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Niemals mehr

© by Birgitt ()

 

Disclaimer: Die Rechte an dieser Serie gehören nicht mir. Ich verdiene mit dieser Story kein Geld
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) unter diverse Serien.

 

28. Februar
23.17 Uhr

 

Bernstein trommelte mit den Fingerspitzen auf die Armlehne des Wagens, wohl wissend, daß er damit seinen Kollegen wahnsinnig machte. Aber irgend etwas mußte er doch tun. Und wäre es, Bronski zur Weißglut und damit zu einem kleinen Streit zu treiben. Bisher war es nicht so weit gekommen. Lange konnte es aber nicht mehr dauern; Bronski hatte ihn schon dreimal wütend angestarrt. Zum x-ten Mal schaute Bernstein auf die Armbanduhr; das Licht der Straßenbeleuchtung reichte gerade aus, daß er das Zifferblatt erkennen konnte. 

"Die Zeit geht auch nicht schneller um, wenn du deine Uhr hypnotisierst", flüsterte Bronski.

Na endlich! "Aber auch nicht langsamer", gab er gepreßt zurück. "Was sollen wir eigentlich hier? Das Ganze ist doch bloß wieder ein Schlag ins Wasser. Der Chef sollte langsam begreifen, daß Schulte uns nur an der Nase herumführt. Der sitzt im Warmen und lacht sich über uns schlapp." Er zog seinen Mantel enger um sich; die Standheizung schaffte es schon seit zwei Stunden nicht mehr, gegen die Außentemperaturen anzukommen.

"Schulte ist unser bester Informant in dieser Sache. Er konnte nichts dafür, daß die beiden letzten Termine geplatzt sind."

"Sagt Schulte. Vielleicht ist das hier auch nur ein Ablenkungsmanöver. Und überhaupt sind zwei Teams doch mehr als genug. Warum muß Micklitz sich da noch reinhängen? Ist doch gar nicht unser Ressort", grummelte Bernstein weiter.

"Was ist eigentlich los mit dir? Wir sind noch keine vier Stunden hier."

"Vier Stunden zuviel. Wenn ich daran denke, daß ich für heute abend VIP-Karten für 'Kiss Me, Kate' hätte kriegen können..." Mit einem Seitenblick auf seinen Partner betonte er: "Zwei Karten, wohlgemerkt."

Bronski musterte ihn eindringlich; die Frage war offensichtlich.

"Daddy", seufzte Bernstein. Warum hatte er das mit den Karten auch erwähnt?

Manchmal quatschte er sich um Kopf um Kragen.

"Ihr redet wieder miteinander?"

"Sieht wohl so aus." Bernstein klopfte auf das Zifferblatt. "Abakadabra simsalibin ich will nach Hause, bring mich hin!"

Bronski schnaubte. "Vielleicht solltest du Copperfield anrufen. Bei deinen Beziehungen sollte das wohl kein Problem sein."

Na, das hatte er lange nicht mehr gehabt. Eine ironische Anspielung auf seinen familiären Hintergrund. Und wie immer konnte er nicht gelassen darüber hinweggehen. "Das Problem ist, daß ich hier in einem verdammten Dienstwagen in einer scheißkalten Nacht eine völlig sinnlose Überwachung durchführe. Noch dazu mit einer totalen Spaßbremse an meiner Seite."

Bernsteins Stimme wurde lauter und lauter, als er die Geduld verlor. Mit sich, seinem Kollegen und der Welt im Allgemeinen.

"Psstt, sei doch ruhig."

"Wer sollte uns hier schon hören? Nur Lagerhäuser und keine Menschenseele. Nicht mal die Ratten lassen sich bei dem Wetter blicken."

"Gerade deswegen ist dieser Platz ideal für die Übergabe. Die Örtlichkeiten sind verlassen, nicht mal eine Security tut hier Dienst."

"Und deshalb fallen wir auf wie die Fliege auf der Sahnetorte!"

"Und deshalb", funkelte ihn Bronski an, "stehen wir einige hundert Meter oberhalb des geplanten Treffpunkts mit einem Mann im Gebäude, der uns alarmiert, sobald es ernst wird."

"Keine Sorge, das wird es nicht." Bernstein unterdrückte den Drang, nochmals die Uhrzeit zu kontrollieren und klopfte wieder mit den Fingern auf die Lehne. Er wußte selbst nicht genau, was ihn an diesem nächtlichen Einsatz so aufregte. Nicht daß er irgend etwas verpaßte im wirklichen Leben. Schon seit Wochen war er nicht mehr aus gewesen abgesehen von einigen Kneipenbesuchen mit Bronski. Aber das zählte ja wohl nicht als gesellschaftliches Ereignis. Auch nicht die beiden Theaterbesuche, zu denen er ebenfalls Bronski mitgenommen hatte. Zu einem solchen Abend gehörten eine schöne Frau an seiner Seite, oder auch ein gutaussehender Mann, ein Abendessen zu zweit in seiner Wohnung, und dann...

Bernstein seufzte hörbar. Nicht, daß er Bronski für unattraktiv hielt. Im Gegenteil. Er fand ihn äußerst anziehend. Aber Bronski war ein Kollege, noch dazu sein Vorgesetzter. Wenn er diesen letzten Versuch, sich von seinem Vater abzukapseln, durchstehen wollte, konnte er sich eine Beziehung mit Bronski einfach nicht leisten. Und er wußte noch nicht einmal, wie Bronski reagieren würde. Der Mann war ein Rätsel für ihn. Total wütend darüber, für den Sohn des Polizeipräsidenten den Babysitter spielen zu müssen, war er ihm Bernstein - gegenüber trotzdem äußerst fair und loyal gewesen. Bronskis Wut über ihre seltsame berufliche Beziehung projizierte er allein auf Micklitz, der ihm bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb, daß er Bronski auf ihn Bernstein Acht zu geben hatte. "Befehl von ganz oben."

Beruflich gesehen hatte Bernstein also Glück gehabt, unbedingt. Und privat... Er konnte und wollte die Initiative nicht ergreifen. Und Bronski hatte da diese Zicke, die er anhimmelte als wäre sie die Mutter Gottes. Oder seine Tochter... Bernstein hätte ihm eigentlich helfen sollen bei ihr zu landen, aber sein Interesse an Bronski ging in eine ganz andere Richtung. Und selbst wenn er den Weg in diese Richtung nicht gehen wollte, konnte, verdammt durfte, würde er den Teufel tun und Bronski mit der Zicke zusammenbringen. Um das ganze Durcheinander vollkommen zu machen, hielt Bronski Bernsteins Vorbehalte Lene Anschütz gegenüber immer noch für gekränkte Eitelkeit glaubte, daß Bernstein wirklich versucht hatte, bei der Kollegin zu landen, und dabei auf die Nase gefallen war.

Wie hatte ihn Bronski mit seinem Interesse für Theater und Literatur überrascht. Und die gemeinsamen Abende waren einfach fabelhaft gewesen. Perfekt, wenn sie zusammen... Er unterbrach seinen Gedankengang schließlich war er schon frustriert genug.

"Hör jetzt auf damit", Bronski griff herüber und schnappte Bernsteins rechte Hand, fixierte ihn. "Das ist unser Job, und wir werden ihn gut machen. Wir beide werden ihn gut machen, hast du kapiert?"

Bernstein riß sich los, überrascht und verärgert über diesen plötzlichen physisch-verbalen Angriff. "Ich weiß, was ich zu tun habe. Auch wenn ich noch nicht verblödet genug bin, um keine unangenehmen Fragen zu stellen, weiß ich, was mein Job ist. Und ich mache ihn verdammt gut. Egal, was Micklitz denkt, was du denkst, und vor allem, was mein Vater denkt."

"Dann hör auf, dich bei jeder Gelegenheit wie ein Muttersöhnchen aufzuführen. Wenn wir da draußen sind, kannst du dich nur noch auf uns verlassen. Und nicht darauf, daß diese Kerle wissen, wer du bist."

Bernstein war immer noch überrascht. Sie hatten in den letzten Wochen erfolgreich zusammengearbeitet; warum attackierte ihn Bronski ihn auf einmal? Er war doch sonst nicht so nervös. "Du hast Angst", stellte er fest, in dem Augenblick, als er es aussprach, sicher, daß es die Wahrheit war.

"Eine Scheißangst. Und hättest du dir die Mühe gemacht, dir die Akten anzusehen, wüßtest du auch warum. Diese Typen... Schulte riskiert jedes Mal seinen Arsch, wenn er uns Informationen zukommen läßt. Und es wird verdammt Zeit, daß die Sache endlich über die Bühne geht, sonst haben wir bald nur noch einen toten Fisch als Informanten." Bronski schlug mit der Faust auf das Lenkrad.

"Ich habe mir die Akten angesehen. Und deswegen habe ich auch meine Zweifel wegen Schulte."

"Ich kenne ihn schon länger", murmelte Bronski und fuhr sich die durch den blonden Schopf. Bernstein hätte es ihm am liebsten gleichgetan.

"Und bestimmt so gut, daß du ihm deine Schwester anvertrauen würdest. Vielleicht wartet er nur auf den großen Coup. Oder Carlos ist ihm draufgekommen und hat seinen Preis gefunden. Jeder ist käuflich." Carlos war der Name, unter dem Harald Klages auf der Straße bekannt war. Ziemlich dämlicher Spitzname für den König der Autoschieber, der sich auch mit anderen einträglichen Geschäften die Hände schmutzig machte. Er hatte ihn sich in Spanien eingehandelt, wo er seine wilde Jugendzeit verbracht hatte. Madrid für ein paar Monate, dann Barcelona für einige Jahre. Für seine wilde Erwachsenenzeit war er in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt. Carlos, groß, blond und blauäugig wie der sprichwörtliche Norddeutsche... Carlos, der einen gut imitierten spanischen Akzent pflegte... Carlos, der Leichen dort zurückließ, wo ein Geschäft mit Lebenden nicht mehr möglich war...

"Hasta la vista, Baby", flüsterte Bernstein. "Wird Zeit, daß wir dem ein Ende bereiten."

Bronski schwieg weiter, sah jetzt selbst auf seine Uhr.

Bernstein versuchte es weiter. "Sag mal, sind wir deswegen mit von der Partie? Weil du Schulte von früher kennst?"

Bronski sah ihn an, nickte langsam. "Der Kontakt ist über mich zustande gekommen. Vor ein paar Jahren, als ich selbst noch neu bei der Truppe war, gehörte Schulte zu den kleinen Fischen. Mittlerweile hat er es weit gebracht."

"Meinst du nicht, daß du mir das hättest sagen sollen?" Bernstein wußte nicht mehr, woran er war. Gerade wo er angefangen hatte zu glauben, daß er und Bronski ein gutes Gespann werden würden, jedenfalls mit der Zeit, stellte sich heraus, daß ihm sein Kollege auch nicht ein Bißchen traute. Oder zumindest nicht sehr viel zutraute. Beide Alternativen waren nicht gerade schmeichelhaft für ihn.

"Ich dachte nicht, daß es dich interessiert. Für dich ist das doch alles nur ein großartiges Spiel, eine Gelegenheit sich auszutoben. Gesprächsstoff für Champagnerempfänge."

"Was?" In seinem Entsetzen vergaß, Bernstein leise zu sprechen.

"Du mußt dich nur reden hören. Jeder Routineeinsatz ist dir ein Greuel, du lamentierst und meckerst und läßt mich wissen, wie toll es jetzt dort oder hier oder da wäre. Wenn dir der Job so stinkt, verschwinde doch einfach. Du kannst es dir ja leisten. Mach einfach was Neues. Stuntman. Oder Model. Oder Politiker."

"Was redest du da eigentlich für einen Blödsinn?"

"Ich rede Blödsinn? Ich glaube, ich rede zum ersten Mal Klartext. Was bin ich denn anderes als ein Babysitter für den Sohn des Polizeipräsidenten? Gut genug, deine Scheiße auszubügeln, während meine eigene Karriere den Bach runtergeht. Bis zu dem schönen Tag, an dem dich Räuber und Gendarm nicht mehr reizt und nur noch langweilt... Dann machst du die Fliege, und ich kann sehen, wie ich diese verfluchte Zeit, die ich mit dir verplempert habe, einigermaßen gut in meinem Lebenslauf verkaufe."

Bernstein klappte die Kinnlade herunter. Und nicht nur bildlich gesprochen. Mühsam schloß er den Mund, schluckte. "Du verstehst überhaupt nichts. Nicht ein bißchen. Ich dachte, wir... daß du..." Uncharakteristischerweise fehlten ihm die Worte, um auszudrücken, wieviel ihm die letzten Wochen bedeuteten. Wie sehr er die Arbeit genoß, selbst den Papierkram und die vielen Stunden der langwierigen Recherche. Und nicht nur, weil er es mit Bronski zusammen tat, sondern auch, weil er endlich den Beruf gefunden hatte, den er sich immer gewünscht hatte. Nicht als Intermezzo, als kurzes Abenteuer, sondern... als Lebensaufgabe. Das mit dem Spaß und dem Spiel und der Spannung, das war nur am Anfang das Wichtigste gewesen, und gab der Sache auch jetzt noch die Würze. Aber es war mehr geworden, viel mehr. Und jetzt, wo es ihm klar geworden war, warf ihm der Einzige, der ihm eine wirkliche Chance gegeben hatte, sich zu beweisen, vor, er würde hier lediglich eine Show abziehen.

