Zurück
 

Just one Step

© by Natascha/Norynia ()

 

Disclaimer: Alle Charaktere und sämtliche Rechte an SG 1 gehören MGM/UA, World Gekko Corp. Und Double Secret Production. Diese Fanfic wurde lediglich zum Spaß
geschrieben und nicht um damit Geld zu verdienen. Archivierung nur mit Erlaubnis des Autors.
Anmerkungen: Das ist ein sehr schwieriges Thema, dass ich hier aufgegriffen habe und ich bin mir eigentlich sicher, das man mehr hätte daraus machen können. Jedoch denke ich, dass ich die Reaktionen der betroffenen Charaktere ganz gut getroffen habe. Seit etwas nachsichtig.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Stargate-Sektion

 

"Zurück zum Stargate!"

Eine neue Salve des Todesgleiters ging neben Jack zu Boden und riß einen großen Krater in die weiche Erde. Mit einem Sprung konnte er dem für ihn gedachten Schuss noch einmal ausweichen, fraglich nur, ob es ihm ein zweites Mal gelingen würde.

Gehetzt sah er sich in alle Richtungen um und riß Daniel in die Höhe, der neben ihm zum Liegen gekommen war.

"Wo sind die anderen?"

"Vor uns, nun komm!"

Die beiden Männer rannten sich gegenseitig stützend auf den Steinernen Ring zu, dessen blaue Fontäne ins Tal schoss und sich zwischen dem Naquada sammelte. Sam schickte den Transmittercode rüber und wartete auf ihre Kollegen, die Probleme hatten, auf der ihnen nachgebenden Erde schnell voran zu kommen.

"Gehen Sie durch!"

"Aber, Sir!"

"Verdammt noch mal, Carter, gehen Sie mit Teal'c durch das Tor, das ist ein Befehl!"

Ein lauter Knall ertönte und Erde fegte ihnen ins Gesicht. Mit vorgehaltener Hand rannte Jack weiter, nur wenige Zentimeter hinter Daniel, der betete, dass sie das Stargate noch rechtzeitig erreichen würden.

Ein Goa'uld Todesgleiter zischte knapp über ihren Köpfen hinweg, um kurz danach wieder umzudrehen und erneut Kurs auf sie zu nehmen.

Jack sah sich um und konnte erkennen, wie die Waffen sich luden. Er stieß Daniel zur Seite und spürte diese Hitze in seinem Rücken, deren Energie ihn durch die Luft schleuderte und hinterrücks gegen das DHD prallen ließ. Er hörte noch, wie Daniel seinen Namen schrie, bevor der Schmerz ihn lähmte und alles schwarz wurde.

 

Diese Kälte. Wo kam diese Kälte her? Eben war es doch noch so warm gewesen und jetzt fror er am ganzen Körper. Und der Lärm, wo war das tosende Geräusch der durch die Luft schnellenden Todesgleiter geblieben? Und warum war es so dunkel? Dieses nervige, piepsende Geräusch machte ihn fast wahnsinnig. Der sterile Geruch. Dieser weiche Boden. War es Boden? Es fühlte sich so unnatürlich an. Das konnte keine Erde sein, das war...ein Bett! Er ließ die Hand über den Untergrund gleiten. Eine Matratze, ein Bett, was war passiert?

Plötzlich auftretende Helligkeit durchflutete den Raum, drang durch seine Augenlieder und verbreitete rote Punkte in seinem Blick. Er wollte sie öffnen, doch sie verweigerten sich seinem Befehl und behielten ihre geschlossene Haltung bei.

Leise, schnelle Schritte näherten sich ihm. Er hörte das surrende Geräusch des Vorhangs, der zur Seite geschoben wurde. Ein angenehmer Geruch stieg ihm durch die Nase. Eine leichte Duftnote, die er nur allzu gut kannte.

"Fraiser?"

Die junge Ärztin ließ erstaunt von den Apparaturen ab und beugte sich über das Krankenbett, um Jacks Gesicht sehen zu können.

"Colonel?"

"Was ist hier los?"

"Wie geht es Ihnen?"

"Ich...keine Ahnung."

"Haben Sie Schmerzen?"

"Nein."

"Können Sie sich an irgendetwas erinnern?"

"Wir sind von Goa'uld-Todesgleitern überrascht worden. Bevor ich das Stargate erreichen konnte, wurde ich von der Wucht einer Explosion in die Luft geschleudert." Janet war auf die andere Seite getreten und zog die Augenlider des Colonels hoch, um mit der kleinen Lampe hineinzuleuchten.

