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Als ich bei meinen Schafen wacht

© by Birgitt ()

 

Disclaimer: Die Serie Highlander und alle Figuren daraus gehören Panzer/Davis und Rysher Entertainment. Diese Story ist Fanfiction. Es wird hiermit kein Geld verdient. Sie ist nur zu nichtkommerziellen Zwecken zu verwenden.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion
Bemerkung 1: Dies ist eine Antwort auf das Weihnachtslied-Challenge der fanfic-Paradies-Liste, bei dem der Story ein Weihnachtslied wesentlich zur Grundlage dienen sollte. Ich habe für das Lied/den Text 'Als ich bei meinen Schafen wacht' entschieden. Ich kannte das Lied vorher nicht (eigentlich kenne ich es immer noch nicht, da ich es noch nie gehört habe), aber der Titel hat mein Interesse geweckt (wieso wohl?) - und dann habe ich den Text als Herausforderung gesehen. Und ich denke, das sollte mit diesem Challenge auch erreicht werden. :)
Bemerkung 2: Diese Story ist zwei Menschen gewidmet, die entscheidend dafür verantwortlich sind, daß ich zumindest ab und an in meiner Muttersprache kreativ werde: Atti, der wir diese Liste, das tolle Paradies-Archiv und auch dieses Challenge verdanken. Natty, die mich nicht nur ständig mit neuen Fandoms, sondern auch mit dem notwendigen Material für dieselben versorgt. Danke, Ladies! :))

 

1. Als ich bei meinen Schafen wacht,/Ein Engel mir die Botschaft bracht,
R: Des bin ich froh, bin ich froh,/Froh, froh, froh, o, o, o! |:
Benedicamus Domino. :|
2. Er sagt, es soll geboren sein/Zu Bethlehem ein Kindelein.
3. Er sagt, das Kind liegt dort im Stall/Und soll die Welt erlosen all.
4. Als ich das Kind im Stall gesehn,/Nicht wohl konnt' ich von dannen gehn.
5. Das Kind zu mir sein Äuglein wandt,/Mein Herz gab ich in seine Hand.
6. Demütig küßt' ich seine Füß,/Davon mein Mund ward zuckersüß.
7. Als ich heim ging, das Kind wollt' mit/Und wollt' von mir abweichen nit.
8. Das Kind legt' sich an meine Brust/Und macht' mir da all Herzenslust.
9. Den Schatz muß ich bewahren wohl,/So bleibt mein Herz der Freuden voll.

 

Eigentlich war dies keine Nacht, in der man im Freien sein sollte. Jedenfalls nicht allein. Aber Unglücke nehmen keine Rücksichten auf Aberglauben. Nicht nur, daß dieser Herbst ein besonders kalter war; ein Umstand, der die Wölfe näher an die Siedlungen brachte, voller Entschlossenheit, sich dort Nahrung zu holen, wo es sie noch zu finden gab. Hinzu kam, daß fast alle, ungeachtet des Alters und Geschlechts, krank lagen, und die wenigen Gesunden alle Arbeiten so gut wie möglich unter sich aufteilten.

Ich meldete mich freiwillig zum Hüten der Schafe; eine Arbeit, die ich mochte und beherrschte; zudem hatte ich mich so lange damit gebrüstet, keine Angst vor den Geschöpfen aus den alten Mythen zu haben, daß ich selbst daran glaubte. Jedenfalls am Tage, bei strahlendem Sonnenschein, schien es mir undenkbar, in der Nacht der Wintersonnenwende etwas anderem zu begegnen als meinen Schützlingen und ein paar besonders verwegenen - oder bessser verzweifelten - Wölfen, die selbst ein prasselndes Feuer und die Anwesenheit eines Menschen nicht fürchteten.

