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Der Mörder mit dem Dolch© by Glißmann, Petra Michaela ()
"Lizzy!" Deirdre wagte ihren Augen kaum zu trauen, als sie ihre Lehrmeisterin wahrnahm. Sie hatte beim Spüren des Buzzes mit allem gerechnet, allem voran, dass sie auf einen der MacLeods treffen würde, aber definitiv nicht damit Lizzy wiederzusehen. Freudig fiel sie der Mentorin und Freundin in die Arme. "Was, um Himmels Willen, machst du denn hier?" Deirdre sah die zierliche, brünette Frau fragend an. Lizzy hatte sich kaum verändert. Sie trug die langen Haare wie immer geflochten, wirkte weiterhin kräftig und gelenkig und ihre Augen strahlten Gutmütigkeit aus. Ihr Teint war sonnengebräunt, so als ob sie die Sonne Australiens nie verlassen hätte. Deirdre staunte wieder einmal über die auffallende Widersprüchlichkeit ihrer Lehrmeisterin. Lizzy strahlte einerseits Stärke und eine gewisse Unverletzbarkeit aus, andererseits wirkte sie, als wenn sie keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Dazu kam, dass sie sehr jung aussah, optisch 18, höchstens 19 Jahre alt. Eine sehr hübsche Frau auf der einen, nahezu unantastbar auf der anderen Seite. Die Erinnerung an ihre erste Begegnung mit dieser faszinierenden Frau erfüllte Deirdres Gedanken.
Die Sonne strahlte wie immer glühend heiß auf die weite Ebene hinab, welche die junge Irin durchquerte. Sie war auf dem Weg in die Stadt, eilte über die staubigen Wege um der drückenden Hitze schnellstmöglich zu entkommen. Eigentlich hatte einer der Männer sie begleiten sollen, doch Deirdre hatte sich davongestohlen, bevor einer von ihnen zur Stelle war. Die junge Auswandererin hatte keinerlei Befürchtungen, dass ihr etwas zustoßen könnte. Sie zog es vor sich alleine zu bewegen. Weiterlaufend nahm sie plötzlich in der Ferne einen Reiter wahr, der auf sie zugeritten kam. Schlagartig befielen sie heftige Kopfschmerzen, ihr wurde schwindelig und sie hätte fast den Korb, den sie trug, fallen lassen. Doch so schnell dieses akute Unwohlsein aufgetreten war, so schnell war es auch wieder verflogen. Sie konnte sich diesen kurzen heftigen Anfall nicht erklären. Der Reiter kam näher und die blonde, zierliche Irin erkannte, dass es sich um eine Frau handelte, die ihr Pferd direkt vor ihr zum Stehen brachte. Braungebrannt, die Haare zu einem langen Zopf geflochten, sah die Fremde Deirdre an. "Elizabeth Dulbert." Die dunkelhaarige Frau sprang von ihrer fuchsbraunen Stute und zog ein Schwert. Sie wartete einen Moment auf eine mögliche Reaktion. Doch Deirdre sah sie lediglich regungslos an. "Wo ist dein Schwert?" Die Irin starrte die Frau, die wohl einige Jahre jünger als sie selbst war, mit großen Augen an. Sie wusste nicht, was diese Begegnung bedeuten sollte. Wieso sprach diese Fremde von einem Schwert? Deirdre besaß keine Waffe, nicht einmal ein Gewehr oder einen Revolver, welche sich im Busch als sehr nützlich erweisen konnten. Aber ein Schwert? Auf die Idee wäre sie sicher nicht gekommen. Die Zeiten waren doch schon lange vorbei. "Was...", stammelte sie, "ich habe kein Schwert. Wieso Schwert?" Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie die junge Reiterin an. Diese lächelte plötzlich wissend. "Du hast keine Ahnung? Du Ärmste. Ich glaube, es gibt einiges, was du erfahren und noch mehr, was du in der nächsten Zeit lernen musst." Deirdre verstand zwar immer noch nicht, was da um sie herum geschah, aber sie fühlte sich plötzlich wohl und geborgen. Ihr würde nichts passieren. Ein Bild tauchte vor ihren Augen auf: Sie und die Fremde, beide mit Schwertern bewaffnet, standen sich gegenüber. Doch seltsamerweise war diese Szene nicht von Angst begleitet. Das Bild verschwamm sofort wieder. Obwohl sie nichts Genaues wusste, ahnte die Irin, dass sich ihr Leben von dem heutigen Tag an schlagartig verändern würde.
* * * * *
Während Deirdre in Gedanken noch bei der Zeit war, die dann folgte, ihre Kampfausbildung, die Flucht von Kates Farm und die ersten Auseinandersetzungen mit dem Leben einer Unsterblichen, sprach Lizzy sie mehrfach an. "Hey, bist du noch da?" "Ja. Ich war gerade nur in Gedanken weg. Genaugenommen gut 170 Jahre weg. Aber du hast mir immer noch nicht verraten, was du ausgerechnet hier machst." Lizzy sah Deirdre mit unbestimmten Blick an. "Ich suche jemanden, einen Unsterblichen. Er hält sich nicht an die Regeln und tötet hinterrücks. Ein feiger Killer." "Und du suchst ihn hier?" " Ich weiß, dass er hier ist. Ich kenne nur leider seinen Namen nicht und habe ihn bisher nur einmal aus der Ferne gesehen. Ich weiß lediglich definitiv, dass er Engländer ist." Deirdre durchfuhr für einen winzig kleinen Augenblick ein Gedanke, den sie aber sofort wieder von sich schob. Es gab sicher mehrere englische Unsterbliche, die sich zur Zeit in dieser Metropole aufhielten. Die Tatsache, dass sie von einem wusste, der sich derzeit mal wieder bei einem guten Freund in Paris aufhielt, war ja völlig irrelevant. Außerdem war dieser Mann nie und nimmer ein heimtückischer Killer. Der Gedanke wurde sofort wieder verbannt. Deirdre wechselte das Thema. "Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen?" "Das dürfte schon so an die 30 Jahre her sein. Ich denke mal, wir haben uns eine ganze Menge zu erzählen."
