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Sturz aus Asgard
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
 
 

Sturz aus Asgard

© by Roxanne (), Mai 1999

 

Disclaimer: Die Charaktere aus HL gehören Panzer/Davis. Diese Geschichte ist Fanfiction, es wird damit kein Geld verdient.
Diese Geschichte enthält die Schilderung von Gewalt und Sex. Sie wurde nicht für Minderjährige geschrieben oder für Leute, die in diesen Dingen empfindlich sind. Wer trotzdem weiterliest, ist selber schuld.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion.

 
I. Kapitel - Das falsche Dorf


Nordeuropa, ca. 805 A.D. Beginn der Wikingerzüge

 

Gegen Ende des Sommers machten sie sich auf den Heimweg. Diesmal waren sie bis zur Iberischen Halbinsel vorgedrungen, 3 Drachenboote mit je 30 Mann Besatzung. Kleine Schiffe im Vergleich zu den großen Drachen, dafür aber wesentlich schneller und wendiger, was sich bei ihren Raubzügen als Pluspunkt erwiesen hatte.

Die übrig gebliebenen Bewohner einiger Dörfer und kleinerer Städte würden sie noch eine Weile verfluchen . Mit dem Recht des Stärkeren waren sie über sie hinweggefegt wie der Nordwind. übers flache Land. Die Küstenbewohner wußten, daß die Wikinger aus dem Norden immer wieder kamen. Aber niemals waren sie vorbereitet; immer bot sich den Seewölfen reiche Beute. Die Götter waren auf der Seite der Wölfe. Nicht auf der der Schafe.

Die mit einigen Sklaven, Stoffen, Wein, Getreide und etwas Gold beladenen Boote tasteten sich immer in Sichtweite der Küste nach Norden zurück. Um die Städte machten sie einen größeren Bogen. Es wäre doch zu schade, aus Unvorsichtigkeit die Beute wieder zu verlieren.

Keiner der Männer dachte allerdings auch nur entfernt an die Möglichkeit einer Niederlage, solange sie mit Sigrun fuhren. Sie sahen in ihr die von Odin gesandte Walküre, unter deren Führung sie unbesiegbar waren. Und Sigrun teilte ihre Meinung, sie glaubte an ihre Bestimmung als Gesandte der Götter, denn es gab einige Dinge, die sich einfach nicht anders erklären ließen. Zum Beispiel heilten ihre Wunden in kürzester Zeit, sie alle hatten schon dabei zugesehen, wie sich innerhalb weniger Lidschläge die Verletzungen schlossen..

Was hatte es sonst mit dem plötzlichen Gewitter auf sich, das zuckende Blitze in ihren Körper geschickt hatte, nachdem sie einem Herausforderer den Kopf abgeschlagen hatte? Welcher normale Mensch konnte es überleben, von den Blitzen der Götter getroffen zu werden? Außerdem hatten die Wellen der Nordsee sie bereits zweimal verschont, wo jeder andere verschlungen worden wäre. Nein, es gab keine andere Erklärung. Sie war aus Asgard gekommen und würde eines Tages wieder so verschwinden, wie sie gekommen war - auf unerklärliche Weise.

Odin wollte die Treue der Dänen belohnen - durch ihre Hilfe!

 

Die Boote legten nur dann an, wenn sie die Vorräte auffrischen mußten. Den ganzen Tag über war es windstill und drückend gewesen. Am späten Nachmittag ballten sich schwarze Wolken am Horizont und innerhalb weniger Minuten brach ein Gewittersturm über sie herein. Die Wellen schienen genauso schwarz zu sein wie die Wolken, kaum waren Meer und Himmel zu unterscheiden. Wenn da nicht die gewaltigen Schaumkronen gewesen wären, deren Gischt sie bis auf die Haut durchnässte. Ran hatte ihre Rosse losgelassen und die Netze ausgelegt.Sicher würde sie in diesem Sturm einige Tote mit sich nehmen in ihr nasses Reich.

Schon nach kurzer Zeit hatten sich die drei Schiffe aus den Augen verloren. Welches davon wieder den dänischen Strand erreichen würde, konnte keiner sagen. Es gab in jedem Sommer Verluste, man wußte nie, ob der Mann, der Bruder oder Sohn wiederkam.

Sigrun stand mit ihrem Steuermann am Ruder,das ihnen immer wieder aus den Händen geschlagen wurde und sie kämpften gemeinsam gegen die Gewalt der See. Das Wasser tropfte aus ihren Haaren, lief in die Augen, übers ganze Gesicht. Ihre Haut prickelte vor Kälte. Sigrun lachte. Sie liebte den Sturm und den Kampf, denn dann fühlte sie sich am lebendigsten.Und sie wußte, daß das Meer ihr Verbündeter war, auch wenn es Opfer verlangte.

Als sich der Sturm ausgetobt hatte, waren sie allein. Es gab keine Möglichkeit, die beiden anderen Schiffe wiederzufinden. In diesem Fall wußte jeder Schiffsführer, daß er auf sich allein gestellt war und nach Hause segeln sollte.

Das Unwetter hatte sie durchnäßt und frierend zurückgelassen. Sigruns Boot war weit abgetrieben, sie fanden nur mit Mühe zur Küste zurück. Die Lebensmittel waren durchweicht oder weggespült worden. Also mußten sie etwas zu essen finden und einen sicheren Platz, um die Schäden an ihrem Boot zu beheben.

 

In der ersten Morgendämmerung gelangten sie wieder in die Nähe des Festlandes. Undeutlich war die Mündung eines kleinen Flusses zu erkennen, an dem sich bewaldete Hügel entlangzogen. Das schien ein geeigneter Ankerplatz zu sein. Hier gab es Holz genug. Als sie näher kamen, hoben sich die Umrisse einiger Hütten vom grünen Hintergrund der Felder und des Waldes ab. Es gab also auch ein Dorf. Es war nicht groß, höchstens 15 Hütten konnten sie zählen. Ein Stück oberhalb des Dorfes stand auf einem Hügel das einzige Haus, daß aus Steinen errichtet war, wie der angebaute runde Turm, ein strohgedeckter Stall und 2 kleine Nebengebäude waren ebenfalls von hölzernen Palisaden umgeben.

Der Morgennebel hing noch in den Bäumen und ließ schon den Herbst ahnen. Die Dorfbewohner schliefen noch. In völligem Schweigen gingen die Seewölfe an Land und näherten sich vorsichtig der Ansiedlung. Sie teilten sich, um Dorf und das, was sie hier wohl Festung nannten, gleichzeitig angreifen zu können.

Nach einem Moment atemloser Spannung kam ihr Zeichen, dann rannten.die Krieger auf die Hütten zu. Sie schlugen ihre Waffen gegen die Schilde, heulten wie Wölfe und machten überhaupt soviel Lärm wie möglich.Es war ohrenbetäubend nach der morgendlichen Stille. Auch die Palisaden konnten die Wikinger nicht aufhalten. Bevor die ersten Männer aufgeschreckt und schlaftrunken aus den Gebäuden gerannt kamen, hatten die Angreifer das Hindernis schon überwunden.

Nur so wenige Gegner? Es war kaum Kampf zu nennen! Auch vom Dorf her schallten die Schreie der Wikinger siegessicher herauf . Der erste Ansturm kostete einige der Landleute das Leben, die übrigen ergaben und sollten verschont werden. Sie wurden noch gebraucht. Zwei der Hütten waren in Flammen aufgegangen. Die Frauen drückten ihre Kinder an sich und versuchten angstvoll, sie zu beruhigen und vom Schreien abzuhalten. Die Männer hatten allen Widerstand aufgegeben und wurden von den Dänen in eine der größeren Hütten gesperrt und von einigen Kriegern bewacht. Die Übrigen durchsuchten Festung und Hütten nach Vorräten und Werkzeug. Ein paar der gefangenen Frauen mußten sich um die Kochfeuer und das Frühstück kümmern.

Auf ihrem Rundgang kam Sigrun zum Stall. Sie war zufrieden mit sich und ihren Männern, der Sieg war leicht gewesen und hier hatten sie alles , was zur Reparatur des Schiffes nötig war, sogar genügend Gefangene, um die Reparatur schnell voran zu treiben.. Ihre Gedanken weilten schon bei den nötigen Arbeiten, als ihr etwas auffiel und ihre Aufmerksamkeit schlagartig zurückrief. Im Stall .....da war Platz für etwa 20 Pferde..... aber nur 6 standen dort.

Wo bei Loki waren die restlichen Pferde und wo vor allem ihre Reiter!

Sie machte auf der Stelle kehrt und rief ihren Steuermann .

"Bjarne! Die Pferde sind weg. Deshalb waren so wenig Bewaffnete hier. Paßt auf die Gefangenen auf und sammle die Männer hier oben. Beeilt euch!"

Er nickte ihr zu und nahm sein Horn vom Gürtel.

Der Ruf eines fremden Hornes vom Waldrand her kam ihm zuvor. Den überraschten Kriegern blieb kaum Zeit, die Helme zu befestigen und nach den Schilden zu greifen, da brachen die Reiter aus dem Unterholz hervor und ihre Zahl zeigte deutlich, dass die Männer aus dem Norden sich zu früh über einen leichten Sieg gefreut hatten.

Verdammt, Reiter waren immer gefährlich für Kämpfer zu Fuß! Und Sigruns Leute waren verstreut über das ganze Gelände, es blieb keine Zeit zum Sammeln, keine Zeit, eine Verteidigung zu organisieren.

Die Reiter waren schon ganz nah. Ein Stück hinter ihnen rannte das Fußvolk. Jeder der Wikinger würde dort kämpfen müssen, wo er gerade war, auf sich allein gestellt. Und doch zweifelten sie - und besonders Sigrun - nicht daran, daß die Götter auch diesmal mit ihnen sein würden.

