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UnschuldTeil 2, © by Natascha/Norynia ()
"Nein, der, der sich nicht erinnert bist du" oder?" Omi war sich plötzlich nicht mehr so sicher. Wusste nicht, was er jetzt denken sollte, was jetzt wahr war, und was nicht. Konnte Ken trotz der Schmerzen, die er empfunden haben musste, so gut schauspielern? Lügen und leugnen? Konnte Ken, sein Ken so etwas wirklich? Aber was war mit dem, was Omi erlebt, und gespürt hatte? Immer noch tief in seinem Innern spüren konnte? Was er gesehen hatte? Er wünschte sich ja, einfach nur schlecht und brutal geträumt zu haben, aber etwas in ihm redete ihm erfolgreich ins Gewissen, dass es für einen Traum zu real gewesen war. Etwas anderes aber sagte ihm, dass er mit seiner Rache auf dem falschen Weg war. Der kleine Pfeil schwankte in seiner Hand. Er hätte jetzt einfach ausholen und dem ganzen ein Ende bereiten können... oder auch nicht. Omi war verwirrt. Seine Zerstörungswut war abgeebbt, und kein Gefühl konnte ihm klar bestätigen, ob das jetzt gut oder schlecht war. Er konnte einen Blick auf sich spüren. Eine neue, fremde und abstoßende Präsenz, die sich herangeschlichen hatte. Könnte ein spöttisches, zufriedenes Lächeln spüren, das auf ihm ruhte und sich in seine zitternde Erscheinung fraß. Er drehte sich langsam um, sah nach oben, wollte der Person ins Gesicht sehen, die ihn so herablassend belächelte, doch da war niemand. Er war allein, allein mit Ken. Und auch der war nicht wirklich bei ihm. Durch Schmerzen und hohen Blutverlust abgedriftet und in einer dunklen, gefühlslosen Welt versunken. Omis Körper verspannte sich, sein Griff um den kleinen Pfeil wurde wieder fester. Wo war sein Hass geblieben? Warum tat es ihm plötzlich leid, was er getan hatte? Ken hatte es doch verdient, hatte ihm, Aya und Yohji doch viel Schlimmeres angetan!
"Ich habe nichts getan, ich weiß nicht einmal wovon du redest! Aya und Yohji sind nicht hier, und sie waren es auch nicht!"
Aber wen hatte Omi dann gesehen? Wen hatte er in seinen Armen gehalten und bis zu den letzten Atemzügen begleitet? Über wessen Leiche war er gestolpert? Um wen hatte er geweint? Und wer, außer Ken, sollte es dann gewesen sein, der ihn sich so brutal genommen hatte? Wer verdammt? Omi holte aus, ignorierte die Tränen, die sich in seinen Augen sammelten, er musste es beenden. Er war es ihnen schuldig, er musste einfach! Doch er konnte nicht mehr hinsehen. Omi schloss die Augen und wollte zustechen, als jemand nach seiner Hand griff und sie festhielt. Omi riss die Augen auf und blinzelte zur Seite. Hijiri sah ihn traurig aus seinen großen, smaragdgrünen Augen an. "Nicht." Sein Griff wurde fester, bis Omi den kleinen Pfeil losließ und er fast lautlos auf den roten Teppich fiel. "Tu es nicht, du wirst es bereuen." Hijiri flüsterte, als hätte er Angst, jemand könnte ihn hören, jemand, der das hier nicht hören sollte. Aber sie waren doch ganz allein in diesem riesigen Zimmer. Obwohl... war Omi das nicht eben noch mit Ken gewesen? Gab es noch mehr Menschen in dieser Festung, die auftauchen und verschwinden konnten, wie es ihnen gerade gefiel? "Bewahre dir deinen Verstand und lasse ihn nicht von Trugbildern vergiften, sonst endest du wie Kajatsu, oder wie ich..." Hijiri lächelte traurig, ließ seine Hand langsam wieder los. "Ich habe es dir gesagt, nicht war? Montauk ist stark. Er bricht den, den er brechen will. Ich dachte, du wärst stärker als wir, doch du bist es nicht." "Ich bin auch nur ein Mensch." Omi schluchzte laut auf und sah wieder zu dem geschunden Ken. Die Wunden hatten aufgehört zu bluten, doch das Blut war noch nicht getrocknet und glitzerte im Licht der Fackeln. "Was ist passiert?" Er sah hilfesuchend zu Hijiri, doch der schüttelte nur bedauernd mit dem Kopf. "Das kann ich dir nicht sagen, das hast nur du erlebt. Du musst wissen, was wahr ist und was nicht. Du kennst die Menschen, die du siehst. Nur du spürst, was sie tun. Denke nach Omi, denke gut nach und handle erst dann, sonst vernichtest du alle, die du liebst, und wirst es erst merken, wenn es zu spät ist." "Wie soll ich das machen?" Omi sackte noch mehr in sich zusammen und rutschte nach hinten, kam auf dem rauen Teppich zum Liegen und schloss erschöpft die Augen. "Woher soll ich wissen, was wahr ist, wenn mir alles so real erscheint?" "Höre auf dein Herz. Nicht auf die Stimmen in deinem Kopf, nicht auf die kalten Gefühle, die von deinem Körper Besitz ergreifen und dein Innerstes ausmerzen. Höre nur auf dein Herz. Ihn ihm steckt deine wahre Seele, die dich nur so lange schützen kann, wie du Halt hast." Hijiri strich Omi sanft über die nassen Wangen, zeichnete mit seinen Fingern die Lippen des jungen Assassin nach. "Schlaf jetzt. Versuche, deinem Verstand etwas Ruhe zu geben und dir dann noch einmal genau vor Augen zu führen, was passiert ist, und denke dann noch einmal darüber nach. Du kennst ihn, du kennst deine Freunde. Du weißt, zu was sie fähig sind. Nutze die Gelegenheit, die ich dir gebe, ich hatte sie nicht." Die sanften Liebkosungen endeten. Doch noch bevor Omi das wirklich erkennen konnte, driftete sein Verstand auch schon ab. Wurde alles so dunkel...
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"Tut mir leid, aber alle Informationen, die wir hatten, wurden bereits an euch weitergegeben. Die Kritiker haben diese Festung eine ganze Woche lang beobachtet, ohne einen Weg hinein zu finden. Wir wissen nicht mehr als ihr." Manx blickte traurig über den kleinen Bildschirm im Wagen und legte den Kopf schief. "Wo sind Bombay und Siberian?" "Drin", antwortete Aya knapp und lehnte sich in seinem Sitz zurück. "Und es ist schon fast unheimlich, wie sie dort reingekommen sind, vor allem Ken." "Inwiefern?" hakte Birman nach und trat neben Manx, so dass die beiden Assassinen sie sehen konnten. "Nun, bei Omi ist die Tür aufgegangen, und er lief hinein, danach war sie nicht mehr zu öffnen. Ich fuhr zurück und holte die anderen, als wir Omi vor dem Tor stehen sahen, doch er konnte uns nicht berühren, er ist einfach durch uns hindurch gelaufen", erklärte Yohji und wollte sich eine Zigarette anstecken, doch Ayas tödlicher Blick brachte ihn schnell von diesem Vorhaben ab. Er wollte jetzt nicht noch mehr Ärger, als sie ohnehin schon hatten. "Ein Hologramm?" fragte Manx stirnrunzelnd und sah die beiden fragend an. "Das Hologramm hat sich an Ken geklammert und ist mit ihm zusammen verschwunden. Ich glaube nicht, das es so einfach ist", brummte Aya und starrte kalt auf den kleinen Bildschirm. "Das Tor war eben wieder auf, aber wir wollten erst Bescheid sagen, falls es etwas länger dauert, wieder rauszukommen." Manx und Birman nickten. "Aber vergesst nicht", setzte Birman an, "Eure Mission ist es, Montauk unschädlich zu machen. Das hat höchste Priorität!" "Und was ist mir Omi und Ken?" Yohji wurde laut und verfluchte die Tatsache, dass Aya Rauchen in seinem geschlossenen Wagen nicht duldete. "Bombay und Siberian kommen schon klar. Vielleicht haben sie inzwischen herausgefunden, wer Montauk ist. Versucht, auf jeden Fall reinzukommen, wenn sich die Möglichkeit bietet!" "Alles klar." Yohji nickte, Aya schwieg auf seine ganz persönliche Art und Weise, die verdeutlichte, dass er nichts dagegen einzuwenden hatte. "Und passt auf euch auf", fügte Birman plötzlich noch hinzu und lächelte leicht. Das Grinsen auf Yohjis Gesicht wurde breiter. "Wir können ja mal zusammen ausgehen, wenn wir das hier hinter uns haben", schelmte er, als Aya den Bildschirm ausschaltete. "Das du einem auch immer alles verderben musst", brummte der Ältere und stieg wieder aus dem Wagen um sich eine Zigarette anzuzünden. Das schwarze Tor der Festung lag in einigen Metern Entfernung, und man konnte nicht erkennen, ob der geöffnete Spalt noch da war oder sich wieder auf sehr unpassende Weise verabschiedet hatte. "Hast du das auch gespürt?" fragte Yohji leise und ließ seinen Blick über die steinernen Gebilde gleiten, die an den Wänden hingen. "Was?" Aya folgte seinem Blick und lehnte mit dem Arm auf der Motorhaube. "Ich weiß nicht, es war als..." "Als wäre dein Herz für einen Moment stehen geblieben?" Yohji nickte Aya zu. "Du hast es also auch gespürt!" Aya tastete mit seinen Fingerspitzen nach seinem Katana. "Lass uns nachschauen, ob wir reinkommen", war das letzte, was er sagte, bevor er sich in Bewegung setzte.
