowieso nicht allzu üppigen Ehrgeiz immer so schön ankurbelt... ;)
PS: Falls die Anspielung auf die Berliner Mauer nicht hineinzupassen scheint: In "Holydays in the Sun" lassen sich die Sex Pistols über dieses Bauwerk aus... Naja, und Buffy hat ja immer Probleme, sich zu öffnen - und muß dann immer gleich Mauern einreißen...*g*
Spoiler: 6. Staffel nach "As You Were", nachdem Buffy mit Spike Schluß gemacht hat...
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
1. Billy

 

Zuerst habe ich das gar nicht so richtig mitbekommen.

Schließlich hatte ich ja damit zu tun, diese beiden Dämonen zu erledigen - eigentlich eine Kleinigkeit, wenn ich das mit der Jägerin zusammen tue -, und ich war viel zu beschäftigt, diesen stinkenden Monstern den Garaus zu machen, um zu bemerken, daß sie da liegt.

Ohnmächtig.

Sie muß wohl mit dem Kopf an den Stein gestoßen sein, als der eine ihr einen Haken verpaßte und sie eine Rolle rückwärts machte - bis das Grabmal im Wege war.

Leider habe ich den Anblick nicht lange genießen können, denn die beiden Kerle haben sich dann sofort meine Wenigkeit vorgeknöpft.

Aber da sind sie an den Falschen geraten! Ha! Lange hat's nicht mehr gedauert, dann habe ich beide in die ewigen Jagdgründe geschickt.

Was man nicht alles tut...

Die Arbeit von anderen erledigen, die Jägerin befriedigen, deren Familie und Freunde beschützen, überleben...

Naja, was soll's - habe ja schließlich auch so meinen Spaß dabei.

Wenigstens ab und zu.

Man muß es nehmen, wie's kommt.

 

Jetzt stehe ich da und grinse auf die beiden Dämonenleichen herunter.

Saubere Arbeit, wie immer, Spikey.

Ich drehe mich zu Buffy um, aber sie liegt nur da und rührt sich nicht.

"Süße? Was ist? Bist du müde?", frage ich grinsend, aber sie reagiert nicht. Dann gehe ich hinüber zu ihr, hocke mich neben sie und rüttle an ihrer Schulter. Die Augen mit den langen Wimpern sind geschlossen, und sie sieht ganz friedlich aus, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte.

Wenn's mal so wäre.

Hat Schluß mit mir gemacht, dieses Miststück, und wieder mal ist dieser Pappkamerad schuld dran, hat alles versaut. Kommt einfach hierher, als ob er nie weggewesen wäre und vermasselt mir die Tour.

Plötzlich bin ich ihr nicht mehr gut genug.

Vor ein paar Tagen sah das noch anders aus.

Ganz anders.

Aber ehe ich zu träumen beginne, muß ich sie hier irgendwie wegbringen, solange sie ohnmächtig ist. Langsam mache ich mir Sorgen, denn noch immer rührt sie sich nicht.

Ein gefundenes Fressen für Dämonen - die Jägerin, k. o. gegangen, eine unwiderstehliche Verlockung für die dämonische Fraktion hier auf dem Friedhof.

Noch einmal rüttle ich an ihrer Schulter, aber sie reagiert nicht.

Ich seufze.

Wieder einmal muß ich sie retten - und sie wird mich dafür nur noch mehr verachten.

Naja, was soll's - ich bin eben ein Sklave meiner Gefühle.

 

Nun nehme ich sie vorsichtig auf die Arme, ihr Kopf ruht an meiner Schulter, die Beine baumeln an meiner Seite, und ich trage sie zum Friedhofsausgang und lege sie behutsam auf den Rücksitz meines Wagens.

Sie ist so klein, fast winzig, leicht wie eine Feder.

Und so stark.

Was jetzt? Soll ich sie zum Krankenhaus bringen oder nach Hause?

 

Ich sitze am Steuer, starte aber nicht. Im Rückspiegel kann ich sehen, wie sie langsam zu sich kommt, und ich drehe mich zu ihr um.

"Na, Liebes, ausgeschlafen?", frage ich.

Sie schlägt die Augen auf, diese beiden wunderbaren grünbraunen, tiefen Meere, und sie blickt mich erstaunt an und runzelt die Stirn, während sie sich mit dem Handrücken eine Stelle am Hinterkopf reibt.

Oh, wieder mal schlechte Laune, Jägerin?

Ich nehme mir vor, das geflissentlich zu übersehen, drehe mich um und will gerade den Zündschlüssel ins Schloß schieben, als sie etwas Eigenartiges von sich gibt.

"Wer... wer sind Sie?", fragt sie fast ängstlich.

Sofort erfasse ich die Situation - schwer von Begriff bin ich nie gewesen - und drehe mich langsam zu ihr um.

Amnesie.

Und sofort kommt mir diese Idee.

Oh, Amnesien, du Land des Vergessens!

Hallelujah!

William der Ideenreiche ist hier!

Also - was tut man in Amnesien?

Ich lächle sie an, dann setze ich einen erstaunten Gesichtsausdruck auf und frage zurück:

"Weißt du nicht, wer ich bin, meine Süße? Ich bin's, dein geliebter Ehemann... Billy!"

Bloß keine bekannten Namen nennen - vielleicht erinnert sie sich dann doch noch...

Fieberhaft überlege ich, was ich jetzt machen könnte.

Als ihr grübelnder, völlig perplexer Blick mich streift, muß ich mich zusammenreißen, um nicht in Lachen auszubrechen, aber ich kriege das locker hin.

Man lebt nicht einfach so über hundertzwanzig Jahre, ohne die Kunst der Beherrschung von Grund auf zu erlernen.

"Sie... sind *was*? Ich... ich habe Sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen!", empört sie sich, und ihre Stirn legt sich in Dauerfalten, während ihr mißtrauischer Blick mich taxiert. Einen Moment lang scheint es, als wolle sie aussteigen - ihre Hand greift hinüber zur Tür - aber dann hat sie es sich anscheinend anders überlegt und mustert mich weiter mit diesem mißtrauischen Blick und zieht dabei die Nase kraus.

Hat dir deine Mutti nicht gesagt, daß man davon Falten kriegt, Jägerin?

Ach ja - jetzt bin ich erst einmal an der Reihe, empört zu reagieren.

Und ich bin ja sowas von sauer!

"Aber, Liebling! Eben haben wir's noch so herrlich auf dem Rücksitz getrieben - und jetzt kennst du mich nicht mehr?", stoße ich mit der Inbrunst des zu Unrecht Beschuldigten hervor, während ich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht streiche, und ich kann förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet, wie die Windungen ihrer grauen Zellen sich krümmen vor Anstrengung, aber sie sieht immer verzweifelter und ratloser aus.

In meinem Bauch krümmt sich auch etwas. Ein Lachvulkan droht auszubrechen, und verräterische Gluckser versuchen hartnäckig, sich ihren Weg in meine Kehle zu bahnen.

Aber beherrscht wende ich mich langsam wieder dem Steuer zu und sage so beiläufig, als würde ich über das Wetter sprechen:

"Süße, was ist, kommst du nun nach vorne? Oder willst du hinten bleiben?"

Ich schlucke die Lacher einfach wieder herunter, und während ich den Schlüssel ins Zündschloß stecke und den Motor starte, klettert sie artig von der Rückbank auf den Beifahrersitz neben mir, lächelt mich unsicher an und legt die Hände in den Schoß.

Braves Mädchen.

Ein Seitenblick genügt, um zu erfassen, wie sie sich fühlt.

Fast tut sie mir leid, aber nur fast.

Sie blickt mir fragend ins Gesicht.

"Wo... wo sind wir?", seufzt sie, und ihre Augen werden immer größer, während ich ihr *nicht* erkläre, wo wir sind.

"Keine Ahnung, wie dieses Nest hier heißt, wir sind ja nur auf der Durchreise, wie immer, Kleines. Aber wenn du möchtest, werde ich den Kerl an der Rezeption fragen, wenn wir uns ein Motelzimmer nehmen. Schätze, in *dem* Zustand kommen wir heute nacht sowieso nicht mehr weit.", rede ich beruhigend auf sie ein.

Bin richtig stolz drauf, so ernst dabei bleiben zu können.

Naja, die Erfahrung macht's eben!

Sie schweigt einen Moment lang, während ich - ich kann's mir nicht verkneifen - die Sex Pistols einschiebe und voll aufdrehe.

Entsetzt schaut sie mich an, als die ersten Akkorde in die stille Nacht dröhnen.

Erschrocken, mit weit aufgerissenen Augen, brüllt sie gegen den Lärm an:

"Was ist DAS?"

Erstaunt mustere ich sie einen Moment lang, bevor ich ihr kopfschüttelnd antworte:

"Die Sex Pistols. Das verstehe ich nicht, Süße! *Deine* Musik!"

"Sex Pistols? Für mich ist das... Krach! Oh, Gott, mach das sofort aus!", brüllt sie noch empörter und hält sich die Ohren zu.

Grinsend drücke ich auf den Knopf, und dann ist Ruhe.

 

Noch immer sitzt sie da, nach vorne gebeugt, sich die Ohren zuhaltend. Langsam nimmt sie die Hände herunter, dreht den Kopf und blickt mir ins Gesicht.

",Meine Musik', sagst du... ähm... Billy? Wie... wie kommt es, daß ich sie so furchtbar finde?", fragt sie leise und blickt mich verzweifelt an.

Ich koste es richtig aus.

"Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, Kleines. Du LIEBST die Sex Pistols! Nur deinetwegen habe ich diesen Punklook, nur deinetwegen habe ich diese ganzen Kassetten hier besorgt - damit du immer deine geliebte Musik hören kannst, wenn wir unterwegs sind.", erwidere ich kopfschüttelnd, während ich die Handbremse löse und losfahre.

"Meinetwegen? Oh, Gott, meinetwegen... Wer... wer bin ich? Ich habe... oh, Gott, ich habe vergessen, wer ich bin...", flüstert sie entsetzt und verbirgt ihr Gesicht in den Händen.

Während ich im Kopf den kürzesten Weg zu diesem Motel außerhalb der Stadt auf bekannte Orte durchgehe - und wie ich diese meiden könnte -, versuche ich, empört auszusehen.

"He - was soll das? Ist das wieder eines von deinen Spielchen? Dieses Mal das kleine Amnesie-Einmaleins, was? Nicht übel - wir können's ja nachher im Motel weiterspielen: ,Dunkler Fremder und hilfloses Mädchen im Motelzimmer', aber im Moment bin ich nicht gerade drauf erpicht, Liebling."

In meinem Innern steht ein Vulkanausbruch kurz bevor.

Oh, Mann, ich habe mich lange nicht mehr so prächtig amüsiert!

Einen Moment lang schaue ich auf das verzweifelte Häufchen Unglück, das da neben mir sitzt, und wieder steigt Mitleid in mir auf.

Aber nur für einen kurzen Augenblick.

Dann sehe ich erstaunt, wie sie die Sex Pistols-Kassette wieder in den Recorder schiebt und dann die Lautstärke herunterdreht. Anscheinend steht sie auf Schocktherapie.

Soll sie haben.

Ich grinse, als die Musik abfährt, als ich sehe, wie sie lauscht, um irgendetwas von der Musik zu erfahren, um herauszufinden, was mit ihr los ist, um vielleicht eine winzigkleine Erinnerung auszulösen.

Aber sie sieht immer verzweifelter aus.

Und echt genervt.

Ich lege meine Hand hinüber auf ihren Schenkel, und verkrampft sitzt sie da neben mir, ihre Hände im Schoß verschränkt, bis sie zögernd íhre linke Hand auf meine Hand legt.

Oh.

Erstaunlich, wie sie das nimmt - alle Achtung!

