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Rachegedanken© by Rieck, Kristina ()
Sein Kopf dröhnte zum Zerspringen. Jeder Herzschlag pumpte puren Schmerz durch seinen Schädel. Das Gefühl erinnerte ihn an den gewaltigsten Alkoholkonsum seines Lebens... oder besser gesagt, an den Tag danach. Doch er konnte sich nicht erinnern, gestern Alkohol getrunken zu haben. Eigentlich konnte er sich überhaupt nicht an gestern erinnern. Mühsam wälzte er sich auf den Rücken und hob dabei unwillkürlich die Hände an den schmerzenden Kopf. Auf halbem Weg ruckte es an seinen Handgelenken. Er konnte die Bewegung nicht zu Ende führen. Etwas hinderte ihn daran, hielt seine Hände fest. Prüfend zerrte er kurz und ruckartig gegen den Wiederstand. Ein unangenehm hartes Klirren drang an seine Ohren. Ketten? Richie öffnete schwerfällig die Augen. Im Halbdunkel tauchte ein sehr verschwommenes Bild auf. Er mußte mehrmals blinzeln, um die klobigen Metallmanschetten zu erkennen, die seine Handgelenke starr miteinander verbanden. Ungläubig richtete er sich halb auf, damit er noch stärker an den Ketten ziehen konnte. Doch außer einem schmerzhaften Schaben auf der Haut und einem unangenehmen Reißen in gequälten Gelenken erreichte er nichts. Hektisch fuhr Richie hoch. Das massive Klirren der wuchtigen Ketten zerschnitt die Stille messerscharf. Erschrocken hielt er für einen Moment inne. Mit den Augen verfolgte er die Kette. Er mußte sich sehr konzentrieren, um in diesem diffusen Licht überhaupt etwas sehen zu können. Zur Beleuchtung und vermutlich auch zur Belüftung dienten lediglich einige schmale, längliche Löcher in der Nähe der Decke. Die Kette mündete in einer narbigen Schweißnaht an den Handmanschetten. Ihre Länge erlaubte es ihm, sich relativ frei in dem engen Raum zu bewegen. Wie ein Hund an einer Laufleine. Ringe, Haken oder Schlösser konnte er nicht entdecken. Ein geschmiedetes Gefängnis für die Ewigkeit. Unbeholfen zerrte er noch einmal an den Fesseln. Ein sinnloser, kräftezehrender Befreiungsversuch, durch den er nur noch mehr schützende Haut von seinen Gelenken rieb. Resignierend ließ Richie seine Hände sinken. Jeder Muskel zitterte vor Anstrengung. Sein Herz hämmerte und jagte das Blut mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in den Kreislauf. Kalter Schweiß preßte sich sintflutartig aus jeder Pore. Plötzlich fühlte er sich so geschwächt, als hätte er gerade einen Marathonlauf hinter sich gebracht. Was passierte mit ihm? Erschöpft lehnte Richie sich mit dem Rücken gegen die Wand. Seine Beine zitterten. Die Augen fielen ihm zu. Krampfhaft versuchte er, die letzten Tage in seine Erinnerung zu rufen. Er erinnerte sich vage an eine Verabredung mit Maria. Es ging um irgendeinen Model-Vertrag, der in Paris unterzeichnet werden sollte. Ob diese Verabredung noch ausstand, wußte er nicht genau. Erschöpft sank er an der Wand zusammen. Er zog er die Beine an und legte die Arme so bequem auf die Knie, wie möglich. Der Rücken und seine Schultern freuten sich über diese Positionsveränderung, aber alle anderen Muskeln in ihm schrieen vor Schmerzen. Stumpf vergrub er seinen hämmernden Kopf in den Armen. Wie konnte er nur in diese unangenehme Lage schliddern? Ging irgendein Einbruch auf seine Kosten und der Eigentümer schloß Polizeigewalt aus und schwor eher auf die Selbstjustiz? So sehr er auch sein Gedächtnis bemühte, ihm fiel nichts dergleichen ein.
Der Herzschlag beruhigte sich nur langsam. Sein Körper mußte absolut am Ende seiner Kräfte sein. So hatte er sich damals oft gefühlt, als er mit Charly und Duncan noch im Dojo trainierte. Vormittags mußte er eine Runde am Hafen drehen, danach erhielt er seine Übungsstunde von Charlie und abends eine Lektion von Duncan. Für sein Privatleben blieb eigentlich keine Zeit und wenn er sich die Zeit nahm, dann gähnte er bei seinen Verabredungen so ausgiebig und hingebungsvoll, daß seine Begleiterin sich veralbert fühlte. Damals begriff er die Bedeutung des Trainings nicht und haßte Duncan regelrecht für diesen militärischen Drill! Aber inzwischen empfand er Dankbarkeit für die harte Schule, die er hinter sich bringen mußte. Seine dadurch erworbene Disziplin und sein geschulter Kampfgeist retteten ihm mehr als einmal das Leben und machten einen neuen Menschen aus ihm.
Ein leises Geräusch riß ihn aus den Gedanken. Schritte... und sie kamen näher! Richie zwang sich trotz seiner Erschöpfung zu erhöhter Aufmerksamkeit. Langsam hob er den Kopf und blickte durch das Halbdunkel konzentriert dorthin, wo er die Tür vermutete. Die Schritte stoppten. Für die Dauer eines Augenblicks folgte unheimlich gespannte Stille. Dann wurde ein Schlüssel in ein Schloß gesteckt, rasselnd umgedreht und ein Riegel mit einem Krachen zur Seite geschoben. Die Tür schob sich langsam, fast zögernd in den Raum hinein. Das verursachte Geräusch erinnerte ihn an das Öffnen eines Sarges. Ein schmaler, milchiger Lichtstrahl bahnte sich träge seinen Weg durch den schmalen Schlitz. Er erhellte den winzigen Raum nur einen Augenblick. Richie registrierte am Rande den maroden Putz an den Wänden und den unebenen, aus festgetretener Erde bestehenden Boden. Drei Schatten huschten hinein. Als sich die Tür hinter ihnen schloß, senkte sich die Dunkelheit wieder.
Richie hörte unsicheres, beinahe zitterndes Atmen. Einen Moment lang fragte er sich, ob er das Geräusch verursachte. Ohne Vorwarnung flammte elektrisches Licht auf. Die gleißende Helligkeit schien durch die Pupillen mitten in sein ohnehin schon schmerzendes Gehirn zu strahlen. Schnell verbarg Richie sein Gesicht wieder zwischen den Armen. In verzweifeltem Reflex schossen heiße Tränen in seine Augen. Mühsam blinzelte er sie fort. Viel zu langsam gewöhnte er sich an die plötzliche Helligkeit. Als er endlich die Augen offen halten konnte, hob er zögernd den Kopf. Er ahnte nicht, was auf ihn zukam, aber er fühlte drohende Gefahr. Es erwartete ihn nichts Gutes. Wie ein Stück Blei lag diese Befürchtung in seinem Magen. Sein Blick fiel auf zwei junge Männer, die etwa in seinem Alter sein mochten. Einer von ihnen trug sein schmieriges, blondes Haar im Nacken zusammengebunden, der andere hatte eine Glatze. Die Haut von beiden erschien dünn, beinahe durchsichtig und zerknittert wie Pergamentpapier. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und es stand eine derart bodenlose Leere darin geschrieben, die nur von Drogen und Alkohol herrühren konnte. Stolz stand ein weißhaariger Mann bei den Junkies und drückte ihre Schultern. Sein Gesicht wollte nicht so recht zu dem alten Haar passen. Richie mußte ihn eine ganze Weile betrachten, bis er merkte, was so merkwürdig an ihm war: Nicht eine Falte kräuselte dessen Gesichtshaut. Richie blickte irritiert zu ihnen hinüber. Verständnislos hob er die Augenbrauen und wartete auf eine Erklärung. Doch der Mann beachtete ihn gar nicht. Seine Aufmerksamkeit galt einzig und allein den beiden, die langsam zu sich zu kommen schienen und Richie fixierten. Ihr leerer Blick wich einer kindlichen Freude gepaart mit unsicherer Entschlossenheit. Der Mann flüsterte den beiden etwas zu. Der mit dem Pferdeschwanz nickte, ohne den Blick von Richie zu wenden. Dann holte der Mann einen Revolver unter der Jacke hervor. Der Blonde griff den Revolver fest und plötzlich verschwand jegliche Unsicherheit aus seinen Augen. "Was... was soll denn das?" Richie versuchte ein Lächeln, doch er spürte, wie es ihm schon im Ansatz mißlang. Sein Herz machte einen Satz und klopfte dann bis zum Hals. Irgendetwas schnürte ihm die Kehle zu. Ruckartig schoß er in die Höhe und machte einen Schritt auf die beiden zu. Das laute Rasseln der Ketten ließ die beiden zusammenfahren. Sie zuckten zusammen, als erwarteten sie Schläge. Richie fragte sich für einen irrwitzigen Augenblick, wer sich in diesem Moment wohl mehr fürchtete. Richie ging so weit auf die beiden zu, wie es die Kette zuließ. "Hey...", begann er hilflos. Er blickte genau in die Mündung. "Das ist sicher alles nur ein..." Einen Liedschlag später peitschte ein ohrenbetäubender Schuß durch den niedrigen Raum. Eine Kugel bohrte sich dicht neben Richies Kopf in die Wand. Es spürte, wie harte Putzkrümel seine Wange berührten. Der Rückstoß ließ den Blonden taumeln. Er öffnete die Augen und stellte fest, daß er Richie nicht getroffen hatte. Daraufhin veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Wesentlich entschlossener stellte er sich in Position und zielte genauer. Richie glaubte, in seinen Augen wütende Angst blitzen zu sehen. Der zweite Schuß riß eine tiefe Fleischwunde in seinen Arm. Richie fühlte nur den tauben Aufprall und die gewaltige Kraft, mit der er am Arm herumgerissen wurde. Die Schmerzen blieben aus. Dennoch zuckte er zusammen und wollte die Hand unwillkürlich auf die Wunde pressen. Die Fesseln hinderten ihn erfolgreich daran. Ein dritter Schuß wurde abgefeuert. Die Kugel bohrte sich in seine Schulter. Richie konnte das Knirschen der berstenden Knochen hören. Auch jetzt fühlte er noch keinen Schmerz. Erstaunt beobachtete er, wie der Blonde am ganzen Körper zitterte; offensichtlich vor Angst. Der weißhaarige Mann schlug ihm links und rechts eine deftige Ohrfeige. In der gleichen Bewegung nahm er ihm die Waffe aus der Hand und reichte sie der Glatze. Dieser ergriff sie mit einer Ehrfurcht, als würde er einen kostbaren Schatz entgegennehmen. Er erhob die Waffe mit beiden Händen. Wesentlich entschlossener als der Blonde drückte er ab. Dieser Schuß traf Richie kurz unterhalb der Brust mitten in den Körper. Sein Atem stockte noch im selben Augenblick. Etwas heißes explodierte in ihm. Blut floß wie brennendes Wasser seinen Rücken hinunter. Sein Sichtfeld schrumpfte. Es wurde mit einem Schlag von außen durch etwas Schwarzes, Waberndes eingeengt. Nur leise hörte er den nächsten Schuß. Es drang keine weitere Kugel in sein Fleisch. Stattdessen sendete sein Arm plötzlich verzweifelte Schmerzsignale. Durch dicken, roten Nebel hindurch hörte Richie einen weiteren Schuß. Mit einem widerlichen Geräusch zerschlug diese Kugel seine Kniescheibe. Schmerzen explodierten in ihm. Schlagartig beendete sein Körper den betäubenden Schockzustand. Er mußte jetzt bedeutendere Aufgaben lösen. In einem aussichtslosen Kampf versuchte er, Richie am Leben zu halten. Er ließ das Herz schneller und kräftiger arbeiten. Jeder einzelne Schlag schmerze. Seine Lungen forderten Luft, doch Richie konnte nicht mehr atmen. Viel zu viel Blut verstopfte bereits das empfindliche Organ. Jeder der flachen Atemzüge gurgelte und schmatzte. Etwas schaumiges lief über seine Zunge. Das mußte wohl das Blut aus der Lunge sein. Er fühlte den Geschmack von salzigem Eisen. Richie spürte die Kraft aus seinen Muskeln weichen. Er wußte nicht, was sich am gräßlichsten anfühlte: Der Sauerstoffmangel, der Blutverlust oder die Schmerzen. Unkontrolliert sank er auf den Boden. Sein Herz pumpte nur noch leer - jedenfalls klang es so. Schwarzer Sand rieselte vor seinen Augen herab. Sein Sichtfeld fiel immer mehr in sich zusammen. Das Bild kollabierte wie bei einem defekten Gerät. Richie kannte den Tod, deshalb wußte er, daß er bald sterben würde. Diese Erkenntnis erschütterte ihn nicht sonderlich. Als letztes sah er den Weißhaarigen, der mit aller Gewalt auf den bereits am Boden liegenden Blonden eintrat. Im fanatischen Blick des Mannes blitzte etwas auf. Dieses fanatische Blitzen erschütterte Richie und jagte ihm Angst ein. Dann brach sein Blick. Dunkelheit schloß ihn ein.
