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Späte Einsicht© by Shendara ()
Draußen herrschte Nacht. Kein Laut war zu hören. Als er aus dem Fenster sah, konnte er nichts erkennen. Im erstem Moment erschrak Duncan. Wo waren die Lichter und Geräusche der Großstadt geblieben? Dann fiel es ihm wieder ein: Er war ja hier nicht in der "Zivilisation". Hier gab es keine Städte, keine Autos - und auch keine Menschen. Hier gab es nur Natur. Duncan seufzte laut auf und wandte sich wieder ab. Seine Gnadenfrist war vorbei. Die wenigen Minuten nach dem Aufwachen in denen er sich an nichts erinnern konnte. In denen er einfach nur ein Mensch war. Ohne Vergangenheit - ohne Erinnerung. Doch dieser Zustand dauerte nur kurz. Dann kam die Erinnerung wieder. Dieser eine Moment der sein ganzes Leben verändert hatte. Es hatte schon vieler solcher Momente in seinem 400-jährigen Leben gegeben. Doch keiner war bisher so endgültig gewesen. Nicht einmal der Moment in dem er Richies Kopf nahm. Auch jetzt - nach über 10 Jahren - verfolgte dieser sinnlose Tod ihn noch immer. Damals hatte er geglaubt, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Dass nichts auf der Welt schlimmer sein könnte, als das Schuldgefühl, seinen eigenen Schüler ermordet zu haben. Doch er hatte feststellen müssen, dass es noch weitaus schlimmeres gab. Das Gefühl, einen Menschen, der ihm viel bedeutet hatte, in den Tod getrieben zu haben. Einen Menschen der ihm oft aus allen möglichen Situationen geholfen hatte. Eine Person für die er sein Leben gegeben hätte. Doch es war genau umgekehrt passiert. Er war schuld und alle gegenteiligen Behauptungen seiner Freunde waren gutgemeinte Lügen.
Ziellos wanderte Duncan durch den Raum. Es war kalt doch es war ihm egal. Alles war egal. 'Warum lebe ich überhaupt noch? Verdient habe ich es gewiss nicht.' Solche Gedanken hatte er ständig. Seit diesem Vorfall. Dem Vorfall, den er eigentlich alleine erledigen wollte. Doch es musste sich ja jemand dritter einmischen. Und diese dritte Person hatte diese Aktion mit dem Leben bezahlt. 'Warum musste es so passieren? Ich wäre mit Hood alleine fertiggeworden. Ich hätte es geschafft - im Gegensatz zu vielen anderen. Ich kenne doch seine Schwachstelle. Ich hätte es wirklich geschafft. Warum musste er diesen Kampf auf sich nehmen?' Duncan konnte nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten. Es war der schlimmste Moment seines Lebens gewesen. Damals. Er wollte es verhindern und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt. Doch als er dort ankam war es bereits vorbei. Die letzten Blitze des Quickenings zuckten gerade über den Himmel. Daran erkannte er, wie sehr er zu spät gekommen war. Bei seiner Macht musste das Quickening eine halbe Ewigkeit gedauert haben. Er rannte los. Er sah nur noch, wie dieser Bastard verschwand. Zuerst wollte er ihm nach, doch dann blieb sein Blick bei der Gestalt, die reglos am Boden lag, hängen. Zögernd ging er näher heran. Vorsichtig ging er neben ihm in die Knie. Ungläubig berührte Duncan den Mann. Er konnte nicht glauben, dass er wirklich tot war. Doch es war so. 'Ich werde ihn finden. Und dann werde ich ihn töten.' war alles, woran er denken konnte. Er würde ihn rächen. Solange er lebte würde er dieses Ziel verfolgen. Er hatte Hood gesucht. Und gefunden. Hood war tot, doch das Gefühl der Leere in ihm wurde nicht weniger - eher mehr. Nun hatte er kein Ziel mehr vor Augen. Keine Aufgabe zu erfüllen.
