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Die Liste

© by Lady Charena ()
 
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Es war nun sicherlich das dritte oder vierte Mal innerhalb einer halben Stunde, dass Brett den Blick von den heute so ungemein wenig fesselnden Schlagzeilen der Times hob und zu seinem Freund Danny hinüber blickte. Nachdem Wilde zunächst uneingeladen zum Frühstück aufgetaucht war, hatte er sich an Bretts Schreibtisch niedergelassen und schien dort nun über einem Brief oder einer Liste zu grübeln. Er schrieb eifrig, murmelte gelegentlich etwas, das die lordschaftlichen Ohren jedoch nicht vernehmen konnten, und strich sehr viel wieder durch. Nur einmal hatte er sich an Brett gewandt, um nach mehr Papier zu fragen.

 

"Hah!", brummte Danny und strich etwas aus.

Das war der Punkt, an dem auch die letzte Barriere vornehmster Erziehung von zutiefst bürgerlicher Neugier niedergerannt wurde. "Was zum Teufel treibst du da, Daniel?", platzte Brett irritiert heraus.

"Ich schreibe eine Rechnung an meinen Schneider", entgegnete Wilde abwesend.

Brett ließ die Zeitung sinken. "Eine Rechnung... an... deinen Schneider?", wiederholte er. "Muss man für das Privileg deiner Bekanntschaft nun schon Gebühren bezahlen?"

Danny grinste und strich noch eine Zeile durch. "Befürchten Eure Lordschuft, dass ich das adelige Por-te-mon-naie über Gebühr schröpfe?"

"Ich glaube, du wärst mir auf Dauer wirklich zu teuer", erwiderte Brett trocken. Es kam keine Antwort. "Du bist wohl mit dem neuen Anzug nicht zufrieden gewesen, den du letzten Monat gekauft hast?", fuhr er fort und bemühte sich dabei, recht beiläufig zu klingen. Niemand schrieb eine Rechnung an einen Schneider. Schon gar nicht an einen in der Saville Row.

"Du meinst diesen furchtbar albernen Strampelanzug, in den du mich hast stecken lassen?" Danny schüttelte den Kopf - und vergaß dabei ganz, dass es seine Idee gewesen war, sich einen richtigen englischen Anzug anfertigen zu lassen. "Den hab ich meiner Putzfrau geschenkt. Ihr Mann hat die gleiche Größe. Und er brauchte was Schniekes für die Beerdigung."

Konsterniert starrte Brett den Hinterkopf seines Freundes an. Amerikaner!! "Für seine Beerdigung?"

Danny flüchtig zu ihm hinüber. "In die Grube fährt der werte Onkel meiner Fußbodenmasseuse. Der Schneider bekommt ne Rechnung, weil er mir das falsche Monogramm ins Höschen gehäkelt hat, mein Bester."

"Gestickt", korrigierte Brett automatisch.

"Aber nicht geschickt gestickt - vielleicht hätt' er's besser gestrickt."

Lord Sinclair verdrehte die Augen und versteckte sich wieder hinter seiner Zeitung. Den Teufel würde er tun und noch ein Wort sagen. Wenn Daniel Wilde anfing zu dichten, tat man gut daran zu flichten... zum Kuckuck!... zu flüchten, natürlich. Diese Reimeritis war ja ansteckend!

 

Darauf hin kehrte für eine kleine Weile wieder friedliche Stille in den Raum zurück, höchstens von leisem Rascheln unterbrochen, wenn Brett eine Seite seiner Zeitung umblätterte. Oder dem Geräusch energischen Durchstreichens. Oder dem Rascheln von Papier, das zerknüllt wird. Oder dem Knirschen von zerknülltem Papier, das den Papierkorb verfehlt...

 

"In Ordnung, vielleicht hast du jetzt die unendliche Güte, mir zu erklären, was du da treibst, Danny?" Brett faltete die Times zusammen und legte sie auf den Tisch.

"Ich stelle eine Liste von Menschen zusammen, die ich beerben will."

"Was?" Manchmal fragte Brett sich, ob ein Amerikaner jemals in der Lage sein würde, korrektes Englisch zu beherrschen. "Du meinst, eine Liste von Menschen, denen du etwas hinterlassen willst." Dann stutzte er. "Heißt das, du schreibst ein Testament, Danny? Du? Warum das denn?"

