Zurück
 

In the End

© by Natascha/Norynia ()

 

Disclaimer: Die Serie Highlander und alle Figuren daraus gehören Panzer/Davis und Rysher Entertainment. Es wird hiermit kein Geld verdient. Archivierung nur mit Erlaubnis des Autors.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion

 

Es ist kalt. Ich glaube, inzwischen ist jeder einzelne Knochen in meinem verfluchten Körper von einer spiegelglatten Eisschicht bedeckt. Meine Finger sind taub, doch egal, wie tief ich meine Hände in meinen Taschen vergrabe, es kehrt kein Gefühl mehr in diese dünnen Glieder zurück. Meine Beine spüre ich schon länger nicht mehr. Aber eigentlich brauche ich das nicht, zumindest nicht im Moment. Solange ich noch stehen kann, kann es mir egal sein. Mehr tue ich auch schon seit Stunden nicht mehr. Ich kam hier an, als die Sonne hoch am Himmel versuchte, wenigstens etwas Wärme durch die dichte, schneebehangene Wolkendecke zu bringen. Ich stand noch hier, als sie aufgab und sich in den Westen verabschiedete, und ich stehe immer noch hier, als sich die Sterne und der Mond durch den milchig erscheinenden Himmel kämpfen. Der Wind hat wieder nachgelassen, zerrt nicht mehr an meinem Mantel, den ich eng um meinen schmalen Körper geschlungen trage. Meinen Wintermantel. Dennoch ist er wohl zu dünn für diese Jahreszeit, sonst würde ich nicht frieren. Oder liegt es nur daran, dass ich mich seit Stunden nicht mehr bewegt habe? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich habe keine Ahnung, und ich habe auch keine Lust, mir Gedanken darüber zu machen. Eigentlich kam ich mit dem Vorsatz, 'Hallo' zu sagen. In deiner Nähe zu sein, aber wenn ich ehrlich bin, will ich mich wohl nur verabschieden. Denn das konnte ich nach deinem Tod nicht. Erst nach deiner Beerdigung habe ich davon erfahren. Und ich erfuhr auch, wie, wo und durch wen du gestorben bist. Aber es bringt mir nichts, war ich doch nicht da, und kann ich auch nicht in die Vergangenheit reisen, um das zu korrigieren. Ich kann nur mit dem Wissen hier stehen, nicht da gewesen zu sein, als du mich wirklich gebraucht hast. Und dieser Gedanke ist es auch, der mich schon so lange hier hält. Nicht allein der Gedanke, viel mehr die Schuld, die mich zur Verzweiflung treibt.

 

Kyle Kast, nicht wahr? Das war sein Name. 1300 Jahre alt. Seit 50 Jahren in Amerika und erst seit vier Wochen in Seacouver. Geboren in York. England. Waffenfetischist mit einer Vorliebe für kleine Jungs. Warst du ein kleiner Junge für ihn? Weil du noch so jung warst? Jung im Vergleich zu mir, im Vergleich zu ihm? Du warst sein erstes Opfer, das einen solchen Altersunterschied zu ihm zeigte. Aber es ist egal, was du für ihn warst. Er ist tot. Ich habe ihn gefunden, und ich habe seiner Existenz ein Ende bereitet. Ich wollte dich rächen, ich wollte ihn dafür büßen lassen, dich jemals angefasst zu haben. Doch als das Quickening vorbei war, und mein Körper begann, es zu filtern, spürte ich noch dieselbe verzweifelte Trauer wie zuvor. Und denselben Hass auf mich selbst. Sein Tod hat mir keine Genugtuung gegeben, und ich frage mich, was ich mir davon versprochen habe. Ein reines Gewissen? Wie kann ich solches jemals erlangen, wenn ich doch weiß, dass du noch am Leben wärest, wenn ich da gewesen wäre? Bei dir gewesen wäre? Du würdest noch leben, und wir würden wie zuvor nicht an ein Ende denken, glücklich sein, und fast schon zu unbeschwert. Das war es vielleicht auch, dieses unbeschwerte Gefühl, das uns mit einer fadenscheinigen, falschen Sicherheit einlullte. Wir waren uns zu sicher. Zu glücklich. Zu leichtsinnig. Ist das normal, wenn man verliebt ist? Ich glaube schon, ja. In Anbetracht dieser Tatsache muss es falsch sein zu lieben. Gefährdet es doch unser Leben, denn auch, wenn wir unsterblich sind, ist das keine Garantie. Aber wem sag ich das? Ich möchte lachen, doch das einzige, was aus meiner trockenen Kehle dringt, ist ein schmerzhaftes stöhnendes Geräusch.