Duncan konzentrierte sich wieder aufs Hier und Jetzt. Er sah sich orientierungslos um. Wo war er? Angestrengt versuchte er in der Dunkelheit, etwas zu erkennen. Als seine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, realisierte er, dass er im Freien war. Vor ihm lag das Meer. Die Wellen schlugen laut auf die Klippen. Nun war es mit seiner Selbstbeherrschung vorbei. Mit Tränen in den Augen ließ er sich auf den Boden sinken. Er war allein. Seit damals - seit 3 Jahren hatte er keinen seiner Freunde mehr gesehen. Er konnte ihnen nicht gegenübertreten. Ihnen nicht ins Gesicht sehen. Nicht nach dem was er getan hatte. Oder besser gesagt nicht getan hatte. Alle hatten ihm gesagt, dass er nichts hätte tunkönnen, um Methos aufzuhalten. Doch er wusste, dass er hätte da sein müssen. Um es selbst zu tun. Selbst mit Hood kämpfen. Auch wenn er vermutlich nicht überlebt hätte. Duncan wusste nicht, wie lange er schon hier saß. Es mussten Stunden sein. Die Sonne war schon vor einiger Zeit aufgegangen und stand nun hoch am Himmel. Irgendwann stand er wieder auf und machte sich auf den Rückweg. Er hatte eine Entscheidung getroffen.
***
Unsicher stand Duncan MacLeod am Flughafen. Er wusste nicht ob es richtig gewesen war hierher zurück zu kommen. Doch er hatte eingesehen, dass er wieder ein normales Leben führen musste. Er hatte niemanden darüber in Kenntnis gesetzt, dass er wieder hier war. Er wollte sich zuerst wieder eingewöhnen. Später war immer noch genug Zeit. Zeit dafür, um sich zu rechtfertigen. Dafür, dass er damals einfach so verschwunden war. Ohne Abschied, ohne eine Nachricht. Paris. Die Stadt der Liebe. Für Duncan war es die Stadt in der sich einige der größten Tragödien seines Lebens abgespielt hatten. Darius, Richie und nun auch noch Methos. Es war hier passiert. Hier in Paris. Vor etwas mehr als 3 Jahren. Damals war Hood wieder aufgetaucht. Ein Unsterblicher der mit Duncan noch eine Rechnung offen hatte.
***
Joe hatte ihn vorgewarnt. Duncan hatte die Besorgnis seines Beobachters als übertrieben abgetan. "Hood ist nicht so gut wie du tust." hatte er damals gesagt. Doch schon bald wurde er eines besseren belehrt. Zwei Tage nach Joes Warnung war Hood plötzlich in der Bar aufgetaucht. Duncan war an diesem Tag noch nicht da - aber Methos. Hood ging zielstrebig auf ihn zu und fragte ihn, ob er wisse, wo Duncan MacLeod vom Clan MacLeod war. Methos hatte in seiner typisch sarkastischen Art nur "Hier nicht" geantwortet. Ein Fehler. Als Duncan eine Stunde später die Bar betrat, bemerkte er sofort, dass irgend etwas nicht stimmte. Joe sah in ernst an. Noch bevor er fragen konnte was passiert war begann Joe zu erzählen. "Irgendeiner von euch war hier. Er war wohl hinter dir her, denn als er Methos bemerkte hat er ihn nur gefragt ob er weiß wo du bist. Methos hat verneint. Daraufhin ist dieser Typ regelrecht ausgeflippt. Er hat hier eine Wahnsinnsszene gemacht und ist dann mit Methos verschwunden. Zum Duell." Den Rest hörte Duncan nicht mehr. Kaum hatte er gehört, dass Methos sich auf ein Duell eingelassen hatte, schrillten bei ihm die Alarmglocken. Aus irgendeinem verrückten Grund, den er nicht einmal selbst kannte, wolle er den alten Mann immer beschützen. Doch er kam zu spät.
***
Langsam betrat Duncan seine neue Wohnung. Das Hausboot hatte er verkauft. Mit zu vielen Menschen, die ihm nahegestanden waren und die nun tot waren, hatte er hier seine Zeit verbracht. Nun hatte er ein neues Apartment. Es war klein. Fast zu klein. Er ließ seine Reisetasche achtlos zu Boden fallen und ging zum Fenster. Die vertraute Skyline von Paris bot einen atemberaubenden Anblick. Er hatte Aussicht auf den Eifelturm. Unwillkürlich kamen die Erinnerungen an Kalas. Er erinnerte sich an den finalen Kampf mit ihm. Während auf dem Eifelturm über das Schicksal der Unsterblichen und das der Beobachter entschieden wurde standen unten drei Personen, die alle hofften, dass Duncan gewinnen würden. Und nun? - Ein paar Jahre später lebte Amanda wieder in Amerika und hatte nun sogar einen Schüler. Joe - was mit ihm passiert war. wusste Duncan nicht. Aber er würde es herausfinden. Und Methos war tot. Durch seine Schuld. Weil er an diesem Abend zu spät gekommen war. Und warum war er zu spät gekommen? Nur um Methos dafür zu bestrafen, dass er am vorigen Tag IHN hatte warten lassen! Nur weil er ihm eines auswischen wollte, hatte der älteste Unsterbliche sich auf einen Kampf eingelassen, bei dem er nur verlieren konnte. Er wandte sich vom Fenster ab. Langsam begann er damit, seine Sachen auszupacken. Als er fertig war, stellte er fest, dass es erst kurz nach zwanzig Uhr war. Sollte er oder sollte er nicht? Schließlich entschied er sich für das Risiko. Er vergewisserte sich, dass die Wohnungstür abgeschlossen war, und machte sich auf den Weg. Innerlich bereitete Duncan sich bereits auf das folgende Gespräch vor. Es würde vermutlich so ähnlich ablaufen wie damals bei Richie. Also konnte er sich ungefähr vorstellen was nun passieren würde.
