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10. Teil: ÁPSYCHON ÉMPSYCHON
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"Sind Sie hier drin?" Die tiefe Stimme ließ den Mann auf der Brücke zusammenfahren und sich zur Tür umdrehen, in der einer der Matrosen stand. Es war ein hochgewachsener, schmerbäuchiger Mann mit schwarzem wirren Vollbart, die Mütze schief aufgesetzt, eine brennende Pfeife im rechten Mundwinkel. In den Händen hielt er einen großen braunen Briefumschlag. "Sie wissen doch genau, dass ich Pfeifengestank nicht ausstehen kann", knurrte der Mann auf der Brücke. Er war das genaue Gegenteil zu dem Matrosen. Gut gekleidet und von gepflegtem Äußeren, einzig und allein sein fehlender linker Arm störte das aufgeräumte Bild. "Entschuldigen Sie, Mister Krycek, aber ich soll Ihnen das hier bringen." Der Matrose streckte die Hand mit dem Umschlag aus, die Pfeife in den anderen Mundwinkel schiebend. Krycek strafte ihn mit missbilligenden Blicken, während er die Unterlagen an sich nahm, und wandte sich sogleich von dem Mann ab. "Danke, Nikoley, Sie können gehen." Der Tonfall war kühl und schneidend gewesen, doch schien der Matrose das nicht bemerkt zu haben - oder es störte ihn nicht. Gemächlich schlurfte er davon. Alex Krycek lauschte den schweren Schritten auf der Treppe, die zur Brücke hinauf führten, bis sie verstummt waren, und beugte sich dann über den Tisch, auf dessen Platte er den Inhalt des Umschlages geschüttet hatte. Geistesabwesend rieb er sich die Stirn, als er die Blätter überflog, einige Fotos - Radioteleskopaufnahmen - studierte und sie miteinander verglich. Im nächsten Moment straffte er sich, und trat - eines der Fotos in der Hand - an das Instrumentenpult, mit Blick auf den Radarbildschirm, drehte hastig an den Skalen, um die Parabol-Reflektoren auf ein neues Raumgebiet auszurichten. Seine Einstellungen mit den Angaben auf der Rückseite des Fotos vergleichend trat er einen Schritt vor, lehnte sich über das Instrumentenpult, bis er beinahe mit der Nase gegen das Anzeigegerät des Radars stieß. Seine Lippen formten sich zu einem düsteren: "Sie sind da."
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Jason Genuy setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, den Grund unter seinen Füßen bei jedem Schritt vorsichtig abtastend. Trotz der sternklaren Nacht war es nahezu unmöglich, das Pueblo, in dem er wandelte, zu überblicken. Trotz dass er Gefahr lief, bei der kleinsten Unaufmerksamkeit auszugleiten und in eine der Kivas zu stürzen, die im Zentrum der Ruinenstätte nahe beieinander gebaut worden waren, ging er weiter. Die in der Erde errichteten, rundgebauten Kammern waren einst die gesellschaftlichen und zeremoniellen Zentren der Bewohner dieses Ortes gewesen, der den Namen Pecos Pueblo trug, unweit von Roswell inmitten der Wüste lag, an den Ufern des Rio Pecos, der unweit im Norden entsprang und sich in Mexiko mit dem Rio Grande vereinigte Um 900 v. Christus hatte man mit dem Bau des Pueblos begonnen. Die Anasazi waren kunstvolle Architekten gewesen, und innerhalb weniger Jahre hatten sie die größte mehrstöckige Wohnungsanlage dieser Zeit erbaut. Doch schon knapp zwei Generationen später war aus dieser Wohnstätte eine Ruinenanlage geworden, eine Geisterstadt, verlassen unter der sengenden Hitze der Sonne. Archäologen vermuteten, dass die Vorfahren der Pueblo-Indianer ihre Stadt wegen einer Dürre um 650 v. Chr. verlassen mussten, doch wusste Genuy das besser. - Solange die Anasazi hier gelebt hatten, hatten sie nie eine einschneidende Dürre erlebt. Er betrat vorsichtig den schmalen Steg aus Stein zwischen zwei weiteren Kivas, hörte Steinsplitter unter seinen Füßen knirschen. Links und rechts von ihm ging es steile fünf Meter in die Tiefe hinab, dunkle Löcher, die nur darauf zu warten schienen, unachtsame Wesen, die ins Straucheln gerieten, zu verschlingen. Genuy ließ sich auf der Mitte des Steges nieder, Beine über Kreuz, die Hände im Schoß. Er richtete den Blick gen Himmel, die leuchtenden Sterne betrachtend, die das Firmament in ein angenehmes Dunkelblau tauchten. Eine unerklärliche Unruhe hatte ihn inmitten der Nacht an diesen Ort getrieben, ohne jegliche Ausrüstung. Dennoch hatte er zielsicher das Pueblo und eben diesen Platz gefunden. Er wusste nicht, warum er hier war, oder was genau er hier zu tun beabsichtigte, aber sein Gefühl sagte ihm, dass es wichtig war. Und sobald er es sehen würde, würde er wissen, nach was er gesucht hatte. - Oder auf was er gewartet hatte. Eine alte Legende seines Volkes kam Genuy in den Sinn, völlig zusammenhangslos. Die Legende des Mädchens und der Wolken. Es war eine Geschichte, die von den Anasazi überliefert worden und mit der Genuy aufgewachsen war. Ein Märchen seiner Kindheit. Und in seinem Kopf sah er die alten Bilder vor sich, die er seit jeher mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht hatte. Von einem Mädchen hatte diese Sage gehandelt, einem Mädchen, das von ihren Schwestern gequält worden war und von zu Hause weg lief, tief in den Wald hinein, wo sie weinte, während auch der Himmel seine Schleusen öffnete und es regnen ließ. Da fand ein junger Mann das Mädchen im Walde sitzen, ein Uwanami, ein Wolkenwesen. Als er sich nach dem Grund für seine Traurigkeit erkundigte, berichtete ihm das Mädchen von seinem Leid und sagte, dass es niemals zu seinen Schwestern zurückkehren wolle. Und der Jüngling lud sie ein, bei sich in seinem Dorf zu leben. Das Mädchen war einverstanden, und der Uwanami gebot ihr, ihre Augen zu schließen und sie nicht eher wieder zu öffnen, bis er es ihr sagen würde. Sie gehorchte, und er erhob sich mit ihr in die Lüfte. Erst als er am Ende der Welt angekommen war, setzte er das Mädchen auf einem Strand des allumschließenden Weltmeeres ab und gestatte ihr, die Augen zu öffnen. Dann gingen sie über einen Hügel, von dem aus sie das Dorf der Wolkenwesen schon sehen konnten. Der junge Mann erklärte dem Mädchen, dass es von nun an die Sitten der Wolkenwesen befolgen müsse und trug ihm auf, seinen Häuptling gebührend zu begrüßen, sobald sie in sein Zelt treten würde, mit den Worten "Vater, wie geht es dir?". Das Mädchen tat wie geheißen, und der Häuptling war zufrieden. Und er sprach "Meine Tochter, an diesem Abend haben sich unsere Wege gekreuzt, freiwillig bist du zu uns gekommen. Daher wollen wir dich zu einer der Unseren machen, denn niemand kommt zu uns, der zu den Menschen zurückkehren will." Das Mädchen nickte, sie wollte bleiben, und Frauen nahmen sie bei den Händen, führten sie in ein Gemach, wo sie sie wuschen und kleideten, und dann lehrte ihr das Volk die Zauberformeln der Wolkenwesen. - Währenddessen wurde das Mädchen bereits von ihren Eltern vermisst, und der Vater sandte einen Habicht aus, um seine Tochter zu suchen. Doch als der Habicht zurückkehrte, sprach er: "Die ganze Welt habe ich gesehen, aber von deiner Tochter habe ich nicht eine Spur gefunden. Gräme dich nicht, denn ich bin gewiss, sie ist noch am Leben. Ich bin sicher, dass sie irgendwelche Zauberwesen entführt haben, denn nicht einmal ihren Körper habe ich gefunden. Sende die Raben aus, sie sehen mehr als ich, sie finden alles" Und so sandte der Vater die Raben aus, und die Vögel umflogen die Welt. Doch die Uwanami verbargen das Mädchen vor den Augen der Vögel in ihren Zelten, denn die Uwanami sind weise, weiser als alle Menschen, denn sie sind ja deren vor langer Zeit verschwundene Vorfahren. Und so kehrten auch die Raben mit der traurigen Nachricht zurück, das Mädchen nicht gefunden zu haben. Der Vater ergriff seine letzte Chance, nach seiner Tochter zu suchen, und sandte Buntflügel aus, den schönsten aller Schmetterlinge. Der Falter stieg zum Himmel empor, der bedeckt und neblig war, um das Mädchen in den Wolken zu verbergen, doch ließen es die Wolkenwesen zu, dass Buntflügel das Mädchen fand, denn sie waren dem schönen Schmetterling gewogen. Und so brachte Buntflügel das Mädchen zurück zu dessen Vater, der sie erfreut in die Arme schloss, erleichtert, sie unversehrt zurück bei sich zu wissen... Genuy blinzelte, darüber nachsinnend, warum ihm diese Geschichte gerade jetzt einfiel. Er straffte sich, um die verspannten Rückenmuskeln zu lockern, und hob dann wieder den Blick in den Himmel - und in das hell strahlende Licht. Wie ein überdimensionales Glühwürmchen stand es am Himmel, gewaltig an Größe und Leuchtkraft, und es näherte sich rasch dem Pueblo. Genuy verfolgte das Objekt mit den Augen, bis es direkt über ihm stand, helle Lichtstrahlen auf ihn und die umliegenden Kivas werfend. 'Die Wolkenwesen', dachte Genuy ergriffen. 'Sie sind zurück...'
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Fox ließ sich auf den Fahrersitz des Mietwagens sinken, nachdem er Destiny auf dem Rücksitz verstaut hatte. Das Mädchen hatte sich inzwischen schon gut erholt. Der zehnstündige Flug von Rom nach New York hatte ihr genügend Zeit gegeben, sich auszuschlafen. Ebenso hatte ihr die vorzügliche Bordküche gut getan. Sie stand nun wieder sicher auf beiden Beinen, konnte ohne Hilfe laufen. Nur ihr nach wie vor blasses Gesicht zeugte von den vergangenen Erlebnissen in Tunesien. Nun saß sie auf dem Rücksitz, in ein Comic vertieft, das sie erstanden hatte, während Fox den Mietvertrag für den Wagen abgeschlossen hatte. Ihr eigener Wagen stand nach wie vor in Washington, Fox würde ihn abholen, sobald sie Destiny nach Hause gebracht hatten. Er startete den Motor, um aus der Parklücke zu fahren, und um - kaum, dass er den Rückwärtsgang eingelegt hatte - auch schon heftig abbremsen zu müssen, als ein Mann plötzlich am Heck des Wagens vorbei eilen wollte und beinahe von diesem erfasst wurde. Der Mann stützte sich erschrocken mit der rechten Hand auf das Heck, so als wolle er es von sich wegschieben, doch schien es so, als war es ihm wichtiger, Haltung zu bewahren und nicht erschrocken zurück zu torkeln und ins Straucheln zu geraten. Fox streckte in einer Mischung aus Zorn und Erschrecken den Kopf durch das heruntergekurbelte Fenster. "Hey, können Sie denn nicht aufpa...?" Der Mann blickte auf, und Fox verstummte augenblicklich, als er die ihm vertrauten Gesichtszüge erkannte. "Krycek?" Der Mann starrte ihn wohl genauso verdutzt an, wie Fox ihn anstarrte. Etwas unbeholfen ließ er das Heck des Wagens los und straffte sich. "Na sieh mal einer an!", spottete er dann. "Da sieht und hört man an die zehn Jahre nichts von Ihnen, und dann tauchen Sie auf einmal auf und fahren mir dabei beinahe den Arsch ab! Das nenne ich Ironie des Schicksals!" Fox stieß die Fahrertür auf und stieg aus dem Wagen. "Ironie ist, dass Sie noch am Leben sind", konterte er mürrisch, während er auf Krycek zutrat. "Das sollte ich ja eigentlich nicht allzu sehr verwundern, schließlich haben Sie oft genug bewiesen, dass Sie nicht nur unberechenbar, sondern zu alledem noch ein Überlebenskünstler sind." Krycek lachte kurz auf. "Tja, das bin ich wohl." Fox nickte, er hatte keine andere Antwort erwartet. Er kannte Alex Krycek nur allzu gut. Es war schwer, ihn zu vergessen, nach all dem, was in der Vergangenheit geschehen war. Noch heute erinnerte sich Fox lebhaft an die wenigen Wochen, in denen er dazu gezwungen gewesen war, mit diesem Mann zusammen zu arbeiten. Er hatte ihn von Anfang an nicht so recht gemocht. Krycek hielt sich für einen Patrioten, noch dazu war er ein elender Schleimer gewesen, narzisstisch bis zum Exzess. Fox musste sich ein spöttisches Grinsen verkneifen, als er sich daran erinnerte, wie Alex damals nach einem wilden Schusswechsel unwillkürlich den Sitz seiner Frisur überprüft hatte. Perfekter äußerer Look, ein Schweinehund im Inneren. Ein eiskalter Mörder. Zahlreiche Leben gingen auf sein Konto, unter anderem auch das von Danas Schwester Melissa. Und auch am Tod von Fox' Vater war dieser Mann nicht ganz unschuldig gewesen, hatte er ihm, Fox, doch die Schuld in die Schuhe zu schieben versucht. Bill Mulder war allerdings von dem alten Mann mit dem gepflegten Äußeren erschossen worden, dem Well Manicured Man. Er selbst hatte Fox dieses Geständnis gemacht, kurz bevor er sich mitsamt seines Wagens in die Luft gejagt hatte. - Jedenfalls hatte es auch einige Mordanschläge auf Krycek gegeben, durchgeführt von seinen einstigen Auftraggebern, dem Syndikat. Doch war er ihnen entkommen, noch dazu mit einer wertvollen und brisanten Ware: Einer DAT-Kassette, auf der das gesamte Wissen der Regierung über die Existenz außerirdischer Lebensformen gespeichert war. Ferner enthielt sie Berichte über Experimente von ehemaligen Nazi-Wissenschaftlern, die nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in die USA geholt worden waren, und nach dem Vorfall in Roswell im Jahre 1947 begonnen hatten, Hybriden zu erschaffen, die halb Außerirdische und halb Menschen gewesen waren. Und Fox wusste nun, dass Strughold einer dieser Wissenschaftler gewesen sein musste. Fox' Gedanken schweiften zu Alex zurück. Der Mann war keinesfalls loyal, nur zu sich selbst, das wusste der Agent nur allzu gut. Er kämpfte für den, der seinen Vorstellungen entsprach und seinen Weg zumindest teilweise verfolgte. Vor einem Jahrzehnt hatte er Fox zu seinem Vertrauten auserkoren, ihm aufgelauert, in der Mitte der Nacht, ihm unter vorgehaltener Pistole einen Teil dessen erzählt, was - wie Fox nun wusste - ein Teil der großen und schrecklichen Wahrheit gewesen war, sogar ein großer, ausschlaggebender. Krycek hatte ihn gewarnt - und er war zu einem mysteriösen Augenblick erschienen. Damals, als Fox zum ersten Mal seine Überzeugung verloren hatte, seine Arbeit zu bezweifeln begonnen, die Existenz außerirdischen Lebens dementiert, die Blauäugigkeit der Gläubigen beschimpft und die Entführungen einiger Menschen als Regierungsfarce bloßgestellt hatte. Ebenso unangenehm für das Syndikat wie Mulders vorherigen Behauptungen. Denn beide hatten einen wahren Kern. - Krycek war es gewesen, der Fox hatte begreiflich machen wollen, dass beides wichtig und wahr war. Die Intrigen der Regierung und die Existenz außerirdischer Rassen, den Kolonisten und den Rebellen. Er war es gewesen, der ihm von den Leuchttürmen berichtet, den Untergang der Menschheit prophezeit und einen erschreckenden Blick in die Zukunft getan hatte. Und er hatte scheinbar Recht gehabt. Krycek lehnte sich gegen das Heck des Wagens und betrachtete Fox leicht amüsiert. "Ich habe gehört, Sie wären zurück", grinste er. "Wie erfreulich." Er beobachtete, wie Dana aus dem Wagen stieg und zu ihnen sah. "Und sie ist also nach wie vor an Ihrer Seite. Bewundernswert, ich habe nie solch loyale Partner gefunden." "Wohl nicht ohne Grund", versetzte Dana, die nun zu den Männern getreten war, die Arme vor der Brust verschränkt und mit blitzenden Augen. "Oha, gefährlich wie immer!" Krycek lachte. "Ich hoffe, dass Sie das auch bleiben, denn - ob Sie es mir nun glauben oder nicht", er lehnte sich vor, einen beschwörenden Ton annehmend, "der letzte Kampf steht nun bevor." Fox bedachte ihn mit einem müden Lächeln. Und schon im nächsten Augenblick heulten die Sirenen los...