Bronski starrte ihn wortlos an, sein Gesichtsausdruck drückte etwas aus, das Bernstein nicht deuten könnte. Aber es war klar, daß er die Vorwürfe vollkommen ernst meinte. Bernstein fuhr fort. "Gut, daß ich weiß, wie du wirklich über mich denkst. Gut, daß du es mir sagst, bevor wir da rausgehen und unseren Hintern riskieren. Gibt's da vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten, die du mir verschwiegen hast, weil du glaubst, sie würden mich langweilen?" Er hob den Zeigefinger und fuchtelte damit vor Bronskis Gesicht herum. "Du willst Seriosität? Ernsthaftigkeit? Kannst du haben. Nach heute nacht ist es vorbei. Ich werde Micklitz bitten, dich von mir zu erlösen. Das mit uns hat je eh keinen Zweck. Kein Wunder, daß du Angst hast. Wenn du glaubst, du kannst mir nicht vertrauen, wenn ich deinen Rücken decke... Warum bin ich eigentlich noch hier?"

Mit einem unterdrückten Fluch griff Bronski nach seinem Mantelkragen, und Bernstein konnte nur eine der Hände blocken und festhalten. Die andere zerrte an dem Kleidungsstück. "Das frage ich mich auch. Was machst du eigentlich noch hier? Es gibt bestimmt lohnendere Aufenthaltsorte für Hamburgs Besten, nicht wahr? Irgendeine Cocktailparty, die du noch mit einem Auftritt beglücken könntest?"

Mit jedem Wort verdrängte Wut die Überraschung in Bernstein und bei dieser letzten Bemerkung verlor er ganz die Beherrschung. Er verdreht Bronskis Handgelenk, bis dieser scharf die Luft einsog, und befreite sich aus Bronskis Griff. Hart schob er ihn zurück und fummelte an dem Türgriff. Im nächsten Augenblick stand er keuchend in der eisigen Nachtluft und wartete darauf, daß ihn die Kälte von seinem Ausbruch wieder runterbrachte. Er hörte, wie Bronski ebenfalls ausstieg, drehte sich aber nicht um. Ein paar Sekunden später baute sich Bronski vor ihm auf. Bernstein konnte seinen Ausdruck immer noch nicht interpretieren. Was war hier eigentlich los?

"Hör zu, die Aktion kann jeden Moment losgehen. Wir brauchen jeden Mann... Ich werde mich nicht für das entschuldigen, was ich dir gesagt habe. Aber laß uns heute nacht zu Ende bringen. Glaubst du, du bist zu soviel Professionalität fähig?"

Bernstein hielt sich mit Mühe zurück. Selbst dieses Angebot zum

Waffenstillstand war eine einzige Beleidigung für ihn. Doch in einem hatte Bronski recht. Sie brauchten heute Nacht jeden Mann. Sogar wenn es ein zu groß geratener Junge war, der *Räuber und Gendarm spielte*. Und es brachte sie auch nicht weiter, wenn er jetzt das Klima weiter anheizte. "Ja", sagte er nur einfach, und Bronskis hochgezogene rechte Augenbraue war ein sicheres Anzeichen dafür, daß er mit seiner Reaktion den Kollegen überrascht hatte. Bernstein lächelte leicht, wohl zum ersten Mal an diesem mißratenen Abend.

"Was?" kam es von Bronski.

"Nichts. Ich denke, wir steigen wieder ein." Sie hatten sich gerade wieder im Wagen niedergelassen, als das Funkgerät knackte.

"Alba 1. Es geht los." Bernstein verzog ob der Schillerschen Anspielung das Gesicht zu einer Grimasse. Schöngeister im Präsidium?

 

Bronski nickte ihm zu und schob das Walkie-Talkie in die Brusttasche seines Hemdes und schloß den Reißverschluß der Lederjacke bis auf halbe Höhe. Beide zogen ihre Waffen und entsicherten sie. "Los geht's!" Im Laufschritt kamen sie zum Lagerhaus, in dem ihr Beobachter und Einsatzleiter, Alba 1, postiert war, und nahmen ihre Position an der ihnen zugeteilten Seitentür ein. Bronski öffnete die Tür einen Spalt und lugte hinein. "Nichts zu erkennen, alles dunkel." Er aktivierte das Walkie-Talkie. "Alba 4 an Alba 1. Was soll das? Wo ist Carlos?"

"Drin. Die haben nur das Licht gelöscht und sind im Büro verschwunden. Und nun haltet Funkstille. Wir stürmen auf meinen Befehl." Ein Knacken beendete die Verbindung.

"Sag mal, spinnt der Franzen? 'Nur das Licht gelöscht?' Carlos muß was gemerkt haben. Oder er weiß Bescheid, und es ist wirklich eine Falle. Wenn wir jetzt reinstürmen..." Bernstein schüttelte den Kopf. "Das ist total bescheuert."

"Ich denke, Franzen ist lang genug dabei, das beurteilen zu können. Das Büro hat keine Fenster zur Halle, ich hab das gecheckt."

"Das paßt alles viel zu gut, um wahr zu sein. Also gut, du gibst mir Deckung." Er tänzelte leicht auf den Fußspitzen; jetzt, da der Einsatz unmittelbar bevorstand, fiel es ihm leichter, seine Zweifel beiseite zu schieben. Gleich würde es vorbei sein, so oder so.

"Du gibst mir Deckung. Ich gehe zuerst."

"Heh, du brauchst mir nichts zu beweisen."

"Du brauchst *mir* nichts zu beweisen", entgegnete Bronski. "Ich gehe zuerst."

Bernstein war klar, daß Bronski seinen Rang ausspielen würde, und ersparte sich jeden weiteren Kommentar. Und es blieb auch keine Zeit für Proteste, denn Alba 1 knarzte sein Startkommando über das Walkie-Talkie. Im nächsten Moment hasteten sie in die Halle, in jeweils einer Hand ihre Waffen, in der anderen Taschenlampen. Das Büro lag auf ihrer Seite, und so waren sie als erste am Einsatzort, Bernstein wenige Meter hinter Bronski, der sich jetzt auf seine Knie niederließ und auf die Bürotür zielte.

Ein paar Sekunden später kamen die anderen Teams, und Franzen sprach in sein Megaphon: "Hier ist die Polizei. Sie haben keine Möglichkeit zur Flucht. Werfen Sie Ihre Waffen heraus, und folgen Sie dann, die Hände hinter dem Kopf verschränkt."

Stille, nur unterbrochen von ihren eigenen Atemzügen. Bronski erhob sich in Zeitlupe und ging langsam auf die Bürotür zu, jetzt beide Hände an der Waffe; die Taschenlampe hatte er in seiner Tasche verschwinden lassen. Bernstein verlagerte seine Stellung, bis er Bronski und die Tür im Auge hatte. Die Frontleute der beiden anderen Teams taten es Bronski gleich.

 

Plötzlich flammte grelles Licht auf, Scheinwerfer strahlten direkt in ihre Augen, blendeten sie. Instinktiv warfen sich die Männer zu Boden, zielten dabei blind in Richtung der Lichtquelle. Bernstein kniff die Augen leicht zusammen. Da gab es nur eine Möglichkeit

Bronski rief ihnen zu. "Schießt auf die Scheinwerfer!" Im selben Augenblick wurde das Feuer auf sie selbst eröffnet. Bernstein fluchte innerlich; sie waren klare Zielscheiben; Bewegung war die einzige Chance. Wenige Sekunden später waren die Lampen bis auf zwei zerschossen und vor Bersteins Augen flimmerte es. Er konnte einen Schemen erkennen, der vor einem Schatten stand, der Bronski sein mußte. Bernstein hob die Waffe und zielte, drückte ab. Die Waffe knackte nur. Mist. Er wiederholte seine Aktion. Wieder nichts.

Doch: Ein lauter Knall donnerte durch die Halle, und Bronski wurde zurückgeschleudert, direkt vor seine Füße. Bernstein ergriff seinen Kollegen und zog ihn rückwärts weg, richtete sich schließlich auf und schulterte ihn. Nur raus, weg. Das Feuergefecht ging weiter, und Franzen schrie: "Rückzug!"

Genau das hatte Bernstein vor. Jetzt war er an der Seitentür und wurde von hinten hindurch geschoben. "Mach schon, mach schon, mach schon." Er stolperte und stürzte fast, wurde nur von dem festen Griff an seiner Schulter davor bewahrt, auf dem Gesicht zu landen. Dann lief er weiter, ohne zu wissen, wohin eigentlich. Aber der Mann, der ihn immer noch festhielt, steuerte ihn auf das nächste Lagerhaus zu. "Da hinein", keuchte es dicht an seinem Ohr. Er gab keine Antwort, verdrängte mit Mühe das Wissen, daß Bronskis Blut seine Kleidung durchnäßte.

Außer Atem blieb er vor der Tür stehen, und der Griff an seinem Hals löste sich. Gärtner schob sich an ihm vorbei, rüttelte an der Tür. Fluchte, zielte auf das Schloß und schoß. Mit einem Tritt öffnete er die Tür und zog Bernstein mit seiner Last hinter sich hinein. Das Licht von Gärtners Taschenlampe erhellte spärlich den Raum; sie waren in einer Art Vorraum, voller Dreck und Spinnweben und verkommener Einrichtungsgegenstände. Gärtner legte die Lampe auf ein Regal und zischte Bernstein an: "Leg ihn hin und hilf mir. Wir müssen durchhalten, bis Verstärkung da ist."

So sanft wie möglich ließ Bernstein Bronski auf den dreckigen Boden gleiten; Bronskis Kopf rollte zur Seite, und dieser Anblick raubte Bernstein den Rest des Verstandes. Benommen starrte er auf Bronski. Ein Schlag ins Gesicht ließ ihn hochfahren. "Hilf mir, Arschloch, die können jede Sekunde hier sein." Gärtner zerrte ihn in Richtung der Spinde, die an der gegenüberliegenden Wand standen, und endlich begriff Bernstein, was Gärtner im Sinn hatte. Gemeinsam schoben und zogen und drückten sie einen Dreierspind in Richtung Tür, verbarrikadierten sie. "Noch einer." Sie schoben eine weitere Kombination dazu. Gärtner hastete zur einzigen anderen Tür; rüttelte daran. Verschlossen. Er hämmerte dagegen und nickte. "Massiv. Da kommen sie nicht durch. Und die Fenster sind ebenfalls verrammelt. Das sollte uns genug Zeit geben."

Bernsteins Hirn nahm seine Tätigkeit wieder auf. "Carlos wird längst weg sein. Er wird mit Verstärkung rechnen."

"Carlos denkt nicht normal. Bei dem ist alles drin. Sonst hätte er wohl kaum diese Konfrontation riskiert", fauchte Gärtner ihn an. Bernstein ignorierte ihn und zog den Mantel aus, ließ sich neben Bronski auf die Knie nieder. Er breitete den Mantel aus und zog Bronski darauf. Dann zog er den Pulli über den Kopf und legte ihn unter Bronskis Kopf. Schließlich noch das Hemd. Er riß es sich einfach vom Leib, ohne sich um die abspringenden Knöpfe zu kümmern. Er knüllte es zusammen und drückte es auf die immer noch stark blutende Wunde. Kurz unterhalb des Brustkorbes. Er befühlte Bronskis Rücken, zog die Hand zurück. Nur Schweiß, kein Blut. Er erschauerte, aber nicht vor Kälte. Nicht gut. Gar nicht gut. Er faßte an Bronskis Gesicht. Seine Finger fühlten eiskalten Schweiß.

Etwas packte ihn am Kragen seines T-Shirts, so heftig, daß der Stoff einriß. Er landete auf dem Hintern, sah entsetzt zu Gärtner auf. "Was soll das?"

"Du hast genug für ihn getan", zischte Gärtner und zog ihn am T-Shirt hoch, schleuderte ihn dann in Richtung der Spinde. Bernstein fing sich ab und lief wieder auf Gärtner zu, der sich zu Bronski herabbeugte, drehte ihn an der Schulter herum.

"Was soll dieser Scheiß?"

"Wir wußten alle, daß du früher oder später Mist bauen würdest. Und das heute nacht hier ist ganz großer Mist! Und nun verpiß dich und paß auf, daß diese Barrikade hält." Er drehte sich ab, und als Bernstein ihn noch einmal anfaßte, wirbelte er herum und versetzte ihm einen Schlag, der ihn von den Füßen hob. Er landete auf dem Rücken und sein Kopf schnappte zurück, knallte auf den Betonboden.

 

* * * * * * *

 
29. Februar

 

"Au!" Der Schrei war eher ein Reflex als eine bewußte Reaktion auf den Schmerz an seinem Hinterkopf. Verwirrt stützte er sich auf. So lag er sonst nie im Bett. Doch nicht auf dem Bauch. Er drehte sich etwas auf die Seite und suchte mit der rechten Hand nach der schmerzenden Stelle am Kopf. Er zog die Hand zurück. Feucht. Blutig.

"Nicht anfassen, Herr, ich habe die Wunde gerade gereinigt. Es blutet nur noch ein wenig, keine Sorge."

Wunde? Was zum Teufel... Mühsam ordnete er seine Gedanken, Erinnerungen... Oh ja, der Kampf mit der Carlos-Bande... letzte Nacht... Nacht. Er blinzelte etwas, um sich an das Sonnenlicht zu gewöhnen, das durch das Fenster in den Raum fiel. Heller Tag. Letzte Nacht er hoffte, daß es die letzte Nacht gewesen war - da war ihm doch nichts passiert, er war doch heil weggekommen, im Gegensatz zu...

"Wolfgang! Was ist mit ihm? Wo ist er?" Er sah die Frau, die an seinem Bett saß, an. Lene schlug die Augen nieder, doch nicht, bevor er das Aufblitzen in ihnen gesehen hatte.

Sie drückte das blutverschmierte Tuch in der Wasserschüssel, die auf ihrem Schoß stand, aus und murmelte. "Nicht sehr gut, Herr. Der Arzt ist jetzt seit einer Stunde bei ihm, und er hat alle aus dem Raum gejagt, alle, bis auf die alte Maria. Und den kleinen Johann hat er um Hilfe zum Kloster geschickt."

