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The Gypsy Queen© by Tatjana ()
"Ach, das ist doch Unsinn! Laßt mich da bitte aus dem Spiel, ja!" Abwehrend hob Methos beide Hände und sträubte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften, daß man ihn weiter über den Rummel zerrte. Er fand diese niedlichen, typisch amerikanischen Kleinstädte ja ganz nett und vor allem ihre Rummel waren irgendwie..... nett. So nostalgisch! Trotzdem hatte er keine Lust, sich wie Schlachtvieh hinterher zerren zu lassen und von Stand zu Stand geschleift zu werden, um deutsche Bratwurst, französische Crêpes, Champignons in zu fetten Saucen und was für ein Zeugs noch alles probieren zu müssen. Er war zwar unsterblich, aber das hieß noch lange nicht, daß ihn eine Lebensmittelvergiftung nicht doch dahinraffen konnte! Was hatte er sich nur dabei gedacht, seine Freunde hierhin zu begleiten??? Amanda quietschte auf vor Freude wie ein kleines Kind, während sie zielstrebig zum nächsten Stand lief. Zuckerwatte! Methos wurde schlecht. Es wird wohl seine Gründe gehabt haben, daß dieses Teufelszeug so lange nicht erfunden wurde! Ihm stieg der Duft von frisch gebrannten Mandeln in die Nase, vermischt mit dem Geruch von kandierten Äpfeln, Popcorn und Lakritz. Uärx! Das einzige, was hier noch zu seinem Glück fehlte, waren diese unsäglichen Kräuterbonbons, die man in Deutschland und deutsch sprechender Umgebung überall kaufen konnte und die wie die Pest stanken, so daß man den Stand blind finden konnte! Er schnupperte verhalten. Noch einmal. Er glaubte, seiner Nase nicht trauen zu dürfen. Er schnüffelte lauter. Oh Gott, das war es dann ja wohl! Wie sagte Bond, James Bond, doch so schön?: Sag niemals NIE! Fenchel, Anis, Holunder, Weißdorn, Sanddorn und andere Kräuter quälten seine Geruchsnerven mit ihren strengen Ausdünstungen und ließen seinen Magen rebellieren. Vielleicht war der Hot Dog nach der Pizza doch keine so gute Idee gewesen? Oder es lag an den Hamburgern, die er sich auf der Fahrt hierhin reingeschoben hatte? Oder daran, daß man ihn nötigte, von allem zu probieren und sich in seinem Magen mittlerweile eine undefinierbare Pampe gebildet hatte, die jetzt gerade ausdiskutierte, ob ihm nun schlecht werden sollte oder noch nicht. Im Moment tendierte es eindeutig zu: SCHLECHT!!!
"Weißt du, ich hab mir von einer Freundin sagen lassen... Die war in New Orleans auf so einem Rummel und sagte zu mir: Amanda, sagte sie, wenn du mal auf den Rummel gehst und dort Schausteller unter dem Namen Ilmanov siehst, geh da rein und laß dir von denen die Zukunft voraussagen.... Wißt ihr, sie hat so eine okkulte Ader und steht auf so was. Ich glaube sogar, sie glaubt tatsächlich an so was! Angeblich hat ihr einer dieser Zigeuner aus der Hand gelesen und ihr gesagt, sie würde den Mann fürs Leben dann und dann da und da treffen. Und was sag ich euch? Sie hat ihn tatsächlich getroffen!..." "Aha. Und nun willst du dein Schicksal herausfordern und dir auch aus der Hand lesen lassen?" unterbrach Duncan hier ihren Redefluß. Er sah sehr skeptisch aus bei dieser Geschichte. Handlesen! Zukunft voraussagen! Für solchen Hokuspokus hatte er nichts übrig! Wie konnte man als aufgeklärter Mensch nur an so was glauben? "Na ja, es ist zumindest einen Versuch wert." erwiderte Amanda pikiert. Sie war beleidigt, daß Duncan sie offensichtlich nicht ernst nahm und sich über sie lustig machte. Sie beschäftigte sich betont auffällig mit ihrer Zuckerwatte und zupfte kleine, weiße Wölkchen heraus, die sie sich dann mit gezierten Bewegungen in den Mund schob. "Ja, vielleicht können die uns dann auch sagen, wann wir dir den Kuchen mit der Feile in den Knast schicken sollen, falls du dich mal wieder hast erwischen lassen!?" Amanda bedachte Methos mit einem finsteren Blick für diese Frechheit. Es war nicht ihre Schuld gewesen, daß dieser Anfänger von... Wie war eigentlich noch sein Name?... Ist ja auch egal. Aber hätte der nicht das Fangseil verloren, wäre es nicht durch die Lichtschranke gefallen und hätte auch nicht den Alarm ausgelöst. Ihre charmanten Überzeugungsversuche hatten nichts genutzt und erst Methos in seiner Eigenschaft als ihr Anwalt - Woher hatte er nur die Lizenz dafür? - hatte sie rausboxen können. Sie war ihm echt dankbar dafür gewesen, allerdings versäumte er es auch nicht, sie bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern, weshalb sie ihm schon das eine oder andere Mal einen echt fiesen Tod wünschte. Existierte die Eiserne Jungfrau eigentlich noch? Und wer, zum Teufel, besaß noch eine kleine, gemütliche Streckbank für den ältesten aller Unsterblichen, auf der er seine müden, alten Knochen ausruhen konnte? Oh, sie wäre ihm da zu gerne behilflich! Grimmig schwieg sie erstmal. Dann, mit einem Mal, schrie sie: "Da! Da, seht doch!" "Wär ja auch zu schön gewesen. So zwei Minuten ohne Geplapper..." murmelte Methos gestresst, dann legte er beschwichtigend seine Hand auf ihre Schulter und redete beruhigend auf sie ein: "Es ist ja alles gut, Amanda. Reg dich nicht auf, das schadet dir nur. Sooo,... gaaanz tief durchatmen... Ja, das machst du schön..." Verdutzt tat Amanda tatsächlich erst mal, was er ihr sagte, bis ihr dämmerte, daß er sie für völlig durchgeklinkt hielt. Wütend schubste sie ihn von sich. "Hau ab, Mann!" giftete sie. "Da, ich meine doch das Zelt. Siehst du, was da drauf steht? Il-ma-nov." "Erstaunlich. Alles bekannte Worte, und doch: eine völlig fremde Sprache." wandte Methos sich an Duncan, der aus dem Gerede seiner schönen Begleiterin auch nicht schlau wurde.
Amanda gab es auf. Sie verdrehte die Augen und eilte dem Zelt zu, vor dem sich eine recht ansehnliche Menschenmenge versammelt hatte. Sie drängelte sich rücksichtslos nach vorne und konnte dann endlich sehen, warum es hier so voll war: vor dem Zelt waren die Ilmanovs und gaben draußen einen Beweis ihrer Kunst. Gut sahen sie aus: allesamt von dunklem Aussehen, mit flammenden, leidenschaftlichen Augen und dem strahlendsten Lächeln, das Amanda jemals untergekommen war. Ein junger Mann kam auf sie zu und lächelte sie gewinnend an. "Darf ich Ihnen aus der Hand lesen, wunderschöne Miß? Für Sie ist es sogar gratis!" Oh, oh, bei Sonderangeboten hatte sie noch nie widerstehen können! Und so streckte sie mit ihrem schönsten Lächeln ihre Hand aus, damit er ihr weissagen konnte.
Endlich hatten Methos und Duncan sich zu ihr durchgekämpft, doch als sie bei ihr ankamen, war schon alles vorbei. Nur Amanda stand noch immer verklärt lächelnd da. "Und? Wie ist es? Grob oder fein?" "Was???" Sie sah entgeistert aus und verstand kein Wort von dem, was Methos sie anzüglich grinsend fragte. "Die FEILE. Muß sie grob oder fein sein?" wurde er deutlicher und brachte sich schnell hinter dem Schotten in Deckung, bevor ihr Schlag ihn treffen konnte.
"Sir, möchten Sie Ihre Zukunft wissen? Nur fünf Dollar!" Ein Knirps, vielleicht sieben Jahre alt, stand vor ihm und blickte ihn fragend an. Der dunkle Pagenschnitt war zerstrubbelt, das Gesicht nicht mehr ganz sauber, aber die Augen in dem hübschen Gesicht blitzten den Mann fröhlich an, so daß er es nicht übers Herz brachte, ihn abblitzen zu lassen. So, wie der Kleine da, so guckte Duncan auch manchmal: wie ein kleiner Hund, mit dem man geschimpft hatte und der jetzt darauf hoffte, daß sein Herrchen ihn doch wieder streichelte. "Warum nicht?" gab er sich dann geschlagen. Der Knirps strahlte, drehte sich um und rief dann auf rumänisch: "Melissa! Melissa, komm her! Dein Typ wird verlangt!" Von der anderen Seite des Pulks löste sich eine schmale Gestalt und kam beschwingt auf die drei Freunde zu. Eine junge Frau, vielleicht Anfang/Mitte Zwanzig, bildhübsch und sie sah gar nicht aus wie ein Scharlatan! Sie trug enge Jeans und ein ausgewaschenes T-Shirt, dazu Turnschuhe. Ihr langes Haar war im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefaßt und mit einem offenen Lächeln streckte sie Methos die Hand entgegen. "Guten Tag, Sir. Mein Name ist Melissa. Was möchten Sie wissen? Ihre Zukunft? Ihre Vergangenheit? Ihre Gegenwart?"