* * * * *
Nacht. Stille und Dunkelheit. Ein fahler Mond, gerade wieder zunehmend, warf ein spärliches Licht auf die düstere Gasse. Eine dunkle Gestalt eilte den Weg entlang, blieb dann plötzlich stehen. Sie drehte sich mehrfach um und griff unter den langen Mantel. Etwas Metallenes glänzte im blassen Mondlicht. Die Person klammerte sich an dem Metall fest, welches man mühsam in der Dunkelheit als Schwert ausmachen konnte. Plötzlich schoss etwas pfeilschnell durch die Luft und traf die Gestalt mit dem Mantel. Sie sackte mit einem unartikulierten Laut zusammen, röchelte. Eine Männerstimme durchschnitt die Dunkelheit. "Zeit zu sterben." Aus einer besonders düsteren Ecke trat die zweite Gestalt hinzu. Diese ergriff das Schwert der sich windenden Person, hob es an und führte einen Schnitt in Halshöhe aus. Der Körper, nun vom Kopf getrennt, fiel endgültig vorne über. Für einen Augenblick gab es eine gespenstische Ruhe. Doch dann tobte plötzlich ein heftiges Gewitter los.
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Nachdem Deirdre abends vergeblich versucht hatte Duncan MacLeod in seinem Hausboot aufzusuchen, hatte sie sich in dem selben kleinen Hotel ein Zimmer genommen, in dem auch ihre alte Lehrmeisterin logierte.
Nach einer geruhsamen Nacht in dem herrlich weichen Hotelbett begab Deirdre sich zum Frühstücksbüffet, wo sie hoffte Lizzy anzutreffen. Tatsächlich fand sie die Freundin dort vor. Diese sah jedoch nervös und angespannt aus. Sie starrte vor sich hin und rührte das Baguette auf dem Teller vor sich gar nicht an. "Lizzy?" Deirdre betrachtete die schlanke Frau aufmerksam. Für einen kurzen Moment dachte sie an das, was sie über deren Herkunft wusste. Sie entstammte einem längst ausgestorbenen Stamm von Frauen - den Amazonen. Doch wie sie jetzt so trübselig am Tisch saß, war von der Natur der Kriegerin nicht allzu viel zu sehen. Lediglich eine gewisse Aura umgab sie, die ihr eine mysteriöse Ausstrahlung gab - eine Ausstrahlung einer längst vergangenen Zeit. Lizzy sah von ihrer Teetasse auf. "Deirdre. Ich hoffe, du hast gut geschlafen." Ihr Tonfall passte keineswegs mit ihrer Aussage zusammen. Er klang apathisch und gleichgültig. "Was ist geschehen?" Deirdres Stimme blieb gleichmäßig und ruhig. Auf diese Weise durchbrach sie die unsichtbare Mauer, die Lizzy umgab. "Tom ist tot", stieß die Angesprochene hervor. Deirdre konnte sich nicht entsinnen einen Tom zu kennen, von dem Lizzy hätte sprechen können. Dennoch ermunterte sie die Freundin weiter zu sprechen. Aus den anfangs recht zusammenhangslos erscheinenden Wortfetzen bildeten sich klarere Strukturen und Deirdre begann zu verstehen, was sie da zu hören bekam. Tom war ein guter Bekannter Lizzys gewesen, ein Unsterblicher, der das Kämpfen aufgeben wollte. Er wollte nicht mehr das ewige Spiel auf Leben und Tod mitmachen. Die ständigen Kämpfe gegen andere Unsterbliche, die alle der eine sein wollten, den es am Ende nur geben konnte, all die Enthauptungen und Quickenings, die in seinem Umfeld stattfanden, all dies konnte und wollte er nicht mehr ertragen und zog sich aus dem Spiel zurück. Lange Zeit lebte er auf heiligem Boden. Seit einigen Tagen war er mit seiner Lebensgefährtin in der Stadt um in Darius' Kirche für den verstorbenen Priester, von dessen Tod er erst vor einigen Wochen gehört hatte, zu beten. Er war es auch, der Lizzy von den heimtückischen Morden an anderen Unsterblichen in Kenntnis gesetzt hatte. "Und nun ist er selber tot", fuhr sie fort. "Die Sache hat noch einen traurigen Nebeneffekt. Coline, seine Freundin, wusste nichts von seiner Unsterblichkeit - und sie wusste noch etwas nicht... Sie ist dazu bestimmt ebenfalls ein solches Leben zu führen." Deirdre blickte sie verwundert an. "Wie kannst du so etwas sagen?" "Es gibt eine Gabe, die nur wenigen unserer Art vergönnt ist. Sie lässt es uns spüren, so wie wir die Anwesenheit anderer Unsterblicher ja auch spüren. Die Empfindung ist ein wenig anders und es dauerte, bis ich begriff, was dieses Gefühl bedeutete. Tom besaß diese Gabe auch. Er ließ sich trotz seines Vorwissens auf eine Beziehung zu dieser Frau ein. Ich werde sie nachher aufsuchen. Wenn du magst, kannst du mich begleiten. Sie weiß noch nichts von dem entsetzlichen Geschehnis." "Wie ist Tom denn gestorben?" hakte die Irin vorsichtig nach. Die brünette Frau lachte bitter auf. "Na wie wohl? Durch eine Enthauptung. Mit seinem eigenen Schwert! Ihm steckte ein Dolch im Rücken, der mitten ins Herz getroffen hatte. Derselbe Dolch wie bei den anderen auch." Wut stand der Frau in die Augen geschrieben. "Wenn ich diesen Bastard nur zu fassen kriege..." Deirdre wusste genau, wie ernst Lizzy diese Drohung meinte. Die Kraft der Amazonenkriegerin war wieder da. Wenn es vorher nur die Jagd nach einem feigen Killer gewesen war, so hatte die Sache jetzt eine persönliche Wende genommen. Und Deirdre wusste, dass man eine Amazone niemals auf diese Art und Weise reizen durfte...