Ihre Hand in meine nehmend, streiche ich zärtlich mit dem Daumen über ihren Handrücken, und ich spüre, wie sich ihre warmen Finger um meine legen.

Als würde sie sich daran festhalten, als wären meine kühlen Finger der einzige Halt.

Johnny Rotten brüllt seine "Holidays in the Sun" unbeirrt weiter, was genau zu meiner Hochstimmung paßt - und sie ist weit *hinter* der Berliner Mauer -, während ich in die Auffahrt des Motels einbiege und wir vor der Rezeption halten.

Naja, Rezeption ist wohl zuviel gesagt - das Ding ist eher eine Hundehütte, die nur mit viel Fantasie als Rezeption durchgehen könnte. Die Holzstufen vor der Tür sind rissig und könnten mal - genau wie das Geländer - einen neuen Anstrich vertragen. Das Schild mit der Aufschrift "Zimmer frei" hängt ein wenig schief unter der Funzel, die vom Dach baumelt und den Eingang spärlich beleuchtet.

Aber das ist jetzt nebensächlich.

Neben mir sitzt eine ahnungslose Buffy, die nur mich auf der Welt hat - wenigstens denkt sie das - und ich will schnell die Formalitäten abwickeln, bevor die Sonne aufgeht.

"Süße, bleib hier einfach sitzen. Ich bin gleich zurück.", sage ich mit Beschützerstimme, während ich innerlich wieder kichere, als ich ihrem hilflosen Blick begegne.

Fast wie der Blick eines Kindes, dessen Eltern es verlassen wollen...

Widerwillig läßt sie meine Hand los und nickt tapfer.

"Okay. Beeile dich... bitte.", flüstert sie, und ich kann sehen, wie schwer es ihr fällt, so ruhig dazusitzen. Fast tut es mir leid, sie allein lassen zu müssen - aber ich werde ja nicht lange fortsein.

 

Die beiden Stufen nehme ich mit einem Schritt, die Tür öffnet sich von innen, als ich davorstehe und einen Moment lang zurückblicke, wie sie dort in meinem De Soto sitzt, so allein und unsicher, und sehnsüchtig zu mir hinüberblickt.

Ich hebe kurz die Hand und winke ihr lächelnd zu.

Als ich mich umdrehe, steht vor mir ein abgebrochener, fetter Kerl in den Vierzigern, der ein schmieriges Lächeln aufgesetzt hat.

"Guten Abend, Sir. Oder besser: Guten Morgen! Wollte gerade abhauen, weil meine Ablösung schon wieder zu spät dran ist. Da haben Sie aber Glück, Sir. Ganze Nacht unterwegs gewesen, was?", sagt er mit öliger Stimme und tut, als wäre er freundlich.

Dabei ist er nur neugierig, denn sein Blick gleitet an mir vorbei hinüber zum Auto.

"Wer hier von *Glück* reden kann, lassen wir mal offen. Geben Sie mir eine von den hinteren Hütten, ja? Und dann noch ein paar Schokoriegel, wenn Sie sowas in Ihrem Etablissement haben!", erwidere ich barsch und blocke damit jede weitere lästige Frage ab.

Sofort umwölkt sich seine Miene.

Er dreht sich zur Tür, betritt vor mir sein Kabuff, und beleidigt erledigt er seine Arbeit, schiebt mir das Formular hin und reicht mir wortlos einen Schlüssel und zwei Marsriegel, als ich das ausgefüllte Formular mitsamt einem Geldschein über den Tresen schiebe.

Mr. und Mrs. Idol.

Wenn ich nicht bereits tot wäre, dann wäre das jetzt die beste Gelegenheit, mich totzulachen!

Aber nach außen hin bewahre ich Haltung und verziehe keine Miene.

Grußlos gehe ich zur Fahrertür des De Soto, aus dem noch immer Johnny Rottens wütende Stimme brüllt, setze mich neben Buffy, die mich fast dankbar anschaut und mir zur Begüßung ein scheues Lächeln schenkt - oh herrliches Amnesien! - und fahre in den hinteren Bereich der heruntergekommenen Bungalow- Anlage.

Vor der Nummer 21 halte ich.

Naja, wenigstens hat der Kerl mir den hintersten Bungalow gegeben. Mein Wagen wird von der Straße aus nicht zu sehen sein.

Buffy schaut mich fragend an.

Ich nicke ihr zu und bedeute ihr, auszusteigen, während ich die Musik ausmache.

Wieder ist die Nacht still, und ich kann sehen, wie meine Beifahrerin erleichtert aufatmet.

Als sie zögert, sage ich: "Na los, ich will ja nicht ewig hier sitzen, Kleines!", obwohl ich genau das tun könnte, wenn ich sie so da neben mir sitzen sehe.

Ihr unsicheres Lächeln trifft mich.

Aber ich zwinge meinen Blick weg von ihr, öffne die Autotür, steige aus und gehe um das Auto herum, bis ich vor ihrer Tür stehe, die sie nun langsam öffnet.

Dann steht sie neben mir, klein und zart, und sie ergreift meine Hand.

"Billy... bitte... irgendwas ist mit mir geschehen. Ich weiß noch nicht einmal meinen Namen...", flüstert sie verzweifelt, und ich sehe, wie ihr die Tränen in die Augen steigen.

Ihre Hand liegt warm und vertrauensvoll in meiner, und einen Augenblick lang überlege ich, ob ich mit dem Theaterspielen Schluß mache.

Ach, was soll's - hinterher wird sie mich sowieso pfählen, egal, wie lange ich dieses Spielchen mit ihr spielen werde. Egal - was zählt, ist das Hier und Jetzt, und ich möchte es auskosten, solange es geht. Es ist schon sehr lange her, daß ich mal so einen guten Tag hatte, viel zu lange.

Mein aufmunterndes Lächeln soll sie beruhigen, und ich ziehe sie mit mir die beiden Stufen hinauf zur Tür. Da kommt eine unerwartete Frage.

"Haben wir denn kein Gepäck?"

Uuuuuuuups!

Oh, Mann, auf den Schreck müßte ich erstmal eine rauchen. Aber ich habe es mir schon die ganze Zeit verkniffen, nur aus lauter Vorsicht - sie könnte ja auf einmal daran erinnert werden, daß ich Spike bin... und nicht Billy.

Billy raucht nicht.

Während ich den Schlüssel herumdrehe und die Tür aufstoße, antworte ich ihr - und bin selbst erstaunt, wie schnell mir etwas einfällt.

"Oh, Mann - hast du denn vergessen, wie diese Jungs vorhin an der Kreuzung unseren Kofferraum geplündert haben, Süße? An der roten Ampel - und ich Idiot habe die kleinen Dreckgören nicht gesehen! Das war mir ja echt 'ne Lehre - ab jetzt schließe ich immer den Kofferraum ab... oder halte an keiner Ampel mehr.", lache ich unbekümmert, froh darüber, ihr unsere "Gepäckarmut" plausibel erklären zu können.

Sie klammert sich fest an meinen Arm, meine kleine, süße Klette.

"Alles weg? Alles... weg... genau wie meine Erinnerung...", murmelt sie und legt ihren Kopf an meine Schulter.

Mit meiner freien Hand streiche ich über ihr seidiges Haar. Sie schluckt, dann hebt sie den Kopf und sieht mir in die Augen. Wir stehen in der Tür, ganz nahe beieinander, und sie hält sich an meinem Oberarm fest, als könne sie nicht allein stehen.

Aus ihren Augen spricht pure Verzweiflung, aber auch ein kleiner Funken Vertrauen - in mich, den Vampir, der gerade die Amnesie der Jägerin schamlos ausnutzt.

Warum ist mir das nicht schon früher passiert?

Nein, jetzt, ausgerechnet jetzt, wo ich dieses Miststück weder beißen kann, noch ihr sonstwie Schmerzen zuzufügen imstande bin, jetzt, wo ich sie... liebe!

Sie unterbricht meine abschweifenden Gedanken.

"Wieso bist du so kalt? Dein Körper ist so... kühl. Frierst du?", fragt sie leise und sieht mich mit ihren unwiderstehlichen Augen an.

Oh, Mann!

Die kann ja Fragen stellen!

Aber ich kann mich auf meinen Mutterwitz verlassen.

"Ich habe Durchblutungsstörungen, Süße, das weißt du doch, Nebenwirkungen dieser blöden Herzkrankheit. Aber das *weißt* du doch alles!", erwidere ich mit genervtem Augenrollen und setze in Gedanken meine Erklärung fort: ,Mein Herz schlägt noch nicht einmal - aber immer, wenn ich dich so ansehe, macht es einen Hüpfer, Jägerin!'

Jetzt grinse ich doch.

Noch mehr von diesen Fragen, und sie bringt mich in Bedrängnis.

Aber ich bin ja William der Einfallsreiche, wenn's drauf ankommt.

Frage nur, Jägerin, frage nur!

Dieses Hochgefühl tut mir verdammt gut - nach all den müden, dunklen Zeiten, die ich hinter mir habe...

 

Jetzt schiebe ich sie sanft in den dunklen Raum, knipse das Licht an, gehe sofort hinüber zu den großen Fenstern und beginne, die Vorhänge zuzuziehen, sorgfältig, damit kein Lichtstrahl eindringen kann, während ich schlafe, denn das Bett - ein großes Doppelbett - steht genau davor. Buffy sieht mir zu, grübelnd und stirnrunzelnd, und ich kann ihre nächste Frage schon erahnen, noch bevor sie sie ausspricht.

"Wieso tust du das? Ich... ich glaube, ich mag es, wenn die Sonne ins Zimmer scheint..., denke ich jedenfalls. Oder?"

Ich seufze. Meine eigene Idee beginnt, sich selbständig zu machen, und ich weiß nicht, wohin das noch führen soll. Aber noch genieße ich es trotzdem.

In vollen Zügen.

"Ja, Liebling, *du* magst die Sonne... Aber ich habe eine extreme Sonnenallergie. Darum reisen wir doch immer nur nachts, deshalb haben wir doch die Nacht längst zum Tag gemacht...", erwidere ich, wieder die Ungeduld vortäuschend, die man an den Tag legt, wenn man einem begriffsstutzigen Kind etwas zum hundertsten Mal erklären muß, während ich noch ein letztes Mal die Vorhänge überprüfe und mit dem Ergebnis zufrieden bin.

Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich sie immer noch an der Tür stehen.

Sie beobachtet mich.

Wie man etwas beobachtet, was man zu kennen glaubt, aber im Moment nicht weiß, woher.

Die Jägerin sieht mir grübelnd zu, wie ich zum Bett gehe und die Tagesdecke herunterziehe und zusammengeknüllt auf den Boden fallenlasse. Wie ich meinen Mantel ausziehe - aus dessen Tasche ich vorher die beiden Schokoriegel nehme und auf den Tisch lege - und über einen der beiden schäbigen Sessel werfe, wie ich mein T- Shirt über den Kopf ziehe und es achtlos auf den anderen Sessel werfe.

Ich habe zu tun.

Endlich schließt sie die Tür.

Wurde ja auch Zeit. Draußen dämmert es bereits.

Ich drehe mich zu ihr um und lächle sie an.

"Komm, Liebling, wir duschen wieder zusammen. Das hat dir doch immer solchen Spaß gemacht.", sage ich versöhnlich und deute mit dem Kopf auf die Tür zum Bad.

"Wieso nennst du mich nie beim Namen, Billy? Wie... wie heiße ich überhaupt?", kommt wieder ein Geschoß von einer Frage geflogen, das es in sich hat.

Zur Hölle, Jägerin, selbst ohne Gedächtnis bist du gefährlich...

Ihre Augen konzentrieren sich auf mein Gesicht, als suche sie darin etwas.

Sie versucht sich zu erinnern, und ich spüre, wie sehr sie sich anstrengt - ich kann es förmlich rattern hören - und wieviel Kraft es sie kostet, nicht vollkommen zu verzweifeln.