Als Richie zu sich kam, fühlte er wieder diese reißenden Schmerzen. Sie füllten seinen ganzen Körper aus. Ein Gefühl, als würde er in einem brennenden Mantel stecken. Seine Wunden heilten schlecht, viel zu langsam. Dieses Phänomen spürte er häufig, wenn der Tod mit einem hohen Blutverlust zusammenhing. Er haßte es wirklich! Ein weiteres Mal mußte er die Qualen des Todes über sich ergehen lassen, bevor es endgültig zu einer Linderung kam. Vor Schmerz rollte er sich eng zusammen und bemühte sich, keinen Laut über seine Lippen kommen zu lassen. Konzentriert sog er Luft in seine heilenden Lungen so gut es ging und atmete langsam aus. Eine Selbstbeherrschungsübung, die Duncan ihm beibrachte. Duncan sagte immer, dadurch habe er gelernt, Schmerzen mit Stolz zu ertragen. Ertrug er seine Situation im Moment mit Stolz? Vermutlich nicht. Konnte er dieser Situation überhaupt mit Stolz begegnen? Kinder hatten ihn umgebracht! Widerliche Junkies, die er normalerweise einfach an die Wand geklatscht hätte. Aber sie ließen ihm nicht die geringste Chance. Nein, Richie konnte das nicht mit Stolz ertragen.
Als die Schmerzen ein wenig nachließen, setzte er sich auf. Das Geräusch der schweren Ketten begleitete seine Bewegungen. Mühsam versuchte er, sich in eine halbwegs bequeme Position zu bringen. Es gelang ihm nicht. Seine Kleidung klebte naß und kalt auf der Haut. Jedes Gelenk in ihm beschwerte sich über mangelnde Bewegung. Die Muskeln wimmerten erschöpft. Selbst ein Lidschlag drohte, ihn an den Rand der Erschöpfung zu bringen. Richie ahnte, was diese merkwürdige Schwäche in ihm auslöste: Der Tod zehrte an ihm. Der immense Blutverlust forderte seinen Tribut. Unsterblich oder nicht, sein Körper steckte das hin und her zwischen Leben und Tod nicht so einfach weg. Offensichtlich starb er nicht das erste Mal an diesem ungastlichen Ort. Er mußte schon länger hier sein. Richie konnte sich aber nicht erinnern und er konnte sich das auch nicht erklären. Je mehr Informationen er erhielt, desto weniger paßte das alles zusammen. Unbehaglich streckte er den Rücken in alle Richtungen. Das Gefühl, das er irgendwo zwischen Bewegungsmangel und Erschöpfung einordnete, besserte sich dadurch nicht. Matt erhob er sich und dehnte seine Beine. Sein Kreislauf weigerte sich, die erhöhte Leistung zu erbringen. Für einen kurzen Moment kriselte es vor seinen Augen. Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Die Tür zu seiner Zelle wurde aufgestoßen. Augenblicklich straffte er seine Haltung. Dieses Mal würde er nicht so kampflos aufgeben. Er ging so weit zur Tür, wie die Ketten es zuließen. Ketten hin oder her: Kinder durften keine Gegner für ihn sein! Dieses Mal kam nur ein Schatten herein. Licht flammte auf, als die Tür hinter diesem ins Schloß fiel.
Richie kniff die Augen fest zusammen und blieb an Ort und Stelle stehen. Als er die Augen wieder öffnen konnte, sah er den Weißhaarigen vor sich. Sein Gesicht zeigte weder Erstaunen noch Wut noch sonst irgendetwas. Wenn es etwas gab, das vollkommene Ausdruckslosigkeit darstellte, dann das Gesicht dieses Mannes. Er hielt ein Tablett in der einen Hand, auf dem ein paar belegte Brote aufgebaut lagen. In der anderen Hand trug er einen großen Wasserkrug. Der Mann stand nur eine Armeslänge entfernt, doch gleichzeitig hätte er auch auf dem Mond sein können. Die Kette ließ Richie nicht genug Freilauf, ihn zu erreichen. Offensichtlich war alles genau geplant: Er hielt sich bewußt aus Richies Bewegungsradius heraus. "Willst du mich noch einmal umbringen, du Scheißkerl?" stieß Richie verächtlich hervor. Im Fluchen sah er das einzige Ventil für seinen Zorn. Der Mann lächelte milde und blickte kurz zu Boden. "Aber nein! Ich sorge hiermit nur für Ihr leibliches Wohl." Langsam stellte er das Tablett und den Krug vor Richies Füße, direkt an eine auf den Boden gemalte Linie. "Lassen Sie es sich gut schmecken. Das Licht bleibt für eine halbe Stunde an." Richie wußte nicht, wie er dieser Freundlichkeit begegnen sollte. Für einen Moment starrte er verwirrt auf das Tablett, dann auf die schwache Linie auf dem Boden. Was sollte das bedeuten? Ein metallenes Geräusch ließ ihn aufsehen. Der Weißhaarige war verschwunden. Fassungslos blickte Richie auf die Rückseite der klinkenlosen Eisentür. Sie schloß nahezu hermetisch mit der grob verputzten Wand ab. Die weiße Farbe auf den Wänden schimmerte nur noch fahl durch den Dreck hindurch und bröckelte an vielen Stellen. Unbehaglich schweifte Richies Blick in dem kleinen Raum umher. Das Wort "Zelle" beschrieb es wohl am treffendsten - nicht so eine wie in einem wirklichen Gefängnis sondern in einem Kerker. Für Licht sorgte nur die kalte Neonröhre, deren Schalter sich irgendwo außerhalb befand. An der Stelle, wo auch die Kette aus der Wand kam, lagen einige lieblos aufgeschichtete Militärdecken. Es sollte wohl eine Art Lager darstellen. Um dieses Lager herum konnte Richie Blut sehen; eine ganze Menge Blut. Die Spritzer reichten bis zur Decke hinauf. Es klebte nicht nur sein frisches, sondern auch altes, eingetrocknetes Blut im Staub. Zum wiederholten Mal drängte sich ihm die Frage auf, wie lange er sich hier befand. Da klaffte eine gewaltige Lücke irgendwo in seiner Erinnerung. Nur zu gern hätte er diese Lücke mit Antworten gefüllt. Richie blickte auf die Metallriemen an seinen Händen. Natürlich benutzte der Weißhaarige keine gewöhnlichen Handschellen, weil er auf Nummer sicher gehen wollte. Richies Hände wurden von zwei massiv aufeinander geschmiedeten Metallbändern zusammengehalten. Es gab keinen Verschluß, kein Scharnier, nichts, was an normalen Handfesseln eine Schwachstelle dargestellt hätte. Unaufhaltsam begriff er, was das bedeutete: Niemand würde diese Dinger jemals wieder öffnen...
Vielleicht lag es nur an seinem immensen Hunger, aber plötzlich stieg ihm ein würziger, appetitlicher Duft in die Nase. Sein Magen knurrte lauthals. Richies Blick wanderte zu dem Tablett hinab. Die Brote sahen wirklich köstlich aus. Eine halbe Stunde sollte das Licht an bleiben. Genug Zeit, zu essen. Richie setzte sich auf den Boden und angelte mit den Füßen nach dem Tablett. Er konnte es gerade so erreichen. Auch den Wasserkrug zog er vorsichtig zu sich heran. Das alles hatte jemand akribisch geplant! Er fühlte sich wie ein hilfloser Spielball in einem Spiel, dessen Regeln er nicht kannte. Mit Heißhunger biß er von dem Brot ab. Seine Erwartungen wurden jäh enttäuscht. Das trockene Brot quietsche zwischen seinen Zähnen und der glitschige Aufstrich schmeckte nach Staub. Das lauwarme Wasser zeigte einen abartigen, metallischen Nachgeschmack. Beinahe drehte es ihm den Magen um. Dennoch quälte der Hunger diese abscheuliche Nahrung irgendwie in seinen Körper hinein. Er brauchte die Energie dringend. Früher dachte Richie nicht so sehr über das Essen nach. Essen sollte satt machen, mehr auch nicht. Erst durch Duncan, oder vielmehr durch dessen Kochkünste, änderte sich diese Einstellung. Richie lernte, Essen zu genießen und die frische Zubereitung von Speisen zu schätzen. Essen konnte mehr sein, als bloße Nahrungsaufnahme. Es bedeutete auch Zusammenhalt, Sicherheit und... Familie. Ein tiefer Schmerz stach durch sein Herz, als er an Tessa dachte. Obwohl seine Augen gesehen hatten, wie sie starb, weigerte sich sein Geist strikt, ihren Tod zu akzeptieren. Der Verstand mußte ihn schmerzhaft daran erinnern. Noch immer!
Mit einem Schlag ging das Licht wieder aus. Finsternis senkte sich herab wie ein bleischwerer Mantel. Richie versuchte, seinen Blick an den schmalen Lüftungsschlitzen festzuhalten. Es dauerte eine Weile, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnte. Nur mühsam konnte er sich orientieren. Geistesabwesend zog er sich auf das karge Lager zurück. Was sollte das alles? Widerliche Junkies, die ihn umbrachten? Ketten an den Händen, damit er sich nicht wehren konnte? Ein weißhaariger Mann, der in seiner Normalität verrückter wirkte, als alle Geistesgestörten, die ihm je über den Weg gelaufen waren? Der Mann schien das Geheimnis der Unsterblichen zu kennen; zumindest nutzte er es. Es machte ihn zu einer Gefahr. Richie mußte hier weg, so schnell wie möglich! Doch wie? Die Tür ließ sich nur von außen öffnen, die Lüftungsschlitze waren eindeutig zu schmal und die Wände schienen massiv zu sein und zudem noch unter der Erde zu liegen. Bleiern fielen ihm die Augen zu. Sein Körper verlangte nach Ruhe. Viel Ruhe. Er mußte sich erholen, bevor er vernünftige, realisierbare Fluchtgedanken schmieden konnte. Seine Augen brannten vor Erschöpfung und Müdigkeit, doch sein Geist gönnte ihm die Ruhe nicht. Hinter seiner Stirn rasten die Gedanken. Sie versuchten, einen Ausweg aus dieser hoffnungslosen Situation zu finden. Richie fand keine bequeme Körperhaltung. Es schien unmöglich, die Schultern irgendwie zu entlasten. Die schweren Ketten zerrten belastend in jeder Position daran und die scharfen Kanten der Manschetten scheuerten zermürbend an den Gelenken. Seine Kleidung klebte feucht und kalt an ihm. Er fühlte sich, wie in Eis gepackt. Hilflos suchte er einen Ausweg aus den stabilen Ketten und den robusten Kerkerwänden. Plötzlich kamen ihm die Junkies in den Sinn. Wie sie ihn aus unerklärlichen Gründen töteten. Er sah noch einmal die Entschlossenheit in ihren Gesichtern, noch einmal die Furcht in den Augen des Blonden, der es nicht geschafft hatte, ihn zu töten. Der Weißhaarige schlug ihn dafür halbtot und Richie erinnerte sich an ein boshaftes Lodern in dessen Augen. Dieses Lodern löste irgendetwas Unerklärliches in ihm aus. Sanft wie ein Windhauch; nichts Greifbares, etwas Körperloses, Leichtes. Richie spürte eine Wut in sich aufsteigen, dessen endgültige Ausmaße er nicht einmal zu erahnen vermochte.
