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Revelations
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
 
 

I believe behind confusion awaits the truth for us.

 

Revelations

© by Kitty ()

 

Disclaimer: Die meisten der hier verwendeten Charaktere sind das Eigentum von 20th Century Fox und Chris Carter. Keine Verletzung des Copyrights war je beabsichtigt. Einige Zitate aus vorangegangenen Episoden sind für diese Geschichte verwendet worden, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen und der Geschichte mehr mythologische Tiefe zu verleihen (verwendet wurden die Übersetzungen von Cinephon, nicht die wortwörtlichen).
Mehrere Songtexte sind zur Unterlegung von "Revelations" verwendet worden. Auch hier ist eine Verletzung des Copyrights nicht beabsichtigt.
Die meisten Gedichte gehören mir und dürfen ohne meine Erlaubnis anderweitig und ohne Zusammenhang mit dieser Story nicht verwendet werden.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Akte X-Sektion.
Auszeichnungen: Vom Deutschen FanFic-Gremium mit der Note 1,2 verabschiedet. Beim ersten German FanFic-Award in den Kategorien "Bester Mehrteiler" und "Beste Mythologiestory" jeweils mit Gold ausgezeichnet. Die Autorin erhielt Bronze bei der Wahl des besten Autors 2000.

 

 Prayer Before Birth
 
I am not yet born
O hear me.
Let not the bloodsucking bat
or the rat or the stoat
or the club-footed ghoul
come near me.
 
I am not yet born, console me.
I fear the human race may with tall walls wall me,
with strong drugs dope me,
with wise lies lure me,
on black racks rack me,
in blood-baths roll me.
 
I am not yet born, provide me
With water to dandle me,
grass to grow for me,
trees to talk to me,
sky to sing to me,
birds and a white light in the back
of my mind to guide me.
 
I am not yet born, forgive me
For the sins that in me the world shall commit,
my words when they speak me,
my thoughts when they think me,
my treason engendered by traitors beyond me,
my life when they murder by means of my hands,
my death when they live me.
 
I am not yet born, rehearse me
In the parts I must play and the cues I must take
When old men lecture me,
bureaucrats hector me,
mountains frown at me,
lovers laugh at me,
the white waves call me to folly
and the desert calls me to doom
and the beggar refuses my gift
and my children curse me.
 
I am not yet born
O hear me,
Let not the man who is the beast
or who thinks he's God
come near me.
 
I am not yet born
O fill me
With strength against those who would freeze my humanity,
would dragoon me into a lethal automaton,
would make me a cog in a machine,
a thing with one face,
a thing,
and against all those who would dissipate my entirety,
would blow me like thistledown hither and thither
or hither and thither like water
held in the hands would spill me.
 
Let them not make me a stone and let them not spill me.
Otherwise kill me.
 

(taken from "The Collected Poems of Louis MacNeice", 1966)

 
* * * * * * * * * *

 
PROLOGUS

 

Jahrtausendelang ward es gehütet, das Buch der sieben Siegel. Jahrtausendelang verlangte der Geist des Menschen danach, zu erfahren, was darin geschrieben stand, und zugleich fürchtete er sich eben so sehr vor dem, was geschehen würde, würden die sieben Siegel irgendwann, in einer unbekannten und nicht absehbaren Zukunft, gebrochen werden, von einem, der würdig genug sein würde, das Heiligtum zu berühren und ihm seine Kraft zu entlocken, auf dass sie die Erde erfasse in all ihrem Sein.

Doch nur ein Wesen, das Himmel und Hölle durchlaufen und sich zum Wohle der Menschheit geopfert hatte, sollte dazu im Stande sein, diese sieben Siegel zu öffnen und den Kelch der Wahrheit über dem Antlitz der Welt entleeren.

Dieses Wesen fand sich, und allein durch das Wirken seines Lebens und seines Geistes wurden diese Siegel nach und nach gebrochen. Durch jedes weitere Siegel, das sich unter der Kraft des Wesens auftat, wurde seine Wirkung vollzogen, und Friede und Krieg traten gegeneinander an, um sich zu duellieren. Leben und Tod, sie kämpften gegeneinander immerdar, als das dritte und vierte Siegel zerbrach. Die Geister der verstorbenen Seelen erhoben ihr Wehklagen, kaum dass das fünfte Siegel aufsprang, und mit dem Brechen des sechsten erzitterte die Erde, und die Sterne des Himmels fielen auf sie herab. Und mit dem siebenten Siegel, das vor nicht allzu langer Zeit gebrochen wurde, kehrte Stille ein, auf Erden und im Himmelreich, doch lange sollte sie nicht währen...

Und so kam es, dass die Racheengel, die durch den Himmel auf die Erde gelangt waren, begannen, ihren Plan auszuführen, um die Welt wieder zu dem zu machen, was sie einst einmal gewesen war: das Reich des Schöpfers, des alleinigen Herrschers, der unantastbaren Macht, die einst dafür gesorgt hatte, dass sich anderes Leben auf der Welt hatte erheben können, intelligentes Leben, geschaffen von ihm, der größten existierenden Macht der Unendlichkeit, die von ihrer Reise durch die Weiten des Alls zurückgekehrt war zu dem Ort, wo sie einst geweilt und ihr Schaffen überwacht hatte. Doch ist dieser Ort nun ein anderer, und die Wesen, die die Macht einst erschuf, waren ihr beinahe ebenbürtig geworden. Doch wie kann ein Gott ihm beinahe ebenbürtige Wesen dulden, neben seiner selbst? Wie kann er es zulassen, dass das, was er einst schuf, eingenommen wird in all seinem Ausmaß, von einstigen Sklaven, Spielbällen seines kindlichen Schaffens? Und so sandte er sein Gefolge aus, um die Vernichtung vorzubereiten, die, die man auf Erden schon so lange befürchtet hatte, wusste man doch von den Prophezeiungen der Heiligen Schrift, fürchtete man sie, ob gläubig oder nicht. Doch war diese Prophezeiung, die man dereinst niederschrieb, unantastbar wie sie seitdem schien? War sie denn wirklich unabwendbar? Oder gab es da eine Chance, einen Schimmer der Hoffnung für die aufstrebende göttliche Rasse, ihre Existenz zu bewahren?

 

 

Und zur Feier der Erkenntnis muss Platz für alle sein
denn es gibt eine Wahrheit, die nicht verkauft oder gehandelt werden kann
sie lässt sich weder aufzwingen noch abwehren
noch gibt es ein Entkommen...

 

- aus MUTEBA KAZADI, Technoliberation, 2019 -

 

 

* * * * * * *

 
 1. Buch: IRRLICHTER

 

 
<<<<<<<< VOICE-OVER Fox Mulder >>>>>>>>

 

Schicksal...

Welch tiefsinnige, philosophische Bedeutung geht mit diesem Wort einher. Im negativen wie auch im positivem Sinne wirkt es auf uns, in all seinen Formen und Farben. Was es bewirkt... - wir können es nicht erklären. Nicht, bis wir es einmal wieder erfahren haben, in all seiner Macht.

Nur eines können wir mit letzter Überzeugung von ihm sagen: Es bricht überraschend über uns herein, dann, wenn wir es am Wenigsten erwarten, ohne uns Zeit für eine wahre Vorbereitung zu geben. Und in den meisten aller Fälle wird es nicht nur unserem Leben eine neue Wendung geben, sondern auch unserem Geist, unserem Bewusstein. - Gefürchtet oder erhofft, verdammt oder prophezeit, seine Wirkung ist stets groß. Oftmals größer, als der menschliche Verstand zu erfassen vermag...

 

 
1. Teil: CHICÓPEE

 
When time goes by...
 
Sometimes
the past comes back
and becomes your present...
Takin' over control...
Forcin' you to do
the things you'd given up
long times before...
Drivin' you insane
'cause it steals
a piece of your present...
your life...
your mind...
It's stronger than you...
And there's nothing
you can do against it...
No way to stop...
You've been already
caught by destiny...

- by KIT-X -.

 

 

Pein durchschüttelte seinen Körper, als der schwere, mit spitzen Knochen und Bleikugeln unterschiedlicher Größe behängte Lederriemen erneut auf ihn niederfuhr. Er zählte schon gar nicht mehr die Schläge, denn diese Leute, die um ihn herumstanden und ihn quälten, bestraften nicht nach dem Gesetz, das ihnen einst gegeben worden war, sie hatten eigene aufgestellt. Ihre Geißelungen waren brutal und unerbittlich, fern jeder Menschlichkeit. Allzu oft hatten sie zu Bestrafende schon bis auf die Knochen mit ihren Schlagriemen, welche die Geschwindigkeit von Geschossen erreichten, wenn sie auf die Körper der Leidenden niedergingen, zerfetzt, die Eingeweide bloßgelegt, Rippen gebrochen und Körper zur Unkenntlichkeit geschändet.

Er unterdrückte einen heiseren Schrei, als der nächste Schlag seine Seiten aufriss und das darunter liegende rohe Fleisch freilegte. Sein Magen rebellierte, durch die inneren Verletzungen spuckte er ein Gemisch aus Galle, Halbverdautem und Blut aus. Röchelnd wand er sich, doch seine Peiniger kannten keinen Ekel, keine Menschlichkeit. In ihren Augen war er Dreck, ein widerwärtiges Objekt, das aus dem Weg geräumt und für seinen Glauben, seine Überzeugungen, bis in den bitteren Tod hinein leiden musste. Und dieser Tod würde schmerzhaft und qualvoll sein, das wusste er. So sehr die Männer um ihn herum auch auf ihn eindroschen, sie würden ihn nicht töten, das würde gegen ihren Plan verstoßen. Wenn sie keinen Widerstand von ihm mehr spüren würden, wenn sie bemerkten, dass seine Kräfte nachließen, dann würden sie aufhören und ihm einige Minuten gönnen, um wieder zu Sinnen zu kommen - bloß um ihre Qual dann fortzusetzen. Sie waren gnadenlos. Sie waren Bestien. Er verachtete sie, doch brachte ihm das keine Genugtuung in seinem Schmerz.

Man hatte ihn verraten. Man hatte ihn angeklagt. Man hatte ihn bedroht und in der Öffentlichkeit ausgebuht, mit faulem Obst und Kot beworfen. Und doch war er niemals von seinem Weg abgewichen, egal, was sie getan hatten. Doch nun musste er dafür bluten. Und dieses Blut trieb den Zweifel in ihm herauf, der seinen Geist umfing und ihn schweigen ließ, in der Stille darauf hoffend, dass sie einhalten würden, in ihrem widerwärtigen Tun...

 

* * * * *

 
irgendwo in Pennsylvania, 23.21 Uhr

 

Das Licht war grell. Grell und kalt.

Er zitterte vor Furcht.

Er wusste, dass es kein gutes Licht war. Er wusste, es war böse. Unheilverkündend, steril, ohne jegliche Wärme.