Da - war es wieder, dieses Gefühl,daß Sigrun bisher nur einmal gespürt hatte. Es war, als ob sich die Brecher einer stürmischen See direkt in ihrem Kopf überschlugen, brauste und dröhnte und machte jeden Gedanke zur Anstrengung. Sie griff sich stöhnend an die Stirn und konnte sich nur schwer dazu zwingen, den Helm aufzulassen und schrie: " Versucht die Pferde zu treffen. Holt sie runter!"

Dann waren sie über ihnen. Der Führer der Reiter starrte den Krieger mit dem kunstvoll verzierten silbernen Halsschmuck aus schmalen Augen wütend an. Sein Schwert klirrte gegen den Schild ,der die Raben Odins zeigte.Er drängte sein Pferd gegen ihn und wollte ihn zu Fall bringen. Im Stürzen warf der Wikinger den Schild weg, rollte sich unter dem Pferdebauch hin und her, versuchte das stampfende Tier zu treffen und gleichzeitig den Hufen über ihm zu entgehen. Mit einen Riesensatz sprang das Pferd über ihn hinweg. Der Reiter sprang ab und landete sicher auf beiden Füßen.

Die beiden Kämpfer hatten jeden Überblick über das Getümmel verloren, keinem der beiden blieb Zeit, sich zu orientieren ,der Lärm und die Schreie schienen sich zu entfernen und abzunehmen.

Der Wikinger war schneller auf den Füßen als sein Gegner erwartet hatte. Sie schlugen verbissen aufeinander ein. Nach kurzem gegenseitigem Abtasten war klar, wer über die größere Reichweite verfügte. Der Verteidiger des Dorfes traf mit einem tiefgeführtem Schlag das Knie des dänischen Räubers, dem die Beine wegknickten, so daß er sich mit der Hand am Boden abstützen musste, dann hob der Reiter sein Schwert zum letzten Schlag. Ein böses Lächeln glitt über sein Gesicht. So hatte der Wikinger selbst viele Male seine Gegner angesehen, bevor.... Atemlos keuchte er.

"Worauf wartest Du? Schick mich zu meinen Göttern."

"Das wäre zu leicht für Dich."

Der Schlag des Reiters traf nur das Schwert und schleuderte es weit weg. Ein schneller Tritt krachte mit solcher Wucht gegen den Helm des Dänen, dass dieser das Bewußtsein verlor. Während der Reiter ihn gekonnt fesselte, betrachtete er aufmerksam seinen Gefangenen. Von Kopf und Hals war wenig zu sehen, der Helm ließ nur die Augen und die Mundpartie frei, während Wangen, Stirn und Nase bedeckt waren. Der schwere Halsreif als Zeichen des Ranges; aber...so ungewöhnlich schmale Hände, an denen die barbarischen, prachtvollen Ringe zu groß wirkten; glatte Arme, beinahe zarte Handgelenke? Das passte ganz zu dem Eindruck, den er während des kurzen Kampfes gewonnen hatte. Zuerst wollte er den Helm abnehmen, aber dann ließ er es sein und ein leises Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Warum sollte er sich die Überraschung nicht noch ein wenig aufheben?

 

Die Reiter hatten gesiegt. Sigrun vermisste viele ihrer Leute, als sie in die Halle der Festung gebracht wurden. Gefesselt, aus vielen Wunden blutend, schmutzig und fassungslos. Sie waren eindeutig nicht beliebt hier. Drohendes Murren erhob sich, als die Räuber die Halle betraten. Sie wurden beschimpft, geschlagen und dabei weiter zum Hochsitz des Herrn gedrängt.

Ja, sie erkannte ihn, es war ihr Gegner. Er saß entspannt auf seinem Sitz, die langen Beine weit von sich getreckt und unterhielt sich angeregt mit dem Krieger neben ihm. Halblange braune Haare, braune Augen, ein scharfgeschnittenes Gesicht. Die Kleidung war einfach, ohne viel Gold und Prunk. Hellbraunes Leinen, dunkle Stiefel, ein dunkles Lederwams. Die Kleidung eines Kriegers, der Prunk nicht nötig hat.

" Ah, da kommen ja unserer ungebetenen Gäste." Er stellte den Becher ab, stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und stieg die 2 Stufen zu ihnen herab.

"Bevor ich euer Urteil verkünde, will ich doch sehn, was wir da gefangen haben."

Er ging langsam um sie herum, musterte jeden Einzelnen ausgiebig und blieb vor Sigrun stehen.

"Du bist also der Anführer dieser Seewölfe, wir hatten ja schon das Vergnügen! Runter mit dem Helm!"

Eine der Wachen nahm ihr den Helm ab, der auch die oberer Hälfte des Gesichtes verdeckt hatte... Die langen aschblonden Haare lösten sich und fielen über ihre Schultern. Er breitete ihr Haar aus, strich sanft darüber und bewunderte die Reflexe, die das einfallende Sonnenlicht hineinzauberte, dann wickelte er es um seine Hand und zog ihr den Kopf in den Nacken.

"Oh, ich sollte sagen: die Anführerin! Welche Überraschung."

Eine Hand löste die Schnallen, die ihren Lederharnisch hielten, während die andere immer noch in ihr Haar gekrallt war. Schon während des Kampfes hatte er es vermutet: kein er, eine sie...und er freute sich darüber.

Diese hier war von seiner Art. Das bot ihm noch viel mehr Möglichkeiten, sie seine Macht spüren zu lassen als bei den Sterblichen, versprach noch reizvoller zu werden. Das war es, was er so lange vermisst hatte. Macht, pure Macht. Was für ein Gefühl!

"Wenn Du gewaschen bist, könntest Du sogar schön sein."

Die sanfte, angenehme Stimme und das leichte Lächeln standen im Widerspruch zu seinen Augen, die sie kalt musterten. Noch niemand hatte gewagt, sie so anzusehen und Zorn kochte in ihr hoch, so unklug wie unwiderstehlich.

Ihr wurde heiß und sie platzte heraus: "Du weißt nicht, mit wem Du redest. Nimm Deine Hände von mir und fürchte die Rache der Götter!"

"Nun, Du wirst mir gleich sagen, mit wem ich spreche, richtig?"

Der Hohn in seiner Stimme machte sie rasend.

"Ich bin Sigrun, Tochter Hegnis aus Dänemark. Vor allem aber bin ich Odins Tochter. Ihr werdet es nicht wagen, uns anzurühren, sonst werden euch alle seine Blitze vernichten und die wilde Jagd wird eure Felder zerstören!"

"Ihr seid Räuber und Mörder! Du bist die Führerin von Räubern und Mördern. Die Rache Deiner Götter bedeutet mir nichts, denn ich kenne Deine wahre Natur."

Er hatte die Hand aus ihrem Haar gelöst und schlug ihr mit dem Handrücken ansatzlos und hart ins Gesicht. Sie taumelte gegen Bjarne, konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Das Blut aus der aufgeplatzten Lippe lief über ihr Kinn und sie zitterte vor Wut und zerrte an den Fesseln. Ein Raunen ging durch die Reihen der Dorfbewohner. Sie wichen zurück, einige stöhnten entsetzt auf. Sigruns Seewölfe aber sahen sich herausfordernd um, sie kannten das schon und wußten, wie es auf andere wirkte. Die Wunde schloß sich, sie konnte das Kribbeln fühlen, mit dem winzige blendend helle Funken darüber hinweg zuckten, dann war die Haut wieder unversehrt.

Triumphierend sah Sigrun ihren Feind an.

"Sieh her, das passiert, wenn Du mich verletzt! Es heilt vor Deinen Augen.Daran erkennst Du, das die Götter mich nicht verlassen haben. Schau Dich um, Ritter, deine Leute haben Angst vor mir! Laß uns frei, gib uns Holz und Vorräte und ich werde den Zorn Odins von euch nehmen."

Seltsam war nur, daß er im Gegensatz zu allen anderen kein Erstaunen zeigte, die Belustigung und der Spott nicht aus seinen Augen weichen wollten. Das war der Moment, in dem erste Unsicherheit in Sigrun aufflammte und der Ausgang der Sache ihr nicht mehr so sicher erschien wie in den Augenblicken zuvor.

So war das also. Sie wußte nichts von ihrer Unsterblichkeit. Sie führte alles Seltsame,was damit verbunden war, auf den Willen ihrer Götter zurück. Interessant, hier bot sich ein Studienobjekt! Wie würde sie wohl beim Aufwachen reagieren, nachdem er sie getötet hatte?

Einmal? Mehrmals? Das käme ganz darauf an.

"Du glaubst, ich bin beeindruckt? Ich werde dir zeigen wie sehr ich mich fürchte."

Er nickte dem großen blonden Krieger zu, der neben ihm gesessen hatte. Beide zogen ihre Schwerter, griffen sich wortlos 2 der Gefangenen und fast gleichzeitig stießen sie zu. Die beiden waren tot, noch ehe ihre Körper zu Boden fielen. Sie säuberten ihre Klingen an den Gewändern der Toten, dann trat der Ritter wieder vor Sigrun hin und flüstere ihr zu.
  "Mein Name ist Methos. Ich warte auf den Zorn Deiner Götter!"

 

Nichts geschah. Keine Blitze, kein Donner, kein Hammer, der den Fremden traf, kein Wolf fuhr ihm an die Kehle.
"Wo bist Du, Odin, wenn ich Dich brauche wie nie zuvor?" schrie sie stumm. Der Tod war ihr vertraut, aber doch nicht SO....Walvater, nicht als Gefangene! Laß uns im Kampf sterben, wie es mir zusteht - das verlange ich von Dir, nicht hilflos angebunden wie Schlachtvieh.

Seine Augen verengten sich, glitzerten in wieder erwachter Grausamkeit , sein Gesicht war starr und ausdruckslos. Schlanke kraftvolle Hände legten sich um ihre Kehle, tastete nach den pochenden Adern, die durch die helle Haut schimmerten. Er fühlte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und es gefiel ihm. Sehr langsam drückte er zu, immer fester . Der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich: ungläubig, fassungslos zuerst, dann begreifend und zuletzt ...Angst. Das Blut rauschte in ihrem Kopf, alles begann sich zu drehen. War dieses Gesicht über ihr das Gesicht des Todes? Bevor sie bewußtlos wurde, hörte sie ihn sagen: " Du wirst meinen Zorn kennenlernen!"

