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Eine Frage der Interpretation
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Eine Frage der Interpretation

Teil 5
© by Koch, Julia ()

 

Disclaimer: I fully acknowledge that the characters and situations of Star Trek: Voyager are the property of Paramount Pictures. I just borrowed them because they are too wonderful for me to leave them alone. No copyright infringement is intended.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Startrek-Sektion.
Author's Note: siehe Teil 1

 

Kaltes, graues Wasser gischte an ihren Beinen hoch und schwappte gluckernd in die Stiefel hinein. Janeway schauderte, warf einen hastigen Blick zu Boden, wo ihre Füße im wirbelnden Wasser kaum mehr zu sehen waren, und klapperte fröstelnd mit den Zähnen. Ihre Uniform war bis über die Knie durchweicht und ohne den Schutz der schwarzen Bergarbeiterjacke fühlte sie sich dem unaufhörlich blasenden Wind noch stärker ausgesetzt.

Seit einigen Minuten hatte sie kein Gefühl mehr in ihren Händen, da half weder warmer Atem noch rhythmisches Auf- und Zukrampfen. Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Heck des Bootes und schob weiter. Um sie herum wogte das Meer. Der Himmel hatte sich etwas verdüstert, graue Wolkenfetzen jagten einander, ihre Spiegelung gab dem Wasser einen noch unruhigeren Anschein.

Eine Viertelstunde später hatten sie es endlich geschafft. Das kleine Schiff dümpelte auf dem Wasser, tanzte zwischen den Wellen auf und nieder, aber es schwamm, ohne zu lecken, und das war die Hauptsache. Julia Brixton vertäute es sicher am halbverfallenen Steg, setzte sich dann daneben zu Boden und ließ das angesammelte Wasser aus ihren Stiefeln laufen. Auch sie war bis über die Oberschenkel durchnäßt und rubbelte fröstelnd ihre Handflächen gegeneinander.

Janeway ließ sich schwer atmend neben ihr nieder. "Gut gemacht", brachte sie zwischen klappernden Zähnen heraus. "Welch ein Glück, daß die Rollvorrichtung unter dem Boot noch vorhanden war. Andernfalls wären wir wohl keinen Meter weit gekommen. Das Ding muß ja Tonnen wiegen."

"Da sehnt man sich gleich nach den guten alten Antigrav-Trägern, nicht wahr?" klapperte Brixton zurück. Ihre Lippen wurden langsam blau. Janeway ließ den Blick über das Meer bis zum Horizont streifen. Die Sonne stand nun schon so tief, daß es sich nur noch um Minuten handeln konnte, bis sie ins bewegte Meer eintauchen würde. Hinter ihnen wurde der Himmel schon langsam dunkel.

Janeway strich sich das feuchte Haar aus dem Gesicht in einem erfolglosen Versuch, ihrer Frisur wieder etwas von ihrer früheren Würde zurückzugeben, und blickte hinüber zu dem schwarzen Eingang der Höhle. Der schmale Strandstreifen lag bereits im dunklen Schatten des Berges, der sich wie ein drohendes Ungetüm hinter ihnen in den Himmel aufbäumte. Die dunkler werdende Atmosphäre wurde immer noch von unregelmäßigen Energiestrahlen durchschnitten, doch die Erschütterungen wurden merklich weniger, stellte sie erleichtert fest. Wenn sie nur die Gewißheit hätte, daß sich die Voyager endlich zurück im Orbit befand! Sie hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie schon versucht hatte, ihr Schiff zu kontaktieren; sie wußte auch nicht, wie lange sie sich noch der Illusion hingeben konnte, daß die energiegeschwängerte Luft jegliche Kommunikation unmöglich machte. Sie seufzte, riß sich dann gewaltsam zusammen und schlang die Arme um ihre steifgefrorenen Beine.

"Wir bringen jetzt Chakotay an Bord", ordnete sie heiser an und hustete. "Die Höhle wird von Stunde zu Stunde kälter. Ich schlage allerdings vor, vorerst an diesem Küstenstreifen zu bleiben, bis wir herausgefunden haben, wozu dieses kleine Schiff fähig ist."

"Die Motorik scheint nicht besonders anspruchsvoll zu sein", wandte Brixton ein, "aber sobald ich herausgefunden habe, ob es Scheinwerfer gibt und wie sie funktionieren, können wir uns gefahrlos auf den Weg zum nächsten Hafen machen." Sie stand auf, ihre Glieder fühlten sich an wie Eiszapfen. "Wir müssen etwas finden, um den Commander warm zu halten. Ich glaube allerdings nicht, daß wir in der Kabine noch genießbare Nahrung finden werden." Sie verzog das Gesicht.

"Darum kümmern wir uns, wenn es soweit ist", antwortete ihr Captain. "Im Augenblick wäre ich schon glücklich, wenn Chakotay sicher aus diesem Eiskeller heraus wäre und der medizinische Trikorder ausnahmsweise einmal eine aufbauende Information für mich bereit halten würde." Ihre Gedanken wanderten hinüber in die Höhle, wo Chakotay bestimmt noch entsetzlicher fror als sie. Sie zitterte. Wenn die Voyager nicht auf die Vidiianer getroffen wäre, läge ich jetzt vermutlich in meinem Gemüsegarten und würde Tomaten zählen. Chakotays Hämmern würde aus dem Wald dringen, und ich würde mir ausmahlen, wie wir mit den Fluß erkunden würden, wenn er den Kahn fertig gezimmert hat. Wir wären Lichtjahre entfernt von diesem Ort, die untergehende Sonne würde durch die Blätter filtern und die Lichtung in einen orangefarbenen Ton tauchen. Ich würde die Strahlen warm auf meiner Haut spüren... Eine frostige Windböe ergriff sie und ließ sie schaudern. Brixton sah auf und merkte, daß Janeway die Hände zu Fäusten geballt hatte. Ihre Augen waren kalt.

"Fangen wir an", sagte sie hart. "Ich will nicht länger hier verweilen als unbedingt nötig."

 

Ein halbes Dutzend fragender Augenpaare richteten sich auf ihn, als das Schott zum Bereitschaftsraums des Captains zischend hinter ihm zu glitt. Lieutenant Tom Paris blieb einen Augenblick ergriffen stehen, als er das Vertrauen und die Sicherheit spürte, die seine Kollegen ihm stumm entgegen brachten. Er straffte die Schultern, lächelte grimmig und durchmaß die Brücke mit wenigen Schritten.

"Wir haben hier lange genug gesessen und den Kazon unsere Referenz erwiesen", kündigte er an, während er hinter die Steuerkonsole direkt vor dem großen Wandschirm glitt. Seine schlanken Finger huschten über die Kontrolltastatur, während er mit einem Blick den Zustand der Antriebsaggregate prüfte. "Garrett, Bericht!"

Der rothaarige junge Mann, der Tuvoks Platz übernommen hatte, hob den Kopf. "Phasersysteme voll einsatzbereit. Photonentorpedos sind geladen und können automatisch gestartet werden. Nach Abschalten des Warpantriebs sind auch die Schutzschilde wieder zu 100% aufgebaut worden."

"Wir werden den Warpantrieb für eine kleine Weile entbehren können", entgegnete Paris. "Lieutenant Torres arbeitet daran, den Schaden an den Dilithiumkristallen zu beheben, dieses Problem können wir also erst einmal hinten anstellen." Gebe Gott, daß Sie mich nicht Lügen strafen, B'Elanna! "Wir gehen jetzt auf Impuls und werden uns bemühen, die Kazon ein wenig von ihrem Feuerwerk abzulenken."

Leises Gelächter hinter ihm, als seine Ironie die Anspannung der Crew ein wenig löste. Mit einer raschen Sequenz aktivierten Paris' Finger den Impulsantrieb, und das Schiff glitt kaum merklich in die neue Geschwindigkeit hinein. Als Harry Kim an der Operationskonsole die Langreichweitensensoren aktivierte und das Sensorenbild auf den Hauptschirm legte, konnten sie bereits den grünlichen Planeten der Talaremer inmitten des binären Sonnensystems ausmachen. Zwei unförmige Schiffe, eindeutig der Bauart der Kazon zuzuordnen, hingen still im Orbit.

"Das Phaserfeuer der Kazon ist nur noch unregelmäßig", berichtete Garrett hinter ihm. "Auch die Intensität des Feuers hat abgenommen. Wie es scheint, haben die Kazon vor, den Rückzug anzutreten." Er konnte nicht verhindern, daß Erleichterung in seiner Stimme mit schwang.

Paris krauste die Nase und warf Kim einen Blick über die linke Schulter zu. "So leicht werden wir es ihnen aber nicht machen. Harry, ich werde versuchen, die Voyager zwischen die beiden Schiffe zu bewegen und dabei das Phaserfeuer auf uns zu lenken. Wenn wir Glück haben, sind die Kazon nach einigen Stunden ununterbrochenem Feuers ein wenig müde und zielen nicht mehr so gut wie am Anfang." Er grinste martialisch. "Ihre Aufgabe ist es jetzt, nach den Lebenszeichen des Captains und des restlichen Außenteams zu scannen und ihre Koordinaten dem Transporterraum Eins weiterzuvermitteln. Ich möchte in der Lage sein, bei der ersten Möglichkeit, die Schilde zu senken, alle gleichzeitig herauf zu beamen. Versuchen Sie außerdem, Kontakt zu den einzelnen Gruppen aufzunehmen. Es wäre angenehm, zu wissen, was dort unten vor sich geht und weshalb zum Teufel die Kazon einen derartigen Aufstand machen."

Kim nickte eifrig und beugte sich über seine Konsole. Paris gab noch einige weitere knappe Anordnungen und konzentrierte sich dann auf die Flugroute, die in leuchtenden Zahlen und Graphiken vor ihm auf dem Monitor auftauchte. Der Abstand zu den beiden wartenden Kazonschiffen verringerte sich immer mehr. Paris biß sich vor lauter Anspannung auf die Unterlippe.

"Aufwachen da drüben", murmelte er kaum hörbar. "Hüte festhalten! Wir kommen!"