Er kauerte sich auf dem Boden zusammen. Das vom Regen durchnässte Gras tränkte sein Hemd, seine Hose. Die Kälte, die sich durch seine Kleidung und seine Haut in seinen Körper fraß, ließ ihn erzittern. Sein Gesicht drückte sich auf die feuchte Erde, der Geruch von Pflanzen und Humus drang in seine Nase, wirkte beruhigend. Das war echt, das war gut. Das war irdisch.

Das Licht über ihm bündelte sich plötzlich zu einem leise zischenden Strahl, der auf ihn hinabstieß. Er konnte nichts tun, war völlig hilflos diesen fremden Mächten ausgesetzt. Wie gerne wäre er davongelaufen, aber seine Glieder waren bewegungsunfähig. Wie gerne hätte er sich aufgerichtet und diesem Ding zugeschrieen, dass es verschwinden sollte, verschwinden von dieser Wiese, verschwinden aus seinem Leben...

Etwas unerklärlich Mächtiges fraß sich in sein Gehirn, bezwang seine Gedanken, machte ihn zum Sklaven. Es nahm ihm den letzten Funken von Widerstand, bevor es vor den Augen des Mannes völlig schwarz wurde. Er spürte schon gar nicht mehr, dass sein Körper sich in die Luft erhob, schwebte, dem Objekt entgegen, vor dem er sich so gefürchtet hatte...

 

* * * * *

 
drei Tage später, Chicópee / Massachussetts

 

Walter Skinner hielt den Wagen vor dem großen weißen Haus in der Dorrane-Street. Er warf einen kurzen Blick auf den Zettel, der auf seinem Armaturenbrett lag. Nummer vierundzwanzig, ja, das war es.

Er stieg aus und ging die von kleinen, ordentlich geschnitten Buchsbäumen gesäumte Einfahrt hinauf, bis er vor der Haustür stand. Er studierte das Nummernschild unter dem Klingelknopf: Mulder. Nach kurzem Zögern drückte Skinner auf den Knopf. Ein helles Klingeln hallte im Haus wieder, und Skinner hörte einen Hund im Innern bellen.

Schon nach wenigen Sekunden wurde die Tür aufgerissen. Skinner blickte in das Gesicht eines kleinen Jungen, der den AD neugierig anstarrte.

"Ja, bitte?", fragte er.

"Ich suche Fox Mulder", sagte Skinner langsam. "Wohnt der hier?"

Im gleichen Moment schoss ein braun-weißer Blitz durch die Beine des Jungen hindurch und auf den Fremden zu. Es war ein Jack Russell Terrier, der kläffend um den AD herumsprang und wild mit dem Stummelschwänzchen wedelte.

"Twister, komm hierher!", befahl der Junge, während er einige Schritte vortrat, den quietschfidelen Hund mit beiden Händen umfasste und auf den Arm nahm. Dann sah er wieder zu dem ihm fremden Besucher auf.

"Wohnt er hier?", wiederholte Skinner.

Der Junge drehte sich zu der halboffen stehenden Tür um. "Dad!", rief er laut. "Kommst du mal raus?"

Skinner runzelte die Stirn.

Es dauerte nicht lange, bis ein Mann in der Tür erschien. Er war etwa einsfünfundachtzig groß und hatte dunkelbraunes kurzes Haar. Er trug einfache Jeans, darüber ein dünnes weißes Hemd. Die Ärmel hatte er hochgekrempelt, ein Geschirrhandtuch lag locker auf seiner Schulter.

"Was ist denn los, Tommy?", fragte er. Dann fiel sein Blick auf den Mann neben dem Jungen. "Direktor Skinner?" Mehr als überrascht hob er die Augenbrauen. "Was machen Sie denn hier?"

Der AD streckte seine Hand aus. "Schön, Sie wieder einmal zu sehen, Mulder", sagte er mit einem leichten Lächeln, während er dem ehemaligen FBI-Agenten die Hand schüttelte. Er unterzog ihn einem kurzen prüfenden Blick. Mulder sah gut aus, erholt und braungebrannt, kaum gealtert. Dabei waren über acht Jahre vergangen, seitdem Skinner ihn zum letzten Mal gesehen hatte. "Ich hoffe, ich störe Sie nicht."

Fox Mulder blinzelte. "Nein, nicht doch." Er trat zur Seite und forderte Skinner mit einer einladenden Geste auf, einzutreten. Dann winkte er Tommy herbei. "Los, du kommst auch rein."

"Aber Dad, ich..."

Fox wies auf einen Rucksack, der im Flur lag. "Dein Schulranzen liegt schon den ganzen Tag völlig unangetastet hier herum. Du kannst mir nicht erzählen, dass ihr keine Hausaufgaben habt."

Mürrisch schob sich Tommy an ihm vorbei in den Flur, den Terrier noch immer auf dem Arm.

 

Fox führte Skinner den Gang entlang in das Wohnzimmer, von dem aus eine große Terrassentür in den Garten führte. Ein leichter Wind blähte die Gardinen. Die beiden Männer traten nach draußen, und Fox deutete auf eine Sitzgruppe, bestehend aus diversen Gartenmöbeln.

"Setzen Sie sich doch."

"Danke." Skinner ließ sich in einen der Stühle fallen und lehnte sich zurück. Neugierig musterte er den Garten, während sich Fox ihm gegenüber setzte. Er hatte das Geschirrhandtuch von der Schulter genommen und neben sich über die Stuhllehne gehängt.

Skinner beobachtete, wie der kleine Hund aus dem Wohnzimmer nach draußen kam und zielstrebig über die Wiese lief, vorbei an einigen Rosensträuchern und einem kleinen Wasserlauf, bis er eine von Efeu umrankte Schaukel erreichte. Schwanzwedelnd sprang er ein kleines Mädchen, das auf dem Schaukelbrett saß, an und bellte kurz und hell. Tommy, bewaffnet mit einigen Büchern und Schreibutensilien, gesellte sich nur kurz darauf dazu.

"Sind das Ihre Kinder?", fragte der AD mit einem kurzen Nicken in Richtung Schaukel.

Fox nickte. "Tom und Destiny."

"Ich wusste nicht einmal, dass Sie inzwischen verheiratet sind", sagte Skinner und verflocht seine Finger ineinander. "Sie haben das FBI vor über acht Jahren verlassen... Mir scheint, Sie haben daraufhin recht schnell eine Familie gegründet. Ihr Sohn geht ja bereits in die Schule. Wie alt ist er? Sieben?"

"Er wird nächsten Monat acht Jahre alt."

Skinner nickte bedächtig. "Ich glaube, ich kenne nun den wahren Grund, warum Sie das FBI verlassen haben."

"Es war wohl der wichtigste Grund", sagte Fox bestimmt.

Skinner nickte. "Und darf ich fragen, als was Sie jetzt arbeiten?"

"Schriftsteller." Fox lehnte sich zurück. "Ich habe genug gesehen, um Tausende von Büchern zu füllen. Mit den zwölf Romanen, die ich bisher geschrieben habe, habe ich mich bereits in den Bestsellerlisten etabliert."

"Komisch, dass ich nie etwas von Ihnen gehört habe..."

Der ehemalige FBI-Agent grinste. "Kein Wunder, denn ich schreibe unter einem Pseudonym."

"Und das wäre?"

"William Scire."

Skinner war überrascht. "Sie sind das?" Er grinste. "Jetzt weiß ich auch endlich, warum mich "Wolkenreich" an der einen oder anderen Stelle immer so sehr an Ihre Argumentationen erinnert hat."

"Sie haben es gelesen?", fragte Fox amüsiert. "Ich hätte nie geglaubt, dass Sie sich für Fantasy und Sciencefiction interessieren."

Skinner grinste.

 

"Daddy?" Destiny trat an ihren Vater heran und beugte sich über seine Schulter. "Tommy hat gesagt, dass wir heute Abend grillen, stimmt das?"

"Ja." Fox zog die Kleine auf seinen Schoß. Skinner schätzte sie auch fünf oder sechs Jahre. Sie hatte langes und glattes rötlich glänzendes Haar und große, blaugrüne Augen. Der AD blinzelte. Ihm war, als würde er das Mädchen kennen.

Fox schien seinen Blick bemerkt zu haben.

"Ist etwas?"

Skinner hob die Augenbrauen. "Sie können mich für verrückt erklären, Mulder, aber Ihre Tochter sieht Scully wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich."

Der ehemalige FBI-Agent lachte. "Für diese Feststellung erkläre ich Sie bestimmt nicht für verrückt, Sir. Diese Ähnlichkeit liegt den trivialen Eigenschaften der Vererbung zugrunde."

Skinner brauchte einen Moment, um die neue Information zu verarbeiten. "Ich... ich dachte, sie könne keine Kinder mehr bekommen..."

Fox lächelte kaum merklich. "Das hatten wir auch gedacht... - Wissen Sie, als Dana mit Krebs im Krankenhaus lag, dem Krebs, den der Chip verursacht hatte, den sie ein Jahr zuvor hatte entfernen lassen, fand ich etwas, was sie retten würde - das wurde mir wenigstens gesagt. Und das, was ich fand, verursachte die Rückbildung des Tumors, des Geschwürs zwischen ihrer Nasenhöhle und ihrem Cerberum. Es galt als inoperabel... Es war ein Wunder. Und ich weiß nicht, ob es daran lag, ob es das war... - es scheint auch noch weitere Wunder vollbracht zu haben..."

Skinner war noch immer verwirrt. "Also war Scullys Schwangerschaft der eigentliche Beweggrund, das FBI zu verlassen?"

Fox nickte.

"Daddy, was ist das FBI?", fragte Destiny auf Fox' Schoß.

"Bundesagenten!", krähte Tommy hinter ihr. "Mensch Dee, guckst du denn nie Fernsehen?"

"Und bei denen warst du?" Das Mädchen blickte neugierig zu ihrem Vater auf, der kurz lächelte.

"Ein paar Jahre."

"Wie viele?"

"Zehn."

"Wow!"

 

Twister spitzte auf einmal die Ohren und sauste dann kläffend durch die Tür ins Wohnzimmer.

"Mom kommt!", rief Destiny und sprang von Mulders Schoß.

"Wird auch Zeit", murrte Tommy. "Normalerweise hätte sie schon vor einer knappen Stunde hier sein sollen!"

Skinner blickte erwartungsvoll zur Tür, durch die nun Dana Scully - nein, Mulder - nach draußen trat, beladen mit einer großen Einkaufstüte. Sie hatte ihr schulterlanges Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und trug eine kurze Jeans mit einer grünen Bluse.

"Du bist spät", sagte Tommy vorwurfsvoll.

Sie strich ihrem Sohn lächelnd über den Kopf. "Ich weiß, Schatz, aber wir hatten noch einen Notfall." Dann bemerkte sie den Besucher. "Direktor Skinner?", fragte sie irritiert.

Tommy sah sie schräg an. "Du kennst ihn auch?" Langsam kam ihm die ganze Sache sehr verdächtig vor.

Der AD erhob sich von seinem Stuhl und streckte Dana die Hand hin. Sie nahm sie zögernd.

"Muss ich jetzt Mrs. Mulder zu Ihnen sagen?", fragte er grinsend.