Wenige Minuten später stand er vor der "Le Blues Bar". Duncan holte noch einmal tief Luft und trat dann ein. Er wusste nicht, ob es Einbildung war oder nicht - Duncan kam es so vor, als ob alle Personen, die in der Bar anwesend waren, ihn anstarrten. 'So ein Blödsinn. Die kennen mich genausowenig wie ich sie.' schüttelte er das unangenehme Gefühl ab. Doch eine Person musterte ihn sehr wohl. Joe Dawson hatte vor Schreck fast sein Glas fallen lassen als er erkannte, wer soeben durch die Tür gekommen war. Er hatte Duncan MacLeod schon lange nicht mehr gesehen. Kein Beobachter hatte das. Vor etwas mehr als einem Jahr war seine Akte geschlossen worden. Man ging allgemein von der Annahme aus, dass ihn irgend jemand erledigt hatte. Joe hatte nie so recht daran glauben können, dass er tot war - aber dass er ihn noch einmal wiedersehen würde? Damit hatte Joe nicht gerechnet. Mühsam riss er seinen Blick von dem Unsterblichen los und kam langsam auf ihn zu. Mac sah schlecht aus. Die letzten Jahre waren für ihn alles andere als einfach gewesen. Joe kannte ihn lange genug um zu erkennen, dass Duncan sich hier nicht sehr wohl fühlte. "Hallo." begrüßte er ihn. MacLeod starrte ihn einfach nur an. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen und erwiderte die Begrüßung. Ein unangenehmes Schweigen entstand. Keiner wusste was er sagen sollte. Schließlich brach Duncan das Schweigen: "Es war ein Fehler hierher zukommen. Entschuldige bitte... ich muss... weg. Ich..." Hastig stand er auf und wollte gehen. Doch plötzlich spürte er eine Hand auf seinem Arm. Überrascht drehte er sich um. "Nein. Bitte bleib. Wir... wir sollten reden." Joe fiel es schwer, diese Worte auszusprechen. Aber er musste IRGENDETWAS sagen, damit Mac nicht wieder verschwand. Das hatte er nun schon so oft getan und immer hatte Joe damit gerechnet, ihn nie wieder zu sehen. Doch diesmal würde er ihn nicht gehen lassen. Diesmal musste der Highlander einfach bleiben! Überrascht setzte der Unsterbliche sich wieder. Damit hatte er nicht gerechnet. Eher damit, dass Joe ihn aus der Bar werfen würde. "Warum?" fragte er leise. So leise, dass Joe ihn fast nicht verstehen konnte. "Warum willst du, dass ich bleibe?" Joe wusste nicht was er darauf antworten sollte. "Gegenfrage: Warum sollte ich wollen, dass du gehst?" "Weil... ich nicht da war. Vor drei Jahren." Joe sah betroffen zur Seite. Ja, er hatte Mac dafür verflucht, dass er nicht da gewesen war. Damals, als er wirklich gebraucht wurde. Doch das war vorbei. "Ja, ich habe dich dafür verflucht. Ist es das, was du hören wolltest?" Anhand des traurigen Blickes den Mac ihm zuwarf erkannte Joe, dass der Highlander verletzt war. Doch nun konnte er auf seine Gefühle keine Rücksicht nehmen. "Ja. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es soweit kommen konnte. Doch dann wurde mir eines klar: Es kann nur einen geben. Und solange es noch mehr als einen von euch Unsterblichen gibt, wird es immer wieder passieren, dass du und ich und andere Unsterbliche und Sterbliche Freunde verlieren. Das ist ein Teil des Spiels. So wie der Tod ein Bestandteil meines Lebens ist, ist der Tod von Freunden ein Bestandteil des Lebens eines Unsterblichen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass Methos weiterlebt, doch es sollte wohl nicht sein. Du konntest nichts dafür. Wenn du da gewesen wärst - was wäre dann geschehen? Du hättest dich mit Hood duelliert und nun würde ich höchstwahrscheinlich mit Methos hier sitzen und das selbe