Irgendwie mußte er eingenickt sein, denn als er die Augen öffnete, brannte das Licht wieder und vor seinem Lager stand der Weißhaarige. Erschrocken fuhr Richie in die Höhe. Dabei bemerkte er noch eine weitere Person im Raum. Auf der anderen Seite stand ein weiterer Mann, der angespannt auf ihn hinabstarrte. In seinem totenbleichen Gesicht stand das Wort "Killer" in altdeutscher Schrift geschrieben. Schwarze Haare, zu einem Irokesenschnitt verunstaltet, verdeckten seine Augen fast vollständig. Ein schwarzer Umhang mit rotem Futter kennzeichnete ihn deutlich als Satansjünger. In Richie krampfte sich etwas zusammen und ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Der Killer packte Richies Haare und hob gleichzeitig die andere Hand hoch über seinen Kopf. Ein Messer blitzte im kalten Licht auf. Richie reagierte blitzartig auf die Gefahr. Die mühsam antrainierten Reflexe spulten sich wie von selbst ab. Ruckartig ließ er sich nach hinten kippen und zog die Beine an. Mit beiden Füßen trat er dem Killer so gewaltig vor die Brust, wie er konnte. Dieser taumelte unkontrolliert bis an die Wand zurück. Es gab einen dumpfen Aufprall und Richie glaubte, einen unterdrückten Schmerzenslaut zu hören. Richie kam schnell auf die Füße. Er nahm eine stabile Haltung ein und blickte abfällig auf Satansjünger. Dieser schüttelte sich, sah aber nicht so aus, als wolle er aufgeben. "Na, komm schon", feuerte Richie ihn an, "komm schon her und versuche es noch einmal!" Der Killer verwandelte sich vor seinen Augen. Dort versuchte kein Mensch mehr aufzustehen, sondern ein unbelebtes Etwas, das ihn angriff, ihn töten wollte. Richie haßte ihn. Er wollte ihn aus dem Weg schaffen, ihm wehtun! Der Killer schüttelte sich abermals. Sein Atem ging schwer, beinahe keuchend. Mit einer ruckartigen Bewegung strich er sich die Haare aus dem Gesicht und entblößte seine Augen für einen Moment. Der Wille zu töten stand düster und deutlich darin geschrieben. Er hob das Messer auf und faßte es dieses Mal fester. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor. Mit irrsinnig starrendem Blick und einem zur Fratze verzerrten Grinsen im Gesicht ging er erneut auf Richie los. Richie wartete, bis er nahe genug stand, dann holte er zu einem kräftigen Tritt aus. Er traf den Jungen gezielt am Handrücken. Das Messer flog funkelnd durch die Luft. Mit einem Scheppern landete es in irgendeiner Ecke. Der Killer blickte seiner Waffe einen Moment nach, besann sich jedoch schnell eines besseren. Fest entschlossen griff er Richie mit bloßen Händen an. Richie rammte ihm das Knie in den Bauch und schlug die Metall-Manschetten in seinen Rücken. Der Feind ging vor ihm auf die Knie! In Richie stieg ein überlegenes Gefühl der Genugtuung auf. Das Gefühl der Macht umhüllte ihn. Als er seinen Feind leise stöhnen hörte, umspielte ein böses Lächeln seine Lippen. Doch seine Freude hielt nicht lange an. Fast im selben Augenblick spürte er, wie etwas seitlich durch die Haut in seinen Leib drang. Erschrocken fuhr er herum und sah mitten in das Gesicht des Weißhaarigen. Sein hochmütiger, beinahe tadelnder Blick fiel auf Richie. "Das wird Ihnen eine Lehre sein", bemerkte er knapp. Langsam drehte er das Messer und riß es aufwärts, bis die Rippen den Schnitt bremsten. Dann zog er es aus der klaffenden Wunde heraus. Der Schmerz übermannte Richie so heftig wie eine Naturgewalt. Doch er konnte nicht schreien. Irgendetwas schnürte seine Kehle zu. Er spürte, wie sich Organe zusammenkrampften und ihm jegliche willentliche Reaktion untersagten. Blut schoß unaufhaltsam in seinen Körper hinein, um dann wieder aus der klaffenden Wunde herauszulaufen. Dieses widerwärtige Gefühl wurde von einer entmutigenden Schwäche begleitet. Roter Nebel stieg vor seinen Augen auf. Plötzlich bedeutete jeder Atemzug eine unermeßliche Kraftanstrengung und allein das aufrechte Stehen schien unmöglich. Richie verlor das Gleichgewicht. Der Fußboden raste auf sein Gesicht zu und er schaffte es nicht, seine Hände schützend hochzureißen. Ein häßliches Knacken verriet ihm, daß beim Aufschlag irgendetwas in seinem Schädel brach. "Du Arschloch", schrie der Satansjünger. "Du widerlicher..." Der Rest ging in dem Rauschen des Blutes unter. Richie hörte nichts mehr, sah nichts mehr. Er würde bald sterben und er sehnte den Tod herbei.
Als Richie wieder zu sich kam, schleppte sich die Realität nur langsam an ihn heran. Aus der Dunkelheit schälte sich zögernd das dunkle Bild des leeren Gefängnisses heraus. Seine Augenlider fühlten sich bleiern an und sein Mund trocken. Die Schmerzen überkamen ihn wie eine Flutwelle. Sie schwollen rasend an und rissen ihn mit sich. Lieber wäre er gleich wieder gestorben, als diese Qual noch einmal zu erleben. Zur Hölle mit der Selbstbeherrschung! Niemand würde ihn hier hören. Richie schrie, so laut er konnte. Er brüllte sich die Schmerzen von der Seele. Es wurde dadurch nicht weniger schmerzhaft, aber alles schien leichter zu ertragen. Als die Krämpfe langsam nachließen, rollte er sich schwerfällig auf den Rücken und hustete den Rest Blut aus der Lunge. Er spürte den harten Boden unter sich. Die Kälte drang bis tief in seine Knochen vor. Die blutnasse Kleidung sog die Kälte regelrecht auf. Als hätte man ihn in eisige Leichentücher gepackt. Seine Schultern schmerzten und die Riemen gestatteten ihm keine angenehmere Lage. Aus Verzweiflung stieß Richie einen Fluch aus und zerrte wütend an den Ketten. Die stabilen Riemen gaben nicht einen Deut nach. Erneut schälte sich die Haut von seinen Handgelenken. Was sollte er nur tun? Er würde immer und immer wieder sterben, wenn er nicht endlich einen Weg hier herausfand. Vor nicht allzu langer Zeit dankte er Gott auf Knien dafür, zu den Unsterblichen zu gehören. Jetzt verfluchte er diesen Umstand. War es das, wovor Mac ihn gewarnt hatte? War das der Fluch der Unsterblichkeit? Er zitterte. Vielleicht vor Kälte, vielleicht aus Angst, er wußte es nicht. Ja, es machte ihm Angst, hier zu sein. Es gab hier nichts weiter als den Tod. Irgendwann würde das Licht angehen und sie würden ihn töten. Es gab keinen Ausweg. Sie nahmen ihm die Möglichkeit, sich zu wehren, sperrten ihn ein und machten aus ihm ein Versuchstier! Ein besonderes Wesen, dessen Eigenschaften hervorragend geeignet waren, Killer auszubilden! Natürlich! Das passierte hier! Dieser verrückte Weißhaarige bildete brutale und rücksichtslose Killer aus. Gefühle wie Mitleid und Tötungshemmung trainierte er ihnen systematisch ab. Für Versagen wurden sie bestraft, für Erfolg belohnt. Der Weißhaarige prügelte also zur Strafe auf den Blonden ein: Weil er es nicht schaffte, Richie zu töten. Deshalb wohl auch die Wut des Killers, denn auch er erreichte das Ziel nicht. Und es würde auch erklären, warum sich hier so auffallend viele verdorbene Existenzen tummelten: Der Weißhaarige sammelte sie einfach auf der Straße ein. Hey, Leute, wollt ihr euch euren nächsten Schuß verdienen? Kein Problem, ich hab' da einen Unsterblichen im Keller, der sowieso gequält werden muß... Was euch gefällt das hier auch noch? Na prima, dann bleibt doch und tötet ihn weiter. Es paßte alles zusammen. Die Wahrheit traf Richie wie ein Faustschlag. Was für eine grauenhafte Erkenntnis. Er wollte es am liebsten gleich wieder vergessen. Es machte seine Lage nur noch auswegloser.
Das Licht flammte wieder auf. Zwei Gestalten traten durch die Tür ein. Der Killer und eine auffallend dünne Frau. Sie sah ihm ähnlich: Genauso blaß, genauso böse. Ihr Gesicht verzog sich zu einer verhärmten, starren Maske. Beide strömten den Geruch des Todes aus! Richies Magen drehte sich um. Betäubt rang er nach Atem. Er würde wieder sterben und wieder gab es keinen Ausweg. Schwerfällig quälte er sich auf die Füße. Die beiden traten an die Linie heran. Sie hielten sich peinlich genau aus seiner Reichweite heraus. Aus ihren reglosen Augen starrten sie ihn an wie die Schlange ihr Opfer. Eine Weile standen sie sich so gegenüber. Schweigend. Richie blickte abwechselnd in die Augen der Frau und des Mannes. Mehrmals lief ihm ein Schauer über den Rücken. Die beiden jagten ihm Angst ein. Ihre Gesichter blieben ernst und die Augen dunkel. Schließlich hielt Richie die Stille nicht mehr aus und riß das Wort an sich: "Es ist das erste Mal, daß er nicht dabei ist, wie?" Die beiden tauschten einen Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, Unsicherheit in den Augen der Frau flackern zu sehen. "Wie hat euer Meister es dieses Mal geplant, hm?" redete Richie weiter. Doch er spürte, den Moment dadurch verpatzt zu haben. Die Unsicherheit in den Augen der beiden verblaßte schlagartig. Mit Entschlossenheit und voller Konzentration richteten sie ihre Blicke wieder auf ihn. Die beiden zogen sich metallene Schlagringe über die Finger. Fürchterlich scharfe Spitzen wurden ausgeklappt, als sie ihre Hände zu Fäusten ballten. "Na schön". murmelte Richie, "aber glaubt ja nicht, daß ich euch so einfach davonkommen lasse!" Doch Richie wurde eines Besseren belehrt. Die beiden arbeiteten in einem guten Team. Sie griffen ihn von unterschiedlichen Seiten an und vollführten ihre Attacken gleichzeitig. So konnte Richie immer nur einen Angriff abwehren, der andere traf in jedem Fall. Die Schläge der kleinen Biester attackierten verdammt schnell. Jeder Treffer schlitzte seine Haut wie Butter auf. Schmerzen explodierten überall um ihn herum. Sie raubten ihm den Atem und den Verstand. So mußte sich ein Stier fühlen, der in der Arena gespießt wurde. Richie wehrte sich aus Leibeskräften, aber die Schmerzen stumpften seine Reflexe ab. Er fühlte sich, als müsse er unter Wasser agieren. Mühsam und wuchtig holte er aus und ebenso mühsam und wuchtig zog er die Schläge durch. Sein Erfolg blieb mäßig. Wenn er, mehr aus Glück, einen Treffer landete, schüttelte derjenige nur, um anschließend mit noch heftigeren Attacken auf ihn loszugehen. Schließlich aber, machte die Frau einen Fehler. Zu dicht gelangte sie an die Kette. Schnell wirbelte Richie herum. Er schlang dabei die Kette um ihre Füße. Dann riß er ruckartig seine Arme hoch, um die Kette zu straffen. Die Frau stürzte. Mit einer geschmeidigen Bewegung warf Richie sich auf sie, legte die Kette um ihren Hals und zerrte sie wieder auf die Füße. Der Killer erstarrte für einen Augenblick. Angst und Hilflosigkeit funkelten in seinen Augen. "Na, mein Junge, was machst du jetzt?" Richie hörte seiner überheblichen Stimme zu, als beobachte er die Szene aus weiter Ferne. Er erkannte sich selbst kaum noch. In seiner Wut wollte er die Kette am liebsten fest zuziehen, bis die Frau in seinen Armen erstickte. Doch er beherrschte sich. Diesen Trumpf wollte er nicht zu schnell ausspielen. Die Geisel legte ihm die Kontrolle der Situation buchstäblich in die Hände. Nun hatte er das Recht, Forderungen zu stellen! Doch gerade als er sich die Worte sorgsam zurechtlegte, geschah das Unfaßbare: Der Killer griff entschlossen in seine Jacke. Als er die Hand wieder hervorzog, lag ein 45er Colt darin. Mit geübter Bewegung entsicherte er die riesige Waffe. Übernatürlich laut hallte das Klicken von den Wänden. Richie nahm wahr, wie der Killer einen Schritt zurückwich. Er sah deutlich den sich am Abzug krümmenden Finger. Zusammen mit dem ohrenbetäubenden Krachen wurde Richie an die Wand geschleudert. Loser Putz rieselte in seinen Kragen. Ein knirschendes Geräusch erfüllte ihn und etwas in seinem Rücken wich dem Druck aus. Er wußte nicht, ob seine Knochen oder die Steine der Wand nachgaben. Vermutlich beides. Blut rann zwischen seinem und dem Körper des Mädchens herab. Richie konnte nicht unterscheiden, wessen Blut lief, dazu war es zu viel. Ungläubig blickte er auf die Frau. Sie lag reglos wie eine Puppe in seinen Armen. Fassungslos löste er die Kette von ihrem Hals und sah sie tot vor seinen Füßen zusammensacken. Der zweite Schuß folgte, noch ehe Richie aufsehen konnte. Er tötete ihn auf der Stelle. Wieder hatten die Kinder gewonnen.