 

B'Elanna Torres registrierte verblüfft, daß es ihr nicht mehr gelang, still zu stehen. Wie ein unruhiges Kind wippte sie auf den Zehenspitzen, um über die Schulter des holographischen Arztes einen Blick auf den kleinen Monitor in dessen Labor zu erhaschen. In ihren Händen kribbelte und juckte es, während sie darauf wartete, ob das kleine Gerät, das sie gemeinsam mit dem Hologramm in der vergangenen Stunde entwickelt hatte, in der Lage sein würde, organische Vorgänge in der anorganischen Natur des Dilithiumkristalls aufzuspüren und zu identifizieren. Leicht gesagt, wo sie doch beide nicht einmal genau wußten, wonach sie im Grunde eigentlich suchten. Wie erklärt man einem Spürhund, etwas zu finden, von dem man selbst nicht genau weiß, was es ist?

"Ich bin zwar nur ein holographisches Programm und nicht in der Lage, Überreiztheit zu zeigen", unterbrach die arrogant angehauchte Stimme des Doktors ihre Gedanken, "aber wenn Sie freundlicherweise ein bißchen weniger herumzappeln könnten, würde Ihnen das Ihr Adrenalinspiegel vermutlich auch danken."

B'Elanna schnitt ihm eine Grimasse und zwang sich dazu, still zu stehen.

"Wenn Sie wüßten, wie immens wichtig der Ausgang dieses Experiments ist, Doktor", begann sie enthusiastisch. "Ohne Warpantrieb sind wir über kurz oder lang in diesem Quadranten gestrandet, und obwohl ich nicht behaupten kann, daß mich im Alpha-Quadranten mehr hält als hier, möchte ich doch zumindest aus den Territorien der Kazon heraus sein, bevor sich die Sekten versöhnen und womöglich noch entscheiden, Voyager in einer gemeinsamen Aktion anzugreifen."

"Abgesehen davon, daß dies mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals eintreten wird", bemerkte der Doktor, während seine Augen weiterhin am Bildschirm klebten, "kann ich mir nur zu lebhaft vorstellen, was es für Sie bedeuten muß, wieder in den Alpha-Quadranten zurückzukehren."

B'Elanna schenkte ihm einen spöttischen Blick. "Können Sie?"

"Natürlich. Wenn wir erst wieder im Alpha-Quadranten sind, wird neues medizinisches Personal auf die Voyager transferiert und man wird aufhören, mich als Arzt für jede Kleinigkeit zu aktivieren." Seine Augen schweiften in die Ferne ab. "Eine himmlische Vorstellung, kann ich Ihnen sagen. Man wird mich wieder für das schätzen, was ich bin: ein nicht zu übertreffender Chirurg, dessen Hände nicht fähig sind, zu zittern, ein ausgezeichneter Diagnostiker mit dem Wissen von Tausenden von Ärzten aller Rassen..."

"Ich kann Ihnen folgen", unterbrach ihn B'Elanna hastig. "Na ja, ich denke, wir haben alle gewisse Wunschvorstellungen drüben im anderen Quadranten liegen."

Der Doktor warf ihr einen mißtrauischen Blick zu, rümpfte die Nase und hob dann triumphierend die Augenbrauen.

"Ah, hier haben wir es!" Er beugte sich noch tiefer über das kleine Gerät auf dem Diagnosetisch. "Und da mag einer behaupten, es gäbe keine erstaunlichen, wundersamen Entdeckungen im 24.Jahrhundert mehr zu machen." Torres spähte ungeduldig über seine Schulter, bis er sich endlich bequemte, zur Seite zu treten. Wie ein Habicht starrte sie auf das kleine leuchtende Anzeigenfeld hinunter.

"Bei Kahless!" flüsterte sie und blinkerte mit den Wimpern, traute für einen kurzen Moment weder ihren Augen noch der Unfehlbarkeit des neuentwickelten Gerätes. "Sie hatten recht."

"Selbstverständlich hatte ich recht." Der Doktor zuckte die Achseln, erstaunt, daß sie den Ausgang seiner Hypothese überhaupt in Frage gestellt hatte. "Wie ich es geahnt habe: Irgendwie hat es dieser organische Virus geschafft, Verbindung zu den Kristallen aufzunehmen und eine enzymatische Wechselwirkung auszulösen, die die Kristalle veranlaßt, ihren natürlichen, alternden Zerfallsprozeß früher und schneller als erwartet zu beginnen."

"Enzymatisch", murmelte B'Elanna, ohne die Augen vom Display nehmen zu können. "Wie um alles in der Welt können Kristalle auf Enzyme ansprechen? Wie können sie auf diese Art stimuliert werden? Sie enthalten keinerlei Eiweißstrukturen, keine DNA, keine Substrate... Wo, bitte, soll ein derartiges Enzym denn ansetzen?"

"Sie stellen mir Fragen, die ich auch nicht beantworten kann, Lieutenant", entgegnete der Doktor gelassen. "Alles, was ich Ihnen sagte, können Sie hier selbst bestätigt sehen. Aber mir ist etwas anderes aufgefallen." Er schob sie unsanft beiseite, wobei er ihr leises, protestierendes Fluchen ignorierte, erweckte einen weiteren kleinen Monitor zum Leben und betätigte einige Tasten. Seine Mundwinkel kräuselten sich, als er nicht zu finden schien, was er suchte, er probierte eine andere Tastenfolge, wartete einen Augenblick und nickte dann ausdrücklich.

"Sehen Sie sich die Aminosäurensequenz unseres unbekannten Enzyms an", wies er Torres an, "und vergleichen Sie sie einmal mit derjenigen dieser älteren Probe. Fällt Ihnen nichts auf?"

Die Chefingenieurin ließ ihre Augen zwischen beiden erleuchteten Displays hin und her wandern, murmelte einige Buchstaben vor sich hin, wiederholte sie, starrte. Ihr Blick wurde immer ungläubiger.

"Ähnlichkeiten in der Sequenz", flüsterte sie verwirrt. "Die Abfolge der dazugehörigen Gene unterscheidet sich nur im Bereich weniger Basen. Glauben Sie, daß diese Enzyme vom selben Organismus produziert worden sind?"

"Eine naheliegende Möglichkeit", gab der Doktor zu.

"Aber wie kommt die Aminosäurensequenz eines Enzyms, das diesem unbekannten hier so ähnlich ist, in die Datenbank der Voyager?" forschte Torres nach. Der Doktor hob rasch die Hand, um sie zu unterbrechen, und rief einige weitere Daten auf. Buchstabenkolonnen rollten über den kleinen Monitor, der immer noch die zweite Enzymanalyse anzeigte. B'Elannas Augen weiteten sich entsetzt.

"Die Phagozytenseuche der Vidiianer", sagte sie tonlos.

Der Doktor nickte. "Ich fürchte ja."

 

Lieutenant Paris klammerte sich mit der einen Hand an der Steuerkonsole fest, während die andere wie ein blindes Irrlicht über die Tastatur wirbelte. Bei jedem Treffer, den die Phaser der Kazon auf den Schilden der Voyager landeten, bebte die Brücke ein wenig stärker. Paris stieß einen leisen, farbenfrohen Fluch aus und kämpfte darum, in seinem Sessel zu bleiben. Hinter ihm stöhnte Fiona McPherson auf, als sie für einen Augenblick den Halt verlor und zu Boden geschleudert wurde. Selber schuld, dachte er mitleidlos. Sie waren es, die mich überhaupt auf diesen Gedanken gebracht haben. Er gab die Sequenzen für ein weiteres Ausweichmanöver ein und blinzelte, als sich die Lage auf dem großen Hauptsichtschirm rapide veränderte. Nach einer großen, unförmigen Schleife glitt das große Föderationsschiff nun direkt zwischen die beiden angreifenden Raumschiffe der Kazon.

Hinter ihm zog Fähnrich Harry Kim scharf die Luft ein. "Wir sind jetzt genau in ihrer Schußlinie, Sir", bestätigte er unsicher. "Die Kazon richten ihre Phaser auf unsere neue Position." Er schluckte zweimal. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie uns auf diese Entfernung verfehlen können."

Paris lächelte instinktiv. Wie ernst es auch wurde, der junge Fähnrich war immer bemüht, sich seine Angst oder Unsicherheit unter keinem Umständen anmerken zu lassen. Insgeheim bewunderte er Kim für diese Begabung. Wenn es wirklich hart auf hart ging, hatte sogar Tom Paris schon des öfteren Nerven gezeigt.

"Keine Sorge, Harry, genau damit rechne ich." Er wandte für eine Sekunde den Kopf nach hinten. "Garrett, erinnern Sie sich noch an das Manöver, mit dem Mr. Tuvok die Vidiianer bei unserem letzten Treffen auf der Strecke ließ?"

Der junge Mann erwiderte sein Grinsen nervös und eifrig zugleich.

"Jawohl, Sir."

"Hervorragend. Bereiten Sie einen Container Antimaterie vor und warten Sie auf mein Kommando, ihn direkt hinter uns abzuwerfen. Machen Sie zwei Photonentorpedos klar, die den Container drei Sekunden nach Abwurf zum Detonieren bringen."

"Aber Sir", wandte Garrett ein, "die Impulskraft des Antriebs wird alleine nicht ausreichen, um uns ausreichend schnell aus dem Gefahrenbereich der Detonation herauszubringen. Bei einer Zeitspanne von nur drei Sekunden müßten wir mindestens auf..."

"...Warp 1 gehen, um das Schiff und die Crew nicht in Gefahr zu bringen, zerfetzt zu werden?" vollendete Paris den Satz, als ein erneuter, heftigerer Schlag die Voyager erschütterte. "Ich stimme Ihnen zu, Mr. Garrett. Paris an Krankenstation!"

"Was gibt es, Mr. Paris?" Irrte er sich oder klang die Stimme des Doktors euphorisch? Paris runzelte die Stirn.

"Ist Miss Torres vielleicht bei Ihnen?"

"Woher wissen Sie, daß ich hier bin?" schaltete sich B'Elanna prompt ein.

Paris zuckte die Achseln. "Ich bin einfach gut im Raten. B'Elanna..."

"Der Doktor und ich haben eine Möglichkeit gefunden, den ursprünglichen Zustand der Dilithiumkristalle wiederherzustellen", unterbrach ihn die ehemalige Maquis enthusiastisch.

Paris fackelte nicht lange. Für Überraschung war später noch Zeit.

"Wie lange?"

