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Kaffee, dachte B'Elanna Torres, Kaffee gehörte zu den Dingen, die den Morgen lebenswert machten. Sie nahm die Tasse aus dem Replikator, setzte sich an den nächsten freien Tisch und sog für einen Moment das kräftige Aroma ein, das im heißen Wasserdampf aus der dunklen Flüssigkeit empor stieg. Ihre Nasenflügel bebten kaum merklich. Auf der Akademie hatte sie sich nie mit den strengen Schichten, die auch auf einem Schiff der Sternenflotte herrschten, anfreunden können, sie sah einfach nicht den Sinn darin, warum die Nachtschicht nur bis zum frühen Morgen dauerte und die erste Tagschicht bereits bei Morgengrauen in San Francisco begann. Auf diese Weise konnte einfach kein geregelter Rhythmus zustande kommen: Die Kadetten der Nachtschicht, hatten sie sich erst einmal daran gewöhnt, hätten ruhig noch drei Stunden länger arbeiten können, ohne den Schlafverlust zu spüren, es war schließlich kein großer Unterschied, ob man nun um fünf oder acht Uhr morgens zu Bett ging. Für die Tagschicht war der alte Schichtplan allerdings unbequem. Es lohnte sich nicht, abends früh ins Bett zu gehen, wer würde auch schon freiwillig das Zusammensein mit den übrigen Kadetten nach der Studierzeit gern versäumen? Dennoch hieß es dann, sich bei Morgengrauen aus dem Bett zu quälen und mit einem wachen, konzentrierten Geist, den Tag zu beginnen. B'Elanna hatte nie verstanden, weshalb man bereits auf der Akademie die Studenten während den jährlichen praktischen Wochen dem Schichtwechsel aussetzte, der dort schließlich absolut nicht erforderlich war. Dennoch, so hieß es, habe man die praktischen Wochen eingeführt, um den Studenten bereits während der Studienzeit die Gelegenheit zu geben, in den Betrieb, der auf einem Raumschiff herrschte, hineinzuschnuppern. Und dazu gehört selbstverständlich auch die Schichtarbeit. Damals hatte B'Elanna geglaubt, diese Einführung sei nur in das Ausbildungsprogramm aufgenommen worden, um die Studenten abzuschrecken und diejenigen auszusortieren, die sich mit solchen Unannehmlichkeiten nicht abfinden wollten. Nachdem sie jedoch zum Maquis gewechselt war und unter Chakotays Kommando stand, mußte sie feststellen, daß die Lehrer an der Akademie doch über das nachdachten, was sie in den Ausbildungsplan schrieben. Das Leben auf einem Schiff des Maquis war hart und sie hatte lernen müssen, sich mit dem Wissen schlafen legen zu müssen, vielleicht zehn Minuten später wieder geweckt zu werden, um eine defekte Plasmaleitung oder auch nur einen Replikator, wenn sie denn einen hatten, zu reparieren. Sie konnte sich nicht mehr sagen, daß diese Dinge keine Schwierigkeiten darstellten und noch einige Stunden getrost auf sie warten konnten. Das erste, was Chakotay ihr beigebracht hatte, war die eindringliche Ermahnung gewesen, das Schiff müsse immer in voller Bereitschaft sein. Es war nicht voraussehbar, wann sie in eine alarmierende Situation gerieten, und eine winzige defekte Plasmaleitung konnte in einem größeren Kampf das Element sein, daß über den Zustand des Warpplasmas bestimmte. Diese Verantwortung war selbst der risikofreudigen B'Elanna Torres zu hoch. Sie hatte sich also etwas einfallen lassen müssen, das ihr half, morgens auf die Beine zu kommen, etwas, das eine Verlockung darstellte und sie gleichzeitig wach machte. Der Konflikt mit ihrem eigenen Gesetz, niemals Verhaltensweisen "normaler" Sternenflottenoffiziere anzunehmen, umging sie, indem sie das Gesetz einfach abänderte. Das Übernehmen von Verhaltensweisen war gestattet, wenn sie dadurch morgens nicht mehr im Maschinenraum mit der Müdigkeit oder der daraus unvermeidlich resultierenden schlechten Laune zu kämpfen hatte. Die allmorgendliche Tasse Kaffee brachte nicht nur einen bemerkbaren Anstieg ihrer morgendlichen Leistungsfähigkeit, sondern auch endlich die Freundschaft zu mehreren Mitgliedern der Maquiscrew, die mit einem Mal bemerkten, daß in der launischen Chefingenieurin mehr steckte, als zuerst vermutet worden war. Um sie herum begann sich das Kasino zu füllen. Der Geruch von neuen Experimenten aus Neelix' exotischer Küche reizte ihre Nasenschleimhaut und brachte sie zum Niesen. Das Stimmengewirr der hinzukommenden Offiziere schwoll merklich an. B'Elanna nahm nachdenklich einen weiteren Schluck aus der Tasse und lächelte, als sich der altbekannte aromatische Geschmack in ihrem Mund einstellte. Es war tröstlich, daß sich, obwohl sie nun Tausende von Lichtjahren von ihrer Heimat entfernt waren, einige Dinge nie änderten.
Im Maschinenraum herrschte das übliche Treiben. Die Ingenieure arbeiteten verstreut an den wissenschaftlichen Konsolen, die sich an den Wänden entlang erstreckten und im Halbkreis um den Warpkern angeordnet waren. Abgesehen von dem allgegenwärtigen dumpfen Vibrieren des Antriebs drang nur leises Gemurmel an B'Elannas Ohr. Sie musterte die Displayanzeige auf dem Monitor mit zusammengezogenen Augenbrauen, während ihre schlanken Finger in einer schnellen Sequenz Befehle eingaben. Sie wartete einen Moment, bis ihr Zugang in die Datei gegeben wurde, setzte sich dann zurück und verglich die angezeigten Ergebnisse mit denen des Padds in ihrer linken Hand. Ihre Miene entspannte sich ein wenig. Die Steuer- und Antriebssysteme der Voyager hatten nur leichte Schäden davongetragen, es schien wieder alles in Ordnung zu sein. Sie konnte Janeway ihr Schiff so zurückgeben, wie der Captain es ihr überlassen hatte... "B'Elanna!" Die Halbklingonin fuhr zusammen. Vor ihr tauchte ein junger, dunkelhaariger Mann in schwarz-gelber Uniform auf. Fähnrich Harry Kim strahlte so, daß B'Elanna beinahe den Eindruck hatte, jemand habe das Licht im Maschinenraum verstärkt. Sie seufzte, nicht ganz sicher, ob sie nun amüsiert oder neidisch sein sollte. Nach mehreren Jahren Dienst an Bord eines Raumschiffs hatte beinahe jeder Offizier gelernt, seine Gefühle zu zügeln und sie sich für seine Freizeit aufzusparen. Emotionale Ausbrüche ruinierten praktisch jede Entscheidung, die man zu treffen hatte, oder beeinflußten sie zumindest gehörig. Früher war B'Elanna der Meinung gewesen, abgesehen von Wutausbrüchen gäbe es für ungezügelte Emotionen im Dienst keine Veranlassung. Dennoch, die Ereignisse der vergangenen Wochen hatten sie diese Anschauung in einem völlig neuen Bild sehen lassen. "Harry!" Sie legte ihr Padd aus der Hand und hob fragend eine Augenbraue. "Was gibt es?" "Wie finden Sie es?" Sein jugendliches Gesicht zuckte vor unterdrücktem Stolz und Zufriedenheit. B'Elanna verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Nichts geschah. Harry blickte sie ebenfalls wartend an, als wäre es an ihr, etwas zu sagen. "Was?" fragte sie leicht ungeduldig. "Was soll ich wie finden?" "Na das hier, die Atmosphäre." Harry beugte sich eifrig über ihre Konsole. "Haben Sie nicht bemerkt, daß sie sich verändert hat?" "Natürlich, es ist Routine." B'Elanna begann sich zu fragen, ob sie einen wichtigen Teil der Unterhaltung verpaßt oder nicht verstanden hatte. Sie blickte unauffällig an Harry vorbei. Nein, nichts schien außergewöhnlich zu sein. Ihr Team war immer noch mit den letzten Reparaturen beschäftigt, niemand achtete auf sie und Kim. Ihr Blick heftete sich wieder auf den Asiaten. "In Ordnung, Harry, noch einmal in aller Ruhe von vorne. Sie sind der Ansicht, daß sich hier etwas verändert hat, nicht wahr? Was gibt es mehr dazu zu sagen, als daß heute ein ganz normaler, routinemäßiger Tag ist?" "Aber genau das ist es doch", flüsterte Harry. "Es ist Routine, und zwar eine entspannte Routine. Können Sie sich an einen einzigen Tag in den letzten Wochen erinnern, an dem es hier in der Technik ruhig war? An dem die Menschen zufrieden waren und...glücklich?" "Ich war der Meinung, für Starfleet läge die Quelle des vollkommenen Glücks 70 000 Lichtjahre von dieser Position entfernt", entgegnete B'Elanna zynisch. Sie schüttelte den Kopf. "Harry, lassen Sie es gut sein, ich weiß, was Sie meinen. Es ist nicht weiter schwierig, die Veränderungen innerhalb der Crew zu bemerken, die die Rückkehr von Captain Janeway und Commander Chakotay ausgelöst hat." Sie erwähnte nicht, daß sie selbst sich seit langem nicht mehr so leicht gefühlt hatte. In ihrer Brust hüpfte unentwegt etwas auf und ab, als sänge es in ihr. B'Elanna Torres hatte einen Großteil ihres Lebens damit verbracht, sich mir ihren klingonischen und menschlichen Emotionen auseinanderzusetzen, sie hatte geglaubt, mittlerweile jede Gefühlsregung zu kennen, die in ihrer komplizierten Psyche lebte. Dieses Gefühl von grenzenloser Erleichterung und Dankbarkeit, das sie jetzt durchströmte, hatte sie allerdings nicht einmal empfunden, als Dreadnought in den Badlands verschwunden war. Sie mußte zugeben, daß ihr diese neue Empfindung nicht unangenehm war, wenn auch ziemlich verwirrend. Sie blinzelte und riß sich zusammen. Sie konnte es nicht leiden, wenn sich ihre Gedanken während der Arbeit auf leisen Pfoten davon stahlen. Sie betrachtete das fröhliche Gesicht des jungen Fähnrichs und streifte den Gedanken, wie er wohl mit der Situation umging. Jeder der Offiziere, ganz gleich ob nun Starfleet oder Maquis, hatte auf seine eigene Weise mit dem Gedanken zu ringen, daß er vielleicht in seiner Heimat bereits als tot, zumindest aber als verschollen galt. Jeder machte sich Sorgen um Zurückgebliebene, vermißte Familienangehörige und mußte lernen, neben der Hoffnung auf Rückkehr auch den Gedanken zuzulassen, daß sie, falls es keine Möglichkeit gab, einen schnelleren Weg in den Alpha-Quadranten zu finden, vielleicht nie mehr heimkehren würden. Auf der Akademie lernte man nicht, mit solchen Situationen umzugehen, dennoch hatte B'Elanna registriert, daß Janeway mit ihrem familiären Umgangston die Ängste der Crew wie mit einer Linse sammelte, auf sich selbst konzentrierte und sie dann zu absorbieren schien. Sie hatte ein Wunder vollbracht, die Terroristen des Maquis in die Mannschaft mit einzubinden, ihr Optimismus war zu einem Stützpfeiler der Moral auf dem Schiff geworden... Selbst die unabhängige Chefingenieurin mußte zugeben, daß Janeway Richtlinien gesetzt hatte, deren Befolgung das Leben zwar nicht immer erleichterte, aber ihm wenigstens einen Sinn gab. Und einen Sinn in ihrem Leben zu finden, danach hatte B'Elanna Torres länger gesucht als ihr lieb war. Sie musterte Harry Kim und empfand Mitleid und Bewunderung zugleich für ihn. Er war wohl der Offizier, der am abhängigsten von Janeways Führung geworden war; sie zurückzulassen hatte ihn heftiger mitgenommen als alle übrigen. Dennoch hatte sich seine Verständnislosigkeit über Tuvoks Entschluß in einen Tatendrang umgewandelt, den ihm B'Elanna nicht zugetraut hätte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Züge. "Harry", sagte sie warm, "Sie haben recht, es ist wieder wie vorher. Vielleicht etwas besser sogar. Haben Sie nicht auch bemerkt, daß sich die Spannungen zwischen Sternenflottenoffizieren und Maquis gelockert haben? Sie haben alle aufgerüttelt, etwas gegen Captain Janeways und damit auch Tuvoks Entscheidung zu unternehmen, auch wenn ihr Tatendrang nur auf Emotionen basierte", fügte sie hinzu. Sie haben mir klar gemacht, daß manche Emotionen nicht verkehrt sind, wenn man lernt, sie zur richtigen Zeit einzusetzen. "Ihr Kampf hat diese Crew zusammengeschweißt, das ist nicht zu leugnen." Harrys rundes Gesicht rötete sich. Er kannte B'Elanna Torres nun knappe zwei Jahre und hatte gelernt, daß sie nicht freigiebig mit Lob umging. "Danke", sagte er verlegen, "aber ohne Sie hätten wir nichts zustande gebracht. Sie haben die anderen Brückenoffiziere aufgeweckt und den Plan mit entwickelt. Ohne Sie würden wir jetzt dem Alpha-Quadranten zwar einige Lichtjahre näher sein - allerdings mit Lieutenant Tuvok im Kommandosessel." B'Elanna wurde mit einem Mal bewußt, daß es still im Maschinenraum geworden war. Beinahe alle Offiziere hatten ihre Arbeit unterbrochen und blickten nun mehr oder weniger offensichtlich zu ihr hin. Sie schluckte verwirrt. Alle Augen, ob sie nun gelernt hatten, Dinge in der Art des Maquis oder der Föderation zu betrachten, alle brachten ihr Dankbarkeit und Vertrauen entgegen. Sie senkte den Blick, für einen Moment unsicher, wie sie reagieren sollte. "Ich sollte hier besser weiterarbeiten", sagte sie hastig. "Dieser Bericht soll in einer halben Stunde auf Captain Janeways Schreibtisch liegen. Haben Sie Ihren schon fertig, Fähnrich?" Harry verstand, daß B'Elannas Bedarf an freundlicher Kommunikation fürs erste gedeckt war. Er nickte ihr noch einmal zu und ließ sie dann allein. B'Elanna nahm nicht einmal mehr wahr, wie das große Schott hinter ihm zu glitt.