Es traf New York wie eine Welle. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten schepperte der schrille Klang des Fliegeralarms durch die Stadt und versetzte die Menschen in Panik. Auf den Straßen brach Chaos aus, das Scheppern und Kreischen von aufeinander treffendem Metall vermischte sich mit den Sirenenlauten. "Los, steigen Sie ein, steigen Sie ein!", rief Krycek panisch. "Steigen Sie ein!" Dana hatte bereits die Autotür geöffnet und war auf die Rückbank geklettert, um nach Destiny zu sehen, die erschrocken ihren Namen gerufen hatte, und Krycek schlug die Tür hinter ihr zu, sich selbst auf den Beifahrersitz befördernd, während sich Fox hinter das Steuer klemmte. "Los, fahren Sie! Vertrauen Sie mir und fahren Sie!" Fox drehte den Zündschlüssel, der Motor heulte auf. Mit quietschenden Reifen schoss der Wagen aus der Parklücke. Fox riss das Lenkrad herum und trat das Gaspedal durch, der Wagen machte einen Satz nach vorn und raste los. Fast gleichzeitig begann Feuer vom Himmel zu regnen...
Der Mietwagen verließ das Gelände in voller Fahrt, an Verkehrsregeln war nicht mehr zu denken. Ohne nach links oder rechts zu sehen, lenkte Fox den Wagen auf die mehrspurige Straße, auf der das Chaos schon begonnen hatte. Wie in einem Slalom ließ er den Wagen in einem Höllentempo um die bereits aufeinander aufgefahrenen Autos herumfahren, den Wagen erstaunlich gut unter Kontrolle haltend. Krycek neben ihm krallte sich mit dem rechten Arm an der Innenseite der Beifahrertür fest, während er dem Agenten die Richtungen zubrüllte, in die sie fahren sollten. Hinter ihnen explodierte einer der aufgestauten Unfallwagen in ohrenbetäubendem Getöse, sodass die Erde erzitterte. Scharfe Metallstücke wurden in alle Richtungen katapultiert, schnitten scharfen Schwertern gleich durch die von Hitze und Geschrei erfüllte Luft. Ein Feuerball stieg zum Himmel empor, über den hell strahlende Objekte huschten, in rasender Geschwindigkeit und halsbrecherischen Manövern.
"Links, links, links!" Fox riss das Lenkrad herum, Dana auf dem Rücksitz hielt mit einem Arm Destiny fest, mit dem anderen umschlang sie die Kopfstütze des Sitzes, um nicht den Halt zu verlieren, als der Wagen ins Schlingern geriet. Fox jagte ihn in die von Krycek angewiesene Nebenstraße, in der es erstaunlich ruhig war. Es war eigentlich mehr eine Gasse als eine Straße, die die eine mit der anderen verband, die Häuserschluchten durchtrennte, so wie ein Erdbeben ganze Landmassen voneinander trennen kann. Fox jagte die Geschwindigkeit des Wagens auf 100 Meilen pro Stunde hinauf und hielt auf das Ende der Gasse zu, die in eine weitere Hauptstraße mündete, an den Hauswänden lehnende Mülltonnen und anderes Gerümpel missachtend. "Rechts", kommandierte Krycek, kaum dass sie aus der Gasse auf die offene Straße schossen. Wieder quietschten die Reifen, als das Auto auf die abrupte Richtungsänderung reagierte und direkt in den Central Park hineinsteuerte. Das Gelände war nun so gut wie menschenleer, ein paar vereinzelte Leute flüchteten in Richtung des Waldes, der die linke Seite des Parks säumte. "Woher wussten Sie davon?", rief Fox laut, dem herannahenden See ausweichend. "Wie konnten Sie das wissen?" "Heute Nacht erschienen die Ersten in New Mexiko", schrie Krycek zurück. "Bei Roswell. Der Teufel weiß warum! Man hat mich diesbezüglich erst vor einer knappen halben Stunde informiert. Ich kam gerade von einer Telefonzelle, als Sie aus der Parklücke geschossen sind und mich beinahe überfahren haben! - Es ist das Ende, das endgültige Ende! Die Invasion!" "Oh Gott..." Der Wagen schoss seitlich des Sees auf die gegenüberliegende Seite des Parks. Etwa in der Mitte des riesigen Areals angekommen, hob Krycek hastig den Arm an. "Langsam jetzt, langsam!" Fox verringerte die Geschwindigkeit auf knapp vierzig Meilen pro Stunde und starrte den Mann auf dem Beifahrersitz verdattert an. "Was?" "Fahren Sie zu der Baumgruppe dort drüben, fahren Sie rein!" "Warum?" "Sie können ja auch wieder aus dem Park raus und in die Stadt fahren, um sich von denen da oben abknallen zu lassen, aber ohne mich! Ich werde hier bleiben, weit genug weg von Häusern, die mir auf den Kopf stürzen könnten. Auf so was schießen die nämlich gerne. Viel lieber, als auf Bäume." Fox zuckte mit den Schultern. "Sie sind der Überlebenskünstler", sagte er, und lenkte den Wagen zwischen den Bäumen hindurch in das Wäldchen hinein - und stoppte dort den Motor. Von allen Seiten konnte man aus unweiter Entfernung die Explosionen hören, das Krachen von einstürzenden Gebäudekolossen und das merkwürdige Zischen in der Luft, scheinbar direkt über ihren Köpfen. "Da haben Sie sie, Ihre Wahrheit!", zischte Krycek. "Direkt über Ihrem Kopf! Sie brauchen bloß einen von denen vom Himmel zu holen, von ihrer Partnerin obduzieren zu lassen und sämtliche Beweise dem Komitee vorlegen. Bloß wird das nun keine mehr brauchen, da es gerade in die Luft fliegt - und da Ihnen jetzt ohnehin jeder glauben würde!" "Bloß ärgerlich, dass es erst passieren muss, bevor man Leute gewinnt, die helfen, genau das zu verhindern, was da gerade vorgeht!", erwiderte Fox schneidend. "Es wäre möglich gewesen, hätten mich nicht diverse Leute davon abgehalten, die Wahrheit ans Licht zu bringen!" Krycek ging nicht auf den anklagenden Kommentar ein. "Es war alles geplant", knurrte er. "Und seit die Bienen weltweit ausgebrochen sind, wissen wir, dass es unweigerlich bevorsteht. Die Zeit der Verbreitung ist gekommen. Und damit sie sich verbreiten können, müssen wir zerstört werden. Wie zur Zeit des Nationalsozialismus, 'Erschließung neues Lebensraumes' nannten die es da!" "Das heißt, dass..." "Dass alle Menschen in Flugweite der Bienenhäuser infiziert werden - und der Rest weitestgehend abgemurkst wird. Ganz genau!" Krycek starrte verbittert durch die Windschutzscheibe nach draußen. "Massen von Menschen werden nun schon infiziert sein, ein paar hundert Millionen, vielleicht schon eine Milliarde, weiß man es? Jede Biene wird ihr Ziel finden, sie müssen stechen, sie sind dazu gezüchtet worden, um zu stechen. Und damit werden sie sich selbst auslöschen, denn keine Biene überlebt, nachdem sie einmal gestochen hat. Und mit sich selbst bringt sie die Menschen um, verwandelt ihre Körper in Hüllen. Eierschalen, die den Abschaum des Universums ernähren und ausbrüten, bis er bereit ist, zu schlüpfen. Und in weniger als vier Tagen werden wir hier Millionen von Aliens haben, Millionen! Und sie werden über uns herfallen und uns auslöschen, strategisch, einen Schritt nach dem anderen, ein Kontinent nach dem anderen, sich ausbreiten wie die Pest im Mittelalter!" "Und wo... fangen sie an?" "Nordafrika." Krycek ließ sich seufzend in seinen Sitz zurücksinken. "Klimatisch optimal. Verbreiten werden sie sich allerdings überall dort, wie Bienenhäuser stehen. Wie in Indien, Utah und Argentinien." "Und das sind noch lange nicht alle, was?" "Nein. Sie sind überall dort, wo das Klima mild oder weitest gehend heiß ist. Sie brauchen Wärme. Keine schwül-feuchte Hitze wie in den Regenwäldern, sondern trockene Wüstenhitze. Sonst können sie sich nicht entwickeln. Sicher ist man zum jetzigen Zeitpunkt nur im tiefsten Dschungel Borneos. Dort werden Menschen überleben und als dumme Affen ihr Leben fristen." "Und wir können sie nicht aufhalten?", fragte Dana beinahe zaghaft. Krycek schüttelte resigniert den Kopf. "Nicht, dass ich wüsste..." Fox legte sich mit einem tiefen Seufzer über das Lenkrad, die Augen schließend. Hinter sich hörte er Dana leise Tommys Namen flüstern.
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Spender drückte seine Zigarette mit einem besorgten Ausdruck in den Augen aus, den Blick auf die sich ständig verändernden Statistiken und Radarbilder gerichtet. Kleine rote Punkte wanderten über den Globus, wie ein Schwadron, eine Armee der Lüfte. Sie waren überall, scheinbar ohne Plan und doch... effektiv. "Wie sieht es in Washington aus?", erkundigte er sich langsam, einen Mann am Instrumentenpult auffordernd ansehend. "Sie sind gerade drüber", antwortete dieser. "Totalitärer Beschuss, Sir." Spender nickte schweigend, eine neue Zigarette aus dem Morley-Päckchen ziehend. In der Innentasche seines Jacketts tastete er nach dem Feuerzeug. "Und in Chicópee?" "Wo, Sir?" "Chicópee, Massachussetts." Der Mann überprüfte achselzuckend die Instrumente. Er begriff nicht so ganz, warum sich Spender nach einem solch unbedeutenden Ort erkundigte. "Da sind sie schon drüber weg. Dreitausend Tote..."
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Sie erreichten Chicópee gegen Mitternacht. Zwar bot diese Stadt nicht das Bild der Zerstörung, wie New York, doch war die Katastrophe auch hier nicht vorbeigegangen. Die Straßen waren ein Bild des Chaos, Wagen standen zurückgelassen und mit noch immer brennenden Scheinwerfern mitten auf der Straße, Fahrertüren offen. Viele Fenster waren zerbrochen, wie von gewaltigen Druckwellen gesprengt. Aus unzähligen Dächern schlugen noch immer Flammen. Rauch und Qualm hüllte die Straßen ein und erschuf die Atmosphäre einer Geisterstadt. Einigen Häusern fehlten die Dächer. Unter einer herabgestürzten Giebelmauer lag ein halbzerdrückter Pickup. Ein Hund jaulte in der Ferne, der Gestank nach verbranntem Holz und Gummi erfüllte die Luft. Überall lagen Blumenkästen, Dachziegel und ganze Fassaden auf der Fahrbahn. Es war unmöglich, mit dem Auto bis in die Dorrane-Street vorzudringen, wo das Haus der Mulders stand. Zuviel Schutt versperrte den Weg. Fox bremste vor einem verlassenen Geschäft in der Hauptstraße und sie stiegen aus. Schweigend machten sie sich auf den Weg zu einem Ort, von dem sie hofften, ihn noch vorzufinden. Wie in Trance wandelten sie durch die verlassenen Straßen, Abbilder des Grauens. Unter den Schaufensterscherben einer Bäckerei lag eine Frau in einer großen Blutlache, und Fox hob Destiny auf den Arm, ihr Gesicht an seine Schulter pressend, damit ihr dieser schreckliche Anblick erspart blieb. Eine aschige, blutige Gestalt wankte auf der anderen Straßenseite vorbei. Fetzen hingen von ihr hinab. War es Stoff? War es Haut? Fox wagte nicht, genauer hinzusehen. Sie bogen in die Fletcher-Street ein, die in die Dorrane-Street mündete. Hier waren nur wenige Häuser verbrannt, der Nebel aus Rauch und Asche lichtete sich. Hoffnung kam auf. Wenn die Zerstörung nach hinten hin weiter abnahm, so bestand noch die Chance, dass... Die Dorrane-Street empfing sie mit der gleichen gähnenden Leere, wie alle anderen Straßen. Kein Mensch weit und breit, nur ein Schäferhund in einem der Vorgärten, nach wie vor angekettet, wild kläffend im Kreis herumrennend. Fox spielte schon mit dem Gedanken, das arme Tier zu befreien, doch kaum näherte er sich dem Garten, als der Hund auch schon wie in wilder Raserei an den Ketten zu zerren begann, das Nackenfell gesträubt, die Lefzen hochgezogen und das furchteinflößende Gebiss entblößend. Vor sich sah Fox das eingestürzte Haus der Daniels, das die Sicht auf das ihre versperrte. Die Holzfassade war eingestürzt, die zarte, thailändische Architektur hatte der Katastrophe nicht Stand halten können. Ein Schuttberg überströmte die Straße wie ein erkalteter Lavastrom. "Oh mein Gott", flüsterte Krycek, das Bild der Zerstörung wieder und wieder betrachtend, mit dem Gefühl, ihm nicht entfliehen zu können, ganz egal, was er auch tun würde. Endlich kam die Nummer 24 der Dorrane-Street in Sicht. Und dieser Anblick ließ Fox das Blut in den Adern gefrieren. Die linke Fassade war abgerissen, die Veranda vor der Haustür eingestürzt, ebenso deren Stützbalken. Der Balkon am ersten Stock schien jeden Moment zu Boden zu stürzen, die Fenster waren allesamt ohne Glas, die Scheiben zersprungen wie dünnes Eis auf einem Wintersee. Fox rannte los, schwang sich über den hüfthohen Gartenzaun. Dana folgte ihm dichtauf, während sich Krycek Zeit ließ. Fox hatte ihm Destiny in den Arm gedrückt, und so war es ihm unmöglich, mit dem Tempo der beiden Agenten mitzuhalten. Vorsichtig stieg er über den Zaun, darauf bedacht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Kaum stand er wieder fest auf beiden Beinen, als Fox die Haustür bereits erreicht hatte und damit begann, das Gerümpel davor zur Seite zu schaffen. Zersplittertes Holz, vereinzelte Bretter, ganze Pfosten lagen dort und versperrten den Eingang. Wer auch immer im Inneren des Hauses war, durch die Tür konnte er nicht entkommen. Fox stemmte sich gegen einen querliegenden Balken direkt vor dem Türblatt und schob ihn langsam und unter Aufbietung all seiner Kräfte zur Seite. Mit Gepolter schlug das massive Holz in die sowieso zerstörte Veranda ein, Holzsplitter und Späne stoben auf, sowie Staub und Asche. "Bitte lass sie noch leben", flüsterte Dana mit bleichem Gesicht. "Gott, bitte lass sie noch leben..." "Verflucht!" Fox starrte auf das Schloss, in das er gerade versucht hatte, den Schlüssel zu stecken. "Die Tür ist von innen zugeschlossen! Sie haben den Schlüssel stecken lassen!" Dana schnappte nach Luft, und sie spürte, wie sie zu zittern begann. Krycek trat neben sie, Destiny absetzend, aber von dem zersplitterten Holz ringsherum fernhaltend. Fox warf sich mit voller Wucht und der Aufbietung seiner gesamten Kräfte gegen das Türblatt, das unter seinem Gewicht erzitterte. "Nun geh' schon auf!", fluchte er, die Zähne zusammenbeißend, als er sich erneut gegen das Holz warf - das endlich splitterte und letztendlich nachgab. Die Tür schwang auf - und gab den Blick in die Dunkelheit preis. "Tommy!" Danas Stimme schien sich zu überschlagen, als sie an Fox vorbei eilte, über die Türschwelle in das Haus trat. "Tommy!" Fox packte ihren Arm, bevor sie weiter in das Innere des verwüsteten Hauses eindringen konnte. "Werde nicht unvernünftig, Dana! Wir können nicht wie blind durch das Haus rennen. Nicht, wenn wir es auch lebend wieder verlassen wollen." Er zog sie sachte wieder durch die Haustür nach draußen. "Bitte warte hier mit Destiny. Die Wände können jeden Moment nachgeben und einstürzen. Ich gehe allein." "Fox, ich..." "Nein, vergiss es!" Sanft aber bestimmt drückte er ihr ihre Tochter in die Arme und ließ sie draußen stehen. Er selbst trat vorsichtig in den Flur. "Warten Sie." Fox wandte den Kopf und sah, wie Krycek über die umgestürzte Kommode stieg, die zwischen Tür und Hausflur lag. Er erreichte den Agenten, mit der rechten Hand die Innentasche seiner Jacke durchwühlend und eine Taschenlampe zu Tage fördernd. "Ich komme mit." Als er sah, das