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UnschuldTeil 1, © by Natascha/Norynia ()
Dichter Nebel zog sich über den feuchten Waldboden. Schlängelte sich vorbei an den Stämmen der uralten Eichen, hinaus in ein großes Tal, umgeben von Wald und Felsen. Eingekesselt von den Naturgewalten. Der milchige Hauch glitt voran, wagte sich aus dem schützenden Grün und strich an den braunen Backsteinen eines großen Anwesens entlang, dass sich wie aus dem Nichts in der Leere des Tals erhob und es zum Schluss fast gänzlich ausfüllte. Ein Gebäude, dass optisch so neu und dennoch wie aus einer längst vergangenen Zeit wirkte, ausgestattet mit einem riesigen Tor, das als Eingang gedacht sein musste. Ohne Fenster, an den Außenwänden nur geschmückt mit steinernen Geschöpfen, die lieblichen Engeln glichen und dennoch unnatürlich traurig blickten. Das Gebäude besaß keinen Zaun, keinen Graben. Obwohl es aus einer Zeit zu stammen schien, in der man dies bei Anwesen dieser Größe gehabt hatte, war nichts dergleichen vorhanden. Selbst die kleinen Türme, die spitz in den nachtschwarzen Himmel ragten, zeigten keine Möglichkeit des Betretens. Es schien nur einen Eingang zu geben, der sogleich auch der einzige Ausgang sein musste: Das große, schwarze Tor auf dem ein kleiner Engel saß, der schützend seine steinernen Flügel um sich geschlungen hatte, und wirkte, als wolle er jedem Blick entgehen, und sei es auch nur sein eigener, der sich unerwartet spiegeln könnte.
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"Wo ist Ken?" Yohji stellte den großen Blumentopf vor dem Laden ab und wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Stirn. "Er ist heute mit Ausfahren dran. Wo wollte er heute morgen eigentlich so früh hin?" Yohji sah sich nach den anderen um. Von Aya kam keine Antwort, was nichts Ungewöhnliches war, und Omi summte leise vor sich hin, während er die Pflanzen goss. Der Älteste der Vier, von denen zu seinem Bedauern nur drei anwesend waren, seufzte leise auf und trat hinter den knienden Omi, der ihn erst bemerkte, als Yohjis Schatten jegliche Sonnenstrahlen aus seinem Blickfeld verbannten. "Hm?" Verträumt blickte er auf und blinzelte Yohji an. "Was treibst du nachts eigentlich?" "Was?!" Omi sprang auf und trat einen Schritt zurück. Zeigte wohl unbeabsichtigt mehr als deutlich, dass er sich ertappt fühlte. "Was meinst du damit?" "Ich meine damit, dass die Ringe unter deinen Augen dunkler als die Gläser meiner Sonnebrille sind." Yohji kramte unter seinem Kittel nach seinen Zigaretten und steckte sich eine an, während sein Blick immer noch auf Omi ruhte, der sich nach der Erwähnung seiner Augen diese sofort rieb. Musste ein Reflex sein, denn Sinn zeigte es keinen. "Recherchiert hast du nicht, wir haben noch keinen neuen Auftrag bekommen... also was könntest du dann gemacht haben?" Yohji stemmte seine Arme gegen die Hüften und ließ die Zigarette zwischen seinen Zähnen auf und ab wippen. "Ich hab dich auch nicht runter- oder hochgehen hören, also warst du vielleicht gar nicht am Computer... doch in deinem Zimmer?" Yohji stoppte plötzlich das Wippen seiner Zigarette, lächelte wissend und beugte sich etwas zu Omi hinunter. Dieser trat erneut einen Schritt zurück, bis die Wand ihn aufhielt und der Blumentopf, dessen Grün er gerade noch begossen hatte, zwischen seinen Beinen klemmte. "Wenn du irgendwelche Fragen zu deinem Körper und seinen Funktionen hast, kannst du mich gerne fragen", grinste der Ältere und nahm die Zigarette aus dem Mund. Omis Augen wurden größer und ein helles Rot legte sich auf seine Wangen. "Wovon redest du?" "Omi, seinen Körper zu erkunden ist keine schlimme Sache, das macht jeder früher oder später mal. Dennoch empfehle ich dir, dass du dir endlich eine Freundin für die Praxis suchst." Das Grinsen auf Yohjis Lippen wurde breiter, als er beide Arme rechts und links von Omis Kopf gegen die Wand stemmte und so nah heran rückte, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten. "Oder soll ich dir helfen?" "Yohji-kun?!" "Yohji, hör auf, Omi zu belästigen, und geh wieder an die Arbeit." Der Angesprochene sah sich um und blickte direkt in die schmalen, lilagrauen Augen von Aya, die ihn nur Bruchteile von Sekunden kalt musterten, um sich dann wieder den Pflanzen zu widmen. Yohji seufzte leise auf und wendete sich noch einmal kurz Omi zu. "Wenn du mich brauchst, du weißt ja, wo du mich findest." Er kniff dem Jüngsten belustigt in die runde Wange und trat wieder in das Innere des Blumenladens. Omi rührte sich vorsichtshalber nicht, erst nach einer endlos scheinenden Minute, während der er auf einen Hydranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestarrt hatte, riss er sich von seinen Gedanken los und umgriff fest die kleine Sprühflasche in seiner Hand. Das 'Du auch!', das Aya ihm direkt nach Verschwinden von Yohji zugeraunt hatte, hatte Omi überhört, doch Aya schien sich nicht daran gestört zu haben, denn er hatte den verstört dreinblickenden Freund nicht weiter beachtet.
Auf Omis Stirn bildete sich eine kleine Denkfalte. Wie kam Yohji nur auf solche Ideen? Wie Omi sich mit einem erneutem Erröten eingestehen musste, lag Yohji ja noch nicht einmal falsch mit seiner dahergeworfenen Vermutung, was den Jüngsten der Truppe doch gewaltig störte. Er hatte sich doch gar nicht auffällig benommen, geschweige denn sich erwischen lassen, also wie in Gottes Namen war Yohji auf diesen Gedanken gekommen? Und was trieb ihn dazu, sich Omi derart zweideutig anzubieten? Omis Denkfalte wurde tiefer und verlieh dem jungen Gesicht einen harten Zug, als er sich mit einem Ruck umdrehte und in den Verkaufsraum trat. Yohji berechnete gerade einer jungen Frau den Blumenstrauß, den sie sich ausgesucht hatte, und unterließ es natürlich nicht, in Angesicht dieser offensichtlichen Schönheit zu flirten, was das Zeug hielt. Nur kurz zuvor hatte er sich gegenüber Omi mehr als zwielichtig verhalten, und jetzt tat er plötzlich wieder so wie immer und als sei nichts gewesen? Omi entschied sich, sich nicht zu ärgern, und das Gerede über Rosa, Teint und Blumen zu überhören. Würde ja doch nichts bringen, sich Gedanken über etwas zu machen, das sicherlich nur ein blöder Scherz gewesen war. Omi setzte sich an den Tisch und überlegte. Er sollte irgendetwas tun, sich ablenken... oder die anderen? Omi bedauerte, dass er sich oft auffälliger benahm, als gut für ihn war, und stand schließlich mit einem leisen Seufzen wieder auf, um einen der Stühle unter den Fernseher zu rücken. Seine Unlust gekonnte überspielend zog er sich an der Rückenlehne hoch und schaltete den Fernseher ein.
"... wird der 16jährige Musikschüler Minase Hijiri vermisst. Das Verfolgen von Hinweisen aus der Bevölkerung blieb bisher erfolglos. Minase Hijiri ist nun schon das neunte Entführungs-Opfer. Die Polizei geht von demselben Täter aus..."
Omi starrte gebannt auf den Fernseher, auf dessen Schirm nun das Bild eines dunkelhaarigen Jungen mit großen smaragdgrünen Augen abgebildet wurde. Dem jungen Assassin blieb für einen kurzen, jedoch entscheidenden Moment die Luft weg. Erst, als das Bild wieder wechselte, erinnerten ihn seine Lungen an den nötigen Sauerstoff, den ein menschlicher Körper nun einmal zum Überleben brauchte. Omi sog scharf nach Luft und ließ sich mit einem leisen, japsenden Geräusch rückwärts vom Stuhl gleiten, als ihn plötzlich jemand von hinten umarmte und er warmen Atem auf seiner Wange spüren konnte. "Na, gefällt er dir?" Yohji roch nach Rauch, wie eigentlich immer, doch das war das erste, was Omi zum Vorwand nahm, um sich aus der spielerischen Umarmung zu schälen und auf Distanz zu gehen. Hinzu kam, dass Omi begann, an Yohjis Absichten zu zweifeln und von dem Verhalten seines Freundes am heutigen Tag leicht verwirrt war. "Ja, er sah schon nicht schlecht aus... aber mal ehrlich, Omi, es gibt doch so viele hübsche Mädchen in deinem Alter, die..." "Hör auf damit!" Omi wollte etwas nach dem Älteren werfen. Als er nichts fand, zog er einfach seinen Kittel aus, knüllte ihn zusammen und warf ihn in Richtung Yohjis Gesicht, doch der Drahtkünstler fing den Stoff lächelnd ab. "Ah, Omi, hab ich dich erwischt?" Schlagartige Röte und ein getroffener Gesichtsausdruck waren das einzige, das Omi erwiderte, bevor er sich umdrehte und nach oben rannte.
"Musste das sein?" Ken lehnte im Türrahmen zum Verkaufsraum und sah Yohji strafend an. Dieser zuckte mit den Schultern und legte das Kittel-Wurfgeschoss auf den Tisch. "Ich weiß gar nicht was du hast, ich habe ihm doch nur eine Frage gestellt. Konnte ich wissen, dass er so darauf anspringt?" Kens Blick veränderte sich nicht, so dass auch Yohji das Lächeln verging, und er sich leise vor sich hingrummelnd erneut eine Zigarette zog. "Du bist heute mit Ausfahren dran, also mach, dass du in die Gänge kommst." Er trat kopfschütteln zur Theke und schnappte sich den Schlüssel aus der Kasse. "Kunden lässt man nicht warten!" Mit einer schnellen Bewegung warf er den kleinen Schlüssel durch den Raum und Ken direkt in die geöffnete Hand, wobei er wieder ein Grinsen auf sein Gesicht zauberte. "Omi kriegt sich schon wieder ein, er weiß, doch wie es gemeint war." "Wenn du das sagst", gähnte Ken genüsslich und verließ den Blumenladen wieder.
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Kaltes Wasser. Das vertrieb Wut, Trauer, Verzweiflung... ja, eigentlich so ziemlich alles, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Dennoch, für die Dauer der Berührung wurden alle Gefühle eingefroren und ließen einen in Ruhe. Richtig... kaltes Wasser. Kalt? Nein, er mochte es nicht, wenn es kalt war. Er mochte dann nicht raus gehen, konnte im Kalten nicht schlafen... Also nicht kalt duschen. Omi schlüpfte aus seinen Klamotten, stieg unter die Dusche und drehte das Wasser auf eine erträgliche Temperatur, irgendwo zwischen heiß und lauwarm. Er mochte es, wenn Wärme ihn umgab, sehnte sich immer so sehr nach ihr, wenn sie seiner Meinung nach nicht ausreichend vorhanden war. Er mochte den Sommer, mochte die Sonne, Eis. Ja, Eis im Sommer. Blumen, kurze Klamotten, Schweiß... Wie kam er jetzt auf Schweiß? Unwillkürlich kam ihm ein Bild von Yohji in den Sinn, als der nach einem Kampf noch im Flur vor ihren Zimmern seine Klamotten auf den Boden geworfen hatte. Nur noch mit Shorts bekleidet war er die restliche Nacht durch die Gegend gelaufen, weil er wegen der Sommerhitze und einer defekten Klimaanlage nicht einschlafen konnte. Omi war sich sicher, hätten sie eine Badewanne, hätte Yohji in jener Nacht dort geschlafen und wäre womöglich noch im kalten Wasser ertrunken. Omi stemmte die Arme gegen die gekachelte Wand im Duschraum und ließ den Kopf sinken. Das warme Wasser war so schön. Wie es auf seine Haut prasselte und in Bahnen seinen Körper hinunterlief. Omi bekam eine Gänsehaut, je mehr er sich auf die Empfindungen seines Körpers konzentrierte. In der letzten Zeit reagierte dieser sehr empfindlich auf Berührungen jeder Art. Woran das wohl lag? Omi hatte bisher keinen Weg finden können, gewisse Regungen in gewissen Situationen zu vermeiden oder abzustellen. Wenn er sich in diesen Momenten in seinem Zimmer, oder in der Nähe eines stillen, einsamen Raumes, in den er verschwinden konnte, befand, war das weniger das Problem. Peinlich wurde es nur, wenn er mitten im Blumenladen stand und eine einfache Berührung von Ken es schaffte, ihn völlig aus der Bahn zu werfen. Kann Verlangen Liebe sein? Wenn es so stark ist, dass man ständig in der Nähe einer Person sein wollte? Wenn man sich auf jeden Morgen freute, an dem man sie wiedersah, und jeden Abend verfluchte, an dem sich die Wege in die eigenen Zimmer trennten? Yohji hatte schon Recht, auch, wenn er es vielleicht gar nicht so genau wusste. Mädchen interessierten Omi nicht. Jungs interessierten ihn nicht. Ihn interessierte nur Ken. Einer der wenigen Menschen, die wussten, welches Doppelleben er führte, was er tat und wie er lebte. Ein Mensch, dem er nichts verheimlichen musste... Es war nun drei Wochen her, an dem Omi sich nachts zum ersten Mal in Kens Zimmer geschlichen und den Schlafenden geküsst hatte. Es war so ein schönes Gefühl gewesen, die weichen, warmen Lippen des von Geist und Körper so begehrten Mannes zu spüren. Und auch wenn Omi bedauerte, den Kuss nicht erwidert zu wissen, schlich er nun seit drei Wochen jede Nacht in Kens Zimmer, betrachtete ihn eine Weile, streichelte sein Gesicht und küsste ihn. Nur, um sich dann ganz leise wieder zurückzuziehen und seinem Körper die Zärtlichkeiten zukommen zu lassen, die er nach diesen so schönen Momenten verlangte. Sicher, es war nicht dasselbe, als wenn es Kens Hände wären, die ihn streicheln und liebkosen würden, aber allein die Vorstellung...