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"Omi-kun?" Ein sanftes Rütteln, gefolgt von einem noch sanfteren Streicheln über seine Wangen weckte Omi aus seinem Schlaf. Noch leicht benommen öffnete er die Augen und sah, wie zwei dunkelgrüne ihn besorgt musterten. Ein trauriger Schimmer lag in ihnen, machte sie etwas blass, doch Omi erkannte diese Augen, wusste, wer sich über ihn beugte und sich sorgte. "Yohji?" Omi blinzelte ihn an und ließ seinen Blick müde über den Körper des Freundes wandern. "Du lebst ja, Yohji-kun." "Natürlich." Yohji lächelte und legte eine Hand auf Omis Wange, strich ihm mit der anderen eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. "Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf, Kleiner." Yohjis Lächeln gefiel Omi. Allein die Tatsache, dass Yohji überhaupt da war, gefiel ihm. Langsam rollte er sich zur Seite und vergrub sein Gesicht in dem dünnen Stoff, den Yohji trug, schlang seine Arme um den größeren, schmalen Körper. "Ich muss geträumt haben", sprach er mehr zu sich selbst als zu seinem Freund und zog sich fester an ihn. "Ich muss sehr schlecht geträumt haben." Yohji nickte nur und atmete tief den Duft von Omis Haar ein. "Du warst sehr unruhig im Schlaf. Du hast geschrieen. Aber jetzt bist du ja wieder wach." Er ließ seine Hand Omis Rücken heruntergleiten, bis sie am Bund seiner kurzen Hose angekommen war, und schob sie darunter, streichelte über die weiche Haut seiner Pobacken. "Yohji?" Omi wehrte sich nicht. Ihm gefielen diese sanften Berührungen. Er wollte einfach nur liegen bleiben und sich streicheln lassen. Nur in diesen starken Armen verweilen, die ihn hielten, und nie wieder loslassen sollten. Yohjis andere Hand wanderte ebenfalls weiter nach unten. Omi ließ sich leise murrend auf den Rücken zurück drängen, spürte aber schon bald als Entschädigung Yohjis warmen Atem, der über seine Gesichtszüge glitt und angenehm nach Kaugummi roch. Kirschkaugummi. Omi hatte es ihm mal geschenkt, weil Yohji soviel rauchte. Er atmete tief ein und ließ von Yohji seine Beine auseinander drängen, ließ seine Hand zwischen seine Beine gleiten und angenehme Gefühle heraufbeschwören. "Mein Kleiner, mein Omi-kun." Yohji flüsterte in Omis Mund, legte seine Lippen darauf und küsste ihn zärtlich. Strich mit seiner Zunge über die weiche Haut, und drang in den sich willig öffnenden Mund. Seine Hand begann in Omis Schritt auf und ab zu reiben. Entlockte Omi kleine Seufzer und seinem Körper eine unglaubliche Wärme. Omi legte den Kopf in den Nacken, suchte mit seinen Händen nach Yohji, drückte ihn fester an sich. Seine Wangen färbten sich rot, die Hitze flutete seinen Körper; es machte sich größeres Verlangen breit. Er hob sein Becken Yohjis Hand entgegen, begann sich rhythmisch zu bewegen. Er hatte es sich immer so gewünscht, dass ihn jemand so berührte, dass ihn jemand verwöhnte, ohne dass er nur davon träumen musste. Er stöhnte leise, biss sich auf die Unterlippe, als Yohji die empfindliche Haut an seinem Hals küsste und schneller rieb. Alles in seinem Kopf drehte sich, brachte ihm dieses wunderschöne, glückselige Gefühl, nach dem er sich immer gesehnt hatte, und das nach seinen eigenen Streicheleinheiten immer wieder so schnell abgeklungen war. Sein Griff um Yohji wurde fester. Er klammerte sich an ihm fest, wollte, dass er schneller machte, weiter machte. Yohji küsste ihn, löste die Starre von Omis glühenden Lippen. Omi wollte weinen und schreien gleichzeitig. Weinen vor Glück und Schreien aus lustvollem Schmerz, den seine Erregung ihm bescherte. Er stieß sein Becken gegen Yohjis Hand, stöhnte im Kuss und rang nach Luft. Alles gleichzeitig, im Schwindel der Gefühle, die Yohji in ihm auslöste. Mitten in seinen Bewegungen begann Omis Verstand plötzlich zu rotieren. War das hier wirklich das, was Omi sich immer gewünscht hatte? War da nicht noch was anderes gewesen? Omi wollte nicht darüber nachdenken, wollte einfach nur genießen, leckte nach Yohjis Zunge, stöhnte lauter und japste auf. Doch sein Gewissen ließ ihn nicht genießen. Irgendetwas stimmte nicht, aber was? Als sein Körper von dem heftigen Orgasmus geflutet wurde, schrie er auf, schrie er einen Namen, doch er realisierte erst, was er gesagt hatte, als Yohjis die Arme gegen die Matratze stemmte und Omi ernst musterte. "Was?" Omi schaute Yohji mit einem veträumten Blick an. Er verstand nicht, was er von ihm wollte. Warum er ihn so verletzt ansah. Yohji senkte seinen Blick, und rutschte zur Seite, entfernte sich von Omi und ließ diese Kälte zurück, die er soeben mit der Wärme seines Körpers noch erfolgreich verdrängt hatte. "Warum, Omi?" Warum was? Was wollte er? Omi war unfähig, sich zu bewegen. Er blieb einfach liegen und drehte den Kopf zu Yohji, der mit dem Rücken zu ihm, auf dem Bettrand saß. "Was soll ich noch tun, damit du ihn endlich vergisst? Wie soll ich dich von ihm wegholen, wenn du ihn immer noch in deinem Herzen wahrst? Wie, Omi?" Omi zuckte zusammen. Natürlich, er hatte nach Ken geschrieen. Nach ihm, als er in Yohjis Armen lag. Deswegen hatte Yohji so abrupt reagiert. Jetzt verstand er. Leise Verzweiflung machte sich in ihm breit. Was sollte er jetzt sagen? "Ich..." er stockte und suchte in dem Laken nach Halt, krallte sich daran fest. Sein Blick ging zur Decke. Sie war schwarz. Nachtschwarz. Aber es fehlten die Sterne, der Mond, den Omi so mochte. Sie war einfach nur schwarz und trostlos. Düster. "Ich... ich liebe..." Stimmte das denn überhaupt? Omi brach ab und überlegte. Liebte er Ken denn noch? Wenn Yohji hier war, und nicht tot, dann war Aya auch noch am Leben. Dann konnte Ken sie nicht getötet haben. Dann hatte Ken niemandem von ihnen etwas angetan, und es war alles nur ein böser Traum gewesen. "Ich liebe ihn." Jetzt war es raus, und Omi bedauerte nicht, das gesagt zu haben. Es fühlte sich richtig an, und plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl, wenn er daran dachte, was er und Yohji gerade getan hatten. "Wie kannst du ihn immer noch lieben? Warum hast du ihn nicht vergessen?" "Vergessen?" Wie sollte er den Mann, den er liebte, vergessen können? Das ging doch gar nicht. "Warum vergessen?" Er sah Yohji fragend an, der ihn müde und mit einem traurigen blitzen in den Augen anlächelte und sich zu ihm herüberbeugte. "Aber Omi-kun. Du hast ihn doch getötet, erinnerst du dich?"
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"Wow!" Yohji beugte sich nach vorne und fasste sich schweratmend ans Herz. Aya blieb ebenso plötzlich stehen und sah sich besorgt zu dem Freund um. "Was ist passiert?" Der Ältere richtete sich langsam wieder auf und verweilte mit seiner Hand auf der Brust. "Ich weiß es nicht", gab er ehrlich und getroffen zu und sah fragend zu Aya. "Wieder wie vorhin?" Yohji schüttelte verneinend mit dem Kopf und atmete tief durch. Das Gefühl hatte nachgelassen, ebbte aber nur langsam ab. "Nein, es tat nur weh... irgendwie..." Yohji schloss kurz die Augen und japste dann leise auf. "Schon wieder vorbei", stöhnte er leise und holte zu Aya auf. "Seltsam... was das wohl zu bedeuten hat?" "Du rauchst zuviel, das ist alles." Eine an den Haaren herbeigezogene Erklärung, das wusste auch der Rothaarige, doch er wollte sich nicht vorstellen, dass diese seltsamen Gefühle, die auch ihn einmal gefüllt hatten, mit dieser Festung, Montauk oder irgendwelchen Aktivitäten darin zu tun haben sollten. Er seufzte leise auf, so leise, dass selbst Yohji sich nicht sicher war, einen Funken der verzweifelten Erschöpfung in Aya aufflammen zu sehen, als er die restlichen Schritte, die sie noch von dem Tor trennten, hinter sich ließ und über das schwarze Metall strich. Einen Moment wartete er, bis er drückte und sich das Tor bedingungslos öffnen ließ. Vorsichtig trat er ein. "Dann wollen wir mal", flüsterte Yohji und sah sich noch einmal kurz um. Hoch zum Himmel, wo es langsam dämmerte.
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In Kens Kopf drehte sich alles, als er langsam wieder zu Bewusstsein kam. Alles schmerzte, jede Bewegung jagte eine Hitze durch seinen Körper, die ihn aufstöhnen ließ. An seinen Schläfen hämmerte es, und ein taubes Gefühl hatte sich in seinen Schultern breit gemacht. Er brauchte eine Weile, bis er wieder scharf sehen konnte. Omi sehen konnte, wie er vor ihm auf dem Rücken lag und weinte. "Omi?" Er erschrak über seine eigene Stimme. Sie war so rau... leise. Mehr das Krächzen eines alten Raben als die Stimme eines achtzehnjährigen Jungen. Er hievte sich mit zusammengebissenen Zähnen auf die Knie, zuckte jedoch sofort zurück, als Omi seinen Namen schrie. Was war denn bloß los mit ihm? Ken erinnerte sich wieder an das, was Omi ihm angetan hatte. Die Schmerzen, die er ihm zugefügt hatte, bis er ohnmächtig geworden war, und dann, als Omi ihn wieder forsch geweckt und weiter gemacht hatte. Soviel Hass in diesen Augen. Es hatte ihm Angst gemacht, Omi so zu sehen. Es war so fremd gewesen, so gespenstisch. Irgendetwas, oder irgendjemand... Ken wusste es nicht so genau, aber sie hatten etwas mit ihm gemacht. Mit dem kleinen Omi. Mit dem Jungen, für den er diese Gefühle empfand, die er nicht so recht einordnen konnte. Irgendetwas war passiert, aber was? Was schaffte es, diesen Jungen so brutal mutieren zu lassen? Sein Herz so kalt zu stellen? Und wie war er auf die Idee gekommen, Aya und Yohji wären durch seine Hand gestorben? Und was meinte er mit: ihn geschändet? So was würde Ken doch nie tun... oder? Kens Erinnerungen machten ihm einen Strich durch die schuldlosen Gedanken. Er erinnerte sich wieder an den Vorfall aus der vorigen Nacht, in Omis Zimmer, als er betrunken gewesen war. Wäre es dort soweit gekommen, wenn Omi sich nicht so energisch gewehrt hätte? Ken schloss die Augen und atmete tief durch. Er wusste es nicht, aber Fakt war, dass Omi sich gewehrt hatte. Also hatte er es nicht getan. Er würde es niemals tun, wenn Omi sich so wehren würde. Also hatte er es auch diesmal nicht getan, so wie Omi es ihm vorgeworfen hatte. "Omi?" Der Jüngere wälzte sich auf dem Boden hin und her. Legte sich schließlich auf die Seite, verschränkte die Arme vor dem Kopf und weinte laut. Ken lehnte sich nach vorne, soweit das die Ketten, die in der Wand verhakt waren, zuließen. Legte sich neben Omi und erreichte fast dieselbe Höhe zu dem schmalen Körper, der unter den Tränen erzitterte. "Omi-kun." Omi weinte nur noch lauter und drehte sich zur Seite, so dass Ken ihn ansehen konnte. Der Ältere wollten seinem jungen Freund beruhigend über das Gesicht streicheln, doch seine Ketten waren zu kurz und ließen solch eine Bewegung nicht zu. Er schaffte es nur, seinen Arm zu umfassen und ihn näher an sich zu ziehen. Omi wehrte sich nicht, doch er hörte auch nicht auf zu weinen. Er konnte Kens Hand nicht spüren, die beruhigend über seinen Arm streichelte, seine Wärme nicht fühlen, die versuchte, das Zittern seines Körpers ersterben zu lassen. Er konnte auch nicht die Worte hören, die er ihm zuflüsterte und die versuchten, ihn zu wecken. In seinem Geist, spielte sich etwas ganz anderes ab, etwas, das ihm nicht gefiel und ihn zur Verzweiflung brachte.
