Zurück
 
Odin's Court
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
 
 

Odin's Court

Teil 1, © by Tatjana ()

 

Disclaimer: Die HL-Charaktere gehören immer noch Panzer/Davies/Rysher, ich bekomme kein Geld für die Story, die unbedingt www-Luft schnuppern wollte, um anderen Fans zu gefallen.
Wo die Copyrights für "Der 13.Krieger" liegen, weiß ich nicht, aber auch da habe ich - glaube ich zumindest - alles berücksichtigt. Aus diesem Film habe ich mir dreisterweise einmal das Gebet der Wikinger gemopst, es minimal umgewandelt, um es auch verwenden zu können und ... tja, that's it.
Cassandra's Prophezeiung stammt aus der Edda. (Danke Sigrun für diesen Hinweis, ich hätte lediglich den Verfasser nennen können. :-) )
"Odin's Court" und "Walhalla" stammen von Black Sabbath und ihrem Album "Tyr", das 1991 erschien. Fragt mich jetzt bitte nicht nach der Plattenfirma!
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion

 

As you walk alone the night surrounds you like a shroud
The dreams you had were once of love and being proud
Misty horizons block your visions of the world
But the raven's eyes will show you all you need to know.
 
The land you loved is now so barren and so cold
The name of God rings out so high in your soul
This time the masters will lead us by the sword
And should we fail then all prevails in Odin's Court
(Odin's Court, Black Sabbath)
 
 
Leading us on, to the Land of Eternity
Riding the cold cold winds of Valhalla
 
The Kingdom of Odin is the Kingdom of Gods
Where only souls of the brave may rest in peace
But someone among them had the skill of deceit
And raised the hand that would open the road to Hel
 
When the winds of Valhalla run cold
Be sure that the blood will start to flow
When the winds of Valhalla run cold
Valhalla
 
The ring has been broken and a soul must be saved
Among the bravest of men, who rides to Hel
The longships are sailing and the chariots ride
And yes the anger of Thor will serve you well
 
Raise your hands
Reach and Valhalla will save your soul
Raise your eyes
And Odin will lead us on
 
They say that history repeats itself
Upon the year of the seventh Century
Well nobody knows no you can never tell
So you'd better run now and hide away
 
When the winds of Valhalla run cold
Be sure that the blood will start to flow
When the winds of Valhalla run cold
Valhalla
(Valhalla, Black Sabbath)
 
** * **
 
I.

 

Die junge Frau wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Die Luft in der kleinen, primitiven Hütte war stickig und heiß, aber das war nicht der Grund dafür, weswegen sie keuchte und ihr der Schweiß auf der Stirn stand. Draußen verdeckten dicke Wolken den Mond und irgendwo schrie klagend ein Käuzchen, dessen Ruf die Frau bis in ihre Träume verfolgte. Sie atmete schneller, fing an, um sich zu schlagen, bis sie endlich mit einem unterdrückten Laut hochfuhr und sich verwirrt umsah. Es dauerte einen Moment, bis sie wieder wußte, wo sie war. Erleichtert fuhr sie sich mit der Hand durch das lange Haar und fiel schwer zurück auf ihr karges Bett. Von dort aus starrte sie in die Dunkelheit, die sie umgab. Bemüht, langsam und kontrolliert zu atmen, kreisten ihre Gedanken um die Alpträume, die sie in den letzten Wochen und Monaten Nacht für Nacht heimsuchten. Dieser war nicht anders gewesen als die vor ihm. Sie konnte sich an nichts erinnern, nur ein einziger Satz war in ihrem Gedächtnis hängen geblieben und es schien, als halle er wie ein Echo, hohl und stimmlos, durch ihre Behausung: "Folge dem Drachen und du wirst finden, was du suchst!"

Gequält stöhnte sie auf. Wieso? Wieso nur verfolgten sie diese Träume? Was für einen Grund sollte sie haben, dem Drachen zu folgen? Mal ganz abgesehen davon, daß sie nicht an Drachen glaubte. Sie empfand diese Fabelwesen, die mordend und jungfrauenraubend durch die Lande zogen und sie unsicher machten, als Hirngespinste, als nicht existent. Vielleicht bin ich einfach zu alt, um noch an Märchen zu glauben?, überlegte sie. Die einzigen Drachen, die sie kannte, waren durchweg menschlicher Gestalt und hatten - bis auf ihren Charakter - nichts mit einem Tier gemein. Ein eisiger Schauer rann ihr über den Rücken und fröstelnd zog sie ihre Decke höher.

Was sollte dieses Gerede: »Du wirst finden, was du suchst.«? Was sollte es geben, das sie suchen würde? Sie hatte doch alles, hier, in diesem Dorf, weitab von der Welt, die sie nicht mehr ertrug. Hier hatte man sie akzeptiert und auch wenn man sie anfangs mißtrauisch beäugt hatte, weil sie alleine lebte, so hatte man sie doch in Ruhe gelassen. Sie kam gut mit den Dorfbewohnern aus und die suchten häufig Rat bei ihr oder kamen einfach nur zum Plaudern zu ihr. Und wenn ihnen an der jungen Frau etwas merkwürdig vorkam, so behielten sie es für sich und schwiegen darüber. Hier hatte sie endlich gefunden, wonach sie lange Zeit gesucht hatte: Frieden. Hier war ihre Seele zur Ruhe gekommen, und nur der melancholische Ausdruck in ihren klaren Augen zeugte von den Schmerzen, die sie manchmal noch plagten, wenn die Winternächte lang und einsam waren und sie sich nicht gegen die Erinnerungen wehren konnte.

Ihre kleine Hütte lag am Rande, ein wenig außerhalb, der Dorfgemeinschaft und bot ihr genug Platz zum Leben. Der winzige Garten und der karge Boden warfen gerade mal genug ab, um sie einigermaßen zu ernähren und deshalb war sie froh, daß ihre Heilkunst weithin gerühmt war. Die Menschen kamen von nah und fern, um sie um Rat zu fragen und sich von ihr Heilkräuter geben zu lassen. Als Gegenleistung dafür bekam sie Lebensmittel und Wolle, Leder oder Gebrauchsgegenstände, ganz so, wie sie es haben wollte. Es war ein einfaches Leben, aber es füllte ihre Tage aus. Die Frauen des Dorfes bewunderten ihre Schönheit und eiferten ihr nach, wenn sie auch nicht verstehen konnten, warum ihre fremdartige Freundin niemals lachte. Wenn man ihr mal ein flüchtiges Lächeln entlocken konnte, so war das schon viel. Doch selbst das versiegte in den Mundwinkeln und schaffte es nicht einmal, ihre Wangen zu berühren, geschweige denn ihre Augen. Sie vermuteten dahinter eine tragische Liebesgeschichte und abends, wenn sie zusammensaßen, tuschelten sie darüber und rätselten, was es wohl gewesen sein könnte, daß Resa so traurig gemacht hatte.

Resa, ja, so lautete der Name, mit dem sie sich hier vorgestellt hatte, als sie hierher kam und sich niederließ. Eines Tages, in einer nicht allzu fernen Zukunft, würde sie ihre Sachen packen und weiterziehen, sie würde ihren Namen ändern und ein neues Leben beginnen. Wie schon so viele, unzählige Male vorher. Eine Frau mit heller Haut und rabenschwarzem Haar, das in der Sonne rötlich schimmerte, mit grünen Augen, die wie das Nordlicht leuchteten und einzigartig waren. Diese Attribute allein würden schon genügen, um sie weit über die Grenzen ihres Dorfes hinaus bekannt zu machen. Die Kunde über die schöne Frau, die alleine und anscheinend recht gut lebte, hatte weithin die Runde gemacht und es wäre schwer, sich in diesem Land neu anzusiedeln. So würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als das Land zu verlassen und mit einem Schiff über das Meer zu ziehen. Irgendwohin, wo man sich nicht mehr an sie erinnerte...