Methos war sehr angetan von der Erscheinung der jungen Zigeunerin, denn eine solche war es zweifelsohne, und er hielt ihre Hand länger als unbedingt notwendig. "Ihnen ist übel, Sir. Möchten Sie etwas gegen die Beschwerden haben?" "Können Sie auch hellsehen?" neckte er sie ein wenig, worauf sie tatsächlich etwas rot wurde. "Nein, aber man kann es Ihnen ansehen. Geben Sie mir Ihre Hand.... Nein, die linke, bitte.... Danke..." Melissas Fingerspitze glitt über seine Handfläche, ihre Stirn war in nachdenkliche Falten gelegt. "Sie haben eine sehr ausgeprägte Lebenslinie, die unheimlich verzweigt ist. Das bedeutet viele Veränderungen in Ihrem Leben. Sehen Sie, hier...." Ihr Zeigefinger fuhr eine Linie an seinem Handballen entlang und interessiert beugte er sich über ihre Hand, um den Ausführungen zu lauschen. Melissa keuchte. Ihr Finger blieb an einer Stelle, ziemlich am Anfang der Lebenslinie stehen, und vor ihrem Geist standen mit einem Mal Bilder, die sie nicht kannte: Männer in schwarzen und weißen antiken Gewändern, Masken vor ihren Gesichtern, die mit Schwert und Axt bewaffnet durch Menschen ritten und sie wahllos töteten. - Und anscheinend auch noch Spaß daran fanden! So schnell, wie diese Vision gekommen war, so schnell ging sie auch wieder und verwirrt sah Melissa auf. Sie begegnete dem fragenden Blick ihres Kunden und lächelte ihn entschuldigend an. "Verzeihen Sie, Sir, ich habe wohl den Faden verloren. Bitte, sehen Sie...." Ihre Fingerspitze fuhr weiter und blieb weiter unten liegen. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie sah Fragmente, Straßen, die sie nicht kannte, Gebäude, die ihr unbekannt waren, einen Pier. Zwei Menschen, Männer, die verbissen mit Schwertern kämpften, als ginge es um Leben oder Tod. Einer der beiden strauchelte, rutschte auf dem schlüpfrigen Untergrund aus und fing sich nur schwer wieder. Der andere wollte diese Gelegenheit ausnutzen und hob sein Schwert. Doch mit einem Mal brach er in die Knie. Der gestrauchelte zog einen Dolch aus dem Bauch des anderen, dann kämpfte er sich wieder auf die Beine, hob sein Schwert und... köpfte den Toten.... So, als wäre sie siedend heiß, ließ Melissa die Hand des Kunden los und trat hastig einen Schritt zurück. Blankes Entsetzen stand in ihren Augen zu lesen und beunruhigte Methos. "Verzeihen Sie, Sir... Ich... Mir ist nicht gut... Migräne.... Meine Schwester wird Ihnen... Entschuldigen Sie..." Damit fuhr sie fast panisch herum, rief ihrem Bruder etwas zu und hastete fort, um ein paar Ecken und in ihren Wohnwagen. Dort angekommen, hämmerte sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Schwer rang sie nach Atem, kämpfte um ihre Fassung, bis sie sich soweit wieder beruhigt hatte, daß sie sich auf ihr Bett setzen und sich ein wenig entspannen konnte. Erschöpft legte sie ihren Unterarm über die schmerzenden Augen und versuchte, ihren Geist frei zu bekommen. Himmel, was war nur mit ihr los? Dieser Mann... Da war was mit ihm, das nicht normal war, da war sie sich ganz sicher.
* * *
"Findet ihr nicht auch, daß diese Frau sich sehr merkwürdig verhalten hat? Und du bist sicher, daß deine Freundin sie dir ausdrücklich empfohlen hat?" Amanda ging über diese Anspielung nonchalant hinweg und widmete ihre Aufmerksamkeit einem der jungen Zigeuner, die überall auf dem Platz umher liefen. Duncan kochte vor Eifersucht! Was fand sie nur an denen? Okay, sie sahen vielleicht ganz passabel aus, aber das war's dann aber auch schon! Wie geziert die Unsterbliche sich benehmen konnte, wenn sie sich der Aufmerksamkeit von Männern bewußt war! Dabei konnten diese Grünschnäbel ihr doch gar nichts bieten! Und außerdem.... Was hatte Methos gesagt?
Der schüttelte nur ungeduldig den Kopf, als er merkte, daß keiner seiner beiden Begleiter ihm zugehört hatte. Mißmutig trabte er neben dem Schotten weiter. Zwar hatte Melissas Schwester ihm aus der Hand gelesen, doch die junge Frau ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Sie hatte sich so merkwürdig benommen! Wieso??? Suchend sah er sich um, doch er konnte die schmale Gestalt nirgendwo entdecken und hatte auch keine Ahnung, wo ihr Wohnwagen stand. Sonst hätte er sie wahrscheinlich aufgesucht und sie um eine Erklärung gebeten. Aber so....
* * *
Nach dem Dinner erhob Methos sich vom Tisch mit der Entschuldigung, er wolle noch ein wenig frische Luft schnappen und spazieren gehen. Das war nichts Neues, und Duncan und Amanda waren einfach zu faul, um den alten Mann zu begleiten und lehnten seine Anfrage deshalb dankend ab. So nahm er denn seinen Mantel und verließ das kleine, wenn auch sehr gute Hotel und marschierte durch die frische Nachtluft. Die leichte Brise, die nach Salzwasser schmeckte, zog ihn an und er folgte ihr, quer durch die dunklen Gassen, hinab zum Pier. Tief atmete er durch und hockte sich hin, um das ruhig fließende Wasser beobachten zu können. Der helle Mond schien auf das Wasser und ließ unzählige Lichter darauf tanzen, das gleichmäßige Gurgeln wirkte auf ihn einschläfernd. Er wunderte sich, daß er überhaupt noch etwas hatte Essen können nach all dem Zeug, das er auf dem Rummel in sich hineingestopft hatte. Eigentlich mochte er Junkfood, aber was zuviel ist, ist zuviel. Von der hervorragenden Suppe hatte er nur wenig herunter bekommen und erst ein Schnaps hatte seinen gereizten Magen besänftigen können. Mittlerweile fühlte er sich wieder besser, so daß er die friedliche Stimmung total genießen konnte. Ein Kribbeln erfaßte ihn, der ihm bekannte Druck im Kopf machte sich breit, das laute Rauschen in den Ohren.... - Ein anderer Unsterblicher war in seiner Nähe! War es Mac, der sich doch von Amanda hatte loseisen können? Erwartungsvoll drehte er sich um....
* * *
Erschrocken fuhr die junge Frau aus dem Schlaf hoch. Es war schon stockdunkel draußen, so daß sie sich erst mal sammeln mußte, um zu wissen, wo sie war. Sie mußte eingeschlafen sein! Melissa setzte sich gerade auf und massierte ihren steifen Nacken. Draußen war die Hölle los, es war noch nicht so spät und die Städter hatten sich scheinbar alle auf dem Rummel getroffen, um sich hier zu amüsieren. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Trotzdem ließ sich das ungute Gefühl nicht abschütteln und kroch ihr eisig durch die Adern. Aufstöhnend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Vor sich sah sie das gleiche, wie am Nachmittag: Fragmente, Straßen und Gebäude, die sie nicht kannte, Laternen, die in einer wenig bewohnten Gegend standen und Mülltonnen beschienen. Sie kam sich vor, als würde sie diese Straßen entlangfahren, bis zum Pier hinab. Dort, im schwachen Licht des Vollmondes konnte sie zwei Schatten sehen, die miteinander kämpften. Sie hörte das schwere Keuchen der Männer, sah blanken Stahl im Mondlicht aufblitzen, sah, wie einer den anderen nach hinten wegdrängte... Ein gequälter Laut entstieg ihrer Kehle und sie sprang auf. Hastig nahm sie sich ihre Jacke und verließ den Wohnwagen. Sie mußte sich auf ihr Gefühl verlassen, wenn sie ihm folgte. Sie durfte nicht darüber nachdenken, warum sie es tat oder ob sie sich damit in Gefahr begab. Sie mußte wissen, was an dieser Vision wahr war und was nicht. Lautlos lief sie die verlassenen Straßen entlang, dem Geruch von Salz und Tang entgegen....