Kathryn Janeway ließ das Handtuch griffbereit auf einem Stuhl liegen und tauchte bis zu den Schultern in das heiße Wasser ein. Sie stöhnte kurz, als die Hitze auf ihre kühle Haut traf, und unterdrückte den Drang, kaltes Wasser zufließen zu lassen. Während sich die wohltuende Wärme langsam in ihrem Körper ausbreitete, lehnte sie sich mit geschlossenen Augen zurück. Baden bedeutete für Janeway den Inbegriff reinster Entspannung. Vor der Badewanne ließ sie alles zurück, was sie den Tag über beschäftigt hatte: Systemkartographie, Ebene-Drei-Diagnosen, die Berichte ihrer Offiziere... all das warf sie über Bord, bevor sie sich im Wasser ausstreckte. Es war nicht weiter schwer. Mitsamt der Uniform, die sie auszog, legte sie auch den Captain der Voyager und die mit diesem Rang verbundenen Pflichten ab. Selbst die immerwährende Sorge vor neuen Übergriffen der Kazon sperrte sie im Nebenzimmer ein und sagte sich, daß sie eine Stunde später immer noch genug Zeit finden würde, darüber zu grübeln. Im heißen Wasser, losgelöst von Sternenflottenprotokollen und der allgegenwärtigen Frage, wie lange es ihr noch gelingen würde, die Moral auf dem Schiff aufrecht zu erhalten, gab es nur noch Kathryn. Sie hatte es sich angewöhnt, ihre Gedanken beim Baden auf sich selbst zu konzentrieren, sie sah es fast wie einen Dialog mit sich selbst. Sie fand Zeit, über ihre eigenen Ängste nachzudenken, über Mark, darüber, wie lange es noch dauern würde, bis er aufgab, an sie zu glauben und auf sie zu warten. Die Wärme des Wassers, das sie wie ein Stasisfeld umschloß und jeden ihrer Muskeln träge werden ließ, wirkte betäubend auf ihre Gedanken und erstickte den kleinsten Anflug von Panik, bevor er ihr überhaupt zu Bewußtsein gelangt war. Wenn Kathryn badete, räumte sie das seelische Chaos auf, das sich die langen Tage hindurch in ihr ansammelte, das sie, ohne nachzudenken, in sich hinein fraß, und dessen Auswirkungen sie zu ignorieren versuchte. Baden bedeutete für Kathryn, mit sich selbst völlig ehrlich zu sein. Obwohl es einen entspannenden Effekt auf sie hatte, konnte sie jedoch nicht behaupten, daß ihr diese Auseinandersetzung mit der Ehrlichkeit leicht fiel. Während des Tages verbannte sie Dinge in ihr Unterbewußtsein, denen sie, ginge es nach ihr, nicht noch einmal begegnen wollte. Sich mit ihren psychischen Problemen auseinanderzusetzen, war nicht immer Kathryns Stärke gewesen, dennoch hatte sie einen Weg finden müssen, wie sie mit ihnen fertig wurde. Da die Badewanne der einzige Ort an Bord der Voyager war, an dem sie wirklich ungestört war - und auch das nur dann, wenn sie ihren Kommunikator im Nebenzimmer ließ -, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als das, was sich hinter der Person von Captain Janeway befand, mit ins Wasser zu nehmen. Nach all den Jahren dieser Art Badens waren diese inneren Auseinandersetzungen zu etwas Vertrautem geworden. Sie griff nach dem weichen Badeschwamm, ließ ihn voll Wasser saugen und fuhr langsam damit über Arme und Beine. Ihre Hand arbeitete in gleichmäßigen, kreisenden Bewegungen, während sie sich der Erinnerung stellte, der sie den ganzen Tag über sorgsam ausgewichen war...
Die Abenddämmerung brachte Wind mit sich. Die warme, milde Luft kühlte spürbar ab und Kathryn tauchte tiefer in das heiße, klare Wasser, bis auch ihre kalten Schultern wieder warm wurden. Während sie, den Kopf zurückgelehnt, nachdachte, wusch sie mit ihrem Schwamm langsam kreisend über ihre Beine. Sie hatte es nicht für möglich gehalten, wieviel Schmutz auf der Haut haften blieb, wenn man den ganzen Tag durch den Wald lief. Streunen nannte es Chakotay, wenn sie wieder mit neuen Insektenfunden aus den Wäldern kam und ihr nächster Weg in die Badewanne führte. Kathryn betrachtete es schlicht als wissenschaftliche Exkursionen. Sie konnte und wollte sich noch nicht damit abfinden, daß sie nur in den Wald ging, weil es ihr Freude machte. Sie war nicht auf diesem Planeten geblieben, um Urlaub zu machen. Doch auch nicht für wissenschaftliche Forschungen, wie sie sich selbst zu überzeugen versuchte: New Earth, wie sie den Planeten in einem Anflug von Melancholie (oder Hoffnung) getauft hatten, war der einzige Ort, an dem sie und Chakotay leben konnten, und sollte sie keine Heilung für sich und ihren ehemaligen Ersten Offizier finden - wonach es, das mußte sie zugeben, momentan aussah -, würden sie die restliche Zeit ihres Lebens hier verbringen müssen. Die Aussicht war alles andere als verlockend, obwohl sie zu schätzen gelernt hatte, daß New Earth hinsichtlich Nahrungsvorkommen und Rohmaterialien wie Holz und natürlich Wasser einen idealen Start für ihre improvisierte Kolonie versprach. Sie spürte, daß Chakotay sich Sorgen um sie machte. Er äußerte sich nicht, dennoch fühlte sie immer öfter seinen Blick auf sich ruhen, wenn sie müde und erschöpft aus dem Wald zurückkam und sich mit langsam schwindender Hoffnung über ihre Forschungsgeräte beugte. Er selbst hatte sich schneller an die neue Situation angepaßt als Kathryn es ihm zugetraut hätte. Aus dem beherrschten, direkten und manchmal auch etwas introvertierten Ersten Offizier war ein ausgeglichener, geduldiger und optimistischer Mann geworden - manchmal beinahe zu optimistisch für ihren Geschmack. Dennoch, ihr gefiel die Veränderung, die in ihm vorgegangen war. Er war zugänglicher geworden, wirkte nicht mehr steif und verkrampft wie an Bord der Voyager; ja, es schien, als sei er nun endlich dort, wo er ursprünglich hingehörte. Und Kathryn, die ihn immer als angespannten Kämpfer, der niemals seine Empfindungen offenbarte, erlebt hatte, glaubte nun manchmal, beinahe stumme Erleichterung auf seinem Gesicht schimmern sehen zu können. Am meisten berührte sie jedoch, daß Chakotay, der kontrollierte Maquis-Terrorist, gelernt hatte, in ihrer Gegenwart zu lächeln. Sie legte den Schwamm für einen Augenblick aus der Hand und stützte sich mit den Armen auf den Wannenrand. Sie hatte vergessen, daß sie bei ihrer Ankunft ihr Bedauern über das Fehlen einer Badewanne ausgedrückt hatte, bis Chakotay sie eines Nachmittags mit einer aus Holz und Sternenflottenmaterial gezimmerten Badewanne überraschte. Sie hatte bereits geahnt, daß er etwas im Schilde führte, da er mehrere Tage lang frühmorgens im Wald verschwand und erst am späten Nachmittag zurück kehrte. "Ich bin dabei, im Wald etwas zu bauen", hatte er gesagt. Kathryn, die noch ein wenig Schwierigkeiten in dem ungewohnten langen Kleid gehabt hatte, war ihm nachgelaufen. "Etwas bauen? Was könntest du schon bauen?" Sie konnte sich noch an das Lachen auf seinem Gesicht erinnern, als er sich im Gehen zu ihr umwandte. "Du kannst es nicht ertragen, nicht wahr?" hatte er sie geneckt. Kathryn lächelte in sich hinein, als sie sich an diesen Augenblick erinnerte, in dem sie vor ihm stand und seine Ausgelassenheit beinahe auf sie überzuspringen drohte. Und dann hatte Tuvoks Meldung, die Voyager wäre bald außerhalb der Kommunikationsreichweite, ihre freudige Ausgelassenheit unterbrochen. Kathryn griff erneut nach dem Schwamm und fuhr mechanisch damit fort, ihre Beine zu reiben. Das Wasser wurde kühler, sie würde nicht mehr lange darin sitzen bleiben können. Dennoch, es gab noch ein paar Dinge, die sie mit sich abmachen mußte, bevor sie wieder ins Haus ging. Sie hatte bereits aufgegeben, auf eine Rückkehr auf die Voyager zu hoffen. Tuvok hatte seine Befehle, und falls es tatsächlich eine Heilung außerhalb der Umwelt dieses Planeten gab, hätte sie der Doktor in den Wochen seiner Forschungsarbeit gefunden. Das war also nicht das Problem. Kathryn hatte in ihrem Leben zu viele Abschiede erlebt, sie hatte sich auch mit diesem abgefunden und bemühte sich nun, nicht mehr weiter darüber nachzudenken. Ihre einzige Hoffnung lag in ihrem eigenen Wissen und in dem Shuttle, das die Voyager ihnen zurückgelassen hatte. Was aber, wenn sie versagte? Wenn das Wissen, das sie sich über all die Jahre harten Studierens und Trainierens hinweg angeeignet hatte, nicht ausreichte, wenn sie zugeben mußte, daß sie an die Grenzen ihrer Fähigkeiten gelangt war? Ihr eigenes Versagen würde ihre endgültige Strandung auf New Earth bedeuten, und trotz - oder gerade wegen - Chakotays Bemühen, diesem Fall schon einmal vorzugreifen, indem er ihn jetzt schon als gegeben betrachtete und nichts mehr unternahm, um von sich aus nach einer Heilmethode zu suchen, konnte sie sich nicht vorstellen, ihr ganzes Leben mit Chakotay auf diesem Planeten zu verbringen. Ohne die Gesellschaft anderer Leute, ohne ihre Arbeit, ohne ihr Schiff... ohne die Hoffnung auf Heimkehr, die sie in den vergangenen zwei Jahren so mühsam am Leben erhalten und die sie selbst immer nach vorne gedrängt hatte. Konnte sie leben ohne ihre Prinzipien, ohne alles, wofür sie in den Jahren seit ihrer Jugend gearbeitet hatte? Und fühlte sie sich in Chakotays Gegenwart deswegen so zwiegespalten, weil er einerseits Schutz und Vertrauen, andererseits auch die Anpassung verkörperte, mit der sie sich einfach nicht abfinden konnte? Sie seufzte und legte nun endgültig den Schwamm beiseite. Baden hin oder her, an diesem Abend würde sie zu keinem Entschluß mehr kommen - wahrscheinlich schleppte sie hier ein Problem mit sich herum, das sich erst dann lösen würde, wenn sie ihre Forschung aufgab und sich dem fügte, was Chakotay, ohne es wortwörtlich auszusprechen, als Schicksal bezeichnete. Aber soweit, beendete sie ihre Selbstdiagnose ironisch, soweit war sie nun doch noch nicht. Ihr Instinkt alarmierte sie, bevor überhaupt etwas geschah. Als es in den Baumwipfeln über ihr plötzlich raschelte, stand sie bereits außerhalb der Wanne und schlug in hastiger Eile das große Handtuch um sich. "Chakotay! Da ist jemand im Wald!" Hinter sich hörte sie hastige Schritte. Licht flammte auf von der Taschenlampe an Chakotays Handgelenk. Sie hörte seinen raschen Atem und bemerkte erstaunt, daß auch ihr Herz plötzlich schneller schlug. Sie folgte dem Lichtstrahl hinauf in die Krone des Baumes. Ein amüsiertes Lächeln entspannte ihre Gesichtsmuskeln, als sie im hellen Schein der Lampe sah, was sie so erschreckt hatte. Ein kleiner Affe mit rundem, gemusterten Gesicht starrte sie aus aufgerissenen Augen an. Kathryn seufzte innerlich auf. Während sie mit Chakotay sprach, fragte sie sich, ob dies nun bereits der Beginn einer Anpassung war. Sie schwankte zwischen Erleichterung und Ärger. Nur wenige Tage außerhalb ihres Sessels auf der Brücke, nur wenige Tage seit Warpkernvibrationen unter ihren Füßen und gemeinsamem Mittagessen mit den Offizieren im Kasino, und schon begann sie, in das Erscheinen eines Primaten alles mögliche hinein zu phantasieren. Ein wenig Rascheln in den Bäumen und Kathryn Janeway dachte... an was? Einen Überfall von intelligenten Lebensformen, nachdem Chakotay festgestellt hatte, daß es derartige auf diesem Planeten gar nicht gab? Kathryn, ich bin enttäuscht, schalt sie sich selbst, als sie die Hand sinken ließ und plötzlich bemerkte, daß Chakotay aufgehört hatte, zu sprechen. Als sie sich zu ihm umdrehte, ertappte sie auf seinem Gesicht einen Ausdruck von... sie wußte nicht, was es war, sie merkte nur, daß er nachdenklich und mit sichtlicher Verwirrung seinen Blick auf ihrer nackten Schulter ruhen ließ. Für einen Moment stand Kathryn still und ebenfalls etwas verwirrt. Ihre Augen suchten die des Indianers, sein Gesicht lag halb im Schatten, dennoch glaubte sie, zu ahnen, was in ihm vorging. Dann wandte er sich ab und schaltete die Taschenlampe aus. Der Bann war gebrochen. Er hustete kurz. "Na dann, entschuldige mich bitte." Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, ins Haus zurück. Kathryn riß sich aus ihren Gedanken, hob trotzig das Kinn und langte mit der Hand in ihr Badewasser. Vielleicht war es noch so warm, daß es sich doch noch lohnte, noch einmal hinein zu steigen.
Kathryn Janeway schrak hoch. Desorientierung überflutete sie, das Gefühl, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie setzte sich mit einem Ruck auf und schnitt eine Grimasse. Sie hatte nicht bemerkt, daß das Wasser abgekühlt war, und nun, da sie sich bewegte, meldeten die Prozessoren ihrer Haut eindeutig: Kälte. Sie trocknete sich eilends ab, schlüpfte in ein bereitliegendes Kleid und ging hinüber in den Hauptraum ihres Quartiers. Sie schickte den warnenden Gedanken an schrumpfende Replikatorrationen zum Teufel, replizierte sich eine Tasse Kaffee, nahm das Gefäß zwischen ihre Finger und registrierte ganz nebensächlich, daß sie am ganzen Körper zitterte. Sie konzentrierte sich darauf, wie die heiße Flüssigkeit durch ihre Kehle rann und sich schließlich in ihrem Magen sammelte. Das herbe Aroma wirkte beruhigend. Sie atmete tief durch und fluchte leise. Daß laut fluchen weder etwas brachte noch besonders höflich war - selbst dann, wenn sie allein im Raum war -, hatte sie sich bereits vor Jahren deutlich gemacht. Ein leiser Fluch allerdings erleichterte sie so sehr, daß sie sich dieses Vorrecht trotz mehrmaligen Versuchen nicht hatte abgewöhnen können. Die Erinnerung, die sie gerade noch einmal durchlebt hatte - sie war so real gewesen, daß sich Janeway beinahe noch den Blick in Chakotays Augen zurück ins Gedächtnis rufen konnte. Die laue Abendluft, die Badewanne, die quälenden Fragen wegen der bevorstehenden Anpassung an ihr neues Leben... es schien wie ein Traum. Natürlich, im Grund war es das auch, Erinnerung waren immer eine Art Träume, das war auch nicht das Problem. Was sie verwirrte, war die Tatsache, daß ein nicht allzu kleiner Teil ihres wachen Bewußtseins erklärte, dieser Traum sei der Realität in vielen Aspekten vorzuziehen. Das Zittern ließ nach. Kathryn Janeway stellte die Tasse ab und fuhr sich seufzend durch die hochgesteckten Haare. Na schön, ihr Inneres hatte ihr also klar gemacht, daß sie die Ereignisse der vergangenen Wochen nicht einfach beiseite schieben konnte. Das habe ich auch nicht vor, entgegnete sie energisch, solange es mit meiner Arbeit nicht in Konflikt gerät. Ich werde mich schon damit auseinander setzen... wenn die Zeit dafür reif ist. Den flüchtigen Gedanken, daß sie Chakotay an dieser Auseinandersetzung beteiligen sollte, ignorierte sie.