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Die Seine funkelte im Sonnenlicht. Die junge Frau, die an ihr entlang schlenderte, betrachtete scheinbar konzentriert das Spiel der Wellen, die sich im Flusswasser kräuselten. Innerlich allerdings wälzte die Irin schwere Gedanken. Sie war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite war sie doch extra in Paris um Duncan einen Besuch abzustatten. Sie hatten den Zeitpunkt so gewählt, dass sie auch Tristan antreffen würde, bevor sie wieder für einige Zeit nach Australien ging. Auf der anderen Seite war da jetzt Lizzy, der sie gerne beistehen würde. Dieser innerliche Zwiespalt nagte ein wenig an ihr und sie suchte fieberhaft nach einer Lösung, die beide "Freundschaftsaktionen" unter einen Hut brachte. Außerdem bereitete ihr der Gedanke an diesen hinterhältigen Killer Sorgen. Tom war laut Lizzys Schilderungen ein ausgezeichneter Schwertkämpfer gewesen, so er denn überhaupt noch diese Waffe benutzte. Doch, wie dem auch sei, er hatte einfach keine Chance gehabt. Einfach so, aus dem Hinterhalt. Nach welchem Prinzip ging der Mörder vor? Konnte es auch sie und ihre Freunde treffen? So sehr in ihre Gedanken vertieft hatte Deirdre beinahe nicht wahrgenommen, dass sie bereits die Anlegestelle von Duncans "Nobile" erreicht hatte. Doch nun spürte sie das altbekannte Gefühl - den Buzz. Ein rasender Kopfschmerz durchzuckte sie, während sich die Welt in atemberaubender Geschwindigkeit drehte. Für einen kurzen Augenblick waren Zeit und Raum aufgehoben. Doch wie immer dauerte dieser Zustand nur für den Bruchteil einer Sekunde an. Schon nahm sie die Welt wieder mit allen Sinnen klar wahr. Eine Gestalt erschien an Deck des Hausbootes. Braungebrannt, die langen Haare im Nacken zusammengenommen, stand Duncan dort. Seine muskulöse Silhouette hob sich dunkel vom hellen Hintergrund ab. Eine zweite Gestalt betrat das Deck. Tristan. Im Gegensatz zu Duncan war der hochgewachsene, junge Mann ein heller Typ. Mittelblonde Haare, blaue Augen. Aufrecht stand der sportliche Engländer dort und betrachtete den Neuankömmling. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht ging Deirdre auf die beiden attraktiven Männer zu. "Hi!" Die Männer begrüßten sie herzlich. Dann entschuldigte sich Duncan MacLeod für seine Abwesenheit am Vorabend. Wegen dringender Antiquitätengeschäfte hatte er Deirdres Ankunft nicht abwarten können. "Eigentlich hatte Tristan dich erwarten sollen, aber offensichtlich ist das schiefgelaufen, da er auch noch unterwegs war. Sorry, ist alles ein bisschen dumm gelaufen." Mit einem entschuldigenden Dackelblick sah der Highlander die irische Freundin an. Sie beide wussten, dass sie diesem Blick nicht widerstehen konnte. Er erinnerte sie stark an Higgy, den kleinen, frechen Mischling aus ihrer Kindheit. Der kleine Hund mochte ausgefressen haben, was er wollte, sobald er nachher seine Leute mit jenem Blick ehrerbietig anschaute, war auch die größte Dummheit vergessen. Hätte Deirdre nicht hundertprozentig sicher sein können, dass der Schotte diesem Rüden niemals in seinem Leben begegnet war, hätte sie angenommen, dass er diesen treuen Blick mit fleißigem Üben von Higgy abgekupfert hatte. "Schon gut." Sie lachte. Tristan, der die Situation offensichtlich richtig erfasst hatte, stand mit einem breiten Grinsen neben den beiden alten Freunden. "Wollen wir hier jetzt noch lange an Deck herumstehen oder gönnen wir uns jetzt einen guten Tropfen?" Der Engländer ergriff die Initiative. Die beiden nahmen den Vorschlag an und setzten sich gemütlich auf einen Drambuie zusammen. Nach einigem allgemeinen Schwatzen kam die Rothaarige auf das Thema zu sprechen, welches ihr seit dem Morgen auf dem Herzen lag. Über all der Heiterkeit und Fröhlichkeit im Beisein ihrer Freunde hatte sie für einige Zeit das tragische Ereignis im Bekanntenkreis ihrer Mentorin vergessen. Doch nun berichtete sie ihren Freunden von dem Vorfall und von dem feigen Killer, der zur Zeit Jagd auf Unsterbliche in Paris machte. "Ich kann so eine miese Art einfach nicht verstehen. Und die Unberechenbarkeit des Täters macht mir Angst. Wer garantiert mir denn, dass nicht einer von uns der Nächste ist?" Sie blickte die beiden Männer an. Ihre Gesichter zeigten sowohl Betroffenheit als auch Unverständnis und Ärger. Für einen Moment dachte Deirdre, Tristan würde ihrem Blick ausweichen. Sie bildete sich ein, eine Veränderung wahrgenommen zu haben. Doch schon in der nächsten Sekunde hatte er wieder den selben bestürzten Gesichtsausdruck wie Duncan. "Glaubst du, du kannst irgendetwas tun?" Der Schotte betrachtete die jüngere Frau aufmerksam. Er wusste um ihren Drang ständig helfen zu wollen, insbesondere wenn es gute Freunde betraf. "Nein", gab sie traurig zu, "nicht solange wir nicht wissen, wer der Killer ist. Gegen ein Phantom, von dem man nicht weiß, wo es als nächstes auftauchen wird, kann man nichts ausrichten." "Glaubst du nicht auch, dass Elizabeth dem Spuk schon längst ein Ende gesetzt hätte, wenn sie auch nur die leiseste Chance hätte seiner habhaft zu werden?" Deirdre nickte. "Du hast ja recht, wie so oft. Mich wurmt nur diese Hilflosigkeit. Ich sehe, dass Unrecht geschieht - und kann doch nichts dagegen unternehmen." In einer Art beschützerischen Geste legte Duncan seinen Arm um die Schultern der Irin. Tristan starrte derweil auf sein halbleeres Glas. Um der traurig melancholischen Stimmung ein Ende zu setzen lenkte Duncan das Thema auf erfreulichere Dinge. "Ich habe gestern ein herrliches Stück erstanden." Fortan kreiste das Gespräch um Antiquitäten und die Sorgen war fürs Erste vergessen.
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Gegen Abend kehrte Deirdre ins Hotel zurück um ihre Sachen zu holen. Sie wollte nun, wie ursprünglich geplant, die paar Tage, die sie in Paris bleiben würde, auf dem Hausboot verbringen. Duncan hatte Amandas Rückkehr für die nächsten Tage angekündigt und Deirdre freute sich schon darauf die lebensbejahende Frau wiederzusehen. Sie erinnerte sich noch lebhaft an die erste Begegnung mit Duncans derzeitiger Lebenspartnerin, als Amanda ihr alles andere als freundlich gegenübergetreten war. Aber Deirdre hatte es mit einer entwaffnend freundlichen Art geschafft die offensichtlich eifersüchtige Frau schnell zu besänftigen. Trotz der sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten waren die beiden Frauen schnell Freundinnen geworden. Ein erneutes Zusammentreffen versprach sehr lustig zu werden. In der Halle traf Deirdre auf Lizzy, deren Anwesenheit sie sofort wieder körperlich spürte. Doch sie spürte noch etwas. Etwas sehr Schwaches, fast zart und zerbrechlich - und doch glich es dem Buzz, schien ein sanftes Double zu sein, das nur feinfühlige Unsterbliche wahrnehmen würden. Sie blickte die Frau neben Lizzy an - und wusste. Dies war Coline. Siedend heiß fiel Deirdre ein, dass sie angeboten hatte Lizzy zu begleiten. Doch vor lauter Begeisterung Duncan und Tristan wiederzusehen war ihr das völlig untergegangen. Schleunigst entschuldigte sie sich bei der Mentorin und stellte sich der Fremden vor. Coline lächelte höflich, konnte aber die tiefe Trauer in ihren blassblauen Augen nicht verbergen. "Es tut mir so leid, was geschehen ist", stammelte Deirdre und ging um ihre Sachen zu holen. Sie wusste nicht, wie sie hätte helfen können. Als sie mit ihrem Gepäck erneut die Halle durchquerte, waren die beiden Frauen noch dort. Sie gab Lizzy Duncans Telefonnummer. "Dort bin ich für die nächsten Tage zu erreichen. Oder zur Not über Handy. Falls du reden willst, falls ich helfen kann oder falls wir gemeinsam noch etwas unternehmen wollen, bevor ich gen Australien aufbreche. Schade, dass unser zufälliges Treffen von so traurigen Geschehnissen überschattet ist." Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete sie sich von der Freundin und begab sich zu dem Taxi, das sie bestellt hatte.