Omis strich sich mit seiner Hand über seinen Nacken, seinen Hals hinunter. Streichelte über die Schultern zur Brust. Ein kurzes, fast elektrisierendes Gefühl zuckte durch seinen Körper, als er über die Brustwarzen strich, sie immer wieder umkreiste, mit Daumen und Zeigefinger massierte, bis sie hart wurden. Die Augen geschlossen mit erhobenem Kopf streckte er sein Gesicht dem warmen Wasser entgegen, leckte sich über die Lippen und ließ seine Hände tiefer rutschen, über den flachen, weichen Bauch, über seine schmalen Hüften, den runden, festen Hintern. Unter seiner steigenden Lust griff er fester zu, massierte sich hart die Pobacken, so, wie er es sich von einer anderen Person wünschte, ließ eine Hand dazwischen gleiten und strich mit der anderen nach vorne um seine Erregung zu umschließen. Im wirklichen Leben traute er sich nicht, danach zu verlangen, aber in seinen Gedanken, seiner Fantasie, da war er da, sein Ken. Da waren es seine Hände, sein Körper, der sich an Omis presste. Seine Lippen, die forderten, seine warme Zunge, die die Führung übernahm. Da war es seine Liebe, die Omi spürte und genoss. Jedes Mal, wenn er zuerst langsam, dann immer schneller pumpte, über seine willig geöffneten Lippen strich, die harten Brustwarzen streichelte, mit zuerst einem, dann zwei Fingern in sich eindrang. Da war nur noch Ken, sonst nichts, nur noch sein Verlangen, dass sein Geliebter ihm erfüllte. "K..." Omi schaffte es nicht einmal mehr, seinen Namen auszusprechen, alles ging in seinem leisen Stöhnen, dem heftigen Keuchen unter. Er japste auf, als sich die Hitze seines Körpers in seinem Unterleib sammelte, der Druck schmerzhaft wurde. Er befreite seine Finger aus sich und stemmte den Arm gegen die Wand, pumpte schneller, atmete lauter. Das warme Wasser spülte seine feinen Schweißperlen mit sich, ließ als Andenken nur einen leichten, salzigen Geschmack auf seinen Lippen zurück. Omi hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sein Herz hämmerte wild gegen seine Brust, und seine Knie wurden weich, als sich seine Glieder für einen Moment zusammenzogen und ihn das Gefühl flutete, innerlich zu verglühen. Hitze jagte durch seinen Körper, der Höhepunkt explodierte in ihm und stieg zu Kopf. Überall in seinem Körper pochte es, bis seine Knie schließlich nachgaben und er in die kleine Duschwanne sackte. "Ken." Seine Hand glitt über die kalte Wand, als er die Augen schloss und den Kopf dagegen lehnte. Mit einem Mal war das schöne Gefühl wieder vorbei, und er war wieder allein. Niemand, der ihn umarmte, niemand, der ihn hielt. Nur der feine Dunst der Hitze um ihm herum, der ihm Gesellschaft leistete. So wie immer, und wie immer versuchte Omi, sich damit abzufinden. Denn niemals würde er genügend Mut aufbringen, wie er brauchte, um seine wahren Gefühle zu offenbaren und nicht weiter zu überspielen, wo es ihm nur gelang. Eine Maske, die er trug und vor Augen anderer niemals ablegen würde. Er winkelte die Beine an und schlang seine Arme darum. Sein Gesicht vergrub er tief in der entstandenen kleinen Höhle. Es wirkte, als wolle er jedem Blick entgehen, und sei es auch nur sein eigener der sich unerwartet spiegeln könnte.
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"An diejenigen von euch, Weiß..." Omi rutschte nervös an den Rand der Couch und beobachtete Ken aus den Augenwinkeln. Als man ihn gerufen hatte und er heruntergekommen war, hatte Ken ihn so merkwürdig angesehen... Omi hatte diesen Blick in keinster Weise deuten können, zu schnell hatte Ken sich wieder abgewendet. Vielleicht war das auch nur Einbildung, doch nachdem Omi sich auf die Couch gesetzt hatte, tat Ken es ihm gleich. Ihm wieder diesen seltsamen, undefinierbaren Blick zuwerfend... Und wieder rätselte Omi, was diese zwei, wenn auch nur kurzen Blicke bedeuten sollten. Ob Yohji ihm was erzählt hatte? Ob Omi sich doch zu auffällig verhalten hatte? Oder ob... nein, das nicht, oder? Was war, wenn Ken wusste, dass Omi nachts zu ihm rüberkam, und was er bei ihm tat? Omi wurde plötzlich heiß und kalt auf einmal. Nein, das konnte nicht sein. Er war leise und immer vorsichtig gewesen. Er hatte immer auf Kens gleichmäßigen Atem geachtet, er konnte ihn einfach nicht bemerkt haben, auf gar keinen Fall! ... Aber wenn doch? Omi schüttelte sich kurz und verbannte die wirren Gedanken aus seinem Gedächtnis. Ein kurzer Wisch mit dem Ärmel, und die kleinen, kalten Schweißperlen waren auch dahin. "... in den vergangenen Wochen sind neun junge Männer aus unterschiedlichen Teilen Japans entführt worden. Sie werden in einer festungsähnlichen Anlage abgelegen von Tokyo gefangengehalten, die weder bewacht noch anderweitig beschützt wird. Was dort drin mit ihnen geschieht und ob sie noch am Leben sind, können wir nicht sagen. Es gibt nur einen Eingang in Form eines großen, schwarzen Tores. Keine Fenster, oder sonstigen Öffnungen." Omi entdeckte diesen Jungen auf einem der kurz aufflimmernden Bilder. Der Musikschüler aus den Nachrichten. Minase Hijiri. "Ah, Omi, da ist ja dein Schatz", wisperte Yohji leise hinter ihm. So leise, dass Omi sich nicht sicher war, das wirklich gehört oder es sich nur eingebildet zu haben. Also reagierte er nicht und konzentrierte sich weiter auf den großen Bildschirm und Persias Stimme. "Unser Ziel ist ein Mann namens 'Montauk'. Seine wahre Identität ist uns nicht bekannt, auch gibt es kein Bildmaterial von ihm." "Klasse", stöhnte Ken neben Omi und legte seinen Arm auf die Rücklehne, berührte nur leicht, zufällig Omis Nackenhaar. Ken selbst schien es nicht zu merken, doch für Omi reichte es, die Beine anzuwinkeln und gewisse Regungen zu unterdrücken. Dass er in letzter Zeit auch so empfindlich sein musste... "Jäger des Lichts, jagt die Kreaturen der Dunkelheit." Der Bildschirm erlosch, und elektrisches Licht flutete den Raum.
"Nehmt ihr den Auftrag an?" Manx spazierte lasziv in die Mitte des Zimmers und hielt einen kleinen Umschlag in der Hand. Yohji reagierte als erster und griff nach dem Papier. "Ich werde niemandem verzeihen, der dem Schwarm meines Freundes auch nur ein Haar krümmt!" lächelte er und ignorierte den fragenden Blick, den die Rothaarige ihm zuwarf. "Ich bin auch dabei", murmelte Ken leicht irritiert. Von Omi und Aya kam nur ein stummes Nicken. Manx lächelte und verließ den Raum mit klackernden Absätzen. Omi wagte es nicht, sich zu bewegen, als Ken ihn von der Seite musterte und fragend die Augenbrauen zusammenzog. "Omi, was hast du? Du verhältst dich in letzter Zeit so seltsam... haben wir dir was getan?" "Was?" Omi rutschte noch weiter zur Seite und erwiderte flüchtig Kens Blick. Sah weiter zu Yohji und Aya, die ihn ebenfalls fixiert hatten. "Ich... nein. Nein!" "Nein?" Ken seufzte und rutschte näher an Omi heran. "Was ist es dann? Wir sind doch Freunde, du kannst uns alles sagen!" Aufmunternd strich er Omi ein paar fransige Strähnen aus dem Gesicht und ließ seine Hände schließlich auf seinen Schultern ruhen. Omi japste leise auf und senkte den Kopf, damit Ken ihn nicht mehr ansehen konnte. "Es ist nichts, ich bin nur... müde. Ja, müde. Aber jetzt ist keine Zeit für Fragen, ich sollte mich über diese Festung schlau machen, findet ihr nicht?" Omi schob Kens Hände zur Seite und stahl sich von ihm weg zur Treppe. "Bin gleich wieder da!" rief er noch, ohne sich umzudrehen, und rannte nach oben.
"Was war das?" Ken richtete sich zu den anderen. Yohji grinste. "Er scheint verwirrt zu sein... er ist in einem Alter, in dem sich ein paar Kleinigkeiten ändern und bemerkbar machen. Das vergeht wieder." Er setzte sich auf einen Sessel und schlug die Beine übereinander. "Oder es ist wegen dem Jungen, der von diesem Montauk gefangen gehalten wird." "Dann meintest du Omi vorhin, als du sagtest: 'Ich werde niemandem verzeihen, der dem Schwarm meines Freundes auch nur ein Haar krümmt'?" Ken kniete auf der Couch und lehnte mit dem Brustkorb gegen die Rückenlehne. "Ja, ja... einer der Entführten ist Minase Hijiri, der Junge mit diesen stechend grünen Augen. Er kam heute in den Nachrichten, und du hättest Omis Blick sehen sollen, als Hijiris Bild gezeigt wurde..." Yohji zwinkerte Ken zu und zündete sich eine Zigarette an. "Er war hin und weg. So was wie Liebe auf den ersten Blick, wer weiß..." "Quatsch!" Ken stand auf und schüttelte mit dem Kopf. "Erzähl nicht so einen Unsinn. Nur weil du beim Anblick einer Frau anfängst zu starren, heißt das noch lange nicht, dass du in sie verliebt bist, oder?" "Nein", Yohji verteilte den blauen Dunst durch eine schmale Öffnung seiner Lippen und nickte bestätigend. "Aber wir reden hier auch nicht von mir..."
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Es war ja nicht so, dass kleine Sticheleien von Yohji schlimm wären. Es war ja nicht so, dass Omi nicht wusste, dass er es nicht böse meinte. Doch wenn diese kleinen Sticheleien zutrafen, und sei es auch nur ansatzweise, konnte das weh tun. Vor allem, wenn sie sich immer wieder in derselben Richtung wiederholten, und noch schlimmer: in Kens Gegenwart. Was sollte er denn jetzt von ihm denken? Dass er auf diesen Hijiri stand? Dass er sich für ihn interessierte, starke Gefühle für ihn hatte? Wenn er sich doch nur besser unter Kontrolle hätte... Omi ballte seine Hand zu einer Faust und schlug gegen die Wand seines Zimmers. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und dem Gefühl des Bedauerns zog er sie wieder zurück und ließ sich rücklings an dem kalten Beton herunterrutschen. Wie sollte das bloß weitergehen? Wie bisher schien es nicht länger zu funktionieren...
Ein leises Klopfen an der Tür riss Omi aus seinen Gedanken. "Hm?" "Kann ich reinkommen?" drang Kens Stimme gedämpft und mit einem besorgten Unterton durch die Tür. "Ahm... reinkommen? Äh, ich..." Omi strich sich mit dem Ärmel durch das schweißnasse Gesicht und richtete sich wieder auf. Ken schob sich durch die einen Spalt breit geöffnete Tür, noch bevor Omi ihn wirklich hereingebeten hatte, und schloss sie sofort wieder. Omi drückte sich unbewusst noch mehr gegen die Wand und verbarg seine Hände hinter dem Rücken, versuchte, sie unbemerkt am Stoff seiner kurzen Hose abzuwischen. Ken kommentierte Omis nervöse Erscheinung nur mit einem fragenden Blick und machte einen großen Schritt auf ihn zu. Als Omi nach dieser Bewegung leicht zusammenzuckte, begann Ken sich noch mehr Sorgen zu machen als zuvor. "Warum lügst du mich an?" Omi antwortete nicht, wusste nicht was er sagen sollte. Ken kam noch näher, und schließlich standen sie sich direkt gegenüber. Ken, mit verschränkten Armen und sicherer Haltung, Omi, mit versteckten Händen und wackeligen Beinen. "Yohji schiebt dein Verhalten der letzten Wochen auf dein Alter, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Irgendetwas muss doch passiert sein, dass du dich dermaßen verschließt. Gut, es ist nicht so, dass wir uns bisher immer alles gleich erzählt hätten, aber ich mache mir Sorgen um dich! Wir sind doch Freunde, Omi!" "Ja, schon... aber..." "Aber was?" versuchte Ken den Jüngeren zum weiterreden zu ermutigen und beugte sich etwas zu Omi hinunter, was zur Folge hatte, dass dieser seinen Kopf senkte. "Aber nichts. Es ist nichts, Ken. Du hast keinen Grund, dir Gedanken zu machen!" Omi versuchte, stark zu klingen, und scheiterte kläglich. Denn das Einzige, was er zustande brachte, war energisch zu wirken. Energisch in dem Punkt, etwas zu verheimlichen und nicht willig zu sein, es preis zugeben. Ken seufzte leise auf und stemmte beide Arme gegen die Wand. Rechts und links von Omis Kopf. Ein Kribbeln jagte durch Omis Magengrube, als er Ken so nah wusste und die Wärme des Älteren spüren konnte. Doch war diese langersehnte Nähe zu ungewohnt, um sie wirklich genießen zu können und so erinnerte Omi sich wieder an Yohjis Handlungen und Worte am Morgen, in genau derselben Haltung, und hoffte inständig, dass Ken sich nicht zu ähnlichen Aussagen hinreißen ließ. "Was hast du hinter deinem Rücken?" Omi schaute überrascht auf und wäre daraufhin fast mit Kens Kopf zusammengestoßen. Er schreckte wieder etwas zurück und presste sich weiter gegen die Wand. Konnte Kens warmen Atem in seinem Gesicht spüren und wünschte sich nichts sehnlicher, als das Ken ihn nicht durch eine Frage so erschreckt hätte, sondern aus einem anderen Grund... "Was?!" "Du versteckst doch etwas vor mir!" Noch bevor Omi zu einer schützenden Handlung fähig gewesen wäre, hatte Ken seine Hände von der Wand gelöst und nach Omis Armen gegriffen. Omi wehrte sich energisch dagegen, sein kleines Geheimnis zu offenbaren, doch Ken erwies sich als der Stärkere der beiden und legte Omis Hände frei, auf denen etwas milchig-weißes klebte. Omis Gesicht wurde mit einem Schlag rot. Etwas in dem Jungen sagte ihm, sich gerade furchtbar blamiert zu haben, und als Ken nichts sagte, sich überhaupt nicht mehr rührte und Omi nur seinen starren Blick auf sich spürte, riss er sich los, stieß Ken mit dem Ellebogen von sich und rannte ins Bad. Die Tränen, die ihm in diesem Moment in die Augen schossen, konnte Ken nicht sehen. "Omi, warte!" Ken lief hinter ihm her und stoppte erst vor der zugeschlagenen Badtür. Omi drehte den Wasserhahn voll auf und hielt seine Hände darunter, begann mit einer kleinen Bürste über die Haut zu schrubben, bis es weh tat. Sein leises Schluchzen wurde von dem lauten Rauschen des Wassers übertönt. So war es auch gedacht. Keiner sollte ihn hören. Schon gar nicht Ken. Und am liebsten wäre es dem jungen Assassin, Ken nach dieser Blamage erst einmal nicht mehr sehen zu müssen. Er bezweifelte, ihm überhaupt wieder in die Augen sehen zu können, ohne vor Scham im Boden zu versinken. Warum hatte Ken das auch getan? Warum musste er unbedingt wissen, was los war? Was ging es ihn denn an? Omi hatte sich immer etwas mehr Aufmerksamkeit von Ken gewünscht, aber musste diese gerade jetzt und in dieser Art kommen? Omi rutschte langsam zu Boden und wischte sich mit den wunden Händen wütend die Tränen aus dem Gesicht. Auf wen genau er jetzt wütend war, konnte er nicht sagen, und darüber nachdenken wollte er auch nicht mehr. Also blieb er einfach sitzen, ließ das Wasser laufen und versuchte, sich wieder zu beruhigen. Kens Klopfen ignorierte er diesmal, und er wünschte sich, es auch schon in seinem Zimmer getan zu haben.