 

Als ich nun Position bezogen hatte, zwischen der Herde und dem nahen Wald, versuchte ich, mich warm zu halten. Was mir auch nicht schwerfiel. Da war das Feuer, die dicken Wolldecken und nicht zuletzt der Whiskey, den der Chieftain selbst spendiert hatte. Nun, den Whiskey trank ich mit Genuß und noch mehr Vorsicht, denn ich hatte nicht vor, halbtrunken einzudösen und damit nicht nur die Herde, sondern auch mein Leben zu riskieren. Das Feuer mußte die ganze Nacht brennen.

Nach einiger Zeit bildeten die Geräusche um mich herum ein Muster: das Knacken der brennenden Äste und Zweige, das vereinzelte Blöken eines Schafes in meinem Rücken, die gelegentlichen Rufe von Eulen im Wald. Jede Stunde schnappte ich mir meine schwere Keule, entzündete eine Fackel und umrundete das Gatter, mehr um mich wachzuhalten, als aus Angst, daß etwas nicht in Ordnung sei. Und in den Zeiten dazwischen versuchte ich herauszufinden, was genau so besonders an den Sonnwendnächten sein sollte. Natürlich, schenkte man den christlichen Priestern Glauben, so war zumindest in einer Sonnwendnacht der Mann geboren worden, der die Welt verändern sollte wie keiner vor oder nach ihm. Ich selbst allerdings fand die sogenannten heidnischen Geschichten, die mir meine alte Tante als Kind erzählt hatte, viel aufregender. Furchterregender. Und obwohl ich in den siebzehn Jahren seit meiner Geburt nichts erlebt hatte, was diese erzählten Alpträume meines Clans irgendwie bestätigt hätten, war der Gedanke daran allein, was alles dort in dem Wald hausen konnte, erschreckend genug, so daß ich mich im Moment lieber an die Geschichte erinnerte, die alljährlich von dem Christenpriester mit stolzgeschwellter Brust vorgetragen wurde - ganz so, als wäre er selbst verantwortlich für die Fleischwerdung Gottes...

Ich muß zugeben, daß die Stimmung an diesem Abend, in dieser Nacht, viel dazu beitrug, an Christi Geburt glauben zu können. Die Weite des Himmels, die wunderbare Klarheit, die Mond und Sterne besonders hell erstrahlen ließ. Die allmähliche Stille der Tiere in der Nähe. Selbst das beruhigende Flackern des Feuers brachte mich dazu, an den Frieden auf Erden zu glauben. Ganz so mußte es gewesen sein, als die Hirten zu Bethlehem von der Geburt Christi erfahren hatten. Ich lächelte still in mich hinein. Jetzt war es schon fast so, als handelte es sich um feste Tatsachen, die vor Hunderten von Jahren geschehen sein sollen. Nicht, daß ich bestreiten wollte, daß Hirten etwas Besonderes waren. Zu allen Zeiten...

 

Eine tiefe Stimme riß mich aus meinen Gedanken. "Sei gegrüßt." Gern wäre ich mit einem Satz auf den Beinen gewesen, doch erst mußte ich mich aus den Decken kämpfen. Doch die Keule lag griffbereit, und nach wenigen Augenblicken war ich kampfbereit. Die Gestalt jenseits des Feuers war schlank und erschien mir sehr groß.

"Wer da? Sprecht, bevor ich Euch den Schädel spalte." Ich war stolz auf mich, daß das Zittern meiner Stimme kaum zu hören war. Hoffte ich jedenfalls.

"Keine Sorge, Colum, ich will dir nichts Böses."

Ich kannte diese Stimme. Dennoch... "Wer seid Ihr?"

"Hast du mich schon vergessen? Vor drei Jahren noch hattest du geschworen, daß du mir helfen würdest, falls ich dich jemals bräuchte."