Resa seufzte ergeben auf und erhob sich dann endlich. Zwar war es noch stockfinster draußen, aber sie wußte, daß sie eh keinen Schlaf mehr finden würde. Was machte es da noch Sinn, liegen zu bleiben? Sie wusch sich ausgiebig und zog sich dann gemächlich an. Vor ihrem Haus sitzend, beobachtete sie die aufgehende Sonne, als sie hinter dem Horizont aufstieg, und fragte sich, wieso sie immer noch ein so beklommenes Gefühl in sich trug. Unwillig gestand sie sich ein, daß sie ihr Unbehagen vor diesen Träumen nicht einmal vor sich selbst verbergen konnte. Sie schloß die Augen und genoß die ersten hellen Strahlen auf ihrem Gesicht. Der Duft ihrer Heilkräuter stieg ihr in die Nase, vermischt mit der Feuchtigkeit, die von der Erde aufstieg. Tief sog Resa die Luft ein und ließ sie ganz langsam wieder entweichen. Nicht ohne Grund hatte sie dieses Leben ausgewählt. Sie liebte den Duft des erwachenden Tages, wenn die Nebel aufstiegen und die Erde würzig roch, wenn noch keine Geräusche die friedliche Stimmung störten und man seine Seele auf die Reise schicken konnte. Mit beiden Händen fuhr die junge Frau sich durch das lange Haar und ließ es locker über die Schultern und den Rücken fallen. Wie friedlich doch alles war...

Ihr Friede war durch das Auftauchen dieser merkwürdigen Träume jäh gestört worden und das machte Resa unruhig. Seit jeher hatte sie an Vorahnungen geglaubt, war Visionen gefolgt und selten hatten sie sich als falsch erwiesen. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie aufgehört hatte, zu träumen. Aufgehört hatte, zu glauben. Eines Tages war ihr diese Gabe entschwunden und sie hatte sie nicht einmal vermißt. Jetzt war sie wieder da und störte den wackeligen Frieden, den sie sich für kurze Zeit geschaffen hatte.

Ein flüchtiger Blick in Richtung Dorf ließ sie nachdenklich die Stirn runzeln. Hatte es einen bestimmten Grund gehabt, daß sie ausgerechnet hierher gekommen war? War es ihr Schicksal, daß sie hier war? Nein., entschied sie schnell. Diese Menschen wußten, ja ahnten nicht einmal, wer sie war und das war auch gut so. Wenn diese Träume etwas zu bedeuten hatten, dann mit Sicherheit, daß sie in den letzten Wochen zu schwer gegessen hatte vor dem Schlafengehen. Und damit gut!

Das Brüllen einer Kuh riß sie aus ihrer Nachdenklichkeit und träge öffnete sie ihre Augen. In ihrem Garten stand eine braune Kuh, kaute seelenruhig auf ihrem Gemüse herum und sah sie aus treuen Augen herzig an. Ein Lächeln huschte über die jungen Züge. "Na, du Ausreißerin, schmeckt's dir? Komm, Darla wird dich schon überall suchen." Damit ging sie langsam auf die Kuh zu, die ihr ruhig entgegensah, nahm sie bei einem Horn und führte sie bestimmt aus ihrem Garten hinaus und dem Dorf zu. Schon von weitem sah sie das junge Mädchen, das ihr atemlos entgegen kam. Als Darla ihre kaum ältere Freundin mit der Kuh sah, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und fing an zu jammern.

 

"Oh bitte, sag nicht, was ich denke!" flehte sie hilflos. "Sag nicht, daß dieses dumme Vieh in deinem Garten war!" "Sie war in meinem Garten." erwiderte Resa gelassen und sah mit leichtem Anflug von Humor zu, wie Darla ihre Hände rang und eine Schimpftirade gegen die arme Kuh losließ, die immer noch an den erbeuteten Kräutern kaute und sich nicht darum scherte, was man von ihr dachte. Ein bißchen beneidete Resa das Tier, das sein Desinteresse so offen zeigte. Wie schön wäre es, ein bißchen mehr wie sie zu sein!, dachte sie sehnsüchtig.

 

"Resa!" Darlas Stimme klang vorwurfsvoll und die Frau riß sich zusammen. "Was? Entschuldige, ich habe nicht zugehört." Verwirrt blickte Resa auf die Jüngere nieder. "Ich habe dich gefragt, ob du zum Frühstück mitkommen möchtest. Wir werden heute mit dem Brautschmuck für Lilien anfangen. Vielleicht magst du ja mithelfen?" "Ja... ja, gerne." stammelte Resa und folgte der plaudernden Freundin ins Dorf, die anscheinend keinen Anstoß an der Zerstreutheit der anderen nahm, sondern so tat, als sei es ganz normal. Resa war ihr echt dankbar dafür.

Nach einem reichhaltigen Frühstück fanden sich die Frauen und Mädchen des Dorfes zusammen, um den Brautschmuck Liliens anzufertigen. Da wurden Blumenkränze gebunden, das Kleid wurde reichhaltig verziert, die Schuhe bestickt, die kleine Krone, die Lilien tragen würde, wurde mit viel Liebe gefertigt, und unter Lachen und Plaudern gingen die Stunden schnell vorbei. Das fröhliche Scherzen und Rufen lockte die Burschen des Dorfes an, die sich dazu setzten und hofften, eine Eroberung machen zu können, mit der sie dann auf der Hochzeit tanzen konnten. Mit der Abgeklärtheit des Alters beobachtete Resa mit den älteren Frauen der Gemeinschaft dieses lustige Treiben, mischte sich aber nicht in das neckische Rufen ein, das die Frauen nun unternahmen. Ohne sich wirklich auf ihre ungewohnte Arbeit zu konzentrieren, arbeiteten ihre Finger geschickt an den filigranen Blumengirlanden, welche die Krone schmücken sollten. Kaum hörte sie hin, bis ihr Ohr etwas aufschnappte, das sie aufhorchen ließ: "...Ja, ich sag's euch! Und er sagte, nicht einer hätte es überlebt..."

Neugierig wandte Resa ihren Kopf und sah in einigem Abstand ein paar Burschen sitzen, von denen einer sich wohl wichtig machen wollte, indem er mit wichtiger Miene von den neuesten Nachrichten erzählte, die man ihm zugetragen hatte. Sie tat so, als hätte sie nichts gehört, war aber umso gespannter, noch mehr zu erfahren. Leider fanden die Jungen an den Mädchen mehr Gefallen als an ihren Nachrichten und so wurde ihre Neugierde nicht befriedigt.

Vier Tage vergingen auf diese Art und Weise, immer öfter konnte Resa beobachten, wie die Männer die Köpfe zusammensteckten und schlagartig aufhörten zu reden, sobald eine Frau sich ihnen näherte. Worüber mochten sie reden, daß sie so geheimnisvoll taten? Wahrscheinlich etwas wichtiges, wenn es nur die Männer anging. Vielleicht waren es aber auch nur Dinge, die die bevorstehende Hochzeit angingen und es sollte eine Überraschung werden? Wer wußte schon, was ein Mann so dachte?

 

**
 

Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, wie Resa es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Unzählige Köstlichkeiten wurden aufgetischt, Musik gemacht, es wurde gefeiert, geküßt und geliebt, man lachte und plauderte, man ließ das Brautpaar hochleben und wünschte ihm viele Nachkommen. Resa kniff die Augen zusammen. Irrte sie sich so sehr oder hatte Danael bei diesem Wunsch das Gesicht ein wenig schmerzlich verzogen? Resa mochte Danael. Er war ein rechtschaffener junger Mann, der hart arbeitete und mit dem man auch mal ein vernünftiges Wort wechseln konnte. Er hatte etwas sehr nettes an sich, daß man sofort Vertrauen zu ihm verspürte, und er behandelte jedes Wort, das man ihm sagte, wie ein großes Geheimnis. Niemals würde er tratschen, und das rechnete Resa ihm umso höher an, wußte sie doch, wie interessant man sich machen konnte, wenn man nur eine tolle Geschichte erzählen konnte. Egal, ob wahr oder erfunden. Als Danael sich erleichtern ging, entfernte auch Resa sich vom fröhlichen Treiben und verharrte still im Schatten eines Hauses, bis Danael wieder auftauchte.

Um ein Haar wäre ihm seine Hose wieder herunter gerutscht, so sehr erschreckte es ihn, daß die junge Frau aus dem Dunklen vor ihm auftauchte und so unbekümmert tat, daß er einen Augenblick lang an der Ehrenhaftigkeit ihrer Absicht zweifelte.

"Hab ich dich erschreckt?"

Danael konnte Resas Gesicht nicht erkennen, aber es hörte sich an, als würde sie lächeln, während sie zu ihm sprach. Wahrscheinlich stand ihm der Schock ja auch ins Gesicht geschrieben!? Stockend nickte er.