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"Das ist nicht wahr! Warum lügst du mich an, Yohji-kun?" "Das würde ich nie tun. Du kennst mich, Omi, ich würde dich nie belügen! Du erinnerst dich doch!" Omi schüttelte immer wieder mit dem Kopf, wollte nicht hören, was Yohji ihm sagte, wollte nicht akzeptieren, was seine Worte offenbarten. "Ich habe ihn nicht umgebracht!" schrie er unter Tränen, doch noch fast im selben Moment konnte er wieder den kleinen Pfeil spüren, der in seinen Händen gelegen hatte. "Es war ein Traum! Er hatte euch in diesem Traum getötet und mir weh getan. Dafür habe ich ihn verletzt. Es war doch nur ein Traum!" Yohji drückte ihn an sich und streichelte beruhigend über seinen Arm, flüsterte ihm leise Worte zu, die Omi nicht verstand, bis er wieder lauter wurde: "Du hast ihn getötet. Du hast ihm Verletzungen zugefügt, die einen hohen Blutverlust zur Folge hatten. Er ist verblutet, er ist tot, Omi-kun. Und egal was du sagst, es wird ihn nicht zurückbringen!" "Nein!" Omi krallte sich an Yohji fest, durchnässte mit seinen Tränen sein Shirt. Sein ganzer Körper zitterte, unkontrolliert, fast schmerzhaft. Er konnte ihn nicht getötet haben, das würde er nie tun. Nicht einmal in seinem Traum hatte er es zu Ende bringen können. Vielleicht... vielleicht... aber Hijiri hatte ihn doch davon abgehalten. Und Ken konnte doch durch die zwei Stichwunden nicht soviel Blut verloren haben, dass er gestorben war! Das konnte nicht sein, daran hätte er sich doch erinnert! "Er hat dir weh getan, Omi-kun. Weine nicht, er hatte es verdient!" "Nein. Nein! Es war doch nur ein Traum! Das ist alles nicht war, es ist alles nur ein Traum. Er sagte, du wärst nicht hier. Aya wäre nicht hier. Nur ich und Ken sind hier! Es war alles nur ein Traum!" Omi stieß sich von Yohji ab und taumelte zurück. Fiel in die weichen Kissen, die unter ihm nachgaben und ihn zu verschlingen drohten. Yohji wollte nach ihm greifen, doch Omi strampelte wie wild um sich und kroch an das andere Ende des Bettes, starrte auf die gegenüberliegende Wand. Er schreckte zurück, als er sich dort auf dem Boden liegen sah. Sich, in Kens Armen, der versuchte ihn zu trösten. "Ken!" Omi schrie, so laut er konnte, spürte wieder Yohjis Hände, die ihn von jeder weiteren Bewegung abhalten wollten. Omi schrie weiter, sah, wie auch Omi in Kens Armen schrie und Ken ihn fester umarmte. Omi wollte dort sein, wollte aufwachen und das spüren, doch er spürte nur Yohji, der ihn fest umklammerte und an sich zog. Omi wollte nicht vor Yohji davon laufen, er mochte ihn doch, er war doch sein Freund, aber Ken... wo sollte er jetzt hin, was sollte er jetzt tun? "Höre auf dein Herz. Nicht auf die Stimmen in deinem Kopf, nicht auf die kalten Gefühle, die von deinem Körper Besitz ergreifen und dein Innerstes ausmerzen. Höre nur auf dein Herz. In ihm steckt deine wahre Seele, die dich nur so lange schützen kann, wie du Halt hast." Und sein Halt war Ken. Yohji war nicht hier, das war nur Wunschdenken. Yohji war woanders, und der einzige, der im Moment wirklich und einzig allein bei ihm war, war Ken. Sein Ken... "Omi, nicht. Bleib hier, du musst hier bleiben!" Yohjis Griff wurde fester, und Omi hatte das Gefühl, als würde jeglicher Sauerstoff aus ihm entweichen und keine Möglichkeit finden, zurückzukommen. Yohji tat ihm weh, wollte ihn zu etwas zwingen, das er nicht wollte und nicht ertrug. Nein, das war nicht Yohji. Yohji würde so etwas nie tun. "Du kennst ihn, du kennst deine Freunde. Du weißt, zu was sie fähig sind." Ja, das wusste er. Hijiri hatte recht gehabt. Er kannte seine Freunde, seine Familie, die Menschen die er liebte. Omi stieß mit dem Kopf nach hinten, riss sich von Yohji los. Dieser taumelte zurück und schaffte es nicht mehr, nach Omi zu fassen, bevor der von dem Bett gesprungen war und auf die Gestalten vor sich zurannte. Auf Ken zurannte, der ihn in seinen Armen hielt und auf die Stirn küsste. Doch Omi kam nicht weit. Er hatte nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft, als Aya sich ihm in den Weg stellte. "Wo willst du hin?" fragte er kalt und zog sein Katana aus dem schwarzen Heft. "Aya-kun..." Omi stoppte und starrte seinen Freund aus geweiteten, dunkelblauen Augen an. Aya erhob seine Waffe gegen ihn? Gegen seinen Freund? "Was tust du?" "Dich von einem Fehler abhalten. Eigentlich könnte es mir egal sein, wenn du in dein Verderben rennst, aber wir sind Weiß. Du, Yohji und ich, wir müssen uns helfen!" "Und Ken?" Omi starrte Aya fassungslos an, als der schief lächelte und seine Augen dunkel aufblitzten. "Ken ist tot!" "Nein!" Omi wollte an Aya vorbeirennen, doch der holte nur aus und stieß ihm die stumpfe Seite des Schwertes in den Magen. Omi sackte zu Boden und hielt sich die schmerzende Stelle. Aya hatte ihn nicht getötet, ihn nicht ernsthaft verletzt. Er wollte ihm nur zum Aufgeben zwingen, doch Omi dachte nicht daran, sich seinen Weg, dessen Richtigkeit er sich sicher war, versperren zu lassen. Mit einem schmerzhaften Stöhnen richtete er sich wieder auf und versuchte es erneut, Aya hinter sich zu lassen und Ken endlich zu erreichen. Was folgte, war ein weiterer Schlag, gegen sein Bein, und Omi hatte das Gefühl, als ob es ihn zerreissen würde. Diesmal hatte Aya das Schwert richtet gehalten, dieses Mal hatte er ihn verletzt, und wieder krachten Omis Knie zu Boden. "A...ya..." Sein Bein schmerzte höllisch. Dunkles Blut floss aus der tiefen Wunde, auf den Teppich. Wurde eins mit dem Rot des Stoffes. Zitternd presste er beide Hände auf die Wunde, musste hilflos mit an sehen, wie seine Finger von dem Blut umspült wurden und seine Haut die Farbe der kostbaren Flüssigkeit annahm. "Gib es auf, Omi. Es ist besser so." In Ayas Augen legte sich eine Spur von Mitleid und Bedauern, aber auch nur einen Augenblick lang. Er ließ sein Katana wieder unter seinem Mantel verschwinden und beugte sich zu Omi hinunter, streckte dem weinenden Jungen seine Hand entgegen. "Komm mit mir. Lass uns zu Yohji gehen." Omi starrte die Hand an. Ließ seinen Blick auf seine eigenen Hände gleiten. Warum taten Aya und Yohji so etwas? Warum taten sie ihm weh, nur um ihn von Ken fernzuhalten? Wenn er wirklich tot sein sollte, bräuchten sie sich doch keine Gedanken zu machen. Oder war das hier, in dieser Festung anders? Hatte er die Möglichkeit, zu Ken zurückzukehren? Konnte er sich die Realität, in der er lebte, aussuchen? Aber welche war die richtige? "Und wenn ich einfach hier sitzen bleiben möchte?" flüsterte er und sah Aya traurig an. Der nahm seine Hand weg und stellte sich wieder gerade hin. Sein Blick strahlte nur Verachtung und Ablehnung aus, als er sein Schwert wieder hervorzog und ausholte. "Dann bist du unser Feind." Ein kalter Hauch legte sich um Omi, schnürte ihm die Kehle zu, als die Klinge in der Luft stand und das Licht der Fackeln brach. Gleich würde sie ihn brechen. Gleich wäre alles vorbei. Kein Ken, der ihm wehtat, und doch schützte. Kein Aya und Yohji, die ihn verlassen hatten und doch mit aller Kraft versuchten, ihn bei sich zu halten. Er würde diese Welt verlassen. Gebrochen, verwirrt und allein. Getötet von einem Freund, verletzt von einem Freund und verraten von einem Freund. Was sollte er sich jetzt mehr wünschen? Eine Fluchtmöglichkeit oder ein schnelles Ende? Omi wusste es nicht, er wollte es nicht wissen. Er schloss nur die Augen und wartete. Und fast im selben Moment, wie er das Zischen der zuschlagenden Klinge des Schwertes hörte, spürte er auch etwas Warmes auf seinem Mund, dass eine unglaublich angenehme Wärme durch seinen Körper trieb.
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"Wie lang ist dieser Gang denn noch?" Yohji lehnte sich an die Wand und kramte in seinen Taschen nach den Zigaretten. Seine Hände zitterten. Es war aber auch verdammt kalt hier drin. Murrend und meckernd sah er Aya nach, der einfach weiter gelaufen war, ohne auf ihn zu warten. "Eh, Aya! Willst du mich hier allein zurücklassen?" Aya reagierte nicht und ging weiter, bis er plötzlich stoppte und zu keuchen anfing. "Aya?" Yohji stieß sich von der Wand ab und eilte seinem Freund zur Hilfe. Als er nach ihm griff und nach oben ziehen wollte, wandte sich Aya aus der Berührung und taumelte ein paar Schritte nach vorne, bevor er wieder sicher stand. Er zog die Augenbrauen zusammen und musterte den Gang, der immer noch kein Ende fand. "Mir hat das Herz... weh getan", murmelte er leise und ging weiter. Yohji blieb stirnrunzelnd zurück, ehe auch er sich wieder in Bewegung setzte und ihm folgte. "Dein Herz, Aya? Das müssen wir den anderen erzählen, wenn wir sie finden. Ich hab schon mit ihnen gewettet, ob du so was überhaupt hast", lachte Yohji und klopfte Aya auf die Schulter. "Und wer hat gewonnen?" fragte Aya und versuchte krampfhaft, ein Lächeln zu unterdrücken. "Ich natürlich!" In Yohjis Stimme schwankte gespielte Empörung mit. "Ich habe ein Gespür für so was. Ich bin doch Yohji!" "Ja, allerdings." Ayas Mundwinkel zuckten nach oben, nur eine Sekunde, doch Yohji hatte es gesehen und grinste still in sich hinein, bevor er nach seinen Kaugummis tastete...