"Es ist die Pflicht eines Verblichenen - und zwar bevor er einer ist, es schreibt sich hinterher so schlecht - sein weltliches Hab und Gut unter seinen dankbaren und trauernden Anverwandten zu verteilen", tonierte Danny salbungsvoll.

"Stehe ich auch auf der Liste?", erkundigte sich Brett trocken.

Danny drehte sich zu ihm um. "Nanu, du hast ja plötzlich soviel Heimtücke im Blick. Träum' ich denn alb?", spottete er. "Was dämmert da in der adligen Großhirnrinde, werter Durchlocht?"

"Deine Scherze werden immer anspruchsloser, mein Freund." Brett stand auf und kam neugierig näher.

"Achtung! Er kömmt." Danny drehte sich zurück und schob die Blätter zusammen. "Nix lucki-lucki hier. Und nenn' mich nicht 'mein Freund', jemand könnte es glauben."

Bevor der Lord darauf eine Erwiderung fand, klingelte das Telefon.

"Nun trab' schon los, Teuerster."

Brett warf ihm einen eisigen Blick zu und nahm den Hörer ab. "Sinclair." Er lauschte einen Moment, dann winkte er Danny. "Für dich", entgegnete er ernst. "Der Vater eines der minderjährigen Mädchen, die du immer verführst. Er will dich verklagen."

Danny starrte ihn - ein sehr seltenes Ereignis - für einen Moment doch tatsächlich sprachlos an. Dann grinste er breit. "Dunkel ist deiner Rede Sinn. Muss sich um eine irrtümliche Verwechslung handeln. Bist du sicher, das er nicht mit dir sprechen will, ist ja immerhin dein Palast hier?"

Brett winkte nur mit dem Hörer und Danny setzte sich zu ihm in Bewegung. "Hier Wilde am Hörrohr, wer da? Was?" Danny starrte den Hörer in seiner Hand an, als hätte der sich plötzlich in eine Schlange verwandelt und ihn angezischt. "Nein, ich bin nicht Lord Sinclair - dem Himmel sei's getrommelt und gepfiffen. Da müsst ich mich ja d'r Sünd'n fürchten. Was wollen Sie von Seiner Durchleuchte?"

Brett stand inzwischen schon am Schreibtisch und blätterte hastig Dannys Aufzeichnungen durch, denn günstigerweise stand der nun mit dem Rücken zu ihm. Manchmal musste man eben über das Ausgesprochene hinweg- und auf das Unausgesprochene sehen und er war sich sicher, im tiefsten Grunde seines Herzens hatte Danny nichts dagegen, wenn er einen Blick auf die ominöse Liste warf... Nun, das war ja interessant.

"Nein. Ich bin nicht an einem Abonnement für die Zeitschrift 'Frau und Kind'..." Danny sah an sich hinunter. "Dazu fehlen mir zwei wichtige Dinge. Pardon, drei. Ich bin noch kinderlos. Man hat mich der Mutter meiner Kinder noch nicht vorgestellt. Nein, ich verzichte auch auf den 'Weekly Royal' - ich habe meinen Royal hier daily und zwar so was von daily. Sie hatten ihn eben am Lauscher."

Grinsend schob Brett die Blätter wieder zusammen. In Dannys fast unleserlicher Klaue war auf den Blättern eine Art Einkaufsliste für Weihnachten zusammengekritzelt. Das war doch wohl unzweifelhaft so zu deuten, dass Danny sich entschieden hatte, Weihnachten in London zu verbringen und nicht, wie er es ursprünglich geplant hatte, in Monte Carlo.

Danny klopfte den Hörer gegen die Kommode, auf der das Telefon stand. Dann hob er ihn wieder ans Ohr. "Nun sperren Sie mal die Löffelchen auf, mein Verehrtester. Ich will keine Zeitschrift und ich bin kein blaublütiger Lord. Und jetzt können Sie mir den Radetzky-Marsch auf meiner Flöte blasen. Guten Tag." Er legte auf. "Eine Unverschämtheit, wie hartnäckig manche Menschen sein können." Er wandte sich nach Brett um, der sich betont unschuldig gab, wie er so auf dem Sofa saß und seine Times las. "War irgendwas?"

"Nicht bei mir." Brett sah nicht einmal auf.

"So soll's sein." Danny blickte ihn noch einmal grübelnd an, dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch.

 

Und Brett widmete sich ganz der schwierigen Aufgabe, was er wohl Danny zu Weihnachten schenken könnte...

 
Ende

 
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