Einige Jahrhunderte zuvor hätte sie jetzt ihren Ärmel hoch rollen und die Hand zu einer Faust ballen müssen, dachte Captain Janeway und hob bei diesem Gedanken irritiert eine Augenbraue. Eine Arzthelferin hätte mit einem kleinen rechteckigen Stück Mull und einer eisklaren Lösung ihre Ellenbogenbeuge desinfiziert und dann dem Arzt eine Spritze in die Hand gedrückt. Sie warf einen Blick auf ihren Arm und rief ein Bild hervor, in dem der Arzt geschickt eine lange, dicke Nadel in ihre Vene einführte, den Stich, den sie dabei verspüren mußte, und wie dann langsam das dunkelrote Blut in die Spritze strömte. Danach erneute Desinfektion und ein buntes Pflaster. Und zur Belohnung vielleicht ein Bonbon? Geschichten, die man Kindern abends im Bett vorliest, dachte sie, Märchen von Dingen, die sich Kinder des 24. Jahrhunderts nicht einmal mehr vorstellen können. Historische Ereignisse, die heute so altmodisch wirken wie ein Radiogerät oder Wettersatelliten. Die Spritze, die ihr etwas Blut abnehmen sollte, wurde gerade in Form eines versierten Hyposprays an ihren Arm gedrückt, sie spürte nur den leichten Druck, den es ausübte, und dann das kühlende Prickeln, als das kleine Gerät, nachdem es sich mit Blut gefüllt hatte, eine tropfenartige Flüssigkeit direkt in ihren Kreislauf injizierte, um so jeglicher Infektion vorzubeugen. Und der Arzt, der nun das Röhrchen Blut in den Analyseapparat stellte und kontrollierte, daß sich das Gerät mit leisem Summen selbst aktivierte, war kein Mensch, der mehrere Jahre in medizinischen Vorlesungen an der Universität verbracht hatte, um neue Erkenntnisse über das menschliche Leben herauszufinden und zu studieren. Dieser Mann war eine Projektion, eine Zusammensetzung aus Licht, Luft und Energie, der man das Wissen per Knopfdruck einprogrammiert hatte. Er sprach wie ein Mensch, er sah aus wie ein Mensch, er besaß Bewußtsein, Intelligenz und die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen. Und, bemerkte sie mit leichter Zufriedenheit, er hatte auch gelernt, die Verhaltensweisen eines Arztes anzunehmen. Worin unterschied er sich also noch von Menschen, die aus Erbanlagen und genetischen Codes ihrer Eltern konstruiert worden waren? Dadurch, daß er nur an Orten mit eingebauten Holoemittern existieren konnte? Menschen, deren Atmung auf Sauerstoff/Kohlenstoff-Verbindungen aufbaute, konnte nicht im All leben, ebensowenig im Wasser, der Doktor hingegen schon, wenn man die nötigen Vorkehrungen traf. Wo hörte das wirkliche Leben auf und begann das, das durch die Technologie erschaffen worden war? Fragen, denen viele Wissenschaftler und Philosophen die Zeit ihres Lebens opferten, ohne schlüssig zu werden. Fragen, die eindeutig nichts im überanstrengten Gehirn eines Raumschiffcaptains zu suchen hatten. Janeway gab es auf, die Probleme, die ihre Erinnerungen in ihr entstehen ließen, durch andere noch unlösbarere Probleme ersetzen zu wollen. Sie bewegte seufzend ihre Schultern. Wie kam es nur, daß sie solchen Muskelkater hatte? Die Arbeit an Bord der Voyager war weder körperlich anstrengend noch so ermüdend wie die auf New Earth, wo sie oft stundenlang mit Chakotay im Wald oder im Garten gearbeitet hatte, nicht zu vergessen das deprimierende Aufräumen nach dem Plasmasturm. Dennoch waren ihre Schultermuskeln steif und verkrampft. Nachwirkungen, dachte sie trocken. Meine Muskeln haben sich zu sehr an die Massage gewöhnt, die Chakotay mir jeden Abend hat zukommen lassen. Für einen Augenblick rief sie sich die breiten, sanften Hände des Indianers ins Gedächtnis, die ruhigen, kreisenden Bewegungen, in denen er mit seinen Fingern genau die Stellen fand, die ihr Schmerzen bereiteten. Dennoch war ihr gesamter Rücken- und Nackenbereich nach dieser Abendmassage locker und entkrampft gewesen. Kathryn, dich zu verstehen ist Schwerstarbeit, murmelte Janeway unhörbar, du tust gerade so, als habe man dir dein Leben zerstört, als man dich zurück an Bord der Voyager beamte. Dabei hat man es dir gerettet - oder zumindest wieder in die alten Bahnen gebracht. Die Tatsache, daß sie nicht vor Freude über die Rettung an die Decke sprang, schob sie beiseite. Sie mußte sich Gedanken darüber machen, wie sie mit der Lage umzugehen hatte, denn daß es so nicht weiter ging, das war deutlich. Was ebenso deutlich war, war die unangenehme Gewißheit, daß sie mit Chakotay sprechen mußte - mit ihrem Ersten Offizier, dem sie seit ihrer Rückkehr so unauffällig wie möglich auswich. Sie riß sich ungestüm aus ihren Gedanken, als der Doktor zufrieden den Analyseapparat ausschaltete und einen Blick auf die Ergebnisse warf. "Soweit ich sehen kann, hat das Medikament alle vom Virus befallenen Zellen in Ihrem Körper eliminiert", erklärte er und reichte ihr einen Datenblock. "Das medizinische Fachwissen der Vidiianer ist größer als wir bisher annahmen. Sie haben einen Antikörper entwickelt, der gegen fremde Zellen angeht ohne gleichzeitig das Immunsystem des Patienten anzugreifen. Ich sehe keine Veranlassung, Sie weiterhin von Ihrem Dienst fernzuhalten, Captain." Janeway nickte knapp. "Ich weiß das zu schätzen, Doktor. Was ist das?" Sie überflog die Daten. "Die chemische Zusammensetzung des Antikörpers. Ich nahm an, da Sie mehrere Wochen damit zubrachten, selbst ein Heilmittel zu finden, könnten Sie Interesse an den Forschungsergebnissen der Wissenschaftler haben, die erfolgreicher waren als Sie und ich." Janeway blickte auf und krauste die Stirn. Das Gesicht des Arztes zeigte allerdings nur leichtes Interesse und Zufriedenheit. Er verzog seine Mundwinkel zu einem für ihn seltenen Lächeln, das ein wenig unbeholfen wirkte. "Keine Ursache. Falls Sie mich nicht mehr brauchen, ich habe zu arbeiten." Ihr Lächeln kam nur zögernd zustande, ein wenig irritiert. "Natürlich, Doktor. Ich...hoffe, daß ich Sie nicht aufgehalten habe." Sie schwang die Beine von der Untersuchungsliege und stand auf. Kes, die junge Ocampa und medizinische Schülerin des Doktors, berührte sie am Arm. "Ich bin sicher, der Doktor meint es nicht so", flüsterte sie in einer Art und Weise, die Janeway immer an einen Counselor erinnerte. Die Kommandantin blickte dem Arzt nachdenklich nach. "Natürlich meint er es nicht so. Ich neige nur immer mehr zu dem Entschluß, diesen Doktor Zimmerman einmal aufzusuchen, wenn wir wieder daheim sind. Starfleet sollte in Zukunft darauf achten, daß Zimmerman weniger von seiner eigenen Persönlichkeit in seine Hologramme einarbeitet." Sie nickte Kes noch einmal zu und schickte sich an, die Krankenstation zu verlassen, als sich das Schott vor ihr öffnete und sie beinahe mit einem Offizier in rot-schwarzer Uniform zusammenstieß, der von links aus dem Korridor in den Raum einbog. Sie prallte zurück. "Verzeihung, Captain, ich habe Sie doch nicht erschreckt?" Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie und strich sich instinktiv die Haare zurück, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten. Ihre Haltung wurde unwillkürlich steifer. "Nein, Commander, ich hatte Sie nur nicht hier erwartet." Ich würde mir wünschen, daß du endlich diesen sorgenvollen Blick verschwinden läßt, dachte sie grimmig, als er sie prüfend ansah. Sie schluckte und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Indianer machte eine kurze Handbewegung und deutete auf den Doktor. "Der Doktor wollte..." "...Ihnen auch etwas Blut abnehmen, vermute ich", unterbrach ihn Janeway. "Machen Sie weiter, ich bin auf der Brücke." Sie trat hinaus in den Korridor und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Mein Problem scheint größer zu sein als ich angenommen hatte, dachte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Und es scheint, daß ich doch schleunigst etwas dagegen unternehmen sollte. Sie blieb stehen und wandte zögernd den Kopf. Sie könnte zurückgehen und mit ihm reden. Sie zauderte, hob dann störrisch das Kinn und setzte ihren Weg fort. Später, dachte sie, wenn der Zeitpunkt günstiger ist. Und im Augenblick war das Wichtigste, sich wieder in den Arbeitsablauf einzufügen. Während ihrer Abwesenheit hatte sich viel auf dem Schiff getan, und Janeway wollte so schnell wie möglich über alles informiert sein.
Während sie auf den Turbolift wartete, piepste ihr Kommunikator. Sie berührte ihn und trat beiseite, als zwei Offiziere den Lift verließen. "Hier Janeway." "Torres hier, Captain. Wir haben die Diagnose des Warpantriebs abgeschlossen und sind auf einige Probleme gestoßen." Janeway war nicht allzu erstaunt. Es verging kaum eine Woche, in der es keine Schwierigkeiten mit dem Warpantrieb zu verzeichnen gab. Im Delta-Quadranten, Jahrzehnte von der nächsten Versorgungsbasis entfernt, an der man Reparaturen durchführen konnte, war es deutlich schwieriger, die wichtigste Antriebseinheit des Schiffes in Hochform zu halten. B'Elanna Torres hatte weiß Gott keinen leichten Job. "In Ordnung, Lieutenant, ich bin unterwegs. Ich treffe Sie im Maschinenraum. Janeway Ende." Es war gut, daß es noch wichtigere Dinge gab, mit denen sie sich beschäftigen mußte.
"Was gibt es, B'Elanna?" Janeway hatte die halbklingonische Chefingenieurin an einer der seitlichen Konsolen ausgemacht und registrierte mit Verwunderung, daß sie sich bereits in Gesellschaft befand: Neelix, der aufgeweckte Talaxianer, Moraloffizier und Küchenchef in einem, wippte von einem Bein auf das andere und bemühte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen, das Geheimnis hinter den technischen Daten zu verstehen, die vor seinen Augen über das Display liefen. B'Elanna Torres wandte sich um, auf ihren Zügen zeigte sich offene Ungeduld. Es war kein Geheimnis, daß sich Neelix für ihm unbekannte Technik interessierte und nur zu gerne Ingenieure darüber ausfragte. Janeway nahm an, daß B'Elanna froh war, einen Grund zu haben, um das Gespräch abzubrechen. "Es handelt sich um die Systemdiagnose, Captain. Impulsantrieb und Triebwerke sind okay, Phaserbänke und Schilde haben wieder voller Energie, es schien alles in Ordnung zu sein bis auf eine Sache." "Und die wäre?" Janeway beugte sich interessiert vor, als Torres' Finger über die Konsole huschten und neue Daten auf den Monitor brachten. Sie musterte die Kolonne von Zahlen und Informationen, die über das Display flackerten. Sie schüttelte schon den Kopf, sie sah keine abnormale Abweichung, bis sie plötzlich ruckartig die Hand ausstreckte und mit ihrem Zeigefinger auf eine spezielle Anzeige deutete. "Computer, anhalten!" Sie bemerkte, daß sich Neelix neugierig über ihre Schulter beugte und richtete sich auf. "Das ist es, was Sie beunruhigt, nicht wahr? Der Zustand der Dilithiumkristalle!" "Exakt! Ich habe es zunächst nicht bemerkt, die Veränderung ist so minimal, daß die Scanner sie nicht erfassen konnten. Aber dann erschien eine leicht abweichende Anzeige, als die Stabilität des Warpfeldes getestet wurde und ich begann, Nachforschungen anzustellen. Kein Zweifel, das hier ist dafür verantwortlich." B'Elanna hatte die Arme verschränkt und die Stirn in Falten gezogen. Neelix' Blick wanderte von ihr zu Janeway und wieder zurück. "Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Captain, aber könnten Sie mir sagen, worum es sich handelt?" Es war ihm sichtlich unangenehm, diese Frage stellen zu müssen. "Es sind die Dilithiumkristalle, Mr. Neelix", erklärte Janeway, ohne den Blick vom Monitor zu nehmen. "Sie befinden sich in einer Art Zerfalls- oder Auflösungsprozeß." "Es ist ein Zerfallsvorgang", bestätigte Torres. "Ich weiß noch nicht, wodurch er bewirkt wird, ich habe wahrhaftig noch nie etwas von Dilithiumkristallen gehört, die sich einfach auflösten. Ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, daß es geschieht." "Wie lautet Ihre Prognose?" fragte Janeway. "Wie lange dauert es, bis sich Auswirkungen auf den Antrieb einstellen?" Torres zuckte die Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Nach dem, was ich auf der Akademie gelernt habe, dürfte das Ganze überhaupt nicht geschehen. Nach den bisherigen Untersuchungen aber glaube ich, daß der Prozeß sehr langsam vonstatten geht, etwa 1,003 mal 10 hoch -7 Quadratmillimeter pro Tag. Dennoch, in etwa 11 Monaten könnten sich bereits einige Risse in den Kristallen gebildet haben, die nicht zu unterschätzen sind. Dies hier..." sie deutete auf den Bildschirm, "hat nichts mit dem natürlichen Abnutzungsprozeß der Kristalle zu tun, der sich nach vieljähriger Benutzung einstellt. Die Kristalle sind noch nicht einmal zwei Jahre in Betrieb, es kann sich demnach gar nicht um eine Form von Abnutzungszerfall handeln. Irgend etwas stimuliert die Kristalle oder greift ihre Molekularstruktur an, um sie so allmählich zu schwächen und die Atombindungen aufzulösen." "Habe ich das richtig verstanden, Lieutenant, die Moleküle werden also nicht verändert, sondern ihre Struktur wird aufgelöst?" Janeway schüttelte den Kopf. "Ich habe noch nie etwas derartiges gehört. Wie ist das möglich, Dilithium gehört zu den unzerstörbarsten Kristallen, die es gibt." "Im Alpha-Quadranten vielleicht, Captain", warf Neelix vorsichtig ein, "aber es wäre doch möglich, daß es hier ein... was auch immer gibt, das die Kristalle dazu anregt, sich in Luft aufzulösen." "Wie auch immer", fuhr Janeway fort, "wir können nicht riskieren, in einem Jahr plötzlich ohne Warpantrieb dazustehen. B'Elanna, haben Sie Vorschläge, wie dieser Zerfall zu stoppen ist?" "Nein, dazu müßte ich erst einmal herausfinden, wodurch er aktiviert wurde", erklärte Torres mit finsterer Miene. "Und ich weiß im Moment nicht einmal, wo ich zu suchen anfangen soll. Ich dachte allerdings daran, nach einem Ersatz Ausschau zu halten." Janeway starrte für einen Augenblick ins Leere. "Ersatz für Dilithiumkristalle", flüsterte sie. "Die Föderation bemüht sich schon seit Jahren erfolglos darum, einen ähnlichen Kristall zu finden, der dieselbe Wirkung im Warpantrieb aufweisen könnte. Die Bergbaukolonien für diesen Kristall sind sehr rar geworden im Alpha-Quadranten", fügte sie erklärend für Neelix hinzu, "und man hat es bisher nicht geschafft, ihn künstlich herzustellen. Dennoch, wir wissen, daß sich die Kazon, die Talaxianer, die Vidiianer, beinahe alle Rassen, auf die wir hier gestoßen sind, mit Überlichtgeschwindigkeit bewegen können, und ich habe bisher nie davon erfahren, daß sie Dilithiumkristalle verwenden." "Sie verwenden also eine andere Energiequelle, eine, die es hier an allen möglichen Stellen geben muß und auch mit unterschiedlicher Technologie gekoppelt werden kann", führte Torres den Gedanken weiter. "Wir müßten nur erfahren, worin diese Energiequelle besteht und wo sie zu bekommen ist. Ich bin mit meinen Überlegungen soweit gekommen und dachte, daß uns vielleicht Neelix behilflich sein könnte, diese Informationen zu erhalten. Sein Schiff flog schließlich auch mit Warpgeschwindigkeit, er hatte also ebenfalls Zugang zu dieser Technologie." "Das ist richtig, Lieutenant", mischte sich der Talaxianer eilig ein, "aber die Kapazität meines Antriebs war nicht sehr groß. Im Vergleich mit diesem Warpantrieb hätte er höchsten ein Fünfzehntel der Leistung erbracht, oder auch etwas mehr oder weniger oder..." "Nun gut, Neelix, aber Ihr Schiff besaß wenigstens schon eine andere Energiequelle als Dilithiumkristalle", unterbrach ihn Torres grimmig. "Gut möglich, daß die Technologie der Kazon nur etwas ausgereifter ist, aber auf demselben Grundstoff basiert." "Ich weiß allerdings nicht einmal genau, welcher Art mein Antrieb war", murmelte Neelix und wippte wieder hin und her, diesmal aus Unbehagen. "Ich hatte das Schiff von einem Freund bekommen, der sich ein besseres angeschafft hatte. Er hatte sich vom Schrottgeschäft losgemacht und einem Konvoi angeschlossen, der regelmäßig Waren zwischen Iridhon und Iridhon Prime hin und her..." "Neelix." Janeways Stimme wurde eine Nuance schärfer. "Ihre Geschichte ist bestimmt hochinteressant, doch leider fehlt uns jetzt dafür die Zeit. Also bitte..." Der Talaxianer wackelte unruhig mit dem Kopf und grinste verlegen. "Nun ja, das genau ist ja das Problem. Ich habe das Schiff übernommen und mich nicht weiter um den Antrieb gekümmert." Auf Torres entsetzten Blick hin streckte er sich und riß die Augen auf. "Das war auch gar nicht nötig, ich hatte nie Schwierigkeiten. Alles, worum ich mich kümmern mußte, waren die Territorien der Kazon, mein Kurs und meine..." "Sammlungsgegenstücke, ich weiß." Torres bedachte ihn mit einem Blick, der nicht zum ersten Mal seinen Geisteszustand in Frage stellte. "Captain, ich habe Neelix' Schiff im Hangar untersucht; ich werde aus dem Antrieb nicht schlau. Es sieht so aus, als habe Neelix nicht nur Schrott gesammelt, sondern auch sein gesamtes Schiff damit ausgekleidet. Der Antrieb ist dermaßen zusammengeflickt, daß kaum noch zu unterscheiden ist, was davon zur originalen Maschine gehört und was nicht. Ihr Vorgänger war ein Bastler, ja?" Neelix schob beleidigt die Unterlippe vor und sah betont gleichgültig an Torres vorbei. Die Chefingenieurin bereitete sich innerlich schon einmal auf das Mittagessen vor, daß Neelix ihr servieren und in dem sie bestimmt einige Überraschungen finden würde. Janeway spürte die Spannung, die in der Luft lag, und legte dem Moraloffizier beruhigend die Hand auf die Schulter. "Neelix, niemand macht Ihnen hier einen Vorwurf. Im Gegenteil, wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen. Sie sind während Ihrer...vorherigen Arbeit so viel in diesem Sektor des Quadranten herum gekommen, Sie hatten mehr als einmal mit den Kazon zu tun - versuchen Sie, sich zu erinnern, haben Sie niemals gehört, wie die Energieanlagen dieser Schiffe sind, oder die der talaxianischen Konvois, der Schiffe der Vidiianer? Nach allem, was wir über die Fortbewegungsart dieser Schiffe wissen, dürfte es keine zu gewichtigen Unterschiede geben." Sie lächelte jetzt warm. "Sie sind der Einzige, der uns Ratschläge geben kann, der Einzige, der sich hier auskennt. Gibt es eine Möglichkeit, unseren Antrieb mit hiesigen Energiequellen zu unterstützen?" Der Talaxianer nickte langsam, versöhnt durch ihr Lächeln. "Es gäbe tatsächlich vielleicht einen Ausweg", sagte er, während seine Augen nachdenklich hin und her huschten. "Die Talaremer, ein Volk, das sehr mit uns Talaxianern verwand ist, jedenfalls bezeugt das ihre Vergangenheit und auch im Aussehen sind sich unsere Völker recht ähnlich, also auf jeden Fall", fuhr er mit einem raschen Seitenblick auf Torres fort, "sind die Talaremer in der Lage, Schiffe zu bauen, die den Standard der talaxianischen Schiffe weit übersteigen, ja beinahe sogar dem der Kazon ebenbürtig sind. Ich weiß nicht eingehender darüber Bescheid, die Beziehungen zwischen unseren Völkern spielen sich mehr auf kulinarischer und gesellschaftlicher Ebene ab, ich empfehle Ihnen dennoch, Captain, sich mit den Talaremern in Verbindung zu setzen. Sie sind ein gastfreundliches, friedliebendes Volk, möglicherweise sind sie zu Verhandlungen über einen Austausch von Informationen oder Energie oder was auch immer wir brauchen bereit." Janeways Lächeln vertiefte sich. "Danke, Neelix, ich werde über Ihren Vorschlag nachdenken. Ich bin aber der Ansicht, daß Lieutenant Torres und ich ihn in Erwägung ziehen werden. Wären Sie bereit, mit den Talaremern Kontakt aufzunehmen, wenn es soweit ist?" Neelix' Schultern strafften sich. "Sehr gerne, Captain", sagte er formell. "Äh, brauchen Sie mich jetzt noch?" "Nein, im Augenblick nicht mehr", gestattete Janeway. Sie sah ihm nach, wie er den Maschinenraum durchquerte, den Offizieren, die an den übrigen Terminals arbeiteten, einige Scherzworte zurief und dann hinaus auf den Korridor trat. Sie seufzte unhörbar und tauschte mit Torres einen Blick. "Ich würde sagen, wir haben Arbeit vor uns, Lieutenant."
Pilzsuppenaroma in der Nase zu haben war beinahe noch besser als der eigentliche Geschmack, der sich mit dem ersten Löffel voll auf der Zunge ausbreitete. Es roch nach würzigen Kräutern und rief schwache Erinnerungen an Wälder und Regen herauf. Chakotay drehte den Löffel unschlüssig in der Hand und malte dabei geschwungene Kreise in die Suppe, die sich auflösten und in neue Gebilde verwandelten, wenn er die Bewegungsrichtung veränderte. Er starrte hinein und bemühte sich, die Zeit neu entstehen zu lassen, in der Pilzsuppe zu den Mahlzeiten gehört hatte, die beinahe eine Belohnung dargestellt hatten. Damals war er von Missionen zurückgekommen, mit einem Schiff, das einige Beulen und Wunden mehr besaß, mit einer Crew, zerschlagen, verwundet, aber zufrieden mit dem, was sie erreicht hatten, und mit sich selbst und der Leere, die er spürte, wenn er seinen Zorn und seine Aggressionen draußen auf dem Schlachtfeld zurückgelassen hatte und nun etwas anderes verspüren sollte, nämlich Freude über den Erfolg, Zufriedenheit wenigstens. Chakotay hatte vor langer Zeit vergessen, was diese Gefühle bedeuteten. Für ihn waren es Worte, Buchstaben ohne Inhalt. Zurückkommen, das bedeutete für ihn Pilzsuppe, warmes Essen, Medikamente, die ihn für kurze Zeit betäubten. Replikatoren waren Mangelware beim Maquis, sie besaßen maximal zwei auf jedem Schiff und benutzten sie so wenig wie möglich, um Energie zu sparen. Und was die Freude anging: Er erlebte sie nur in der Erleichterung, wenn sich im Kampf sein inneres Ventil öffnete und die angestauten negativen Emotionen aus ihm heraussaugte und auf seinen Kampf und seine Kameraden übertrug. Chakotay hatte gelernt, daß ein Kampf nur dann gut ausging, wenn man die nötige Portion Wut im Magen hatte, und zum Teufel, die hatte er auch. Er war wütend, seit sein Vater gestorben war und ihn allein gelassen hatte, seit die Cardassianer über sein Volk bestimmten und es unterdrückten, seit er seinen Stamm, der versucht hatte, ihm Halt zu geben, verlassen hatte und Starfleet beigetreten war, seit er seinen Posten aufgegeben und sich dem Maquis angeschlossen hatte...es waren zu viele Gründe und zuviel Haß. Das Gefühl war ihm vertraut geworden wie sein eigener Herzschlag. Natürlich hatte es Tage gegeben, an denen der Einfluß, den der Haß auf ihn ausübte, weniger wurde, Tage und Stunden, die er mit Seska verbracht hatte, bei Pilzsuppe und Gesprächen, die er nicht mehr hatte führen können, seit er sein Volk verlassen hatte. Gespräche, in denen die Bajoranerin den Indianer zwang, auf den Boden seines Ichs zu sehen und das erforschen, was sie Pagh nannte. Sie hatte versucht, ihm beizubringen, daß er zu streng mit sich umging, daß er sich keine Ruhe zugestand und keinen Seelenfrieden. Sie hatte sein Gesicht zwischen ihre schlanken Hände genommen und ihm gestanden, daß sie ihn lieben könnte, wenn er ihr zeigte, daß ähnliche Gefühle ihn ihm überhaupt noch existierten. Als er dann später herausfand, daß Seska nicht nur hübsch, sondern auch eine risikofreudige Kämpferin und gerissene Spionin war, die man ohne weiteres mit Föderationsmissionen beauftragen konnte, nicht nur mit Sabotage an cardassianischen Stützpunkten, begann sich eine Beziehung zwischen ihnen zu formen. Was zu Beginn von gegenseitigem Respekt und Achtung geprägt war, wurde mit der Zeit immer tiefer. Über Seska lernte er B'Elanna Torres kennen, eine Halbklingonin, die gerade die Akademie durch den Hinterausgang verlassen hatte und seine Gruppe nicht nur durch ihre technischen Fähigkeiten, sondern auch durch ihr Temperament und Spontaneität bereicherte. Im gleichen Maße, in dem Chakotay lernte, sich selbst und seinen Haß zu kontrollieren, baute er eine Crew auf, die durch und durch Maquis war und wie Terroristen zu handeln verstand, dennoch aber zu einer Einheit verschweißt war und einander vertrauen konnte. In einer Zeit, in der jeder ein Undercoveragent sein konnte, ein Spitzel sowohl der Föderation als auch der Cardassianer, gehörte Vertrauen einem Luxus an, den sich nicht jeder kommandierende Offizier leisten konnte.