"Ja."

"Das tut mir leid. Ich wollte mit dir reden." Resa ging über seine momentane Gemütsverfassung hinweg und blickte an ihm vorbei in Richtung Hügel, die im hellen Mondschein dalagen. Heute Nacht würden sie keine Alpträume heimsuchen! "Worüber?" fragte der junge Mann unsicher.

Danael mochte die junge Heilkundige, die mit ihrem unschätzbaren Wissen schon vielen geholfen hatte, einschließlich ihm. Ihre stille, unaufdringliche Art machte sie ihm sympathisch und er hatte oft die Gelegenheit genutzt, sich mit ihr zu unterhalten. Dabei hatte er festgestellt, daß sie eine vernünftige junge Frau war, die sich ernsthafte Gedanken um die Welt, die sie umgab, machte und die nicht unbekümmert in den Tag hinein lebte wie so viele andere in ihrem Alter. Ihre bedächtige Art hatte ihm immer gut gefallen und wenn Lilien ihn nicht zum Mann genommen hätte, so hätte er es bestimmt eines Tages bei Resa versucht.

"Die Männer.... Worüber reden sie in den letzten Tagen?" Verlegen wand Danael sich und machte damit den Eindruck eines Wurms, der am Haken hing. "Ich... habe keine Ahnung, wovon du redest.... Es... ist doch alles so wie immer...." stammelte er. Jetzt irrten Resas Augen zu ihm zurück und fesselten seinen Blick. Kalt waren ihre Augen und starr, ganz anders, als der frischgebackene Ehemann sie in Erinnerung hatte. "Und du denkst, daß ich dir das glaube, ja?" fragte sie ihn ruhig. "Ich... Ich..." "Worüber, Danael???" Ergeben seufzte der Mann auf und seine breiten Schultern sackten nach vorne. "Sie... Es gibt Kunde über die Nordmänner." "Nordmänner?" fragte Resa verständnislos. "Sie.. kommen aus dem hohen Norden. Sie rauben und morden die ganze Küste entlang! Sie töten Frauen und Kinder, Alte und Junge, niemand ist vor ihnen sicher!" Danaels Stimme klang aufgebracht und ein wenig heiser, als er ihr sagte, was er wußte. Sie würde es verstehen, ohne in Panik zu geraten. Sie würde schweigen über dieses düstere Geheimnis. Er vertraute ihr! "Wieso interessieren sie euch?" Und dabei wußte die Frau ziemlich genau, daß sie es lieber nicht erfahren wollte. Die Wahrheit würde bitter werden, das fühlte sie.

"Sie... kommen immer näher. Es soll eine Armee gegründet werden, die sich ihnen entgegenstellt." Resas Kiefer traten kantig hervor, als sie ihn hörte. "Du wirst einer von ihnen sein." stellte sie mit ruhiger Stimme fest. Wozu noch fragen, wenn es doch so offensichtlich war? "Ja." Ein knappes Nicken von Seiten der jungen Frau, dann drehte sie sich einfach um und ging wieder dem Fest zu, das sie verlassen hatte. Danael haschte nach ihrem Ärmel und hielt sie zurück. Ängstlich sah er der Freundin ins Gesicht. "Du... Du wirst es doch für dich behalten, nicht wahr!? Wenn Lilien es erfährt... jetzt..." Sanft legte Resa ihre schmale Hand auf seine und drückt sie leicht. "Keine Angst, ich werde es ihr nicht sagen. Ich werde dafür beten, daß es nicht soweit kommt, daß sie es erfahren muß." Damit ging sie endgültig. Danael sah ihr nach. Tief atmete er ein und aus, dann strafften sich seine Schultern und er folgte ihr in einigem Abstand, um sich wieder unter die Feiernden zu mischen, die ihn und seine reizende Braut hochleben ließen...

Danael stand bei seinen Freunden und Verwandten und trank mit ihnen und ließ sich von ihnen feiern wie ein Held, aber seine Gedanken, seine Augen verweilten nicht bei den Gefährten. Sie waren bei einer jungen Frau, die er von seinem Standpunkt aus sehr gut sehen konnte. Das Kleid, das Resa heute trug, war einfach; über dem blauen Unterkleid trug sie eine helle Schürze, die vor der Brust geschnürt war und egal, wie sehr man sich auch anstrengte, man konnte keinen Blick auf den verlockenden Inhalt des Kleides erhaschen. Das dunkle Haar lag offen über ihrem Rücken und sie sah sehr jung und sehr schön aus. Er fragte sich wieder einmal, wieso sie niemals lachte.

Er konnte sich nicht auf das Gerede konzentrieren. Es hatte ihn irritiert, Resas Gesichtsausdruck zu sehen, als er ihr von den Nordmännern erzählt hatte. Da kam es ihm vor, als sei sie eine ganz andere als die, die er kennengelernt hatte. Dieser Blick, dieser Gesichtsausdruck... Niemals zuvor hatte er so etwas bei einer Frau gesehen! Matt wischte er sich mit der flachen Hand über die Stirn. Hatte er zu viel getrunken? Jetzt wandte Resa ihm ihr Gesicht zu und winkte ihm mit einem freundlichen Lächeln. Oh ja, er hatte viel zu viel getrunken! Sie war so liebreizend, nie im Leben hatte sie das Gesicht getragen, daß er bei ihr gesehen haben wollte!

Lachend schlug ihm sein Vetter auf die Schulter und brüllte: "Danael, Freund, heb dir dieses Abenteuer für später auf, wenn du dein Eheweib beglückt hast!" Er wies mit einem Kopfnicken in Richtung der Heilerin. "Wenn du bei ihr überhaupt anklopfen darfst." fügte er augenzwinkernd hinzu. Danael schnaubte verärgert und drehte sich heftig um. "Du redest Unsinn!" schalt er ungehalten. Brüsk drängelte er sich an den Vettern vorbei, die ihn aufzogen, war ihnen Danaels Sympathie für die Heilerin doch nicht verborgen geblieben. Gerne würde ein jeder von ihnen den Platz auf Resas Lager einnehmen, aber sie hatte bisher jeden Annäherungsversuch freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Oder sollte der brave Danael etwa doch...?

 

**
 

So verging Tag um Tag in langweiliger Eintönigkeit, der Mond wechselte und das Dorf ging den alltäglichen Beschäftigungen nach, wie immer. Resa half den Frauen des Dorfes beim Spinnen. Ihre Geschicklichkeit dabei rang den Jüngeren Bewunderung, den Älteren Wohlwollen ab. Ihre Gedanken schweiften in die Ferne, während ihre Finger unablässig den Faden zwirnten und der Spinnrocken gleichmäßig auf und nieder tanzte.

Mittlerweile war die Nachricht gekommen, daß die Nordmänner näher kamen. Sie verließen die Küsten und wandten sich dem Landesinneren zu, um dort weiter Angst und Schrecken zu verbreiten. Resa hatte wie die anderen Frauen gehofft und gebetet, daß die Gefahr an ihnen vorbei zog. Die Küste war weit weg; weit genug, daß sie verschont bleiben könnten. Die Landherren hatten Kunde an ihre Dorfältesten gegeben, daß sie sich bereitzuhalten hatten, um in den Krieg zu ziehen. Gestern hatte der Dorfälteste ihnen den Auftrag gegeben, Mäntel und Kleidung zu weben und zu nähen. Der Schmied war vollauf damit beschäftigt, Waffen und Schirrzeug in Ordnung zu bringen und es wurde fleißig Fleisch gepökelt, um es den Männern mit auf den Weg zu geben. Alles war sinnlos gewesen! Die Armee war gegründet, der Abmarsch beschlossene Sache. Kein Jammern oder Wehklagen half, kein Flehen und kein Fluchen. Von den Frauen wurde erwartet, daß sie sich mit den Tatsachen abfanden und schweigend litten, während die Männer sich in endlosen Gesprächen über Taktik und Strategie verloren. Resa lächelte bitter. Keiner von ihnen hatte das Schlachtfeld gesehen, aber alle kannten sie die richtige Taktik! Was für Narren!

 

Endlos spann sich der Faden; endlos und gleichmäßig, wie das Leben....