Es war wieder wie damals, vor langer Zeit. Und er fühlte sich gut dabei. Sein Herz schlug schneller. Die weiche, seidige Haut unter seinen Händen, die nicht eingestandene Angst in ihren Augen erregte ihn mehr, als er erwartet hatte. Nur noch kurze Zeit........

"Schafft sie ins Turmzimmer! Über die anderen entscheide ich später."

Ihre Führerin lag bewußtlos auf den Steinen. Bjarne und Afni knieten neben ihr, siewollten sich nicht von ihr trennen lassen.

"Herr, Ihr habt gesiegt. Begnügt euch damit, laßt sie und uns frei. Wir können gutes Lösegeld zahlen. Ihr sollt es nicht bereuen. Sie ist die Tochter eines reichen Mannes und sie wird euch reich machen. Wir werden schwören, nie wieder Eure Küste zu verheeren, wenn Ihr uns gehen laßt!"

Auf ein Zeichen von ihm wurden sie gewaltsam auf die Füße gezerrt, weg von ihr.

"Habt ihr jemals auf die Bitten der Besiegten gehört? Nein? Ihr alle werdet euren Überfall bereuen. Und ich bin sicher, daß ihr nie wieder hier auftauchen werdet! Ganz einfach, weil ihr so gut wie tot seid!"

Seine Stimme war ruhig, gelassen, beinah freundlich. Sigruns Brüder wurden nach draußen gebracht und im Stall an die Pfosten gefesselt.

Der blonde Ritter hob die Frau hoch und grinste.. "Soll ich sie auf Dein Bett legen?"

"Nein. An der Wand sind Ketten. Die Schlüssel findest Du in meiner Truhe. So bequem will ich es ihr nicht machen."

 

Als Sigrun aufwachte, hing sie mit ausgebreiteten Armen an der Wand des Turmzimmers. Ihre Füße erreichten nur knapp den Boden. Der Hals und die Handgelenke, die in eisernen Manschetten festgehalten wurden und ihr volles Gewicht tragen mußten, schmerzten. Sie konnte kaum schlucken und mußte um jeden Atemzug kämpfen. Ihre Gedanken überschlugen sich. War denn das alles Wirklichkeit? Waren wir die Unterlegenen? Ich habe also nicht nur geträumt? Dieser Bastard hat gewagt, mich anketten zu lassen?

Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und langsam fühlte Sigrun, wie ihre Kraft zurückkehrte. Warum war sie noch am Leben? Bisher waren ihre Verletzungen immer in wenigen Minuten geheilt, aber es war noch nie eine tödliche Wunde darunter gewesen. Hatte er sie doch nicht erwürgt?

Während sie langsam in die Wirklichkeit zurückfand, kam auch die Erinnerung an die Furcht wieder. Sie war es nicht gewöhnt, sich zu fürchten. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie Angst empfunden, als vor Jahren ihr Boot auf einer Klippe zerschmettert wurde. Alle anderen waren ertrunken, nur sie allein war am nächsten Tag lebend am Strand gefunden worden.

Im Kampf kannte sie keine Furcht. Im Gegenteil, es machte ihr Freude und sie war jedem Gegner gewachsen. Immer war sie von einem Gefühl der Lebendigkeit, der Macht erfüllt gewesen, daß sie nirgendwo sonst gefunden hatte.

Aber heute, als sie in das starre Gesicht mit den erbarmungslosen Augen sah und fühlte, wie ihre Lungen vergeblich nach Luft rangen, heute.....hatte sie zum zweitenmal in ihren Leben Angst empfunden.

Es hatte keinen Sinn solchen Gedanken nachzuhängen. Also zwang sie sich zur Ruhe und sah sich um: Das Zimmer war kreisrund, die dicken Mauern von 2 kleinen Fenstern durchbrochen. Draußen schien die Sonne. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein Bett, kunstlos gezimmert,mit Fellen und Decken ausgestattet. Zwei Truhen, rechts und links daneben. Auf der einen standen ein Krug, eine Waschschüssel und 2 Becher. An der Wand hingen Wolfsfelle, ein Bärenfell, der Kopf eines Ebers sowie ein paar Speere, eine Axt und einige fremdartig aussehende Waffen. Der Boden war mit sauberen Binsen bedeckt. Und auf einer der Truhen lagen Rollen.

Solche Rollen waren selten, aber sie hatte sie schon einmal gesehen. Es war in der einzigen größeren Hütte innerhalb einer Ansammlung kleinerer, wirklich schäbiger Behausungen. Damals hatte der kleine, ebenso schäbige Mann versucht, sie in Sicherheit zu bringen. Die silbernen Kerzenleuchter hätte er zurückgelassen und diese Dinger und ein Kreuz wollte er retten. Wie lächerlich. Natürlich war es ihm nicht gelungen. Es waren Schriftrollen! Ihr Feind konnte also wahrscheinlich lesen.

Wer gab sich schon mit Lesen ab? Einige der Adeligen und diese Mönche, eigenartige Männer, die dem neuen Gott aus dem Südland angehörten und die keine Waffen führten. Die ihre Feinde lieben sollten - was für ein Gedanke - und sich nicht einmal richtig wehrten, wenn sie überfallen wurden. Wenn dieser Methos sich mit Lesen beschäftigte, konnte er dann wirklich so gefährlich sein?

 

Sie war gerade dabei, ihre Ketten zu untersuchen, als die Welle sie traf und ihr Kopf zu bersten schien. Die Tür öffnete sich.

"Du bist wieder wach. Dann können wir ja unsere Unterhaltung fortsetzen."

Er schloß die Tür hinter sich und kam langsam näher. Eine große, sehr schlanke Gestalt, längst nicht so kräftig wie die meisten ihrer Krieger. Eigentlich wirkte er nicht bedrohlich, aber sie wußte es jetzt besser.

"Öffne diese Ketten! Vielleicht vergesse ich dann, was Du gewagt hast. Du hast kein Recht......."

"Ich habe jedes Recht über Dich und das weißt Du!" Mit einer raubtierhaften Bewegung ergriff er den Krug und schüttete ihr den Inhalt ins Gesicht.

"Damit Du ein bißchen abkühlst!"

Er stand gelassen da, die Hände in die Seiten gestemmt.

"Wenn Du bisher glaubtest, eine Tochter Deiner Götter zu sein, wirst Du das schnell vergessen müssen. Je schneller, desto besser für Dich. Du bist nur noch eine Sklavin. Meine Sklavin!"

Das schmale Lächeln kannte sie schon und wieder legten sich seine Hände um ihren Hals. Entsetzt schnappte sie nach Luft. Ihr Götter, nicht schon wieder!

Er lächelte fast bedauernd und sah ihr in die Augen.

"Diesmal .......nicht."

Seine Finger tasteten im Nacken nach dem Verschluß der schweren silbernen Kette, öffnete ihn, nahm sie ihr vom Hals und betrachtete interesssiert die kunstvollen Ornamente, bevor er sie auf die Truhe warf. Dann griff er nach den goldenen Spangen, die ihre Oberarme umschlossen, streifte sie ab. Die Spangen um ihre Unterarme, die Ringe an ihren Händen. Eines nach dem anderen nahm er ihr. Wo seine Hände ihre Haut streiften, bildete sich Gänsehaut und sie merkte, wie sie unkontrolliert zu beben begann. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.

Das nasse Hemd klebte an Sigrun. Sie spürte seinen Blick so wie einen Moment vorher seine Hände.

"Das war nur der Anfang. So wie den Schmuck werde ich alles nehmen! Deinen Körper, Deinen Stolz, Dein Leben. Du wirst lernen, was es heißt, besiegt zu sein."

Seine Stimme war sanft, freundlich, als ob er einem Kind etwas Wichtiges erklären wollte.

Voller Wut und Empörung zischte Sigrun ihn an: "Du wirst aus der Tochter Odins keine Sklavin machen!"

Er lachte amüsiert. Allein dafür würde sie ihn töten.

"Ach , Du bist nicht die Erste. Ich habe eine gewisse Erfahrung darin."

Methos ging zum Bett, streckte sich darauf aus, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.

"Der Hammer Thors wird Dich zerschmettern und Odins Raben werden das Fleisch von Deinen Knochen hacken!" knurrte sie ihn an.

"Spar Dir deine Kräfte für später auf. Und sei still, ich will mich ausruhn." Er sah seine Gefangene aus halbgeschlossenen Augen an und wirkte sehr zufrieden mit sich selbst.

Wie ein Kater vor der Milchschüssel - schoß ihr durch den Kopf.

"Obwohl...Dein Anblick ist eher anregend. Du solltest Dich so sehen." Er schloß die Augen und atmete nach kurzer Zeit langsam und regelmäßig.

Sigrun war fassungslos. Bisher waren ihr alle Männer mit Respekt, Achtung, oft genug auch Furcht begegnet. Dieser hier war absolut furchtlos und von unglaublicher Arroganz. Er hatte die Heilung ihrer Wunden erlebt und tat so, als sei das etwas ganz Alltägliches. Kein Erschrecken, noch nicht mal Erstaunen. Dieses Rätsel quälte sie, aber sie konnte es jetzt nicht lösen, also verbannte sie es vorerst aus ihren Gedanken. Andere Dinge waren wichtiger!

Solange sie angekettet war, konnte sie nichts tun, weder für sich noch für ihre Brüder. Sie konnte nur hoffen, daß er sie bald losmachte, bevor sie weggebracht wurden. Wenn sie nicht mehr gefesselt war und seine Aufmerksamkeit nachließ, hätte sie eine gute Chance.