Sie stellte die braune Einkaufstüte, die sie bis eben noch immer im linken Arm gehalten hatte, auf den Tisch und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

"Das werden Sie wohl", erwiderte sie, während sie ihr Lächeln wiederfand. "Aber Sie können auch ruhig Dana sagen. Das stört mich nicht."

Sie beugte sich zu Fox hinab, um ihn mit einem kurzen Kuss zu begrüßen. "Vince hat mich angesprochen", teilte sie ihm mit. "Du sollst ihn heute Abend mal anrufen."

Er nickte, bevor er nach der Einkaufstüte griff. "Ich bringe das schnell rein", sagte er, bevor er ins Haus ging.

 

Scully ließ sich auf den Stuhl fallen, in dem zuvor ihr Mann gesessen hatte, und sah Skinner neugierig an.

"Was treibt Sie zu uns? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie bloß einen Freundschaftsbesuch machen wollten."

"Sie haben Recht, Dana. Ich bin aus beruflichen Gründen hier. Obwohl es mich freut, Sie beide wiederzusehen. Ich habe lange nichts von Ihnen gehört..."

"Tja, wir sind nur im Bureau auffällig", grinste sie.

"Ja, es ist schade, dass Sie nicht mehr bei uns sind..."

Dana sah ihn an. "Wir hätten so nicht weitermachen können, das wissen Sie. Wir mussten uns entscheiden. Entweder für uns, oder für unsere Karriere."

"Sie meinen..."

"Natürlich!" Dana lachte. "Glauben Sie etwa, wir hätten das nicht gewusst? Anfangs dachten wir, es würde schon gehen. Wir hielten unsere Beziehung geheim. Doch das wollten wir dann nicht mehr, noch weniger, als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Dann stand unsere Entscheidung endgültig fest. Also haben wir unseren Dienst quittiert, haben geheiratet, sind hierher gezogen und haben uns eine neue Arbeit gesucht. Fox schreibt nun seine Romane und Abhandlungen, diverse Sachtexte für verschiedene Zeitschriften, und ich habe eine kleine Arztpraxis unweit von hier in der Stadt." Sie grinste. "Ich will ja nicht beleidigend klingen, aber das jetzige Leben ist einfacher. Außerdem sind wir finanziell besser versorgt, als beim FBI."

"Das wundert mich nicht", erwiderte Skinner lächelnd. "Und glauben Sie mir, ich gönne Ihnen das, was Sie sich aufgebaut haben. So ein Haus wie dieses wäre ein Wunschtraum für mich."

"Dann wechseln Sie Ihren Job", erwiderte sie leichthin.

 

Fox war inzwischen wieder in den Garten gekommen und setzte sich auf den freien Stuhl zwischen Dana und Skinner. Auffordernd sah er den AD an.

"Na dann, spucken Sie's schon aus", sagte er und verscheuchte unwirsch eine Fliege von seiner Stuhllehne. "Was ist der Grund für Ihr Kommen?"

Als hätte Skinner bloß auf diese Frage gewartet, zog er ein Foto aus der Jackentasche und legte es auf den Tisch.

"Ich möchte lediglich wissen, was Sie davon halten", sagte er langsam.

Die beiden Ex-FBI-Agenten beugten sich beinahe gleichzeitig nach vorn und betrachteten das Foto. Es war bei Nacht aufgenommen worden. Es zeigte eine große Wiese, die nach hinten abfiel, ein kleiner Bachlauf schlängelte sich durch das Gras. Im Hintergrund stand eine Baumgruppe. Der Himmel war leicht bewölkt, der Mond war nur zur Hälfte zu sehen. Und mitten auf dem Foto war es: Ein großes rundes Objekt, nur schemenhaft zu erkennen, mit drei gleißenden Punkten, die die Nacht erhellten...

Fox holte kurz Luft, schob das Foto dann aber entschieden über den Tisch. "Wir sind für so etwas nicht mehr zuständig", sagte er scharf.

"Das weiß ich doch, Fox." Skinner schob das Foto wieder zurück. "Ich will doch bloß Ihre Meinung dazu hören, das ist alles. Das würde mir wirklich sehr weiterhelfen."

"Ach?" Fox verzog spöttisch die Lippen. "Sie machen sich also den langen Weg von Washington nach Massachussetts, nur um mit dem allseits unbeliebtesten FBI-Agenten der Geschichte zu reden, mit dem Mann, der zu seiner Dienstzeit kleinen grünen Männchen hinterher jagte, überall Verschwörungen witterte, als "Spooky"-Mulder bezeichnet wurde, als paranoid galt und der durch seine unorthodoxen Ermittlungsmethoden zu einem Dorn in den Augen seiner Vorgesetzten wurde? Skinner, Sie sind doch verrückt!"

Der unverhohlene Spott in Fox' Stimme verwirrte den Assistant Director. "Ich bin nicht hier, um Ihre Arbeit beim FBI zu kritisieren, im Gegenteil. Ich brauche Ihre Hilfe, Fox!" Er lehnte sich über den Tisch. "Diese Aufnahme stammt von einem Zeugen des Spektakels, das sich in Pennsylvania abspielte. Dabei verschwand unter anderem Senator George Willis, einer der einflussreichsten Männer der Vereinigten Staaten. Und wir sollen diesen Fall aufklären. Dazu muss ich wissen, ob das da dem entspricht, was Sie angeblich so oft gesehen haben!"

Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück, den Blick voll von unverminderter Schärfe und innerem Widerstand. "Ich habe vieles gesehen, aber ich halte es für angebracht, nicht mehr darüber zu reden. Solange ich auf all das gepocht habe, was ich als Wahrheit empfand - was auch die Wahrheit ist - hat man mich verfolgt, versucht zu diskreditieren, zu erpressen, zu töten. Vergessen Sie's also, Skinner! Selbst wenn ich mit hundertprozentiger Sicherheit wüsste, was das da ist und was in Pennsylvania vorgefallen ist, ich würde darüber schweigen. Ich werde für eine Sache, mit der ich offiziell nichts zu tun habe, nicht meine Familie in Schwierigkeiten bringen." Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Stuhl. "Es tut mir leid, aber Sie sind umsonst hierher gekommen!"

"Agent Mulder!" Skinner erhob sich ebenfalls, dabei wurde ihm bewusst, dass er sein Gegenüber mit einem Titel angesprochen hatte, der diesem schon lange nicht mehr zustand. Fox sah das ebenso.

"Den Agenten können Sie sich sparen, Skinner!", keifte er daher. "Wenn Sie glauben, dass Sie es mit einem lumpigen Foto schaffen, mich ins Bureau zurückzubringen, haben Sie sich geschnitten! Mit dem FBI habe ich nichts mehr am Hut! Das ist abgehakt! Es ist Vergangenheit!" Er beugte sich ein Stück nach vorn, sprach nicht mehr ganz so laut und wütend, aber immer noch scharf. "Ich habe gelernt, Skinner! Ob Sie es glauben oder nicht, in den sieben Jahren mit den X-Akten ist mir einiges klar geworden. Ich weiß noch sehr gut, zu welchem Leben man verdammt ist, wenn man die Wahrheit kennt und diese auch noch zu beweisen versucht. Ich möchte nicht wissen, wie oft ich um mein Leben gelaufen bin, wie oft ich mich und Dana in Gefahr gebracht habe, viel zu oft völlig unnötig sogar. All das, was uns in diesen Jahren zugestoßen ist, wäre niemals geschehen, hätte ich meine Finger von den X-Akten gelassen! Sie sind Dynamit, Skinner! Zeitbomben! Ein falscher Schritt, und sie gehen hoch, zerreißen Sie in der Luft! Ich hatte verteufeltes Glück, und das über Jahre hinweg. Doch ich bin nicht mehr der, der blind auf sein Glück vertraut. Früher, ja, da war ich unerschrocken, zu jeder Tour durch die Hölle bereit, nur um ein winziges Puzzlestück zu finden und es in dem gewaltigen Bild einzufügen, das niemals komplett sein würde. Ich war besessen von der Wahrheit, bereit, alles dafür zu geben, meine Kraft, meinen Mut, meinen Glauben. Ich habe mit dem Teufel gehandelt, Skinner! So oft stand ich am Rande des Abgrundes, hin und her gerissen zwischen verschiedenen Welten, Theorien, Ansichten und Parteien, zwischen dem FBI, der Konspiration, der Isolation, dem Licht, der Fremde und der Finsternis. Skinner, ich habe weder die Kraft noch den Willen, das noch einmal zu tun, selbst wenn Sie mir sagen, dass es das letzte Mal sein wird! Das letzte Mal war vor acht Jahren!" Fox ließ sich von plötzlicher Müdigkeit ergriffen in seinen Stuhl zurückfallen. "Ich bin nicht mehr der von damals. Ich habe andere Ziele. Warum soll ich mich freiwillig in Gefahr begeben? Warum soll ich mutig sein, wenn ich es nicht sein muss? Sie stehen nicht mehr vor dem unermüdlichen Jäger von damals, Skinner..."

Der AD starrte Fox lange an, unfähig, etwas zu sagen. Er hatte an diesem Tag schon viele Überraschungen erlebt, doch das hier war wahrlich die größte.

"Sie haben aufgegeben", sagte er langsam.

Fox blickte ihn schweigend an, seine haselnussbraunen Augen schienen erfüllt von Schmerz, Verzweiflung, aber auch Trotz. Dana neben ihm hatte den Blick gesenkt, starrte schweigend auf die Tischplatte.

"Wissen Sie nicht mehr, was Sie einmal gesagt haben, Fox?", fragte Skinner langsam. "Wenn wir aufgeben, gewinnen die... Hören Sie, ich..."

"Die sind Vergangenheit!", schnitt ihm Fox das Wort ab. "Für die existiere ich nicht mehr, seitdem sie auch nicht mehr für mich existieren! Ich bin kein Feind mehr für sie, also lassen sie mich in Ruhe! Sobald ich mich jedoch wieder rühre, nur das kleinste Zeichen von mir gebe, dann stehe ich wieder auf ihrer roten Liste! Und sie finden mich schneller, als Sie denken, Skinner!"

Der AD schüttelte den Kopf. "Fox, auch wenn Sie sich noch so geändert haben mögen, Sie sind noch genauso paranoid wie vor acht Jahren!"

"Nicht ohne Grund", erwiderte der ehemalige FBI-Agent bedeutungsvoll, bevor er aufstand und zur Terrassentür ging. "Es war schön, Sie nach all der Zeit mal wiederzusehen, Direktor Skinner, aber Ihren Wunsch werde ich Ihnen nicht erfüllen können." Die Geste in Richtung Wohnzimmer war eindeutig. Fox forderte seinen ehemaligen Vorgesetzten dazu auf, zu gehen. Und ein kurzer Blick in Danas Augen verriet Skinner, dass sie die Entscheidung ihres Mannes nicht nur akzeptierte, sondern auch teilte. Und er wusste, sie hätte Fox gar beschimpft, hätte er sich Skinner gegenüber sofort kooperativ gezeigt, auf alte Theorien gepocht. Nein, sie hätte das nicht geduldet. Nicht nach all dem, was geschehen war...