Fox schon das Angebot ablehnen wollte, fügte er hastig hinzu: "Wir können Ihren Sohn schneller finden, wenn wir zu Zweit suchen. Einer im Erdgeschoss, einer oben." Fox zögerte kurz, blickte Krycek prüfend an. Dann nickte er. "Gut. Sie haben Recht." Er beugte sich über die umgestürzte Kommode und riss eine der Schubladen auf. Schnell hatte er die darin befindliche Taschenlampe gefunden. Es war für ihn wie eine Tradition gewesen, ein solches Gerät stets in der Kommode im Flur aufzubewahren, und nun war er mehr als froh darüber, es stets getan zu haben. Er richtete sich wieder auf, in den Flur deutend, den Krycek nun beleuchtete. Wasser tropfte von der Decke hinab auf den aufgequollenen Teppichboden. Die Bilder an der Wand hingen schief oder waren zu Boden gefallen und zersprungen. Scherben übersäten den Boden. Der Garderobenständer war umgestürzt und lag mitten im Flur, die Jacken, die daran gehangen hatten, waren wirr über den Boden verteilt und ebenso nass wie der Teppich. Fox bemerkte wahre Rinnsale an den Wänden, die von oben kamen. Wahrscheinlich aus dem Badezimmer. Die Rohre mussten geplatzt sein, sodass das Leitungswasser ungehindert durch die Decke ins Erdgeschoss strömen konnte. Die beiden Männer stiegen über den Garderobenständer hinweg, die Lichtkegel ihrer Taschenlampen tanzten wild über Wände und Decke. Linker Hand führte nun die Treppe nach oben, rechts stand die Tür zur Küche sperrangelweit offen. Im Inneren nichts als Chaos. Geradeaus führte der Weg weiter zum Wohnzimmer. "Ich gehe hoch", sagte Fox bestimmt, und schon schwang er sich die ersten Stufen hinauf. Die Treppe war massiv, noch erstaunlich gut in Schuss. Der Agent musste bloß aufpassen, nicht auszugleiten. Der Lack auf dem hellen Holz war wasserabweisend, doch von dünnen Wasserfilmen bedeckt, was den Aufstieg ins erste Geschoss zu einer heiklen Rutschpartie machte. Mit der linken Hand fest das Geländer umfassend, arbeitete sich Fox vorsichtig nach oben, während sich Krycek langsam Richtung Wohnzimmer bewegte, noch einen kurzen Blick in die Küche warf, sie rasch und mit aufmerksamen Blick durchleuchtete. "Ist hier jemand drin?", fragte er laut. "Hallo, ist hier jemand?" Keine Antwort. Nur offene, leere Schränke, deren Inhalt in Form von Geschirr, Besteck und Lebensmitteln in heillosem Chaos auf dem Boden verteilt lagen, ein wahrer Scherbenhaufen. Krycek ließ noch einmal kurz den Blick durch den Raum schweifen, um dann in den Flur zurückzutreten. Fox war bereits im ersten Stock angelangt, Krycek konnte dessen leise Schritte über sich hören und den Strahl der Taschenlampe an den Wänden huschen sehen. Er duckte sich unter einer umgestürzten Yucca-Palme, die halbentwurzelt im Flur hing, mit der Baumkrone an der Wand, in einem fünfzig Grad Winkel. Vorsichtig schlüpfte Krycek unter deren Krone hindurch, die Blätter bei Seite schiebend, die Taschenlampe geradeaus auf das Wohnzimmer gerichtet. "Hallo? - Hallo? Ist hier jemand?" Er erreichte den Türrahmen, einen prüfenden Blick in den Raum werfend. Fürchterliches Chaos empfing ihn, wie er erwartet hatte. Und es war ihm unmöglich, den eisigen Schauer, der ihm über den Rücken lief, zu unterdrücken. "Ist hier jemand?", rief er erneut, lauter noch. Er lauschte. Nichts. Vorsichtig trat er in den Raum, das Licht auf die rechte Seite gerichtet. Umgestürzte Schränke und Pflanzen, zersprungener Nippes, der sich über den Boden verteilte. Das Glas der Terrassentür war zersprungen und in den Raum gerieselt, die Vorhänge wehten wie überdimensionale Spinnweben im Wind, der von draußen ins Innere des Hauses drang. Krycek wandte sich nun nach Links, näherte sich der Sitzgruppe um den Wohnzimmertisch. Vorsichtig umrundete er ihn, in alle Ecken und Winkel leuchtend. Bis der Lichtstrahl knapp zwei Meter vor ihm etwas erleuchtete, das... "Tommy?" Nein, die Hand, die dort unter dem umgestürzten Schrank hervor schaute, sah nicht wie die eines Kindes aus. Krycek kniete sich neben sie, bückte sich, um in den Spalt leuchten zu können, aus dem die Hand herauskam. Er biss sich hastig auf die Lippen, als er den zerquetschten Körper unter dem schweren Möbelstück gewahrte. Es war der Körper einer alten Frau. Und sie war ohne Zweifel tot. Krycek wollte gerade schon die Stimme erheben, um nach Fox zu rufen, als ein leises metallisches Klopfen seine Aufmerksamkeit erregte. Er fuhr herum, den Lichtstrahl der Taschenlampe in die Richtung dirigierend, aus der das schwache Geräusch kam. Durch die Wohnzimmertür hindurch... Hastig sprang Krycek auf, stolperte dabei beinahe über ein umgeworfenes Holztischchen und eilte zur Tür. Innehaltend, beinahe den eigenen Atem unterdrückend, lauschte er. Da war es wieder! Kurze, leise Schläge. Wie auf Metall. Krycek wandte den Kopf und mit ihm die Taschenlampe. Der Lichtstrahl erfasste eine Treppe, die nach unten führte. 'Der Keller!', schoss es ihm durch den Kopf. Er ergriff das Geländer, vorsichtig über das glitschige Holz nach unten steigend. Er hatte nicht einmal die Hälfte der Stufen hinter sich, als er erneut die metallischen Schläge hörte, lauter diesmal. "Ist hier jemand?", rief er hoffnungsvoll. "Hallo, ist hier jemand?" "Hier!" Krycek hielt inne. Hatte er sich getäuscht oder den leisen Ruf tatsächlich vernommen. Hastig stieg er vier weitere Stufen hinab - und trat in knöcheltiefes Wasser. Erschrocken starrte er nach unten. Das Licht der Taschenlampe reflektierte sich auf dunklem Wasser. Der Keller war überschwemmt! Vorsichtig ging Krycek weiter, das Wasser kletterte von Stufe zu Stufe höher, seine Waden hinauf, über die Knie. Und es war eisig kalt. "O mein Gott", entfuhr es ihm, als er endlich das Ende der Treppe erreichte und bis zur Hüfte im Wasser stand. Er richtete die Taschenlampe nach vorn, das Licht zuckte über das Wasser. "Bitte helfen Sie mir!" Da, links! Krycek arbeitete sich einen Meter nach vorn, einige Holzbretter, die auf dem Wasser schwammen, zur Seite schiebend. Und dann entdeckte er den Jungen. Er riss den Kopf herum, wandte ihn der Treppe zu. "Mulder!", schrie er laut. "Mulder, ich hab' ihn!" Hastig kämpfte er sich weiter durch das Gewirr aus auf dem Wasser treibenden Holzbrettern, Dosen und anderem Gerümpel, bis er den Jungen erreichte. Tommys Gesicht war blass, die Lippen blau angelaufen. Er lag auf eines der Bretter gestützt im Wasser, war nass von Kopf bis Fuß. "Gott, Junge, was machst du hier?" Krycek war nur noch einen halben Meter von ihm entfernt. "Ich wollte doch nur den Wasserhahn zudrehen", erwiderte der Junge weinerlich. "Grandma hat gesagt, ich soll schnell runter laufen und den Hahn zudrehen, weil die Rohre geplatzt sind." Von oben hörte Krycek Fox' hastende Schritte. Er hoffte, dass der Agent in seiner Panik um den Jungen nicht die Treppe hinunterstürzen würde. Vorsichtig streckte er die Hand nach dem Jungen aus. "Warum bist du nicht wieder hoch gegangen? Warum bist du noch hier?" "Das Haus begann zu beben, kaum dass ich unten war", berichtete Tommy zähneklappernd. "Das Wasser ging mir schon fast bis zu den Knien. Und dann ist das Regal umgefallen, auf meinen Fuß." Krycek versuchte, sich über den Jungen zu beugen, um den Wasserhahn dahinter zu erfassen, um ihn zuzudrehen. Doch das Ding rührte sich nicht einen Zentimeter. "Scheiße!", fluchte er. "Krycek?" Fox' Stimme hallte durch das Erdgeschoss. Krycek hob den Kopf, zur Treppe blickend. "Ich bin hier unten!", schrie er. Schon warf er sich wieder herum, das Wasser absuchend. Trotz, dass es sehr trüb war, konnte er das Regal nun sehen. Tommys Fuß und Unterschenkel waren darin eingeklemmt. "Hast du Schmerzen?", fragte er den Jungen. "Mir ist kalt", erwiderte er. "Ich spüre das Bein gar nicht mehr." "Halt das mal, ja?" Er drückte ihm die Taschenlampe in eine der klammen Hände. "Und halt sie genau auf diese Stelle, ja?" "Okay..." In diesem Moment kam Fox die Treppe in den Keller hinabgestürzt. Das hüfthohe Wasser veranlasste ihn keineswegs zum Zögern. Hastig begann er sich den Weg zu seinem Sohn zu bahnen. "Tommy? Geht es dir gut?" Der Junge riss den Kopf hoch. "Dad!" Krycek packte seine Hand und platzierte sie wieder da, wo sie eben noch gelegen hatte. "Halt den Lichtstrahl da drauf, Tommy, ja? Bitte, ich brauche Licht." Er tauchte den Arm in das eisige Wasser, tastete nach dem Regal. Das Holz war glitschig und schwer. Mit seinem einem Arm war es unmöglich, das Möbelstück zu bewegen. "Mulder, helfen Sie mir!" Der Agent legte gerade den letzten Meter zu ihnen zurück, das Treibgut auf dem Wasser ungeduldig von sich stoßend. Er kam neben Krycek zum Stehen, schob sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und bückte sich, mit beiden Händen die Regalwand umfassend. "Los, ziehen Sie!" Das Holz glitt ihnen beinahe aus den Händen. Fox ließ sich in die Hocke sinken, das eisige Wasser ging ihm nun bis zum Hals. Die Kälte ignorierend schob er die Hände unter das Regal, stemmte es mit aller Kraft empor. "Zieh das Bein raus, Tommy, los!" "Ich kann nicht..." Krycek reagierte schnell und packte den Jungen, zog ihn von dem Brett an sich. Fox ließ das Regal mit einem erleichterten Stöhnen wieder fallen. Etwas unbeholfen richtete er sich wieder auf, sich am Wasserhahn abstützend. "Lassen Sie uns schnell hier verschwinden, bevor das Wasser noch weiter steigt", drängte Krycek und drückte Fox den Jungen in die Arme. "Los, kommen Sie!" Tommy klammerte sich ängstlich an die Schultern seines Vaters, als sie sich den Weg zurück zur Treppe bahnten. Krycek erreichte die Stufen zuerst und leuchtete sie mit der Taschenlampe aus. "Vorsicht, nicht stolpern!" Langsam, Stufe für Stufe, arbeiteten sie sich nach oben. Es schien ihnen, als wolle sie das Wasser zurückhalten, als zerre es an ihnen wie eine übermächtige Kraft. Sie waren nass bis auf die Knochen, die Kälte ließ sie zittern. Es dauerte beinahe eine halbe Ewigkeit, bis sie das Erdgeschoss erreichten - jedenfalls schien es ihnen so. "Wo ist Grandma?", fragte Fox atemlos. "Weißt du, wo sie ist, Tommy?" "Nein..." "Ich habe sie gefunden", sagte Krycek leise. "Im Wohnzimmer." Der Agent starrte ihn an, und an seinem Tonfall und an seinem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, wie er sie gefunden hatte. Sein Gesicht war verhärtet, als er kurz nickte, und er schlug hastig die Augen nieder, als sie am Wohnzimmer vorbeikamen. Ohne sich umzusehen, duckte er sich unter der Yucca-Palme hindurch. Krycek folgte ihm schweigend. In der Mitte des Flures blieben sie an der umgestürzten Kommode stehen. Fox bückte sich, erneut die Schubladen durchsuchend. Doch diesmal nach etwas anderem. Schließlich brachte er einige Leinentücher zum Vorschein, drückte sie Krycek in die Hand und kletterte dann mit Tommy im Arm vorsichtig über das umgestürzte Möbelstück. Dana wartete noch immer vor der Tür, die Augen vor Angst und Sorge - aber auch vor Freude - geweitet, als sie ihren Sohn in Fox Armen erblickte. "Tommy!", rief sie erlöst, nach ihm greifend. "Sei vorsichtig, sein Bein könnte gebrochen sein", dämpfte Fox ihre Euphorie ab. "Es war unter einem Regal eingeklemmt." Danas Mutterinstinkt wich sofort ihren medizinischen Kenntnissen. Kaum hatte sich Fox neben ihr gebückt und den Jungen vorsichtig auf den Boden gelegt, als sie sich auch schon über ihn beugte und das Bein fachmännisch abtastete. "Oh Gott, er ist ja durchgefroren bis auf die Knochen!", entfuhr es ihr. "Aber es ist nichts gebrochen, nur angeschwollen..." Tommy registrierte die tastenden Hände seiner Mutter nur nebenbei. Er hatte den Kopf gedreht, starrte zu seiner Schwester hinüber, die direkt neben ihm stand und sich nun besorgt neben ihn kniete. "Dee... Dee, du bist wieder da", flüsterte er, und ein glückliches Lächeln huschte über seine vor Kälte blau gewordenen Lippen. Es schien, als würde ein Berg aus Schuldgefühlen vom Herzen des Jungen fallen, und er fasste eilig nach Destinys Hand, wie um sich zu überzeugen, dass sie auch keine Einbildung war. "Puh, bist du kalt, Tommy!", rief sie erschrocken. Inzwischen hatte auch Krycek das Haus verlassen und war neben sie getreten, eines der Leinentücher Fox reichend, der sich grob damit abtrocknete. Das andere gab er Dana und half ihr, Tommy damit einzuwickeln. "Wo ist Teena?", fragte sie, an Krycek gewandt. "Habt ihr sie gefunden?" Er sah sie an, schweigend. Und sie verstand. "Sie hat ein schnelles Ende gehabt, kein qualvolles", sagte er schnell, um wenigstens einen Teil des Schmerzes zu erleichtern. Zwar war er sich seiner Aussage nicht sicher, aber das war im Moment egal. Auch Krycek wusste, wie schrecklich der Tod eines Menschen, den man mehr als gut gekannt hatte, für die jeweilig Betroffenen war. "Danke, Alex", sagte sie leise, und in ihrem Blick lag ein Hauch Dankbarkeit. Krycek gelang ein schiefes Lächeln.
* * * * *
Amilia Gregor beugte sich lächelnd über Tommy und wuschelte ihm durch das weiche Haar. Der Junge lag im Bett des älteren Ehepaares, eine Tasse heißen Kakao in den Händen und schon wieder recht munter. Die Gregors waren erst vor wenigen Monaten aus New York zugezogen. Terence Gregor, siebenundsechzig, hatte das Stadtleben nach seiner Pensionierung satt gehabt und war mit seiner Frau nach Chicópee gezogen. Ihr Haus war eines der wenigen, das noch stand, es war aus massiven Steinmauern errichtet worden und äußerst stabil. Außer zerbrochenen Scheiben und Schäden an der Veranda gab es kaum etwas zu beklagen. Tommy leerte seine Tasse mit zufriedener Miene. "Spitze!", schwärmte er und zauberte Amilia ein wohlwollendes Lächeln auf die alten Lippen. "Es war heute morgen", berichtete Terence derweil, der im Wohnzimmer ins einem Ohrensessel saß, eine Pfeife im Mundwinkel. "Kurz nach neun. Auf einmal bebte die Erde, und es war, als würde Feuer vom Himmel regnen. Die Fenster zerbrachen und der Lärm der einstürzenden Gebäude ringsherum war ohrenbetäubend. Ein Wunder, dass es uns nicht allzu schlimm erwischt hat..." Fox hörte ihm kaum zu, seine Aufmerksamkeit galt Destiny, die neben ihm auf der Couch lag, den Kopf in seinen Schoß gebettet. Seine Hand ruhte auf ihrer Stirn, und was er fühlte, gefiel ihm gar nicht. Das Mädchen hatte Fieber. "Dana..." Sie blickte ihn an, von seinem Tonfall alarmiert und demnach verstört. "Was?" "Hier." Er deutete auf Destinys Stirn. "Sie glüht förmlich..." Sie glühte nicht nur. Das Mädchen war sichtlich blasser geworden. Doch ihr Schlaf war ruhig. "Legt sie ins Bett zu ihrem Bruder", riet Amilia. "Das Kind muss das Fieber ausschlafen. Sie ist wohl sehr erschöpft..."
