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Sturz aus Asgard
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
 
 

Sturz aus Asgard

© by Roxanne (), Mai 1999

 

Disclaimer: Die Charaktere aus HL gehören Panzer/Davis. Diese Geschichte ist Fanfiction, es wird damit kein Geld verdient.
Diese Geschichte enthält die Schilderung von Gewalt und Sex. Sie wurde nicht für Minderjährige geschrieben oder für Leute, die in diesen Dingen empfindlich sind. Wer trotzdem weiterliest, ist selber schuld.
Archiv: Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion.

 
VIII. Kapitel
 

Es war ein langer schweigsamer Ritt. Sigrun und Jeoffrey kämpften beide mit ihren Gefühlen und dem Wissen, dass durch Worte nichts zu ändern war. Bei Einbruch der Dunkelheit suchten sie sich einen geschützen Platz für die Nacht, einen bewachsenen, stark überhängenden Felsen, nicht weit von einem kleinen Bach entfernt. Der Rabe ließ sie nicht aus den Augen , verhielt sich aber unauffälllig. Ob Jeoffrey gemerkt hatte, dass sie dem Vogel gefolgt war?

Schweigend versorgten sie die Pferde, schweigend aßen sie von ihren Vorräten und schweigend wickelten sie sich in ihre Mäntel.

Jeoffrey wollte sich wehren, er wollte aufwachen, denn er wusste, dass es ein Traum war. Aber es gelang ihm nicht, der Traum ließ ihn nicht los und erlaubte das Erwachen nicht. Der schwarze Vogel saß auf seiner Brust, die runden brennenden Augen hielten ihn fest und lösten langsam sein Bewußtsein auf, schmolzen seinen Willen wie Schnee in der Sonne.

Das Murmeln wurde lauter und brannte sich in sein Gedächtnis, die glühenden Zeichen waren ihm fremd, aber sie sagten ihm alles, was er wissen mußte.

Natürlich würde er alles tun, was ihm jetzt befohlen wurde. Er hatte ja keine Wahl und wusste es nicht mehr anders. Eine unbestimmte Trauer blieb zurück, aber der nagende Schmerz war endlich verschwunden.

. Sigrun kannte die Runen, aber ihr Zauber hatte sich ihr kaum erschlossen und nur mit äußerster Konzentration war sie fähig, die Runen wirken zu lassen.

In dieser Nacht gelang es ihr. Als Jeoffrey schlief, schrieb sie die Zeichen über ihn und murmelte die uralten Worte, nicht nur, um Jeoffrey in festen Schlaf zu versetzen, sondern auch, um ihn zu heilen von der unmöglichen, naiven Liebe zu ihr.

Der Rabe zeigte ihr den Weg. Über ihr bildeten die Zweige und Blätter ein filigranes Muster, das sich schwarz gegen den nachtblauen Himmel abhob, einzelne bleiche Flecken Mondlicht erhellten den Waldboden und liessen die Umgebung nur noch dunkler erscheinen.

Der Vogel flog voraus, wartete auf Sigrun, dann breitete er seine schwarzen Schwingen aus und flog ein Stück weiter.

" Bist Du Hugin, Vogel, oder Munin, der Gedanke oder das Gedächtnis? Wohin führst Du mich? Was kann Odin noch von mir wollen, nachdem er mich so verraten hat? Er hat keinen Anspruch mehr auf meine Treue."

Vom letzten Weiler aus, wo eine Köhlerfamilie sie aus grossen Augen ängstlich angestarrte, hatte sie den ältesten Jungen zu Jeoffrey geschickt. Er sollte den Mann, den er an der steingefassten Quelle schlafend finden würde, wecken und ihm eine Nachricht übergeben.

" Sag ihm nur, dass ich nichts bereue und er mir nicht folgen soll. Ich werde ihn nicht vergessen. "

" Ich glaube nicht, dass er es verstehen wird.." murmelte sie schwermütig vor sich hin.

Der ungeduldige Ruf des Raben forderte sie drängend und unmissverständlich zum Weiterreiten auf.

 

Am Ende des Weges wartete der Mann ihres Volkes unter den letzten Bäumen auf sie, griff nach den Zügeln ihres Pferdes und begrüsste sie: " Dein Vater hat mich geschickt. Komm!"

Ihr Vater? Hegni? Sigrun musterte den Wikinger verstohlen und er gefiel ihr nicht sehr. Hegni war ein harter Mann, ja, aber dieser hier......nicht die Art Freunde, mit denen ihr Vater sonst Umgang hatte. Sie fühlte eine seltsame Ausstrahlung, die von dem Fremden ausging, ähnlich der, die ihrem Feind und Lehrer zu eigen war, nur viel blasser, schwächer, weniger eindeutig.

Methos hatte ihr gesagt, dass jeder Unsterbliche - also auch ich - ging ihr voller Staunen durch den Kopf, diejenigen erkennt, die einmal zu ihnen gehören würden. Sollte er, dieser Krieger mit den kalten blassblauen Augen, einmal unsterblich werden? Dann mögen die Götter allen gnädig sein, die diesem Mann in Zukunft begegnen würden.

Mich eingeschlossen? fragte sie sich.

Sie traten auf die Lichtung hinaus, links von ihnen öffnete sich die Landschaft zum Meer hin, zur Rechten standen die Hütten der kleinen Mönchsgemeinschaft, die Kirche, das Steinkreuz auf dem Hügel.

Der Anblick traf sie wie ein Ohrfeige, unvorbereitet und schockierend. Sigrun kannte diese Ansiedlung. Sie wusste, wie das Innere der Kirche aussah, wann die Mönche sich hier niedergelassen hatten und sogar den Namen des Priors kannte sie.......

 

*****

 

" Ich habe das Meer hassen gelernt! "

In einer der wenigen Stunden, die nicht von gegenseitigem Lauern und Hass aufgeladen war wie die Luft vor einem Gewitter, hatte Methos ihr und Jeoffrey von seiner Reise mit den Mönchen erzählt. Es war ungefähr vierzig Jahre her.

Methos hatte dankbare Zuhörer. Die Mönche lauschten gebannt seinen Erzählungen von den uralten prächtigen Städten, von den Kriegen, den Heldentaten vergangener Zeiten. Vom Leben und Sterben der Könige und Kaiser und der einfachen Menschen. Städte und Könige, deren Namen sie nur aus der Bibel kannten und auch nicht hoffen durften, irgendwann kennenzulernen. Dabei dachte Methos mit heimlicher Belustigung an die Rollen, die er und andere seiner Art in diesen Geschichten gespielt hatten - und was daraus gemacht worden war.

Ja, der junge Gelehrte erzählte es oft ganz anders, als es in der Hl. Schrift als unverrückbare Wahrheit zu lesen stand.

Methos selbst fand es erstaunlich, sich so offen erzählen zu hören. Vor diesen Männern musste er nicht den Mund halten, hier konnte er vieles berichten, dass ihm manche Zeit auf der Seele gebrannt hatte und über das er doch hatte schweigen müssen. Auch wenn sie der Bibel mehr glaubten als ihm, aber er konnte es aussprechen und das war eine Erleichterung.

Mit einem der jüngsten Mönche hatte er sich angefreundet auf der langen Reise. Er hiess Winfried und war offen und arglos, einer, der von allen Menschen immer nur Gutes erwartete. Er war an der irischen Küste aufgewachsen, ein guter Schwimmer - der einzige unter den Brüdern übrigens - ausdauernd und stark. Winfried glaubte ihm mehr als die anderen und fragte ihn bei jeder Gelegenheit aus, so dass der damalige Prior ihm an manchen Tagen völliges Schweigen befahl.

Wieder einmal hatten sie schwere See, und dass so kurz vor ihrem Ziel. Methos sah das Ruder führerlos hin und herschlagen, den Steuermann hatten die Kräfte verlassen. Er kämpfte sich zum Ruder durch und hatte es fast erreicht, als eine plötzliche Bö das Segel losriss und gegen ihn schleuderte. Das nasse schwere Tuch traf ihn mit genügend Kraft, um ihn uber die niedrige Reling ins Meer zu werfen.

Methos konnte schwimmen, aber nicht so ....in ein riesiges Stück Stoff gehüllt, dass sich vollgesog und ihn mit eisiger Unerbittlichkeit unter Wasser hielt. Er hatte schon viele verschiedene Todesarten erfahren, man hatte ihn erstochen, mit Steinen erschlagen, vergiftet, aber nichts von alldem kam dieser Agonie gleich.

Viele Male, wenn kein anderer Unsterblicher in der Nähe gewesen war, hatte er sich dem Schmerz überlassen, den Widerstand aufgegeben und hatte sich dem Tod hingegeben wie einem Geliebten. Durch das Loslassen und Akzeptieren hatte er das Sterben als leichter empfunden, obwohl es nie wirklich leicht war.

Er hatte versucht, sich Schmerz und Tod zum Freund zu machen.

Aber nicht diesen Tod, nicht das Ertrinken!

Alle verzweifelten Befreiungsversuche und Schwimmbewegungen wurden von den nachgiebigen Tuch vereitelt, seine brennenden Augen suchten das Licht, sein Magen war ein verkrampfter Klumpen aus purer Angst, seine Lungen fühlten sich an, als ob sie platzen würden. Überall Wasser, zwischen Fingern und Zehen, um ihn herum, in ihm.

Der Sauerstoff in den Lungen war längst verbraucht, er konnte ihn nicht länger festhalten, er musste ausatmen und damit Platz machen für die salzige Kälte, die unaufhaltsam in Mund und Nase drang.

Die Wellen schleuderten ihn immer wieder in sein nasses Leichentuch, liessen ihm keine Chance. Seine Hände krampften sich in den Stoff und ein stummer Schrei wurde vom Wasser erstickt.

Es wird mich für immer festhalten, nie mehr loslassen!

Nicht, ich will nicht! Nein!!!