Er konnte seine Befriedigung nur im Kampf finden. Und erst, als er sich der fremden Kriegerin angeschlossen hatte, fühlte er plötzlich die wahre Bedeutung des Friedens. Ist das wirklich eine uralte Legende? Nein. Aber so war es leichter, es auszusprechen.
Chakotay legte den Löffel beiseite und stützte die Arme auf den Tisch, den Kopf zwischen den Händen. Die wahre Bedeutung von Frieden. Er horchte dem Klang der Worte nach und konnte nichts mehr darin erkennen. Was war er gewesen, dieser Frieden, der in ihn geschlüpft war, kaum daß er den Planeten das erste Mal betreten hatte? Das Gefühl, das er gespürt hatte, wenn er morgens aufwachte und das Geräusch der Tiere außerhalb ihrer Behausung hören konnte anstelle des Vibrierens des Warpantriebs. Er war oft noch eine Weile auf dem Rücken liegengeblieben, die Arme unter dem Kopf verschränkt, und hatte auf das gleichmäßige Atmen gelauscht, das aus dem Nachbarzimmer zu ihm hinüber drang. Manchmal empfing ihn auch schon das leise Summen der wissenschaftlichen Geräte, und wenn er dann hinüber ging, saß Kathryn schon am Tisch über eine ihrer neuesten Proben gebeugt, hob den Kopf, als sie ihn eintreten hörte, strich sich das Haar aus dem Gesicht und erklärte, daß sie sich sicher sei, heute den entscheidenden Durchbruch zu machen und eine geeignete Insektenprobe zu finden. Chakotays Hände ballten sich zu Fäusten, er konnte sich nur mühsam beherrschen, nicht auf den Tisch zu schlagen. Er war zurück, an Bord der Voyager, und dennoch kehrten seine Gedanken ständig zu dem Ort zurück, an dem zum ersten Mal geschehen war, wonach er sein Leben lang gesucht hatte: Er war innerlich zur Ruhe gekommen, er, der nichts anderes gekannt hatte als die Rebellion gegen die Lebensweise seines Stammes, gegen den Tod seines Vaters, nachdem er sich endlich mit ihm verstanden hatte, nach den aufreibenden Jahren beim Maquis, in denen sein Herzschlag nur den Kampf gesucht hatte. New Earth hatte ihm das sichere Gefühl gegeben, angekommen zu sein, dort, wo er hingehörte, wo er sich selbst akzeptieren konnte. Wie sollte er jetzt akzeptieren, daß er wieder nur Offizier auf einem Schiff war, mit Pflichten und Konfrontationen und Apparaturen um sich herum? Wie konnte er kämpfen, nachdem er sich gerade mühsam von seinem Haß entledigt hatte? Und wie, um alles in der Welt, sollte er mit seinen Gefühlen für Kathryn umgehen?
"Chakotay?" B'Elanna Torres ließ sich mit ihrem Tablett neben ihm nieder und entfaltete ihre Serviette. Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu und musterte dann den Teller, den er vor sich stehen hatte. "Schmeckt es dir nicht mehr?" Der Indianer riß sich zusammen. "Doch, doch, ich war nur gerade in Gedanken." Um keinen Verdacht zu erregen, nahm er den Löffel wieder auf und kostete von der Suppe. Mittlerweile war sie kalt geworden, außerdem war der Replikator sowieso nicht in der Lage, den Geschmack herzustellen, den Seska durch Gewürze und andere Geheimnisse hervorgebracht hatte. Eine Imitation, genauso wie Seska eine gewesen war; nicht einmal die Rationen wert, die er dafür hatte opfern müssen. Er warf Torres, die ihn immer noch beobachtete, einen Blick zu und schob seinen Teller seufzend von sich. Torres kannte ihn zu lange, ihr etwas vorzumachen hatte in der Regel wenig Sinn. Sie fixierte ihn für einen Moment, während sie sich gedankenlos einen Bissen ihres Essens in den Mund schob. "Ist es Seska?" fragte sie unerwartet. Chakotay runzelte verblüfft die Stirn. "Seska?" "Ich dachte, da du so abwesend über einem Teller Pilzsuppe meditierst..." Torres zog eine Grimasse und nahm das Essen auf ihrem Teller genauer in Augenschein. Ihre Vermutungen hinsichtlich Neelix' Verärgerung und deren Folgen schienen sich zu bestätigen. "Ist das eine neue Ausgabe von Neelix' exotischer Kochkunst?" "Ja, eine seiner neuesten Kreationen." B'Elanna sah immer noch mißtrauisch aus, zuckte aber die Achseln und aß weiter. "Also wenn nicht Seska, wer dann?" Chakotay schüttelte den Kopf. "Ich würde es vorziehen, nicht darüber zu reden." Sie wölbte überrascht eine Augenbraue. Es herrschte eine ungeschriebene Vereinbarung zwischen ihnen, daß sie beide miteinander sprachen, wenn sie etwas bedrückte, wenn sie glaubten, vom anderen Hilfe erwarten zu können. Die lange Zeit, die sie sich kannten, die Freundschaft, die ihre gemeinsame Vergangenheit geschaffen hatte - B'Elanna hatte geglaubt, er würde ihr vertrauen. Es war ihr nicht leichtgefallen, ihm, einem Indianer, der mehr vom Meditieren und Animal Guides etwas verstand als von Technik und Maschinen, Vertrauen zu schenken. Nach mehreren Jahren Dienst unter seiner Führung hatte sie jedoch ihre Meinung über ihn mehr als einmal revidieren müssen. Er war ihr Freund geworden, dem sie ihre Hilfe anbot, wenn er in Schwierigkeiten steckte. Chakotay erriet, was in ihr vorging. "Hör zu, B'Elanna, ich weiß es zu schätzen, daß du dir Gedanken machst", lenkte er ein, "aber das ist eine Angelegenheit, die ich mit mir selbst ausmachen muß (und vielleicht mit einer Person, die mir schon den ganzen Tag ausweicht. Sie kann schließlich weder von mir noch von sich selbst erwarten, daß wir alles vergessen, nur weil wir wieder unter Menschen sind.). Es ist nichts von wirklicher Bedeutung. Ich habe nur...ein wenig Schwierigkeiten, mich wieder an all die Leute und den Alltag an Bord zu gewöhnen." Nicht zum ersten Mal fragte sich Torres, was während der Wochen, die Chakotay und Janeway auf dem Planeten verbracht hatten, geschehen war. Sie hatte Chakotay noch nie derart nachdenklich erlebt, so abweisend und abwesend. Er und Janeway gingen sich aus dem Weg, das war nicht zu übersehen. "Habt ihr euch gestritten, der Captain und du?" hakte sie behutsam nach. Der Indianer brachte ein Lächeln zustande, das jedoch seine Augen aussparte. "Nein, B'Elanna, ich wünschte, es wäre so einfach. Bitte", er preßte kurz ihre Finger zwischen seine Hände und zwang sich zu einem aufmunternden Zwinkern. "Ich brauche einfach etwas Zeit." "Es kann erleichternd sein, über Probleme zu sprechen, Chakotay." "Vielleicht." Er stand auf und schob seinen Stuhl an den Tisch. Torres hielt ihn am Arm fest. "Du weißt, wo du mich finden kannst", sagte sie warm, ihre dunklen Augen blickten etwas weniger angriffslustig als sonst. Chakotay erwiderte ihren Blick mit unbewegter Miene. "Ich weiß."