"Noch irgendetwas?"

"Ich bin irgendwo gegen geknallt."

"Gegen das DHD."

"Oh."

"Colonel?"

"Mh?"

"Versuchen Sie Ihre Hände zu bewegen."

Jack kam dem Befehl nach und ballte eine Faust.

"Und jetzt die Beine."

Janet zog die Decke zur Seite und wartete auf Jacks Reaktion, doch nichts tat sich.

"Colonel?"

Noch immer keine Reaktion. Sie trat wieder an das Kopfende und sah Jack besorgt an.

"Haben Sie mich gehört? Bewegen Sie bitte ihre Beine."

Jack sah die junge Frau traurig an. Die Helligkeit brannte in seinen Augen und sein Blick war zunächst verschwommen. Er bewegte die Hände, die Arme, den Kopf.

"Die Beine, Colonel."

"Ich kann nicht." Kam es plötzlich leise, als er sich wieder ins Kissen sinken ließ und versuchte dem schneidenden Licht zu entgehen.

"Ich spüre sie nicht mehr."

 

"Die Untersuchungen haben eine Verletzung des Rückenmarks ergeben."

Janet sah in Sams Gesicht, das jegliche Farbe verlor und die Wirkung ihrer Worte verdeutlichte.

"Und was heißt das jetzt im Klartext?" Verlangte der General zu wissen.

"Es spürt seine Beine nicht mehr und kann sie auch nicht benutzen."

"Wird das ein dauerhafter Zustand bleiben?"

"Nein, das Rückenmark ist nicht durchtrennt, es ist nur gequetscht. Wann er allerdings wieder laufen kann, vermag ich nicht zu sagen. Das hängt von der körpereigenen Regenerierung und seinem psychischen Zustands ab."

Sie warf einen Blick auf den Colonel, der etwas abseits lag und zu schlafen schien.

"Die Verbrennungen auf seinem Rücken konnten während seines sechswöchigen Komas verheilen. Wann er jedoch wieder völlig hergestellt ist, ist fraglich. Es kann Wochen oder Monate dauern. In manchen Fällen saßen die Betroffenen ihr Leben lang im Rollstuhl, auch als das Rückenmark wieder verheilt war. Das liegt dann ganz bei ihm."

"Er wird nicht aufgeben." Warf Sam ein, sah jedoch hilfesuchend zu Janet, von der sie sich eine Bestätigung erhoffte.

"Das denke ich auch. Nach allem, was sie in der Vergangenheit bisher erlebt haben denke ich nicht, dass er sich durch so etwas kleinkriegen lässt."

 

Jack hatte jedes Wort gehört. Er schlief nicht. Ihm ging im Moment zuviel im Kopf umher, als das er eine ruhige Minute finden würde. So, das Rückenmark hatte also was abgekriegt, doch es würde kein Dauerzustand bleiben. Das war doch schon mal was, oder?

Janet hatte von Wochen, oder sogar Monaten gesprochen. Er konnte sich nicht vorstellen, sich für eine solch lange Zeit mit einem Rollstuhl fortzubewegen. Er konnte sich sowieso nicht vorstellen, auf seine Beine verzichten zu müssen. Und was noch schlimmer war, von anderen abhängig zu sein, ein Pflegefall. Wie sollte er denn in so einem Ding zum Angeln fahren? Wie vom Besprechungsraum in den Kontrollraum oder zum Stargate kommen? Mit dem Fahrstuhl. Aber bis er dann ankäme, wäre doch schon alles wieder vorbei. Und überhaupt, das Stargate. Keine Missionen mehr, ständiges herumlungern in der Basis. All das würde zu Jacks vorläufigem Alltag werden. Und er konnte nichts dagegen tun, oder? Es durfte nicht aufgeben, er musste an sich glauben. Egal wie lange es dauern würde. Jede Kleinigkeit würde zu einem anstrengenden Kraftakt werden. Das Normalste zur Belastung.

Er wollte nicht mehr darüber nachdenken. Es tat ihm nicht gut, das spürte er.

Die Stimmen, die er eben noch so klar wahrgenommen hatte verstummten. Er hörte Schritte die sich von ihm entfernten, und auch welche, die sich ihm näherten.

 

Sam hatte einen Stuhl herangezogen und neben ihm Platz genommen. Mit der festen Überzeugung, er würde schlafen, strich sie ihm kurz über das zerzauste Haar, als er die Augen öffnete und sie auf diese Reaktion ihre Hand wieder zurückzog.

