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Irgendwo

© by Orion ()
 
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Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Irgendwo auf der Welt war es immer Mitternacht.

Ein Gedanke, der eigentlich hätte beruhigend sein können. Das Wissen, dass sich an irgendeinem Ort Menschen zuprosteten, um einen Geburtstag zu feiern. Dass irgendwo gerade jetzt ein Baby geboren wurde, der Beginn einer neuen Existenz mit einer wunderbaren Zukunft. Auf vielen Nachttischen schalteten digitale Wecker auf eine perfekte Reihe aus Nullen um, ein Synonym für den Start in einen neuen Tag.

Genau in diesem Moment, irgendwo auf dieser Welt, betrauerten Menschen den Verlust eines geliebten Menschen. Vielleicht weinten sie sogar.

 

Jethro Gibbs starrte seinen Fernseher an. Der Bildschirm glich schon seit längerem einer weißen Leinwand, auf der eine Million Ameisen herumkrabbelte und statisches Rauschen erfüllte den Raum. Und er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal wirklich geweint hatte.

Er konnte sich auch nicht daran erinnern, warum er den Fernseher überhaupt vom Keller hier hoch gebracht hatte. Da war ein vager Gedanke, den Fernseher als Hintergrundberieselung zu nutzen, wenn er nicht allein hier auf dem Sofa war. Aber diese Gelegenheit hatte es bisher noch nicht gegeben.

 

Irgendwo auf diesem Planeten waren Menschen genau jetzt glücklich. Und irgendwo in dieser Stadt versuchte sein Geliebter genau jetzt, seine Dämonen zu verjagen.

Und Gibbs wusste, dass es nicht der Mangel an Kabelfernsehen in seinem Haus war, der Tony fernhielt.

Er entschied sich, ins Bett zu gehen, wo er genauso gut wach liegen konnte. Er würde Schlaf vortäuschen, falls er die bekannten Schritte an der Tür hören würde. Und er würde hoffen, dass er sie nicht hören würde, dass diese Nacht vielleicht anders sein würde.

 

Aber sie war es nicht. Sein Wecker verkündete in leuchtendem Rot, dass es 2:43 Uhr war, als sich seine Haustür öffnete.

Tonys Gang war niemals schwankend. Er stolperte nicht, rannte nicht gegen Türrahmen oder die Wände. Fast schon ein bewundernswertes Zeichen von Selbstkontrolle, wenn Gibbs nicht gewusst hätte, dass es mehr ein Automatismus war. Ein Selbstschutzmechanismus, aus purer Verzweiflung ins Leben gerufen. Tony konnte sich nicht gehen lassen, bevor er seinen sicheren Hafen erreicht hatte.

 

Die Schlafzimmertür öffnete und schloss sich leise und eine Wolke aus kaltem Zigarettenrauch, Bier und billigem Fusel erreichte ihn, als sich die Matratze hinter ihm bewegte. Gibbs wusste, dass er in einer anderen Welt, vielleicht in einem anderen Leben, schon längst moniert und gemeckert hätte.

In der perfekten Welt, in der er immer das Richtige tat, hätte er schon längst etwas unternommen, hätte mit all seiner Macht versucht zu helfen.

In der unvollkommenen Welt, die er und Tony und alle anderen bevölkerten, diese zerbrochene Realität, in der der Verlust eines Menschen aus ihrer Mitte sie zerbrach anstatt sie zusammen zu schweißen, fand er sich nicht in der Lage, irgendetwas zu tun.

 

Tony kuschelte näher heran, sein Mund liebkoste zärtlich Gibbs' Schulter, während seine Hände über seinen Bauch fuhren und Gibbs fühlte, wie sich sein Körper verspannte.

Kates Tod hatte sie alle tiefer getroffen, als sie es zugeben wollten. Wie eine Kette war das Team zerbrochen und nun schien es fast, als gebe es nichts, was dies flicken könne. Sie alle hatte eine gewisse Zeit gebraucht, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden und niemand, nicht einmal Gibbs selbst, hatte rechtzeitig bemerkt, dass Tony das nächste zerbrechende Kettenglied zu werden drohte.

Gibbs griff Tonys Hand und stoppte die Bewegung auf seiner nackten Haut mit einem leisen Seufzer. Natürlich sah er die Schuld bei sich selbst. Als Chef lag es in seiner Verantwortung, das Team zusammen zu halten. Aber die feine Linie zwischen Beruf und Privatleben war immer dünner geworden und nun konnte selbst er nicht mehr sagen, wo das eine anfing und das andere endete. Seine eigene Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen, erinnerte ihn einmal mehr schmerzhaft daran, warum alle seine Ehen gescheitert waren.

Ein erstes kleines Zittern erschütterte Tonys Körper und Gibbs' Griff um seine Hand wurde fester. Es würde jetzt nicht mehr lange dauern. Manchmal wünschte er sich, dass Tony nach seinen immer häufiger werdenden 'Touren' nicht hier her kommen würde. Und jedesmal hasste er sich aus ganzem Herzen für diesen Gedanken. Aber dieser Hass überstieg nicht die Liebe, die er für Tony empfand und er hoffte, dass das niemals passieren würde.

Tonys Zittern wurde heftiger und er schluchzte leise. Gibbs drehte sich herum und zog ihn in seine Arme.

In der Welt, von der er manchmal träumte, in der aus Liebenden niemals Verlierer wurden und das Gute immer das Böse besiegte, hätte er schon längst eine Lösung gefunden. Er hätte es geschafft, das Rätsel des Lebens zu lösen und ihnen allen den Schmerz erspart. Er hätte seine eigenen Dämonen besiegt.

In der harten Realität, die auch durch Wunschdenken nicht besser wurde, verbrachte er mehr Nächte als er glaubte ertragen zu können hier mit seinem weinenden Partner im Arm und manchmal hatte auch er Tränen in den Augen.

 

Irgendwo auf der Welt war es immer Mitternacht. Und irgendwo, wo es jetzt gerade Mitternacht war, gab es vielleicht zwei Liebende, die die Nähe genossen und das unglaubliche Gefühl der Vollkommenheit, das sich immer dann einstellte, wenn man jemanden von ganzem Herzen liebte.

In einer anderen Realität waren es vielleicht sogar Tony und er.

 
Ende

 
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