 

Winfried streifte die schwere Kutte ab, knotete mit fliegenden Fingern ein Tau um seine Brust, griff sich ein Messer und sprang. Mit der Gewandtheit eines Fischotters tauchte er in die meterhohen Wellen ein, tastete, suchte unter Wasser nach dem hellen Fleck des Segels. Viel zu spät fand er es und fühlte den schlaffen, nur vom Rythmus der Wellen bewegten Körper darunter. Von stummen Gebeten begleitet, schnitt er den Stoff auf, der ihm auszuweichen schien. Schnelle Bewegungen brachten ihn immer wieder an die Oberfläche, tief einatmen, wieder tauchen, weiterschneiden. Endlich, die Öffnung war gross genug, er konnte ihn packen, zog und zerrte bis er ihn befreit hatte. Nahm ihn mit ans Licht, in das andere Element, das Leben möglich macht. Die Brüder an Bord zogen die beiden hoch, den Toten und den Lebenden.

Erst in der relativen Sicherheit des Bootes warf Winfried einen Blick auf das wachsbleiche Gesicht seines Freundes. Er sieht aus wie eine ertrunkene Ratte, schoss ihm durch den Kopf, und ich weiss, er ist tot, aber ich muss es versuchen. Der Junge wusste, was zu tun war, aber er tat es ohne jede Hoffnung. Seine Tränen mischten sich unbemerkt mit dem Salzwasser, das noch immer über sein Gesicht lief.

Er legte seine Lippen fest auf die eiskalten bläulichen Lippen hielt ihm die Nase zu und versuchte, Luft in die mit Salzwasser gefüllten Lungen zu pressen. Viele Male. Der ältere Bruder hinter ihm nahm seinen Arm und wollte ihn von dem Toten wegziehen, "gib auf Winfried, er ist längst von uns gegangen." als ein schwerer Krampf den Mann auf den Planken durchlief, die Augen sich weit öffneten und die darin flackernde Panik nur ganz langsam verblasste.

Methos nahm die Gesichter über sich wahr, er spürte den Wind auf seiner nassen Haut, kalt, aber so viel wärmer als die See und so beruhigend. Er hustete, spuckte, schluchzte, alles gleichzeitig, während sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen.

Himmel, er war mit dem entsetzlichen Gefühl gestorben, dort unten festgehalten zu werden und immer wieder aufwachen zu müssen, nur um erneut diesen Todeskampf durchzumachen. Immer wieder zu erwachen, in Panik und bald, sehr bald im Wahnsinn.

Er schluchzte einfach vor Erleichterung. Ihr Götter, wie gut zu atmen...

Die Mönche glaubten an ein Wunder, denn das taten sie gern und oft. Winfried wusste es nicht, aber er hatte einen Freund für sein ganzes Leben gefunden. Sie blieben in Kontakt miteinander, auch als der älter gewordenen Winfried diese Gemeinschaft gründete. Der Mönch fragte nie, warum Methos denn scheinbar nicht älter wurde. Er hatte ein Wunder an diesem Mann geschehen sehen, warum also nicht noch ein weiteres?

 

*****

 

In der Hütte, die den Mönchen als Refektorium gedient hatte, saßen einige der Krieger Kanwulfs und aßen. Sigrun und Kanwulf liessen sich in der Runde nieder und beteiligten sich hungrig.

"Wie hast Du mich gefunden?" fragte sie zwischen zwei Löffeln Grütze.

"Dein Vater hat die Runen werfen lassen. Er konnte mir ziemlich genaue Hinweise auf Deinen Aufenthaltsort geben."

"Warum hat er Dich geschickt? Konnte er nicht selbst kommen?"

"Er hat einige Schwierigkeiten. Und ich war gerüstet für eine grosse Fahrt."

"Meine Begleiter hier sind jüngere Söhne ohne Land, die sich an fremden Küsten holen wollen, was sie brauchen."

Sigrun musterte die Männer am Tisch und begegnete manchem hungrigen Blick. Soso, jüngere Söhne, die ohne Erbe auskommen müssten? Das vertraute Äußere täuschte nur harmlose Beobachter, was sie gewiss nicht war. Nun ja, auf einen oder anderen mochte das zutreffen. Aber die meisten hier waren wohl Verbrecher, die vom Thing zur Verbannung verurteilt worden waren oder auf der Flucht vor Blutrache bei Kanwulf Unterschlupf gefunden hatten.

Die Verurteilung zum Exil war eine praktische Lösung, um die weniger nützlichen Mitglieder der Gesellschaft loszuwerden. Um diese Kerle unter Kontrolle zu halten, war ein harte Hand nötig, die dieser Fremde hier ohne Zweifel besaß. Sie schienen nichts auf der Welt zu fürchten - außer ihn, Kanwulf. Wenn sie hier bestehen wollte, würde sie ihm ihre Stärke von Anfang an zeigen müssen. Noch einmal das zu spielen, was sie solange für Wirklichkeit gehalten hatte, könnte jetzt sehr nützlich sein.

 

Nach dem Essen blieben Sigrun und Kanwulf allein zurück.

Sie stand auf und ging wie ein eingesperrtes Tier im Raum umher, hin und zurück.

"Du mußt mir helfen. Ich will einen bestimmten Mann haben, der meiner Rache nicht entgehen darf."

Kanwulfs berechnender Blick folgte ihr von einer Seite der Hütte zur anderen, immer wieder.

"Ich habe Dich gefunden, dafür hat mich Dein Vater bezahlt. Bei unserer Heimkehr kannst Du mit mir fahren, aber alles andere..."

Er machte eine lange Pause, stand auf und vertrat ihr den Weg.

"Wir machen ein Geschäft. Wenn Du ......mich bezahlst, helfe ich Dir bei Deiner Rache."

Er war gut einen halben Kopf grösser und sie musste zu ihm aufsehen. Seine Hände bewegten sich langsam und griffen nach ihrer Gürtelschnalle.

" Du kannst Dir denken, was ich will? Wir würden gut zusammen passen."

Er fühlte ihre Hände auf seinen, sie legten sich fast zärtlich um seine Rechte, ein fester, angenehmer Griff. Dachte er, bis ein plötzlicher Ruck ihm die Hand so ins Gelenk drehte, daß er meinte, fallen zu müssen. Völlig gekrümmt und aus dem Gleichgewicht gebracht stand er da und hörte fast schon die Knochen brechen, als sie ihn losließ und von sich stieß. Kanwulf taumelte fluchend einige Schritte zurück und umklammerte sein Handgelenk.

"Verdammt, Du hast mir die Hand gebrochen!"

Sigrun lächelte ihn an und die Arroganz in ihrer Miene war nicht zu übersehen.

"Diesmal nicht, aber beim nächsten Versuch ist es nicht nur die Hand! Wusstest Du nicht, dass Walküren nicht zu haben sind? Also - Du willst ein Geschäft? Gut, wir machen ein Geschäft, aber ein anderes. Graf Eudo hat genug Gold in seiner Burg, um Dich zufrieden zu stellen. Der Prior hier lebt noch, habe ich gehört? Er kennt den Mann, den ich haben will . Laß ihn einen Brief schreiben......"

 

*****

 

Sie betraten die kleine Holzkirche und blieben einen Moment stehen, um ihre Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Der Duft der längst erloschenen Kerzen mischte sich mit dem Geruch des staubigen Strohs auf dem Lehmboden und dem der Angst, der deutlich erkennbar in der Luft lag. Die Pforte hinter ihnen stand offen und gegen die einfallenden Sonnenstrahlen hoben sich die Umrisse der beiden Wikinger scharf ab. Staubteilchen tanzten im schrägen Licht wie winzige Diamantsplitter. Den Bruchteil einer Sekunde leuchtend und schön, dann im Dunkel verschwindend und zu Staub werdend. Wie wir, dachte Sigrun in einem Moment der Traurigkeit.

Von der gegenüberliegenden Wand aus beherrschte ein großes hölzernes Kreuz den Raum, dass sich jetzt zu bewegen schien und leises Stöhnen drang zu ihnen.

Kanwulf ging darauf zu und sah sehr zufrieden aus.

"Es muss doch ein bewegendes Gefühl für Dich sein, Prior, Deinem Gott so nahe zu sein."

Er betrachtete den alten Mann genau und eine Art Neugier klang aus seiner Stimme. Bemerkenswert, welche Kraft ein so schwacher Gott, dieser Gott der Liebe, seinen Dienern zu verleihen schien. Dieser alte Mann hatte dem Sterben seiner "Söhne", wie er sie nannte, zugesehen, ohne die Mörder zu verfluchen, und sie waren nicht leicht gestorben. Am glücklichsten waren die Mönche gewesen, die versucht hatten, Widerstand zu leisten, denn sie waren auf der Stelle getötet worden, durch einen schnellen Axthieb oder Schwertstoss. Die anderen aber, bis auf einen übrigens, waren den Göttern des Nordens geopfert worden, so wie Kanwulf es oft und mit Vergnügen tat.

Der Prior war an das Holzkreuz gebunden, die Arme an den Querbalken befestigt. Schmerz, Durst und Kummer hatten ihr Werk getan und ihn so geschwächt, dass er nicht mehr weit von der Dunkelheit entfernt war, die für ihn keine Schrecken enthielt. Sein zerschlagenes Gesicht war angeschwollen, so daß er kaum noch die Augen öffnen konnte und seine Kraft reichte nicht mehr aus, um ihn den Kopf heben zu lassen.

Der Krieger winkte Sigrun, näherzukommen.

"Schau, Tochter Odins, hier haben wir ein besonderes Opfer für IHN."

Sie verzog angewidert den Mund.

"Du weißt, wen ich will. Der hier interessiert mich nicht. Hilf mir und ich zeige Dir den Weg zur Burg des Grafen, der hier gebietet."

