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Serie
Vollmond
Sonnenstaub
Mittagshitze

 

Sonnenstaub

© by Natascha/Norynia ()

 

Disclaimer: Tja, gute Frage, wem gehört was? Ich denke, es reicht, wenn ich hier sage, dass nichts mir gehört *bg* Dennoch: Archivierung nur mit Erlaubnis des Autors. Me, myself and I!
Anmerkungen: Dies ist die Fortsetzung zu 'Vollmond'. Naja, zumindest habe ich versucht, eine ebenbürtige Fortsetzung zu schreiben...
'Koi' ist japanisch, und bedeutet: Geliebter.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

Wärme kitzelt auf meiner Nase. Langsam öffne ich die Augen, schaue auf die Wand, die mir gegenüber auf der anderen Seite des Zimmers liegt. Es ist morgen. Die Vollmondnacht ist vorbei und hat der strahlenden Sonne Platz gemacht, die für die nächsten Stunden den Himmel für sich beansprucht. Mit einem Schlag werde ich so traurig, dass mir schlecht wird. Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals, und nur mit Mühe kann ich ein Würgen unterdrücken. Die Nacht ist vorbei. Sie ist tatsächlich vorbei und hat mich allein zurückgelassen. Ganz allein in meinem Zimmer. Dem Morgen ausgeliefert, der sich herangeschlichen hat, während ich noch schlief. Alles nur ein Traum. Jede Hoffnung vergebens. Mein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen, ich bin nicht in deinen Armen gestorben, wie ich es mir so herbeisehnte. Ich lebe weiter, aber was für ein Leben ist das, in dem ich ungeliebt meinen Weg bestreite? Nicht so geliebt werde, wie ich es mir wünsche. Wie ich es brauche.

Ich möchte meine Augen wieder schließen und nie wieder öffnen. Möchte nichts mehr sehen, außer der Dunkelheit, doch selbst die bleibt mir verborgen. Sehe ich doch nur kleine rote Punkte vor mir umhertanzen. Sie lachen mich aus, sie verhöhnen mich, zeigen mir, dass es kein Entkommen vor der Wirklichkeit gibt, und lassen mich die Augen wieder öffnen. Ein kleiner Schmetterling hat sich in mein Blickfeld gezaubert und auf die Hand gleiten lassen, die offen auf der Matratze liegt. Seine grünschwarzen Flügel klappen sich zusammen, sein länglicher, pelziger Körper kommt auf der blassen Haut zur Ruhe. Schöpft er neue Kraft, um weiterzufliegen? Ich dachte immer, Schmetterlinge sind so leicht, dass der Wind sie tragen kann, ohne dass sie etwas dafür tun müssen. Trugbild? Weil sie so schwerelos wirken? Auch sie müssen sich bewegen, wenn sie vorwärts kommen wollen. Ich betrachte den kleinen Schmetterling, seine langen, geschwungenen Fühler, die Farbe seiner Flügel. Grün und schwarz. Schwarz, mit grünen Punkten. Dunkelgrünen Punkten. Dieses Grün... wie deine Augen. So dunkel und geheimnisvoll. Stechend und anziehend. So... einzigartig. An dir so wertvoll und wunderschön. Warum hast du mich verlassen? Ich wollte doch nie wieder aufwachen, für immer in deinen Armen verweilen, ein Teil von dir werden und nie wieder weichen müssen. Ich wollte sterben, um diesen perfekten Moment in der Erinnerung zu wahren, als das, was ich als Letztes in meinem jungen Leben erlebt habe. Aber ich werde es nie erleben, es wird ein Traum bleiben, gesponnen von meiner liebestrunkenen Fantasie, die nichts anderes mehr als dein Bild in ihrem Kern trägt. Sich nur noch von dem nährt, was sie von dir bekommt. Jeden Augenblick, jede Berührung, sei sie auch noch so zufällig und unbedeutend. All das halte ich bei mir und gebe es nie wieder frei. Träume davon jede Nacht. Doch noch nie war ein Traum so intensiv wie der letzte. Noch nie warst du mir so nah wie in dieser Vollmondnacht, die nur wenige Stunden zurückliegt und die ich mir wieder so herbeisehne.