 

Lilien war bei ihr gewesen. Sie hatte geweint, hatte Himmel und Hölle beschworen, ihr den Mann zu lassen und Resa hatte nichts tun können, um ihren Schmerz zu lindern. Es war der Wille der Götter. Alles war der Wille der Götter. Kein Mensch konnte sich gegen sie stellen und seinen eigenen Willen durchsetzen, Resa wußte es nur zu gut. Sie waren nicht dafür geboren, gottgleich zu sein und zu herrschen. Vor ihren Augen verschwamm alles und die Welt ballte sich zu einem wabernden, roten Nebel zusammen. Danael würde sterben! Sein Kind würde ohne Vater aufwachsen, aber mit dem Haß auf die Nordmänner, den seine Mutter ihm mit der Muttermilch eingeben würde. Ein endloser Kreislauf aus Liebe und Haß, Glück und Enttäuschung, der niemals endete und ewig anhielt. Dieser Haß würde von Generation zu Generation weitergegeben werden und in tausend Jahren noch würden die Menschen sich bekriegen. Weswegen würde keiner mehr wissen. Sie würden es tun, weil man es immer schon so getan hatte und weil man es von ihnen erwartete. Es war leicht, zu hassen. Wieviel schwerer war es, zu vergeben für die Sünden der Väter?!...

 

Erschrocken zuckte die Heilerin zusammen. Sie murmelte undeutlich eine Entschuldigung und hob die Spindel auf, die auf den Boden gefallen war. Ihr Faden war gerissen und es verlangte einiges an Konzentration, ihn wieder zu flicken, damit er hielt. Du solltest dich nicht mehr in Tagträumen verlieren!, schalt sie sich selber.

 

"Du siehst müde aus." Darla lehnte sich herüber und flüsterte der Freundin zu, sie sorgenvoll betrachtend. Resa lächelte das für sie typische flüchtige Lächeln. "Ich habe in den letzten Tagen etwas schlecht geschlafen." erwiderte sie knapp. Das war glatt gelogen! Seit sie das letzte Mal Alpträume gehabt hatte, hatte sie nicht mehr geschlafen. Sie hatte jedem erzählt, sie würde Fasten und Meditieren, was in einem gewissen Maße auch stimmte, aber sie weigerte sich, sich selber einzugestehen, daß sie sich davor fürchtete, einzuschlafen.

Darla sah sie mißtrauisch an, sagte aber nichts weiter. Stattdessen fing sie an, Geschichten zu erzählen, die mal die eine, mal die andere weiterführte und so zu willkommener Abwechslung führte...

 

»Folge dem Drachen!«

 

Der Dorfälteste kam zu den Frauen, um zu sehen, wie sie mit ihren Arbeiten vorankamen. Ruhig sah Resa auf und ihre Stimme klang klar und bestimmt: "Ich werde mit euch kommen." Sprachlos starrte der alte Mann die junge Frau an. War sie übergeschnappt? Hatte sie zu lange in der Sonne gesessen? Bekam ihr das Fasten nicht? Wie konnte sie es wagen, überhaupt an so etwas zu denken?

"Wir brauchen deine Kunst nicht, Heilerin. Hier wirst du mehr gebraucht."

"Meine Entscheidung liegt nicht in deinem Ermessen, alter Mann!"

 

**
 

Flehend klammerte Lilien sich an den schmalen Schultern der Heilerin fest, die jetzt so ganz anders aussah als sonst, und weinte wie ein Kind: "Bitte, Resa.... Bitte, mach einen Zauber, daß Danael schnell wieder heimkommt!" Unangenehm berührt wich die Frau dem Blick der Bittstellerin aus, die sie drängend schüttelte. "Resa, bitte, versprich es mir! Bring ihn wieder heim!" Die Angesprochene schluckte schwer. Fassungslos starrte Lilien sie an. Nur langsam sank die Erkenntnis in ihr Bewußtsein ein und das Grauen zeichnete sich auf ihren Zügen ab. "Er.... Er wird nicht mehr zurückkommen, nicht wahr?" stammelte sie ungläubig. "Du hast es gesehen, er wird nie mehr zurückkehren, nicht wahr!?" Resa suchte angestrengt nach Worten, um ihr Bedauern auszudrücken, fand aber keine. Traurig sah sie die werdende Mutter an und ihr Blick sagte mehr als tausend Worte. "Nein!" Lilien heulte auf. "Nein, das lasse ich nicht zu!" Hastig fuhr sie herum und rannte auf den Platz hinaus, wo die Männer schon mit ihren Pferden warteten. "Danael! Danael!"......

 

Schweißgebadet fuhr Resa aus dem Schlaf hoch und schnappte nach Luft. Bleischwer lastete der Druck des Alptraums auf ihrer Brust und die Luft schien wie aus dichtem, stickigem Nebel zu sein, in dem es sich nicht atmen ließ.

"Du schläfst schlecht, kann das sein?"

Müde wandte sie ihr Gesicht dem Sprecher zu. Danael saß am Lagerfeuer und sah sie aus dunklen Augen an. Die anderen schliefen schon alle, nur er hielt Wache, bis man ihn in ein paar Stunden ablöste. Überall rund um Resa herum konnte sie das laute Schnarchen der Leute hören, roch den Schweiß, den sie verströmten und hier und da murmelte einer im Schlaf. Erschöpft fuhr sie sich mit einer Hand durch das Haar und stöhnte leise auf. Sie stand auf und setzte sich Danael gegenüber ans Feuer, von wo aus sie in die zuckenden Flammen starrte, deren grelle Helligkeit die tiefen Ringe unter ihren Augen offenbarten und so seine Vermutung nur noch bestätigten.

"Bereust du deine Entscheidung?"

"Nein, es ist das schlechte Gewissen."

Mit einem kleinen Ast stocherte sie in der Glut. Sie vermied jeden Blickkontakt mit ihm, seit sie das Dorf verlassen hatten. Die Männer hatten ihre Entscheidung mißbilligt und ließen sie das auch spüren. Das nagende Gewissen machte es ihr unmöglich, mit Danael auch nur ein Wort zu wechseln, obwohl er ihre Entscheidung zu akzeptieren schien. - Als einer der wenigen hier.

"Ich denke, du hast richtig gehandelt, als du es ihr gesagt hast."

Konnte er etwa schon Gedanken lesen?

"Und warum fühle ich mich dann so schlecht?" fragte sie gequält. Danael lächelte. "Du hast ihr die Möglichkeit gegeben, jetzt schon zu trauern. Sie wird nicht Monate warten und hoffen und darüber altern. Sie wird es schaffen, glaube mir. Sie tut es für unseren Sohn." "Für jemanden, der so jung ist wie du, sprichst du erstaunlich weise." Resa war wirklich erstaunt und verhehlte es nicht. "Ich sehe die Dinge, wie sie sind." antwortete Danael ruhig. Sein Blick schweifte über die Gefährten. "Wie viele von uns werden heimkehren, Resa?" Sie folgte seinen Augen und zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht." Ihre Stimme klang genauso klar und bestimmt, wie zu dem Zeitpunkt, als sie kundgetan hatte, daß sie mitreiten würde. "Wie viele Chancen gibst du ihnen? Wenn die Nordmänner so kämpferisch sind, wie du sagst...." "Sie sind Bauern, Danael, vergiß das nicht. Viele von ihnen sind tapfer, ohne Zweifel, aber sie können noch nicht einmal unterscheiden, ob sie eine Forke oder ein Schwert in den Händen halten. Man muß nicht hellsehen können, um zu prophezeien."

 

Danael betrachtete sie lange und eingehend über das Feuer hinweg. Die Resa, die er kannte, existierte nicht mehr. Ihm gegenüber saß eine junge Frau in einer leichten Rüstung aus weichem Leder, die man binnen einer Nacht extra für sie angefertigt hatte. Sie war sehr knapp und enthüllte mehr, als daß sie verdeckte, aber gewiß hatte seine Freundin sich dabei etwas gedacht, als sie ihre Anweisungen gegeben hatte. An den Beinen trug sie hohe Stiefel, die bis weit über das Knie reichten und vermittelten den Eindruck, daß die Heilerin eine Kriegerin war. Aber das war halt nur ein Eindruck: Resa trug keine Waffen, die waren immer noch am Sattel des Pferdes befestigt, das ihr jemand gegeben hatte, und sie machte auch keine Anstalten, sie an sich zu nehmen. Das einzige, was noch an die alte Resa erinnerte, war der kleine lederne Beutel an ihrem Gürtel, in dem sie Heilkräuter mit sich trug, und der lange Umhang, den sie trug und in den sie sich zum Schlafen eingewickelt hatte. Jetzt lag er verlassen hinter ihr.