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Omi riss die Augen auf, wagte es aber nicht, den Mann zur Seite zu stoßen, der ihn so fest umklammert hatte und die Lippen auf seine presste. Langsam löste sich die Wärme von ihm, und in Omi keimte ein bedauerndes Gefühl auf, so dass er die Arme nach dem anderen ausstreckte und ihn fest an sich zog. Ein schmerzhaftes Aufstöhnen ließ ihn zurückschrecken. Hatte er ihm weh getan? Das wollte er nicht! Wirklich nicht! Erschrocken sah er Ken an, doch der fing sich schnell wieder und lächelte leicht. "Da bist du ja wieder." Omi brachte nicht mehr als ein stilles Nicken zustande, als er spürte, wie es unter seinem Shirt plötzlich feucht wurde. Er rückte ein Stück von Ken weg und sah, wie die Wunden an dessen Schultern wieder zu bluten begonnen hatten. Erschrocken hielt er die Hände vor den Mund und starrte Ken an. Er hatte ihm tatsächlich weh getan, doch diesmal unbeabsichtigt. Er hatte durch seine stürmische Umarmung die Wunden wieder aufgerissen, die er Ken noch unter falschem Wissen zugefügt hatte. Doch Ken schien nicht böse auf ihn zu sein. Er schlug ihn nicht, wendete sich nicht von ihm ab. Alles Dinge, die er trotz seiner nach wie vor gefesselten Haltung hätte tun können. Nein, er sah ihn nur an, und in seinen Augen keimte soviel Wärme auf, dass Omi sich allmählich wieder beruhigte und wieder anfing, klar zu denken. Er setzte sich auf, und zog sich die Kapuzenjacke vom Körper. Riss ihr die Ärmel aus und legte sie um Kens Schultern. "Nicht schreien", flüsterte er noch, bevor er sie zuzog und verknotete. Doch Ken schrie, wenn auch nur leise. Eine Träne rann über seine Wange und wurde von Omi mit blutverschmierten Fingern weggewischt. "Es tut mir so leid, Ken." Ken antwortete nicht, sondern lächelte nur und streichelte wieder über Omis Arm. Berührte seine nackte, kalte Haut und schien sie durch seine Berührung wärmen zu wollen. Omi wusste nicht, was er tun sollte. Ken musste ihn jetzt doch hassen, so wie er ihn, wenn auch ungerechtfertigt und kurz, gehasst hatte. Doch er zeigte kein abwehrendes Verhalten, lag einfach nur da, streichelte ihn und lächelte ihn an. "Ken?" Omi war verwirrt, wieder mal. Er riss sich schließlich von Kens Blick los und suchte die Verankerungen der Ketten, in der Wand. Als er sie fand, stand er auf, die Beine noch immer etwas wackelig, und begann daran zu ziehen. "Omi, nein. Das schaffst du nicht." Ken setzte sich auf und griff die Ketten, die er fassen konnte, und zog ebenfalls. Doch er war keine große Hilfe für Omi. Jeder Zug schmerzte in seinen Schultern, aber er wollte nicht aufgeben. Wollte nicht diese Schwäche zeigen, die ihn in seiner derzeitigen Situation erfüllte. Also biss er die Zähne zusammen und legte sein ganzes Gewicht gegen die Ketten, die ihn hielten, bis er mit einem lauten Schrei losließ und hart auf den Boden schlug. Den Stoff, den Omi um seine Schultern gelegt hatte, blutete durch. Das Schwarz glänzte und bahnte sich einen nassen Weg hinunter zum Boden. Omi wusste nicht, was er tun sollte, fühlte sich hin und her gerissen. Weiter ziehen oder Ken in die Arme nehmen? Standhaft bleiben oder aufgeben? Ihn befreien oder seinen Schmerz lindern? Er wusste es nicht, wirklich nicht. Und das machte ihn wahnsinnig. Er begann zu schreien, laut und schrill. Sich mit den Beinen gegen die Wand zu stemmen und zu ziehen, bis er meinte, seine Arme müssten jeden Moment auskugeln. Tränen schossen ihm in die Augen, liefen ihn Bahnen seinen erhitzten Wangen hinunter. "Omi!" Ken rief nach ihm, wollte ihn dazu bringen, sich nicht weiter zu schinden, doch Omi hörte nicht auf ihn. Kens Rufe gingen in seinem Schrei unter, bis er keine Luft mehr bekam und seine Beine einknickten. Und so fiel auch Omi, die Hände immer noch fest um die Ketten gelegt. Trotzdem fiel er. Denn die Ketten fielen mit ihm. Brachen aus dem Ring, der in der Wand eingemauert war und sie so festgehalten hatte. Sie hatten sich gelöst und schlugen kurz neben Omis Kopf auf dem Boden auf. Omi war starr vor Schreck, wagte für einen Moment nicht, sich zu bewegen. Dann sprang er mit einem Satz auf und stolperte zu Ken, der sich schwer atmend auf dem Boden wand, und ebenfalls versuchte, aufzustehen, doch es gelang ihm nur mit Omis Hilfe. "Und was jetzt?" Ken versuchte, auf seinen eigenen Beinen zu stehen und Omi nicht zu sehr zu belasten, doch dieser stemmte sich gegen ihn und dirigierte ihn in die Mitte des Zimmers, sah sich hektisch um, konnte jedoch keinen Ausgang ausfindig machen. "Ich weiß es nicht", gab er schließlich betroffen zu und sank wieder zu Boden, mit ihm Ken, der ihn trotz großer Schmerzen in eine Umarmung zog und versuchte, ihn zu beruhigen. Doch Omi war nicht zu beruhigen. Was in den letzten, so endlos scheinenden Stunden hier drin mit ihm, mit Ken und seinen Freunden, wenn auch teilweise nur im Traum, geschehen war, war einfach zu viel für den jungen Assassin gewesen. Selbst der Planer, Hacker, Musterschüler und kühle Kopf von Weiß blickte jetzt nicht mehr durch. War einfach überfordert und kurz davor aufzugeben. Auch, wenn er es nicht wollte und sich selbst nicht eingestand. Er war am Ende. Am Ende seines Verstandes. "Wir werden hier bleiben", flüsterte er und sah Ken traurig an, der seinen Blick eben so hilflos erwiderte. "Wir werden hier bleiben. Sklaven, Spielzeug dieses Wahnsinnigen, der diese Festung beherrscht. Der uns beherrscht. Unsere Gedanken, unsere Träume und Gefühle. Wir werden hier zugrunde gehen." Er lachte leise auf und starrte leer auf das Bett vor ihnen. "Weißt du, ich habe immer geträumt, so ein großes Bett zu haben und es mit jemandem zu teilen, der mir wichtig ist." Er schluckte die Tränen herunter und sah zu Ken, der ebenfalls mit Omis Worten kämpfte und die drückende Stimmung nicht mehr lange ertragen würde. "Ich wollte es mit dir teilen, Ken. Schon seit so langer Zeit, und was habe ich getan?" Er schluchzte leise auf, doch seine Augen blieben trocken; wieder fixierte er die im Licht der Fackeln schimmernde Seide, die ihnen so weiß und rein entgegenstrahlte. "Ich habe dir weh getan. Ich habe mich blenden lassen und alles vergessen, was ich über dich weiß. Ich habe mich von Gefühlen kontrollieren lassen, die er mir aufgedrängt hat, weil er wusste, dass sie sich gegen mich wenden würden." Omi schlug wütend mit der Faust auf den roten Teppich und schloss die Augen. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr spüren, nichts mehr hören. Er wollte das alles endlich zu einem Ende kam. Wollte eine Antwort auf seine Fragen und sogleich nicht mehr an sie denken. Er wollte einfach nur Ruhe, Ruhe für sich, Ken, seinen Körper. Er wollte Yohji und Aya wiedersehen. Mit ihnen lachen, mit ihnen reden. Er wollte nicht mehr das Blut riechen, das aus Kens Wunden drang und ihm die Kehle zuschnürten. Alles Dinge, die er mal gehabt hatte, und die ihm hier genommen wurden. Seine Wünsche, seine Bitte, sein altes Leben wieder leben zu dürfen. So, wie er es lieben gelernt hatte. Sie blieben unerhöht, hier an diesem Ort, dem er nicht mehr entfliehen konnte. Und er war an allem Schuld, was Ken wiederfahren war. Er hatte ihn mit hier rein gezogen. Sich hilflos an ihn geklammert, weil er Angst vor dem Alleinsein hatte. Er war Schuld, nur er. Er ganz allein. "Ich möchte sterben", flüsterte er und senkte den Kopf. Er sah Ken nicht an, konnte aber seinen entsetzten Blick auf sich spüren. Wie er ihn mit offenem Mund anstarrte, ehe er nach ihm griff und sich mit ihm wieder in die Höhe quälte. Omi ließ sich mitziehen, vielleicht würde Ken ihm ja helfen, dem ganzen ein schnelles Ende zu bereiten. Aber konnte er so etwas wirklich von Ken verlangen? Überhaupt erwarten? Nein. Dennoch, er wehrte sich nicht, war willenlos. Wie eine Marionette, die man zu einem Punkt bewegte, ohne dass sie jemals etwas dagegen tun konnte. Ken lief zum Bett, schob Omi auf die weiche Matratze und legte sich neben ihn. Er beugte sich über die blasse Gestalt und betrachtete ihn besorgt. Omi blinzelte ihn aus nur einen Spalt weit geöffneten, blassen Augen an. Nicht einmal fragend, obwohl Omi sich insgeheim, fast unbewusst schon fragte, was Ken da tat. Seine dunkel brauen Augen kamen näher, schlossen sich langsam. Omi hielt die Luft an, sollte Ken wirklich... das tun? Jetzt, in seinem Zustand? Das ging doch nicht, es würde ihm weh tun. Er hatte doch schon genug Schmerz wegen ihm erfahren müssen! Doch Ken hörte die unausgesprochenen Einwände von Omi nicht und küsste ihn. Zuerst ganz sanft, zart, dann wurde sein Kuss fester, blieb aber immer noch zärtlich. Mit seiner Zunge strich er über Omis Unterlippe zu seinen Mundwinkeln und wieder zurück, bis Omi den Mund öffnete und ihr seine Zunge entgegenkommen ließ. Es fühlte sich so gut an. Ken schmeckte so gut, war so warm, so weich. Er legte seine Hände auf Kens Oberarme und spürte die Muskeln, die sich anspannten. Erst jetzt fiel Omi wieder so richtig auf, das Ken ja gar nichts an hatte. Und es hatte Omi die ganze Zeit nicht gestört, er hatte es ja nicht einmal so richtig wahr genommen. Er ließ seine Hände über den durchtrainierten Körper wandern, zog Kreise auf seinem Rücken, bis er japsend nach Luft schnappte und den Kopf zur Seite drehte, um Ken so mehr Spielraum an seinem Hals zu verschaffen. Seine Träume wurden doch noch wahr, wenn auch etwas anders, als erwartet. Aber der Ansatz stimmte, und das war mehr, als Omi jemals zu hoffen gewagt hätte. "Ken..." Er wollte ihm sagen, dass er aufhören sollte, obwohl er es nicht wollte. Doch das langsam trocknende Blut und Kens Gesichtszüge, die sich Ab und zu schmerzhaft verzogen, waren nicht zu ignorieren. Er wollte nicht, dass Ken das tat, weil Omi den Beschützerinstinkt in ihm geweckt hatte. Er wollte, dass er sich ausruhte und wieder zu Kräften kam. Und dann... dann vielleicht, wenn Ken noch wollte... "Was ist?" Ken keuchte. Vor Lust oder vor Schmerz? Omi konnte es nicht so genau sagen, als er Ken auf den Rücken drückte und sich auf sein Becken setzte. "Du hast Schmerzen." "Ach, halb so wild." Doch Ken schaffte es nicht einmal, die Hand fließend mit einer Bewegung durch die Luft gleiten zu lassen. Er verzog den Mund und versuchte, seine Glieder zu entspannen, als Omi begann, vor und zurück zu wippen. "Omi, egal was du jetzt tust. Du musst es nicht, in Ordnung?" seufzte er heiser. Omi nickte und lächelte, ganz leicht, fast schüchtern. Er rutschte nach unten und spreizte Kens Beine etwas, um sich dazwischen knien zu können. Dann beugte er sich hinunter und berührte mit seinen Fingerspitzen vorsichtig Kens Erregung. Spürte die warmen, zitternden Hände, die sich in sein Haar flochten, ihn bestimmt, aber nicht zwingend nach unten drückten. Omi zögerte noch eine Weile, umschloss Kens Männlichkeit mit einem zarten Griff und atmete noch einmal tief durch. Er musste das nicht tun, aber er wollte es. Er wollte es für Ken und für sich. Wer konnte schon sagen, wann sie das letzte Mal Gelegenheit finden würden, sich so nah zu sein...