"Was ist denn los?" Yohji kam die Treppe hoch und musterte den wild klopfenden Ken mit einer hochgezogenen Augenbraue. "Brennt es irgendwo?" "Ach, Omi will nicht aufmachen." Ken schlug noch ein letztes Mal mit der Faust gegen die Tür und lehnte dann die Stirn gegen das lackierte Holz. Ließ schließlich auch beide Hände sinken. "Ich mach' mir solche Sorgen, ich weiß auch nicht warum. Omi ist kein kleines Kind mehr, aber er ist der Jüngste von uns... manchmal denke ich, er gehört nicht hierher." "Gehört überhaupt einer von uns hierher?" Yohji stand mit dem Rücken zur Wand neben Ken und verschränkte die Arme vor der Brust. "Außer Aya. Der scheint mir oft für diese Arbeit wie geschaffen." Er lächelte und zündete sich eine Zigarette an. Als er Ken das Päckchen hinhielt, winkte der ab. "Du stirbst noch an Lungenkrebs, wenn du so weitermachst." "Ich denke nicht, dass ich so lange lebe." Yohji lächelte wieder. Irgendwie tat er das ständig. Lächeln. Aus Freude, als Entschuldigung, zur Aufmunterung. In Yohjis Lächeln lag manchmal mehr als in hundert Worten. Er war ein Mensch, dem man einfach nicht wirklich böse sein konnte, egal, was kam. Und er war ein Mensch, der das Leben in vollen Zügen auskostete, ohne sich viele Gedanken an ein Morgen zu machen, vielleicht das einzig Richtige, was man in ihrer Situation machen konnte. "Du machst dir wirklich Sorgen, hm?" Ken nickte. "Ich habe immer das Gefühl, ihn beschützen zu müssen. Ist das schlimm? Ich meine, er braucht mich doch eigentlich gar nicht, oder?" Yohji zog an seiner Zigarette und strich sich eine lange Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Natürlich tut er das. Wenn einem etwas an jemandem liegt, macht man sich automatisch Sorgen. Das ist Freundschaft, Ken. Und jeder braucht Freunde, sogar wir!" Wieder setzte Yohji dieses beruhigende Lächeln auf, bis er sich zur Seite drehte und den Kopf schief legte. "Sag mal, Ken..." Er ließ seinen Blick über den jungen Freund gleiten und runzelte die Stirn. "Wie lange willst du noch so stehen bleiben? Bis du Kopfschmerzen bekommst?" Er klopfte ihm auf die Schulter und stieß sich mit einem Ruck von der Wand ab. "Ich geh wieder runter. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, Aya allein im Laden zu lassen... ich befürchte, die Mädchen kaufen dann nichts mehr, sondern kleben wieder nur wie die Fliegen an der Glasscheibe und starren. Weiß der Teufel, warum..." Noch ein kurzer Wink, dann verschwand der Älteste von Weiß wieder die Treppe hinunter und ließ Ken allein vor der Badtür zurück.
Ken seufzte leise, stellte sich wieder gerade hin und lehnte nun mit einem Arm an der Tür, den anderen stemmte er gegen seine Hüfte. Vielleicht sollte er auch wieder runter gehen. Omi schien kein Interesse zu haben, mit ihm zu reden, und wenn er ehrlich war, konnte er es auch verstehen. Er überlegte, wie er sich in Omis Situation fühlen würde, und kam zu dem Entschluss, dass er es lieber nicht wissen wollte. Sich zu blamieren, war keine schöne Sache, und auch wenn Ken gewillt war, das Ganze zu vergessen, und er es an sich gar nicht so schlimm, sondern eher natürlich fand, wusste er, dass Omi noch eine Weile daran zu knabbern haben würde. Selbst zwischen Freunden konnte das peinlich sein. Ken schloss die Augen, spürte, wie sein Arm langsam taub wurde, und verlagerte sein Gewicht nun auf seine Schulter, indem er seine Haltung änderte. Immer noch überlegend, was er jetzt tun sollte, grübelte er still vor sich hin, als die Tür plötzlich mit einem Ruck aufgerissen wurde. Ken fiel mit der Tür ins Bad und suchte verzweifelt nach Halt. Als er Omi zu fassen bekam, hielt er sich an ihm fest, doch Omi war nicht stark genug, ihn zu halten, und schon gar nicht auf diese Überraschung vorbereitet gewesen, und so fielen sie beide zu Boden. Omi landete sehr unsanft auf seinem Allerwertesten, bis Ken folgte und ihn ganz zu Boden drückte. Ein leises, quietschendes Geräusch entfloh seiner Kehle, als Kens Arme, die sich beim Sturz um ihn schlangen, fest zudrückten und dem Jungen kaum noch Raum zum atmen ließen. Doch als sie dann beide auf dem Boden angekommen waren und ganz ruhig lagen, bemerkte Omi mit einer Mischung aus totaler Verwirrung und Entsetzen, dass etwas seinen Mund blockierte, als er nach Luft schnappen wollte. Etwas Warmes hatte sich darauf gelegt, und als er die Augen wieder öffnete, blickte er direkt in die dunklen Augen von Ken, die ihn wohl mit demselben Gefühl ansahen. Beide rührten sich nicht mehr, starrten sich nur noch an, trennten nicht einmal ihre Lippen voneinander. In Omi schrie etwas, diese Gelegenheit nicht an sich vorbeiziehen zu lassen, und obwohl er furchtbare Angst vor Kens Reaktion hatte, nahm er all seinen Mut zusammen, schlang seine Arme um Ken und drückte ihn fest an sich, küsste ihn immer und immer wieder auf die weichen warmen Lippen und schloss die Augen, aus Angst, etwas in Kens zu sehen, das ihm nicht gefallen könnte. Seine dünnen Finger flochten sich in Kens dunkles Haar, die eine Hand strich seinen Rücken entlang. Ken rührte sich immer noch nicht, doch Omi wollte nicht aufhören, wollte genießen, diesen Mann in seinen Armen halten zu können und zu wissen, dass er wach war und spürte. Rückgängig machen konnte er es so oder so nicht mehr, und völlig in diesem unerwarteten Glück versunken, schlang er seine Beine um Kens Hüften, um ihn festzuhalten, zu verdeutlichen, ihn nie wieder loslassen zu wollen, als er mit seiner Zunge sanft über Kens Lippen fuhr. Und plötzlich erwiderte Ken den Kuss mit einer Leidenschaft, die Omi erschreckte. Plötzlich war nicht mehr Omi derjenige, der hielt, sondern der, der gehalten wurde. Kens Umarmung festigte sich wieder, und ein leises Seufzen drang aus seinem Mund, als er mit seiner Zunge nach Omis leckte und die neue, süße Wärme erkundete, die der Jüngere ihm auftat. In Omis Kopf begann es zu rotieren. War das jetzt echt, oder nur ein verrückter Traum, der wieder feucht enden würde? Omi steigerte sich in eine rauschähnliche Situation, legte all die durch Ken offen gelassenen Bedürfnisse in diese Umarmung, diesen Kuss, der erwidert und nicht verstoßen wurde. Sein Körper entzog sich seiner Kontrolle, und es war ihm egal, so lange er Ken spürte, sein leises Japsen mit seinem Atem einfing und ihn schmeckte. Solange war alles egal, auch die Tatsache, dass die Tür sperrangelweit offen stand und jederzeit jemand vorbeikommen könnte. Ken schien einen ähnlichen Gedanken zu haben, denn er schob sich samt Omi etwas zur Seite und angelte mit dem Fuß nach der Tür, um sie zuerst langsam zuzuschieben und sie dann mit einem Tritt einrasten zu lassen.
Omis Atem wurde schneller, als er Kens Hand unter seinem Shirt fühlte, die sich langsam nach oben schob, so, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Als Ken dann mit den Fingerspitzen nach seinen Brustwarzen tastete, hätte Omi fast aufgeschrieen, doch stattdessen biss er zu und - zu seinem sofortigen Bedauern - ziemlich fest und in Kens Unterlippe. Erschrocken ließ er wieder los und starrte Ken an, der sich langsam wieder in eine sitzende Position brachte und das Blut von seiner Lippe leckte.
"Tut... tut mir leid", flüsterte Omi leise und schob sein Shirt wieder nach unten, während er sich ebenfalls aufrichtete und nun auf dem Boden kniete. Ken seufzte leise auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, starrte an Omi vorbei. "Ken?" Omi rückte ein Stück näher an seinen Freund heran, als der den Blick plötzlich erwiderte. "Mir auch." "Was, dir auch?" Omi stockte und hielt die Luft an. Hatte Angst, was jetzt kommen könnte, und wünschte sich an einen Ort, wo er es nicht hören musste. Oder besser: wünschte sich, dass Ken es nicht sagen würde, aber er tat es doch: "Das eben, das... das tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Vielleicht... na ja, ich hab mich wohl von dir anstecken lassen." Ken lächelte entschuldigend und machte mit seinen Händen eine reichlich hilflose Geste durch die Luft, ehe er sie wieder auf seine Knie fallen ließ und noch ein Stück mehr ins sich zusammensackte. "Das hätte nicht passieren dürfen." "Ach nein?" Omi sprang auf und stellte sich Ken gegenüber. In seinen Augen glitzerten die ersten verzweifelten Tränen, und es dauerte nicht lange, bis sie die ersten dünnen Bahnen über seine Wangen zogen. "Jetzt sagst du, es tut dir leid, aber eben, da hast du noch genossen, da wolltest du noch!" "Ich weiß, und das tut mir ja leid, ich wusste nicht, was ich tat, ich... Omi..." "Soll ich dir mal was sagen? Mir tut es nicht leid! Ich wollte es, und du kannst dem auch nicht ganz abgeneigt sein, sonst hättest du nicht erwidert, sondern dem Ganzen eher ein Ende gesetzt! Kannst du dir vorstellen, wie ich mich jetzt fühle?" "Was soll ich denn noch sagen?" Ken stand nun ebenfalls auf, packte Omi an den Schultern und drückte ihn gegen die Wand. "Was willst du?" "Dich", schluchzte Omi und starrte zu Boden. "Ich will dich, schon die ganze Zeit, schon die ganzen letzten Wochen. Ich kann doch auch nichts dafür, wenn ich mich verliebe, oder? Kann man so was abstellen? Wenn ja, dann sag mir bitte wie, ich weiß es nicht!" Das Schwanken seiner Stimme wurde stärker, und sein Körper erbebte unter einem erneuten Schluchzen. Das Einzige, was ihn jetzt noch hielt, waren Kens Hände, die ihn weiter gegen die Wand pressten. "Ich auch nicht, Omi, ich weiß nur, dass es nicht geht", flüsterte Ken schließlich. "Das, was wir sind, was wir tun, lässt so etwas nicht zu. Im Vordergrund steht immer der Erfolg der Mission, keine persönlichen Gefühle." "Was soll das für ein Leben sein, in dem man nicht lieben darf?" "Niemand sagt, dass wir nicht dürfen. Nur... ich will nicht, ich fürchte mich davor, Omi. Wir erleben genug Schmerz, muss man es dann noch auf die Spitze treiben?" Auf Kens Gesicht machte sich ein schiefes Lächeln breit, als er Omi ein paar Strähnen von der Stirn wischte. "Wir sollten das Ganze einfach vergessen, in Ordnung?" Er wartete vergebens auf eine Antwort, denn Omi stieß Ken nur von sich und verließ das Bad. Ken blieb allein zurück, und man konnte ihm deutlich im Gesicht ablesen, dass er nicht wusste, was er tun sollte.
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"Nicht drängeln, nicht drängeln, ihr kommt alle dran, und die, die nichts kaufen wollen machen bitte Platz für die anderen!" Yohji kämpfte sich durch die Menge zur Kasse, und schubste Aya den Mädchen entgegen. "Schaff du auch mal was, solange die anderen beiden da oben was-weiß-ich-was treiben. Ich habe keine Lust, alles allein zu machen!" "Was machst du denn, außer dich anhimmeln lassen und immer wieder beteuern, dass du mit Frauen unter 18 nichts anfangen kannst?!" Aya war schlecht gelaunt, und das zeigte er auch. Das Gezerre und Gezupfe war an diesem Tag besonders schlimm, und ging ihm furchtbar auf die Nerven, und jetzt beschwerte sich Yohji auch noch, er hätte zuviel zu tun? Was sollte er denn da sagen? Immer darauf bedacht, junge Mädchen und keine Gangster um sich zu haben, unterdrückte er den Drang einmal auszuholen und sich den Weg frei zuschlagen, festigte dafür umso mehr seinen Griff um die kleine, grüne Gießkanne. Augen zu und durch, mehr konnte er jetzt nicht tun, und so schlängelte er sich geschickt durch die grinsenden, kichernden Mädchen in die hintere Ecke des Ladens. Dort, wo er wieder genügend Platz zum Durchatmen hatte. "Aya, was machst du denn hier hinten? Du sollst mir doch helfen!" Yohji stand plötzlich hinter dem rothaarigen Assassin und tippte ihm wütend auf die Schulter. "Falls es dir entgangen sein sollte: Wir haben Kundschaft!" Aya wirbelte herum und packte Yohji am Kragen. Seine Augen schienen Funken zu sprühen, und wenn Blicke töten könnten, wäre Yohji jetzt wohl am Ende seines aufregenden Lebens gewesen. Doch keiner der beiden kam dazu, weiterzureden, denn die Nachrichten, die gerade über den Bildschirm flimmerten, zogen jegliche Aufmerksamkeit auf sich.
"Der seit vier Wochen vermisste Sugrido Kajatsu wurde heute morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der 17jährige war das dritte Entführungsopfer, und ist der erste Tote in diesem Fall. Noch immer gibt es keine weiteren Spuren um den Verbleib der anderen Entführten. Die Polizei hofft, dass die Obduktion des Toten Licht ins Dunkel bringt..."
"Siehst du das, was ich sehe?" Yohji sah von Aya auf das aufflimmernde Bild auf dem Bildschirm und wieder zurück. "Montauk." "Der Junge war einer der Neun, oder?" Aya nickte nur und ließ Yohji langsam wieder los. "Wir sollten uns langsam an die Arbeit machen." Er erwiderte Yohjis Blick für einen kurzen Augenblick und begann dann, die murrenden und meckernden Mädchen aus dem Laden raus ins Freie zu befördern. "Wir müssen leider schließen, kommt morgen wieder." Er schloss die Tür und hing das 'Closed' Schild nach draußen, bevor er sich seines Kittels entledigte und Yohji nach oben folgte.
* * * * * * * * * *
Nichts. Omi lehnte sich in seinem Stuhl zurück und rieb sich müde die Augen. Sein Blick fiel auf seine kleine Armbanduhr und zeigte ihm, dass die Nacht in wenigen Stunden vorbei sein würde. Wie schnell doch die Zeit verrinnen konnte, wenn man sie wirklich brauchte. Stundenlanges Recherchieren im Internet und einhacken in diverse Firmensysteme hatten nichts außer Kopfschmerzen und Schlafentzug gebracht. Laut Omis errungenen Kenntnissen dürfte es diese Festung gar nicht geben. Sie war nirgends verzeichnet, nicht einmal in den neusten Luftaufnahmen war etwas von ihr zu sehen, und die lagen erst zwei Wochen zurück. "Das darf doch alles nicht war sein." Er schloss die Augen und ließ die Arme herunter hängen. Wenn sie nichts über diese Festung und Montauk wussten, würde das eine reichlich komplizierte und gefährliche Mission werden. Nicht, dass es die erste dieser Art wäre, doch Omi mochte den Gedanken nicht, nichts über den Feind zu wissen und auf eventuelle Überraschungen vorbereitet zu sein. Und wie er seine Freunde kannte, würden sie seine Meinung nicht ihm teilen. Sie kamen wohl nicht drum herum, sich nach dieser Festung umzusehen und selbst ein Bild davon zu machen. Eine Erkundungstour also, bevor es richtig losgehen konnte. Das würde Zeit kosten, und nach dem es den ersten Toten gegeben hatte, war Zeit genau das, was sie nicht hatten.