"Eine Möglichkeit, Paris! Wir haben noch nicht einmal mit dem Experiment begon..."

"Dann lassen Sie jetzt alles stehen und liegen und machen sich auf den Weg zum Maschinenraum! Aktivieren Sie den Warpantrieb wieder und machen Sie alles bereit für einen kontrollierten Sprung auf Warp 1. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie soweit sind."

"Aber", setzte B'Elanna konsterniert an, "ich dachte, die Präsentation war deutlich genug. Sobald der Warpantrieb eingeschaltet wird, werden mit hundertprozentiger Sicherheit die Schilde auf Null sinken."

"Wir haben keine Zeit für Diskussionen", schnitt er ihr das Wort ab. "Paris Ende."

Zwei gleißende Energiestrahlen durchschnitten das schwarze All, kreuzten sich auf dem Bildschirm und donnerten stumm gegen die Schilde, die für einen Augenblick funkelnd knisterten und flackerten.

"Schilde sind runter auf 67 Prozent", meldete Garrett an der taktischen Konsole.

"Sie werden weiter fallen", kommentierte Paris seelenruhig und hielt sich demonstrativ mit beiden Händen an der Konsole fest. Er konnte es sich auf keinen Fall leisten, bei diesem Angriff verletzt zu werden. "Wir bleiben auf dieser Position."

"Wir bieten ihnen die schönste Zielscheibe, die sie sich nur wünschen können", murmelte Kim hinter ihm. "Ich nehme an, der Maje dort drüben lacht sich über uns kaputt."

Paris grinste schief. "Lassen Sie ihn lachen, Harry. Er wird nicht mehr viel Zeit dafür haben." Wieder bebte das Deck, wieder kam die Nachricht von kleineren Verletzungen überall auf dem ganzen Schiff. Paris zuckte mit keiner Wimper. Er konnte sich nicht mit derartigen Dingen belasten, wenn das Schicksal des ganzen Schiffes plus dem des Außenteams auf dem Spiel stand. Er schwitzte und fuhr sich nachlässig mit der Hand über die Stirn. Erst jetzt glaubte er, zu verstehen, unter welchem Druck Captain Janeway die vergangenen zwei Jahre über hatte stehen müssen.

"Torres an Brücke", meldete sich sein Kommunikator. "Ich stehe jetzt bereit, auf Ihr Kommando hin den Warpantrieb zu aktivieren. Würden Sie mir endlich verraten, Paris, was da in Ihrem Kopf vor sich geht?"

"Wir werden Tuvoks taktisches Manöver der letzten Woche wiederholen, es hat mir einfach zu gut gefallen", witzelte der junge Lieutenant ernsthaft. "Auf meinen Befehl hin wird Lieutenant Garrett einen Container Antimaterie abwerfen, der drei Sekunden später mit zwei Photonentorpedos detoniert wird. Sobald die Torpedos Schiff verlassen haben, werden wir mit einem Kaltstart auf Warp 1 gehen und abhauen, um uns das Feuerwerk aus der Entfernung zu betrachten."

"Sie sind sich darüber im Klaren, daß wir das Feuerwerk von der ersten Reihe aus erleben können, wenn das Schiff nicht schnell genug auf Warp 1 beschleunigt? Ohne die Schutzschilde würde nach der Explosion von der Voyager nicht einmal genug übrigbleiben, um eine winzige Urne damit zu füllen." Torres Stimme hatte einen kämpferischen Unterton angenommen. Sie hatten zwei Möglichkeiten, ihre und Paris', und ihre dauerte einfach entschieden zu lange. Wenn sie nicht bald handelten und die Schiffe der Kazon kampfunfähig machten, würden Janeway und das Außenteam noch länger in der Bergwerksregion abwarten müssen, die für den Augenblick jedoch nicht mehr unter Beschuß lag. Die Kazon fanden die Voyager wohl interessanter. Dennoch mochte sich Torres nicht vorstellen, wie es dort unten auf der Oberfläche aussah. Wenn jemand verletzt worden war...

"Reizend von Ihnen, mich daran zu erinnern", antwortete Paris betont heiter. "Wenn Sie nachher so akkurat mit Ihren Berechnungen sind wie mit Ihrer düsteren Prophezeiung, kann ja alles nur noch klappen." Er ließ den Komkanal geöffnet und verschaffte sich einen raschen Überblick über die Lage. Die Kazonschiffe hatten ihr Feuer vom Planeten abgezogen und auf die Voyager gelenkt, für den Augenblick war dem Außenteam demnach eine Atempause vergönnt. Dennoch, es beunruhigte ihn, daß die Mitglieder des Teams über das Kommunikationssystem nicht erreicht werden konnten. Und er hatte schlicht und einfach nicht die Zeit, sich im Hauptquartier der Talaremer nach ihnen zu erkundigen.

Das Energiefeuer der Kazon wurde stärker, vermutlich verloren die Krieger dort drüben die Geduld mit dem Föderationsschiff, das sich einfach zwischen sie geschoben hatte, ihr Feuer nicht erwiderte und seine Position nur so weit veränderte, daß es sich ihren Manövern anpaßte und immer noch zwischen ihnen im Raum hing.

"Feuern Sie einen Phaserschuß über ihren Bug", ordnete Paris ärgerlich an. "Die Herrschaften fangen an, mir auf die Nerven zu gehen. Harry, schon irgendwelche Lebenszeichen des Außenteams?"

Der Asiate arbeitete fieberhaft. "Ich kann bisher nur die Signale der Kommunikatoren von Lieutenant Tuvok, Houston und Scanra orten", gab er zurück. "Sie befinden sich anscheinend alle im Hauptquartier der Talaremer."

"Der Captain?" fragte Paris hoffnungsvoll. "Chakotay? Brixton?"

Kim schüttelte mißmutig den Kopf.

"Bisher noch nichts, Sir. Der Beschuß der Bergwerke scheint allerdings in hohem Maße Energie in die Umgebung abgegeben zu haben. Daher sind Interferenzen denkbar möglich."

"Klopfen Sie auf Holz, Harry." Paris wandte sich wieder nach vorne und konzentrierte sich darauf, einen geeigneten Kurs von der Stelle der Detonation weg zu programmieren. "Garrett, alles klar? Paris an Torres, koordinieren Sie den Warpantrieb mit dem Abschuß der Torpedos. Okay, dann auf mein Kommando..."

"Wir bekommen eine Nachricht herein, Sir", unterbrach ihn Harry Kim eilig. Es sind Repräsentant Khladin und Lieutenant Tuvok."

"Prächtiges Zeitgefühl, Vulkanier", murmelte Paris sarkastisch. "Öffnen Sie einen Kanal, Harry. Auf den Bildschirm."

Das Bild der beiden Kazonschiffe wackelte und verschwand, wurde ersetzt durch das helle, aufgeregte Gesicht Khladins und das dunkle, stoisch ruhige des Vulkaniers. Im selben Augenblick wurde das Schiff von einer weiteren Salve getroffen. Paris hielt sich diesmal nur mühsam in seinem Sessel.

"Wie ich sehe, müssen wir Sie nicht mehr vor einem wahrscheinlichen Zusammenstoß mit den Kazon warnen", stellte Khladin überraschend logisch fest. "Es gibt allerdings noch ein weiteres Problem."

"Eines? Mir kommen gleich mehrere in den Kopf. Ich nehme an, Ihnen sind der Captain, Chakotay und Brixton abhanden gekommen, da wir sie als einzige nicht aufspüren können. Mich würde aber auch interessieren, weshalb überhaupt diese kleinen roten Krieger auf Ihren Planeten feuern und weshalb um alles in der Welt Sie nicht das Geringste dagegen unternehmen."

Khladin reagierte auf die Provokation nicht, nur Tuvok wölbte mißbilligend eine schwarze, dichte Augenbraue.

"Der Captain und der Rest des Außenteams befinden sich in der Region der Minen, mit aller Wahrscheinlichkeit an der westlichen Küste, wohin sie nach Beginn des Beschusses geflüchtet sind. Captain Janeway und Chakotay sind beide verletzt und bedürfen medizinischer Betreuung."

"Die sie erhalten werden, sobald wir diese beiden Schiffe losgeworden sind und der Transporterraum Koordinaten erhalten hat", unterbrach ihn Paris eilig. "Sie haben es geschafft, unseren Countdown zu unterbrechen, Tuvok, ich schlage also vor, Sie unterbrechen jetzt zur Abwechslung diese Verbindung und lassen mich meinen Job tun."

Das wird vermutlich ein Nachspiel haben, dachte er, während der Bildschirm wieder schwarz wurde und dann erneut die Kampfsituation oberhalb des Planeten zeigte. Insubordination gegenüber einem Vulkanier - oh, das wird angenehm. Dennoch, Captain Janeway gab mir das Kommando und hat es mir bis jetzt noch nicht entzogen. Das dürfte eine interessante Konfrontation werden. Er konnte sich nicht helfen, das Gefühl, Tuvok einmal über den Mund gefahren zu sein, hob seine Laune gleich spürbar. Er lächelte sogar. Das Lächeln verblaßte, als ihn eine weitere Erschütterung tatsächlich aus dem Sessel beförderte. Er spürte das bekannte dumpfe Stechen einer beginnenden Prellung und zog sich mühsam wieder hoch.

"Paris an Torres", bellte er. "Wir sind alle bereit hier oben. Mr. Garrett, werfen Sie die Antimaterie ab - jetzt!!"

Für den Bruchteil einer Sekunde schloß er die Augen und klammerte sich mit den Händen an seinem Sessel fest. Herzlichen Dank, Captain, daß ich diese Erfahrung auch einmal machen durfte! Wenn Sie mir jetzt nur noch sagen könnten, wo Sie stecken - und ob dieser Plan hier nicht eine gehörige Dummheit war?

Aber er erhielt keine Anwort. Drei Sekunden später zerriß eine gleißende, tonlose Explosion die nachtschwarze Dunkelheit des Alls.

 

Der Boden unter ihren Füßen schaukelte auf und nieder. Kathryn Janeway hielt sich mit einer Hand an der Kajütenwand fest, während sie sich langsam neben Chakotay niederließ. Die Kajüte war klein, kaum sechs Quadratmeter groß, und vollständig leer. Keine Stühle, keine Betten, keine Schränke, nichts. Weiß der Himmel, wozu man dieses Schiff einmal benutzt hat, dachte sie. Wobei es meiner Meinung nach die Bezeichnung Schiff nur in der Hinsicht verdient, daß wir bis jetzt noch nicht untergegangen sind. Innerlich lachte sie höhnisch. Das war auch das Einzige, was in den vergangenen Stunden gut gegangen war.