Doch Destiny war nicht nur sehr erschöpft. Es begann gerade zu dämmern, als sie die ersten Krämpfe packten. Das Fieber stieg auf 39,6°C an, das Mädchen litt unter Schüttelfrost und Kopfschmerzen, gefolgt von plötzlichen Schweißausbrüchen, Durst und schwachem Atem. Die Farbe ihrer Haut wechselte von unbeschreiblicher Blässe zu krebsrot, und das ganze Kind schien zu glühen wie ein Stück Holzkohle in der glimmenden Asche. Dana saß auf der Bettkante, ihre heiße Stirn mit feuchten kühlen Tüchern benetzend und sie mit Wasser versorgend. Das Gesicht der Agentin war voller Sorge. "Sie haben nicht zufällig Paracetamol, Amilia?" "Nein, tut mir leid, nur Aspiri..." "Das ist zu stark für Kinder", erwiderte Dana matt, das Tuch in einer Schüssel kalten Wassers erneut kühlend. "Fieberkrämpfe bei Kindern sind nichts Ungewöhnliches", sagte die alte Frau mitfühlend. "Laue Bäder sollen sehr gut sein..." "Ich weiß." Danas Blick ruhte auf ihrer Tochter. War es Tiefschlaf oder Bewusstlosigkeit? "Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass das hier nicht normal ist..."
* * * * *
Sie erwachten. Erwachten, wie aus einem langen Dornröschenschlaf. Unwissend, welche Zeitspanne bereits vergangen war, wie viele Jahre ins Land gegangen waren. Doch das war ihnen egal. Die Signale hatten sie erreicht und geweckt, ihnen das Zeichen gegeben, aus ihrer Starre zu erwachen. Dreifingerige Hände kratzten über die Eisschicht der Kryokapseln, zertrümmerten sie, spindeldürre Arme und Beine brachen daraus hervor. Sie schlüpften...
* * * * *
Tommy war längst wieder wohlauf. Sicherlich, sein Bein schmerzte beim Auftreten, so hatte ihm Terence seinen Wanderstock gegeben, damit er sich beim Laufen abstützen konnte. Doch ansonsten war der Junge topfit. Ganz anders als seine Schwester, deren Zustand sich von Stunde zu Stunde verschlechterte. Inzwischen war sie bewusstlos. Ihre Gliedmaßen zuckten unkontrolliert unter dem Einfluss des hohen Fiebers, das viel zu hoch war, schon eine ärztliche Behandlung mit Diazepam verlangt hätte. Doch woher sollte Dana diese Arznei nehmen? Im Ort gab es nur einen Arzt, und der war beim Zusammensturz seiner Praxis in der Main Street von den Trümmern erschlagen und begraben worden. Das Gebäude war unbegehbar, und die Apotheke zwei Straßen weiter restlos ausgebrannt. So und so war nicht sehr viel von dem einst so idyllischen Ort übrig geblieben. Ein Drittel seiner Einwohner war umgekommen, annähernd die Hälfte der Überlebenden waren verletzt oder schwebten gar in Lebensgefahr. Die noch einigermaßen intakten Häuser wurden zu Krankenzimmern hergerichtet, einige Männer suchten in den Trümmern nach Überlebenden. Das Bild der Zerstörung war kaum in Worte zu fassen. Alex Krycek lehnte am Fenster, nach draußen in die Dunkelheit starrend, mit den Augen den zuckenden Strahlen der Taschenlampen der kleinen Suchtrupps folgend. "Sie verschwenden ihre Zeit", sagte er. Fox sah auf. "Wie bitte?" "Sie verschwenden ihre Zeit - und vielleicht auch ihr Leben." Krycek drehte sich zu dem Agenten um. "Sie können jeden Moment zurückkehren und sie umbringen, aus dem Nichts auftauchen, wie in New York, erneut zerstören und töten. Sie können es nicht nur - sie werden es auch." "Sie sind ein Pessimist, Alex." Krycek winkte müde ab. "Nein, Mulder, das bin ich nicht. Ich sehe nur das, was viele nicht wahrhaben wollen. Es ist aus..." Fox' Blick wurde energisch, als er sich erhob, um an Krycek vorbei ins Schlafzimmer zu gehen, um nach Destiny zu sehen. "Aber es gibt noch Überlebende", zischte er ihm zu. "Und die wollen auch weiterhin überleben!" Krycek starrte dem Agenten hinterher, bis dieser die Tür des Nebenraumes neben sich schloss. Dann wandte er sich wieder zum Fenster um. Draußen sammelten sich die Strahlen der Taschenlampen auf einem Haufen etwa hundert Meter entfernt, wo zwei Männer einen schlaffen Körper aus den Trümmern zogen...
* * * * *
Fox schrak nach Atem ringend hoch, setzte sich keuchend im Bett auf. Ein Alptraum. Ein schrecklicher Alptraum. Eine Vision der Hölle! Nein! Leise keuchend rieb er sich das Gesicht, schloss für ein paar Sekunden die Augen. Sein Herzschlag beruhigte sich. Nur ein Traum. Sie war noch hier. Hier, neben ihm. "Destiny?" Seine Hand tastete nach dem Mädchen, das auf der rechten Seite des Bettes lag. Durch die Decke hindurch fühlte er ihren kleinen zarten Körper. Er bewegte sich nicht. Fox beugte sich nach vorn, seine Hand tastete sich weiter hinauf, zu ihrem Gesicht, das überraschend kühl war... War das Fieber etwa abgeklungen? Nur für den Bruchteil einer Sekunde kam Fox dieser Gedanke, schon wurde er vom nächsten verjagt, und der ließ ihn erstarren. "Nein", hauchte er. Seine Hand strich über Destinys Stirn, ihre Wange, hinab zum Hals, den Pulsschlag fühlend... Er fand ihn nicht. Nein! Panisch sprang er auf, die Taschenlampe neben sich einschaltend. Er beleuchtete ihr Gesicht, ihr friedliches, ruhiges Gesicht. - Sie sah aus, als würde sie schlafen... Sie schlief auch... Einen ewigen Schlaf... Fox ergriff ihre schlaffe Hand, hielt sie in den seinen, Tränen schossen ihm in die Augen. Ihm war, als würde ihm das Herz stehen bleiben, als würde sein Atem ersterben, eine Ewigkeit lang. "Dee", flüsterte er. "Dee!" Keine Reaktion. Kühle Hand in seinen, entspanntes Gesicht, keine Regung, kein Blinzeln, kein Atem... Der aufsteigende Weinkrampf schüttelte ihn. "Nein", presste er hervor, durch ihr Haar fahrend, ihr Gesicht streichelnd. Heiße Tränen tropften auf ihre Wange. "Bitte, nein! Bitte!" Doch sein Flehen half auch nichts mehr. Es war zu spät. Ihr Lächeln war erstorben. Destiny war tot... Er brach über ihr zusammen - und mit ihr ging ein Teil von ihm, verließ die Welt, unwiederbringlich, für immer...
Es war ein Sonntag. Ein grauer, stürmischer Sonntag. Ein kleiner Hügel, wenige hundert Meter vom Ort entfernt, gesäumt von alten Eichen, um deren Stämme Efeu rankte. Herbstzeitlose zwischen verwelkten Rosen... "Der Herr ist mein Hirte, mir wird an nichts mangeln..." Peter Crapp, der orteigene Pfarrer, stand mit gefalteten Händen über dem kleinen Grab am Fuße der Eichenwurzeln, eine kleine Gemeinschaft von Trauernden ín stummer, andächtiger Haltung hinter ihm. " ...er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zu frischem Wasser..." Fox hörte die Worte des Pfarrers kaum. Sein Blick ruhte starr auf dem kleinen Grabstein. - Hellgrauer Marmor. Terence hatte ihn gemacht, und der eingravierte Spruch zerriss dem Agenten beinahe das Herz.
Er griff nach Danas Hand. Einerseits, um sie davor zu bewahren, ihren zitternden Knien nachzugeben, andererseits, um selbst Halt zu finden. Er konnte spüren, wie ihre Schultern bebten, wie sich ihre Augen rasch zu Boden senkten, als ihr erneute Tränen in die Augen schossen, stumm über die Wangen rannen. Die Welt war untergegangen... "...und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar..."
In einem letzten Muskelkrampf hob er den Kopf und starrte gen Himmel, das Gesicht voller Trauer und verlorener Hoffnung, gewichen war jegliche Angst. Die Erschöpfung war zu groß. Man hatte ihm - auf sein Wimmern hin - etwas zu Trinken gegeben, doch das war ein Fehler seiner Peiniger gewesen. Für ihn war es ein Segen, denn so würde ihm ein schnellerer Tod beschert werden, als den anderen gekreuzigten Männern, die drei Tage und drei Nächte an dem Holz hingen, zitternd, wimmernd, schreiend, Blut und Galle erbrechend. Ein einziger Schluck Wasser führte zum Herzversagen. Mit glasigem Blick starrte er in den dunklen Himmel hinauf, seine Lippen formten ein flehendes und zugleich anklagendes "Eli, Eli, lama asabtani?"... - Dann sank sein Kopf herab. Ein Raunen ging durch die versammelte Menschenmenge, die an dem Schauspiel teilgenommen hatten. Er war tot...
Schmerz. Nichts als tiefster, zerstörerischster Schmerz. Ein unbeschreiblich schreckliches Gefühl von Leere. Das Herz blutend, die Seele wund, stöhnend und ächzend, die schwere Decke aus schwarzem Stein über dem Kopf haltend, doch der Einsturz war nah. Gefährlich nah... Meterdickes Gestein würde über ihr zusammenstürzen, sie begraben, für immer in ein dunkles, enges und von Schmerz und Pein erfülltes Loch einschließen, aus dem es kein Entrinnen mehr geben würde. - Er stand nahe am Abgrund, er wusste es. Und dennoch brachte er es nicht über sich, sich umzudrehen und die andere Richtung einzuschlagen. Stumpf und wie in Trance folgte er dem steilen Grad, die Füße fanden minimalen Halt auf dem bröckelnden Gestein, der Abgrund nur wenige Zentimeter neben ihm, gähnend, dunkel, tödlich... Fox Mulder war psychisch am Ende. Das fahle Licht der hinter den Nebeln des Horizontes aufgehenden Sonne fiel durch das Fenster in das Innere der Küche, auf sein Gesicht, das - über eine Tasse erkalteten Kaffees gebeugt - um Jahre gealtert zu sein schien. Mulders ewige Jungenhaftigkeit war harten Zügen gewichen, einer ausgezehrten Erscheinung, umgeben von Melancholie und stumpfer Trauer. Die ersten Sonnenstrahlen empfand er nicht als wärmend. Alles, was er spürte, war die Kälte des Morgens, die Feuchtigkeit des Nebels, die an ihm zog. Draußen wichen die Schatten - doch vom Gesicht des Agenten würden sie nie wieder verschwinden. Seine Hand strich leicht über das Holz des Küchentisches, über ein umgedrehtes Polaroid auf der kühlen Decke. Er drehte es um, starrte es an. Seine kleine Prinzessin... Unkontrolliert begannen seine Finger zu zittern, und mit ihnen das Foto, das sie hielten. Destinys Bild verschwamm vor seinen Augen - nicht nur auf Grund seines innerlichen Bebens, sondern auch wegen des Tränenschleiers, der ihm die Sicht trübte. Langsam beugte er sich nach vorn, die Arme auf dem Tisch abstützend, vergrub sein Gesicht in den Händen, die ihm plötzlich so nutzlos und schwer vorkamen. "Warum?", flüsterte er heiser und unter heißen Tränen. "Warum?"
Der hageren Gestalten in zerfetzten Kleidern hockten dicht zusammengedrängt auf dem Boden, mit den Körpern in eine schmutzige, nach Moder und Schimmel stinkende Ecke gedrückt, vor sich das zur Gestalt gewordene Grauen. Graue Schatten mit langen, dünnen Armen und Klauenhänden, schwarze Mandelaugen, die gefühllos aufblitzten. Unaufhaltsam näherten sie sich ihnen. Und so gefühllos wie ihre Augen waren ihre Herzen. Was da vor ihnen voll Grauen und Angst erzitterte, war ebenso viel wert, wie der Schmutz, auf dem sie lagen. Für die neuen Herrscher gab es nur eine gute Rasse. - Sie selbst. Und alles andere war ihr Eigentum. Der blaue Planet gehörte vom heutigen Tage an ihnen allein.
Fox saß in Gedanken versunken auf den Stufen der verkommenen Veranda seines alten Hauses, als er die Schreie hörte und aufsah. Krycek neben ihm stürzte los, bevor der Agent überhaupt begriff, was vor sich ging. Auf der anderen Straßenseite, im Winkel eines alten, aus grauem Stein errichteten Einfamilienhauses, erklang Wimmern und Schluchzen, matte Proteste gegen einen überlegenen Gegner. Eine hysterische Frauenstimme, die den Namen ihres Babys schrie, doch die grauen Wesen ignorierten sie. "Ihr dreckigen Bastarde!" Krycek schoss zwischen sie, seine gesamte Wut und den aufgestauten Hass in sich fühlend, der zu explodieren drohte, unkontrolliert um sich schlagend. Ein knisternder Blitz schlug ihn zu Boden, unter einem Aufschrei, der fern der menschlichen Stimme war, verzerrt, schrill, grauenvoll. Fox war aufgesprungen und hatte sich dem Gebäude genähert, kaum dass Krycek die Straße überquert hatte. Vorsichtig betrat er den dunkeln Winkel, in dem nun gespenstische Stille eingekehrt war. Eine weinende Frau saß an die Wand gepresst dort, hemmungslos schluchzend, die Hände vor das Gesicht geschlagen. "Mein Baby!", schrie sie unter seelischen Höllenqualen. "Mein Baby!" Zu ihren Füßen, kaum einen Meter entfernt, lag Krycek. Regungslos und die Glieder unnatürlich verrenkt. Die grauen Wesen waren verschwunden. Fox kniete neben Krycek nieder, drehte dessen Kopf. Die schlaffen Halsmuskeln leisteten keinerlei Wiederstand. Und er starrte in Kryceks Gesicht, die schmerzvoll verzerrte Miene, die glasigen Augen. Doch seine Stimme konnte er nach wie vor hören. Die Stimme aus der Vergangenheit... "Ein Krieg ist im Gange, verstehen Sie? Also stecken Sie nicht den Kopf in den Sand, sonst ergeht es uns und fünf Milliarden anderer Menschen wie den Dinosauriern!" Fox erschauerte, doch die Stimme fuhr ungeachtet dessen fort: "Es wird gerungen um Himmel und Erde... - Und es gibt nur ein Gesetz: 'Kämpfe oder stirb.' Und nur eine Regel: 'Widerstehe oder diene'..." 'Widerstehe, oder diene.' Fox' Lippen formten diese Worte, ohne sie auszusprechen. "Ich bin von einem Mann geschickt worden. Und dieser Mann weiß genauso wie ich, dass Widerstand in unserer Macht liegt... - Und in Ihrer. - Jetzt wird einer von diesen Rebellen gefangen gehalten. Und wenn der stirbt, stirbt auch der Widerstand..." Der gefangene Rebell... "Und wenn der stirbt, stirbt auch der Widerstand..." Er war gestorben - Schon vor langer, langer Zeit. Und Fox erhob sich in bedrücktem Schweigen...
Er drückte die Zigarette aus und ließ den Deckel des Aschenbechers zuschnappen. Ohne aufzublicken, sagte er - eine gewisse Schwermut auf den alten, vom Leben gezeichneten Zügen: "Besorgen Sie mir einen Flug nach Bolivien."