"Cassandra?" Ein leises Lachen antwortete auf meine Frage, wahrscheinlich eine Reaktion auf das Erstaunen, das in meinem Ausruf deutlich zu hören gewesen war. Niemals hatte ich geglaubt, daß ich Cassandra wiedersehen würde. Daß sie jemals meine Hilfe brauchen könnte. Daß sie meinen Schwur jemals ernst genommen hatte. Sie war so stark gewesen, in einer Zeit, als Verzweiflung meine Familie beherrscht hatte und der ganze Clan hilflos gewesen war. Sie hatte mir mein Leben gerettet, und nicht nur das. Entgegen alle Vernunft hatte sie durchgesetzt, daß ich mein Bein behalten sollte.

"Wie geht es dem Bein, Colum? Und dem Rest von dir?"

"Dank dir..." Ich brach ab. Schon damals wollte sie keinen Dank. Weder von mir, noch von meiner Familie oder dem Clan. Was mich schließlich dazu gebracht hatte, diesen Schwur zu leisten. Inzwischen war sie um das Feuer herumgekommen, und wieder erschrak ich vor ihrer überirdischen Schönheit. Sie schien keinen Tag gealtert zu sein. Damals war sie mir wie ein Wesen wie aus einer anderen Welt vorgekommen. Ja, in meinen Träumen lebte sie in der Anderwelt und kam nur dann in die unsrige, um Wunder zu vollbringen. Irgendwie war Cassandra dafür verantwortlich, daß ich mich vor Sagen und Legenden nicht fürchtete... "Entschuldige. Mir geht es gut. Was man von dem Clan nicht sagen kann; es ist eine harte Zeit." Sie nickte.

"Colum, es ist für alle eine harte Zeit. Selbst für mich. Und deshalb bin ich hier."

Ganz wie damals machte sie auch heute nicht viele Umstände. Sie kam gleich zum Kern der Dinge. Ich ließ mich wieder am Feuer nieder und bedeutete ihr, sich ebenfalls zu setzen. Als sie sich vornüber beugte und einen brennenden Zweig aus der Feuerstelle zog, fielen ihr Strähnen ihres Haares ins Gesicht. Für einen Moment schloß ich die Augen bei diesem Anblick. Er zerrte nicht nur an meinem Herzen. Er berührte meine Seele. Ich hatte Geschichten der Christen gehört, in denen von Begegnungen mit Engeln die Rede war. Dies hier erinnerte mich stark an diese Schilderungen. Doch noch immer gefiel mir meine Erklärung von der Anderwelt besser...

"Ich habe einen Schwur geleistet. Du weißt, daß ich alles tun werde, was ich kann, um dir zu helfen."

Ihr Blick war forschend und für einen Augenblick fürchtete ich, sie würde überlegen, wie sie meine Ehrlichkeit einer Probe unterziehen könnte.

"Keine Sorge, ich werde nichts von dir fordern, was deine anderen Schwüre gefährden könnte. Zum Beispiel die Loyalität zu deinem Clan. Ganz im Gegenteil. Was ich von dir verlange, wird deinem Clan Gutes bringen." Ich nickte, mehr um irgend etwas zu tun, als damit zu zeigen, daß ich verstand. Sie lächelte bei dieser Geste. "Darum habe ich dich ausgewählt, Colum. Deine Bereitschaft, für deine Freunde in das Unbekannte vorzustoßen."

Ich schluckte, nickte aber noch einmal. "Der Schwur bindet mich."

"Aber da ist noch mehr, und genau dieses Mehr brauche ich. Ich möchte, daß du mit mir kommst. Jetzt gleich." Mit einer graziösen Bewegung stand sie auf und warf den Ast zurück ins Feuer.

"Aber du sagtest doch... Ich kann hier nicht fort. Die Herde--"

"Der wird nichts geschehen. Vertrau mir, Colum. Kein Wolf wird sich den Schafen nähern. Mag er sich auf vier oder auf zwei Beinen bewegen. Niemand wird deine Abwesenheit... auffallen." Damit ging sie voraus, und ich ging ihr nach. Ich vertraute ihren Worten, aber die Keule nahm ich doch mit mir.