Kanwulf knurrte und er zeigte auf ein Kleiderbündel in der Ecke, das sich als ganz junger Mönch entpuppte, noch fast ein Kind, angekettet an den Stützbalken. Die weiten ängstlichen Augen standen voller Tränen und das nasse schmutzige Gesicht zeigte, dass es nicht seine ersten Tränen waren. Er krümmte sich ihm Liegen ganz zusammen, als ob er Tritte oder Schläge erwarten würde und hoffte, ihnen so entgehen zu können.

"Aber ja, hier haben wir den Garanten dafür, dass der Prior einen Brief schreiben wird. Er ist gescheit, er kann schreiben. Und er wird, nicht wahr, Du frommer Mann? Weil sonst nämlich deinem kleinem Freund hier ein paar sehr unangenehme Sachen passieren werden."

"Du bist Winfried, nicht wahr?" fragte Sigrun den Prior.

Und zu Kanwulf: "Lass die beiden losmachen, ihnen Essen und Wasser bringen und behandele sie gut."

"Du gibst mir doch nicht etwa Befehle, Frau?"

Sigruns eisiger Blick ließ ihn jedoch an der Klugheit seiner Worte zweifeln. Solchen Augen war er noch nie begegnet. Vielleicht .....stimmte es ja doch, was sie von sich behauptete?

"Was sonst? Du hast mich Odins Tochter genannt. Wo ich bin, befehle ich. Gewöhne Dich schnell daran!"

 

*****

 

Sie waren noch nicht lange fort. Wieviele Tage? Er zählte in Gedanken, ja sechs Tage waren inzwischen vergangen. Ihm kam es so lange vor. Er war der Einsamkeit so lange entwöhnt gewesen, dass er jetzt die Scherze und Kameradschaft Jeoffreys, sein unkompliziertes Wesen und die vertrauten Gespräche mit ihm schmerzlich vermisste. Und sogar diese Wikingerin vermisste er irgendwie, ihre bösartigen Spitzen im Gespräch, ihre Blicke im Rücken.......kein Selbstmitleid, alter Mann! Das kannst Du Dir nicht leisten. Gewöhne Dich wieder daran, das Alleinsein war solange Dein einziger Begleiter, Du kennst es, und genau so wird es eben jetzt wieder sein. Also akzeptiere es!

Es klopfte. "Eine Botschaft, Herr, von Prior Winfried."

Methos war mit einem Satz auf den Füssen und an der Tür.

"Gib her!"

Ungeduldig brach es das Siegel auf und entrollte das Pergament. Ein Brief von Winfried? Das kam sehr selten vor und ihm wurde plötzlich heiß.

Seltsam nichtssagend war der Text, Winfried bat ihn nur, sofort zu kommen - und allein.. Keine Begründung, nicht mal eine Andeutung. Was sollte das heißen?

Als er sich das runde, inzwischen von vielen Falten durchzogene, gutmütige Gesicht seines Freundes vorstellte, musste er lächeln. Na gut, auch wenn Du so geheimnisvoll tust, bei Dir geschieht nichts ohne Grund. Natürlich komme ich, wenn Du mich rufst.

"Sattle mein Pferd. Ich muß reiten!"

 

Ein ereignisloser Ritt durch Wald und menschenleeres Land lag hinter Methos, als er die letzte nächtliche Rast einlegte. Besser am Morgen ankommen, wenn das beginnende Licht eine gute Übersicht erlauben würde, als in der alles verwischenden Abenddämmerung.

Er brach früh auf und hatte es nicht mehr weit. Dann, als er weit vorne erkennen konnte, dass die Bäume sich lichteten, ließ er sein Pferd zurück und näherte sich vorsichtig dem Waldrand. Es war immer besser, die Umgebung zu erkunden, bevor man noch mit der Nase in ein Wespennest geraten konnte.

Er fühlte nichts, kein anderer Unsterblicher war in der Nähe.

Als er fast die Baumgrenze erreicht hatte, vernahm er ein Rascheln von oben, ein Surren und hob irritiert den Kopf. Welches Tier.......? Im Reflex riss er schützend die Arme über den Kopf und wollte sich mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen, aber das geschleuderte Netz war schneller. Es legte sich schwer und zäh um ihn, riss ihn nieder, zog sich um ihn zusammen und verhinderte jede Gegenwehr. Unmöglich, das Schwert zu ziehen und mit jeder Bewegung verstrickte er sich noch mehr in dem engmaschigen Gewebe, wie im Netz einer Spinne.

Die Männer kletterten und sprangen von den Bäumen, näherten sich recht vorsichtig und griffen dannTeile des Netzes, um es noch enger um ihn zu wickeln und ihn so mit sich zu zerren. Keiner antwortete auf seine Proteste, sie beachteten ihn nur soweit, als sie ihn unbeirrbar hinter sich her zogen, aus dem Wald auf das Grasland und in Richtung des Strandes. Jeder Knochen schmerzte und viele blutige Schürfwunden zogen sich über seinen Körper hin, am schlimmsten aber war die ohnmächtige Wut, die ihn gepackt hatte.

 

*****

 

Großartig! Er hatte sich fangen lassen wie man einen Fisch fängt, in einem Netz, ohne Kampf, ohne jede Chance!

Wenn er sich die Kerle ansah, die ihn auf der langen Seekiste festbanden, wusste er ziemlich genau, wem er das zu verdanken hatte. Die Seekiste befand sich sicher verankert auf Deck eines Drachenschiffes und diente sonst als Ruderbank. Jetzt lag er rücklings darauf, die Arme seitlich über den Kopf an die Reling gebunden, die Füße zu beiden Seiten der Kiste auf den Planken festgezurrt . Sie hatten alles für einen Gefangenen vorbereitet.

Die Männer sprachen nicht, weder mit ihm noch untereinander. Und dann gingen sie einfach und ließen ihn hier liegen. Gefesselt, hilflos, allein - mit seiner Wut.

Die Sonne stieg mit der Kraft des Mittsommers, hatte den Zenit längst überschritten und noch immer kam >sie< nicht. Seit Stunden lag er hier, unfähig, sich zu bewegen, alleingelassen mit dem Durst, der Sonnenglut, den schmerzenden Fesseln . In der Erwartung, Sigrun wiederzusehen, die ihre Rache geniessen würde - und in dem Bewußtsein, dass wer auch immer Lust dazu hatte, ihm ganz einfach den Kopf abschlagen könnte.

Dass sie nicht kam, niemand kam, zerrte an seinen Nerven.

Und doch fühlte er nach einer Weile, dass Augen auf ihm ruhten, durchdringende intensive Augen, die fast körperlich spürbar waren. Trotz der Hitze lief ihm ein Schauer über die Haut und er versuchte, seinen Beobachter ausfindig zu machen. Kein Mensch war zu sehen - nein, kein Mensch. Aber dieser schwarze Vogel saß hoch oben auf der Mastspitze und fixierte ihn durchdringend. Methos war nicht abergläubisch, er hatte schon lange den Glauben an Magie und übernatürliche Kräfte aufgegeben, aber der Blick dieses Vogels .........es schien, als ob er Verstand hätte. Er hatte den Kopf schiefgelegt und die starren gelben Augen musterten ihn belustigt, schadenfroh und irgendwie - erwartungsvoll. Gelbe Augen? Haben Raben gelbe Augen? Dann breitete das Tier die Schwingen aus, flog direkt auf ihn zu und landete schwer auf seiner Brust. Die Krallen gruben sich in seine Haut und Methos zuckte vor Schreck und Schmerz zusammen und schrie leise auf. Das durfte einfach nicht wahr sein! Dieses.....Tier greift mich an. Er hatte schon so oft in seinem Leben die Raben auf den Leichen der Erschlagenen sitzen sehen und wußte, was solche Schnäbel und Krallen ausrichten konnten. Aber niemals hatte er gesehen, dass Raben die Lebenden angreifen oder sich ihnen auch nur nähern.

"Aber Du bist doch schon tot, weißt Du das denn nicht?"

Die Worte formten sich in seinen Gedanken und doch waren es nicht seine Worte. Im selben Moment wußte er, dass der Rabe zu ihm gesprochen hatte und das Entsetzen kroch kalt in ihm hoch. Er starrte in die runden Augen und fühlte, wie er, sein Wille, sein Mut und seine Kraft, sich langsam darin auflöste. Erst ein neuer scharfer Schmerz ließ ihn wieder zu sich kommen, derVogel stieß sich von seinem Körper ab, schwang sich beinah plump in die Luft und flog mit einem Schrei davon, der wie ein höhnisches Lachen klang. Aufatmend ließ Methos den Kopf zur Seite rollen, schloß einen Moment die Augen und versuchte den Schock zu überwinden, den ihm die Attacke dieses Wesens versetzt hatte.

 

Methos stöhnte leise, als ihn der Buzz erreichte und er wusste nicht einmal, ob aus Angst, Erschöpfung oder Erleichterung darüber, dass sie jetzt endlich kam. Dann hörte er die Schritte auf der Laufplanke und - da war noch etwas. Ein blasses Fühlen. Sie betraten das Schiff, Sigrun, und ja, eindeutig ein Anführer und zwei Krieger, die ein rauchendes Kohlebecken zwischen sich trugen. Sie stellten es dicht an die Bordwand, nicht weit entfernt von ihm. Methos bemerkte es kaum, denn seine Aufmerksamkeit war auf den Mann neben Sigrun gerichtet..

Dieser Kerl mit dem grausamen Zug um den Mund, von dem das vage Strahlen ausging - ob er es weiß? Hast Du es ihm gesagt, Du Biest?

Das alles kam ihm so unwirklich vor. Er hatte schon kriegerische Frauen gekannt, sogar ein ganzes Volk davon. Der Trojanische Krieg kam ihm in den Sinn, wo er die Amazonen und ihre Königin, die wirklich erstaunliche Penthesilea, getroffen hatte. Aber keine Sterbliche und auch keine Frau seiner Art hatte er jemals als Bedrohung empfunden.