"Wieso bist du hier?"

Ein Laut war von ihr zu vernehmen, der eine Mischung aus Schnaufen und Lachen war. "Wenn ich das wüßte.... Glaubst du an Träume, Danael?" "Manchmal." "Vielleicht... Vielleicht folge ich meinem Drachen." murmelte sie halb in Gedanken versunken. "Was??" Verständnislos sah der Mann sie an, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Sie war mit ihren Gedanken unerreichbar weit weg und er ließ sie in Ruhe. Als sie vor Erschöpfung wieder eingeschlafen war, holte er ihren Umhang und breitete ihn sorgsam über ihren Schultern aus, damit sie nicht fror. Etwas mitleidig sah er auf sie hinab, dann weckte er seine Wachablösung und legte sich auch noch ein wenig schlafen.

 

**
 

Mißmutig trieb Danael sein Pferd durch den Regen. Seit drei Tagen schon regnete es ohne Unterlaß und selbst der hoffnungsloseste Optimist unter ihnen war mittlerweile verstummt und brütete finster vor sich hin. Sie alle waren bis auf die Haut durchnäßt und froren erbärmlich. Die dicken Mäntel, Hosen und Hemden waren vollgesogen mit Wasser und fühlten sich unendlich schwer an. Einzig Resa war nichts anzumerken. Klar, mußte Danael nicht ganz ohne Neid zugeben, das Leder ihrer Rüstung wurde zwar feucht, aber es sog sich nicht voll und ihr blieb das unangenehme Gefühl der anderen erspart. Ein bißchen bewunderte er sie für ihre Weitsicht. Zudem war ihr Mantel nicht aus der dicken Wolle gewebt wie die anderen, er war leicht und trotzdem wärmend. Jetzt kam ihr das zugute! Er fühlte ihren Blick auf sich ruhen und grinste schief.

"Wenn dieser verfluchte Regen nicht bald aufhört, werden wir mehr Verluste haben als in der Schlacht." mutmaßte er finster. Resa warf einen prüfenden Blick in den Himmel hinauf. "Es wird noch lange nicht aufhören zu regnen." sagte sie ruhig. "Aber das macht nichts." "Wieso?" Danael wußte nicht, worauf sie hinaus wollte. "Wir nähern uns unserem Ziel. Ist dir noch gar nicht aufgefallen, daß die Landschaft sich verändert hat? Das Gras ist dünner und härter geworden..." "Das habe ich letzte Nacht gemerkt, danke. Wahrscheinlich bin ich überall grün und blau," warf er lachend dazwischen, was ihr ein Grinsen entlockte. "...es gibt weniger Bäume und die Luft riecht ganz anders." "Hört sich an, als wärst du schon einmal an der Küste gewesen." "Ja," brummte sie unwillig. Damit trieb sie ihrem Pferd ihre Hacken in die Flanken und galoppierte voran. Lange sah Danael ihr nach, die Stirn nachdenklich gefurcht. Er wurde das dumpfe Gefühl nicht los, daß ihm seine Freundin etwas verheimlichte, was mit ihrem Leben zusammenhing. Der Grund für ihre Traurigkeit? Wozu nur immer diese Heimlichkeiten?

In der Ferne wartete sie auf einer Hügelkuppe und als Danael sie erreicht hatte, redete sie wieder mit ihm: "Siehst du die Hügelkette dort hinten am Horizont?" "Ja." "Dahinter liegt das Meer." Dahinter liegt unser Schicksal. Es war unnötig, die Bedeutung dieses Satzes noch näher auszuführen, die Männer um sie herum wußten auch so, was ihre Worte bedeuteten. Leicht legte Danael seine Unterarme auf dem Hals seines Pferdes ab und beugte sich etwas vor. "Hast du Angst?" Resa nahm die Zügel fest in die Hand und wendete ihr Pferd dem Abhang zu. "Wie kann ich etwas fürchten, daß ich nicht kenne?" erwiderte sie kühl und dirigierte das Tier sicher den Abhang hinab. Nicht wirklich beruhigt folgte Danael ihr langsamer....

 

**
 

Die Mädchen gingen mit dem Wein um. Als sie bei Resa angekommen war, sah die Kleine sie komisch an und ging dann zu Danael weiter, der neben der Freundin auf dem Boden saß. Resa grinste flüchtig, bitter, wie es ihm schien. Sanft nahm er ihr den Becher aus der Hand, reichte ihr seinen gefüllten und ließ sich den anderen nachfüllen. Sein Blick bat sie um Verzeihung für diese ungerechte Behandlung, aber sie lächelte nur. Unbekümmert prostete sie ihm zu und nahm einen kleinen Schluck des mäßigen Weines.

Unten, in der Ebene bei den Hügeln, waren sie auf eine Menge anderer Menschen gestoßen. Männer, die wie sie auf dem Weg waren, die Nordmänner aus ihrem Land zu vertreiben. Landherren, die sich nicht wie ihr eigener versteckten und selber kämpfen wollten, Stammesälteste und Dorfälteste, Adelige und Bauern. Aus vielen verschiedenen Stämmen waren sie zusammengekommen, um gemeinsam gegen die Nordmänner zu stehen. In der Ebene waren sie auch zu einem Dorf gekommen, dessen Ältester sie willkommen geheißen hatte und sich jetzt schon ungeziehmt lange Zeit für ihr Kommen bedankte. Die meisten der Männer hatten Resa verächtlich gemustert. Die einen vermuteten in ihr eine Lagerhure, andere wohl die Heilerin ihrer Leute; aber ausnahmslos mißbilligten sie die Anwesenheit der Frau. Und als diese es auch noch wagte, sich zu ihren Leuten in das große Zelt zu setzen, in dem ihre weitere Vorgehensweise besprochen wurde, - das war zu viel! Einer hatte versucht, Resa den Zutritt zu verweigern. - Nun mußte seine gebrochene Nase behandelt werden, die Danael ihm verpaßt hatte. Resa nahm daran keinen Anstoß. Den nahm sie einzig und allein an dem Palaver, das die Männer hier veranstalteten. Ein jeder von ihnen war der beste Krieger unter der Sonne und so tapfer, daß einem übel davon werden konnte. Und sie alle brüsteten sich mit ihren Heldentaten, daß die junge Frau verächtlich schnaufte.

"Hör dir nur diese Idioten an! Vielleicht sollten wir sie zu einem Barden-Wettstreit zu den Nordmännern schicken? Da hätten sie gute Möglichkeiten, zu gewinnen." Die Stimme der jungen Frau triefte nur so vor Ironie, als sie sich zu ihrem Freund hinüber beugte und ihm zuflüsterte. Seit Stunden nun saßen sie hier und keiner der Redner hatte bisher einen befriedigenden Vorschlag unterbreitet! Im Stillen gab Danael ihr recht. Immer noch saßen die beiden bei ihrem ersten Becher Wein, während die anderen schon weit mehr getrunken hatten, als ihnen guttat. Resa trank aus Prinzip wenig, Danael schmeckte das saure Abfallprodukt nicht, das man ihnen einschenkte. Zudem weilten seine Gedanken bei seiner Frau und dem ungeborenen Kind, für die er hier kämpfte. Ob es ihnen wohl gut ging?

"... und deshalb müssen wir die Nordmänner aus unserem Land vertreiben!!!"