Furchtlosigkeit war oft auch Unvorsichtigkeit........wie sie heute selbst bewiesen hatten.

Die Minuten vergingen quälend langsam. Sigrun sah sich den Raum genau an, suchte nach Dingen, die ihr eventuell von Nutzen sein könnten. Da war nicht viel. Aber er trug einen Dolch im Gürtel. Sein Schwert lehnte griffbereit neben dem Bett. Wenn er nahe genug kam, was zu erwarten war.......Dann sollte er seine eigene Klinge spüren.

Immer wieder mußte sie mit Gewalt ihren Zorn zurückdrängen. Wer zornig ist , kann nicht mehr denken. Und sie mußte vor allem denken.

Verdammt, wollte der Kerl denn nicht mehr aufwachen. Es wurde unbequem, sie konnte spüren, wie sich das Blut in den Beinen staute und sie immer unbeweglicher wurde.

 

Draußen wurde es schon langsam dunkel, als er sich endlich bewegte. Er streckte sich und stand auf.

"Schön, daß Du noch da bist. Ich gehe jetzt essen. Lauf bitte nicht weg, wir haben nachher noch eine Verabredung."

Bevor er die Tür erreicht hatte, rief sie ihn zurück, ihre Stimme kalt und schneidend: "Auch wenn Du noch aufrecht stehst, Bastard, Du bist tot. Du weißt es nur noch nicht!"

Methos drehte sich um, ein ironisches Lächeln huschte über sein Gesicht, seine Augenbrauen hoben sich. Sigrun hatte die Fäuste geballt und die Ketten strafften sich bis zum Äußersten. Aus schmalen Augen musterte sie ihn, als ob sie die beste Stelle für einen Dolchstoß herausfinden wollte.

" Weißt Du , wie man durch den Blutaar stirbt? Vielleicht solltest Du einen meiner Krieger danach fragen."

Sie lächelte nicht, aber er sah ihre Zähne schimmern, wie die eines Wolfes im Halbdunkel.
Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloß.

 

Aufatmend lehnte sich Sigrun zurück und zwang sich, ihre verkrampften Muskeln zu entspannen. Endlich allein!

Wenigstens konnte sie so für kurze Zeit ihrem Zorn freien Lauf lassen, sonst wäre sie daran erstickt.

Unten in der Halle feierten sie ihren Sieg.Das Lachen und Schreien drang bis nach oben.

Nicht lange danach wurde ihr Verstand von demselben Brausen erfüllt, daß jedesmal das Erscheinen ihres Gegners anzukündigen schien. Schon ging die Tür auf und Methos trat ein. Zwei seiner Soldaten folgten ihm. Sie trugen Fackeln, steckten sie in die Wandhalterungen und entzündeten das Feuer im Kamin.

"Das reicht. Ihr könnt gehen."

Methos nahm die Schlüssel aus der Truhe und schloß die Handschellen auf. Als die Ketten sie nicht mehr aufrecht hielten, gaben die Beine haltlos unter ihr nach und sie sank zu Boden.

Er goß Wein aus einem kleinen Krug in die 2 Becher und trank langsam. Den zweiten Becher brachte er ihr.

"Trink etwas. der Wein ist gut."

Sie trank in kleinen Schlucken. Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen und verlangte mehr. Wann hatte sie zuletzt etwas gegessen? Das mußte etwa 2 Tage her sein, bevor der Sturm eingesetzt hatte.

"Steh auf! Ich habe lange genug gewartet!"

"Hör zu, Ritter. Wir sind keine Kinder mehr. Ich weiß, was Du willst und Du weißt, daß ich es Dir sehr schwer machen könnte. Ich will einen Vertrag mit Dir. Du läßt meine Leute frei und bekommst ein großes Lösegeld für sie.. Ich will nicht, daß sie sterben. Versprich es mir. Dann kannst Du von mir haben, was Du willst, ohne Gegenwehr, ohne Fluchtversuch."

Dabei mied sie seinen Blick, hielt den Kopf gesenkt und mußte sich keine große Mühe geben, müde und resigniert zu klingen.

Ein Moment der Stille, dann wurde sie an den Oberarmen gepackt, hochgerissen und gegen die Wand gestoßen.

Sein Gesicht war ganz nah, sein Körper drückte die Frau mit seinem ganzen Gewicht gegen die Steine. Diese Hände, in denen viel mehr Kraft steckte, als sie vermutet hätte, hielten ihre Arme umklammert und verboten jede Bewegung, seine Gürtelschnalle drückte sich in ihren Magen, die rauhen Kanten der Mauersteine zerkratzten ihren Rücken.

"Du hast Deine Lage noch nicht ganz begriffen. Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen oder auch nur Vorschläge zu machen."

Sie starrten sich aus kürzester Entfernung an. Ihre Augen hatten die Farbe der aufgewühlten See. Und er....sie war schon vielen Kriegern begegnet, sie lebte unter ihnen. Doch niemals hatte sie in einem von ihnen diese Lust am Bösen gefunden wie in diesem hier. Er sah den Haß, den Zorn in ihren Augen brennen, den sie nicht mehr verbergen konnte.

Genauso wollte er sie haben, wütend und voll lebendigen Feuers anstatt resigniert und starr vor Angst.

"So gefällst Du mir besser. Das sind Deine wahren Gefühle! Zeig mir, wie sehr Du mich hasst!"

Seine Lippen streiften ihren Hals, ihr Ohr. Der Geruch der See hing noch in ihrem Haar und der salzige Geschmack ihrer Haut machte ihm Lust auf mehr. Er hielt sie eisern gegen die Wand gepresst, spürte ihre festen Brüste durch den dünnen Stoff, der keinen Schutz darstellte, sondern nur einen zusätzlichen Reiz. Sie fühlte sich gut an, fest und kraftvoll. Beinah schade, dass er ihre Arme festhalten musste...... . Seine Hüften drängten sich gegen sie, rieben sich an ihr und sie spürte ihn durch den Stoff hindurch hart werden. Der plötzliche Schock dieses Gefühls zwang Sigrun zum scharfen Einatmen und im gleichen Moment hinderten fremde Zähne sie daran, den Mund zu schließen, eine fremde Zunge eroberte ihren Mund, schnell und schmerzhaft wurden ihre Lippen von seinem Mund angesaugt, festgehalten, gebissen. Genauso schnell und überraschend ließ er los, erkundete mit harten Küssen ihren Hals, grub die Zähne in ihre Haut, bis er Blut schmeckte.

Sein Atem ging schneller. Er wollte diese Frau. Eine richtige Frau, stolz, kämpferisch, eine Anführerin... keines dieser ängstlichen Mädchen, die in seiner Gegenwart nicht den Blick zu heben wagten - für die sein Wort Befehl war. Das hatte er jetzt lange genug gehabt. Diese hier zu zähmen würde wirklich Spaß machen. Eine echte Herausforderung. Wie lange würde sie ihren Stolz und Kampfgeist bewahren können?

Er hob den Kopf, um sie anzusehen.

"Wenn ich Dich jetzt loslasse, gehst Du zum Bett und ziehst Dich aus!"

Das war die Gelegenheit. Sie stieß ihren Kopf in sein Gesicht , die Stirn krachte auf seine Nase. Aufstöhnend fuhr er ein Stück zurück, die Hände aufs Gesicht gepresst. Sie packte seine Schultern, riß ihn zu sich herunter, rammte ihm das Knie in die Leiste. Wo war der Dolch? Sie mußte ihn zu fassen bekommen!

Dann fühlte sie den Griff des Dolches und riß ihn an sich. Fast im gleichen Moment wurde ihr Handgelenk von seiner Faust umklammert. Sie rangen miteinander und kämpften schweigend, keuchend um die Waffe. Plötzlich fühlte sie Widerstand im Rücken. Das mußte einer der Bettpfosten sein. Und schon schlug er ihre Hand mit solcher Kraft gegen das Holz, daß sie loslassen mußte. Er rammte ihr die Faust in den Magen, hob sie hoch und warf sie aufs Bett. Sofort war er über ihr, kniete auf ihren Armen und hielt sie mit seinem Gewicht bewegungslos. Das Haar klebte schweißnaß an der Stirn, Blut begann auf seinem Gesicht zu trocknen. Seine Augen glitzerten vor Wut. Sie hatte ihm einen hübschen kleinen Kampf geliefert - gerade genug, um sein Begehren anzuheizen. Zwischen zusammengepressten Zähnen knurrte er sie an: "Du hast Deine Chance gehabt."

Eine Hand tastete die Decke nach dem Dolch ab. Sie sah, wie sich seine Finger um den Griff schlossen. Er suchte ihren Blick und ließ ihn nicht mehr los. Mit der Spitze der Waffe näherte er sich ihrem Gesicht, zeichnete mit aufreizender Langsamkeit die Linie ihrer Augenbrauen nach, die Linie der Lippen, glitt langsam tiefer. An der Halsgrube angekommen, hielt er inne und drückte fester zu. Die Spitze durchdrang mühelos die Haut. Mit angehaltenem Atem wartete sie - sollte er so schnell zum Ende kommen?

"Nein. Ich werde Dich noch nicht töten. Aber wenn ich mit Dir fertig bin, wirst Du wünschen ich hätte es getan."

Er sprach leise, sehr deutlich und seine Stimme ließ sie schaudern.

Methos senkte die Klinge in den Halsausschnitt ihrer Tunika und zog sie nach unten. Sie fühlte den Druck des kalten Metalles auf ihrer Haut. Der Stoff gab sofort nach, wurde zur Seite geschoben. Die Bewegungen des Körpers unter ihm, der sich zu befreien versuchte, schickten Hitzewellen durch seinen eigenen Körper. Er stieß die Klinge in den Bettpfosten und ließ beide Hände über die helle Haut gleiten, die sich über festen Muskeln spannte. Zuerst ganz leicht, an den Innenseiten der Arme entlang, bis er am Brustkorb angekommen war. Dann wanderten diese Hände nach oben und schlossen sich um ihre Brüste, pressten und kneteten sie schmerzhaft, bis sie stöhnte und sich auf die Lippen beißen musste, damit der Schmerz, den sie sich selbst zufügte, den Schmerz durch seine Hände übertraf und in den Hintergrund schob.