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Die nächsten Tage vergingen wie im Fluge. Deirdre und die beiden Männer unternahmen viel und saßen abends meistens in Joes "Le Blues Bar". Joe Dawson leistete ihnen auch gerne Gesellschaft, sofern es seine Zeit zuließ. Er war ein angenehmer Gesprächspartner, der nach dem einen oder anderen Glas Whisky gerne Geschichten aus seiner Freundschaft mit Duncan MacLeod erzählte. Deirdre war immer wieder erstaunt, wie locker dieser Sterbliche mit der Kenntnis über die Unsterblichen umging. Diesen Mann umgab ein Geheimnis, fühlte Deirdre. Er wusste oft, wie er an bestimmte Informationen kam und schien so viele Unsterbliche zu kennen. Für Deirdre war dies ein Rätsel, eine Frage, die sie aber nie laut stellte. Sie genoss seine freundschaftliche Art und lauschte gerne, wenn er erzählte und noch viel lieber, wenn er sich ab und an seine Gitarre schnappte und wunderschöne Blues-Stücke zum Besten gab. Das verführte sie grundsätzlich zum Träumen - von alten Zeiten, alten Liebschaften und alten Sehnsüchten. Oder auch von der Zukunft und was sich alles Angenehmes noch in ihrem Leben ereignen könnte. So schön und irgendwie romantisch, was dieser alte Mann mit einer schlichten Gitarre zu vollbringen vermochte.
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Es war Samstagvormittag, 10 Uhr. Die beiden MacLeods und die Irin saßen am Tisch und frühstückten. Amandas Eintreffen war ursprünglich für den Abend angekündigt gewesen, doch dann hatte sie angerufen und ihre Ankunft bis zum folgenden Morgen verschoben, da ihr noch eine "interessante Angelegenheit" in die Quere gekommen war. Der hochgewachsene Engländer hatte daraufhin auch die Gelegenheit genutzt einige Dinge zu regeln. So hatten Deirdre und Duncan dann beschlossen ein Kino aufzusuchen und sich den neuesten Tom-Cruise-Film im Original anzuschauen. Zufrieden und ausgeschlafen saß man nun zusammen und erwartete die Ankunft Amandas. Deirdre freute sich auf die kecke Frau, da sie in den letzten Tagen ausschließlich von Männern umgeben war. Sie hatte vor, sich einige neue Kleidungsstücke für ihre Reise nach Australien zuzulegen. Dafür wollte sie unter Amandas Anleitung mit dieser durch die Pariser Boutiquen ziehen. Endlich mal wieder stilvoll shoppen... Die Tür polterte auf und eine zerzauste und aufgewühlte Amanda betrat atemlos den Raum. "Verflucht noch eins!" Sie warf sich auf Duncans Sofa. Die anderen drei sahen sie erstaunt an. Ihre schöne, helle Seidenbluse war blutverschmiert, die kurzen dunklen Haare zerzaust. Duncan durchbrach als erster die fassungslose Stille im Raum. "Amanda, was ist geschehen?" "Ich glaube, ich brauche erst einmal einen guten Schluck für die Nerven", gab die Angesprochene zurück. Der Schotte kam ihrer Bitte umgehend nach und goss ihr großzügig einen doppelten Scotch ein. Amanda kippte das Getränk auf einmal hinunter. Sie blieb einen Moment lang bewegungslos und gedankenversunken sitzen. Dann ergriff sie das Wort und erzählte, was in der Nacht vorgefallen war. "Ich war auf dem Rückweg von einem... ähm... Geschäftsmeeting. Es war schon weit nach Mitternacht..."
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Amanda und ihr kleiner, rundlicher "Geschäftspartner" gingen zu Fuß durch die stockdunklen Pariser Straßen. Die Unsterbliche hatte es eilig, wollte sie doch endlich in ihr Hotel. Die Besprechung hatte wieder einmal viel zu lange gedauert und sie freute sich schon auf das weiche Hotelbett. Zügig eilte sie die Straßen entlang, ihr Mantel umflatterte ihre Beine. Der dickliche Mann fiel immer weiter zurück. Langsam verfluchte er sein Angebot, die "Dame" wohlbehalten nach Hause zu bringen. Wer konnte denn ahnen, dass sie es so eilig hatte. Der Franzose wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Auf einmal schienen viele Dinge gleichzeitig zu geschehen. Amanda zuckte zusammen, blieb stehen, drehte sich einmal im Kreis, als ob sie sich umsehen würde. Dann schlagartig schrie sie auf und sackte zusammen. Der gewichtige Mann nahm sich zusammen und eilte so schnell es seine kurzen Beine erlaubten zu ihr. Im selben Moment tauchte eine weitere Gestalt aus dem Dunkel auf. Diese hochgewachsene Person zog... ein Schwert? Der Franzose stieß wütende Laute aus, welche die Gestalt mit dem langen Mantel zu fluchen veranlassten. Geistesgegenwärtig griff der kleine Mann zu seinem Revolver und feuerte einen Schuss ab. Der Angreifer trat die Flucht an, lief die Straße entlang. Erneut schoss der kleine Mann, und wieder und wieder. Er war sich sicher, dass er den Übeltäter mindestens zweimal gut getroffen hatte. Das würde er nicht überleben. Dann beugte er sich über die brünette Schönheit am Boden. Sie lag auf dem Bauch, im Rücken steckte ein Dolch. Sie zeigte keinerlei Lebenszeichen mehr. Puls, Atmung, nichts. Vorsichtig zog der Mann den Dolch heraus und blieb dann wortlos neben der Toten sitzen. Er konnte nicht sagen, wie lange er so dasaß, doch plötzlich schrak er auf. Amanda bewegte sich. Erst nur ein Zucken, dann setzte sie sich langsam auf. Der Franzose starrte sie ungläubig an, doch er stellte keine Fragen. In seinem Beruf stellte man niemals Fragen...