War es Vorsehung gewesen, daß es ausgerechnet Brixton gewesen war, die sich bereit erklärt hatte, die ungewisse Wanderung zum Strand auf sich zu nehmen? In ihrer Erschöpfung erschien es Janeway beinahe so. Die junge Frau war es gewesen, die das Schiff entdeckt hatte, die herausfand, wie es am leichtesten ins Wasser zu schieben war, die sich eine Viertelstunde mit dem Motor bekannt machte und verkündete, sie könne ihn sowohl in Gang bringen als auch am Laufen halten. Die Scheinwerfer wurden entdeckt und angeknipst, der Motor gestartet, und Brixton war nun gerade dabei, an Deck das System der Ortungsgeräte zu verstehen. Mittlerweile hatte sich eine dunkle, kalte Nacht über das Meer gesenkt, und so tuckerten sie in völliger Dunkelheit die schwarze Küste entlang, hielten sich dabei immer so nah wie möglich an den Bergen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Außerdem dem leisen Rattern des Motors und dem Gluckern der Wellen am Rumpf des Schiffes herrschte Stille.

"Sie sehen müde aus, Captain." Sie zuckte zusammen und legte den Kopf in den Nacken, drehte sich halb um. Chakotay, zugedeckt mit ihrer Schutzjacke und auch ihrer Uniformjacke, hatte sich ein Stück auf den Ellenbogen hochgezogen, ein gezwungenes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Sie erkannte erschreckend, wie bleich seine bronzefarbene Haut geworden war. Captain. Es gab ihr einen Stich, daß er sie so nannte.

"Ich habe keine Zeit, müde zu sein." Unwillkürlich zitterte sie, schlang ihre nackten Arme um ihren Oberkörper und umarmte sich selbst. "Ich werde kein Auge zutun, bis ich Sie wohlbehalten auf der Krankenstation weiß."

"Natürlich nicht. Sonst wärest du nicht Kathryn Janeway." Er betrachtete die Jacken, die sie über ihm aufgetürmt hatte. "Du weißt, daß ich nie von dir verlangt habe, dich für mich auszuziehen."

Statt einer Antwort schwieg sie, sah hinaus durch das ovale kleine Fenster in die schwarze Finsternis. Nicht einmal die Berge waren zu sehen, dennoch wußte sie, daß sie dort draußen waren und sie von dem rettenden Landesinneren abschnitten. Jetzt, wo sie nichts mehr tun konnte, wo die Zeit vorbei war, in der sie bis zum Umfallen kämpfen und schuften konnte, wo sie dazu verdammt war, tatenlos in der Ecke zu sitzen und zuzusehen, wie ihr Schicksal alles weitere in die Hand nahm, spürte sie, wie alle Energie aus ihrem angespannten Körper wich. Zurück blieb graue, bleierne Müdigkeit.

"Hey!" Seine Stimme schnurrte wie die eines zufriedenen Kätzchens. "Es tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Sieh mich an!"

Widerwillig verließen ihre Augen das Fenster, das ihr nichts anderes als Hoffnungslosigkeit zeigte, und wandten sich ihm zu. Seine ruhige Stimme stand in starkem Kontrast zu den Schmerzen, die seit Gesicht in immer kürzeren Abständen verzerrten. Seine Augenlidern flatterten und seine kräftigen, breiten Hände krallten sich in ihrer Jacke fest.

"Streng dich nicht an." Sie rutschte auf den Knien noch näher an ihn heran und legte beruhigend eine schmale Hand auf seine Brust. "Du darfst deine Kraft nicht so vergeuden. Niemand kann wissen, wie lange es noch dauert, bis sie uns finden. Ich weiß nicht, wie lange du noch durchhalten mußt."

"Aber darum geht es doch gar nicht." Er rang mühsam nach Luft, als die Schmerzen für einen Augenblick verklangen. In seinen dunklen Augen lag etwas Drängendes. Ihre Blicke kreuzten sich und er hielt ihren fest, zwang sie, ihm gegenüberzutreten, schnitt ihr jeden Fluchtweg ab. Sie starrte ihn an, spürte verzweifelt, wie jeder Widerstand in ihr in sich zusammenfiel. Sie streckte ihr Kinn in einer letzten, hilflosen, trotzigen Bewegung.

"Ich weiß es doch", flüsterte sie.

 

Durch das halbgeöffnete Fenster drangen die Geräusche der Nacht zu ihr herein. Sie rollte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme unter dem Kissen im Nacken. Trotz der leichten Decke schwitzte sie plötzlich und schob sie impulsiv mit beiden Beinen am Bettende zu einem dicken Ballen zusammen. Dennoch verschwand die Unruhe, die sie ergriffen hatte, nicht. Rastlos warf sie sich von einer Seite auf die andere, doch es half nichts, sie wurde nicht ruhiger und an Schlaf war in diesem Zustand mit Sicherheit nicht zu denken.

Nach einer Weile gab sie auf, setzte sich hoch und schwang die Beine über die Bettkante. Während sie das Kinn in die Hände stützte und durch die vom Wind bewegte Gardine hinaus auf die dunkle Lichtung blickte, kehrten ihre Gedanken unweigerlich zu den Ereignissen des vergangenen Abends zurück. Noch immer vermeinte sie, Chakotays kräftige Hände an ihren Schultern und im Nacken zu spüren, die ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen, die sie innerlich entspannten und gleichzeitig aufwühlten. Noch nie zuvor hatte sie sich ihm so nahe gefühlt...

Und genau das war es, was sie so beschäftigte, was ihr Bewußtsein einfach nicht loslassen und einschlafen lassen konnte. Seit ihrer Ankunft hatte sie versucht, dieses Problem zu ignorieren, doch sie hatte von Beginn an gewußt, daß es sich ihr irgendwann aufdrängen würde. Sie hatte geahnt, daß sie aufgrund ihrer Situation nicht ewig auf Abstand würden bleiben können. Und doch hatte sie es verdrängt, hatte sich bemüht, die Kommandostruktur ab- und ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Hatte sich eingeredet, daß doch alles so bleiben konnte wie es war, hatte jegliche anderen Gedanken bereits im Keim erstickt. Chakotay allerdings schien sich offensichtlich nicht damit zufrieden zu geben.

Wage nicht zu denken, daß du das etwa vorhast, muckte eine kleine, feine Stimme herausfordernd auf. Hör doch endlich auf, dir etwas vorzuspielen. Ist dieses verzweifelte Bemühen, ihn auf Armeslänge von dir fernzuhalten, nicht einfach nur Angst vor dem Unvermeidlichen? Nichts ist unvermeidlich, entgegnete sie stur. Ich lasse mein Leben nun mal nicht gerne von Schicksal oder was auch immer bestimmen. Du bist halsstarrig. Kannst du dir nicht einfach zugeben, daß dir seine Berührungen gefallen haben? Doch, das kann ich. Aber weshalb muß diese Massage der Beginn einer viel größeren Sache sein? Wäre dir ein anderer Beginn lieber? Nein! Ja... du bringst mich vollkommen durcheinander. Kann man sich nicht einfach gut verstehen, ohne daß das Ganze auf einer sexuellen Ebene enden muß? Er hat nichts von einer sexuellen Ebene gesagt. Er hat gar nichts gesagt. Trotzdem weiß ich, was er denkt. Weil du genau das Gleiche denkst. Das ist eine Unterstellung. Beweis mir das Gegenteil!

"Das ist doch lächerlich", sagte sie laut und schwieg dann erschrocken vom Klang ihrer Stimme, bewußt, daß Chakotay im Nebenzimmer saß. Allein der Gedanke an ihn brachte sie schon durcheinander. Na schön, sie konnte nicht abstreiten, daß es da Gefühle in ihr gab, Gefühle, die sich seit Wochen in ihr regten und von Tag zu Tag stärker wurden. Sie hatte jedoch gelernt, sie zu kontrollieren, und wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht ernsthaft damit gerechnet, daß sie so schnell vor eine Entscheidung gestellt werden könnte. Niemand hat von dir eine Entscheidung verlangt, flüsterte die Stimme. Ich kann die Angelegenheit aber nicht ewig vor mit herschieben, widersprach sie. Wer hat mir gerade eingeredet, daß ich mich meinen Gefühlen nicht stelle? Schön, wenn es darauf hinausläuft, bleibt mir wohl keine andere Wahl.

Entschlossen stand sie auf, verharrte einen Augenblick an der Tür und betrat dann zielbewußt das anliegende Zimmer.

Chakotay legte den Kopf schief und betrachtete sein Bild unter halbgeschlossenen Lidern hervor sorgfältig. Er hatte so lange nicht mehr mit Farben und Formen gearbeitet, daß er befürchtet hatte, die Magie des Malens könnte über die vielen Jahre, in denen er sich nur physisch ausgetobt hatte, verloren gegangen sein. Ganz behutsam hatte er sich der neuen Aufgabe gestellt, hatte sich viel Zeit damit gelassen, die Sprache der Farben neu zu lernen, die beruhigenden, fließenden Formen der Muster ganz zwanglos auf sich wirken zu lassen, bis es ihm wieder gelang, aus den Bildern die wohlbekannte Kraft zu schöpfen. Dann erst hatte er begonnen, ein wenig Konzentration einzusetzen, um das Zusammenspiel von Mustern und Farben seinen Gefühlen und seiner Stimmung anzupassen.

An diesem Abend jedoch fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren, sich in dem Meer von Farben zu verlieren und ganz allmählich, nach langem Nachdenken hier und da Akzente zu setzen. Sein Herz trommelte in seinem Brustkorb, dröhnte fast in seinen Ohren und er verspürte ein unangenehmes Kribbeln in den Händen. Noch immer glaubte er, ihre schmalen Schultern unter seinen Fingern zu spüren, der weiche Stoff, der sich an seine Handflächen schmiegte, die beruhigende Gewißheit zu spüren, endlich, nach all den Wochen, Kontakt geknüpft zu haben.