Guido seufzte laut. Wenn der Heidegger nach Schwester Katharina schickte, war es sicher schlimm. Sehr schlimm. Mit Schrecken erinnerte sich Guido an die tiefe Schwertwunde, die sein Waffengefährte erlitten hatte. An all das Blut, das seine Guidos Kleidung beschmutzt hatte. Er schlug die Bettdecke ein wenig zur Seite und sah an sich herunter, fand, daß er bis auf das Nachthemd unbekleidet war. "Wie bin ich hierher gekommen? Hat mein Vater die Verstärkung geschickt?"

Lene sah ihn immer noch nicht an, nickte nur. Er versuchte, aus den Laken zu kommen, fand es aber äußerst schwierig, da das Aufsitzen allein ihn schwindeln ließ. "Hilf mir doch mal!"

Jetzt schaute Lene ihn entsetzt an. "Aber nein, Herr. Der Arzt hat befohlen, daß Ihr ruhig liegen müßt, mindestens für drei Tage. Bleibt bitte liegen, sonst bekommen wir alle Ärger."

Guido schnaubte. Dieses Gejammere der Dienstboten ging ihm so auf die Nerven... Ständig gängelten sie ihn und begründeten es mit der Strenge und dem Zorn seines Vaters, dem Herzog. Das war auch ein Grund dafür gewesen, daß er alle mit seiner Entscheidung schockiert hatte, in der Garde zu kämpfen. Eigentlich wollte er sogar in ein anderes Herzogtum wechseln, weil er wußte, daß er niemals *normal* behandelt werden würde, solange er im Machtbereich seines Vaters blieb. Doch hier hatte sein Vater seinen Sturkopf durchgesetzt und mit Enterbung gedroht, falls er die Schande in ein anderes Herzogtum trug. Der Sohn des Herzogs ein einfacher Soldat! Der Skandal war so schon groß genug und über die Grenzen des Herzogtums Gesprächsthema für Wochen gewesen, doch inzwischen hatte sich die Lage etwas entspannt. Abgesehen von der Tatsache, daß sein Vater jede sich bietende Gelegenheit nutzte, ihn zu drängen, diese Verrücktheit aufzugeben. Ja, der Herzog verstand es, Druck auszuüben, besonders gut gelang ihm dies bei seinem eigenen Sohn. Und Guidos Mutter war da keine Hilfe, im Gegenteil. Sie hatte seine Entscheidung von allen am schwersten ertragen. Wann immer sie ihn sah, schlug sie mehrere Kreuzzeichen und rannte mehr als daß sie schritt in die Kapelle, um für seinen Körper, seinen Geist und vor allem sein Seelenheil zu beten.

Gott sei dank sahen sie sich nicht oft, seine Eltern und er, da ihn seine Pflichten ziemlich auf Trab hielten. Mehr als er erwartet hatte, doch den Dickkopf hatte er von seinem Vater geerbt, und er war entschlossen, diese Sache durchzuziehen. Wohin ihn die Angelegenheit am Ende bringen würde, wußte er nicht. Und er ignorierte diese Frage meist äußerst erfolgreich. Genau so wie einige andere Konsequenzen. Oder besser gesagt, Inkonsequenzen. Er sah sich auf keinen Fall als künftigen Herzog, zumindest nicht zur Zeit, aber auf seinen Titel verzichten, nein, das paßte ihm auch nicht. Wenn er nur wüßte, was er wollte. Er hatte das Recht studiert, und es hatte ihn maßlos gelangweilt. Auch die Malerei, eine nette Ablenkung für eine kurze Zeit, war ihm bald über gewesen. Wovon er etwas verstand, waren Waffen, der Kampf und die Taktik, und er mochte es, seinen Körper an seine Grenzen zu bringen. Nochmals tastete er nach seiner Beule und zischte bei der Berührung. Na ja, an manche Grenzen zumindest.

Guido sah auf und seine Augen trafen die von Lene, die bevorzugte Magd seiner Mutter. Ein Grund, sie nicht leiden zu können. Das blonde Mädel erwiderte seinen Blick diesmal für ein paar Sekunden, und Guido war sicher, darin Verachtung zu erkennen. Die meisten Bewohner der Burg mochten ihn nicht, und die meisten Männer in der Garde trauten ihm nicht. Trauten ihm nicht zu, daß er es ernst meinte, Seite an Seite mit ihnen zu kämpfen. Solche *Unfälle* wie der letzte Nacht mit Gärtner waren nicht selten. Kleine Mißgeschicke mit seinem Pferd oder seiner Ausrüstung gehörten schon fast zur Tagesordnung. Sie alle wollten ihn loswerden.

"Es geht mir gut genug, um aufstehen zu können. Und mach dir keine Sorgen, was mein Vater tun könnte. Darum kümmere ich mich schon."

Wieder dieses Aufblitzen in Lenes Augen. Sie war eindeutig wütend auf ihn. Wütend war auch Gärtner gewesen, als er Guido von Wolfgang weggeschoben hatte, um ihn daran zu hindern, dem Verletzten zu helfen. Und dabei hatte er sich diese Beule eingehandelt. Wer brauchte schon Feinde, wenn man solche Menschen um sich herum hatte, denen man eigentlich vertrauen sollte? Schließlich war es ja nicht seine Schuld gewesen, daß sein ach so wertvolles Schwert bei dem Versuch, Wolfgang vor dem Angriff zu schützen, durch den Zusammenprall mit Carlos Mann zerbrochen ist. Guido schloß die Augen und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Eine kleine Stimme meldete sich in seinem Hinterkopf und erinnerte ihn daran, daß er die Übungskämpfe geschwänzt hatte. Keine Seltenheit bei ihm, hatte er doch keine Lust auf blaue Flecke und Kratzer. Seine Gegner gingen jedes Mal ein bißchen weit bei den Übungen. Gerade so weit, daß Hauptmann Micklitz nicht eingreifen mußte. Dem war er nämlich auch ein Dorn im Auge. Also arbeitete er in solchen Stunden lieber für sich allein. Kein Ersatz für die Übungen. Und hätte er die letzte mitgemacht war das wirklich erst gestern früh gewesen? wäre ihm der Fehler an der Waffe vielleicht aufgefallen und Wolfgang wäre nicht verletzt worden.

Wolfgang. Er mußte zu ihm. Micklitz hatte ihm den Mann, seinen besten Mann, an die Seite gestellt. Auf Wunsch des Herzogs natürlich, der um seinen Erben besorgt war. Und seltsamerweise war Wolfgang der Einzige, der Guido eine Chance gegeben hatte, eine wirkliche Chance. Guido hatte geglaubt, Wolfgang würde ihn sogar verstehen, seine Unsicherheit, was seine Zukunft und seine Träume betraf, seine Weigerung, seinem Vater zu gehorchen, seine kindische Rebellion... Bis gestern abend jedenfalls. Da hatte Wolfgang ihn angebrüllt und beleidigt und sogar attackiert. Alles kurz vor diesem verdammten Zusammenstoß mit Carlos und seinen Männern... Guido konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen, was in Wolfgang gefahren war. Hatte er doch gehofft, daß sie Freunde werden könnten, trotz aller Klassenunterschiede. Freunde und vielleicht sogar mehr...

 

"Ich muß zu ihm", verkündete er und schwang die Beine aus dem Bett, so daß Lene, die inzwischen aufgestanden war, zurücktaumelte und die Wasserschüssel fallen ließ. Das Tongefäß zerbrach, und Guido starrte auf die kleine Pfütze mit dem verschmierten Tuch und seufzte. "Geh einfach und laß mich in Ruh. Ich brauche keine Hilfe." Er klammerte sich an die Bettkante und wartete mit gesenktem Kopf darauf, daß Lene verschwand. Sie ging, lief vielmehr, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, und als sie die Tür geschlossen hatte, blickte Guido langsam auf, eine Hand an die Schläfe gedrückt. In seinem Schädel pochte der Schmerz, und leicht schwindelig war ihm auch. Und schlecht. Er ergriff den gefüllten Wasserbecher, der auf dem kleinen Tisch neben dem Bett stand, und trank. Nach dem ersten Schluck merkte er, wie durstig er war, und leerte das Gefäß in einem Zug, stellte es ab und keuchte. Gott war ihm übel. Er fischte nach dem Nachttopf und erbrach sich. Viel im Magen hatte er nicht, Flüssigkeit hauptsächlich. Seit dem Frühstück gestern morgen hatte er nichts mehr gegessen. Dazu war er gestern viel zu nervös gewesen...

Guido wischte sich den Mund mit einem sauberen Lappen ab und zwang sich, nicht wieder auf das Malheur am Boden zu sehen, sein eigenes Blut, das mit dem Wasser verdünnt diese langsam versickernde Pfütze bildete. "Ich muß hier raus." Vorsichtig stand er auf, ging etwas taumelig zur Truhe an der gegenüberliegenden Wand und zog frische Sachen heraus. Seltsam, wieder in diesem Raum zu sein; hier war er seit Monaten nicht mehr gewesen, nicht seit er in die Baracke der Garde umgezogen war, nur mit einem kleinen Bündel Habseligkeiten ausgestattet. Sein Raum in der Burg allerdings wurde immer für ihn bereitgehalten. Nicht ein Staubkorn war zu sehen und im Kamin brannte ständig des Feuer, zumindest während der kalten Jahreszeit. Was für eine Verschwendung. Kopfschüttelnd begann Guido, sich anzuziehen. Gut, die von Bernsteins hatten ein großes Vermögen, riesige Wälder und schier endlose Ländereien, die sie ihr eigen nannten. Dann noch unzählige Besitztümer, die sie verwalteten. Der Herzog hatte einen ganzen Stab für den nie enden wollenden Schriftverkehr. Darüber hinaus hatte er den entscheidenden Platz in der örtlichen Gerichtsbarkeit. Umso mehr ärgerte es den Herzog, daß sein Sohn so ein Versager war und sich weigerte, seinen angestammten Platz und seine Rolle in der Gesellschaft anzunehmen. Guido kotzte das alles nur an. Das war nicht sein Leben. Und noch mehr kotzte es ihn an, daß er zu feige war, ganz mit diesem Leben zu brechen. Wenn es doch nur etwas Wichtiges in seinem Leben gäbe, ein Ziel, einen Traum - und nicht nur diese verdammte Unsicherheit...

Er griff sich die Stiefel und setzte sich wieder auf das Bett, zog die Stiefel an. Er strich gedankenverloren über das weiche Material. Wildleder vom Feinsten, nicht so derbes Schuhwerk, wie er es in letzter Zeit getragen hatte. Auch seine Kleidung war von entsprechender Qualität. Warum machte er es sich so schwer? Warum genoß er nicht die Annehmlichkeiten seines Standes? Daß er intelligent genug war, erfolgreich in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, hatte er bereits in jungen Jahren bewiesen. Doch irgendwann sind da diese Zweifel gekommen. Nicht ob seines Könnens. Nur ob seines Wollens.

In seinem Mund war ein abscheulicher Geschmack, und er goß sich etwas Wasser ein. Doch diesmal trank er vorsichtig, kleine Schlucke. Wieder tastete er sehr vorsichtig nach der Beule und stellte fest, daß die Blutung aufgehört hatte. Unnötig die Wunde verbinden zu lassen. Er sollte machen, daß er wegkam, bevor Lene mit Rückendeckung wieder auftauchte. Dieser Gedanke ließ ihn innehalten. Wo war eigentlich sein liebender Vater? Hätte er nicht besorgt am Bett seines einzigen Sohnes wachen sollen? Seine Mutter war außer Landes, in Italien. Auf der Flucht vor den eisigen Temperaturen hier im Norden und auf der Flucht vor den Sorgen, die ihr Guido bereitete. Wie er seine Mutter kannte, besuchte sie nicht nur ihre ältere Schwester, sondern hängte gleich noch eine Wallfahrt an die Reise in den Süden. Nicht, daß er sie vermißte. Sie stritten sich ohnehin nur noch. Soweit man die seltenen Unterredungen mit seiner Mutter als Streit bezeichnen konnte. Meist dozierte sie, und er hörte nicht zu.

Guido wartete ein paar Augenblicke, und als er einigermaßen sicher war, daß das Wasser im Magen blieb, stand er auf und machte sich auf den Weg zu den Unterkünften der Garde. Er war etwas wackelig auf den Beinen, etwas schwummerig im Kopf und vor allen Dingen unvernünftig, aber das würde vergehen. Alles bis auf das Letzte. Da hatte er eh keine Hoffnung mehr. Da war er unheilbar krank.

Auf dem Weg zu dem Raum, in dem die Verwundeten und Kranken aus der Garde untergebracht wurden, mußte er durch den Aufenthaltsraum der Garde. Außer er machte den Weg über den Hof. Doch er wußte, daß er der Begegnung mit seinen Kameraden nicht ewig aus dem Weg gehen konnte. Und vor allem fiel ihm das Laufen außerordentlich schwer er war drauf und dran, kehrtzumachen und sich unter seinen Laken zu verkriechen. Am liebsten würde er alles vergessen und ungeschehen machen, was letzte Nacht, nein, in den letzten Wochen passiert war. Dieser feige Wunsch machte ihm Angst. Und wütend. Guido nahm die Schultern zurück und richtete sich auf, ballte die Fäuste. Er mußte jetzt da durch. Weglaufen konnte er danach immer noch.

