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Dahlsche Visionen

und warum es immer anders kommt
© by Clio ()
 
Disclaimer: Charaktere gehören nicht mir. Aber die Story an sich. Will kein Geld, bekomme kein Geld. Danke CBS/VOX.
Vorbemerkung: Für S. ? Danke an filep fürs Anfixen... mit The Servant, meine ich. Ich habe die Story geschrieben, während ich Muse, Nirvana und Incubus hörte... so schlecht kann es also gar nicht sein. ;-) Und nein, Herz, Sara hat KEINE "Hackfresse"! Sondern mitunter ein ganz entzückendes Lächeln. Jawohl.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

"Shall we liquefy, / Oh, you and I, / And mingle in the stream? /
Shall we liquefy, / Oh, you and I, / And appear in the ocean's dream? /
Shall we liquefy, / Oh, you and I, / And vanish into the sea?"-

The Servant - "Liquefy"
 

 

Es klopfte an der Tür. Sara grinste. Sie fand sich brillant. Ihr Anruf vor einer halben Stunde hatte gefruchtet. Er war tatsächlich gekommen. Ihr Herz tat einen glücklichen Sprung.

Gleichzeitig spürte sie, wie sich etwas in ihr verkrampfte. Es war unerträglich frustrierend und schmerzvoll. Man konnte ihr doch sicher keine mangelnde Offenheit vorwerfen. Dennoch las sie stets schiere Fassungslosigkeit, meist jedoch schlichte Überraschung in seinem Gesicht. Jedes Mal. Grissom wusste nichts mit ihr und ihren Gefühlen anzufangen. Es war ihm unangenehm, vielleicht ein wenig peinlich und allmählich zunehmend lästig. Es brachte ihn in eine schwierige Lage, denn schließlich waren sie Kollegen und darüber hinaus fast so etwas wie Freunde. Es war Zeit, das Ganze zu beenden, bevor sie völlig ihr Gesicht verlor und er selbst nach einem Ausweg suchen musste. In der obersten Schublade ihres Schreibtisches lag ihr Kündigungsschreiben in doppelter Ausführung. Jeweils ein Exemplar würden Ecklie und Grissom morgen zu Schichtbeginn auf ihren Schreibtischen vorfinden. Morgen. Nicht heute. Heute hatte sie etwas anderes geplant. Sicher perfide, sicher unmoralisch, sicher grausam, ganz sicher illegal.

Aber sie war davon überzeugt, dass sie es sich nach all den Jahren verdient hatte. Heute nahm sie sich, was sie wollte.

Sie zog die Pipette aus der Schublade ihrer Küchenzeile. Ein Bekannter vom Drogendezernat hatte ihr einmal davon erzählt. Geschmacksneutral, völlig ohne Neben- und Nachwirkungen, hatte sie im Internet gelesen. Aber mit großer Wirkung. "Extrem enthemmend", "Sexdroge" stand in den Artikeln in fett geschriebenen Lettern.

Sie legte die Pipette zuoberst in den Untertassenstapel in ihrem Hängeschrank.

 

"Komme..." rief sie jetzt zur Tür und öffnete sie kurz darauf mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

"Hey." Gil Grissom sah sie kaum an. Sein Gesichtsausdruck war neutral ? wie meist. Seit er einen Vollbart trug, hatte sich die lesbare Mimik noch weiter minimiert.

"Komm rein." Sie deutete mit ausgestrecktem Arm auf die karamelfarbene Ledercouch.

Unter seinem Arm hielt er ein paar Hefte eingeklemmt, die er nun hervorzog und sie auf den Couchtisch legte. "Ich habe dir den gesamten Jahrgang 2003 mitgebracht. Es gab eine komplette Serie über die Rekonstruktion von Fingerabdrücken auf textilen Oberflächen." Sara strahlte ihn an. "Danke, das ist wirklich sehr nett von dir... Setz dich." Sie ging hinüber zur Küchenzeile. Grissom nahm tatsächlich auf der Couch Platz und legte seine Hände in den Schoß.

"Tee oder Kaffee, Grissom?" Sie drehte den Kopf zu ihm.

Er hob die Augenbrauen und sah sie ruhig an. "Tee, bitte."

