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Geisterstunde© by Kati ()
Die Patrouille war ereignislos, hatte bis jetzt kaum erwähnenswerte Abgänge in der Dämonenwelt von Sunnydale eingebracht. Die Bösen hatten wohl gerade andere Tummelplätze ausgewählt als den Friedhof, auf dem sie und Spike ihren Kontrollgang unternahmen. Buffy war froh - wenn sie das auch nie zugegeben hätte -, daß der blonde Vampir mit ihr gekommen war, um sich seine allabendliche Gewalt zu gönnen. So war es wenigstens nicht allzu langweilig, wenn sie ihn zwischendurch herausfordern konnte - mit Worten *und* kleinen Trainingseinlagen. Und sie brauchte sich keine Sorgen um ihn zu machen, wie das bei ihren Freunden immer der Fall gewesen war - er war ja *nur* ein seelenloser, wenn auch hilfreicher Vampir. Eigentlich konnte sie sich eine normale Patrouille kaum noch ohne seine Gegenwart vorstellen, ohne seine Kommentare und Bemerkungen, ohne seine Flüche und Tiraden, ohne seine Witze und sexuellen Anspielungen... Alles in allem war er eine Hilfe, wenn auch manchmal eine recht lästige, wenn er mal wieder wegen seines Chips rumjammerte, aber sie hätte sich wohl nie träumen lassen, daß sie beide mal ein Team werden würden - und dazu noch ein wirklich gutes...
Es war kurz nach Mitternacht, und sie befanden sich mitten auf dem größten Friedhof der Stadt, genau zwischen zwei größeren Mausoleen. Ein plötzlich aufgekommener eisiger Windhauch ließ sie erschauern, als sie von hinten ein Geräusch hörte. Spike mußte es wohl auch bemerkt haben; er ließ seine Zigarette fallen, dann er drehte sich um - und blieb wie angewurzelt stehen. "Hey, was soll das - von hinten anschleichen ist verboten, du Schlange!", entfuhr es ihm, als er die Gestalt da stehen sah. Auch Buffy hatte sich umgedreht und stand voller Spannung an seiner Seite. Da stand, nicht schwer zu erkennen, eine Frau. Dann lachte Spike plötzlich auf. Buffy blickte ihn verständnislos an: "Was gibt es da zu lachen? Die hat sich von hinten an uns rangeschlichen - und sie ist garantiert nicht hier, weil sie sich auf dem Weg ins Einkaufszentrum verlaufen hat!" Buffy war empört. Während ihrer Rede hatte die Fremde sich nicht gerührt, sondern nur dagestanden. "Na, wenn das nicht unser kleiner Willy ist, William der Blutige, der böseste Vampir auf Erden!", sagte jetzt die Fremde mit einem spöttischen Unterton. "Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht - oder bist du über Nacht erblondet?" "Über Haare zu sprechen - das ist ja echt ätzend nach wieviel Jahren - hundert oder so, Lydia? Und dasselbe könnte ich dich auch fragen - wo sind denn deine geblieben?", fragte Spike, ging auf die Fremde zu, umarmte sie, hob sie kurz hoch und schwenkte sie im Halbkreis herum. Dann strich er ihr über ihre raspelkurzen, tiefschwarzen Haare, bevor er sie von sich weghielt, um sie zu betrachten. Die Fremde - oder Bekannte - war klein, fast so klein wie Buffy, aber kräftiger gebaut. Sie trug unauffällige Kleidung - dunkelblaue Jeans, eine kurze, schwarze Lederjacke und darunter ein graues Sweatshirt. Sie war sehr blaß, was durch die blauschwarzen, kurzen Haare noch hervorgehoben wurde, und ihr Gesicht bestand hauptsächlich aus riesigen, hellgrauen Augen - so hell, daß der Übergang von der Iris zum äußeren Weiß kaum zu erkennen war - die einen bohrenden, intensiven Ausdruck hatten. Spike lächelte jetzt, und zum ersten Mal stellte Buffy fest, wie seine Augen strahlten und sein Gesicht einen freudigen Ausdruck annahm - es war ihr nie zuvor aufgefallen, daß er ein schönes Lächeln hatte. Als ob ein Sonnenstrahl in sein Gesicht scheinen würde. Der Vampir war so mit der Fremden beschäftigt, daß er nicht bemerkte, wie Buffy näherkam. "Was hat dich denn hierher zum Höllenschlund getrieben, Süße? Erst verschwindest du spurlos - und dann kommst du nach einer Ewigkeit hier vorbei und guckst, als ob du kein Wässerchen trüben könntest...", sagte er neckend. "Naja, ich habe gehört, daß du hier sein sollst - und Angelus auch." Sie sah sich unsicher um. "Und wo ist Drusilla?" "Das ist eine lange Geschichte. Zur Hölle, sie hat mich verlassen... und Angelus ist nicht mehr Angelus, sondern Angel - ein Vampir mit Seele, so ein Weichei. Du würdest es nicht glauben, wenn du ihn jetzt sehen könntest, Liebes. Aber nun zu dir - wo bist du all die Jahre gewesen - und warum hast du uns damals so sang- und klanglos verlassen - genau wie Angelus..." Er stutzte und sah sie mißtrauisch an. "Du hast doch nicht auch eine Seele bekommen, oder?", fragte er vorsichtig. Sie lachte. "Nein, ganz bestimmt nicht - aber ich bin ja echt baff, daß Drusilla und du... nicht mehr zusammen seid, das war doch für die Ewigkeit. Und das von Angelus..." Sie schluckte und schüttelte ungläubig den Kopf. "Die Zeiten haben sich wirklich geändert, Willi...am. Aber du bist noch der Alte, oder?" Sie lachte ihn jetzt an: "Oh, Mann, bin ich froh, dich wiederzusehen!", und sie umarmte ihn erneut. "Wenigstens ein alter Bekannter aus besseren, ach, was sag ich da - aus den besten Zeiten -, der immer noch der alte ist..." Sie küßte ihn zärtlich auf den Mund. "Und ich hatte ewig keinen guten Sex mehr...", fügte sie leise hinzu. Buffy hatte es trotzdem gehört. Sie hatte die beiden nicht aus den Augen gelassen und ihnen genau zugehört - und mit jedem weiteren Wort war der Groll in ihr gewachsen. Hatten die nichts anderes zu tun, als sich hier - in *ihrer* Gegenwart - abzuknutschen? Als ob sie, die Jägerin, gar nicht da wäre! Wollte er sie nicht endlich vorstellen - oder besser noch - sie diese Vampir-Frau endlich pfählen lassen? Das ging zu weit, endgültig, sie mußte diesen schockblonden Vampir endlich mal in seine Schranken verweisen, daß er sie so ignorierte - und sie einfach vergaß... Sie räusperte sich laut. Die beiden fuhren auseinander, als wären sie ertappt worden. Spike drehte sich zu Buffy um und sah sie schuldbewußt an, aber ehe er etwas sagen konnte, hatte sich die Fremde an Buffy gewandt und sagte: "Also du bist wohl die neue Flamme von William. Na, so neu wirst du wohl auch wieder nicht sein, wie ich ihn kenne - seine Liebe ist immer für alle Zeiten. Ich bin übrigens Lydia, ein Kind von Penn.", und sie streckte Buffy die Hand hin. "Ich wußte gar nicht, daß es unter euch Vampiren solche Höflichkeitsfloskeln gibt, Spike. Da muß ich wohl im Unterricht bei Giles nicht richtig aufgepaßt haben.", fauchte Buffy eisig, an Spike gewandt, und ignorierte demonstrativ die ausgestreckte Hand. Dann wandte sie sich an Lydia: "Um Klein-Willys neue Flamme zu sein, bin ich nicht durchgeknallt genug. Und übrigens - ich bin Buffy, die Vampirjägerin." Als sie das herausbrachte, funkelten ihre Augen vor Zorn, und ihre Stimme zitterte vor Erregung. Sie konnte ihre Wut kaum im Zaum halten. Schweigen. Die beiden Vampire standen wie vom Donner gerührt von dem unvermuteten Gewitterausbruch, dessen Ziel sie geworden waren, und dann faßte sich Spike als erster: "Naja, Lydia - ich bin wohl doch nicht mehr ganz der Alte...", murmelte er. Er stellte sich vor Lydia, mit dem Gesicht zu Buffy, wie um sie zu beschützen. Auch Lydia hatte sich wieder gefangen, als sie leise sagte: "Ich hatte schon einen Herzschlag gehört, aber ich dachte, mich getäuscht zu haben. Ich glaube, du hattest recht mit deiner ,langen Geschichte' - das ist wirklich ein Ding... Du und die Jägerin..." Buffy hatte jetzt einen Pflock in ihrer rechten Hand und war ein paar Schritte auf die beiden zugegangen. Der blonde Vampir stand immer noch schützend vor der Vampirin und sah Buffy erstaunt an. "Rühre sie nicht an, Jägerin. Sie ist eine Freundin von mir. Ich warne dich!" Seine Stimme hatte sich drohend gesenkt, und er hatte beide Arme nach hinten ausgestreckt. "Ach ja? Und wie willst du sie beschützen - mich zu Tode langweilen?" Buffy stand jetzt direkt vor Spike, den Pflock erhoben. Ihr Gesicht war von Zorn gerötet, und ihre Augen sahen ihn böse an. "Geh' mir aus dem Weg, du impotenter Reißzahnjunge. Sonst könnte ich dich versehentlich gleich mitpfählen - wär doch jammerschade um dich!", sagte sie mit einer von Sarkasmus getränkten Stimme. "Jägerin, nicht. Sie ist nicht das, was du denkst - sie hat nie einen Menschen getötet. Und sie hat sich echt bemüht...", sagte er und konnte ein Grinsen kaum unterdrücken. "Sie war Penns 'schlimmstes' Kind - sie war ein Greuel für Angelus, und wenn ich sie auch fast ein Jahrhundert lang nicht gesehen habe, so glaube ich nicht, daß sie jemals zu einer Mörderin geworden ist... Bitte, vertraue mir, Süße." Er hatte eindringlich gesprochen und dabei die Hände gehoben. Als er fortfuhr, drehte er sich halb zu Lydia um. "Sie hatte am Anfang sogar Schwierigkeiten, überhaupt von Blut zu leben - und alle in der Familie haben sie deshalb verspottet und... gehaßt." Jetzt sah er Lydia an, als wollte er sie aufmuntern, doch auch etwas zu sagen. Sie reagierte sofort: "Will... äh... Spike hat recht. Er war immer der einzige, der sich überhaupt mit mir abgab - vielleicht, weil er... nun ja... ähnliche Probleme hatte mit der Eingewöhnung." Sie brach ab, als sie Spikes Augenrollen sah. Dann wandte sie sich direkt an Buffy: "Buffy - ich will nichts weiter in deinem Revier, und ich habe nicht vor, die Stadt aufzumischen oder sonst irgendwas. Ich war nur in der Nähe - und ich wollte einfach William wiedersehen. Hätte ich gewußt, daß er mit der Jägerin... naja, wie auch immer, ich werde nicht lange in Sunnydale bleiben. Versprochen." Buffy stand immer noch mit erhobenem Pflock da, aber sie hatte längst nicht mehr vor, Lydia zu pfählen - oder gar Spike. Sie hatte mit einem Blick in die Augen des blonden Vampirs gesehen, daß er es ernst meinte - dieser Schlampe traute sie zwar immer noch nicht über den Weg, aber merkwürdigerweise glaubte sie Spike. Mit einem Mal konnte sie sich nicht mehr erklären, warum sie so wütend war, so überaus zornig, daß sie sich kaum beherrschen hatte können. Langsam sank die Hand mit dem Pflock. Spike atmete erleichtert auf - auch wenn Atmen natürlich unnötig für ihn war. Er hatte die blinde Wut in ihren Augen gesehen - was war nur in sie gefahren? Noch niemals zuvor hatte er sie so zornig gesehen, so voller rigoroser Abneigung, voller Haß. Und, wirklich, in den Jahren, die er sie kannte, hatte er sie oft wütend gesehen - vor allem wütend auf sich. Aber das war anders gewesen. Das war ihr Job - und er hatte ihr *immer* Knüppel zwischen die Beine geworfen und ihr Gründe gegeben, um sie vor Wut platzen zu lassen... Zur verfluchten Hölle - und was waren das für Gründe gewesen! Aber dieser Wutausbruch hier gerade eben war aus einem für ihn unersichtlichen Grunde geschehen - und ein wenig erinnerte es ihn an den Wutausbruch eines Wolfes, der sein Revier gegen unverschämte Eindringlinge verteidigen muß. War sie etwa... Nein, das konnte nicht sein. Warum sollte sie eifersüchtig sein? Und auf wen? Dieser abwegige Gedanke flackerte nur kurz in ihm auf, und er hatte keine Ambitionen, ihn jetzt weiter zu verfolgen. Er wandte sich an Buffy und sagte in versöhnlichem Ton: "Am besten, wir fangen nochmal von vorne an. Also, das hier ist Lydia, eine alte Freundin. Und dies hier ist Buffy... nun ja, keine Freundin, aber so ähnlich..." Er grinste, und die beiden Frauen mußten jetzt auch lächeln - beide kannten ihn wohl zu gut, um nicht zu wissen, was es ihn für Überwindung gekostet hatte, keine seiner sonst üblichen ironischen Anspielungen loszulassen - bei einer solchen Gelegenheit. Buffy besah sich Spikes "Freundin", und sie konnte nicht sagen, warum sie sie nicht mochte. Aber sie konnte sie auf Anhieb nicht ausstehen. Diese Frau hatte irgendetwas verschlagenes, hinterhältiges in ihrem Ausdruck, auch wenn sie attraktiv war - für einen Vampir. Ihre großen Augen blickten sie herausfordernd und zurückhaltend zugleich an, und sie hatte so eine allzu einnehmende Art Spike gegenüber, irgendwie so... ach, sie mochte sie einfach nicht und hoffte, sie würde wirklich bald verschwinden. Irgend etwas an ihr beunruhigte sie. Sie mußte unbedingt mit Giles darüber reden - vielleicht stand etwas über diese Lydia in den Chroniken... Sie standen sich gegenüber, und keiner sagte ein Wort. Alles schien gesagt zu sein, und niemand wollte an irgend etwas rühren. Buffy gab sich einen Ruck. "Naja, ich denke, die Dämonenpopulation von Sunnydale wird heute Nacht nicht mehr allzu aktiv sein. Ich werde dann nach Hause gehen. Mach's gut, Spike... und Lydia." Sie drehte sich zum Friedhofsausgang und stapfte ohne ein weiters Wort davon. Die beiden Vampire sahen ihr hinterher, dann fiel Spike ein, daß er ihr gar nicht geantwortet hatte und rief ihr hinterher: "Bis morgen, Jägerin!"