Der aktuelle Redner bekam für diese Worte tosenden Applaus, bis sich eine weibliche Stimme ruhig und klar über den Lärm erhob: "Gut gesagt. Und wie wollt ihr das anstellen?" Verdutzt starrte der alte Mann die Dreiste an, die sich in das Gespräch einmischte. "Indem wir gegen sie kämpfen." erwiderte er sprachlos. Geschmeidig erhob Resa sich nun und zog sich damit den offenen Zorn der Männer zu, was sie nicht im geringsten störte. Sie betrat den Kreis der Redner und sah den Alten herausfordernd an. "Sicher." Sie lächelte flüchtig. "Aber WIE wollt ihr gegen sie kämpfen? Mit eurem großen Maul?" Lautes Murren erhob sich. "Ich sitze seit Stunden hier und habe nicht einen einzigen Vorschlag gehört, wie ihr eure Feinde bekämpfen wollt. Ich höre nur alte Männer, die wie Weiber tratschen und sich mit Heldentaten längst vergangener Zeiten brüsten!" Das Murren wurde lauter und bedrohlicher. Danael sah sich vorsichtig um und seine Figur straffte sich schon einmal, falls er Resa zu Hilfe kommen müßte. "Sag mir, Bracco, WIE wollt ihr gegen sie kämpfen? Wollt ihr sie totreden? Wollt ihr sie ignorieren?" Sie vollführte eine elegante Drehung um die eigene Achse. "Ihr sitzt hier und trinkt und redet. Was ist, wenn die Nordmänner heute Nacht über die Hügel kommen? Sie werden wie ein Bienenschwarm in dieses Dorf einfallen und alles niedermetzeln, was sich ihnen in den Weg stellt. Habt ihr Vorkehrungen für den Fall getroffen? Habt ihr Vorräte an Wasser und Proviant geschaffen? Habt ihr Barrikaden gebaut? Wirksame Fallen als Schutz? Ah, ich sehe, ihr habt an alles gedacht." spottete sie, dann wirbelte sie herum und verließ das Zelt. Die Männer darin ließ sie mit dem bitteren Gefühl ihrer Verachtung zurück, denen dieses Gefühl überhaupt nicht schmeckte....

 

"Du hast ganz schön für Aufregung da drin gesorgt." Danael setzte sich neben sie ans Feuer und reichte ihr ein Stück Brot, das er hatte ergattern können. Dankbar nahm sie es ihm ab, aß aber noch nicht. Resa hatte die Versammlung verlassen und hatte sich in die stille Einsamkeit eines fast verlassenen Heerlagers zurückgezogen, um nachzudenken. Niemand machte Anstalten, sie zu stören, und selbst die betrunkensten unter den Soldaten schlugen einen weiten Bogen um sie. "Hat es was genutzt?" fragte sie schmunzelnd. Danael lachte. "Ja, ich denke schon. Jetzt streiten sie sich darum, wer die besten Verteidigungsstände bauen kann." "Sie werden morgen früh Verteidigunswälle errichten lassen." Resa bedachte Marcus mit einem freundlichen Kopfnicken, als der sich zu ihnen gesellte. "Das ist gut." murmelte sie dabei. "Resa?" "Hm?" "Ich... Auf mich machst du den Eindruck eines Kriegers. Du bist für eine Frau zu klug... Sag mir: irre ich mich?" Resa ballte ihre Faust um das Brot, das Danael ihr gebracht hatte. "In diesem Leben?.... Nein, da habe ich noch keine Waffe getragen. Aber es klingt doch logisch und vernünftig, wenn ich mir Gedanken mache, oder." "Hast du schon einmal einen solchen Wall gebaut?" "Ja." "Dann weise uns morgen an!" drängte Marcus die Heilerin, die ihnen allen in den letzten Tagen und Nächten so fremd geworden war. Langsam nickte sie. "Ja..... Hast du noch Hunger?" Sie kannte Marcus' ungezügelten Appetit und hatte den verlangenden Blick gesehen, mit dem er die winzige Mahlzeit in ihrer Hand gestreift hatte. Flink hatte der junge Mann das Stück Brot aufgefangen und beinahe schon im selben Augenblick verschlungen. "Es wird Zeit, daß wir uns schlafen legen. Morgen wird ein langer Tag werden." Resa erhob sich bedächtig und verließ die Freunde, ohne noch ein Wort zu verlieren.

"Sie ist geheimnisvoll." Marcus' Stimme klang ein wenig belegt, als er der Heilerin nachsah, wie sie sich entfernte, sich in ihren Umhang einwickelte und sich dann schlafen legte. "Hast du dich nicht auch manchmal schon gefragt, ob sie diejenige ist, die sie vorgibt zu sein?" "Nein." erwiderte Danael bestimmt. "Ich vertraue ihr nämlich."

 

**
 

Der nächste Morgen begann schon ungewohnt hektisch. Die Männer, immer noch benommen vom übermäßigen Weingenuß, kamen nur schlecht ans Arbeiten und die Tätigkeiten, die man ihnen auftrug, führten sie nur mangelhaft aus. Die grelle Sonne und die Nachwirkungen des Alkohols machte es ihnen teilweise unmöglich, ihre Glieder zu koordinieren und halbwegs klar zu denken. Obwohl Resa sich immer noch keinen Reim darauf machen konnte, warum man die völlig verängstigte Bevölkerung nicht fortschickte, kümmerte sie sich mit einigen Eingeschworenen um den Wall auf der Westseite des Dorfes. Sie ließ Unterstände ausheben und angespitzte Baumstämme in den ausgedörrten Boden rammen. Die Gräben wurden wieder mit Erde aufgefüllt und oben wurde eine Art Palisade aufgestellt, die man mit gefüllten Sandsäcken befestigte. Wo Not am Mann war, packte die junge Frau selber mit an, gab mit ruhiger Stimme ihre Anweisungen und ihre Leute arbeiteten schnell und sicher. Kurz vor Mittag waren sie auf ihrer Seite so gut wie fertig.

 

Finster starrte Lucan, Danaels Vetter, zu der kleinen Truppe herüber, die ihren Spaß zu haben schien, so, wie sie lachten und sich zuriefen. Er sah seinen Vetter mit Resa Hand in Hand arbeiten, sah, wie die beiden sich ansahen, wie sie miteinander tuschelten.... Eifersucht kochte in ihm hoch. Als er dann sah, wie Resa Danael den Wasserkrug anreichte, warf er seine Axt hin und stapfte zu den beiden hinüber. "Vetter!" rief er den anderen an, der sich ein bißchen verwundert umsah. Resa sah dem Neuankömmling lediglich kühl entgegen.

Sie mochte Lucan nicht besonders. Seine glatte Art war ihr zuwider, die Lügen, die er zu seinem eigenen Vorteil auftischte, entlarvten seinen wahren Charakter. Dem Ausdruck seiner Augen zufolge war es kein Freundschaftsbesuch, den er ihnen abstattete anstatt bei sich zu arbeiten.

"Hier, Vetter, trink einen Schluck Wasser!" bot Danael ihm an und Lucan nahm den Krug und trank. Mit dem Handrücken wischte er sich den Mund ab und gab den Krug zurück. "Ich wollte dich nur warnen, mein Freund." wandte er sich mit samtiger Stimme an den Verwandten, der ihn befremdet ansah. "Daß Resa dir das Wasser anreicht... Versteh mich nicht falsch, ICH weiß ja, daß du Lilien liebst, aber die anderen.... Sie könnten sich etwas dabei denken... Dein Weib ist weit weg, Resa ist hier und anscheinend ist sie ja auch nicht abgeneigt..." "Nun, Lucan, wenn Wasser reichen ein Liebesdienst ist, wie du sagst..." ließ Resas ruhige Stimme sich vernehmen. "... dann solltest du das nächste Mal besser dursten, bevor du dir dein Wasser von Hauke geben läßt. ICH weiß ja, wie das gemeint ist, aber die anderen..." Sie gab ihren Krug an Marcus weiter, der wie die anderen Männer ihrer kleinen Truppe lauthals loslachte aufgrund ihrer spitzfindigen Äußerung. Lucan lief rot an vor Wut. "Du gottverdammte kleine Schlampe, was..." "Paß auf, was du sagst!" Danael sprang auf und packte Lucan am Kragen. Auch die anderen standen provokativ langsam auf und ließen die Muskeln spielen. "Lucan..." Resa legte Danael ihre kleine Hand auf den Arm und drängte ihn sanft zur Seite. "... ich habe keine Lust, mich mit dir zu streiten. Geh an deine Arbeit oder lasse es. Aber halte uns nicht auf!!!" Damit drehte sie sich wieder um und hob eine Hacke auf, die sie zum Zuschaufeln benötigt hatten. Lucan platzte fast vor Wut. Resas Überheblichkeit machte ihn rasend. - Und unvorsichtig...