 

Er kam zu dem Gemeinschaftsraum, aus dem einige leise Stimmen drangen. Sehr ungewöhnlich normalerweise ging es hier ganz anders zu, wenn die Männer anwesend waren, was meist abends der Fall war. Diejenigen, die nachts Dienst hatten, verbrachten den Tag meist in den Schlafräumen, so daß der Raum über Tage oft verwaist war. Er ging hinein. Es waren nicht viele Männer dort, und die wenigen Gespräche verstummten, als er eintrat und stehen blieb. Sie alle starrten ihn an, die Männer, die gestern nacht mit dabei waren, als sie gegen Carlos kämpften. Guido erkannte, daß ein paar von ihnen Verbände trugen, aber sie waren alle am Leben, alle bis auf Wolfgang. Der Gedanke brachte ihn dazu, sich wieder in Bewegung zu setzen. Allerdings kam er nicht weit. Gärtner hielt ihn auf.

"Was wollt Ihr hier, Herr? Ihr seid krank und gehört... ins Bett." Der Tonfall hätte ein mitfühlender sein können, die Bemerkung hätte Besorgnis ausdrücken können... Aber da war nur Sarkasmus und Verachtung. Guido war sich der grinsenden Männer schmerzhaft bewußt. Ihnen allen war klar, daß die Frage als Beleidigung gemeint war. Und wenn er jetzt darauf einging, würde es einen weiteren *Unfall* geben, und wahrscheinlich blieb dann mehr zurück als eine Beule und eine Gehirnerschütterung. Er gehörte nicht hierher, hatte nie hierher gehört und würde nie einer von ihnen werden können. Er hatte sich selbst belogen und etwas vorgemacht. Gärtner und die anderen hatten es von Anfang an gewußt, während er geglaubt hatte, neue Spielregeln erfinden zu können. Oder sogar ein ganz neues Spiel... Wolfgang war der Einzige, der mitgespielt hatte, für eine kurze Zeit. Und Guido wußte nicht einmal, warum. Nicht, daß es noch wichtig war. Es war vorbei.

"Laß mich durch. Ich bin auf dem Weg ins Krankenzimmer."

"Ich glaube, ich habe Euch schon letzte Nacht gesagt, daß Ihr Euch genug um ihn gekümmert habt. Er ist jetzt in guten Händen. Die Hexe wird ihn retten."

 

Schwester Katharina war beliebt bei den Männern, und ihr Spitzname drückte seltsamerweise Respekt und Bewunderung aus. Vor ein paar Jahrzehnten wäre sie vielleicht wirklich als Hexe verfolgt worden, jetzt waren ihre Fähigkeiten Anlaß zu einer Menge von Gerüchten und Vermutungen. Aber sie war viel zu nützlich, als daß sie in Gefahr war. Guido wunderte sich schon lange, warum sein Vater Heidegger, den eigentlichen Arzt, nicht schon längst fort gejagt hatte und stattdessen Katharina auf die Burg geholt hatte. Er vermutete, daß sie noch sturer als sein Vater war und ihren Willen durchgesetzt hatte. Sie blieb im Kloster, wo sie eine Sonderstellung einnahm. Betrieb dort ihre Studien es gab Gerüchte, daß sie mit Leichen experimentierte -, braute ihre eigene Medizin, und kam zu jedem Kranken, der sie brauchte. Ungeachtet seines Standes und seiner Ansichten. Zwischen den Kranken machte Katharina keinen Unterschied. Bei den Gesunden schon. Früher hatte Guido sich vor ihr gefürchtet. Vor ihrer scharfen Zunge, ihrem scharfen Verstand und ihren scharfen Augen, die direkt in seine Seele zu blicken schienen. In den letzten Jahren war sie für ihn eine Vertraute geworden. Er konnte sich voll und ganz auf sie verlassen. Und er hoffte, daß sie ihn auch heute nicht enttäuschen würde.

"Ja, das wird sie", sagte er einfach und versuchte, an Gärtner orbeizukommen.

"Euer Vater verfolgt die Carlos-Bande. Und wenn er sie geschnappt hat, werden wir herausbekommen, wer unseren Hinterhalt verraten hat."

Guido blinzelte verwirrt. "Wer soll das schon gewesen sein Schulte natürlich!" Gärtners Blick ließ ihn erschaudern, und er hatte Angst, diesem Weg zu folgen. Lieber wechselte er das Thema und hoffte, daß Gärtner es für jetzt darauf beruhen ließ. "Sind alle entkommen? Oder gibt es Gefangene?"

"Einer ist auf der Strecke geblieben. Der redet nicht mehr." Für einen Augenblick glaubte, fürchtete Guido, daß Gärtner ihn vor allen des Verrats bezichtigen würde. "Aber die anderen kriegen wir."

Guido nickte nur und drängte an Gärtner vorbei, der es diesmal zuließ. Ihm war wieder schlecht, aber diese Übelkeit kam nicht von der Gehirnerschütterung. Im Gang angekommen blieb er stehen, lehnte sich an die kalte Mauer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen, und wahrscheinlich war es auch ein Fehler, jetzt weiterzugehen. Doch umkehren konnte er nicht. Dann wäre alles aus gewesen. Er hatte nur die Wahl zwischen zwei Übeln und hoffte, daß er sich für das kleinere entschieden hatte. Gut, es gab noch eine dritte Alternative er konnte den Gang weiter entlanggehen, bis er auf den Hof gelangte. Aber Weglaufen kam nicht in Frage. Das würde ihn bis zum Ende seiner Tage verfolgen.

Vor der schweren Holztür, die zum Vorraum des Krankenzimmers führte, atmete Guido noch einmal tief durch, dann ging er hinein. Seine Hoffnung, der Raum würde verlassen sein, erfüllte sich nicht. Vier Augenpaare richteten sich auf ihn, starrten ihn wütend an. Das Gespräch zwischen Franzen und Heidegger war verstummt. Guido seufzte. Das schien zu einem Muster zu werden.

Heidegger erhob sich von seinem Stuhl und baute sich vor ihm auf. "Was tut Ihr hier? Ihr gehört ins Bett!" Auch das kam Guido bekannt vor, selbst wenn der alte Arzt eher entrüstet als beleidigend klang.

"Mir geht es gut", schwindelte er und schob Heidegger zur Seite. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut, und die Nähe des Mannes machte ihn nervös. "Wie geht es ihm?" Er nickte zur geschlossenen Tür, an der anderen Seite des Raumes, seine Frage an niemand konkreten gerichtet.

Franzen, der letzte Nacht die Befehlsgewalt gehabt hatte, zuckte mit den Schultern. "Heiddeger sagt, es gibt keine Hoffnung." Bei dieser Bemerkung schluchzte Lene auf. Sie saß zusammengekauert in einer Ecke des Raumes, ihre Augen strahlten unnatürlich. Guido schloß die Augen und zählte langsam bis zehn. Also waren Wolfgangs Gefühle für die Magd keine einseitige Schwärmerei. Dieser Gedanke machte ihn irgendwie wütend. Und ihre Anwesenheit auch. Aber es er hielt sich zurück. Er empfand, daß er kein Recht hatte, sie fortzuschicken.

Schließlich musterte er Micklitz, den Hauptmann der Garde, der offentsichlich Mühe hatte, ruhig auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben. Der massige Mann wäre wohl am liebsten durch den Raum gewandert, um seine Spannung abzubauen. Guido war schnell klar geworden, daß Wolfgang für Micklitz mehr war als nur einer der Männer, die unter seinem Kommando standen. Er hatte ihn gefördert, protegiert, und war äußerst wütend darüber, daß der Herzog ihn gezwungen hatte, Wolfgang zum Aufpasser für seinen Sohn zu machen. Als er in Micklitz' besorgtes Gesicht sah, mochte Guido ihn zum ersten Mal rückhaltlos. Er ging auf ihn zu und legte eine Hand auf seine Schulter.

"Wo Katharina ist, da ist auch Hoffnung." Es hätte pathetisch klingen können, tat es aber nicht. Es war das, was er wirklich fühlte. Das, was er wirklich glaubte. Das Einzige, woran er noch glauben konnte. Er ließ die Hand an die Seite fallen. Micklitz senkte den Kopf und nickte. Guido hatte keine Ahnung, was in dem Mann vorging. Er war nur froh, daß Micklitz ihm keinen Kinnhaken versetzt hatte. Anscheinend war sein Temperament zur Zeit auf Sparflamme.

Guido sah wieder zur Tür, die zum Krankenzimmer führte. Am liebsten wäre er hinein gelaufen, aber das wäre sein Todesurteil gewesen. Katharina war niemand, der auf Stand und Stammbaum irgendwelche Rücksichten nahm. Also ließ er sich wortlos auf einem der freien Stühle nieder. Wartete, daß Katharina herauskam. Er vermied jeden Blickkontakt mit den anderen. *Wenn ich euch nicht sehe, seht ihr mich auch nicht. Und dann könnt ihr mich auch nicht wegschicken.*

 

Die Zeit verrann... nicht wirklich. Nach Mittag bezog sich der Himmel, und es fiel nur noch wenig Licht in den Raum. Lene zündete Kerzen an, schlug bei jeder ein Kreuzzeichen. Guido beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Das Zusammensein mit seiner Mutter hatte auf sie abgefärbt. Er fragte sich, wie Lene es vermieden hatte, die Herzogin auf ihrer Reise zu begleiten. Falls sie es vermieden hatte. Vielleicht lag es nicht an Lene, daß sie nicht mitgereist war. Er war nicht mehr so ganz auf der Höhe mit Neuigkeiten im Innern der Burg. Er ließ den Kopf wieder auf die Brust sinken, schloß die Augen. Seitdem er hier so ruhig saß, hatten die Kopfschmerzen sich wieder gemeldet. Oder er hatte jetzt die Muße, sie zu beachten.

Plötzlich trat jemand gegen seine Stiefel, und er schrak hoch. Katharina stand vor ihm und starrte ihn an. Er blinzelte etwas. Er war tatsächlich eingeschlafen und hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Bevor er nach den Kerzen sehen konnte, fuhr Katharina ihn an. "Was in aller Welt tust du hier? Du gehörst ins Bett. Laß mich die Beule mal sehen."

Sanft zog sie ihn nach vorn, betastete vorsichtig die verletzte Kopfpartie; es blieb ihm keine Zeit, zu antworten oder zu protestieren. "Heidegger hat vollkommen recht. Bettruhe für mehrere Tage. Verschwinde von hier oder ich lasse dich von der Garde wegtragen. Wäre sowieso das Beste, jede Bewegung wird dir schaden."

"Katharina, warte. Ich mußte sehen, wie es Wolfgang geht."

"Ja natürlich, das hilft ihm auch, gesund zu werden. Verschwinde in dein Bett; es gibt genug Leute, die dich auf dem Laufenden halten können. Hast du vergessen, wie man Dienstboten herumkommandiert?"

"Ich hatte es gehofft. Und ich hatte gehofft, daß ich zu ihm kann."

"Keinesfalls. Es steht immer noch kritisch. Heidegger wird mir bei der Wache helfen; wenn er die Nacht ohne Fieber übersteht, hat er eine gute Chance." Sie schnappte sich Guidos Kinn und zwang ihn, ihrem Blick zu begegnen. "Du kannst nichts für ihn tun außer beten. Falls du daran glaubst. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn durchzukriegen. Aber eines ist sicher: Es hilft ihm nichts, wenn du hier zusammenbrichst. Und jetzt geh!" Sie ließ ihn los und drehte sich halb um. "Hauptmann, laßt den jungen Herzog in sein Zimmer zurückbringen. Nicht, daß er sich noch einmal verirrt."

Micklitz zögerte nicht einen Augenblick, Katharinas Befehl Folge zu leisten. Trotz seiner mißlichen Lage mußte Guido grinsen. Es war ein offenes Geheimnis, daß der Hauptmann für die Nonne mehr als nur Respekt empfand. "Was gibt es da zu grinsen?" Guido schluckte; Katharinas Ton war schneidend; er wußte genau, daß sie nicht nur seine Anwesenheit mißbilligte. *Junger Herzog* - ihre Wortwahl drückte mehr aus als ihm lieb war. Es war ihm, als beendete sie damit sein *Abenteuer*, seine Flucht aus der Realität, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Langsam begann er, ihre Meinung zu teilen. Aber so einfach aufgeben, das wollte er nicht.

"Katharina." Sie sah ihn an, lächelte leicht, zwinkerte ihm zu. Guido verstummte verwirrt.

"Ich denke, er schafft es. Und ich werde ihm sagen, daß du hier warst. Sobald er sich seiner Umwelt bewußt genug ist, um es zu begreifen. Und jetzt geh!" Guido erhob sich; dankbar für ihre Worte, wieder einmal überrascht für ihre Einsicht. Sie schien einfach alles zu wissen, was ihn tief in seinem Innern beschäftigte. Seine Beine waren immer noch wacklig, und er verfluchte sich dafür, daß sie wieder einmal recht gehabt hatte. Mit seinem Zustand und seinem verrückten Vorhaben, aus einer Laune heraus mit allen Konventionen zu brechen. Halbherzig zu brechen. Er hielt sich an der nächsten Tischkante fest, bis der Schwindel etwas abebbte. Katharina stand bei Lene und redete auf das Mädchen ein; schließlich rannte diese aus dem Raum, die Röcke gerafft, ihr Gesicht entschlossen. Wie gerne hätte Guido mit ihr getauscht und wäre für Katharina durch die Burg geeilt, um die Dinge zu besorgen, die sie zur Behandlung brauchte. Wenn er irgend etwas Sinnvolles tun könnte, würde es ihm sehr helfen, sich weniger dumm, hilflos und herzoglich vorzukommen.

Nach Lene nahm sich Katharina Franzen und Heidegger vor. Franzen verließ nach wenigen Augenblicken ebenfalls den Raum, wesentlich würdevoller und weniger begeistert als Lene. Und Heidegger ging mit Katharina zurück ins Behandlungszimmer. Guido schaute ihnen mit schwerem Herzen nach; Katharina würde ihm den Kopf abreißen, wenn er einfach folgen würde. Also blieb er im Vorraum stehen und wartete auf seine Eskorte. Es war ihm schon immer schwerer gefallen, Katharina seinen Gehorsam zu verweigern als seinem Vater.