*****
Spike und Lydia waren lebhaft in ihre Erinnerungen vertieft, als sie vor seiner Krypta anlangten. Er machte eine einladende Geste und stieß die Tür auf. "Willkommen in meiner bescheidenen Behausung, Kleines." Sie trat zögernd ein und sah sich um. "Na, wenn diese Behausung nicht wirklich sehr bescheiden ist..." Sie blickte zu dem blonden Vampir auf und runzelte die Stirn. "Wie bist du denn in diesem Rattenloch gelandet? Die Zeiten haben sich ja anscheinend wirklich nicht zum Besten gewandelt..." Er zog die Schultern hoch. "Naja, besser als gar kein Zuhause... Mir bleibt mit dem Chip in meinem verdammten Kopf kaum eine Wahl - und ich habe dir ja erzählt, daß ich nur noch gegen Scheiß-Dämonen kämpfen kann. Das bringt nicht viel ein... verdammt. Menschen kann ich jedenfalls nicht mehr ausrauben, und eine andere Möglichkeit zum Leben ist mir noch nicht eingefallen - deshalb auch die Zusammenarbeit mit der Jägerin und so..." Er seufzte frustriert. Dann besann er sich, setzte eine fröhlichere Miene auf und sagte: "Aber genug davon - erzähl mir lieber, was du so alles nach deinem Verschwinden gemacht hast! Und wieso bist du nicht schon früher mal vorbeigekommen, Süße?" Sie zuckte mit den Schultern und hob die Hände. "Da gibt's nicht viel zu sagen, Willy. Wir sind alle irgendwie durchgekommen. Mehr oder weniger gut, denke ich.", fügte sie mit einem Grinsen hinzu. "Ja, ist 'ne Menge Zeit vergangen - und nenne mich auf keinen Fall mehr ,Willy' - der ist längst tot, ich bin jetzt Spike. Übrigens warst du immer die Einzige, die mich so genannt hat - außer meiner Mutter." Er sah ihr eindringlich in ihre hellen Augen. Sie nickte. "Klar, ich werde mich bemühen, *Spike*." Dann faßte sie ihn an der Hand und zog ihn in Richtung Grabplatte. "Aber was ich da vorhin gesagt habe, ist wahr - ich hatte wahrhaftig lange schon keinen tollen Sex mehr. Könnten wir da was unternehmen, mein Schatz?" Er legte seinen Arm um sie und zog ihren Kopf zu sich heran. Dann küßte er sie auf den Mund, und seine Hände waren gleichzeitig überall und nirgends, als er anfing, sie auszuziehen. Ein Knurren kam aus seiner Kehle, als er ihre Erregung roch, und er zerrte an ihren Sachen, während sie ihm mit einer Hand durch die Haare fuhr und mit der anderen an seinem Gürtel fummelte.
Plötzlich krachte es hinter ihnen, und die beiden fuhren erschrocken auseinander. Die Tür zur Krypta war aufgeflogen, und ein Dämon kam laut brüllend hereingeschossen und direkt auf die beiden zu. Er sah ziemlich wütend aus, sein Maul mit den riesigen Eckzähnen war aufgerissen, und der Kopf mit den nach vorn gebogenen Hörnern war leicht gesenkt - wie bei einem wütenden Stier. Spike ließ sofort von Lydia ab und holte mit dem linken Arm aus. Sein Fausthieb landete mitten in der Visage des Dämonen, der leicht zurücktaumelte. Der Vampir nutzte dessen kurze Benommenheit und holte zu einem Rundumtritt aus, wobei er mit dem Fuß genau den Brustkorb seines Angreifers traf. Der taumelte und fiel auf den Rücken, versuchte aber sofort, sich wieder zu erheben. Was ihm nur teilweise gelang, denn Spike sprang jetzt auf ihn drauf, und mit seinem ganzen Körpergewicht hielt er den viel größeren Dämonen am Boden fest. Während er ihn dort festnagelte, drehte er sich zu der Vampirin um und rief: "Hinter der Gruft liegt ein Schwert, Lydia, wirf es mir rüber - schnell!" Sie ließ sich nicht lange bitten und rannte um die Gruft herum, hob die Waffe auf und warf sie, mit dem Griff voran, zu Spike hin. Der ließ einen Moment den unter ihm liegenden Dämonen los und fing das Schwert mit der linken Hand auf. Der Dämon bäumte sich auf und stieß den Vampir von sich - aber Spike war schneller. Er sprang auf die Füße. Beide Kontrahenten standen sich jetzt gegenüber. Mit einem wohlgezielten Fausthieb schlug Spike dem Dämonen auf den Kopf, und dann holte er mit dem Schwert aus, dieses Mal hatte er es in seinen beiden Händen, und hieb ihm über den Oberkörper, wo das Schwert eine klaffende Wunde hinterließ, aus der sofort grünes, dickflüssiges Blut hervorquoll. Der Dämon brüllte auf und hielt sich den Brustkorb. Er wollte sich gerade wieder auf Spike stürzen, als der blonde Vampir noch einmal schwungvoll mit dem Schwert ausholte - und seinen Körper in der Mitte durchtrennte. Der verbliebene Unterkörper des Dämonen schwankte, und Spike gab ihm noch einen Tritt, damit er auch nach hinten fiele, genau wie der Oberkörper, und dann krachte er auf den Boden der Krypta. Spike ließ das Schwert sinken und sah sich nach seiner Freundin um. "Alles in Ordnung, Kleine?" "Ja, klar. Was war denn das eben - wolltest du mir deine Fortschritte in der Kunst, Dämonen zu töten, vorführen? Wo kam der denn so schnell her?" Sie sah ihn fragend an. "Naja, seit ich die Seiten gewechselt habe - wechseln mußte - sind die Dämonen nicht gerade gut auf mich zu sprechen...", und er grinste sie an, als er fortfuhr: "Die können's nicht leiden, wenn man der Jägerin hilft..." "Könnte ich wahrscheinlich auch nicht, wenn ich hier leben würde. Kommt das öfter vor, daß so einer wie unser toter Freund hier...", sie zeigte auf die Leiche des Dämonen, um die sich langsam eine zähflüssige Pfütze grünen Blutes bildete, "... dich auf diese Weise besuchen kommt?" "Eigentlich nicht. Wir machen so etwas immer auf neutralem Boden aus, jedenfalls nicht bei irgend jemandem zu Hause... irgendwie ungewöhnlich", fügte er für sich murmelnd hinzu. Er besah sich stirnrunzelnd die Leiche, eigentlich waren es ja zwei Leichenteile. "Scheiße, jetzt macht der hier alles voll mit seinem ganzen Zeugs. Und wie das stinkt! Wir müssen diese Stinkbombe hier rausschaffen." Er legte das Schwert, nachdem er es mit einem alten Lappen abgewischt hatte, auf die Grabplatte in der Mitte des Raumes und ging dann zurück zur Leiche und bückte sich, um den Oberkörper anzuheben. Er hievte ihn hoch und hielt ihn so weit wie möglich von seinem Körper weg, um sich nicht zu beschmutzen. Lydia hatte sich nach einigem Zögern den Unterkörper gegriffen und folgte nun Spike aus der Krypta.
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Buffy hatte sich gleich nach der letzten Vorlesung auf den Weg zu Giles gemacht. Sie hatte ihn noch am vorigen Abend angerufen und ihn gebeten, vielleicht etwas über Lydia herauszufinden. Den ganzen Tag über hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, was es mit ihr wohl auf sich hätte - und auch über ihre heftige Reaktion auf diese Freundin von Spike nachgedacht. Es war einfach überzogen gewesen, und sie konnte sich nicht erklären, warum das so war. War es, weil Spike sonst immer ausschließlich für *sie* da war, weil er nur in seiner Krypta saß und nichts Wichtigeres vorhatte, als mit ihr auf Patrouille zu gehen - weil es schien, daß sein ganzes Leben nur noch nach ihr ausgerichtet war? Da störte jedes noch so kleine Sandkörnchen im Getriebe. Und diese Lydia war mehr als nur ein Sandkörnchen... Sie schien ein harter Brocken zu sein, und sie hatte kein gutes Gefühl dabei. Warum störte es sie nur, daß Spike nicht mehr allein war - und wo diese Lydia doch sowieso nicht vorhatte, lange zu bleiben? Sie war inzwischen vor Giles' Tür angelangt und klopfte. Sie hörte, wie er von drinnen rief, es wäre offen und schob die Tür auf. Giles stand vor dem Bücherschrank und hielt ein dickes, alt aussehendes Buch in der Hand. Er hatte sich ihr zugewandt, als sie hereinkam. "Hallo, Buffy. Wie war dein Tag?" "Wie schon, Giles, nichts Aufregendes. Aber haben Sie was über diese Lydia rausgefunden?" Sie blickte ihn neugierig an. Giles kam auf sie zu, deutete auf die Couch und setzte sich neben sie, als sie Platz nahm. "Viel war's nicht, was in den Wächterchroniken stand, aber ich habe noch in ein paar anderen Büchern nachgeschlagen und ein paar interessante Sachen herausgefunden. Anscheinend hat Spike recht, wenn er sagt, daß sie keine... nun ja... Mörderin ist, beziehungsweise war." Er nahm sich die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel. "Ja - und was haben Sie denn nun herausgefunden?", fragte Buffy nun ungeduldig. "Nun, sie war eine Hexe, als Penn sie zur Vampirin machte. Eine ziemlich bekannte sogar, damals in der Schweiz. In den alten Büchern ist sie als ,Lydia die Heilerin' verzeichnet. Aber es gibt auch verschiedene andere Versionen, wie... ähm... ,Lydia die Teufelin' oder ,Lydia die Kräuterhexe'. Jedenfalls scheint es sich jedes Mal um dieselbe Lydia zu handeln. Sie soll ,Rabenhaar bis auf die Erde und Augen weiß wie Schnee' gehabt haben, steht da. Und du sagtest doch, sie hätte schwarzes Haar, oder?" Er blickte sie fragend an, und Buffy nickte. "Was mich nun etwas irritiert, ist, daß hier in diesem Buch steht, sie wäre... ähm, nun ja, so zwischen 1890 und 1900 in der Schweiz... verbrannt worden. In einem anderen Buch steht, sie wäre vom aufgebrachten Mob in die Enge getrieben und lebendig eingemauert worden, nachdem man sie geschoren und verflucht hat..." Er zog die Brauen hoch. "Das würde erklären, daß sie verschwunden ist, wie Spike sagte. Aber das erklärt nicht, wie sie dann wieder auftauchen konnte." Buffy sah ihn überrascht an. Das wurde immer rätselhafter, und sie war noch beunruhigter als vorher. Giles hatte seine Brille wieder aufgesetzt und blätterte nun in dem alten Buch. "Ich kann nichts über diesen Fluch finden, mit dem man sie belegt hat. Aber es wäre uns sicher mehr geholfen, wenn wir wüßten, was das für ein Fluch war. Hat sie gesagt, was sie von Spike will - oder warum sie gerade ihn aufgesucht hat, Buffy?" Buffy zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. "Nein, nichts Konkretes, nur, daß sie ihn mal wiedersehen wollte - und sie hat nach Drusilla und... äh Angelus gefragt, nach der ,Familie' eben... Naja, und dann hat sie noch was davon gesagt... hmm..." Sie brach verlegen ab, als ihr das mit dem Sex einfiel. "Was denn, Buffy? Ich glaube, daß jedes Detail zählt - vielleicht hat sie ja etwas Wichtiges angedeutet, und wir könnten es herausfinden, indem wir...ähm dem nachgehen." Sie räusperte sich verlegen. "Sie sagte irgendwas davon, daß sie schon lange keinen guten... ähm... Sex gehabt hätte." "Oh. Das ist interessant. Sie muß also früher... ähm... mit Spike..." Giles unterbrach sich, blätterte verlegen in dem Buch und fuhr dann leise fort: "Naja, die Vampir-Familien sind doch sowieso nicht so wie die der Menschen. Was man so gehört hat... Danach treibt es da wohl jeder mit... äh... jedem..." Giles fuhr sich verlegen übers Haar, streckte sich dann im Sitzen und fragte: "Und was ist dir sonst noch an ihr aufgefallen?" Buffy seufzte. Ihr fiel wirklich nichts weiter ein, und sehr ausgedehnte Gespräche hatte sie ja auch nicht mit dieser Lydia geführt. Im Gegenteil. "Nein, Giles, wir haben nicht gerade Brüderschaft getrunken, wissen Sie. Sie sagte nur, daß sie bald wieder verschwinden würde." Giles war aufgestanden und zum Bücherschrank gegangen. Er suchte offensichtlich ein bestimmtes Buch. "Buffy, leider weiß ich nicht besonders viel über Flüche, mit denen man früher Hexen gebannt hat. Aber ich glaube, ich müßte noch ein Exemplar der ,Hexenkunde' haben... auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wo. Oder habe ich es Willow geborgt? Wir könnten sie ja mal fragen... Nun..." Er wandte sich wieder Buffy zu. "Es ist gut, daß du mir alles erzählt hast, Buffy. Und ich glaube auch, daß... ähm... mit ihr irgend etwas nicht stimmt. Jedenfalls müssen wir dem nachgehen..." "Und was tun wir bis dahin, Giles? Müssen wir nicht Spike informieren... oder so?", fragte sie leise und irgendwie beschämt. Giles hob den Kopf und runzelte die Stirn. "Nun ja, Buffy... ähm... Es wäre wohl nur fair, wenn wir ihn informierten... Aber andererseits könnten wir dadurch Lydia alarmieren, und vielleicht würde sie dann ihre eventuellen Pläne etwas verfrüht in Angriff nehmen... Tatsächlich wissen wir ja auch nicht, was sie vorhat. Und wenn wir Spike nicht einweihen... nun ja, dann könnte sie sich in Sicherheit wiegen... Können wir ihm trauen?" Zögernd schüttelte Buffy den Kopf. "Ich weiß es nicht, Giles. Ich weiß nur, daß er uns in letzter Zeit eine Hilfe war - und ich fast das Gefühl habe..., er wäre einer... von uns." Ihre Stimme war zum Ende hin immer leiser geworden, und jetzt seufzte sie tief und sah ihm direkt in die Augen. "Vielleicht hast du ja recht... Aber wir müssen vorsichtig vorgehen, damit sie nichts davon mitbekommt. Nun ja, wir könnten es ihm ja irgendwie... ähm verschlüsselt sagen. Oder ihn allein abpassen, soweit das möglich ist..."