"...ich schlich mich also in die Küche, als Neelix gerade in den Maschinenraum gerufen wurde, und fing an, in den Schubladen herum zu stöbern. Ein paar Male stieß ich auf seltsam braungrün gefärbte Knollen, die stanken wie die Hölle, ich wette, das waren uralte, verfaulte Stücke Liolawurzel, von denen sich Neelix nicht trennen konnte. Während ich also noch in den Schubladen wühlte, immer darauf bedacht, alles wieder ordentlich zurückzulegen, damit Neelix keinen Verdacht schöpft, hörte ich plötzlich unterdrücktes Kichern hinter mir. Und jetzt ratet mal, wer da stand?" "Fiona McPherson", fuhr Harry Kim lachend fort. "Sie hatte mit mindestens einem Dutzend Offiziere gewettet, daß sie es schaffen würde, Tom in die Küche zu locken und ihn, der sich doch so wahnsinnig gut mit allem technischen Zeug auskennt, nach einer multiplen, phasengesteuerten Gemüsepresse suchen zu lassen." Lieutenant Torres hob fragend eine Augenbraue. "Nie davon gehört." "Exakt, Tom ebenfalls nicht. Er war interessierter an Fiona als an der Gemüsepresse, aber sie bat ihn so lieb darum und klimperte mit ihren langen dunklen Wimpern..." "Idiot", brummte Paris. Er fuhr sich mit der Hand stöhnend über das Gesicht. B'Elannas Mundwinkel zuckten verräterisch. Kim nickte nachdrücklich. "Nachdem sie ihn bisher hatte abblitzen lassen, könnt ihr euch vorstellen, wie Tom reagierte, als sie ihn kontaktierte und bat, ihr etwas aus der Küche zu besorgen, was sie dringend brauchte. Sie könne nicht selbst gehen, da sie gerade im Begriff sei, unter die Dusche zu steigen..." Tom Paris' Gesichtsfarbe wandelte sich in ein helles Rot, "und Tom dachte sich natürlich, er könne ihr vielleicht beim Abtrocknen helfen, wenn er ihr die Presse ins Quartier brachte." "Harry!" wandte Paris hastig ein, seine Ohrenspitzen glühten. "Wenn Sie keine telepathischen Fähigkeiten besitzen, sollten Sie lieber nicht in meinen Gedanken herumstöbern." Sein Einwand fiel allerdings schwach aus. Der junge Fähnrich grinste. "Dazu brauche ich keine Telepathie, man brauchte sich nur Ihr strahlendes Gesicht anzusehen, um Bescheid zu wissen. Was Tom allerdings nicht wußte", fuhr er, zu Torres gewandt, fort, "war, daß Fiona mit anderen Maquisoffizieren eben diese Wette abgeschlossen hatte, daß sie Tom dazu bringen würde, illegal in die Küche einzudringen und nach etwas zu suchen, das er nicht einmal kannte." "Das Schönste kam natürlich am Schluß", stöhnte Paris. "Als ich also mit hochrotem Kopf hilflos von den Schubladen hochstarrte, lachten sich die Maquis samt Fiona über mich kaputt. Ich war nämlich nicht nur zu blöd, etwas zu suchen, was ich nicht kannte, sondern etwas, was es gar nicht gibt." B'Elanna prustete los. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihr Lachen zu verbergen, sondern beugte sich vor und schenkte Paris ein mitleidiges Lächeln. "Das kommt davon, wenn man immer behauptet, sich in jedem technischen Fachbereich auf diesem Schiff auszukennen. Sie haben wohl übersehen, daß auch die Küche mit solcher Technik arbeitet." "Ich glaube, ihn trifft viel mehr, daß seine Gefühle veralbert wurden", entgegnete Kim. "Er hat doch schließlich so viel Anerkennung für Fiona gezeigt. Und daß es dann ausgerechnet sie war, die ihm so übel mitgespielt hat..." "...das hat den armen Lieutenant dann ganz fertig gemacht", vollendete Paris sarkastisch. "Danke, Harry, ich denke, B'Elanna kann sich nun ein heiteres Bild machen." Er fuhr sich mit den Händen durch die kurzen sandfarbenen Haare und schnitt Torres eine ironische Grimasse. "Sie scheinen das Ganze ja sehr erheiternd zu finden, Lieutenant." Die Chefingenieurin lachte. "Kommen Sie, Paris, verstehen Sie keinen Spaß? Sie sind eben als Casanova auf diesem Schiff bekannt - früher oder später mußte so etwas passieren." Sie tätschelte ihn am Arm, woraufhin sie nur einen ärgerlichen Blick erntete. "Ich denke aber, Sie können beruhigt sein", fuhr B'Elanna fort. "Die Crew hat gemerkt, daß Sie bescheiden geworden sind. Keine einzige Beziehung in den letzten zwei Monaten...!" Sie lächelte. "Ich bin sicher, diese Aktion hat auf Ihre Vergangenheit gezielt, Tom. Sie haben sich hier auf dem Schiff mehr Anerkennung erworben, als Sie vielleicht denken." "Vielleicht ist es genau das, was mir übel genommen wird", brummte Paris. Er starrte Harry immer noch grimmig an. Der Asiate machte kein Hehl daraus, daß er die Geschichte im höchsten Maße amüsierend fand. Dennoch, die Falten auf der Stirn des Navigators hatten sich etwas gelichtet. Es war es nicht gewöhnt, auf den Arm genommen zu werden und verabscheute es, wenn Maquis wie Sternenflottenoffiziere sich das Recht herausnahmen, über seine Vergangenheit zu urteilen und ihn damit zu reizen. Erstaunlich war jedoch, daß ihn ausgerechnet Torres aufzumuntern versuchte. Sie war ihm die meiste Zeit ihrer Reise besonders feindselig gegenüber gestanden, aus einem Grund, den er vermutlich nie von ihr erfahren würde. Sein schweifender Blick traf Tuvok, den dunkelhäutigen vulkanischen Sicherheitsoffizier, der seit Beginn der Komödie neben Kim gesessen und vielsagend geschwiegen hatte. Ein Erwachsener, der die albernen Spiele der Kinder beaufsichtigt und sich stillschweigend seinen Teil dazu denkt, fuhr es Paris durch den Kopf, ein Gedanke, der in ihm ein wenig die alte Rebellion gegen Sicherheitsoffiziere im allgemeinen und Vulkanier im besonderen aufkommen ließ. Es fiel ihm allerdings nicht schwer, sie niederzukämpfen. Tom Paris hatte gelernt, sich zu beherrschen.
Er kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn das Schott hinter ihm öffnete sich und Janeway betrat den Konferenzraum, gefolgt von Chakotay. Hinter ihnen konnte Paris die blauschwarze Uniform und die hellen Locken von Fiona McPherson erkennen, die an einer der Kontrollstationen arbeitete. Er musterte kurz ihre schlanke Figur, die wohlgeformten Beine und die schmale Taille. Schnepfe, dachte er verächtlich, während ihm das zugleitende Schott die Sicht verdeckte und sich seine Aufmerksamkeit der Kommandantin zuwandte, die ihm gegenüber Platz genommen hatte. Janeway setzte sich in ihrem Sessel zurecht und warf einen Blick in die Runde. Tom Paris wirkte ein wenig erhitzt und zupfte in einer ihr neuen, heftigen Bewegung seine Uniform zurecht. Torres und Kim sahen machten einen erheiterten Eindruck, während Tuvok wartend den Blick auf sie gerichtet hielt. Es saß da, als sei er aus Marmor gegossen. Nicht einmal seine geschwungenen Augenbrauen bewegten sich. Chakotay hatte neben Janeway Platz genommen und die Beine übereinander geschlagen. Er lehnte sich zurück und wartete ebenfalls. Der Captain hatte nicht viel geäußert, als sie ihn in den Vorschlag, die Talaremer zu kontaktieren und um Informationen über die angeblichen Antriebskristalle zu bitten, einwies. Sie war kühl und knapp gewesen, ein Verhalten nicht unbedingt unüblich zwischen Captain und Erstem Offizier, auch wenn ein wenig die Vertrautheit fehlte. Gänzlich unüblich jedoch nach den vorangegangenen Wochen. Chakotay glaubte sicher, daß der Schlüssel zu ihrem Verhalten in diesen letzten Wochen steckte - vermutlich fühlte sie sich nicht viel anders als er. Er konnte schließlich nicht behaupten, daß er die Stunden seit seiner Rückkehr besonders genossen hatte. Die Erinnerungen, die er mit New Earth und ihrer improvisierten Kolonie verband waren zu klar in