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"...und Sie haben die Wirklichkeit."
Langsam ging James T. Kirk durch die Korridore seines Schiffes. Es war das Bestätigen eines Besitzanspruches. Es war ein Gefühl wie...ja, wie nach-Hause-kommen. Obwohl er nur ein paar Stunden von seiner silbernen Lady getrennt gewesen war. Es war spät. McCoy hätte sicher noch gerne ein paar Fragen von ihm beantwortet bekom-men. Doch das hatte Zeit bis später. Denn es gab noch etwas, dessen er sich versichern musste, bevor er die Ereignisse des Tages endgültig hinter sich lassen konnte. Oder besser gesagt - jemanden...
* * *
Der Vulkanier war nicht in seiner Kabine. Nun, das hatte er ohnehin halb erwartet. Und er wusste ja, wo er zu suchen hatte.
Leise trat er in den nur matt erleuchteten Observationsraum. Es dauerte einen Moment, dann hatten sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt und er sah Spock in einem der Sessel entlang der Balustrade sitzen. Sich durchaus bewusst, dass sein Eintreten nicht unbemerkt geblieben war, näherte er sich ihm langsam. Er blieb hinter dem Sessel stehen, legte beide Hände auf die Schultern des Vulkaniers. Sein Blick glitt hinaus.
Juwelen der Nacht -- auf samtener Schwärze zur Ruhe gebettet. Dunkle Weite, übersät vom funkelnden Geschmeide der Sterne -- mich auf ewig lockend.
Wo hatte er diese Zeilen gelesen? Es war lange her und er konnte sich nicht daran erinnern, doch sie schienen allein für diesen Moment niedergeschrieben worden zu sein.
"Denkst du, er ist jetzt glücklich?", brach der Mensch schließlich das Schweigen. Spock hob den Kopf, sein Blick hatte bisher auf seinen Händen geruht. "Ja", erwiderte er schlicht und sah ihn ruhig an. Jim löste die Augen von der sirenen Weite und begegnete anderen, vertrauten - und nicht minder lockenden - Tiefen.
"Und bist du glücklich?", fragte er leise. Heiße Finger schlossen sich um eine kühlere Hand, zogen sie an die schmalen Lippen des Vulkaniers. "Ja."
Jim senkte langsam den Kopf und Spock kam ihm auf halbem Wege entgegen. Ihre Lippen berührten sich in einem zärtlichen, fast scheuen Kuss. Die Hände des Menschen glitten langsam in das dichte Haar des Vulkaniers, seine Finger verflochten sich mit den seidenen Strähnen. Genauso sanft, wie sie zueinander gekommen waren, lösten sie sich auch wieder vonein-ander. Ohne den Blickkontakt auch nur einen Augenblick zu unterbrechen, drehte Jim den Sessel herum, bis sie sich vis-á-vis befanden. "Ich hatte Angst um dich", sagte er leise. "Ich dachte, ich hätte dich verloren." Spock schloss eine Sekunde lang die Augen und als er sie wieder öffnete, schimmerten sie. "Ich weiß." Kühle Fingerspitzen zeichneten die strengen - doch entspannten - Gesichtszüge nach. Und berührten dabei mehr als Fleisch. Der kalte graue Block, der sie getrennt hatte, war nicht mehr länger vorhanden und die mentale Verbindung zwischen ihnen brachte beiden Frieden. "Mach' mir nie wieder solche Angst", flüsterte Jim. Seine Finger kamen auf den schmalen Lippen zur Ruhe, als Spock den Kopf schüttelte.
Wie viel Zeit verging, während der sie sich einfach nur ansahen? Es hätten genauso gut Stunden wie Minuten sein können, die unbeachtet - ungezählt - verstrichen. Eine Sekunde oder eine Ewigkeit... Doch dann bewegten sie sich beide, gleichzeitig, wie auf eine unausgesprochene Absprache hin. Seite an Seite standen sie vor dem Panoramafenster. "Ich frage mich... was, wenn auch unser Leben nur eine Illusion wäre?", meinte Jim nach einer Weile. Spock sah ihn an. "Dann täten wir wahrscheinlich gut daran, es nicht zu wissen, dass es so ist...", erwiderte er. Die Andeutung eines Lächelns flog über seine Lippen. "Möchtest du das denn?", fragte er leise. "Wissen, wie es ist, in einer Illusion zu leben? Erfahren, wie Chris jetzt lebt?" Jim sah ihn an. "Vielleicht. Nur wenn du darin vorkommst..." Dunkle Augen reflektierten das Funkeln, der an ihnen vorbeigleitenden Sterne, als heiße Fingerspitzen die kühle Wange des Menschen berührten. Und dann gab es keine Realität mehr...
* * *
Ein vulkanischer Junge - zwischen zerklüfteten Felsbrocken stehend. Allein. Glühendheiß sendet Nevasa ihre harte Strahlung auf ihn herab. Sengender Wind streicht durch sein schwarzes Haar, das gerade lang genug ist, um den Nacken zu bedecken. Er bringt Sand mit sich, der in alle Ritzen seiner Kleidung zu dringen scheint. Der Junge blickt über nackten Fels, die wenigen staubbedeckten Pflanzen, die sich selbst hier noch am Leben festklammern, als suche er nach etwas. Oder vielleicht jemandem? Wie ein Stein, der die Wasseroberfläche durchbricht und dabei Wellen erzeugt, kräuselt sich das Bild. Und dann steht kein Kind mehr in der Einöde, sondern der Mann, den die unaufhaltsam vergehende Zeit daraus geformt hatte. Doch er ist nicht länger allein. An seiner Seite steht ein zweiter Mann - helles Haar, helle Haut und goldene Augen - die dem Blick des Vulkaniers folgen, sich mit ihm in der Ferne verlierend.
Doch auch diese Illusion ist nicht von Dauer. Aus den Felsen bricht Grün hervor, glühender Sand verwandelt sich in fruchtbare Erde. Terra. Wo gerade noch Wüste und kahler Stein herrschten, erstreckt sich jetzt im sanfteren Lichte Sols ein dichter Wald. Ein Junge läuft durch ihn, gefangen in den Abenteuern einer imaginären Welt. Er gerät für einen Augenblick außer Sicht - und als er wieder auftaucht, ist er keine Junge mehr. Der Zauber fremder Welten hat ihn von der Erde fortgelockt... Aus einem Dickicht gesellt sich ein zweiter Mann zu ihm. Sie stehen sich gegenüber, ihre Finger ineinander verflochten. Verschieden - Tag und Nacht, Schatten und Licht. Und doch eins....
* * *
Langsam lösten sich die Bilder auf, ihr Bewusstsein trennte sich, bis nur noch die matt glühende, mentale Verbindung blieb. Jim öffnete die Augen, ohne zu wissen, wann er sie geschlossen hatte. Er schmeckte äonenalten Staub auf seinen Lippen, als wäre er wirklich mit dem Vulkanier in der Wüste gewesen.
Die letzten Worte des Talosianers kehrten zurück. Captain Pike hat die Illusion - doch Sie haben die Wirklichkeit...
"Was ist meine Realität, Spock?", fragte er leise. "Alles, was du willst, dass sie sein soll, t'hy'la..."
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