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Aya und Yohji pressten sich leise stöhnend gegen die kalte Wand, und versuchten, mit vom Wind tränenden Augen etwas zu sehen. Acht junge Männer, noch fast Kinder, standen vor ihnen und musterten sie aus trüben, leeren Augen. "Was soll das?" Yohji hielt sich einen Arm vor das Gesicht und musterte die steifen Körper, die sich trotz des starken Windes und der eisigen Kälte nicht rührten. Als wären Aya und Yohji die einzigen, die es spüren konnten. Aber das konnte doch nicht sein. Ein Junge, mit dunklem Haar, das sein Gesicht umrahmte, und großen, grünen Augen trat aus der Menge heraus und streckte den beiden Assassin beide Hände entgegen. "Ich kenne dich." Yohji rang nach Luft, seine Augen brannten und ein kleiner Seitenblick zu Aya verriet ihm, dass es dem Rothaarigem ebenso ging. Für einen Moment war es ein seltsames Gefühl, Tränen über Ayas Wangen rinnen zu sehen, bis er sich wieder darauf besann, aus welchem Grund sie das taten und was sich vor ihnen abspielte. "Du bist der Musikschüler. Minase Hijiri." Hijiri nickte lächelnd, hielt seine Arme immer noch oben. "Kommt", sagte er monoton, ehe seine Augen wild aufblitzten und seine Stimme einen festen, bestimmten Klang einnahm. "Es ist Zeit, eure Freunde zu retten und dem Ganzen hier ein Ende zu bereiten!"
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"Hah... Omi..." Ken legte den Kopf in den Nacken und biss die Zähne zusammen, doch die Laute seiner Lust waren nicht zu überhören, und selbst wenn, so konnte Omi doch den durchtrainierten Körper zittern spüren, von der harten Erregung in seinem Mund ganz abgesehen. Omi war glücklich, das zu fühlen und zu hören. So lange Zeit wollte er derjenige sein, der Ken solche Laute entlockte, und nun hatte er es geschafft. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in seinem Hals, gefolgt von einigen Tränen der Freude, die er tapfer runterschluckte. Genau wie das, was sich warm in seinem Mund entleerte und einen Nachgeschmack von Heu zurückließ. Schwer atmend hob er den Kopf und betrachtete den ebenfalls keuchenden Ken. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, auf dem Kreuz, das Omi ihm dort eingeritzt hatte. In Omis Herz begann es zu stechen. Warum hatte er so etwas bloß getan? Ken für immer gezeichnet. Gut, es würde rasch wieder verheilen, und die Narben würde man kaum, vielleicht gar nicht mehr sehen. Doch Omi wäre sich ihrer Existenz immer bewusst. Weil er sich ewig an das erinnern würde, was hier passiert war, und Ken würde das auch. Selbst, wenn er etwas anderes behaupten würde. Die Vergangenheit als grausamer Begleiter, alles übertünchend, was sie bisher erlebt hatten. "Omi?" Ken sah zu ihm hinunter und löste seinen Griff aus den Laken. Sein Körper entspannte sich langsam und das schwindelige Gefühl, das ihn eben noch überkommen hatte, ebbte ebenfalls wieder ab. Aber Omi antwortete nicht. Er krabbelte nur nach oben, und legte sich hin, wandte Ken den Rücken zu. Kein guter Schachzug, wenn er in Ruhe gelassen werden wollte, denn so zog er nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. "Omi, was ist los?" Ken strich dem Schmäleren vorsichtig über den Rücken und rückte dann näher heran. Omi reagierte nicht. Er lag einfach nur da und legte einen Arm über seinen Kopf. Versuchte, Kens Blick zu entgegen, sollte er sich rüber beugen und ihn ansehen wollen. Und das tat Ken auch, versuchte, irgendetwas von Omis Gesicht ausfindig zu machen, bis der sich umdrehte und sein Gesicht in einem großen Kissen vergrub. "Omi-kun?" Ken wusste nicht, was er tun sollte. Omi ging es offensichtlich nicht besonders gut, kein Wunder. Aber Ken konnte sein Verhalten doch nicht einfach so ignorieren, ohne zu wissen, was eigentlich los war. Er überlegte einen Moment, schlang dann seinen Arm um Omi und legte seinen Kopf auf dessen Schulter. "Rede doch mit mir, Omi. Ich mach mir Sorgen um dich." Omi atmete schwer, er bekam kaum Luft durch das Kissen, aber er wagte es auch nicht, sich wieder umzudrehen und sich so Kens besorgtem Blick auszuliefern. Er streckte seinen Arm nach hinten und versuchte, Ken von sich zu drücken. Erwischte ihn aus Versehen an der Schulter und schreckte sofort wieder zurück. "Entschuldigung", murmelte er in das Kissen hinein und spürte, wie Ken mit einem traurigen Seufzen wegrückte. Den Geräuschen nach zu urteilen stand er auf und entfernte sich immer weiter, bis Omi ihn kaum noch hören konnte. Vorsichtig einen Blick riskierend hob er den Kopf und drehte sich um. Ken war zu dieser Wand zurückgegangen und sammelte in der Ecke seine Klamotten auf, um dann hineinzuschlüpfen und seinen schönen, natürlich gebräunten Körper zu verdecken. Ein Funken Bedauern machte sich in Omi breit, bis er sich wieder ins Gedächtnis rief, dass es besser so war. Ken konnte ja nicht die ganze Zeit über nackt hier herumlaufen, und Omi hätte Bedenken haben müssen, dass sein Blick in die falschen Regionen wandern würde. Aber da war wohl noch mehr, das Omi beschäftigte. Sein Gewissen, zum Beispiel. Seine Selbstvorwürfe, seine Schuld, seine Zweifel und seine Angst. Die Vorwürfe, Ken so etwas angetan zu haben, ohne dass er es verdient hatte, ohne wirklich nachzudenken. Die Schuld, ihn verletzt zu haben und es weder erklären, noch rückgängig machen zu können. Seine Zweifel, ob Ken ihm wirklich verziehen hatte, und die Angst, dass das eben nicht so war. Könnten sie sich jemals wieder vertrauen? Omi könnte das, aber Ken? Omi überlegte, wie es ihm in Kens Situation gehen würde, und kam zu dem Entschluss, dass er sehr lange brauchen würde, um den Schmerz zu vergessen, der ihm zugefügt worden war. Wie konnte Ken das dann jetzt schon verdrängen, wo er doch immer noch offene Wunden am Körper hatte, die ihn bei jeder Bewegung daran erinnerten? Omi setzte sich auf und sah hoch zu dem kleinen steinernen Engel über dem Bett. Wie gern hätte er jetzt solche Flügel, die er um sich ausbreiten könnte, um sich zu verstecken. Wie gern würde er einfach nur dort sitzen und an nichts mehr denken müssen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht, die sich niemals erfüllen würde. Omi hielt kurz die Luft an und seufzte dann leise auf. Wäre ja auch was gewesen, wenn Montauk ihm zur Abwechslung mal einen Gefallen getan hätte. Er ließ sich quer nach hinten fallen und drehte sich zu Ken um, vielleicht sollten sie doch reden. Aber Ken war plötzlich nicht mehr da...
