Zurück
 

Genieße die Stille

© by Clio ()
 
Disclaimer: Die Rechte der Filmreihe und Serie Highlander liegen bei Davis/Panzer/Anderson etc. Dies ist eine völlig unkommerzielle Fanfiction für Highlander-Fans.
Giacomo und die namenlose junge Dame sind hingegen meine Schöpfungen. Und diese Rechte und auch die der Story an sich liegen bei mir.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

" [...] / Born again from the rhythm screaming down from heaven / Ageless, ageless and I'm there in your arms / [...]" - - Jeff Buckley "Mojo Pin"

 

Seine Muskeln lockerten sich wieder. Den schnellen, angespannten Bewegungen folgten nun langsame, nahezu meditativ anmutende Schritte. Sein Atem ging ruhig und regelmäßig. Das lange tiefschwarze krause Haar, das er in Form von dünnen Dreadlocks zu bändigen versuchte, war mit einem Band zusammengefasst und lag in seinem Nacken auf. Der Schweiß rann über seinen breiten, muskulösen Rücken und brachte seine dunkle Haut im gedämmten Licht des holzgetäfelten Trainingsraumes zum Glänzen.

In seiner Konzentration tief gefangen, nahm er sie gar nicht wahr. Sie stand im Schatten der Tür, den Kopf an den hölzernen Rahmen gelehnt. So verharrte sie schon eine ganze Weile und beobachtete ihn. Aber allmählich stieg ihr die Kälte die Beine hoch. Barfuss stand sie auf dem kühlen Parkett; mit den Armen ihren Körper in dem Hemd umschlingend, das er am Abend getragen hatte. Ihre Wange schmiegte sich an den Stoff des Kragens und sie genoss den Duft seines Aftershaves. Sie hob den Kopf etwas, um seinen Übungen besser folgen zu können. Sie liebte und bewunderte seine eleganten, geschmeidigen Bewegungen, sowohl während seiner unterschiedlichen Trainingstechniken, als auch während des Kampfes selbst. Er trainierte sehr gewissenhaft, denn er hing an seinem Leben.

Deshalb hatte er sich, kurz nachdem er sie eingeschlafen glaubte, vorsichtig aus dem Bett gestiegen. Sie hatte es bemerkt, sich aber schlafend gestellt, um ihm nach einiger Zeit zu folgen. Sie hatte vorsätzlich ihre Kleidung übersehen und gezielt sein Hemd gewählt. Es roch noch so intensiv nach ihm. Sie wollte nicht, dass er sie entdeckte, damit sie ihn - wie gewohnt - beobachten konnte. Die Nähe raubte ihr fast den Atem. So nah wie in dieser Nacht war sie ihm niemals gekommen.

 

Es war nun fast zwei Jahre her, dass sie ihm zugeteilt worden war. Schon, als sie das erste Mal in seiner Akte las, konnte sie sich nicht einer gewissen Sympathie erwehren. Giacomo del Moro alias Jake di Lazari, vor dreihundert Jahren in Venedig aufgewachsen, lebte er seit den 70er Jahren in New York. Wie es sich für einen Venezianer gehörte, war er Kaufmann und arbeitete mittlerweile als Börsenmakler an der Wall Street. Und als sie ihn dann das erste Mal sah... Er saß wie jeden Morgen, das wusste sie aus seiner Akte, in diesem kleinen Eck-Café, das original italienischen Kaffee führte und trank seinen Cappuccino, während sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand und ihn mit schweißnassen Händen einen kleinen Block umklammernd durch die Spiegelung im Fenster der Buchhandlung observierte. Sie wechselte noch einige Male - wie sie es gelernt hatte - die Position und folgte ihm von da an; folgte ihm zu seiner Arbeit, zu seinen Einkäufen, ins Kino und sogar auf seine fernen Reisen, auf die ihn seine Leidenschaft, die Photographie schickte.