Während seiner Zeit bei den Reitern hatte er sie rücksichtslos benutzt - und dann weggeworfen. Bestenfalls waren sie angenehm, nützlich, unterhaltend für ihn gewesen. Was ihnen nätürlich nicht das Leben gerettet hatte.

Später dann, als er sich langsam veränderte, sein Geist mehr suchte als Gewalt und Tod, hatte er langsam gelernt zu lieben, zögernd, tastend, oft in Gedanken neben sich stehend und seinen eigenen Zustand zynisch kommentierend .

Aber keine Frau war ihm jemals als echte Bedrohung erschienen. Erst diese hier, ausgestattet mit der moralischen Bedenkenlosigkeit ihres Volkes, ohne Skrupel oder Schuldgefühle, wie sie die Christen so kultivierten, dafür mit einem eigenartigen Sendungsbewußtsein, dass sie immer noch nicht völlig eingebüßt hatte - sie vermittelte ihm jetzt dieses Gefühl.

Es war dieses Gefühl gewesen, dass ihn in den letzten Monaten brutal und bösartig hatte agieren lassen, dass seine archaischen Instinkte geweckt hatte. Mach ihr Angst, zeige ihr, dass Du besser bist, beherrsche sie - dann ist sie keine Gefahr mehr.

Du hättest sie gleich töten sollen, aber das wäre ja langweilig gewesen, nicht? Du wolltest erst noch ein bisschen spielen, Deinen Spaß haben. Du wolltest sie manipulieren und sehen, wo ihre Grenzen liegen, wie sie reagieren würde.

Jetzt weißt Du es!

Zufrieden?

Schon einmal hatte sie ihre Klinge an seinen Hals gelegt. Diesmal - war ihre Chance ungleich besser.

Sigrun und der Fremde standen neben ihm, sie betrachtete ihn von oben bis unten, ohne erkennbaren Ausdruck, aber sehr genau und forschend.

"So gefällst Du mir, Methos. Du solltest Dich so sehen. "

Die Augen des Wikingers neben Sigrun wanderten prüfend zwischen ihnen hin und her. Er spürte, dass da mehr zwischen diesen beiden war - und er versuchte es zu ergründen. Vielleicht könnte dieses Wissen ihm eines Tages nützlich sein?

"Ist das wirklich der, den Du haben wolltest? Ich hatte ihn mir anders, gefährlicher vorgestellt."

Sigrun lacht kurz auf.

"Oh, aber das ist er! Lass Dich nicht täuschen. Das mussten viele mit dem Leben bezahlen. Und jetzt lass uns allein."

Sie wartete, bis die drei das Schiff verlassen hatten.

Sigrun schwieg lange, stand mit verschränkten Armen da und sah ihn nur an. So lange mußte ich warten, aber jetzt gehörst Du mir. Du bist hilflos, wie ich es war. Sie werden lachen, wenn Du schreist und niemand wird Dir helfen.....

Sie hatte sich diesen Moment so oft ausgemalt, in ihren ruhelosen Nächten genauso wie in den immer wiederkehrenden Träumen, und doch war es jetzt anders. Weder der Triumph noch die Genugtuung, die sie erwartet hatte, wollten sich einstellen, sondern eher eine beängstigende Leere,eine Art von Betäubung, sogar Bedauern, die sich immer mehr ausbreitete. Viele Monate hatte sie auf diese Rache hin gelebt, darauf ihre Pläne ausgerichtet. Und wenn diese Rache vollzogen war? Was dann? Entweder war auch sie tot, getötet durch sein Quickening, oder .......nein! Das ist falsch! Nicht weiter denken! Tu etwas!

Sie beugte sich über ihn und strich fast zärtlich über sein Gesicht.

"Nun, mein Lehrer, manche Fehler macht man nur einmal. Wenn Du mir damals den Kopf genommen hättest........"

Er sollte die Ruhe bewahren und sie bei Laune halten, er sollte alles tun, um sie abzulenken und nichts, um ihre Wut zu entfachen.Und doch lief ihm das Mundwerk davon, ließ ihn die Sorge um seinen Freund alle Vernunft vergessen und er knurrte sie an: "Du hast recht. Das hätte ich tun sollen. Ganz langsam, dann hätte es sich für mich und Dich gelohnt. Und Jeoffrey wäre davor bewahrt worden, sich in eine Hure zu verlieben, die ihn von Anfang an belogen hat."

Der harte Schlag ins Gesicht traf ihn ohne jede Vorwarnung.

"Du bist gar nicht nett. Solche Worte in Deiner Lage.....wie kannst Du nur so unklug sein."

Sie legte den Kopf schief und hob die Augenbrauen, wie er es so oft tat , lächelte und zog ihren Dolch.

Methos versuchte, das Ding zu ignorieren, und stellte seine Frage hastig und drängend, denn viel Zeit blieb ihm nicht mehr.

"Was hast Du mit Jeoffrey gemacht? Wo ist er?"

Sigrun nahm die Angst und Verzweiflung in seiner Stimme wahr und es berührte sie eigenartig, dass diese Angst einem anderen galt und nicht ihm, der selbst in aussichtsloser Lage war.

Und dennoch sagte sie ihm nicht alles, versteckte die Wahrheit hinter einem kalten Lächeln.

"Ich habe viele Möglichkeiten, mich eines Menschen zu entledigen. Aber jetzt sollten wir uns auf Dich konzentrieren."

Als sich ihre bewaffnete Hand näherte, schob er die Angst um Jeoffrey beiseite, Wut und Schmerzen verblassten. Mit den Augen verfolgte er die langsame Bewegung der Klinge, die sich seinem Hals unaufhaltsam näherte. Aber nein, so schnell würde sie nicht zum Ende kommen. Er wußte, dass Frauen grausam sein konnten, >oh ja, diese Eigenschaft war ganz gewiss nicht den Männern alleine vorbehalten< , nur hatte er es noch nie am eigenen Leib erfahren. Verdammt, man lernt eben nie aus!

Die Klinge streifte seine Haut, senkte sich in den Halsauschnitt und zog eine Linie bis zum Gürtel, zerschnitt dann sein Hemd über den Schultern,. Sie war nicht sehr vorsichtig und das scharfe Metall hinterließ deutliche rote Linien in seiner Haut. Der Stoff fiel von ihm ab und legte seinen Oberkörper frei.. Sigruns andere Hand strich über die Innenseiten seiner Arme, dann über seinen Brustkorb, glitt an den Rippenbögen entlang und weiter zu seinem flachen Bauch. Es kostete ihn Überwindung, unter diesem Blick und dieser Berührung still zu liegen und nicht zu versuchen, sich ihr zu entziehen. In Gedanken murmelte er Flüche und Schimpfworte in fast vergessenen Sprachen vor sich hin, konzentrierte sich auf die seltsam geformte Wolke, die gerade an der Mastspitze vorbeizog, und hielt still, so gut er es vermochte. Er wollte ihr nicht die Freude machen, ihn zappeln zu sehen wie einen Fisch auf dem Trockenen.

Ihre Hand ruhte leicht auf seiner Magengrube, sie fühlte seinen Herzschlag, schnell und kräftig, während sie zögerte. Kanwulf und seine Horde würde bald wieder auftauchen und das Spiel mitbestimmen wollen. Nein, den Rest seiner Kleidung würde sie unbeschädigt lassen. Sie würde ihn foltern und endlich töten, aber dennoch ....brachte sie es sich nicht über sich, ihn diesem Abschaum so völlig würdelos zu präsentieren.

Auch so würde er genug leiden.

" Deine Haut fühlt sich gut an. Schade, dass ich sie nicht so lassen kann, wie sie ist. Kennst Du die Runen?"

Damit schnitt sie tief in seine Haut unterhalb des linken Schlüsselbeines, einen langen senkrechten Schnitt, schräg gekreuzt von einem kurzen waagrechten Schnitt.

Keuchend atmete er aus und stemmte sich in sinnlosem Aufbäumen gegen die Fesseln.

" Das ist naudiz, diese Rune steht für die Not oder die Unfreiheit. Du bist in Not, und Du bist nicht frei."

Sie hob ihre Stimme nicht, sondern sprach leise und beinah mitfühlend zu ihm. Sie beobachtete ihn sehr genau, registrierte mit einem leichten Lächeln um die Augen die Anzeichen des Schmerzes in seinem Gesicht, die verkrampften Kiefermuskeln, die Anspannung seines ganzen Körpers.

Während diese Wunde zu heilen begann und die Energie seiner Unsterblichkeit winzige leuchtende Spuren über die klaffenden Schnitte zog, senkte sich die Spitze des Dolches in seine andere Brustseite, zeichnete dort zwei tiefe senkrechte Striche, verbunden mit einem Schrägstrich.

"Diese hier steht für das Verderben. Und Du wirst hier verderben."

Die tiefen Schnitte brannten teuflisch und seine Brust hob und senkte sich immer angespannter und schneller. Die schweißnassen Haare klebten an seiner Haut und blinzelnd versuchte er einige Schweißtropfen daran zu hindern, ihm in die Augen zu laufen.

Diesmal kann ich mich nicht herausreden, es gibt nichts, womit ich sie ködern könnte, kein Geheimnis, das ich ihr verraten, kein Versprechen, mit dem ich sie locken könnte im Austausch gegen meine Freiheit. Nichts, was sie von mir will, außer........ das ich leide und sterbe. Und es sieht ganz so aus, als würde ich ihr den Gefallen tun müssen.

Zu Schmerz und Wut gesellte sich in zunehmendem Maße die Furcht, oder eher die Gewissheit, diesmal keinen Ausweg zu finden, sondern hier hilflos wie ein Tier geschlachtet zu werden.

Ihre sanfte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

"Du solltest versuchen, Dich zu entspannen. Dann ist es leichter. Wieviel hältst Du wohl aus? Welche Schmerzen kannst Du ertragen, ohne zu schreien und um Gnade zu betteln? Ich denke, wir werden es gemeinsam herausfinden ."