Mit einem leisen Seufzen schaltete er den Computer aus und streckte sich. Er sollte die kurze Zeit, die ihm noch blieb, nutzen, um sich etwas auszuruhen. Der Morgen kam früh genug und die Fragen der Kollegen ebenfalls. Und Ken. Omis Magen schnürte sich bei dem Gedanken zusammen und setzte einen stechenden Schmerz frei. Wohl besser nicht an Ken, und das, was zwischen ihnen vorgefallen war, denken. Den restlichen Tag waren sie sich aus dem Weg gegangen, und selbst beim gemeinsamen Abendbrot hatte Omi sich nach nur wenigen Minuten zur Arbeit verzogen, weil er das eisige Verhalten nicht mehr ertrug. Außerdem wollte er Yohji keinen Grund geben, sich an seine Fersen zu heften und nach dem Grund der Funkstille zu fragen. Bisher schien er es noch nicht wirklich realisiert zu haben, und das war vielleicht auch besser so. Omi war nicht nach reden. Er war noch nie gut darin gewesen, persönliche Gefühle in Worte zu fassen und hatte mit seinem Ausbruch gegenüber Ken eine heftige Bauchlandung hingelegt. Das war erst mal genug, und warum sollte er sich noch jemandem anvertrauen, wenn doch eh alles klar zu sein schien? Ken erwiderte seine Gefühle nicht. Punkt. Daran war nicht zu rütteln, und Omi wollte es auch nicht versuchen. Zu groß war die Angst auf weitere Hiebe auf sein Herz. Das hatte Weißgott schon genug durchgemacht. Er rappelte sich auf und verließ mit schleppenden Schritten den Keller. Wieder seine Augen reibend, trat er in sein Zimmer und zog sich sein Shirt über den Kopf. Noch während er an den Knöpfen seiner Hose fummelte, schlüpfte er aus seinen Schuhen und schlich zum Bett. Erst, als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte er, dass er nicht allein in seinem Zimmer war.
"Hey, Omi." Omi schreckte zusammen und lief den Weg wieder zurück zum Lichtschalter. Er hatte die Stimme auch zuvor schon erkannt, wollte sich aber ein Bild von dem ungebetenen Besuch machen und sich vergewissern, sich die unerwartete Begrüßung nicht eingebildet zu haben. "Ken?" Ken saß auf Omis Bett und hatte die Ellebogen auf seine Beine gestützt. Dunkle, wirre Strähnen hingen ihm ins Gesicht, und er sah reichlich verschlafen aus. Mit einer müden Handbewegung winkte er Omi kurz zu und klopfte neben sich auf die weiche Matratze. "Komm her." Omi stand immer noch starr mit der einen Hand am Lichtschalter, während er mit der anderen seine Hose oben hielt. Er hatte mit so einigem... nein, das stimmte nicht. Eigentlich hatte er an diesem Tag mit gar nichts mehr gerechnet. Umso größer war seine Überraschung, Ken noch wach aufzufinden, und das auch noch in seinem Zimmer. "Was ist los?" fragte Omi vorsichtig und knöpfte sich seine Hose wieder zu, während er mit den Füßen nach seinem Shirt angelte. "Warum ziehst du dich wieder an? Ist es dir so unangenehm, dass ich dich nackt sehen könnte?" Ken stand langsam auf und wirkte reichlich wackelig auf den Beinen. Omi stutzte. Was war bloß mit Ken los? Als der Ältere einige Schritte auf Omi zu trat und klar wurde, dass er sich nur schwer auf den Beinen halten konnte, überbrückte Omi etwas widerwillig und scheu die restliche Distanz und stützte ihn. Ken roch nach Alkohol. Omi rümpfte die Nase und schob Ken zu seinem Bett zurück, um ihn darauf zurück federn zu lassen. "Du hast getrunken", stellte er keuchend fest und schob Kens Arm von seinen Schultern. "Ja, das hab ich wohl." Der Dunkelhaarige fuhr sich durch dass matt glänzende Gesicht und sah Omi aus glasigen Augen an. "Was machst du bloß mit mir, Omi? Warum habe ich das dringende Bedürfnis, wieder gut zu machen, was heute passiert ist? Warum schmerzt mich der Gedanke so, dich zurückgewiesen zu haben?" Er griff nah Omis Arm und zog ihn näher zu sich heran. Omi wollte sich befreien, stockte jedoch, als Ken die Lippen auf seine presste und ihn umarmte. Für einen Moment wagte er nicht, sich zu bewegen, bis er Kens Zunge spürte, die forsch versuchte, sich einen Weg in seinen Mund zu bahnen. Der junge Assassin wich zurück und stemmte die Arme gegen Kens Brust. "Lass das, was tust du?" "Was ich tue?" Ken wirkte überrascht, als er erneut nach Omi griff und der seine Hand wegschlug. "Wie meinst du das? Ist es nicht das, was du wolltest? Wie war das? 'Ich will dich, schon die ganze Zeit, schon die ganzen letzten Wochen.' Hast du das nicht gesagt? Hast du mich nicht geküsst? An dich gedrückt?" Ken beugte sich nach vorne und drückte Omi in eine liegende Position. Der Jüngere wehrte sich immer noch, versuchte sich unter Ken wegzurollen, doch der schien gar nicht daran zu denken, Omi gewähren zu lassen. "Du wolltest mich, Omi. Und jetzt bin ich es, der dich will! Hör auf, dich zu wehren." Er küsste ihn wieder hart auf den Mund, griff nach seinen Händen und drückte sie oberhalb seines Kopfes auf die Matratze. Omi versuchte zu widersprechen, brachte jedoch kein Wort heraus. Er begann sich unter Ken hin und her zu winden, begann zu treten, ohne Erfolg. Ken war nicht zur Vernunft zu bringen. Seine Hand rutschte zwischen Omis Beine, rieb sich hart daran. Sein Kuss wurde fester, brutal drang seine Zunge in Omis Mund, seine Hand zog sich zusammen, bis Omi aufschrie. Doch das laute Geräusch wurde von Kens Lippen gedämpft und war nur als ein schmerzhaftes Stöhnen zu hören. Erst, als Ken den Kuss beendete, war Omi wieder in der Lage, etwas zu sagen. "Du tust mir weh, Ken! Lass mich los!" "Du weißt auch nicht, was du willst, oder? Erst redest du mir ein schlechtes Gewissen ein, und dann zierst du dich plötzlich?" Ken rutschte etwas nach unten und biss in Omis Brustwarze. "Wir sollten dort weitermachen, wo wir im Bad aufgehört haben, findest du nicht?" keuchte er heiser und tastete nach dem Bund von Omis Hose, zerrte daran, bis sich der erste Knopf öffnete und er seine Hand hineinschieben konnte. "Ken!" Mit einem Schluchzen nahm Omi seine restlichen Kraftreserven zusammen, schaffte es, eine Hand aus Kens Griff zu lösen und schlug zu. Der Ältere fuhr nach oben und taumelte etwas zurück. Tastete irritiert über seine blutende Lippe und sah Omi mit einer Mischung aus Überraschung und Wut an. Omi wagte es nicht, sich zu bewegen, sondern lag nur schwer atmend da und sah Ken aus angstvoll geweiteten Augen an, als der aufstand und aus dem Raum stürmte. Gerade als er die Tür aufriss, kam ihm Yohji entgegen.
"Omi, ich hab dich schreien... Ken?" Ken erwiderte nichts, funkelte Yohji nur aus schmalen Augen an und verschwand im Flur. Der Älteste sah ihm noch kurz hinterher, ehe sein Blick wieder auf Omi fiel, der immer noch vollkommen verstört auf seinem Bett lag und ihn aus wässrigen Augen anblickte. "Omi?" Yohji setzte sich zu ihm ans Bett und strich ihm besorgt eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht. "Omi, alles in Ordnung?" Omi schüttelte nur langsam mit dem Kopf und begann dann, leise zu schluchzen. Beschützend zog Yohji ihn an sich und umarmte ihn. "Nicht weinen, Kleiner. Es ist alles gut." Doch genau das war es nicht, und Omi begann bitterlich zu weinen und sich schutzsuchend fester an Yohji zu schmiegen. Omi immer wieder sanft über das dunkelblonde Haar streichelnd stellte der das Reden ein und ließ ihn gewähren. Er spürte, dass es jetzt das Einzige war, dass er für seinen Freund tun konnte. Und so stellte er die Fragen zurück, die ihm auf der Zunge lagen.
* * * * * * * * * *
Ken konnte nicht schlafen. Nach Omis Schlag war er wieder völlig nüchtern, vielleicht noch immer nicht ganz klar im Kopf, aber genug, um zu realisieren, was er da eben getan hatte. Er schlug seinen Kopf gegen das Fenster und biss die Zähne zusammen. Wie konnte er nur? Wie konnte er Omi nur so etwas antun? Ken ließ den Kopf sinken und tastete vorsichtig nach seiner Lippe, kratzte das getrocknete Blut von seiner Haut. Er könnte sich selbst ohrfeigen, doch das würde nicht viel bringen. Nicht genug, dass er Omi am Morgen offensichtlich das Herz gebrochen hatte, nein, jetzt musste sein junger Freund auch noch sein eigenes emotionales Durcheinander, gepaart mit eindeutig zuviel Alkohol ausbaden. Ken seufzte auf und schlug seinen Kopf noch mal gegen das kalte Glas. Was sollte er jetzt tun? Er war noch nie in einer derartigen Situation gewesen, konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals dermaßen daneben benommen zu haben. Und zum ganzen Überfluss auch noch dieser Gefühlskrieg, der in ihm tobte und völlig durcheinander brachte. Was würde er dafür geben, das Ganze ungeschehen zu machen? Ken stand auf, und trat neben sein Bett, hob die noch halb gefüllte Wodka-Flasche vom Boden auf und betrachtete die klare Flüssigkeit, die darin herumschwappte. "Teufelszeug." Wütend holte er aus und schmiss die Flasche gegen das Fenster. Sah zu, wie sie an dem dickeren Glas zerschellte und der Alkohol nach allen Seiten spritze. Ein langer Riss zeichnete sich auf dem Fenster ab, als Scherben und Flüssigkeit auf dem Teppich zum liegen kamen. Langsam bückte er sich nach einer nassen Scherbe und balancierte sie in der Hand. Er hatte Omi weh getan. Hatte ihn an seinem empfindlichsten Punkt erwischt, es voll ausgenutzt. Ken schloss seine Hand und drückte zu. Eine kleine Träne rann über seine blasse Wange, die einzige Emotion, die man ihm ansehen konnte. Sonst rührte er sich nicht, bis er die Hand wieder öffnete und die Scherbe aus der tiefen Wunde zog. Nichts, was er jetzt tun würde, konnte Omi helfen. Es war wohl das beste, ihn einfach in Ruhe zu lassen. Aber konnte Ken das? Das Blut, das aus der Wunde rann, tropfte seine Hand hinab zu Boden. Mischte sich dort mit den dunklen Tropfen des Alkohols und breitete sich langsam aus. Immer noch unschlüssig, was er tun sollte, setzte Ken sich auf sein Bett und öffnete das Nachtischschränkchen, kramte eine Weile darin herum, bis er ein kleines Taschentuch fand, das er sich um die Hand schnürte und verknotete. Zweimal musste er es wieder öffnen, weil er es zu eng gezogen hatte und seine gesamte Hand unter dem Druck zu schmerzen begann. Es dauerte nicht lang, da war das kleine, weiße Tuch durchgeblutet, und das Blut tropfte weiter auf den hellen Boden. Doch es störte Ken nicht, er nahm es nicht einmal mehr richtig war. Er saß auf seinem Bett und starrte seine Hand an, dachte aber an etwas ganz anderes.
"Ich will dich, schon die ganze Zeit, schon die ganzen letzten Wochen. Ich kann doch auch nichts dafür, wenn ich mich verliebe, oder? Kann man so was abstellen? Wenn ja, dann sag mir bitte wie, ich weiß es nicht."
Er wusste es auch nicht. Aber auch er wünschte sich, Gefühle einfach abstellen zu können, wenn es nötig war. Das war doch ihr Job. Persönliche Gefühle unbeachtet lassen. Sie lebten doch nur für Weiß. Für das, was sie waren. Dafür, die zu bestrafen, die durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen konnten. Das war doch ihre Aufgabe. Und das bedeutete, gewisse Opfer zu akzeptieren, sich selbst, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen... oder? "Was habe ich getan?" Erneut rann eine Träne über seine Wange, verfolgte die Spur derer, die schon längst wieder getrocknet war. "Was habe ich bloß getan?" "Das wüsste ich auch gern!" Ken sah auf und erblickte Yohji, der lässig im Türrahmen lehnte und sich eine Zigarette anzündete. "Er hat geweint, Ken." Er verteilte den blauen Dunst am Eingang und zog erneut. "Er hat geweint, dass ihm das Herz blutete, und dann ist er eingeschlafen. Weil er zu erschöpft war, um weiter zu weinen." Mit geschlossenen Augen trat Yohji ein und stellte sich Ken gegenüber; als er ihn ansah, brachte sein Blick Ken nur Verachtung entgegen. "Ich weiß nicht, was du getan hast, aber du hast ihn zum Weinen gebracht." Er beugte sich zu Ken hinunter und legte eine Hand auf seine Schulter. "Du hast ihm unnötig weh getan und weißt selbst nicht warum. Und was tust du? Sitzt in deinem Zimmer und verletzt dich selbst?" Yohji schüttelte langsam mit dem Kopf. "Das ist traurig, Ken. Sehr traurig. Dich betrinken und deine Freunde verletzten... wie tief bist du nur gesunken?" Er öffnete Kens verletzte Hand und hielt seine Zigarette darüber. Ken starrte ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an. Er hätte nicht erwartet, dass Yohji so mit ihm reden würde, hatte das Gefühl, einen völlig Fremden vor sich stehen zu haben. "Du bedeutest Omi sehr viel. Ich habe bis eben nicht bemerkt wie viel, und du anscheinend auch nicht, aber keiner von uns konnte ihn mehr verletzten, als du es getan hast." Er ließ die halb abgebrannte Zigarette in Kens Hand fallen. "Hör mir gut zu, Ken, denn ich sage es nur einmal..." Yohji drückte Kens Hand zu und lauschte dem leisen Zischen der erlöschenden Glut. "Wenn du ihm noch einmal weh tust, werde ich dir das nie verzeihen!" Damit ließ er los und verließ das dunkle Zimmer wieder.
Ken blieb allein zurück, die Hand immer noch geschlossen, und er drückte sie noch fester zu. Roch den kalten Rauch, vermischt mit dem Geruch seines Blutes. Erst nach einigen Minuten stand er auf und trat hinaus auf den Flur, ließ die kleine Kippe fallen und trat an Omis Zimmer heran. Fast geräuschlos drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür. Dämmriges Licht, aus einer Wohnung auf der gegenüberliegenden Straßenseite, schien ins Zimmer und erhellte Kens Blick. Omi lag fest in seine Decke gewickelt, zusammengekrümmt in seinem Bett. Hatte bewusst, oder vielleicht unbewusst im Schlaf, eine sich selbst schützende Haltung eingenommen. Ken trat langsam an das Bett heran und kniete auf den Boden. Betrachtete das blasse, erschöpft wirkende Gesicht. Auf den Wangen glänzten immer noch Tränen, unter seinen Augen hatten sich dunkle Schatten gelegt. Es wirkte fast gespenstisch, und das war es für Ken auch. Der Gedanke daran, verantwortlich für diesen Zustand zu sein, schmerzte höllisch. Vorsichtig strich er Omi eine Strähne aus dem Gesicht und klemmte sie hinter sein Ohr, zog seine Hand sofort wieder zurück, als Omi leise aufseufzte. Ken wartete eine Weile, dann beugte er sich weiter vor und hauchte Omi einen Kuss auf die heißen Lippen. "Es tut mir so leid", flüsterte er kaum hörbar und ließ seine Fingerspitzen über Omis nasse Wangen streichen. "Ich verspreche dir was, Omi. In Ordnung?" Er zeichnete die feinen Linien von Omis Lippen nach und befeuchtete sie mit der salzigen Flüssigkeit, die noch an seinen Fingern haftete. "Niemals mehr werde ich etwas tun, dass dich verletzt, eher sterbe ich... Es tut mir so leid..." Ken schloss die Augen und schluckte die Tränen herunter, die sein verwirrter Geist ihm aufdrängte. Noch einmal küsste er Omi vorsichtig, dann stand er auf und ging wieder zur Tür. Noch ein Blick, dann schloss er sie leise und kehrte in sein eigenes Zimmer zurück. Yohji, der in der hintersten Ecke des Flures stand, ignorierte er.
