|
Die Schöne und das Biest© by Natascha/Norynia ()
//Jeder Tag ist wie ein Spiel gegen vergangene Zeiten,//
Ein hartes Spiel. Ich habe es so oft gespielt, seit es vorbei ist. Seit wir uns getrennt haben und jeder seinen eigenen Weg geht. Wie schon zuvor. Doch jetzt ist es anders. Wir sind anders. Zwischen uns ist es anders. Ein grausames Spiel, das folgt und Vergessen heißt. Ich kann es nicht, auch wenn ich will. Und seit dieser scheinbar langen Zeit, die meine Erinnerung überbrückt, um mich alles wieder deutlich spüren zu lassen, spiele ich dieses Spiel. Und ich verliere es. Immer und immer wieder.
//jede Nacht ist wie ein Ziel, das ich nie mehr erreiche.//
Das Ziel, dich wieder akzeptieren zu können. Deine Gegenwart akzeptieren zu können. Ich kann es nicht mehr. Ich verstoße dich, du stößt mich ab. Deine bloße Gegenwart, die mich fast zum Wahnsinn treibt. Ich wünschte, ich könnte in die Vergangenheit zurückreisen, und alles ungeschehen machen, was vorgefallen ist. Meinem damaligen Ich die Augen öffnen, bevor es zu spät ist. Aber ich kann nicht. Auch hier verliere ich. Immer und immer wieder.
//Nur dein Bild an meiner Wand könnte mir Frieden geben,//
damit ich dich ansehen und bespucken kann. Denn wenn du mir wirklich gegenüberstehst, wage ich es nicht. Ich habe Angst, Angst, dass ich wieder die Kontrolle über mich verliere, wenn deine Augen sich verdunkeln und diesen mitleidserregenden Blick bekommen. Sie ziehen mich in ihren Bann und machen mich willenlos. Dein Bild aber könnte es nicht. Denn der Blick darauf würde sich nicht verändern. Er würde immer derselbe bleiben. Kalt, leblos, verachtend. Es würde mir helfen. Helfen, nie wieder etwas wie Liebe für dich zu empfinden.
//hätte ich es nicht verbannt aus meinem leeren Leben ohne dich.//
Ich habe alles zerstört, das mich an unsere gemeinsame Zeit erinnern könnte. Alles, was positiv herausstach. Jedes Geschenk, jedes Bild, jedes Kleidungsstück, das ich in deinen Armen getragen habe. Alles. Zurück blieben nur die Narben, die deine Hände auf meiner Haut hinterlassen haben. Zeichen der Grausamkeit, die du mir oft entgegengebracht hast. Warum hast du das getan, Aya? Was habe ich getan, um deine Zerstörungswut auf mich zu ziehen? Ich wollte nur geliebt werden, und du hast mich nach langem Zögern, doch mit offenen Armen empfangen. Ich war überrascht, ich war glücklich. Bis ich zu spüren bekam, dass man mit dir nicht glücklich sein kann. Bis ich deine Launen zu spüren bekam, deine Verzweiflung, deine Unsicherheit. Deinen Hass auf dich selbst, weil du geliebt hast. Mich geliebt hast. Und weil ich es nicht schaffte, dich glauben zu machen, dass es nichts schlimmes ist, zu lieben. Dass Liebe keine Schwäche ist, sondern das, was jeder Mensch braucht.
//Die Schöne und das Biest ist nur die halbe Wahrheit,
denn tief in deinem Verlies lauert die Gier und die Geilheit.// Viele haben Angst vor dir. Sehen dich als gefühlslosen Killer, der du vielleicht auch bist. Ich habe mal etwas anderes in dir gesehen. Einen Menschen, der Angst hat, Gefühle zu zeigen, weil er nicht verletzt werden will. Ich hätte dich nie verletzt. Niemals hätte ich das übers Herz gebracht. Ich habe dich geliebt, ich hätte alles für dich gegeben. Und ich gab dir das Wichtigste, was ich besaß. Meine Liebe. Doch eines Nachts hast du es zerstört. Du wolltest meine Liebe nicht, du wolltest meinen Körper. Du wolltest etwas Williges, an dem du dich austoben konntest.
//Nimm alles was du kriegen kannst,
iß ihn den ganzen großen Kuchen allein.// Du hast mir alles genommen, das ich vermochte zu geben, oder auch nicht. Wie ein Vampir, der Blut raubt, hast du alles aus mir herausgesaugt, das mich ausgemacht hat. Du hast nicht nur mein Herz, meine Liebe, sondern mein ganzes Wesen zerstört. Du hast mich verraten, als ich dachte, dir vertrauen zu können. Und was das Schlimmste ist: Ich habe immer wieder versucht, dich zur Vernunft zu bringen. Ich wollte es nicht wahrhaben, gegen die tobenden Dämonen in deinem Innern keine Chance zu haben. Bis ich akzeptieren musste, dass du sie gar nicht loswerden wolltest. Du hast sie als Schutz gesehen. Und du hast dich von ihnen lenken lassen.