< nicht mehr viel, wenn Du so weitermachst, verdammtes Biest.>

Dann konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen, der wahnsinnige Schmerz ballte sich in seinem Gehirn und löschte alles andere aus. Es gab keine Beherrschung mehr, keine andere Wirklichkeit als das Feuer auf seiner Brust, die schwere glühende Kette, die Sigrun auf seinen Körper hatte fallen lassen.

Er hörte seine Schreie und konnte nichts dagegen tun - und es war ihm auch egal. Was zählte, war das glühende Eisen, das sich in seine Haut fraß und ihn zu einem leidenden Tier machte, ohne Stolz, ohne Bewußtsein, bestehend aus purem Schmerz.

Hätte sie ihm jetzt eine Frage gestellt, er hätte alles gesagt, alles verraten, alles gestanden.

Aber sie fragte nicht. Alles was sie wissen musste, glaubte sie zu wiseen.

Sie beobachtete nur.

Und endlich nahm sie die Kette mit der Schwertspitze auf und warf sie zurück in das Kohlebecken. Es dauerte eine ganze Weile, bis Methos wahrnahm, dass die Heilung einsetzte und der Schmerz langsam, in Wellen verebbte. Er wurde still und sein Blick klärte sich, als er Sigrun mit den Augen suchte und sie dort stehen sah, den Rücken ihm zugewandt, den Kopf gesenkt und scheinbar auf ihr Schwert gestützt.

Der Holz-und Salzgeruch des Schiffes wurde überlagert vom Geruch der verbrannten Haut, des verkohlten Fleisches und Sigrun fühlte sich auf einmal gar nicht mehr gut. Sie merkte, dass ihre Hände und Beine zitterten und feiner Schweiß ihren Körper überzog.

Was sollte das? Früher hatten sie weder dieser Geruch noch die Schreie besonders gestört, es war immer wieder vorgekommen, dass einige der Überfallenen 'überzeugt' werden mussten, etwas zu verraten oder in den Hütten und Kirchen verbrannt waren. Woher also diese Anwandlung von Schwäche? Er darf es nicht merken.

Tief atmend ließ sie ihr Gesicht von dem aufkommenden Wind trocknen, der den reinen Geruch des Meeres mit sich brachte und das bevorstehende Ende dieses Tages ankündigte. Die Sonne stand schon weit im Westen . Nur noch kurze Zeit, dann würde Kanwulf zurückkehren.

 

*****

 

Sie brachten den alten Mann und den Knaben, zerrten sie zum Mast und fesselten sie dort so, dass sie mit dem Gesicht zum Holz standen. Beiden wurden die braunen Kutten am Rücken aufgerissen, dann traten die Nordmänner zurück und beschränkten sich aufs Beobachten. Kanwulf fehlte noch, also würden sie sich noch etwas gedulden müssen.

Winfried redete leise auf den Jungen ein, versuchte ihn zu beruhigen und dann, als sein Schluchzen verstummt war, betete er flüsternd mit ihm.

NEIN! Bitte nicht, nicht das!

Methos stöhnte verzweifelt auf. Winfried, alter Freund, ich hatte gehofft, Du wärst schon tot, getötet beim Angriff, ohne Quälerei. Aber jetzt werden sie es Dir schwermachen. Und dem halben Kind neben Dir auch.

Es tut mir so leid.

Sein gehetzter Blick traf Sigruns Augen. Er las nicht die Befriedigung in ihnen, die er erwartet hatte.

"Du wolltest mich und Du hast mich. Lass die beiden frei, sie haben Dir nichts getan. Sie haben niemals etwas Böses getan!"

Leicht bedauernd zuckte sie die Schultern.

"Sie gehören Kanwulf. Es ist völlig unwichtig, was sie getan haben oder nicht. Sie werden den Göttern geopfert."

Er schluckte hart, Mund und Kehle waren völlig ausgetrocknet.

"Das ..... das kannst Du nicht zulassen! Du bist nicht..........so! Ich bitte nicht für mich, aber für sie bitte ich Dich!"

" Wie kommst Du nur dazu, ausgerechnet von mir einen Gefallen zu erbitten."

Sie wandte sich ab, stützte die Arme auf die Reling und starrte aufs Meer hinaus. Methos drehte den Kopf so weit es ging und versuchte ihre Gedanken zu erraten.

Dann drehte sie sich mit einem Ruck zu ihm, "Wie unpraktisch, Deine Gefühle. Es tut Dir weh, sie leiden zu sehen? Du bist solche Schmerzen nicht gewöhnt. Wenn Du ihnen helfen könntest, würdest Du es tun?"

Es schnürte ihm die Kehle zu, seinen alten Freund und den Jungen so zu sehen und er konnte nur nicken.

Ja, Du verdammtes Biest, Du kennst meine schwache Stelle. Meine Freunde! Kronos hatte recht, ich darf nicht lieben oder meine Freundschaft verschenken. Für sie alle bedeutet es heute wie in all den Jahrhunderten vorher nur eines: Leid und Tod meinetwegen.

"Dann höre meinen Vorschlag."

Sie beugte sich über ihn und sprach leise in sein Ohr: " Ich lasse Dich um ihr Leben kämpfen! 2 Leben - gegen zwei von seinen Männern. Solltest Du siegen, werden sie bis zu unserem Abzug gefangengehalten, gut behandelt und dann freigelassen. Verlierst Du.....darfst Du ihrem Opfertod zusehen und........"

Sigrun beobachtete zufrieden, wie sich seine Armmuskeln spannten und die Fäuste ballten, als wollte er sie dazwischen zerquetschen. Sei sicher Methos, es hält! Genau so habe ich an den Ketten gezerrt, ich weiß es noch zu gut.

"Was, und? Sprich weiter!"

" Und ich werfe Dich diesen Wölfen zum Fraß vor."

Sie deutet mit einer knappen Bewegung des Kopfes auf die Krieger, die abwartend im Vorschiff standen und ihnen interessiert zusahen.

Ihr Mund legte sich auf seinen, sie küßte ihn und als er den Kopf wegdrehte und sich ihr entziehen wollte, biss sie ihn heftig in die Unterlippe.

Er zuckte zur Seite und ihr Flüstern drang gerade noch bis zu ihm.

"Schau nur, diese hungrigen Blicke! Sie können mich nicht haben, denn sie fürchten mich. Für sie bin ich immer noch die Botin der Götter. Aber Dich - könnten sie haben. Und sie wissen durchaus , was sich mit gutgebauten Männern anfangen läßt, glaube mir. Lange Seereisen ohne Frauen können sehr lehrreich sein. Und dann erst schicke ich Dich nach Niflheim.."

Mit zwei Fingern nahm sie die wenigen Blutstropfen von seinen Lippen und leckte sie ab.

"Ich habe mich manchmal gefragt, wie Dein Blut schmeckt. Gar nicht so anders wie das der anderen, die ich habe verbluten lassen. Sie sind gestorben und genau das wirst Du auch tun."

"Wenn ich kämpfe und siege -- was geschieht dann mit mir?"

"Dann gehörst Du immer noch mir. Aber ich schütze Dich vor den Wölfen."

 

 
IX. Kapitel
 

Methos versuchte, die ängstlichen Blicke seiner Mitgefangenen zu ignorieren und konzentrierte sich auf die Schreie der Wikinger um ihn herum. Keineswegs Musik in seinen Ohren, sondern wild und drohend, voller Ungeduld, unterlegt von den metallisch dröhnenden Schlägen der Waffen auf den Schilden, und einem anderen Mann hätte die Furcht längst den Verstand getrübt, aber wenigstens durchdrangen diese Schreie seine Seele nicht so schmerzhaft wie die Blicke des halben Kindes neben Winfried. Jetzt war nicht die Zeit für Verzweiflung, für Sorge, Mutlosigkeit und Angst. Nicht mal die Zeit für Mitleid.

Methos stand aufrecht zwischen zwei Kriegern, die ihn bewegungslos hielten, nachdem die Fesseln gefallen waren und betrachtete mit schiefgelegtem Kopf und zynischen Augen die Frau vor ihm. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, um seine Kraft für den bevorstehenden Kampf zu sammeln, der bereits beschlossenen Sache war, obwohl der Mann mit der Axt nicht sehr zufrieden damit zu sein schien.

Sigrun konnte eindrucksvoll aussehen, wenn sie wollte, und in diesem Moment wollte sie es. Das helle Wams wurde von einem breiten Gürtel gehalten und ließ die schlanken Arme mit den breiten Ledermanschetten um die Handgelenke frei.

In der Hand hielt sie den Dolch, der vor kurzer Zeit die Runen in seine Brust geschnitten hatte und ihre Augen waren mit eisgrauer Kälte auf Kanwulf gerichtet. Auf ihrer Stirn und den Wangen hatte sie magische Zeichen angebracht, für Methos unverständlich, mit seinem Blut geschrieben.

In einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und alle anderen ringsumher verstummen ließ, sprach sie zu Kanwulf: "Du wirst Deine Opfer für Odin bekommen, vertrau mir! Wer von euch noch an mir zweifelt, dem werde ich beweisen, wer ich bin."

Mit einem langsamen tiefen Schnitt zog sie die Klinge von ihrer linken Schulter durch die Muskeln des Oberarmes bis zum Unterarm . Das Blut lief über ihre geballte Faust, tropfte auf die Planken des Drachenschiffes und hinterließ dort eine Lache. Sie lächelte immer noch und ließ nicht zu, dass Kanwulf ihrem Blick entkam. Und als die winzigen Energieentladungen über die Wunde zuckten, während sie sich schnell zu schließen begann, wich die wilde Horde zurück, scharfes Atmen und Flüstern setzte sich von einem zum andern fort. Nur Kanwulf regte sich nicht und starrte sie aus hellblauen Augen grimmig an. Dieses Weib entzog sich seiner Kontrolle, entschied und bestimmte, als sei sie die Herrin hier. Nun, das werden wir noch sehen.