Zwölf neue Tote", meldete Hendrik Jefferson müde. "Innerhalb der letzen acht Stunden. - Dazu achtundzwanzig bekannte Entführungen." Die Reaktion der versammelten Bürger von Chicópee war nicht mehr als stumme Resignation. Ausnahmslos jeder von ihnen hatte Verluste zu vermelden, und wie lange sie selbst noch am Leben bleiben würden, war ungewiss. Es waren nicht viele übriggeblieben. Ein knappes Drittel der Einwohner des einst so idyllischen Städtchens scharrten sich mit müden und ausgezehrten Gesichtern um das kleine Feuer auf dem Platz vor dem einstigen Rathaus. Dana drückte Tommy an sich. Der Junge war still geworden, nach Destinys Tod. - Wie sie alle. Ein Schock jagte den anderen, und Fox fürchtete, bald so abgestumpft und gefühllos zu sein, dass ihn nichts mehr rühren konnte, weder Freude noch Leid. Es war, als sei es Winter geworden in ihren Herzen, und so, als habe der Frost ihre Gefühle in skurrile Eisgebilde verwandelt. Und der rettende Frühling schien so fern. So unerreichbar fern... Und Hoffnungslosigkeit nagte an ihnen "Es gibt nichts mehr", sagte Jefferson leise. "Wir sind verloren." Schweigen folgte. Und für Fox war dieses Schweigen wie eine Bestätigung dieser Worte, ein stummes Einverständnis mit Selbstaufgabe und Tod. Und trotz seines eigenen Schmerzes lehnte sich etwas in ihm dagegen auf. Er wollte es nicht akzeptieren, auch wenn alle anderen es taten. Er würde das bedrückende Schweigen brechen, auch wenn es nur ein einziger Satz oder ein einziges Wort sein würde, das gegen den Panzer aus Resignation angehen würde, wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. "Es gibt noch uns", sagte er daher leise, aber dennoch deutlich. Jefferson, der etwa zehn Meter von ihm entfernt im flackernden Licht des Feuers stand, wandte sich um. "Was sagten Sie da gerade?"
Fox hob den Kopf, blickte ihm direkt in die Augen. Seine Stimme war nun laut und klar. "Ich sagte, dass es noch uns gibt. Und mit uns die Menschlichkeit, die wir verlieren werden, wenn wir so weitermachen!" "Fox", flüsterte Dana fassungslos. "Was tust du da?" Kurz blickte er sie an, während er sich gleichzeitig erhob. "Das einzig Richtige", antwortete er. Jefferson begegnete dem Agenten mit Hohn und Spott in den Augen. "Wie können Sie von Menschlichkeit sprechen, Mr. Mulder, in einer Situation wie dieser?" "Weil sie das Einzige ist, was uns erhält", entgegnete Fox mit Überzeugung in der Stimme. "Weil sie das ist, was die nicht haben. Das, was uns stark macht, uns die Kraft gibt, zu kämpfen." Jefferson musste an sich halten, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. "Gott, sind Sie ein Idealist, Mann!", kicherte er. "Sie sind ja verrückt!" "Sie verstehen mich nicht", erwiderte Fox sanft, als er neben den Mann trat, und sich dann mit lauterer Stimme an die Versammelten wandte. "Die Menschheit war seit jeher ein Kämpfervolk, fortschrittsorientiert und willensstark", sagte er. "Weit sind wir gekommen, alte Grenzen fielen, doch wurden die Marken neuer Grenzen beinahe gleichzeitig gesteckt. Wir hatten bisher immer geglaubt, unsere Zukunft - unser Schicksal - in den eigenen Händen zu halten. Wir glaubten, wir wären mächtig, frei und unabhängig. Ja, wir glaubten sogar, dass wir keinen einzigen Feind zu fürchten hätten, als uns selbst, gleichrassige Widersacher anderer Nationen, andere Regierungsformen, andere Einstellungen und bessere Entwicklungen in anderen Staaten, was wir durch Industriespionage und gegenseitige Überwachung einzudämmen versuchten. Was zählte, war der Konkurrenzkampf..." Einige der schwach erhellten Gestalten um ihn herum nickten in müder Zustimmung. "Wohin wir wollten?" Fox lachte kurz und bitter auf. "Höher hinaus, weiter voran wollten wir. Wir wollten immer schneller und effektiver, reicher und wichtiger, mächtiger und besser werden. Und während sich das Augenmerk der Masse auf eben diese Ziele richtete, entging uns viel von dem, was sich um uns herum abspielte - und wir begannen, unsere Menschlichkeit zu verlieren, fungierten wie Zahnräder in einer riesigen Uhr, die der Stunde Null entgegen geht, der Stunde Null, von der wir nun nicht weiter als einen Wimpernschlag entfernt sind. Und mit dem erklingenden Glockenschlag wird die Zeit, der wir angehörten - die wir scheinbar beherrschten - vorbei sein, und eine neue Ära wird beginnen, die viele von uns nicht einmal mehr erleben werden, wenn wir nicht endlich aufhören, unsere Augen zu verschließen! Denn das, was kommt, wird uns vernichten!" Er hob seine Stimme zu einem kraftvollen Ruf, die ersten zustimmenden Worte der Versammelten übertönend. "Es gibt nur ein Gesetz: 'Kämpfe oder stirb'! Und nur eine Regel: 'Widerstehe oder diene'! Und ich werde widerstehen!" Der anschwellende Jubel der Menge schlug ihm entgegen, energisch erhobene Fäuste und zustimmendes Gegröle, während Fox unverwandt und die Lautstärke beibehaltend fortfuhr. Er hatte sie, ja, er hatte sie! "Wir waren stets frei - und doch nie ohne Glauben. Sei es der Glaube an Gott, die Freiheit und das Glück oder den Fortschritt, der uns weiter trieb. Wir haben das Bedürfnis, an das Gute in uns zu glauben, in diesem Glauben Hoffnung und Bestärkung zu finden, einen Sinn für unser Streben... Glauben ist etwas sehr Persönliches, in keinster Weise in allgemeine Worte zu fassen... - Und doch gibt es heute, an diesem Tag, in dieser Lage, einen Glauben, der uns alle bestärken sollte. Einen Glauben, der nicht nach der Herkunft, Konfession oder der politischen Überzeugung eines Menschen fragt, sondern einzig und allein nach seinem Willen zu Überleben! Den Glauben an uns, an die Hoffnung und unsere Stärke. Wir müssen glauben - tun wir es nicht, werden wir untergehen wie so viele Spezies vor uns, dahingerafft vom Strom der Zeit, vernichtet durch stärkere Nachfolger, verdrängt von wechselnden Ansprüchen, die an das Leben gestellt wurden. - Und auch an uns werden nun neue Ansprüche gestellt: Eine andere Spezies, die länger als erwartet bereits auf diesem Planeten verweilt, steigt aus ihren Tiefen hervor ans Licht, um diese Erde zu ihrer Welt zu machen - was unseren Untergang bedeutet. Diese Spezies zögert nicht, uns zu töten, zu benutzen, zu schänden. Sie wird uns mehr nehmen, als nur unser Leben: Unsere Hoffnung, unseren Stolz, unsere Freiheit... - all das, was unser Leben lebenswert und sinnvoll macht. Sie werden es uns nehmen, WENN wir es zulassen!" Erneute anschwellende Zurufe der Bestätigung. Fox wandte sich um, auf die Menschen hinter sich blickend, über ihre Köpfe hinweg, bis in den letzten Winkel. "Werden wir es zulassen?" Ein tausendfaches "Nein!" wie aus einem Munde gab ihm die Antwort auf seine rebellische Frage. "Die Zeit der größten Prüfung in der Geschichte der Menschheit ist gekommen", rief er laut, "die Prüfung, die darüber entscheidet, ob uns ein Überleben gestattet ist, urteilt, ob wir es wert sind, weiterhin zu existieren. Um was es hier geht, sind nicht einzelne Individuen. - Es geht um uns, um uns alle!" Er machte eine ausschweifende Geste, seine Zuhörer umfassend. "Um den Millionär aus L.A. und den Penner aus New York, den Firmenbesitzer in Tokio und den Hirten in Namibia... Es gibt keine Klassen mehr, nicht hier und nicht jetzt! Es werden keine Unterschiede mehr gemacht zwischen Arm und Reich, Schön und Hässlich, Stark und Schwach, Weiß und Schwarz. Alles, was jetzt noch zählt, das einzige, was uns erhält, ist unser Wille, weiter zu leben. Alles, was wir noch sind, sind Menschen. Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen werden, so, wie sie es angeblich immer getan haben. Menschen, die nicht aus Egoismus und für sich kämpfen, sondern um uns alle, das gemeine Volk, im Aufstand gegen die, die uns vernichten wollen!" Erneutes Gegröle, beinahe lauter noch als zuvor, als Fox kämpferisch seine Faust in die Luft stieß. "Und darum erhebt eure Waffen mit mir, lasst uns dem Feind entgegentreten, mutig und gewillt, um unsere Freiheit und unser Leben zu kämpfen! Denn wir werden nicht zulassen, dass man uns diese Dinge nimmt!" Ein ohrenbetäubendes "Ja"-Geschrei folgte, und dennoch vermochte es Fox' Stimme, über alle Köpfe der Anwesenden hinweg seine Nachricht kund zu tun. "Wir werden kämpfen - um unser Leben und um das unserer Kinder! Wir werden nicht zulassen, dass man unsere Hoffnungen und unseren Glauben zerstört! Wir werden uns nicht willig einer fremden Macht ergeben, nicht einer Macht, deren einziges Ziel es ist, uns für ihre Zwecke zu benutzen, mit dem Wissen, uns töten zu können, falls wir nicht mehr gebraucht werden. Wir werden nicht kampflos aufgeben! - Für das Recht, die Menschen und diesen Planeten!" Die Menge tobte, das an- und abschwellende Geschrei und Gegröle erfüllte die Luft. Klatschende Hände, empor gereckte Fäuste, Hände, wie zum Eid erhoben. Jefferson starrte ihn an, mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Bewunderung. Und Fox spürte - das entschlossene Gewühl an Menschen betrachtend -, dass der schlafende Rebell in ihm zu neuem Leben erwacht war. Der Rebell, der ihn in der Vergangenheit dazu getrieben hatte, seinen eigenen Weg zu gehen, der Wahrheit zu folgen und seine Prinzipien und Versprechen nicht zu brechen. Er war wieder erwacht - zu seinem größten Kampf. Dem Kampf um die Welt. - Doch diesmal war er nicht allein...
In der Nacht kehrten sie zurück, doch diesmal sollte es nicht so sein, wie in der zuvor. - Denn heute stellte sich ihnen die Rasse Mensch entgegen...
Sie waren sich so sicher gewesen. Ohne jegliches Empfängnis für Gefühl, und doch sicher. Sicher ihrer Macht. Mit einem Aufstand hatten sie nicht gerechnet. Und die Masse an Menschen, die ihnen nun voller Entschlossenheit entgegentrat, war neu und unbekannt für sie.
Sie stürzten sich auf sie, bewaffnet mit Gewehren, Stahlrohren und dicken Stöcken, die sie über ihren Köpfen schwangen, und sie empfingen sie mit einem Gewitter aus zuckendem Licht. Fox reagierte schnell und wich dem Blitzstrahl aus. Er entging der tödlichen Ladung, dennoch wurde er getroffen. Der Schmerz lähmte ihn, raubte ihm für kurze Zeit den Atem. Er stürzte zu Boden. Sich langsam aufrappelnd griff er nach der Waffe, die er im Gürtel trug, richtete den Lauf auf die Kreatur vor sich, den Zeigefinger um den Hahn gekrümmt. Der Schuss löste sich und traf das Ziel in seinem Zentrum. Mit einem undefinierbaren Laut klappte das Wesen in sich zusammen, taumelte kurz, bevor es zu Boden sank, nur einen knappen Meter von Fox entfernt. Grüner Schleim breitete sich in einer Lache um es herum aus, und Fox beeilte sich, wieder auf die Füße zu kommen. Er zuckte zusammen, der Schmerz hielt nach wie vor an, einen Moment lang wurde es bedrohlich schwarz vor seinen Augen, und er stützte sich auf Jefferson ab, der ihm helfend die Hand reichte. "Alles okay?" "Ja, schon gut, es ist alles in Ordnung, ich..." "Sie haben Sie getroffen!" "Egal!" Fox winkte energisch ab. "Sie dürfen die Schleim nicht berühren, hören Sie? Sie dürfen den Schleim nicht..." Fox versuchte, sich aus dem Griff Jeffersons zu befreien, um die Männer zu warnen, die nun den gefallenen außerirdischen Körper näher begutachteten, während die anderen tapfer weiter kämpften. Doch ließen seine Kräfte rapide nach, er schwankte, und Jefferson griff rasch wieder nach ihm, fing ihn auf, bevor er zu Boden stürzen konnte. Die Beine unter ihm gaben einfach nach, jede Kraft wich aus seinem Körper. Und dann nahm ihn die Dunkelheit gefangen...
Seine Träume führten ihn weit hinfort, weit weg von dem Ort, den er sein Zuhause nannte, hinauf auf einen Ölberg im Mondenschein. Er vernahm die leisen Geräusche der Nacht und das sanfte Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Ein friedlicher und abgeschiedener Ort... Fox schritt zwischen den Stämmen der Bäume hin und her. Als er sich dem leicht abfallenden Hang näherte, erblickte er eine Gruppe von schlafenden Männern, die am Boden lagen, die Köpfe auf Leinenbeutel gestützt. Und sie alle trugen Kleidung, die aus den Fahnen der invasierten Länder genäht waren. Fox wandte sich rasch ab, ging zurück. Den Anblick konnte er nicht ertragen, nicht die grausame Erinnerung. Nein, er konnte nicht. Er ging weiter, doch vom Berg stieg er nicht herab. Er wollte hier bleiben, hier, in der Einsamkeit. Denn er wusste, er hatte verloren. Es war vorbei. Der Tod würde ihn schneller einholen, als er einzuschätzen vermochte, diese Gewissheit ließ alles schwer in ihm werden. Schwer war sein Körper, schwer sein Gemüt. Vor dem Stamm eines besonders starken Baumes sank er auf die Knie, kraftlos, verzweifelt, Halt suchend. Seine Hände gruben sich in die weiche Erde und das sie bedeckende Moos, dessen würziger Geruch in seine Nase stieg. Die nächtliche Kühle und Luftfeuchtigkeit ließen ihn erzittern, dennoch verharrte er auf dem Boden, unfähig, sich aufzurichten. Nicht Willens, sich erneut zu erheben. Wozu denn auch? Es war vorbei. Sehr bald schon würde er tot sein. Tot. Fox spürte die aufsteigenden Tränen, als er an Dana und Tommy dachte. Er würde sie alleine lassen. Alleine, in dieser kalten, grauen Welt voller Qual und Leid, wo das Wort Freiheit von einer Minute zur nächsten mit dem Winde hinfort geweht worden war. In einer Welt, in der das Böse regierte, das, was glaubte, diesen Planeten Erde als sein Eigen betrachten zu können - und mit ihm alle darauf lebenden Kreaturen. Die Welt stand am Abgrund. Und ihm war es nicht mehr möglich, den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Vor wenigen Minuten hatte man ihm das letzte bisschen Wind aus den Segeln genommen und seine Person zum Tode verdammt - und damit seine Mission zum Scheitern gebracht - die, den Menschen die Wahrheit zu zeigen, die er so lange gesucht hatte, die, die sie erretten konnte, wenn nur alle Menschen sie kennen würden. Er hatte umsonst gelebt. Er hatte seinen Kindern die Zukunft versagt. Jegliche Zukunft. Und unter heftigem Schluchzen brach er zusammen, am ganzen Leibe zitternd, die Hände in dem weichen Moos verkrallt und die durch seine Kleidung dringende Nässe des kalten Erdbodens ignorierend. Nach all den Jahren hatte er endgültig verloren...
"Steh auf, Fox!" Der laute Befehl der mächtigen Stimme ließ ihn zusammen fahren. Erschrocken blickte er auf, ohne sich vorher die Tränen zu trocknen, Verwirrung im Gesicht, als er sich umsah und niemanden fand, der bei ihm stand und diese Worte gesprochen hatte. "Steh auf!" "Ich kann nicht", erwiderte Fox leise und schüttelte kaum merklich den Kopf, neue Tränen auf den Wangen verspürend. "Ich kann nicht..." "Du musst!", erwiderte die Stimme. "Und du wirst. Noch ist es nicht vollbracht, und zum Aufgeben ist es zu früh. Steh auf, mein Sohn, und kämpfe deinen Kampf. Du hast ihn begonnen, so beende ihn auch. Sie brauchen dich." "Wer?" "Sie." Fox blickte zum Rande des Hanges hinüber, wo die schlafenden Menschen noch immer reglos auf dem Boden lagen. "Sie werden nie aus ihrer Passivität und ihrer Hoffnungslosigkeit erwachen, diesem Alptraum, in dem sie leben, wenn du sie nicht weckst. Deine Pflicht ist es, das zu tun, denn von selbst werden sie die Augen nicht aufschlagen. - Die Zeit ist gekommen, mein Sohn. Also kämpfe. Kämpfe für das, auf das du dich so lange vorbereitet hast. Ich weiß, es ist schwer, das Kreuz zu tragen, das ich dir aufbürde, aber du wirst sehr bald verstehen, warum ich es getan habe - und mir dafür danken. So geh hin und tu das, was dir vorausbestimmt wurde." Und Fox stemmte sich in die Höhe, um zu tun, was ihm geheißen...