"Colonel." Sagte sie überrascht und ließ ihren Blick beschämt von ihm ab. Jack lächelte.

"Sie hätten nicht aufhören müssen. Stört mich nicht."

Ein leichtes Lächeln durchfuhr das Gesicht des Majors. Wenigstens gelang es ihm, in seiner Situation seinen Humor beizubehalten.

"Janet sagte..."

"Ich weiß, was sie gesagt hat."

"Es tut mir leid, Colonel."

"Sie müssen sich nicht entschuldigen, Sie können nichts dafür. Wenn ich eins hasse, dann Unterwürfigkeit."

"Tut..."

"Äh!"

"In Ordnung, Sir."

Sam ließ ihren Blick über das Bett fahren und stoppte an Jacks Beinen, die sich unter der weißen Leinendecke hervorhoben. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Jack ohne sie zurechtkommen würde. Er war ein sehr lebhafter Mensch, extrem bewegungsfreudig. Doch seine derzeitige Lage würde das einschränken. Doch der Colonel war eine robuste Persönlichkeit, er würde auch das meistern. In diesem Moment wurde Sam bewußt, welches Glück er doch gehabt hatte. Er könnte genauso gut querschnittgelähmt sein. Viel hätte ja nicht mehr gefehlt.

"Worüber denken Sie gerade nach?"

Jack hatte sie beobachtet und in ihrem Gesicht lesen können, dass sie sich große Sorgen machte. Vielleicht sogar mehr, als er selbst im Moment. Sie hatte einfach diese mitfühlende Ader, die stärker ausgeprägt war, als bei jedem anderen Menschen, den er kannte.

"Nichts, Sir."

"Sie können ruhig mit mir darüber reden, ich bin nicht so empfindlich."

"Ich weiß, Sir."

"Und?"

"Nichts, Sir."

Jack seufzte und sah Sam mit hochgezogenen Augenbrauen an.

"Hey, ich lebe noch!"

Er stockte einen Augenblick und überlegte. Wie war er nach seinem Unfall eigentlich durch das Stargate gekommen? Selbst wird er wohl nicht gelaufen sein.

"Wem habe ich mein Leben eigentlich zu verdanken?"

"Daniel."

"Daniel? Danny-Boy? Der Daniel? Daniel Jackson? Der allergiegeplagte Wissenschaftler?"

"Nach den gemeinsamen vier Jahren müssten sie eigentlich wissen, dass er mehr draufhat."

Jack grinste breit und sah Sam mit diesen dunklen, braunen Augen an.

"Weiß ich doch, mach doch nur Spaß."

"Er hat sie geschultert und durch das Gate getragen."

"Und er hat sich dabei nicht überhoben?"

Sam schmunzelte und sah Jack an. Er erwiderte diesen Blick schemenhaft. Er hob seine Hand und zeigte auf die Apparatur, die neben ihm stand und seinen Herzschlag aufzeichnete. "Kann man dieses Ding auch abstellen. Bei dem Lärm kann man doch nicht schlafen."

"Ich denke, das lässt sich machen."

Sie wollte aufstehen und sich nach Janet umsehen, doch Jack zog sie am Ärmel Ihres Hemdes zurück.

"Bleiben Sie sitzen, das geht auch anders."

Seine Hand glitt hinter sein Kopfende und bediente den Notrufknopf.

"5...4...3...2...1..."

"Was ist los?"

Janet kam um die Ecke gewirbelt und drängte sich sofort neben Sam.

"Haben Sie Schmerzen?"

Sam konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, auch Jack konnte seine Schadenfreude nicht verbergen und sah belustigt in das besorgte Gesicht der jungen Ärztin. "Ich wollte eigentlich nur fragen, ob sie das Piepsen abstellen könnten."

"Bitte?"

"Naja, das Ding da halt."

Mit einem Kopfnicken deutete er auf die ihm lästige Maschinerie. Janets Gesichtsausdruck wurde sofort ernst und ein strafendes Funkeln glänzte in ihren Augen.

"Sam, warum..."

"Das war nicht meine Idee. Ich hatte nichts damit zu tun!"

Sie hob sofort abwehrend die Hände und zeigte auf den Colonel.

"Verräter." Gab dieser lachend zurück.

Janet wolltw sich nicht mehr länger mit diesen Spielereien aufhalten und kam der Bitte des Colonels nach. Das Piepsen verstummte und der Bildschirm schwärzte sich. Kopfschüttelnd ließ sie die beiden wieder allein. Selbst jetzt schien Jack nur Unsinn im Kopf zu haben.