 

Micklitz ließ sich eine Menge Zeit, um zurückzukommen. Guido ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder. Es war mittlerweile später nachmittag, draußen setzte bereits die Dämmerung ein. Er haßte den Winter, bedeutete er doch, lange Abende in eisigem Schweigen mit den Leuten der Garde verbringen zu müssen. Oder sich früh zurückzuziehen, auf seiner Pritsche zu liegen und darauf zu warten, daß der Schlaf ihn übermannte. Manchmal gönnte er sich den Luxus und ging in die Bibliothek seines Vaters, und ab und zu hatte ihn Wolfgang begleitet. Wolfgang hatte ihn damit überrascht, daß er lesen konnte. Mühsam, sehr mühsam hatten sie sich durch ein paar Texte gekämpft, und mit der Zeit ging es einfacher. Doch allzu oft hatten sie die Gelegenheit nicht gehabt, da auch der Herzog an vielen Abenden in der Bibliothek war.

Fast noch besser als diese raren Augenblicke in der Bibliothek gefielen Guido die Nächte, wenn er mit Wolfgang zur Wache eingeteilt war. Da störte ihn die Kälte nur wenig, denn in den ereignislosen Nächten hatten sie schier endlos Zeit zu reden. Oder zumindest zu flüstern. Er mochte Wolfgangs ruhige Art, die schnell in Begeisterung oder in Aufregung umschlagen konnte, wenn ihn irgend etwas interessierte oder ärgerte. Vor allem mochte Guido, daß Wolfgang über seine Guidos Fantastereien lächelte, wo ihn die anderen nur auslachten oder aufzogen. Er kam Guido wie ein großer Bruder vor, obwohl sie fast in einem Alter waren.

Jäh fuhr er hoch, als ein Durcheinander von Glockenschlägen, Rufen und Fußgetrampel die Baracke erfüllte. Micklitz stürzte ins Zimmer, Gärtner auf seinen Fersen. Ihre Gesichter waren gerötet und verschwitzt. Guido wußte zunächst nicht, ob dies wirklich passierte oder ob er wieder eingeschlafen war. Micklitz rannte auf ihn zu, erhob seine Stimme, damit man ihn über dem Geläute und den Schreien verstehen konnte. "Es ist Carlos. Er hat Euren Vater in seiner Gewalt, Herr. Das Ganze muß von Anfang an geplant gewesen sein. Wir dachten, wir stellen ihm eine Falle. Dabei hat Carlos nur mit uns gespielt."

Guido hatte Mühe, Micklitz zu verstehen. Und noch mehr Mühe, zu begreifen, was er ihm mitteilen wollte. Sein Vater gefangen? Der alte Fuchs? Unmöglich. Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich, und Katharina tauchte auf. Sie schloß die Tür hinter sich und konfrontierte Micklitz. "Was ist hier los?"

Micklitz wiederholte seine Worte. Das machte es Guido nicht einfacher. Katharina reagierte jedoch. "Wo sind die Kerle jetzt? Haben sie irgendwelche Forderungen gestellt? Lösegeld?"

Micklitz schüttelte den Kopf. "Sie sind vor dem Tor. Carlos, zwei seiner Männer und der Herzog. Sie bedrohen ihn mit ihren Armbrüsten. Wir können nichts tun, sie haben uns in der Hand. Sie sitzen einfach da auf ihren Pferden und warten. Auf unsere Rufe haben sie nicht mal reagiert."

Katharina wirbelte zu Guido herum. "Sie warten auf dich. Du bist jetzt der Herr hier. Du mußt mit Carlos reden."

Guido erwachte langsam aus seiner Trance. Dies war kein Traum, kein Abenteuer. Dies war Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die bitter schmeckte und die er nicht schlucken wollte. "Ich habe doch keine Erfahrung. Ich werde alles nur noch schlimmer machen. Micklitz"

"Mit dem Hauptmann werden sie nicht reden. Auch nicht mit mir, wenn das dein nächster Vorschlag sein sollte. Sie warten auf dich. Warte."

Wie der Blitz verschwand sie wieder im Behandlungszimmer und trat ein paar Minuten später wieder hinaus, hielt eine Phiole in der Hand. Die grüne Flüssigkeit darin sah eklig aus. Bestimmt schmeckte sie auch so. Es gab keinen Zweifel, daß dieses Mittel für ihn bestimmt war. Katharina hielt ihm das Fläschchen hin. "Trink das."

"Ich wußte es", murmelte Guido, nur um irgend etwas sagen, nahm die Phiole und leerte sie in einem Zug. Es hätte ihn kaum gestört, wenn es Gift gewesen wäre. Das Zeug schmeckte überraschend angenehm, und bevor er sich zurückhalten konnte, hatte er sich die Lippen abgeleckt.

Katharina schüttelte den Kopf, seufzte übertrieben. "Kindskopf. Das wird dich einige Zeit auf den Beinen halten." Sie wandte sich an Micklitz. "Mehr kann ich hier nicht tun. Paßt auf ihn auf, Hauptmann."

Als er Micklitz aus dem Raum folgte, hatte Guido das Gefühl, in Watte gepackt zu sein. Alles um ihn herum wirkte so gedämpft, das Licht der Fackeln, die Stimmen und Rufe um ihn herum. Das Läuten der Glocke hatte inzwischen aufgehört, wahrscheinlich warteten mittlerweile alle Bewohner der Burg an den Fenstern und auf Balkonen, um eine gute Sicht auf das Geschehen zu haben.

"Was kann Carlos nur wollen?" fragte Guido Micklitz und schloß zu ihm auf.

Micklitz zuckte nur mit den Schultern, fuhr mit der behandschuhten Linken durch sein schweißnasses Haar. "Eure Vermutungen sind wahrscheinlich so gut wie die meinen, Herr."

"Und wenn ich ihm nicht geben kann, was er verlangt?"

"Ich glaube, wenn seine Forderungen nicht erfüllbar wären, stände er jetzt nicht vor unseren Toren. Dann hätte er Euren Vater und unsere Männer gleich getötet."

Das war einleuchtend. "Und was, wenn er trotzdem noch tut? Nachdem ich ihm gegeben habe, was er will?"

Micklitz sah zu ihm herüber, Licht und Schatten wechselten sich auf seinem Gesicht ab. "Das einzuschätzen, Herr, gehört zum Spiel."

Guido trat der kalte Schweiß auf die Stirn. Da hatte er all die Jahre versucht, vor seiner Verantwortung davon zu laufen, sich vor dem Leben, daß sein Vater für ihn geplant hatte, zu verstecken und jetzt das hier. Fast sah es so aus, als wäre dieses Dilemma ein Idee seines Vaters. Er hatte ihn auch das Schwimmen gelehrt, indem er ihn in das kalte Wasser geworfen hatte. Doch hier und jetzt stand nicht nur sein Leben auf dem Spiel.

"Es tut mir leid", sagte er zu niemanden Besonderen.

"Was tut Euch leid, Herr? Ihr könnt doch nichts dafür, was geschehen ist."

Micklitz blieb plötzlich stehen, als sie in den nun verlassenen Aufenthaltsraum kamen, schaute in die Vitrinen, in denen nur noch wenige Waffen zu sehen waren.

Guido folgte ihm mit den Augen. "Es tut mir leid, daß ich nicht der bin, den ihr jetzt braucht."

Micklitz ging nicht auf seine Bemerkung ein, öffnete einen der Schränke und zog ein Schwertgehänge heraus. Mit dem Ärmel wischte er über die angestaubte Schnalle. "Das wird reichen. Legt dies an. Ihr könnt Carlos nicht nackt gegenübertreten."

Guido fummelte den Gurt durch die Schnalle. Das Schwert war schwer, sehr lang. Er würde Schwierigkeiten haben, mit der ungewohnten Waffe zu kämpfen. Aber dazu war die Waffe ja auch nicht gedacht. Was vor ihm lag, war gewiß kein Kampf, der mit Schwertern bestritten wurde.

 

Sie traten auf den Hof hinaus. Mittlerweise war es dunkel geworden, die Umgebung nur durch Fackeln unvollkommen erhellt. Die Menschen, die sich hier aufhielten wichen vor ihnen zurück, als wären sie die Überträger einer tödlichen Krankheit. Guido fand diesen Vergleich erschreckend zutreffend. Aus den Augenwinkeln sah er Lene mit ihrem blonden Schopf, wie sie zurück in die Baracke rannte. Unwillkürlich mußte Guido lächeln. Beruhigend, daß sich doch nicht alles um ihn drehte. Egal, was in den nächsten Augenblicken geschah, das Leben würde weitergehen. Irgendein Leben würde weitergehen. Plötzlich kam die Erinnerung an letzte Nacht zurück. Vor seinem geistigen Auge wiederholte sich der Moment, in dem sich das Schwert in Wolfgangs Leib bohrte. Guido war nicht in der Lage, sich an den Mann zu erinnern, den er nicht hatte aufhalten können. Er sah nur noch das Blut, das aus der Wunde trat, Wolfgangs blasses Gesicht, das Flackern in den Augen, bevor er das Bewußtsein verlor. Dann der Geruch nach Schweiß und Blut, als er Wolfgang auf die Schultern nahm und floh. Er stockte und schüttelte leicht den Kopf. Er mußte diese Bilder loswerden, sonst wäre alles aus. Mit Wut und Hass im Herzen konnte er Carlos nicht gegenübertreten, dann wäre alles verloren, bevor es anfing.

Micklitz blieb ebenfalls stehen und umfaßte seinen Oberarm. "Ist es eure Verletzung, Herr?" Die Sorge, die in diesen Worten mitschwang, galt nicht ihm; das war Guido klar. Doch es war ihm im Moment ziemlich gleich, was die anderen von ihm dachten. Dies hier hing allein von ihm ab. Und von Carlos, von dem er nicht viel mehr wußte, daß er ein Dieb und Schmuggler und wahrscheinlich schlimmeres war. Daß er seinen Vater gefangen hielt. Daß er irgendetwas von ihm wollte. Dieser Gedanke war gleichzeitig beruhigend und entsetzlich.

"Es ist nichts. Wir können weiter. Laßt das Tor öffnen." Die Luft schien plötzlich kälter geworden zu sein, aber auch frischer. Guido atmete mehrmals tief ein, schmeckte diese Frische und ließ sie seine Gedanken vertreiben. Da war ein metallischer Geschmack in seinem Mund, und als er mit dem Finger die Lippen betastete, stellte er fest, daß die Unterlippe blutete. Er zog ein Tuch aus der Tasche und drückte es gegen die Wunde. "Laßt das Tor öffnen", wiederholte er.

Micklitz öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Guido sah ihn nur an und schüttelte den Kopf. Er tupfte noch ein paarmal gegen die Lippe, bis die Wunde auf Tuch nur noch winzige Flecken hinterließ. Er ließ den Stoff wieder in der Tasche verschwinden, leckte sich über die Lippen und ging weiter, seine Linke ruhte auf dem Heft der schweren Waffe. Das Gewicht belastete ihn nicht, im Gegenteil, es gab ihm Halt.

Vor ihm brüllte Micklitz ein paar kurze Befehle, und zwei Männer der Garde traten an Guidos Seite; beide trugen eine Fackel. Einer der beiden war Gärtner.

Guido sah ihn an. "Glaubst du wirklich, ich hätte euch verraten?"

Gärtner zuckte mit den Achseln, das Licht der Fackel machte es Guido unmöglich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. "Ist wohl nicht mehr wichtig. Da draußen hilft Euch kein Verrat, keine Tricks."

"Und der Gedanke erfreut dich?"

Gärtner schüttelte den Kopf. "Ich weiß nur, daß Ihr endlich wieder da seid, wo Ihr hingehört."

So einfach war das. Grausam einfach. Grausam für ihn. Wunderbar einfach für die anderen. Wie es wohl Wolfgang sehen würde? Guido ging weiter, mit den Fackelträgern an seiner Seite. Die Tore wurden geöffnet, und er sah die Gruppe, die ihn erwartete. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er auch ein Pferd besteigen sollte. Doch dies würde nichts einbringen. Es würde Carlos nur zeigen, wie verzweifelt er versuchte, mit ihm auf ein Niveau zu kommen. Äußerlichkeiten hatten ihren Zweck, aber auch ihre Grenzen.

 

Der Weg hinaus dauerte unendlich lang und war nach wenigen Augenblicken zu Ende. Micklitz schloß sich ihnen an. Guido war es gleich, wer ihn begleitete. Das Ergebnis dieser Begegnung würde für alle offenbar werden, egal wie viele Zeugen es gab.

Carlos sah auf sie herab, als sie vor dem Pferd stehenblieben, blickte dann zurück auf die Gruppe hinter ihm. Guido konzentrierte sich auf seinen Widersacher, sah nicht nach seinem Vater, der von Carlos verdeckt war. Carlos glitt aus dem Sattel, mühelos, fast elegant und warf die Zügel einem seiner Begleiter zu. Er trat an dem Pferd vorbei, Guido gegenüber. "Ihr seid der junge Bernstein."

"Guido von Bernstein." Guido senkte knapp den Kopf. Carlos sah jung aus im Fackellicht. Leicht verschmutzt, der Bart und die Haare jedoch ordentlich gestutzt. Blond, fast weiß. Die Augen blau, der Blick offen. So hatte sich Guido den gefürchteten Verbrecher, der seit einigen Jahren die Gegend unsicher machte, nicht vorgestellt. Sie waren fast von einer Größe, Carlos wesentlich kompakter als Guido. Muskulöser. Seine Hände waren allerdings keine Pranken, sondern fast schon zierlich. Er trug keine Handschuhe, keinen Helm. Ein recht ordentliches Kettenhemd über der Tunika. Und ein wertvolles Schwert an seiner Seite.