Sie schob den Dolch zurück in den Gürtel, streifte mit der rechten Hand das Blut von ihrem Arm , um die geheilte Haut darunter um Vorschein zu bringen, und presste den Handballen auf die Brust ihres Feindes.

"Meine Macht stammt von den Göttern! Für die Dauer dieses Kampfes lasse ich Dich teilhaben daran, damit der Einäugige nicht zu früh um sein Opfer gebracht wird. So schnell wie meine Verletzungen heilen, so schnell werden auch die heilen, die Du während dieses Kampfes empfängst."

Seine Augenbrauen hoben sich und amüsierte Anerkennung sprach aus seinem Blick. Jeder der beiden konnte die Gedanken des anderen 'hören'.

>Gar nicht schlecht, ich habe mich schon gefragt, wie Du ihnen das erklären willst.<

>Pech für Dich Methos. Hast Du etwa gedacht, ich lasse Dir diesen Trumpf? Es wäre doch zu....... unangenehm, wenn sie Dich für den Gesandten aus Asgard halten würden<

Seine Augen richteten sich in die Ferne, für einige lange Atemzüge verloren die Menschen, die Geschehnisse um ihn herum alle Lebendigkeit, sie wurden zu Schatten und versanken im Studel der Zeit. Alles, was wichtig und lebendig war, lag weit zurück - Jahrtausende weit - und sein Wille legte jetzt diesen Weg zurück, um 'ihn' aufzuwecken. Es war nicht wie die anderen Male, als er dem dunklen Drängen nachgeben musste, als er von 'ihm' nach sinnlosem Ringen überwältigt worden war.

Diesmal - nicht.

Er fand ihn dort, in der Vergangenheit und er rief 'ihn' herbei mit den uralten Worten der Schwertbrüder, fühlte wieder, was ihn damals durchdrungen und berauscht hatte, als er nichts konnte als Töten - und gut darin war.

>Fühle es! Die Freiheit! Die Macht! Ihre Waffen, ihre Götter sind nutzlos gegen Dich!<

Der Dämon im tiefsten Dunkel seiner Seele streckte und schüttelte sich, erhob sein maskiertes Gesicht, dessen Anblick so wenige überlebt hatten, und er fühlte sich willkommen. Seine Kälte und Grausamkeit breitete sich in diesem - seinem - Körper aus, er erfüllte den scharfen Geist mit flüssigem Eis und ergriff triumphierend Besitz von ihm..

 

*****

 

Es war eindeutig derselbe Mann - warum nur wirkte er so anders, als er in dem sandigen Kreis stand und seine beiden Gegner musterte? Seine Augen waren schmaler als sonst, seine undurchdringliche Miene strahlte Ruhe und absolute Sicherheit aus - und Lust, dachte Sigrun, ja, Lust am Töten. Dieses Gefühl kannte sie selbst sehr gut.

Ein kalter Hauch schien von ihm auszugehen, umgab ihn kaum sichtbar mit einer blauschimmernden Aura. So hatte es sich damals angefühlt, als sie eines nebligen Morgens einen riesigen grauen Schatten neben der Reling ihres Drachenschiffes hatte auftauchen sehen, so nah, dass die ausgefahrenen Ruder ihn berühren konnten und er im lautlosen Vorbeigleiten seine Kälte in die Knochen und Herzen der Menschen gesandt hatte, als sei er ein Bote aus Niflheim. 

Nicht nur Sigrun spürte die Veränderung, aber sie am deutlichsten, war sie diesem 'Anderen' doch schon begegnet und erkannte ihn jetzt wieder. Sie sah in die Runde und viele der Krieger wirkten stiller als sonst und zogen fröstelnd die Schultern zusammen.

Der Platz wurde auf einer Seite vom Wald begrenzt, bot nach Westen einen Ausblick aufs Meer, wo auch das auf den Strand gezogene Schiff der Nordmänner wartete, nach Osten zu standen die Hütten der Mönchsgemeinschaft. Winfried und der Novize waren mit ausgestreckten Armen zwischen je zwei Bäumen gefesselt, die Wikinger standen rund um den Kampfplatz, dicht gedrängt und wachsam, um jeden Gedanken an Flucht, der dem Fremden etwa kommen mochte, von Anfang an auszumerzen.

Kanwulf und Sigrun standen neben den Mönchen, dicht zusammen , einander belauernd, aufmerksam.

 

 

Provinz Syria, Damaskus, im Jahre 51 a.D.

 

Die Menge auf den Rängen tobte. Sie wollte Blut sehen. Am liebsten seines. Das Blut des Fremden, der spielerisch leicht und in kürzester Zeit das Wohlwollen des Prokurators und reiche Güter errungen hatte. Mehr war nicht nötig, um Hass und Neid wachsen zu lassen.

Er war nicht wachsam genug gewesen und nicht schnell genug, ein Fehler, der ihm noch nie unterlaufen war. Die römische Lebensart der gehobenen Schicht, besonders hier in diesem Teil des Imperiums, machte bequem, schläfrig und leichtsinnig. Dass sie auch Intriganten und Denunzianten förderlich war, wusste man sehr gut in dieser Stadt, die schon soviele Herren hatte kommen und gehen sehen. Man hatte den Prokurator 'überzeugt', dass sein geschätzter Ratgeber und Stratege kein Freund Roms sei, hatte ihm zu verstehen gegeben, dass, wenn diese Tatsache dem göttlichen Kaiser zu Ohren kommen sollte............. Eine entsetzliche Anklage, auf die es nur ein Urteil geben konnte.

Tod in der Arena.

Der sich in diesen Tagen Arkadios nannte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah hinauf zur Loge, in der sein ehemaliger Gönner mit den Damen und seinem Stab Platz genommen hatte. Wer ist wohl schlimmer dran, ich hier unten oder der Kerl ohne Rückgrad dort oben, der nie in seinem Leben dieser erbärmlichen Angst entkommen würde? Ein kaltes Lächeln huschte über das hagere Gesicht. Er war entschlossen zu überleben!

 

*****

 

Sand unter seinen nackten Füssen, zwischen seinen Zehen - und zwei Gegner, so wie damals im Circus. Er würde dieselbe Taktik anwenden - und überleben..

Seine beiden Gegner schritten auf und ab, scherzten mit den Umstehenden und riefen ihm die seltsamsten Beleidigungen zu.

>Nun, wenigstens darin sind sie phantasievoll.< amüsierte er sich.

Das ihm zugedachte Schwert steckte drei Schritte vor ihm im Sand. Wenn er versuchen würde, vor dem Zeichen Kanwulfs danach zu greifen, wäre der Pfeil gewiss schneller, den einer der Krieger schon auf die Sehne gelegt hatte. Nein, nach einem Dolch als zweite Waffe hatte er nicht gefragt. Einer der beiden Kämpfer war eine auffallende Gestalt, die rotbraunen Haare standen ihm um den Kopf wie die Mähne eines Löwen, er war schmutzig, aber die ausgeprägten Muskeln ließen sich auch unter der Dreckschicht nicht verbergen.Die tiefliegenden Augen funkelten verschlagen und suchten nach den schwachen Stellen des Fremden, schätzten ihn ab, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Thorwalds Waffe war die Axt, wie auch Halfdan, der zweite Kämpfer, sie trug, eine Waffe, die sich auch sehr gut werfen liess.

Der andere trug zusätzlich zur Axt ein Schwert - nun, trotzdem würde man ihn vernachlässigen können. Ein Barbar, wie ihn sich die Leute vorstellen, die in den Nächten am Feuer sitzen und von den grausamen Überfällen erzählen. Blonde Teufel, bärenstark, groß wie ein Baum. Aber nicht besonders gescheit - zuerst der Bär, dann der Kerl mit der Dreckschicht. Und dann?

Sein Blick glitt unter den gesenkten Wimpern scheinbar gleichgültig über Sigrun hinweg und sie zuckte zusammen. Der Wind vom Meer fing sich in den Bäumen und flüsterte vom Tod und ER lachte - sie hörte sein spöttisches Lachen, aber nur sie allein. Ich hasse Dich, Du Bastard - verdammt, warum bist Du mir trotzdem so nah, dass Deine Gedanken meinen Geist erreichen? Warum hoffe ich auf Deinen Sieg?

>Die beiden haben keine Chance. Sie hätten eine gehabt gegen Methos, den Unsterblichen. Aber jetzt stehen sie dem Tod gegenüber - und sie wissen es nicht.<

Kanwulf wartete, dehnte die Spannung aus, während alle Blicke auf ihn gerichtet waren - und dann, begleitet von einem rauhen Schrei, stieß sein Arm herab und bohrte den Speer vor sich in den weichen Boden.

Im selben Sekundenbruchteil sprang Methos flach nach vorne, rollte über eine Schulter ab und stand wieder aufrecht, das Schwert in der Hand. Die Axt des 'Bären' war über ihn hinweg geflogen, ein Mann in der Runde hatte gerade noch ausweichen können, und so grub sich die Waffe in den nächsten Baumstamm statt in dessen Brust.

"He Halfdan, nicht mich sollst Du treffen, der Kerl steht weiter vorne." gröhlte er und riss die Axt aus dem Holz.

Das war das Letzte, was Halfdan, der Bär, in seinem Leben hörte. Aus dem Schwung der Rolle heraus hatte Methos nicht nur das Schwert gegriffen, sondern mit einem harten Tritt den Mann mit der Löwenmähne zur Seite gefegt, sein Schwert beschrieb einen flirrenden Halbkreis - jede Abwehr kam zu spät - und zuckte mit unerbittlicher Präzision von schräg oben nach unten - dran am Halsansatz des Wikingers ein, spaltete Schulter und Brust und warf ihn in einem Schwall von Blut zu Boden.

Der Wutschrei der Nordmänner ringsum stieg grollend in den Himmel auf, die von der untergehenden Sonne blutrot gefärbten Wolkenfetzen erhielten auf einmal eine andere, unheilvolle Bedeutung.