 

Ich weiß, was du jetzt sagen würdest: Ich soll mir keine Vorwürfe machen. Ich soll mich umdrehen und nach Hause gehen, bevor ich hier draußen erfriere. Aber wozu? Ich wache ja doch wieder auf. Ein einfacher Tod bleibt mir verwehrt. Ich bin verflucht mit diesem Körper. Wie jeder von uns. Doch viele nennen es einen Segen, und wir taten es auch, aber jetzt, hier, ist es für mich nur ein Fluch, den ich loswerden will, jedoch weiß, ihm nicht entfliehen zu können. Habe ich nicht schon genug erlebt? Wurden mir nicht schon genug Menschen genommen? Habe ich nicht schon genug ertragen müssen? Die Schwelle vom Leiden zum Selbstmitleid ist schwach, mein Freund. Und man spürt es erst, wenn man im Begriff ist, sie zu überschreiten. Die einen gehen trotzdem weiter, die anderen schrecken zurück. Was mache ich? Ich bleibe einfach stehen. Unwillig, mich jemals wieder zu bewegen. Du hättest mich jetzt gepackt und einfach hinter dir hergezogen. Mit Gewalt etwas Gutes getan. Denn du wusstest, wie ich war, und wie man mich in gewissen Situationen behandeln musste. Aber jetzt... jetzt ist niemand mehr da, der es tut, und wenn doch, würde ich ihn abweisen, von mir stoßen. Du warst der einzige, dem ich oft mehr von mir preisgegeben habe, als ich wollte. Du warst der einzige, der soviel von mir wusste. Und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass du auch der einzige bleiben wirst. Denn du wusstest Dinge, kanntest Arten an mir, die mir selbst verschlossen blieben. Der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung. Ich habe ihn selten bemerkt, nur wenn du mich mit der Nase draufgestoßen hast. Sogar das vermisse ich. Deine oft forsche Art, wenn du deinen Standpunkt verdeutlichen wolltest. Und sogar deine Schwarz-Weiß-Ansicht, die ich dir nie austreiben konnte. Wir waren sehr unterschiedlich. In vielerlei Hinsicht. Du hast gehört und verurteilt. Ich habe gehört und akzeptiert. Du warst hoffnungslos romantisch und hast dir immer viel Mühe gegeben. Ich habe dich gleich ins Bett gezerrt. Gegensätze ziehen sich an, nicht wahr? Wir haben uns gegenseitig ergänzt. Wir waren, wie wir waren, und das war das einzig richtige. Aber was sind wir jetzt? Wo es dieses *wir* doch nicht mehr gibt. Es heißt Liebe kann Berge versetzen, aber was bringt sie mir, wenn ich damit den einzigen Menschen, der mir wirklich etwas bedeutete, nicht beschützen konnte?