*****
Es war ein sonniger Nachmittag, und der Friedhof sah am Tage ganz friedlich aus, fast heimelig, und sie spürte eine leichte Brise, die die Blätter der Bäume bewegte und zum Rascheln brachte. Aber sie war in Gedanken versunken und nahm es nur am Rande wahr. Wie nur sollte sie Spike warnen, wenn er nicht allein war - und wie sollte sie ihn *nicht* warnen? Sie stand eine Weile vor Spikes Krypta, bevor sie die Tür aufstieß - wie immer, ohne vorher anzuklopfen. Der Raum schien ruhig, und im ersten Moment war im dämmrigen Licht des verdunkelten Raumes kaum etwas wahrzunehmen. Als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, sah sie auf der Steinplatte in der Mitte des Raumes einen unförmigen, von einer Decke eingehüllten "Berg", aus dessen ihr zugewandtem Ende ein Paar nackter Füße hervorlugten. Vorsichtig ging sie darauf zu und um die Steinplatte herum. Am anderen Ende sah unter der Decke ein Hinterkopf mit zersausten weißblonden Haaren hervor. Von Lydia keine Spur. Sie atmete erleichtert auf, als sie sah, daß Spike allein war, dann zog sie die Decke von seinem Kopf weg. "Hey, Spike, aufwachen. Ich bin's - Buffy.", sagte sie laut, und ihre Worte hallten in der leeren Krypta wider. Der Vampir rührte sich leicht, murmelte irgend etwas von "... noch nicht mal am Tage hat man seine verdammte Ruhe..." und hob langsam den Kopf. Seine Augen waren ganz verschlafen, und durch das zerwühlte Haar sah er fast unschuldig aus - wie ein Kind, das man mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf reißt. Dann orteten seine Augen Buffys nahe Gestalt, und sein Blick schärfte sich. Mit einer Hand den Kopf aufstützend, sah er sie mit einem erstaunten Ausdruck im Gesicht an. "Was führt dich denn um diese Zeit an diesen verfluchten Ort, Jägerin?", fragte er direkt. "Spike, tut mir leid, wenn ich dich von wichtigeren Dingen abhalte.", und mit einem ironischen Grinsen ließ sie ihren Blick über den von der Decke eingehüllten, verschlafenen Vampir schweifen. "Aber da ist etwas, was ich dir sagen muß." Er setzte sich auf und tat die Decke beiseite. Sein Oberkörper war nackt, aber er trug seine üblichen schwarzen Jeans. Mit einer Hand fuhr er sich durch sein Haar, was nicht viel brachte, nur, daß es jetzt nicht mehr in sein Gesicht fiel. Er sah sie neugierig an: "Was ist denn - kannst du jetzt nicht mehr ohne mich über den Tag kommen?", fragte er mit seinem breitesten Spike-Grinsen. Sie verdrehte die Augen und bereute schon fast, überhaupt hergekommen zu sein. Natürlich mußte er wieder seine übliche Masche abziehen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Sie sollte ihn einfach im Ungewissen lassen - ihn und seinen Alabasterkörper, über den jetzt ihre Augen streiften - denen gefiel, was sie da sahen... Mußte dieser Kerl auch noch so sexy sein? Aber dann fiel ihr wieder der Grund ein, aus dem sie hier war, und sie verkniff sich eine entsprechende Antwort. "Du hast es erfaßt, Spike.", sagte sie nur und fuhr dann ernst fort: "Es geht um deine ,Freundin', diese Lydia. Giles hat etwas über sie herausgefunden, was uns beunruhigt. Sie soll vor etwa hundert Jahren in der Schweiz als Hexe verbrannt worden sein - oder vom Mob lebendig eingemauert, die Bücher widersprechen sich da. Aber sie ist hier aufgetaucht - und das könnte mit einem Fluch zusammenhängen, mit dem man sie damals belegt hat... Vielleicht will sie Rache üben oder so was..." Ihr Gesicht zeigte jetzt einen besorgten Ausdruck. Leise fuhr sie fort: "Und vielleicht bist du ja in Gefahr - oder wir alle, wir wissen es nicht." Der blonde Vampir hatte ihr aufmerksam zugehört. Und er hatte ihren Blick gesehen, hatte bemerkt, wie sie seinen Körper betrachtet hatte, wie ihr interessierter Blick daran haftete. Sein Ausdruck war nachdenklich, und er nickte ihr zu: "Das erklärt so einiges...", stellte er fest. Sie sah ihn überrascht an. "Was denn?" "Naja, irgendwie habe ich geahnt, daß etwas nicht stimmen kann, wenn sie hier nach so langer Zeit aus dem Nichts auftaucht. Auch wenn wir alle nicht sonderlich Kontakt pflegen, so hören wir Vampire - die Meister-Vampire jedenfalls - immer mal voneinander. Von ihr haben wir seit damals keinen verdammten Pieps mehr gehört... Und dann ist gestern Abend noch etwas eigenartiges passiert, Süße." Sie sah ihn erstaunt an. "Ich dachte, dieses... Miststück hat dich um den kleinen Finger gewickelt..." Er hatte sich jetzt an den Rand der Grabplatte gesetzt und ließ die Beine baumeln. Seine nackten Füße hatten Buffys Schulter leicht gestreift, als er sie angehoben und über den Rand geschwungen hatte. Sie wich schnell aus und lehnte sich neben ihn an die Gruft. "Zur Hölle, Jägerin! Für wie naiv hältst du mich eigentlich? Falls du es vergessen hast - das Baby hier bist du, Blondie. Ich bin mehr als fünfmal so alt wie du, könnte dir nie erzählen, was ich für Erfahrungen habe, weil das Jahre dauern würde... Und du kleines Superhirn nimmst an, ich ließe mich von so einer ,Freundin' blenden?" Er lachte jetzt. "Ich dachte nur, daß sie ein guter Fick wäre, nichts sonst - und eine kleine Abwechslung in meinem täglichen... nächtlichen Einerlei." Er rollte mit den Augen. "Naja, ich dachte nur...", sagte sie kleinlaut mit rotem Kopf. Sie blickte verlegen auf seine nackten Füße und wunderte sich, wie feingliedrig sie aussahen. "Wieso sind deine Fußnägel nicht auch schwarz lackiert, Spike?", fragte sie abwesend. "Weil man die nicht sieht. Aber wenn du als Jägerin so einen Wert drauflegst, öfter mal meine nackten Füße zu sehen, könnte ich das für dich tun, Süße.", antwortete er grinsend. Hatte sie das wirklich gefragt? Das wurde immer eigenartiger mit ihr, und sie wunderte sich über sich selbst. Sie hatte wohl die Antwort erhalten, die sie verdiente. Schnell das Thema wechselnd, fragte sie: "Was ist denn gestern Abend so Außergewöhnliches passiert, Spike?" "Ein Dämon kam hier reingestürmt und wollte mich töten.", sagte er und blickte ihr jetzt direkt in die Augen. Sie sah ihn verdutzt an: "Ja, und? Ist das so außergewöhnlich? Die sind alle sauer auf dich - das weißt du doch." Er schüttelte den Kopf und rollte wieder mit den Augen. "Klar, aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz unter Dämonen, daß wir niemals jemanden bei sich zu Hause überfallen und töten - überall, bloß nicht hier! Das ist noch nie passiert - und es hat mich schon gestern Abend gewundert, was in diesen verfluchten Dämonen gefahren ist, daß er hierherkommt... Und dann noch, als Lydia hier reingeschneit ist und wir gerade dabei waren..." Er brach ab und grinste, als er sah, wie Buffy sich verlegen abwandte. Sie sah heute wieder verdammt sexy aus. Zu ihrem hellen, ärmellosen Top trug sie einen schwarzen Minirock, und er hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um sie an sich ziehen zu können. Aber diesen Wunsch mußte er, wie so häufig in letzter Zeit, unterdrücken... Wenn sie herausfände, daß er sich in sie verliebt hatte, wäre er vollends eine Witzfigur für sie und ihre Scoobies... Er blickte schnell auf seine Hände. Sie hatte nicht geantwortet. Schon wieder war dieser Groll in ihr hochgestiegen, den sie kaum beherrschen konnte. Sie haßte diese Lydia, warum auch immer, sie haßte sie einfach! "Wo ist sie eigentlich jetzt? Ich hatte angenommen, sie wäre bei dir geblieben...", sagte sie so ruhig und unaffällig, wie es ihr möglich war. Ein grollender Unterton war trotzdem auszumachen, jedenfalls für Spike mit seinem Spürsinn für Zwischentöne. "Nach dem Zwischenfall hatte sie es plötzlich eilig, hier wegzukommen. Sie sagte was von einem Motel hier in der Nähe - jedenfalls ist sie *leider* nicht hiergeblieben, noch nicht mal, um das zu vollenden, was wir gerade angefangen hatten...", fügte er mit einem bedauernden Lächeln hinzu. Buffy rollte genervt mit den Augen. Sie wandte sich jetzt wieder zum Ausgang. Ihre Aufgabe hatte sie erledigt, und sie hielt jetzt nichts mehr in Spikes Krypta, jedenfalls kein offizieller Grund. "Naja, dann weißt du ja Bescheid, Spike. Laß dir aber nichts anmerken, wenn du sie wiedersiehst... Ich gehe dann jetzt. Bis heute Abend. Wir treffen uns bei Giles." Er sah sie überrascht an. Hatten sie sich etwa Sorgen um ihn gemacht? Um ihn, den bösen, seelenlosen Vampir? Oh, Mann, das mußte er ihnen lassen - sie konnten sogar ihn noch überraschen. Natürlich durfte er sich das nicht anmerken lassen. "Was denn - das war's schon? Deshalb hast du mich geweckt, Jägerin? Ich dachte, wir könnten die Zeit noch ein wenig nutzen und Verteidigungspläne gegen den Weltuntergang schmieden... Oder Waffen schärfen...", rief er ihr hinterher, aber sie war schon verschwunden, und die Tür war hinter ihr zugefallen. Leise fügte er hinzu: "Oder in die Horizontale gehen..." und lächelte verträumt.
Buffy saß auf der Couch, und Giles stand hinter ihr mit einer Tasse in der Hand, Xander und Anya standen in der Küche und küßten sich, als es klopfte. "Es ist offen!", rief Giles, und schon trat Spike ein, hinter ihm die beiden Hexen, die er unterwegs getroffen hatte. "Hallo, kommt rein und setzt euch." Giles forderte sie mit einer Geste zum Setzen auf. "Hallo, Giles, hier ist das Buch über die Hexen, das Sie suchten." Willow schwenkte ein altes, in Leder gebundenes Buch. "Schön - ich wußte, ich hatte es dir geborgt, dann können wir endlich nachsehen." Der ehemalige Wächter stellte die Tasse auf den Tisch und ging auf Willow zu. Spike hatte es sich inzwischen auf der Couch neben Buffy gemütlich gemacht, die ihn stirnrunzelnd ansah, als er die Füße auf den Tisch legen wollte - die er dann abrupt zurückzog. Wie immer war er ohne Gruß hereingekommen. Tara war an der Küchendurchreiche stehengeblieben und sah scheu in Giles Richtung. "Was denken Sie, was diese Lydia wieder ,erweckt' hat?", fragte sie ruhig. Sie sah blaß und angespannt aus. Anya kam jetzt aus der Küche, im Schlepptau hatte sie ihren Freund, den sie grinsend ansah. Giles antwortete auf Taras Frage. "Nun ja, sicher bin ich mir nicht, aber ich denke, daß - wenn sie eingemauert war - jemand dieses Gemäuer oder das Haus eingerissen hat und unwissentlich die Kammer, in der die Hexe war... ähm, die Vampirin... öffnete. Bei der regen Bautätigkeit heutzutage ist es kein Wunder, daß immer mehr Dämonen zum Vorschein kommen, die man vor Jahrhunderten gebannt hat..." Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. "Aber ich schweife ab. Wie auch immer - ich glaube, daß sie etwas vorhat, sonst wäre sie nicht hierhergekommen." Buffy wandte sich zu ihm um und sagte: "Ja, das glaube ich auch. Sie hat irgendwas Verschlagenes an sich..." "Du konntest sie auf Anhieb nicht ausstehen, nicht wahr, Jägerin?", fuhr Spike dazwischen. "Wie Recht du hast, Blondie. Und wir müssen nun auf deine alten Bekannten aufpassen, damit sie keinen Ärger machen!" Giles hob beschwichtigend die Hände. "Schon gut, schon gut... ähm, ich denke, es bringt nichts, wenn wir uns da verzetteln, Kinder. Spike - Sie kannten sie doch, was würden Sie sagen? Und wußten Sie eigentlich, daß sie eine Hexe war?" Er blickte Spike gerade ins Gesicht. "Naja, wir waren beide noch Frischlinge. Unerfahren und den anderen ausgeliefert... Angelus und Darla - sie hatten das Sagen, und wir mußten immer Dinge für sie tun, die sie anordneten.... Lydia und ich haben sozusagen eine Notgemeinschaft gebildet, aber es war nicht für lange, denn sie war bald verschwunden... Und keiner von uns hat sich darum gekümmert, wenn jemand verschwand. Dann habe ich ja auch noch Dru gehabt. Und, nein, ich habe nicht gewußt, daß sie eine verdammte Hexe war, ich glaube, niemand von uns wußte das - außer vielleicht Dru - noch nicht mal Penn, denke ich, dieser Idiot." Sie schwiegen eine Weile und dachten alle über das eben Gesagte nach. Was mußte das für ein Leben gewesen sein damals - oder Unleben, im doppelten Sinne des Wortes. Buffy blickte Spike von der Seite her an und versuchte sich vorzustellen, wie er wohl damals gewesen sein mochte. Ein junger Vampir, ausgenutzt und mißbraucht von den älteren, erfahreneren Vampiren seiner "Familie". Was hatte ihn wohl mit dieser Lydia verbunden? Und wieder meldete sich dieser nagende Groll in ihr - warum nur? Jedesmal, wenn sie an diese Lydia im Zusammenhang mit Spike dachte, rastete sie innerlich fast aus und mußte sich mit aller Kraft am Riemen reißen, um es nicht nach außen dringen zu lassen. "Nun ja, das ist nicht allzu viel - was für... *Dinge* mußten Sie denn für... ähm Angelus und die anderen tun?", fragte Giles weiter. "Hey, ist das hier ein verdammtes ,Interview mit einem Vampir' - oder was? Warum lesen Sie das nicht bei Anne Rice nach?", fauchte Spike aufgebracht. Giles zuckte zusammen - er hatte wirklich nur höflich fragen wollen, und schließlich war Spike der einzige Zeitzeuge. Jedes Detail könnte ihnen weiterhelfen. "Bitte, Spike, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber um gründlich zu recherchieren, ist nun mal so ein... ähm ,Interview', wie Sie es nennen, notwendig..." Anya hatte sich neben Spike auf die Couch gesetzt, neben ihr stand Xander. Die ehemalige Dämonin sah interessiert in Spikes Gesicht; sie ahnte, was kommen würde. Spike runzelte die Stirn und zog dann die Brauen zusammen. Er seufzte und fuhr sich mit der Hand über sein blondes Haar. Mit einem kurzen Seitenblick streifte er Buffys nachdenkliches Gesicht. Sie hatte, genau wie die anderen, ruhig zugehört und keine Reaktion gezeigt, noch nicht einmal, als er von Angelus gesprochen hatte. "Zur Hölle, das Übliche eben.", sagte er nur kurz und unwillig. "Was war denn das ,Übliche', Spike?", fragte jetzt Buffy und blickte ihm forschend in die Augen. Er holte tief Luft - bei ihm natürlich völlig unnötig, aber es machte was her. Dann machte er eine wegwerfende Geste. "Na, wenn ihr das unbedingt wissen wollt. Nur als Beispiel. Ab und zu kam Angelus die glorreiche Idee, wir sollten es vor ihnen treiben - dann trieben wir es vor ihnen, und manchmal gesellten