Er hielt im Malen inne und kratzte sich nachdenklich das Kinn. Es hatte so einfach geschienen, einfach aufzustehen, hinüber zu gehen und sie zu berühren - noch dazu auf die wohl konventionellste Art der Welt. Dennoch, der Blick, den sie im später zugeworfen hatte, hatte unmißverständlich ausgedrückt, daß sie sehr wohl wußte, daß in ihrer Situation nichts konventionell war, sondern alles neu und unbekannt und vor allem unerwartet. Er fühlte sich wie ein junges Tier, das man in fremdes Terrain gesetzt hatte und das sich nun mit allen Sinnen mit dieser neuen Welt bekannt machen mußte. In einer Captain-Erster Offizier-Beziehung war jedoch diese Art von Bekanntmachung nicht vorgesehen, und es fiel ihm schwer, aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit seine Emotionen zu akzeptieren und sich selbst davon zu überzeugen, daß sie es gewesen war, die am ersten Tag ihres Kolonialdaseins darauf bestanden hatte, die Kommandostruktur zwischen ihnen zu begraben.

"Chakotay, ich finde, Sie sollten mich Kathryn nennen."

"Geben Sie mir ein paar Tage Zeit dafür, okay?"

Ein Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Sie musterte ihn einen Augenblick und setzte sich dann ihm gegenüber.

"Ich denke, wir sollten einige Parameter aufstellen - uns betreffend."

"Ich weiß nicht, ob ich Parameter aufstellen kann. Aber ich kann Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine alte Legende meines Stammes..."

Während er sprach und ihre Augen nicht von seinem Gesicht wichen, wurde es mit einem Mal so leicht, all das zu sagen, was er ihr schon so lange, seit ihren ersten gemeinsamen Monaten an Bord der Voyager, sagen wollte - daß sie Ordnung und Frieden und Zufriedenheit in sein Leben gebracht hatte, wo er es selbst nie soweit gebracht hatte. Daß er sich ohne sie unvollständig fühlte. Daß er sich noch niemals zuvor so frei und ungebunden empfunden hatte wie hier in ihrer kleinen, paradiesischen Isolation.

Daß sie ihm mehr bedeutete, als er ihr jemals würde zugestehen können.

"Ist das wirklich eine uralte Legende?"

"Nein. Aber so war es leichter, es auszusprechen."

Sie hatte Tränen in den Augen, eine davon floß ihre Wange hinunter. Sie streckte die Hand aus, und er legte seine Utensilien beiseite und griff danach. Ganz bewußt umschlangen sich ihre Finger, und obwohl sie schwieg, wußte sie beide, daß von nun an mehr nichts mehr so sein würde, wie es zuvor gewesen war.

Mehrere Tage später, als sie glücklich inmitten ihrer Pflänzchen lag und er mit einem Gefühl von Abenteuerlust seinen ersten Konstruktionsplan für einen Kahn erstellt hatte, als die kühle, gefühllose Stimme des Vulkaniers die entspannte Nachmittagsstimmung störte, als er ihnen mit wenig Worten mitteilte, daß bald alles wieder so sein würde, wie es zuvor gewesen war, war in Kathryn und Chakotay stumm etwas zerbrochen.

 

"Ich habe es einfach nicht wahrhaben wollen. Alles ging so schnell, es blieb überhaupt keine Gelegenheit mehr, einen rationalen Gedanken zu fassen, Gefühle in Worte zu kleiden. Ich konnte immer nur denken: Es ist vorbei. Es ist vorbei, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Am Ende jedes Gedanken stand die Realität des Alltags, in dem für eine Beziehung kein Platz war...oder sein durfte...Als wir nebeneinander vor unserem Haus standen, in den ungewohnten Uniformen nach all der Zeit, warst du mit einem Mal so unerreichbar geworden." Kathryn Janeway schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals an.

Während sie sich gemeinsam an ihre Zeit in der Abgeschiedenheit der Kolonie erinnerten, hatten Chakotays klamme Finger ihre zitternden Hände gefunden, und wie damals verhakten sich ihre Finger, trotzten dem Schicksal, das unvermutet eine so andere Wendung genommen hatte. Sie war noch näher an ihn heran gerutscht, bis sein Kopf schließlich auf ihren feuchten, kalten Knien lag. Hin und wieder, wenn ihn der Schmerz überkam, hob er den Kopf und preßte das Kinn gegen die Brust, während sich der Griff um ihr Handgelenk verstärkte. Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit sie das Schiff betreten hatten, sie machte sich jedoch nichts vor. Trotz all der Energie, die er aufwandte, um den Schmerz in seinem Körper zu bekämpfen, um bei Bewußtsein zu bleiben, um mit ihr sprechen zu können, wurde er schwächer. Natürlich war er weit davon entfernt, es auch nur zuzugeben.

"Als wir das erste Mal wieder auf der Brücke saßen und du deine Befehle gabst, während wir beide vermieden haben, uns auch nur anzusehen, gab es nichts, was mich auf dem Schiff gehalten hätte, hätte man mir die Wahl gelassen, wieder nach New Earth zurückzukehren", bekannte Chakotay. "Ich fühlte mich so leer in der grauen, sterilen Umgebung, ich konnte mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ich fast zwei Jahre auf diesem Schiff hatte leben können." Er versuchte ein gezwungenes Lächeln. "Nach der ersten schlaflosen Nacht wußte ich jedoch, daß wir darüber sprechen mußten, um damit fertig zu werden. Um diesen plötzlichen Orts- und Lebenswechsel mit Anstand zu verkraften."

Kathryns schlanke Finger krallten sich in seinem dunklen Haarschopf fest.

"Ich weiß, und ich konnte der Situation noch überhaupt nicht ins Gesicht sehen. Deswegen bin ich dir tagelang ausgewichen, wo ich nur konnte. Ich bin der Captain, die Crew hat von mir erwartet, daß ich wieder meine angestammte Führungsposition übernehme, und es hat mich solche Mühe gekostet, wieder in den gewohnten Trott zu verfallen, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir angesichts unseres Koloniallebens so unwichtig erschienen, da erschien es am einfachsten, alles andere zu verdrängen, was mich noch mehr Kraft kosten würde."

Einige Minuten lang senkte sich Schweigen über die Kajüte. Immer noch schlugen Wellen gegen den Rumpf, immer noch hob sich der Boden unter ihren Füßen, doch mit einem Mal schien alles nebensächlich. Zum ersten Mal seit Tagen waren sich beide wieder ganz der Nähe des anderen bewußt, und weder Kathryn noch Chakotay waren bereit, diese Nähe jetzt aufzugeben. Endlich war sie es, die das Schweigen brach.

"Was soll jetzt werden, Chakotay?"

Er lauschte dem Klang ihre Stimme nach, der sich im Dunkel über ihnen an der Decke verlor. Mit einem Mal war die innere Ruhe der Monate zuvor wieder greifbar nahe, und er wurde gewahr, daß er sich selbst die ganze Zeit über getäuscht hatte, daß dieser Frieden immer nur indirekt mit New Earth und ganz besonders mit Kathryn zusammengehangen hatte. Ihm war, als würde er aus einem dunklen Loch hinauf in den taghellen Sommerhimmel blicken. Er wußte jetzt, daß er sich ein Leben ohne die erholsame, friedliche Umgebung der Kolonie auf dem grünen Planeten vorstellen konnte, solange es in diesem Leben einen Platz für jemand andern gab...

"Ich möchte das Besondere, das zwischen uns existiert, nicht verlieren", sagte er langsam. "Es ist zu kostbar, um es einfach der Vergangenheit zuzuschreiben."

"Ich mußte in den vergangenen Monaten ständig an Mark denken", sagte sie übergangslos. "Es gibt so vieles, was sich nicht abschalten läßt, Chakotay."

Er mußte nur an Seska denken, um zu begreifen, was sie meinte.

"Es wird nicht mehr so sein wie auf New Earth", gab er ihr zu bedenken. "Dieser Zauber haftet nur an diesem Ort. Aber wenn wir ein wenig warten, kann aus unseren Gefühlen vielleicht etwas Neues entstehen, etwas anderes, das aber nicht unbedingt schlechter sein muß."

Zum ersten Mal seit Tagen konnte sich ihr Brustkorb wieder dehnen, ohne daß sie glaubte, beklemmende Gewichte auf der Brust zu spüren. Sie holte tief Luft.

"Du bist ein Teil von mir, Chakotay", gab sie unumwunden zu. "Das wird sich nie ändern. Es wäre nur falsch, denke ich, wenn wir jetzt etwas überstürzen würden."

"Der Plasmasturm, weißt du noch?" fragte er. "Als wir unter dem Tisch kauerten und rings um uns herum deine Arbeitsgeräte vom Tisch gefegt wurden? Das war auch eine Art Wasserscheide damals, ein Wendepunkt der Zeiten. Du hattest damals zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder das Geschehene akzeptieren. Wir stehen jetzt beide wieder an einer Wasserscheide, an einer viel größeren, und auch hier haben wir zwei Möglichkeiten. Es bleibt uns überlassen, für welche wir uns entscheiden."

Ihre Finger fuhren nachdenklich die dünnen, schwarzen Konturen der Zeichnung über seiner linken Schläfe nach. Mit einem Mal war sie innerlich ganz ruhig und gelassen.

"Ich entscheide mich für die Zeit", sagte Kathryn. "Für Zeit, in der wir unsere Gefühle neu entdecken können, in der wir entscheiden können, wie wir die neuen Facetten, die wir auf New Earth gewonnen haben, in unser Leben an Bord integrieren können." Sie hob langsam den Kopf. "Unser Leben auf New Earth war wie ein lebendiger Traum", murmelte sie leise. "Wir müssen sehen, was davon noch übrig bleibt, jetzt, wo wir gezwungen wurden, wieder aufzuwachen."

Chakotay wandte den Kopf, so daß er sie ansehen konnte. Ihre hellen Augen glänzten verdächtig, doch sie lächelte. "Denkst du, das ist fürs erste annehmbar?"