Amanda fuhr fort:"Als ich wieder zu mir kam, war vom feigen Attentäter keine Spur mehr. Wenn ich diesen Bastard nur erwische...Wozu gibt es denn diese verdammten Regeln?" Sie hatte sich regelrecht in Rage geredet. Duncan legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. Sie lehnte ihren Kopf an ihn und atmete tief durch. Als sie sich augenscheinlich wieder beruhigt hatte, erzählten Duncan und seine Freunde ihr, was sie bisher über den Killer wussten, der seine Opfer hinterrücks mit einem Dolch überfiel und anschließend in ihrer Hilflosigkeit enthauptete. Bei der Erwähnung des Dolches zuckte Amanda kurz. "Eins muss man ihm lassen", schloss Amanda an die Ausführungen ihrer Freunde an, "er kann verdammt gut mit dem Dolch umgehen. Mit einem gezielten Wurf von hinten das Herz zu erwischen ist eine Kunst. Das kann nicht jeder. Nun gut, ich könnte es." Von der noch vorhin so ausgeprägten Erregtheit schien nicht mehr viel vorhanden zu sein, denn Amanda grinste nun breit. Duncan erwiderte mit einem schiefen Grinsen. Ihm waren gemeinsame Zirkuserlebnisse mit Amanda in Russland noch in guter Erinnerung. Er durfte damals immer das Opfer spielen für ihre Messerwurfkünste. Ihr Glück, dass sie in der Tat eine ausgezeichnete Werferin war. Nicht einmal hatte sie ihn versehentlich getroffen und doch hatte er jedes Mal Blut und Wasser geschwitzt. Der Gedanke daran ließ ihn allerdings aufhorchen. "Sagt mal, könntet ihr euch auch vorstellen, dass der Typ vom Zirkus kommt und dort seine Fähigkeiten erworben hat?" "Aber ja doch!" Amanda schaute ihre Freunde an. "Dass ich da nicht von selber drauf gekommen bin. Doch, das ist sogar sehr wahrscheinlich. Die Präzision, die Geschwindigkeit. Es passt alles." "Damit hätten wir doch einen guten Anhaltspunkt für Joe. Er kann uns vielleicht sagen, wer da in Frage käme." Sogleich griff der Schotte zum Telefonhörer und rief seinen Freund an.
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Wieder dunkelste Nacht. Lizzy zog mehr oder minder ziellos durch die Straßen von Paris. Sie hatte keinen Anhaltspunkt, wie sie den Killer ausfindig machen sollte. Die letzten Tage zog sie immer nachts durch die Stadt, in der Hoffnung ihn irgendwann zufällig zu treffen. Sie war vorbereitet und sie würde ihm keine Chance geben sie ebenfalls zu töten. Sie bewegte sich nahezu geräuschlos und perfekt getarnt durch die Dunkelheit. Der Feind würde sie erst im selben Moment wahrnehmen, wenn auch sie seine Präsenz spürte. Und tatsächlich spürte sie plötzlich die Anwesenheit eines anderen ihrer Art. Für einen kurzen Augenblick empfand sie eine düstere Freude, doch schon gleich konzentrierte sie sich. Das schnelle Klopfen des Herzens verlangsamte sich wieder auf Normalgeschwindigkeit. Es hatte sie etliche Jahre gekostet, bis sie ihren Körper einigermaßen unter Kontrolle hatte. Mittels dieser Fähigkeit war sie aufs Beste auf eine Kampfsituation vorbereitet. Lautlos zog sie ihren Bogen, ihre bevorzugte Waffe neben dem Schwert. Sie spannte den Pfeil ein und visierte an. Zielsicher schoss sie auf die Gestalt, die sie in der Dunkelheit erspähte. Die Person hatte ebenfalls auf den Buzz reagiert und sich ihr zugewandt. Der Pfeil schoss blitzschnell auf sein Opfer zu. Doch entweder hatte dieser Mensch eine unwahrscheinliche Reaktionsfähigkeit oder irgendetwas hatte zufällig seine Aufmerksamkeit erregt. Jedenfalls bückte er sich im selben Augenblick und der Pfeil schoss über sein Ziel hinaus. Er blieb im Stamm eines Baumes stecken. Nun zog Lizzy ihr Schwert und ging auf die Gestalt zu. Beim Näherkommen erkannte sie, dass es sich um einen Mann handelte, von großer Statur und mit kurzen Haaren. Er zog ebenfalls sein Schwert, ein stolzes Katana. Einen Dolch, den er bis eben noch in der Hand hielt, ließ er fallen. Mit einem Trick, der ihr eine lange Übungszeit abgefordert hatte, entwaffnete Lizzy den Unbekannten sofort. Sie hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. "Hab ich dich!" Ihre Stimme glich mehr einem Fauchen. Sie hielt dem Mann die Klinge ihres Schwertes an den Hals.
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Das Klingeln des Telefons riss Deirdre aus ihrem Schlaf. "Was zum..." Müde sah sie sich um. Keine Spur von Duncan oder Amanda. Entweder schliefen die beiden oder waren besser nicht zu stören. Ein Blick auf das andere Sofa zeugte von Tristans Abwesenheit. Das Telefonklingeln fraß sich regelrecht in ihr müdes Gehirn. Torkelnd ging sie auf das Telefon zu und nahm den Hörer ab. "Ja?" "Deirdre? Gut, dass du es bist. Ich habe dieses verdammte Schwein." Lizzys Stimme ließ Deirdre schlagartig wach werden. "Wen? Den Killer? Wieso lebt er dann noch? Ich dachte, du wolltest ihn bekämpfen." Lizzy lachte heiser auf. Sie klang resigniert, aber auch ein wenig belustigt. "Er redete zuviel. Es gibt Leute, die reden sich um Kopf und Kragen. Dieser hier redet um sein Leben. Er kannte sogar meinen Namen und gab an ein Freund von dir zu sein. Komm bitte hierher!" Lizzy gab der Irin den Straßennamen. "Okay, ich bin gleich da." Kurz überlegte Deirdre, ob sie Duncan Bescheid geben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie schrieb eine Nachricht für ihn auf einen kleinen Zettel und legte diesen auf den Couchtisch:
Nach einem prüfenden Blick fügte sie noch schnell die Adressenangabe hinzu. Dann machte sie sich auf den Weg.