 

***

 

Die Hütte war klein. Im Innern erhellte ein weiches Licht den einzigen Raum. Abgesehen vom Prasseln des Feuers war es still. Und es war warm. Nach der Kälte im Wald und in der Nacht draußen ein verführerisches Gefühl: Die ganze Atmosphäre strahlte die Essenz von Gastfreundschaft aus. Der Marsch hatte nicht lang gedauert, war aber anstrengend gewesen, mehr für meine Nerven als für meine Muskeln. Unwegsames Gelände war ich gewohnt, doch die Anspannung, die auf dem Weg hierher in der Luft gelegen hatte, hatte mich mehr als nur nervös gemacht. Besonders störte mich, daß ich nicht in der Lage gewesen war, mich irgendwelcher Landmarken zu vergewissern, um den Weg zurück oder auch wieder hierher zu finden. Das hatte gewiß nicht nur an der Dunkelheit im Wald gelegen, sondern vielmehr daran, daß ich mich nicht auf irgendwelche Besonderheiten hatte konzentrieren können. Sobald wir etwas passiert hatten, an dem ich mich hätte orientieren können, war es auch schon aus meinem Gedächtnis gelöscht gewesen. Nach nur wenigen Minuten hatte ich mich vollkommen auf Cassandras Führung verlassen müssen.

Dieses beklemmende Gefühl der Abhängigkeit fiel von mir ab, als ich die Hütte betrat. In dieser Sekunde war es mir egal, ob ich jemals wieder nach Hause finden würde. Nein, mehr noch hatte ich den Wunsch, nie mehr von hier fort zu müssen. Ich drehte mich zu Cassandra um, die mir den Vortritt beim Eintreten gelassen hatte. Ich grinste sie schief an. "Schön hier", murmelte ich und kam mir bei diesen Worten wie ein Idiot vor. "Schön": Das war wohl die Untertreibung des Jahres!

Cassandra ging auf meinen Kommentar nicht ein; statt dessen nickte sie in Richtung der Schlafstätte. "Deine Aufgabe liegt dort auf dem Bett, Colum. Und keine Angst, er beißt nicht. Nun ja, vielleicht würde er es wollen, aber er kann nicht."

 

Neugierig ging ich auf die Stätte zu, die mit Fellen und Decken ausgestattet war. In der Ecke lag eine kleines Bündel, das nur aus Laken zu bestehen schien. Als ich mich näherte, ertönte ein leises Wimmern. Nein, es war kein Wimmern, mehr ein Glucksen. Vorsichtig fingerte ich an dem Bündel, und zum Vorschein kam ein Säugling. Damit hatte ich schon gerechnet; schließlich war ich der zweitälteste von insgesamt sieben Geschwistern, konnte solche Bündel leicht als das erkennen, was sie waren.

Das Glucksen wurde lauter, und bald unterstützt von den lebhaften Bewegungen zusammengeballter Fäustchen. Seine Haut war ungewöhnlich dunkel. Haar und Augen ebenso. Cassandra trat neben mich. "Schön für dich, er hat gute Laune. Das macht vieles einfacher."

"Was soll ich denn tun?" Während des Weges hierher hatte Cassandra all meine Fragen und Kommentare ignoiriert.

"Ganz einfach. Du bringst ihn nach Hause. Zu deinem Clan. Der Chieftain selbst wird ihn an Kindes statt annehmen. Als seinen Sohn und Erben. Sprich mit deinem Herrn allein, wenn kein anderer zugegen ist. Sag ihm, daß ich dich schicke. Sag ihm, das Kind wird ihm Segen bringen, wenn er den Mut hat, anzunehmen, was die Zukunft ihm bringt."

"Warum tust du dies nicht selbst?"