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Rot. Alles um ihn herum war rot und leer. Er konnte Omi nicht mehr sehen, er war weg. Einfach so, zusammen mit dem Zimmer, in dem er sich eben noch angezogen hatte. Ken begann, sich im Kreis zu drehen, wusste nicht, wo er war oder wo er hin sollte. Dann verschwand das Rot wieder und wurde durch einen endlosen Gang ersetzt, der tief ins Nirgendwo zu führen schien. Ken stemmte die Arme in die Hüften. "Und was wird das, wenn's fertig ist?" Er seufzte auf und trat gegen die Wand, als er die Blicke bemerkte, die auf ihn gerichtet waren. Er drehte sich um und betrachtete das dümmliche Grinsen, das Yohji im Gesicht hatte, die starren Blicke der Jungen um ihn herum und ganz außen Aya, in dessen Augen für einen winzig kleinen Moment so etwas wie Überraschung oder Schrecken funkelte, als er Ken betrachtete. Auch Yohji war das Lächeln mit einem Mal vergangen, als er auf Ken zutrat und ihn besorgt musterte. "Was ist denn mit dir passiert?" Ken runzelte die Stirn und folgte Yohjis Blick auf seine Schultern. Natürlich, die Stichwunden und die dunkle, verkrustete Blutschicht, die sich über seinen gesamten Oberkörper erstreckte. Dass es noch weiter abwärts ging, konnte man nur erahnen. Ken war gerade noch dazu gekommen, seine Unterwäsche, Hose und Schuhe anzuziehen. Seine restlichen Sachen hielt er in der Hand. Yohjis Blick rutschte höher, auf Kens geschundenes Gesicht. "Der Gastgeber scheint mich nicht sehr zu mögen." Ken fuhr sich verlegen über den Nacken und schlüpfte in sein Shirt. Er konnte ihnen nicht sagen, was genau passiert war. Wenn Omi das tun wollte, in Ordnung. Aber er würde es nicht tun. Es war zu verrückt, verwirrend und abstrakt. Er verstand es ja selbst nicht, wie es dann anderen schonend nahe bringen, ohne sie in den Glauben zu drängen, Omi wäre verrückt geworden? Oder er selbst. Apropos Omi... "Wo ist Omi?" Er sah fragend in die Gesichter, die ihn nach wie vor anstarrten. Yohji drehte sich ebenfalls um und wendete sich Hijiri zu. "Ja genau, wo ist er?" "In seinem Zimmer." Bedauern schwang in Hijiris Stimme mit, als er Ken entschuldigend ansah. "Er hat - bewusst oder unbewusst - eine Blockade errichtet, die verhindert, dass ich zu ihm durchkomme." "Eine Blockade? Ken, was zum Teufel hast du mit ihm angestellt?!" Yohjis Blick bekam etwas Bedrohliches. Seine Augen hatten dieses Funkeln, wie das einer Raubkatze, die ihr Junges beschützte. "Ich? Gar nichts!" Frag ihn mal lieber, was er mit mir gemacht hat! Ken schluckte diese Worte runter. Nein, das würde er ganz bestimmt nicht sagen. Er verurteilte Omi ja nicht dafür. Er war nicht er selbst gewesen, ganz eindeutig, er konnte nichts dafür. Ken verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete Hijiri. Er hatte dieses unschuldige, unglaublich jungenhafte, blasse Gesicht, diese großen, grünen Augen und wirkte doch kantig und erwachsen. Eine seltsame Mischung. "Warum gehen wir nicht einfach zu diesem Zimmer und holen ihn? Das dürfte doch nicht so schwer sein!" Wieder lächelte Hijiri traurig. Oder immer noch? Irgendwie schien sich sein Blick überhaupt nicht zu ändern. "Wir können dort hin, aber ich kann nicht versprechen, dass wir ihn einfach so mitnehmen können. Das liegt ganz bei ihm." Er winkte die anderen Jungen zu sich heran und gemeinsam fassten sie sich an den Händen und stellten sich um die drei Mitglieder von Weiß herum, tauchten durch ihre rätselhafte Macht alles wieder in ein rotes Licht.
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Ken. Weg. Aya. Weg. Und Yohji... Yohji war auch nicht da. Er war allein, ganz allein, wieder mal. Sie waren alle fort, und er saß dort, auf diesem riesigen Bett, starrte den kleinen steinernen Engel an und versuchte krampfhaft, wach zu bleiben. Je länger er hier so saß, desto müder wurde er. War es vielleicht Montauk, der ihn in diesen Zustand versetzte, ohne dass er sich wehren konnte? Wollte er das denn? Ja, verdammt! Wieder riss Omi die Augen auf und schlug sich gegen die Stirn. Nicht nachgeben, bloß nicht nachgeben. Aber wie sollte er sich gegen aufgedrängte Ruhe wehren, wenn er sie eben noch herbeigesehnt hatte? Omi sank nach vorne, sein Kopf legte sich schwer in die Kissen unter ihm. Immer noch versuchte er, die Augen offen zu halten, doch seine Lider wurden schwer, schwer wie Blei und schlossen sich schließlich. Die Fackeln um Omi herum schlugen hohe Flammen, die die Wände hoch krochen. Überall dieses Feuer, Hitze, lautes Knistern des Feuers, das sich gierig durch die Wandbehänge zur Decke fraß. Er durfte jetzt nicht einschlafen. Das wäre sein Tod, doch selbst wenn er wach blieb, würde er sich nicht schützen können. Es gab hier keinen Ausgang, er würde den Flammen nicht entkommen können, also vielleicht besser, zu schlafen, wenn sie nach seinem Körper gierten. Besser, keinen Schmerz zu spüren und das unvermeidliche Ende einfach kommen lassen. Omi erschrak über sich selbst. War es ihm denn egal, ob er starb? Es wurde dunkel um ihn herum, doch noch immer meinte er, wach zu sein. Er sah Gesichter. Bekannte Gesichter. Ein Lächeln, aber kein schönes. Ein kaltes Lächeln. Ein zweites kam hinzu. Zwei Männer, die sich zu ihm hinunter beugten, deren Anblick ihm die Kehle zuschnürte. Angst. Er hatte Angst vor diesen Männern.
"Dein Vater will nicht für dich bezahlen."
Sein Vater? Er sah sich um. Er war in einem Keller, etwas klebte fest auf seinem Mund, er war gefesselt. Es war kalt. Zwei Männer. Sie lächelten immer noch, griffen nach ihm, drehten ihn auf den Bauch. Hände tasteten sich unter seinen dünnen Pullover, eine andere zog seine Hose runter. Sie lachten, laut, kalt, abstoßend. Seine Glieder zogen sich zusammen, er schrie, so laut er konnte, wand sich unter den Händen, wollte, dass sie von ihm abließen. Heiß. Ihm wurde plötzlich heiß, er spürte etwas hartes zwischen seinen Pobacken, seine Beine wurden auseinander gezogen. Eine Träne rann heiß über seine Wange. Er hatte solche Angst.
"Dein Vater will nicht für dich bezahlen!"
Sein Vater. Takatori. Er war ein Takatori. Er war ein Feind. Er war der Sohn eines Feindes. Er wollte sein Lösegeld nicht bezahlen. Immer noch diese Hände auf seiner nackten Haut, jede Berührung brannte sich ein. Er fühlte sich so schmutzig, sie fühlten sich so schmutzig an. Hart. Etwas Hartes drang langsam ein. Es tat weh, es sollte aufhören, er wollte das nicht, es tat doch so weh. Er wurde nach vorne gestoßen. Er schrie. Noch mehr Tränen, noch mehr Schmerzen. Ihm wurde schlecht, er wollte sich übergeben, aber er konnte nicht. Sein Mund war zugeklebt, es würde ihn töten, wenn es die Stöße nicht tun würden, die seinen zitternden Körper über den harten Boden schoben. Stöhnen. Er hörte jemanden stöhnen. Ein dunkles, ekelerregendes Stöhnen, der andere lachte immer noch, packte ihn an den Haaren und zog seinen Kopf nach oben. Schmerzen. Es tat so weh. Er weinte. Das Klebeband wurde mit einem Ruck weggezogen. Sein Mund brannte. Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er roch Schweiß. Warmen, fauligen Atem. Er biss die Zähne zusammen. Er wollte nicht, er konnte nicht. Eine Hand legte sich um sein Kinn. Drückte zu. Sein Unterkiefer wurde nach unten gerissen. Sein Mund... offen. Er öffnete die Augen. Nein. Nein! Er wollte das nicht! Ihm war schlecht. Das Blut pochte gegen seine Schläfen, wieder wurde er nach vorne gestoßen. Nein, nicht das! Jeder weitere Schrei verhallte in seinem Innern, als sich etwas Hartes in seinen Mund schob. Warum half ihm niemand? Warum bezahlte sein Vater das Lösegeld nicht? Ihm war so schlecht, er bekam keine Luft mehr. Sterben, warum konnte er nicht sterben? Warum musste er das alles spüren, warum konnte er nicht tot sein? Warum war er so allein? Allein mit diesen Männern? Er war doch noch ein Kind, er hatte doch gar nichts getan!
"Du bist ein Takatori und somit ein Feind!"
Ja, es stimmte. Er war einer, aber er konnte doch auch nichts dafür. Er hatte sich das nicht ausgesucht. Die restlichen Jahre war er ohne Erinnerung an seine Familie aufgewachsen. Er hatte nur noch Weiß. Persia, Manx. Seine... Familie.
"Ich werde alle Takatori töten!"
Ja, das würde er. Aya würde sie alle töten, als Rache für seine Schwester, er würde auch ihn töten. Er war ein Feind. Egal was er tat, egal was er sagte, er würde ein Takatori bleiben. Persia war auch einer. Persia war sein Onkel. Wenn Aya... er würde ihn auch töten. Alle Takatori! Feinde. Sie waren Feinde. Er war allein. Alles brach zusammen, er hatte keine Familie, sie hatte ihn verlassen. Er war allein.
"Wer sind deine Freunde? Wer ist Weiß?"
Schläge. So... hart. Es tat weh, er biss die Zähne zusammen, versuchte, seine Tränen zu unterdrücken. Seine Augen waren geschlossen. Vor Schmerz, vor Angst. Er wollte nicht sehen, wer ihn schlug. Dass sein Bruder... sein eigener Bruder... Er verriet ihn, so wie alle. Alle verrieten ihn, ließen sie allein. Aber er brauchte sie doch. Wieder ein Schlag. Seine Arme gefesselt. Verankert. Er hing im Raum, konnte sich nicht wehren. Nicht sein eigener Bruder! Warum nur? Was hatte er getan? Was?!
"Ich werde alle Takatori töten!"
Persia. Er lag... er lag in seinen Armen. Er starb. Nein, das durfte nicht sein! Sein Onkel, Shuichi... schwach... Schmerz... Tod... Er wollte sterben. Er wollte die Augen schließen und nie wieder etwas sehen. Er wollte nichts mehr denken können. Sie taten ihm alle weh. Sie taten ihm weh und verließen ihn. Er blieb zurück. Er hatte Schmerzen, er hatte Angst. Keiner, der ihn hielt, keiner, der ihn beschützte. Er fühlte sich so unendlich schwach. Er taumelte nach hinten. Er fiel. Sein Herz begann zu brennen. Nicht er. Nicht Yohji! Leblose grüne Augen. So... leer. Gebrochen. Überall Blut. Überall... nicht er, nicht Yohji. Bitte nicht auch noch Yohji!
"Schrei, so viel du willst. Hier wird dich keiner hören."
Ken, aber... Ken? Was tat er da? Seine Hände krallten sich in seine Hüften. Schmerz. Heißer Schmerz. Er wurde nach vorne gestoßen, sein Oberkörper sackte nach unten, sein Becken wurde gehalten. Lachen. Ken lachte. Lachte wie diese Männer damals. Er tat ihm weh wie diese Männer damals. Er schändete... er... nein, nicht Ken. Warum? Warum tat er so was? Er liebte ihn doch, er hatte ihm doch vertraut, er hätte alles für ihn getan, aber das... er weinte. Er wollte, dass er aufhörte. Doch das tat er nicht. Schmerzen. Es zerriss ihn. Warum wurde es immer schlimmer? Wie hielt sein Körper das nur aus? Bitte nicht schon wieder... Ken. Bitte nicht!
"... unser Feind."
Aya... was? Ein Schlag. Es brannte. Es tat so weh. Sein Bein. Er konnte nicht mehr stehen, seine Knie krachten zu Boden. Sein Bein schmerzte höllisch. Dunkles Blut floss aus der tiefen Wunde. Seine Hände... rot. Überall Blut. Überall Schmerzen. Diese Männer... sein Bruder... Persia... Ken... Yohji... Aya... Warum? Warum passierte das alles?