* * * * * * * * * *
"Omi, bist du soweit?" "Ich kann meine Armbrust nicht finden!" Omi linste um die Ecke und sah Aya hilfesuchend an. "Sie ist weg." "Sie kann nicht weg sein. So eine Armbrust verschwindet nicht einfach!" Aya fasste sich an die Stirn und unterdrückte jeden weiteren Kommentar, der ihm gerade noch so durch den Kopf rauschte. "Wo hast du sie das letzte Mal gesehen?" fragte er leise und biss die Zähne zusammen. Seit einer Stunde mussten sie nun schon auf den jungen Assassin warten, weil dieser einfach nicht in Gänge kommen wollte. Aya war schon klar, dass in der letzten Nacht etwas vorgefallen war. Der Trouble in Omis Zimmer war nicht zu überhören gewesen, und sein Geheule danach ebenfalls nicht. Doch der Rothaarige hielt sich aus solchen Sachen gern raus, er hatte weitaus Besseres zu tun. Zum Beispiel schlafen. Das schien Omi nicht oder kaum getan zu haben. Seine Augen waren blutunterlaufen, und die sonst so runden Wangen wirkten eingefallen. Ein Grund, Omi die erste halbe Stunde in seinem schleppenden Tempo gewähren zu lassen, aber irgendwann war einfach genug der Trödelei. Sie hatten immerhin eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, und die duldete keinen weiteren Aufschub. "In meinem Zimmer... glaube ich...", meinte Omi schließlich kleinlaut und verschwand wieder im selben. "Ah, das Haus verliert nichts, die wird schon irgendwo sein." Yohji klopfte Aya beruhigend auf die Schulter. Der funkelte ihn nur kurz von der Seite an und wendete sich dann der Treppe zu. "Ich warte unten", murmelte er gereizt und verschwand.
"Aber wenn ich sie doch nicht finde." Omi setzte sich auf sein Bett und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Chaos pur war das einzige, was er sehen konnte. Jegliche Gegenstände hatte er herum gerückt, umgedreht und irgendwo wieder abgestellt. Doch von seiner Armbrust keine Spur. Irgendwie schien alles schief zu gehen. Das Pech verfolgte ihn geradezu in einer erschreckend eindringlichen Weise. "Nicht verzweifeln, Kleiner. Ich schau mal in der Küche und dem Geräteraum nach. Die taucht schon wieder auf." Yohji zwinkerte ihm aufmunternd zu und machte sich auf den Weg.
Omi blieb somit allein zurück und holte sich noch einmal in den Sinn, dass er jetzt lieber schlafen würde, als auf diese Erkundungstour zu gehen. Andererseits war die Mission eine gute Möglichkeit, sich auf andere Gedanken zu bringen. Das war Voraussetzung für einen Erfolg, er durfte nicht an sich denken. Auch wenn er sich dieses Recht insgeheim zugestand. Zögernd stand er auf und begann wohl schon zum hundersten Mal, seinen Schrank auszuräumen, als jemand gegen die offene Tür klopfte. "Yohji-kun, hast du sie gefunden?" Omi sah zum Eingang seines Zimmers und zuckte sofort erschrocken zusammen. "Ich hab sie." Ken hielt die gesuchte Armbrust hoch und trat ins Zimmer. Omi presste sich sofort instinktiv gegen die halb aufgeschobene Tür seines Schrankes und begann schneller zu atmen. "Keine Angst." Ken lächelte traurig und legte die Waffe langsam auf das zerwühlte Bettlacken. "Sie lag unten ihm Keller. Seit wann schleppst du dein Zeug dahin?" Er drehte sich wieder um und sah Omi fragend an. Als von dem keine Antwort kam, redete er langsam weiter. "Omi, das letzte Nacht... ich...ich weiß, es..." "Ich will es nicht hören." Omis Augen schmälerten sich, bevor sein Blick gen Boden ging. "Lass mich bitte allein." "Okay." Ken nickte und zeigte noch mal kurz auf die Armbrust. "Kommst du dann gleich?" "Ja, verdammt!" Omi hielt sich erschrocken den Mund zu und schloss die Augen. Seine Lautstärke und Aggressivität erschrak selbst ihn, und auch Ken war kurz zusammen gezuckt. "Ent... geh jetzt bitte." Ken nickte. Am Türrahmen drehte er sich noch einmal kurz um, sah Omi jedoch nicht mehr an. Er traute sich nicht, keine Ahnung wieso, aber er wollte Omis Augen nicht sehen, wenn er das sagte. "Es tut mir leid", flüsterte er und verließ das Zimmer.
Erst als der Ältere wieder weder in Reich- noch Hörweite war, atmete Omi leise auf und rieb sich über die geröteten Augen. Das war alles viel zu verwirrend, um es wirklich verstehen zu können. Und vielleicht wollte Omi das auch gar nicht. Wollte gar nicht dahinter gekommen, warum Ken das letzte Nacht getan hatte und es ihm jetzt so leid tat. Omi hätte ihm nie solch ein Verhalten zugetraut, nicht einmal betrunken. Er konnte nicht behaupten wütend auf Ken zu sein. Er hasste ihn auch nicht. Er war nur enttäuscht. Und das war, obwohl es sich so harmlos anhörte, wohl noch um einiges schlimmer. "Sorry, ich konnte sie nicht... ah, da ist sie ja!" Yohji trat ins Zimmer und hob die Armbrust von der Matratze. "Wo war sie?" "Im Keller." Omi nahm Yohji langsam die Waffe aus der Hand, und strich über den feinen Bogen, ehe er die Armbrust an seiner kurzen Hose befestigte und sich umdrehte. "Omi, alles in Ordnung?" Yohji folgte ihm und legte seine Hand auf Omis Schulter. Dieser zuckte unter der unerwarteten Berührungen leicht zusammen und fuhr herum. Sah den Älteren kurz erschrocken an, ehe er sich wieder fing und still nickte. "Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen, bevor Aya noch zusammenbricht." Er versuchte zu lächeln, verzog aber nur unnatürlich das Gesicht und wendete sich schnell wieder von seinem Freund ab. "Oh, ich war eben noch mal kurz unten, der beschneidet seinen Bonsai, keine Sorge, da ist er beschäftigt." "Wir haben unten einen Bonsai?" fragte Omi überrascht und sah zu Yohji auf, der ihn die Tür hinaus schob. "Das war ein Scherz, Omi. Egal was passiert, verliere niemals deinen Humor, dass ist das schlimmste, das du machen kannst!" Er lächelte und zog hinter ihnen die Tür zu.
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"Ob sie schon was gefunden haben?" Omi zog die Beine an seine Brust und betrachtete Yohji von der Seite. Nachdem sie in dem Wald, am Rande von Tokyo angekommen waren, hatten sich die Wege von Weiß getrennt. Ken und Aya sahen sich im Norden um, während Omi und Yohji weiter den Süden erkundeten. Omi war froh über diese Einteilung gewesen. Er vertraute Yohji, und er wusste, dass er mit ihm reden konnte, wenn es darauf ankam. Die lange Zeit mit ihm und nicht zuletzt die vergangene Nacht hatten ihm gezeigt, dass er auf seinen älteren Freund bauen konnte, wenn er ihn wirklich brauchte. Mit Aya war das anders. Omi hatte keine Angst vor ihm, aber Respekt. Außerdem spürte er in Ayas Gegenwart nur diese Kälte, die ihm in stillen Momenten jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagte. Und Ken... mit Ken hätte er auf keinen Fall fahren können. Nicht, weil er glaubte, dass der Assassin wieder auf ihn losgehen würde, sondern eher, weil er nicht wusste, wie er sich allein mit Ken verhalten sollte. Der Schreck saß noch zu tief, um einfach darüber hinweg zu sehen, und dort weiterzumachen, bevor der ganze Trouble angefangen hatte. Er liebte ihn, noch immer. Und vielleicht war genau das, was ihn am meisten irritierte. Jemanden zu lieben, dessen Vertrauen fragwürdig geworden war. Ob es wohl jemals wieder so sein könnte, wie früher? Wohl kaum. Vielleicht annäherungsweise, irgendwann mal... aber das wäre nicht dasselbe... "Das werden wir am Treffpunkt erfahren." Yohji sah auf seine Uhr und drückte aufs Gaspedal. "Noch zwei Stunden, dann müssen wir wieder zurück. Und von dieser Festung keine Spur... kaum zu fassen, dass so ein riesiges Ding einfach von den Bäumen geschluckt werden kann. Habe ich schon erwähnt, dass ich Wälder nicht mag, wenn ich etwas darin suchen muss? Wie die Nadel im Heuhaufen..." Omi lächelte. Nur ganz leicht, aber er tat es. Yohjis Gegenwart tat ihm gut. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Schloss die Augen und atmete tief durch. Er sollte versuchen, alle Gedanken an Ken zu verdrängen und sich auf die Mission zu konzentrieren. Fehler dürfte er sich im Ernstfall nicht leisten, und er war der letzte, der seine Freunde und sich in unnötige Gefahr bringen wollte. "Warum tut er das?" "Hm? Wer?" Yohji sah überrascht zu Omi und zog die Augenbrauen zusammen. "Montauk." Omi seufzte leise und streckte die Beine von sich. "Warum gibt es solche Menschen wie ihn? Die anderen weh tun. Warum muss die Welt so sein?" "Tja, das ist eine gute Frage." Yohji lehnte sich ebenfalls etwas zurück. "Weißt du Omi, wir denken immer, es müsste einen großen Knall geben, damit sich in der Welt was ändert. Aber es ist so einfach. Wenn es in unserer Welt bloß ein wenig mehr gutes Essen, fröhliche Lieder und innige Freundschaft gäbe, dann wäre sie sofort ein schönerer Ort." Er lächelte und steckte sich eine Zigarette an. "Wir sind ein Teil dieser schöneren Welt. Wir versuchen sie etwas besser zu machen, und weißt du wie?" Er sah wieder zu dem Jüngeren und wartete auf eine Reaktion. Als Omi nur leicht mit den Schultern zuckte, fuhr er fort. "Weil wir Freunde sind. Wir halten zusammen. Ein kleiner Haufen bunt gemischter Kerle, die andere schützen, in dem sie sich selbst in Gefahr begeben. Jeder von uns würde sein Leben für den anderen geben, und jeder würde sich für das Ziel der Mission opfern, nämlich dem, die Welt etwas besser zu machen." Omi sah mit großen Augen zu seinem Freund auf und versuchte, seine Worte zu verstehen. Sicher, es lag ein Fünkchen Wahrheit in ihnen, doch ob es wirklich so war? Sie vernichteten das Böse, okay, das machte die Welt vielleicht etwas besser. Aber niemals würden sie es schaffen, alles zu vernichten, was eine Bedrohung darstellte. Immer tauchten neue Probleme auf, denen sie sich als Ersatz für den Rest der Menschheit stellen mussten. Und nie wurde es ihnen gedankt, weil keiner wusste, dass sie existierten. Omi hatte sich auch nie große Gedanken darüber gemacht. Er tat das hier, seit er denken konnte, soweit sein klares Gedächtnis reichte. Von den schummrigen Bildern seiner Zeit vor Weiß mal abgesehen. Und er tat es irgendwie gern, weil er auch nicht wusste, was er sonst tun sollte. Und bei genauerem Betrachten ging es wohl nicht nur ihm so... Weiß war ihr Leben, ihre Aufgabe. Und sie nahmen dafür in Kauf, ein anderes Leben zu führen. Voller Gefahr und Schmerz. Weil sie es als einen Sinn akzeptiert hatten. Den weiteren Sinn ihres Lebens, weil alles, was es davor ausmachte, nicht mehr da war... "Irgendwie traurig." "Was ist?" Yohji nahm sich seine Zigarette aus dem Mund und sah Omi über den Rand seiner Sonnenbrille fragend an, als Omi plötzlich aufsprang und fast auf seinem Sitz stand. "Yohji, da!" Yohji folgte seinem Blick durch den breiten Waldweg. Die Blätterkronen wurden dünner und über ihren Köpfen ragten kleine, spitze Türme in den Himmel. "Die Festung!" "Fahr schneller!" Omi klammerte sich an der Windschutzscheibe fest und starrte dem riesigen Gebäude entgegen, dass, je weiter sie darauf zukamen, immer größer wurde und fast überdimensionale Formen annahm. "Warum haben wir das nicht schon früher gesehen?" Er hielt sich eine Hand an die Stirn, um besser sehen zu können, und scharrte aufgeregt mit den Füßen. "Schneller, Yohji-kun!" "Was glaubst du, was ich hier mache?" raunte Yohji Omi zu und konzentrierte sich darauf, den Wagen auf dem Weg zu halten. "Es grenzt so oder so an einem Wunder, dass du noch da oben stehst und noch nicht weggefegt worden bist! Setz dich wieder hin, wir sind ja gleich da!" Omi reagierte nicht auf die Aufforderung, sondern sprang mit einem Satz aus dem Auto, als Yohji dieses quietschend auf dem harten Boden zum Stehen gebracht hatte. Sie waren nun nur noch wenige hundert Meter von der Festung entfernt und würden nun sicherheitshalber zu Fuß weiter gehen.
Wie schnell man doch Probleme vergessen konnte, wenn man wieder ein richtiges Ziel wortwörtlich vor Augen hatte. Alle Sorgen mit Ken waren plötzlich dahin, als Omi aufgeregt vor Yohji durch das Dickicht des Waldes lief und in alle Richtungen spähte, um unangenehme Überraschung kommen zu sehen. "Persia sagte doch, dass sie nicht bewacht wird." Yohji zündete sich eine Zigarette an und fasste sich an die Stirn. Dieser Junge würde ihn mit seiner Sprunghaftigkeit in gewissen Situationen noch ins Grab bringen. Nur mit einiger Mühe gelang es ihm, mit Omi Schritt zu halten und nicht vollkommen den Anschluss zu verlieren. "Du siehst deinen Schatz schon noch früh genug! Vergiss nicht, dass wir nicht dort reingehen. Wir sehen uns nur mal um!" Omi drehte sich mit einem Funkeln in den Augen zu Yohji um und blieb abrupt stehen. "Was soll das, Yohji? Er ist nicht mein Schatz! Woher hast du diese Idee eigentlich?" Er stemmte die Arme in die Hüften und wollte einen respektseinflößenden Eindruck machen, doch wie zu erwarten war, ließ es den Älteren kalt. "Ich bin doch nicht blind, Omi. Und blöd schon gar nicht! Ich kann eins und eins zusammen zählen, das ist alles." Er blieb ebenfalls stehen und legte einen Arm um Omis Schultern, beugte sich zu ihm hinunter und hauchte ein "Hijiri' in das Ohr des Jüngeren. Sofort schubste Omi ihn weg und wendete sein Gesicht von ihm ab. Yohji wusste auch so, dass Omi rot geworden war, und er führte es auf diesen Musikschüler zurück. Omi selbst wusste nicht so recht warum...