sie sich zu uns, und manchmal auch nicht. Sex, Jägerin, Sex vor auserwähltem Publikum. Ohne Eintrittskarten. Mit freien Logenplätzen. Und mit Anweisungen vom Regisseur..." Er brach ab und senkte den Kopf. Was wußten denn diese ganzen Babies vom Leben eines Vampirs? Wen interessierte schon, was vor so langer Zeit passiert war...? Es war so lange her, daß es schon nicht mehr wahr zu sein schien. Seiner Beschreibung folgte betretenes Schweigen. Alle hingen ihren Gedanken nach, und alle waren irgendwie verlegen. Keiner wollte das Gesagte kommentieren. Giles blätterte in dem Buch, das Willow ihm gegeben hatte und schien etwas gefunden zu haben, denn sein Gesicht nahm einen interessierten Ausdruck an. "Wenn es stimmt, was hier steht, dann war der Fluch, mit dem sie belegt wurde... nun... so eine Art Fluch, um sie daran zu hindern, Rache zu üben, wenn sie jemals aus ihrem Kerker befreit würde. Es war damals so üblich, und viele Menschen hatten Angst vor den Hexen, weil deren Rache, wie es hieß, ohne Gnade war, wenn sie einmal aus den Fängen der Hexenjäger entkamen... Sie kann also keine Rache üben - aber kann sie diesen Fluch außer Kraft setzen? Und wodurch?" Tara rührte sich, sie lehnte immer noch an der Küchendurchreiche. Den Kopf in Giles' Richtung drehend, sagte sie ruhig: "An Rache liegt ihr nichts, jedenfalls nicht in erster Linie. Obwohl... sich in der langen Zeit ihres sicher qualvollen Todes so einiges an Rachegelüsten angesammelt haben mag. Nein. Sie will wieder ,leben', denn sie ist jetzt weder ein Vampir, noch ein Mensch, sondern nur ein... *Geist*." Alle starrten Tara sprachlos an, die den Kopf gehoben hatte und traurig aussah. "Nun... wie kommst du denn darauf, Tara?", fragte Giles nach einer Weile. Sie schluckte. "Einer Urgroßmutter von mir ist dasselbe Schicksal zuteilgeworden. Sie wurde als Geist ,befreit', und alles, was sie wollte, war, das ihr vorenthaltene Leben nachzuholen. Ich denke, bei Lydia wird das ähnlich sein, nur mit dem Unterschied, daß sie sowohl Hexe als auch Vampir war... und bestimmt viel langsamer gestorben ist, als das bei einem Menschen geschehen wäre..." Tara brach ab und schluckte wieder, und man sah ihr an, wie sehr diese Erinnerungen sie aufwühlten. Willow stand auf und ging zu ihr hin. Sie zögerte erst verlegen, aber dann nahm sie ihre Freundin einfach in die Arme und drückte sie an sich. Spike, immer noch neben Buffy auf der Couch sitzend, sah unruhig von einem zum andern, und seine Miene zeigte nicht gerade Begeisterung. "Na und - was bedeutet das nun für uns? Ich kann gar nicht glauben, daß sie ein Geist sein soll... Sie hat sich sehr... materiell angefühlt.", und bei dem Gedanken daran mußte er sich ein Grinsen verkneifen. "Und außerdem merkt man das, zumal mit meinen Vampirinstinkten - alle Dämonen reagieren allergisch auf Geister!", und jetzt fiel ihm auch wieder dieser Überfall des Dämonen ein. "Zur Hölle, der wütende Dämon wollte gar nichts von mir, sondern von *ihr*. Und ich habe das, verdammt nochmal, nicht geschnallt...", entfuhr es ihm. Er machte ein ratloses Gesicht, konnte sich diese Sache nicht erklären. Anya wandte sich jetzt ihm zu: "Sie wird irgendeinen Zauber angewandt haben, um dich zu bezirzen, Spike, um dich für sich gefügig zu machen... Wolltest du nicht auf der Stelle mit ihr Sex haben?", fragte sie mit einem anzüglichen Grinsen. Xander rollte bei Anyas Kommentar mit den Augen, sagte aber nichts dazu. "Ja, aber dazu braucht mich niemand zu bezirzen...", antwortete Spike, jetzt auch grinsend, und beide, der Vampir und die Ex-Rachedämonin, sahen sich verschwörerisch in die Augen. "Wahrscheinlich wollte dieses Luder nur nicht, daß ich sie gleich als Geist erkenne." Dann fiel ihm noch etwas ein: "Muß irgend jemand sie jetzt erlösen wie beim ,Gespenst von Canterville' - von mir kann das niemand verlangen, habe kein ,reines Herz', verflucht... Und das ist sowieso nur ein Hirngespinst dieser Schwuchtel Oscar Wilde gewesen!" Giles sah ihn erstaunt an: "Ich wußte gar nicht, daß Sie... ähm... Weltliteratur lesen, Spike." "Meinen Sie, das ganze Leben besteht nur aus Nahrungsaufnahme, wenn man ein ,Blutsauger' ist, Giles? Sie denken doch auch nicht nur ans Essen - und diese Schwuchtel Wilde habe ich gekannt, war ein richtiger Schwerenöter, echt pervers, der Typ..." Er brach ab. Buffy sah ihn warnend an und deutete auf die beiden Hexen, die immer noch in ihrer Umarmung dastanden. Jetzt löste sich Tara von ihrer Freundin und wandte sich an die sie erwartungsvoll anschauenden Freunde. "Nein, Spike, niemand muß sie ,erlösen'. Sie kann nicht ,erlöst' werden, denn sie ist gleichzeitig ein Dämon - als Vampir - *und* eine Hexe *und* ein Geist. Sie kann nur ihre... Umwandlung erreichen, zurück in einen Vampir... Und dies ist, wenn ich mich recht erinnere - aber wir sollten lieber nochmal nachschauen, Mr. Giles - nur durch ein Bindeglied zu ihrer eigenen Zeit möglich..." Alle sahen jetzt Spike an, der eine noch saurere Miene als vorher aufgesetzt hatte. Dann sprach Buffy: "Naja, dann ist ja alles klar - Lydia ist nicht mehr unser Problem, sondern ganz allein *Willys*...", und sie grinste ihn von der Seite her provokant an, neugierig darauf, wie er wohl reagieren würde. Zur allgemeinen Verwunderung platzte er nicht vor Wut, sondern beugte sich nach vorn, nahm resigniert seinen Kopf zwischen seine Hände und seufzte. "Verdammt, als ob man nicht schon genug um die Ohren hätte. Jetzt kommt auch noch die Vergangenheit und überbietet mit einem Fingerschnipsen alle Unbilden der Gegenwart... Warum ist sie nicht zu Angel oder Dru gegangen?" Er schüttelte den Kopf und sah wieder auf. Dann fiel ihm offensichtlich noch etwas ein: "Und was hat es mit diesem Scheiß-Bindeglied aus der Vergangenheit auf sich?", fragte er. Tara schüttelte den Kopf. "Das weiß ich auch nicht so genau. Bei meiner Familie damals hätte jemand, der zu der Zeit meiner Urgroßmutter schon am Leben war, sein Leben für sie geben müssen - freiwillig. Zum Glück konnten wir das verhindern, und meine Urgroßmutter ist erlöst worden und kein Geist mehr..." "Wieso sollte ich freiwillig mein Unleben aufgeben? Und außerdem bin ich ja schon tot!", sagte er fast erleichtert. "Ja, schon, aber untot ist nicht richtig tot!", schob Anya ein. Spike verdrehte genervt die Augen. "Weil sie dir alles verspricht, was du dir wünschst, dir alle deine geheimsten Sehnsüchte erfüllen wird - bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihre Umwandlung erfährt - und dann mußt du dein Leben... äh... Unleben dafür geben.", beantwortete Tara seine Frage. "Oh, Mann, was kann sie mir schon geben? Ist doch klar - ich werde es nicht tun, und sie wird nicht leben, sondern bleibt ein Geist..." "... der dir ewig nachsteigt und dich so lange nicht in Ruhe läßt, bis du einwilligst.", erwiderte Tara. Sie wirkte jetzt sicherer, und sie blickte Spike gerade in die Augen. "Na - und? Was habt ihr damals getan, um das zu verhindern?" "Wir haben eine Geisterbeschwörung durchgeführt und sie gebannt." Er nickte. Dann seufzte er tief. Für ihn würde wohl niemand das Risiko einer Geisterbeschwörung auf sich nehmen... Dann blickte er Tara forschend an. "Was ist deine Geister-Urgroßmutter denn jetzt - nach dieser Beschwörung?", fragte er zögernd. Tara lächelte. "Sie ist tot." Wieder Schweigen. Je mehr sie wußten, desto verwirrender wurde das Ganze. War Lydia nun eine Bedrohung oder einfach nur ein bedauernswerter Geist? Und wie sollten sie sich verhalten? Was war ihnen Spikes Tod - oder Unleben - wert? Sollten sie ihm helfen oder einfach nur abwarten, was passieren würde? Buffy focht einen inneren Kampf aus, und sie hatte das Gefühl, daß diese Entscheidung ihr ganzes Leben beeinflussen könnte. Sie drehte vorsichtig den Kopf und sah Spikes Profil. Seine Augen waren halb geschlossen, und sein Gesicht hatte einen verzweifelten Ausdruck angenommen. Was mochte er wohl denken? Fast hätte sie die Hand nach ihm ausgestreckt, konnte sich jedoch im letzten Moment noch beherrschen. Sie konnte seine Einsamkeit spüren. Er war ein Dämon, er würde es immer sein. Und das war es, was ihn von ihnen allen unterschied - und trennte. Und sie bereute ihre vorherige Bemerkung sowieso schon wieder. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf - und traf ihre Entscheidung. Auch wenn er ein Vampir ohne Seele war, ein böser Dämon, nur gezügelt durch einen Chip in seinem Kopf, so war er doch inzwischen Teil ihres Lebens geworden - und kein geringer Teil... Und außerdem wäre ja diese Lydia, wenn sie ihr Vampir-Unleben zurückbekäme auch eine weitere Gefahr, ein weiterer Dämon - und zusätzlich vielleicht noch scharf auf Rache für ihre Verfolgung und diesen qualvollen Tod... Sie holte tief Luft. Buffy setzte sich aufrecht hin und sagte mit fester Stimme: "Also gut, Giles, wir müssen was unternehmen, um diese Lydia in die Hölle zu schicken, und zwar endgültig. Was schlagen Sie vor?" Spike sah sie jetzt überrascht an. Manchmal tat sie genau das, was er nicht von ihr erwartet hatte, obwohl er meist schon im Voraus ahnen konnte, wie sie worauf reagieren würde... Und nun hatte sie entschieden, daß es doch nicht nur *seine* Angelegenheit war. Und sie wollte ihm helfen, zusammen mit all ihren Freunden und dem Wächter. Was war in sie gefahren? Auch Giles war etwas aus der Fassung geraten. Er antwortete nicht sofort, sondern sah erstaunt zu seiner Jägerin hin. Hatte sie das eben wirklich gesagt? Wollte sie wirklich eine riskante Geisterbeschwörung unternehmen, um einen seelenlosen Vampir zu retten? Und dann ausgerechnet Spike, den sie doch nicht ausstehen konnte... Obwohl er in letzter Zeit fast unmerkliche Zeichen für einen Sinneswandel bei ihr ausgemacht hatte, erstaunte ihn doch, wie offen sie sich jetzt zu dem blonden Vampir bekannte - als einem von ihnen. Giles atmete tief durch, dann sagte er: "Tatsächlich wird uns keine andere Möglichkeit bleiben, als eine Geisterbeschwörung durchzuführen, Kinder. Und wir haben wohl alle nicht genug Erfahrung darin... ähm, vielleicht... wenn so eine Beschwörung falsch ausgeführt wird... könnte man noch viel schlimmeres Unheil heraufbeschwören als einen Geist... oder Vampir... oder eine Hexe, die Rache will." Er blickte in die Runde und sah in entschlossene Gesichter. "Wir müssen uns der Gefahr bewußt sein.", fügte er hinzu. Willow blickte ihn gleichzeitig bittend und herausfordernd an. "Wenn wir nicht genug Erfahrungen darin haben, dann sollten wir das schleunigst nachholen und welche sammeln. Und wir haben ja noch Tara.", sagte sie mit einem Blick auf ihre Freundein und lächelte. "Wir müssen uns gut vorbereiten, wie immer - womit wollen wir anfangen, Leute?", fragte sie mit fester Stimme.
*****
Sie hatten angefangen zu recherchieren, voller Eifer und mit Hilfe des umfangreichen Bücherschrankes in Giles Wohnung. Giles stand an der Durchreiche, ein Buch in der Hand und blickte plötzlich auf. Ihm war etwas eingefallen, und er wandte sich an Buffy, die noch immer auf der Couch neben Spike saß, ein Blatt Papier auf dem Schoß, und schrieb. "Buffy, ich denke, es wäre besser, wenn du mit Spike auf Patrouille gehst, bevor Lydia Wind davon bekommt, daß wir sie... nun ja... vernichten wollen. Sie kann zwar nur in der Stunde nach Mitternacht erscheinen, aber gerade da ist sie dann besonders aktiv... Geht lieber, es ist jetzt kurz vor Zwölf.", sagte er eindringlich, und dann fügte er hinzu: "Heute werden wir die Mitternachtsstunde sowieso noch nicht für die Beschwörung nutzen können." "Nicht?", fragte Spike enttäuscht. "Aber sie könnte gerade heute beschließen, mich für ihre verfluchten Vorhaben zu benutzen - und was dann?" Xander, der vor Anya auf der Erde saß, verdrehte die Augen. "Unser Reißzahnjunge hier hat die Hosen voll, Leute. Er hat jetzt Angst, im Dunkeln rauszugehen. Ein Vampir, der nachts Angst hat!", sagte er breit grinsend und zog eine Grimasse. Spike schaute ihn böse von der Seite an, erwiderte aber nichts, sondern knurrte nur. Dieser Harris wurde einfach immer ätzender. Jetzt mischte sich Buffy ein. "Spike, wahrscheinlich hat Giles Recht. Wir schaffen das heute sowieso nicht mehr - und umso besser sind wir morgen vorbereitet, wenn wir noch einen ganzen Tag zum Recherchieren haben. Ich bin dafür - wenn auch ungern an einem Freitagabend (aber der ist ja sowieso schon versaut!) - daß wir losziehen, wenigstens für diese Mitternachtsstunde..." Sie sah Spike an, und zögernd nickte der Vampir ihr zu und stand auf. "Seid vorsichtig, und laßt sie nicht aus den Augen, falls sie auftaucht. Nach Eins kann sie nichts mehr tun... ähm und gebt auf euch acht.", sagte Giles zum Abschied. Buffy verdrehte die Augen. "Aber natürlich, Giles. Das wissen wir doch inzwischen alles. Sie kann uns nichts anhaben! Auch *vor* Eins.", und sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er war wie eine Glucke - und würde es immer bleiben. Buffy drehte sich vor der Tür noch einmal um und winkte allen zu, dann verschwand sie im Dunkeln. Auch Spike hatte sich zur Tür gewandt, als Xander ihn zurückhielt. "Du schuldest uns dann ja was, Stumpfzahn..." Spike drehte sich langsam wieder um. "Klar, wie wär's mit: ,Wenn ich den Chip los bin, lasse ich dich am Leben, Weißbrot.'" Er grinste ihn herausfordernd an. "Ach ja - wie großzügig von dir, Mr. Impotent. Dir juckt wohl das Fell! Muß mal wieder gegerbt werden.", antwortete Xander mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht. "Versuch's doch mal, Harris. Ist nie zu spät, noch was dazuzulernen." Xander schüttelte den Kopf, und sein Grinsen wurde noch breiter - wenn das überhaupt möglich war. "Spike, so gerne ich dich als Aschehaufen sehen würde, so sehr würde ich die netten Unterhaltungen mit dir vermissen - und deine dummen Witze!" Die beiden grinsten sich an, und Spike verließ die Wohnung ohne ein weiteres Wort. Giles, der die Szene beobachtet hatte, richtete sein Augen gen Himmel und seufzte tief auf.