seinem Kopf vorhanden, um sich willkürlich abschalten zu lassen. Dennoch mußte er akzeptieren, daß sie die Vergangenheit für erledigt zu betrachten schien. Seit ihrer Rückkehr hatte sie ihn kein einziges Mal persönlich angesprochen und auch die Wochen, die sie gemeinsam verlebt hatten, mit keiner Silbe erwähnt. Er akzeptierte es, so schwer es ihm auch fiel. Er konnte jedoch nicht umhin, festzustellen, wie deutlich unangebracht ihm die Kommandostruktur plötzlich erschien, wie er sich innerlich dagegen auflehnte, sich wieder in seine Rolle als Erster Offizier einfügen zu müssen. Janeway verbrachte zehn Minuten damit, die restlichen Brückenoffiziere über den Vorschlag zu unterrichten, den Neelix angebracht hatte. Während sie sprach, registrierte sie aus den Augenwinkeln die Reaktionen der einzelnen Crewmitglieder. Torres und Chakotay wirkten entspannt, sie kannten den Bericht bereits. Harry Kim saugte jedes ihrer Worte in sich ein, um auch jedes Detail mitzubekommen, ein Verhalten, das sie ein wenig an ihre eigene Dienstzeit als Fähnrich erinnerte: Immer die Ohren offenhalten, man konnte nie wissen, was man alles im Nachhinein brauchen würde. Paris' Blick wanderte ein wenig zerstreut über den Tisch, dennoch bewies seine Haltung, daß er ihr trotzdem die nötige Aufmerksamkeit schenkte. Und Tuvok. Der taktische Offizier hielt sich kerzengerade, die Hände auf dem Tischrand verschränkt, und machte einen unbeteiligten, abwesenden Eindruck. Janeway aber wußte, daß er jedes Wort, jede Einzelheit wie ein Computer speicherte, logische Annäherungen begann und sich bereit machte, zu jedem Problem, das auftauchen konnte, eine Analyse zu erstellen, um ihr eine akzeptable Lösung anzubieten. "Ich habe mich auf Neelix' Vorschlag hin mit einem Repräsentanten der Talaremer in Verbindung gesetzt", fuhr sie fort. "Er schien nicht weiter überrascht zu sein über meine Bitte. Nach dem, was ich in dem Gespräch über sein Volk erfahren habe, ist es in dieser Gesellschaft nicht unüblich, mit Informationen über Antriebstechnologie zu handeln. Im Gegenteil, ein extrem bedeutender Teil ihrer Industrie würde darauf aufbauen, wurde mir mitgeteilt." Tuvoks Augenbraue hob sich um einen halben Millimeter, während Harry Kim ein wenig verdutzt wirkte. Janeway ließ sich nicht beirren. Das Gespräch mit dem talaremischen Repräsentanten hatte bei ihr ähnliche Reaktionen ausgelöst. "Ich erfuhr, daß einer der Planeten, der zum Einflußbereich der Talaremer gehört und auf dem das Zentrum der Antriebsindustrie lokalisiert ist, sich im benachbarten Sektor befindet, gut 36 Flugstunden mit Warp 7. Der Repräsentant bot an, uns dort zu empfangen und sich auf Verhandlungen über die notwendigen Informationen einzulassen." Sie machte eine unbestimmte Handbewegung, die die übrigen Offiziere aufforderte, ihre Meinung zu äußern. Torres war die erste, die sich zu Wort meldete. "Ich finde, wir sollten es zumindest versuchen, Captain. Der Zerfall der Dilithiumkristalle schreitet fort, während wir hier sprechen, das können wir nicht ignorieren. Selbst wenn wir jetzt noch nichts unternehmen, in spätestens einem Jahr müssen wir uns dem Problem erneut stellen, und dann ist vielleicht keine Zivilisation in der Nähe, die uns einen neuen Antrieb verschaffen kann." "Ich bin derselben Ansicht", warf Tom Paris ein. "Wir haben Glück, daß B'Elanna den Schaden so frühzeitig bemerkt hat, daß wir noch genügend Zeit haben, uns nach einem Ersatz für die Kristalle umzusehen. Wir sollte diese Frist nutzen, da wir sie schon einmal haben." Janeways Augen suchten fragend die ihres alten Freundes. Tuvok wölbte eine dunkle Augenbraue und wandte ihr den Kopf zu. "Der Vorschlag scheint akzeptabel", erwiderte er gleichförmig. "Da die talaremische Gesellschaft das Handeln mit derartigen Informationen gewohnt scheint, wäre es nur logisch und plausibel, Verhandlungen zu beginnen. Es könnte sich sicherlich verhängnisvoll auswirken, wenn wir diese Gelegenheit ausließen und in einigen Monaten vielleicht auf die Hilfe eines Volkes angewiesen sind, das entweder nicht die erforderlichen technischen Kenntnisse besitzt oder sich weigert, Informationen über seine Technologie preiszugeben. Ich rate jedoch dazu, mit Vorsicht vorzugehen. Wir kennen die Talaremer nicht und können uns daher nur auf die Informationen beziehen, die Sie von Mr. Neelix erhalten. Das ist nicht gerade viel." ...für einen vulkanischen Sicherheitsoffizier, fügte Janeway in Gedanken hinzu. Dennoch hatte sie erfahren, was sie wissen wollte. Tuvok war mit der Lösung einverstanden, die sich ihnen bot, und Janeway sah auch keinen Grund, warum sie das Angebot ausschlagen sollte, abgesehen vielleicht von der Tatsache, daß sie zufällig genau zur richtigen Zeit das richtige Volk mit der vielleicht richtigen Technologie genau in ihrer Nachbarschaft fanden. Doch mit dieser Art von Zufällen konnte sie leben. Es hing zuviel für die Sicherheit ihres Schiffes und seiner Besatzung von dieser Entscheidung ab. Sie zog es vor, den sicheren Weg zu gehen, auch wenn er sie wieder einmal in die Lage bringen würde, um Hilfe handeln zu müssen. Die junge Kathryn Janeway, die Lieutenant auf einem wissenschaftlichen Schiff gewesen war, hatte es gehaßt, um Hilfe bitten zu müssen, gab es ihr doch das Gefühl, schwach und hilflos zu sein. Im Delta-Quadranten jedoch, 70 000 Lichtjahre von ihrer Heimat entfernt, hatte sie schnell gelernt, daß sie diese Art von Luxusdenken nicht mehr praktizieren durfte. "Falls es keine Einwände gibt", begann sie und warf Chakotay einen raschen Blick zu. Er erwiderte ihn ruhig und schüttelte nur den Kopf, "dann denke ich, wir sollten keine Zeit mehr vertrödeln. Wir befinden uns in einer Lage, in der wir es uns nicht leisten können, derartige Möglichkeiten außer Acht zu lassen. Tuvok, bekommen Sie alles aus Neelix heraus, was er über dieses Volk weiß, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit kann uns einen Anhaltspunkt geben, wie wir diesen unbekannten Verhandlungspartnern gegenüber treten müssen. B'Elanna, ich möchte, daß Sie mich und Commander Chakotay auf den Planeten begleiten und an den Verhandlungen teilnehmen. Sie sind am besten qualifiziert, zu beurteilen, ob die Talaremer uns mit ihrer Technologie wirklich helfen können. Bis wir den Planeten erreichen, versuchen Sie bitte außerdem, einen Grund für das rätselhafte Verhalten unserer Kristalle zu finden, für den Fall, daß die Verhandlungen fruchtlos bleiben. Nebenbei möchte ich nicht, daß im Fall eines Erfolges diese "Infektion" sich auch auf den neuen Antrieb ausbreitet. Tom, bereiten Sie sich darauf vor, Daten über die talaremische Technologie zu empfangen und in den Maschinenraum weiterzuleiten. Lieutenant Torres wird ein Team zusammenstellen, das sich an die Auswertung der Daten und an ihre Übertragung auf unsere Systeme machen wird. Harry, nehmen Sie währenddessen den Planeten etwas unter die Lupe, sobald wir in Scannerreichweite sind; ich möchte wissen, ob es besondere Bodenschatzvorkommen gibt, Energiefelder, alles, was uns einen Hinweis auf die talaremische Energiequelle gibt." Jeder nickte zum Zeichen seines Einverständnisses. Janeway lächelte. "Wir haben eine Chance bekommen, die vielversprechend klingt. Hoffen wir nur, daß wir sie auch zu nutzen verstehen." Sie stand auf und stützte die Hände in die Hüften. "Fangen wir an!"