* * *
Methos fand seine Lage ziemlich unangenehm: er war gezwungen, nach hinten auszuweichen, auf Terrain, das er nicht mehr überblicken konnte. Der fremde Unsterbliche folgte ihm langsam und attackierte ihn immer wieder, um ihn weiter abzudrängen. Schon lange hatten sie den Asphalt verlassen und der Schotterboden unter ihm wurde schlüpfrig. Schon einige Male war er ins Rutschen gekommen, und je näher sie dem Wasser kamen, desto weniger waren die Gummisohlen seiner Turnschuhe für diese Umgebung tauglich. Der andere war wie aus dem Nichts aufgetaucht, hatte sich noch nicht mal vorgestellt und ihn sofort angegriffen. Bevor er hier im Wasser landete, sollte er es vielleicht mit Verhandeln versuchen? "He, Mann, laß gut sein. Wir können doch über alles reden!" Der andere schwieg und hieb kraftvoll auf ihn ein, so daß nur ein gewaltiger Sprung nach hinten ihn retten konnte. Verfluchter Mist, der Sand gab nach und er rutschte weg. Mit einem Fuß im Wasser versuchte er, sich zu verteidigen und sich gleichzeitig aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu bringen. "Was soll das? Ich hab dir nichts getan. - Ich kenn dich nicht mal!" Verdutzt, wie es Methos schien, hielt der Fremde kurz inne und starrte ihn an. Dann holte er weit aus. "Am Ende kann es nur Einen geben!"
Methos sprang weg, beim Landen strauchelte er und mußte sich mit einer Hand auf dem Boden abstützen, damit er nicht wie ein Idiot stürzte. Seine Augen hafteten auf dem Gesicht des Kerls, der ihn erledigen wollte, seine andere Hand fuhr in die Innentasche seines Mantels. Der fremde Unsterbliche sah seine Chance gekommen und hob sein Schwert hoch über seinen Kopf an, blickte flüchtig auf Methos nieder und ließ dann seine Klinge fallen. "Du hast recht: am Ende kann es nur Einen geben. - Du wirst es nicht sein!" Das bleiche Mondlicht reflektierte auf der blanken Schneide, als Methos sie nun hob, dann fuhr sie mit einem leisen, pfeifenden Geräusch herunter....
Ein Brausen und Rauschen, das sich in die Stille der Nacht erhob, Sturm, der jäh aufkam und an seinen Haaren und seinen Sachen zerrte. Nebel, Rauchschwaden gleich, bildeten sich um den Körper des Toten, krochen über den Boden auf ihn zu und fingen an, ihn einzuhüllen. Sie arbeiteten sich an seinen Beinen hoch, immer höher, bis sie ihn vollkommen umgaben. Blitze, wie aus dem Nichts, zuckten in einem grellen weißblauen Licht, pure Energie, die sich entlud und auch vor der unbeteiligten Umgebung nicht halt machten. Wie gierige Hände krochen flammende Zungen über den Boden und steckten alles in ihrer unmittelbaren Nähe in Brand, die Blitze ließen die wenigen Laternen, die hier standen, laut zerplatzen, Glassplitter regneten zu Boden, das Wasser brodelte, als würde es kochen, und inmitten dieses Chaos stand Methos, die Arme weit ausgebreitet, sein Schwert in der einen Hand, den Kopf in den Nacken gelegt und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Ihn durchfuhr die Erneuerung mit der vertrauten Mischung aus Schmerz und Glück, Schwäche und Kraft, aus ungezügelter Macht, welche die Erde erschütterte und den Himmel aufreißen ließ und die ihn eins werden ließ mit dem Universum. Langsam ebbte das Quickening ab und er sank auf seine Knie, erschöpft, total am Ende. Schwer stützte er sich mit beiden Händen auf den Griff seines Schwertes, seine Stirn auf die gefalteten Hände gelegt. Langsam hob er den Kopf und machte Anstalten, sich zu erheben, als ihn eine Bewegung aufmerksam machte. Matt wandte er den Kopf und.... sah die kleine Zigeunerin vom Nachmittag, die ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte! Sie stand an einer Häuserecke, eine Hand an die kalte Mauer gelegt, die andere in eisigem Entsetzen auf ihre Brust gepreßt und ihre dunklen Augen brannten sich in seinem Gesicht fest. Teufel, wie lange stand sie schon da?
Matt hob er die Hand und versuchte, aufzustehen, da drehte sie sich um und rannte wie von Furien gehetzt davon. Ihre schnellen Schritte verhallten bald auf den Straßen und müde ließ Methos seine Arme sinken. Na klasse! Das hatte ihm gerade noch gefehlt: eine Frau, die ihn beim "Mord" beobachtet hat und nun an die Bullen verpetzte! Oh ja, und es wäre sehr schlau, weiterhin hier sitzen zu bleiben, mit der Mordwaffe in der Hand und auf seinen Abtransport zu warten! Endlich rappelte er sich auf und schleppte sich zum Hotel zurück. Er ignorierte die merkwürdigen Blicke des Portiers. Er wußte selber, daß er dreckig wie ein Schwein war! Mit letzter Kraft stieg er die Treppe hinauf und klopfte an Duncans Tür. Hoffentlich war der jetzt nicht gerade beschäftigt! Nein, Mac öffnete fast sofort die Tür und sah seinen Freund verblüfft an. Wie sah der denn aus? Wie einer, der... "Methos, gab es Probleme?" fragte er beunruhigt. Schwer ließ sich der Angesprochene in einen der Sessel fallen und streckte seine langen Beine erschöpft aus. "Hast du was zu Trinken für mich?... Danke.... Ja, gab es. Da war so ein Irrer, der mich unbedingt einen Kopf kürzer machen wollte. Na ja, beim Versuch ist es auch geblieben... Aber da war... Scheiße, was mach ich jetzt nur?" "Was war los?" Duncan setzte sich dem Älteren gegenüber und war bereit, die Situation in gewohnt vernünftiger Manier zu durchleuchten. "Diese Zigeunerin von heute... Sie hat, glaub ich, alles gesehen und ist weggelaufen. Wahrscheinlich direkt zu den Bullen." Methos nahm einen tiefen Zug aus dem Whiskyglas. "Und jetzt?" Tja, das war eine wirklich gute Frage. Was jetzt? Erst mal abwarten. Vielleicht ging sie ja doch nicht gleich zur Polizei? "Oh nein, vielleicht kommt sie ja auf die Idee, mich mit ihrem Wissen erpressen zu wollen, um sich ein paar Dollar dazu zu verdienen!?" knurrte Methos ironisch. Düster saßen die beiden den Rest der Nacht zusammen und warteten darauf, daß endlich die Polizei an die Tür klopfte, um Methos abzuführen wegen Mordes an... Ja, an wem überhaupt?
* * *
"Na und? Geh hin und biete ihr eine nette Summe, damit sie die Klappe hält. Wo liegt dein Problem?" Amanda wußte nicht, was Methos wollte. Offensichtlich war er noch nicht verpfiffen worden und Bestechung war ein weit verbreitetes Mittel, um lästige Zeugen zum Schweigen zu bringen. Das oder eine Schwertklinge am Hals.... Nachdenklich starrte Methos vor sich auf seinen Teller. Er hatte keinen Hunger. Diese Sache konnte ihn den Kopf kosten. - Im übertragenen Sinne, natürlich! Und eigentlich war er nicht scharf drauf, einen modernen Knast von innen zu sehen. Erfahrungen aus alten Zeiten genügten ihm vollkommen. Energisch legte er seine Serviette weg und stand auf. "Ihr entschuldigt mich!?"