 

Das blieb auch einige Zeit so. Irgendwann war es an der Zeit, Jack mit seinem neuen Gefährt vertraut zu machen. Das ihm das nicht gefiel, war auf dem ersten Blick ersichtlich. Doch er ließ sich nicht entmutigen und tröstete sich damit, dass er ja nicht ewig mit diesem Ding rumfahren müsste. Und am Anfang nahm er es auch noch mit Humor.

Die Tage verstrichen und Jack verbrachte die meiste Zeit damit, in den Gängen Rallys zu fahren und die vorbeikommenden Soldaten zu erschrecken. Doch irgendwann ging auch der Reiz darin verloren. Mit den M.A.L.P. Sonden hatte es damals mehr Spaß gemacht.

Schließlich wurde Jack immer stiller. Er beobachtete vom Kontrollraum aus, wie die einzelnen SG-Teams zu ihren Missionen aufbrachen und sehnte sich immer mehr danach, endlich mal wieder etwas anderes, als das innere dieser Basis zu Gesicht zu bekommen.

Daniel hatte ihm angeboten, ihn zum Angeln zu fahren und auch Sam machte immer wieder deutlich, dass, wenn er Hilfe bräuchte, er nur zu kommen brauche. Doch Jack wollte keine Hilfe, keine Unterstützung. Er tat alles daran unabhängig zu bleiben, niemandem zur Last zu fallen. Und als er bemerkte, dass es da nicht viel gab, das er allein tun konnte, verschanzte er sich in seinem Quartier und ließ sich so gut wie gar nicht mehr blicken.

 

Es war schon ein komisches Gefühl, ständig seine Beine vor Augen zu haben, sie aber nicht mehr benutzten zu können. Mittlerweile kamen sie ihm wie ein nutzloses Anhängsel vor, deren Zweck einzig und allein darin bestand, ihn mit ihrer Anwesenheit zu ärgern.

Jetzt war die kritische Phase seiner Lage hervorgetreten. Die Selbstdisziplin. Der Glaube an sich selbst. Er wurde aggressiv, launisch und ungeduldig. Wie lange saß er nun schon in diesem Ding? Zwei Monate? Drei Monate? Er wußte es nicht mehr. Auf jeden Fall schon viel zu lange. Die täglichen Rehabilitationsübungen zeigten auch keine Wirkung. Zumindest keine ersichtlichen. Seine Durchblutung war Top, seine Kondition auf dem Höhepunkt. Doch was brachten ihm diese Dinge, wenn er sie nicht ausleben konnte?

Und so kam das, wovor er sich am meisten gefürchtet hatte. Er gab die Hoffnung auf, jemals wieder laufen zu können. Jemals wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Jemals wieder frei zu sein. Er war sein Leben lang an diesen lästigen Rollstuhl gefesselt. Ewig abhängig von dieser Konstruktion, deren Anblick er nicht mehr ertragen konnte.

 

Er zog seine Beine auf die Erde und stützte sich an den Armlehnen ab. Wie hatte Janet doch gleich gesagt? Es lag an ihm? Wenn er gesund werden wollte, dann würde er es auch schaffen?

Er wollte gesund sein. Er wollte das alles wieder so werden würde, wie vor seinem Unfall. Mit einem Ruck hievte er sich hoch und stieß sich von dem Rollstuhl ab.

Seine Beine gaben unter der Belastung nach und sackten in sich zusammen. Jack krallte sich noch an dem kleinen Tisch fest, der neben ihm stand und wollte sich daran hochziehen, doch es brachte nichts. Seine Beine waren immer noch taub, zu jeder Bewegung unfähig. Seine Knie krachten zu Boden und sackten unter ihm weg. Als er losließ fand er sich ganz auf dem kalten Boden wieder. Eine Weile blieb er so liegen. Fluchend, schimpfend, weinend. Er weinte nicht aus Trauer oder Verzweiflung.

Nein, er weinte aus Zorn. Aus Wut über sich selbst.

Er wollte sich nie wieder bewegen, einfach liegen bleiben, doch der Boden war zu kalt. Er begann zu frieren, was auf Dauer sehr unangenehm war und sein Vorhaben nicht gerade unterstützte. Also gab er es auf und robbte zum Bett. Auf ewig ein Pflegefall. Er war gespannt, wann sie ihm die erste Krankenschwester zuordnen würden, die ihn füttern und waschen sollte. So nutzlos hatte er sich noch nie in seinem Leben gefühlt und er dachte ernsthaft darüber nach, ob sein Leben Überhaupt noch einen tieferen Sinn hatte.