"Nimm so viele Stunden, Monate und Sekunden, wie du brauchst", preßte er heraus. "Und solltest du einmal einen Gefährten auf deiner Reise in die Welt der Facetten suchen - ich habe meine zivile Kleidung noch nicht fortgeräumt." Seine dunklen Augen waren ganz nah an ihrem Gesicht. "Es war der schönste und lebendigste Traum, den ich je erlebt habe", murmelte er. "Aber ich bin so müde, daß ich vielleicht doch noch nicht richtig wach geworden bin."

Sein Kopf sank auf ihre Knie zurück und seine Augenlider flatterten, bevor sie sich schlossen. "Nur ein wenig Zeit", flüsterte er. Ein kaum sichtbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er einschlief.

Der Druck um ihr Handgelenk lockerte sich jedoch nicht. Kathryn beugte sich vor und preßte ihre Wange an sein verschwitztes Gesicht. "Ich war noch nie gut darin, meine Empfindungen in Worten auszudrücken", murmelte sie ihm ins Ohr. "Vielleicht gelingt es mir irgend wann einmal, dir zu sagen, wieviel du mir bedeutest, Maquis."

"Captain?" Brixtons Stimme rauschte aus ihrem Kommunikator heraus. "Es ist mir gelungen, eine positive Ortung vorzunehmen. Der nächste Hafen befindet sich eine halbe Stunde die Küste entlang Richtung Osten. Bis dahin dürften wir die Minen hinter uns gelassen haben. Wenn wir recht hatten und die Störung der Kommunikation mit der freigewordenen Energieemissionen zusammenhing, müßten wir dann wieder Kontakt mit dem Schiff bekommen. Wie geht es dem Commander?"

Janeway setzte sich wieder auf und betrachtete den schlafenden Indianer liebevoll.

"Er schläft jetzt", antwortete sie und hoffte inständig, daß ihre Stimme nicht wackelte. "Vielleicht gelingt es ihm so, die nächste halbe Stunde über Kraft zu sparen."

"Ich sage Bescheid, sobald ich Kontakt zu Lieutenant Paris habe", versprach Brixton. "Hoffentlich halten sie dort oben nach uns Ausschau."

 

"Die wären wir los", bemerkte Tom Paris, als die Beleuchtung auf der Brücke wieder flackernd zum Leben erwachte. Er stieß pfeifend die Luft aus und überflog die Sensordaten, die Harry Kim auf die Steuerkonsole transferiert hatte. Die beiden Schiffe der Kazon trieben steuerlos außerhalb des Orbits. Paris hob erstaunt eine Augenbraue, er war davon ausgegangen, daß es die Schiffe auseinander reißen würde. Es hatte wohl den Anschein, daß Kazon-Kampfgleiter aus beständigeren Legierungen als so manche andere Schiffe gebaut waren. Um so besser, dachte er zufrieden, einmal Blutvergießen weniger. So habe ich wenigstens noch die Chance, den Herrschaften mitzuteilen, was ich von ihrer Art der Kommunikation halte.

Auf Harry Kims Gesicht verschwand die Anspannung nur ganz allmählich. Er strich sich eine lose schwarze Strähne aus der Stirn und wandte sich dann um, um die Terminals in seinem Rücken einer genauen Prüfung zu unterziehen.

"Schilde haben wieder versagt", berichtete Garrett von der taktischen Station aus. "Der Warpantrieb wird gerade desaktiviert, das bedeutet...ja, die Schilde haben wieder volle Energie."

"Schäden?"

"Aufgrund der schnellen Induktion wurde das Warpplasma in den Gondeln leicht überhitzt, aber Lieutenant Torres versichert, daß alles unter Kontrolle sei. Kleinere Schäden an den Trägheitsdämpfern, auch sie wurden bei dem plötzlichen Sprung auf Warp 1 überlastet. Abgesehen davon keine weiteren Meldungen."

"Ausgezeichnet. Paris an Torres, das hat ja fabelhaft geklappt. Was war das vorhin mit Ihrer Bemerkung über eine Lösung unseres Problems?"

"Ich denke, Sie sollten besser runter in den Maschinenraum kommen, Sir", erwiderte die Stimme der Chefingenieurin barsch. "Und falls Sie auf dem Weg dorthin zufällig an der Krankenstation vorbeikommen - der Doktor hat eine geeignete Medikation vorbereitet und ist außerdem gerne bereit, ein Lob aus ihrem Munde entgegen zu nehmen."

Paris wölbte fragend eine Augenbraue. "Habe ich Sie richtig verstanden, unser beliebtes Hologramm hat es übernommen, die kranken Dilithiumkristalle zu kurieren?"

"Es ist so unwahrscheinlich wie es sich anhört", entgegnete B'Elanna Torres trocken. "Ich weiß selbst noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Er selbst platzt natürlich beinahe vor Stolz. Wenn Sie sich ein wenig Zeit nehmen, ist er sicher bereit, Ihnen alles bis ins Detail zu schildern."

"Herzlichen Dank. Erwarten Sie mich in fünf Minuten im Maschinenraum. Paris Ende."

Er erhob sich. "Miss McPherson, Sie übernehmen die Steuerung, während ich im Maschinenraum bin. Harry, scannen Sie weiter nach dem Rest des Außenteams und bringen Sie Tuvok, Scanra und Houston zurück an Bord. Abgesehen davon könnte ich mir vorstellen, daß Khladin gern ein Wort mit den Kazon-Kriegern sprechen möchte."

Auf dem Weg zum Turbolift trat ihm Fiona McPherson entgegen. Er hielt sie im Vorbeigehen am Ärmel ihrer Uniformjacke fest.

"Nun?"

Sie schnitt eine Grimasse. "Okay, Sie haben bewiesen, daß mehr in Ihnen steckt, als Ihr chauvinistisches Auftreten vermuten läßt. Machen Sie jetzt bloß nicht den Fehler und verfallen Sie in ihre alte Fehler. Ich bin mir sicher, daß Lieutenant Torres dem Werben eines Helden nicht mehr die kalte Schulter zeigen kann."

Er blickte sie scharf an und war froh, daß sie beide sehr verhalten gesprochen hatten.

"Ich frage Sie nicht, woher Sie das wissen, McPherson, aber wenn Sie auch nur ein Wort davon weitergeben..."

Sie legte ihm die Hand auf den Arm und grinste verschwörerisch. "Meine Lippen sind versiegelt, solange niemand etwas davon erfährt, weshalb Sie glaubten, ich würde Sie so einfach unter mein Duschwasser lassen."

Eine allzu klare Erinnerung von heißem Dampf, unterdrücktem Gelächter und der Wärme ihres runden Körpers an seinem Rücken trat ihm vor Augen. Er zwinkerte und ließ sie dann los. "Ein guter Kuhhandel. Ich werde Sie daran erinnern, wenn es mir nötig erscheint." Mit diesen Worten wandte er sich ab und wartete vor dem Lift, bis sich das graue Schott leise zischend vor ihm öffnete. Mit einem frechen Lächeln auf den Lippen entführte ihn der Lift ins Innere des Schiffes.

 

"Und Sie sagen mir, daß B'Elanna damit einverstanden ist?" Tom Paris glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Der holographische Doktor warf ihm einen verständnislosen Blick zu.

"Gibt es einen Grund, warum sie es nicht sein sollte? Nach ihrer offensichtlichen Liebe zu allem, was mechanisch ist und diesem Schiff angehört, müßte sie doch enthusiastisch sein angesichts der Tatsache, daß ihre eigene DNA das wichtigste Organ des Schiffes retten wird." Seine Augen wurden nachdenklich. "Ob der Warpkern mit B'Elannas DNA-Komponente wohl genauso starrsinnig arbeiten wird wie Ihre junge Freundin?"

"Meine..." Paris beschloß, diese Bemerkung kommentarlos passieren zu lassen. "Sie reden vom Warpkern wie von einer angerissenen Milz, die geflickt werden muß. Wie um alles in der Welt soll B'Elannas DNA etwas gegen den Zerfall von Kristallen ausrichten."

Der Doktor seufzte und rollte die Augen gen Decke. "Daß es mir auch nicht erspart bleibt, alles dreimal zu erklären. Können Sie nicht einfach akzeptieren, daß meine Lösung die beste - und abgesehen davon auch die einzige - ist? Nein, natürlich können Sie das nicht." Er reckte sich ein wenig, sein Gesicht nahm den dozierenden Ausdruck eines Universitätsprofessors an. "Lieutenant Torres und ich haben herausgefunden, daß die Kristalle an einer verwandten Form der Phagozytenseuche der Vidiianer leiden."

"Bitte?" Paris riß die Augen auf. "Das kann doch unmöglich..."

"Ich würde nicht davon sprechen, wenn es unmöglich wäre", schnitt ihm der Doktor entrüstet das Wort ab. "Die Kristalle tragen einige organische Komponenten in sich, die von einem Virus befallen wurden, der demjenigen sehr ähnelt, der für das Leiden der Vidiianer verantwortlich ist. Wo er bei den Vidiianern Organe, Muskeln und Zellmembranen zersetzt, sorgt dieser hier dafür, daß unsere Kristalle frühzeitig 'altern'."

Er gab Paris einige Sekunden Zeit, bis die Nachricht komplett eingesunken war. Paris sah allerdings immer noch sehr zweifelnd aus. "Und wie gelang dieser Virus in unseren Warpkern?"

"Das ist nun wirklich nicht mein Problem", versetzte der Doktor ärgerlich. "Meine Aufgabe war es, ein Heilmittel zu finden, und das ist mir gelungen. Ich stellte eine Hypothese aufbauend auf das bewährte mögliche Heilmittel der Phagozytenseuche auf: B'Elannas DNA. Nach ihrer Entführung schienen die Vidiianer überzeugt davon, daß in ihrem Erbmaterial das Heilmittel codiert ist. Daher experimentierte ich mich mit einer Probe ihrer DNA an einem der kleinen Kristalle, die sie mir zur Verfügung gestellt hat. Das Ergebnis, so unvorstellbar es auch ist, zeigte sich äußerst positiv. Die Kristalle wuchsen zwar nicht mehr zu ihrer ursprünglichen Größe zurück, aber der Zerfall stoppte. Fragen Sie mich nicht, weshalb", sagte er hastig, als er sah, daß Paris den Mund öffnete. "Ich kann es selbst nicht erklären. Fakt ist, es hat funktioniert, und wird höchstwahrscheinlich mit all ihren Kristallen funktionieren."