* * *
Er hatte sich durchgefragt und stand nun ein wenig beklommen vor dem angewiesenen Wohnwagen. Tief atmete er durch und klopfte dann an die mit bunten Stickern verzierte Tür. Was, wenn sie nicht da ist? Seine Befürchtungen waren unbegründet, denn der Riegel bewegte sich und die obere Hälfte der Tür schwang auf. Als Melissa den Besucher sah, wurde sie sofort blasser um die Nase, als sie ohnehin schon war. Momente lang starrten sie sich stumm an, dann öffnete sie auch den unteren Teil der Tür und machte eine einladende Handbewegung. Langsam kam er dieser Einladung nach und sah sich im Inneren gründlich um. Anscheinend lebte sie alleine, denn das Inventar sah sehr nach Mädchen aus: Fotos, Poster von Landschaften, Plüschtiere, liebevoller Nippes. Ein leicht süßlicher Duft, der die Luft hier drin erfüllte und den Methos als Parfum identifizierte. In angenehmen Chaos lagen Klamotten verstreut herum, dazwischen Bücher, eine große Schachtel Pralinen neben dem Bett, aus dem sie wohl eben gerade aufgestanden war. Er drehte sich um und begegnete dem prüfenden Blick der jungen Frau, die die Tür wieder geschlossen hatte. Sie wartete. "Sie wissen, weswegen ich hier bin?" "Wohl kaum, um sich die Zukunft voraussagen zu lassen." erwiderte sie ein bißchen spitz. Sie schwang sich auf ihr Bett und kreuzte die Beine. Etwas ratlos ließ Methos sich ihr gegenüber auf der Matratze nieder. Er wußte nicht so recht, wo er anfangen sollte. "Wissen Sie, daß, was Sie gesehen haben, war nicht so, wie Sie vielleicht denken..." Verdammt, was redete er hier nur für einen Unsinn??? Er sah es ihr an: sie grinste. Auch sie fand, daß er Quatsch laberte! "So, so, Sie wollen mir also erzählen, Sie haben diesen Mann gar nicht umgebracht und... ich habe mir das alles nur eingebildet?" hakte sie lächelnd nach. "Ja... Nein... Natürlich nicht. Sie wissen, was Sie gesehen haben. Aber.... Shit, es ist so schwer zu erklären!" Aufgebracht fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare und handelte sich damit einen mitleidigen Blick von ihr ein. "Warum versuchen Sie es nicht mal mit der Wahrheit?" "Weil Sie die gar nicht hören wollen!" "Geben Sie mir eine Chance, Mister. Ich höre Ihnen gerne zu." "Ich... kann nicht...." Sanft legte Melissa ihre Hand auf die des Mannes und es durchzuckte sie wie ein Blitz. Aus weit aufgerissenen Augen starrte sie den Besucher an, sah ihn jedoch nicht. Ihre Pupillen waren verengt und irgendwie wirkte sie wie in einer anderen Dimension. Methos wagte nicht, sich zu bewegen. Er saß nur da und hielt ganz still. Was immer sie da auch tat, es war ihm unheimlich. Ihr stockendes Wispern durchbrach die Stille, die in dem kleinen Wohnwagen herrschte und jedes Wort brannte sich in Methos' Gedächtnis fest: "Ich... sehe.... Männer... Vier sind es. Sie ... tragen merkwürdige Kleidung. Drei sind in Schwarz gekleidet, einer in Weiß. Ich kann ihre Gesichter nicht erkennen: sie tragen Masken...." Ihre Finger preßten sich stärker um sein Handgelenk, als sie weitersprach. "Es ist... einer sind Sie!" stieß sie staunend hervor. Dann, ruhiger: "Das Kreuz... Ich sehe eine Flagge mit einem Kreuz.... Das Land... es ist Rot vom Blut der Unschuldigen...." Melissa japste nach Luft, als hätte sie sich verbrannt, ließ sie seine Hand los und fuhr von ihm zurück. Schweiß stand ihr auf der Stirn, den sie mit einer matten Bewegung fortwischte. Nur langsam beruhigte sie sich wieder, ihr Atem normalisierte sich und ihre Pupillen sahen wieder ganz normal aus. Methos kam sie sehr suspekt vor. Dabei hatte sie mit dem, was sie gesagt hatte, richtig gelegen: die Reiter der Apokalypse, der erste Kreuzzug, der einzige Krieg, bei dem er unter der Flagge des Kreuzes gekämpft hatte, die Unschuldigen, die bei diesem Krieg gestorben waren.... Alles entsprach den Tatsachen. Woher wußte sie das alles? Jetzt angelte sie nach einer Flasche Wasser, die neben dem Bett stand, und nahm einen tiefen Schluck. Fest sah der Mann sie an. "Sie... können es wirklich, hm?" "Was meinen Sie?" murmelte sie erschöpft. "Hellsehen und solche Sachen?!" Sie grinste belustigt. "Ja, wahrscheinlich kann ich hellsehen und solche Sachen." erwiderte sie glucksend. Dann wurde ihre Miene wieder ernst. "Sie sind anders als alle anderen. Ich kann es nicht sagen, aber ich fühle es. Sagen Sie es mir: wie können Sie in antiker Zeit Angst und Schrecken verbreiten und jetzt immer noch leben?" Methos sah sie lange an. Er dachte darüber nach, ob er ihr trauen konnte. Ob er ihr alles erzählen durfte. Über sich, über die anderen, über ihr Leben und Trachten. "Können Sie auch Zaubern?" fragte er statt einer Antwort. Melissa zuckte mit den Schultern. "Ich würde es nicht als Zaubern bezeichnen. Eher... als Entscheidungshilfe." Sie grinste frech. "Wollen Sie eine Kostprobe?" "Nein, nein!" wehrte Methos erschrocken ab. So genau wollte er es dann doch nicht wissen! Obwohl ein kleiner Teil von ihm immer noch dachte, daß es sich um billigen Humbug handelte. Die junge Frau lachte hell auf. Sie hatte den Besucher durchschaut und seine Ausrede auch. - Er belustigte sie. "Ich kann nicht eher sterben, bis man mich enthauptet." sagte er dann leise und sah sie gespannt an, wartete auf eine Reaktion, wie sie seine Worte aufnahm. Sie sah nachdenklich aus, als überlegte sie, ob sie es glauben sollte oder nicht. Dann hob sie ihren Blick und die graugrünen Augen sahen ihn sinnend an. "Der Mann am Pier... War er wie Sie?" Methos nickte. "Das heißt, daß es noch andere von Ihnen gibt. Wieso töten Sie sich?" "Weil es am Ende nur einen geben kann....."
* * *
Der Kieselstein sprang über das Wasser: einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, dann ging er unter. "Nicht schlecht." bemerkte Methos anerkennend. "Doch, es war schlecht. Als ich klein war, hab ich es locker auf zehnmal gebracht. Ich bin wohl aus der Übung." erwiderte Melissa trocken. Sie waren im Park spazieren gegangen, weil die junge Frau erst mal über all die Dinge nachdenken mußte, die Adam ihr erzählt hatte. Er hatte ihr auch gesagt, daß er Methos heiße, aber Adam als Pseudonym benutze und sie hatten sich darauf geeinigt, es bei Adam zu belassen. Unsterbliche, Beobachter, Zusammenkunft,... Melissa schwirrte der Kopf von den vielen Eindrücken, die auf sie hereinstürzten. Sie fühlte, daß er sie nicht anlog, und das machte ihr eigentlich noch mehr Angst. Sie war Zigeunerin, sie war aufgewachsen mit Märchen, Mythen und Legenden, doch noch nie war etwas geschehen, daß sie ihnen Glauben geschenkt hätte. Und jetzt stand jemand vor ihr und erzählte frank und frei, er habe Cäsar gekannt, habe Entstehung und Niedergang ganzer Kulturen erlebt und ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu glauben. Sie hatte geglaubt, ein Spaziergang an der frischen Luft würde Klarheit in ihre Gedanken bringen, doch das hatte sich als Trugschluß erwiesen. Trotzdem genoß sie die Gegenwart von Adam. Er war witzig und charmant, mit einem ganz besonderen Sinn für Humor, der sie erfrischte und sie immer wieder zum Lachen brachte. Nein, sie hatte keine Angst mehr vor ihm. Sie empfand so etwas wie Zuneigung zu ihm. Und außerdem war er ja auch ein sehr ansehnlicher Mann, dem gewiß die Frauen in Scharen hinterher liefen.... "Wie ist das Leben so als Zigeunerin? Immer noch so wie früher?" erkundigte er sich nebenbei. "Wie war es denn früher?" Melissa hob die schmalen Schultern und ließ sie wieder sinken. "Ja, wie soll es sein? Voller Vorurteile halt. Man hält Zigeuner immer noch für Zauberer, die andere mit bösen Flüchen belegen und nur Unglück bringen und stehlen wie die Raben. Kennen Sie die Legende von den Skinwalkern? Uns hält man auch dafür. Verrückt, nicht wahr? Aber wehe, man braucht einen Liebeszauber oder hat einen untreuen Ehemann... Dann sind wir gut genug für Hokuspokus." "Hört sich ziemlich frustriert an." stellte er sachlich fest. Sie nickte seufzend. "Ja, ist es auch." Sie lachte leise auf. "Manchmal wünsche ich mir, doch ein Skinwalker zu sein, um... Ach, das ist ja alles Unfug!" Sie lachte ihren Begleiter fröhlich an. "Wie ist es, Adam: haben Sie Lust, mit mir ein wenig über den Rummel zu schlüren und ein paar Fahrgeschäfte unsicher zu machen? Aber ich warne Sie: ich bin gnadenlos, sitze ich erstmal in so einem Ding drin!" Ihre graugrünen Augen blitzten fröhlich auf und Methos konnte sich dem Zauber dieser kleinen Person kaum entziehen. Hielt man sie deshalb für eine Zauberin? Mittlerweile hatte er herausgefunden, daß Melissa wenigstens so etwas wie einen sechsten Sinn besitzen mußte. Sie hatte Visionen, schemenhaft zwar, aber deutlich genug, um sie benennen zu können. Ihm war es immer noch etwas unheimlich, daß sie so viel über ihn sagen konnte, bloß, weil sie seine Hand hielt. Und alles, was sie sagte, traf genau ins Schwarze. Da mußte selbst einem Aufgeklärten, wie er einer war, schummerig werden! Na, mal sehen, was für eine rationale Erklärung der Highlander dafür parat hatte! Schmunzelnd nahm er Melissas Angebot an und verbrachte einen vergnüglichen Nachmittag auf dem Rummel, den er so schnell nicht vergessen würde.
* * *
"Und? Wie war deine Aussprache mit dieser... Wie heißt sie eigentlich?"