//Und dann verschluck dich dran,
es wird wohl niemand dabeisein, der dir hilft.// Früher hätte ich es getan. Aber jetzt nicht mehr. Wir beide, wir sind ein Teil von Weiß. Aber Weiß kann nichts gegen seine Feinde ausrichten, wenn zwei von uns bereit sind, den anderen zu verraten. Ich hätte es nie für möglich gehalten, doch jetzt muss ich mir eingestehen, dass dein Tod mich nicht mehr berühren würde. Wenn es so kommt, ist es eben so. Ich werde der Letzte sein, der sich für dich einsetzt. Ich wäre der Letzte, der sein Leben für das deine opfern würde. Du bist es nicht wert. Nicht mehr. Nie mehr. Du bist das Letzte.
//Wie konnte ich so blind sein, nicht auf den Grund zu blicken,//
Ich dachte, ich hätte es getan. Ich dachte, ich würde langsam einen Blick in dein Innerstes bekommen und es schaffen, dich zu verstehen. Doch als ich meinte, es geschafft zu haben, wurden meine Bemühungen mit Schmerzen bestraft, die ich nicht verdient hatte. Oder hatte ich das? Für meine Dummheit, jemals ein menschliches Wesen in dir zu sehen, das man lieben kann?
//mit deinen Täuschungen, deinem Erscheinen konnte mich fast erdrücken,
konnte fast erdrücken, konnte fast erdrücken.// Ich dachte, die Maske, die du ablegtest, wenn ich dich in den Arm nahm, wäre dein wahres Gesicht. Ich dachte, die sanften Berührungen deiner Hände wären deine wahren Gefühle. Ich dachte, deine Worte, die du mir ins Ohr geflüstert hast, wären die Wahrheit. Ich habe mich bedrängen lassen. Ich habe mich nehmen lassen. Ich habe mich stören lassen. Weil ich dachte, nur so an dein wahres Ich heranzukommen. Doch das alles war nicht wahr. Eine große Lüge, die du mir aufgetischt hast. Vielleicht unbewusst, vielleicht bewusst. Es war, ist und wird nur ein Trugbild sein. Nein, es wird nicht mehr sein. Nie wieder. Ich lasse nicht zu, das, so etwas noch einmal passiert. Ich lasse dich nie wieder an mich ran. Ich ertrage keine Schmerzen mehr.
//Die Schöne und das Biest ist nur die halbe Wahrheit,
denn tief in deinem Verlies lauert die Gier und die Geilheit.// Die Abgründe deiner selbst zeigten sich in den Momenten, in denen ich etwas tat, das dir nicht gefiel. Wenn ich es wagte, dich zu berühren, ohne gefragt zu werden. Wenn ich es wagte, mit dir zu reden, wenn andere zuhörten. Wenn ich es wagte, dich aufzusuchen, wenn du allein sein wolltest. Du hast mir nie gesagt, das du es nicht wolltest. Du hast es mir nie gesagt, wenn ich etwas falsch gemacht hatte. Du hast gar nichts gesagt. Du hast mich gepackt und auf den harten Boden geworfen. Du hast mich geschlagen, mich getreten, bis ich keine Luft mehr bekam, und dann... dann hast du mir gezeigt, was du wirklich von mir wolltest. Und für jede Träne erntete ich einen weiteren Hieb auf meine geschundene Seele. Gabst du mir das Gefühl, innerlich zerreißen zu müssen. Wurden die sanften Berührungen deiner Hände durch harte Schläge deiner Fäuste ersetzt. Wurden die zärtlichen Worte, die du mir ins Ohr geflüstert hast, durch wüste Beschimpfungen und zornige Schreie ersetzt.
//Nimm alles was du kriegen kannst,
iß ihn den ganzen großen Kuchen allein.// Du wolltest immer haben. Du wolltest mich. Egal, was ich davon hielt. Dir war es egal, wenn ich mich zurückzog, um für mich zu sein. Wenn ich ausgehen wollte, um mich etwas zu amüsieren. Du hast mir meine Rechte als freier Mensch verweigert. Weil du mich als dein Eigentum angesehen hast. Der Gedanke, mich nicht für dich allein zu haben, hat dich verrückt gemacht. Totale Kontrolle. Warum? Ich hätte dich nicht verlassen, wenn du mich nicht so unterdrückt hättest. Wenn du so zur mir gewesen wärst, wie zu Beginn unserer Beziehung. Was dann kam, kann man schon nicht mehr Beziehung nennen. Sklaventreiberei trifft es da schon eher. Ich war Nichts. Nichts im Vergleich zu dir.