"Weil ich nicht will, daß geredet wird. Ich weiß deine Achtung vor mir zu schätzen, Colum, aber für die meisten Menschen bin ich eine Hexe, die mehr Unheil als Gutes bringt. Selbst nachdem ich dich geheilt habe, hätten mich viele im Clan lieber tot als lebendig aus dem Dorf geschafft. Und du hast doch gemerkt, daß sich ihr Verhalten anfangs auch dir gegenüber geändert hatte. Auch wenn es inzwischen fast in Vergessenheit geraten ist."

Ich schwieg, unterdrückte meine Erstaunen darüber, woher sie dies alles wußte. Es war eine grauenvolle Zeit gewesen. Aber nach und nach war das Mißtrauen verschwunden. Es hat mich eine Menge Kraft und viel Arbeit gekostet, das alte Vertrauen zurückzugewinnen.

"Was ist mit seinen richtigen Eltern? Er ist doch nicht dein Kind?" fragte ich schließlich, die bitteren Erinnerungen zurückdrängend.

Sie lachte auf; irgendwie klang es falsch, und da war etwas in ihren Augen, das ich nicht genau deuten konnte. "Nein, Colum. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben. Meine Heilkraft hatte nicht gereicht, sie zu retten; als ich sie fand, war es bereits zu spät; sie hatte zuviel Blut verloren. Ich konnte sie nur noch begraben, und das Leben retten, für das sie das ihre gelassen hatte."

"Und du weißt nichts über seine Herkunft?"

"Ich möchte dich nicht anlügen. Also frage mich bitte nicht mehr danach." Und wieder war da mehr, als ich benennen konnte, und die Spannung, die draußen geherrscht hatte, schien jetzt auch hier Einzug zu halten. Trotz der Wärme lief mir ein Schauer den Rücken hinunter. Meine Weigerung, an das Böse, das in dieser Nacht zur Entfaltung kommen konnte, zu glauben, gründete sich mittlerweile ausschließlich auf meine Sturheit.

 

"Gut, ich werde tun, was du verlangst. Was, wenn MacLeod sich weigert--"

Sie hob eine Hand und schüttelte den Kopf: "Das wird er nicht."

Ich beugte mich zu dem Kind hinab und hob es hoch, überzeugt, daß das seiner guten Laune ein Ende setzen würde. Doch der kleine Kerl strahlte - falls überhaupt möglich - noch mehr als zuvor.

"Ich wußte, daß du der Richtige für diese Aufgabe bist, Colum."

 

Wenn das meine Mutter erlebt hätte... Meine Versuche, mich um meine kleinen Geschwister zu kümmern, hatten regelmäßig in mittleren Katastrophen geendet. Vor allem war ich nie in der Lage gewesen, die Babys im Arm zu halten, ohne daß ein markerschütterndes Geschrei den halben Clan zusammengetrommelt hätte. Ich hegte den starken Verdacht, daß Cassandra da ihre Finger im Spiel hatte. Sie war zu einer großen Truhe gegangen und wühlte nun darin herum, zog schließlich eine kleine Trage hervor, mit Schnallen versehen, so daß man sie auf dem Rücken befestigen konnte. Anscheinend war dies für den Säugling gedacht.

"Hier, setz dir das auf. Mir ist lieber, du hast die Hände frei. Ich packe ihn inzwischen warm ein."

Ich fummelte mir die Trage zurecht, bis sie einigermaßen auf dem Rücken saß, ohne mich zu sehr zu behindern. Inzwischen hatte Cassandra das Lakenbündel in ein Fellbündel verwandelt, und wenige Minuten später hatte sie letzteres in die Trage gestopft.

 

"Du kommst nicht mit zurück." Das war mehr eine Feststellung als eine Frage meinerseits; dennoch konnte ich ein Gefühl der Unsicherheit nicht unterdrücken. "Ich glaube nicht, daß ich zurückfinde. Und außerdem--"

"Keine Sorge, du findest den Weg. Den Weg zurück meine ich. Traue deinen Instinkten. Was das 'und außerdem' angeht, brauchst du auch keine Angst zu haben. Da ist nichts, was du fürchten mußt; mit allem Irdischen wirst du fertig. Ich habe noch nie eine so große Keule gesehen."