Amanda strich sich ziemlich desinteressiert Honig auf ihr Brötchen und biß herzhaft hinein. Kauend heftete sie ihren Blick auf den ältesten aller Unsterblichen, der heute morgen wieder mit gewohnt gesundem Appetit zuschlug. "Ihr Name ist Melissa und wir haben uns sehr gut miteinander verstanden." "Oooh, Melissa..." Bedeutsam ließ Amanda den Namen der anderen von den Lippen gleiten und ihre Augen stachelten den Älteren auf. "Heißt das, ihr duzt euch schon? Erzähl mal, was für ein Parfum benutzt sie?" "Casmir." erwiderte Methos unwirsch, bis er sich bewußt wurde, was er gerade gesagt hatte und auch schon das anzügliche Grinsen der Meisterdiebin sah. Ärgerlich winkte er ab. "Es ist nicht so, wie du es gerne sehen willst! Sie ist ein netter Kerl, wir haben uns lange unterhalten und waren danach noch auf dem Rummel. Sie ist okay!" "Aha. Okay. Ja, wenn das so ist..." Amanda ließ keinen Zweifel aufkommen, was sie wirklich dachte und das ärgerte Methos nur noch mehr. "Und wie seid ihr jetzt verblieben? Ich meine wegen der ...Sache." Seelenruhig schenkte Methos sich Kaffee nach, vergaß galanterweise auch die beiden anderen nicht und stellte dann die Kanne wieder ab. "Gestorben.... Übrigens treffen wir uns nachher noch mal. Sie wollte mir einige Bücher zum Thema Tarot zeigen und mir sagen, wo man sie beziehen kann. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr ja mitkommen!?"
Tief in seinem Inneren hoffte der alte Mann jedoch, daß die beiden ablehnen würden, mangels Interesse. Es würde bestimmt ein interessanter Tag mit Melissa werden. Sie lagen irgendwie auf der gleichen Wellenlänge und brauchten nicht unbedingt Worte, um sich zu verstehen. Es war richtig cool gewesen, gestern mit ihr herumzualbern, kleinen Kindern gleich. Ihm war nicht entgangen, daß viele Schausteller Interesse an dem Mädchen zeigten, aber auch nicht, daß sie es nicht erwiderte. Überall hatten sie gleich durchgehen können, ohne die langen Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Als sie in der Riesenschaukel gewesen waren und diese hoch oben in der Luft stehen blieb und sie die Aussicht auf die Stadt genossen, hatte Melissa ihre Arme weit ausgebreitet und gejauchzt vor Freude. Lachend hatte Methos sie gefragt, welches Tier sie denn sein wollte, hätte sie die Wahl und sei ein Skinwalker. Sie hatte ihm ihr Gesicht zugewandt, gerötete Wangen, leuchtende Augen und ein fröhliches Lachen auf den Lippen: "Das Tier, das meinem Charakter entspricht. Ich weiß nicht... Ein Falke vielleicht, klein und wendig, anpassungsfähig. Oder ein majestätischer Adler, der sich hoch in die Lüfte schwingt und blasiert auf die Erde runter blickt, um sich über sie lustig zu machen. Der König der Lüfte!... Und Sie?" "Ich weiß nicht." hatte er zurückhaltend erwidert. "Ich habe Bücher über das Thema. Kommen Sie doch mal rum, ich zeige sie Ihnen. Wir finden schon das richtige für Sie! Obwohl,... Es gibt keine Skinwalker, Adam. Das sind alles nur Märchen, die man kleinen Kindern erzählt, um sie artig zu halten. Eine Legende, mehr nicht."
"Nein danke, ohne mich!" lehnte Amanda denn auch sofort ab. "Du hast doch wohl nicht vergessen, daß wir nur noch heute da sind und morgen vormittag wieder abreisen? Nein? Gut. Dann gewöhn dich also nicht zu sehr an dein Püppchen. Ach bitte, laß es! An diesem Tisch bist du wohl auch der einzige, der an das Märchen "nettes Mädchen, mehr nicht" glaubt! Oder, Duncan? Mac! Hallo! Erde an MacLeod! Jemand zu Hause?" Genervt wedelte die Frau mit der Hand vor dem Gesicht des Schotten herum, bis der erschrocken zusammenfuhr. Er hatte mit seinen Gedanken weit weg geweilt und sich gefragt, was wohl Richie und Joe ohne seine Anwesenheit wieder anstellen würden. Ob er wohl mal zuhause anrufen sollte, um nach dem rechten zu schauen? Von der Unterhaltung der beiden anderen hatte er nicht viel mitbekommen, gerade mal so viel, daß Methos wohl aus dem Schneider war. Warum und wieso war ihm entgangen, aber das war ja eigentlich auch unwichtig. Hauptsache war doch, daß sie nicht schon wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerieten und so unnötige Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aber wie viel Glauben würde man wohl der Aussage einer labilen Zigeunerin schenken, von der behauptet wurde, sie habe das zweite Gesicht? Nicht allzuviel, würde er mal behaupten. "Was? Hast du mit mir gesprochen?" "Ach, Mac, du bist hoffnungslos!" schimpfte Amanda ihn aus. "Wahrscheinlich hast du eben darüber nachgedacht, wie Joe und Richie wohl ohne dich überleben werden, stimmt's?! Mein Gott, das sind beides erwachsene Männer und... He, kannst du Methos mal ins Gewissen reden wegen seiner neusten Eroberung? Ich glaube, der alte Mann dreht langsam durch. Er faselt die ganze Zeit von gleichen Wellenlängen und Kumpel und so was. Wie wär's mal mit einem Gespräch so von Mann zu Mann, hm?" Verärgert warf Methos seine Serviette auf den Tisch und stand abrupt auf. Er murmelte zwischen zusammengebissenen Zähnen etwas, das sich anhörte wie "Ihr könnt mich mal!" und stürmte hinaus. - Wahrscheinlich dem Rummel zu und damit auch zu seiner neuen, kleinen Freundin. Amanda grinste frech. Sie hatte es dem alten Mann immer noch nicht verziehen, daß er sie einmal hatte abblitzen lassen und sich statt mit ihr, lieber mit Rebecca vergnügt hatte. Und jedesmal, wenn sie es bei ihm versuchte, gab es für sie wieder einen Korb! Es war doch zum Verrücktwerden! Und jetzt erwartete er allen Ernstes, daß sie ihm gratulierte, weil er eine angebaggert hatte? Also wirklich, er sollte sie doch eigentlich besser kennen....
* * *
"Guten Morgen, Melissa." Überrascht von diesem frühen Besuch schaute die junge Frau auf und lachte den Besucher fröhlich an. "Guten Morgen, Adam. So früh schon auf den Beinen? Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir! Leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft!" Methos ließ sich dem Mädchen gegenüber nieder und beobachtete sie dabei, wie sie kleine Steinchen in bunt bestickte Säckchen füllte, diese sorgfältig zuschnürte und auf einen großen Berg schon fertiger Säckchen legte. Wenn man sich das Stickmuster so ansah, konnte man den Eindruck gewinnen, daß es sich um mystische Zeichen handeln mußte. Er selber hatte diese Zeichen noch nie in seinem Leben gesehen und konnte sie nicht lesen. "Was ist das?" "Das da?" Melissa deutete achtlos auf die Säckchen neben sich und legte gleich noch eins dazu. "Das sind Glücksbringer. Sie verkaufen sich gut auf dem Rummel. Die Leute sind wie toll dahinter her. Tja, früher war es die Hasenpfote, jetzt sind es die Glücksamulette und Fetische, die neue Kräfte beinhalten." Kritisch nahm Methos einen der Steine zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt ihn hoch und beäugte ihn mißtrauisch von allen Seiten. Endlich legte er ihn zurück. "Für mich sieht er aus wie ein ganz normaler Stein." bemerkte er. "Es ist ein ganz normaler Stein." klärte die Zigeunerin den Mann schmunzelnd auf. Und bevor er was sagen konnte, fuhr sie auch schon fort: "Sehen Sie, Adam, das ist so: der Mensch an sich ist abergläubisch. Er denkt, er braucht einen Glücksbringer, damit ihm das eine oder andere gelingt. Das sind hauptsächlich Menschen, denen es an Selbstvertrauen fehlt. Früher hatte man, wie gesagt, die Hasenpfote. Oder ein Hufeisen. Heute besinnt man sich auf alte Künste und auf die Gabe der Zigeuner. Sie verlangen von uns etwas, das ihnen Glück verheißt. Das hier..." Verächtlich hielt sie einen Stein hoch. "... ist ein ganz gewöhnlicher Kiesel. Aber was glauben Sie, wie viele Menschen zu mir kommen und mir erzählen, daß der von mir gesegnete Talisman ihnen Glück brachte!? Allein der Glaube versetzt Berge. Nicht der Bannspruch der Zigeunerin, nicht Gott, nicht die Geister, die ich beschwöre. Allein der Glaube eines jeden einzelnen. Und dafür sind sie bereit, Unmengen von Geld auszugeben. Ein findiger Geschäftsmann wüßte das auszunutzen. - Und bei uns gibt es das Glück für nur Einen Dollar Fünfzig fast geschenkt." Ihre klaren Augen blickten den Unsterblichen herausfordernd an. "Halten sie das moralisch für verwerflich?" "Nein. Ich denke nur, daß man mehr verlangen könnte." Melissa lachte hell auf. Ein Mann, ein Wort! Dieser Kerl war einfach unglaublich! Ob er eine Freundin hatte...? Ach was! Unwillig schüttelte sie den Kopf. Der Fremde würde bald ihren Weg wieder verlassen, das spürte sie, und ob sich ihre Wege jemals wieder kreuzen würden, das mochten allein die Gestirne wissen. Schade eigentlich!, bedauerte sie insgeheim....