Nein, die Jägerin gibt nicht auf.

Das ist meine tapfere Jägerin!

In diesem Moment bin ich stolz auf sie, auch wenn ich nebenbei krampfhaft überlege, welchen Namen ich ihr geben könnte - der sie an nichts erinnert, so nichtssagend ist wie möglich.

Und blödsinnig genug.

Mein Vulkan meldet sich wieder, ist wieder kurz vor seinem Lachausbruch, und ich kann schon deutlich die Gluckser spüren, die langsam aufsteigen und mich fast meine ganze Konzentration kosten.

Buffy Anne Summers - wie soll ich dich nennen?

"Roberta.", sage ich - und könnte auf der Stelle umfallen vor Lachen.

Ja - Roberta, unsere Kuh hieß früher so.

Ich grinse sie an, wie sie da steht, stirnrunzelnd, grübelnd und mit ihrem vermeintlich eigenen Namen nichts anfangen kann.

Sie schluckt.

"Roberta? Wirklich? Das... das kommt mir alles so fremd vor. Ich... kann mich an nichts erinnern, nicht an dich, nicht an *uns*, an nichts - ich weiß nicht einmal, ob ich diesen Namen wirklich trage oder nicht! Ich weiß gar nichts mehr... Nur, daß ich in dem Auto da draußen aufgewacht bin, sonst nichts... Wer bist du? Wer bin ich?", sprudelt es aus ihr heraus, und langsam übermannt sie der Zorn.

Aber zornigsein kann ich auch. Und wie!

"Was soll das Theater, Roberta! Du bist schon den ganzen Abend so komisch, Jä... ähm... jähzornig wie von der Tarantel gestochen! Erst müssen wir so dringend vögeln, daß ich am Straßenrand halten muß - und wenn du aufwachst aus deinem Orgasmus, dann kennst du mich nicht mehr! Fehlte bloß noch, daß du *mich* dafür verantwortlich machst, zur Hölle!", schnauze ich sie an.

Autsch! Beinahe hätte ich sie Jägerin genannt.

Diese Klippe konnte ich gerade nochmal umschiffen...

Sie steht da und sieht mich erschrocken an.

Wieder läuft ihr Gehirn auf Hochtouren, und sie blickt mich schweigend an. Mit diesem grüblerischen Ausdruck im Gesicht erinnert sie mich an einen ganz bestimmten Vampir mit Seele, an den ich jetzt lieber nicht denken möchte.

Und irgendwie dauert mir ihr Schweigen verdächtig zu lange.

Endlich schüttelt sie den Kopf.

"Dieses ,zur Hölle'... sagst du das oft? Das kommt mir bekannt vor.", beantwortet sie mit hochgezogenen Brauen meinen zornigen Vortrag von eben.

Mist - ich muß unbedingt auf mein Vokabular achten!

Andererseits - vielleicht "erinnert" sie sich ja auch durch das eine oder andere Wort an ihren "Ehemann" - oder zumindest *will* sie das, könnte ich mir vorstellen...

Muß ja ziemlich blöd sein, wenn man nicht weiß, wer man ist - und da greift man dann zum ersten Strohhalm, der einem hingehalten wird.

Mein Inneres bebt vor Vergnügen.

"Naja - jeder hat so sein eigenes Vokabular, Süße - ich fluche nunmal gerne. Du hast mich doch damals auch geheiratet, weil ich immer so ,unverblümt' bin, wie du es ausdrückst. Und weil ich beim Vögeln so versaute Sachen sage...", grinse ich und mache einen auf Verlegen.

Baron von Münchhausen wäre stolz auf mich.

"Du bist widerlich...", sagt sie, bricht aber ab, weil irgendetwas sie irritiert.

Natürlich - da fehlt dieses Spike-Anhängsel an ihrem Standardspruch.

Verflucht - warum muß ich dieses unbändige Lachen immerzu hinunterschlucken? Mir tut schon alles weh.

"Billy... ähm... habe ich das nicht schon einmal gesagt?", fragt sie nachdenklich.

Ich stelle mich dumm. "Was denn, Süße?", frage ich zurück.

"Na, daß du widerlich bist...", antwortet sie und verdreht genervt die Augen.

Ich schüttle unschuldig den Kopf.

"Noch nie, Roberta, noch nie. Du sagst nur nette Sachen zu mir - du liebst meine leichte Vulgarität, sagst du doch selbst immer.", erwidere ich lächelnd und strecke die Arme nach ihr aus, als sie sich in Bewegung setzt. Ein erkennendes Lächeln huscht über ihr Gesicht - ja, sie hat wieder etwas in ihrem Gedächtnis gefunden -, und fast sieht sie froh aus, als sie auf mich zukommt und ihre Jacke abstreift.

Da ist auch schon das nächste Problem.

Verdammt!

Ein Holzpflock fällt ihr aus der Tasche und kullert ein Stück über den Boden.

Erstaunt blickt sie ihm hinterher und dann zu mir - alles an ihr ist eine Frage.

Sie ist ein verdammtes Fragezeichen in Person.

Aber bevor sie die Frage stellen kann, bücke ich mich und hebe den Pflock auf.

"Oh, da ist er ja! Na, wenigstens *den* haben sie uns nicht geklaut - danke, meine Süße, daß du ihn bei dir getragen hast - hatte es schon wieder vollkommen vergessen!", brabble ich los und sehe, wie ihr Gesicht erneut diesen grüblerischen Ausdruck annimmt.

Scheiße.

Und da kommt es auch schon:

"Was ist das?"

Ich tue so, als könne ich meinen Ohren nicht trauen, daß sie eine solche Frage stellt - aber ich werde mal nicht so sein und mich dazu herablassen und sie beantworten, wenn ich auch dabei genervt die Augen verdrehe.

Ich hole tief Luft.

"Also gut. Das hier", und ich halte demonstrativ den Holzpflock in die Höhe wie ein Lehrer den Zeigestock, "ist ein Erbstück von meinem Großvater, falls du's vergessen hast. Mein Großvater hat damit den Grundstein zu seinem Erfolg gelegt: Er hat Bohnen angebaut - und das Ding hier ist ein Pflanzstecken - übrigens eine historische Rarität, Süße - mit dem man Löcher in die Erde bohrt, um Bohnensamen hineinzulegen."

Auweia.

Fast verliere ich den letzten Rest an Selbstbeherrschung, als ich diesen vollkommen sinnleeren Ausdruck in ihrem Gesicht sehe, während ich ihr diese irrsinnigste aller Erklärungen für eine Waffe vorsetze, die man zur Vampirjagd benutzt. Ihr leerer Blick spricht Bände - ach, was sage ich: ganze Bibliotheken!

Wenn sie jetzt noch irgendetwas sagt oder macht, was dem noch eins draufsetzt, dann platze ich. Meine Lachgluckser zu beherrschen, scheint das einzige zu sein, dessen ich noch fähig bin, als ich da so mitten in diesem Motelzimmer stehe und der Jägerin einen Holzpflock als Gartengerät beschreibe.

Schnell wende ich mich ab und gehe zielstrebig - und übers ganze Gesicht grinsend, denn jetzt kann sie es ja nicht sehen - auf die Tür zum Bad zu. Gerade will ich am Türknauf drehen, als von hinten ihre zögerliche Stimme kommt.

"Ja - jetzt, wo du das sagst, kommt es mir doch sehr bekannt vor... Ich glaube, ich erinnere mich daran - und ich weiß, daß ich das Ding heute hier in meine Jackentasche gesteckt habe. Oh, Billy! Ich kann mich wieder ein wenig erinnern!", sagt sie froh.

Und ich kann mich nicht erinnern, wann ich je solche Lachkrämpfe zu beherrschen hatte.

Verzweifelt versuche ich, ihrer Herr zu werden, damit ich "Roberta" antworten kann, aber es dauert eine ganze Weile, bis ich ein Wort herausbringe.

"Das ist *meine* kleine Frau! Komm, Roberta, ich bin müde, laß' uns duschen und dann ins Bett gehen.", sage ich fröhlich, bevor ich im Bad verschwinde, wo ich mich erst einmal aufs Klo fallenlasse und mich von meinem Lachvulkan zu befreien versuche - natürlich immer darauf bedacht, es leise zu tun.

Der Vulkanausbruch kommt, zusammen mit einem kräftigen Erdbeben, das mein Zwerchfell erschüttert, das Lachen nimmt die Anspannung von mir, unter der ich gerade eben noch stand, und ich fühle mich so wunderbar wie selten in den letzten Jahren.

Es ist so befreiend, so überaus erleichternd, endlich diesem Bedürfnis nachgeben zu können, und ich sitze nur da und lasse es heraus aus mir.

Glucksend, sprudelnd, gackernd, kichernd. Leise.

Und meine Idee erscheint mir so wunderbar, so genial, so wohltuend für mein Ego, das in letzter Zeit so furchtbar gelitten hat.

Obwohl es ziemlich anstrengend ist, das hier durchzuhalten.

Aber wenigstens habe ich hier einen Rückzugsort, wo ich - im wahrsten Sinne des Wortes - auch mal ablachen kann. War auch höchste Zeit.

Als ich mit Duschen - und Lachen - fertig bin und wieder ins Zimmer komme, liegt sie bereits im Bett und schaut nur kurz hoch, als ich reinkomme und meine Klamotten auf dem Sessel plaziere.

Mein puddingweiches Herz schmilzt dahin, als ich sie so im Bett liegen sehe, den Kopf seitlich auf ihrem Arm, ernst und angespannt, traurig und grübelnd, in meinem T- Shirt.

Meine Buffy... ähm Roberta.

Schon wieder muß ich grinsen, aber ich kann es gerade noch in ein Lächeln umwandeln, als sie aufblickt und mich ansieht. Daß ich nackt bin, versucht sie zu ignorieren, aber es gelingt ihr nicht, denn ihr unsteter Blick gleitet über meinen Körper, bleibt mal hier und mal dort hängen, aber schließlich schafft sie es, den Blick wieder abzuwenden und legt ihren Kopf zurück auf ihren Arm.

Bestimmt kommt gleich wieder eine dieser Fragen, auf die ich nicht vorbereitet bin.

Naja, aber bis jetzt kann ich wirklich zufrieden sein mit mir - habe ich das nicht prima gemeistert?

Ha! William der Einfallsreiche hat einen guten Tag!

Und da kommt sie auch schon, die Frage.

"Wieso haben wir keine Trauringe, wenn wir doch verheiratet sind, Billy?", fragt sie so unschuldig, als würde sie nach der Zeit fragen.

Zur Hölle!

Wozu braucht man denn Trauringe?

Ja - wozu eigentlich?

"Roberta,", erwidere ich - und mache eine Pause, um diesen herrlichen Kuhnamen so richtig nachklingen zu lassen. "wir sind ein ungewöhnliches Paar, wir brauchen keinen Konventionen zu entsprechen - wir haben Trauringe nicht nötig, Süße!", und nach einer weiteren Pause füge ich bedeutungsvoll hinzu: "Wir haben doch *uns*, Liebes!", und mein vorwurfsvoller Blick sinkt tief in ihre herrlichen Augen, die zu mir aufschauen.

Dann gehe ich zur anderen Seite des Bettes, setze mich drauf und schlüpfe, nackt und noch warm vom Duschen, neben ihr unter die Decke.

Meine Hand gleitet zu ihr hinüber, aber sie reagiert nicht. Sie sieht sehr müde aus, wie sie da mit halbgeschlossenen Augen liegt.

"Was ist, Liebes - schieben wir noch 'ne Nummer?", kann ich mir nicht verkneifen zu fragen.

Sie seufzt.

"Billy - ich habe solche Kopfschmerzen... bin so müde...", murmelt sie leise.