Und für einen Moment hatte er fast vergessen, daß er eine Kriegerin im Bett hatte. Aus dem Gürtel zog er ein Stück rauhes Seil, packte beide Handgelenke, fesselte sie aneinander und irgendwo über ihrem Kopf an das Bettgestell. Nein, für ihn war es nicht das erste Mal, dass er so vorging.

Sigrun zerrte an den Stricken und versuchte sie abzustreifen. Sie konnte nicht aufgeben, sich nicht eingestehen, dass sie besiegt war. Alles in ihr bäumte sich auf, genauso wie ihr Körper es tat. Er beobachtete sie mit einem halben Lächeln, amüsiert über die Hilflosigkeit ihrer Anstrengungen und der Anblick und die Bewegungen dieses kraftvollen und so wehrlosen Frauenkörpers steigerte seine Lust.

"Nicht, laß daß. Ich will nicht, daß Du Dich verletzt. Das tue ich schon für Dich."

Seine Stimme klang wirklich besorgt, aber Sigrun hörte die böse Ironie dahinter.

"Jetzt gehörst Du mir." flüstere er nah an ihrem Ohr. Sein Atem brannte auf ihrer Haut, brutal zwang er ihre Lippen auseinander. Seine Hände strichen an ihren Armen entlang nach unten und öffneten ihren Gürtel.

Sie biß zu. Schlug ihre Zähne in seine Lippen und seine Zunge bis sie Blut schmeckte. Er fuhr zurück, die linke Hand über seinen Mund gepresst. Als er sie ansah, flackerte unverhohlene Wut in seinen Augen und das Blut tropfte von seiner Hand.

Die Zeit reichte nicht, um sich herauszuwinden, ihre Tritte erreichten ihn nicht. Nur eine Sekunde der Verblüffung, dann holte er aus und schlug ihr ins Gesicht, zweimal, dreimal. Jeder Schlag härter als der vorige. Durch den Dämmer der Benommenheit nahm sie wahr, wie er die Reste ihrer Kleidung aufschnitt.

Sigrun wußte ,daß sie verloren hatte.

Es war unfassbar. Vergewaltigung - das war etwas, was nur anderen Frauen geschehen konnte. Daß sie selbst es würde erdulden müssen, war ihr nie in den Sinn gekommen. Es war ihr nicht fremd, sicher nicht. Wer zu schwach war, um sich und die Seinen zu schützen, hatte nichts anderes zu erwarten. Auch ihre Männer hatten es getan, nach jedem Sieg. Sie hätte es ihnen nicht verbieten können, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Aber warum hätte sie es verbieten sollen? Es war das natürliche Recht der Sieger. Ja, es war alles ganz einfach - solange sie selbst zu den Siegern gehört hatte!

Nur........diesmal war er der Sieger, der Mann über ihr mit den braunen Augen. Er beobachtete sie, wartete, daß sie wieder ganz bei Bewußtsein war.

Er wollte ihr nichts ersparen.

Sigrun drehte den Kopf zur Seite, soweit es ging. Ihr Gesicht lehnte sie gegen den Oberarm und schloß ihre Augen. Wenn sie nichts mehr tun konnte, um ihren Körper zu schützen, wollte sie wenigstens alles tun, ihm ihre Seele zu entziehen. Ihr Geist entfernte sich immer mehr , zog sich in das Land ihrer Erinnerungen, ihrer Visionen zurück, eine Reise, die sie schon oft angetreten hatte, wenn sie alleine war mit ihren Göttern.

Wenn Methos ein Mann gewesen wäre wie all die anderen, hastig, ungeschickt in seiner Gier, abgestumpft, dann wäre die Flucht gelungen.

Doch Methos war nicht wie die anderen.

Er spürte, wie ihre angespannten, verkrampften Muskeln sich lockerten, wie ihr schneller keuchender Atem sich beruhigte, langsam und flach wurde. Und er wollte ganz sicher keine leblose Hülle im Bett haben!

Sie sollte ihre Niederlage mit vollem Bewußtsein erleben, Beinahe zart nahm er das blasse Gesicht in seine Hände, tastete an der Unterseite des Kiefers und drückt seine Daumen fest auf die Nervenknoten. Dabei drehte er ihr Gesicht wieder zu sich. Mit Befriedigung sah Methos, wie sich der Schleier über ihrem Blick hob und sie mit neu erwachtem Schrecken auf den Schmerz reagierte.

"Versuche das nie wieder."

Immer noch lagen seine Hände auf ihren Wangen, hielten ihren Kopf still und so, dass sie ihm in die Augen sehen musste, während sein Daumen über ihre Lippen strich und sie teilte. Seine Knie drängten ihre Beine auseinander. Der Feuerschein beleuchtete die beiden verschlungenen Körper. Ein unbefangener Beobachter hätte sie für ein Liebespaar halten können.

Endlich löste er sich von ihr, stand auf und ging zur Waschschüssel. Er tauchte sein Gesicht ganz ein und wusch Blut und Schweiß ab. Während er sich abtrocknete, ging er zurück zum Bett und sah auf Sigrun hinunter. Sie hatte sich soweit wie möglich zusammengekrümmt, die Verletzungen und Blutergüsse hoben sich dunkel von ihrer Haut ab, begannen langsamer als sonst zu heilen. Sie hatte nicht geschrien, sie hatte nicht geweint oder um Gnade gebeten. Nur einige Male hatte sie ein Stöhnen nicht unterdrücken können. Ihre Hände waren blau angelaufen und blutig abgeschürft, denn durch ihre Versuche, die Fesseln abzustreifen, hatte sich der Knoten nur enger zugezogen. Jetzt bebten ihre Schultern und er konnte ihr trockenes Schluchzen hören.

Methos zog den Dolch aus dem Holz und schnitt die Fesseln auf . Als sie seine Nähe spürte, zuckte sie instinktiv ein Stück zurück und sah in Erwartung neuer Angriffe zu ihm auf. In ihren Augen konnte er die Qualen eines gehetzten Tieres lesen.

"Wie ich Dir sagte: Zuerst der Schmuck, dann Dein Körper und jetzt - jetzt nehme ich mir Deinen Stolz! Was bleibt Dir noch?"

Sie mußte um die Beherrschung ihrer Stimme kämpfen und verfluchte sich selbst für ihre Schwäche und ihre Tränen.

"Töte mich!" flüsterte sie.

"Nein. Wir beide werden noch viel Spaß miteinander haben. Später.... vielleicht, wenn ich Dich nicht mehr will."

"Ich werde Dich töten, wenn Du mich am Leben läßt!. Und wenn es das Letzte ist, was ich tun kann!"

Er setzte sich auf den Bettrand, spielte mit der Klinge auf ihrer Haut. Sigrun fühlte das kalte Metall, die leichten flüchtigen Schnitte und kalte Schauer jagten über ihren Rücken. Der Spott in seiner Miene ließ ihn jünger und völlig harmlos aussehen.

"Nun, wenn Du mir drohst, werde ich zu meiner Sicherheit etwas dagegen tun müssen. Das siehst Du doch ein?"

Er griff beide Handgelenke, hielt sie fest in seiner linken Faust und drehte sein Opfer auf den Rücken. Die Klinge des Dolches setzte er auf die Stelle genau über ihrem Herzen.

"Noch kannst Du mich um Gnade bitten."

"Dich würde ich um nichts bitten! Tu es! Ich wünsche mir den Tod!"

"Wie Du willst!"

Mit einem kurzen Stoß rammte er die Klinge in Sigruns Brust. Ihre Augen weiteten sich, aber er hatte gut gezielt. Dunkelheit und Stille breiteten sich in ihr aus.

Methos wartete etwas, bevor er den Dolch aus dem leblosen Körper zog. Dann erhob er sich, suchte seine Kleider zusammen und zog sich ohne Hast an. Die Zeit würde reichen, um Essen holen zu lassen und ihr wieder die Ketten anzulegen. Er warf ein paar Felle und Decken an die Stelle an der Wand, wo die Ketten hingen und verließ den Raum.

 

 
II. Kapitel - Das Raubtier in ihm

 

Methos hatte sich beeilt. Eine der Mägde trug ein Tablett mit Fleisch, Brot, Obst und einen Krug Wein. Die Magd warf einen scheuen Blick auf die verkrümmte reglose Gestalt auf dem Bett. Auch wenn diese Frau als Feindin gekommen war, tat sie ihr jetzt irgendwie leid . Eilig stellte sie das Tablett auf eine der Truhen und wandte sich zum Gehen.

Sie hätte besser aufpassen sollen. Aber ihre Augen und Gedanken waren noch immer bei der Frau, die wie eine zerbrochene Puppe auf dem Bett lag. Im Gehen stieß sie gegen Methos und rempelte ihn an. Sie kam nicht dazu, zu knicksen und sich zu entschuldigen, wie sie es tun wollte. Wortlos packte er sie bei den Schultern, drehte sie in Richtung Tür und gab ihr einen derben Stoß, der die Magd nicht nur zur Tür hinaus, sondern auch einige Stufen der Treppe hinabbeförderte. Sie raffte sich weinend auf und floh in eine dunkle Ecke der Halle, erschreckt und voller Angst.

Methos befestigte inzwischen die Ketten so an den Wandringen, daß sie lang genug waren, um seiner Gefangenen sitzen und liegen zu erlauben. Er hob Sigrun vom Bett, legte sie auf die Felle und schloß die Handschellen wieder um ihre Gelenke. Dann setzte er sich neben sie und wartete.