Mein Blick wandert nach oben. Auf meine kleine Funkuhr. Die Digitalanzeige ist verblasst. Keine Uhrzeit, die mir verrät, wie spät es ist. Die Batterie muss leer sein. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass sie mir eine Zeit offenbart, die noch der Nacht zuzuordnen ist. Das sie tatsächlich stehen geblieben ist. Aber Funkuhren können nicht stehen bleiben. Entweder die Digitalanzeige ist an oder sie ist es nicht. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten. Letztere trifft bei mir zu, und das, was ich glaubte, gesehen zu haben, wurde ebenfalls nur von meiner Fantasie gesponnen, so wie alles, an das ich mich geklammert hatte, weil es all dem entsprach, was ich mir so sehr gewünscht hatte. Vielleicht sollte ich aufhören, zu träumen. Das Aufwachen schmerzt so sehr, dass ich es kaum ertragen kann. Aber ich möchte doch nicht mehr aufwachen. Warum weckt mich die Sonne dann immer wieder, wo ich ihr schon so oft entgegen geschrieen habe, wie unerwünscht sie doch ist.

 

Der kleine Schmetterling bewegt seine Flügel wieder. Ganz leicht, ohne abzuheben. Als wolle er mir Luft zufächeln und die einsame Träne trocknen, die gerade meine Wangen streift. Ich schließe die Augen und versuche, etwas zu spüren, doch das tue ich nicht. Ich spüre nur die dünne nasse Bahn auf meiner blassen Haut, sonst nichts. Er kann mich nicht trösten, der kleine Schmetterling. Dieses kleine Geschöpf kommt gegen meine Trauer und meinen inneren Schmerz nicht an. Er ist zu stark und hat schon längst Besitz von mir ergriffen. Ich seufze traurig und öffne die Augen einen Spalt breit. Die Hand zuckt, und der kleine Schmetterling mit den grünschwarzen Flügeln steigt mit wildem Flügelschlag in die Luft und lässt sich von dem Sonnenstaub umfangen. Tanzt darin wie eine Primaballerina, in der Enge des Zimmers, und wendet sich bald dem Fenster zu. Ich folge ihm. Das heißt, ich würde es gern. Einfach abheben und davonfliegen. Allem den Rücken kehren und mich nie wieder umdrehen. Schwerelos durch die Lüfte gleiten, hinaus aus diesem Fenster, wie der Schmetterling, dorthin, wo es keine Grenzen mehr gibt. Er kann fliegen bis zu dem Punkt, an dem Himmel und Erde sich scheinbar treffen und noch viel weiter. Sein Leben mag sehr viel kürzer sein als das meine, und dennoch würde ich gern mit ihm tauschen.

Während mein Blick ihm folgt, drehe ich mich um. Beobachte ihn dort oben an der Decke, dann weiter, auf der anderen Seite des Zimmers, auf der das Fenster liegt. Stumm formen meine Lippen Worte, verabschiede ich mich von ihm. Ich drehe mich weiter, auch, als er bereits aus dem Sonnenstaub verschwunden ist, der mich nach wie vor umgibt, und für mich nicht mehr zu sehen ist. Ich komme auf der anderen Seite wieder zum Liegen und möchte die Augen schließen. Aber ich kann nicht. Mein Körper zuckt, meiner Kehle entfährt ein leiser Schrei, meine Augen werden groß und betrachten das Gesicht, das mir gegenüberliegt. Die geschlossenen Augen, die dunklen, langen Wimpern, das kinnlange, gewellte Haar. Die Schatten auf der Wange, die geschwungenen, lächelnden Lippen, das spitze, erwachsene Kinn. Ich muss noch schlafen. Ich träume. Erst jetzt bemerke ich das Gewicht auf meiner Hüfte, taste danach, gleite den Arm entlang und stelle mich der plötzlichen Erkenntnis, dass es gar nicht meine Hand war, auf die der kleine Schmetterling sich niedergelassen hatte. Ich habe getrauert, ich habe geweint, ich habe gelitten und die ganze Zeit etwas von dir vor Augen, das mich hätte trösten sollen. Doch ich habe es nicht wahrgenommen, so fest war ich dabei gewesen, die Nacht als vergangen und den Tag als gekommen zu akzeptieren. Noch nie habe ich von dir geträumt, wenn es Tag war, ich hatte nicht die Zeit dazu, nicht den Mut. Ich hatte Angst, du könntest merken, wie ich mich nach dir verzehre, mich zurückweisen, bevor ich dir wirklich nahe komme, mir den Rücken kehren, bevor ich versuche, meinen Kopf auf deiner Brust zu betten. Wieder entrinnt meinem Auge eine Träne, doch diesmal, weil ich mich freue. Du bist noch hier, Yohji. Du bleibst es auch, ja? Ist mein Wunsch doch in Erfüllung gegangen? Bin ich gestorben, zusammen mit dir sogar? Sind wir jetzt in einer anderen Welt. Dort, wo wir zusammen glücklich sind? Bin ich gestorben und im Himmel? Sag es mir, bitte. Ich werde nicht traurig sein, ich werde mich noch mehr freuen, als ich es bei deinem bloßen Anblick tue. Ich werde glücklich sein, wunschlos glücklich. Mich an dich kuscheln und nie wieder los lassen. Mein Leben als sinnvoll ansehen und mein Herz neu erblühen lassen.