*****
Es war eine ruhige, sternenklare Nacht, und kein Windhauch war zu spüren. Sie waren schon eine Weile unterwegs, aber weder von Lydia, noch von anderen Vertretern der Dämonenwelt war etwas zu bemerken gewesen. Beide waren nicht zum Reden aufgelegt und gingen schweigend nebeneinander her. Buffy dachte über das nach, was vorhin in Giles' Wohnung gesagt worden war. Irgendwie war es, als hätte sich ihr eine Tür zu einer anderen Sichtweise geöffnet, was Spike betraf. Es waren nur ein paar Details aus seiner Vergangenheit gewesen, aber sie hatten alles verändert. Sie hatte ihn sich nie als Opfer vorgestellt - und er hätte laut protestiert, wenn er ihre Gedanken hätte lesen können. Er war für sie immer nur der blutrünstige, jetzt durch diesen Chip gebremste Mörder gewesen, der seelenlose, böse Vampir ohne Gefühle. Sie hatte sich nie richtig vorgestellt, wie das war, in einen Vampir verwandelt zu werden. In einen Frischling, der hörig seinem Erzeuger und dessen Gefährten zu Diensten sein mußte... ,Zum Glück haben Vampire keine Gefühle.', dachte sie, sonst wäre es noch schrecklicher. Aber inzwischen war sie sich auch in dieser Hinsicht nicht mehr sicher. Spike war beschämt gewesen bei seiner Erzählung, und das nicht nur aus Stolz, das hatte sie gespürt. Und sie konnte sein verzweifeltes Gesicht nicht vergessen - konnte *so* ein seelenloses Wesen aussehen? Ihr war auch nicht entgangen, wie erleichtert er gewesen war, nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hatte. Jetzt konnte sie nicht mehr nachvollziehen, warum es da überhaupt einer Überlegung bedurft hatte. Er mußte sehr einsam sein. Und irgendwie fühlte sie sich jetzt ihm gegenüber befangen. Diese Patrouille hier war die erste, die anders war. Sie hatte neben sich einen Freund. Und diese Veränderung machte es ihr nicht gerade leichter - mit Gewalt und Sarkasmus konnte sie umgehen, aber wie sollte sie ihn jetzt "behandeln"? Sie seufzte unmerklich, als sie beide vor Spikes Krypta stehenblieben. Es war erst halb Eins. Die Patrouille war ohne Zwischenfälle verlaufen, und sie mußten noch eine halbe Stunde Zeit überbrücken, bevor sie sicher sein konnten, daß Lydia für heute nacht unschädlich war.
Spike stand mit dem Rücken zum Eingang der Krypta. Nach außen hin machte er einen gelassenen Eindruck, seine übliche Coolness stand ihm ins Gesicht geschrieben. Innerlich jedoch war er immer noch aufgewühlt, und seine Gefühle spielten fast verrückt bei dem Gedanken daran, daß Buffy entschieden hatte, sein *Problem* als ihres anzusehen. Und dann die Schmach seiner Vergangenheit - niemals hatte er vorgehabt, davon je etwas preiszugeben, und schon gar nicht vor diesen ganzen Scoobies... Er konnte nicht nachvollziehen, warum er ausgerechnet diese Details vor ihnen ausgebreitet hatte. Aber wahrscheinlich hing es mit Lydia zusammen - ihr plötzliches Auftauchen hatte so einige seiner Erinnerungen, die er längst in der Versenkung geglaubt hatte, hervorgespült. Seine Zeit als junger Untoter, längst vergessen - und nun wieder so frisch, als wäre es erst gestern gewesen. Und nun wußten sie es. Wie könnte er jemals wieder den "Großen Bösen" hervorkehren, ohne daß sie ihn dafür belächeln würden... Aber sie wußten ja, wer er war - was er war: ein Meistervampir, mächtig und nur vorübergehend von dem verdammten Chip gehandicapt. Mit dem jungen, unerfahrenen William von damals hatte er nichts mehr gemein. Nicht das Geringste! Zur Hölle, er war jetzt richtig wütend auf seine alte "Freundin". Sie kam hierher und riß die Mauern ein, die er um sich aufgebaut hatte. Dafür würde sie bezahlen...
Ein selbstzufriedenes Lächeln umspielte seinen Mund, als Buffy zu ihm aufsah. Wieder einmal stellte sie fest, wie sein Gesicht sich durch das Lächeln veränderte, auch wenn es dieses Mal eines seiner üblichen, fast arroganten Lächeln aus seinem schier unerschöpflichen Repertoire war. Und dann seine Augen. ,Deine Augen sind die blauesten, die ich jemals sah.', dachte sie abwesend. Sie mußte es wohl laut ausgesprochen haben, denn sein Lächeln wuchs, und er antwortete: "Aber deshalb bin ich noch lange nicht blauäugig, Jägerin!" Sie wurde verlegen, mußte aber auch lächeln über seine prompte Antwort. Was dachte er wohl von ihr, wenn sie ihm Komplimente machte? Sein Lächeln hatte jetzt auch seine Augen erreicht, und sie strahlten sie an. Unwillkürlich und völlig unbewußt hob sie die Hand und streichelte sanft über seine Wange. Die Haut war kühl und glatt, und ihre Hand glitt leicht darüber hinweg. Plötzlich fühlte sie, wie sie sanft hochgehoben wurde, als er sie an sich zog, und sie erwartete seinen Kuß, als sein Gesicht immer näher kam.
Ihre Lippen trafen sich in einem langen Kuß, der sie fast erstickte. Ein leidenschaftlicher, sie alles vergessen lassender Kuß, der nur noch sie beide kannte. Ein Kuß von einer Intensität, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellte. Eine Sensation - und gleichzeitig so selbstverständlich, als wäre es schon immer ihre Bestimmung gewesen, sich zu küssen, Leidenschaft und Lust aufeinander zu empfinden. Ein Wunder von einem Kuß, der niemals enden sollte, andauern sollte bis in alle Ewigkeit. Und beide - der Vampir und die Jägerin - wußten, daß der andere genau dasselbe empfand, genau dieselben Gefühle hatte, daß dies hier einmalig war - und schon immer so bestimmt. Buffy spürte, wie eine kühle Hand unter ihr Top schlüpfte und überraschend zärtlich forschend ihren Rücken hinaufglitt. Sie löste ein aufregendes Kribbeln in ihrem Bauch aus, das sie erschaudern ließ, und sie stöhnte leise auf. Automatisch schob ihre Hand seinen Mantel beiseite, zerrte dann an Spikes T-Shirt, bis sie es aus seinen Jeans gezogen hatte, und ihre warmen Finger fuhren an seinem flachen Bauch entlang, seinen festen, kühlen Körper liebkosend, bis hinauf über seinen Brustkorb. Sie fühlte, wie auch er erschauerte, sein leises Knurren zeigte ihr, wie erregt er war, und sie genoß dieses Gefühl der gegenseitigen, sanften Erforschung ihrer Körper, die vollkommene Übereinstimmung ihrer Gefühle. Ihre Lippen lösten sich nicht voneinander, und langsam wurde ihr die Luft knapp. "Spike, ich kriege keine Luft mehr.", sagte sie in seinen Mund hinein, gleichzeitig lachend und nach Luft schnappend. Er löste langsam seine Lippen von den ihren, und auch er mußte lachen über ihre hohle Stimme in seinem Mund. "Du hast doch noch deine kleine Stupsnase, Jägerin, nimm die zum Atmen", flüsterte er ihr ins Ohr, als er mit seinem Mund über ihren Hals bis an ihr Ohrläppchen kleine Küsse verteilte. Wenn er einen Herzschlag besessen hätte, hätte dieser wohl für einen Moment ausgesetzt - vor Wonne, die die Sensation ihres Duftes auslöste, von der Lust, sie in seinen Armen zu halten - und auch ihre Lust zu spüren. Sie standen jetzt eng umschlungen, und wieder fanden sich ihre Lippen. Sie hatte ihren Arm gehoben, und ihre Finger glitten nun durch Spikes blondes Haar. Mit einer zärtlichen Geste strich sie es nach hinten - wie er es immer tat. Der Vampir drückte ihren Körper fest an den seinen, und sie spürte die harte Ausdehnung seiner Jeans an ihrem Bauch und erschauderte erneut. Sie wollte ihn, und nichts an diesem Wunsch kam ihr ungewöhnlich oder fremd vor. Es war einfach nur da, dieses Gefühl der Verbundenheit - als hätte es nie etwas anderes gegeben. Gierig sog sie seinen männlichen Geruch ein, genoß seine Erregung.
Ihre Augen waren geschlossen, und keiner der beiden nahm seine Umgebung wahr - bis auf die Gegenwart des jeweils anderen. Darum spürten sie auch nicht den eisigen Windhauch, der sich jetzt erhob. Die Blätter in den Bäumen rauschten und raschelten laut in der Stille des nächtlichen Friedhofes. Dann erhob sich Lydias sarkastische Stimme. ",Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.', wie uns Goethe so schön hinterlassen hat... Na, das ist ja kaum noch zu überbieten! William und die Jägerin, das Paar des Jahrhunderts, was für ein Anblick! Ein Vampir und eine Jägerin." Die beiden hatten sich beim ersten Wort voneinander gelöst und standen nun nebeneinander wie ertappte Kinder. Buffy atmete schwer. Lydia stand lässig gegen den Sockel einer großen Engelsstatue gelehnt, die Arme vor ihrer Brust verschränkt und schüttelte mißbilligend den Kopf. Ihre hellen Augen leuchteten fast unheimlich in der Dunkelheit, und der eisige Wind hob eine Handvoll Laub und ließ es vor ihr umherwirbeln. Die Jägerin zitterte jetzt vor Kälte, zog sich ihr hochgeschobenes Top zurecht und legte schützend die Arme um ihren Oberkörper, wobei sie verstohlen auf ihre Uhr sah. Nur noch wenige Minuten bis Eins - sie atmete erleichtert auf. Spike steckte sich eine Zigarette an und blies langsam den Rauch aus, bevor er Lydia eine Antwort gab: ",Denn an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.', hat Shakespeare seinen Hamlet sagen lassen, Lydia - was meinst du dazu?", und er lächelte sie an. In einem jetzt feindseligen Ton erwiderte sie ihm: "Ich bin beeindruckt, William. Deine Verbindungen mit der Jägerin übersteigen langsam das Maß des Normalen - wenn man dabei überhaupt von *normal* sprechen kann... Was soll's, es geht mich ja nichts an. Ich wollte dich bloß besuchen, hatte Lust, wieder mal mit dir Erinnerungen auszutauschen. Leider habe ich jetzt meine knappe Zeit hier verwartet... Obwohl der Anblick von Knutschenden immer was hat... Ich komme dann morgen wieder, wenn dir das recht ist, *Liebling*, so um Mitternacht, wenn du nichts anderes vorhast." Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und verließ den Ort des Geschehens - und mit ihr der eisige Hauch, der sie umwehte. Buffy drehte sich zu dem blonden Vampir, und die beiden blickten sich lächelnd in die Augen. Ihre *Verbindung* mochte nicht normal sein, aber sie wußten beide, daß sie nicht mehr rückgängig zu machen war - und wollten es auch gar nicht.
Obwohl die schemenhaften Umrisse Lydias längst im Dunkel verschwunden waren, sahen die beiden ihr immer noch hinterher. Auch wenn sie nicht zu ihrem eigentlichen Ziel gekommen war, so hatte sie doch etwas erreicht: Sie hatte den Zauber ihrer Umarmung beendet, und beide standen jetzt fast schüchtern nebeneinander. Spike warf seine Zigarette weg und drehte sich ihr zu. "Was ist - machen wir weiter?", fragte er mit einem undefinierbaren Ausdruck im Gesicht. Sie sah ihn erstaunt an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Womit?", fragte sie, obwohl sie genau wußte, was er gemeint hatte. In Buffy ging alles drunter und drüber, ihre Gefühle fochten einen Kampf miteinander aus, und sie konnte nicht sagen, was siegen würde - sie wußte überhaupt nichts mehr. Da war diese seine Anziehungskraft auf sie, seine Attraktivität, die unwiderstehlich auf sie wirkte. Wahrscheinlich schon immer auf sie gewirkt hatte. Und diese innere Verbundenheit, die sie eben gespürt hatte, die sie immer noch fühlte, die einfach da war, so selbsverständlich, ohne einen Hauch Mißtrauen - dieses üblichen Mißtrauens, das sie ihm immer entgegengebracht hatte. Und dann dieses Gefühl für ihn, diese Gier nach ihm, dieses unwiderstehliche Verlangen nach seinem Körper, nach seiner Umarmung, nur nach seiner Gegenwart... Und dann waren da noch ihre Jägerinnen-Instinkte, die tief in ihrem Inneren mit tausend Gegenargumenten Widerstand leisteten, sie förmlich anbrüllten, an ihr zu nagen begonnen hatten, sobald sie sich aus Spikes Armen gelöst hatte. Die die Alarmglocken schrillen ließen, daß sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Da stand er. Genau vor ihr. Zum Greifen nahe. Und sie konnte nicht einfach "weitermachen", konnte nicht zur Tagesordnung machen, was vor ein paar Momenten noch ein absurder Gedanke für sie gewesen war. Sie mußte zur Ruhe, mußte mit sich ins Reine kommen... Ja, sie mußten erst einmal dieses Lydia-Problem lösen. Das stand fest. Er hatte nicht geantwortet, stand nur da, und sein Gesicht zeigte die Nachwirkungen ihrer Umarmung - die pure Freude - und auch Enttäuschung über ihre Unschlüssigkeit. Aber er wollte sie nicht bedrängen. Er wußte jetzt, daß auch sie etwas empfand - und daß diese Leidenschaft gerade eben echt und wahrhaftig gewesen war, stand felsenfest. Der blonde Vampir seufzte, dann traf er die Entscheidung für sie. "Na, dann, Jägerin. Wir sehen uns morgen bei Giles.", sagte er, drehte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort in seiner Krypta. Buffy stand immer noch, ohne sich zu rühren, vor seiner Krypta - und wunderte sich. Aber irgendwie war sie auch erleichtert und... dankbar, daß er sie in Ruhe gelassen hatte. Morgen war auch noch ein Tag.