* * *
Die beiden hatten sich einen wunderschönen Tag gemacht und waren durch die ganze Stadt gelaufen, hatten Schaufenster bestaunt, Eis gegessen, sich prächtig miteinander amüsiert und nun schlenderten sie gemächlich im kaum frequentierten Stadtpark am See entlang. Methos genoß ihre Nähe. Sie war humorvoll und schlagfertig und es gab nicht einen Augenblick mit ihr, der langweilig wurde. Stets hatten sie ein Thema, über das sie sprechen konnten, und meist kamen sie aus dem Lachen nicht mehr heraus. Sie lauschte andächtig seinen Worten, wenn er einmal eine kleine Episode aus seinem früheren Leben erzählte und würzte sie mit gespickten Kommentaren, die es zwar immer in sich hatten, aber nie böse gemeint waren. Ja, sie amüsierten sich "klassisch", wie Melissa es nannte. Trotzdem kam er nicht auf das zu sprechen, worauf sie wartete und deshalb schnitt sie das Thema selber an: "Sie werden bald wieder abreisen, nicht wahr?" "Können Sie doch hellsehen?" Methos setzte sich auf eine Bank und wartete, bis sie es ihm gleichgetan hatte. Er haderte schon die ganze Zeit mit sich. Zu gerne würde er noch ein paar Tage hier bleiben. Er sah für sich die Möglichkeit, etwas zu erlernen, wovon er keinen Begriff hatte. Melissa zeigte ihm ganz selbstverständlich, daß Magie und Zauberei zum täglichen Leben gehörten. Noch nie war er damit in Berührung gekommen und verspürte eine ungezähmte Neugierde, Einsicht in diese Geheimnisse zu bekommen. - Wenn sie es ihm erlaubte.... "Nein, ich fühle es. Sie sind so anders. Etwas bedrückt Sie. Man muß nicht hellsehen können, um das zu sehen." Sie lächelte schwach. Zwischen ihren Fingern drehte sie einen Grashalm, den sie angestrengt dabei beobachtete, wie er sich zwirbelte, bevor sie ihn wieder entwirrte, um ihn dann wieder aufzudrehen, diesmal jedoch in die andere Richtung. Tja, das war er wohl: der Augenblick, an dem man Abschied nehmen sollte. Wie stellte man es jetzt an? Wie in einem großen Melodram: "Weine nicht um mich, Kleines. Lächele, wenn ich dich verlasse!", cool und lässig wie Humphery Bogart in "Casablanca"? Oder eher wie in einem Hollywood-Schinken: "Ich werde dich nie vergessen und auf ewig lieben, auch wenn wir uns niemals wiedersehen!", so mit viel Tränen und Liebesschwüren und so? Nein, auch nicht so ganz das, was er suchte. Etwas klassisches: "So leb denn wohl und erinnere dich an mich!"? Oh Goodness, bloß nicht! Oder etwas humoriges oder... "Wir fahren morgen wieder ab." Nicht gerade sehr einfallsreich, alter Mann!, schalt er sich selber in Gedanken. Melissa nickte knapp. "Ich weiß." Jetzt sah sie auf und grinste ihn an. "Ich hatte mich eigentlich darauf gefreut, Ihnen eine Kostprobe meiner Kunst zu zeigen. Aber dafür braucht es besondere Umstände und die haben wir im Moment nicht. Schade. Aber wer weiß? Wir sind viel unterwegs und vielleicht treffen wir uns ja mal wieder?" Methos lachte, obwohl ihm eigentlich nicht so sehr danach zumute war. "Nein, danke. Ich glaube, ich..."
Er brach ab und fuhr von der harten Bank hoch. Seine Augen suchten ein wenig beunruhigt die Gegend ab, ohne jedoch den Grund seiner Unruhe zu finden. Dabei fühlte er die Gegenwart des anderen genau! Und es waren weder Amanda, noch MacLeod! Er war sich sicher, daß man sie beobachtete, fast konnte er es körperlich spüren. War der Fremde von vorgestern nicht alleine gewesen? Oder ein anderer, der zufällig in der Gegend weilte und ihn aufgestöbert hatte, während er hier mit Melissa saß und plauderte? Egal, er mußte hier weg! Sanft berührte er Melissa an der Schulter, die ihn aufmerksam beobachtete. "Kommen Sie, gehen wir." "Ist was nicht in Ordnung?" "Nichts, was nicht in Ordnung zu bringen wäre. Beeilen Sie sich!"
Ein wenig befremdet über sein merkwürdiges Betragen folgte Melissa dem Unsterblichen gehorsam, auch wenn ihr der Grund für sein komisches Verhalten verborgen blieb. Fast ein bißchen zu eilig suchte Methos mit ihr wieder mehr besuchte Straßen auf, wo er sich einigermaßen sicher fühlte. Hier würde der andere ihn nicht angreifen! Die Gefahr, beobachtet zu werden, wäre einfach zu groß. Zwar war ihm deshalb nicht wohler, doch atmete er ein wenig freier und versuchte zu dem heiteren Plauderton zurück zu finden, den sie vor dieser Episode auf Lager gehabt hatten. Es gelang ihm nicht. Melissa spürte, daß etwas nicht in Ordnung war und daß sein Verhalten sie kränkte. So war es nicht wirklich verwunderlich, daß beide recht froh waren, als sie sich verabschiedeten. "Ich komme heute Abend noch einmal vorbei und... Bis dann, Melissa. Geben Sie auf sich Acht!"
Sie runzelte nur die Stirn, erwiderte jedoch nichts und drehte sich einfach nur um und ging. Methos sah ihr noch einen Augenblick nach, dann sah er zu, daß er sich in entgegengesetzter Richtung absetzte. Aufmerksam äugte er umher, schaffte es aber unbehelligt, ins Hotel zu kommen. Gar nicht allzuweit von ihm entfernt, jedoch weit genug weg, daß der fremde Unsterbliche ihn nicht spüren konnte, beobachtete ein weiterer Unsterblicher ihn, wie er ins Hotel stürzte und darin verschwand. Der Fremde grinste....
* * *
"Glaubst du, daß es eine gute Idee ist, jetzt noch einmal hinzugehen? Was, wenn der andere nur darauf wartet? Methos, es wäre doch durchaus möglich..." "Mac, ich bin nicht so ganz ohne mein Zutun so alt geworden. Und außerdem habe ich es ihr versprochen! Verstehst du das nicht? Ich KANN sie nicht enttäuschen!"
Methos und Duncan wanderten abwechselnd unruhig auf und ab und redeten sich die Köpfe heiß, ob es nun ratsam sei, daß Methos noch einmal Melissa besuchte oder nicht. Wenn dieser andere Unsterbliche auf seinen Kopf aus war - und das war ja todsicher! - dann wäre es ein idiotischer Fehler und die Welt konnte ruckzuck einen Unsterblichen ärmer sein. Und den Ältesten von ihnen erst recht! Methos war einfach schon zu lange aus dem Spiel raus gewesen, als daß er einen wirklich guter Kämpfer darstellte. Oder eine ernsthafte Gefahr für einen anderen erprobten Kämpfer. Mac wollte seinen Freund nicht verlieren, ihm aber auf der anderen Seite auch nicht in seine Entscheidungen rein reden. Er fühlte sich in einer Zwickmühle und hoffte einfach, daß sich das Problem von alleine löste. Es war Amanda, die sich praktisch einmischte: "Wieso begleiten wir ihn nicht einfach? So ein amüsanter Abend auf dem Rummel wäre doch was. Als Abschluß für eine gelungene Woche, sozusagen." Methos war noch weniger als gar nicht begeistert von diesem Einfall. "Haltet ihr mich für einen Schwächling oder was? Ich kann auf mich selber aufpassen und brauche eure Babysitter-Dienste nicht!" giftete er böse. "Ich habe mehr von unserer Sorte getötet als ihr beide zusammen und..." "Und wenn du noch lauter brüllst, wird es bald die ganze Stadt wissen, mein Lieber." unterbrach Amanda seinen Ausfall kühl und ihre Augen warnten den alten Mann vor weiteren Kostproben seiner Stimmgewalt. Geziert strich sie sich eine Strähne des kurzen, blonden Haares hinter das Ohr und blickte unschuldig zur Decke. "Niemand wird dich davon abhalten, dein Püppchen zu besuchen, Methos. Und wenn Mac und ich zufällig auf dem Rummel sein sollten,... Tja, dies ist ein freies Land. Wer sollte uns das verbieten wollen?" Schwungvoll stand sie auf und strich sich mit beiden Händen Hose und Bluse glatt. Herausfordernd blickte sie den älteren an, aber der schwieg verbissen. Mochte ja sein, daß er ihnen nicht verbieten konnte, sich in seiner Nähe aufzuhalten, aber er konnte dafür sorgen, daß sie seine Nähe so schnell nicht ausfindig machen konnten! Und brüsk wandte er sich ab und stürmte aus dem Zimmer, in die Lobby hinunter, aus dem Hotel und verschwand wie ein dunkler Spuk in der Nacht. Nachdenklich sah Mac ihm nach. Er hatte da ein ganz mulmiges Gefühl....