 

Leise klopfte es an der Tür. Jack antworte nicht. Er wollte allein sein, verdammt noch mal. War das nicht mittlerweile bis in die hintersten Ecken vorgedrungen?

Gegen seinen stillen Protest wurde die Tür aufgeschoben und Sam trat ein. Sie machte keinen glücklichen Eindruck. Sie hatte die Veränderung des Colonels nur allzu deutlich zu spüren bekommen. Und sie hatte lange überlegt, was sie tun sollte. So wie es aussah, wollte er ihre Hilfe nicht, kapselte sich immer mehr von den anderen ab und führte sein Leben allein in seinem Quartier weiter. Ohne jegliche Kontakte zu anderen.

"Was wollen Sie denn hier?" War die schroffe Begrüßung, die Jack ihr entgegenbrachte. Obwohl sie damit gerechnet hatte, tat es ihr weh, ihn so zu sehen. Völlig in sich zusammen gesunken auf dem großen Bett. Den Rollstuhl auf der Seite liegend, am anderen Ende des Zimmers. Sie wollte hingehen und ihn wieder aufstellen, doch Jack hielt sie mit einem Befehl zurück.

"Lassen Sie das Ding liegen. Dann muss ich es wenigstens nicht sehen!"

Sam reagierte nicht und rollte den Rollstuhl neben sein Bett.

"Janet schickt mich, Sie sind seit einer halben Stunde überfällig."

"Ich habe nicht vor hinzugehen."

"Aber, Sir..."

"Kein aber! Ich habe Sie nicht gebeten, mir ins Gewissen zu reden, okay!?!"

"So geht es nicht weiter!"

"Ganz recht. Dieses ständige Training bringt doch sowieso nichts, oder haben Sie mich in den letzten Tagen mal rumhüpfen gesehen? Fraiser meinte, es wäre alles wieder in Ordnung, also warum zum Teufel merke ich davon noch nichts?"

"Sie müssen mehr Geduld haben."

"Haben Sie mir überhaupt zugehört? Fraiser meinte es wäre alles wieder in Ordnung! Mein Rückenmark ist verheilt!"

"Ich weiß, Sir."

Sam sah zu Boden, den Griff immer noch fest am Rollstuhl. Janet hatte es ihr erzählt. Und sie machten sich alle ernsthafte Sorgen um den Colonel.

"Sie müssen ihre Beine erst wieder daran gewöhnen."

Jack sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an, als er seine Hände um eines seiner Beine schlang und es anhob, um es direkt danach wieder auf die Matratze wippen zu lassen.

"Sehen Sie sich das doch an. Zu nichts mehr zu gebrauchen. Irgendwann werden sie dünn wie Zahnstocher sein. Die kann man an nichts mehr gewöhnen!"

"Sir!"

Sam stellte sich ihm gegenüber und sah ihn mit diesem flehenden, bittenden Blick an. Sie wußte nicht recht, was sie jetzt erwidern sollte, um den Colonel wieder zur Vernunft zu bringen. Irgendwie konnte sie ihn ja verstehen, doch sie durfte nicht zulassen, das er sich weiterhin so hängen ließ. Er war zu mehr fähig.

"Bitte geben Sie jetzt nicht auf! Ich weiß, dass sie es schaffen können, aber dabei kann ihnen keiner helfen, das liegt bei ihnen, bitte!"

"Ja, es liegt immer an mir. Sie glauben ja gar nicht wie dieses Gesülze mir auf die Nerven geht! Tun Sie mir einen Gefallen und stolzieren Sie mit ihren zwei gesunden Beinen vor die Tür, bevor ich die Beherrschung verliere!"

"Sie wollen mich rauswerfen?"

"Sie haben es erfasst und nun gehen Sie endlich!"

"Nein, das werde ich nicht!"

Sam war fest entschlossen solange hier zu bleiben, bis sie mit einem besseren Gefühl wieder gehen konnte. Ein fester Vorsatz, von dem noch nicht einmal ihre eigene Vernunft sie abbringen konnte.

"Nun hauen Sie schon ab!"

"Nein!"

Jack wollte aufstehen, um seinen Major eigenhändig hinauszubefördern. In seiner Raserei vergaß er dabei jedoch seine Behinderung und kippte vornüber zu Boden. Sam hatte sich sofort zu ihm hinuntergebeugt, um ihm aufzuhelfen, doch er stieß sie weg.