"Okay, Kleines!", erwidere ich und streiche ihr mit der Hand übers Gesicht.

Kopfschmerzen also.

Komisch, sogar bei einer imaginären Ehe kommt dieses Argument - muß wohl ein angeborenes Übel des weiblichen Geschlechtes sein. Ein Wissenschaftler würde da eine Langzeitstudie draus machen - aber ich bin keiner, und deshalb lasse ich diesen Gedanken schnell fallen. Aber eigenartig ist das schon, stelle ich grinsend fest.

Buffy schließt die Augen, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Aber dieses Lächeln verschwindet, als sie noch einmal den Kopf hebt und mich fragend anblickt.

Huuuuuuuh! Was denn noch, Jägerin?

"Billy... ähm... eine Frage noch... Haben wir kein Zuhause?"

Oh, Mann - bin ich hier bei Inspektor Columbo oder was?

Aber ich bleibe ganz ruhig, stütze meinen Kopf auf die Hand, während ich ihre Nähe und ihren Duft genieße. Ihre Augen blicken mich fragend an, und ich habe das Gefühl, daß sie bis auf den Grund meines Herzens schauen, das mir bei diesem Blick fast zu zerspringen droht.

"Süße. Nein, wir haben kein Zuhause. Aber das ist nicht wichtig. Wir haben uns - und nur das zählt, das ist mehr als die meisten Menschen auf der Welt besitzen - und alles, was man braucht, Liebling. Ich liebe dich - vergiß das nie.", flüstere ich, und dieses Mal meine ich, was ich sage, dieses Mal ist es kein Theater, kein Schmierenschauspiel, keine Hollywoodvorstellung, sondern alles, einfach alles von mir - der pure Spike.

Buffy lächelt, und ich beuge mich vor, suche und finde ihre Lippen.

Der Kuß ist sanft und trotzdem leidenschaftlich, und alles, was ich für sie empfinde, lege ich in ihn hinein - und sie erwidert ihn ebenso leidenschaftlich.

Mich durchrieselt ein wonniges Kribbeln, ein Verlangen, das mich immer in seinen Bann zieht, wenn sie mir nahe ist, aber gerade, als ich sie näher zu mir heranziehen will, zieht sie ihren Mund fort und lächelt mich einfach an.

Voller Vertrauen - aber sehr, sehr müde.

Ja, Buffy, du hast recht - für heute hattest du genug Aufregung...

Sie schließt die Augen - sie weiß, daß ich verstanden habe - und schiebt ihren Kopf zu mir hinüber, während ich mich auf den Rücken lege, und dann kuschelt sie sich an mich - Kuscheln mit Buffy! -, legt ihren Kopf auf meine Schulter, drückt ihren schlanken Leib an meinen - jetzt noch immer warmen - Körper, und dann höre ich ihre gleichmäßigen Atemzüge und ihr Herz, das ruhig und leise schlägt und weiß, daß sie eingeschlafen ist.

Es war ein schlimmer Tag für sie - aber ich habe es geschafft, daß sie zufrieden einschläft.

Und das sollte meine Rache sein?

Ich bin ein Weichei, ein Puddingherz, ein Idiot.

Ein verliebter Idiot.

Ein zufriedener, idiotischer, verzweifelt Liebender...

Mit meiner freien Hand - die andere liegt um Buffy - reiche ich hinüber zum Lichtschalter und lösche das Licht. Ich hauche ihr einen zarten Kuß aufs Haar.

Gute Nacht, Jägerin.

Selbst im Dunkeln jetzt muß ich lächeln.

Welche Fragen wird sie mir morgen stellen?

Warum ich keinen Herzschlag habe? Naja, ich habe manchmal Herzrhythmusstörungen, Süße! Weißte doch! Mein Lächeln wird zum Dauerlächeln.

Nein. Ich beschließe für mich, sie heute abend, sobald es dunkel ist, nach Hause zu bringen.

Oder doch nicht?

Jetzt bin ich William der Unentschlossene.

Mal sehen, wie ich darüber denke, wenn ich aufwache.

'Es war ein guter Tag' , denke ich, ehe ich in den Schlaf hinübergleite, noch immer lächelnd, während im Baum vor dem Bungalow der erste Vogel sein Morgenlied anstimmt.

 

* * * * *
 

 
2. Roberta

 

In meinen Ohren dröhnt es, und irgendwo am Hinterkopf sitzt der Schmerz und läßt mich nicht in Ruhe schlafen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, als ob etwas fehlt.

Aber was?

Ich versuche, mich zu bewegen, und ja, es geht, aber ich bin so eigenartig eingeklemmt, jedenfalls fühlt es sich so an.

Dann dringt eine tiefe Männerstimme an mein Ohr.

"Na, Liebes, ausgeschlafen?"

Meine Augen fliegen auf, und ich blicke in ein fremdes Gesicht. Der Kerl grinst mich an und tut so, als würden wir uns kennen.

Kennen wir uns?

Ich bin auf dem Rücksitz eines Autos, und halb liege, halb sitze ich, während der Schmerz in meinem Hinterkopf zunimmt. Langsam hebe ich die Hand und reibe die Stelle, von der der Schmerz ausgeht, aber das macht es nur schlimmer.

Der Kerl vor mir hat sich umgedreht und fummelt mit dem Schlüssel am Zündschloß herum. Ich kann nur seinen Hinterkopf sehen. Kurzes, schockblondes Haar, blasser Hals, Schultern in schwarzem Leder.

Sein Gesicht habe ich nur kurz wahrgenommen, aber an die Augen erinnere ich mich.

Sie waren ozeanblau und ebenso tief.

Was mache ich hier eigentlich?

"Wer... wer sind Sie?", frage ich.

Ich kann sehen, wie er innehält, nur einen Moment lang, bevor er sich zu mir umdreht.

Zuerst sehe ich ihn lächeln, aber diesem Lächeln weicht ein erstaunter Gesichtsausdruck.

Dann sagt er etwas sehr Bemerkenswertes, das mich fast umhaut.

"Weißt du nicht, wer ich bin, meine Süße? Ich bin's, dein geliebter Ehemann... Billy!"

Billy? Ich kenne keinen Billy - und ich habe schon gar keinen *geliebten Ehemann*.

Jedenfalls nicht, daß ich wüßte.

Das ist eine Frechheit, und ich bin augenblicklich empört.

Der Kerl ist ein Schwindler!

"Sie... sind *was*? Ich... ich habe Sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen!", stoße ich hervor, und mein Blick gleitet hinüber zur Tür des Autos.

Sofort, auf der Stelle muß ich aus diesem nach Zigaretten stinkenden Gefährt, muß weg, muß nach Hause! Ich greife zum Türhebel, aber meine Hand zögert.

Ein schrecklicher Gedanke beschleicht mich.

Wo bin ich überhaupt zu Hause?

"Aber, Liebling! Eben haben wir's noch so herrlich auf dem Rücksitz getrieben - und jetzt kennst du mich nicht mehr?", protestiert der blonde Kerl mit empörter Miene und streicht mir mit einer zärtlichen, ganz routinierten Bewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob er nicht doch recht hat, ob es nicht doch mein... Ehemann ist, der da hinterm Steuer sitzt.

Oh, Gott!

Vielleicht ist das ja hier alles nur ein Traum? Warum wache ich dann nicht auf?

Wo bin ich? Und wieso weiß ich nicht, wo mein Zuhause ist?

Fragen über Fragen.

Ich muß in Ruhe überlegen.

Billy... Billy? - wie auch immer - ich komme mir vor wie im falschen Film - hat sich wieder nach vorne umgedreht und sagt jetzt mit ruhiger Stimme:

"Süße, was ist, kommst du nun nach vorne? Oder willst du hinten bleiben?"

Das klingt nicht nach einem Betrüger oder Entführer, sondern ganz normal. Er startet den Motor, während ich mechanisch auf den Beifahrersitz klettere, als ob ich ein Roboter wäre, der tut, was dieser blonde Typ sagt.

 

Wie gelähmt sitze ich neben ihm, steif wie ein Brett, und meine Hände liegen auf meinem Schoß mit ineinander verkrampften Fingern. Es ist alles so irrsinnig, und ich fühle mich so schrecklich einsam - neben diesem Fremden, der angeblich mein Mann sein soll.

"Wo... wo sind wir?", kommt ein Seufzer aus meiner Kehle.

"Keine Ahnung, wie dieses Nest hier heißt, wir sind ja nur auf der Durchreise, wie immer, Kleines. Aber wenn du möchtest, werde ich den Kerl an der Rezeption fragen, wenn wir uns ein Motelzimmer nehmen. Schätze, in *dem* Zustand kommen wir heute nacht sowieso nicht mehr weit.", versucht er mich zu beruhigen.

Wie nett von ihm - das wirft nur noch mehr Fragen auf.

Auf der Durchreise? Wie immer? Motelzimmer?

Ich werde immer verwirrter. Warum weiß ich das alles nicht selbst?

Meine Kopfschmerzen werden von diesen Grübeleien nicht besser, und ich hoffe noch immer inbrünstig, aus diesem Traum aufzuwachen, als er eine Kassette einschiebt... und ein entsetzlicher Lärm über mich hereinbricht.

"Was ist DAS?", brülle ich ihn an.

Vollkommen erstaunt blickt er mich an, und stirnrunzelnd brüllt er durch den Lärm zurück:

"Die Sex Pistols. Das verstehe ich nicht, Süße! *Deine* Musik!"

Meine Musik? *Meine* Musik? Ich verstehe nur noch Bahnhof, und ich bin so wütend darüber, so empört mich diese Unverfrorenheit von Billy, mir weismachen zu wollen, daß dieses Gegröle angeblich *meine* Musik sein soll.

"Sex Pistols? Für mich ist das... Krach! Oh, Gott, mach das sofort aus!", brülle ich und halte mir die Ohren zu.

Nein! Das *kann* einfach nicht meine Musik sein...

Plötzlich ist Ruhe. Endlich.

Zögernd nehme ich die Hände von meinen Ohren und setze mich wieder auf.

",Meine Musik', sagst du... ähm... Billy? Wie... wie kommt es, daß ich sie so furchtbar finde?", frage ich leise, ihm direkt ins Gesicht blickend.

Seine blauen Augen schauen mich verwundert an, und er antwortet mir kopfschüttelnd.

"Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, Kleines. Du LIEBST die Sex Pistols! Nur deinetwegen habe ich diesen Punklook, nur deinetwegen habe ich diese ganzen Kassetten hier besorgt - damit du immer deine geliebte Musik hören kannst, wenn wir unterwegs sind."

Jetzt ist es schon *meine* geliebte Musik...

Meinetwegen?

"Meinetwegen? Oh, Gott, meinetwegen... Wer... wer bin ich? Ich habe... oh, Gott, ich habe vergessen, wer ich bin...", entsetze ich mich und verberge mein Gesicht in den Händen.

Das *kann* einfach nicht sein!

Oh, Gott, ich werde immer verzweifelter. Wie komme ich nur hierher?

Warum kann ich nicht einfach mein normales Leben weiterführen?

Normales Leben? Moment mal - hatte ich denn, bevor ich in diesem Schrotthaufen aufgewacht bin, ein "normales" Leben?

Keine Ahnung, und es will mir auch nicht einfallen.

Jetzt dringt seine empörte Stimme in mein verwirrtes Gehirn vor.

"He - was soll das? Ist das wieder eines von deinen Spielchen? Dieses Mal das kleine Amnesie-Einmaleins, was? Nicht übel - wir können's ja nachher im Motel weiterspielen: ,Dunkler Fremder und hilfloses Mädchen im Motelzimmer', aber im Moment bin ich nicht gerade drauf erpicht, Liebling."

Oh, Gott, merkt er denn nicht, wie verzweifelt ich bin?