Der Türmelder ertönte. Captain Janeway ließ sich in ihrem Gespräch nicht unterbrechen und öffnete das Schott manuell, indem sie einen Knopf unterhalb ihres Tisches betätigte. Sie hob nicht einmal den Kopf, als Chakotay eintrat, sondern hörte weiter den Ausführungen zu, in denen sich Khladin, einer der talaremischen Repräsentanten, seit fünfzehn Minuten befand. Chakotay blieb wartend neben der Tür stehen. Janeway mochte ihre Gründe haben, weshalb sie ihm nicht zu verstehen gab, näher treten zu dürfen. Er beobachtete sie, während sie einen Versuch startete, Khladin zu unterbrechen. Es gelang ihr nicht. Ihr Gesicht zeigte deutlich die Verstimmung, die dieser Fehlschlag hervorrief, und Chakotay war wieder einmal erleichtert, nicht selbst Captain zu sein und derartige Gespräche hinter sich bringen zu müssen. Janeway mußte geduldig und diplomatisch sein, wenn sie etwas erreichen wollte, und es gab Rassen, bei denen es äußerst schwer war, den eigenen Geduldsfaden vor dem Reißen zu bewahren. Er lauschte dem gleichmäßigen Klang der Stimme, der der Universaltranslator einen dunklen Männerbaß verlieh. Er konnte nicht eindeutig ausmachen, was gesprochen wurde, glaubte aber aus Janeways Miene zu lesen, daß sie das, was Khladin ihr berichtete, nicht zum ersten Mal vernahm. Die Tatsache, daß sie sich offenbar weigerte, ihn anzusehen, gab ihm Gelegenheit, sie zum ersten Mal in den vergangenen zwei Tagen wieder direkt für einige Minuten zu betrachten. Ihr Verhalten hatte ihm mehr als heftig gezeigt, daß er sie verwirrte und an etwas erinnerte, daß sie so schnell wie möglich vergessen wollte. Verdrängungstaktiken, die selbst bei kleinen Kindern schon nicht den gewünschten Effekt erzielten. Er konnte sich natürlich vorstellen, daß es ihr wie ihm nicht leicht fiel, die Freiheit und Idylle des grünen Planeten zu vergessen und sich wieder an das enge Leben auf einem Raumschiff zu gewöhnen. Dennoch hatte er geglaubt, daß sie es leichter nehmen würde. Sie war es schließlich gewesen, die ihm von Beginn an mit Nachdruck gezeigt hatte, daß sie sich nicht damit abfinden würde, ihr Leben lang mit ihm auf einem unbewohnten Planeten, gestrandet im Delta-Quadranten, zu verbringen. Sie hatte sich verzweifelt in ihre Forschungsarbeit gestürzt, hatte sich geweigert, ihren Aufenthaltsort ein wenig wohnlicher und persönlicher zu gestalten... Er war der Ansicht gewesen, sie würde sich niemals auf New Earth heimisch fühlen können. Und nun schien sie an der Wiedereingewöhnung schwerer zu tragen als er. Er begriff es nicht recht. Was konnte es sein, was sie so panisch werden ließ, wenn sie über ihn stolperte oder einer der übrigen Offiziere ein Wort über die Wochen fallen ließ, in denen sie nicht an Bord der Voyager gewesen waren? Sein Blick ruhte auf ihren schmalen Schultern, die sie jetzt wir zum Schutz vorgeschoben hatte. Er erinnerte sich, wie sie jeden Abend über ihre Forschungsgeräte gebeugt am Tisch gesessen war, ab und an nach einer Tasse Kaffee griff und dabei nicht den Blick vom Monitor abwenden konnte. Er war in einer anderen Ecke des Zimmers gesessen, hatte versucht, sich an seine Streifzüge durch die Malerei zu erinnern, die er vereinzelt als junger Schüler und Student unternommen hatte, und hatte manchmal seine Augen in ihre Richtung gelenkt, einige Worte mit ihr gewechselt. Mit der Zeit war ihm aufgefallen, daß sie sich öfters mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Nacken faßte. Er hatte lange gezögert, bis er aufgestanden war und begonnen hatte, sie zu massieren. Er hatte mit kleinen Bewegungen begonnen. Seine Fingerkuppen bewegten sich kreisend, suchten die verspannten Muskeln, seine Daumen preßten sich rhythmisch an ihren Nacken und in die Grube zwischen den Schulterblättern. Er spürte, wie sie sich entspannte, wie die gespannte Energie in ihrem Körper losließ und sie ihn einfach gewähren ließ. Seine breiten Hände arbeiteten nun etwas stärker, er fühlte den glatten Stoff ihrer Bluse zwischen seinen Fingern und ihre kühle Haut darunter. Und mit einem Mal, so schien es, war sie vor sich selbst erschrocken. Sie hatte sich umgedreht und ihn mit einem Blick angesehen, der ähnlich verwirrt war wie der, der seit ihrer Rückkehr nicht mehr von ihren Zügen gewichen war. Janeway hatte es schließlich geschafft, das Gespräch mit Khladin zu einem Ende zu bringen. Sie betätigte mit einem leisen Seufzer die Taste an ihrem Monitor, so daß das Bild des Talaremers schwarz wurde, und blickte dann auf. Dieses Mal blieb ihre Miene unbewegt, als sie Chakotay bedeutete, ihr gegenüber an ihrem Tisch Platz zu nehmen. "Ich sprach soeben mit Repräsentant Khladin vom talaremischen Volksausschuß", erklärte sie ihm. "Er hatte mich kontaktiert, um mir die Bestimmungen zu erläutern, denen sich außerweltliche Besucher auf ihrem Planeten fügen müssen." "Der Länge des Gesprächs nach zu urteilen sind diese Bestimmungen wohl sehr zahlreich?" erkundigte sich Chakotay. Janeway nickte. "Das ist richtig, aber viele dieser Bestimmungen sind unseren Offizieren durch die Prinzipien der Sternenflotte bereits bekannt." "Mehr als die Hälfte der ehemaligen Maquisoffiziere waren nie Absolventen der Akademie", erinnerte sie Chakotay. Janeway warf ihm einen scharfen Blick zu. "Diese Offiziere dienen nun seit zwei Jahren an Bord dieses Schiffes. Ich darf wohl erwarten, daß sie sich mittlerweile mit den Regeln vertraut gemacht haben." Chakotay ließ sich sein Erstaunen über ihre Schärfe nicht anmerken. "Das haben sie auch, Captain. Ich wollte nicht andeuten, daß..." Janeway schnitt ihm das Wort ab. "Ich werde die übrigen, noch nicht bekannten Bestimmungen schriftlich an das Außenteam weiterleiten. Khladin hat mich informiert, daß gemäß des vorliegenden Protokolls die drei höchsten Offiziere an den Verhandlungen teilzunehmen haben, nebst Ingenieuren und deren Adjutanten. Mir gefällt dieser Punkt ebensowenig wie Ihnen", sagte sie, bevor er seine Bedenken äußern konnte, "ich konnte den Repräsentanten in dieser Hinsicht allerdings zu keiner Ausnahme bewegen. Tuvok wird also das Schiff mit uns verlassen, das Kommando geht dann an Lieutenant Paris." Chakotay biß sich auf die Zunge, um einen heftigen Kommentar herunter zu schlucken. Janeway verzog keine Miene. "Richten Sie bitte B'Elanna aus, Sie dürfe drei Mitglieder ihres Teams auswählen, die sich dann ebenfalls dem Außenteam anzuschließen haben. Teilen Sie ihr mit, sich um 14.00 Uhr morgen früh im Transporterraum einzufinden." Sie wandte ihren Blick wieder dem Datenblock zu, den sie in der Hand hielt. Als sie bemerkte, daß Chakotay sich zwar erhoben hatte, aber vor ihr stehen geblieben war, hob sie fragend den Kopf. "Gibt es noch etwas, Commander?" "Ja, Captain", entgegnete er ruhig. "Ich denke, wir sollten miteinander reden. Über New Earth. Über das, was dort unten passiert ist. Ich sehe doch, daß Sie..." "Das wäre alles, Commander", unterbrach ihn Janeway kalt. "Sie dürfen wegtreten." Ihre Stimme klang abwehrend, dennoch entdeckte Chakotay, als er ihr einen letzten Blick zuwarf, etwas Flackerndes, Unbestimmtes in ihren Augen. Er drehte sich um und verließ den Bereitschaftsraum. Hinter ihm schloß sich zischend das Schott. Kathryn Janeway lehnte sich stöhnend im Sessel zurück und griff sich mit beiden Händen an die Schläfen. Hinter diesen schienen sich allmählich pochende Kopfschmerzen auszubreiten.
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