 

Seine Gedanken wanderten zurück zu der Zeit, längst Vergangenheit, in der er als Tod die Alpträume der Menschen beherrscht hatte. Und ihre Tage ebenso. Er und seine schrecklichen Brüder hatten ohne Skrupel, ohne Erbarmen und ohne jeden Grund gemordet, verbrannt, vergewaltigt. Ohne jeden Grund außer ihrer Lust am morden, brennen, vergewaltigen.

Er rief sich den Horror in den Augen der Menschen zurück, die ihnen zum Opfer gefallen waren. Und er hatte sich gut dabei gefühlt, mächtig, unbesiegbar! Dieser sehr alte Teil seiner Seele hatte in den letzten Monaten an Kraft gewonnen. Er hatte lange dagegen angekämpft und doch gewußt, daß er diesen Kampf irgendwann verlieren mußte. Wie schon oft in der Vergangenheit. Wenn der Druck zu stark wurde, mußte er nachgeben, um nicht den Verstand zu verlieren. Dieser jahrtausend alte Dämon nagte an seiner Seele. Lange war er dort eingeschlossen gewesen, tief unten, doch immer wieder hatte er sich den Weg gebahnt in das Bewußtsein des Mannes, in dem er wohnte, von dem er ein Teil war.

Und so hatte Methos auch dieses Mal den sinnlosen Widerstand aufgegeben und sich ins Dunkel fallen lassen. Wieder einmal hatte sein Dämon gesiegt!

Dieser uralte Dämon wollte herrschen, Menschen in Angst sehen, sie brechen und vernichten. Wenn das nicht so leicht war, umso besser. Jeder Widerstand steigerte nur sein Vergnügen. Methos konnte sich nicht erinnern, jemals einem Menschen, ob Mann oder Frau, sterblich oder unsterblich, begegnet zu sein, der ungebrochen diese Tyrannei überlebt hatte.

Auch dieser hier würde es nicht anders ergehen. Dann wäre Tod vielleicht zufriedengestellt und würde sich für weitere Jahrhunderte in den Tiefen seiner Seele verborgen halten.

 

Er saß im Schatten und beobachtete sie mit fast wissenschaftlichem Interesse. Der erste schmerzliche Atemzug hob ihre Brust, sie hustete. Ein leiser gequälter Ruf ging in Stöhnen über. Oh ja, auch er wußte, wie qualvoll das Erwachen sein konnte. Methos hatte keineswegs vor, es ihr leichter zu machen.

Sigrun hatte bei seinem Todesstoß gehofft, sich in Walhall wiederzufinden. Sie hatte gekämpft und den Tod wie einen Freund willkommen geheißen. Aber die Schmerzen bereiteten sie auf die Wirklichkeit vor. Noch bevor sich ihre Lider hoben, sah sie ein Gesicht vor sich, blau bemalt, in dem nur die grausamen Augen zu leben schienen. Mit dem Leben kehrte dieses fremde, beklemmende Gefühl zurück - Furcht.

Als sie das Schlimmste überstanden hatte und fähig war, sich umzusehen, erkannte sie den Raum wieder, dem sie so gehofft hatte zu entkommen. Die Fackeln an der Wand gaben dürftiges, unruhiges Licht. Das Blut war auf ihrem Körper getrocknet, ihre Handgelenke wieder in Eisen geschlossen.

"Nein! Nicht länger!" murmelte sie unter Stöhnen.

 

"Hast Du wirklich gedacht, ich wäre schon fertig mit Dir?"

Seine Stimme kam aus dem Dunkeln. Sie hatte ihn nicht dort sitzen sehen. Daß er Zeuge ihrer Schwäche geworden war, demütigte sie noch mehr. Die Minuten vergingen. Sie konnte nicht sprechen. Und doch mußte sie wissen.... sie mußte ihn fragen. Nur er konnte die Antwort geben.

"Warum... warum lebe ich noch? Ich habe den Tod gespürt!"

Leises Lachen drang bis zu ihr.

"Du weißt es also wirklich nicht? Das dachte ich mir. Nun, ich werde es Dir sagen...... kurz vor Deinem letzten endgültigen Tod wirst Du es erfahren. Nicht früher!

Und bis es soweit ist, wirst Du noch oft sterben, wenn ich es will!"

Die Erschöpfung und Verzweiflung in Sigrun war diesmal echt und sie murmelte kraftlos: "Du bist der grausamste Mann, dem ich je begegnet bin. Wer bist Du?"

Seine Stimme war nur noch ein sanftes Flüstern. "Willst Du das wirklich wissen? Dann hör gut zu: ich bin der Tod..... Dein Tod!"

Er kniete dicht neben ihr, strich Sigrun die Haare aus dem Gesicht. Die Berührung war genauso trügerisch sanft wie seine Stimme. Vor sein Gesicht schob sich ein anderes, das sie schon kannte. Blau bemalt..... es war sein Gesicht.

 

In der nächsten Sekunde war sie allein. Stöhnend sank sie auf die Felle zurück. Sie fühlte sich so hilflos, zerschlagen, so unglaublich schmutzig. Und alles war ihre Schuld. Wenn sie nur vorsichtiger gewesen wäre, erst die Lage besser erkundet hätte. "Wenn" und "hätte", was für nutzlose Worte.

Eines der Felle zog sie über sich, legte die Arme um sich und rollte sich zusammen. Die Wunden ihrer Brust, an ihren Handgelenken, an vielen Stellen, waren noch nicht vollständig geheilt, aber die Schmerzen beherrschten nicht mehr ihr Bewußtsein. Die körperlichen Schmerzen......

Ihr Götter, ich war doch tot! Wie kann es sein, daß ich trotzdem lebe? Kann er mich immer wieder töten...... und zurückrufen? Wie es ihm gefällt? Sooft er will? Hast nicht mehr Du, Odin, die Macht über mein Leben und meinen Tod? Hat er diese Macht?

Sie glaubte die Antwort zu wissen und das Entsetzen darüber löste unkontrollierbares Zittern aus. Es wird lange dauern, bis er mich zum letzten Mal sterben läßt. Und wie wird es sein? Es muß eine Möglichkeit geben, mich endgültig zu töten. Er hat es gesagt!

Thor, gib mir von Deiner Kraft. Einmal alles ertragen und mutig sterben - das konnte ich. Aber immer wieder? Wie oft kann ich es ertragen, ohne zur Sklavin zu werden, die angstvoll um Gnade bettelt ? Du weißt, daß ich den Tod nicht fürchte, aber davor - davor fürchte ich mich.

Sigrun war entschlossen, nicht zu weinen. Und doch merkte sie nach kurzer Zeit, wie ihr Gesicht naß war, die Augen brannten. Sie konnte es nicht verhindern. Weinend glitt sie in einen Schlaf der Erschöpfung, der fast ihrem eben überstandenen Tod glich.

 

Methos hatte einen Boten an Graf Eudo geschickt. Er hatte hier ein angenehmes Leben gefunden und wollte sich das eine Weile erhalten. Die Reise mit den Mönchen war anstrengend gewesen, vor allem, da er ihre Frömmigkeit nicht teilte und für ihren bedingungslosen Gehorsam nur stillen Sarkasmus übrig hatte. Sie hatten in vielen Dingen das selbstständige Denken aufgegeben. Etwas, was er nie verstehen würde! Andererseits - sie waren gebildeter als die meisten Menschen dieser Zeit und er hatte Stunden um Stunden angeregter Gespräche mit ihnen verbracht. Danach hatte er das ruhelose Umherziehen für eine Weile satt gehabt und sich durch ein großzügiges Geschenk diese Stellung hier erkauft. Außerdem - er war ein guter Kämpfer und der Graf war froh, einen solchen Mann auf diesem Vorposten zu haben. Die Nachrichten von den Raubzügen der Wikinger waren beunruhigend und kamen in immer kürzeren Abständen.

Graf Eudo liebte Unterhaltung , besonders die Jagd. Hier konnte er ihm ein Vergnügen bieten, daß wirklich nicht alltäglich zu nennen war: eine Menschenjagd.

Gegen Mittag des nächsten Tages erreichte der Graf mit seinem Gefolge das Dorf. Methos empfing ihn zuvorkommend und charmant wie immer.
  Die beiden sahen sich die Gefangenen an. Nur noch 15 Mann der ursprünglichen Besatzung hatten Sturm und Kampf überlebt.
Früh am nächsten Morgen wurden die Wikinger einzeln in den Wald gebracht und freigelassen. Sie hatten einen Vorsprung von 1 Stunde, dann würde die Jagd beginnen.

 

Methos kam mit einem Toten zurück. Der Mann lag vor ihm auf dem Pferderücken. Ein blonder Mann, dessen Haar jetzt gerötet war vom Blut. Methos sah hinauf zum Turmfenster . Er machte sich nicht die Mühe, das Blut von seinen Händen zu waschen. Er stieg die Wendeltreppe hinauf und fühlte ihre Anwesenheit, so wie sie nun seine fühlen mußte. Es amüsierte ihn, daß sie nicht wußte, was das zu bedeuten hatte.

Ohne ein Wort schloß er die Handschellen auf. Bevor ihr klar wurde, daß ihre Hände frei waren, hatten er Sigruns rechten Arm so auf den Rücken gedreht, daß sie keiner Bewegung mehr fähig war.

Seine freie Hand griff ihr Haar und so führte er sie zum Fenster. Dort ließ er Sigrun Haar los und zeigte mit ausgestrecktem Arm nach unten.

"Schau hinunter! Sieh es Dir gut an! Dann weißt Du, wessen Blut an meinen Händen klebt."

Ihr Blick war wie gebannt auf seine Hand gerichtet, seinen Arm. Da war getrocknetes Blut. Ja, und sie wußte, wessen Blut.

Immer mehr Reiter hatten die Jagd beendet und luden die Toten im Hof ab. Sie wurden auf einen Karren geworfen. Auch einige der Jäger waren verletzt oder wurden nur als Tote nach Hause gebracht. Die nordischen Krieger hatten sich nicht ohne Gegenwehr niedermachen lassen.