"Unbegreiflich", murmelte Paris. "Es wäre äußerst interessant, herauszubekommen, wie dieser Virus oder was auch immer es bis in unseren Warpkern geschafft hat. Ob es etwas damit zu tun hat, daß wir erst vor einiger Zeit einen Zusammenstoß mit den Vidiianern hatten?"

"Es steht Ihnen selbstverständlich frei, darüber Spekulationen anzufangen, dennoch würde ich es vorziehen, wenn Sie diesen Minicontainer mit vorbehandelter, klingonisch differenzierter DNA zu Miss Torres in den Maschinenraum bringen würden, damit sie so schnell wie möglich mit der Behandlung der Kristalle beginnen kann", drängte der Doktor, sichtlich begierig, Paris aus seiner Krankenstation zu entfernen. Die Zeit, in der der junge Lieutenant als Aushilfsschwester fungiert hatte, war ihm noch unangenehm im holographischen Gedächtnis.

Paris ließ sich die kleine Box in die Hand drücken und vom Doktor aus der Krankenstation dirigieren. Draußen im Korridor betrachtete er den Container mit fassungslosem Kopfschütteln. "Phagozytenseuche bei Dilithiumkristallen", murmelte er entgeistert. "Im Alpha-Quadranten könnten Sie in der medizinischen Fachzeitung der Sternenflotte mit einem Artikel über dieses Phänomen großes Aufsehen erregen." Der Gedanke, daß er in diesem Augenblick die genetische Grundlage von B'Elanna Torres in der Hand hielt, war seiner Verwirrung nicht unbedingt abträglich.

Das Piepsen seines Kommunikators brachte ihn schlagartig in die Realität zurück.

"Torres an Paris, ich weiß nicht, ob sie fünf vulkanische oder bajoranische Minuten meinten, aber mein astronomischer Chronometer hat in der Zwischenzeit zwölf Minuten verschlungen. Ob Sie wohl so freundlich sein könnten, den nächsten Turbolift zu nehmen, damit ich endlich mit meiner Arbeit fortfahren kann?"

Kein guter Einstieg, dachte er. Laut sagte er nur: "Ich bin schon auf dem Weg."

 

Der Konferenzraum der Voyager war so voll wie schon lange nicht mehr. Trotz der Abwesenheit sowohl des Captains als auch des Ersten Offiziers war kein Stuhl mehr frei. Paris, der sich auf dem angestammten Platz des Captains unterm Fenster ein wenig fehl am Platze vorkam, warf einen Blick in die Runde. B'Elanna Torres' Blick kreuzte sich mit seinem und für den Augenblick eines Wimpernschlags deuteten ihre Lippen ein Lächeln an. Tuvoks Miene starrte ihn undurchdringlich an, während sich der talaremische Repräsentant Khladin sichtlich unwohl fühlte und unruhig auf seinem Stuhl herum rutschte. Neelix und Kes, die junge Ocampa, waren so nah wie möglich zusammengerückt und tauschten leise flüsternd einige Worte aus. Harry Kim fehlte, ihn konnte und wollte Paris in diesem Augenblick der letzten Krise auf der Brücke bei den Sensoren wissen. Lieutenant Houston saß schräg hinter Torres, er allerdings schien sich auf seinem ersten Treffen der Senioroffiziere nicht unwohl zu fühlen. Zuletzt war da noch der Doktor, der von einem großen Wandschirm aus die Konferenz verfolgen sollte. Er schien angespannt darauf zu warten, daß man ihm das Wort erteilte, damit er erneut über seine hervorragende Entdeckung referieren konnte.

Paris räusperte sich geräuschvoll. Es wurde still im Raum, ein halbes Dutzend Augenpaare wandte sich im interessiert zu. Er kämpfte darum, nicht rot zu werden.

"Die Sache präsentiert sich wie folgt", begann er schließlich. "Repräsentant Khladin und Lieutenant Houston haben ja soeben schon berichtet, wie es trotz des talaremischen Sicherheitssystems zu dem Angriff der Kazon-Sekte kommen konnte. Auf Bitten des talaremischen Volksausschusses haben wir die überlebenden Kazon auf den Planeten gebeamt und die beiden Schiffe - oder das, was von ihnen noch übrig war - zerstört. Die Kazon werden nun der Jurisdiktion der Talaremer vorgeführt werden. Es bleibt jetzt den Talaremern zu überlassen, Konsequenzen aus diesem Vorfall zu ziehen." Er machte eine kleine, bedeutende Pause. "Hingegen bin ich sehr froh und stolz, Ihnen mitteilen zu können, daß es B'Elanna Torres und dem Doktor gelungen ist, den Zerfall unserer Dilithiumkristalle einzudämmen - aus diesem Grund sind wir auf das Aragphma, das sich als unzureichend kompatibel mit unseren Systemen erwiesen hat, glücklicherweise nicht mehr angewiesen. Soweit wir es bisher wissen, war ein vidiianischer Virus für den Zerfall verantwortlich. Nähere Einzelheiten sind bisher noch unbekannt, im Augenblick jedoch auch von geringerer Bedeutung."

"Unsere Priorität ist es nun, den Captain und das restliche Außenteam ausfindig zu machen. Sie wurden zuletzt innerhalb des Bergwerks gesehen und wollten sich auf den Weg zum Strand machen. Aufgrund der hohen energetischen Emissionen, die der Beschuß des Aragphma-Gesteins ausgelöst hat, ist es unmöglich, die Bergkette in einem Radius von vierzig Kilometern zu scannen. Ebensowenig können wir eine Suchmannschaft hinunter beamen, da die Energiefluktuationen auch das Muster des Transporterstrahls verzerren. Demnach bleibt nur noch die Option, ein Shuttle hinunter zu senden, das auf den schmalen Strandstreifen landen und von dort aus eine Suche starten kann."

"Die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen", murmelte B'Elanna leise. Er warf ihr einen ironischen Blick zu. Danke für die aufmunternden Worte.

"Repräsentant, wir ersuchen um Ihre Teilnahme an der Suchaktion, da Sie am besten mit den geographischen Gegebenheiten der Küste vertraut sind", wandte sich Paris an den Talaremer. Der gutaussehende Mann nickte, um seinen Mund hatten sich tiefe, unattraktive Falten gegraben. Auch an ihm waren die letzten Stunden nicht spurlos vorüber gegangen.

"Doktor, nachdem, was der Repräsentant und Lieutenant Houston berichten, wurden Captain Janeway und Commander Chakotay bei den Beben verletzt. Ich möchte, daß Sie auf der Krankenstation alles bereit haben, wenn sie eingeliefert werden."

"Verstanden, Lieutenant." Der Doktor sah aus, als wolle er noch mehr sagen, besann sich dann aber eines Besseren und schloß den Mund wieder. Paris stieß ein stummes Dankgebet aus.

"Ich möchte, daß auch Mr. Houston und Sie, Mr. Tuvok, an der Suchaktion teilnehmen..."

Tuvok reagierte mit dem Hochziehen einer vulkanischen Augenbraue. Er hatte stillschweigend zugestimmt, daß Paris die Sitzung leiten konnte, auch wenn Tuvok rangmäßig über ihm stand. Paris beharrte immer noch darauf, daß Janeway ihm das Kommando über das Schiff noch nicht wieder entzogen hatte. Befehle von einem untergeordneten, noch dazu so unerfahrenen Lieutenant anzunehmen, mißfiel ihm hingegen schon - oder störte zumindest sein logisches Gleichgewicht.

"Damit würde ich sagen, daß..."

"Kim an Paris!" Harry Kims Stimme schallte aufgeregt und so laut über den Komkanal, daß Paris sich wunderte, ob er ihn nicht sogar durch die dicken Wände des Konferenzraumes hindurch auf der anliegenden Brücke hören konnte. "Soeben empfange ich drei ganz deutliche Signale ein Kilometer außerhalb des Emissionenradius. Es sind Brixton, Chakotay und der Captain."

"Außerhalb des Radius?" erhob Khladin zweifelhaft die Stimme. "Wie ist das möglich?"

"Die Sensorergebnisse sind unmißverständlich, Lieutenant. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf und sie so stark und deutlich wie man es sich nur wünschen kann." Kims Stimme verriet seine jubelnde Erleichterung deutlich. Paris fühlte sich überrumpelt - noch eine Minute zuvor hatten sie im Dunkeln getappt, und plötzlich sollten sich alle Probleme in Luft aufgelöst haben? Seinem Geschmack nach ging das alles ein bißchen zu schnell.

"Können Sie ihre Koordinaten erfassen?" erkundigte er sich, immer noch darauf gefaßt, eine negative Bestätigung zu erhalten.

"Der Transporterraum hat alle drei Personen bereits erfaßt. Auf Ihr Kommando hin können sie sofort auf die Krankenstation gebeamt werden."

"Wenn Sie mich damit entschuldigen würden", meldete sich der Doktor hinter ihm, dann verschwand sein Kopf und hinterließ nur noch die Schwärze des desaktivierten Monitors.

Paris sah sich in der Runde um und begegnete nur strahlenden, wenn auch etwas überraschten Gesichtern. Er zuckte die Achseln, bereit, einmal die magischen Worte sprechen zu dürfen. "Machen Sie es so!"

 

Die warmen Strahlen der Nachmittagssonne fielen durch das dunkelgrüne Blätterwerk und malten Abertausende von goldenen, tanzenden Lichtflecken auf das ruhige, dunkle Wasser. Ein frischer Wind trieb Blätter über die Wasseroberfläche hinweg, im niederen Gesträuch am Ufer verriet ein leises Rascheln geschäftige Kleintiere, und über ihnen zog ein kleiner, weißer Vogel friedlich seine Kreise.

Kathryn ließ die nackten Beine über den Bootsrand ins kühle Wasser baumeln und lehnte sich genießerisch zurück.

"Du hast geschummelt", sagte sie und schloß die Augen, hielt ihr Gesicht der warmen Sonne entgegen. "So wunderschön ist der Fluß nie gewesen."

"Vielleicht. In meiner Erinnerung kam er mir jedenfalls so vor." Chakotay legte für einen Augenblick die schweren, hölzernen Ruder zur Seite und ließ den Kahn mit der seichten Strömung treiben. "Nun kommen wir zumindest doch noch zu der Bootsfahrt, die ich dir versprochen hatte. Das Boot ist zwar nicht selbstgebaut..."