"Hm." Sie öffnete den Hängeschrank und nahm zwei Tassen sowie zwei Untertassen heraus. In der obersten lag die Pipette. Die klare Flüssigkeit schwappte hin und her.

Erst setzte sie Wasser auf, dann legte sie je einen Pfefferminzteebeutel in die Tassen. Sie wandte sich um und versperrte so mit ihrem Rücken die Sicht auf das Geschirr.

"Wie viele Jahrgänge hast du davon eigentlich, Grissom?"

Er rutschte etwas unruhig auf ihrem Sofa herum. "Ich abonniere das Forensic Magazine seit dreiundzwanzig Jahren." Grissom verzog das Gesicht zu einem schrägen Lächeln. "Vor ein paar Monaten habe ich angefangen, die ersten Jahrgänge in Kisten zu verpacken, damit ich wieder etwas Platz im Regal habe."

"Hm."

"Sara...," begann er stockend. Irgendetwas schien er auf dem Herzen zu haben. Sara zog die Stirn kraus. "Ich...," wollte er fortfahren.

Das Wasser kochte und Sara hatte ihre Geduld verloren. Was immer er zu sagen hatte, hätte er schon so viele Male zuvor äußern können. "Gleich, Grissom." Sie drehte sich wieder um und übergoss die Teebeutel mit dem heißen Wasser. Bevor sie den Wasserkocher zurückstellte, tropfte sie den Inhalt der Pipette in eine der Tassen.

Sie räusperte sich. Mit langsamen Bewegungen und die Tassen in ihren Händen balancierend, ging sie zur Sitzgarnitur. Sie stellte die dampfenden Tassen auf dem Tisch ab und ließ sich anschließend in den Sessel fallen. "Du wolltest etwas sagen?" Sie wunderte sich nicht, dass ihr ein wenig Sadismus sogar Vergnügen bereitete. Grissom sollte froh sein, dass sie nicht plante, sich mit heißem Kerzenwachs an ihm zu rächen... Obwohl...

Ein kryptisches Lächeln nahm Besitz von Saras Gesicht und Grissom schob sich die Brille auf seiner Nase zurecht. "Oh... ähm... Danke für den Tee."

"Gern geschehen," sagte sie und dachte dabei *Feigling! Elender Feigling! Stirb einsam, du elender Feigling! Du Schaf!* Das Mantra in ihrem Kopf riss abrupt ab, als Grissom die halbrunde Teetasse an ihrem Henkel ergriff und anhob. Für einen kurzen Moment stockte Sara der Atem. *Nicht starren! Nicht starren!* mahnte sie sich und senkte den Blick. Sie betrachtete den Dampf aus ihrer Tasse aufsteigen und wartete darauf, Grissom schlucken zu hören. Aber es blieb aus. Sie blickte wieder auf. Gedankenverloren drehte Grissom die Tasse in seinen Händen, begutachtete anscheinend die Farbe des Getränks. Und schwieg.

"Magst du keine Pfefferminze?" fragte sie nach einer weiteren stillen Minute.

"Ich mag Pfefferminze sehr gern, Sara," antwortete er ganz ruhig.

Seine sonore Stimme klang etwas rau. Er hob den Kopf und sie hatte das Gefühl, sein Blick würde sie durchbohren. Diese blauen Augen, sein dunkler Teint, das graumelierte Haar und dazu diese Stimme. Besonders, wenn er ihren Namen aussprach. Obwohl sie saß, spürte Sara, dass ihre Knie weich wurden und etwas tief in ihrem Bauch rumorte.

Sie ertrug es nicht mehr, dass er diese Macht über sie hatte. Es war genug. Sie wollte doch nur etwas glücklich sein. Und heute würde sie sich nehmen, was er ihr schuldete.

"Du liebst mich, nicht wahr?" Er sprach es ganz ruhig aus. So als sei es ihm gerade erst aufgegangen und er müsste es einmal laut aussprechen, um es zu verarbeiten. Sofias Methode.

Mit dem Zeigefinger schob Sara die Untertasse etwas an. Es schepperte leicht. Sie fixierte den Tassenrand mit den Augen, als könnte sie das Überschwappen so verhindern.