Ich wünschte, es wäre nur ein Spielchen, wie er sagt. Einfach ein kleines Rollenspiel, das irgendwann zu Ende geht - und mich wieder in mein normales Leben entläßt - was immer das ist, wie immer es sein mag und wo - es wäre auf jeden Fall gut zu wissen, wer ich bin.

Ist es wirklich dieses Hier und Jetzt - und ich habe es bloß vergessen?

Diese Musik... vielleicht mag ich diese Musik ja wirklich?

Widerwillig fasse ich einen Entschluß.

Als erstes schiebe ich die Kassette wieder ins Gerät vor mir - und wieder bricht dieses Chaos über mich herein. Schnell drehe ich am Knopf, um die Lautstärke zu reduzieren, aber auch leiser ist es noch schlimm genug. Die wütende Stimme brüllt etwas über die Berliner Mauer, und alles, was ich denken kann, ist die Frage, wieso ich weiß, was die Berliner Mauer ist - aber weder meinen Namen kenne, noch irgendetwas anderes - auch nicht den Mann, der neben mir am Steuer sitzt und behauptet, mit mir verheiratet zu sein.

Plötzlich legt er seine Hand auf meinen Schenkel, und im ersten Moment verkrampfe ich noch mehr. Es ist eine so schlichte Geste, so eine normale Sache, daß ein Mann seiner Frau die Hand auf den Schenkel legt - aber mir kommt alles so widersinnig vor, so... falsch.

Nein! Ich darf nicht nachgeben!

Ich muß mein Schicksal annehmen - und vielleicht kommt ja irgendwann mein Gedächtnis wieder. ,Gib die Hoffnung nicht auf!', treibe ich mich an.

Und lege jetzt meine linke Hand auf seine.

Vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich, nimmt er meine Hand in die seine und streicht zärtlich mit dem Daumen - seine Fingernägel sind schwarz lackiert, aber irgendwie wundert mich *das* nicht, warum auch immer - über meinen Handrücken.

Diese kleine Geste, dieses zarte Streicheln überwältigt mich fast, und ich halte mich an seiner kühlen Hand fest, meine Finger verwandeln sich in fünf kleine Anker, die in seiner Hand Halt finden und mich beruhigen, auch wenn immer noch diese schreckliche Musik lärmt.

Eine winzige Geste schafft es, seine groben Worte von vorhin Lügen zu strafen, und ich beginne, wenigstens ansatzweise, Vertrauen zu fassen.

 

Über all das habe ich von dem Ort, durch den wir fahren, überhaupt nichts mitbekommen, und jetzt biegen wir auch schon in die Auffahrt eines Motels ein und halten vor der Rezeption.

Bevor... Billy... Billy?... Billy!... aussteigt, beruhigt er mich wie man ein ängstliches Kind beruhigt: "Süße, bleib hier einfach sitzen. Ich bin gleich zurück.", und erst jetzt fällt mir sein englischer Akzent auf, der seiner ohnehin melodischen, sehr anziehenden Stimme eine interessante Note verleiht.

Klingt sexy...

Oh, Gott, wie kann ich in so einem Moment so etwas denken?

Ich habe einen englischen Ehemann, von dem ich nichts weiß.

Der sich aber um mich kümmert...

Nur unter äußerster Aufbietung meines Willens lasse ich seine Hand los - und es ist, als würde wieder alles über mir zusammenbrechen.

"Okay. Beeile dich... bitte.", schaffe ich noch zu flüstern.

Ich sitze in einem fremden Auto, die Sex Pistols dröhnen mir meinen sowieso brummenden und schmerzenden Schädel zu - und ich bin allein und weiß noch nicht einmal, wer ich bin.

Ihm hinterherschauend, sehe ich ihn zum ersten Mal in voller Größe, und er nimmt die beiden Stufen zur Rezeption in einem Schritt. Sein langer, schwarzer Ledermantel schwingt mit, und seine schlanke Gestalt bewegt sich geschmeidig.

Es ist dunkel, und die Lampe über der Tür gibt nicht gerade viel Licht, aber ich kann deutlich seine scharfen, gleichmäßigen Gesichtszüge erkennen, als er sich noch einmal umdreht und mir kurz zuwinkt. Sein aufmunterndes Lächeln trifft mich - und irgendwie habe ich plötzlich das Gefühl, dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben.

Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wo und bei welcher Gelegenheit.

Ist das dort mein Mann?

Billy?

Ich weiß es nicht, und als er hinter dem Mann vom Motel in der Tür verschwindet, nutze ich die Gelegenheit und durchsuche hastig das Handschuhfach.

Aber da ist nur Müll. Eine leere Bierdose, Zigaretten, eine Straßenkarte mit fremden, ausländischen Namen - woher weiß ich, daß das ausländische Namen sind? - Brasilien, wo liegt Brasilien? -, ein Flachmann, an dem ich kurz rieche - igitt, Whisky, eine Schachtel Streichhölzer mit der nichtssagenden Werbeaufschrift "Sunnydale Bar"...

Moment mal.

Sunnydale? Ich habe keine Ahnung, aber dieser Name kommt mir irgendwie bekannt vor, fast vertraut, aber so angestrengt ich auch überlege - ich kann mich an nichts erinnern.

Naja, wenigstens ein Anfang.

 

Jetzt kommt Billy die Treppe herunter, und ich schließe schnell das Handschuhfach. Wortlos steigt er ein, und ich lächle ihn an, als unsere Blicke sich treffen; er startet den Wagen und hält kurze Zeit später vor einem Bugalow.

Dann nickt er mir kurz zu - und der Blick seiner Augen hat so etwas Zärtliches, daß ich lächeln muß - und bedeutet mir, auszusteigen.

Endlich macht er die Musik aus, und ich atme auf, als schließlich Ruhe ist.

Noch immer sitze ich da, kann mich nicht rühren, und es ist, als wäre ich nicht ich selbst. Als wäre irgendjemand in diesem Körper hier, in diesem Auto, neben diesem Mann, der sich jetzt ungeduldig abwendet.

"Na los, ich will ja nicht ewig hier sitzen, Kleines!", sagt er und steigt aus, geht um das Auto herum und bleibt an meiner Tür stehen, die ich inzwischen zögerlich geöffnet habe.

Erneut überkommt mich diese hoffnungslose Verzweiflung, als ich aussteige und mich neben ihn stelle, neben denjenigen, der mir als einziger sagen kann, wer ich bin.

"Billy... bitte... irgendwas ist mit mir geschehen. Ich weiß noch nicht einmal meinen Namen...", sage ich stockend, und ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen.

Aber ich will nicht weinen.

Nein, ich darf nicht weinen, darf mich nicht meiner Verwirrung, meiner Verzweiflung hingeben. Ich muß stark sein.

Ich greife nach seiner Hand, die meine kühl umschließt, fest und irgendwie vertraut. Und er schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln, das mich einigermaßen beruhigt, mir jedoch nicht meine Unsicherheit nimmt.

Dann zieht er mich mit sich die Treppe hinauf.

Dabei fällt mir etwas ein.

"Haben wir denn kein Gepäck?", frage ich ihn, und ich könnte schwören, daß er bei dieser Frage zusammengezuckt ist. Aber warum?

Während er die Tür aufschließt, antwortet er mit einem fröhlichen Lachen:

"Oh, Mann - hast du denn vergessen, wie diese Jungs vorhin an der Kreuzung unseren Kofferraum geplündert haben, Süße? An der roten Ampel - und ich Idiot habe die kleinen Dreckgören nicht gesehen! Das war mir ja echt 'ne Lehre - ab jetzt schließe ich immer den Kofferraum ab... oder halte an keiner Ampel mehr."

Was?

Wir besitzen nicht einmal Gepäck, keine persönlichen Gegenstände, nichts, was mir helfen könnte, mich hier zurechtzufinden?

Und keine Klamotten zum Wechseln?

"Alles weg? Alles... weg... genau wie meine Erinnerung...", kann ich nur noch murmeln, und ich lege meinen Kopf an seine Schulter.

Oh, Gott. Ich klammere mich an ihm fest, als wäre er der Fels in der Brandung.

Ist er das nicht auch?

Billy... an den Namen kann ich mich irgendwie nicht so richtig gewöhnen... Billy, mein Anker im Sturm dieser Welt, die ich nicht kenne.

Langsam hebe ich den Kopf und sehe in seine Augen, die so zärtlich und fast mitleidig blicken, und ich kann in ihnen noch etwas anderes lesen.

Darin ist so etwas Verschmitztes, etwas verborgen Fröhliches.

Eine versteckte Freude.

Sanft streicht er mir übers Haar. Wir stehen noch immer in der Tür, und seine andere Hand liegt ruhig in meiner. Sie ist immer noch so kühl, obwohl die Nacht sehr lau ist.

"Wieso bist du so kalt? Dein Körper ist so... kühl. Frierst du?", frage ich.

Wieder spüre ich Überraschung bei ihm, obwohl sich an seinem Gesichtsausdruck nichts verändert.

"Ich habe Durchblutungsstörungen, Süße, das weißt du doch, Nebenwirkungen dieser blöden Herzkrankheit. Aber das *weißt* du doch alles!", sagt er mit genervtem Augenrollen.

Ich bin kurz vorm Zusammenbruch, als er mich sanft durch die Tür schiebt und das Licht anmacht.

,Nein, das weiß ich eben nicht!', möchte ich ihn anbrüllen und ihn am liebsten durchschütteln, ,Siehst du denn nicht, was mit mir ist?', aber ich schweige und beobachte ihn, wie er die Vorhänge zuzieht. Er macht das sehr sorgfältig, überprüft jede kleine Lücke, und ich habe plötzlich das Gefühl, als hätte ich auch das schon einmal gesehen.

Aber plötzlich bin ich mir auch sicher, daß *ich* zugezogene Vorhänge nicht mag.

"Wieso tust du das? Ich... ich glaube, ich mag es, wenn die Sonne ins Zimmer scheint..., denke ich jedenfalls. Oder?"

Ich kann die Ungeduld in seinen Augen sehen, als er mir antwortet.

"Ja, Liebling, *du* magst die Sonne... Aber ich habe eine extreme Sonnenallergie. Darum reisen wir doch immer nur nachts, deshalb haben wir doch die Nacht längst zum Tag gemacht..."

Wir sind also Nachtmenschen? Oh.

Aber so richtig verwundert es mich nicht mehr, was ich da höre, seltsam ist heute alles.

Mehr oder weniger.

Nur meine verdammte Hilflosigkeit macht mich fertig, umschließt mich wie ein Gefängnis, und ich fühle mich so schrecklich leer.

Billy geht im Zimmer umher, entfernt die Tagesdecke vom Bett, legt zwei Schokoriegel auf den Tisch, zieht seinen Mantel aus und sein T-Shirt und ich beobachte ihn dabei, als gäbe er eine Privatvorstellung für mich.

Tut er das?

Oh, Gott, wenn ich das wüßte, wenn ich nur überhaupt irgendetwas wüßte, aber mein Kopf schmerzt nur und mein Gehirn scheint seine Arbeit eingestellt zu haben.

Feierabend.

Ich fühle mich müde und ausgelaugt und bemerke, daß die Tür hinter mir noch immer offen ist. Mechanisch schließe ich sie.

Jetzt dreht er sich um und lächelt mich an.

"Komm, Süße, wir duschen wieder zusammen. Das hat dir doch immer solchen Spaß gemacht.", sagt er lächelnd und deutet mit dem Kopf zur Badtür.

Aha. Wir duschen also immer zusammen...

Wer ist dieses "Wir", frage ich mich im Stillen.

"Wieso nennst du mich nie beim Namen, Billy? Wie... wie heiße ich überhaupt?"

Ja, also das würde mich jetzt wirklich mal interessieren, Billy! Sag's mir!