Das Wasser im Hafenbecken wirkte pechschwarz und reflektierte den Mondschein glitzernd. Wie feines Silber auf edlem Samt zog sich der Streifen bis hin zum Horizont. Das kalte Licht des Mondes schien ungewöhnlich hell in dieser Nacht und warf bizarre Schatten der Takelagen ans Ufer. Methos schätzte die Nacht sehr. Unauffällig schlenderte er zwischen den verlassenen Schuppen, die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Rhythmus seines unregelmäßigen Atems formten sich kleine Kondenswölkchen vor seinem Gesicht. Er spazierte angespannt am Wasser entlang, blieb von Zeit zu Zeit stehen und beobachtete das Glitzern, wie es sich in der Ferne verlor. Die erwartete innere Ruhe wollte sich nicht einstellen. Viele Nächte verbrachte Methos auf diese Weise. In letzter Zeit noch mehr als sonst. Sein Dämon meldete sich seit einigen Tagen wieder. Seine durchdringende Stimme raubte ihm nachts den Schlaf und zeigte ihm Bilder, die er lieber vergessen würde. Beinahe jede Nacht erwachte er schweißgebadet, ohne sich genau an den Traum erinnern zu können. Doch das Gefühl, das Blut seines Freundes auf sich herabfließen zu sehen und wie angenagelt unter Duncans Pritsche bei den Beobachtern zu liegen, blieb in solchen Nächten hartnäckig. Immer wieder sah er die blutige Spitze des Breitschwertes, wie sie kurz über seinem Körper anhielt. Das Bild verblaßte nicht eine Nuance, die Wogen seiner Wut und der Hilflosigkeit, wurden um keinen Deut schwächer. Die tiefe, fordernde Stimme in ihm schrie laut nach Rache. Er wollte töten. Nein: Er wollte Gerechtigkeit! Eine sehr blutige Art von Gerechtigkeit, aber dafür eine, die er beherrschte. Seit Urzeiten wurde auf diese Weise Recht gesprochen und er fragte sich, was ihn damals dieses Recht verweigerte. Er fand nur eine Antwort: Die Zeit stand ihm im Weg. Nichts weiter als die Zeit. Während Duncan sich bei Methos erholte, verschwanden alle Unterlagen über die "Versuche" bei den Beobachtern ganz urplötzlich. Methos fand die Männer nicht und Joe wollte ihn bei der Suche auch nicht unterstützen. Er konnte es ihm nicht einmal übel nehmen! Methos verließ die Beobachter, um nicht mehr an ihre Taten erinnert zu werden. Die Suche nach den jungen Ärzten gab er nach kurzer Zeit auf, um nicht dem Fanatismus zu verfallen. Alles tat er in der Hoffnung, die Erinnerungen würden auch ohne Rache verblassen. Ein fataler Irrtum! Death vergaß niemals. Und er forderte Leben! MacLeod erinnerte sich noch immer nicht bewußt an die Ereignisse, träumte aber offenbar häufig davon. Mehr als einmal schreckte Methos hoch, als er ihn im Schlaf schreien hörte. McLeod bemühte sich um innere Ruhe, ohne sich dessen bewußt zu werden und trainierte den ganzen Tag. Damit kompensierte er seine Schlafstörungen. Methos schwieg dazu. Wie lange sollte er sich das noch mit ansehen? Bisher hatte er ihm alles verheimlicht, doch inzwischen zweifelte er daran, das Richtige zu tun. Das Unterbewußtsein quälte Duncan. Es zwang ihn, diese Erlebnisse endlich zu verarbeiten und trieb ihn dazu, viele unangenehme Fragen zu stellen. Doch Methos schwieg weiter. Vielleicht tat er es, weil er selbst die Ereignisse nicht verarbeiten konnte. Es wollte ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelingen. Immer wieder und wieder sah er die beiden Ärzte vor sich, wie sie mit Entzücken das Breitschwert in Duncans Brust rammten. Er hätte sie nicht am Leben lassen dürfen!
Dieser gewaltige Rachedurst in Methos schrie mit jedem Tag lauter. Es würde ihm verdammt noch mal besser gehen, hätte er damals diese wertlosen Leben ausgelöscht! Sicher, es hätte die Erlebnisse nicht rückgängig gemacht, es hätte die Entscheidungen nicht erleichtert, aber Methos hätte für wenige Sekunden die Genugtuung spüren dürfen, sich gerächt zu haben. Nachts hörte er Deaths Ruf besonders laut. Dann mußte er raus an die frische Luft, weg von beengenden Zimmern. Meistens zog es ihn zum einsamen Hafen. Das Plätschern des Wassers im kühlen Mondlicht beruhigte ihn manchmal. Doch heute ging ihm die Ruhe auf die Nerven. Er spürte, daß etwas in der Luft lag. Als wäre alles um ihn herum elektrisiert und wartete nur auf den passenden Ableiter. Leise, schleppende Schritte hallten über den Hafen. Zuerst kümmerte Methos sich nicht darum, doch dann spürte er die Präsenz eines Unsterblichen. Augenblicklich steuerte er die entgegengesetzte Richtung an. Er wollte jetzt niemandem begegnen. "Hilf mir", klang eine schwache Stimme. Methos stockte. Er kannte die Stimme, ganz sicher, aber er konnte sie nicht zuordnen. Dazu schwankte und zitterte sie zu sehr. Unwillkürlich hielt er seine Schritte an und wandte sich vorsichtig um. In der Dunkelheit kam eine taumelnde Gestalt auf ihn zu. Ein betrunkener Unsterblicher? "Wer ist da?" rief Methos. Er hielt den Schwertgriff fest gepackt. Eine kurze Pause trat ein. "Richie", röchelte eine Stimme schwach. Methos ließ das Schwert stecken. Richie? Sollte er sich nicht längst auf dem Weg nach Paris befinden? Es mußte ihm etwas zugestoßen sein. "Was ist los?" rief Methos ihm entgegen. Der Junge konnte sich kaum auf den Beinen halten. Mit weit vorgebeugtem Oberkörper stolperte er unsicher in Methos' Richtung. Sein Atem ging schwer, anscheinend vor Schmerz. Methos trat ihm entgegen und konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er vollends zusammenbrach. "Bring mich hier weg!" forderte der Junge. Seine Stimme flatterte, als würde sie jeden Moment versagen. "Was ist denn..." Methos blieben die Worte im Hals stecken, als er den Jungen anblickte. Das Hemd hing eigentlich nur in blutigen Fetzen an seinem Oberkörper herab. Aus mehreren Schußverletzungen quoll Blut. Ein Arm baumelte ausgekugelt vor ihm herab, als sei es ein Fremdkörper. Von den Ellenbogen bis zu den Handgelenken konnte er nahezu keine Haut mehr sehen. Unter dem verschmierten Blut zogen sich ausgefranste Sehnen und Muskeln entlang. An einer besonders tiefen Stelle blitzte es sogar weißlich. Mehrere Knochen staken zerbrochen aus dem Fleisch des Handrückens und der Finger heraus. "Bring mich hier weg", sagte Richie noch einmal. Die Worte rissen Methos aus seiner Starre. Unwillkürlich drückte er den Jungen tröstend an sich. Unsterblich oder nicht, die Schmerzen blieben die gleichen. "Ich bringe dich zu Mac, Richie, keine Sorge." Richie hob ruckartig eine gebrochene Hand und packte Methos' Kleidung mit einer Härte, die er der schwachen Gestalt vor sich nicht im mindesten zugetraut hätte. "Nicht zu MacLeod!" brachte er entschlossen hervor. Seine Stimme flatterte überhaupt nicht mehr. Sie wies eine unglaubliche Härte und Entschlossenheit auf. "Aber...", versuchte Methos zu wiedersprechen. "Nicht... zu ihm!" Es kostete ihn die letzten Kraftreserven. Der Junge starb mit einem Ächzen auf den Lippen, das Dankbarkeit und Abscheu zugleich verriet. Methos schulterte den blutenden Leichnam und trug ihn ans dunkle Ufer. Dort legte er ihn auf eine möglichst trockene Stelle im Sand, deckte ihn mit seinem Mantel zu und schob noch seinen zusammengeknüllten Pullover unter den Kopf. Dann zückte er sein Feuerzeug und hielt es in die Nähe des Jungen. Das fahle Mondlicht malte zusammen mit dem flackernden Feuerschein finstere Schatten in sein Gesicht. Die jämmerlich eingefallenen Wangen ließen ihn ausgezehrt und hager erscheinen. Er wirkte um Jahre gealtert. Tiefe Falten schienen seine eigentlich so jugendliche Haut zu furchen. Fast alles an ihm überzog sich mit einer schmierigen Schicht aus Blut, Erde und klebrigem Schweiß. Sicher würde der Junge frieren, wenn er zu sich kam. Also erhob Methos sich und suchte die seichte Stelle des Ufers nach halbwegs trockenem Holz ab. Nach kurzer Zeit trug er die dürftige Ausbeute zu Richie zurück. Das winzige Feuer, das er aus den klammen Holzabfällen entfachte, qualmte für drei, aber es spendete ein wenig Wärme. Methos beobachtete den Toten durch die Flammen hindurch und fragte sich, durch welche Hölle man ihn gepeitscht hatte. Viele Unsterbliche erlitten im Laufe ihres Lebens das eine oder andere Trauma, doch das erste blieb immer das einprägendste. Duncan wandte seine ganze Kraft auf, Richie solchen Schmerz zu ersparen. Sinnlos, wie Methos von Anfang an bemerkte. Wie oft hatte er versucht, Duncan zu erklären, daß der Junge sich gerade zu einem Mann entwickelte und ein Recht auf diese Fehler hatte. Zu oft vermutlich, denn Duncan konnte oder mochte das einfach nicht einsehen. Er sah Richie als 'sein Werk' an. Er wollte ihn beschützen, vor allem Übel bewahren und vermutlich am liebsten an die Leine nehmen. 'Tja, Duncan', dachte Methos mit bissigem Spott, 'nun ist der Junge trotzdem auf dem Wege, ein Mann zu werden.' Der Junge riß die Augen auf. Ruckartig sog er die Luft ein und hielt sie für einen Sekundenbruchteil an. Methos hörte das Knirschen sich richtender Knochen durch Richies lauten Schmerzensschrei hindurch. Als Duncan das letzte Mal über ihn sprach, verkündete er voller Stolz, mit welcher Hingabe nun auch Richie Schmerzen überwinden lerne. Wie es schien, blieb der Erfolg der Lektion allerdings aus. Richie brüllte herzzerreißend. Für einen Moment fürchtete Methos schon, jeden Augenblick Polizeisirenen zu hören. Hastig blickte er in alle Richtungen um, doch nichts dergleichen geschah. Richie durfte ungestört wieder ins Leben treten. Erschöpft blieb der Junge im kalten Sand liegen. Er zitterte am ganzen Körper. Methos überlegte, ob es ihn vor Kälte schüttelte oder ob er weinte. Als Richie sich endlich aufrichtete, wickelte er sich dankbar in Methos' Mantel. Zitternd streckte er seine Hände der kleinen, qualmenden Flamme entgegen. Erst nach geraumer Zeit hob er den Kopf und blickte Methos ins Gesicht. "Du hättest mich töten können", stellte er nüchtern fest. Methos nickte. "Aber das war wohl ein Risiko, das du bereitwillig eingegangen bist." Richie starrte wieder ins Feuer. Angestrengt dachte er über etwas nach. "Er hat mir mein Schwert abgenommen", brachte er schließlich heraus. "Mac besorgt dir sicher ein neues." Richie hob entschlossen den Blick. "Ich will nicht zu ihm!" sagte er langsam. "Noch nicht", fügte er dann etwas leiser hinzu. Dann starrte er wieder in die Flammen, doch er schien sie nicht wirklich zu sehen. Sein Blick schweifte in eine weite Ferne, in eine andere Welt, an der er Methos nicht teilhaben ließ.