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"Ist ja wie in einer Sauna hier drin." Yohji drehte sich um. Im ersten Moment konnte er nichts sehen, spürte nur die Hitze, die ihm entgegenschlug. Es war unerträglich heiß in diesem Zimmer, und nur zu bald konnte man riechen, dass etwas brannte und letztendlich auch den Feuerwall sehen. "Er tötet ihn." Die drei Männer von Weiß drehten sich zu Hijiri um und folgten seinem Blick. Sie konnten das Bett sehen, auf dem Omi lag. Es sah aus, als würde er schlafen, ganz ruhig, nicht ahnend, dass um ihn herum gerade alles in Flammen aufging. Sie wollten zu ihm laufen, dich Hijiri hielt sie zurück. "Nicht, sonst wird Montauk ihn gegen euch verwenden. Er wird sterben, und keiner von euch kann ihm jetzt noch helfen." "Was meinst du damit?" Ken trat neben den jungen Musikschüler und sah ihn eindringlich an. Jeder einzelne Muskel in seinem Körper war gespannt. Hijiri blieb ruhig und nahm seinen Blick nicht von dem schlafenden Omi unter seiner weißen Decke. "Er hat sich gegen Montauk gestellt. Wie Kajatsu. Dafür muss er sterben. Sobald Montauk spürt, dass man es schafft, sich erfolgreich gegen ihn zu stellen, vernichtet er." "Was ist dieser Montauk eigentlich, dass er so eine Macht besitzt?" Aya drehte sich nun ebenfalls zu Hijiri um, der seinen Blick langsam erwiderte und seinen Kopf leicht senkte. "Montauk ist überall. Nichts entgeht seinem Blick und nichts kann ihm entfliehen. Er lässt nur rein und niemals raus. Sobald man erst einmal hier drin ist, gibt es kein Entkommen mehr. Er schleicht sich in die Träume und lockt. Er ist stark, zu stark. Ein Dämon, der besitzt und Verlieren mit dem Tod bestraft." Hijiri lächelte. Traurig, fast entschuldigend. Ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, über die Flammen hinweg, die sie einschlossen und ein tödliches Gefängnis bildeten. "Er verleiht begrenzte Macht, sobald er sich seiner Herrschaft sicher ist. Schafft sich Knechte. Montauk ist real und anwesend. Ihr könnt ihn sehen, habt es schon die ganze Zeit getan und es nur nicht wahrgenommen. Euer Verstand hat euch diese Art von Wahrnehmung nicht erlaubt, die euch gewarnt hätte." "Also was ist er?!" Ayas Augen schmälerten sich und blitzten gereizt auf. Er hasste es, wenn seine Fragen nicht klar und deutlich beantwortet wurden. "Montauk ist dieses." Hijiri schnitt mit einer kurzen Bewegung seiner Hand durch die Luft und zeigte durch den Raum. "Montauk ist diese Festung." Aya zog die Augenbrauen zusammen. Erwiderte jedoch nichts mehr. Der heutige Tag hatte ihm genug unerklärliche Dinge offenbart, so dass er sich nicht mit weiteren Fragen quälen wollte, auf die es keine bodenständige Antworten zu geben schien. Er wusste nicht, woran er jetzt glauben sollte, und setzte sich wieder das Ziel vor Augen, Montauk wie auch immer unschädlich zu machen. Dafür musste Weiß zusammenhalten, und sie konnten dabei in Anbetracht der Umstände wohl jede Hilfe gebrauchen. Egal, was Montauk war, auch er musste zu stoppen sein. Der Tod machte vor nichts und niemandem halt. Auch nicht vor einer Festung. "Ich weiß ja nicht, was ihr heute noch vor habt, aber ich lasse Omi da nicht liegen!" Yohji löste sich von der Gruppe und lief auf das große Bett zu, auf dem Omi lag. Der junge Assassin begann, sich unter der Decke zu bewegen, drehte sich auf die andere Seite und sah Yohji aus leeren Augen an. Yohji lächelte. "Omi-kun. Komm, wir gehen nach Hause." Er trat neben das Bett und wollte seine Hand nach Omi ausstrecken, als er nach hinten geschleudert und von den Flammen verschluckt wurde. "Yohji!" Ken rannte ans Bett, zur Wand, die von einer dichten Feuerschicht bedeckt war und in der Yohji verschwunden war. Der Älteste von Weiß war nicht mehr zu sehen, kein Ton war von ihm zu hören. Ken wollte ihm folgen, doch Aya riss ihn an der Schulter zurück. "Kümmere dich um Omi und lass mich das machen." Er schlang seinen Mantel um den schmalen Körper und hielt sich den Arm schützend vor das Gesicht, ehe auch er in dem Feuer verschwand. Ken starrte ihm nur hinterher, als er ein leises Rascheln hinter sich vernahm, das so kalt wirkte, dass es sogar das laute Knistern des Feuers übertönte. Er drehte sich um, und sah Omi, der mit seiner Armbrust auf ihn zielte. "Omi!" Ken sprang zur Seite, als Omi abschoss und den Freund nur knapp verfehlte. Ken rollte sich auf dem Boden ab und starrte Omi aus dunkelbraunen, vor Schreck weit geöffneten Augen an, als der aufstand und sich zielend vor ihn stellte. "Omi!" Doch Omi reagierte nicht, stand nur da, und Ken lief es eiskalt den Rücken runter, als er in Omis Augen sah. Da war nicht mehr das Blau, das er an dem Jungen kannte. Nicht einmal annähernd. Sie waren leer, kalt. Sie waren weiß. "Du bist tot!" Omis Gesicht schien schmerzverzerrt. Als hätte man ihn aufs Übelste misshandelt. Sein Blick war starr, wie sein ganzer Körper. Er bewegte nicht einmal seine Lider. Es wirkte fast, als wäre er in dieser Haltung eingefroren und würde sich zu nichts weiterem mehr bewegen als zu einer todbringenden Handlung. "Nein!" Ken wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Jede Bewegung würde Omi dazu veranlassen, abzudrücken. Und so, wie er im Moment auf Ken zielte, würde der kleine Pfeil der auf dem Bogen gespannt war, sich binnen eines kurzen Augenblickes in sein Herz bohren. "Omi, ich bin doch hier, wie soll ich dann tot sein?" "Ihr seid alle tot. Ihr habt mich alle verlassen. Ich bin allein und werde es auch bleiben!" Omis Stimmte war monoton, vollkommen emotionslos. Dann drückte er ab. Ken schloss die Augen und wartete darauf, dass die kleine metallene Spitze sich durch seinen Brustkorb rammen würde, doch er konnte nur ein lautes, klirrendes Geräusch hören. Der Augenblick, in dem er hätte sterben sollen, war schon längst vorbei und dennoch konnte er denken. Es war nichts passiert. Er öffnete die Augen und sah an der großen, schlanken Gestalt hoch, die vor ihm stand und ihm den Rücken zuwendete. Es war Aya. Den einen Arm um Yohji geschlungen, der keuchend an ihm Halt suchte, mit der anderen Hand fest sein Katana umklammert, das er quer vor seinem Körper hielt. Er hatte den Pfeil abgefangen. "Hijiri, wie kommen wir hier wieder raus?" Aya drehte sich bei diesen Worten nicht um, sondern fixierte weiterhin Omi, der ihn aus diesen leeren Augen und mit ärgerlich zusammengezogenen Augenbrauen anstarrte. "Lauft." "Was?" Ken richtete sich hastig wieder auf und drehte sich zu dem jungen Musikschüler um, der plötzlich eine Violine hervorholte. "Lauft um eurer Leben!" Dann begann Hijiri zu spielen. Den Devils Trill. Der italienische Komponist Talutinne hatte einst seine Seele an den Teufel verkauft, um dieses Werk zu komponieren. Selbst, wenn man diese Melodie vielleicht nur einmal in seinem Leben irgendwo, irgendwie gehört hatte, konnte man sie nicht vergessen und erinnerte sich daran. Eine Hommage an die Dämonen, an ihren Anführer höchstpersönlich. Doch Hijiri spielte ihn mit Gefühl. Pure Ironie gegenüber dem Erschaffer dieses Stückes, der mit dem Teufel im Bunde gewesen sein sollte. Und der junge Musikschüler spielte es genau deswegen. Um Montauk zu ächten und die zu retten, die noch zu retten waren. Denn auch Hijiri war nicht mehr im Besitz seiner Seele. Auch er hatte sie verloren, wenn auch nicht freiwillig. Für ihn gab es kein Zurück mehr, und das wusste er. Indem er Montauk zerstörte, zerstörte er auch sich selbst. Sich und die anderen, die nicht mehr in der Lage waren, für sich zu sprechen und diese Festung jemals wieder zu verlassen. Hijiri spielte die teuflische Melodie auf seiner Violine, und der Boden unter ihnen begann zu beben. Der Lärm, der durch den Zerfall der Festung erzeugt wurde, klang wie ein dunkler, dämonischer Schrei. Voller Hass, Zorn und Wut. Weiß stand da und sah, wie das Feuer um sie herum sich explosionsartig durch den Raum fraß. Nun standen sie selbst mitten drin, und noch immer war kein Ausgang in Sicht. Ken sprang an Aya vorbei und griff nach Omi. "Nun lauft!" Er wusste selbst nicht, wohin sie denn laufen sollten, doch er tat es einfach. Er rannte einfach irgendwo hin, so, wie Hijiri es ihnen befohlen hatte. Steinbrocken hagelten von oben auf sie hinab. Einer traf Ken an der Schulter und die Schmerzen, begleitet von der enormen Hitze, trieben ihm die Tränen in die Augen, doch er lief einfach weiter. Wusste noch nicht einmal, ob Aya und Yohji ihm folgten, aber stehen bleiben konnte er nicht. Omi lies sich mitziehen. Kein Laut war von dem jungen Assassin zu hören, und er fühlte sich so kalt an. Leblos. Doch Ken hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er festigte seinen Griff um Omi und hielt schützend einen Arm über seinen Kopf, als der beissende Rauch unerträglich wurde und er das Gefühl bekam, beim Atmen zu ersticken. Seine Beine gaben unter ihm nach, jemand stieß ihn nach vorne. Ken konnte nichts mehr sehen, hatte die Augen geschlossen, die wild tränten, und ließ sich einfach schieben, als alles in seinem Kopf sich zu drehen begann und er ohnmächtig wurde.