Jefferson zerrte den Mann aus der Mitte des Kampfgetümmels heraus an den Straßenrand und ließ ihn auf dem Bordstein zu Boden gleiten. "So eine Scheißladung bringt jeden um!", sagte er mit einem Anflug von Panik, als ein zweiter Mann, Robert Jewing, neben ihm am Bordstein niederkniete, um Fox zu untersuchen, der wie tot da lag. "Ich spüre seinen Puls nicht", stellte Jewing fest und begutachtete auch die sich nicht regende Brust. "Er atmet auch nicht mehr. - Sie töten schnell, Jefferson, keiner, der von ihnen getötet wird, spürt Schmerzen. Es geht alles schnell... Schnell und effektiv. Keiner kann das überleben. - In einer Klinik in Philadelphia haben sie solche Opfer untersucht. Totale körperliche Lähmung und komatöser Zustand, der innerhalb weniger Stunden in den Tod übergeht..." "Wir können ihm also nicht helfen?" Jefferson starrte auf die reglose Gestalt am Boden, und sein Magen wurde flau bei dem Gedanken daran, Dana sagen zu müssen, dass sie nach ihrer Tochter auch noch ihren Mann verloren hatte. "Nein, das ist unmöglich. Niemand könnte das..." Jewing hob den Blick, um an Jefferson vorbei auf die anhaltenden Kämpfe schauen zu können. - Trotz ihrer Überzahl schienen die Menschen zu unterliegen, denn die grauen Wesen trieben sie mehr und mehr zurück. "Wir haben verloren", murmelte Jefferson leise. "Wir haben verloren..." In diesem Moment erfühlte Jewings Hand, die noch immer auf Fox' Hauptschlagader ruhte, einen plötzlich aufkommenden Puls. "Was zum...?!?" Beinahe erschrocken wich der Mann zurück, auf den eben noch reglosen Körper starrend, der sich zu regen begann. Der Brustkorb begann von Neuem, sich zu heben und wieder zu senken, und dann schlug Fox die Augen auf. Und mit diesem Augenaufschlag begann der Widerstand der Menschheit gegen die außerirdische Rasse - die zum Sieg führen sollte...
In einem kurzen Augenblick der Desorientierung wanderten Fox Augen umher, schweiften vom Gesicht Jeffersons zu dem seines Begleiters, dann in Richtung des Kampfgeschreis. "Mulder?" Fox' Blick wanderte zu Jefferson zurück, der ihn ungläubig anstarrte. Er winkelte beide Arme an und stemmte sich von kalten Boden hoch, auf dem er bis eben gelegen hatte. Als er wieder auf beiden Füßen stand, wankte er nur kurz, bevor er sein Gleichgewicht wieder unter Kontrolle bekam. Jewings Blick fiel auf das verkohlte Stück Kleidung, wo die Strahlung durch das Hemd hindurch in Fox' Körper eingedrungen war. Es war definitiv geschehen. Und es war unmöglich, dass ein Getroffener derart sicher auf beiden Beinen stehen konnte, wie es Fox Mulder nun tat. Wie konnte das zugehen? "Mulder?" Doch Fox hörte ihn nicht. Seine Aufmerksamkeit galt dem nun - vollkommen unerwartet - wieder anschwellenden Kampfgetümmel. Es schien, als hätten die Männer ihre Kraft ganz plötzlich zurück erlangt - und sie schien größer zu sein, als zuvor. Vollen Mutes gingen die Menschen gegen die wütend zischenden grauen Kreaturen an. "Sie sind aufgewacht", murmelte Fox leise vor sich hin, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Sie sind aufgewacht..." "Was?" Jewing starrte den Agenten verwirrt an, der beinahe versonnen die Augen schloss. Jefferson derweil war ernst und ruhig geworden. Langsam trat er an die Seite der beiden anderen Männer, ebenfalls die Kämpfe verfolgend. "Sie hatten Recht, Mulder", sagte er leise. "Wir sind nicht wehrlos...- Wir können sie schlagen, wenn wir es wollen." "Wenn ihr wollt", nickte Fox, den darauffolgenden fragenden Blick Jeffersons ignorierend. "Wenn ihr wollt..."
* * * * *
Der Mann starrte auf den Bildschirm, und Erstaunen huschte über seine zuvor so müden Züge. "Sir?" Er drehte den Kopf. "Sehen Sie doch, Sir!" Strughold trat neben ihn, beugte sich vor, die Hände auf den Tisch gestützt. Der Mann am Computer deutete auf kleine Punkte an der Ostküste der USA. "Es gibt Aufstände, Sir. Die Menschen wehren sich - erfolgreich!" Strughold betrachtete die blinkenden Punkte. "Nur an diesem Ort?" "Nein Sir. Überall auf der Welt verstreut. - Wie ist das möglich?" "Idealisten", schnaufte der Alte. "Idealisten und Rebellen." Er besah sich die Markierungen auf dem gesamten Globus, überflog die Daten. Und er wurde bald eines Besseren belehrt. "Sie machen Ernst", sagte er überrascht. Und nur eine Sekunde später brach er in freudiges Gelächter aus, dem verwirrt dreinschauenden Mann auf die Schulter klopfend. "Sie machen wirklich Ernst!"
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In dem Raum herrschte sanftes Dämmerlicht. Am Horizont brachen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne durch das nächtliche Dunkel. Dana öffnete die Vorhänge, damit die frische Luft ungehindert eindringen konnte, bevor sie sich auf dem Bettrand niederließ, den Blick auf Fox' entspanntes Gesicht gerichtet. Jefferson und Jewing hatten ihn zum Haus der Gregors gebracht. Er war direkt nach Beendigung der Kämpfe bewusstlos geworden, und Dana wurde von der ständigen Angst verfolgt, dass er nicht mehr aufwachen würde. Wahrlich war sein Zustand kritisch. Er hatte kaum äußerliche Wunden davongetragen, von kleinen Schrammen und sichtlichen Brandwunden abgesehen, doch Jefferson hatte von den Vorfällen des Straßenkampfes berichtet. Und Dana wusste, dass keiner überlebte, der auch nur flüchtig mit den zuckenden Lichtwaffen der Außerirdischen in Berührung gekommen war, die eine Lähmung hervorriefen, die je nach Stärke und Länge der Berührung den sofortigen Tod des Opfers oder einen langsamen, sich über Stunden hinweg ziehenden, weniger schmerzvollen. Die Betroffenen schliefen nach spätestens acht bis zehn Stunden ein. Sanft, aber unweigerlich. Für immer. Und die Gewissheit eines schmerzfreien Sterbens war das einzige, was Dana davor bewahrte, in Verzweiflung zu geraten. Nichts, so wusste sie, war schlimmer, als ein von Leid geprägter Tod, in dem der Schmerz bis zum Ende anhielt, und dass Fox auf eine derartige Weise sterben könnte, wollte sie sich gar nicht ausmalen. Nichts würde ihr mehr weh tun, nichts würde sie so sehr innerlich zerstören und zerreißen, wie das. Doch so würde es nicht sein. Eine sanfte Bewegung seiner Finger erweckte ihre Aufmerksamkeit. Sie drückte sanft seine Hand und er öffnete die Augen. Etwas rührte sich in ihr, als er sie so ansah. Kein Zweifel, er erkannte sie, seine Augen waren klar und aufmerksam, wenn auch sein Gesicht ein Spiegel von unendlicher Müdigkeit war, so plötzlich seines Lebens gezeichnet... "Dana", hörte sie ihn leise sagen und spürte seine trockene, warme Hand, die über ihre strich, sich langsam an ihrem Arm hinauftastete und ihr Gesicht berührte, ihre Wange liebkoste. Seine Augen sprühten vor Wärme. Wie würde sie diesen Blick vermissen! Sie fühlte den Kloß in ihrem Hals, stärker, als zuvor, und sie musste hastig die Augen schließen, um diese ihr inneres Empfinden nicht Preis geben zu lassen. Statt dessen beugte sie sich zu ihm hinab und küsste ihn sanft auf die Lippen. Doch er wusste auch so, was sie dachte. Denn auch er kannte wohl die Folgen eines - auch noch so kurzen - Kontaktes mit dem zuckenden Licht. "Wie lange war ich bewusstlos?", fragte er leise. "Fünf Stunden", antwortete sie ebenso leise, sich langsam von ihm lösend, verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischend. Er nickte kaum leicht. "Drei Stunden also", bemerkte er, und er konnte nicht umhin, erneut ihre Hand zu ergreifen. "Drei winzige, lächerliche Stunden. - Wenigstens kann ich dich noch einmal sehen, bevor ich..." "Du darfst so etwas nicht sagen, bitte!", sagte sie verzweifelt, ihre Stimme war lauter, als sie sein sollte. "Du... du wirst wieder gesund, Fox, ich..." Er legte seinen Zeigefinger sanft auf ihre bebenden Lippen, ein Lächeln ließ seine gequälten Züge weich werden. "Belüge dich nicht selbst", bat er sie leise. "Und mach' es mir nicht so schwer." Er gab ihr ein Zeichen mit der rechten Hand. "Komm her zu mir." Sie beugte sich über ihn, noch immer schluchzend, schlang beide Arme um ihn, presste sich sanft an seinen Körper. "Verlass mich nicht, Fox", sagte sie mit tränenerstickter Stimme. "Ich kann nicht weitermachen ohne dich." Er griff nach ihrem Kopf, hob ihn an, blickte in ihr verweintes Gesicht und suchte den Kontakt zu ihren Augen. Fest sah er sie an. "Doch, du kannst", sagte er eindringlich - und doch mit einer Stimme so sanft wie Balsam. "Du musst, Dana." "Nein, ich..." "Tu es für mich." Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. "Tu es für Tommy. Er braucht dich." "Ich weiß..." "Also, pass gut auf ihn auf, damit er ja niemals so ein paranoider Spinner wird, wie ich es war." Er lachte und zauberte ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht. Seine Unbeschwertheit im Angesicht des Todes bewegte sie zutiefst. "Er ist wie du, Fox", sagte sie. "Er ist dein Ebenbild..." "Dann gewöhne ihn schnellstens um", grinste er. "Soweit ich weiß, ist jetzt Cyberjunkie in..." Sie konnte nicht anders, als ihn zu küssen, sanft und innig, einer kleinen Auflehnung gegen das Schicksal nahe. "Nein, Fox, nein", raunte sie. "Er kann sehr stolz sein, auf seinen Daddy. Und ich weiß, dass er es ist..." Seine Lippen verzogen sich nicht um einen Millimeter, doch seine Augen lächelten. "Bitte hol' ihn zu mir, ja?", bat er.
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Der Hubschrauber war am Fuße des Procreatres gelandet, und Spender hatte dem Piloten klar gemacht, sofort wieder abzufliegen, ohne auf seine Rückkehr zu warten. Mit einer prall gefüllten Tasche über der Schulter stand er auf dem staubig-steinigen Grund und sah der schwarzen Flugmaschine hinterher, die hoch hinaufstieg und rasch verschwand, erst der Klang der ratternden Rotoren, dann ging der kleine Punkt in die Unendlichkeit des Himmels über. Spender zertrat seine Zigarette am Boden und wandte sich dem Eingang der Mine zu, die scheinbar verlassen vor ihm lag.
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Der Hubschrauber landete auf einem Getreidefeld nahe des Neubaugebietes der Stadt. Ein Mann sprang heraus, kaum dass die Seitentüren der Maschine geöffnet worden waren. "Sollen wir warten?", rief der Co-Pilot so laut er konnte durch die Öffnung nach draußen. "Nein", schrie der Mann zurück. "Fliegen Sie nur zurück!" Und während sich der Helikopter wieder in die Höhe schraubte und die Luft über dem Feld zur Orkanstärke aufpeitschte, eilte der Mann durch es hindurch den Häusern zu...
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Fox lächelte sanft, als ihn Tommy so entrüstet ansah, kaum dass sein Vater von ihm verlangt hatte, nicht allzu traurig zu sein, sobald er sterben würde. "Aber wenn ich nicht traurig bin und nicht daran denke, dann vergesse ich dich ja", empörte sich der Junge und schüttelte heftig den Kopf. "Das will ich aber nicht!" Fox lachte nun, streckte die Hand nach seinem Sohn aus. "Nein, du wirst mich nicht vergessen", schmunzelte er. "Du kannst doch auch an die schönen Dinge denken, die wir miteinander erlebt haben..." Der Junge hatte sich neben ihn auf die Bettkante gesetzt, sah ihn stumm an. Doch dann huschte ein breites Grinsen über sein Gesicht, als Fox fortfuhr. "Damals, das Fischen am See, weißt du noch? Wo wir die große Forelle gefangen haben und ich ins Wasser gefallen bin, als versehentlich ein großer Hecht anbiss. Und du hast gelacht, dich auf dem Boden gewälzt, weißt du das noch?" "Ja", kicherte Tommy. "Ja, das weiß ich noch." "Oder Weihnachten letztes Jahr. Als wir Nachts zum Weiher geritten sind. Es war mondhell, und das Eis auf dem Wasser war wie Silber..." "Ja, und der Himmel war nicht schwarz, sondern lila", fügte Tommy hinzu. "Und es war so schön still..." Fox fuhr ihm mit der Hand über das weiche Haar und lächelte. "Da siehst du mal. Es gibt doch so viele schöne Dinge, an die du dich erinnern kannst." Tommy nickte langsam und nachdenklich, sein Gesicht war ernst. "Aber ich werde dich trotzdem vermissen, Dad", sagte er leise. Sanft schloss Fox seinen Sohn in die Arme, hörte ihn leise schluchzen. "Ich werde dich auch vermissen, Tommy", flüsterte er. "Und ich werde immer für dich da sein, wenn du mich brauchst, hörst du? Immer." "Wie denn? Ich kann dann doch gar nicht mit dir reden..." "Hey", Fox schob seine Hand unter sein Kinn, sodass Tommy den Kopf heben musste, "wenn du mit Gott reden kannst, dann kannst du doch bitte schön auch mit mir reden!" Der Junge kicherte. "Ja, stimmt..." Dann verfiel er in kurzes Schweigen. "Ist Dee auch dort?", fragte er dann leise. "Ich meine, wirst du sie dort wiedersehen?" "Natürlich werde ich das", versicherte sein Vater aufmunternd. "Und Grandma auch." "Wirst du sie dann von mir grüßen?" "Sicher." "Und Dee sagen, dass ich das mit der 'Blöden Kuh' nicht so gemeint habe?" "'Blöde Kuh'?" "Ja. So habe ich sie genannt, an dem Abend, kurz bevor das Licht kam..." Fox senkte den Blick, stumm nickend. Dann riss er sich wieder zusammen. "Ja, ich werde es ihr sagen", versprach er. "Und dass ich sie lieb habe?" "Auch das." "Dich habe ich auch lieb, Daddy." Erneut musste Fox darum kämpfen, nicht die Fassung zu verlieren. Er drückte seinen Sohn an sich, die aufsteigenden Tränen hastig herunterschluckend. "Ich hab' dich auch sehr lieb", flüsterte er. Gott ja, das hatte er! Und es schmerzte ihn, zu wissen, wie sehr Tommy unter seinem Verlust leiden würde. Ein alter Spruch aus Indien kam ihm in denn Sinn, und plötzlich erschien er ihm mehr als unmöglich: "Wenn ein Mensch geboren wird, weint er, und die Welt lacht; doch er soll ein Leben solcher Art führen, dass, wenn er stirbt, er selbst lacht, und die Welt weint..." Er würde nur lachen können, wenn er Tommy und Dana glücklich wüsste.