"Ich hoffe, Sie haben jetzt, was sie wollten. Na, gefällt es Ihnen mich so zu sehen?"

"Erniedrigt?"

"Es tut mir leid."

"Gehen Sie endlich...verdammt, nun machen Sie schon!"

Mit schnellen Schritten trat Sam auf die Tür zu und riß sie auf. Ihr Blick verweilte noch einen Moment auf Jack, der alle Mühe hatte, wieder auf das Bett zurückzukehren.

Sie wollte ihm helfen, hatte jedoch auch gemerkt, dass sie mit diesem Vorsatz zu weit gegangen war und trat hinaus auf den Korridor. Angespannt fuhr sie sich durch das kurze, blonde Haar und verschwand dann langsam in den Gängen der Basis.

 

Das Team war vollständig. Bis auf Jack, der sich geweigert hatte sein Quartier zu verlassen. General Hammond war nicht gerade erfreut über den Lauf der Dinge, akzeptierte es jedoch mit dem Vertrauen darauf, dass es da immer noch ein Fünkchen Hoffnung gab, an das sie sich halten konnten.

"Nun, seit Colonel O'Neills Unfall sind nun fast vier Monate vergangenen. Zu meinem Bedauern trat nicht, wie erhofft, eine zügige Genesung ein. Ich habe trotz aller Vorbehalte beschlossen, SG-1 wieder in den aktiven Dienst aufzunehmen, unter der Leitung von Colonel Makepeace. Sie werden Morgen um 0900 starten, irgendwelche Fragen?"

Als Daniel sah, dass keiner reagierte, war er es, der die Hand hob und sich zu Wort meldete.

"Warum Colonel Makepeace? Ich meine Sam...Major Carter wäre doch genau so fähig, ein Team zu führen."

"Nun Doktor Jackson, ich halte es allerdings vorerst für besser einen Colonel einzusetzen, noch irgendetwas?"

Sein Blick streifte über den anwesenden Teil von SG-1. Als sich niemand mehr meldete nickte er und erhob sich.

"Sie können wegtreten."

 

Mit geschlossenen Augen saß er da, den Kopf an die Wand gelehnt und hatte begonnen im gleichmäßigen Takt seine Faust auf seine Oberschenkel schnellen zu lassen.

Vielleicht würde das die Dinger wieder zum Leben erwecken. Bisher hatte es nichts gebracht. Es war auch mehr ein Zeitvertreib, als eine rehabilitierende Maßnahme und da er keinen Schmerz empfand, machte er immer so weiter.

Erneut klopfte es an die Tür und Jack fragte sich ernsthaft, ob die alle nichts besseres zu tun hatten, als ihn zu animieren oder zu bemitleiden. Verdammt, er wollte ihr Mitleid nicht. Er konnte die sorgenvollen Blicke auf seine Behinderung nicht mehr ertragen. Machten sie es ihm doch nur noch schwerer, zu akzeptieren.

Daniel hatte geahnt, dass Jack seine Bitte um Einlaß ignorieren würde und war unaufgefordert eingetreten. Der Colonel beachtete ihn nicht. Wohl immer noch in der stillen Hoffnung, er würde spüren, dass er unerwünscht war und von selbst wieder gehen. Doch der junge Wissenschaftler war vorbereitet.

"Hey."

"Hey."

So, das war nun die Begrüßung gewesen. Ein wenig einsilbig oder? Warum musste sein Freund es ihm nur so schwer machen.

"Wo warst du vorhin?"

"Hier."

"Oh."

"Was willst du?"

"Ich...wollte dir eigentlich nur mitteilen, was General Hammond mit uns besprochen hat."

Als Jack wieder nicht reagierte fuhr Daniel einfach fort.

"SG-1 wird morgen früh wieder auf Mission gehen mit Colonel Makepeace als Kommandierenden Offizier."

"Schön."

"Schön?"

"Mein Gott, Daniel, was erwartest du denn von mir? Dass ich jetzt in Tränen ausbreche? Dass ich einen Wutanfall bekomme? Dass ich General Hammond auf Knien anbettle es nicht zu tun? Oh...Moment, ich werde wohl eher vor ihm auf dem Boden rumrobben müssen. Knien kann ich ja nicht mehr!"

"Ich wollte nur, dass du es weißt."

"Das tu ich jetzt, noch was?"

"Eine Bitte."

"Und die wäre?"