Aus einem unerfindlichen Grund übermannt mich schon wieder diese innere Wut.

Als er zögert, werde ich richtig ungeduldig.

Nachdenklich blickt er mich an, und fast ist es, als würde er es witzig finden, wie ich hier so stehe und meinen Namen von ihm wissen will.

Wenn das bloß nicht alles so furchtbar deprimierend wäre... ja, dann könnte man über jemanden lachen, der nicht einmal seinen eigenen Namen weiß.

Aber wenn man selbst betroffen ist...

"Roberta.", sagt er plötzlich, nur dieses eine Wort kommt über seine Lippen.

Aber es löst nichts in mir aus, kein Erkennen, keine Freude, mich selbst beim Namen nennen zu können, im Gegenteil - die Ratlosigkeit wächst.

Ich kann mit meinem Namen nichts anfangen, und das macht es nur noch schlimmer.

Im Gegenteil - ich habe das Gefühl, noch nie einen dämlicheren Namen gehört zu haben.

"Roberta? Wirklich? Das... das kommt mir alles so fremd vor. Ich... kann mich an nichts erinnern, nicht an dich, nicht an *uns*, an nichts - ich weiß nicht einmal, ob ich diesen Namen wirklich trage oder nicht! Ich weiß gar nichts mehr... Nur, daß ich in dem Auto da draußen aufgewacht bin, sonst nichts... Wer bist du? Wer bin ich?", kommt es aus mir herausgesprudelt, und ich bin jetzt richtig zornig.

"Was soll das Theater, Roberta! Du bist schon den ganzen Abend so komisch, Jä... ähm... jähzornig wie von der Tarantel gestochen! Erst müssen wir so dringend vögeln, daß ich am Straßenrand halten muß - und wenn du aufwachst aus deinem Orgasmus, dann kennst du mich nicht mehr! Fehlte bloß noch, daß du *mich* dafür verantwortlich machst, zur Hölle!", niest er mich zusammen wie ein kleines Schulmädchen.

Und so fühle ich mich auch. Ich bin zutiefst erschrocken über seine Verständnislosigkeit.

Hallo! Ich habe mein Gedächtnis verloren!

Das ist kein Theater, Billy! Ich wünschte, das wäre es, aber es ist leider die Realität, wenn sie mir auch nicht real vorkommt - und ich lieber woanders sein möchte - aber meine Hilferufe erreichen ihn nicht, es ist, als ob alles von ihm abprallte...

Hilferufe?

Naja, für Hilferufe drücke ich mich wahrscheinlich zu vage aus, aber da ist diese Scheu in mir, diese unerklärliche Angst, mich ihm zu sehr zu öffnen.

Oh, Gott.

Und er... warte mal... ähm, wie war das noch? Zur Hölle?

"Dieses ,zur Hölle'... sagst du das oft? Das kommt mir bekannt vor."

Ein Bröckchen kommt zum anderen, und es ist, als würde ich ein Mosaik zusammensetzen, dessen einzelne Bruchstücke auf der ganzen Welt verstreut sind.

Ich bin wie eine Ertrinkende, die nach dem Strohhalm greift.

"Naja - jeder hat so sein eigenes Vokabular, Süße - ich fluche nunmal gerne. Du hast mich doch damals auch geheiratet, weil ich immer so ,unverblümt' bin, wie du es ausdrückst. Und weil ich beim Vögeln so versaute Sachen sage...", erwidert er verlegen, und seine Augen lächeln mich an.

Irgendwie kommt er mir nicht vor wie ein Mensch, der oft verlegen wird. Ich weiß auch nicht, aber es paßt einfach nicht zu ihm.

Und jetzt erst sinkt ein, was er da eben zu mir gesagt hat.

Automatisch, ohne daß ich weiß, warum, sage ich etwas, was mir sehr komisch vorkommt:"Du bist widerlich...", und dieser Satz, obwohl er doch eine vollständige Aussage hat, kommt mir so... unvollständig vor. Wo habe ich das schon einmal gehört?

"Billy... ähm... habe ich das nicht schon einmal gesagt?"

"Was denn, Süße?", fragt er zurück und schaut mich mit so einem gequälten Gesichtsausdruck an. Tue ich ihm weh mit meinen Fragen?

Aber im Moment will ich nicht daran denken, wie *er* sich fühlt, denn schließlich bin ja ich diejenige, die im falschen Film gelandet ist.

"Na, daß du widerlich bist...", antworte ich und rolle genervt die Augen.

"Noch nie, Roberta, noch nie. Du sagst nur nette Sachen zu mir - du liebst meine leichte Vulgarität, sagst du doch selbst immer.", antwortet er und streckt die Arme nach mir aus, und dieses verschmitzte Lächeln auf seinem Gesicht beruhigt mich irgendwie.

 

Langsam gehe ich auf ihn zu und ziehe meine Jacke aus, wobei etwas herausfällt und über den Fußboden kullert.

Ein Holzpflock, rund und an einer Seite angespitzt. Erstaunt blicke ich auf dieses Ding und dann zu Billy hinüber.

Woher kenne ich dieses Ding nur?

Aber ehe ich Billy fragen kann, bückt er sich danach und hebt ihn auf.

"Oh, da ist er ja! Na, wenigstens *den* haben sie uns nicht geklaut - danke, meine Süße, daß du ihn bei dir getragen hast - hatte es schon wieder vollkommen vergessen!", stellt er erleichtert fest, und er lächelt mich fröhlich an, während ich mich wieder völlig daneben fühle, weil sich wieder einmal irgendein Fenster geöffnet hat - und ich nicht hineinsehen kann, blind und taub wie ich bin.

"Was ist das?", löchere ich ihn mit einer weiteren Frage, meinen armen Ehemann, der wohl inzwischen schon genauso ein Nervenbündel ist wie ich - so oft wechselt sein Gesichtsausdruck.

Tut mir leid, Billy, aber ich *muß* es einfach wissen!

Entgeistert schaut er mich an, und bevor er mit seiner Erklärung beginnt, holt er tief Luft.

"Also gut. Das hier ist ein Erbstück von meinem Großvater, falls du's vergessen hast. Mein Großvater hat damit den Grundstein zu seinem Erfolg gelegt: Er hat Bohnen angebaut - und das Ding hier ist ein Pflanzstecken - übrigens eine historische Rarität, Süße - mit dem man Löcher in die Erde bohrt, um Bohnensamen hineinzulegen."

Womit wieder einmal alle Klarheiten beseitigt wären.

Oh, Gott, nicht einmal die einfachsten Dinge kenne ich mehr.

Noch immer hält er diesen "Pflanzstecken" in die Höhe, und ich würde alles darangeben, wenn ich seine Erklärung nicht nötig hätte, wenn...

Okay. Das ist ein Gartengerät. Basta.

Und eine winzige Erinnerung daran, wie ich mir dieses Ding eingesteckt habe, kommt mir tatsächlich. Ja - ich weiß es genau!

Vor meinem geistigen Auge kann ich mich selbst sehen, wie ich den Pflock - den *Pflock*? - nehme und in meine Jackentasche schiebe.

Aber Billy hat sich bereits umgedreht und geht zielstrebig zum Bad, bevor ich ihm antworte.

"Ja - jetzt, wo du das sagst, kommt es mir doch sehr bekannt vor... Ich glaube, ich erinnere mich daran - und ich weiß, daß ich das Ding heute hier in meine Jackentasche gesteckt habe. Oh, Billy! Ich kann mich wieder ein wenig erinnern!"

Es dauert einen Moment, bis er mir antwortet, anscheinend freut auch er sich mit mir, denn seine Stimmer ist fröhlich - und seine Augen leuchten vor Freude.

"Das ist *meine* kleine Frau! Komm, Roberta, ich bin müde, laß' uns duschen und dann ins Bett gehen.", sagt er und verschwindet im Bad.

 

Ich stehe nur da und sehe ihm hinterher.

Langsam, sehr langsam kommt so eins zum anderen, und ich bin plötzlich sehr zuversichtlich, daß alles bald wieder so ist wie früher.

Früher?

Da ist es wieder. Was, wie, wo - ist dieses "Früher"?

Ich seufze tief und gehe zur Badtür, aber davor zögere ich.

Da kommen so eigenartige Geräusche aus dem Bad.

Sind das Gluckser? Oder... oh, Gott, ich glaube, er weint.

Nein, ich *weiß*, daß er weint.

Es zerreißt mir fast das Herz, als ich ihn mir vorstelle, wie er da steht und schluchzt, und auch mir steigen Tränen in die Augen.

Ich muß ihn mit meinen Fragen zur Verzweiflung getrieben haben. Da habe ich die ganze Zeit nur daran gedacht, endlich herauszufinden, ob er wirklich zu meinem Leben gehört, ob es dieses "mein Leben" überhaupt gibt, frage ihn die verrücktesten Sachen - und denke nicht ein einziges Mal daran, wie das auf ihn wirken muß.

Wie er sich fühlen muß.

Schließlich ist er mein Ehemann... wenn er das ist. Und es muß ein furchtbares Gefühl sein, wenn einen ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr erkennt, einfach so, von einem Moment auf den anderen. Wenn das Liebste, was du auf der Welt hast, dich auf einmal mißtrauisch beäugt, dich mit Fragen quält, wer du überhaupt bist...

Aber wen, wenn nicht ihn, sollte ich denn sonst fragen?

Oh, Gott.

Ich bin so egoistisch. Am liebsten würde ich ihn jetzt in die Arme nehmen und ihm sagen, daß alles nicht so gemeint war - aber ich bin noch nicht einmal in der Lage, die Tür zu öffnen.

Als im Bad die Dusche zu rauschen anfängt, ziehe ich mich schnell aus - und sein T- Shirt an - und lege mich ins Bett.

So müde bin ich, so kaputt fühle ich mich, und noch immer dröhnt mein Kopf. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, haben weder Anfang noch Ende - oder irgendetwas, das einen Sinn ergibt.

Verheiratet bin ich also...

 

Die Badtür öffnet sich und ein nackter Billy tritt heraus, aber ich schaue nur kurz auf.

Sein Lächeln ist selbstzufrieden, fast zu selbstzufrieden.

Daß er geweint hat, sieht man ihm nicht an.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, als ich ihm noch eine Frage stelle, aber ich muß es wissen.

"Wieso haben wir keine Trauringe, wenn wir doch verheiratet sind, Billy?"

Sein lächelnder Blick verwandelt sich sofort in einen vorwurfsvollen.

Ja - ich weiß, Billy, später werde ich's dir mal erklären, dieses eigenartige, dieses hilflose Gefühl, das man hat, wenn man nicht weiß, wer man ist, aber, bitte, bitte, beantworte mir doch noch diese Frage, ja?

"Roberta.", Pause. "Wir sind ein ungewöhnliches Paar, wir brauchen keinen Konventionen zu entsprechen - wir haben Trauringe nicht nötig, Süße!", bedeutungsvolle Pause, dann: "Wir haben doch *uns*, Liebes!", sagt er eindringlich und ich habe den Eindruck, er ist stolz.

Ja - wir sind ein ungewöhnliches Paar.

Meine Augen huschen über seinen nackten Körper, und ich nehme jedes Detail in mich auf.

Er sieht göttlich aus.

Wie Adonis, bloß nicht in Marmor gemeißelt, sondern in Fleisch und Blut steht er da vor mir wie die Natur ihn geschaffen hat. Nebenbei - wieso weiß ich, wer Adonis ist, aber kenne weder meinen Namen, noch weiß ich, daß dieser Adonis dort mein Mann ist?

Blaß ist er - ach ja, die Sonnenallergie - aber sein gutgebauter Körper ist auch ohne Sonnenbräune begehrenswert. Seine Haut schimmert über den wohlgeformten Muskeln, die sich unter ihr abzeichnen, und an seinem Körper gibt es keinen Makel - außer der Narbe, die die linke Augenbraue durchschneidet - aber die macht ihn nur interessanter.