Wutentbrannt holte er aus. Ohne hinzusehen, fing Resa seine Faust ab, drehte sich und drehte seinen Arm im gleichen Maß um das Gelenk, daß Lucan aufheulte. "Ich könnte dir jetzt ohne Mühe jeden einzelnen Knochen im Leib brechen, FREUND, und ich warne dich. Fordere mich nicht heraus; ein zweites Mal werde ich dich nicht so freundlich behandeln!" raunte sie ihm heiser zu. Die anderen Leute hatten aufgehört zu arbeiten und beobachteten diese kleine Szene aus sicherer Entfernung. Sie wußten nicht, worum es ging, aber sie lechzten förmlich nach Unterhaltung. Lucan stand kalter Schweiß auf der Stirn, als Resa ihren Druck auf das Gelenk noch verstärkte. Ruckartig ließ sie es los und stieß ihn von sich. "Geh an deine Arbeit!!!" blaffte sie ihn an. Schweigend ignorierte sie die fragenden, teils scheelen Blicke der Männer und machte weiter. Lucan rieb sich verstohlen das geschundene Gelenk, bevor er tat, was sie ihm aufgetragen hatte. Teufel, wohnte in diesem Weib viel Kraft!

"Diese Frau hat den Satan im Leib!" knurrte er vor sich hin, während er frustriert die Axt schwang.

 

**
 

"Resa?" Die Angesprochene drehte fragend ihren Kopf. Sie war schweißgebadet, trotzdem war sie eine der wenigen, die in der Mittagsglut noch schufteten. Mit Marcus und einigen anderen errichteten sie eine neue Palisade und befestigten sie. Im Moment stützte sie den schweren Baumstamm mit ihrem eigenen, kaum nennenswerten Gewicht, als Julius sie ansprach. "Ja?" "Ich... Ich möchte dir folgen, wenn es soweit ist!" Resa lächelte flüchtig und stemmte sich noch etwas energischer gegen den Stamm, um ihn gerade aufzurichten. "Du mußt deinem Herrn folgen, Julius." "Du kannst loslassen!" ertönte es von der anderen Seite und erleichtert trat Resa einen Schritt zurück. Ihre Hände zitterten von der Anstrengung. "Ich kann und darf seine Befehle nicht untergraben. Es tut mir leid," gab sie bedauernd zurück.

 

"Sie kommen!!!"

Wie ein Donnerschlag hallte der Warnruf durch die mittägliche Ruhe und riß die Menschen aus ihrer Trägheit, die sie nach dem Mahl erfaßt hatte. - Und Resa hatte Muße, all die großen Helden und tapferen Recken in hellster Panik zu erleben. Planlos irrten die Männer durcheinander, hetzten zu ihren Waffen, brüllten sich sinnlose Befehle zu und komplettierten die Verwirrung nur noch, anstatt sie zu minimieren. Resa wandte sich den Hügeln zu, hinter denen Hufschlag aufkam. Gegen die Sonne kniff sie die Augen zusammen und endlich konnte sie auf dem Kamm die Silhouetten mehrerer Reiter ausmachen, die dort oben standen und in das Tal hinab sahen. Teilweise trugen sie gehörnte Helme, mal blinkte hell Metall im Sonnenlicht auf, wenn sich ein Pferd bewegte. Aber alles in allem standen sie sehr ruhig da und beobachteten das Treiben im Dorf.

"Das sind sie also!" murmelte Resa halblaut. "Man sagt, sie essen die Eingeweide ihrer Feinde und spießen ihre Köpfe auf, um ihre Heidengötter zu ehren." Marcus war anzuhören, wie es ihn schüttelte bei dieser Vorstellung. Die Frau neben ihm biß sich auf die Lippen. "Man soll nicht alles glauben, was so erzählt wird. - Wir werden bald Gelegenheit haben, es herauszufinden." Danael stand neben ihr und blickte mit ihr zum Kamm hinauf. "Resa, wenn... wenn ich nicht..." "Noch besteht kein Grund, sich zu sorgen. Schau, sie sind viel zu wenige. Wahrscheinlich ist das nur ein Spähtrupp, der auskundschaften soll, wo es sich lohnt einzufallen." unterbrach die junge Frau ihn hastig. Sie wollte nicht daran denken, daß ihr Freund hier seine letzte Ruhe finden würde. Und wenn es tausend Mal beschlossene Sache war, es fiel ihr schwer, es zu akzeptieren. Warum mußte jemand wie Danael sterben? Was für einen Sinn machte das?

Aufruhr weckte ihre Aufmerksamkeit und die beiden Freunde wandten sich um. Am Südende des Dorfes hatte Janus seine Truppen hinausgelassen und die sprengten jetzt im wilden Galopp den Hügel hinauf, allen voran ihr ältlicher Führer, der sich wie ein Jüngling fühlte. Wie eine Horde Barbaren führten sie sich auf, als sie ihre Feinde angriffen. Ein schneller Sieg sollte ihnen Ehre einbringen und die Anerkennung aller.

 

"Marcus, sage ihnen, sie sollen SOFORT das Tor wieder schließen! Beeil dich!"

 

Geistesabwesend faßte Resas kleine Hand nach der großen ihres Freundes, der sie auch nahm und sanft drückte. Wie beruhigend warm war er doch! Wie viel Geborgenheit konnte er geben! Flüchtig überlegte Resa, ob sie ihm nicht einfach die Knochen brechen und heimschicken sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch sofort wieder. Danael würde ihr das nicht danken. Er würde sich für den Rest seines Lebens als Feigling fühlen und keinem Mann mehr in die Augen schauen können. Mit einer makabren Mischung aus Faszination und Abscheu sah sie dem Spektakel vor den Toren des Dorfes zu...

 

Mit einem Heulen, wie die Wölfe es taten, stürzten sich Janus' Männer auf die Nordmänner. Die indes hatten nicht vor, sich wie Schafe abschlachten zu lassen und wehrten sich verbissen. Jetzt konnte Resa auch erkennen, daß sie gänzlich unterschiedliche Waffen trugen: Äxte und Schwerter, lang oder breit, Keulen und Ketten. Noch nie - in ihrem ganzen Leben - hatte sie Menschen so sinnlos und so verbissen kämpfen sehen! Janus kam nicht weit. Er konnte noch nicht einmal einen Treffer landen, da lebte er schon nicht mehr. Die Axt seines Gegenübers spaltete seinen Schädel, das Pferd scheute und tat sein übriges, um den Körper des Toten zu entstellen, als es in Panik davon stob.

Marcus neben Resa würgte leise.

Die Nordmänner saßen ab und rannten unter den Pferden der Angreifer umher. Sie rissen die Reiter aus den Sätteln und töteten sie. Mehr als einmal erscholl der triumphierende Ruf: "Odin!" zu ihnen herunter und sie sahen einen der Männer, wie er den Schädel seines Opfers in die Höhe hielt. Und obwohl die Angreifer zahlenmäßig überlegen waren, konnten die paar Nordmänner sich behaupten und Janus' übriggebliebene Männer zogen sich angeschlagen und stark dezimiert zurück. Resa sprang von der Palisade.

 

"Öffnet die Tore!" wies sie die Soldaten an, die ihr fassungslos gehorchten. Der Schock saß ihnen tief in den Knochen und sie wagten nicht einmal, ihre Befugnis in Frage zu stellen. Von einstmals fünfzig Soldaten kehrten nur noch sieben in das kleine Lager zurück. Verwundet, entstellt, starr vor Grauen. Resa ließ Wasser bringen und Verbände, behandelte Wunden, richtete Knochen und gab Anweisungen, was man mit den Männern nun zu tun hatte. Für die meisten von ihnen war dieser Krieg vorbei. Sie waren zu schwer verletzt, als daß sie noch von Nutzen sein würden. Nach einer reichhaltigen Mahlzeit, heißem Wein mit Heilkräutern und genügend Schlaf schickte die Heilerin sie zu ihren Familien zurück. Zwei blieben und würden unter dem Kommando eines anderen kämpfen. Für ihre gefallenen Kameraden, für ihren toten König, für sich und ihre Familien.