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Sie hatten sich alle schon am frühen Abend bei Giles eingefunden, um noch einmal ihre Recherchen durchzugehen. Es würde nicht einfach werden, und allesamt hatten sie ein flaues Gefühl im Magen - aber auch eine gewisse optimistische Abgeklärtheit. Hatten sie nicht schon so vieles gemeinsam durchgestanden? Und waren sie nicht immer erfolgreich gewesen? Willow hatte ihr Laptop auf den Wohnzimmertisch gestellt, und gemeinsam mit Tara und Giles besprach sie die anzuwendenden Beschwörungsformeln. Sie sah zu Buffy hinüber, die mit Xander und Anya vor dem Bücherschrank stand und noch einige technische Probleme mit ihnen durchging. Irgendwie war ihre beste Freundin heute anders gewesen, den ganzen Tag über so abwesend und still - und irgendwie verträumt, unruhig und... glücklich(?) zugleich, und sie wollte das nicht alles auf die bevorstehende Geisterbeschwörung schieben - da war noch etwas anderes... Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Da sie Buffy nicht bedrängen wollte, hatte sie nicht gefragt, aber ihr Gespür sagte ihr, daß sich etwas verändert hatte, irgend etwas anders war als sonst. Willow sah jetzt, daß auch Giles zu Buffy hinübersah - er mußte wohl auch etwas bemerkt haben, denn auf seinem Gesicht zeigte sich ein Anflug von Nachdenklichkeit.
Giles hatte es sofort bemerkt, als sie eintrat. Buffy strahlte irgendwie, sie sah anders aus, aber nichts an ihrem Äußeren rief dieses Anderssein hervor, sondern etwas in ihrer Haltung, etwas, das in ihrem Blick lag und aus ihrem Inneren kam. Was es auch war, er wollte sie jetzt nicht fragen - und dann kamen ihm auch Zweifel, ob ihn das etwas anginge, ob er nicht zu sehr mit ihr verbunden war - und er bekam wieder sein altbekanntes schlechtes Gewissen, weil er ihr vielleicht zu wenig Privatleben ließ... Jedenfalls sprach ihr Gesicht Bände - sie war verliebt. Er war immer noch dabei, darüber nachzudenken, als Spike eintrat. Der blonde Vampir war leise eingetreten, und als Buffy ihren Kopf hob und ihre Blicke sich trafen, war das Knistern zwischen ihnen fast hörbar, beider Augen strahlten auf, und beide wandten schnell den verräterischen Blick ab - was ihnen sichtbar schwerfiel. Und mit einem Blick sahen Willow und der ehemalige Wächter bestätigt, was sie geahnt hatten. Was sie schon lange wußten, sich aber nie getraut hatten, an sich heranzulassen, geschweige denn, dem Kind einen Namen zu geben. Willow sah in die Augen des Ex-Wächters und wußte nur zu gut, was wohl jetzt in ihm vorging. Schon wieder ein Vampir, ein Dämon, ein böses Ungeheuer... Aber er überraschte sie mit seiner Fassung, und sie bewunderte seine Haltung. Als hätte er nichts bemerkt, sagte er ruhig: "Hallo, Spike, da sind Sie ja. Setzen Sie sich zu uns. Schließlich sind Sie heute Abend die Hauptperson." Er wies mit der Hand auf den Sessel gegenüber und lächelte ihm zu. "Hauptperson, Giles? Wieso? Das ist doch unsere ,Freundin', der Geist. Gibt es eigentlich ein Wort für einen weiblichen Geist - Geisterin, Geisteress oder so?", fügte er an und grinste, als er sich hinsetzte. "Nun, nein, ist mir nicht bekannt... Und, ja, Sie sind die Verbindung zu ,unserer Freundin', und ohne Sie könnten wir diese Geisterbeschwörung nicht durchführen. Deswegen sind Sie die Hauptperson... ähm, wenn man das so bezeichnen kann." Er blickte forschend zu dem Vampir hinüber, und auch an ihm stellte er eine Veränderung fest. Hatte er in der letzten Zeit immer besorgt und irgendwie leidend ausgesehen, so war dies jetzt verschwunden und hatte einem zufriedenen, fast glücklichen Ausdruck Platz gemacht. Auch wenn Spike im Moment einen grimmigen Gesichtsausdruck aufsetzte, so schien doch diese glückliche Grundhaltung durch und ließ sich auch nicht von einem bösen Grinsen wegwischen. "Und was hat das zu bedeuten, Giles? Was muß ich tun, um dieses Aas aus der Welt zu schaffen?", fragte er. Giles konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sah, wie der Vampir den Blick zu Buffy hin vermied. ,Wir haben längst Lunte gerochen, Spike.', dachte er amüsiert und wunderte sich im selben Moment, daß ihm das alles nichts auszumachen schien, daß es ihn überhaupt nicht aufregte, daß Buffy sich ausgerechnet in diesen Vampir dort verliebt hatte. Und plötzlich wußte er auch, warum. Dieser Vampir dort liebte sie. Ehrlich und aufrichtig. Und er sah auch bei ihm dieses innere Leuchten und wußte, daß er seiner Buffy niemals wehtun würde. Und er hatte die allmähliche Veränderung Spikes längst wahrgenommen, seit er ein Teil ihres Teams geworden war. Er wußte, daß er zwar noch immer gefährlich war, aber daß nicht allein dieser Chip ihn verändert haben konnte. Wahrscheinlich mußte er sich von so einigen liebgewonnenen Theorien über seelenlose Vampire verabschieden... "Tatsächlich haben wir nur einen vagen Plan. Wir wissen auch noch nicht, an welchem Ort Lydia um Mitternacht sein wird..." "Bei mir.", unterbrach ihn Spike. "Sie hat gesagt, sie würde heute um Mitternacht zu mir kommen. Dieses verdammte Miststück. Heute will sie mich bestimmt für ihre Umwandlung benutzen...", und er sah jetzt doch zu Buffy hinüber, die seinen Blick fest erwiderte und dann schnell wieder wegsah. Aber Anya und Xander war nicht entgangen, wie die beiden sich angeblickt hatten. Die beiden sahen sich jetzt an, und während Anya ein süffisantes Lächeln aufsetzte, das sich in ein breites, wissendes Grinsen weitete, zog Xander seine Brauen zusammen und drehte den Kopf zu Buffy. Er sah sie fragend an, sagte aber nichts. ,Oh, Mann, zu allem Übel nun auch noch das - Buffy und der arrogante englische Sack.', dachte er wütend. Wie hatte *der* sie bloß rumgekriegt? Er schüttelte den Kopf und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen, denn schließlich hatten sie heute noch was vor. Aber er konnte den Blick nicht von Buffy abwenden - denn jetzt war auch ihm die Veränderung an ihr aufgefallen. Dann sah er zu Anya hin, und es wurde ihm plötzlich klar, daß es für die Ex- Dämonin keine Überraschung mehr war. Warum hatte sie ihm nichts davon gesagt? Anscheinend wußten mal wieder alle Bescheid, und nur er kam aus dem Tal der Ahnungslosen...
Jetzt mischte sich Tara in das Gespräch. Sie sah blaß aus und angestrengt, aber sie sprach mit fester Stimme: "Spike, gut zu wissen, wo sie sich aufhält - wir können diese Beschwörung am besten dort durchführen, wo sie sich aufhält - dann müssen wir sie nicht erst rufen und verlieren Zeit und Kräfte. Und wenn das ein Friedhof ist, umso besser - dort sind die Strahlungen zur Anderen Welt am stärksten.", und sie lächelte glücklich zu Willow hinüber, jetzt vollkommen davon überzeugt, daß sie es schaffen würden. Giles nickte jetzt auch zustimmend. Er hatte sich von seinen Gedanken ablenken lassen, aber nun war er voll konzentriert dabei - und hoffte, daß Taras Zuversicht nicht unbegründet war. Sie hatten alles zusammen - die schwarzen Kerzen, die Räucherstäbchen, die magische Karte, und nun konnten sie alles auf sich zukommen lassen. Die Vorbereitungsphase war vorbei, nun mußten sie beweisen, daß sie die Theorie in die Praxis umsetzen konnten - und sie hatten nur diesen einen "Versuch". Er wandte sich an Spike, der nun schweigend dasaß, gefaßt und ruhig aussah. "Wir werden alle unser Bestes tun, Spike. Aber es liegt auch viel bei Ihnen - Sie müssen fest bleiben und immer das Ziel vor Augen haben - sie zu bannen. Sie bekommen... nun ja, unsere volle Unterstützung... Aber sie wird das wissen und alles, wirklich... ähm *alles* nur Erdenkliche versuchen, um ihr Ziel zu erreichen. Und denken Sie daran: Wenn Sie nur ein einziges Mal auf ihre Angebote eingehen... dann ist alles verloren. Verlassen Sie niemals den Kreis.", sprach er beschwörend auf ihn ein. "Ja, Sir!", erwiderte der blonde Vampir ironisch. Dann wurde er ernst. "Natürlich weiß ich, was auf dem Spiel steht - und ich weiß, verdammt nochmal, zu schätzen, was Sie für mich tun. Aber ich bin kein Idiot, kein kleines Kind, verflucht. Falls Sie es vergessen haben: Ich sehe zwar knackig aus, bin aber ein alter Knacker, und fast älter als alle hier Anwesenden zusammen... naja, mit einer Ausnahme...", und er blickte kurz grinsend zu Anya hinüber. "... mit entsprechender Lebenserfahrung... oder Unlebenserfahrung. Aber Danke für die Warnung, Wächter." Giles seufzte, erwiderte aber nichts weiter auf Spikes Rede. Er war sich sicher, wenn auch nicht hundertprozentig, daß sie Erfolg haben würden, und er wollte keine Unruhe hineinbringen. Es konnte losgehen.
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Die Nacht war ruhig, kaum Wolken am sternenübersäten Himmel und fast windstill. Sie waren zeitig aufgebrochen - jetzt war es kurz vor Zwölf - und sie hatten sich vor Spikes Krypta im Kreis aufgestellt. Um sie herum standen schwarze, kaum flackernde Kerzen. In ihren Händen hatten sie Räucherstäbchen, die im Dunkeln glühten und ihren würzigen Geruch verströmten. Alle waren bereit - Giles und Buffy, Xander und Anya, Willow und Tara faßten sich nun bei den Händen, und in ihrer Mitte stand Spike, dem man ansah, wie unangenehm ihm das Ganze war, vor ihm auf dem Boden ausgebreitet lag die magische Karte. Er stand mit dem Gesicht genau zu Buffy hin, und beide blickten sich tief in die Augen und versicherten sich ohne Worte ihrer Zuversicht. In seinen Augen stand Verlangen, und sie verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, auf ihn zuzugehen und ihn zu umarmen - in seinen Armen zu versinken, ihn zu spüren und nicht mehr loszulassen. Sie wünschte jetzt, sie hätte ihm noch irgend etwas gesagt... Nein, nicht irgend etwas, sondern daß sie ihn liebte, sich nach ihm sehnte... Aber nun war es zu spät - und da war auch immer noch diese Scheu, vor ihren Freunden und Giles... zu ihm zu stehen, diese falsche Scham, die sie gefangenhielt und nicht erlaubte, das zu tun... zu dem zu stehen, was sie wollte... Sie schwor sich, wenn dies hier vorbei wäre, würde es sich ändern. Sollten sie doch alle denken, sie wäre verrückt geworden, übergeschnappt oder sonstwas! Die Reaktionen, damals als Willows Zauber sie schon einmal zu ihm hingezogen hatte, waren ihr wie eingraviert im Gedächtnis haftengeblieben. Aber das war es wert, sie wußte es jetzt. Und das gab ihr ein gutes Gefühl. Sie war immer noch in Gedanken, als sie spürte, wie ein eisiger Wind aufkam und die Kerzen aufflackern ließ. Sie fühlte, daß Lydia nicht mehr weit sein konnte, und sie lächelte Spike an, zuversichtlich und voller Liebe in ihren strahlenden Augen. Er erwiderte ihr Lächeln, und auch er wußte, daß die Freundin aus alten Tagen nahe war, denn der Eiswind ließ jetzt die Flammen der Kerzen hell auflodern. "Kinder, egal, was auch passiert - laßt euren Nachbarn nicht los - und euch nicht von ihr beeindrucken!", rief Giles - und da stand sie auch schon, hinter ihnen an diese Engelsstatue gelehnt, genau wie einen Tag zuvor. Sie lächelte, aber es war kein gutes Lächeln, sondern freudlos und traurig. "Ich sehe schon - ihr habt es rausbekommen.", gab sie leise von sich und wandte sich direkt an Spike: "Wie ist es so, Freunde zu haben, William? Muß ein wunderbares Gefühl sein, am Leben zu sein und Freunde zu haben, die für einen einstehen und sich auch von...", sie lachte bitter auf. "... Geistern nicht vertreiben lassen." "Naja - besser als ohne allemal, Lydia.", antwortete der Vampir mit einem stolzen Lächeln und blickte um sich - und in die entschlossenen Gesichter aller, die um ihn einen Kreis gebildet hatten. Er blieb an Buffys Augen hängen, und sein Lächeln wuchs. Nein, ihm konnte, würde nichts widerfahren, was dieses starke, mutige Mädchen dort verhindern konnte! Lydia war jetzt näher gekommen und stand hinter Giles. Die Kälte um sie hatte zugenommen, und der Atem aller anwesenden Menschen hatte sich in Dampf verwandelt. Spike konnte fühlen, wie die Spannung stieg - und wie die Frequenz der Herzschläge um ihn herum zunahm. Mit einem Mal legte sich der Wind, und es folgte ihm eine eisige Stille, die Kerzen hatten gerade, ruhige Flammen, und die Rauchsäulen der Räucherstäbchen stiegen gerade in die Höhe. Niemand rührte sich, niemand wagte es, etwas zu sagen, und die Spannung wuchs fast ins Unermeßliche. Vom Kirchturm her schlug es Zwölf. Lydia hob die Arme, und im selben Augenblick waren sie alle von undurchdringlichem, weißem Nebel umhüllt. Keiner der Freunde konnte seinen Nachbarn sehen, noch nicht einmal mehr die Hände, die miteinander verbunden waren. Aber niemand ließ los, im Gegenteil, alle verstärkten instinktiv ihren Händedruck. Spike konnte nichts mehr erkennen, nicht einmal seine Hände, die er zum Gesicht erhoben hatte. Er wußte nur, daß sie immer noch alle hier waren, weil er ihre Herzschläge hören konnte - und ihr leises, beschwörendes Gemurmel, mit dem sie nun begonnen hatten. Dann spürte er, wie sich etwas veränderte. Es wurde plötzlich