Methos hielt sich zurück. Bewegungslos saß er mit am Feuer und nahm den Blick nicht von dem Jungen. Richie würde schon anfangen zu reden, wenn er es für angebracht hielt. Er brauchte mehr Zeit, als Methos erwartete. Das Feuer brannte längst nicht mehr, die Glut glomm nur noch sehr schwach, da holte er Luft zum Reden. "Die Handfesseln waren aus Metall; an den Seiten zugeschweißt. Unmöglich, sie zu knacken." Er redete so monoton, als wüßte er nicht, was er erzählte. Es klang wie auswendig gelernt. "Ich habe mir selbst die Mittelhandknochen und die Daumen gebrochen, um die Hände aus den Manschetten zu ziehen." Er holte tief Luft. "Meine Schreie haben ihn zu mir gelockt. Der Weißhaarige öffnete die Tür und ich habe ihn überrascht. Ich trat ihm ins Gesicht und hoffte, er würde bewußtlos werden. Ich stellte mir das alles zu einfach vor, Adam. Er blieb wach. Und er zog seine Knarre." Ein kehliges Lachen verließ seine Kehle. "Wie dumm von mir zu glauben, ich könnte ihm das Ding abnehmen. Er hat das ganze Magazin leergeballert, bevor ich auch nur einen Schritt weit gekommen bin." Richie lachte bitter auf. "Aber ich bin verdammt zäh geworden, glaube ich... und das habe ich auch ihm zu verdanken!" Seine Stimme wurde immer leiser, Methos verstand kein Wort, aber er spürte, wie sehr der Junge unter den Geschehnissen litt. Umso verwunderter blickte er auf, als Richie sich plötzlich entschlossen erhob. "Dieser Mann gehört mir, Adam, verstehst du? Er soll büßen!" Richie wandte sich zum Wasser. Sorgsam legte er den Mantel ab und schlüpfte aus den Überresten seines Hemdes. Er tauchte den Stoff in das eisige Wasser und rieb sich damit den Körper ab. Dabei fuhr er so fest über seine Haut, daß sich wahrscheinlich überall rote Stellen bildeten. Vermutlich wollte er die Erinnerungen gleich mit wegschrubben. Methos lächelte bitter in sich hinein. Würden Erinnerungen abwaschbar sein, hätte er sich mehr als einmal im eisigen Wasser wund gewaschen. Als Richie sich aufrichtete und zu Methos zurückkam, knirschte der Sand hörbar unter seinem entschlossenen Tritt. "Was ist, Adam, leihst du mir dein Schwert?" Seine tiefe Stimme hallte über das Wasser und ließ alles um ihn herum für einen Augenblick kleiner werden. Selbst Methos. Methos schaute zu dem Jungen auf und erblickte plötzlich einen anderen. Dieser glühende Haß in seinen Augen, das freudlose Lächeln in seinem Gesicht; so stand Kronos damals vor ihm, als sie das erste Mal gemeinsam töteten. Für einen Augenblick fühlte Methos sich als Death und der Gedanke erschreckte ihn kein bißchen.
Methos spürte die Veränderung in dem Jungen. Eine Gabelung tat sich in Richies Lebensweg auf und er hatte sich schon für einen Abzweig entschieden. Kein Duncan, der ihm Entscheidungen abnahm, kein Gewissen, keine unnötigen Moralvorstellungen: Hier trat der reine, klare Geist von Richard Ryan hervor, der nichts anderes als diese Rache forderte. Warum sollte ausgerechnet Methos ihn daran hindern?
Haß vergiftet die Seele. Er duldet keine anderen Gefühle, deshalb erstickt er alles Fremde unter seinem dichten, schwarzen Leib. Er wächst von Tag zu Tag, von Minute zu Minute. Die Last auf der Seele drückt irgendwann so unerträglich, daß nur noch der Haß sie nährt. Doch was bleibt, wenn dieser befriedigt ist? Nichts! Absolut nichts; nicht einmal mehr der Haß, der die Seele vorher am Leben gehalten hat. Die Seele stirbt an dem Nichts...
Methos wußte, wie das Nichts die Seele quälte, wie sehr diese aufkommende Stumpfheit den Geist langsam und unaufhörlich zerstörte. Dieses schwarze Loch forderte bedingungslos, ausgefüllt zu werden, andernfalls drohte der Wahnsinn. Doch womit sollte das Loch gefüllt werden, wenn der Haß nichts als eine Wüste aus Asche zurückließ? Obwohl Methos diesen würgenden Teufelskreis nur zu gut kannte, wollte - durfte - er Richie nicht aufhalten. Zu tief saß sein Haß, zu fest stand seine Entscheidung. Methos' Gedanken schweiften in eine längst vergangene Ferne. Er sah Stahl und Blut, spürte wieder die Macht in seinen Händen und roch den Tod überall um sich herum. Er hätte sich von niemandem auf der Welt vom Töten abhalten lassen. Die aufgehende Sonne tauchte den dreckigen Strand von Vancouver in geisterhaft rotes Licht. Lange Schatten malten unheimliche Muster in den Sand: Dürre, tote Hände, die nach den Lebenden griffen, als neideten sie es ihnen. Das eben noch schwarze Wasser nahm eine Farbe wie von Blut an. Die Steine am Ufer glänzten metallisch in dieser roten Brühe...
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Methos wurde ausgestoßen, wohin er auch kam. Alle, die von seiner Gabe erfuhren - schlimmer noch: Seine Gabe sahen - wollten sie ihm austreiben. Wie lange er schon flüchtete, wußte er längst nicht mehr. Er kannte weder seinen Namen, noch seine Herkunft. Er hatte keine Ahnung, warum er nicht sterben konnte, aber er hielt es für einen grausamen Fluch. Er haßte sich selbst, haßte die Menschen, die ihn verfolgten und dieser Haß tötete langsam alles andere in ihm. Tief in seinem Innern glaubte er daran, daß er die Erklärung finden würde, für diese schwere Last, wenn er nur genug Leben nahm. Er kannte Quickenings und ahnte deren Bedeutung. Er vermutete, er würde sterben können, wenn er nur genug davon erfuhr. Also suchte er nach anderen, die so waren wie er; und er tötete, um sie zu finden. Doch das Töten verselbständigte sich. Etwas fremdes, urgewaltiges ergriff Besitz von ihm und trieb ihn dazu, immer mehr Leben zu nehmen, egal ob unsterblich oder nicht. Er wollte das verursachen, was er selbst nicht haben konnte; den Tod. Doch das Töten löste das Problem nicht. Es vergrößerte lediglich seine Stumpfheit. Immer mehr Leben fielen diesem entsetzlich leeren Gefühl zum Opfer. Er verfiel dem Rausch: Wenn er tötete, konnte er für einen Moment die Angst der Sterbenden sehen, für Bruchteile einer Sekunde spürte er die Liebe untereinander, wenn er Familien auseinanderriß und er glaubte in ihren Augen tatsächlich für einen wertvollen Augenblick den Tod zu erblicken. Dann verblaßte das Gefühl wieder. Also tötete er den nächsten. Er verursachte Leid, um zu spüren, daß es Leid gab, er folterte, um zu sehen, daß es Schmerz gab und er vergewaltigte, um zu sehen, daß es so etwas wie Intimität gab. Er nahm sich diese Gefühle, verleibte sie sich ein, ohne sie auch nur im Geringsten zu verstehen. Er wollte einfach nur zerstören, was er nicht besitzen konnte. Die Ironie des Schicksals führte ihn direkt zu Kronos. Methos stöhnte bitter auf bei diesem Gedanken. Ja, Ironie, ungenießbare, höhnische Ironie! Als er Kronos begegnete, war dieser noch jung, nicht wirklich böse, nur... draufgängerisch vielleicht. Kronos hatte etwas an sich, daß Methos nicht zerstören wollte: Er gab ihm das Gefühl, bedeutsam zu sein. Und nicht nur ihm gab er das Gefühl, auch den andren. Kronos rief die Reiter ins Leben; Methos fand eine Art Heimat. Ein wanderndes Lager nur, aber gleichzeitig der sicherste Ort der ganzen Welt. Seine Stumpfheit machte ihn nicht länger zu einem Ausgestoßenen, sondern zu etwas besonderem: Zum Wächter über Leben und Tod. Die ganze Welt erzitterte vor ihm und seinen Brüdern. Das machte ihn tatsächlich unsterblich! Er wollte wieder leben! Auf dem verdorrten und zerstörten Boden seiner Gefühlswelt fanden zarte Pflanzen wie Zuneigung und Mitgefühl wieder neue Wurzeln. Anfangs steckten sie nur unscheinbar ihre zerbrechlichen Blätter durch die dicke Kruste aus Asche und Blut und Methos ignorierte sie nach Kräften, doch er konnte sie nicht wegleugnen! Sie wuchsen langsam, aber stetig, überwuchsen irgendwann den zerstörten Grund, auf dem sie wuchsen. Methos fand sich selbst wieder, wurde nach und nach zu einer stabilen Persönlichkeit. Er begriff, daß das Leben noch andere Dinge für ihn bereithielt, als das Töten. Kronos bemerkte die Veränderung an seinem Bruder, doch selbst er konnte ihr keinen Einhalt gebieten. Er fühlte sich schwach gegenüber diesen Gefühlen und begann sie zu verabscheuen.