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"Eh, Aya. Wir müssen bald zurück, ich glaube hier finden wir nichts." Ken drehte sich zu dem Freund um und wartete auf eine Reaktion. Vergebens... war ja klar. "Ayaaa!" Ken tippte ihm auf die Schulter und wedelte dann mit der Hand vor seinem Gesicht herum, bis Aya sie knurrend zur Seite schlug. Ken grinste. "Oh, du bist noch da. Gut zu wissen!" Aya sah ihn aus schmalen Augen an und wendete sich dann noch fast im selben Augenblick wieder dem Waldweg zu. "Ich frage mich, wie du so gut gelaunt sein kannst, nach dem was gestern passiert ist." Ken riss erschrocken die Augen auf und starrte Aya mit offenem Mund an. Dieser stoppte den Wagen mit einem Ruck, so dass Ken beinahe mit dem Kopf sehr unsanft auf dem Armaturenbrett gelandet wäre, schnallte sich ab, und griff nach Ken. Noch ehe der sich versah, hing er in Ayas Armen und spürte dessen Lippen fest auf seinen. Völlig verwirrt brachte er es nicht fertig, sich zu bewegen, als Aya wieder von ihm abließ und mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete. "Ich frage mich, was er an dir findet." Ken starrte immer noch völlig perplex, als Aya den Wagen wieder startete und wendete. Erde wirbelte auf, als sie mit hohem Tempo wieder in die Richtung fuhren, aus der sie gekommen waren. "Was..." Ken strich sich verwirrt ein paar Strähnen aus dem Gesicht und setzte noch mal, diesmal energischer an. "Was soll das heißen?!" "An dir ist absolut nichts, was begehrenswert wäre. Entweder ist Omi blind oder tatsächlich hoffnungslos verknallt", antwortete Aya kühl und legte den nächsten Gang ein. Ken sagte nichts mehr. Er wendete sich nur ab, sah wie gebannt auf die Straße und dachte nach. Soweit sich auch nur ein klarer Gedanke sich in seinem Kopf formen konnte...
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"Ne, tatsächlich nichts." Omi lief noch ein Stück weiter und kehrte dann zu Yohji zurück, der einige Meter weiter stehen geblieben war. "Keine Fenster oder Türen, zumindest nicht auf dieser Seite." Yohji seufzte leise auf und warf seine Zigarette auf den Boden. Drückte sie lässig mit seinem Fuß aus. "Wenn es anders wäre, hätte Persia uns das gesagt, Omi-kun. Wir sollten dieses Tor suchen, vielleicht finden wir dort was."
Omi nickte und so machten sie sich zusammen auf den Weg. Sie mussten einmal fast um den ganzen Komplex laufen, ehe sie das Gesuchte fanden. Ein großes schwarzes Tor. Mindestens drei Meter breit und ebenso hoch. Omi schaute nach oben, betrachtete den steinernen Engel, der wirkte, als wolle er sich hinter seinen großen Flügeln verstecken. Irgendwie gefiel Omi dieses Statue, obgleich sie auch traurig und deprimierend wirkte. Vorsichtig trat er näher an das Tor heran und tastete es ab. Als er begann, fester zu drücken, öffnete es sich, erstaunlich leicht für diese Größe, und legte den Blick in einen endlos scheinenden Gang frei. "Yohji." Omi drehte sich zu dem Freund um und zeigte in das Innere der Festung. "Es ist offen. Sollen wir rein gehen?" Yohji stellte sich hinter Omi und sah ebenfalls hinein. Der Gang war mit einem roten Teppich und schwarzen Wandbehängen ausgestattet. Kleine Fackeln erhellten den Weg mit einem schummrigen Licht, doch ein Ende war nicht in Sicht. "Nein, wir fahren zurück und sagen den anderen Bescheid. Heute abend kommen wir wieder." "Warum so spät?" Omi machte einen weiteren Schritt und stand halb in der Festung. "Vielleicht kommen wir heute abend nicht mehr so einfach rein, und was dann? Wir sollten nicht noch einen Toten riskieren, oder?" "Omi, unsere Aufgabe ist es, Montauk unschädlich zu machen. Danach steht die Rettung der Jungs an, wenn sie überhaupt noch leben. Wer weiß, was der Kerl dort drin mit ihnen macht. Vielleicht ist Montauk auch keine Person, sondern eine ganze Sekte, wer weiß." Yohji drehte sich wieder um und entfernte sich etwas von dem Eingang. "Komm, Kleiner. Sagen wir den anderen Bescheid." Keine Antwort. Yohji drehte sich wieder um, um nach Omi zu sehen. Doch der war plötzlich verschwunden. Sein Blick ging in alle Richtungen, doch von dem jungen Assassin keine Spur. "Omi?" Entsetzen machte sich in Yohji breit, als er sah, dass das Tor wieder geschlossen war. Sofort versuchte er, es wieder aufzuschieben, jedoch ohne Erfolg. "Omi!" Yohji warf sich mit aller Kraft gegen das schwere Eisen, was ihm einige Schmerzen in der Schulter einbrachte. "Verdammt!" Immer wieder versuchte er es, bis er schließlich schweren Herzens aufgab und zum Auto zurückrannte, um die anderen zu holen.
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"Yohji! Yohji-kun!" Omi hämmerte wie wild auf das Schwarz vor ihm ein und schrie so laut er konnte. "Yohji! Yohjiii!!!" Er wurde furchtbar kalt. Omi fror mit einem Mal am ganzen Körper. Seine Glieder zogen sie wie automatisch zusammen und machten ihm den Kampf mit dem Tor nicht gerade leichter. Seine Hände begannen zu schmerzen, doch er ignorierte es, schlug immer wieder zu. "Yohji, hol mich raus!" Doch nichts tat sich. Irgendwann ließ Omi die Arme sinken und lehnte mit der Seite an dem geschlossenen Eingang. Sein Atem war schwer und sein Hals kratzte. Nur eine Verschnaufpause, dann würde er es wieder versuchen. Zitternd ließ er seine Hände für eine Weile in den Ärmeln seines Kapuzen-Pullis verschwinden und schlang sie fest um sich. Wo kam plötzlich diese Kälte her? Er trat ein paar Schritte zurück und ließ sich in der kleinen Ecke von Wand und Tor zu Boden sinken, zog seine Beine mit unter seinen Pullover. Mit geschlossenen Augen und schwerem Atem versuchte er, wieder zu Kräften zu kommen, als er leise Schritte hörte, die sich von weit her aus dem Gang näherten. "Yohji?" Omi sah sich um, konnte aber trotz des hellen Feuers der Fackeln nichts sehen. Mühevoll quälte er sich wieder in die Höhe und rutschte an dem kalten Eisen entlang in die Mitte, um wieder gegen das Tor zu drücken. Doch erneut ohne Erfolg. Die Schritte verstummten. Es wurde wieder still. Omi bekam Angst, alles wirkte so gespenstisch und gefährlich. Er verfluchte sich selbst dafür, hier reingegangen zu sein, aber wer hätte denn ahnen können, dass sich das Tor klammheimlich wieder schließen würde? Der junge Assassin trat einen Schritt in den Gang hinein und versuchte, das Ende ausfindig zu machen, doch er konnte es nicht sehen. Ein schmerzhafter Seufzer drang aus seiner trockenen Kehle, als er sich umdrehte und erneut nach Yohji rufen wollte, doch das Tor war plötzlich verschwunden. Der Gang erstreckte sich jetzt auf einmal auch in die andere Richtung und wirkte auch hier endlos. Omi japste erschrocken auf und liefe ein paar Schritte hin und her. "Was... Yohji!" Sein Schrei hallte, prallte an den Wänden ab und schien in doppelter Lautstärke wieder zurück zu kommen. Omi sah sich irritiert um, wusste nicht, was er machen sollte. Angst jagte durch seinen unterkühlten Körper, wollte seine Knie zum Nachgeben zwingen. "Nicht schreien." Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Mit einem Ruck wirbelte Omi herum und trat ein paar Schritte zurück. Mit offenem Mund und geweiteten Augen, starrte er die Person an, die plötzlich hinter ihm erschienen war. "Es bringt nichts, wenn du schreist, hier wird dich keiner hören."
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"Hijiri!" Omi trat erneut einen Schritt zurück. Wusste nicht, was er von der plötzlichen Erscheinung halten sollte, und ob er sie sich nicht vielleicht nur einbildete. Dem stillen Wunsch entsprungen, ein bekanntes Gesicht zu sehen, auch wenn er den jungen Musikschüler, mit diesen stechend grünen Augen, nicht wirklich kannte. "Ich habe auf dich gewartet, Omi-kun." Hijiri lächelte leicht und streckte seine Hand nach dem immer noch vor Kälte zitternden Omi aus. "Komm. Ich bringe dich in dein Zimmer, hab keine Angst, ich tu dir nichts." Doch Omi nahm die Hand nicht an. Behielt die Distanz bei und beäugte den ein Jahr Jüngeren misstrauisch. Dieser ganze Ort, diese Festung in der er sich befand, war ihm nicht geheuer, und wer wusste, wo Hijiri, ihn hinbringen würde. Aber was Omi noch viel mehr beschäftigte, war, wie er so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, ohne dass er ihn bemerkt hatte. Das war alles viel zu mystisch, um wahr zu sein. "Ich habe dich gehört", begann Omi leise und verschränkte seine Arme schützend vor seiner Brust. "Ich habe deine Schritte gehört, und dann sind sie verstummt... dieses plötzliche Auftauchen, wie... wie hast du das gemacht? Und wo ist das Tor hin? Was ist das hier eigentlich, ein einziges, riesiges Hologramm?" Hijiri lächelte immer noch und nahm auch nicht seine Hand runter. Er antwortete nicht, sondern sah Omi nur ruhig an und geduldete sich still. Omi wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er drehte sich zu der Stelle um, an der sich bis vor kurzem noch der Ausgang befunden hatte, und starrte in die Endlosigkeit des Ganges. Es wurde windig. Wo kam dieser Wind her? Dunkelblonde Haarsträhnen wehten Omi ins Gesicht, verdeckten teilweise seine Sicht. Hijiri ging es nicht anders, auch seine grünen Augen schienen von dunkelbraunen Strähnen durchteilt, die eben noch sein schmales Gesicht umrundet hatten. Es wurde kälter. Unglaublich, dass das noch möglich war. Wo kam das bloß her? Omi begann, stärker zu zittern, spürte, wie seine Glieder sich versteiften und seine Füße in den dünnen Turnschuhen taub wurden. Hijiri dagegen stand wie ein Fels, in derselben Position, und zeigte keinerlei Regung. Jetzt kam der Wind auch aus der anderen Richtung. Die Ströme brachen sich an Omis zierlicher Gestalt, das Rauschen in seinen Ohren wurde unerträglich, so dass er sich diese zuhielt und krampfhaft versuchte, stehen zu bleiben. Mit geschmälerten, brennenden Augen blinzelte er Hijiri an, sah seine Hand und griff nach ihr. Mit einem Mal verschwand der Wind, wurde der Gang mit einer angenehmen Temperatur geflutet. Das blasse Blau auf Omis Lippen verschwand, und auch sein Körper entspannte sich wieder, obwohl er immer noch auf der Hut war. "Du solltest Montauk nicht verärgern, es würde dir nur einen langsamen, bitteren Tod bringen. Versuche es, so oft du willst, die Schmerzen werden dich zum Aufgeben zwingen und wieder gefügig machen." Hijiri umschloss Omis Hand fest mit seiner und ging mit ihm den Gang entlang. Und Omi folgte, nicht willig, verwirrt, und zu keiner anderen Handlung fähig. Montauk sollte das eben veranstaltet haben? Wie? Ob Yohji recht gehabt hatte, und sich hinter diesem Namen keine Person, sondern etwas ganz anderes befand? "Das Tor." Omi schritt nun neben dem größeren Jungen und sah zu ihm auf. "Wo ist es hin?" "Dort, wo es eben auch noch war, als du reinkamst." "Was?" Omi drehte sich noch einmal um, doch noch immer war nichts von dem schwarzen Tor zu sehen. Es war immer noch verschwunden. "Wie kann das sein? Warum sehe ich es dann nicht?" Hijiri sah ihn nicht an, ging nur mit dem Blick vor sich gerichtet weiter, und antwortete noch immer mit derselben monotonen Stimme, mit der er schon die ganze Zeit gesprochen hatte. "Nur weil du es nicht sehen kannst, heißt das noch lange nicht, dass es nicht mehr da ist. Hier gibt es Dinge, die kann man nicht verstehen, versuche es auch nicht. Bewahre dir deinen Verstand und lasse ihn nicht von Trugbildern vergiften, sonst endest du wie Kajatsu. " "Kajatsu? Sugrido Kajatsu?" Hijiri nickte. "Er ist verrückt geworden. Montauk war zu stark." "Warum habt ihr ihm nicht geholfen?" Omi wollte stehen bleiben, stemmte die Beine gegen den roten Teppich, der den Boden bedeckte, doch Hijiri zog ihn unerbittlich weiter, zeigte eine Kraft, die Omi nicht von dem schmalen Körper erwartet hätte. "Weil es uns dann ebenso ergangen wäre. Der Überlebenswille ist oft mächtiger als der Mensch selbst. Wir haben keine Kontrolle darüber. Und Angst kann lähmen und somit hilfreich sein." "Was redest du für einen Unsinn?" Omi zerrte an seiner Hand, als Hijiri plötzlich stehen blieb und sich zu ihm umdrehte. Die Pupillen seiner Augen formten sich zu schmalen, vertikalen Schlitzen. Einer Katze gleich, oder eines Drachen... Sein Gesicht wirkte mit einem Mal noch blasser als zuvor, viel zu hell neben den dunklen Haaren. Hijiris Blick machte Omi Angst. War er doch so kalt und abweisend. Hijiri ließ Omis Hand los. "Wir sind da." Omi zuckte zusammen, starrte den Jungen mit großen Augen an. Diese Stimme... es war nicht Hijiris Stimme, solch eine Stimme konnte kein Mensch haben... so dunkel und kalt. Dämonisch und verachtend. Wieder wirbelte Wind um sie herum. Alles wurde von einem gleißenden, roten Licht geflutet, verschluckt. Eine rote Brühe, in der sich die beiden jetzt befanden. Und dann... war es wieder weg. Dieses Licht, und Hijiri auch. Omi fand sich allein in einem großen Zimmer wieder. Die Decke lag in weiter Ferne, das Bett, vor dem er stand, schien riesig. Omi drehte sich um, versuchte den jungen Musikschüler ausfindig zu machen, doch von dem fehlte jede Spur. Er war genauso plötzlich verschwunden wie das schwarze Tor, wie der Gang, in dem sie eben noch gelaufen waren. Alles verschwand und ließ nur diese ungeklärten Fragen in dem jungen Assassin zurück. Fragen, auf die er bisher von Hijiri nur rätselhafte Antworten bekommen hatte. In diesem Zimmer schien es nichts anderes zu geben als dieses große Bett. Das und lange Ketten, die am anderen Ende, an der Wand hingen. Der Stein, der ihn umgab, war auch hier von großen, schwarzen Tüchern umhüllt. Fackeln an den Wänden, die geschmeidig tanzten und leise knisterten. Omi blieb stehen, wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Ob er nur träumte? Aber wo hatte dieser Traum angefangen? Und wo würde er enden? Würde er das überhaupt? Omi schüttelte mit dem Kopf und klemmte sich die wirr liegenden Haarsträhnen hinter die Ohren. Seine Hand tastete nach seiner Armbrust. Sie war noch da, so, wie seine Pfeile und Spritzen. Er drehte sich um und betrachtete noch einmal das Bett. Die weiße Seide, bedeckt von roten Rosenblättern. Über dem Kopfende, auf einer Art Regal, saß ein kleiner Engel. Der gleiche, den Omi über dem Tor gesehen hatte, nur... ja, kleiner. Omi trat an das Bettende und betrachtete die graue, steinerne Gestalt. Und es traf ihn wie ein Blitz, als er diesmal das Gesicht des Engels erkennen konnte. Es war seins.