"Jeder hatte eine Stunde Vorsprung und eine Waffe seiner Wahl. Das war mehr, als sie erwarten konnten. Du solltest mir danken, daß sie im Kampf sterben durften und nicht am Galgen!"

Sie konnte ihre Augen nicht von dem grausamen Bild lösen. Nie wieder würde sie mit ihren Brüdern an Bord eines Drachen stehen, in der Halle ihres Vaters lachen und feiern, Seite an Seite mit ihnen in den Kampf ziehen. Da lag Bjarne, ihr Steuermann und guter Freund seit ihrer Kindheit. Eine Zeitlang war er auch mehr gewesen....Der junge Ivar, schnell, gewandt wie eine Katze, fröhlich. Jetzt war er kaum noch zu erkennen.

Sie hatte die Schmerzen in ihren Gelenken vergessen, sie hatte den Mann hinter sich vergessen. Alles, außer den Toten dort unten, mit denen ihr bisheriges Leben gestorben war.

Methos allerdings war sich ihrer Gegenwart um so bewußter. Er stand so dicht hinter ihr, daß er ihre Körperwärme auf seiner Haut fühlte. Ihre Haare, weich, seidig, so hell im Gegensatz zu seinen dunklen, wie rotes Gold. Die sonst vom Haar verborgene Halslinie, zart und verletzlich. Ihr Handgelenk in seiner Hand. Wieviele waren schon durch ihre Hand gestorben? Schmal, zerbrechlich und doch konnte diese Hand ein Schwert führen. Soviel Kraft in einem Frauenkörper.

Für Sekunden tauchte der Teil seiner selbst auf, der von der Einsamkeit der Jahrhunderte zerrissen wurde. Er hatte gelernt, damit umzugehen. Manchmal war die Einsamkeit besser zu ertragen als der immer wiederkehrende Verlust. Es war lange her, zu lange. Seine letzte Liebe ....nein, allein der Gedanke daran ...... Er wollte nicht mehr leiden.

Doch einen Atemzug lang konnte er den Gedanken nicht unterdrücken: wie es mit ihr wäre - ohne Hass und Gewalt.

Dann war es vorbei .

Der Tod ist einsam.

 

Er drückte Sigruns Unterarm weiter nach oben und zur Seite, zwang sie mit dem Hebeldruck auf die Knie. Seine freie Hand legte sich um ihre Kehle, spielte mit ihrer Angst, als der Druck zunahm und sie kaum noch atmen konnte. Er ließ ihr gerade genug Sauerstoff, um nicht in Bewußtlosigkeit abzugleiten. Und so wenig, daß die elementare Todesangst erhalten blieb, die sich weder durch Willen noch durch den Verstand unterdrücken ließ, Methos lachte leise, als er losließ und sie keuchend einatmen hörte. Seine sehnigen Finger glitten in den Ausschnitt der Tunika, legten sich um ihre Brust. Er spürte wie ihr Körper reagierte und die Muskeln sich spannten.

"Wehr Dich.... und Dein Arm bricht wie ein trockener Ast."

Er verstärkte den Druck so weit, daß er sicher sein konnte, den Arm unbrauchbar gemacht zu haben. Das leise Knacken im Gelenk und ihr kurzer Schrei sagten ihm genug. Dann ließ er plötzlich los, umschlang ihre Hüfte und presste sie fest an sich. Die freie Hand legte sich um ihren Kiefer, drehte ihren Kopf soweit, daß er ihr Stöhnen mit seinem Mund ersticken konnte. Durch sein Gewicht drängte er sie nach unten, hielt sie am Boden fest, das Gesicht in die Binsen gedrückt.

Sigrun lag ganz still. Er kniete neben ihr, drehte sie auf die Seite.

"Keine Tränen heute? Wie schade!"

Sie wich seinem Blick nicht aus. Sein zynisches Lächeln verblaßte, als er den Ausdruck der Ferne und Trauer in ihren Augen erkannte.

"Du wirst die Toten an Bord des Schiffes bringen lassen! Wenn der Drachen das offenen Meer erreicht hat, wirst Du ihren Scheiterhaufen entzünden. Und Du wirst mich nie mehr weinen sehen!"

Sie sprach leise, tonlos und es war keine Bitte.

Er gab keine Antwort, sah sie nur an. Er ließ zu, daß sie aufstand, zur Wand ging und sich selbst die Eisen um die Handgelenke legte.

"Schließ zu. Und laß mich allein!"

Methos verstand sich selbst nicht. Aber er tat, was sie verlangte und ging genauso wortlos, wie er gekommen war. Als die Tür hinter ihm zufiel, stand er auf der obersten Stufe, lange und regungslos. Dann schüttelte er den Kopf, wie um etwas sehr Lästiges daraus zu vertreiben und ging weiter.

 

Graf Eudo saß zufrieden auf dem Ehrenplatz in der Halle, berichtet jedem, der es hören wollte -oder auch nicht hören wollte - von seinen Taten an diesem ereignisreichen Jagdtag.

Methos suchte Jeoffrey, seinen Freund und Vertrauten, soweit das ein Sterblicher sein konnte. Er fand ihn im Schatten am Eingang des Stalles.

"Laß die Wikinger auf ihr Schiff bringen. Unserer Männer sollen einen Scheiterhaufen errichten und das Boot aufs Meer hinausrudern. Eines unserer Boote wird euch begleiten und die Männer an Bord nehmen, wenn sie alles Nötige getan haben. Nimm Brandpfeile mit und schieße den Drachen in Brand. Sie sollen ein Begräbnis bekommen, wie es bei ihnen Brauch ist."

Jeoffrey sah Methos erstaunt an.

"Es geht auch einfacher. Weshalb soviel Aufwand?"

"Weil ich es so will!"

Methos hatte sich schon zum Gehen gewandt, als ihn Jeoffreys Hand zurückhielt.

"Was ist mit ihr? Weiß sie jetzt, wo ihr Platz ist?"

Der Ausdruck in den goldbraunen Augen seines Gegenübers ließ sich nicht deuten. Es schien ihm eine Mischung aus Ärger, Unverständnis und...... ja, Bewunderung.

"Sie ist stärker als ich dachte."

Jeoffrey sah ihm nach, als sich die schlanke Gestalt entfernte. Er ging durch das offene Tor zu einer Anhöhe, von der aus er das Meer sehen konnte.

 

Mit der Stiefelspitze zeichnete Jeoffrey Muster in den Staub. Er mochte Methos sehr, obwohl er oft spürte, daß sich in ihm noch mehr verbarg, als er bisher hatte erkennen können. Seine vorsichtigen Versuche, das Geheimnis seines Freundes zu erforschen, waren immer gescheitert. Methos hatte ihn amüsiert, aber bestimmt ins Leere laufen lassen. Manchmal war er für Tage oder sogar Wochen verschwunden gewesen.

Jetzt hatte Jeoffrey noch mehr Stoff zum Rätselraten. Ihm war schon mehrmals aufgefallen, daß Methos' Wunden in enorm kurzer Zeit heilten. Er hatte ihm keine Erklärung gegeben, nur um sein Stillschweigen als Freund gebeten. Bei niemandem sonst hatte er dergleichen bisher beobachtet. Bis jetzt...... bis er feststellen konnte, daß die Verletzungen, die die Frau aus dem Norden davongetragen hatte, genauso schnell verheilten.

In den letzten Tagen hatte sich Methos verändert. Genauer: seit dem Überfall der Barbaren. Eine Aura der Grausamkeit, der Kälte ging von ihm aus, die nie vorher zu spüren gewesen war. Jeoffrey war gar nicht glücklich über diese Veränderung. Die Bauern und Dienstleute bekamen es auch zu spüren. Da war die Magd, die er die Treppe hinuntergestoßen hatte. Der Pferdeknecht, den er aus nichtigem Anlaß halb tot geschlagen hatte.... Sie gingen ihm aus dem Weg, obwohl er doch das Dorf gerettet hatte. Die Frauen, die in den Turm durften, um der Gefangenen Wasser, Kleidung und das Essen zu bringen, tuschelten. Sie steckten die Köpfe zusammen und schienen die Barbarin fast zu bedauern.

Und noch etwas war seltsam: keiner hatte sie schreien hören, nicht einmal in der ersten Nacht.

Er riß sich von seinen Gedanken los und erteilte die nötigen Befehle. Die verständnislosen Blicke ließen ihn kalt. Holz wurde an Bord des Schiffes gestapelt und mit Öl übergossen. Die Toten wurden darauf gebettet, man ließ ihnen sogar ihre Waffen.

Dann schleppten und ruderten sie den Drachen ein Stück aufs Meer hinaus. Die Sonne warf schon lange Schatten. Jeoffrey stand in dem kleinen Fischerboot, wartete, bis die Sonne hinter dem Horizont versunken war. Dann zogen die Brandpfeile feurige Spuren durch die Dämmerung. Zuerst zögernd, dann immer höher und kraftvoller leckten die Flammen an dem Holz. Bald war das Schiff völlig vom Feuer eingehüllt.

 

Sigrun war mit ihren Gedanken sehr weit weg. Die Ketten und Mauern waren kein Hindernis für ihren Geist, der von jedem ihrer Brüder Abschied nahm. Sie merkte nicht, daß die Mägde kamen, um ihr Wasser und Essen zu bringen. Sie sah nicht die Söldner an der Tür, die sie neugierig anstarrten und Witze rissen. Die zwei Frauen versuchten, sie zum Essen zu bewegen, sinnlos, sie hörte sie nicht.

Erst das eigenartige Wogen in ihrem Kopf brachte sie zurück.

Methos sah, daß ihre Gedanken den Weg zurück in die Gegenwart suchten. Er sah die unberührten Speisen und wußte, wo sie gewesen war.

Bösartiger Spott klang aus seiner Stimme.   " Hat die Tochter Odins die toten Kämpfer nach Walhall geleitet? Keine Sorge, Du wirst ihnen bald folgen."