Während ich ihn so mustere, weiß ich genau, daß ich ihn so schon gesehen habe.

Ja - ich weiß es einfach!

Jetzt treffen sich wieder unsere Blicke, und schnell wende ich meine Augen ab und bette meinen Kopf wieder auf meine Arme.

Er lächelt wieder. Billy hat gesehen, wie ich ihn gemustert habe, und wahrscheinlich standen meine Gedanken auf meiner Stirn geschrieben da...

Warum nur habe ich so eine Angst davor, daß er wissen könnte, was ich denke?

Jetzt kommt er ins Bett, legt sich neben mich, und ich kann seine Wärme spüren, und als seine Hand zu mir hinübergleitet, muß ich mich zusammenreißen, ihm nicht entgegenzukommen.

Warum eigentlich? Er ist schließlich mein Mann!

"Was ist, Liebes - schieben wir noch 'ne Nummer?", fragt er beiläufig.

'ne Nummer? Irgendwie klingt das sehr verlockend, aber ich bin zu verwirrt, zu müde, zu traurig...

"Billy - ich habe solche Kopfschmerzen... bin so müde...", murmele ich, als ob ich kurz vorm Einschlafen wäre - und das bin ich ja auch.

"Okay, Kleines!", erwidert er einfach und streicht mir zärtlich übers Gesicht.

So einfach ist das, so selbstverständlich, und ich bin ihm dankbar dafür.

Für alles - für sein Verständnis, für seine Geduld mit mir, für... einfach dafür, daß er hier ist, neben mir, daß ich nicht allein bin.

Daß er mir das Gefühl gibt, zu Hause zu sein.

Zu Hause?

Ich hebe den Kopf und bitte ihn in Gedanken schon im Voraus um Verzeihung, weil ich diese letzte Frage - versprochen, Billy! - noch unbedingt stellen muß.

"Billy... ähm... eine Frage noch... Haben wir kein Zuhause?"

Den Kopf in seine Hand gestützt, blickt er mir tief in die Augen, und sein Blick ist so gefühlvoll, so wunderbar liebvoll, das Blau seiner Augen verspricht mir alles und hält alles - und ich weiß, er sagt das, was er fühlt, so wahrhaftig, daß seine tiefe Stimme eigentlich nicht vonnöten ist, weil sein Blick schon alles ausspricht.

Wort für Wort.

Seine Liebe zu mir.

"Süße. Nein, wir haben kein Zuhause. Aber das ist nicht wichtig. Wir haben uns - und nur das zählt, das ist mehr als die meisten Menschen auf der Welt besitzen - und alles, was man braucht, Liebling. Ich liebe dich - vergiß das nie.", spricht seine Stimme aus, was seine Augen mir längst verraten haben.

Sein Mut, seine Stärke, seine Lebenskraft gehen auf mich über, und plötzlich weiß ich, daß, solange er bei mir ist, mir nie etwas passieren kann.

Dann beugt er sich zu mir hinüber und küßt mich mit seinen samtweichen, kühlen Lippen, und ich habe das Gefühl, daß er all seine Liebe, alles, was er je für mich empfunden hat, in diesen Kuß hineinlegt - und will nichts weiter als das, was er mir zu geben hat - seine unendliche Liebe.

Er hat recht: Das ist mehr als genug.

Aber ich bin auch so verwirrt, so durcheinander - und so unendlich müde, daß ich jetzt nur noch eins möchte: schlafen. Deshalb schiebe ich ihn sanft von mir, und ein Blick in seine Augen genügt, um zu sehen, daß er es versteht.

Mein Billy.

Ein wohliges Gefühl der Geborgenheit durchströmt mich, und ich rücke an ihn heran, bette meinen Kopf auf seine Schulter und spüre, wie er seinen Arm um mich legt.

Und dann schwebe ich auf einer Wolke aus Zufriedenheit und wohliger Wärme in den Schlaf hinüber.

 

****
 

Als ich erwache, döse ich erst einen Moment lang, bevor ich richtig wach bin, und dann durchfährt mich ein Schreck, weil ich nicht weiß, wo ich bin.

Es ist dämmrig im Zimmer. Mein Blick gleitet durch den Raum, und jetzt fällt es mir wieder ein: Neben mir liegt Billy.

Ich rücke ein wenig von ihm ab, um ihn eingehender betrachten zu können.

Er sieht so friedlich aus, und ein Lächeln umspielt seine Lippen, sein Gesicht ist wie das eines schlafenden Kindes, das sich auf die Abenteuer des nächsten Tages freut.

Billy, mein Mann.

Auch ich lächle jetzt.

Auf einmal ist mir egal, wer ich bin, wo ich bin, was ich bin - es interessiert mich nicht mehr.

Er ist da - und für ihn bin ich seine Roberta - auch wenn ich selbst nicht weiß, ob ich das bin - und ich weiß, er liebt mich.

Das genügt.

Wenn ich ihn da so liegen sehe, könnte ich ihn glatt noch einmal heiraten...

Vorsichtig schäle ich mich aus der Decke und schlüpfe aus dem Bett, um ins Bad zu gehen.

Mein Blick bleibt an diesem Stück Holz hängen, das dort auf dem Tisch liegt, und ich nehme es vorsichtig in die Hand.

Der Pflock sieht ganz neu aus, scharf angespitzt, und als ich daran rieche, ist der Harzgeruch frischen Holzes noch ganz deutlich wahrzunehmen.

Komisch. *Das* Ding soll "historisch" sein?

Hm. So gutmütig, wie Billy nun einmal ist, hat ihn sein Großvater wahrscheinlich belogen damit.

Den Pflock wieder auf den Tisch zurücklegend, fallen mir die beiden Marsriegel ins Auge - und ich stelle fest, daß ich unbändigen Hunger habe.

Einen nehme ich, reiße das Papier herunter und beiße hastig davon ab.

Hmmmm.

Gierig kaue ich - und mein Blick fällt auf den zweiten. Ihn kurz in die Hand nehmend, überlege ich einen Moment lang, ihn auch noch zu essen, so hungrig wie ich bin, aber dann sehe ich zu Billy hinüber, und zögernd lege ich den Schokoriegel wieder auf den Tisch.

Für Billy - auch er wird hungrig sein, wenn er aufwacht.

Oh, Billy.

Der Raum ist noch immer erfüllt von seinem Zauber, mit dem er es geschafft hat, meine Verwirrung beiseite zu wischen, und ich spüre das heftige Verlangen, wieder zu ihm ins Bett zu schlüpfen, in seine starken, schützenden Arme.

 

Auf Zehenspitzen gehe ich zur Badtür und öffne sie leise, um ihn nicht zu wecken.

Einen letzten Blick auf das friedliche Bild meines schlafenden Ehemannes werfend - immer noch ein fremder Gedanke, aber nicht mehr unangenehm, im Gegenteil! -, schließe ich die Tür leise hinter mir und schalte das Licht an.

Schnell ziehe ich mir sein T-Shirt über den Kopf, nicht ohne noch einmal ausgiebig daran zu riechen, seinen männlichen Geruch in mich aufzunehmen, und steige in die Dusche.

Als das Wasser warm und angenehm über meinen nackten Köper regnet, beginne ich automatisch zu singen, natürlich nur leise, um Billy nicht aus dem Schlaf zu reißen.

Diese Sex Pistols, die ich angeblich so liebe... wie war das noch?

Die Melodie habe ich mir nur schwer merken können, aber im Text war irgendwie von der Berliner Mauer die Rede. Ich summe vor mich hin, während die Wärme mich einhüllt, und ich fühle mich so wohl wie lange nicht mehr...

Obwohl - wie kann ich wissen, wann ich mich das letzte Mal so wohlgefühlt habe? Vielleicht war es ja gestern - und ich hab's vergessen?

Ist mir egal.

Fast bedaure ich es, als ich mit dem Duschen fertig bin und den warmen Regen abdrehe. Ich hangle nach einem Handtuch, trockne mich flüchtig ab, wickle mich in das Frotteetuch und steige aus der Dusche, aber ich habe vergessen, vorher die Badematte hinzulegen, und so gleite ich mit meinen nassen Füßen auf den glatten Fliesen aus und rutsche der Länge lang hin, während ich krampfhaft versuche, irgendwo Halt zu finden - und falle mit dem Kopf gegen die Kloschüssel.

Einen Moment lang bin ich leicht benommen, dann lichtet sich der Nebel.

Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Plötzlich weiß ich genau, wer ich bin, wo ich bin, weiß, daß nebenan ein friedlicher... Spike schläft - in dem Bett, in dem ich noch Minuten vorher gelegen habe.

Oh, Gott!

Im ersten Moment übermannt mich fast die Wut.

Ich werde ihn pfählen, sofort! Meine Amnesie so gemein auszunutzen!

Dieser widerliche Kerl - wie konnte er das nur tun?

Mühsam ziehe ich mich am Rand der Badewanne hoch, und jetzt stehe ich wütend vorm Spiegel und blicke mir ins Gesicht. Eine Zornesfalte hat sich tief zwischen meine Augen eingegraben, und meine Lippen beben.

Unwillig fahre ich mir durchs Haar und werfe es nach hinten.

Meine Gedanken purzeln durcheinander, und ich lasse alles noch einmal Revue passieren.

Die Sex Pistols, die ich ja so liebe - wie meinen "Ehemann" Billy.

Natürlich.

Und die Erklärung dafür, daß wir kein Gepäck haben - sie haben Spike - Spike!... den Kofferraum geplündert. Ehe das passiert, friert die Hölle zu...

Und schon grinse ich.

Durchblutungsstörungen und Herzkrankheit.

Armer Billy - ich könnte wetten, du leidest an chronischem Herzstillstand.

Jetzt kichere ich los.

Sonnenallergie. Ja - eine allgemein verbreitete Krankheit bei Vampiren. Wahrscheinlich genetisch bedingt.

Ein Heiterkeitsausbruch folgt dem Kichern.

Die Behauptung, ich hätte niemals dieses "Du bist widerlich." gesagt, läßt mich fast umkippen vor Lachen. Mein Standardspruch - habe ich jemals etwas anderes zu ihm gesagt?

Und als ich bei seiner überaus plausiblen Erklärung für den Holzpflock ankomme, kann ich mich kaum mehr auf den Beinen halten.

Der Vampir, der einer Jägerin erklärt, das Ding wäre zum... Ha! Bohnenlegen da...

Nein! Ich kann nicht mehr... Ich stehe vor dem Spiegel und japse nach Luft.

Oh, Gott, mir tut jetzt schon alles weh - nicht nur mein Kopf.

Und, ja - einen Trauring brauchen wir natürlich nicht - wir sind so ein ungewöhnliches Paar.

Klar - eine Jägerin und ein Vampir. Was will man mehr?

Walter Matthau und Jack Lemmon.

Und dann - Roberta!

Das ist der Gipfel!

Ich lasse mich auf die Klobrille fallen, denn meine Beine scheinen plötzlich aus Gummi zu sein. Mein Heiterkeitsausbruch nimmt kein Ende - und ich kann mir bildhaft vorstellen, wie köstlich Spike sich amüsiert haben muß.

Oh, Gott - wie hat er es nur fertiggebracht, mir mit ernstem Gesicht die verrücktesten Lügen aufzutischen?

Mir fällt ein, wie ich vor der Tür zum Bad stand und ihm lauschte.

Das war kein Weinen, das waren keine Schluchzer, nein, das war... die Entladung eines gewaltigen angestauten Lachgewitters.

Ich kann es nicht fassen.

Da habe ich die Hauptrolle in einem Witz gespielt - Roberta die Dumme - ohne es zu wissen.