Bei ihrer letzten Bemerkung schnaubte ich nur, und sie lachte. Es klang irgendwie erleichtert.

 

"Cassandra, ich werde nicht fragen. Ich schulde dir mehr als das, was du von mir verlangst. Ich bringe ihn zu MacLeod."

"Ich weiß."

"Hat er eigentlich einen Namen?"

Cassandra sah mich an, ihren Kopf schief gelegt. "Du fragst ja doch." Sie zwinkerte. "Nein, einen Namen hat er nicht. Das ist das Vorrecht des Vaters. Und nun geh!"

Bevor ich wußte, wie mir geschah, schob sie mich aus der Hütte hinaus. Ich wandte mich nochmals um. "Werde ich dich wiedersehen?"

"Du hast deine Schuld bezahlt." Sie kreuzte die Arme über der Brust.

"Das meinte ich nicht." Ich gab mir keine Mühe, zu verbergen, wie sehr mich ihre abweisende Anwort getroffen hatte.

"Ich weiß. Und jetzt geh." Sie machte einen plötzlichen Schritt nach vorn, und ich wich vor dieser unerwarteten Bewegung zurück. Sie bekam mich an meinem Umhang zu fassen und küßte mich auf die Wange. "Nimm meinen Segen. Lebe wohl, Colum."

 

Völlig verwirrt drehte ich mich um und lief in die Nacht, die mir weit weniger dunkel vorkam als auf dem Hinweg, als ich Cassandras Sicherheit, mit der sie den Weg fand, bewundert hatte. 'Katzenaugen' war mir durch den Kopf geschossen, und jetzt hatte ich das Gefühl selbst Katzenaugen zu besitzen. Die Morgendämmerung würde noch lange nicht einsetzen, es war tiefste Nacht.

 

***

 

"Weißt du, Kleiner, sie ist wirklich eine Zauberin. Aber ich denke, sie ist auch eine Freundin. Sie hat uns beiden schließlich das Leben gerettet, nicht wahr? Egal, was die anderen über sie sagen, ich habe keinen Zweifel, daß wir den Weg zurückfinden." Ich machte mir nichts vor; ich sprach mehr mit mir selbst als mit dem Säugling. "Du wirst dich wohlfühlen im Clan, keine Angst. Ich werde dir beibringen, vor wem du dich in Acht nehmen mußt. Und keine Angst, wenn der Chieftain losbrüllt. Er meint es nicht so. Jedenfalls meistens nicht." Und so brabbelte ich weiter vor mich hin; meine Stimme war das Einzige, was die Stille durchbrach.

 

Cassandra hatte Recht gehabt; ich zweifelte nicht einen Moment über den Weg, den ich zu nehmen hatte. Nur kam er mir viel länger vor als auf dem Hinweg. Und plötzlich war da ein Hindernis. Ich blieb abrupt stehen, erschrocken, wo ich mit meinen Gedanken gewesen war.

Ein Mann stand vor mir, nur wenige Schritte entfernt. Er war groß und schmal; irgendwie sah er zerbrechlich aus. Aber er hielt ein beachtliches Schwert in der Rechten, und die Bewaffnung allein genügte, um mich vorsichtig zu machen.

"Wer seid Ihr?" Ich umfaßte meine Keule fester und hob sie soweit an, daß mein Gegenüber begreifen mußte, daß ich einem Kampf nicht ausweichen würde. Der Gedanke an das Kind in der Trage allerdings ließ mich innerlich zittern. Meine Chancen waren ziemlich gering.

"Mein Name ist hier und jetzt unwichtig. Ich bin zu spät; ich bin am falschen Ort. Wer oder was ich bin, ist nicht mehr wichtig."