Sie stand auf, die Ketten klirrten leise. Er sollte nicht auf sie herabsehen dürfen.

"Ich kann es kaum erwarten. Aber Du hast mir etwas versprochen. Vergiß es nicht."

"Ich vergesse niemals etwas. Nur.... wird dieses Wissen Dein Sterben nicht leichter machen."

"Darum habe ich Dich auch nicht gebeten."

Seine Augen wurden schmal, als sie seinem hämischen Blick ohne Schwierigkeiten standhielt. Mehr noch, seinen Blick verächtlich zurückgab.

"Immer noch so stolz? Hast Du vergessen, daß Du mein Eigentum bist? Weißt Du nicht, daß dort unten ein Dutzend Kerle nur darauf warten, daß ich den Weg freigebe?"

Seine langen Finger gruben sich in Sigruns Schultern, wollten ihr weh tun, ihren Stolz zerbrechen. Methos suchte nach dem Flackern in ihren meergrauen Augen, das ihm Unsicherheit, Angst, Unterwerfung gezeigt hätte. Statt dessen fand er Stärke, Ruhe, Widerstandswillen. Der Tod ihrer Gefährten hatte die Last der Verantwortung von ihr genommen. Nun, da sie allein war, mußte sie sich um niemanden mehr sorgen. Die Angst um sich selbst konnte sie so unter Kontrolle halten, daß sie ihm verborgen bleiben würde.

Denn...... völlig besiegen konnte sie diese Angst nicht. Nicht mehr, seit sie unter seinen Händen nach Luft gerungen hatte, gestorben war und doch nicht tot. Nicht mehr, seit sie das blau bemalte Gesicht, daß sich in ihren Geist gedrängt hatte, als seines erkannt hatte.

In ihre Antwort legte sie alle Verachtung, alle Festigkeit, die sie noch aufbringen konnte. Wenn diese harten braunen Augen nicht bald von ihr ließen, würde er sie durchschauen.

"Das wirst Du nicht tun. So tief Du auch gesunken bist, Du wirst nicht Verrat an Dir selbst, an Deinem Stand begehen. Das ist eine Sache nur zwischen uns beiden und das weißt Du .Wir sind uns ähnlich, aber die da unten.....das ist Abschaum!"

Sein Ärger wuchs. Wie konnte sie es wagen, so mit ihm zu sprechen, ihm noch immer Widerstand zu leisten? Und sie hatte so verdammt recht mit ihrer Behauptung, mehr als sie ahnen konnte. Die gegenläufigen Bewegungen seiner Hände kamen zur gleichen Zeit. Seine linke Hand zog sie kraftvoll nach unten, auf die Knie. Mit der Rechten hatte er sein Schwert gezogen, holte aus, die Lippen zusammengepresst, daß Gesicht im Zorn erstarrt.

Sein Schwung stoppte erst, als die Klinge ihren Nacken berührte. Aus der dünnen roten Linie lösten sich die ersten Blutstropfen, färbten ihr Haar und seinen Stahl rot. Verdammt, er sollte durchziehen!

Sigrun hatte nicht wie so viele andere in Resignation den Kopf gesenkt. Das Gesicht ihm zugewandt, die weit offenen Augen nicht entsetzt, wie er es erwartet hatte, nicht überrascht...... sondern herausfordernd. Sie wollte es! Versprechen oder nicht, sie hoffte, ihn so weit zu bringen, daß er sie schnell tötete.

Und es wäre ihr fast gelungen.

Der Zorn in seinem Gesicht machte einen kalten Lächeln Platz. Er presste die Klinge noch etwas tiefer in ihre Haut, sah das schmerzliche Zucken um ihre Augen, tauchte seine Finger in das Blut und zog die rote Linie weiter um ihre Kehle. Färbte mit dem Blut ihre Lippen.

"Ich bestimme das 'Wann' und das 'Wie'. Auch das wirst Du lernen!"

 

Methos trat ein paar Schritte zurück, legte Schwert und Dolch ab, außer Reichweite. Sigrun stand auf, wischte sich mit dem Handrücken das Blut von den Lippen. Ihre Augen verfolgten genau seine Bewegungen.

Es war ein Fehler gewesen, ihn anzusehen. Hätte er ihre Absicht nicht in ihrem Gesicht lesen können, wäre sie jetzt vielleicht schon tot. Nun aber würde er ihr diesen Gefallen nicht so schnell tun. Nein, der Tod war nicht so schrecklich, wie die Menschen annahmen. Für manche gibt es Schlimmeres als den Tod . Sie wollte nicht mehr kämpfen, sehnte sich nach dem Frieden, der absoluten Stille, die sie schon gespürt hatte. Die Abwesenheit allen Leides. Und doch würde sie jetzt kämpfen müssen. Er sollte sie nicht kampflos nehmen können wie irgendeine Hure.

Drei schnelle Schritte, der schlanke Mann mit der verblüffenden Kraft stand wieder vor ihr. Beide Hände faßten den Ausschnitt der Tunika, ein kurzer Ruck und der dünne Stoff riß bis zum Saum. Sigrun griff das lose herunterhängende Stück der Kette, schlug damit nach ihm. Das schwere Metall verfehlte Methos Kopf, traf Hals und Schulter. Er drehte sich weg, riß schützend die Arme hoch. Der nächste Schlag traf tiefer, als ein schwerer Tritt ihr die Beine unter dem Körper wegriß. Sie stürzte ohne sich abfangen zu können und schlug hart auf die Steine.

Methos war wütend. Nicht rasend, nicht besinnungslos vor Wut, aber doch sehr wütend. Jede andere hätte inzwischen ihre Lektion gelernt und alles getan, um ihn zufriedenzustellen. Aber nicht sie! Nun, daß würde ihr bald schon sehr leid tun.

 

In den fast 4000 Jahren, die er in den verschiedensten Kulturen dieser Welt gelebt hatte, hatte er sehr vieles gelernt. Einen großen Teil dieser Zeit hatte er damit verbracht, zu leiden. Einen noch viel größeren Teil aber damit, Terror und Schmerz und Tod über die Menschen zu bringen. Es waren nicht dieselben, die ihn hatten leiden lassen. Aber es waren auch Menschen.

Er wußte sehr gut, wie empfindlich, wie leicht zu verletzen der menschliche Körper war. Auch der einer Unsterblichen. Die Schmerzen blieben dieselben. Was für den Körper zutraf, galt auch für die Seele. Jeder hat seine eigene Grenze des Erträglichen. Bei vielen war diese Grenze sehr schnell erreicht. Bei einigen dagegen um so weiter gesteckt.

Das Erreichen und Überschreiten ihrer Grenze sollte für einen Mann wie ihn nicht schwer sein. Keine allzu große Herausforderung.

 

Sigrun trat nach ihm, hakte einen Fuß hinter sein Fußgelenk, trat mit dem anderen Fuß kraftvoll gegen sein Knie. Diesmal riß es ihn von den Füßen, er fiel, drehte sich im Fallen, kam neben Sigrun zu liegen. Ein Arm lag unter seinem Nacken, die starke Eisenmanschette der anderen Hand schlug gegen seinen Hals und drückte zu. Die Kette war so kurz, daß sie sich nicht um seinen Hals schlingen ließ. Sie hatte damit gerechnet, daß er mit seinen Händen versuchen würde, ihren Griff aufzubiegen. Mit dem Glitzern in seinen Augen, dem Arm um ihre Taille, während seine andere Hand ihr Kinn so heftig nach oben riß, daß sich ihre Hände automatisch lockerten, hatte sie nicht gerechnet.

Mit dem gleichen Schwung fühlte sie sich herumgerollt, ein Knie nagelte ihren Arm am Boden fest.

"Du willst immer noch kämpfen? Gut......daß macht meinen Sieg nur umso reizvoller." zischte er heiser, seiner Stimme noch nicht ganz sicher.

Eine seiner Hände wehrte ihre Schläge ab, die andere Hand löste den Ledergürtel. Endlich gelang es ihm, ihren freien Arm einzufangen. Unter erheblichen Mühen konnte er beide Arme direkt unter den Eisenmanschetten mit dem Gürtel zusammen binden.

Sie kämpfte mit allem, was ihr noch blieb, Ellbogen, Knie, Zähne, bis er sie mit einem ungeduldigen Fluch auf den Bauch drehen konnte. Und dann kämpfte sie gegen die Panik, die in schwarzen Wellen über ihr zusammenschlug und alles Bewußtsein wegschwemmte.

Eine harte Hand packte ihren Nacken, wanderte höher, griff in die Haare und bog ihren Kopf zurück.

"Jetzt fühlst Du, wie es ist besiegt zu sein. Alle Deine barbarischen Götter können Dir nicht helfen. Aber ich kann es, wenn Du mich darum bittest."

Rauh, heftig der erste Satz. Dann leiser, einschmeichelnd, ins Ohr geflüstert.

Sie hatte sich die Lippen blutig gebissen, um nicht zu schreien.

"Keine Antwort? Wie oft mußt Du wohl sterben, bis Du mir gehorchst?"

Das heftige Klopfen an der Tür ließ ihn unwillig knurren.

"Methos, Du wirst in der Halle erwartet. Wir haben noch mehr Gäste bekommen."

"Du mußt nicht die Tür einschlagen. Ich komme gleich!"

Im Aufstehen löste er den Gürtel von Sigruns Armen und drehte sie wieder auf den Rücken.Fast nachdenklich studierte er ihr Gesicht, strich mit dem Daumen über die heilenden, noch immer blutigen Lippen. Diesmal konnte sie es nicht ertragen, seinen Augen zu begegnen und hielt die flackernden Lider geschlossen. Sein Blick glitt tiefer. Seiner Aufmerksamkeit entging nicht, daß ihr keuchender unregelmäßiger Atem sich kaum beruhigte, daß die verkrampften zitternden Muskeln sich nicht lockerten. Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht.

"Ja. Das nächste Mal wirst Du mich bitten. Glaube mir!"

 
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