 

Der AD nickte langsam, bevor er aufstand und Fox durch das Haus zur Tür folgte. Im Flur wandte er sich zum letzten Mal an den ehemaligen Agenten und reichte ihm das Foto.

"Behalten Sie es", sagte er. "Vielleicht sehen Sie es sich doch noch einmal genauer an und beschließen, mir zu helfen. Wenn, dann wissen Sie ja, wo ich zu erreichen bin..."

"Sie werden umsonst auf meinen Anruf warten müssen", erwiderte Fox kühl und ließ das Foto achtlos auf den kleinen Sekretär im Flur fallen. Dann öffnete er dem AD die Tür, und Skinner trat durch sie hinaus.

"Auf Wiedersehen, Fox", sagte er.

'Das bezweifle ich', dachte Mulder.

"Bye", sagte er daher, bevor er die Tür wieder schloss. Durch das Fenster konnte er sehen, wie Skinner in sein Auto stieg und nach einem kurzen Zögern anfuhr. Schon bald war sein Wagen in der nächsten Straße verschwunden...

 

* * * * *

 
am späten Abend, Chicópee / Massachussetts

 

Es war ruhig geworden in den Straßen. Nicht, dass es in Chicópee jemals den Geräuschpegel einer Großstadt annahm, vor Allem nicht hier in der etwas abseits gelegenen Villengegend, in der das Haus der Mulders stand, dennoch war es jetzt beinahe gespenstisch still. Keine einzige kleine Windböe ließ die Kronen der Ahornbäume rauschen, kein Vogel war zu hören, nicht einmal das entfernte Geräusch der in den Feldern zirpenden Grillen.

Fox Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück und strecke die Beine von sich, die ihm eingeschlafen waren. Er seufzte leise und warf dann einen kurzen wiederholten Blick nach oben. Was er sah, war die Vergangenheit. Er sah in Lichter, die schon lange nicht mehr so waren, wie sie ihm jetzt erschienen. Denn all die Lichter hatten seit ihrer Geburt eine lange Reise angetreten, einige von ihnen sogar schon lange, bevor es hier auf der Erde die ersten Menschen gegeben hatte...

Fox schüttelte den Kopf. 'Hör auf', befahl er sich. 'Verdammt noch mal, hör auf damit!'

Er zwang sich, den Blick von dem klaren Sternenhimmel abzuwenden, und massierte geistesabwesend seine Stirn.

'Warum?', fluchte er in Gedanken. 'Warum denn nur?'

Er konnte nicht anders, als erneut hinaufzuschauen, in das gleißende Angesicht des Orion, des Großen Bären oder des Herkules zu sehen. Er fand die Sternbilder des Drachen, der Jagdhunde und der Nördlichen Krone, sah die großen Sterne mit den ungewöhnlichsten Namen, wie den Pollux, den Prokyon, die Wega und den Aldebaran, über dem die sechs Sterne der Plejaden leuchteten. Er sah den Adler, den Delphin, den Andromedanebel und das Sternbild der Kassiopeia.

Kassiopeia...

Fox versuchte, seinen Gedanken Einhalt zu gebieten, doch sie flossen unaufhaltsam, ganz von allein, ohne seinen Willen. Wiederholten Informationen und Eindrücke, die er schon so lange aus seinen Erinnerungen verbannt hatte.

 

1667 leuchtete die um 10.000 Lichtjahre entfernte Sternengruppe zum ersten Mal auf, Überreste einer gewaltigen Supernova, die schon länger zurücklag, als es sich die Menschheit vorstellen konnte. Eine Supernova, bei der die große Sonne, die Schedir, gleich einem Hefekuchen aufging, um kurz darauf zu explodieren, in tausend Teile zu zerspringen. Eine Supernova, die eine ganze Galaxis zerstörte, die Bewohner eines dort befindlichen Planeten dazu zwang, sich neuen Lebensraum zu suchen...

Fox Mulder holte merklich Atem, schnappte wie ein Fisch im Trockenen nach Luft. 'Nein', befahl er sich, 'nein, lass das nicht wieder an dich herankommen!'

Zu spät.

Kassiopeia...

Das Sternbild, das Cassandra Spender an ihr Fenster gezeichnet hatte, das sie dazu gezwungen hatte, zum Ruskin-Damm in Pennsylvania zu gehen. Nicht nur sie war von unerklärlichen Kräften dorthin gelotst worden, sondern auch unzählige andere Menschen, unter ihnen auch Dana...

Zehn Jahre. Zehn Jahre vergangen...

Fox begann zu zittern. Vor seinem inneren Auge erschienen sie wieder, all die Bilder, all die schrecklichen Szenen. Szenen der Ungewissheit, Szenen der Furcht. All die Angst von damals ließ ihn in seinem tiefsten Inneren erbeben, ließ sein Herz schneller schlagen. Sein Verstand arbeitete, ohne dass er ihm den Befehl dazu gegeben hatte. Etwas in ihm bäumte sich dagegen auf, doch schaffte es nicht, den sich im Geiste formenden Worten Einhalt zu gebieten.

Das Foto. Fox griff nach dem Foto, das in seiner Hosentasche steckte, starrte es an. Die Lichter, die Spiegelungen, die unverkennbare Silhouette...

Ja, sie waren es. Sie waren es schon immer gewesen.

Kassiopeia...

Plötzlich, von einem Moment zum nächsten, war sein Kopf wieder frei, die Bilder verschwanden, und mit ihnen die Angst. Er war wieder hier, im Garten, den Hals verrenkt, um die Augen gen Himmel richten zu können. Er blinzelte, ließ den Kopf wieder sinken. Er vergrub sein Gesicht in den noch immer zitternden Händen, verharrte bewegungslos, zwei, drei Minuten.

'Du Narr!', verfluchte er sich. Und doch wusste er gleichzeitig, dass es nichts helfen würde. Es war bereits zu spät. Der erste Schritt war getan, und er konnte nicht mehr zurück.

 

Ruckartig stand er auf und ging über die Terrasse zurück ins Haus. Die meisten Lichter waren bereits gelöscht, die Kinder schliefen tief und fest. Auch Dana war bereits zu Bett gegangen.

Fox huschte in sein Arbeitszimmer und schloss behutsam die Tür hinter sich. Er ließ sich in seinen Ledersessel fallen und schaltete die Lampe auf dem Schreibtisch an. Dann wirbelte er in seinem Stuhl herum, starrte auf das prall gefüllte Bücherregal, das die gesamte Wand auf dieser Seite einnahm. Langsam beugte er sich vor und zog die gesammelten Werke von Shakespeare heraus, stapelte die schweren Bücher auf seinem Tisch. Dann langte er in die nun frei gewordene Öffnung und zog einen silbernen Aktenkoffer heraus. Behutsam legte er ihn auf die Tischplatte, tastete nach dem Sicherheitsschloss. Konzentriert gab er die Kombination ein. Das Schloss schnappte auf, und Fox klappte den Deckel zurück. Er umfasste den gewaltigen Stapel von Pappordnern und hob ihn aus dem Koffer, den er zurück auf den Boden stellte. Ordner für Ordner schob er beiseite, überflog die Nummern und die Jahreszahlen. 1994, 1995, 1996...

Da! Aktennummer 97X08-1159.

Mit fliegenden Fingern durchblätterte Fox die knapp vierzig Seiten umfassende Akte, bis er die Klarsichtfolie mit dem Fotoumschlag fand. Er sah die Bilder durch, las die Bemerkungen auf der Rückseite, blätterte im Ordner einige Seiten zurück, bis er die Äußerungen von Cassandra Spender fand, die er einst notiert hatte. Er fand die PEER-Daten und fuhr mit dem Zeigefinger über die Zeilen.

"Unter den Außerirdischen ist ein Krieg ausgebrochen..."

Einige Zeilen weiter, eine Aussage von Alex Krycek:

"Kasachstan und Skyland Mountain. Dieser Ort in Pennsylvania... Alles außerirdische Leuchttürme, wo die Eroberung beginnen soll. Wo nun ein Kampf ausgefochten wird. Es wird gerungen um Himmel und Erde..."

Fox erschauderte. Diese Worte waren ihm noch so vertraut, als hätte sie Krycek erst vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Er konnte sich noch genau an den Abend vor zehn Jahren zurückerinnern, als ihn sein ehemaliger Partner und Überläufer zum Konsortium aufgesucht hatte, um ihn über den Krieg in Kenntnis zu setzen. Und er brauchte nicht einmal weiterzulesen, um den genauen Wortlaut des ehemaligen FBI-Agenten zu wiederholen:

"Es gibt nur ein Gesetz: Kämpfe oder stirb. Und nur eine Regel: Widerstehe oder diene..."

Fox schloss die Augen, sah Krycek vor sich, im Halbdunkel seines alten Apartments in Washington, wie er langsam, aber eindringlich auf ihn einredete.

"Ich bin von einem Mann geschickt worden. Und dieser Mann weiß genauso wie ich, dass Widerstand in unserer Macht liegt..." Er hatte Fox bedeutungsvoll angesehen. "Und in Ihrer..."

'Nein!' Fox versuchte, die Erinnerungen zu vertreiben. Vergeblich.

"All die Massenvernichtungen waren Anschläge außerirdischer Rebellen", sprach Krycek weiter, so als würde er direkt neben ihm stehen. "Um die Okkupationspläne zu stören. Jetzt wird einer von diesen Rebellen gefangengehalten. Und wenn der stirbt, dann stirbt auch der Widerstand..."

Als Alex Krycek geendet hatte, vernahm Fox die Stimme von Skinner.

"Sie haben aufgegeben, Fox..."

Und dann, seine eigene Stimme, aus tiefer Vergangenheit:

"Ich weiß nicht, ob ich es allein tun will. Ich weiß auch nicht, ob ich es kann... - Aber wenn ich aufgebe, gewinnen die..."

"Sie haben aufgegeben..."

Fox schlug die Akte zu und stopfte sie zusammen mit all den anderen zurück in den Koffer, schloss den Deckel und lehnte sich nach Luft schnappend in seinem Sessel zurück. Das Foto, das ihm Skinner heute gebracht hatte, lag noch immer auf dem Tisch. Fox griff nach ihm, starrte es an. Dann drehte er es herum. Auf der Rückseite standen nur zwei Worte: Ruskin-Damm / Pennsylvania.

Einer der außerirdischen Leuchttürme...

Der Krieg war also noch immer nicht zu Ende.

Fox starrte auf die Worte, dann wieder auf das Bild. Erneut kamen ihm Kryceks Worte in den Sinn:

"Jetzt wird einer von diesen Rebellen gefangengehalten. Und wenn der stirbt, dann stirbt auch der Widerstand..."

Und plötzlich wusste Fox, dass er selbst ein Rebell war. Ein Rebell, der in seinem Innern gestorben war - und mit ihm der Widerstand.

Ja, er hatte aufgegeben...

"Es gibt nur ein Gesetz: Kämpfe oder stirb. Und nur eine Regel: Widerstehe oder diene..."

Fox griff nach dem Telefon. Es war ihm egal, dass es schon kurz nach Mitternacht war. Er wusste, dass er Skinner erreichen würde...