"Carlos ist nur mein Name im Kampf. Im Krieg. Im Krieg gegen Euren Vater. Mein wahrer Name ist Karl von Brochingen." Die Bemerkung blieb gleichsam in der Luft hängen, und ein Pferd schnaubte und stampfte auf. Guido kam der Name bekannt vor. Micklitz hatte sich versteift, atmete schwerer. Guido sah ihn an; Micklitz beugte sich zu ihm vor.

"Ahhh, man erinnert sich nicht!" rief von Brochingen aus. "Ich erinnere mich, Guido von Bernstein. Euer Vater, der Herzog, hat meine Familie zerstört. Eine politische Intrige, um unsere Ländereien zu gewinnen. Um unseren Einfluß beim König zu zerstören. Und er krönte es mit der Hinrichtung meines Vaters wegen Hochverrats. Kurz vor dem Vollzug des Urteils suchte er mich auf. Den noch kleinen Sohn und den Erben eines Titels ohne Wert, ohne Ehre, ohne Zukunft. Er hielt mir eine Predigt über das Recht. Das Recht des Stärkeren. Ich habe sie nicht vergessen, seine Worte. Und heute werde ich beweisen, daß ich sie auch verstanden habe."

Guido schluckte. Er hatte sich nie besonders für die Geschichte seiner Familie interessiert, wußte jedoch, daß es da einige schwarze Flecken gab, ungeklärte Geschehnisse, über die weder sein Vater, seine Mutter noch seine Lehrer sprachen. Er hätte Katharina fragen können, doch er hatte zuviel Angst gehabt, was sie ihm erzählen würde.

Von Brochingen trat noch einen Schritt näher an ihn heran, kommentierte sein Zucken mit einem Lächeln, daß seine Augen nicht erreichte. "Der Tag, an dem mein Leben endete... ich erinnere mich noch an jeden Augenblick. Vor allem an den Augenblick, als dein Vater meinen Kopf festhielt und mich zwang, dem Henker zuzusehen, wie er das Leben meines Vaters nahm. Ich versuchte, meine Augen zu schließen, doch der Mörder meines Vaters riß an meinen Haaren. Hört es sich nicht an wie ein Schmierenstück einer Gauklertruppe? Und es geht noch weiter. Dein Vater ermordete nicht nur meinen Vater, sondern auch mich. Ich starb an diesem Tag. Der Herzog hielt es für eine Gnade, mich und meine Mutter ins Exil zu entlassen, zu Verwandten in Spanien. Nun bin ich zurück."

Unwillkürlich trat Guido einen Schritt zurück. Von Brochingen strahlte eine Kälte aus, die bei Berührung seine Haute verbrannt hätte. Er wußte nichts zu entgegnen. Zweimal öffnete er den Mund, doch es kam Ton heraus. Er spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Er war in eine Situation gedrängt worden, in der er sich verteidigen mußte, in der es aber keine Verteidigung gab. Er hatte verloren. Und von Brochingen wußte es. Hatte es von Anfang an gewußt. Sein Gegenüber war kein Spieler. Er war ein Kämpfer, ein Rächer. Ein Sieger, der nichts zu verlieren hatte.

"Du lügst, Abschaum. Dein Vater war ein Verräter. Und die Strafe war gerecht. Mein einziger Fehler damals war, daß ich diese Gerechtigkeit nicht auf seine Brut ausgedehnt habe." Guido hatte die Stimme seines Vaters so noch nie gehört, sie klang schrill und panisch.

Von Brochingen drehte sich nicht einmal um. Er sprach weiter, so ruhig, als trage er Fürbitten in der Kirche vor. Ohne zu zögern, ohne zu zweifeln. "Dein Vater hat mich den Mord an meinem Vater sehen lassen. Heute wird dein Vater den Tod seines Sohnes sehen."

Micklitz sprang vor, das Schwert halb gezogen. "Wir werden euch zu Tode hetzen, wenn dem Herzog oder seinem Sohn etwas geschieht. Ihr seid des Todes, wenn Ihr von Eurem Tun nicht ablaßt."

Von Brochingen war völlig gelassen geblieben, wandte sich jetzt lächelnd Micklitz zu. "Aber ich bin bereits verloren. Mein Leben war mein Einsatz in dieser Jagd. Und ich habe ihn mit Freuden gezahlt. Dies ist also meine Forderung für das Leben des Herzogs und seiner Männer." Er nickte. "Ja, die Männer der Garde leben. Oh, es gab ein paar Verletzte, doch alle sind am Leben. Und sie werden es bleiben, wenn Guido von Bernstein meine Forderung erfüllt. Ich fordere für meine Männer eine Summe von zwanzigtausend Talern. Seht es als Lösegeld für die Garde an. Und sie bekommen freien Abzug. Ich fordere für mich und für meine Familie den Kopf Guido von Bernsteins."

Endlich fand Guido seine Stimme wieder, auch wenn sein Verstand noch aussetzte. Er hatte Angst gehabt, in dieser Rolle zu versagen. Jetzt fand er, daß er gar keine Rolle spielte. "Du hättest mich töten können, letzte Nacht."

"Vielleicht. Wenn ich es versucht hätte. Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um dein Leben. Es geht um den Mörder. Daß er mit ansieht, wie du stirbst. Und mit diesem Anblick weiterlebt."

"Woher weiß ich, daß du dein Wort hältst? Daß du die Männer freiläßt?"

"Ich gebe dir mein Wort."

Wieder diese schrille Stimme aus dem Hintergrund. Diese Stimme, die ihm so fremd war. Von diesem Mann, der ihm so fremd war. "Ihr seid ohne Ehre. Du kannst ihm nicht trauen, Guido."

Nein, das konnte er wohl nicht. Aber es würde keine Verhandlung geben. Von Brochingen sagte nichts weiter. Er hatte alles gesagt. Sein Preis war genannt. Guido konnte akzeptieren oder ablehnen. Seine Entscheidung. Sein Risiko. Seine Verantwortung. Sein Leben...

Er wollte nicht sterben. Nicht so... sinnlos. Für die Rachegelüste eines anderen. Nichts würde sein Tod ändern. Auch wenn von Brochingen das glaubte. Oder erhoffte. Aber da waren die Männer der Garde. Ihr einziger Fehler war, daß sie dem falschen Mann dienten. Aber sie würden für viel mehr bezahlen müssen, wenn er sich jetzt weigerte.

"Warum erschlägst du mich nicht einfach, jetzt und hier, vor den Augen meines Vaters?" Die Frage war sinnlos, gewann ihm nicht mal Zeit. Er mußte es anders versuchen. "Bis heute Abend wußte ich nicht, ob ich meinen Vater liebe. Jetzt weiß ich, daß ich es tue. Weil er mein Vater ist. Bis heute Abend dachte ich, er wäre ein gerechter Mann. Jetzt zweifle ich an seiner Ehre. Ich weiß nicht, wieviel Wahrheit in deinen Worten steckt. Doch du läßt mir keine Zeit, es herauszufinden. Du bist Ankläger, Richter und vielleicht auch Henker in einer Person."

"Die Geschichte wiederholt sich. All dies war dein Vater vor sieben Jahren. Nein, mehr noch, er war auch der Täter."

"Mein Vater behauptet etwas anderes. Aber das ist ja auch gar nicht wichtig."

Von Brochingen schüttelte den Kopf. "Wer weiß, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit..." Er lächelte wieder, und Guido dachte plötzlich an Wolfgang. Überlegte, wie Wolfgang entscheiden würde. Und fand erschreckend schnell eine Antwort.

"Ich kann nicht sagen, daß ich dir vertraue. Aber ich habe keine Wahl." Er hatte sich seine Rückkehr in die Wirklichkeit etwas anders vorgestellt. Aber Vorstellungen gehörten ins Reich der Phantasie. Micklitz keuchte neben ihm, Gärtner sog die Luft ein, stieß seinen Kameraden an. Aus den Augen sah Guido das kurze Nicken von Bernhard, einem der ältesten Gefolgsleute seines Vaters. All das spielte keine Rolle mehr. Der Weg für ihn war hier zu Ende.

"Wie ich sagte, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit... Gut. Ich werde dir sagen, wie wir vorgehen. Nach der Vollstreckung werde ich mit dem Herzog und dem Gold fort reiten. Sobald meine Männer außer Gefahr sind, lasse ich eure Garde und den Herzog frei. Du hast mein Wort."

"Ich werde kaum feststellen können, ob du es hältst", preßte Guido hervor. Sein Mund war nun ausgetrocknet; sein kurzer Auftritt war vorbei. "Hauptmann! Holt das Gold. Laßt es uns hinter uns bringen." Micklitz blieb stehen, reagierte nicht. Auch die beiden anderen rührten sich nicht von der Stelle. "Macht schon!" Er hatte eigentlich nicht schreien wollen. Und er hatte eigentlich nicht sterben wollen.

Von Brochingen drehte sich zu seinen Männern um. "Bereitet alles vor." Sie ritten weg, den Herzog im Schlepptau. "Willst du noch einmal zurück?" fragte von Brochingen ruhig.

"Was?"

Von Brochingen nickte in Richtung Burg. "Um dich zu verabschieden."

"Meine Mutter ist" Guido brach ab, wurde sich zum ersten Mal bewußt, daß er seine Mutter nicht mehr sehen würde. "Es gibt niemanden, von dem ich mich verabschieden muß."

Von Brochingen musterte ihn eindringlich. "Muß vielleicht nicht. Aber vielleicht..." Er ließ den Satz unbeendet. "Nutze die Zeit, die dir noch bleibt."

Guido schüttelte den Kopf. Katharina würde verstehen. Und Wolfgang... Die Chance, daß er mit ihm sprechen könnte, war äußerst gering. Und falls es möglich wäre, was sollte er ihm dann sagen? Daß er sich nichts sehnlicher wünschte, sein Freund geworden zu sein? Daß es ihm leid tat, daß er ihn nicht hatte beschützen können? Daß er sich in ihn verliebt hatte? Alles vorbei, zu spät. Und vielleicht war es auch besser so. Nichts hatte er richtig gemacht, nichts zu Ende gebracht. Nichts erreicht. Nichts wirklich gewollt. Sogar von Brochingen war es da besser ergangen. Er war am Ziel. Selbst wenn es eine Endstation war.

Doch Guido konnte auch nicht einfach so hier stehen und auf den Tod warten.

"Was wirst du tun... danach, meine ich..."

Von Brochingens Ausdruck änderte sich nicht, doch hatte Guido den Eindruck, daß sich seine Haltung etwas verkrampfte. "Ich würde lügen, wenn ich behaupte, daß es mich nicht interessiert oder daß ich nicht darüber nachgedacht hätte. Dein Vater wird mich wohl jagen lassen, bis ich gefangen gesetzt worden oder zugrunde gegangen bin."

"Warum hast du nicht auch für dich einen Freibrief gefordert?" fragte Guido, und es klang selbst in seinen Ohren dumm.

"Ich glaube kaum, daß dein Vater auf solche Zusagen etwas geben wird." Er ließ den Griff seines Schwertes los und befingerte das schmale grüne Band, das er um den Hals trug. Es schien aus Seide zu sein; Guido war sich nicht sicher. Plötzlich hielt von Brochingen inne und knotete das Band los, hielt es Guido hin. "Ich möchte, daß du es dir umlegst. Meine Mutter gab es meinem Vater, nach der Verhandlung. Und er trug es bei der Hinrichtung. Meine Mutter wußte natürlich, daß es ihm kein Glück bringen würde, dennoch... Ich möchte, daß du es jetzt trägst."

Guido nahm es in die Hand. Tatsächlich, es war aus Seide, von einer perfekten Farbe. Eigentlich hatte er es von Brochingen vor die Füße werfen wollen, doch es fühlte sich gut an. Schaden konnte es ihm nicht. Er legte es um, und es fühlte sich immer noch gut.

"Ich hatte etwas anderes erwartet", lächelte von Brochingen. "Du bist nicht wie dein Vater."

"Und du? Bist du wie dein Vater?"

Jetzt blitzte es in von Brochingens Augen auf. "Ich hätte gern die Gelegenheit gehabt, das herauszufinden." Guido spürte, daß von Brochingens Zorn nicht auf ihn gerichtet war. Doch das machte keinen Unterschied.

In diesem Moment ertönte Hufgetrappel hinter von Brochingen. Es war soweit. Endlich.

Einer der Männer sprang vom Pferd, reichte von Brochingen die Axt. Zwei andere ritten in Richtung Burgtore, zogen einen schweren Block hinter sich her. An einer Stelle, die von der Burg gut gesehen werden konnte, ließen sie den Block liegen und lösten die Seile. Ein knappes Dutzend Reiter, mit Fackeln ausgestattet, stellten sich im Halbkreis um den Block auf. Der Herzog wurde zu diesem Richtplatz geführt; seine Hände waren an seinem Sattel gefesselt.

Von Brochingen besah sich eingehend die Schneide der Axt, prüfte mit seinem Daumen ihre Schärfe, nickte zufrieden. Er deutete mit seiner Hand in Richtung Block und Guido machte sich auf den Weg dorthin. Sein Geist war irgendwie leer; er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Seine Hand verkrampfte sich um den Schwertgriff, doch das half ihm nicht weiter. Vor seinen Augen verschwamm alles, das flackernde Licht machte ihn nervös und ihn schwindelte. Vielleicht ließ auch nur die Wirkung des Heilmittels nach, das er von Katharina bekommen hatte... Nun ja, seine endgültige Heilung stand unmittelbar bevor.