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Ken beäugte Aya von der Seite. Sie hatten während der Fahrt kein Wort mehr miteinander gesprochen. Ken hatte nicht gewusst, was er sagen sollte, und Aya wollte wohl nichts mehr sagen. Der dunkelhaarige Assassin seufzte leise auf und sah auf die Uhr. Yohji und Omi sollten jeden Moment eintreffen. Wenn sie ebenfalls nichts gefunden hatten, dann hatte Weiß ein Problem. Unbewusst begann er, mit den Füßen über die trockene Erde zu scharren, als er Yohjis Wagen entdeckte, der mit atemberaubender Geschwindigkeit auf sie zugerast kam. Ken wurde mulmig zumute, als Yohji nicht abbremste und die Distanz sich drastisch verringerte. Aya stand mit verschränkten Armen ruhig da und sah dem Freund entgegen. Keine Regung in seinem Gesicht. Ken wartete immer noch darauf, dass der andere Wagen langsamer wurde. Vergebens. Mit einer schnellen Bewegung, trat Ken einen weiten Schritt zurück und zuckte zusammen, als Yohji nur wenige Zentimeter vor seinen Füßen scharf abbremste, und mit einem Ruck zum stehen kam. "Mensch Yohji, du hast es aber verdammt eilig." Ken sah auf den Beifahrersitz, doch von Omi keine Spur. "Yohji, wo ist Omi?" Yohjis Atem ging schwer. Er keuchte, als er sich erschöpft zurücklehnte und sich die Stirn hielt. "Weg", erklärte er leise und schloss die Augen. "Weg?" platzte es aus Aya und Ken gleichzeitig raus und zwei Augenpaare starrten den Ältesten der Truppe ungläubig an. "Ich habe ihm gesagt, er soll nicht reingehen, aber er hat es trotzdem getan. Ich habe wirklich alles versucht, doch das Tor war nicht mehr aufzubekommen, ich konnte ihm nicht helfen, er ist jetzt ganz allein da drin." Yohjis Stimme schwankte Besorgnis erregend. Sein ganzer Körper schien nach jedem Wort ein Stückchen mehr in sich zusammen zu sacken. "Ihr habt die Festung gefunden", stellte Aya wieder nüchtern fest und stieg in seinen Wagen. "Wir fahren hin!" Ken stand immer noch steif da und starrte Yohji an. Erst als Aya den Wagen startete, reagierte er wieder und setzte sich diesmal zu Yohji ins Auto. Der fuhr los und hielt mit zitternden Händen das Lenkrad, so dass Ken Bedenken hatte, dass sie heil an dieser Festung ankommen würden. Doch Yohji war der einzige, der den Weg kannte, und so konzentrierte sich der Jüngere darauf, im Notfall rechtzeitig nach dem Lenkrad zu greifen. Bei Gott, er hatte Angst. So hatte er Yohji noch nie erlebt. Und er machte sich Sorgen um Omi. Er hätte ihn nicht allein lassen dürfen, doch wenn Yohji es nicht geschafft hatte, ihn zu beschützen, dann hätte es wohl auch kein anderer geschafft. Dennoch, er hätte ihn nicht allein lassen dürfen. Auch wenn er wusste, dass man ihm keine andere Wahl gelassen hatte. Und er verstand es ja auch. Seine Gedanken schweiften ab zu dem Jungen, der ebenfalls einer der Entführten gewesen war und erst tot wieder aufgetaucht war. Wer wusste schon, wann die nächsten folgen würden, und wer konnte sagen, dass Omi nicht dabei sein konnte? Omi ist stark. Er ist kein kleines Kind mehr, er ist nicht wie die anderen! Omi ist stark! Doch Ken wusste viel zu gut, dass Omi das nicht immer war...
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Omi taumelte einige Schritte zurück. Das bildete er sich doch nur ein oder? Doch egal, wie weit er sich entfernte, egal, wie lange er diesen Engel anstarrte, immer noch spiegelte sich sein Gesicht in dem kalten, leblosen Stein. Alles in Omi zog sich zusammen. Dieses Gebilde machte ihm Angst; wo es ihm zuvor noch hoch oben auf dem Tor gefallen hatte, fürchtete er sich jetzt davor. Es schien wie... sein Spiegelbild. In Stein gemeißelt, dazu auserkoren, ihn zu verirren und wieder in den Sinn zu holen, was Hijiri ihm gesagt hatte.
"Ich habe auf dich gewartet, Omi-kun."
Dann hatte er gewusst, dass er kommen würde? Hier her? Aber wie? Das war alles so gespenstisch und verwirrend, und Omi wünschte sich nichts sehnlicher, als dass jetzt jemand da wäre, der ihn beschützte, beruhigend die Arme um ihn legte, den Kloß in seinem Hals löste und die nagende Angst aus seinem Körper verbannte. Der jetzt für ihn da war, und ihn nicht weiter hier allein ließ. Allein mit sich, in doppelter Form sozusagen. "... Omi-kun? Wir sind doch hier." Omi wirbelte herum und starrte die drei Figuren an, die wie aus dem Nichts im Zimmer erschienen waren. Yohji, Aya, Ken. Sie standen dort, mitten im Raum und lächelten ihn an. Als wären sie schon die ganze Zeit hier gewesen und hätten nur darauf gewartet, dass Omi sie endlich entdecken würde. Er war also gar nicht allein, seine Freunde waren ja bei ihm. Auch, wenn Omi keine Schwäche zeigen wollte, so machte sich plötzlich eine verzweifelte Freude in ihm breit, als er mit Tränen in den Augen auf seine Freunde stürmte und Yohji umarmen wollte. Sie lächelten ihm so warm entgegen, sogar Aya. Omi schlang seine Arme um den Ältesten von Weiß und wollte sich an ihn drücken, sein ganzes Gewicht gegen den anderen Körper sinken lassen, doch er fand keinen Halt. Wie in Zeitlupe fiel er zu Boden und kam schwer auf dem roten Teppich zum liegen. Er brauchte einige Sekunden, um sich herumzurollen und zu seinen Freunden aufzusehen. Diese blickten traurig, schienen ebenso schockiert wie er, bis ihre Konturen verblassten und sie langsam verschwanden. "Nein." Omi stand wieder auf und versuchte nach ihnen zu greifen, doch seine Hand ging durch ihre blassen Erscheinungen hindurch. "Yohji-kun. Aya-kun. Ken-kun." Immer noch seine Hand von sich gestreckt, blickte Omi in Kens dunkle Augen, die ihn entschuldigend ansahen. "Es tut mir leid, Omi." In Omis Augen sammelten sich Tränen, als er versuchte, nach Ken zu greifen und ihn an sich zu ziehen. Und tatsächlich, er konnte ihn spüren, ihn fassen. Er klammerte sich an Ken und biss die Zähne zusammen. Drückte so fest zu, wie er konnte, um zu verhindern, dass auch Ken ihn plötzlich verlassen könnte. Sie waren nun ganz allein in diesem riesigen Zimmer. Aya und Yohji waren verschwunden, doch Ken war geblieben. Und Omi hielt ihn fest. Oder hielt er sich an ihm fest, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm, vor der Gefahr fliehend, allein in der Endlosigkeit dieser Festung zu versinken.
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"Wo sind sie hin?" Yohji starrte auf den Punkt, an dem er Omi und Ken zuletzt gesehen hatte, und blickte zu Aya, der den Griff um sein Katana beunruhigend stark gefestigt hatte und seinem Blick gefolgt war. "Das war nicht Omi." "Was soll das heißen, das war nicht Omi? Du hast ihn doch auch gesehen!" Aya riß sich von dem leeren Stückchen Erde, direkt vor dem schwarzen Tor los und funkelte Yohji mit seinen lilagrauen Augen an. "Seit wann kann Omi durch uns hindurch laufen und andere mit sich verschwinden lassen?" Darauf wusste auch Yohji keine Antwort. Als sie hier angekommen waren, hatten sie Omi vor dem Tor stehend gefunden. Sie hatten mit ihm geredet, doch der Jüngere hatte erst sehr spät reagiert und sie ungläubig angestarrt. Dann, als er auf sie zugerannt kam und Yohji umarmen wollte, war er einfach durch ihn hindurch gefallen. Es schien, als wäre Omi eine irreale Erscheinung gewesen. Körperlos. Dieses Ereignis hatte sie alle drei getroffen, und auch Omi hatte verwirrt zu ihnen aufgeblickt, als seine Gestalt langsam verblasst war und drohte, wieder zu verschwinden. Ken hatten Tränen in den Augen gestanden, das hatte Yohji aus den Augenwinkeln beobachten können, obwohl er nicht wirklich auf den Freund geachtet, sondern sich auf Omi konzentriert hatte. Ken hatte sich bei Omi entschuldigt, wegen was auch immer. Wegen dem, was zwischen ihnen passiert war, oder wegen der Tatsache, dass sie unfähig schienen, ihm zu helfen. Und dann hatte Omi sich an Ken geklammert. Und Ken war mit ihm verschwunden. Einfach so. Hatte Aya und Yohji allein vor der Festung zurückgelassen. Vor dem verschlossenen Tor, das sie trotz aller Kraft nicht aufbekommen hatten. "Mit dieser Hütte stimmt etwas ganz und gar nicht!" Yohji trat gegen das Tor und lehnte sich mit dem Rücken daran. "Was sollen wir jetzt machen? Ich komm mir langsam vor wie in einem dieser Horrorfilme. Überhaupt kommt mir das alles wie ein schlechter Film vor." Er strich sich über die matt glänzende Stirn und stieß seinen Ellebogen noch einmal hinter sich, gegen das kalte Eisen, doch er traf es nicht. Verwirrt drehte er sich um und starrte in den langen Gang. "Es ist offen." Aya zog die Augenbrauen zusammen und griff nach Yohjis Arm, als der in das Innere der Festung treten wollte. "Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist." "Warum nicht? Omi und Ken sind da drin, wir müssen ihnen helfen!" "Nicht so." Aya zog Yohji wieder zurück und drehte sich zu ihren Autos um. "Wir informieren erst Manx und Birman. Dann sehen wir weiter." In Yohjis Gesicht konnte man ihm deutlich ablesen, dass er von der Idee, nicht dort reinzugehen und statt dessen die anderen zu informieren, wenig begeistert war. Doch er wusste auch, dass Ayas Beschluss sehr vernünftig und richtig war. Also wendete er sich ebenfalls ab und folgte dem Freund. Ken würde schon auf Omi Acht geben, und wenn nicht, bekam er es mit ihm zu tun!
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"Omi?" Ken strich mit seiner Hand über das dunkelblonde, zerzauste Haar des Jüngeren, hatte seine andere Hand auf Omis Rücken gelegt. "Was ist passiert?" Omi sah langsam zu ihm auf. Immer noch vollkommen verwirrt. Er konnte immer noch nicht glauben, was er sah. Dass er Ken sah. Obwohl er doch noch wenige Sekunden zuvor, mit den anderen zu verschwinden drohte. "Ich weiß es nicht", flüsterte er und drückte sein Gesicht wieder gegen Kens Brust. Atmete tief den Duft von Baumwolle und warmer Haut ein. Auch Ken legte jetzt seine Arme um ihn und sah sich um. Sah die Wandbehänge, die Fackeln, die Ketten, das große, mit Seide bezogene Bett, das mit Rosenblüten bestreut war, und den kleinen Engel, der darüber wachte. "So sieht es also hier drin aus." Er ließ seinen Blick wieder auf Omi ruhen und konnte ein leises Schluchzen hören, das von dem Stoff seines Shirts verschluckt wurde. "Omi?" Er zog den Kleineren an den Schultern etwas zurück und blickte in zwei dunkelblaue, wässrige Augen. "Omi, was ist passiert?" Beruhigend streichelte er über seine Wangen und wischte die ersten Tränen weg, noch bevor sie die großen Augen wirklich verlassen hatten. Omi überlegte einen Moment, was er sagen sollte. Wirklich zugeben, wie sehr er sich hier fürchtete? Dass er furchtbare Angst hatte und sich verloren vorkam? Oder sollte er stark bleiben und seine Schwächen nicht weiter vor Ken offenbaren? Oder einfach nur bedingungslos ehrlich sein, in der Hoffnung, bei Ken Halt zu finden und wieder das Vertrauen in sich aufkeimen zu lassen, das er früher immer für den Älteren empfunden hatte? "Bitte lass mich nicht allein", flüsterte er schließlich und sah bittend zu Ken hoch, der sich die Handschuhe von seinen Händen streifte und auf den roten Teppich fallen ließ. Dann drückte Ken ihn wieder an sich und küsste ihn auf das zerzauste Haar. "Mach ich nicht", sagte er leise und legte seinen Kopf auf den von Omi. "Wir kommen hier schon wieder raus. Und zwar zusammen, hörst du? Wir haben schon so viel geschafft, dann sollte das hier kein Problem sein." Doch wenn Ken ehrlich war, war er sich, nach den seltsamen Dingen, die schon passiert waren, nicht mehr so sicher. Er wollte einfach nur versuchen, Omi zu beruhigen, auch wenn er wusste, dass dieser vielleicht noch jung, aber nicht dermaßen naiv war.