 

* * * * *

 
J. Edgar Hoover Building, Washington, D.C., 0.21 Uhr

 

Skinner rückte die Brille auf seiner Nase zurecht und gähnte kurz. Energisch klappte er die Akte zu, die vor ihm auf dem überladenen Schreibtisch lag.

'Schluss für heute', sagte er zu sich selbst und schob den Ordner, in dem er gerade geblättert hatte, in das Regal hinter sich.

Er begann seinen Schreibtisch aufzuräumen, legte die Blätter vom George Willis-Fall zurecht und klopfte die dazugehörigen Fotos auf dem Tisch zu einem ordentlichen Stapel.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Der AD runzelte die Stirn, griff jedoch sofort nach dem Hörer.

"Skinner?"

"Ich bin's."

"Fox?"

Der stellvertretende Direktor ließ sich überrascht auf seinen Stuhl zurücksinken.

"Ja."

"Ich dachte mir, dass Sie anrufen würden", sagte Skinner langsam. "Und es freut mich, dass Sie mir trotz allem helfen."

Nach einer kurzen Pause: "Walter, ich... ich habe es schon einmal gesehen. Dieses Objekt, meine ich. Mehrere Male sogar..."

Skinner wartete schweigend auf weitere Informationen. Er wusste, dass er den ehemaligen Agenten nicht drängen durfte. Fox Mulder würde nur das erzählen, was er bereit war, von sich preiszugeben. Und wie weit er gehen würde, wusste Skinner noch nicht. Er hoffte, weit genug, um in dem Fall weiterzukommen.

"Das Foto, das Sie mir dagelassen haben, wurde am Ruskin-Damm aufgenommen", fuhr Fox fort. "Dort, wo im Jahre 1997 ein gewaltiges Massaker stattfand, bei dem Cassandra Spender verschwand, und bei dem auch Dana anwesend war..." Er zögerte kurz. "Kurz nach diesem Vorfall erhielt ich eine Information von einem Mann, dessen Namen ich hier und jetzt nicht nennen möchte. Er sagte mir, dass dieser Damm, ebenso wie Skyland Mountain und einige andere Orte, sogenannte Leuchttürme seien, gekennzeichnete Stellen für extraterrestrische Lebensformen, Ausgangspunkte für deren Kolonialisierung und der Eroberung der Erde..."

Er stockte. Skinner hörte, wie er scharf einatmete, so als bereue er, all das gesagt zu haben.

"Bitte, sprechen Sie weiter", bat ihn der Assistant Director.

Wieder eine kurze Pause. Dann fuhr Fox Mulder fort: "Doch war das Massaker nicht die Tat der Eroberer, sondern der Rebellen, die sich mit der Konspiration zusammengetan haben. Die Außerirdischen haben sich in zwei Parteien aufgeteilt und führen untereinander einen erbitterten Krieg um diesen Planeten. So jedenfalls legte es mein Informant aus. Die Rebellen vernichteten bei diesem Massaker unzählige Menschen, die über ein Implantat im Nacken verfügen, somit also unter der Kontrolle der anderen Partei stehen. Sie wollten ihnen diese Kontrolle nehmen, zu diesem Zweck haben sie die Menschen getötet... Das war es, was ich damals erfuhr. Ob das alles wahr ist, weiß ich nicht. Und ich weiß auch nicht, ob ich daran glauben soll..."

"Könnten Parallelen zu dem Fall bestehen, den wir gerade bearbeiten?", fragte Skinner vorsichtig.

"Das weiß ich nicht. Wie viele Menschen sind bei dem Vorfall verschwunden?"

"Nur zwei. Der Senator und ein Mädchen namens Sarah Killigan. Allerdings fand man - wie am Ruskin-Damm vor zehn Jahren - unzählige Brandopfer. Hundertzwölf Menschen, davon hundertacht Tote."

"Dann besteht durchaus ein Zusammenhang", sagte Mulder leise. "Wenn es diesen kosmischen Krieg gibt, dann ist er noch nicht vorbei, und die Rebellen fahren mit ihrer Säuberungsaktion fort..."

"Was genau bedeutet das?"

"Kämpfe, oder stirb", sagte Mulder leise. "Widerstehe, oder diene."

"Fox..."

"Das sind die einzigen Regeln, die noch Geltung besitzen, Walter. Vergessen Sie den Senator. Wenn er von den Rebellen am Leben gelassen wurde, wird er zurückkehren. Kümmern Sie sich lieber darum, dass so ein Massaker nicht mehr geschieht!"

"Aber..."

"All diese Menschen, die dort hinweggeschlachtet werden, tragen Implantate in ihrem Körper. Sie sind auserwählt. Nur ihnen steht ein solcher Tod bevor. Finden Sie diese Menschen und lassen Sie sie beobachten! Sie werden Sie zu diesen Schauplätzen führen, und wenn das alles, was ich Ihnen gesagt habe, die Wahrheit ist, dann werden Sie diejenigen sehen, die mit der Schattenregierung zusammenarbeiten, die - wie es mir scheint - noch immer äußerst aktiv ist. Sie haben noch immer keinen effizienten Wirkstoff gegen das außerirdische Virus gefunden, jedenfalls keinen, der dazu in der Lage wäre, die gesamte Menschheit zu schützen. Darum töten sie die Versuchskaninchen der Gegenpartei, versuchen ihnen die Möglichkeit zu nehmen, sich parasitär zu vermehren. Ich weiß nicht, ob es sich bei den beiden Parteien auch um zwei verschiedene Spezies handelt, jedenfalls sehen sie verschieden aus. Und Sie, Walter, Sie können sie sehen, dann haben Sie Ihren Beweis. Und dann brauchen Sie mich auch nicht mehr. Also, suchen Sie Leute, die dieses Implantat haben. Sie tragen die Antwort in sich! - Viel Glück!"

Skinner schnellte nach vorn. "Fox!"

Doch er bekam keine Antwort. Fox Mulder hatte bereits aufgelegt...

 

* * * * *

 
wenige Minuten später, Chicópee / Massachussetts

 

Es war kurz vor ein Uhr in der Nacht, als Fox endlich ins Bett kroch. Er gab sich Mühe, leise zu sein, dennoch drehte sich Dana zu ihm um.

"Wo warst du so lange?", fragte sie leise, und ihre Augen blitzten matt in der Dunkelheit auf.

"Warum schläfst du noch nicht?", erkundigte er sich, während er sich in die Kissen zurücksinken ließ und die Bettdecke zurechtzupfte, wohlwissend, ihre Frage umgangen zu haben.

"Du hast mit Skinner telefoniert?"

Er fühlte sich ertappt, wagte es jedoch nicht, sein Telefongespräch zu leugnen. "Ja, ich habe ihn angerufen."

Nun drehte sich Dana gänzlich zu ihm um. "Was hast du ihm gesagt?"

Er seufzte leise, bevor er nachgab. "Ich habe mir das Foto noch einmal angesehen. Auf der Rückseite war der Ort notiert, wo das Ganze geschehen ist: Am Ruskin-Damm in Pennsylvania."

Dana schwieg betroffen. Die Erinnerungen an diesen Ort waren noch immer da. Sie spürte, wie sie erschauderte, als sie an diese Nacht dachte, diese Nacht, die schon so lange zurücklag, aber dennoch so nahe, so schrecklich greifbar zu sein schien.

"Fox, du wirst doch nicht etwa doch ins Bureau zurückgehen?", fragte sie, und Angst und Strenge zugleich schwangen in ihrer Stimme.

"Nein, das werde ich nicht", erwiderte er ruhig, aber bestimmt. "Und ich werde mich auch nicht dazu bewegen lassen, zu diesem Ort zu fahren. Ich habe Skinner lediglich geschildert, was damals vorgefallen ist."

"Und?"

"Ich habe ihn gewarnt, mehr nicht, Dana." Er starrte an die Decke. "Was für mich einst Deep Throat oder Mr. X waren, bin ich nun für Skinner. Und ich werde ihm nur dann Informationen geben, wenn ich es für richtig halte."

"Glaubst du, dass du dabei kein Risiko eingehst?", fragte sie zweifelnd.

"Glaubst du, dieses Haus sei verwanzt?", stellte er eine Gegenfrage. "Solange ich sie nicht auf mich aufmerksam mache, werden sie nicht einmal an uns denken!" Er blickte sie an. "Aber ich kann nicht schweigen, Dana, das weißt du. Die Angst vor denen ist größer, als die vor der Konspiration. Und wenn es sie wirklich gibt, was wir ja wissen, und wenn sie noch immer versuchen, diesen Planeten zu kolonisieren, dann muss auch ich meinen Teil dazu beitragen, dass dies nie geschehen wird."

Sie nickte zögerlich. "Ich verstehe, was du meinst. Und ich weiß auch, dass du Recht hast..." Sie streckte ihre Hand aus und umschloss zärtlich die seine. Dann rutschte sie zu ihm heran, kuschelte sich an seinen warmen Körper. Er legte seine Arme um sie, drückte sie an sich, strich durch ihr weiches Haar. Sanft küsste er ihre Stirn.

"Ich liebe dich", wisperte er, von seinen inneren Gefühlen überwältigt, die jedes Mal wie eine große warme Welle in ihm aufstiegen, wenn er ihr so nah war, wenn es Momente wie diesen gab. Es gab keinen anderen Menschen auf der gesamten Welt, für den er so empfand, wie für sie. Für sie war er alles, was er für andere nicht war. Für sie war er selbstlos und sanft, offen und kompromissbereit. Für sie und die Kinder. Sie waren seine Familie, die einzigen Menschen, die es wert waren, dass er sich ihnen offenbarte, ganz er selbst sein konnte. Andere Menschen kannten ihn bloß als misstrauischen und vor Allem schwierigen Mann, dieses Image war ihm besonders beim FBI inne gewesen. Man hatte ihn für einen Querulanten gehalten, einen Exoten. Seinen Vorgesetzten war er stets ein Dorn im Auge gewesen, weil er unnachgiebig und stur gewesen war. War er von einer Sache überzeugt gewesen, hatte er sich diese Überzeugung von niemandem nehmen lassen. Seine ehemaligen Kollegen kannten ihn als einen Mann, der zu emotional handelte, mit dem die Gefühle allzu oft durchgingen, der nicht rational genug war und gegen so viele Logiken wie nur möglich verstieß, sich gegen sie aufzulehnen schien. Ja, er war oft wütend geworden, hatte getobt und gedroht, so manchen einflussreichen Mann zu seinem Feind gemacht. O ja, er war wirklich ein Rebell gewesen. Und irgendwo in ihm lebte dieser Rebell noch immer. Er schlief, tief und fest, wie Dornröschen, nur darauf wartend, geweckt zu werden. Doch Fox wusste nicht, ob er diesen Rebellen wecken oder auf Ewig ruhen lassen wollte...

Dana umfasste ihn fester, ihre Berührungen ließen seine Gedanken versiegen. Was bedeutete schon dieser Rebell? Was bedeutete die Vergangenheit? Die Vergangenheit lag hinter ihm, war nicht mehr Teil seines Lebens - jedenfalls kein ausschlaggebender.