warm, und der Nebel verschwand, so schnell, wie er gekommen war. Um ihn herum war nichts mehr - und dann sah er den blauen Himmel eines strahlenden Sommertages, und er fühlte die wärmenden Strahlen der Sonne auf seiner Haut. Es war so hell, daß er blinzeln mußte, und er befand sich mitten auf einer blühenden Wiese, zwischen sanften, grünen Hügeln, auf deren Kuppen vereinzelt alte Eichen standen. Es duftete süß nach Wildblumen, die in allen Farben um ihn herum leuchteten. Farben, die er in seiner dunklen Welt nicht mehr gekannt hatte. Und er hatte einen Herzschlag - er konnte spüren, wie sein Herz stetig schlug, wie sein Blut in den Ohren rauschte, wie seine Atmung seine Brust hob und senkte. Als er sich umdrehte, sah er direkt in die Sonne - und zuckte zusammen, weil er erwartete, zu verbrennen. Aber er stand nur da, hörte seinem eigenen Herzschlag zu, und das Gefühl der wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut war fast überwältigend. Ein Lächeln wuchs auf seinem Gesicht, und Zufriedenheit durchströmte ihn. Eine sanfte Brise streichelte seine Haut und spielte mit seinem Haar. Dann spürte er eine kleine, kühle Hand in seiner und blickte neben sich. Da stand Lydia. Sie trug ein langes, rotes Kleid und hatte wieder ihre herrlichen langen Haare, schwarz und bläulich glänzend wie Rabenfedern, und sie sah ihn mit leuchtenden Augen an. "William. Wie fändest du es, ein Mensch zu sein? Sieh nur: so einen blauen Himmel wirst du in deinem Unleben niemals sehen - hast ihn seit über einem Jahrhundert nicht mehr gesehen. Und diese herrlichen Farben! Wie fühlt sich die Sonne an, wenn sie nicht mehr dein Feind ist? Ist es das nicht wert?" "Was wert?", fragte er. "Es zu bejahen, Willy. Einfach ja zu sagen. Stell' dir vor, dann könntest du mit deiner Jägerin leben, immer mit ihr zusammensein, mit ihr ins Land der Lebenden eintauchen, Dinge tun, die du jetzt nicht tun kannst - weil du ein seelenloser Vampir bist. Sie kann dich nicht lieben wie du bist, das muß dir doch klar sein - sie liebt dich nicht, weil du bist, was du bist... Und als Mensch wärst du für sie akzeptabel..." Er unterbrach sie abrupt und schüttelte energisch den Kopf. "Was erzählst du da? Ich weiß, daß sie mich liebt - und das, *weil* ich bin, was ich bin. Und ich bin gerne ein Vampir, liebe mein Vampirleben... naja, vielleicht befinde ich mich gerade in einer kleinen Krise, aber ansonsten..." Er brach ab, denn in diesem Augenblick verdunkelte sich der Himmel, und er spürte seinen Herzschlag nicht mehr und wußte, daß er wieder ein Vampir war. Die Umgebung hatte sich verändert, und jetzt befanden sie sich wieder vor seiner Krypta - aber niemand sonst außer ihnen beiden war da. Wo waren die anderen? Hatte ihre Beschwörung keinen Erfolg gehabt? Sie lachte jetzt laut neben ihm, ein böses und verächtliches Lachen kam aus ihrer Kehle, und ihre Augen wurden gelb, als sie ihre Vampirmaske ausfuhr. "*Das* liebst du, William - ein Monster zu sein, weder zu leben, noch tot zu sein? Ein Dämon zu sein, der tötet und von Blut lebt? Ein Untoter - von allen verachtet und... gefürchtet, ohne je die Sonne zu sehen, sich in der Dunkelheit verkriechen zu müssen, wenn der warme Tag kommt und nur nachts aus seinem Loch kommen zu können?" Ihr Lachen ertönte wieder, und sie drehte sich jetzt von ihm weg. Es war wieder Nacht geworden, und plötzlich hatte sie ein junges Mädchen in ihren Fängen, das sich wehrte und ängstlich um sich blickte, ihn hilfesuchend ansah. Lydia fuhr mit ihren Reißzähnen in ihren Hals, und er konnte sehen, wie sie von dem Blut trank, konnte hören, wie sie schluckte, und das leise Wimmern des Opfers brach ab, als es in Ohnmacht fiel. Sie hielt inne. "Na, willst du mal probieren? Sie schmeckt einfach unwiderstehlich, das kleine Ding.", und damit hielt sie ihm ihren Finger hin, an dem ein frischer Blutstropfen hing. Seine Vampirinstinkte erwachten, seine Vampirmaske war auf seinem Gesicht erschienen, und er konnte das frische Blut riechen, es machte ihn fast verrückt. Menschenblut - seit einem Jahr hatte er keines mehr gehabt, und er konnte seinen Dämon danach lechzen hören. Der Tropfen an Lydias Finger drohte, herunterzufallen, und Spike leckte ihn ab - einmal probieren konnte ja nicht schaden, dachte er flüchtig. Ein richtiger Blutrausch erfaßte ihn, als er das süße Blut auf seiner Zunge spürte, so rein und so frisch und warm. Sein Dämon wurde fast verrückt, und Spike drehte sich zu Lydia um und riß ihr das Mädchen aus den Armen - und biß ihr in den Hals, direkt in die Wunde, die Lydias Reißzähne geschlagen hatten. Und da durchfuhr ihn der Schmerz und zerriß ihm fast das Hirn. Der Chip! Zur Hölle, das Ding arbeitete zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Augenblicklich ließ er das Mädchen los, und es verschwand. Da war nur noch Lydia, die wieder lachte, laut und ordinär, verächtlich und voller Schadenfreude. "Was bist du für ein Vampir? William, der Blutige kann nicht mal beißen - wozu hast du deine Reißzähne, wenn du sie nicht mehr benutzen kannst? Du bist ein jämmerlicher Abklatsch eines Möchtegern-Vampirs, der sich mit Menschen - und der Jägerin - einläßt, um zu überleben... ha!" Sie hatte jetzt wieder ihr menschliches Gesicht aufgesetzt, und er blickte in ihre von einem bösen Lachen verzogene Miene. "Hey, auch diesem Leben kann man was abgewinnen...", rechtfertigte er sich schwach. Lydia lächelt jetzt. "Wie wär's, wenn du dein richtiges, dein altes Vampirleben zurückhättest, so wie es vorher war? Du könntest wieder beißen, morden, Massaker veranstalten, die Menschen das Fürchten lehren... Dann würde dich niemand einen ,Stumpfzahn' oder ,Mr. Impotent' nennen..." "Woher weißt du...?", fragte er überrascht. "Ich weiß mehr, als du denkst. Ich weiß auch, daß ihr mich bannen wollt - deine Jägerin und ihre Freunde, Willy. Ich könnte mich totlachen - wenn ich's nicht schon wäre - ein paar Grünschnäbel und ein ehemaliger Bibliothekar. Hattet ihr wirklich geglaubt, ihr könntet einen Geist wie mich mit ein paar Beschwörungsformeln bannen? Ha!", und ihr Lachen erscholl erneut, laut und böse. Dann fuhr sie fort: "Und ich weiß auch, daß du diese kleine Jägerin - wie hieß sie noch? Buffy? - schon eine ganze Weile liebst. Daß du einsam bist, weil die anderen Vampire dich meiden wegen deiner Zusammenarbeit mit der Jägerin und deren Freunden. Ich weiß, wie sehr du dich nach ihr verzehrst - und daß sie dir nur vortäuscht, dich zu lieben, damit du ein leichtes Opfer bist - und eine billige Hilfe für ihre Patrouillen bleibst..." "Das ist nicht wahr, Lydia!", protestierte er laut. Ein grimmiges Lächeln erschien jetzt auf ihrem Gesicht. "Du belügst dich selbst, Willy. Sobald der Chip raus ist, wird sie dich pfählen. Dann braucht sie dich nicht mehr... Aber ich kann dir helfen. Ich kann den Chip entfernen - und dich die Jägerin töten lassen. Diesmal wirklich, so sicher wie das Amen in der Kirche. Du kannst sie besiegen - und dann wirst du wieder der alte sein, der gefürchtete Meistervampir. Es ist ganz leicht, nur ein kurzer Moment, und der Chip ist Geschichte!", und mit einem triumphierenden Lächeln hielt sie ihm ihre Hand vors Gesicht und schnipste mit den Fingern. Spike wurde unsicher. Wenn sie all das wußte, all die Dinge, die sie gar nicht wissen konnte... wenn sie über alles informiert war - wie konnte er sich dann vor ihr retten? Und vielleicht wußte sie ja einfach alles, und er hatte sich getäuscht, hatte sich wirklich nur etwas vorgemacht. Vielleicht liebte Buffy ihn ja wirklich nicht, vielleicht hatte er sich von seiner eigenen Liebe zu ihr blenden lassen. Was wäre, wenn Lydia recht hätte? Wenn er in Buffys Augen nur ein Werkzeug war, nur ein bequemer Helfer, nur ein lächerlicher, impotenter Vampir mit einem Chip in seinem verfluchten Kopf, über den die Scoobies ihre Witze machen konnten - und der sich obendrein noch unsterblich in die Jägerin verliebt hatte... Nein! Dieser Geist wollte ihn rumkriegen, wollte alles versuchen, ihn willfährig zu machen, ihn für seine Zwecke nutzen, ihm sein Leben nehmen, um selbst zu leben. Der blonde Vampir schüttelte energisch den Kopf. "Nein, Lydia, so leicht kannst du mich nicht rumkriegen. Du bist ein Geist, und nichts wird dir wieder zum Leben verhelfen - oder zum Unleben!" Ein Sturm erhob sich jetzt, und er spürte, wie selbst ihm kalt wurde und erschauerte. Ein Blitz fuhr über den Himmel, und kurz darauf folgte ein gewaltiger, ohrenbetäubender Donnerschlag, der den ganzen Friedhof erschütterte wie ein Erdbeben. Sie stand jetzt vor ihm, und ihr wunderschönes langes Haar wehte im Sturm, ihre hellen Augen sahen ihn traurig an, und plötzlich war sie wieder die alte Lydia. Das unschuldige junge Mädchen, das zu ihnen gekommen war, als Penn sie in einen Vampir verwandelt hatte. Tränen standen in ihren Augen, und sie sah ihn flehend an, immer noch trug sie dieses rote, lange Kleid und sah entzückend aus, genauso, wie er sie in Erinnerung hatte. Sie weinte jetzt, und glitzernde Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Er verspürte den Drang, sie einfach in die Arme zu schließen und sie zu trösten, obwohl er wußte, daß es nichts gab, was ihr Trost spenden konnte - ihr Schicksal war besiegelt. "William, Willy... weißt du noch, wie wir uns immer gegenseitig trösteten, wenn sie uns vergewaltigt haben? Weißt du noch, wie sie uns dazu zwangen, vor ihnen zu... vögeln, und wie sie manchmal dazukamen und uns hinterher nochmal vergewaltigten?", schluchzte sie. Ihre Stimme war zu einem Flüstern geworden, und es brach ihm fast das Herz, sie so zu sehen. Er nickte. "Wie könnte ich das vergessen, Süße? Ja, sie haben uns nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt.", und er mußte schlucken, als die Erinnerungen wieder hochkamen. "Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie ich gestorben bin, Willy? Es war schon schlimm, wie mich diese Menschen da verfolgt haben, wie sie schrien und brüllten und an mir zerrten, wie sie mich fesselten und in Ketten legten - und dann haben sie mich geschoren. Mein Haar flog um mich herum wie Hanf im Wind, ganze Strähnen fielen auf die Erde, und sie schwenkten die Scheren und die Haarbüschel über ihren Köpfen. Ich versuchte, mich zu wehren, aber es waren zu viele...", ihre Stimme brach ab, dann seufzte sie und sah ihm direkt in die Augen, als sie weitersprach. "Aber das Schlimmste kam erst noch, ich wußte es nur noch nicht. Sie mauerten mich ein. In ein muffiges, stinkendes Kellergewölbe. Ich war in meinen Ketten und hatte nur Platz zum Stehen. Allgegenwärtige Dunkelheit. Stille - und nur die Gedanken an mein verlorenes Leben und Unleben, die ganzen verlorenen Ewigkeiten, die nun nicht mehr vor mir lagen... Und dann der immer näher kommende Tod, der mir fast als eine willkommene Erlösung erschien. Es hat ewig gedauert, ich glaube, Jahre. Jahre furchtbarer Qualen, in denen ich mir eine schreckliche Rache nach der anderen ausdachte, immer wieder in neuen Varianten... Aber am Ende sehnte ich mich nur noch nach dem Tod. Nach Ruhe. Nach dem Ende meiner Qualen. Wenn ich nicht ein Vampir gewesen wäre, sondern ein Mensch, wäre ich schon bald gestorben. Aber dank Penn...", und sie unterbrach sich wieder, ihre Tränen waren jetzt getrocknet, und ein tieftrauriges, hoffnungsloses Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie seufzte wieder. "Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. William, du warst immer gut zu mir - für die damaligen Verhältnisse. Wie ein Bruder, der du ja auch irgendwie warst, noch immer bist. Ich dachte, wenn ich dich vernichte, würde ich mein Unleben zurückbekommen - und nachholen können, um was man mich betrogen hat... Aber ich könnte mein ,Unleben' nicht leben, wenn ich immer die Schuld an deinem Tod vor Augen hätte. Es ist eine böse Welt, eine ungerechte Welt, da draußen. Ich bin froh, daß du widerstanden hast - und daß es da jemanden gibt, der sich um dich sorgt, daß du *gut* geblieben bist - auch wenn du das nicht gerne hörst...", und sie lächelte ihn jetzt verschmitzt an. "Du hast es vielleicht geschafft, ein ,Großer Böser' zu werden - für die anderen. Für mich bist du immer noch Willy, der Willy, der seine starken Arme um mich gelegt hat, wenn ich traurig war, wenn sie mich gequält hatten, mein Gefährte. Und ich bin dankbar, daß ich in meinem kurzen Leben auch so etwas abbekommen habe." Spike war jetzt auf sie zugegangen. Er schluckte, und Tränen standen ihm in den Augen. Er hob die Arme und wollte sie an sich ziehen - als plötzlich wieder der Nebel um sie herum war, weiß und undurchdringlich, und er konnte sie nicht mehr sehen. Er ließ die Arme sinken, und er hörte plötzlich wieder die Herzschläge um sich herum und das beschwörende Gemurmel. Seine Instinkte sagten ihm, daß Lydia fort war, aber auf einmal hörte er noch einmal von ferne ihre Stimme. "Lebe wohl, Willy!", flüsterte sie.