Ich sehe mich selbst, wie ich ihm zuhöre, höre noch einmal dieses "Wir haben doch uns", und ich weiß, daß das *kein* Teil seiner Komödie war, sondern so wahr ist, wie ich, Buffy Anne Summers, hier sitze.

Und dann seine Augen, diese beiden tiefblauen Versprechen, als er "Ich liebe dich - vergiß das nie.", sagte, der Blick, der so viel mehr versprach als diese paar simplen Worte.

Das werde ich nicht, Billy-Spike!

Niemals werde ich das vergessen.

Für einen Moment läßt mich dieser Gedanke verharren.

Mein Amnesie-Ich hat sich in diesen Billy da draußen verliebt.

Er hat es nicht ausgenutzt, jedenfalls nicht so, wie er es hätte tun können - er hatte seinen Spaß, ja, und nicht zu knapp, aber er hat mir auch das Gefühl gegeben, das ich in meiner Verwirrung am meisten brauchte: Einen Freund zu haben.

Nicht allein zu sein.

Nein, pfählen kann ich ihn nicht - das könnte ich nie - aber wie komme ich hier wieder raus, ohne mein Gesicht zu verlieren? Und büßen muß er auch - aber wie?

 

Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf.

Wieder muß ich kichern.

Mehrmals tief durchatmend, versuche ich dieses Lachen aus meinem Gesicht zu wischen.

Ich bereite mich gut vor auf die Rolle, die ich jetzt spielen werde.

Dann stehe ich auf und klappe den Klodeckel hoch, lasse ihn aber sofort wieder fallen - von dem lauten Peng! wird er schon wachwerden. So ein Vampir hat einen leichten Schlaf.

Zeit zum Aufstehen, Spikey!

Dann setze ich mich auf den Boden vor der Toilette und brülle: "Spike!", wobei ich versuche, in meine Stimmer so viel Zorn zu legen, wie es mir überhaupt möglich ist.

Der soll ruhig zusammenzucken.

Noch einmal erlaube ich mir ein Kichern - ein Nachhall auf all den Spaß, den ich gerade hatte und die Vorfreude auf einen ziemlich reumütigen Vampir.

 

Der dann auch gleich vorsichtig die Tür öffnet und den Kopf hineinsteckt, bevor er ganz hereinkommt - der muß förmlich in seine Jeans hineingeflogen sein! - ganz aufmerksam und angespannt beobachtet er mich, als er barfuß näherkommt.

Theatralisch hebe ich meine Hand zum Hinterkopf, und ich sehe ihn böse an.

Hoffe ich jedenfalls.

Das Gesicht, das er zieht, spricht Bände. Ein Hund, der ängstlich vor seinem Herrn den Schwanz einzieht, ist nichts dagegen, und ich genieße meine Rolle als Sklaventreiberin.

Du magst ja ein toller Schauspieler sein für dein Ein-Frau-Publikum - aber jetzt kriegst du eine Sondervorstellung, du Ein-Mann-Publikum!

Du wolltest Theater?

Du bekommst dein Theater, Spike!

Und schon blaffe ich ihn an:

"Wie, zum Teufel, komme ich hierher, Spike?! Wie komme ich in dieses schäbige Bad, und woher, zum Teufel, wußte ich, daß *du* etwas damit zu tun hast!?", und ziehe mich demonstrativ am Rand der Wanne hoch, während ich ihn zornig anfunkle.

Herrlich!

Er wird zusehends kleiner, fällt fast in sich zusammen - jedenfalls sieht er ziemlich geschockt aus - und steht vor mir wie ein begossener Pudel.

Ein Anblick für die Götter.

Ich lade nach, ziehe durch und feuere eine weitere Breitseite ab:

"Was hast du Mistkerl mit mir angestellt? Auf einmal liege ich hier auf einem nassen Fußboden und mein Kopf dröhnt wie nach einer durchzechten Nacht - nicht, daß ich jemals eine Nacht durchgezecht hätte - aber ich kann mir nicht erklären, wie ich hierhergekommen bin... Und wo ist ,hier' überhaupt?!", werfe ich ihm seinen Knochen hin.

Und ich bewundere ihn dafür, wie er schnell umschaltet von Spike, dem Ertappten auf Spike, den Ratlosen, die Unschuld vom Lande.

Einfach so.

Oh, Gott, bleibe ernst, Buffy, bleibe ernst!

Ich muß mich ermahnen, denn ich fürchte, gleich wieder loszukichern - und meinen ganzen Plan zu zerstören.

"Ähm... das habe ich mich auch gerade gefragt, Liebes. Keine Ahnung. Vielleicht ist das wieder einer von diesen Magie-Unfällen von Rotschopf oder so...", antwortet er und zieht ratlos die Brauen hoch, aber ich kann sehen, wie er erleichtert aufatmet.

Nur einen kurzen Moment lang blitzt der Schalk wieder in seinen Augen auf, und wenn ich das nicht erwartet hätte, wäre mir das wohl entgangen...

Oh, Spike, du bist ein begnadeter Schauspieler, weißt du das?

Aber in mir hast du deinen Meister gefunden, darauf kannst du wetten! Ich werde dich an die Wand spielen, ohne Gnade!

Naja, wenn ich es schaffe, ernste Miene zum witzigen Spiel zu bewahren... Aber ich bin abgeschweift, und noch immer steht er in der offenen Tür und beobachtet mich.

 

Als ich merke, wie lüstern er sich an meinem Anblick weidet, schnauze ich ihn wieder an:

"Was ist - willst du hier Wurzeln schlagen? Bring mir meine Sachen - und dann machen wir uns vom Acker.", und drehe mich kopfschüttelnd um, weil das Kichern kaum noch zu bändigen ist, das sich scheinbar in meinem Bauch eingenistet und beschlossen hat, sich nicht vertreiben zu lassen.

Mit einem Grinsen nehme ich wahr, wie er das Bad verläßt, und keine zehn Sekunden später ist er schon wieder zurück und hat meine Klamotten auf dem Arm.

Braves Hündchen!

Wie es sich für eine richtige Herrin gehört, verschwende ich keine Worte, sondern deute hoheitsvoll auf den Hocker an der Tür - und stelle fest, daß er gehorcht und meine Sachen dort plaziert. Mit einem einzigen Blick gebe ich ihm zu verstehen, Leine zu ziehen.

Und das tut er auch - und nimmt im Vorbeigehen noch sein T-Shirt mit.

Jetzt muß ich mich erst einmal wieder hinsetzen und ablachen.

Oh, Gott - es macht so einen Spaß, ihn herumzuscheuchen!

Naja, wahrscheinlich denselben, den es ihm gemacht hat, mir den Ehemann vorzuspielen...

Und er kriegt gar nicht mit, daß es noch mehr auffällt, wenn er mir gehorcht - als wenn er sein übliches Maulen an den Tag legte...

Mein Billy mit dem permanenten Herzstillstand.

Schnell ziehe ich mich an - immerhin werden sich die Mädels schon Sorgen machen, wenn ich so lange weg bin -, während mein Dauergrinsen fast zum Problem wird. Schließlich muß ich ja gleich da raus und ihm wieder gegenübertreten - als zornige Buffy.

Aber irgendwie gelingt es mir dann doch, ein einigermaßen ernstes Gesicht aufzusetzen, als ich aus dem Bad komme - und ich könnte mich gleich wieder hinschmeißen, als ich ihn da so an der Tür stehen sehe, Gewehr bei Fuß, die Autoschlüssel schon in der Hand, nur noch auf meine Wenigkeit und das Kommando zum Abmarsch wartend.

Ja, *jetzt* habe ich meinen Spaß, Spike!

"Ähm, Jägerin - ich habe herausgefunden, wo wir sind - das ist dieses Motel außerhalb von Sunnydale.", lügt er mir glatt ins Gesicht, aber erstaunlicherweise kann ich Haltung bewahren.

"Fein. Dann kannst du mich ja jetzt schnell nach Hause bringen.", erwidere ich kühl, marschiere geradewegs an ihm vorbei und auf die Beifahrertür des De Soto zu.

Demonstrativ bleibe ich davor stehen, während er um das Auto herumgeht und mir dann von innen die Tür öffnet.

Schweigend setze ich mich ins Auto - und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein normales Wort mit ihm sprechen zu können, so sehr bin ich damit beschäftigt, meine Lachlust im Zaum zu halten, und als ich die Sex Pistols-Kassette sehe, trägt das nicht gerade dazu bei, mich unter Kontrolle zu halten.

 

Die ganze Fahrt hindurch schweigen wir.

Natürlich. Ich kann nicht - und er ist sprachlos vor Freude, daß seine ruhmreiche Tat angeblich unentdeckt geblieben ist.

Er hält direkt vor dem Haus, und ich kann ihn noch nicht einmal ansehen, als ich ihm ein kurzes "Na dann, Spike.", sage, schleunigst aussteige und auf das Haus zusteuere.

Mit dem Rücken zu ihm, kann ich wenigstens wieder grinsen.

Und jetzt ist es auch um meine Beherrschung geschehen. Ich habe das Gefühl, dieses Dauergrinsen für den Rest meines Lebens nicht mehr loszuwerden.

Ein klarer Fall für die Grinspolizei.

Aber ich bin froh, daß ich ihn hinter mir lasse...

Uff! Das wäre geschafft!

Jetzt muß ich mir nur noch eine richtige "Rache" für ihn einfallen lassen.

"Jägerin! Deine Jacke!", ruft er plötzlich hinter mir her.

Oh, Gott, auch das noch - nein, das schaffe ich jetzt wirklich nicht mehr. Mit dem Umdrehen kann ich dieses Grinsen nicht von meinem Gesicht vertreiben, aber jetzt ist es mir egal.

Soll er es sehen und sich seine eigenen Gedanken darüber machen.

 

Spike kommt auf mich zu und hält mir die Jacke hin.

Grinsend.

Anscheinend muß mein Grinsen auch noch ansteckend sein.

Du solltest lieber nicht grinsen, Spike...

Mich selbst dafür bewundernd, schaffe ich es - wahrscheinlich zum letzten Mal in meinem Leben - ein ernstes Gesicht aufzusetzen.

Und dann werfe ich all meine schönen Rachepläne über den Haufen.

"Ähm, Spike... Diese Sache da... die bleibt unter uns. Hast du verstanden? Sonst bist du *die* Gelegenheit für einen Staubsauger.", sage ich ruhig und fange mir dafür einen sehr erstaunten Blick ein.

"Welche Sache?", wagt er zu fragen.

Oh, Mann, *der* hat Nerven!

Ach, was soll's - jetzt ist es sowieso zu spät.

Mit nur einem Wort antworte ich ihm, und dieses eine Wort ist der Startschuß für eine Schlacht aus Lachern, Glucksern, einem unbändigen Kichern, einem Sturm von Gelächter, der über uns beide hereinbricht, daß wir nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

Wir stehen nur da, und er krümmt sich vor mir - und ganz nebenbei stelle ich erstaunt fest, daß ich noch nie gesehen habe, wie herzlich Spike lachen kann - und mir laufen die Lachtränen übers Gesicht, und langsam beginne ich, verzweifelt nach Luft zu schnappen.

Spike hat's gut - er braucht keine Luft zum Überleben...

Oh, Gott, ich halte das nicht mehr aus!

Selbst wenn jetzt die Lachpolizei käme und mir Lachverbot erteilte - ich könnte nicht aufhören damit. Dann müßten sie mich einsperren dafür.

Unser gemeinsamer Lachkrampf scheint nicht mehr enden zu wollen, und ich weiß nicht, warum ich noch einmal dieses Wort zwischen zwei Glucksern hervorpresse.

Doch, ich weiß es: Es ist unser brandneues geheimes Codewort, das uns für den Rest unseres Lebens zusammenschmiedet, nur uns zweien bekannt:

"Roberta."

 
Ende

 
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