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Die Szene, die dann vorfand, ließ ihr für einen Augenblick das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Mentorin und der Mann hatten sich in den Lichtschein einer Laterne begeben um für die Irin gut sichtbar zu sein. Das konnte doch nicht sein. Sie glaubte fast ein Déjà-vu zu haben, als sie den blonden Mann kniend sah, Lizzys schlankes Schwert an seinem Hals. Es war - Tristan MacLeod. Nur diesmal war es nicht das Schwert der intriganten Tara Vahr, das seinem Leben ein Ende setzen sollte, sondern das eines der moralischsten Menschen, die sie kannte. "Nein, Lizzy. Du machst einen Fehler. Das kann einfach nicht sein." Fassungslos betrachtete sie die Szenerie im spärlichen Laternenschein. "Ich sagte doch, ich bin nicht der Killer!" Die Stimme des Engländers klang fest. "Deirdre wird es bestätigen." Diese rang mühsam darum ihre Fassung wiederzugewinnen. "Wo war er am Tage von Toms Tod?" Lizzy schaute ihre Schülerin an. Deirdre überlegte. "Unterwegs, glaube ich. Ich weiß es nicht. Die Nacht habe ich doch auch im Hotel verbracht, als ich bei Duncan niemanden angetroffen habe." Sie grübelte weiter und starrte Tristan plötzlich an. "Der Tag, an dem Amanda überfallen wurde. Du warst wieder unterwegs." Lizzy ergänzte: "Und heute finde ich ihn hier. Er ist Engländer. Das hatte er bei sich." Sie zeigte Deirdre einen Dolch. Tristan mischte sich ein. "Verdammt! Das gute Stück stammt noch aus alten Seefahrerzeiten. Eine kleine Zusatzversicherung, die ich oft dabei habe. Was soll das Ganze?" Empört blickte er die beiden Frauen an. "Bitte, Lizzy, tue ihm nichts, solange du keine Beweise hast." Deirdre war hin- und hergerissen. Sie vertraute diesem Mann, den sie nicht sehr gut kannte. Sie wusste allerdings auch, dass er als Pirat sehr wohl auch über den Kampf mit anderen Unsterblichen hinaus getötet hatte. Aber das waren andere Zeiten und Umstände gewesen. Auch sie hatte er damals kurz vor Australien retten wollen. Sagte er. Wieder nagten Zweifel an ihr. Zweifel, die der Tod Rodericks längst ausgelöscht haben sollte. Verdammt. Warum mussten die Gespenster der Vergangenheit immer wieder zurückkehren, insbesondere, wenn man es am wenigsten von ihnen erwartete. Sie schloss die Augen. Es war einen Versuch wert. Im Laufe des letzten Jahres hatte sie mehr und mehr mit ihrer visionären Gabe umzugehen gelernt. Sie wusste, dass sie oftmals die Bilder unbewusst selber heraufbeschworen hatte. Vielleicht würde es ihr auch bewusst gelingen. Heute wäre es dafür ein verdammt guter Tag. Sie konzentrierte sich. Sie rief sich Tristans Bild vor Augen. Ein ausdrucksloses Gesicht. Nichts. Absolut nichts. Sie versuchte es erneut, rief sich Amanda bei Nacht in den Sinn. Und tatsächlich. Amanda und ein kleiner Mann, der ihr in einiger Entfernung folgt. Amanda zuckt. Deirdre konnte den Buzz fast körperlich mitempfinden. Eine Schattengestalt. Eine Bewegung. Etwas zischt durch die dunkle Luft. Ein Aufschrei. Der kleine Mann eilt auf die stürzende Frau zu, stößt wütende Laute aus. Die dunkle Gestalt flucht. Weg, nichts mehr. Die Vision verschwindet. "Lizzy!" Deirdre zitterte noch immer unter der ungewohnten körperlichen Anspannung. Sie war ein wenig außer Atem. "Er war es nicht!" "Ach ja?" Die Amazone schaute die Freundin durchdringend an. Diese entgegnete: "Du erinnerst dich, wie wir über meine Gabe und die Gaben der Unsterblichen allgemein sprachen. Ich komme mehr und mehr mit ihr zurecht. Ich habe eben nicht viel gesehen, aber etwas gehört. Eine tiefe Stimme, die im breitesten Yorkshire-Dialekt fluchte. Es war keinesfalls Tristan. Da bin ich mir mehr als sicher."
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Gemeinsam begaben sich die drei zum Hausboot. So sehr Lizzy der jungen Irin auch vertraute, sie konnte den letzten Rest Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Piraten nicht ablegen. An Bord der "Nobile" trafen sie auf Duncan und Amanda, die zu dieser frühen Stunde offensichtlich auch nicht mehr schlafen konnten. Deirdre erzählte kurz von den Geschehnissen. Halbwegs schweigend setzen sich alle an den Küchentisch und starrten vor sich hin. Tristan war deutlich anzusehen, dass er sich sehr unwohl fühlte. Seine Stirn war in tiefe Falten gelegt und die Augen hatten einen starren Blick angenommen. Unheilvolle Stille lag im Raum. Endlich erbarmte sich Duncan und setzte Teewasser auf und kochte zudem einen starken Kaffee. Wenn schon an Schlaf nicht mehr zu denken war, so sollten sie wenigstens vernünftig wach werden.