Ich strecke meine Hand nach dir aus. Meine Finger gleiten sanft, tastend über deine Wange. Ich kann dich spüren, es ist alles so echt, so warm. Ich rücke näher heran, zwirble eine Strähne um meinen Finger, lasse sie wieder entspringen und atme tief durch. Du bist es, und wieder so nah, wie in meinem Traum. Es ist hell und trotzdem so schön, wie in der Nacht. Auf deinen Lippen ein Lächeln. Dieses Lächeln, das ich so liebe, und wieder nur für mich. Ein Diamant, der nur für mich glänzt, um mir Freude zu schenken. Oh, ich könnte vor Glück platzen. Ich beuge mich weiter nach vorne und koste die Wärme, die auf deinen Lippen liegt. So warm, so süß. Ich küsse erneut, immer wieder. Rücke näher und näher. Schlinge meine Arme um deine schlafende Gestalt und verteile unendlich viele, federleichte Küsse auf deinem Gesicht. Schmetterlingsküsse. Ich fühle mich plötzlich genauso leicht, genauso schwerelos wie dieses wunderschöne Geschöpf. Dicht geschmiegt an den Körper eines noch viel schöneren Wesens. Wunschlos glücklich mit einem Gefühl der Vollkommenheit.

Wieder zucke ich zusammen, doch diesmal, weil sich der Druck auf meiner Hüfte verstärkt. Mich etwas am Rücken näher zu dir schiebt. Deine Hand. Sie lag dort die ganze Zeit. Und jetzt... ich halte die Luft an, habe Angst, mit jedem weiteren Atemzug, diesen Augenblick zu zerstören, als du die Augen öffnest und mich anlächelst. Noch strahlender als zuvor. Wo sich mein Gesicht eben von dem deinen entfernt hat, ziehst du es wieder zu dir heran und erwiderst meine Küsse. Tust es mir gleich und benetzt meine Haut mit einem wohligem Schauer, hervorgerufen durch deine zärtlichen Berührungen, nach denen ich vergehe. So schön, so traumhaft. Himmlisch. Ich bin im Himmel, und du bei mir. So soll es ewig sein. Du flüsterst ein Wort. Ich kann es nicht hören, es ist so leise. Näher rutsche ich heran, und versuche zu verstehen, immer fester presst sich mein Körper gegen deinen, drohe ich erneut, zu verglühen. Wird es so heiß, dass ich schmelzen könnte.

 

Was sagst du zu mir, ich kann dich nicht verstehen. Ein leichter Windhauch legt sich auf meine glühenden Wangen, als du es wiederholst. Dieses kleine Wort, und diesmal verstehe ich es und lächle. Schließe die Augen und schmiege mich an dich. Lasse mich von deinen Armen umschließen und auf bunten Schwingen höher tragen. Höher als alles, was man kennt. Der kleine Schmetterling ist zurückgekehrt. Diesmal fächelt er mir keine Luft zu, sondern hat sich in mein Innerstes geschlichen, um wild mit den grünschwarzen Flügeln zu schlagen und ein Kribbeln zu entfachen, das mich aufseufzen lässt. Das alles wegen drei kleinen Buchstaben, geformt zu einem Wort, dessen Bedeutung alles ist, was ich sein möchte, wonach mein Herz sich immer sehnte, es aus deinem Mund zu hören und es in der bitteren Realität aufgab, um die Erfüllung im Traum zu suchen.

Ich liege hier, in meinem Zimmer, auf meinem Bett. Umfangen von zwei starken Armen, geschmiegt an einen warmen Körper, geküsst von weichen Lippen, gestreichelt von langen Haarsträhnen.

 

Geliebt von dem Mann, der mich seinen Koi nennt...

 
Ende

 
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