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Wie viele Menschen mußten sterben für diese Persönlichkeit? Methos wußte es nicht. Fast tausend Jahre lang zog er die blutige Spur von sinnlos getöteten Menschen hinter sich her. Doch nicht zuletzt lernte er genau in dieser Zeit, sich vom Kämpfen abzuwenden. Sollte er Richie diese Erfahrung vorenthalten? Der krustige, zerstörte Boden aus Blut und Tod in Methos' Gefühlswelt würde immer sichtbar bleiben, das Blut an seinen Fingern würde sich niemals abwaschen lassen, aber all das machte ihn zu dem, was er heute war: Kein Heiliger, bei weitem nicht, aber er glaubte, mit seinem Leben zufrieden sein zu können. Mit Dankbarkeit blickte er auf sein Leben zurück, weil es geprägt wurde durch seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Entscheidungen... und diese Chance wollte er auch Richie lassen. Langsam erhob er sich von dem kalten Sand. "Ich bin dabei, Bruder!" Er flüsterte fast. Langsam griff er sein Schwert und reichte es dem Jungen.
Triumphierend nahm Richie das Ivanhoe entgegen. Es wog mehr als sein Rapier. Es schien mächtiger! Es hatte schon mehr Blut geschmeckt, mehr Leben genommen. Ein Teil dessen Macht strömte durch Richies Hand in seinen Körper hinein. Nun lag es an ihm, Leben zu vernichten! Richie kehrte dem Ufer den Rücken zu und setzte sich in Bewegung. Der blanke Stahl in seinen Händen blitzte verheißungsvoll im Morgenlicht. Dunkelrot schimmerte die Klinge und färbte mit ihren Spiegelungen die Umgebung ein. Nie zuvor fühlte Richie sich derart lebendig. Die ganze Welt trat in den Hintergrund. Nichts schien mehr von Bedeutung: weder MacLeod, noch dessen Lehren, weder Darius, noch der Kampf unter den Unsterblichen, selbst Tessa wurde für diesen Moment zu einer Erinnerung degradiert. Nichts gab es mehr auf dieser Erde, außer diesem Augenblick: den Augenblick des Triumphes und der Rache. Es beruhigte ihn und wühlte gleichzeitig sein Innerstes auf. Das Haus, aus dem er vor wenigen Stunden geflüchtet war, zog ihn magisch an. Unbeirrt lenkte er seinen Schritt auf das verhaßte Gebäude zu. Der Sand knirschte laut unter seinen Füßen. Sie hörten ihn sicherlich kommen. Doch das spielte keine Rolle. Sie konnten ihn ohnehin nicht aufhalten. Richie wußte, daß niemand mehr leben würde, wenn er in wenigen Minuten wieder von hier ging. Eine grimmige Vorfreude erfüllte ihn. Er würde niemanden mehr übrig lassen.
Methos hielt sich im Hintergrund. Schweigend beobachtete er, wie der Junge seine Schritte auf ein bestimmtes Haus zulenkte. Zuerst wollte er ihn allein gehen lassen, allein lernen lassen, aber schließlich folgte er ihm doch. In angemessenem Abstand ging er neben der tiefen Spur her, die Richie im Sand hinterließ. Methos versuchte sich einzureden, daß er ihm nur folgte, um möglichst bald sein Schwert wieder in Empfang zu nehmen; oder zumindest, um auf den Jungen Acht zu geben, aber in Wirklichkeit suchte er nur einen Grund und das spürte er genau. Das Schwert bedeutete ihm nichts; Methos trug immer noch ein zweites bei sich - für Notfälle. Das Ivanhoe stand ihm zwar schon bei vielen Kämpfen treu zur Seite, aber er maß ihm keinerlei abergläubische Bedeutung zu. Ganz tief im Innern wußte Methos um den wahren Grund! Es ging ihm nicht um das Stück Metall; sollte der Junge das Ding doch behalten und mochte es ihm Glück bringen! Es ging ihm auch nicht darum, auf den Jungen aufzupassen, der wußte sich sicherlich selbst zu verteidigen. Es ging um etwas ganz anderes: Es ging um Richies Gefühl. Diese brennende Wut, dieser maßlose Haß, der unbändige Zorn, den er bald herauslassen würde. Methos wollte daran teilhaben, denn er beneidete ihn darum. Er beneidete ihn um den jugendlichen Leichtsinn, diesem Gefühl ohne Schuldbewußtsein zu erliegen.
Richie hielt vor der geschlossenen Tür an. Sein Herz klopfte heftig. Mit eisigen Fingern kroch Angst an ihm herauf. Sie wanderte unaufhaltsam zu seinem Hals und würgte ihm mit eisernem Griff die Luft ab. Einen Moment lang hielt ihn die Angst in einem Käfig gefangen. Wabernde Nebel umschlossen ihn und er wollte um nichts in der Welt wieder in dieses Haus hinein. Er wollte weit, sehr weit fort von hier! Richie kämpfte das Gefühl, weglaufen zu müssen, hinunter. Er würde nicht noch einmal hier sterben! Die Opferrolle spielte er den anderen zu. Nun würde ER den Tod bringen. Entschlossen faßte er das Schwert beidhändig. Mit einem wütenden Schrei auf den Lippen trat er die Tür aus den Angeln. Sie hielt seinem aggressiven Tritt nicht eine Sekunde stand. Scheppernd flog das Stück Holz in das Haus hinein und landete unsanft auf dem Boden. Richie zerstörte, was ihn vor kurzem noch gefangen hielt. Er setzte sich über das hinweg, was ihm vor wenigen Stunden unüberwindlich schien. Endlich durfte er wieder Herr seiner eigenen Gefühle sein. Er wollte diejenigen bestrafen, die ihn zum Opfer machten, wollte sie büßen lassen! Von einer plötzlich aufkommenden, ungeduldigen Vorfreude getrieben, stürzte er in das Gebäude hinein. All seine Sinne wachten auf. Nichts entging ihm mehr, nicht das leiseste Geräusch, nicht die kleinste Bewegung. Er würde sie alle finden!
Methos erreichte das Haus gerade, als Richie darin verschwand. Es unterschied es sich kaum von den anderen: Die Fassade bröckelte genauso salzzerfressen, das marode Holz wirkte ebenso urtümlich und angegriffen wie bei allen anderen Fischerhäuschen. Doch eines unterschied dieses Gebäude doch von den anderen: Es war das einzige unterkellerte Haus in dieser Reihe! Für einen Augenblick blitzte das Bild von Duncans Blut und dem Breitschwert wieder vor seinen Augen auf. Einen Herzschlag lang fühlte er wieder die Angst und den Zorn mit unvermittelter Gewalt - dann verschwand das Gefühl. Methos blinzelte den Schatten vor seinen Augen fort. Mit einem Kopfschütteln vertrieb er das verblassende Bild des Breitschwertes. Was bedeutete das? Zögernd trat Methos an das Haus heran. Je näher er der Tür kam, desto stärker schlug sein Herz. Er fühlte sich, als würde er bei einem Film eine spannende Stelle zu verfolgen; unbeteiligt am Geschehen, aber doch irgendwie vollkommen gefangen darin. Schnellen Schrittes folgte er Richie. Er wollte nichts verpassen! Das untere Geschoß dieses Hauses wurde dominiert von einer wuchtigen Wendeltreppe, die nur nach oben führte. Richie trat zielstrebig auf die dunkelste Ecke in dem spärlich eingerichteten Wohnraum zu. Entschlossen schlug er mit dem Fuß einen zerschlissenen Teppich zur Seite. Ein massiver Metallring kam zum Vorschein. Einen Augenblick stand der Junge da und starrte auf die Luke. Etwas brodelte in ihm, unauffällig wie in einem schlafenden Vulkan. Methos erwartete irgendeinen Ausbruch, doch der Junge schluckte ihn hinunter und wandte sich von der Luke ab. Er stampfte schließlich wild entschlossen die Treppe hinauf. Methos blieb dicht hinter ihm. Die Treppe knarrte und quietschte laut. Richie verheimlichte seinen Besuch nicht. Warum sollte er auch? Er brachte das Verderben und den Tod! Vor ihm sollten "sie" sich verstecken. Offensichtlich taten "sie" das auch, denn es blieb ruhig. Hinter den Türen, die von einem schmalen Flur links und rechts abgingen, gab es kein eräusch. Die trügerische Ruhe vor dem Sturm... Methos fühlte ein Kribbeln im Magen, das sich langsam über seinen ganzen Körper ausbreitete. Bis in die Fingerspitzen konnte er seinen Herzschlag spüren. Ihn packte das Verlangen, sein Schwert zu ziehen und sich einfach mitreißen zu lassen, doch er unterdrückte den Wunsch. Es sollte Richies Rachefeldzug werden. Er wollte dem Jungen nicht im Weg stehen. Richie trat beinahe wahllos eine Tür ein. Die schwache Konstruktion flog samt Angeln in den Raum hinein. Putz rieselte aus dem Rahmen heraus. Wie das Chaos, deutlich sichtbar und doch unaufhaltsam, betrat Richie den Raum. Um seine Lippen spielte ein festgefrorenes Lächeln, das seinen Augen einen willensstarken Glanz verlieh. "Hallo, Killer", sagte er mit einer Stimme, die Methos kannte, aber nicht Richie zuordnete. "Willst du dich nicht verteidigen?" Dann fiel ihm der harte Tonfall auf, die Betonung der Endsilben, die bissige Wortwahl: Kronos sprach auf diese Weise!
Der Satansjünger fuhr einen Moment vor Schreck zusammen. Seine Augen weiteten sich und für Bruchteile von Sekunden blitzte Angst in seinem Gesicht. Richie genoß diesen Augenblick. Der Killer erblickte seinen eigenen Tod in ihm und erkannte gleichzeitig, daß er nichts dagegen unternehmen konnte. Richie wuchs über sich selbst hinaus. Eine Kraft durchströmte ihn, die nicht von dieser Welt kam; mächtiger als alle Quickenings, mächtiger als jede Waffe: der pure Haß. Langsam und bedrohlich erhob er das Schwert. Dabei sah er dem Killer fest in die Augen. Irgendwo darin flackerte die Angst und es stimmte Richie zufrieden, der Verursacher dafür zu sein. Der Killer erhob sein Messer und griff an.