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Die zuvor noch so mächtig scheinende Festung war nicht mehr vorhanden. In dem großen Tal befand sich nur noch ein großer, steinerner Trümmerhaufen, bedeckt von einer dicken Staubschicht, die nur leicht abebbte. Dichter Nebel zog sich über den feuchten Waldboden. Schlängelte sich vorbei an den Stämmen der uralten Eichen, hinaus in dieses große Tal. Der milchige Hauch glitt voran, wagte sich aus dem schützenden Grün, um über die immer noch monströs wirkenden Reste der Festung entlang zu streichen. Inmitten der braunen, zerbrochenen Backsteine ragten kleine, graue Gebilde, die einst die Engel an den Außenwänden dargestellt hatten. Die, die man sehen konnte, zeigten keine Zeichen der Vernichtung, die eben noch gewütet hatte. Kein Riss war in dem grauen Stein zu sehen. Nur einen gravierenden Unterschied gab es zu ihrer bisherigen Erscheinung: An den Stellen, an denen man zuvor noch traurig blickende Gesichter hatte sehen können, war der Stein jetzt glatt. Das große schwarze Tor, das der einzige Eingang und der einzige erkennbare Ausgang dieser Festung gewesen war, lag auf dem staubigen Boden. War zu Fall gebracht. Auch der kleine Engel lag dort, der auf dem Tor geprangt hatte. Seine Flügel, die er schützend um sich geschlungen hatte, hatte er nun von seiner jetzt ersichtlich zierlichen Gestalt gestreckt, als wolle er zum Himmel empor steigen, wo sein eigentlicher Platz war. Es dauerte eine Weile, bis man das gesamte Ausmaß der Zerstörung erblicken konnte und der trockene Staub dem feuchten Nebel endgültig gewichen war. Weiß befand sich nicht weit von der einst so großen Festung. Aya und Yohji waren bewusstlos und lagen schwer atmend auf dem trockenen Boden. Es würde nicht lange dauern, bis sie wieder aufwachen würden. Diese Flucht war knapp gewesen. Sehr knapp, doch sie hatten es geschafft. Ken drückte Omi fest an sich. Er fühlte sich immer noch so kalt an. Der Ältere strich ihm durch das dunkelblonde Haar, bettete seinen Kopf auf seiner Schulter. Warum wachte er denn nicht mehr auf? Angst kroch durch seinen Körper. Sollte die Hilfe zu spät gekommen sein? Würde sich Omi jemals wieder erholen? Ken begann, mit Omi im Arm vor und zurück zu wiegen, immer wieder, immer schneller. "Omi?" Keine Reaktion. Ken hatte Angst, nach einem Puls oder Herzschlag zu fühlen. Er hatte Angst, beides nicht zu finden, also festigte er seinen Griff und hielt Omi weiter fest, obwohl es selbst ihm mittlerweile so vorkam, als würde er sich an Omi festhalten. Es waren so viele furchtbare Dinge mit ihnen geschehen, sie hatten so viel Schlimmes ertragen müssen, aber sie hatten es doch geschafft, oder? Montauk war zerstört, Weiß noch am Leben. Omi doch auch! Omi musste überlebt haben! Ken verbarg sein Gesicht in Omis zerfranstem Haar und begann zu weinen. Schon immer hatte er Angst gehabt, einen seiner Freunde bei einer Mission zu verlieren, und selbst bei Aya wäre es schlimm für ihn gewesen. Aber bei Omi... Omi war der Jüngste, hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und ein paar beruhigende Worte parat gehabt. Sollte er wirklich der erste sein, der diese Gemeinschaft verlassen musste? Und dann ausgerechnet jetzt, nach dem, was sie zusammen überstanden hatten? "Omi. Bitte, nicht. Du lebst doch noch, ich weiß es! Du kannst doch jetzt nicht gehen!" Ken flüsterte. Das Schwanken seiner Stimme verbot ihm, lauter zu sprechen. Einzelne Strähnen von Omis Haar wurden nass und verklebten sich. Ken hatte Kopfschmerzen. Ihm tat alles weh, aber diese körperlichen Schmerzen wären nichts gegen die Erkenntnis, Omi für immer verloren zu haben. Das durfte nicht sein. Er... er mochte ihn doch so sehr... oder war es schon Liebe? Ja, es war Liebe. Nicht wie zu einem Freund, nicht wie zu einem Bruder. Er liebte Omi als den Jungen, der er war und den Ken an seiner Seite wissen wollte. Warum war ihm das nicht schon früher klar geworden? Weil man das Offensichtlichste erst bemerkt, wenn es zu spät ist! "Verdammt, Omi, du kannst mich doch jetzt nicht allein lassen! Ich brauche dich doch!" Ken zuckte zusammen. Hatte Omi sich da gerade bewegt? Er lockerte seine Umklammerung und versuchte, irgendwelche Regungen in Omis Gesicht zu sehen. Nichts. Hatte er sich das nur eingebildet? Weil er es sich so sehr gewünscht hatte? Ken stand auf und hob Omi hoch. Sein Blick glitt über Aya und Yohji, die langsam wieder zu Bewusstsein kamen. Er konnte nicht auf sie warten. Omi brauchte Hilfe, er musste ihn in ein Krankenhaus bringen. Doch Ken kam nur langsam voran. Er hatte keine Kraft mehr, war vollkommen ausgelaugt und erschöpft. Aber er durfte jetzt nicht schlapp machen. Er wollte nicht daran glauben, das alles zu spät war. Er wollte es nicht akzeptieren. Er war kaum am Auto angekommen, als er stolperte. Keine Möglichkeit mehr, Halt zu finden. Er fiel hin, schaffte es nur noch, sich etwas mit dem Arm auf dem Boden abzustützen und so Omi nicht vollkommen unter sich zu begraben. Omis Kopf rutschte zur Seite und Ken konnte eine Träne auf seiner Wange glitzern sehen. Also doch! Er lebte noch. Tote konnten nicht weinen, oder? Nein, sicher nicht. Omi war noch am Leben! Ein verzweifeltes, fast irres Lächeln zeichnete sich auf Kens Lippen ab, als er sich wieder in die Höhe kämpfen wollte, es mit Omi aber nicht mehr schaffte. Warum musste er ausgerechnet jetzt so schwach sein? Jetzt, wo er schnell handeln musste. Er sackte wieder zu Boden und senkte den Kopf, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, die sanft zudrückte. "Ab hier übernehmen wir wieder." Yohji lächelte und hob Omi auf, um ihn ins Auto zu tragen. Wieder versuchte Ken aufzustehen und zu folgen, doch seine Beine knickten jedes Mal unter ihm weg, bis er gehalten wurde. Aya schlang seine Arme um Kens Oberkörper und hielt ihn oben. Ken drehte den Kopf zur Seite und sah ihn an. Er lächelte. Das gab es doch nicht. Aya lächelte tatsächlich und zog ihn zum Auto. Als er die Tür zugeschlagen hatte, lehnte Ken sich nach hinten und bettete Omis Kopf in seinem Schoß. Aya platzierte sich hinter dem Steuer. Yohji folgte ihnen mit dem anderen Wagen. "Es wird alles gut, Omi", flüsterte Ken der bewusstlosen Gestalt zu und strich ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Wir bringen dich ins Krankenhaus, die werden dir da schon helfen. Und wenn du wieder gesund bist, haben wir viel nachzuholen! Ich könnte dir beibringen, wie man Fußball spielt, und wir können auch mal zusammen Eis essen gehen. Und ich verspreche dir, dich immer das Fernsehprogramm aussuchen zu lassen, okay? Ich tu alles, du musst nur wieder gesund werden!" Aya beobachtete den wimmernden Ken mit einem weinenden und einem lachenden Auge durch den Rückspiegel. Er machte sich auch Sorgen. Doch nicht allein um Omi, genauso um Ken, der dort hinten fast zusammenbrach. Aya drückte aufs Gas und konzentrierte sich wieder auf den Weg. Er hatte nicht viel Hoffnung...
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Ungläubig starrende und teilweise weinende Mädchen zierten die Fenster des Blumenladens. Ken hatte die Arme um Omi geschlungen und küsste den Jüngeren, der seine Hände in die kurzen, braunen Haare des anderen Assassin flocht. Yohji stand etwas abseits neben Aya, der gerade irgendwelche Blumen goss, und blinzelte das Paar mürrisch an. Es war ja nicht so, dass es ihn störte, zumindest normalerweise nicht. Er freute sich ja für die beiden. Freute sich, dass Omi überlebt hatte, sich dank Kens Fürsorge erstaunlich schnell erholte und die beiden sich endlich gefunden hatten. Aber mussten sie das ausgerechnet hier im Blumenladen zur Schau stellen? "Wir verlieren noch unsere ganze Kundschaft, wenn das die Runde macht. Irgendwann denken die, wir haben alle was miteinander!" Yohji hielt sich die Stirn und seufzte leise auf. "Das ist nicht gut für mein Image." Aya schien sich nicht daran zu stören, stand auf und folgte seinem Blick auf die sich Küssenden. "So lange sie unsere Arbeit nicht gefährden, kann es uns doch egal sein." Er stellte die Gießkanne ab und hob eine kleine grüne Sprühflasche hervor. "Du denkst auch nur an erfolgreiche Missionen, oder? Gibt es in deinem Leben nichts anderes? Beneidest du die beiden nicht ein bisschen? Tiefe, ehrliche Liebe, wann hast du so etwas jemals gespürt? Von deiner Schwester mal abgesehen." Yohji sah Aya erwartungsvoll an, doch der antwortete nicht, sondern besprühte einige Lilien, die auf einem kleinen Brett an der Wand standen. "Aya?" Yohjis Aufmerksamkeit wanderte nun von Ken und Omi zu dem Rothaarigen, der ihn keines Blickes würdigte. "Sag bloß, du hattest noch nie eine Freundin?" Aya zuckte kurz zusammen und widmete sich plötzlich reichlich übertrieben den Pflanzen vor ihm. "Wenn du noch nie eine Freundin hattest... nicht einmal einen Freund?" Wieder antwortete Aya nicht, senkte nur seinen Blick, um Yohjis so weiterhin zu entgehen und sprühte eifrig weiter. "Bist du noch Jungfrau?!" Aya sprang auf und blinzelte Yohji wütend an. Eine leichte rote Färbung hatte sich auf seine Wangen gelegt, doch sie verschwand sehr bald und wurde von einem wütenden Funkeln seiner Augen ersetzt. Er drückte Yohji die Flasche in die Hand, zog seinen Kittel aus und ging zur Treppe, die ins zweite Stockwerk führte. Yohji blieb einen Moment ratlos und mit einem überraschten Gesichtsausdruck stehen, ehe er ihm lächelnd folgte und die Treppen hoch hechtete. "Auf was für einen Typ stehst du denn? Dunkel, hell, groß, klein? Wie wäre es, wenn wir mal zusammen auf die Piste gehen? Wir finden schon was Nettes für dich!" Omi und Ken lösten sich erst wieder voneinander, als ein Knall ertönte und Yohji mit lautem Gerumpel rückwärts die Treppe hinunterfiel. Die Welt im 'Kitten in the Haus' war für Bombay, Siberian, Abyssinian und Balinese wieder in Ordnung. Wunden waren verheilt, böse Träume ausgeträumt, Zweifel ausgemerzt und Gefühle aus dem Dunkeln ans Tageslicht hervorgeholt. Alles lief munter weiter, wenn auch etwas anders als bisher...
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