Gespräch führen." Duncan zwang sich dazu, seinem Beobachter ins Gesicht zu sehen. "So siehst du das? Ich nicht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich mir gewünscht habe, an seiner Stelle gewesen zu sein." Joe sah ihn schockiert an. Todessehnsucht und Duncan MacLeod? Das waren zwei Wörter, die er bisher nie miteinander in Verbindung gebracht hatte. "Aber du warst nicht an seiner Stelle. Du musst es einmal von der anderen Seite sehen: Er hat über 5000 Jahre lang gelebt. Das ist länger als jede Kultur dieser Erde. Es war klar, dass es eines Tages passieren würde. Seien wir doch einmal ehrlich: Er war nie ein aussichtsreicher Kandidat für den Preis." "Wie kannst du nur..." fuhr Duncan hoch. Doch dann wurde ihm klar, dass Joe Recht hatte. So bitter die Wahrheit auch war: Methos wäre sicher nicht der ideale Kandidat für den Preis gewesen. "Du hast ja Recht." flüsterte er leise. "Glaubst du... könntest du dir vorstellen, dass wir wieder... ich meine..." er konnte es einfach nicht aussprechen. Zu groß war seine Angst vor einer ablehnenden Antwort. "Du meinst ob wir wieder Freunde sein könnten?" half Joe ihm auf die Sprünge. Duncan nickte kraftlos. "Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht." gestand der Beobachter traurig ein. Duncan stand wieder auf. 'Das war's dann wohl.' dachte er. "Doch wir könnten es versuchen." Duncans Blick fixierte Joe. Was hatte er eben gesagt? Joe bemerkte den ungläubigen Ausdruck im Gesicht seines Freundes und versuchte es zu erklären. "Weißt du, es ist nicht gerade einfach mit dir. Du bist so stur wie zehn normale Menschen zusammengenommen. Doch was für mich persönlich am Schlimmsten ist: Immer wenn etwas Schreckliches passiert verschwindest du einfach. Nach Richies Tod bist du für ein Jahr in ein Kloster abgetaucht, wo dich kein Mensch finden konnte. Und nach der Sache mit Hood? Da bist du gleich für 3 Jahre verschwunden! Kein Lebenszeichen - nichts. Weißt du eigentlich, dass deine Akte bei den Beobachtern geschlossen wurde? Keiner glaubte mehr daran, dass du noch am Leben bist. Selbst ich war mir nicht mehr sicher." Der letzte Satz klang unendlich traurig. Duncan sagte nichts. In all seiner Wut und Verzweiflung hatte er nie auch nur im Entferntesten daran gedacht wie sein Verhalten sich wohl auf seine Freunde auswirken würde. "Es tut mir leid. Ich habe nie daran gedacht, was ich dir und den anderen mit meinem Verschwinden antue. Ich... ich konnte einfach nicht mehr! Ich brauchte eine Auszeit. Aber wenn es irgendwie geht... ich werde versuchen, es nicht mehr zu tun. Ich möchte deine Freundschaft nicht verlieren. Wollte ich nie." Joe nickte langsam. Er wusste, dass es MacLeod ernst war. Sie beide waren nicht gewillt, ihre Freundschaft aufzugeben. "Okay." sagte er schließlich. "Ich will unsere Freundschaft auch nicht aufgeben." Duncan sah ihn erleichtert an. Dieses Gespräch war etwas anders verlaufen, als er sich vorgestellt hatte. Viel besser. Von nun an würde er nicht mehr davonlaufen. Er würde sich nie wieder in sein Schneckenhaus zurückziehen. Zumindest nicht solange Joe noch lebte. Aber dann? Was würde dann geschehen? Duncan konnte sich nicht vorstellen, dass er noch einmal solch feste Freundschaften knüpfen konnte wie zu Joe, Methos, Richie und Tessa. Aber solche Gedanken waren jetzt unwichtig. Jetzt zählte nur das Hier und Heute. Was die Zukunft betraf: Das würde er entscheiden wenn es soweit war. Irgendwann.
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