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Mitternacht© by Natascha/Norynia ()
Wenn die Gondeln Trauer tragen
Und es hallt der Toten Klagen Ich glaube nicht an Geister. Doch manchmal, nachts, wenn ich wie jetzt allein durch die dunklen, verkommenen Gassen von Tokyo gehe, fühle ich mich beobachtet. Verfolgt. Verfolgt von jenen, denen ich das Leben nahm, mit der Rechtfertigung, dadurch Gutes zu tun. Ich habe sie alle getötet, ich töte jeden, wenn ich den Befehl dazu bekomme. Und sie haben keine Chance gegen meinen Hass. Erblüht durch die Trauer, die ich empfinde und die ein entscheidender Teil von mir geworden ist.
Tief im Nacken das Grauen sitzt.
Mein Ziel war die Rache. Die Rache für meine Schwester, die selbst nicht mehr in der Lage ist, sich zu rächen, oder sich in der Zukunft zu verteidigen. Ich habe ihn getötet, den Mann, der ihr das angetan hat. Ich habe sie gerächt. Aya-chan. Aber... ich fühle mich dadurch nicht besser. Habe nicht das Gefühl, ruhen zu dürfen. Mein Soll erfüllt zu haben, genug getan zu haben. Ich hatte doch nur dieses eine Ziel, und jetzt, nachdem ich es erreicht habe, fühle ich mich kein Stück besser. Ist es noch schlimmer als zuvor, weil mir jetzt umso stärker bewusst wird, dass ich nichts tun kann, um ihr zu helfen, dass ich nichts tun kann, um mir zu helfen. Dass alle Bemühungen es nicht geschafft haben, diese Leere aus meinem verkrampften Innern zu vertreiben.
Wenn die Uhr beginnt zu schlagen,
Kalte, dichte Nebelschwaden Berühren dich zart. Es ist schon spät, ich höre es an der Anzahl der Glockenschläge. Komisch, ich wusste gar nicht, dass es in dieser Gegend eine Kirche gibt. Ich ziehe meinen Mantel enger um mich und suche nach ihr. Folge dem Hall der Glocken durch die nassen Gassen. Der Nebel verdichtet sich, bildet sich zu einer milchigen Brühe, die mir bald Sicht auf die eigene Hand vor Augen verweigert. Die feuchte Kälte kriecht durch jede Faser meines Mantels. Giert nach dem Leben, das sie dort vermutet. Lass es bleiben, du wirst nichts finden. Ich bin an dem Tag gestorben, an dem es für mich keine Hoffnung mehr gab. Vielleicht bin ich selbst so etwas wie ein Geist, der keine Ruhe findet. Vielleicht bin ich selbst nicht mehr zu retten.
Mitternacht
Der letzte Schlag verstummt, und es wird wieder still. Ich sehe mich um, kann diese Kirche aber nicht finden. Nicht sehen. Ich gehe weiter, einfach weiter, irgendwohin. Meine Schritte sind langsam und tastend. Vorsichtig. Ich bin vorsichtig, und ich weiß, dass man es mir diesmal ansehen kann. Unsicherheit, Vorsicht, Verzweiflung. Doch hier ist niemand, der es sehen kann, niemand, vor dem ich es verstecken muss. Ich bin allein. Ganz allein. Niemand ist hier, der mir etwas Böses will. Niemand, der mir etwas Gutes will. Keine Feinde. Von Schwarz haben wir schon lange nichts mehr gehört. Sie scheinen vom Erdboden verschluckt. Es ärgert mich. Sehr sogar, mir gefällt das Wissen nicht, dass sie noch am Leben sind und weiter ihr Unwesen treiben. Ob das so etwas wie ein neuer Sinn meines restlichen Lebens wird? Der Drang, sie alle vier zu töten und unschädlich zu machen. Aber ich will sie nicht einfach nur töten, nein, ich will sie leiden sehen. Ich will sehen, wie sich ihre Augen vor Überraschung und Entsetzen weiten. Ich möchte sie brechen. Ich möchte sie vernichten und ihnen dabei in die Augen sehen.