Methos erblickte einen merkwürdig aussehenden Jungen in dem Zimmer. Dessen schwarze Kleidung umhüllte ihn wie die Aura des Bösen. Seine Hasserfüllten Augen blitzen düster unter dem schwarzen Haar hervor. Sein Ausdruck wurde durch das tätowierte Wort "Killer" im wahrsten Sinne des Wortes unterstrichen. Doch Richie schien ihm dennoch Furcht einzuflößen. Der Killer wich respektvoll vor Richie zurück. Dieser folgte ihm bedrohlich. Das Schwert drohend erhoben, trieb er den Jungen in eine Ecke. Er ließ dem Killer keine Chance. Der Junge startete mit einem lächerlichen Messer zwei blitzschnelle Attacken, die nicht einmal in die Nähe seines Gegners gelangten. Richie stieß ihm zur Antwort das Schwert mitten in den Leib und hob den blutspuckenden Teufelsanbeter an. Noch wenige kurze Atemzüge füllte das Röcheln den Raum, dann brach der Junge auf der Klinge zusammen. "Grüße deinen Herrn und Meister von mir, sollte er dich noch in die Hölle hineinlassen." Richies Stimme hallte gehässig von den Wänden wieder. Wie ein Stück Fleisch schüttelte er den Toten von dem Schwert hinunter und ließ ihn achtlos in der Ecke zurück. Mit hartem Blick verließ er den Raum und wandte sich zur nächsten Tür auf dem Gang. Hier bot sich Methos ein ähnliches Szenario: Ein dünner, junger Mann mit einem schmierigen Pferdeschwanz zog sich vor Richie in eine Ecke zurück. In seinen Händen hielt er weit vorgesteckt einen Revolver. Der kurze Lauf zitterte heftig. Zwei gedämpfte Schüsse fielen. Richie wurde ein Stück zurückgeworfen und brach für einen Moment auf die Knie. Blut schoß aus seinem Bein, doch es kümmerte ihn kaum. Schnell rappelte er sich auf die Füße und stürmte auf den Blonden zu. Dieser hatte nicht einmal mehr Zeit, ein weiteres Mal zu feuern. Richie hob die blutige Klinge zu einem gewaltigen Hieb. Entschieden beendete er den ungleichen Kampf und tötete den Blonden mit einem sauberen Schnitt. Noch nie zuvor hörte Methos das Schneiden von Metall durch Fleisch in einem Kampf. Eine Gänsehaut jagte ihm über den Rücken. Er selbst hatte schon oft getötet, doch noch nie hatte er dieses Geräusch in einem Kampf gehört. Es wirkte so unheimlich, so fremd. Dann fiel ihm auf, woran das lag: Keiner der beiden hatte auch nur einen Laut von sich gegeben. Richie sah die Waffe und bereitete sich auf den Einschlag wie auf ein lästiges Hindernis vor. Der Blonde akzeptierte die Tatsache seines nahenden Todes mit einer Abgeklärtheit, die nahezu an Gleichgültigkeit grenzte. Seine Handlung belief sich auf Schadensbegrenzung und er wußte das ganz genau. Er nahm seinen Tod in Kauf, wenn er ihn nur möglichst teuer verkaufte. Methos lehnte sich an die kühle Wand und beobachtete Richie, der eine Tür nach der anderen eintrat. Voll Bewunderung und Anerkennung beobachtete er den Jungen, der wie selbstverständlich mordete - als hätte er in seinem Leben nichts anderes getan. Methos schloß die Augen. Sein Atem ging tief und ruhig. Nach so langer Zeit umgab ihn der Geruch des Todes wieder und er verfehlte seine Wirkung nicht. Er fühlte sich, als läge das Schicksal der Welt in seinen Händen. In seinem Innersten jubelte etwas laut auf. Er hörte Death lachen und genoß seine Freude. Blutbefleckt trat Richie aus dem letzten Zimmer heraus. Er bewegte sich langsam wie eine schleichende Katze und wirkte absolut nicht zufrieden. Wütend spähte er in alle Richtungen. "Der Weißhaarige muß im Keller sein!" raunte er, ohne Methos anzublicken und lenkte seine Schritte entschlossen die wuchtige Wendeltreppe hinunter. Das Schwert hielt er dabei so fest umklammert, daß seine Fingerknöchel deutlich heraustraten. Die Schwertspitze vibrierte vor Anspannung. Vor der Luke verharrte Richie einen Moment nachdenklich, fast zögernd. Ein Teil von ihm schien sich vehement zu weigern, dort hinunterzugehen. Doch dann blitzte es in seinen Augen auf. Die Killer-Seite gewann die Oberhand. Mit einem Ruck riß Richie die Luke an dem verrosteten Ring auf. Ein Schwall modriger Luft schlug ihnen entgegen. Methos roch abgestandenes Blut. Das Bild von dem Versuchsraum der Beobachter blitzte auf. Für einen Atemzug erschien die Situation so plastisch und präsent, daß es ihm die Luft abdrückte. Das Bild verblaßte, aber der Haß und der Rachedurst blieben. Als Methos aufsah, stand Richie schon fast am Fuße der Treppe. Methos folgte ihm leise. Er fühlte sich nicht mehr als unbeteiligter Zuschauer. Der Strudel aus Wut riß ihn zurück in den dunklen Abgrund seiner eigenen Seele. Seine Finger zitterten und wanderten zum Schwertgriff.
Klebriger Schweiß brach aus jeder Pore heraus. Einige der kalten Tropfen sammelten sich in Richies Nacken und liefen in endlosen Bahnen die Wirbelsäule hinab. Nun stand ihm der letzte Kampf bevor und das machte ihm Angst. Der Weißhaarige machte ihm Angst. Jeder Schritt vergrößerte das beklemmende Gefühl. Die Treppe mündete in einem engen, düsteren Gang. Nur an der einen Seite gab es schmale Lüftungsschlitze, durch deren verdreckte Öffnungen sich ein wenig Tageslicht kämpfte. Es gab nur eine einzige Tür hier unten, am Ende des Ganges. Seine Zelle! Richie wußte noch immer nicht, wie lange er dort gefoltert wurde, er konnte sich nicht erklären, warum sie ausgerechnet ihn dafür aussuchten, aber er wollte sich dafür rächen. Der Weißhaarige sollte sterben, für das, was er Richie angetan hatte.
Die Tür stand einen kleinen Spalt offen. Dahinter erklang das Schaben von Metall auf Stein. Es füllte die Stille mit einem nervtötenden Rhythmus. Richie näherte sich nur zögernd. Jeder Herzschlag tat weh und es fühlte sich an, als sei sein Brustkasten in enge Fesseln gesperrt. Als er seine Hand nach der Tür ausstreckte, erkannte er, wie sie zitterte. Vorsichtig drückte er die Tür mit der flachen Hand in den mit Licht erhellten Raum hinein. Der Weißhaarige stand seelenruhig in der Mitte der Zelle, hielt Richies Rapier in den Händen und schärfte die Klinge mit einem Wetzstein. "Du hast sie alle getötet, nicht wahr?" Er schüttelte mit gespieltem Bedauern den Kopf. Langsam wandte er sich Richie zu. In seinen Augen funkelte eine finstere Boshaftigkeit. "Dabei bist du doch so ein lieber Junge, konntest nicht einmal Tessas Mörder töten. Hast du etwa alles vergessen, was MacLeod dich gelehrt hat?"
Methos hielt den Atem an. Er erkannte die Stimme sofort. Ein Beobachter! Der Beobachter! Der Mann, der Duncan folterte! Methos zog sein Schwert.
Der Weißhaarige blickte bis auf den Grund seiner Seele. Richie hob das Schwert und nahm einen stabilen Stand ein. Die Angst schwächte die lodernden Flammen seiner Wut erheblich. Doch nun gab es kein Zurück. Einer von ihnen würde hier und jetzt sterben. Der Weißhaarige warf in einer geschmeidigen Bewegung den Wetzstein fort und griff gleichzeitig mit einem linkischen Ausfallschritt an. Die Angst fiel von Richie ab wie ein alter Mantel. Er reagierte beinahe mechanisch auf den Angriff. Mit einer knappen Bewegung parierte er den Stich, drehte sich einmal um die eigene Achse und führte die Drehung zu einem Angriff weiter. Fast erschüttert stellte er fest, daß er den Mann geköpft hatte. Der Kampf war vorbei! Tödliche Stille breitete sich aus. Richie wartete auf etwas. Er wußte selbst nicht worauf. Dann bemerkte er, wie er sich auf ein Quickening vorbereitete. Natürlich blieb es aus! Ohne zu wissen, was er eigentlich tat, rammte er dem Toten das fremde Schwert in den Rücken. Als er sich nach seinem eigenen bückte, murmelte er: "Wage es nicht noch einmal, mein Schwert anzurühren." Dann wankte er betäubt auf sein altes Lager zu. Hinter ihm ertönte ein leises Lachen. Es klang humorlos und böse. Es fuhr ihm eiskalt durch die Glieder. Nie hätte von Adam ein so böses Lachen erwartet.
Methos trat an den Toten heran. Für einen Augenblick fühlte er sich, als wäre er aus seinem Körper herausgetreten und würde nun das Geschehen von außen beobachten. Er hörte sich selbst Lachen und glaubte für einen Sekundenbruchteil Death zu sehen. Mit sichtlicher innerer Genugtuung zog er der Leiche das Schwert aus dem Rücken. Triumphierend hielt er beide Klingen in die Höhe, "Nun bist du also doch durch meine Klinge gestorben! Tja, wie das Leben so spielt." Seine eigene Stimme! So vertraut und ebenso fremd im selben Augenblick. Triefend vor Zynismus und so bösartig schneidend, daß sie Wunden riß. Methos schritt am Toten vorbei und blieb vor seinem Kopf stehen. Kurz bevor er ihn aufhob, kam er wieder zu sich. Er wurde sich nur langsam bewußt, was er gerade tun wollte: Einem unbeschreiblichen Instinkt zufolge wollte er den Kopf skalpieren und auf einem Spieß zum Trockenen in die Sonne stellen. Er beherrschte sich im letzten Moment. Stattdessen verharrte er nur einen Augenblick und wandte sich dann Richie zu. Dieser blickte ihm unsicher entgegen. Methos machte eine wegwerfenden Bewegung mit der Hand, konnte aber seine Genugtuung doch nicht ganz verbergen.
Ausgelaugt ließ Richie sich an der Wand zu Boden sinken. Sein Körper fuhr alle Systeme wieder in den Normalbetrieb hinunter. Das wilde Pochen seines Herzens beruhigte sich und auch das Atmen fiel ihm nach und nach leichter. Die Wut verrauchte. Vorsichtig öffnete er seine verkrampfte Hand und ließ das Schwert fallen. Ein scharfes Scheppern zerriß die Stille, doch Richie hörte es nicht. In seinen Ohren hallten immer noch die Geräusche der Sterbenden nach. Das Blut auf seinen Händen und im Gesicht begann zu trocknen. Es hinterließ ein eisiges und klebriges Gefühl. Es juckte. Richie rieb mit den Handflächen durch sein Gesicht. Altes und neues Blut, Dreck und Schweiß vermischten sich auf seiner Haut. Plötzlich schien die Luft eisiger zu werden. Kalt wie in einer Leichenhalle. Eine Gänsehaut legte sich starr über seinen Körper. Eigentlich erwartete Richie, eine Art Befriedigung zu fühlen. Vielleicht auch nur Genugtuung. Zumindest aber so etwas wie Erleichterung. Doch nichts von alledem trat ein. Nicht einmal Wut konnte er noch empfinden. Es breitete sich nur eine große Leere aus. "Fühlst du dich jetzt besser?" fragte Adam. "Nein", gestand er. Die Taubheit fühlte sich grausamer an, als die Wut zuvor. Am liebsten hätte er geweint. Doch er konnte es nicht. Etwas in ihm ließ es nicht zu. Ein großer Stein, der auf seiner Seele lastete. Richie fühlte sich schuldig. Es tröstete ihn nicht, seine Opfer schnell getötet zu haben. Im Gegenteil! Vielleicht hätte ihn das Leid in ihren Augen zur Besinnung gebracht. Er hatte gehandelt, wie eine kalte, gefühllose Bestie. Unbewußt wischte Richie sich die Hände an der Hose ab. Doch er verteilte das Blut eher, als es zu entfernen. Wie sollte er Mac jetzt noch unter die Augen treten? Wie sollte er sich selbst im Spiegel betrachten? Er hatte getötet; aus purer Versgeltungssucht. Und nicht nur das: Er hatte es sogar geplant! Kaltblütig überlegte er sich jeden Schritt, jede Handlung im voraus, um alle Unsicherheitsfaktoren aus dem Weg zu räumen. Sogar Adam spielte eine Rolle in seinem Plan. "Davor wollte er dich immer bewahren!" "Was?" Richie begriff den Sinn der Worte nicht. Er konnte nicht zuhören. Vor seinen Augen sah er immer noch den Weißhaarigen, der vor ihm tot auf die Knie fiel und dann nach hinten kippte. "MacLeod", meinte Adam trocken. Mit einem Schlag kehrte Richies Aufmerksamkeit zurück. "Was wollte MacLeod?" "Dich vor diesem Gefühl der Leere bewahren." "Woher willst du wissen, was ich fühle?"