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Es war neun Uhr und die Stimmung war nicht wirklich gestiegen, als das Telefon klingelte. Der Highlander nahm den Hörer ab. "Hallo - ach, Joe - ja, ich höre. - Bist du sicher? - Hey, das sind doch gute Nachrichten. - Danke dir, ich melde mich später noch mal." Mit dem Anflug eines Lächelns, eine beachtliche Leistung angesichts der allgemeinen Trägheit und Müdigkeit, legte er den Hörer wieder auf. "Joe hat vielversprechende Anhaltspunkte, wer der Killer sein könnte. Morgan Leffy, Engländer. Ehemaliger Zirkusartist. Er betreibt einen Waffenhandel in Montmartre." Sichtlich erleichtert schaute Tristan sich in der Runde um. "Danke, Joe, danke!" murmelte er, bevor er aufsprang. "Worauf warten wir noch? Schnappen wir uns den Kerl!" Duncan lenkte ein: "Wie stellst du dir das vor? Wir marschieren einfach zu ihm hin, zwingen ihn zu einem Geständnis und dann nimmt ihm einer von uns den Kopf?" Betreten blickte der junge Mann drein. Wieder einmal war sein Temperament mit ihm durchgegangen. Doch offensichtlich nahm es ihm keiner allzu übel. Vielmehr waren alle am Grübeln, wie der Typ zu fassen sei. Zu wissen, wer er vermutlich war, reichte nicht. Und solange sie nicht genau wussten, nach welchem Prinzip er vorging, konnten sie ihn auch nicht auf frischer Tat erwischen. Lizzys Beispiel hatte zur Genüge gezeigt, wie wenig effektiv eine ziellose Suche war. Amanda erhob sich. "Ich bin noch mal kurz weg. Wartet mit dem Essen nicht auf mich. Didi, lass uns nachher endlich shoppen gehen." Deirdre erwiderte das Lächeln der Brünetten. "Aber gerne." Die ganzen Ereignisse waren zwar noch nicht ausgestanden, aber jetzt wo der Täter bekannt war, konnte man entspannter wieder an das Alltagsleben gehen. Es waren nur noch 3 Tage bis zu Deirdres Abflug nach Australien. Aufgrund der Ereignisse hatte sie den Flug um eine Woche verschoben. Sie hoffte, dass sich nun alles in absehbarer Zeit klären würde, sodass sie ruhigen Gewissens in ihre zweite Heimat abfliegen könnte. "Diese hinterhältige Diebin!" Tristans Gefluche ließ Duncan und die beiden Frauen abrupt aufhorchen. "Wisst ihr, was sie hat mitgehen lassen?" Der hochgewachsene Mann schaute seine Freunde kurz an, wartete die potentielle Antwort jedoch gar nicht erst ab. "Meinen guten alten Dolch." "Was um Himmels Willen will sie mit...?" Duncan brach seinen Satz sofort wieder ab und fluchte stattdessen. "Verdammt. Leffy. Sie will ihn - und sie kann einen Dolch ja auch gezielt werfen." Mit zwei Griffen hatte er sowohl sein Katana als auch seinen Mantel geschnappt und stürmte hastig zur Tür. Die anderen drei liefen sofort hinterher, nicht ohne auch noch schnell ihre Schwerter gegriffen zu haben. Zu viert drängten sie sich in den Wagen, die Damen hinten. Duncan ließ den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen los. Zielstrebig schlug er den Weg nach Montmartre ein. Zehn Minuten später hatte er die von Joe angegebene Stelle erreicht. Das Schild, welches auf Leffys Waffenladen hinwies, war nicht zu übersehen. An der Glastür des Ladens hing jedoch eine Papptafel mit der Aufschrift "Fermé". Während Duncan noch vor der Tür stand und durch das Schaufenster ins Innere blickte, war Tristan längst den kleinen Weg hinter das Haus gelaufen. Und als habe er es nicht geahnt, traf ihn die geballte Wucht des Buzzes. Sein Instinkt hatte ihm den richtigen Weg gewiesen. Er bemerkte nicht, wie Deirdre, Lizzy und schließlich auch Duncan hinter ihm herkamen. Zu sehr war er von dem Anblick, der sich ihm bot, in Beschlag genommen. Auch die anderen starrten nun auf den Kampf, der sich vor ihren Augen abspielte. Amanda und ein großer, blonder Mann umkreisten einander mit erhobenen Schwertern. "Warum", ließ sich Amandas Stimme vernehmen, "bist du nicht dort geblieben, wo du Karriere machen konntest, Morgan?" "Darling", der Mann mit der tiefen Stimme lachte, "wir wollen doch alle das eine, den Preis. Der Zirkus war mein Training. Jetzt bin ich perfekt genug mir das Wissen und die Kraft vieler zu holen. Ohne großen Aufwand." Wieder lachte er kehlig und Deirdre zuckte merklich zusammen. Es war exakt die Stimme aus ihrer Vision. Offensichtlich waren Amanda und Morgan Leffy zu sehr in sich selbst vertieft, als dass sie die Präsenz der anderen wahrgenommen hätten. Sie umkreisten einander weiterhin, blickten sich dabei in die Augen. "Morgan, du warst nie sonderlich hinter dem Preis her. Was soll das Ganze jetzt?" Wieder dieses kehlige Lachen, das jedoch ein wenig angespannt klang. "Ich nutze mein einziges Talent zu dem einzigen Zweck, zu dem es taugt. Zum Töten." Das Lachen nahm einen irren Ton an. "Lydie weiß ein Lied davon zu singen. Frag sie doch. Ups, ich vergaß, sie wird nie wieder sprechen. Sowas..." Die beiden umkreisten einander weiterhin. Amanda dachte fieberhaft nach. Lydie? Welche... Seine Assistentin, schoss es ihr durch den Kopf. "Amanda, Darling, lass es bleiben. Du weißt, dass ich dir nie etwas tun würde." "Ach ja?" Nun war es an der schlanken Frau zu lachen. Es klang allerdings keineswegs fröhlich. "Du hättest mich letztens beinahe umgebracht." Während sie ihm das entgegenschleuderte, griff sie an. "Und das verzeihe ich dir nicht." Leffy tat einen Ausfallschritt, entwich damit dem Hieb und umkreiste seine Gegnerin weiter. "So, dann hat mich meine Intuition doch nicht getrogen. Ich hatte das Gefühl Bekanntes zu spüren. Ach, auf eine tote Freundin mehr kommt es ja auch nicht mehr an." Nun griff er an. Sie parierte seinen Schlag. Die Schwerter klirrten. Ein Schlag folgte dem nächsten. Amanda bewegte sich flink angreifend um ihren Gegner herum, der jedoch ständig parierte. "Was ist mit Lydie geschehen?" stieß Amanda während des Agierens mit dem Schwert gepresst hervor. Morgan Leffys Augen nahmen einen seltsam leeren Ausdruck an. "Ich habe sie getötet. Mit dem Dolch direkt ins Herz getroffen. Ein Unfall. Doch das ist jetzt auch egal. Du bist die nächste. Komm gib mir deine Energie. Zeit zu sterben!" Mit einem seltsam irren Blick griff er erneut an. Diesmal nicht mehr so zögernd wie zuvor, sondern aggressiv und brutal. Amanda wehrte den Angriff mühsam ab und griff nun ihrerseits mit all ihrer Kraft an. Leffy schlug zurück und trieb sie mit gezielten Angriffen rückwärts an die Hauswand. Mit einer schnellen Bewegung entwaffnete er sie. Duncan zuckte und Tristan gelang es nur mit Mühe seinen Freund festzuhalten. Leffy erhob sein Schwert und grinste verzerrt. "Du hast es so gewollt. Nun bekomme ich auch all deine Energie. Wie sehne ich mich schon danach." Amanda bückte sich und der Engländer holte zum finalen Schlag aus. Blitzschnell griff die Frau in ihren Stiefel, zog Tristans Dolch heraus und stach zu. Der große Mann brach röchelnd zusammen. "Mit Hilfe eines Dolches sollst auch du sterben", wisperte sie ihm zu, "und ich brauche ihn nicht hinterhältig zu werfen." Sie ergriff ihr Schwert und holte aus. Präzise trennte sie den Kopf von seinen Schultern. Morgan Leffys kopfloser Leichnam fiel vorne über. Für einen kurzen Moment regte sich Ekel in Deirdre, die wie die anderen den Kampf gespannt verfolgt hatte. Sie würde sich wohl nie an den Anblick eines Kopflosen gewöhnen. Ein unheimlicher Sturm zog auf, der das hochgewachsene Gras der Wiese zerzauste. Einige Grasbüschel fingen wie aus dem Nichts Feuer. Blitze zuckten. Einige ließen die rückwärtigen Scheiben des Ladens zerbersten, doch die meisten trafen Amanda, die unter den Einschlägen aufschrie. Sie stand aufrecht, die Arme mit dem Schwert in beiden Händen hoch erhoben. Dieses schien einem Blitzableiter gleich zu kommen, denn die Blitze schlugen nun vermehrt in die Spitze der Klinge ein und fuhren hindurch in Amanda. Diese sank nach und nach unter lauten Schreien in die Knie. Als das Energiegewitter endlich beendet war und die kleinen Feuer wieder erloschen, nahm auch der Wind ab. Amanda kniete schwer atmend am Boden und stützte sich auf ihrem getreuen Einhänder ab. Jetzt eilte Duncan auf sie zu und nahm die zierliche Frau, die nun umso zerbrechlicher wirkte, beschützend in seine starken Arme. Während des Quickenings selbst hatte keiner der Zuschauer auch nur gewagt sich zu bewegen. Sie waren so sehr der Faszination des Schauspiels erlegen, welches sie selber so gut kannten und welches zwar immer irgendwie das Gleiche und doch jedes Mal wieder so anders war.