"Was spielt das schon für eine Rolle", unterbrach sie ihn. "Natürlich ist all das hier nur eine Replikation, aber ich bin gerne bereit, das zu vergessen, wenn ich nicht ständig daran erinnert werde." Sie öffnete die Augen wieder, genoß es, das alte, gewohnte Kleid, das sie so oft auf New Earth getragen hatte, wieder an ihrem Körper zu spüren. Und wenn sie Chakotay ansah, mußte sie zugeben, daß er ihr in seiner weiten Hose und dem dunkelgrünen Hemd sehr viel vertrauter erschien als in seiner schwarz-roten Uniform.

"Zu einer ersten, gemeinsamen Reise in die Vergangenheit der Facetten" hatte er sie eingeladen, als er am Tage seiner Entlassung aus der Krankenstation das erste Mal wieder zum Dienst auf der Brücke erschien. Sie hatte das Holodeck betreten, ohne auf die authentische und so wirklichkeitsnahe Erscheinung der Kolonie gefaßt zu sein.

"Wann hast du das alles nur gemacht?" fragte sie andächtig, während sich ihre Augen an der gewohnten Umgebung nicht satt sehen konnten.

"Während ich auf der Krankenstation lag und nichts Besseres zu tun hatte, als den ganzen Tag die Selbstmonologe des Doktors zu verfolgen." Seine Augen lachten. "Ich hatte schnell heraus, wo ich das PADD verstecken konnte, wenn er in die Nähe meines Biobettes kam. Du findest es also überzeugend?"

"Überwältigend", sagte sie glücklich. "Schöner habe ich mir den Beginn unseres neuen Lebens auch nicht ausmalen können." Sie lehnte sich noch weiter zurück und ließ es zu, daß er seine Arme über ihre Schultern legte und sie näher an sich zog. "Ich hoffe nur, diese traumhaft romantische Landschaft macht uns nicht übermütig."

Der Indianer setzte sich auf, packte sie an den Schultern und drehte sie zu sich um.

"Ich habe dieses Programm nicht mit dem Hintergedanken erstellt, dich verführen zu wollen", sagte er geradeheraus. "Betrachte es eher als eine Art Selbsttherapie. Ein Refugium, in das wir uns zurückziehen können, wenn der Alltag außerhalb dieser Türen mal wieder unerträglich wird und wenn wieder diese Gefühle auftauchen, die uns zurück nach New Earth ziehen. Zumindest können wir so unsere Erinnerungen an einem sehr ähnlichen Ort ausleben."

"Ich wollte auch nichts dergleichen andeuten", beruhigte sie ihn und lehnte sich wieder gegen seinen Oberkörper. "Ich dachte nur, sollten wir jemals soweit kommen, daß...ich meine, daß aus unseren Erinnerungen irgend etwas Größeres entstehen kann - wenn ich soweit bin, daß ich mit meinen Gedanken nicht immer auf der Erde bin, sondern mir vorstellen kann, hier an Bord der Voyager eine..."

"...Liebesaffäre mit deinem Ersten Offizier anzufangen..."

Sie schnitt ihm eine Grimasse. "Jedenfalls dann könnte ich mir gut vorstellen, daß eine solche neue Nähe hier auf diesem herrlichen Fleckchen Erde anfangen könnte."

Er sah sie einen Augenblick schweigend an und drückte ihr dann überraschend einen hastigen Kuß auf die Wange. "Du bist unbeschreiblich, Kathryn Janeway."

Sie seufzte. "Vermutlich haben meine Vorgesetzten früher deswegen immer so lange gebraucht, bis sie einen Einschätzungsbericht über mich fertig geschrieben hatten."

 

B'Elanna Torres streckte ihrem Spiegelbild gerade die Zunge heraus, als ihr Türmelder schrillte. Sie war gerade von ihrer Nachtschicht zurückgekommen und fand, daß ihr neben Müdigkeit und Erschöpfung auch noch Unzufriedenheit ins Gesicht geschrieben war. Seit einigen Tage hatte sie das Gefühl, nur noch gegen unterschwellige Aggressionen zu kämpfen - woher sie kamen und weshalb sie so gereizt war, war ihr ein Rätsel.

"Was ist denn jetzt?" rief sie deshalb ein wenig grob und ärgerte sich sofort über sich selbst, als sie sah, daß es Tom Paris war, der vorsichtig um die Ecke in den Raum schielte.

"Sind Sie in der Laune, in der Sie kleine Lieutenants zum Frühstück verspeisen?" erkundigte er sich argwöhnisch. "Wenn ja, dann komme ich gar nicht erst rein."

Sie legte ihre Bürste aus der Hand und zwang sich zu einem Lächeln. In ihrem Magen begannen gläserne Schmetterlinge zu tanzen.

"Das war nicht gegen Sie gerichtet, Tom, ich hatte einfach nur eine lange Nacht."

"Ich habe auch nicht vor, lange zu stören, ich wollte Ihnen nur etwas geben." Erst jetzt fiel ihr auf, daß er eine Hand hinter dem Rücken versteckt hielt. "Ich habe Ihnen das Leben nicht gerade leicht gemacht letzte Woche, als Sie genug damit zutun hatten, das Aragphma einzuschätzen und ich Ihnen dann noch die Dilithiumkristalle aufhalste."

Sie schüttelte den Kopf. "Das mußten Sie schließlich tun."

Er zuckte die Achseln. "Mag sein, aber ich bin noch nicht gewohnt, Befehle auszuteilen, die einem schwerschuftenden Crewmitglied noch mehr Arbeit aufbürden."

"Oh, das lernen Sie noch, je häufiger Sie ein Kommando übernehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Captain Janeway derartige Skrupel leisten kann, wenn sie dafür verantwortlich ist, daß alle Systeme auf diesem Schiff reibungslos funktionieren."

"Mag sein", wiederholte er und trat unbehaglich von einem Bein auf das andere. "Jedenfalls bin ich nicht gekommen, um mich über meinen Job zu beklagen, sondern um Ihnen das hier zu geben."

B'Elanna starrte ungläubig und auch ein wenig verunsichert auf die große, metallische Presse in seiner Hand. Sie lachte verwirrt.

"Was ist das?"

Paris zog eine todernste Miene. "Das ist eine Gemüsepresse. Weder multipel noch phasengesteuert, muß ich leider dazu sagen, aber man hat mir versichert, daß sie ansonsten fabelhaft funktioniert." Er trat einen Schritt näher. "Die Wahrheit ist, ich möchte nicht, daß Sie von mir das Bild behalten, daß Ihnen Harry Kim letztens in so wunderbar bloßstellenden Farben gemalt hat. Sie fanden die Episode vielleicht spaßig, aber ich kann Ihnen versichern, daß mir ganz und gar nicht zum Lachen zumute war." Er holte tief Luft. "Ich habe mich ernsthaft dazu entschlossen, daß mein Ruf auf diesem Schiff mehr als aufpoliert werden muß, und ich dachte, ich fange bei der Person an, deren Meinung über mich wohl am wich...ich meine, von der ich ungern möchte, daß sie schlecht über mich denkt. Man weiß ja, wie das klingonische Temperament so spielen kann", setzte er verlegen hinzu.

B'Elanna spürte, wie ihre Mundwinkel zu zittern begannen. Sie versteckte das Lächeln hinter ihrer Hand und biß sich auf die Lippen, um ein Lachen zu unterdrücken.

"Und daher schenken Sie mir jetzt eine Gemüsepresse?" Ihre Aggressionen hatten sich in Luft aufgelöst, hatten unbändiger Freude Platz gemacht. Hatte sie nicht doch die ganze Zeit über gewußt, wer dafür verantwortlich war? Jetzt zumindest wußte sie es.

"Na ja, sie war ja immerhin der Stein des Anstoßes", verteidigte sich Paris.

B'Elanna betrachtete die Gemüsepresse mit gespielt nachdenklichem Blick.

"Darf ich dieses Geschenk dann als vorsichtige Andeutung verstehen, daß Sie mich einmal zu einem selbstgemachten Gemüseauflauf einladen wollen, Mr. Paris?"

Tom hob den Kopf, seine Ohren röteten sich spürbar. Hatte er sich verhört und hatte sie seine "Frage durch die Blume" tatsächlich verstanden?

"Das bleibt eine Frage Ihrer Interpretation", brachte er noch hervor, bevor sich ein strahlendes Lächeln auf seinem jungenhaften Gesicht ausbreitete.

 

"Auch der Whirlpool auf Sitara?" fragte Julia Brixton und verschränkte die Arme vor der Brust. Samuel Houston nickte.

"Diese elende Kletterei durch Kilometer von Felsgestein hat mir einen zünftigen Muskelkater beschert", gestand er. "Der Doktor schlug mir den Whirlpool als das mit Abstand wirksamste Heilmittel an."

"Seltsam, mir ebenfalls. Obwohl ich mir bei unserer nächtlichen Bootsfahrt letzte Woche statt dessen eine ordentliche Erkältung zugezogen habe. Er hätte mir auch einfach nur eine Injektion geben können."

"Ich habe den Eindruck, daß ihm sein kürzliches Erfolgserlebnis zu Kopf gestiegen ist", mutmaßte Houston. "Ich habe schon von mehreren Crewmitgliedern gehört, die er zur alternativen Behandlung aufs Holodeck geschickt hat."

"Mir jedenfalls macht es nichts aus, den Pool mit Ihnen zu teilen", erklärte Brixton. "Allerdings ist das Holodeck im Augenblick noch in Betrieb."

Im gleichen Augenblick öffnete sich das schwere Schott und der Captain und Chakotay, beide in legerer Zivilbekleidung, verließen das Holodeck. Sie bemerkten Houston und Brixton nicht, sondern verschwanden leise redend den Korridor entlang. Chakotays Arm lag immer noch um Janeways Schulter.

"Ich wußte nicht, daß es dem Commander immer noch so schlecht geht, daß er gestützt werden muß", ließ Houston neben ihr verlauten. Brixton wechselte einen heiteren Blick mit ihm und sah den beiden kommandierenden Offizieren schmunzelnd nach.

"Diese Frage bleibt ganz allein Ihrer Interpretation überlassen, Samuel", sagte sie.

 
Ende

 
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