Seine Lippen suchten die ihren, er küsste sie zärtlich. Dana schlang die Arme um seine nackten Schultern. Er spürte eine ihrer Hände, die auf seinem Rücken ruhte, während die andere seinen Kopf hielt, durch sein Haar fuhr, während sie sich küssten, lange und innig. Er spürte das wohlige Gefühl von Haut an Haut, sog ihren Duft ein.

"Ich liebe dich", wiederholte er, etwas atemlos.

Sie sah ihn an, suchte den Kontakt zu seinen warmen braunen Augen, die sie so liebte. Er sah sie an, mit diesem zärtlichen Blick, der seit Jahren nur ihr allein gehörte. Seine Fingerspitzen fuhren die Konturen ihrer Augenbrauen nach.

"Ich liebe dich auch, Fox", wisperte sie. "Ich liebe dich auch."

Und dann schmiegte sie sich an seine Seite, spürte, wie er den Arm um sie legte, und schloss zufrieden die Augen. Nur wenige Minuten später hatte sie der Schlaf bereits übermannt...

 

* * * * *

 
am nächsten Tag, Chicópee / Massachussetts

 

Ein dunkler Wagen hielt unweit der Dorrane-Street vierundzwanzig. Der Mann am Steuer lehnte sich seufzend zurück, während er das Haus betrachtete. Es war ein schönes Haus mit einem großen, gepflegten Vorgarten und einer breiten Hofeinfahrt. Ein großer Kastanienbaum spendete Schatten, über dem Garagentor hing ein Basketballkorb. Auf der Einfahrt selbst stand ein schwarzer Ford Mondeo.

Der Mann schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an. Langsam und nachdenklich blies er den Rauch der Morley aus, starrte unverwandt auf das Haus.

Die Frau neben ihm wirkte nervös. Sie hatte langes gelocktes Haar, ein schmales ebenmäßiges Gesicht und sanfte braune Augen.

Der alte Mann drehte sich zu ihr um, musterte sie kurz. "Gehen wir", sagte er.

Sie stiegen aus und gingen nebeneinander zum Haus. An der Tür angekommen, klingelte die junge Frau nach einem kurzen Zögern.

Es dauerte nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde.

"Samantha!"

Fox Mulder prallte zurück, als er seine Schwester erkannte. Er war überrascht. Doch zu der Überraschung mischte sich Furcht, als er den Mann neben ihr gewahrte.

'Sie haben mich gefunden!', dachte er, und ein Schauer lief über seinen Rücken. C.G.B. Spender, der berühmte Cigarette-Smoking-Man. Der Mann, der ihn jahrelang betrogen und belogen hatte. Der Mann, der ihm seine Schwester weggenommen hatte. Der Mann, der behauptete, Samanthas und Fox' richtiger Vater zu sein. Der Mann, der Fox' schlimmster Feind war. Der Mann, der eine ausschlaggebende Rolle innerhalb der Konspiration spielte...

Fox spürte, wie sein Herz schneller schlug, und er musste sich anlehnen, denn ihm wurde schwindlig.

"Dürfen wir kurz reinkommen?", fragte Spender mit ruhiger Stimme.

Der ehemalige FBI-Agent hob den Blick, starrte ihn an. Eine Mischung aus Hass und Furcht. Seine Augen flimmerten.

"Warum?" Seine Stimme klang gebrochen.

"Bitte, Fox." Samantha sah ihn flehend an. "Es ist wichtig!"

Er war überrumpelt worden! Diese Tatsache erkennend, ließ Fox widerstandslos die Tür aufschwingen. Er würde sich nicht wehren können.

"Aber lassen Sie die Zigarette draußen, Spender!", zischte er.

Der alte Mann leistete seiner Bitte Folge und zertrat die Morley am Boden. Dann trat er ein, gefolgt von Samantha.

Tom kam aus der Küche geschossen. "Dad, wer ist denn da?" Neugierig starrte er die für ihn fremden Leute an.

"Alte Bekannte", erwiderte sein Vater vieldeutig, während er die beiden Besucher die Treppe hinaufmanövrierte. Oben angekommen drehte sich Samantha fragend zu ihrem Bruder um.

"War das Tommy?"

Fox musterte misstrauisch den alten Mann. Er wusste alles, er spürte es. Sie hatten ihn nie aus den Augen gelassen. Sie hatten nach wie vor die Macht, über sein Leben zu bestimmen. Und dieser Gedanke machte ihm Angst. Zögernd nickte er, schluckte schwer dabei.

"Er sieht dir sehr ähnlich", bemerkte Spender, und seine Augen forschten in denen von Fox. Doch der wandte den Blick ab, führte die Beiden in sein Büro.

"Nett, dass Sie mir nach wie vor hinterher spionieren, obwohl ich Ihnen doch gar nicht mehr in die Quere komme!", bemerkte er zynisch, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte. "Ich habe nichts getan! Sie haben kein Recht, mein Leben aufzumischen!"

"Wir haben nichts dergleichen vor", erwiderte C.G.B. Spender, während er sich auf einen freien Stuhl setze. "Du irrst dich, wenn du glaubst, dass du wieder auf unserer Abschussliste stehst. Eigentlich hast du da nie gestanden..."

"Das ist eine Lüge, und das wissen Sie so gut wie ich!", erwiderte Fox bissig, weigerte sich, diesen Mann mit "du" anzusprechen. Er konnte soviel behaupten, wie er wollte, und wenn er tausendmal sein Vater war, das brachte Fox noch lange nicht dazu, ihm familiäre Gefühle entgegenzubringen.

"Denkst du, wir sind hier, um dich zu bestrafen, dafür, dass du Skinner Informationen gegeben hast?"

"Ich wusste doch, dass Sie mich nicht aus den Augen gelassen haben!", warf ihm Fox ungestüm vor. "Ich habe doch gewusst, dass bei dem kleinsten Anzeichen von mir Sie wieder auf der Matte stehen würden! Was soll das? Was haben Sie vor? Sie zerstören mein Leben, Spender!" Wut flammte in seinen Augen auf. "Hätte ich nur nicht nachgegeben und Skinner angerufen! Wäre er bloß nie zu mir gekommen!"

Der alte Mann schlug die Beine übereinander. "Ganz im Gegenteil..."

"Erzählen Sie mir doch nichts!", schrie ihn Fox an. "Wie konnte ich auch so blöd sein?! Wie konnte ich bloß denken, dass ich nun Ruhe vor Ihnen haben könnte?! Wie nur?! Ich hätte mich nie mit den X-Akten befassen sollen! Das hat mein Leben zur Hölle gemacht! Und es wird auch die Hölle bleiben, weil Sie mich einfach nicht in Ruhe lassen können!"

"Fox, du irrst dich!", rief Samantha verzweifelt und warf sich zwischen Spender und ihren Bruder, der auf den Alten hatte losgehen wollen. Vor Angst am ganzen Körper bebend blieb sie zwischen den beiden Männern stehen, starrte Mulder flehend an. "Du irrst dich!", wiederholte sie, leiser diesmal, aber dafür eindringlicher. "Bitte, Fox, lass uns doch erklären..."

Er blickte sie an, seine Wut verschwand aus seinen Augen, wich tiefster Resignation und Hilflosigkeit. Es tat ihr weh, ihn so zu sehen; gebrochen, verzweifelt, von dem ohnmächtigen Gefühl übermannt, all die Jahre über beobachtet - betrogen - worden zu sein.

Er schwieg, und sein Schweigen strafte sie mehr als tausend Worte. Sie spürte, wie ihr ein Kloß im Hals das Schlucken erschwerte. "Bitte", sagte sie erneut. "Hör mich an..."

Widerstandslos ließ er sich von ihr in seinen Sessel drücken, vergrub das Gesicht in den Händen. Als sie seine Schulter berührte, spürte sie, dass er zitterte.

"Wir sind hier, um dich um deine Hilfe zu bitten..."

Langsam hob er den Kopf, den ungläubigen Blick auf ihr Gesicht gerichtet.

"Bitte?"

Sie kniete sich vor ihn, legte ihre Hände auf seine Knie und sah ihn eindringlich an. "Du bist der Einzige, der uns noch retten kann!"

"Der Vorfall in Pennsylvania", meldete sich Spender zu Wort, "war nicht der erste seit zehn Jahren. Es gab die ganze Zeit über Massaker, zumeist in Kasachstan und anderen asiatischen Ländern. Auch in Kanada und in Nevada. Der Krieg hat noch nicht geendet. Und so lange es noch die Rebellen gibt, haben wir einen Funken Hoffnung, am Ende doch noch die Oberhand über die gewinnen zu können. Der Krieg hat sie ausgelaugt, es sind weniger als früher..."

"Und weiter?" Fox sah ihm - wohl zum ersten Mal, seit Spender hier war - direkt in die Augen. "Was ist mit Ihnen? Haben Sie all die Jahre über untätig herumgesessen? So, wie es sich anhört, haben Sie noch immer keinen wirkungsvollen Impfstoff gegen das Virus entwickelt. Und so lange es den nicht gibt, gibt es auch keine Hoffnung."

"Fox, wir..."

"Die Wirklichkeit ist nicht wie der 'Independence Day', wo alle Menschen gemeinsam gegen die drohende Kolonisierung der Aliens kämpfen! In der Realität weiß ja kaum jemand von ihnen! Wie, zum Teufel, sollen wir dann gegen sie kämpfen, wenn nicht jeder mithilft? Sie halten ja alles geheim! Sie stellen ja jeden als Paranoiker und Spinner hin, der von Außerirdischen redet! Sie sind es ja, der es verhindert, dass wir gegen sie angehen können! Und Sie, ausgerechnet Sie, rühmen sich, Tausende von Menschen gerettet zu haben!" Fox sah Spender verächtlich an. "Mein Gott, was sind Sie nur für ein wahnsinniger, armseliger Spinner!"

"Wir haben nicht die Mittel, um einen wirkungsvollen Impfstoff herzustellen, das weißt du!", warf ihm C.G.B. Spender vor.

"Ach ja?" Fox saß nun wieder gerade, sein Körper war angespannt wie der einer lauernden Raubkatze, die nur darauf wartet, aus dem Dickicht springen und ihre Beute überwältigen zu können. "Ich dachte, Sie können alles! Sie haben doch so viel Macht, Spender! Was sagten Sie zu mir? Vor zehn, elf Jahren? 'Bedrohen Sie mich nicht, Mulder, ich habe Präsidenten sterben sehen.' Das sagten Sie, Spender! Erinnern Sie sich? Sie sagten noch viel mehr, sprachen von Macht und davon, was für eine tolle Arbeit Sie doch leisten! Gott, was sind Sie erbärmlich! Was haben Sie schon getan? Sie haben unschuldige Menschen getötet, eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken! Sie haben mir meine Schwester genommen, dann auch noch Dana, mehrere Male, um mich zu erpressen, mich zum Schweigen zu bringen! Damals waren Sie nicht sonderlich scharf darauf, dass so ein Phantast in der Gegend herumläuft und Aliens sucht, wollten ihn nur allzu gerne zum Schweigen bringen! Und jetzt, jetzt kommen Sie zu mir und erwarten von mir, dass ich genau das tue, was Sie mir vor zehn Jahren noch verboten haben?! Spender, wenn Sie genau das vorhaben, dann bitte ich Sie, sofort aufzustehen und zu gehen! Mit dem, was damals alles passiert ist, will ich nichts mehr zu tun haben! Ich habe mein Leben geändert, und ich bin nicht scharf darauf, es wegen Ihnen erneut zu ändern, wieder zurückzugehen! Vergessen Sie's!"