Mitternacht
Keine Freunde. Ich habe mich von Weiß getrennt, oder habe es zumindest versucht. Ich habe sie nicht verlassen, das nicht. Aber ich rede nicht mehr mit ihnen, ich gehe ihnen aus dem Weg. Mir ist klar geworden, dass ich mir selbst der Nächste bin, wenn es darum geht meine Ziele zu verfolgen. Ich würde sie töten, oder? Wenn ich den Befehl dazu erhalten würde, Yohji und Omi zu töten. Ich würde es tun. Ken auch... oder? Ich hasse diese Selbstzweifel. Ich ertrage es nicht mehr, zu sehen, wie meine Selbstkontrolle bröckelt. Bin ich denn so schwach, und habe es bisher nur nicht gemerkt? Ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen, ich hätte niemals dieser Wärme in meinem Herzen nachgeben dürfen. Warum habe ich es getan? Ich weiß es nicht. Es fühlte sich richtig an, aber das kann es nicht sein. Es ist falsch. Es macht mich schwach, es macht mich verletzlich. Aya ist mein Schwachpunkt, reicht das denn nicht? Musste er noch daher kommen und sich mir aufdrängen? Warum habe ich nicht länger widerstanden, dann hätte er vielleicht aufgegeben, bevor ich nachgegeben hätte... wie konnte er meinen Willen brechen?
Gefriert das Blut dir in den Adern,
Schnürt dir Angst die Kehle zu, Ja, ich habe Angst, schreckliche Angst. Ich habe Angst zu versagen und die zu verlieren, die ich liebe. Die ich brauche. Ich habe Angst, mit ansehen zu müssen, wie sie sterben, und nichts dagegen tun zu können. Aber ich zeige diese Angst nicht, ich darf es nicht. Es reicht, wenn ich sie spüre und darunter leide. Es geht keinen an, was in mir vorgeht. Keinen! Auch nicht ihn. Schon gar nicht ihn. Er ist ein Mitglied von Weiß, genauso wie ich. Wir sind Kollegen wider Willen, nicht... mehr... Waren wir mehr? Sind wir mehr? Werden wir jemals mehr sein? Nein, ich darf das nicht zulassen, aber ich spüre diesen Wunsch, mich endlich einmal fallen lassen zu dürfen und aufgefangen zu werden. Aber ich habe Angst, Angst zu fallen. Und diese Angst ist es auch, die kein Wort des Gefühls oder der Liebe jemals zu seinen Ohren durchdringen ließ. Sie verhallten stets in meinem Innern und jagten mir einen kalten Schauer durch den Körper. Mehr nicht. Erfüllten nicht ihren Zweck und jetzt... ist es zu spät. Jetzt, wo ich ihm den Rücken gekehrt habe.
Hörst du dein Herz und die Glocken schlagen,
Ja, tu ich. Aber es ist ein dumpfes Geräusch. Es ist ein kaltes Geräusch. Leblos, lieblos, unangenehm. Ich mag es nicht. Nicht mehr.
Ist es Nacht.
Mitternacht Ich drehe mich langsam um und gehe den Weg zurück, den ich gekommen bin. Um mich herum immer noch dieser Nebel, der hässliche Fratzen in die Dunkelheit zeichnet. Um mich herum immer noch diese Kälte... nein, nicht um mich herum, in mir drin. Sie fließt durch meine Adern, durch meinen ruhelosen Körper. Vielleicht habe ich Glück, und sie wird das Schlagen meines Herzens für immer verstummen lassen. Vielleicht... ich möchte es nie wieder spüren, hat es mir doch nur Schlechtes beschert. Auch, wenn es mir in den Momenten mit ihm anders vorkam, wenn ich wirklich einmal glücklich war. Wenn er bei mir war, wir nichts sagten, sondern nur die Körper miteinander sprechen ließen. Aber im nachhinein betrachtet war das sehr fahrlässig und leichtsinnig von mir, mich so gehen zu lassen. Es war gefährlich, ein Spiel mit dem Feuer... und ich habe es genossen. Und jetzt, wo ich es hinter mir gelassen habe, da vermisse ich es. Und ich hasse mich dafür.