"Jetzt kann der Kampf beginnen. Ist doch nur gerecht, hhhmmm?"

Methos stand ruhig da, sein Atem ging kaum schneller, er hielt das Schwert gesenkt und seine brennenden Augen genossen die kurze Fassungslosigkeit seines verbliebenen Gegners. Thorwald war ein erprobter Kämpfer, der Anblick eines toten Kameraden neben ihm war nichts Neues. Nur die Schnelligkeit dieses Todes hatte ihn erstarren lassen und jetzt betrachtete er den unscheinbaren drahtigen Mann mit anderen Augen. Er würde sehr auf der Hut sein.

Sie umkreisten sich langsam, lauerten auf die erste Blöße, den ersten falschen Schritt.

Diese Augen! Irritiert zwinkerte Thorwald und rief sich zur Ordnung. Der Fremde hielt seinen Blick gefangen, und je länger er ihm in die Augen sah, um so mehr fröstelte er und um so schneller ging sein Atem. Eine Ahnung dessen, was diese Augen gesehen hatten, schlich sich als warnendes Raunen in sein Bewußtsein, aber er schob es zur Seite und gewann seine Zuversicht zurück.

Sein erster Angriff kam überraschend und zwang Methos zu einem Satz rückwärts. Die Axt verfehlte seinen Leib und der Schwung zog Thorwald ein Stück mit. Anstatt aus dem Gleichgewicht zu geraten, nutzte er den Schwung zu einer schnellen Drehung und die Axt sauste wieder auf Methos nieder, glitt an der hochgerissenen Klinge ab und riß eine klaffende Wunde in seinen Oberschenkel. Der Wikinger zeigte in einem halben Grinsen seine Zähne und setzte nach, erwartete, dass sich der Fremde vor Schmerz krümmen würde und nicht sofort reagieren könnte. Umso mehr überraschte es ihn, dass dieser scheinbar unbeeindruckt abwehrte, als sei er völlig unempfindlich gegen den Schmerz. Das Blut aus der Wunde lief in einem breiten Strom an seinem Bein hinab - und innerhalb weniger Augenblicke war die Wunde verheilt.

Kanwulf sah unter zusammengezogenen Brauen zu Sigrun. Wie sie es angekündigt hatte. Aber auch das schützt Dich nicht vor mir!

Immer wieder klirrten die Klingen gegeneinander, Axt gegen Schwert. Thorwald musste Schritt um Schritt zurückweichen, auf die Reihen seiner Gefährten zu. Methos ließ ihm keinen Raum, blieb dicht an ihm und deckte ihn mit harten schnellen Schlägen ein. Bis er plötzlich fühlte, wie sein linker Fuß keinen Halt mehr fand, der Boden hier war naß und glitschig vom Blut des 'Bären' , er glitt aus, stürzte und musste sich mit der freien Hand am Boden abstützen. Die Finger krallten sich in den Sand, er schätzte die Bewegungen Thorwalds ab, der die Chance nutzen wollte......da war er heran, wieder hob sich die schwere Axt und der Kampfschrei des Wikingers verwandelte sich in einen Schrei der Wut, als ihm eine Ladung Sand ins Gesicht, in die Augen flog und ihn blendete. Die scharfen Körner stachen in den Augen, >zurück, ich muß zurück< er wollte sich aus der Reichweite dieses Fremden entfernen, musste wieder klar sehen, bevor......Thorwald von einem brennenden Schmerz von den Beinen gerissen wurde und schwer auf den Rücken fiel. Im selben Moment spürte er einen Fuß auf seinem Handgelenk, der es schmerzhaft in den Boden stampfte, ihn dazu zwang, die Hand zu öffnen und den Stiel der Axt loszulassen. In den braunen Augen seines Gegners tanzten grüne Irrlichter, sie ruhten gelassen auf ihm, als hätte Methos genau diesen Ausgang vorausgesehen. Die Spitze des Schwertes bohrte sich in die Halsgrube des Wikingers, gerade so tief, dass er eine Ahnung des Schmerzes bekam, der sich einstellen würde, wenn................Thorwald keuchte und seine Kehle krampfte sich zusammen, der Schluckreflex peinigte ihn, denn er konnte nicht schlucken, nicht mit dieser Eisenspitze in seinem Hals.

"Du hast verloren, Löwenmähne. Was soll ich jetzt nur mit Dir machen?" klang die sanfte Stimme des Fremden, so leise, dass nur er allein es hören konnte.

 

Sigruns klare Stimme erhob sich und brach das eisige Schweigen.

"Der Sieger steht fest. Hattest Du keine besseren Krieger, Kanwulf?"

"Ihr habt den Kampf gesehen, es ist entschieden. Nun, Odin wird sich mit all den Christen zufrieden geben, die ihr hier schon getötet habt. Oder die ihr bald noch töten werdet. Diese hier gehören mir."

Methos hörte die Bewegung, das Raunen in der Menge und sah auf, ohne den Mann am Boden aus seiner Gewalt zu entlassen.

"Halte Dein Wort! Lass die beiden Mönche gehen!" rief er Sigrun zu.

"Sobald sie im Wald verschwunden sind, ist dieser Krieger frei."

Sigrun trat mit gezogenem Dolch auf die beiden Gefangenen zu, die ihre Bewegungen mit großen Augen verfolgten. Und da war der plötzliche Schrecken in ihren Augen, die sich auf etwas hinter ihr, über ihr richteten. Sie drehte den Kopf, ein sanfter Luftzug, weiche schwarze Schwingen streiften ihre Wange und der Schnabel des Raben hackte in ihre Stirn, zielte auf ihre Augen, während die eisenharten Krallen sich in ihren Unterarm gruben. Ihr Fluch ging in einen Schrei über und Panik drohte sie zu überwältigen, Blut lief über ihr Gesicht und blendete sie, der freie Arm versuchte die Augen zu schützen, aber dennoch konnte sie erkennen, dass Methos von einem halben Dutzend der Barbaren niedergerungen wurde.

Der Angriff des Vogels war das Zeichen gewesen, auf das Kanwulf gewartet hatte und es hatte gleichzeitig den Fremden so abgelenkt, dass sie ihn greifen konnten, ohne dass Thorwald mit dem Leben bezahlen musste.

Kanwulfs Stimme übertönte den Lärm.

"Seht ihr, sie ist nichts Besonderes. Odins Rabe greift sie an, weil sie ihm seine Opfer nehmen will. Jetzt werde ich es vollenden!"

Er zerrte den Speer aus dem Boden, schleuderte ihn aus kurzer Entfernung auf die Frau, die immer noch die Angriffe des wütenden Vogels abzuwehren versuchte. Die Spitze drang mit einem hässlichen Geräusch zwischen den Schulterblättern ein und unter dem Brustbein wieder aus. Die Gewalt der eindringenden Waffe warf sie vorwärts gegen den alten Prior, der entsetzt keuchend zurückzuckte, ihre Hände krallten sich haltsuchend an die zerfetzte Kutte und langsam wich alle Kraft aus ihr, sie fiel auf die Knie und zur Seite.

Aber der Tod wollte sie noch nicht, sie lag einfach da, hilflos, dem Feuer in ihrer Brust ausgeliefert und musste zusehen.

"Hast Du gedacht, Du kannst mich ungestraft herausfordern?" fragte die verschwommene Gestalt, die riesengroß über ihr stand.

Die gequälten Schreie der Mönche erreichten sie wie aus weiter Ferne, während etwas Warmes auf ihre Arme und ihren Körper tropfte, ein Schwall von Blut drang aus ihrem Mund. Ein Tritt krachte in ihre Rippen.

>Nein, ihr dürft sie nicht töten - ich habe es versprochen - <

Immer noch keine Stille, es dauert so lange...............

>Unglücksvogel!! Er hat den Bann gebrochen - ein Sekundenbruchteil - und alles war vorbei und entschieden. Löwenmähne wird fröhlich weiterleben und ich werde auf irgendeine unangenehme Art wieder mal ins Jenseits befördert.<

Methos lag unter einen kaum zu entwirrenden Knäuel aus Armen, Beinen, Leibern, sie schlugen zu, wo immer sich ein Gelegenheit bot, hielten ihn fest und drückten ihm die Luft aus den Lungen. Einer aus der Menge erwischte seine Hände, zurrte einen Strick darum fest und im gleichen Maß, in dem die Last auf ihm leichter wurde, wurden die Fesseln mehr und fester. Er fühlte sich hochgerissen und zum Waldrand gezerrt, ein Strick legte sich um seinen Hals , fünf, sechs schmutzige, rauhe Hände griffen das Ende des Seiles und zogen ihn mit einem Ruck an dem größten Ast einer riesigen Eiche hoch.

Diesmal war es ein schneller Tod. Der harte Ruck verschob den Knoten, sodass ihm die Schlinge sofort das Genick brach. Keine Zeit mehr , nach den Freunden zu sehen - oder nach ihr - keine Zeit mehr für Schmerz, für Angst.

 

Kanwulf stand im dunstig- blauen Licht der Dämmerung vor seinen Opfern und betrachtete sie, genauso zufrieden wie das Wesen auf seiner Schulter. Die Federn, obwohl schwarz, schienen zu leuchten und die klugen bösartigen Augen glommen in verhaltenem Feuer. Krallen und Schnabel waren noch gerötet vom Blut der Kriegerin, die sich erdreistet hatte, Kanwulf befehlen zu wollen.

Seine Männer waren fast fertig. Das Drachenschiff war von seiner Tarnung befreit worden und lag jetzt schon wartend im Wasser, die Beute war längst an Bord. Ein Teil der Krieger war mit der Takelage und den Rudern beschäftigt, einige wenige rannten mit den Fackeln der Vernichtung von einer Hütte zur anderen. Die einfache Kirche, einst Stolz und Freude der Mönche, stand bereits in Flammen und das Prasseln und Knacken erfreute sein Ohr. Nur noch wenige Augenblicke, dann würden sie verschwunden sein wie die Dämonen der Nacht und nur den Gestank des Terrors hinterlassen, dieses grausige Gemisch aus kaltem Rauch, Angst, verhallten Schreien und totem Fleisch.