"Ich würde mich freuen, dich im Stargateraum zu sehen, wenn wir abreisen."

"Nein."

"Wenn wir zurückkommen?"

"Gott Daniel, nein!"

"Warum denn nicht?"

"Das weißt du ganz genau!"

"Ich will es aber von dir hören."

Eine Zeitlang wurde es still im Zimmer. Daniel rechnete jeden Moment damit, dass der Colonel mit einem Wutanfall weiterfahren würde. Er fragte sich in diesem Moment selbst, warum er diese Frage gestellt hatte. Er kannte die Antwort doch. Ob er gedacht hatte Jack damit helfen zu können? Wenn ja, dann hatte er eine sehr perplexe Vorstellung von Hilfe.

"Weißt du eigentlich wie weh es tut, zu sehen, wie ein Team nach dem anderen die Basis verlässt und wieder zurückkehrt? Die Arbeit hier war mein Leben! Ich wünsche mir jeden Tag nichts sehnlicher, als aufzustehen und wieder durch das Stargate zu gehen, aber ich kann nicht, werde es nie wieder können. Was sollte ich denn anderes machen? Ohne diese Aufgabe, die mich immer mit Stolz erfüllt hat? Ich kann mir nicht vorstellen, mein restliches Leben hinter einem Schreibtisch zu verbringen und irgendwelchen Papierkram zu erledigen, dafür bin ich nicht geschaffen, verstehst du?"

"Ich würde mich trotzdem sehr freuen."

"Mach dir lieber keine Hoffnungen, die bringen nichts. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede!"

Daniel scharrte mit seinem Fuß noch kurz über den spiegelnden Boden, ehe er sich umdrehte und ging. Er war in der Vergangenheit so oft von dem Colonel überrascht worden, warum konnte das nicht auch für die Zukunft gelten?

 

Das Stargate öffnete sich und lud SG-1 mit dem blau schimmernden Ereignishorizont zur nächsten Reise ein. Daniel hatte sich die ganze Zeit nach Jack umgesehen, doch, wie angekündigt, war dieser nicht erschienen. Gedankenverloren starrte der junge Mann auf die glänzende Oberfläche und erinnerte sich an die Zeiten, als sie zusammen durch dieses Portal zu anderen Welten gegangen waren. Es war jedesmal ein Abenteuer gewesen und sie waren mehr als einmal nur knapp dem Tod entkommen. Das ein Zusammenstoß mit einem DHD alles so aus den Fugen reißen könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Aber bekanntlich kam ja immer alles anders, als erwartet. Das es ihnen nicht gefiel und weh tat, spielte dabei keine ergreifende Rolle. Wie gern würde er es ungeschehen machen. Er hätte Jack mit zu Boden reißen müssen als der Gleiter auf sie gefeuert hatte. Doch es war zu spät.

Ein leiser Seufzer entfuhr ihm, als General Hammond ihnen grünes Licht gab und er den anderen auf die Rampe folgte.

 

Gute drei Stunden waren seit der Abreise von SG-1 vergangen. Drei Stunden, die Jack auf dem Bett liegend verbracht hatte. Vielleicht hätte er doch hingehen sollen. Sie waren immer noch seine Freunde, seine Familie. Er tat ihnen unrecht, sie mit seiner Lage zu belasten, immerhin hatte er ihnen sein Leben zu verdanken. Nur was für ein Leben? Besser als keines? Für seine Freunde schon. Erst jetzt bemerkte er, wie gut er es doch in den letzten Jahren gehabt hatte. Und es begann ihm leid zu tun, wie er auf die Hilfe der anderen reagiert hatte. Sie würden ihm wohl ewig treu bleiben, egal was kam und vielleicht noch kommen würde.

Sein Blick viel auf das schwarze Leder des Rollstuhls, der neben dem Bett stand und auf seinen Einsatz wartete. Von Janet hatte er erfahren, dass die Mission nicht lange dauern würde, wie lang genau jedoch wußte er nicht. Ihm wurde klar, dass er ihnen etwas schuldig war und so hievte er sich in den Rollstuhl, öffnete die Tür und fuhr langsam zum Fahrstuhl, der ihn auf die untere Ebene bringen sollte.

Die Sicherheitstüren waren noch geöffnet und so war es ein Leichtes, in den Stargateraum zu gelangen. Er stellte sich an die Wand, den Blick auf das Stargate gerichtet, das in diesem Raum prangte und seine unsichtbare Magie verteilte. Wie schnell doch alles zur Gewohnheit werden konnte. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er zum ersten Mal durch diesen Steinernen Ring getreten war. Seit dem ist viel passiert. Er hat viele Freunde verloren, neue hinzugewonnen. Es schien sich auszugleichen und war doch jedesmal eine Erfahrung für sich.