Danael fand sie am späten Abend auf dem Dach eines Hauses sitzend, von wo aus sie die Hügel sehen konnte. Leise setzte er sich neben sie. Von dem angebotenen Wein nahm sie nichts, wohl aber ein Stück Brot, an dem sie langsam kaute. "Sie nehmen ihre Toten mit." sagte sie unvermittelt. "Was?" Resa deutete mit der Hand auf die Hügel vor sich. "Sie haben ihre Toten geholt. Die Leute, die noch dort oben liegen, sind unsere eigenen. Ich frage mich, warum sie das tun." Nachdenklich kaute sie weiter. "Es ist so eine sinnlose Sache!" "Ich verstehe nicht." "Schau dich doch nur einmal um. Heute mittag sind fast fünfzig gute Männer gestorben. - Für nichts! Ihr Tod hat weder denen noch uns einen Vorteil gebracht. Es war sinnlos. Und unsere großen Führer sitzen im Haus des Dorfältesten zusammen und betrinken sich, als könnten sie so die drohende Gefahr abwenden." "Glaubst du, daß sie heute Nacht angreifen werden?" Resa schüttelte den Kopf. "Nein, glaube ich nicht. Sie wären schon lange da gewesen, wenn sie es hätten tun wollen. Sie werden es klug anstellen und schlafen. Sich ausruhen. - Und sie tun gut daran!" "Resa?" "Ja?" "Du hast gesagt, du würdest deinem Drachen folgen. Was meintest du damit?" Das leise Lachen, das seitlich neben ihm erklang, klang warm und herzlich. Dann antwortete sie amüsiert: "Vielleicht folge ich einfach nur einem Traum, Danael. Glaubst du an Träume?" "Manchmal." gab er widerwillig zu. Aber ihn beschäftigte noch etwas ganz anderes: "Du.. hast schon einmal gekämpft, nicht wahr?" Die junge Frau schwieg einige Augenblicke lang, dann nickte sie langsam. "Ja." Danael nahm diese Antwort hin, ohne sie zu hinterfragen. Er hatte sich daran gewöhnt, daß Resa über viele Dinge nicht sprach und daß sie ihr offensichtlich unangenehm waren, und so ließ er es darauf beruhen. "Hattest du damals auch Angst?" fragte er leise. "Wieso schämst du dich für deine Angst, Danael?" "Ich.. bin ein Mann und..." "Ah, natürlich! Entschuldige, das hatte ich doch glatt vergessen!" Da war sie wieder: die alte, spöttische Resa, die er kannte! Es tat gut, etwas aus der Heimat so nahe bei sich zu haben. Danael zupfte aus dem Dach des Hauses unter sich einen Strohhalm und drehte ihn zwischen den Fingern. "Ich habe viel nachgedacht seit ich weiß, daß ich sterben werde." begann er leise. "Über mich und mein Leben und über Lilien und mein Kind.... Darüber, daß ich nicht annähernd geschafft habe, was ich gerne hatte tun wollen und daß ich meinen Sohn niemals aufwachsen sehen werde... Resa, versprich mir was!" "Was denn?" "Schicke Lilien meine Sachen, wenn ich.... Ich will nicht, daß sie unnötig lange darauf wartet. Wirst du das tun?" "Natürlich." "Hattest du auch so viel Angst vor deiner ersten Schlacht?" "Wir hatten keine Zeit zum ängstlich sein...." Resas Stimme klang weit entfernt, als sie ihm zurückhaltend antwortete. "Wir wurden im frühen Morgengrauen überfallen und ... meine Leute schliefen noch. Man ließ uns keine Wahl, außer zu kämpfen. Leben oder Sterben, so ist das nun einmal. Und wenn man die Wahl hat, entscheidet man sich immer für das Leben."

Neugierig betrachtete Danael die Frau neben sich. Ihr Gesicht war nicht zu erkennen und wenn er nicht genau wüßte, daß sie neben ihm saß, so hätte er sie wohl auch kaum ausmachen können in der Dunkelheit. Für ihn war und blieb Resa ein Rätsel. Aber langsam, je näher ihr Tod kam, hoben sich die geheimnisvollen Schleier über ihr Leben und sie gab ein wenig davon preis. Anscheinend war dieser Kampf, den sie einst geführt hatte, ein großer Schock für sie gewesen. Bei Gott, sie mußte ja noch ein Kind gewesen sein! Sie hatte ein Schwert gehalten und getötet. - Und sie hatte bereut! Resa hatte auf ihn nie den Eindruck eines gottesfürchtigen Menschen gemacht, trotzdem glaubte er daran, daß sie Buße tat für das, wozu man sie einst gezwungen hatte, indem sie Heilerin geworden war. Und die beste noch dazu! Vielleicht war das ihre Art, wieder gutzumachen, was sie anderen zugefügt hatte?

"Danael, tu mir einen Gefallen. Geh hinunter zu den Ältesten. Sage ihnen, wir sollten noch heute Nacht angreifen, wenn wir einen schnellen Sieg erringen wollen. Wer weiß, wozu unsere fremden Freunde da hinter den Hügeln noch so fähig sind?" Danael rutschte das Dach hinab. "Kommst du auch?" Resa lächelte ein wenig melancholisch. "Nein, ich werde hierbleiben. Geh nur!" Es hatte den Anschein, als wollte er noch etwas sagen, dann besann er sich aber eines Besseren und rutschte tiefer. Einen Augenblick später konnte Resa hören, wie er auf den Boden sprang und sich schnell fortbewegte.

Beende dein Leben nicht mit - einer deiner Meinung nach - Todsünde, Danael., dachte sie mitfühlend, als sie seinen Schritten lauschte. Der Tod ist kein Ende. - Er ist ein Anfang!

 
**

 

Resa hatte nicht wirklich erwartete, daß man ihre Vorschläge annehmen würde, und so kroch sie im ersten Morgengrauen kalt und steif von ihrem Aussichtspunkt, um sich zu waschen. Marcus gesellte sich zu ihr und rieb prustend seinen Oberkörper mit dem eisigen Wasser ab. "Danke." sagte er schlicht, nachdem er sie eine geraume Zeit lang einfach nur angesehen hatte. "Wofür?" "Daß du es nicht getan hast. Vielleicht wäre es ihm jetzt richtig vorgekommen, aber später... Es hätte ihn umgebracht." Mit stoischer Ruhe schnürte Resa ihre Rüstung. "Deine Freundschaft ehrt dich, Marcus, aber deine Besorgnis ist unbegründet. Ziehst du mal bitte?"

Langsam erwachten sowohl Dorf als auch Soldaten und eine düster schweigende Hektik machte sich breit, als die Menschenmassen sich anzogen, wuschen oder ihre Pferde bereit machten. Ihr Dorfältester ließ sie in voller Rüstung und mit Waffen antreten, um für ihren Sieg zu beten. Die Männer knieten nieder, allein Resa blieb stehen und stützte sich mit arrogantem Gesichtsausdruck auf ihren Schwertknauf. Mißbilligend streiften einige Blicke sie, aber keiner sagte etwas, und sie begannen gemeinsam zu beten.

 

Ihr Narren!, dachte Resa finster. Wenn euer Gott euch helfen wollte, wieso hat er euch dann diese Heimsuchung erst geschickt? Glaubt ihr allen Ernstes, ihr könnt euer Schicksal mit frommen Sprüchen beeinflussen? Teufel, euer Christus hat eine merkwürdige Lehre!

 

"Warum betest du nicht mit uns?" "Wofür sollte ich beten?" fragte Resa unbekümmert dagegen. Marcus öffnete den Mund, aber sie fuhr auch schon fort: "Für meine Gefährten? Damit ihre Seelen in den Himmel gelangen? Ich bitte dich, das liegt nicht in meinem Ermessen. Für die Seelen meiner Feinde? Oh, vielleicht würden die mir das richtig übelnehmen? Wofür also sollte ich beten? Für mich? Ich habe keine Angst um mich, Marcus, und ich kann das Schicksal derer, die mir nahestehen, nicht beeinflussen. Ob ich bete oder nicht... Es kommt immer dasselbe dabei heraus!" Sie hatte ihr Pferd erreicht und nahm die Zügel in die Hand, als Marcus seine darauf legte und sie am Aufsitzen hinderte. "Vielleicht bist du eine Heidin, vielleicht bist du eine Hexe, aber... Ich folge dir, Resa! Zu keinem hätte ich mehr Vertrauen als zu dir." Die Heilerin lächelte weich. "Danke." Dann saß sie schwungvoll auf und die Truppen formierten sich.

 
weiterlesen im nächsten Teil

 
Du bist der 2168. Leser dieser Geschichte.