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Fox wandte den Kopf, als die Tür aufging, denn die Schritte, die er vernahm, waren ihm unbekannt. Es konnte also nicht Dana sein, nicht Tommy, auch nicht die alten Trevors. Sie waren... anders... - Als die Tür in sein Blickfeld fiel, erkannte er auch den Mann, der durch sie hindurch in den Raum getreten war. "Spender?" Jeffrey lächelte kaum merklich und näherte sich zögerlich dem Bett. "Wie... wie geht es Ihnen?" "Müssen Sie das fragen?" Fox Antwort war ironisch - aber auch eine gewisse Wehmut lag darin verborgen. "Entschuldigung, das war... eine dumme Frage." Jeffrey hatte nun das Bett erreicht. Er deutete auf den Stuhl, der daneben stand. "Darf ich mich setzen?" "Nur zu..." Fox beobachtete seinen unverhofften Besucher, während der sich niederließ. "Wie sind Sie von Washington, D.C. nach Chicópee gekommen?" "Mit dem Hubschrauber... Nachdem... nachdem die Bedrohung durch die Außerirdischen nachgelassen hatte." "Nachgelassen?" "Ja. Vor wenigen Stunden hat es einen großen Aufstand in der Stadt gegeben. Die Menschen scheinen gemerkt zu haben, dass die Grauen nicht unverwundbar sind, und die Kämpfe halten noch immer an, wenn auch vermindert. Es gab zwar sehr viele Tote, aber die meisten von ihnen haben auch dran glauben müssen... Es scheint, als hätte die Menschheit endlich beschlossen, diesen Planeten nicht kampflos aufzugeben." Nun lachte Jeffrey kurz, und auch Fox lächelte. "Das ist schön zu hören..." Er sah den Jüngeren fragend an. "Gibt es schon irgendwelche Statistiken, wie es für uns aussieht?" "Wie? - Oh, nun ja, nicht richtig. Man verfolgt die weltweiten Aufstände mit wachsendem Interesse und fördert diese, so weit man kann. Die Air Force fliegt spezielle Einsätze, um auch die Raumschiffe nach und nach reduzieren zu können, die im Moment noch hier herumflitzen. Aber es sind weniger geworden. Sie müssen geschnallt haben, dass man seine Existenz hier nicht einfach so aufgibt..." "Und wie groß schätzen Sie unsere Chancen ein?" "Realistisch gesehen? Hm, gar nicht mal so schlecht. Ich denke, wenn wir alle wollen, können wir uns wehren." "Zum Glück wollen nun ja alle", grinste Fox, doch er wurde schnell wieder ernst, als er Jeffreys verwunderten Gesichtsausdruck bemerkte. "Äh... woher wussten Sie, dass ich hier bin?" "Gar nicht... Ich meine, ich habe Ihre Adresse aus den... aus den Akten..." Fox runzelte die Stirn. Aus den Akten? Warum hatte er in seine Akten gesehen? Warum war er überhaupt hier? Schweigend sah er ihn an. Spender hatte etwas auf dem Herzen, das spürte er. Irgendetwas nagte an ihm... Was? Wusste er etwa...? Fox wartete. "Weißt du... wer du bist?", fragte Jeffrey schließlich zögernd. Er war unsicher, wusste nicht, wie er die Frage, die ihm seit Tagen durch den Kopf schwirrte und die ihn ohne Unterlass beschäftigte, stellen sollte. Fox sah ihn lange an, forschte in seinem Gesicht. Er wusste, was er meinte. Er hatte es schon gewusst, bevor er seine Frage ausgesprochen hatte. Es hatte beinahe auf der Hand gelegen. "Ich weiß es - aber es fällt mir nach wie vor schwer, es zu akzeptieren." Sein Blick glitt über Jeffreys Gesicht hinweg zum Fenster. "Ich habe den Mann, den ich all die Jahre über für meinen Vater gehalten habe, geliebt, auch wenn ich Probleme mit ihm hatte. Sehr viele sogar, nach Samanthas Entführung. Ich habe nie erfahren, was hinter alledem gesteckt hatte. - Nicht von ihm. Bevor er es mir sagen konnte, ist er umgebracht worden. Und dann", er lachte auf, "dann kommt der Mann, den ich für meinen schlimmsten Feind hielt, zu mir und sagt mir ins Gesicht, er sei mein richtiger Vater." Er sah nun wieder Jeffrey an. "Und ich weiß heute noch nicht, ob ich das... das akzeptieren kann, auch wenn er uns geholfen hat, aus Tunesien fliehen zu können... Aber..." "Ich habe es bis heute auch nicht... richtig annehmen können", gestand Jeffrey. "Schon gar nicht, weil er Mom verraten und verkauft hat - und somit mich." "Seit wann... seit wann weißt du, dass..." "Kurz bevor ihr nach Tunesien geflogen seid. Ich... Er wollte mich erst aufhalten, meinte, es ginge mich nichts an, wer du bist... Doch dann... dann war es so, als wollte er mich provozieren... - Weißt du, er hatte mir vorgeworfen, ich sei... eine Schande für ihn, und du... du würdest deinem Vater gegenüber loyal sein. Ob er sich oder Bill Mulder meinte... das weiß ich bis heute nicht." "Ich will es lieber auch gar nicht wissen", grinste Fox. "Warum bist du eigentlich gekommen?" "Ich glaube... ich glaube, ich wollte es einfach nur wissen..." Fox nickte. Jeffrey spielte mit seinen Daumen, wirkte nach wie vor ein wenig nervös. "Und vielleicht unseren... kleinen Krieg beenden..." Er lächelte scheu. "Du weißt schon..." "Du könntest mir einen Gefallen tun...", überlegte Fox. Sein Gegenüber blinzelte überrascht. "Du könntest... öfters mal nach Dana und Tommy sehen, wenn ich..." Er stockte und biss sich auf die Lippen. "Ich... ich will nur, dass es ihnen gut geht, das ist meine einzige Angst. Ich habe Angst, dass..." Jeffrey, erleichtert darüber, dass Fox ihm seine Feindschaft nicht nachtrug, griff nach seiner Hand und drückte sie leicht, um seinen Halbbruder zu stoppen, dessen Augen schon feucht geworden waren. "Das verspreche ich", sagte er, und sein Blick verriet, dass er es ernst meinte. "Ich verspreche es, Fox." Über das Gesicht des Agenten glitt ein leichtes Lächeln. Ein dankbares, ja, vertrauensvolles Lächeln. "Pass gut auf sie auf, Jeffrey, ja?" "Ja." Fox hielt ihm die offene Handfläche hin, er zwinkerte verschmitzt. "Brüder?" Jeffrey lachte und schlug ein. "Brüder."
* * * * *
Spender war tiefer in den Berg vorgestoßen, war dem Schacht gefolgt, der in dessen Zentrum führte. Schon längst hatte er die durchgebrochene Wand passiert, war den an den Wänden angebrachten Fackeln gefolgt, durch den gewaltigen Hohlraum hindurch, auf merkwürdigem Boden gehend, der im Licht metallisch schimmerte. Nach hundert Metern blieb er stehen, um ihn herum fiel der Boden in sämtliche Richtungen leicht ab. Er hatte die Spitze erreicht. Vorsichtig setzte er die Tasche ab, öffnete den Zippverschluss. Die Zündschnur lag obenauf, und er zog die Schnur aus der Tasche, das Dynamit zurücklassend, das er darin verstaut hatte. Langsam ging er - die Zündschnur Zentimeter um Zentimeter ausrollend - den Weg zurück, bis er den Stollen erreichte, von dem aus die Minenarbeiter in das Allerheiligste des Berges vorgedrungen waren. Die Schnur reichte bis zu zwanzig Meter in den Stollen hinein. Spender hielt im Gehen inne, als er die zusammengekauerte Gestalt an der kalten Steinwand hocken sah, hörte unkontrolliertes Schluchzen. Er blieb vor ihr stehen, blickte sie an. Es war einer der Minenarbeiter - Salvatore -, der nun den Kopf hob, den ihm fremden Mann mit verheulten Augen anstarrte. "Wer... wer sind Sie?" Spender ignorierte die Frage und ließ sich neben dem Mann auf dem kühlen Boden nieder, das Ende der Schnur zwischen Daumen und Zeigefinger reibend, dann in die Innentasche seiner Jacke greifend. Salvatore beobachtete, wie er eine Packung Morleys hervorholte, eine aus der Schachtel zog und sich bedächtig zwischen die trockenen Lippen schob. Dann reichte er dem Arbeiter die Packung hin, und Salvatore nahm zögerlich eine der Zigaretten heraus. "Sie hätten nie hierher kommen sollen", sagte Spender leise. "Dieser Ort war niemals dazu bestimmt, von Menschen gesehen zu werden." Er bemerkte, wie Salvatore neben ihm bei seinen Worten zu zittern begann, jedoch nickte. "Ja, Sir", flüsterte er, während Spender seine Zigarette anzündete. "Das ist wahr..." "Unser Verstand ist zu eng für die Wahrheit", fuhr der Raucher fort und reichte seinem Nachbarn das Feuerzeug, selbst einen tiefen Zug nehmend. "Er wurde nie dafür geschaffen." Salvatore inhalierte den Rauch, spürte, wie sich seine Glieder entspannten. Doch sein Herz klopfte unvermindert stark weiter, und in seinem Kopf rasten die Gedanken, die Bilder der vergangenen Stunden. "Ich habe es gesehen, Sir!", brach es schließlich aus ihm heraus. "Ich war dort, und ich habe es gesehen. - Ich habe gesehen, was nach dem Menschen kommt..." Spender nickte. "Das ist es, was ich meinte", sagte er. Und mit diesen Worten hielt er das glimmende Ende seiner Zigarette an die Zündschnur... Anderthalb Minuten später erbebte die Erde, und der Procreatre verschwand unter gewaltigem Getöse hinter einer Wolke aus Staub und Asche...
Es war wie ein Traum. Der Traum seines Lebens. - Doch sah er darin nicht die Dinge, die ihn sonst immer in seinen Träumen verfolgten, die alte Nachtmahr, die ihn jahrelang begleitet hatte. Alles, was ihm nun in seinem letzten Schlaf auf Erden begegnete, waren Erinnerungen an glückliche Stunden. Er und seine Schwester, damals beim Zelten im Wald. Sie hatten einen kleinen Plattenspieler bei sich gehabt und in ihrem Zelt Märchen gehört. "Rotkäppchen und der böse Wolf", "Dornröschen" und "Pocahontas". Bei "Hänsel und Gretel" hatte er ihre Hand ergriffen. "Komm", hatte er gesagt, und als die ruhige Stimme des Erzählers schilderte, wie die beiden Kinder nach dem Tod der Hexe nach Hause liefen, waren sie durch den Wald gerannt, Hand in Hand, wie das Geschwisterpaar in dem Märchen. Das letzte Weihnachtsfest mit ihr, beinahe so zauberhaft wie die Märchen, die sie im Wald gehört hatten. Das ganze Haus war festlich geschmückt gewesen, und draußen hatte es geschneit. Heimlich waren sie die Treppe hinab zum Wohnzimmer geschlichen, hatten durch das Schlüsselloch hindurch in den Raum gelugt und ihre Eltern dabei beobachtet, wie sie lachend den Tannenbaum geschmückt hatten. Dann, in der Nacht, hatte Fox vorgeschlagen, vor dem Kamin zu schlafen, um den Weihnachtsmann auch ja nicht zu verpassen. - Sie hatten ihn nicht gesehen, und dennoch hatten am Morgen auf wundersame Weise alle Geschenke unter dem Baum gelegen... Fox lächelte. Er wusste nicht, ob er es nur im Traum tat. Er sah nicht Dana neben sich auf der Bettkante sitzen, ihn beobachten. Das Lächeln auf seinen Lippen entlockten ihr einige Tränen des Glücks, und sie umfasste seine Hand, küsste sie sacht. In seinem Traum sah Fox sie bei ihrer ersten Begegnung, an einem Tag im März vor mehr als fünfzehn Jahren. Er hatte ihren Enthusiasmus bewundert, mit dem sie sich in die Arbeit gestürzt hatte, ebenso ihre Offenheit und ihren Einsatz für ihn. Jahrelang waren sie Seite an Seite durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens und ihrer Karriere gegangen, ihr Vertrauen zueinander war so grenzenlos gewesen - bis zu diesem Tage. Fox spürte wieder ihren ersten Kuss, die Erinnerung daran war so unglaublich frisch, so als sei es gestern erst gewesen, dabei lag es neun Jahre zurück. Er spürte ihre Arme, die sich zärtlich um ihn schlangen, atmete ihren Duft, genoss das Gefühl, dass ihre Lippen auf den seinen verursachte. Es war der letzte Schritt gewesen, der aus ihrer außergewöhnlichen Freundschaft eine innige Liebe gemacht hatte, eine Liebe, die sie sich erkämpft hatten und nun jahrelang voll auskosteten. Noch immer spürte er ihre weiche warme Haut an der seinen. Alles zwischen ihnen war so selbstverständlich gewesen, sie hatten weder Scheu noch Eile gehabt, miteinander zu schlafen. Es war nicht geplant gewesen, spontan geschehen, an diesem lauen Winterabend. Alles war so einfach gewesen, neu und doch vertraut, so voller Gefühl und Sinnlichkeit. Und zugleich war es wie eine Befreiung gewesen... Das kleine Bündel lag plötzlich wieder in seinen Armen, er fühlte die kleinen Fingerchen, die sich um seinen Daumen schlossen, sah das noch leicht verdutschte Gesicht seines frischgeborenen Sohnes, ein Wunder des Lebens, so perfekt, so schön, so unglaublich vollkommen. Die glücklichen Jahre ihres Familienlebens, die vielen wunderschönen Erlebnisse der vergangenen Jahre, Monate, Wochen... Bei dem Gedanken an Skinners verwundertes Gesicht schmunzelte er, und zugleich erfüllte ihn der Gedanke daran mit Stolz. Stolz auf seine Kinder, die ihm so viel gegeben hatten, mehr, als er jemals erwartet hatte. Destiny mit ihrem Comic auf dem Rücksitz des Mietwagens, kurz bevor er sie einem inneren Drang heraus umarmt hatte, so froh, sie wieder bei sich zu wissen. Tommy an seinem Bettrand, ihn umarmend, den Tränen nahe. "Ich hab' dich lieb, Daddy..." Schwarzes Bild, Szenenwechsel... Irgendwo... - Fern dieser Welt... Fox starrte auf die tanzenden grünen Lichter um sich herum, die in dem Tunnel schwebten, spürte, wie sich das Wasser um ihn weich und warm an seinen Körper schmiegte. Ein besonders intensiv leuchtendes Licht trieb über seinen Arm hinweg, um dann an Leuchtkraft zu verlieren. Aber er spürte noch etwas. Ebenso weich und warm, aber anders... Er wandte den Kopf, sah die Hand, die die seine hielt. Die Hand gehörte zu einem Arm, der aus einer im Licht verschwimmenden Öffnung in den Tunnel zu ihm hineindrang. Und Fox wusste, dass er Dana gehörte. Mit der freien Hand tastete er nach ihr, strich über ihre Haut. Beinahe gleichzeitig ließ sie ihn los. Langsam und sanft driftete er von der Öffnung weg, ihre Fingerspitzen strichen über seine Hand, als sie sie entließen. "Ich liebe dich", hörte er sie flüstern und schloss die Augen. Er wehrte sich nicht gegen den leichten Sog, der ihn tiefer und tiefer in den Tunnel hineinsog, einem Kegel weißglänzender Lichtfluten entgegen. Fox zweifelte nicht. Er hatte seine Entscheidung nicht allein treffen müssen. Sie hatte ihn gehen lassen... Die Wahl war vollbracht - es gab kein Zurück mehr. Es war vorbei. Er würde niemals mehr leiden müssen, nie wieder von Schmerz und Gram zerfressen sein, verheuchelt und verraten, betrogen und belogen. - Die Ketten fielen von ihm. Und er war frei. Die Lichtstrahlen nahmen ihn in sich auf und schienen ihn zu verschlucken. Eine kleine Bewegung noch... Er zögerte, in das Zentrum des Lichtkegels starrend, der ihn trotz seiner intensiven Leuchtkraft nicht zu blenden vermochte. Es gab nichts mehr, das ihn blenden konnte. - Und er sah sie. "Daddy?" Gleißende Funken fluteten durch ihr Haar, umspielten ihren Körper. Ihre großen, lieben Augen ruhten auf ihm, ihre kleinen Ärmchen streckten sich nach ihm aus. "Daddy..." Fox hob den Kopf zu ihr und sah das glückliche Lächeln in ihrem Gesicht. Und er ergriff ihre Hand...