 

Vor dem Block angekommen wollte einer der Reiter, die den Block gezogen hatten, ihm mit einer schwarzen Binde die Augen bedecken, aber Guido schüttelte den Kopf. Stattdessen schnallte er das Schwert ab und schleuderte es von sich weg, so weit er konnte. Er hörte den dumpfen Aufprall. Er sah von Brochingen entgegen, der ihm gefolgt war. "Wir wollen doch nicht so tun, als würde ich den Tod eines Kriegers sterben."

Von Brochingen erwiderte nichts, sah in Richtung Herzog, wohl um sicherzugehen, daß dieser freie Sicht auf den Block hatte. Als sich ihre Blicke trafen, rief der Herzog: "Noch könnt Ihr umkehren. Laßt meinen Sohn leben, und ich lasse Euch ziehen." Jeder der Anwesenden konnte die Lüge hören.

"Und ich hatte erwartet, Ihr bietet Euer Leben für das Eures Sohnes."

"Das würdet Ihr akzeptieren?" Der Herzog starrte seinen Widersacher mit einer Mischung aus Zorn und Erstaunen an.

"Nein, aber es wäre eine ehrenvolle Geste gewesen." Er wandte sich wieder Guido zu, der noch einmal zu seinem Vater sah. Er hatte keine Worte mehr für ihn; und auch sein Vater schwieg. Dann ging er die letzten Schritte zum Block, kniete davor nieder und senkte den Kopf. Sein Haar war kurz geschnitten, wie es einem Mitglied der Garde zukam. Lediglich das grüne Seidenband bedeckte einen Teil seines Nackens.

"Mehr Licht!" befahl von Brochingen, und um Guido herum wurde es heller, als weitere Fackeln entzündet wurden.

Guido sah vor seinem geistigen Auge, wie die Axt auf seinen Nacken niedersauste und schrak zurück, wandte sich an von Brochingen. "Könntest du mich fesseln lassen? Ich glaube, ich werde nicht stillhalten können." Mochten sie ihn doch alle für feige halten, aber die Vorstellung, daß er kurz vor dem Aufprall wegzucken würde...

Von Brochingen sagte nichts, winkte nur einen seiner Männer heran, der geschickt und schnell Guidos Arme auf dem Rücken zusammenband. Der Mann drückte ihn dann wieder auf den Block, so daß er hilflos darauf warten mußte, was mit ihm geschah. Kein schönes Gefühl, aber immer noch besser als die Alternative, die ihm vor wenigen Augenblicken durch den Kopf geschossen war.

Von Brochingens Stimme kündigte das Ende an. "Guido von Bernstein. Ich nehme Euer Leben als Blutpreis für die Ermordung Karl von Brochingens, meinem Vater. Mögen Gott und alle Teufel Eurer Seele gnädig sein." Stille trat ein, doch es war eine unvollkommene Stille, eine Stille, die Guido noch einmal das Leben spüren ließ. Das Knacken der Fackeln, das gelegentliche Stampfen und Schnauben einiger Pferde, die mehr oder weniger ruhigen Atemzüge der Männer um ihn herum, leises Klirren von Waffen, Ausrüstung und Geschirr... Und sein Geist suchte wie wild nach einer Erinnerung, forschte nach einem Bild, an das er sich klammern konnte, irgend etwas, daß die Vorstellung von seinem Henker verdrängte. Und von Brochingens Gesicht, das sein inneres Blickfeld erfüllte, veränderte sich, wurde zu Wolfgangs Gesicht, nicht das blasse Gesicht der letzten Nacht, sondern das lachende Gesicht von Wolfgang, wie er mit ihm in der Bibliothek saß, als sie gerade gemeinsam einen alten Text entziffert hatten.

Guido schloß die Augen, hörte, wie von Brochingen ausholte, wie er die Axt herumschwang, sie auf ihn niederfallen ließ, wartete auf den Schlag, wußte, daß er ihn nicht würde spüren können

Nichts. Kein strahlendes Licht, keine Himmelstore, die sich vor ihm auftaten, keine verzehrende Hitze, die ihn im Fegefeuer begrüßte. Nichts hatte sich geändert. Fast explosionsartig stieß er den Atem aus, den er unbewußt angehalten hatte, keuchte, schnappte nach Luft. Was sollte das? Gerade wollte er diese Frage herausbrüllen, als er nach hinten gezerrt wurde, so daß er auf die Beine kam; die Hand hielt ihn auch aufrecht, als seine Beine unter ihm nachgaben. Die Fesseln an seinen Handgelenken wurden durchschnitten.

Als von Brochingen ihn losließ, sank Guido auf die Knie; er versuchte, seine Finger in die Erde zu graben, doch der Boden war hart gefroren. Heiße Tränen rannen über seine Wangen. "Steht auf, edler Ritter. Ihr habt es überstanden."

Guido konnte nicht, wollte nicht aufstehen. Die Worte hatten geklungen wie Hohn, spöttisch. Er glaubte nicht, was ihm von Brochingen zugerufen hatte. Dies alles war eine Farce, eine Komödie auf seine Kosten. Dann kniete von Brochingen neben ihm, wischte ihm mit einem Tuch die Tränen aus dem Gesicht. "Du hast meinen Preis bezahlt. Es ist wirklich vorbei. Du bist frei zu tun, was immer du willst", flüsterte er ihm zu.

Guido unterdrückte ein verächtliches Schnauben. Das hatte er nie gekonnt. Würde er nie können. Es war nur eine Illusion, daß er selbst sein Leben bestimmen könnte. Langsam rappelte er sich auf. Die Kopfschmerzen waren wieder da, doch die waren sein geringstes Problem. Er hatte sich lächerlich gemacht, sich als der Feigling und Versager entpuppt, für den ihn sowieso schon alle hielten. Mühsam richtete er sich auf. Von Brochingen ebenfalls. "Gib mir bitte das Halsband zurück. Du brauchst es jetzt nicht mehr." Fast wie in Trance tat er, wie ihm geheißen, reichte von Brochingen das Seidenband. Der legte es wieder um seinen Hals. "Zeit für mich zu gehen." Er tippte auf sein Halsband. "Ich werde unsere Begegnung nicht vergessen. Und vielleicht... zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort." Er streckte Guido seine Hand entgegen.

Für eine Sekunde zögerte er, dann holte Guido aus und ließ seine Faust auf von Brochingens Kiefer krachen. Er mußte ziemlich gut getroffen haben, denn der ging vor ihm zu Boden. Nach ein paar Sekunden tastete er nach der lädierten Stelle, verzog das Gesicht zu einer Grimasse. "Ich denke, daß hast du dir verdient. Und ich auch."

Guido schüttelte den Kopf, wandte sich ab. Er wollte das befriedigte Grinsen auf von Brochingens Gesicht nicht sehen. Er wollte... ja, er wollte nur noch weg hier. Aus dem Mittelpunkt des Geschehens, zurück in die Schatten, wo er hingehörte. Dort, wo man ihn in Ruhe lassen würde... Jeder Schritt war eine Überwindung, er erlebte den sprichwörtlichen Spießrutenlauf. Die Tore standen offen, und die ersten Burgbewohner kamen herausgelaufen, rufend, winkend. Guido blieb stehen. Das mußte er sich wohl über sich ergehen lassen. Hinter ihm erklang Hufgetrappel. Er sah sich um und sah noch, wie von Brochingen und seine Männer fortritten. Die Fackeln hatten sie an den Block geworfen, Flammen versuchten, sich in das schwere Holz zu fressen. Sein Vater hatte sich nicht fortbewegt, saß unbeweglich auf seinem Pferd, die Zügel hingen zu Boden.

Die ersten aus der Burg kamen auf Guido zu; es waren Gärtner und Micklitz. Gärtner sah ihn strahlend an, schlug ihm so hart auf den Rücken, daß er fast das Gleichgewicht verlor. Er schluckte, konnte sich die Reaktion nicht erklären. Auch Micklitz lachte und oh, Gott, er umarmte ihn, schien ihn gar nicht mehr loslassen zu wollen. Guido schluckte noch ein paar Mal, befreite sich dann aus der Umklammerung. "Kümmert euch um den Herzog." Gärtner nickte eifrig, schlug ihm noch einmal auf den Rücken und ging dann auf den Herzog zu, vorsichtig, damit das Pferd nicht in Panik geriet und fortlief.

Micklitz nahm Guidos Gesicht in seine großen Hände, und für einen Augenblick fürchtete Guido, Micklitz würde ihn küsen. Aber der sagte nur: "Das war phantastisch. Gott, daß du... daß Ihr... lebt. Daß Ihr lebt." Micklitz wurde knallrot im Gesicht, sah verwirrt aus. Genau so, wie Guido sich fühlte.

Er stammelte los. "Was ist denn los? Ich hab's vermasselt."

"Was? Vermasselt? Begreifst du... Ihr... hach, verdammt!" Micklitz machte seinen Gefühlen mit einem lauten Fluch Luft, und Guido konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Bleibt ruhig beim Du, Hauptmann. Noch bin ich ein Mitglied der Garde und Eurem Befehl unterstellt."

"Und wenn's nach mir geht, wird sich daran auch nichts ändern!" Micklitz strahlte ihn nun erleichtert an. "Verstehst du denn nicht? Er hat dich nur auf die Probe gestellt. Und du hast sie mit Bravour bestanden. Nicht daß wir das geahnt hätten es sah ziemlich echt aus."

"Ja", sagte Guido nur. Langsam begann sein Hirn wieder zu arbeiten. War es so einfach? Nur eine Probe? Hinter Micklitz sammelten sich die Burgbewohner und alle riefen ihm Glückwünsche und Schmeicheleien zu. Gott sei Dank hielt Micklitz sie von ihm ab. Er hörte Huftritte und drehte sich um. Gärtner führte den Herzog auf seinem Pferd heran. Gärtner griff an seinen Gürtel und bot Guido sein Messer an. Der nahm es mit einem kurzen Nicken und durchtrennte die Fesseln. Sein Vater rutschte aus dem Sattel, massierte seine lädierten Handgelenke. Er schob seinen Sohn beiseite und wandte sich an Micklitz.

"Ich will Eure Leute in fünf Minuten im Sattel sehen. Wir werden diesen Kerl jagen, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht. Wir werden diese Brut auslöschen." Micklitz starrte den Herzog entsetzt an, und Guido schob sich zwischen die beiden Männer.

"Das können wir nicht tun. Er hat noch immer unsere Männer in seiner Gewalt. Wir können nicht ihr Leben riskieren. Wir sollten eine Abordnung zu Carlos schicken, um die Lösegeldübergabe zu regeln."

Der Herzog schnappte nach Luft, sein ohnehin gerötetes Gesicht färbte sich noch dunkler. Doch die Stille hielt nicht lange vor. "Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich weiß ja, daß du nicht viel von mir gelernt hast, aber du solltest doch eines begriffen haben: Ich verhandle nicht mit Verbrechern. Dein ganzes Verhalten war ein Schlag in mein Gesicht. Du hast deinen Namen verraten. Du hast mich verraten, als du dich zum Hampelmann für diesen Dieb und Mörder gemacht hast."

Guido wich vor diesen Worten zurück, als wären sie Hiebe. Sie schmerzten wahrlich mehr, als wenn sein Vater ihn geschlagen hätte. Wieder saß er zwischen den Stühlen, immer noch nicht wußte er, wo er hingehörte. Besser er ging jetzt und mischte sich nicht mehr in Dinge, von denen er nichts verstand. Er drehte sich weg, aber die Hand seines Vaters schoß nach vorn und seine Fingern bohrten sich schmerzhaft in seine Schulter. Mehr vor Schreck als vor Schmerz schrie Guido auf.

Der Herzog lachte barsch auf. "Du bist ein Weichling, und du wirst nie in der Lage sein, mein Erbe anzutreten. Du wirst immer weglaufen, wenn du kannst."

"Wenn ich nur dein Erbe antreten kann, falls ich so werde wie du, bleibe ich lieber, was ich bin. Ein Niemand."

Guido hatte ruhig gesprochen, doch der Herzog fuhr zurück, als hätte er ihm ins Gesicht gespuckt. Als Guido sich losmachen wollte, ließ der Herzog seine Schulter los und schlug ihn mit dem Handrücken mitten ins Gesicht. Guido wurde weiß vor Augen, und er stolperte rückwärts, sein Kopf knallte auf den harten Untergrund.

 

* * * * * * *

 

1. März

 

Seine Umgebung präsentierte sich ihm in Schlieren; langsam fühlte sich Bernstein als lebendes Gegenargument für den dummen Spruch, daß leichte Schläge auf den Hinterkopf das Denkvermögen erhöhen würden. Ach nein, leichte Schläge waren das ja nicht gewesen. Er blinzelte, bis sich seine Sicht etwas klärte, und sein Blick begegnete dem von Micklitz, der ihn besorgt ansah.

"Katharina, er kommt wieder zu sich." Bernstein drehte vorsichtig den Kopf, um an Micklitz vorbeizuschauen. Doch Katharina Schubert kam schon herbeigelaufen.

"Ganz wie meine Kollegin es vermutet hatte. Jetzt werden Sie um einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr herumkommen. Das ist eine gewaltige Gehirnerschütterung, die Sie da abbekommen haben, junger Mann. Aber wer nicht hören will, muß fühlen." Sie wackelte mit ihrem Zeigefinger, lächelte aber dabei. "Und jetzt werde ich meine Kollegin auftreiben, damit Sie von dieser Pritsche in ein vernünftiges Bett kommen."

Im nächsten Augenblick war sie aus dem Behandlungszimmer. Bernstein zog eine Grimasse. "Wer nicht hören will, muß fühlen. Ich habe mir diese rüde Umgangsweise nicht ausgesucht. Ich sollte mir die Leute, mit denen ich mich abgebe, etwas genauer ansehen."