Es war reiner Zufall, dass sie sich begegneten. Schicksal. Sie hatte einige Überstunden angesammelt und diese nun in ein paar freie Tage umgewandelt. An jenem Tag war sie an das andere Ende dieser großen Stadt gefahren, um beim Shoppen zu entspannen und ihren Beruf für einen Moment zu vergessen. Fasziniert ließ sie die bunten Schaufenster des Einkaufscenters an sich vorbeiziehen, als sie geradezu in ihn hinein rannte. Sie lächelte, er lachte und half ihr, die Taschen mit den Einkäufen aufzuheben. Als Entschädigung bot er an, sie zu einem Kaffee einzuladen. Sie dachte nicht eine Sekunde daran, abzulehnen. Sie konnte nicht. Er sah sie. Er sah sie an.

Selbst später, als er fragte, ob sie mit ihm Essen gehen wollte, konnte sie nicht widerstehen. Natürlich bemerkte er ihre Tätowierung. Sie hätte ihm sagen können, was sie allen erzählte, die fragten: "Ich hab's gesehen und fand's schön. Heutzutage hat doch jeder eins." Aber als er beim Essen ihre Hand nahm und verwundert über die gestochene Haut strich, sah sie ihm nur in die Augen und meinte leise, fast flüsternd: "Ich werde keine Fragen stellen und du tust es besser auch nicht." Sie sah anstatt einer Antwort nur kurz Überraschung in seinen Augen aufblitzen, dann lächelte er und hob ihre Hand an seine Lippen.

Sie kamen nicht wieder darauf zu sprechen und die sprachen auch nicht über ihr Leben, Beruf, Familie oder Vergangenheit, sondern nur über das Jetzt und was sie liebten, wie Photographie und guten Kaffee.

Die Spannung, die sich zwischen ihnen im Laufe des Abends aufgebaut hatte, führte unweigerlich zu seiner Wohnung. Und sie hatte keinen Moment gezögert. Alles geopfert, hingeworfen, nur um ihm ein einziges Mal nah zu sein. So viel näher.

 

Sie beobachtete ihn konzentriert, versuchte sich alles einzuprägen, in ihr Langzeitgedächtnis, an einem sicheren, ewigen Ort, um sich daran zu wärmen in kalten Augenblicken, die da sicher kommen würden. Es schmerzte sie fast körperlich, als sie sich schließlich sich von der Tür abstieß, sich umwandte und zurück in das Schlafzimmer ging. Dort sammelte sie ihre Kleidung und die anderen Dinge zusammen und zog sie eilig an. Das Hemd faltete sie und legte es auf das Bett, bevor sie so leise wie es ihr die hohen Stiefel ermöglichten, zur Tür schlich. Noch leiser zog sie diese schließlich hinter sich zu. Draußen knöpfte sie ihren Mantel zu und hob etwas den Kopf. Der Himmel war bedeckt und kein Stern war zu sehen. Schneeflocken setzten sich in ihr Haar und auf ihre Nase. Sie sog die kalte frische Luft tief ein und blies sie mit einem Stoß wieder heraus. Der warme Atem bildete eine weiße Wolke.

Morgen würde sie ihre Arbeit aufgeben. Sie konnte sich nie wieder unbemerkt in seiner Nähe aufhalten. Aber das wollte sie auch nicht, es wäre unerträglich für sie. Mindestens so unerträglich wie die Gewissheit, ihn nie wieder treffen zu dürfen. Es gab für sie keine Zukunft. Er wusste nichts und sie wusste alles über ihn. Ein Ungleichgewicht, in dessen Waagschale sie unter keine Umständen die Enttarnung der Beobachter werfen dürfte.

Sie lächelte. Eine Nacht, für die sie alles aufgegeben hatte. Aber es hatte sich gelohnt. Sie begann ihren Weg durch die verschneiten Gassen, griff nach ihrem Handy, das sich neben dem Diktiergerät in der rechten Manteltasche befand und bestellte ein Taxi zum nächst gelegenen Platz. Sie senkte den Kopf und zog die Schultern etwas höher, denn ein kühler Wind blies ihr immer mehr Schneeflocken ins Gesicht. Die Kälte drang durch die Knopfleiste ihres Mantels, aber ihr Lächeln wärmte sie. Sie bereute nichts.

 

"[...] / Cannot forget, refuse to regret / So glad I met you and / Take my breath away / [...]" - - Maroon 5 "The Sun"

 
Ende

 
Du bist der 778. Leser dieser Geschichte.