* * *
Ein bißchen außer Atem kam Methos auf dem Rummel an und sah sich gleich nach Melissa um. Es war schon dunkel und hier war die Hölle los! Als wären die ganzen umliegenden Orte nur darauf aus gewesen, sich hier zu treffen, um sich den Abend zu vertreiben. Der alte Mann kämpfte sich durch die Menschenmassen und suchte mit den Augen nach der schlanken Erscheinung seiner Bekannten. Teufel, ich würde sie nicht mal sehen, wenn sie direkt neben mir hergehen würde!, schimpfte er in Gedanken und schob sich weiter. Mütter mit plärrenden Kindern bahnten sich rücksichtslos ihren Weg durch die Leute, angetrunkene Jugendliche schwankten an ihm vorbei, schrilles Lachen und lautes Rufen erfüllte die Luft, heizten sie auf und machten das Atmen schwer. Die unterschiedlichsten Gerüche wehten ihm um die Nase und verursachten ihm Übelkeit. Ein kaltes Bier, das wäre jetzt genau das richtige!
Ein Kribbeln erreichte ihn und ließ ihn ruckartig den Kopf heben. Suchend sah er sich um, diesmal allerdings nicht wegen Melissa. Trotzdem sah er sie: sie stand bei einem Mann, der ihm sehr bekannt war, und nickte, während der Kerl auf sie einredete. Melissa drehte Methos den Rücken zu, so daß sie ihn nicht sehen konnte, und auch sein entsetztes Geischt nicht sah, als sie sich nun von dem Fremden beim Arm nehmen ließ und ihm folgte, in einen dunkleren, abgelegeneren Teil des Rummels. Methos keuchte schwer. Southern! Er hatte gehofft, dieser Bastard hätte schon längst das Zeitliche gesegnet! Vor gut 150 Jahren waren sie sich begegnet, hatten sich auf Anhieb gut verstanden, bis Donald Southern versucht hatte, sich Methos' Kopfes zu bemächtigen, als der einmal zu betrunken gewesen war, um sich wirklich ernsthaft zu wehren. Allerdings wäre Methos nicht Death, wüßte er sich seiner Haut nicht zu wehren, und sei er noch so betrunken! Und wenn Death in ihm erwachte, dann waren die Chancen für einen Sieg für den anderen schlecht. Sehr schlecht sogar! Wieso ging Melissa mit diesem Kerl, wo sie ihn doch berührt hatte und genau wissen mußte, daß er anders war als sie? Jetzt wandte Southern sein Gesicht noch einmal zu Methos um und grinste ihn fies an. In Methos machte sich etwas breit, was er nicht so genau definieren konnte. Es war keine Angst. Zumindest nicht um sich. Es war, als packe eine eiskalte Klaue sein Herz und presse es zusammen. Ihm wurde heiß und kalt. Er wollte Melissa anrufen, aber er blieb stumm. Und mit einem Mal kam ihm die Erkenntnis: sie wußte es! Es mußte irgendetwas geben, was Southern hatte und für das Mädchen wichtig war, sonst würde sie sich nicht mit ihm abgeben. Was war das? Plötzlich fiel ihm auf, daß nicht einer der Ilmanovs da war, um seine Kunst unter Beweis zu stellen! Was hatte das zu bedeuten?
Methos seufzte schwer auf, als er einsah, daß ihm keine andere Möglichkeit blieb, als den beiden zu folgen. Er würde es schon noch früh genug herausfinden, dessen war er sich sicher. So sicher, wie sein Schwert Southerns Kopf von den Schultern trennen würde, sollte der es wagen, Melissa etwas anzutun! Schleppenden Schrittes folgte Methos den beiden. Es wurde dunkel um ihn herum und die Geräuschkulisse des Rummels entfernte sich immer weiter von ihnen. Er folgte ihnen durch einen kleinen Hain, zu der dahinter liegenden Wiese, wo Donald ihn erwartete! Mit geheuchelter Freude breitete der andere seine Arme weit aus und machte einen Schritt auf Methos zu. "Ben, alter Freund! Wie schön, dich wiederzusehen! Wie ich sehe, erfreust du dich bester Gesundheit." Methos scharfe Augen hatten die zusammengedrängten Ilmanovs hinter dem Unsterblichen ausgemacht und Melissa, die ihnen interessiert zusah, während sie gleichzeitig bemüht war, ihre Leute und vor allem die Kinder zu beruhigen. Es ging ihnen gut, Gott sei Dank! Kalt musterte Methos den jüngeren, als er mit ausdruckslosem sein Schwert aus dem Mantel zog. Donald grinste böse. "Komm, Freund, laß uns ein Geschäft machen: ein Fight, nur du und ich. Gewinnst du, ist alles klar. Gewinne ich, töte ich diese elendigen Zigeuner und nehme mir deine kleine Freundin zur Brust, bevor ich sie zur Hölle schicke. Na, ist das ein faires Angebot?!" Methos' Blicke kreuzten sich über Donalds Kopf mit denen von Melissa. Sie nickte knapp und ihm wurde viel ruhiger zumute, als er es sah. Schweigend nickte er und hob seine Klinge an. Hart lachte Southern auf und schwang schon mal siegessicher sein Schwert, als er lässig auf Methos zu schlenderte und sich ihm gegenüber in Position stellte. Er war sich so sicher, dieses Mal den Kopf des anderen zu bekommen, daß er eine Niederlage gar nicht erst in Betracht zog. Und außerdem winkte ihm als Preis ja noch die kleine Zigeunerin, mit der Methos so charmant rumgeturtelt hatte!
Melissa beobachtete den Zweikampf mit gemischten Gefühlen. Methos war nicht so gut wie der andere und kam trotz energischen Wehrens in die Defensive. Ihre Leute verteilten sich schweigend hinter ihrem Rücken und sahen mit ihr diesem Schauspiel zu, das sich ihnen bot. Die Gesichter waren unbewegt. Sie alle hatten die Drohung mitbekommen, die Southern ausgestoßen hatte. Er hatte sich am Nachmittag die Kinder ihrer Sippe geholt und sie gezwungen, sich ihm auszuliefern, wollten sie die Kleinen gesund wiedersehen. Zu guter letzt hatte ihm nur noch sein großer Trumpf gefehlt: Melissa! Nun waren sie alle hier und beobachteten einen Zweikampf zwischen zwei Fabelwesen, die es sonst nur in ihren Legenden gab. Melissa holte tief Luft, als sie sah, wie Methos ins Rutschen kam auf dem feuchten Gras. Er schlitterte kurz, verlor dann das Gleichgewicht und stürzte. Donald nutzte diese einmalige Chance und bohrte sein Schwert in den Arm, den Methos zum Kämpfen benutzte. Sofort ließ der sein Schwert los, das Southern wegkickte und dann triumphierend um ihn herum tänzelte. "Das war's dann wohl, Freund!" lachte er schadenfroh. "Du bist nicht mal in der Lage, deine kleine Schlampe zu beschützen, geschweige denn, dein eigenes Leben zu retten. Wie hast du nur so lange überlebt?" Schweißgebadet blickte Methos hoch. Der Schock über die Verwundung machte sich in ihm breit: er war kalkweiß im Gesicht und zum kalten Schweiß kam nun auch noch das unkontrollierte Zittern, das ihn schüttelte. Schluß! Aus! Vorbei! Du hättest auf Mac hören sollen!, schoß es ihm durch den Kopf. Seine Augen irrten an Donald vorbei und suchten Melissa, um sie für sein Versagen um Verzeihung zu bitten. Er begegnete ihrem Blick und glaubte, zu halluzinieren: in ihren Augen leuchtete es wie Feuer. Der Wind fuhr ihr durch das Haar und bauschte es auf. Sie war immer noch dieselbe, aber sie sah ganz anders aus als sonst. Sie sah aus wie... eine Hexe! Mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen starrte er die Zigeunerin an, als habe er noch nie in seinem Leben eine Frau gesehen. Verblüfft von dem Desinteresse, das Methos angesichts seiner Situation aufbrachte, drehte Donald sich nun ebenfalls um und erstarrte. Melissa senkte den Kopf, sie hielt ihre Handgelenke gekreuzt vor dem Körper, bis sie tief Luft holte und Arme und Kopf im gleichen Maß hob, die Augen geschlossen, die offenen Handflächen dem Himmel zugewandt. Und als ihre Arme in der Waagerechten waren, stand da keine Melissa mehr, sondern ein Falke erhob sich mit einem schrillen Schrei in die Luft. Die starren gelben Augen fixierten Southern mit einem Blick, der ihm durch Mark und Bein ging. Das leichte Flügelschlagen, das die Stille der Nacht durchbrach, verursachte ihm eine Gänsehaut, als er fassungslos auf den unheimlichen Vogel starrte, der einmal eine Frau gewesen war.