Hoffnung zu wissen wohin du gehst das Leben geht weiter Himmel Gott schaut zu wie du gehst von Erden zum Himmel Vater Zufriedenheit ich weiß nach dem Tod lebe ich immer weiter Ewiglich Daniel Puth / "Verkündigung" - hrsg. v. Heike Bausch Lichtenberg Oberstufen Gymnasium - Bruchköbel
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Sanftes Rauschen der Ewigkeit, vermischt mit den irdischen Gesängen des Lebens. Tanzende Schaumkronen, schillernde Perlen, gebrochenes Licht beherbergend, in allen Farben des Regenbogens, ein himmlisches Spektrum aus Träumen. Kaltes Nass auf glattem Stein, aus dem matten Schwarz einen glänzenden Reflektor zaubernd, der das Licht der Sonne zurückwarf. Das Rauschen, so stetig, ein zauberhafter Klang in seinen Ohren, der ihn in den Bann schlug, ihn am Ufer verharren ließ, die nackten Füße in das klare Wasser des Bergbaches getaucht, die Harmonie genießend, die ihn umgab und ihm jede Sorge zu nehmen im Stande war. Jede Träne wurde hier fortgewischt und verschwand auf Ewig in den tanzenden Wellen der Strömung, jede Angst wurde mit den losen Blättern hinfort gerissen, die der Fluss talwärts trug, dem Meer entgegen. Es war ein heiliger Ort... Tommy zog die Knie an, schlang beide Arme darum. Über ihm brannte die heiße Sommersonne, so stark, wie nie zuvor, so glaubte er. Es war Ende Juli, das Grün um ihn herum war so intensiv, trotz aller Hitze. Im Schatten der Pinien schillerte Tau auf den Spitzen der Grashalme. Auf der anderen Seite näherte sich ein Rehbock dem Ufer, beide Ohren aufmerksam aufgestellt, den Kopf ruckartig in die eine und andere Richtung werfend. Tommy bewegte sich nicht, der Wind kam aus Westen, und so witterte das Wildtier ihn nicht, beugte sich zum kühlenden Nass herab und stillte seinen Durst. Die Augen des Jungen ruhten auf ihm. Den großen dunklen Augen mit den langen Wimpern, dem schmalen Kopf mit dem kleinen Geweih, der wendigen Erscheinung des scheuen Tieres, jedes Detail registrierend, jede Farbnuance, jede Schattierung. Das Bild, das er momentan vor sich sah, würde er nun immer sehen können, wann immer er wollte. Er hatte es sich eingeprägt, den kleinen Rehbock am Flussufer, die neben seinen zierlichen Hufen sanft im Wind schaukelnden Kornblumen und der Mischwald, der sich in den Niederungen erhob. Wie ein Foto. Es würde in Zukunft immer abrufbar sein, jederzeit, wann immer Tommy dieses Bild sehen wollte. Zusammen mit unzähligen anderen persönlichen Meisterwerken war es in seinem Gedächtnis gespeichert, besser als jedes Foto in einem Album, kombiniert mit dem Gefühl des Windes, der um seine nackten Schultern strich, dem Duft des Grases, des Flusses und der Blumen, dem Geräusch der singenden Vögel und dem Rauschen des Wassers. Perfekter als jedes Foto, jeder Film. So real... - auch wenn es schon lange vergangen sein würde, wenn er sich daran erinnern würde. Was er sich einmal eingeprägt hatte, vergaß er nie. Dafür hatte er zu viel von seinem Vater geerbt. Der Rehbock hob den Kopf in seine Richtung, Wassertropfen perlten über seine Schnauze, fielen zurück in den Fluss. Die Augen des Tieres waren hellwach, lagen direkt auf dem noch immer reglos dasitzenden Jungen. Tommy konnte das Sonnenlicht erkennen, das sich auf den dunklen, glänzenden Glaskörpern der Augen spiegelte. Dann warf sich der Bock hastig herum und sprang in eleganten Sätzen in Richtung Wald davon. Tommy streckte sich an seinem Platz am Flussufer, erneut die Füße ins Wasser haltend, die Weiche des Wassers genießend, das Gefühl der Strömung. Er blickte in die Richtung, in die der Rehbock gelaufen war, nach Westen, sah links vom Wald seinen Heimatort Chicópee, der nun wieder so idyllisch war. Idyllischer, als je zuvor. Bei den Aufräumungsarbeiten und dem Wiederaufbau hatte man viele Gebäude für immer verschwinden lassen. So war aus der Kleinstadt ein Dorf geworden. Ein kleines Dorf aus vielen kleinen Familienhäusern und Bauernhöfen, deren Felder sich über das gewaltige Grundstück der einstigen Papierfabrik dehnten, eine einzige, asphaltierte Straße, die von Süden her durch den Ort führte, und deren Ränder kleine Geschäfte säumten, in denen das Nötigste und die Produkte der umliegenden Höfe verkauft wurden. Die restlichen Wege waren mit nicht mehr belegt, als mit feinem Schotter, auch der Marktplatz vor der neuen Kirche, einem kleinen, schönen Gebäude mit weißgetünchter Fassade, in dem der Pfarrer eigenhändig Stunde um Stunde die Glocke läutete und sich gerne mit den Bewohnern des Dorfes unterhielt und sie beriet, versuchte zu helfen, so wie es früher einmal gewesen war, bevor die Menschheit zu einem computerisierten, kapitalistischen Ameisenstaat geworden war - doch nach dem Großen Kampf hatten die alten Werte ihren früheren Status zurückerlangt. Vieles hatte sich geändert... Tommy war inzwischen elf Jahre alt, und die neue Welt war für ihn schon so normal und selbstverständlich, so als sei sie schon immer so gewesen. Friedlicher, ruhiger, ländlicher... Unten, auf den Weiden, trieb Holman seine kleine Kuhherde zusammen, zwei Hirtenhunde umkreisten die Tiere schwanzwedelnd und mit freudigem Gebell. Für sie war ihre Aufgabe nicht mehr als ein Spiel, und sie spielten es jeden Tag mit der gleichen Begeisterung. Tommys Füße tasteten nach einem großen glatten Kieselstein, der unweit von ihm aus dem Wasser ragte, und den er - zusammen mit vielen weiteren Steinen - als Brücke zum jeweils anderen Ufer gebrauchte. Er stützte sich mit beiden Händen auf dem weichen Boden auf und stemmte sich in die Höhe, der andere Fuß stand nun auch auf dem Stein, doch schon eine Sekunde später sprang er zum nächsten fort. Er musste kaum sein Gleichgewicht halten. Mit wenigen Sätzen war er am anderen Ufer angelangt und folgte nun der Schneise aus niedergedrücktem Gras in die Niederung, dem Dorf entgegen. links vom ihm eine weite Blumenwiese bis zum Waldesrand. Das Geräusch von Grillen und Vögeln, links von ihm ein Weizenfeld, in dem sich die goldgelben Ähren schwer zu Boden neigten und im Wind hin und her schwangen. Über Chicópee neigte sich die Sonne hinab, zauberte ein Gemisch aus Rot- und Orangetönen in den azurblauen Himmel. "Der Himmel blutet", hätte Destiny gesagt. Tommy musste lächeln, als er an seine kleine Schwester dachte. Bei ihr war der Wald verzaubert und der Mond das Auge des Himmels gewesen, Einhörner hatten bei Vollmond auf den Wiesen getollt und Feen in den geschlossenen Blüten der Maiglöckchen im Garten geschlafen. Destiny hatte überall etwas Zauberhaftes entdeckt, das sie sich hatte vorstellen können, ihre Phantasie war grenzenlos gewesen. Und ihr Vater hatte nie versucht, sie ihr zu nehmen, im Gegenteil, bei jedem Waldspaziergang hatte er wundersame und zauberhafte Geschichten erzählt, die Destiny noch mehr beflügelt hatten. Sie war engelsgleich gewesen. Und niemand hatte ihr diesen Hauch des Himmels stehlen wollen. Niemand, bis auf... Tommys Gedanken schlugen automatisch um, spannen den Faden nicht zu Ende Er durfte sich an sie erinnern, aber nur an das Schöne, wenn er nicht dazu gezwungen war, auch die Bilder der Schattenseite des Lebens wieder heraufzuholen, das hatte ihm sein Vater gesagt, vor zwei Jahren, als er auf seinem Bettrand gesessen hatte und nicht verstanden hatte, warum er so leben sollte, wie es sein Vater von ihm verlangt hatte - nun verstand er es. Es war die Essenz zum Leben selbst gewesen, zu der Fähigkeit, glücklich zu sein, all das Schöne zu spüren, anstatt in den Erinnerungen an die dunklen Tage einzutauchen und Traurigkeit, Wut und Hass zu verspüren. Und Tommy hatte keinen Grund dazu, so zu fühlen, denn sein Leben war erfüllt. Seine Erinnerungen brachten ihn dazu, zu lächeln, ebenso die vertrauten Worte seiner Schwester und seines Vaters, die zu ihm sprachen, als seien sie noch immer bei ihm, an seiner Seite, wohin auch immer er ging. Jegliches Blau war nun vom Himmel gewichen und er leuchtete einem Lavastrom gleich, dessen Zentrum die helle Scheibe der Sonne bildete, die sich mehr und mehr der Erde zuneigte... Für einen kurzen Augenblick schwoll die leichte Brise zu einem Windstoß heran, und eine Feder tanzte durch die Luft. Tommy fing sie im Flug. Eine große, weiße Feder. 'Wie ein Stück von Engelsflügeln', dachte er, als seine Finger darüber strichen. 'Wie ein Stück vom Himmel...'
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Sonnenuntergang. Dana schirmte ihre Augen ab und blickte in den Himmel. Das warme Rot verzauberte sie. Und als sie die Augen schloss, den zarten Windhauch genießend, sah sie denn Himmel noch immer vor sich. 'Einfach wunderschön', dachte sie, bevor sie die Augen wieder öffnete und die Veranda betrat. Die Haustür war nicht abgeschlossen - niemand hier schloss sich ein - und sie schob sich durch die Tür ins Innere des Hauses. Den mit Lebensmitteln gefüllten Korb stellte sie auf der Anrichte in der Küche ab, ihre Hand tastete nach dem Knauf der Schublade, während die andere bereits in den Korb griff und den Bund frische Kräuter herausangelte. Jerry würde heute Abend zum Essen kommen und um nach ihnen zu sehen, wie jede Woche, und so musste sie heute für Drei kochen. Aus dem Kirchturm erklang das melodische Läuten der Glocke, sieben Schläge. Draußen wurde das Rot immer intensiver, der Himmel schien zu brennen. Dana hatte einen mit Kartoffeln gefüllten Topf auf den Herd gestellt, eine Schüssel, Quark, Öl, Salz und Kräuter neben sich auf der Anrichte. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr einfaches Essen so gut schmecken würde, aber schon jetzt spürte sie den Appetit auf den würzigen Quark in sich aufsteigen. Wenn sie daran dachte, dass ihr Speiseplan vor zwei Jahren hauptsächlich aus chinesischen Gerichten bestanden hatte... Fox' Lieblingsessen. Ihr Blick fiel automatisch auf das Portemonnaie, das sie aus der Hosentasche gezogen hatte, und sie klappte es auf. Das Bild von ihm über ihrem Personalausweis, in der gleichen Lasche wie das letzte Familienfoto, Bilder von Destiny, Tommy Einschulung vor vier Jahren, der Hochzeit... - Ein Bündel von Erinnerungen an wundervolle Momente. Sie ließ das Messer, das sie eben noch über dem Bündel Petersilie hatte schweben lassen, auf das Brettchen sinken, und griff nach den Fotos, mit dem Rücken an die Arbeitsplatte gelehnt, ein Lächeln auf den Lippen.
'Sie sieht glücklich aus', stellte Michael fest und lehnte sich auf das Fensterbrett, in das Innere der Küche sehend. 'Schön und glücklich.' 'Ich könnte auch nicht leben, wenn ich sie nicht glücklich wüsste", erwiderte sein Begleiter lächelnd. 'Darf ich dich daran erinnern, dass du nicht mehr lebst, nicht so, wie sie es als Leben bezeichnen würden?' Michael deutete auf Dana. 'Was wir haben, Fox, ist eine ewige Geistesexistenz.' 'Ja, ein ewiges Schweben in Grenzenlosigkeit', rezitierte Fox die alten Klauseln. 'Aber, ich will ehrlich mit dir sein, Michael, ich würde alles dafür geben, wieder Gewicht an mir spüren zu können und mich erdfest zu fühlen...' 'Du hättest nicht diese Sehnsucht danach, hättest du nicht darauf bestanden, auf Erden zu patrouillieren. Man hat es dir als Normalsterblicher erlaubt, weil du was Besonderes bist, ein Wiedererweckter und Engelsfürst, jedem anderen hätten sie einen Tritt in den Allerwertesten verpasst. Aber du hast es ja so gewollt. Die meisten anderen, die das tun, wissen nichts von den Gefühlen, die du kennst. Ich auch nicht. Ich bin nie materiell auf Erden gewesen.' Fox lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. 'Du weißt ja gar nicht, was du versäumst', lachte er. 'Seit Anbeginn der Zeit hast du nie mehr als in Ewigkeit und Amen gesagt, nie den Windhauch an dir zerren gespürt, bist nie gestolpert und hast niemals den Geschmack von Hamburgern auf der Zunge gehabt. Du weißt nichts vom Leben, weil du nie eines geführt hast. Du weißt nicht, wie es ist, gesehen und erkannt zu werden - denn du warst seit jeher unsichtbar. Für mich ist das ungewohnt. Und daher hast du Grund mich auszulachen, wenn ich auf der Straße Leuten aus dem Weg gehe, die mich nie materiell wahrnehmen könnten.' 'Außer zum Schein...' 'Ja, zum Schein. Zum Schein den Menschen begegnen, in ihren Träumen, um ihnen Trost und Freude zu bescheren, sie jedoch nie in den Arm nehmen und ihnen Wärme geben können, dazu sind Engel unfähig. Schwach, wenn du mich fragst, sehr schwach.' Michael lachte nun. 'Gott, was für ein komischer Kauz bist du! Sie hätten dich lieber bei den anderen lassen sollen, fernab von dieser Welt in der Welt, fernab von dem Leben hier. Du wirst sonst noch all diejenigen, die hier arbeiten, verwirren! Mich hast du schon bald so weit.' 'Was tut ihr denn schon?', entgegnete Fox. 'Nichts weiter tun als anschauen, sammeln, bezeugen, beglaubigen, wahren. Geist bleiben. Im Abstand und im Wort bleiben. - Aber zuschauen, Michael, ist nicht herabschauen, nein, es geschieht in Augenhöhe. So umschwärmt du auch bist, von gläubigen und phantasievollen Kinderherzen und gläubigen Seelen, du warst nie Mensch. Daher kannst du es nicht wissen.' 'Was?' Michael hob die Augenbrauen, doch Fox sah ihn nicht an, als er antwortete: 'Das, was ich weiß. Was kein Engel weiß. Was mehr Himmel und göttlich ist, als alles andere...'
Er wandte den Kopf und blickte durch das Fenster in die Küche, wo Dana noch immer an die Arbeitsplatte angelehnt da stand und die Fotos besah. Er sah die Tränen auf ihrem geliebten Gesicht, die heftig blinzelnden Augen, sah das Bild, auf das sie blickte, das ihn, Fox, zusammen mit Destiny zeigte. 'Nicht weinen, mein Liebling', flüsterte er, und er streckte seine Hand aus, um ihre Wange zu berühren...
Der warme Windhauch strich über ihr Gesicht wie Balsam. Dana spürte die trocknenden Tränen und die verfliegende Schwermut in ihrem Herzen. Er wird immer bei mir sein. Und ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen...
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Er kam in der Nacht zu ihm, lautlos wie das Licht. Er sah Tommy, der tief und fest schlief, lächelte darüber, dass er - wie so oft - vergessen hatte, das Licht über der Tür zu löschen. 'Kleiner Schussel', lachte er und strich ihm über das Haar. Dann beugte er sich nach vorn, die Lippen nahe am Ohr des Jungen, die nachfolgenden Worte nicht mehr, als ein Raunen. 'Ich soll dich von deiner Schwester grüßen und dir sagen, dass sie dich sehr lieb hat. Und dass der Himmel nicht heiß ist, wenn er brennt.' Er lachte erneut. 'Und ich habe dich auch lieb, aber das alles weißt du ja.' Erneut strich ihm Fox durch das Haar. 'Ich bin stolz auf dich...' Dann stand er auf, bemüht, leise zu sein, obwohl er wusste, dass er kein Geräusch verursachen konnte, ging zur Tür. Dann stutzte er, drehte sich noch einmal herum. Das Licht, das hatte er ganz vergessen. Er blickte zur Lampe an der Decke empor. Sie verlöschte. Fox nickte zufrieden und verließ das Zimmer - so leise, wie er gekommen war, entschwand er.
"Der Himmel ist nicht heiß, wenn er brennt", sagte die grinsende Destiny in Tommys Traum zu ihrem Bruder und griff nach seiner Hand. "Ich hab' dich lieb", flüsterte sie. Und im Schlaf musste der Junge lächeln...
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'Dana sieht so schön aus, egal ob im Schlaf oder wach', stellte er - zum wer weiß wievielten Mal - fest, als er sich auf ihre Bettkante setzte und sie beobachtete. 'Meine Dana...'
Und sie tanzten durch die Nacht... Ihr Kleid flog mit dem Wind, ebenso ihr offenes Haar, das im Mondschein glänzte. Sie drehte sich um ihn, und sie fühlte sich so leicht und beschwingt, wie nie zuvor in ihrem Leben. "Ich liebe dich", hauchte er in ihr Ohr, und sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust, seine Wärme spürend, seine starken Arme, die sie hielten, sie stützten. "Ich liebe dich auch, Fox", erwiderte sie lächelnd. Sie sah ihn an. "Bleibst du für immer bei mir?" "Ja, für immer..." Und er beugte sich hinab, um sie zu küssen, während die Stimmen der Nacht ihr harmonisches Lied sangen...
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