Mit gelangweiltem Unterton, so als hätte sie es ihm bereits hundert Mal erklärt, und das meinte sie doch getan zu haben, sagte sie. "Ja, Grissom, ich liebe dich." Sie sah ihn kurz an. "Und du liebst mich nicht." Sie lachte verächtlich. "Aber lass uns bitte Freunde bleiben, jetzt, wo du es weißt."

Er streckte seine Hand nach ihr aus. Aber sie zog den Arm zurück. "Sara..."

 

Das lief in eine ganz andere Richtung. Sie sprang auf und nahm die Tassen vom Tisch. "Der Tee ist kalt." Sie kippte alles in den Ausguss. Sollten die Ratten ihren Spaß haben. Sie blieb mit dem Rücken zur Küchenzeile stehen, krallte die Finger unter die überkragende Arbeitsplatte. "Du solltest gehen, wo du jetzt ja alles weißt." Es klang bitterer als sie es beabsichtigt hatte. Sie versuchte seinem geraden Blick stand zu halten, aber sie fühlte sich zu schwach, um die Tränen aufzuhalten, die sich in ihren Augen zu sammeln begannen. Da war sie wieder. Die schiere Fassungslosigkeit, die sich in seiner Mimik manifestiert hatte. Wie immer. Es schmerzte unerträglich, wenn er sie so ansah.

"Geh." Auch ihre Stimme konnte sie nicht mehr kontrollieren, sie überschlug sich. "Grissom, bitte..."

Er schwieg. Es sah aus, als hielte er einen Moment inne. Dann erhob er sich von der Couch. Als nächstes nahm Sara wahr, dass er die Arme um sie legte. Er war warm und roch gut. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und er zog sie näher an sich. "Ich ertrage es nicht, dich weinen zu sehen, Sara," sagte er ganz dicht an ihrem Ohr. Sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren. Sie schniefte und obwohl die Tränen weiter ihre Wangen hinunter kullerten, fühlte sie, wie seine Umarmung sie beruhigte. "Es tut mir leid, Sara."

"So geht es nicht weiter, Grissom," flüsterte sie und schluckte. "Ich kann so nicht weitermachen."

Er drückte sie fester. "Ich ertrage es nicht, dich weinen zu sehen, Sara," wiederholte er. "Erst recht nicht meinetwegen."

"Es liegt nicht in unserer Macht, das zu ändern." Allmählich erkannte er den schnarrenden Unterton in ihrer Stimme wieder. Er hielt sie, weil er fürchtete, sie würde einfach fallen, wenn er sie losließ.

 

Sie standen eine Weile schweigend zusammen. Sara genoss Grissoms Wärme und atmete ein letztes Mal seinen Duft ein. Sie streckte ihren Rücken und räusperte sich. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Augen. Sie sah so jung und zerbrechlich aus. Grissom zog die Stirn in Falten. Sara schlängelte sich an ihm vorbei. Abstand schaffen. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und zog die oberste Schublade auf. Dann nahm sie eines der Kündigungsschreiben heraus.

Einen Arm hatte sie um ihre Taille gelegt, mit dem anderen, ausgestreckten, reichte sie Grissom den Brief. Er warf nur einen kurzen Blick darauf. Das Wort "Kündigung" sprang ihm sofort ins Auge. "Vielleicht bleibe ich noch bis Ende des Monats."

Er nickte. Es war besser, zu schweigen.

"Nimm es mir nicht übel, aber ich bitte dich jetzt, zu gehen." Sie versuchte sich an einem Lächeln.

Wieder nickte er nur stumm.

Sie öffnete die Tür. "Bis morgen, Sara."

"Bye, Grissom." Und schloss sie hinter ihm. Einen Moment stand sie mit dem Rücken daran gelehnt, dann verließ sie die Kraft in ihren Beinen und sie sank zu Boden. Die Gefühle überschütteten sie und der Schmerz kam zurück. Weinkrämpfe erschütterten ihren zusammengesunkenen Körper. Es war vorbei. Der Schmerz würde gehen und die Wunden heilen. Irgendwann. Es war vorbei.

 

 

"It's been so long since I've seen the ocean... /
I guess I should" -
Counting Crows "A Long December"
 

 
Ende

 
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