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"Omi." Der junge Assassin drehte sich um, starrte in das geschundene Gesicht von Aya, der, seinen Oberkörper auf das Katana stützend, auf dem Boden kniete und ihn aus blassen, glasigen Augen traurig anblickte. Blut rann aus seinem Mund. Sammelte sich an dem spitzen Kinn und tropfte auf seine Hände, die den schwarzen Griff des Schwertes fest umklammerten. "Aya!" Omi fiel neben dem Atemlosen auf die Knie und betrachtete das blutdurchtränkte Shirt, das an Ayas Körper klebte, es wie eine zweite Haut bedeckte. "Aya...", wiederholte er nun wesentlich leiser. Streckte seine Hand nach ihm aus, wagte es jedoch nicht, ihn zu berühren. Aya lächelte traurig, versuchte, wieder aufzustehen, doch sein Körper war nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Ein schmerzhaftes Stöhnen entkam seiner heiseren Kehle, Blut sprudelte aus seinem Mund, als er versuchte, etwas zu sagen, ob der roten Flüssigkeit jedoch scheiterte. "Aya-kun. Was ist passiert? Wo sind die anderen?" Aya schloß die Augen. Sein Körper drohte, jeden Moment in sich zusammenzusacken und das bisschen Leben, das er noch hortete, entfliehen zu lassen. "Yohji..." Der rothaarige Assassin begann zu husten. Sein ganzer Körper erbebte und nur keuchend konnte Aya ihn wieder unter Kontrolle bekommen. "Yohji stirbt." "Was?" Omi strich Aya die zwei langen Haarsträhnen zur Seite, die an seinen kalten Wangen klebten und schüttelte mit dem Kopf. "Was soll das heißen, er stirbt? Was ist denn passiert?" "Ken... er..." Aya lächelte entschuldigend und ließ sich in Omis Arme fallen. Wieder spuckte er Blut, beschmutzte Omis Pullover, doch der starrte den schwachen Körper in seinen Armen nur an und konnte nicht begreifen, was Aya gerade gesagt hatte. Yohji starb? Wie? Und wo? Und was hatte Ken damit zu tun? "Du musst... ihn töten." "Ihn töten?" Omi zog Aya nach oben, wollte sein Gesicht sehen, auch wenn es so erschreckend leblos und unwirklich wirkte. "Töte Ken!" Ayas Körper sackte in sich zusammen, hatte keinen Halt mehr. Omi konnte ihn nicht halten, ließ ihn so langsam wie möglich neben sich auf den Teppich gleiten. Der Teppich, so rot wie das Blut, das aus unzähligen Wunden an Ayas Körper floss. "Aya?" Omi flüsterte. Vorsichtig schubste er den leblosen Körper, doch er zeigte keine Reaktion mehr. "Aya-kun." Doch Omi stellte bald fest, dass Aya ihm nie wieder antworten würde. Er war tot. In seinen Armen gestorben, ohne dass Omi ihm hatte helfen können, ohne dass er es wirklich realisiert hatte. In seinen Augen sammelten sich Tränen, rannen seine blassen Wangen hinunter und tropften auf Ayas schwarzen Mantel. "Aya!" Omi wusste, es war sinnlos. Doch er konnte nicht anders. Er konnte es nicht akzeptieren. Er packte den Assassin an den Schultern, rollte ihn auf den Rücken und schüttelte ihn, immer und immer wieder. Aya hing wie eine leblose Puppe da, und das war er ja auch. Leblos. Tot. Nicht mehr zurückzuholen. Omi stand langsam auf und taumelte ein paar Schritte von Aya weg. Entfernte sich von ihm, als er über etwas stolperte und rückwärts zu Boden viel. Seine Füße waren gegen etwas gestoßen, das er nicht gesehen hatte und sein Herz verkrampfte sich, als er erkannte, was es gewesen war. "Yo... Yo"hji?" Yohji starrte ihn aus weit aufgerissenen, gebrochenen Augen an. Das Grün war blass, ohne jenes Funkeln, das es sonst immer besessen hatte. Die Wangen waren eingefallen, das Haar hing ihm wirr ins Gesicht. An seinem blutüberströmten Hals konnte Omi mehrere Schnittstellen sehen, die ihm die Kehle aufgeschlitzt hatten. Die ihn getötet hatten. "Nein, bitte..." Omi kroch nun rückwärts, stand langsam wieder auf und fiel sofort wieder zu Boden. Seine Knie krachten auf den roten Teppich, seine Hände folgten und stützten den restlichen Körper. Bewahrten ihm vor dem Fall. "Nein!" "Doch!" Jemand packte ihn von hinten an den Hüften, drückte seinen Po an sich. Omi wagte es nicht sich umzudrehen, hatte die Stimme erkannt, und sich wieder Ayas Worte in den Sinn geholt. Wie Aya von ihm gesprochen hatte... "Nein, das ist nicht wahr." Tränen liefen über seine Wangen. Das Schluchzen ließ seinen Körper erzittern, als Ken seine Hose öffnete und bis zu den Kniekehlen nach unten zog. "Doch, ist es. Eine Wahrheit, mit der ich leben kann." Omi schloss die Augen und krallte seine Hände in den roten Teppich. Doch er konnte sich nicht daran festhalten, so dass seine Hände sich zu Fäusten ballten und seine kurzen Fingernägel sich in seine Haut schnitten. Nicht willig, das unvermeidliche Wissen zu akzeptieren, schüttelte er nur immer wieder mit dem Kopf, als Ken brutal in ihn eindrang und nach vorne stieß. Omi verlor den Halt auf seinen Armen. Sein Oberkörper sackte zu Boden, sein Becken wurde von Ken oben gehalten. "Schrei soviel du willst. Hier wird dich keiner hören." Ken begann zu lachen. Ein unnatürlich kaltes, dämonisches Lachen, als seine Hände fest in Omis Hüften kniffen und er wieder zustieß. Doch Omi schrie nicht, er konnte nicht. Jeder Laut verirrte sich in seinem so verlorenen Körper und drang nicht nach draußen. Nur ein leises Wimmern war zu hören, als er die Arme über seinem Kopf verschränkte und sein Gesicht fest gegen den rauen Teppich presste. Mit jeder weiteren Bewegung von Ken, die Omi mit Schmerzen füllten, jagte das Gefühl durch seinen zitternden Körper, innerlich zu zerreisen. Omi wurde Zeuge, wie alles in ihm langsam starb. Und er schaffte es nicht, sich dagegen zu wehren. Er spürte nur noch Schmerz und Trauer. Und er hörte nur noch das dunkle Lachen hinter ihm, das von einem Mann kam, den er geliebt hatte. Der seine Freunde getötet hatte und ihn nun schändete. Und obwohl er es nicht glauben wollte, fraß sich das Wissen in sein Herz, das unter dem Druck langsam zerbrach.
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Einst berührt von einem Engel, geküsst von einem Traum, herabgestiegen in die Hölle und geschändet von einen Dämonen. Omi schreckte hoch und wirbelte noch in derselben Bewegung die Decke von sich, unter der er gelegen hatte. Sein Blick ging starr geradeaus, sein Körper schmerzte. Der erste Gedanke an einen Traum, den er sich anstatt der bitteren Realität wünschte, zerbrach, noch bevor er wirklich daran glauben konnte. Das Sitzen schmerzte, so dass er etwas zurücksackte und sich auf die Arme stützte. Auf seinem schwarzen Shirt klebte etwas, hatte sich etwas mit der Baumwolle vermischt und war getrocknet. Es roch nach Blut. Altem Blut. Ayas Blut? Auf seinen Wangen hafteten längst getrocknete Tränen, seine Augen brannten in dem dämmrigen Licht der Fackeln. Auf seinen Handflächen spürte er kleine Einschnitte. Er starrte weiter geradeaus. Das Ende des Zimmers lag im dunkeln, die Fackeln, die dort an den Wänden angebracht waren, brannten nicht mehr. Jemand musste sie ausgemacht haben. Warum? Omi krabbelte vom Bett und stand auf. Der Teppich war nach wie vor blutrot, und doch meinte Omi, dass manche Flecken von etwas Sterbendem gefärbt worden waren. Kein Traum... Aya und Yohji... Er ging weiter, betrachtete die Flecken eindringlicher. Aya und Yohji... hier hatten sie gekämpft, hier hatten sie gelegen, hier waren sie gestorben, hier hatten sie ihn verlassen. Omi roch Blut, Schweiß. Vermischt mit einer eisigen Kälte, die von seinem eigenen Körper auszugehen schien. Er lief weiter, an den erloschenen Fackeln vorbei, die sich daraufhin wieder entzündeten. Sein Blickfeld wurde erleuchtet, legte ihm wieder die eben noch verborgene Wand frei, an der die Ketten hingen. Doch nun waren diese nicht das Einzige an diesem scheinbar verbotenen Ende des Zimmers. Die eisigen, kalten Fesseln waren um die Handfesseln gelegt und verschlossen worden. Der Körper war nackt, ausgekühlt. Das schummrige Licht der Fackeln hatten ihn nicht geweckt, der Körper verweilte in einer ruhenden Phase, glänzte matt. Omi kannte diesen Körper, die braune Haut, die dunklen, kurzen Haare, diese Hände... Hass stieg in ihm auf, flutete durch seinen geschundenen Körper, belebte seine Seele, ließ seine blassen Augen wieder dunkelblau aufblitzen. Er hatte ihm alles genommen, dieser Mann, der jetzt schutzlos vor ihm saß und ihn noch nicht bemerkt hatte. Er hatte ihm seine Freunde genommen, seine Familie, seinen Halt, seine Zuflucht... seine Unschuld. Alles hatte er mit einem Lachen zerstört, sich an seinem Leid ergötzt und aufgegeilt. Dieser Mann... Ken... "Wach auf!" Omi trat nach ihm und sofort zuckte der Körper vor ihm zusammen. Zogen sich die Beine vor die blanke Brust, nahmen eine schützende Haltung ein. Doch sie würden ihn nicht schützen können. Nicht, wenn Omi zerstören wollte. Ken hob lahm den Kopf. Blickte Omi aus blutunterlaufenen Augen an. Teile seines Gesichts schimmerten bläulich und rot. Erst jetzt sah Omi, dass sein Körper bereits gefoltert worden war. Dünne Striemen zogen sich über die schwer atmende Brust. Eine kleine Blutlache hatte sich unter Ken ausgebreitet. "Omi..." Er keuchte, leise, schwer. Sein Blick war verwirrt, ängstlich, ungläubig. Omi starrte ihn mit zusammen gezogenen Augenbrauen an. Wer hatte ihm das angetan? Das getan, was seine Aufgabe war? "Warum, Omi?" Warum? Warum was? Warum er hier lag, warum man ihn so zugerichtet hatte? Woher sollte Omi das wissen? Ken war nicht in der Situation Fragen zu stellen, dieses Recht besaß nur Omi. Das Recht zu fragen: Warum? Warum hatte er Aya und Yohji getötet, warum hatte er ihn geschändet, warum hatte er Omi das alles angetan? "Warum, Omi?" Ken sah wimmernd zu ihm auf und zog die Beine fester an seinen schwachen Körper. "Warum tust du das?" Warum tat er was? Er hatte doch noch gar nicht angefangen, sich und seine Freunde zu rächen. Er hatte doch noch gar keine Vergeltung an Ken, dem Feind geübt, so wie dieser es verdient hatte. "Wir sind doch Freunde, Omi. Warum?!" Der Zorn, die Wut, der Hass, all das, was von Omis Körper Besitz ergriffen hatte, verdrängten jegliche Verwirrung über Kens Fragen, stachelten ihn nur noch mehr an, Ken weh zu tun. Ihn leiden zu lassen. Omi zog einen kleinen Pfeil aus seiner Tasche und beugte sich zu Ken hinunter. Lächelte ihn an und streichelte sanft über sein tränennasses Gesicht. "Du hast sie getötet." "Was?" Ken zuckte zurück, doch lehnte er schon an der Wand, die ihm als einziges noch Halt gab und keinen Raum mehr zur Flucht ließ. "Du hast dich an mir vergriffen." "Omi?!" Ken riss erschrocken die Augen auf und starrte Omi ungläubig an, als der die Spitze seines Pfeils langsam in die dunkle, weiche Haut bohrte und mit einem Ruck nach unten zog. Dunkles Blut quoll aus der langen, dünnen Wunde, lief Kens Oberkörper hinunter. Ken keuchte schmerzvoll auf und schloss die Augen. Tränen des Schmerzes rannen aus seinen Augen. Eine tropfte hinunter, versickerte in dem dünnen Blut und ließ die Stelle des kurzen Kontaktes durch den Salzgehalt brennen. "Du hast mir alles genommen, was mir geblieben war, du Bastard!" Omi holte aus und stieß seinen Pfeil mit voller Wucht in Kens Schulter, so dass dieser aufschrie und den Kopf gegen die Wand schlug. Omis Augen funkelten wild. Auf seiner Zunge schmeckte er die süße Rache, die ihn weiter vorantrieb und das Verlangen ausbreitete. Verlangen nach Leid, nach Blut, Vergeltung, an diesem Mann, der ihm jetzt ausgeliefert war und nicht entfliehen konnte. "Was haben sie mit dir gemacht?" Omi stockte kurz, dann riss er seinen Pfeil wieder aus der Wunde und ignorierte das Blut, das auf sein Shirt spritzte. "Wer?" fragte er kalt. "Ich weiß nicht wer, ich weiß nur, dass du nicht mehr du selbst bist." "Du hast mich nur noch nie so erlebt, weil es noch keiner wagte, mir mein Leben zu nehmen und ich die Möglichkeit nach einer Vergeltung hatte!" Wieder stieß er zu. Diesmal in die andere Schulter und Ken japste laut auf. Unterdrückte einen Schrei, schaffte es aber nicht, seine Tränen zu stoppen. "Ich habe doch gar nichts getan, Omi. Ich wollte dich doch nur schützen, und dann... warum, Omi?" Auch in Omis Augen sammelten sich jetzt Tränen, doch waren es Tränen des Zorns, der eines der dominirensten Gefühle in ihm geworden war. "Du hast sie getötet! Sie und alles, was mich ausgemacht hat. Du hast uns alle drei getötet, nur blieb ich zurück. Allein!" Er drehte den Pfeil in der kleinen Wunde, vergrößerte sie, hörte das leise Knirschen des Eisens, das gegen den Knochen schliff, hörte Kens schmerzerfüllten Schrei und trieb den Pfeil noch tiefer, so tief, bis er nur noch das Ende herausragte, dass von seiner Hand umklammert wurde. "Nein!" Ken schrie dieses Wort zusammen mit dem Schmerz. Seine Schulter zuckte, seine andere wurde von einer Blutschicht bedeckt und pochte ebenfalls wild. "Ich habe nichts getan, ich weiß nicht einmal, wovon du redest! Aya und Yohji sind nicht hier, und sie waren es auch nicht!" Omi zog seinen Pfeil wieder heraus und starrte Ken hasserfüllt an. "Du leugnest? Du leugnest, was ich gesehen und ertragen habe? Was du meinen Freunden und mir angetan hast?" Er stieß Kens Kopf fest gegen die harte Wand und ritzte mit der blutigen Spitze des Pfeils ein kleines Kreuz auf Kens Stirn. Sorgfältig und leicht. Die feinen Linien, die er zog, färbten sich rot. Doch wirklich bluten taten sie nicht. Ken wollte seinen Kopf zur Seite drehen, doch war er zu schwach und Omi in dieser Situation stärker als er. Omi ließ schließlich traurig lächelnd von ihm ab und betrachtete sein Werk. "Wir waren Weiß. Wir kämpften gegen das Gesetz. Für die Geliebte oder um uns zu rächen, für die Wahrheit oder um ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Als schwarze Henker bekämpften wir jene, denen es gelang, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen und in der Unterwelt unterzutauchen. Wir kämpften, um das Weiß zu verteidigen, das uns geblieben ist. Und du hast uns verraten!" Ken keuchte heftiger. Jedes Wort drohte in seinem schnellen Atem unterzugehen und ungehört zu bleiben. Wortfetzen drangen aus seiner trockenen Kehle, nicht zu verstehen, nur einige schafften den klaren Weg in Omis Gehör und somit in seinen Kopf. "Du... gefoltert... verraten..." Er schluckte schwer und erwiderte traurig Omis Blick. Zitterte unter der Kälte, die ihm entgegen flutete und von seinem Körper Besitz ergriff. "Warum hast du mir das angetan? Und warum machst du jetzt weiter?" Sein Körper sackte in sich zusammen, die Flammen der Fackeln tanzten wild und hüllten alles in ein gespenstiges, dämmriges Licht. Legten dunkle Schatten auf Kens Körper, ließen das helle Blut aufleuchten, das nun fast seinen gesamten Körper benetzte. "Warum erinnerst du dich nicht und redest von Dingen, die nie passiert sind?" Dann schlossen sich seine Augen. Er war bewusstlos. Doch er hatte Omis Blick noch sehen können, der sich schlagartig verändert hatte. Und auch die Person, die hinter ihm aufgetaucht war.
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