Spender hob die Augenbrauen und erhob sich. "Nun, dann bin ich hier wirklich fehl am Platz." Mit wenigen Schritten war er an der Tür. Er hatte schon die Klinke heruntergedrückt, als er sich noch einmal umwandte und Fox' Blick suchte. Beinahe vorwurfsvoll sah er ihn an. "Ich hatte mir mehr von dir versprochen", sagte er leise. "Ich hätte nicht gedacht, dass der Rebell in dir gestorben ist. Es tut mir leid, dass ich dich überhaupt aufgesucht habe."

Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich. Fox und Samantha hörten, wie er die Treppe hinabging. Kurz darauf klappte auch die Haustür hinter ihm zu, und sein Wagen fuhr an. Samantha schob die Gardine zurück und blickte auf die Straße, sah, wie das dunkle Fahrzeug verschwand...

 

"Das war nicht besonders klug von dir, Fox!", warf sie ihm ungehalten vor, kaum das sie das Auto von Spender aus den Augen verloren hatte.

"Was erwartest du von mir?", fauchte er zurück. "Dass ich diesen Mann mit einem fröhlichen Lächeln willkommen heiße? Dass ich ihm, demjenigen, der mein Leben allzu oft beinahe ruiniert hat, meine Hilfe anbiete? Verlangst du etwa von mir, dass ich demjenigen Glauben schenke, der mich bisher immer nur angelogen, betrogen und gedemütigt hat? Samantha, das kannst du nicht! Du weißt nicht, wie er wirklich ist!"

"Ich glaube eher, dass du derjenige bist, der ihn nicht wirklich kennt", erwiderte sie kühl. "Er ist mein Vater. Er hat mich immer gut behandelt..."

"O Jesus, ich kann das einfach nicht hören!" Fox drehte sich wutschnaufend um, fegte unwirsch mehrere Papiere von seinem Schreibtisch. "Dein Vater! Verdammt, hast du denn deinen wahren Vater vergessen?"

"Bill war nicht mein Vater!", sagte sie mit bebender Stimme. "Er hat mich wegbringen lassen! Er hat mich verkauft!"

"Und warum hat er das wohl getan?" Fox wirbelte herum, sein ausgestreckter Arm deutete aus dem Fenster. "Er hat ihn dazu gezwungen!"

"Das ist nicht wahr!" Nun schrie sie beinahe. "Fox, wie kannst du mir das nur antun?"

"Ich sage das nicht, um dir weh zu tun, Samantha, ich sage das, weil es wahr ist! Und weil ich dich vor ihm schützen will!"

"Niemand muss mich vor ihm schützen! Er war immer gut zu mir! Besser, als Bill es jemals gewesen ist!"

Fox bebte vor Zorn. Wie konnte sie nur so etwas sagen? Wie nur konnte sie ihren Vater verleugnen und statt dessen diesen eiskalten Mörder, diese herumlaufende Stinkmorchel, als guten Menschen bezeichnen, noch dazu als ihren Vater?

"Das kann ich mir kaum vorstellen", sagte er gepresst, bemüht, sie nicht vor lauter Wut anzuschreien. "Hast du denn vergessen, was er mit dir gemacht hat? Hast du vergessen, dass er dich benutzt hat? Er hat dich benutzt, um mich zu betrügen! Weil er genau wusste, dass ich nie aufgegeben hatte, nach dir zu suchen, nach einem Lebenszeichen von dir, bloß einer kleinen Bestätigung, dass es dir gut geht! Er wusste, dass ich nicht eher ruhen würde, bis ich dich sehen würde! Samantha, du ahnst ja gar nicht, wie oft er mich erpresst und betrogen hat! Er ist der Teufel in Menschengestalt!"

"Was sagst du da?" In ihren Augen standen nun Tränen. "Sag', dass das nicht wahr ist!"

"Würde ich dich etwa anlügen?", fragte er zurück. "Hältst du mich für einen Spender? Dieser Mistkerl hat seine eigene Frau verraten und verkauft, missbraucht für diese widerlichen Tests! Um ihren Sohn hat er sich scheinbar nie gekümmert, jedenfalls hat dieser erst vor Jahren erfahren, dass Spender sein Vater ist! Kurz nachdem ich dich traf und du mir sagtest, er wäre dein Vater! Und dann taucht er noch bei mir auf, schüttet mir sein Herz aus, plappert die gesamten Pläne der Verschwörung aus, erzählt mir von dir und warum man dich benutzt hat, um mir schließlich ins Gesicht zu sagen, dass ich sein Sohn sei! Zwei Jahre zuvor, als ich genau das vermutet hatte, hat mir Mom dafür eine Ohrfeige verpasst, so wütend war sie darüber! Er ist nicht mein Vater, Samantha, und er wird es auch niemals werden! Ich hasse ihn, mehr als ich irgend jemanden sonst hasse! Ich verachte ihn, kann bis heute nicht begreifen, warum er all diese Gräueltaten begangen oder veranlasst hat! Er ist ein Monster!"

"Ich frage mich, ob wir auch von demselben Mann reden", sagte sie leise. "All das, was du sagst... - Davon weiß ich nichts. Irgendwie ist er all die Jahre immer für mich da gewesen, bis ich alt genug war, mein eigenes Leben zu leben. Er besucht mich oft, auch jetzt noch, spielt mit den Kindern, ist ein gutherziger Großvater..."

Fox starrte sie an. "Glaubst du mir etwa nicht?"

"Ich will dir nicht glauben", erwiderte sie lapidar. "Ich will mir von dir nicht mein Weltbild zerstören lassen."

"Und ich will nicht, dass er meines zerstört", erwiderte er, nun wieder mit ruhiger Stimme. Sein Zorn, seine unbändige Wut, war gewichen. Nun war er wieder wie vorhin, als sie ihn dazu bewegt hatte, sich in den Sessel zu setzen und sie anzuhören, so hilflos, müde und ausgelaugt. Der Kämpfer in ihm war wieder erloschen. Er gab es auf, sich aufzubäumen, senkte resigniert den Blick. Er war nicht mehr der, der er einst gewesen war, die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen und seine Seele gezeichnet. Nervös fuhr er sich mit der Hand durchs Haar.

"Das wird er gewiss nicht tun, ich schwöre es dir", sagte sie sanft. "Bitte, Fox, glaube mir doch, er will nichts Böses..."

Er faltete die Hände vor seinem Mund zusammen. "Wie schön wäre es, das glauben zu können, doch ich habe zu viel gesehen, um das zu tun..."

"Er braucht dich", sagte sie leise. "Ohne dich wird das alles nie aufhören! Die Rebellen werden von Tag zu Tag schwächer. Und wenn der Letzte von ihnen stirbt..."

"Dann stirbt auch der Widerstand", beendete er den Satz für sie. "Ich kenne die Regel, Samantha. Widerstehe, oder diene, kämpfe, oder stirb."

"Wenn du sie kennst, warum handelst du nicht danach?"

Sie sah ihn an, und ihr Blick war so scharf, dass er ihm nicht Stand halten konnte. Von Unbehagen erfüllt schloss er die Augen, presste seine Hände gegen sein Kinn, seufzte tief.

"Ich kann es nicht", flüsterte er. "Nicht mehr..."

"Warum nicht?" Sie breitete die Arme auseinander, schüttelte ungläubig den Kopf. "Was hindert dich daran? Was ist in den zehn Jahren passiert, in denen du dich zurückgezogen hast? Warum hast du es überhaupt getan?"

"Weil ich meiner Familie ein sicheres Heim bieten wollte", erwiderte er leise. "Und ich es ihnen auch weiterhin bieten will..."

In diesem Moment schwang die Tür auf und Destiny kam herein. Sie hielt ihrem Vater ihr Schulheft hin und grinste.

"Tommy hat seine Hausaufgaben noch immer nicht gemacht."

"Dem trete ich gleich mal in den Hintern!", knurrte Fox, während er ihr Heft aufschlug und die Hausaufgaben nachsah.

Seine Tochter kniff die Augen zusammen. "Wer ist das?", fragte sie schließlich und deutete auf Samantha.

Fox blickte seine Schwester kurz und prüfend an, bevor er sagte: "Das ist deine Tante, Dee. Samantha."

"Du kannst Sam zu mir sagen", warf sie sogleich dazwischen, während sie sich hinabbeugte und dem kleinen Mädchen sanft über das weiche Haar fuhr. Dann sah sie zu ihrem Bruder auf. "Sie sieht Dana verblüffend ähnlich", stellte sie lächelnd fest.

"Ich weiß", erwiderte er und schmunzelte. "Das hat selbst Skinner festgestellt." Er umfasste seine Tochter mit dem linken Arm und drückte sie sanft an sich, während er die letzten Zeilen ihrer Englisch-Hausaufgabe überflog, das Heft dann mit einem zufriedenen Nicken zuklappte und Destiny auf den Schoß nahm. Sie schlang ihre kleinen Arme um ihn und kuschelte sich an seine Brust, schloss mit einem leichten Lächeln die Augen. Fox strich sanft über ihr Gesicht.

"Ich liebe sie, Samantha. Sie, Tommy und Dana sind mein Ein und Alles."

Sie nickte, und ihre Augen strahlten voller Wärme. "Das glaube ich dir..." Und sie begann zu verstehen, warum er sich so sehr weigerte, wieder unter die Jäger, die Rebellen, zu gehen. Denn sein Platz war hier, und seine Aufgabe eine andere, als vor zehn Jahren...

 

* * * * *

 
gegen 21.00 Uhr, Chilmark / Massachussetts
Redaktionsbüro der Atlantic Bay News

 

Der Redaktionschef Vince Ghomegh beugte sich über seinen vollbeladenen Schreibtisch und nahm das Skript des ihm gegenüber sitzenden Mannes entgegen.

"Danke, Fox. Pünktlich wie immer", sagte er zufrieden, während er den Artikel überflog. Dieses Mal hatte der Journalist in spe eine Mordserie in Boston kommentiert und Hintergrundinformationen über Serienkiller geliefert - ein Kinderspiel für den ausgebildeten Analytiker.

Fox Mulder beobachtete die Mimik seines Auftraggebers eingehend. Zufrieden stellte er den anerkennenden Blick des Mannes fest und wusste, dass ihm ein gutes Gehalt für diesen Artikel sicher war.