Micklitz räusperte sich. "Gärtner tut die ganze Geschichte leid. Er wird wohl einer der ersten sein, die Ihnen einen Krankenbesuch abstatten werden."

Bernstein erschauerte und machte auf entsetzt, so wirkungsvoll, daß Micklitz zu lachen begann. "Und ihr Vater ist wie ein begossener Pudel von dannen gezogen. Ihm ist wohl inzwischen klargeworden, daß er da etwas ausgerastet ist."

"Etwas ist gut. Mein Schädel fühlt sich an, als würde darin ein Kickbox-Wettbewerb abgehalten. Ich muß gestehen, ein Bett in einem ruhigen Zimmer käme jetzt ganz gut." Er sah sich seine sterile Umgebung etwas genauer an. "Wo bin ich eigentlich hier genau?"

"In unserer üblichen Absteige", antwortete Micklitz trocken. "Und ich habe gute Neuigkeiten. Bronski ist über den Berg. Er hat schon nach Ihnen gefragt."

"Er hat's geschafft?" Bernstein richtete sich hastig auf, bereute diese abrupte Bewegung allerdings sofort.

"Heh, Vorsicht!"

"Ich hab's gemerkt." Bernstein schluckte, und Micklitz reichte ihm einen Becher mit Wasser. Bernstein nahm ein paar Schlucke, räusperte sich und versuchte es noch einmal. "Er hat's geschafft." Aus der Frage war eine Feststellung geworden. Bernstein entspannte sich bei diesem beruhigenden Gedanken.

"Haben Sie daran gezweifelt?" Bernstein konnte klar erkennen, daß seine Gelassenheit nur gespielt war. Alles war sehr knapp gewesen. So hob Bernstein nur die rechte Augenbraue an, und Micklitz grinste. "Carlos ist über alle Berge. Aber darum werden wir uns kümmern, wenn meine besten Leute wieder auf dem Damm sind."

Bernstein dachte an den charismatischen Verbrecher, der ihm in den letzten Stunden mit seiner Art ziemlich unter die Haut gegangen war. Erst langsam wurden ihm Micklitz Worte richtig bewußt. "Ihre besten Leute?"

"Sie dummer Junge sollten langsam begreifen, daß aus Ihnen ein wirklich guter Polizist werden kann, wenn Sie endlich damit aufhören, für alle Welt den Supermann spielen zu wollen."

"Man merkt, daß Sie zu oft mit Frau Schubert abhängen. Ihre Art färbt auf Sie ab!"

Micklitz war nicht beeindruckt. "Na und? Wäre doch nicht das Schlechteste!"

Bernstein lächelte. "Nein, auf keinen Fall. Eigentlich hätte ich jetzt eine große Bitte, die Frau Schubert bestimmt auf die Palme bringen würde."

"Schon klar. Sie wollen zu Bronski. Wird wohl kaum gehen, dazu sind Sie beide viel zu mitgenommen. Er weiß, daß Sie größtenteils in Ordnung sind, und Sie wissen, daß er wieder gesund wird. Wozu die Eile?"

"Wir... wir haben uns ziemlich in den Haaren gehabt, und ich will das so bald wie möglich klären."

"Was ist denn passiert?"

Nur für einen kurzen Augenblick zögerte Bernstein, dann platzte es aus ihm heraus. "Wenn ich das nur wüßte. Er hat mir meine Herkunft vorgeworfen. Daß ich die Polizeiarbeit als Abenteuer auf Zeit ansehen würde. Fast war es so, als glaubte er, ich hätte ihn verraten. Dabei" Er brach ab. Alles wollte er hier und jetzt nun doch nicht preisgeben.

Micklitz sah auf seine Schuhe herunter, bewegte eine Fußspitze langsam auf und ab.

"Was ist denn los, Chef? Wissen Sie, was in ihn gefahren ist?"

"Wahrscheinlich. Seltsam, daß Sie es nicht selbst mitbekommen haben..."

"Ja, was denn? Ich habe keine Ahnung, was los ist!" Bernstein zwang sich zur Ruhe, sein Kopf war kurz vor dem Zerplatzen.

"Mann, beruhigen Sie sich oder man wird mich in hohem Bogen hier herauswerfen." Micklitz holte tief Luft. "Ich denke, das Ganze ist meine Schuld. Gestern beim Schießtraining bei dem Sie übrigens unentschuldigt gefehlt haben habe ich mich... Nun ja, ich war wütend, daß Sie wieder einmal diese vorschriftsmäßige Übung geschwänzt hatten, und da habe ich etwas verlauten lassen, daß Sie wohl bei der Truppe nicht alt würden. Zumal Ihr Vater" Micklitz brach ab, konzentrierte sich wieder auf seine Schuhspitzen.

"Mein Vater hat was damit zu tun?" Bernstein war überrascht, wie ruhig seine Stimme klang.

"Er hat in einem Gespräch mit mir durchblicken lassen, daß Sie vorhaben, den Dienst zu quittieren."

"Was? Das kann doch nicht wahr sein. Und Sie haben ihm geglaubt?" Bernstein starrte Micklitz an. Wenn das die Runde gemacht hatte und bei der Tratschgeschwindigkeit in der Truppe war das als sicher anzunehmen, brauchte er sich nicht zu wundern, wie Gärtner reagiert hatte. Von Bronski ganz zu schweigen... "Ich muß zu ihm."

"Kann ich ja verstehen. Aber ich glaube nicht, daß ihre behandelnde Ärztin damit einverstanden ist, daß Sie hier im Haus herum wandern."

"Allerdings." Unbemerkt von Bernstein und Micklitz hatte sich die Tür geöffnet, und im Türrahmen standen Schubert und eine weitere Ärztin. "Absolute Bettruhe. Die Pfleger bringen Sie gleich in Ihr Zimmer."

"Ich muß erst etwas erledigen." Bernstein hampelte mit dem Laken, mit dem er zugedeckt war. Da war die Ärztin schon an seiner Seite und drückte ihn auf die Liege zurück.

"Lassen Sie mich erst einmal in Ihre Augen sehen." Eine schnelle Bewegung mit dem Handgelenk, ein kurzes Aufleuchten einer kleinen Lampe... noch einmal... "Kein Zweifel. Schwere Gehirnerschütterung."

"Aber ich muß"

"Bernstein, seien Sie vernünftig, ich kann doch mit Bronski reden." Micklitz tauchte neben der Ärztin auf.

"Nein, das muß ich schon selbst tun."

"Aber nicht heute." Die Stimme der Ärztin duldete keinen Widerspruch.

Was Bernstein nicht ein Bißchen interessierte. "Hören Sie, Frau Doktor..." Er lugte nach ihrem Namensschild. "Hennessen. Das hier hat alles keinen Zweck. Wenn Sie möchten, daß ich zur Ruhe komme, geben Sie mir ein paar Minuten. Dann verschwinde ich brav in meinem Bett, und wenn es Wochen dauern sollte, bis Sie mich wieder rauslassen."

Bevor Hennessen antworten konnte, rief Schubert dazwischen. "Ihr Vater ist da."

"Was? Ich denke, ich brauche Ruhe. Und hier geht's zu wie auf dem Hauptbahnhof zur Mittagszeit. Er soll gehen. Ich will ihn nicht sehen. Und sprechen schon gar nicht."

Hennessen sah ihre Kollegin an, und diese seufzte, ging und schloß die Tür hinter sich. Hennessen wandtet sich an Micklitz. "Sie auch. Ab mit ihnen." Wortlos nickte Micklitz. In der Tür prallte er fast mit dem Pfleger zusammen, der einen Rollstuhl in den Raum manövrieren wollte. Dann war er fort.

Bernstein und Hennessen sahen sich kurz an, und Bernstein zuckte mit den Schultern. "Trösten wir uns damit, daß sie mich alle ganz doll lieb haben." Er zwinkerte, und Henessen lachte, drehte sich dann zum Pfleger um.

"Heute sind scheint's alle verrückt geworden. Ich hatte keinen Rollstuhl angefordert, sondern eine Liege." Der Pfleger zog eine Grimasse und rollte den Stuhl wieder heraus.

Bernstein wurde aktiv. "Nein, halt, das ist doch ideal. Ich setz' mich da rein, der Pfleger bringt mich zu meinem Kollegen, und in zehn Minuten schiebt er mich in mein Zimmer. Dann können Sie abschließen und den Schlüssel wegwerfen. Ist das ein Geschäft?"

Hennessen betrachtete Bernstein eingehend. Der wußte, daß er gewonnen hatte, unterdrückte aber ein befriedigtes Grinsen. "Da Sie ja vorher doch keine Ruhe geben..." Sie wandte sich an den Pfleger. "Bringen Sie unseren Gast, wohin er möchte und dann auf sein Zimmer." Sie sah wieder Bernstein an. "Gute Besserung, Herr Bernstein. Passen Sie auf Ihren Dickkopf auf."

"Sehen Sie nicht mehr nach mir?"

"Gott sei Dank sind Sie nicht mehr meine Verantwortung, sobald Sie auf Ihrem Zimmer sind. Aber seien Sie sicher, daß ich Doktor Pauly vor Ihnen warnen werde. Das mit dem Schlüssel wegwerfen ist eine gute Idee."

 

Sie standen vor Bronskis Krankenzimmer. Nun, Michael, der Pfleger stand, und Bernstein saß. Fünf Minuten hatte ihm der behandelnde Arzt zugestanden, aber erst nach Rücksprache mit Hennessen. Bernstein schluckte, Kehle und Mund warem absolut ausgedörrt. Außerdem war ihm schlecht. Wieder einmal.

"Los geht's. Du schiebst mich rein und wartest dann draußen."

"Jawoll, Herr General. Mann, ihr Bullen habt einen Ton am Leib."

"Du bist auch nicht schlecht. Bewirb dich mal", sagte Bernstein.

Michael klopfte kurz an, wartete aber nicht auf eine Antwort, sondern öffnete die Tür, schob Bernstein durch, rief: "Besuch!" und war draussen, bevor Bernstein überhaupt begriff, daß er jetzt Bronski gegenüber saß. Er konnte ihn gar nicht sehen, das hohe Krankenbett verhinderte jeden Einblick. Er rollte weiter in den Raum, quetsche sich dabei fast einen Finger und kam schließlich neben dem Bett zum Halt.

Bronski stemmte sich mühsam auf den Ellbogen hoch. Bernstein erschrak bei seinem blassen Anblick. Bronski grinste. "Danke gleichfalls. Du siehst auch toll aus."

"Tschuldige. Gott bin ich froh, dich an einem Stück zu sehen. Wie geht's dir?"

"Abgesehen von den Schmerzen, der Langeweile und den scheußlichen Wänden hier... großartig. Und selbst."

"Trainiere gerade für die Paralympics. Ich fürchte, ich schaffe nicht mal die nationale Qualifikation."

"Vielleicht hast du dir die falsche Disziplin ausgesucht."

"Bestimmt. Wäre ja nicht das erste mal." So, geschafft. Sie waren mittendrin im Thema.

"Habe ich gehört." Bronski ließ sich in seine Kissen zurücksinken. "Du bist gekommen, um dich zu verabschieden?" Wie eine Frage klang das nicht.

"Häh?" Das schon eher. "Ich meine, wie kommst du darauf? Ich bin hier, um dir zu sagen, daß das, was Micklitz da erzählt hat, völliger Blödsinn ist."

"Was denn genau?"

"Daß ich von der Truppe weg will. Will ich nämlich nicht." Bronski sah ihn wieder an. "Polizeiarbeit ist genau das, was ich tun will. Auch wenn ich nie so gut sein werde wie du."

"Das gefällt mir."

"Was, daß ich bleibe?"

"Nö, daß du denkst, daß ich besser bin als du."

"Ach so." Irgendwie war es einfacher, die Wände anzustarren.

"Heh, Bernstein."

"Hmmm?"

"Micklitz und Gärtner waren heute mittag hier und haben mir ein bißchen erzählt, was passiert ist. Daß du mich rausgeholt hast... und die Sache mit deinem Vater..."

"So, haben sie."

"Ja. Danke."

"Wenn meine Waffe nicht gestreikt hätte..."

"Nicht deine Schuld."

Bernstein wand sich und blickte Bronski endlich wieder an. "Doch. Wenn ich die Waffenübung mitgemacht hätte, wäre mir der Fehler wahrscheinlich aufgefallen."

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist vorbei."

Vergeben und vergessen? War es so einfach? Auch Micklitz hatte nichts von einem Disziplinarverfahren oder auch nur einer Untersuchung in dieser Sache gesagt. Kam vielleicht noch...

"Heh, Bernstein."

"Hmmm?" machte er wieder. Bronski grinste auf ihn herab.

"Diese Carlos-Sache? Herzlichen Glückwunsch. Das wird Eindruck bei allen machen. Ich frage mich" Bronski brach ab.

"Was fragst du dich?"

"Ich habe mich gefragt, ob du es dir endlich zutraust, deinem Namen und deiner Familie gerecht zu werden."

Bernstein runzelte die Stirn. Das war eine seltsame Formulierung. Bronski und er hatten sich in letzter Zeit wohl zu viele Klassiker angesehen. Aber da gab es nur eine Antwort. Er schüttelte den Kopf. "Ich werde versuchen, meinen Freunden gerecht zu werden." Das hörte sich gut an. Und er meinte es so. Bronski nickte nur. Bernstein fügte hinzu: "Und ich verspreche dir, daß ich mich niemals mehr vor meinen Pflichten drücken werde. Ich habe lange genug gespielt."

"Schade eigentlich. Ich glaube, ich mag deine Abenteuer. Du wirst sie niemals mehr allein bestehen müssen."

 
Ende

 
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