"Ihr sprecht in Rätseln. Doch sollt Ihr wissen, daß dies der Besitz der MacLeods ist. Und ich selbst bin Colum MacFarin, ein Cousin des Chieftains. Solltet Ihr Böses im Sinn--"

"Ich bin nicht hier, um kämpfen." Er kam langsam auf mich zu, wobei er sein Schwert zurück in die Scheide schob, mit einer Geschicklichkeit und Leichtigkeit, die mich erkennen ließ, daß ich für ihn kein Gegner war. Auch ohne meine Last keine Gegner gewesen wäre. Ich konnte nur hoffen, daß seine Worte keine Taktik waren. "Ich möchte nur das Kind sehen."

Vor Überraschung klappte mein Mund offen, und ich ließ Hand mit der Keule nach unten sinken.

Der Mann blieb stehen, unmittelbar vor mir, und in dieser seltsamen Dunkelheit, die für mich keine war, konnte ich sein Gesicht nun erkennen. Er war blaß, trug einen sauber gestutzten Bart, seine schwarzen Haare waren in einem ordentlichen Zopf zusammengehalten. Allein seine Augenfarbe konnte ich nicht ausmachen. Ständig schien sie sich zu ändern. Gekleidet war er wie einer dieser Lowlander. Oder wie ein englischer Bastard. Ich war mir nicht darüber klar, was schlimmer wäre.

"Ich möchte das Kind sehen, Colum MacFarin vom Clan der MacLeod. Wundert Euch nicht über mein Wissen oder mein Begehren. Ich wurde geschickt, um das Kind zu holen; aber ich bin zu spät." Er lächelte, und dieses Lächeln drückte zu meiner Verwirrung eine tiefe Befriedigung aus. "Ich hätte wissen müssen, daß Cassandra diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen würde."

Ich verstand nichts von dem, was hier vorging. "Was hält Euch davon ab, zu nehmen, was Ihr begehrt?"

"Woher wollt Ihr wissen, was ich begehre? Ich habe versagt; jetzt, wo der Junge in Eurer Obhut ist, kann - werde ich nichts mehr daran ändern."

Wieder wechselte die Farbe seiner Augen. Ich wagte es, meine Vermutung auszusprechen. "Da ihr Cassandra kennt und da Ihr mich als Hüter des Jungen akzeptiert... akzeptieren müßt... Seid ihr aus der Anderwelt?"

Sein Lachen war wie seine Stimme tief und angenehm; ich versuchte, mich gegen das Gefühl der Sicherheit, das in mir aufstieg, zu wehren. "Ahhh, ein Ungläubiger. Oder ein Gläubiger, das ist schließlich eine Frage des Standpunktes. Cassandra hat gut gewählt." Er schnallte seinen Schwertgürtel ab und hielt ihn mir hin. "Genügt Euch dies als Pfand für meinen Wunsch? Ich werde das Kind ansehen, berühren, sein Schicksal akzeptieren. Gewährt Ihr mir dies?"

"Behaltet Euer Schwert. Ihr sollt das Kind sehen." Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt - oder welcher Gott -, daß ich mich auf dieses Spiel einließ, doch ich traute meinen Instinkten, wie Cassandra gesagt hatte. Ich legte die Keule ab und zog die Trage von meinen Schultern, hielt sie dem Fremden hin. Der Junge war wach und unglaublicherweise vollkommen ruhig. Keinen Ton gab er von sich. Auch nicht, als der Fremde eine schlanke Hand ausstreckte, von der er zuvor einen Handschuh gezogen hatte. Der Mann hielt in seiner Geste inne, beugte sich statt dessen vor und blickte dem Baby in die Augen. Er lächelte, nickte und flüsterte: "Ich danke Euch. Nun kann ich beruhigt zurück."