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Zurück auf Duncans Hausboot gesellte sich Joe Dawson zu den Unsterblichen. Amanda war noch sehr verwirrt. "Ich verstehe das noch nicht ganz", murmelte sie. "Wieso hat er seine Assistentin getötet? Zudem war sie die Frau, der er nach einer langen Phase von Einsamkeit und Misstrauen sein Herz geschenkt hatte. Er war endlich wieder in der Lage so etwas wie Liebe zu empfinden..." Hier mischte sich der Sterbliche ein. "Es war ein Unfall. Ein anderer Unsterblicher betrat den Zuschauerraum just in dem Moment, als Leffy zum Wurf ansetzte. Er war durch den Buzz irritiert - und verwarf sich. Lydie war sofort tot." Duncan sah seinen Freund an. "Und seither ist etwas in ihm zerbrochen?" "Mehr als das. Zunächst hat er den anderen gejagt, bis er ihn hatte. Er warf mit einem Dolch auf ihn - und traf ihn ins Herz. Als er ihn anschließend enthauptete, geriet er in einen Rauschzustand - das Quickening als etwas, das alle Gefühle und Gedanken für ein paar Sekunden überlagert. Seither suchte er immer wieder nach diesem Zustand, wurde regelrecht süchtig danach - und musste immer wieder das Töten mit dem Dolch exerzieren. Man kann es nicht anders sagen, er ist durchgeknallt." "Wenn es nicht um Menschenleben gegangen wäre, hätte man ihn fast bedauern müssen." Deirdre flüsterte nur. Alle Anwesenden starrten betroffen schweigend vor sich hin.
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Deirdre hatte ihre Koffer gepackt. In den letzten Tagen war sie noch wie geplant mit Amanda durch die Boutiquen gezogen und hatte einige schöne Stücke erstanden, die sich für das warme Klima Australiens hervorragend eigneten. Nun stand sie Duncan, Amanda, Tristan und Lizzy gegenüber um Abschied zu nehmen. Sie hasste große Abschiedsszenen am Flughafen, also wollte sie es hier auf dem Hausboot hinter sich bringen. Nach und nach nahm sie einen jeden in den Arm. Als letztes kam der ehemalige Freibeuter an die Reihe. Seine Umarmung war sehr zärtlich. "Du hast mich ein weiteres Mal gerettet. Ich schulde dir was." "Ich werde bei Gelegenheit darauf zurückkommen", erwiderte die Irin lächelnd. "Doch zunächst werde ich für einige Zeit sehr weit fort sein." "Ich wünschte, du würdest nicht gehen." Tristans Stimme klang sehr sanft. Ganz leicht strich er ihr mit der Hand über den Nacken. Deirdre zuckte ob der angenehmen Berührung. Wie lange schon hatte sie keine derartige Zärtlichkeit mehr erfahren. Dennoch löste sie sich vorsichtig aus seiner Umarmung. "Wir bleiben ja weiterhin Freunde." Sie betonte das letzte Wort. "Daran wird auch eine große Entfernung oder ein längeres Sich-Nicht-Sehen nichts ändern." Ohne ein weiteres Wort verließ sie die "Nobile" und stieg in das bereits wartende Taxi ein. Beim Abfahren winkte sie nochmals ihren Freunden zu, die auf dem Deck des Hausbootes ihr hinterherschauten.
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Gerade hatte sie die Koffer eingecheckt, als sie dieses neue, leichte Buzzgefühl spürte. Zur gleichen Zeit vernahm sie auch schon eine Stimme, die ihren Namen rief. "Deirdre!" Sie drehte sich um und erblickte Coline, die einen Koffer trug. "Lizzy schickt mich. Sie sagte, ich bräuchte jemanden, der sich um mich kümmert. Ich hätte noch viel zu lernen. Du seist genau die Richtige dafür. Ich weiß zwar nicht, um was es hier geht, aber mich hält hier nichts mehr. Tom hat Lizzy zutiefst vertraut, also sollte ich es auch tun." Deirdre bemerkte, dass es das erste Mal war, dass sie die junge Frau, der das Schicksal einer Unsterblichen noch vorherbestimmt war, sprechen hörte. Sie hatte eine wohlklingende Stimme, fast wie eine Sängerin. Und sie klang inzwischen sehr gefasst und strahlte fast ein bisschen Zuversicht aus. Deirdre lächelte freundlich. "Dass ich noch viel zu lernen hätte, hat Lizzy mir einst vor vielen Jahren auch gesagt. Sie lehrte mich alles, was ich wissen musste. Wenn du magst, werde ich dich das Gleiche lehren." Ja, das würde sie. Sie hatte bisher nie einen Schüler und auch noch nie mit zukünftigen Unsterblichen zu tun gehabt, doch sie würde sich alle Mühe geben, Coline bestmöglich auf ein langes Leben vorzubereiten. In Australien würde sie dafür genug Zeit und Ruhe haben. Gemeinsam gingen die beiden Frauen zur Gepäckaufgabe um auch Colines Koffer einzuchecken.
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