//Und dann verschluck dich dran,
es wird wohl niemand dabeisein der dir hilft.// Denn jetzt bist du wirklich allein. Deine Schwester liegt im Koma. Du erreichst sie nicht. Und die helfende Hand, die sich dir entgegenstreckte, hast du an dich gezogen und gebrochen. Langsam und grausam. Kalt und schmerzhaft. Warum, Aya? Warum hast du mir das angetan? Hat dich die Zweisamkeit so gequält, dass du sie dermaßen schinden musstest? Warum hast du mir das nicht gesagt? Warum hast du mich anfangs in dem Glauben gelassen, geliebt zu werden? Und warum musste sich das Bild von dir, das ich vor mir sah, so verändern? Wie konntest du nur so tief sinken, einem Freund, einem Gefährten, dem Mann, der dich liebte, so weh zu tun? Warum lernst du nichts mehr zu schätzen, was neu und ungewohnt ist und eigentlich nur Gutes bringen will? Warum musst du in allem nur das Schlechte sehen? Du zerstörst dich selbst damit. Du reißt uns beide in ein endloses Nichts. Sind deine Schmerzen so stark, dass du sie als einzige akzeptable Begleiter ausgewählt hast?
//Eine halbe Woche lang habe ich diesen Höllenlärm über mich ergehen lassen.
Es war nicht zum aushalten.// Die ersten Tage der Liebe waren wie ein Höhenflug, den ich aus vollen Zügen genoss. Und dann hat sich alles verändert. Ich wollte mich lösen, mich schützen. Ich hatte Angst vor dir und wollte mich deiner Kontrolle entziehen, bevor es zu spät war.
//Habe ihm gedroht, das Leben zur Hölle zu machen.//
Ich habe dir gesagt, dass ich dich verlassen würde, wenn du so weitermachst. Ich habe es gesagt! Dir gedroht, dich zu verlassen. Mir nichts mehr von dir gefallen zu lassen.
//Da ist er vor mir auf die Knie gefallen,
und hat gebettelt.// Ich hätte nicht gedacht, dass du so gut schauspielern kannst. Ich habe dir verziehen, ich habe dir alles verziehen, jedes Mal. Bis ich an einem Punkt angekommen war, an dem ich wirklich nicht mehr ohne dich sein konnte. Und du hast diesen Punkt, diesen Zeitpunkt gewittert. Wie ein hungernder Wolf Blut aus weiter Ferne wittern kann. Seitdem hast du dich nie wieder entschuldigt. Denn du wusstest, du hattest mich in der Hand. Dass das schlimmste für mich die Einsamkeit war, und die Distanz von dir. Du hast mich abhängig gemacht. Eine perverse Abhängigkeit. Liebe. Schmerz. Zärtlichkeiten. Schläge. Liebesschwüre und Beschimpfungen. Ich war dir hörig, und glaub mir, ich hasse mich selbst dafür.
//Die Schöne und das Biest ist nur die halbe Wahrheit,
denn tief in deinem Verlies lauert die Gier und die Geilheit. Nimm alles was du kriegen kannst, iß ihn den ganzen großen Kuchen allein. Und dann verschluck dich dran, es wird wohl niemand dabeisein der dir hilft.// Es ist vorbei. Aus und vorbei. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft. Ich habe dich von mir gestoßen und erfolgreich solange von mir fern gehalten, bist du abgelassen hast. Es war schwer, es war hart, aber ich habe es geschafft. Ich bin allein, und obwohl es mir nicht gefällt, muss es besser sein als deine Macht über mich, die mich sicher irgendwann getötet hätte. Alles in mir wurde geschunden, zerdrückt, aufs Übelste misshandelt. Aber etwas hat auch überlebt. Mein Hass. Jeder Mensch kann hassen, auch ich. Aber noch nie habe ich jemanden so sehr gehasst wie dich. Du hast aus mir ein Wrack gemacht, und vielleicht habe ich es durch meine Blindheit verdient. Aber nie wieder werde ich zulassen, dass du jemanden anderes findest, den du so zurichten kannst. Niemals! Verlass dich drauf. Eher würde ich sterben, wenn ich dich dadurch mit in den Tod reißen könnte. Denn wenn du stirbst, sterbe auch ich. Denn dann habe ich nichts mehr, für das es sich lohnt zu leben. Dann gibt es für mich keinen Sinn mehr zu sein. Doch im Moment habe ich ihn noch. Meine Rache an dir. Ich werde mich rächen, aber ich bin nicht wie du. Ich bin kein Scheusal, das andere leiden lässt, weil es nicht weiß, wie es sich Gefühlen stellen soll, die es schon tot geglaubt hatte. Nein, meine Rache besteht darin, jeden vor dir zu beschützen, der ein Schicksal wie das meine ebenfalls nicht verdient hat. Menschen, die noch nicht verlernt haben zu lieben. Du tust mir leid. Ja, ich empfinde Mitleid für dich. Hass und Mitleid. Die einzigen Gefühle, die ich dir für den Rest meines Lebens entgegenbringen werde. Ich weiß, dass du es spürst. Und ich weiß auch, dass deine offenbarte Gleichgültigkeit nicht echt ist. Denn eines habe ich von dir gelernt: Dass man nicht dem trauen kann, was man glaubt zu sehen. Augen können nie weiter blicken, als auf eine Fassade, die irgendwann beginnt zu bröckeln und schließlich in sich zusammenstürzt. Und immer wieder wird sie aufgebaut, um das Trugbild wieder herzustellen. Bis das Opfer nicht mehr verdrängen kann und Vergessen zu einer unstillbaren Sehnsucht wird.
|