"Beinah schade, dass Du diese Wunde nicht überlebt hast." murmelte er Sigrun zu, drehte sie auf den Bauch, stemmte den Fuß auf ihren Rücken und zog mit einem heftigen Ruck den Speer aus ihrem Leib. Dann wandte er sich seinem Schaumwolf zu.

 

*****

 

Die Wikingerin fror. Nasse klebrige Kälte bedeckte ihren Körper, es war dunkel und der Nachhall des Schreckens und ihres Versagens ließ sie zusammenzucken. Gnadenloser Schmerz in Brust und Rücken zwang sie dazu, regungslos liegen zu bleiben und sich auf ihren Atem zu konzentrieren. Nach endlosen Augenblicken schaffte sie es, sich auf die Ellbogen aufzurichten , dann auf die Knie. Das mondlose Dunkel wurde nur von den brennenden Hütten stellenweise verdrängt, aber sie sah genug, um sich zu erinnern.

>Sie sind weg. Was haben sie mit ihm gemacht?<

Taumelnd erhob sie sich, suchte festen Stand - und dann sah sie ihn. Krachend und funkensprühend stürzte die Kirche in sich zusammen, die Flammen loderten zum letzten Mal hoch auf und beleuchteten die schlanke Gestalt, die zwischen Himmel und Erde zu schweben schien.

Als ihr auffiel, was sie getan hatte, war es schon geschehen. Methos fiel schwer auf die Erde, sie zerrte und zog an dem Strick um seinen Hals, der sich viel zu langsam lockerte, und streifte ihn ab. Und sie wartete, während sie neben ihm saß.

>Er ist mein schlimmster Feind. Kanwulf hat mir meine Waffen gelassen. Ich sollte seinen Kopf nehmen, jetzt, bevor er aufwacht. <

Nein, er soll es wissen, er soll es spüren.

Als Methos ruckartig erwachte und sich aufsetzte, wurde er schon von ihrer Klinge erwartet. Sigrun umklammerte das Heft so fest, dass ihre schweißfeuchten Hände zu zittern begannen. Eigentlich sollte er jetzt zittern und nicht sie. Die Sekunden dehnten sich unerträglich.

>Verdammt, rede, Kerl, fang an zu betteln, ich ertrage Dein Schweigen nicht<

Sie biß sich auf die Lippen und versuchte Entschlußkraft und beißenden Hass in ihre Stimme zu legen.

"Fast 4000 Jahre, Methos. Wie fühlst Du Dich jetzt, am Ende eines so langen Weges?"

Nichts entging ihm. Ihre Finger, die sich am Heft der Waffe bewegten, als ob sie festeren Halt suchen würden, die Spannung in ihrer Haltung, die gepresste Stimme.......das alles sprach nciht von gelassener Überlegenheit, zeigte nicht den Willen zum Töten, sondern eher ..........

>Ich glaube nicht, dass Du es tun kannst. Und bald werde ich es genau wissen.<

Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen und gaben ihnen eine solche Tiefe, dass Sigrun sich hinabgezogen fühlte - bis auf den Grund der Zeit. Erst seine Worte gaben sie wieder frei.

"Nicht ganz so schlecht wie Du, scheint mir, am Ende eines sehr kurzen Weges. Was willst Du? Soll ich mich entschuldigen? Soll ich um mein Leben betteln?"

>Was ich will? Ich weiß es nicht mehr! Sag Du es mir!< rief ein verzweifelte Stimme in ihrem Inneren und die Klinge an seinem Hals begann leise zu vibrieren.

"Ja, es tut mir leid. Aber betteln werde ich nicht! Ich nehme an, es ist sinnlos, Dich daran zu erinnern, dass Du mein Quickening nicht überleben wirst? Was für ein romantischer Gedanke: wir werden zusammen sterben, nur Du und ich. Ich hoffe, Du nimmst mich mit nach Walhall? Das wollte ich schon immer mal sehen."

Natürlich würde er nicht um sein Leben betteln. Er mochte sehr vieles sein - aber gewiss kein Feigling! Sogar jetzt konnte er seine Ironie nicht zurückhalten. Das machte es ihr leichter. Sie holte aus und atmete tief ein.

"Nur ein Wort noch, Sigrun."

"WAS?" schrie sie ihn an.

"Ich warte 'drüben' auf Dich."

Der ruhige, beinah liebevolle Ernst seiner Worte durchbrach den letzten Rest ihrer Beherrschung, ein frustrierter Schrei brach sich Bahn und sie schleuderte ihr Schwert weit über ihn hinweg . >Ihr Götter, ich will nicht mit ihm sterben. ich will mit ihm leben!<

Ihre Knie krachten auf den Boden und ihre Hände gruben sich tief in den Sand.

>Warum bei Loki kann ich es nicht tun? Er hat es doch verdient!<

Eine andere leisere Stimme lachte spöttisch gegen ihre Verzweiflung an..

>Stell Dich nicht dumm, das weißt Du genau. Weil er der einzige Mann auf der Welt ist, der stärker ist als Du, der Einzige, dessen Blick in Deine Seele dringt. Der einzige, dessen Willen Du Dich unterwerfen musstest. Eine ganz neue Erfahrung für Dich, nicht mehr zu befehlen, sondern Befehlen zu gehorchen. Keine Verantwortung tragen, sondern die Verantwortung abzugeben. Nicht mehr denken, sondern nur noch fühlen. Nie wieder wird einer stärker sein als Du - und deshalb wäre es unerträglich für Dich, ihn zu verlieren. Deine Rache wäre Dein eigener Untergang, selbst wenn Du das Quickening überleben solltest. Also sei wenigstens ehrlich zu Dir selbst, ja?<

Sigrun schluckte bitter, als sie der Wahrheit ins Gesicht sah und rutschte ein Stück von Methos weg.

"Bleib ......bitte bleib." flüsterte seine rauhe Stimme und sie sah seine Augen auf sich gerichtet.

Ein misslungenes, unglückliches Lachen, das mehr wie ein gequältes Schluchzen klang, dann streckte sie zögernd die Hand aus und legte sie auf seine Brust.

"Hier habe ich Dir mein Siegel aufgedrückt.. Aber Du - Du hast mich schon viel früher gezeichnet. Ich habe es versucht, wirklich. Aber es geht nicht. Ich kann es nicht."

"Was geht nicht? Ich will, dass Du es sagst!"

Sie konnte das Lächeln in seiner Stimme hören und sprach heiser in die Dunkelheit.

"Ich kann Dich nicht töten. Nicht mehr. Ich........ich fürchte, ich....."

Seine Hand legte sich auf ihren Mund und verschloß ihn energisch.

"Ich weiß! Und jetzt weißt Du es auch! Das muß genügen! Denn Du darfst es niemals aussprechen. Es würde Dich und mich schwächen und schon bald würdest Du es bereuen. Wir sind uns ähnlich, weißt Du, und Gefühle sind gefährlich für Menschen wie uns... Komm her."

Er zog sie an sich, sie lagen eng nebeneinander, lauschten auf den Atem, den Herzschlag des anderen, in vollem Wissen um die Kostbarkeit dieses Augenblickes, der nur eine kurze Atempause in dem ewigen Kampf war, dem sie sich bald wieder stellen mussten.

"Deine Freunde......der alte Mönch und der Junge....ich habe sie nicht retten können."

"Sie sterben.........wir verlieren sie....jeden Einzelnen ....auf die eine oder andere Art. Sie haben alle nur ein Leben. Es war nicht Deine Schuld."

Sie schwiegen lange und ein jeder verabschiedete sich auf seine Art von all den Toten.

Hier gab es keine Platz mehr für ihre Rache, die Gesetze ihres Volkes konnten für sie nicht mehr gelten. So wie ihre Gefährten gestorben waren, so war auch ihre Bindung an ihr Volk, an ihre Götter, gestorben. TOT! Jetzt hatten andere Gesetze für sie zu gelten, die Gesetze der Unsterblichen.

 

*****

 

"Sagst Du mir jetzt, was Du mit Joeffrey gemacht hast?"

Gegen ihren Willen musste sie lächeln.

"Ich habe ihn eingeschläfert. Er wird mich inzwischen vergessen haben - oder noch hinter mir her fluchen, aber er ist am Leben und wird zuhause auf Dich warten."

"Zuhause? Das gibt es nicht für uns. Kein Unsterblicher ist jemals irgendwo - oder bei irgendwem - zuhause."

"Doch, manchmal schon - und sei es auch nur solange, wie die Begegnung zweier Schiffe auf See währt."

 

*****

 

Ihre Hände strichen über seine Arme, seine Brust.

"Deine Haut fühlt sich gut an. Diesmal kann ich sie lassen, wie sie ist."

Er lachte leise in sich hinein.

"Das will ich sehr hoffen. Das war gar nicht nett von Dir, Du grausames Weib, besonders die glühende Kette......."

Seine Finger streichelten ihren Hals, wanderten zum Haar hoch, dann ein plötzlicher Ruck, der ihr den Kopf in den Nacken zog, ihren Körper unter Spannung setzte und sie seine Kraft fühlen ließ. Er beugte den Kopf und seine Lippen wanderten über die warme Haut, dann gruben sich seine Zähne in ihre Kehle. Wie im Biss eines Panthers hielt sie völlig still ...und wartete, während der Herzschlag durch ihre Adern dröhnte.. Als er sie freigab und den Kopf hob, sah sie das Lächeln auf seinem Gesicht, aber die letzten Flammen gaben seinen Augen einen harten Glanz und nahmen den Worten einen guten Teil ihrer Scherzhaftigkeit.

"Dafür bezahlst Du mir. Wie ich Dir sagte: Du bist mein Eigentum. Vergiss das nicht!"

"Ja. Solange ich es will."

 
Ende

 
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