Gut wie schlecht. Er hätte noch ewig so dasitzen und über das Erlebte philosophieren können, als das Stargate von der anderen Seite aktiviert wurde.

Es stürmten keine Wachen in den Raum, um die Basis zu schützen, also rechnete er damit, dass seine Leute zurückkommen würden.

Die blaue Fontäne schoß in den Raum und vier Gestalten rollten die Rampe runter.

Zwei davon rappelten sich nicht mehr auf. Alle waren mit Dreck und Blut verschmiert, Colonel Makepeace rief nach den Sanitätern, die sofort kommen sollten.

Jack hörte das nicht. Er sah nur wie Sam und Daniel auf dem Gitter lagen, verwundet und bewußtlos.

"Oh mein Gott." Entfuhr es ihm. Er fuhr zur Rampe um nach ihnen zu sehen. Doch sie waren immer noch zu weit weg.

"Sam! Daniel!"

Er bekam keine Antwort, sondern sah nur den gehetzten Blick des anderen Colonels und den besorgten von Teal'c dazu.

 

'Ich muss zu ihnen,' schoß es ihm durch den Kopf. Aber wie? Die verstreichenden Sekunden kamen ihm wie Stunden vor. Eine Ewigkeit in der seine Freunde nicht die nötige Hilfe bekamen. Er stieß sich von seinem Rollstuhl ab und für einen Moment hätte man meinen können, seine Beine hätten Halt gefunden, bevor sie jedoch zusammen knickten und Jack auf den Boden warfen. So schnell er konnte zog er sich an dem Gitter hoch. Colonel Makepeace hatte sich über Sam gebeugt und versuchte sie zum sprechen zu bringen, während er schwer atmend neben Daniel stoppte und in das schmutzige Gesicht sah.

"Daniel?"

Er hatte solche Angst davor, dass der jüngere Mann ihm nicht antworten würde, doch dieser ließ sich zwar Zeit, öffnete schließlich doch die Augen und sah Jack müde an.

"Du bist ja doch gekommen."

"Den Auftritt lass ich mir doch nicht entgehen."

Daniel versuchte zu lächeln, überzeugend war es jedoch nicht.

"Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder." Versuchte Jack ihn weiter wach zu halten.

"Wenn du das sagst."

Die Hand des Colonels fuhr vorsichtig über die verbrannte Stelle an Daniels Oberkörper, die den Geruch von verbranntem Fleisch im Raum verteilte.

"Goa'uld?"

Daniel nickte. Die Augen mittlerweile wieder geschlossen und auf die Sanitäter wartend.

"Wir brauchen Hilfe!" Schrie Jack und sah sich nach Janet um, die endlich mit ihren Helfern in den Stargateraum stürmte und sich um die Verletzten kümmerte. Alles geschah ziemlich schnell, und doch war es für Jack zu langsam. Er stieß den Sanitäter zur Seite, der Daniel auf die Trage ziehen wollte, stand auf und tat es selbst. Als ob das einen Unterschied gemacht hätte.

Janet hatte ihn erschrocken gemustert, sich dann jedoch wieder an ihre Patienten gewendet.

Zwei Soldaten nahmen die Trage und hoben sie in die Höhe. Noch bevor sie verschwanden, öffnete Daniel wieder die Augen und lächelte Jack an.

"Ich hab gewußt, dass du es schaffst."

 

Jack brauchte eine Weile um zu verstehen, was Daniel damit gemeint hatte. Er sah an sich herunter und stellte fest, dass er stand. Tatsächlich, er stand! Er spürte seine Beine wieder!

Langsam, aber sicher gaben seine Knie erneut nach und prallten auf das kalte Gitter. Jack ließ sich auf den Rücken nieder und starrte an die Decke. Sie hatten wieder den Dienst versagt und weigerten sich auch jetzt, sich wieder aufzurichten, aber für den Bruchteil einer Sekunde hatte er sie gespürt. Das es erst soweit kommen musste, hätte er nicht gedacht. Aber das wurde nebensächlich. Sam und Daniel würden schon wieder auf die Beine kommen. Genau wie er. Jetzt gab es wieder Hoffnung.

 
Ende

 
Du bist der 1286. Leser dieser Geschichte.