Methos schmunzelte. Dafür erntete er einen verächtlichen Blick von dem Jungen. Natürlich konnte Richie die Ironie an dieser Situation nicht verstehen. Richie ahnte nicht einmal, wen er dort eigentlich getötet hatte, wie gerechtfertigt dieser Mord war. Aber darum ging es auch nicht. In erste Linie sollte Richie seine Lektion lernen. "Er kennt es", begann Methos beschwichtigend, "er hat gelernt, wie sinnlos Rache ist. Sie verursacht Leere, weiter nichts." Er stockte kurz. Berichtete er von seinen Erfahrungen oder von MacLeods? Hastig fuhr er fort: "Für MacLeod war dieser Weg hart und steinig. Er wollte dich vor diesem Gefühl schützen, dich davor bewahren, die gleichen Fehler zu machen. Verstehst du das jetzt?" "Ist ja toll, wie er hinter meinem Rücken über mich redet!" antwortete Richie bissig. Eine sehr lange Pause trat ein, in der Methos Richie in Ruhe nachdenken ließ. "Bist du immer noch wütend auf ihn? Weil er dich beschützen wollte?" fing Methos dann leise an. Richie schüttelte langsam den Kopf. "Dann sollten wir jetzt zu ihm gehen."
Mac war nicht zu Hause, als sie im Dojo ankamen. Richie dankte ihm erleichtert dafür. Ungeduldig hastete er durch das Dojo zum Fahrstuhl. Oben in der Wohnung stopfte er seine Sachen in eine Mülltüte und marschierte schnurstracks unter die heiße Dusche. Das warme Wasser prasselte auf ihn hinab und vertrieb die festsitzende Kälte langsam aus seinen Gelenken. Wie betäubt streckte er sein Gesicht dem reinigenden Strahl entgegen. Die Leere in ihm wollte nicht weichen. Er fühlte sich so elend, so schuldig. Seine Knie begannen zu zittern. Um nicht zu fallen, stütze er sich mit den Händen an der Wand ab. Er würde Mac beichten müssen. Nur langsam bohrte sich diese Erkenntnis in sein Bewußtsein, dafür aber mit einer unübertroffenen Härte. Irgendwie schien sich der Dreck nicht abwaschen zu lassen. Richie griff zum dritten Mal nach der Seife und drehte das Wasser noch heißer, aber das klebrige Gefühl auf der Haut blieb hartnäckig. Dann spürte er die Präsenz eines anderen Unsterblichen. MacLeod! Ein heftiges Zittern ergriff ihn. Bitte noch nicht, schickte er ein Stoßgebet an einen Unbekannten, noch nicht jetzt! "Adam", rief er matt, "bitte, halte ihn unten auf. Ich... komme nach." Seine eigene Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihm. Nun gab es keinen Ausweg mehr. Seine Beichte rückte in erschreckende Nähe. Sobald er die Dusche verließ, mußte er reden... und noch immer fühlte er sich klebrig.
Mechanisch bediente er den Fahrstuhl. Auf dem Weg nach unten hörte er das Lied 'Tom Dooley' in seinem Kopf hallen. Die bevorstehende Beichte legte sich wie eine Kette um seine Brust, die immer enger gezogen wurde. Was für ein grausamer Augenblick! Er fühlte sich elender, als je zuvor in seinem Leben. Ein dicker Kloß in seinem Hals verweigerte ihm das Atmen. Seine Knie schlotterten, als würde sie bald ihren Dienst versagen. Mac war unsterblich, wie er. Vielleicht würden sie sich jetzt gleich gegenüberstehen... und es gab keinen Zweifel über den Gewinner. Er würde nicht versuchen, um sein Leben zu betteln, deshalb ließ er das Rapier gleich oben auf dem Tisch liegen. Ruckend fuhr der Fahrstuhl nach unten. Die Fahrt ging viel zu schnell. Richie spürte die Angst in sich aufsteigen. Er fuhr seinem Ende entgegen und fühlte sich noch gar nicht bereit dazu. Der Fahrstuhl stoppte. Als er Mac mitten im Dojo stehen sah, wich alle Kraft aus seinen Gelenken. Die Fahrstuhltür schien plötzlich zu schwer zum Anheben. Seine Hände zitterten heftig. Irgendwie schaffte er es, aus dem Fahrstuhl zu kommen und irgendwie mußte er es auch geschafft haben, die endlose Entfernung zwischen sich und Mac zurückzulegen. Nun standen sie sich direkt gegenüber. Richie öffnete den Mund, aber kein Ton verließ seine Kehle. Gleich würde er bewußtlos werden, das spürte er. Seine Umgebung nahm er schon nicht mehr wahr. Unkontrolliert rang er nach Atem. Er wußte nicht, wie er es sagen sollte. "Ich... ich habe sie alle... umgebracht", stammelte er schließlich. Dann brach die Welt zusammen.
Stockend erzählte der Junge seine Erlebnisse; zumindest die, an die er sich erinnerte. Methos lauschte seiner unglaublichen Geschichte und konnte seine Handlungen von Sekunde zu Sekunde besser verstehen. Abwechselnd sah er dabei zu Mac und zu Richie. Richies Gesicht glänzte wächsern und er wirkte dem Tode näher als dem Leben. Sein Zittern steigerte sich mit jedem Augenblick. Irgendwann brach er einfach in die Knie, doch er hörte nicht mehr auf zu erzählen. Er redete, bis die Worte in seinem Hals versiegten. Macs Züge versteinerten. Seine Zähne hielt er knirschend aufeinander gepreßt, die Stirn in strenge Falten gezogen. Seine braunen Augen blickten düster unter den Brauen hervor. Die Umgebung schien sich zu verfinstern. Doch seine Haltung blieb aufrecht. Sein Gesicht hielt er dem Jungen zugewandt und seine Arme hingen locker am Körper hinab. Methos glaubte an dieser Haltung zu erkennen, daß er Richie verzeihen würde. Warum auch nicht? In Macs Brust schlug das Herz eines Kriegers, nicht das eines Mönches. Er kannte Situationen, in denen auch er nicht um das Töten herumkam. Er verabscheute lediglich sinnloses Ermorden Unschuldiger... und auch wenn Mac eine andere Vorstellung von Schuldigen und Unschuldigen vertrat: Selbst er mußte in diesem Fall Einsicht haben.
Als Richie mit seinem Bericht schloß, breitete sich eine unangenehme Stille im Dojo aus. Die elektrischen Spannungen in der Luft konnte er fast auf der Haut spüren. Unsicher blickte er in Macs Gesicht. Noch immer hielt ihn diese Leere gefangen, die ihm jegliches Gefühl außer dieser lähmenden Angst untersagte. Zu gern hätte er Mac gesagt, wie viel Reue er für seine Taten empfand und sein Mitleid für die Opfer ausgedrückt; doch er konnte nicht. Stumpf hörte er Macs Stimme. "Laß uns nach draußen gehen." Es dauerte eine Weile, bis der volle Sinn dieser Worte in sein Bewußtsein vordrang. Eine Forderung! Erschrocken bemerkte er, wie er nickte. Für einen Augenblick wollte er nach oben gehen und sein Rapier holen, doch dann fiel ihm wieder ein, daß er nicht um sein Leben betteln wollte. Also erhob er sich so ehrbar er konnte und folgte Mac mit steifen Knien nach draußen. Auf dem Weg zur Tür fühlte er Adams Blick auf sich lasten. Richie erwiderte ihn nicht, starrte stattdessen angestrengt zu Boden. Er wollte die Angst in seinen Augen nicht preisgeben. Wenigstens ein Stück Stolz wollte behalten, bevor er von seinem Lehrer gerichtet wurde.
Die kühle Luft schlug ihm erfrischend entgegen. Der Wind schien vom Wasser zu kommen, er trug das Salz des Meeres mit sich. Es zog ein wenig Morgennebel herauf, der die schwachen Sonnenstrahlen brach und die Umgebung in gespenstisches Licht tauchte. Richie atmete tief durch, in der Überzeugung, es könnte sein letzter Atemzug gewesen sein. Mac ging voraus und Richie folgte ihm schweigend. Eine Weile gingen sie so nebeneinander her. Richie fragte sich, wohin Mac ihn wohl führte. Sicher irgendwohin, wo es auch tagsüber keine Zeugen gab, wo niemand nach Blut suchen würde. Dann würde Mac von ihm verlangen, sich für den finalen Schlag hinzuknien, aber diese Vorstellung behagte ihm nicht. Wenn, dann wollte er aufrecht sterben, damit er wenigstens seine Selbstachtung behielt. Er wollte die Klinge sehen, die sein Lehrer gegen ihn führte und ihm beweisen, stark und stolz genug zu sein, die Strafe zu ertragen. Irgendwann blieb Mac stehen. Jetzt ist es wohl soweit, schoß es Richie durch den Kopf. Eine erstaunliche Ruhe legte sich über ihn. Das Zittern verschwand und auch die Angst. In diesem Moment schloß er mit seinem Leben ab und stellte fest, daß er sich nichts vorzuwerfen hatte. Keine ungelöste Aufgabe und kein Fehler würde ihn als ruhelosen Geist auf diese Welt zurückrufen. Für diesen Augenblick fühlte er vollkommenes inneres Gleichgewicht. "Deine Schilderungen sind wirklich grausam", begann Duncan langsam. Er atmete tief durch, als fiele ihm das folgende ungeheuer schwer. "Sag' es Adam nicht, aber ich verstehe dich besser, als du glaubst..." Richie lauschte Duncans Worten. Langsam wurde ihm klar, warum Mac ihn hierher geführt hatte. Nicht um ihn zu töten, sondern um ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Ein Geheimnis vor Adam. "Ich lag in einem engen Raum, um mich herum überall Computer. Sie ketteten mich auf eine harte Liege und von Zeit zu Zeit kamen Männer herein, um mich zu töten. Wahrscheinlich haben sie mich unter Drogen gesetzt, denn meine Erinnerung daran ist ausgesprochen dürftig." Ein mißlungenes Schmunzeln spielte um seine Lippen. "Ich weiß nur, daß ich ohne Adam nicht mehr am Leben wäre und daß er mit allen Mitteln versucht, diese Erinnerung vor mir fern zu halten." Duncan atmete tief durch und ließ seinen Blick schweifen. "Ich ahnte, daß Beobachter hinter der Sache steckten und deshalb bat ich Joe um Hilfe. Er gab mir zwei Namen." Mac machte eine lange Pause. "Ich suchte sie und ich fand sie. Einen tötete ich mit dem Schwert, der andere flüchtete in Panik." Er schluckte hart und blickte Richie wieder an. "Sein Haar wurde weiß, als er davonlief!" Richie starrte einen Augenblick auf Duncan, ohne ihn zu sehen. Fassungslos hörte er das Rauschen des Windes und konnte für einen Moment nicht begreifen, warum sich die Erde nach all dem noch so einfach weiterdrehte. Unendlich lange Zeit konnte er nichts sagen. Er beobachtete ein trockenes Ahornblatt, wie es vom Wind über den Boden geweht wurde. Mit einem fast ohrenbetäubenden Schaben zuckte es unregelmäßig über das feuchte Kopfsteinpflaster. Der Wind verwirbelte den Nebel um das Blatt herum, so daß sich ein verschleiertes Muster aus Licht und Schatten bildete. In einer kleinen Windhose aus mehreren Blättern verlor er das Blatt dann aus den Augen. Ganz leise regte sich das Gefühl der Dankbarkeit in ihm. Dankbar, einen Freund an seiner Seite zu wissen, dankbar, alles hinter sich zu haben. Dieses Gefühl ging einher mit der Freude am Leben zu sein, mit der Genugtuung, Rache geübt zu haben und mit der Trauer um die Menschen, die mit ihrem einzigen Leben für diese Taten bezahlen mußten. In Richie brach ein Chaos aus Gefühlen aus. Die Tränen ließen sich nicht zurückhalten und er wollte es auch gar nicht. Endlich konnte er weinen!
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