"Verdammt gute Arbeit", lobte Ghomegh und legte das Skript bei Seite. "Haben Sie schon einmal daran gedacht, fest bei mir einzusteigen? Als Journalist in der Abteilung Verbrechen?" Er grinste. "Ich habe keinen Burschen bei mir im Büro sitzen, der derartige Artikel so gut zu formulieren im Stande ist wie Sie."

"Danke, Vince, aber ich glaube nicht, dass die regelmäßige Arbeit in einem Redaktionsbüro das Richtige für mich wäre", erwiderte Fox freundlich, aber bestimmt. "Sie kennen mich doch."

"Ja, leider viel zu gut, um zu wissen, dass ich Sie niemals fest in die Atlantic Bay News integrieren werden kann." Ghomegh seufzte. "Nun gut, wenn Sie weiterhin nur als Gelegenheitsjournalist für mich tätig sein wollen, dann bin ich damit auch zufrieden. Ich hoffe natürlich, dass Sie noch öfters für uns schreiben werden..."

"Sicherlich." Fox lächelte. Die Arbeit an einem Zeitungsartikel nahm nie viel Zeit in Anspruch. So etwas verfasste er "zwischendurch", wie er es auszudrücken pflegte. Ein weitaus größeres Interesse brachte Fox jedoch seinen Büchern und der damit verbundenen Arbeit entgegen. Und wenn er weiter so erfolgreich schreiben wollte, musste er frei und unabhängig bleiben. Das wusste er. Er schrieb lediglich für die ansässigen Lokalblätter, um in seinen kreativen Pausen dafür zu sorgen, dass der Geldfluss nicht versiegte. Außerdem machte er sich so nebenher einen Namen und blieb auch weiterhin bekannt. Es war ein kleiner Beitrag seinerseits, seinen Namen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen...

 

* * * * *

 
zur gleichen Zeit, Chicópee / Massachussetts

 

"Jetzt mach schon Tommy, du bist am Zug!"

Destiny rutschte nervös hin und her, den Blick auf das Brettspiel gerichtet.

"Stratego ist doch blöd!", murrte er, leistete ihrer Aufforderung jedoch Folge. Seine wahre Aufmerksamkeit widmete er jedoch dem Fernseher, wo eine Folge der Simpsons über den Bildschirm flimmerte. Der Werbebreak kam, und Tommy stand auf, um zum Fenster zu gehen. Er schob die Gardine zurück und starrte in die Dunkelheit.

"Wie spät ist es, Dee?", fragte er.

"Viertel nach neun, wieso?"

"Ich frage mich, wo Dad so lange bleibt..." Tommy betrachtete nachdenklich den Mond, der über den Himmel kroch. "Er oder Mom müssen doch langsam mal kommen..."

Er steckte seine Nase durch den schmalen Kippspalt des Fensters, sog die kühle Nachtluft ein, lauschte den typischen Geräuschen. Er hörte das leise Rascheln der Blätter, das Quaken der Frösche im nahen Teich, das Zirpen der Grillen auf dem Feld...

Plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch darunter, ungewohnt und fremd. Es war ein dumpfes Rumpeln, doch es konnte kein Zug sein. In der Nähe führte keine einzige Eisenbahnlinie vorbei. Tommy blinzelte.

Das Rumpeln wurde lauter. Ein Licht erschien urplötzlich hinter den Gardinen, so grell, dass er geblendet wurde und erschrocken einige Schritte zurückwich. Das helle Strahlen fiel in das Wohnzimmer, Lichtbahnen wanderten über die Wände und die Couch, über den Teppichboden und Destiny, die bis eben auf dem Boden gesessen hatte, nun aber erschrocken aufgesprungen war. Das Licht tanzte auf dem Boden, während sich deren Quelle draußen vor dem Fenster zu drehen schien.

Tommy stand nahe der Tür, zitterte am ganzen Leib. Er fürchtete sich. Vor Angst bebend ließ er sich langsam in die Hocke nieder, verharrte regungslos. Er starrte in dieses grellweiße Licht, obwohl es in seinen Augen schmerzte. Er fürchtete sich so sehr, dass es ihm unmöglich war, sich zu rühren, als das Licht noch heller und das Dröhnen unerträglich laut wurde. Tommy starrte zu Destiny hinüber, die mitten im Raum stand. Ihr schönes junges Gesicht war farblos, ihre grünblauen Augen weit aufgerissen, aber nicht ängstlich, sondern entschlossen. Sie begann, sich auf das Licht zu zu bewegen...

Tommy ergriff die Panik, er wollte sie aufhalten, doch er konnte sich nicht bewegen, begann gegen seinen Willen, sich rückwärts in der Wand zu verkriechen, um dem Licht zu entgehen, das im Zimmer explodierte und ihn schreien ließ, als seine Schwester von dem grellen Weiß ergriffen und verschlungen wurde...

 

* * * * *

 
21.38 Uhr, Chicópee / Massachussetts

 

Als Dana die Haustür aufschloss, registrierte sie sofort die unnatürliche Ruhe, die im Haus vorherrschend war, ebenso wie eine ihr unbekannte, direkt unheimliche Atmosphäre. Beunruhigt warf sie ihren Mantel über die Garderobe und eilte ins Wohnzimmer.

"Tom? Dee?"

Keine Antwort, nur ein leises Schluchzen.

Sie betrat das Wohnzimmer. Es lag im Halbdunkel. Ein kühler Luftzug blies ihr einige Haarsträhnen ins Gesicht, die sie hastig zurückstrich. Fassungslos starrte sie auf Tommy, der weinend an der Wand kauerte, sah das offene Fenster und die sich blähenden Gardinen.

"Tommy?" Sie ließ sich mit bleichem Gesicht neben ihren Sohn sinken, der am ganzen Leib zitterte und von Weinkrämpfen geschüttelt wurde.

"Das Licht", jammerte er. "Mom, sag', dass das Licht weg ist!"

"Licht?" Dana starrte ihn an. Irgendetwas in ihr schien zu wissen, wovon er sprach, doch sie schien diese innere Stimme nicht in ihren Geist lassen zu wollen. Noch immer verständnislos, jedoch merklich panisch, sah sie sich im Wohnzimmer um.

"Wo ist Dee?", fragte sie und berührte Tommys Schulter. Doch er sagte nichts. Verzweifelt schüttelte sie den Jungen, wiederholte ihre Frage, lauter diesmal, deutlich ängstlich. "Wo ist Destiny?"

Sie hatte nicht gehört, dass die Haustür gegangen war. Fox kam ins Wohnzimmer gestürzt, blieb bewegungslos im Türrahmen stehen. Er sah Tommy an der Wand kauern und zittern, sah das umgeworfene Stratego-Spiel auf dem Boden, das offene Fenster, die Gardinen...

"Das Licht", schluchzte Tommy.

Fox hatte das Gefühl, als ob ihm das Herz für den Bruchteil einer Sekunde stehen bleiben würde. Er schnappte nach Luft, spürte, wie ihn der Schwindel packte. Nein, nicht schon wieder, schrie es in ihm. Nicht noch einmal! Nicht Dee! Jesus, bitte nicht Dee!

Er sank neben Tommy auf den Boden, umfasste seinen Sohn an den Schultern. "Was für ein Licht, Tommy?", wollte er wissen. Seine Stimme war tonlos, gebrochen. "Was für ein Licht?"

"Es war grell", wimmerte Tommy. "So schrecklich grell... Und da war irgendetwas am Fenster... Es hat Dee mitgenommen..."

Fox schloss für einen kurzen Moment die Augen. Erinnerungen stiegen in ihm hoch, so grausam und schrecklich, so nahe und beängstigend. Damals, im Jahre 1975, ganz in der Nähe, in Chilmark... Es war genau das Gleiche gewesen.

"Hast du ein Rumpeln gehört, Tommy?", fragte er unnatürlich ruhig.

Sein Sohn nickte, bevor ihn ein erneuter Krampf packte und er sich weinend an die Brust seines Vaters presste, sein Gesicht in dessen Hemd vergrub und den Tränen freien Lauf ließ. "Ich wollte sie aufhalten", schluchzte er, "aber ich konnte nicht! Ich konnte mich nicht bewegen! Ich habe einfach nur zugesehen... Ich...."

Fox drückte ihn tröstend an sich, wusste genau, wie Tommy sich nun fühlen musste. Er selbst hatte genau das Gleiche vor beinahe dreißig Jahren gefühlt.

"Pscht", wisperte er. "Du hast keine Schuld. Du hättest nichts für sie tun können..."

Dana war kreidebleich auf den Teppichboden gesunken, die Stirn auf den Knien, um die sie beide Arme geschlungen hatte. Fox hörte lediglich ihren stockenden Atem, vermischt mit Tommys Schluchzen. Er streckte den Arm nach ihr aus, umfasste sie und zog sie an sich. Sie kam ihm vor wie eine Marionette, so schlaff und kraftlos war ihr Körper. Er presste Dana an sich, ebenso Tommy. Ein Kloß im Hals schien ihm das Schlucken unmöglich zu machen, heiße Tränen brannten in seinen Augen.

"Warum nur?", fragte er mit bebender Stimme. "Warum...?"

 

Sie zerrten ihn vom Boden hoch, sein klägliches Wimmern missachtend, seinen blutigen Leib vor sich herstoßend. Wenn er fiel und hart auf dem Stein aufschlug, sodass er sich in die Zunge biss oder dass es ihm einen oder mehrere Zähne ausschlug, so traten sie ihn mit den Füßen in die blutig zerfetzten Seiten, stießen ihn in die geprellten Rippen, traten in sein Blut, das den Stein überzog und durch den Humus in untere Erdschichten sickerte. Sie zerrten ihn an beiden Armen in die Höhe, grob und unter höhnischem Gebrüll, stießen seinen torkelnden Körper vor sich her, bis er erneut stolperte und hinfiel, wenn seine schwachen Beine unter ihm nachgaben. Japsend stützte er sich an einen in das Erdreich gerammten Pfahl, seine rasselnden Lungen konnten das nötige Volumen an Luft gar nicht fassen, nach dem sein Körper schrie, und er starrte kurzatmig und mit glasigen Augen in die ihn umringende johlende Menge. Einer, der ihm am Nächsten stand, spuckte ihm ins Gesicht, der Soldat vor ihm trat ihm mit angewinkeltem Knie in den Unterleib, sodass er wimmernd den Pfahl losließ und mit dem Hinterkopf hart auf scharfe Steinkanten schlug. Die Menge lachte und grölte, der Soldat, der ihn getreten hatte, stellte sich breitbeinig über ihn und grinste ihn hämisch an.

"Heul' nicht wie ein Weib, du Dreckstück, diese Show hier hast du dir selbst verdient, du Schwein! Steh' auf! Los!"

Auch wenn er gewollt hätte, er konnte nicht. Zu schwach waren seine Glieder, zu überdehnt seine Gelenke, als dass er hätte aufstehen könnten. Heftig atmend blieb er am Boden liegen, bis ihn der Soldat am Schopf packte und ihn an diesem empor zerrte, die gequälten Schreie des Mannes mit höhnischem Gelächter übertönend.

"Du selbst hast dir das eingebrockt, du armes Schwein, du selbst... du selbst... du selbst...!"

 
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