 

Seit deinem Tod habe ich oft an das Gathering denken müssen. Ob ich es wohl noch erleben werde? Ich weiß es nicht. Mein Überlebenswille hat einen langen Riss bekommen, und ich weiß nicht, ob er sich je wieder regenerieren wird. Aber was mich am meisten beschäftigt: Was hätten wir getan, wenn wir beide es bis zum Gathering geschafft hätten? Was hätten wir getan, wenn womöglich wir zwei die letzten gewesen wären? Hätten wir uns vertrauen können? Es kann nur einen geben... so heißt es. Wären wir dem gefolgt? Oder wäre unsere Liebe stärker gewesen? Wenn du mich das vor ein paar Wochen gefragt hättest, hätte ich ja gesagt. Dass unsere Liebe stärker wäre. Doch wie viel Wahrheit liegt in Worten, die etwas beschreiben, was man noch nie erlebt hat? Was ist Vertrauen, vor dem Tag, an dem sich alles entscheidet? Sollte ich froh darüber sein, dass es jetzt niemals zu einem Kampf zwischen uns kommen kann? Ich weiß es nicht. Es gab immer nur diese zwei Optionen, und keine von beiden gefiel mir. Doch das muss sie auch nicht. Denn jetzt ist es zu spät. Option weggefallen. Wir wurden nicht nach dem gefragt, was wir wollten. Und selbst wenn ich nicht an das Schicksal glaube, muss ich doch einsehen, dass es etwas ähnliches wohl gibt. Ich verfluche dieses Wissen, jedes Wissen. Ich wünschte, ich könnte mich hinsetzen, und müsste nie wieder aufstehen. Einschlafen und nie wieder aufwachen. Doch es ist egal, was ich mir wünsche, denn nichts davon wird jemals wahr werden. Ich bin mit einer traurigen Existenz gestraft, die sich erst zeigt, wenn ich wirklich glücklich bin. Denn sobald ich es geschafft habe, jegliche Sorgen hinter mir zu lassen, kommen sie mit einem Mal zurück. Stärker als jemals zu vor. Wie ein Bumerang, der bei seinem Flug noch an Geschwindigkeit zunimmt. Oder der angehalten und von etwas Stärkerem mit mehr Schwung geworfen wird und mich in seiner Bahn streift. So war es immer, doch dieses Mal hat er mich voll getroffen und zu Fall gebracht. Und ich diesmal werde ich nicht mehr aufstehen. Ich habe keinen Grund mehr dazu.

 

Du steckst jetzt in mir. Von dem Moment an, an dem ich deinen Mörder tötete; aber ich kann dich nicht spüren. Vielleicht sperre ich mich, keine Ahnung, aber ich spüre gar nichts mehr, außer dieser Verzweiflung, die sich nicht ersticken lässt. Aber am Ende ist es auch nicht wichtig. Denn da bin ich jetzt. Am Ende. Vielleicht wird es wieder einen neuen Anfang geben, aber nicht für mich.

 

Der Wind nimmt wieder zu. Es wird noch kälter. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, die Kälte kriecht durch jede Faser meiner Kleidung. Ich sollte wirklich gehen. Also dann, Duncan. Mach's gut. Ich verabschiede mich an deinem Grab, sozusagen als Symbol für deine Anwesenheit, wie auch immer. Ich werde jetzt zu dem Ort gehen, den wir mal unser zu Hause nannten. Ich weiß noch nicht, wie lange ich dort bleiben werde, vielleicht ziehe ich heute nacht noch um, denn alles dort erinnert mich an dich. Das tut weh. Auch wenn es eine gerechte Strafe sein mag, so strafe ich mich lieber anders. Ich werde wohl weit fort gehen. Das Land verlassen. Du kennst mich, ich bin ein Vagabund. Nur konntest du mich die letzten Jahre an einem Ort halten. Du warst mein Anker, und ohne dich treibe ich einfach weiter. Wenn wir normale Sterbliche wären, könnte ich vielleicht sagen, dass wir uns auf der anderen Seite treffen, da wir das aber nicht sind... Vielleicht kannst du mir verzeihen, aber vergessen wirst du nicht. Bei mir ist es gerade umgekehrt. Ich werde vielleicht manchmal vergessen können, aber mir nie verzeihen. Ich habe nicht nur deinem, sondern gewissermaßen auch meinem eigenen Leben ein Ende gesetzt. Welch Ironie.

 

Leb Wohl, Duncan. Was auch immer du jetzt tust, mach's besser als ich.

 
Ende

 
Du bist der 1285. Leser dieser Geschichte.