Und dann war auch der Nebel verschwunden, und er konnte Buffy sehen, die direkt vor ihm stand und mit halbgeschlossenen Augen Beschwörungsformeln vor sich hinmurmelte. Und die anderen, die alle noch immer im Kreis um ihn herumstanden. Hatten sie denn nicht bemerkt, daß es vorbei war? Lydia. Was hatte sie durchstehen müssen in ihrem kurzen Leben. Ihre letzten Worte hatten ihn aufgewühlt, und noch immer standen Tränen in seinen Augen. Er hätte sie in die Arme nehmen sollen, ihr sagen müssen, daß auch er sie nicht vergessen hatte, noch immer an sie dachte... Jetzt war ihm auch klar, warum sie ausgerechnet zu *ihm* gekommen war... er war der einzige, der noch immer an sie gedacht, der eine Erinnerung an sie hatte. "Lydia!", rief er in die Richtung, in der sie verschwunden war - und sah plötzlich einen Schimmer, einen Schatten, ein wehendes Kleid... Und er wollte es ihr noch sagen! Er versuchte, die Arme von Buffy und Giles voneinander zu trennen, aber ihre Hände blieben fest aneinandergeklammert. "Hey, es ist vorbei, Leute. Sie ist weg - und wir haben es geschafft!", rief er ihnen zu, aber sie reagierten nicht. Da beugte er sich nach vorne und schlüpfte unter ihren Armen hindurch, rannte in die Richtung, wo Lydia stand und auf ihn wartete. "Lydia!" Der Schimmer wurde heller, und jetzt konnte er auch ihr rotes, im Gewittersturm wehendes Kleid sehen - und ihr schwarzes Haar. Blitze und Donnerschläge hatten zugenommen, und auch der Sturm wuchs immer weiter, so daß er nur langsam vorankam, als er sich dagegen stemmen mußte. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, und er hatte sie gerade erreicht und faßte an ihre Schulter, als sich ihre Gestalt veränderte. Ihre Umrisse schmolzen zusammen, und er faßte nur noch ein verdorrtes Skelett an, ihre Haare flogen mit dem Sturm davon, und das rote Kleid war nun ein grauer Lumpen und hing in Fetzen an der Gestalt, die vor ihm stand, herab. Und da schlug es bei ihm ein wie eine Bombe. Dieses war ja gar nicht mehr Lydia, dieses Ding war ein Geist, der Rache wollte, gnadenlose und höllische Rache. Lydia war tot. Sie war vor vielen Jahren gestorben - in einem Kellergewölbe in der Schweiz eingemauert, in Ketten gelegt und zu einem qualvollen, langwierigen Tod verurteilt. War niemals in Sunnydale gewesen. War längst zu Staub zerfallen. Nur dieser Geist war hier, der sich jetzt umgedreht hatte, mit den Ketten, die um ihn gelegt waren rasselte, ihn aus seinem Totenschädel mit rotglühenden Augen ansah. Ein Eishauch ließ ihn erzittern - und er blickte zurück zu den anderen, die immer noch im Kreis standen, sich an den Hände gefaßt hielten und fest dem Sturm widerstanden. Und nun wußte er auch, daß dieser Geist sich nicht mit nur seinem Leben zufriedengeben würde. Nein, er würde alles nehmen, was sich ihm bot, Rache üben bis zum jüngsten Tag. Und er würde mit seinen Freunden anfangen - ja, es waren seine Freunde, sie riskierten alles für ihn, und er war diesem Geist hier erlegen - war aus dem Kreis herausgetreten und hatte nicht nur sein Leben riskiert, sondern das aller, die seinen Tod verhindern wollten. Und der Geist hatte, genau wie Giles es vorhergesagt hatte, alles versucht, um ihn herumzukriegen. Hatte es nicht geschafft. Bis jetzt. Diese Mitleidstour hatte ihn überrumpelt... Was war er nur für ein Idiot, ein Weichei, ein Waschlappen! Aber das half jetzt auch nicht weiter. Er mußte etwas tun. Keine Zeit verlierend, wich er der Knochenhand mit den langen, gebogenen Krallen , die sich ihm entgegenhob, aus und drehte sich um. Auf den Kreis der Scoobies zulaufend, rannte er, so schnell er konnte, vor dem Geist davon. Rannte, so schnell, wie er nie in seinem Leben gerannt war, rannte, um sein Leben und das seiner Freunde zu retten. Und er spürte, wie der Geist hinter ihm herkam und ihn berührte. Der Geist langte nach ihm, nicht nur einmal.
Ein Eishauch begleitete jede Berührung, und er fühlte, wie die Krallen sein T- Shirt aufrissen und seinen Rücken herunterfuhren, lange und tiefe Furchen hinterlassend. Und mit jeder Berührung konnte er spüren, wie das Leben aus ihm wich, wie der Geist von ihm Besitz ergriff und er immer schwächer wurde. Mit überirdischer Kraft und Schnelligkeit war er bis fast an den Kreis herangekommen. Es hatte nun begonnen, zu regnen, und er glitt hinter Giles aus, fiel der Länge nach hin - und spürte, wie der Eishauch ihn erfaßte. Auf dem Bauch liegend, ergriff er die schwarze Kerze, die hinter Giles stand, drehte sich herum und fuhr mit ihr in den Totenschädel hinein, der durchsichtig war und nachgab, als wäre er gar nicht vorhanden, und das geweihte Wachs, das den Geist traf, ließ diesen aufjaulen. Die augenblickliche Schwäche seines Gegners ausnutzend, kroch Spike, auf dem Rücken liegend, unter den Armen von Giles und Buffy hindurch und schwenkte mit einer letzten Anstrengung seine Beine in den Kreis, bevor der Geist ihn erneut berühren konnte - und dieses Mal wäre es die letzte Berührung gewesen, das wußte er mit Sicherheit. Aus den Augenwinkeln heraus konnte er sehen, wie sich der Geist langsam auflöste, seine Umrisse verschwanden und nur noch ein dunkles Nichts zurückblieb. Dieses Nichts, aus dem er gekommen war. Spike ließ erschöpft den Kopf nach hinten sinken und lag nur da. Es machte ihm nichts aus, daß er nun schlammbeschmiert und durchnäßt dalag, daß der Regen auf ihn herabprasselte. Er hatte sie alle gerettet - nachdem er sie alle gefährdet hatte. Niemand würde es je erfahren.
Noch immer murmelten die Menschen um ihn herum Beschwörungsformeln, aber er konnte auch hören, sogar durch die Donnerschläge und den nun kräftigen Regen hindurch, wie die nahe Kirchturmuhr Eins schlug. Nun war es wirklich geschafft. Im selben Moment schlug ein Blitz in den nahestehenden Baum ein, und er fuhr zusammen, und sah auch, wie die anderen erschrocken zusammenzuckten. Ein dicker Ast brach krachend ab und fiel auf die Engelsstatue, an der Lydia zuletzt gelehnt hatte - und riß einen marmornen Engelsflügel mit sich. Flüchtig dachte Spike, wie symbolträchtig dies war. Ein zerstörter Engel.
Sie hatten nun mit dem Gemurmel aufgehört, öffneten langsam die Augen und erwachten aus ihrer Trance. Buffy blickte sofort zu ihm hin, und ihre Blicke trafen sich - lächelnd ging sie auf den auf dem nassen Gras liegenden Vampir zu und hockte sich neben ihn. "Na - was machst du denn hier im Schlamm? Konntest du nicht mehr stehen?", fragte sie, während sie seine Hand ergriff. "So ungefähr, Jägerin.", antwortete er erschöpft mit einem glücklichen Lächeln und stand langsam auf, sich zu Giles drehend. Da sah sie sein zerfetztes T-Shirt und die blutigen Streifen auf seinem Rücken, und erschrocken fragte sie: "Ist etwas schiefgegangen, Spike?" Er schüttelte den Kopf. Nein, jetzt war alles in Ordnung. "Nein. Alles ok - war ein bißchen stürmisch, das Ganze.", antwortete er ihr. Giles kam auf ihn zu, zeigte auf die Kerze, die nun im Kreis lag und stellte fest: "Sie haben den Kreis verlassen, Spike, nicht wahr?" "Ihnen entgeht aber auch nichts, zur Hölle. Ja, habe ich, aber jetzt bin ich wieder drin und der Geist ist nicht mehr... Eine lange Geschichte - erzähle ich Ihnen vielleicht später mal... Oder auch nie.", und er grinste den Wächter an. Der schüttelte nur verständnislos den Kopf und bückte sich nach der magischen Karte. Buffy seufzte. Wenigstens hatte diese Geisterbeschwörung Erfolg gehabt. Und Spike lebte. Sie war unheimlich erleichtert, und sie umarmte ihn plötzlich ungestüm und voller Zuversicht. Es war ihr egal, was ihre Freunde von ihr dachten, ob sie es sahen oder nicht. Spike war erstaunt, aber er ließ es sich nicht anmerken, sondern schloß sie in seine Arme und streichelte ihr Haar. Ihr Duft überwältigte ihn wieder, und er stützte sein Kinn auf ihren Kopf. Eng umschlungen standen sie nur da, sich nichts weiter wünschend als ewig so stehenbleiben zu können. Der Regen hatte aufgehört, und auch der Sturm hatte sich gelegt. Aber sie waren alle durchnäßt und froren. Die beiden Hexen halfen Giles, die Zauberutensilien einzusammeln, und alle hatten es eilig, hier wegzukommen.
Xander ging auf das Paar, das unbeweglich in seiner Umarmung dastand, zu. Er grinste und fragte: "Na - war's denn nun ein Canterville-Erlebnis, Reißzahn?", und er ignorierte dabei Buffy, die ihren Kopf an Spikes Brustkorb gelehnt hatte. Spike hob den Kopf und lächelte. Seinetwegen konnte Xander ihn heute Nacht alles fragen - dieser Xander, der auch sein Leben für ihn gegeben hätte bei dieser Geisterbeschwörung. Aber nur heute Nacht. "Nein. Eher so eine Art Dickensche Weihnachtsgeschichte... Hab' eine Menge gelernt, Harris." Giles war hinzugetreten, die Umarmung der beiden ignorierend. "Ja - ist doch erstaunlich, was man auch noch als alter Knacker hinzulernen kann, Spike.", sagte er lächelnd, fast mit Sympathie in seiner Stimme. Anya ergriff jetzt Xanders Arm und zerrte ihn von Spike weg. "Ich will jetzt gehen, Xander. Wir haben für heute genug für die da getan, mir reicht's.", maulte sie. "Nun ja, es ist wohl wirklich genug gewesen für heute... ähm, und ich denke, daß wir alle eine tolle Leistung vollbracht haben, Kinder.", merkte Giles an. Die Hexen sahen erschöpft aus - eigentlich waren alle erschöpft - und nickten Giles zu. Sich an den Händen fassend, winkten sie ihren Freunden nur kurz zu und gingen dann in Richtung Friedhofsausgang.
"Ich werde jetzt auch gehen, Spike. Aber wir werden uns morgen sehen. Ich freue mich schon drauf.", flüsterte Buffy dem Vampir ins Ohr und küßte ihn flüchtig auf die Wange, bevor sie sich von ihm löste. Er bedauerte ihre Entscheidung - aber es war ihr anzusehen, daß sie nach Hause wollte, so müde, wie sie aussah. Auch er war müde - aber glücklich. Sie hatte ihn umarmt, vor ihren Freunden geküßt, hatte ihn als gleichwertig anerkannt - und sie liebte ihn. Sie nickte ihm lächelnd zu, bevor sie sich umdrehte und sich den anderen anschloß, die schon langsam losgetrottet waren. Schnell aufschließend, ging sie neben Giles her, und er sah ihnen nach, bis sie hinter der Friedhofsmauer verschwunden waren.
Dann steckte er sich eine Zigarette an, blies langsam den Rauch aus. Auf dem Friedhof war wieder die nächtliche Stille eingekehrt. Das Gewitter war längst vorbei, und nach dem Regenguß vorhin war die Luft rein und klar wie Seide. Der blonde Vampir stand, in Gedanken versunken, vor seiner Krypta, rauchte und lächelte abwesend und glücklich vor sich hin. Er dachte daran, daß Buffy seine Liebe erwiderte, an die Freunde, die er nun hatte, an das, was ihm jetzt klargeworden war, und er war dankbar für die Erfahrung dieser Nacht. Es war viel geschehen in dieser Nacht, und er dachte traurig an Lydia - nicht an den Geist - an die Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, an ihre Notgemeinschaft, die sie hatte zu Gefährten werden lassen. Und wie er sie nach ihrem Verschwinden vermißt hatte. Sein Blick streifte flüchtig die Engelsstatue, die jetzt nur noch einen Flügel hatte. Und plötzlich hatte er das Gefühl, als hätte der Marmorengel ihm zugeblinzelt - mit hellen Augen, die in der Dunkelheit leuchteten. Er schloß die Augen, schüttelte leicht den Kopf und öffnete sie wieder. Nein, da gab es kein Leuchten in diesen Marmoraugen, und auch kein Blinzeln, keine noch so flüchtige Bewegung war auzumachen. Es mußte eine Täuschung gewesen sein. Seufzend warf er seine Zigarette fort und drehte sich zur Kryptatür um. Es war eine schlimme Nacht gewesen. Höllisch und ereignisreich, eisig und - schön. Er war einfach nur müde.
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Wie immer am Tage kam Buffy der Friedhof ganz anders vor als in den Nächten. Die Sonne schien, und nichts deutete darauf hin, daß hier in der letzten Nacht eine Geisterbeschwörung stattgefunden hatte, daß ein Unwetter über diesen Ort hinweggegangen war. Als sie zu Spikes Krypta kam und den Engel mit nur einem Flügel sah, korrigierte sie sich. Da war doch eine Veränderung. Einen Moment lang blieb sie zögernd vor dem Eingang stehen. Sie freute sich auf ihn, hatte sich den ganzen Tag in Erwartung ihrer Begegnung in Geduld geübt, und nun hatte sie doch irgendwie Bedenken. Er sollte ja nicht denken, sie verzehrte sich nach ihm... Ach, was sollte dieses Getue - sie beide wußten, daß sie aufeinander verrückt waren! Entschlossen öffnete sie leise - zum ersten Mal *leise* - die Tür zur Krypta und schloß sie sachte hinter sich. Wieder mußte sie sich erst einen Moment lang an das dämmrige Licht gewöhnen, und dann ging sie auf die Gruft in der Mitte des Raumes zu. Spike lag reglos unter seiner Decke, hatte die Augen geschlossen und machte einen... toten Eindruck. Naja, war er ja schließlich auch, und sie mußte lächeln. Schon wieder ein Vampir. Sie war nicht mehr zu retten, und sie fing an, leise vor sich hin zu kichern und konnte sich kaum noch halten, als sie an Xanders verblüfftes Gesicht gestern Abend dachte - und wie er sich zusammengerissen und *nichts* dazu gesagt hatte. Der Vampir vor ihr rührte sich nun, anscheinend hatte sie ihn mit ihrem Gekicher geweckt. Die Augen aufschlagend, drehte er den Kopf zu ihr hin, und wieder staunte sie, wie unschuldig er aussah, wenn er aus dem Schlaf gerissen wurde. "Hallo, Jägerin, was gibt es denn schon wieder?", fragte er lächelnd, und seine blauen Augen sahen sie verschlafen - und erfreut an. "Ach, nichts. Wollte nur mal wieder deine nackten Füße sehen, Spike.", antwortete sie ihm lächelnd, schlug die Decke über seinem Oberkörper zur Seite und fuhr mit ihrer warmen Hand über seinen festen, kühlen Brustkorb. Er hob den Kopf und fuhr mit einer Hand ihren Arm hinauf bis zu ihrem Hals und zog ihren Kopf zu sich heran. Bevor er sie küßte, murmelte er lächelnd: "Hätte ich das gewußt, hätte ich mir noch die Fußnägel lackiert, Süße."
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