Es ist Mitternacht
Ich bin allein. Allein in den verkommenen Gassen Tokyos und laufe zu dem Ort zurück, in dem ich lebe, aber niemals mehr mein zu Hause nennen werde. Ich dachte, ich könnte es, aber ich bin ein Attentäter, ein Mörder. Ich bin allein und nicht fähig, so etwas wie Glück in meinem Leben zu akzeptieren. Dadurch, dass man mich kennt, bringt man sich selbst in Gefahr. Dadurch, dass man mich liebt, versetzt man seinem Herz selbst den tödlichen Stoß. Ich habe kein zu Hause.
Mitternacht
Der Nebel lichtet sich. Wird von den hellen Straßenlaternen verdrängt und zurück in die Dunkelheit getrieben. Ich sehe meinen Schatten, der sich vor mir auf den Boden legt. Bin ich jetzt dort angelangt? Dort unten? Ich schüttele mit dem Kopf und wende mich von meiner schwarzen Projektion ab. Ich bin müde geworden, möchte schlafen. Einfach nur meine Ruhe, die ich hier zwar habe, aber die mir in dieser Kälte nicht genehm ist. Außerdem fühle ich mich ständig beobachtet, obwohl ich weiß, dass hier niemand ist, ich hätte ihn bemerkt. Er hätte sich nicht lange vor mir verstecken können, aber dort war niemand. In dieser Gasse, nur ich. Und mein Gewissen... Ich öffne den Hintereingang und gehe die Treppen hoch. Die anderen scheinen schon zu schlafen, nirgends brennt mehr Licht, nicht einmal in den Zimmern, was ich unter den Türspalten hindurch gesehen hätte. Ist auch egal, ich möchte sowieso niemanden mehr sehen. Dennoch bleibe ich an seiner Tür stehen. Ich hasse mich für diese Schwäche. Ich will es nicht, und doch tue ich es. Seine Nähe suchen, selbst, wenn ich sie verabscheuen möchte. Seine schlafende Gestalt schleicht sich als Bild in meinen Kopf. Ich habe ihn immer beobachtet, wenn er an meiner Seite eingeschlafen war. Ich habe ihn nicht angefasst, ich habe ihn nur angesehen. Er sah so schön aus, so entspannt und ruhig. Sieht man bei uns selten. Und ich weiß, wenn ich jetzt wieder nachgebe und in sein Zimmer gehe, werde ich mich nicht mehr beherrschen können. Wenn ich ihn jetzt sehe, werde ich erneut die Kontrolle über mich verlieren, werde ich wieder der versteckten Wärme in meinem Herzen nachgeben, die es unverständlicherweise immer noch schafft, in meinem Körper zu überleben. Ich verstoße sie, doch sie taucht immer wieder auf. Ich will es nicht, aber sie tut es. Ich strecke meine Hand nach der Türklinke aus. Was mache ich da? Was hat er, das mich so lenken kann? Ich reiße mich los. Es tut weh, sehr sogar. Doch ich verdränge den Schmerz in meinem Innern und gehe in mein eigenes Zimmer. Vielleicht ist es besser. Vielleicht kann ich mich jetzt schlafen legen und ihn für eine Weile einfach vergessen, ihn für immer vergessen. Keine Ahnung, ich werde es nie erfahren. Denn als ich die Tür hinter mir schließe und das Licht einschalte, werde ich bereits erwartet. Braune Augen treffen meine, und meine Maske beginnt, wieder zu bröckeln. Ich hasse ihn dafür, dafür, das er das schafft. Ich hasse ihn, wie ich mich hasse. Die einzige Verbindung, die ich mir eingestehe...
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