"Wird Euer Herr nicht wütend sein? Ihr sagtet doch, Ihr seid um das Kind geschickt worden? Habt Ihr irgendein Recht--"

"Oh ja, mein Herr wird zornig sein. Aber ein Recht auf das Kind hat er nicht. Auch ich habe dieses Recht nicht. Niemand hat ein Recht. Sagt Eurem Herrn aber, daß dieses Kind für ihn eine Gnade sein kann, wenn er den Mut hat, zu akzeptieren, was geschieht."

Ich seufzte und fragte mich, wie viele es von seiner und Cassandras Sorte noch gab. Und wie vielen ich heute nacht noch begegnen würde.

"Und nun geht!" Er wandte sich ab. In diesem Augenblick erklang ein leises Jammern, und ich blickte erstaunt auf das Bündel in meinen Händen. Das Baby verzog das kleine Gesicht zu einer Grimasse und wimmerte leise weiter. Der Fremde eilte zu uns zurück und sank vor uns auf die Knie. Mit der Rechten ergriff er einen Fuß des Kindes und berührte diesen mit seinen Lippen. Das Wimmern verstummte abrupt. Immer noch kniend sprach er: "Ich muß fort, so gern ich bliebe. Doch mein Platz ist nicht an deiner Seite. Noch nicht. Doch sei ohne Sorge, denn du bist in guten Händen."

Er erhob sich und wandte sich erneut zum Gehen. Nochmals wimmerte das Kind. Der Fremde drehte sich wieder um, und ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Obwohl er lächelte, sprachen seine Augen von Traurigkeit und Sehnsucht.

"Gebt ihn mir für einen Augenblick." Einen Moment später hielt er die Trage in den Händen, drückte das Bündel gegen seine Brust, verharrte so für einige Momente. "Dies muß genügen, bis wir uns wiedersehen. Und es wird dieses Wiedersehen geben, sorge dich nicht. Ich werde tun, was in meiner Macht steht, daß ich diesen Tag erlebe. Ich bin sicher, du erfüllst dein Schicksal."

Er gab mir das Kind zurück. "Danke, Colum MacFarin vom Clan der MacLeod. Bringt ihn nun heim; es wird nun nichts mehr zwischen Euch und Eurem Ziel kommen. Würdet Ihr allerdings einen Rat von mir annehmen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort: "Achtet in Zukunft mehr auf die Magie der Sonnenwenden. Nicht alles, was daraus entsteht, wird zu Eurem Wohl sein. Auch wenn es gut ist, an das Gute zu glauben, ist es besser, auf das Böse vorbereitet zu sein." Er schalkhaftes Grinsen zerstörte die ernste Stimmung. "Obwohl diese Keule ein wirklich guter Anfang ist. Ich habe selten eine so gewaltige Waffe gesehen..." Im nächsten Moment hatte ihn die wirkliche Dunkelheit verschluckt.

 

Erst einige Minuten später war ich in der Lage, weiterzugehen, das Kind, oder besser gesagt die Trage, wieder auf meinem Rücken geschnallt. Ich konnte mir das alles nicht erklären, und hätte es nicht den lebenden Beweis für die Ereignisse dieser Nacht gegeben, ich hätte alles mit Freuden als verrückten Traum abgetan. Aber ich zweifle daran, daß es mir gelungen wäre. Zu real war dies alles, zu strahlend, zu bedrohlich, zu verwirrend.

Als ich meinen Lagerplatz bei der Schafherde erreichte, was alles in Ordnung. Keinem Tier war etwas geschehen; das Feuer loderte mit der gleichen Intensität wie bei meinem Aufbruch. Ich sah zum Himmel auf; bald würde es dämmern. Ich bückte mich und packte die Sachen zusammen. Ich mußte mich beeilen, wollte ich ungesehen zum Chieftain gelangen. Doch einen letzten Blick auf den Wald gönnte ich mir. Im Tageslicht würde nichts mehr von der Magie übrig bleiben. Und brauchte etwas Magie, um mit all dem Verwirrenden, das ich gesehen, gehört und gespürt hatte, fertig zu werden.

 
Ende

 
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