"Es gibt keine Skinwalker, Adam, das sind alles nur Märchen, die man Kindern erzählt." Zum Teufel, scheinbar waren das doch keine Märchen, denn dieser Vogel war sehr real! Pfeilschnell schoß er auf den Unsterblichen zu, der ihn mit einem hektischen Schlag mit dem Schwert abzuwehren suchte. Der helle Schrei des Falken hörte sich an, als würde er diesen vergeblichen Versuch auslachen, dann flog er einen Bogen und stürzte sich wieder auf den Mann. Methos sah aus den Augenwinkeln, das die Veränderung, die mit Melissa vorgegangen war, sich auch bei den anderen ihrer Sippe wiederfand und sah sich Wildhunden und Greifvögeln gegenüber, die sich auf die beiden Unsterblichen stürzten. Allerdings verschonten sie Methos und bekämpften nur Southern, der sich gegen die Übermacht kaum wehren konnte. Voll ungläubigen Staunens setzte Methos sich im feuchten Gras auf den Hosenboden und beobachtete die Szene einfach nur. Sein Verstand weigerte sich, zu begreifen, was seine Augen ihm signalisierten, trotzdem konnte er sich nicht abwenden. Wäre es nicht er selber gewesen, er hätte wahrscheinlich laut aufgelacht: Federn flogen zu Boden, Hunde knurrten, während sie wie toll an den Armen und Beinen des Unsterblichen hingen, Vögel hackten auf ihn ein,... Es ging zu wie in einem Tollhaus!
Endlich raffte Methos sich auf und erhob sich schwankend. Er kam sich wie betrunken vor, so komisch war ihm zumute. 5000 Jahre! 5000 Jahre, aber so etwas hatte er noch nicht erlebt! Er zweifelte an seinem Verstand. Don schwenkte sein Schwert und traf einen der Vögel, der mit einem klagenden Schrei heftig flatterte und dann am Fuße eines Baumes zu Boden krachte. Mit einem Satz war er bei ihr. "Ist alles in Ordnung?" Melissa lächelte verzerrt. Sie preßte ihre Hand auf ihren Arm, aus dessen Wunde sie stark blutete. Aus einer Platzwunde an der Stirn rann ebenfalls Blut, doch sie nickte. "Ja, mir geht es gut... Du mußt... Wir können ihn nicht ewig..." keuchte sie schwer. Methos nickte stumm und erhob sich, um zu Ende zu bringen, was die Zigeuner angefangen hatten. Wie auf ein unhörbares Signal hin zogen die Tiere sich zurück und ließen die beiden Feinde alleine. Southern war fertig! Methos grinste kalt. Zwar hätte er es lieber gesehen, wenn er es alleine geschafft hätte, aber was für ihn letztendlich zählte, was das Ergebnis. Und das würde Southerns Tod sein! Ungläubig starrte der andere ihn an, er hob noch nicht einmal sein Schwert, als Methos weit ausholte....
Wind kam auf und zerrte an ihm. Das Heulen, das sich in dem Sturm erhob, dröhnte in den Ohren. Die Luft war erfüllt vom Brausen und Toben der Elemente. Nebel kroch über den Boden, vom Leichnam Southerns zu Methos, und kleine, blaue Blitze zuckten in ihnen, die immer größer wurden und in Methos eindrangen, der in einer Wolke aus Licht und Nebel gefangen war. Das Gras um seine Füße entzündete sich und bildete einen Kreis aus Flammen, in dem er stand: die Arme weit nach hinten ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt und er schrie sich die Seele aus dem Leib, als die Erneuerung ihn mit aller Macht traf. Sie peinigte ihn, erfüllte ihn aber auch gleichzeitig mit einem ungeheuren Glücksgefühl, der den Schmerz in den Hintergrund rücken ließ. Als das Quickening langsam abebbte, sank er geschwächt auf die Knie, die Hände über dem Knauf seines Schwertes gefaltet, die heiße Stirn auf die Hände gelegt. Dann fiel ihm etwas ein und er kämpfte sich schwerfällig auf die Beine.
"Wie geht es ihr?" Er kniete sich neben Melissa, die das Bewußtsein verloren hatte, und um die ihre Leute standen wie ein Schutzwall. Sie hatten dem Unsterblichen zugesehen, ohne einzugreifen. Mit eben demselben ausdruckslosen Gesicht, wie sie den Kampf verfolgt hatten, und Methos fragte sich, ob dies wohl die erste Erneuerung gewesen ist, die sie miterlebt haben. Nun nickte einer der jungen Männer, die er als einen ihrer Brüder identifizierte. "Sie wird es überleben." Methos schob seine Arme unter die schmale Gestalt und hob den leichten Körper hoch. Allerdings war er noch zu geschwächt und so nahm ihm jemand die kaum nennenswerte Last ab, zwei stützte ihn und so gingen sie schweigend wieder zu ihren Wohnwagen, wo sie auf den kommenden Morgen warteten.
* * *
Sorgfältig zog Methos das Ende der Binde fest und verknotete es. "Du solltest damit zum Arzt." meinte er, als er sich ein wenig zurücklehnte. Melissa legte ihre Hand auf den Verband, den der ehemalige Arzt ihr angelegt hatte, und lächelte abwehrend. "Wir haben unsere eigene Art, mit solchen Sachen fertig zu werden." erwiderte sie stattdessen ruhig und sank etwas tiefer in die Kissen, die Methos in ihren Rücken gestopft hatte, als man sie in ihrem Wohnwagen abgelegt hatte, wo der Fremde sich um sie kümmern wollte. Sie schloß erschöpft die Augen. Sie mußte Schmerzen haben, aber auf Methos' Frage hin hatte sie ein Schmerzmittel abgelehnt. Methos mußte schmunzeln. "Es gibt keine Skinwalker, hm!?" Mit geschlossenen Augen grinste Melissa etwas verzerrt und fuhr fort: "Das sind nur Märchen, die man kleinen Kindern erzählt." Methos rutschte näher an sie heran und schwang seine langen Beine neben ihr auf die Matratze ihres Mädchenbettes. Er machte es sich in den Kissen so bequem wie möglich und sah die junge Frau offen an. "So wie ich das sehe, haben wir beide unsere Geheimnisse." stellte er sachlich fest. "Und das ist auch gut so." Melissa öffnete ihre Augen und sah Methos an, der ihren Blick fragend erwiderte. "Wieso?" wollte er wissen. "Weil die Menschen noch nicht bereit für die Wahrheit sind. Glaubst du, sie werden es so einfach hinnehmen, daß es welche gibt, die ewig leben? Oder daß es welche gibt, die die Mächte beherrschen? Sie würden sich fürchten und uns mit ihrem Haß verfolgen. So sieht es doch aus. Geheimnisse sind da gut, wo sie hingehören. So wie meine Kräfte meine Sippe beschützen, so sollte dein Wissen den Leuten deiner Art verborgen bleiben. Das Feuer in dir würde sie verbrennen, glaub mir." Melissa wurde sich gar nicht bewußt, daß sie Methos duzte, aber ihm war es auch egal. Er hörte ihre Worte und fühlte, wie sie in ihn einsanken und dort ein Echo hervorriefen, wie er es schon lange nicht mehr gehört hatte. Entmutigt winkte er ab. "Mein Feuer? Mein Feuer ist schon vor langer Zeit erloschen. Da, wo es mal war, ist jetzt nur noch Asche." Melissa stupste ihn mit der Fußspitze in die Seite. "Komm doch mal hoch, Mensch! Du sitzt so weit weg!" schimpfte sie halbherzig und Methos drehte sich auf der Matratze um und fläzte sich dann neben sie. Sanft nahm Melissa seine Hand und legte ihren Zeigefinger auf einen Punkt seiner Lebenslinie. "Vielleicht ist es dir nur einfach zu vertraut, als daß du es noch merkst?" flüsterte sie und ihn durchfuhr es wie ein elektrischer Schlag, da, wo sie ihn berührte. Vor seinem Geist stiegen Bilder auf, die er schon lange vergessen geglaubt hatte. Schöne und weniger schöne, Bilder voller Wut und Trauer, Bilder erfüllt von Licht und Glück, - Bilder seines Lebens. Sie entstiegen den hintersten Winkeln seiner Erinnerung und erwachten zu neuem Leben, indem sie ihm vor Augen führten, wer er war. - Wer er ist! Und dann fühlte er es: das brennende Verlangen in seinem Innersten. Er war immer noch Methos. Er war Held und Feigling gewesen, Herrscher und Beherrschter, Meister und Sklave, Lehrer und Schüler. Er war der Tod auf dem Rücken eines Pferdes und derjenige, der Leben brachte, schützte und gab. Er war ... METHOS, der älteste der Unsterblichen. Nicht mehr und nicht weniger.....
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