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Odin's Court
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Odin's Court

Teil 4, © by Tatjana ()

 

Disclaimer: Die HL-Charaktere gehören immer noch Panzer/Davies/Rysher, ich bekomme kein Geld für die Story, die unbedingt www-Luft schnuppern wollte, um anderen Fans zu gefallen.
Wo die Copyrights für "Der 13.Krieger" liegen, weiß ich nicht, aber auch da habe ich - glaube ich zumindest - alles berücksichtigt. Aus diesem Film habe ich mir dreisterweise einmal das Gebet der Wikinger gemopst, es minimal umgewandelt, um es auch verwenden zu können und ...tja, that's it.
Cassandra's Prophezeiung stammt aus der Edda. (Danke Sigrun für diesen Hinweis, ich hätte lediglich den Verfasser nennen können. :-) )
"Odin's Court" und "Walhalla" stammen von Black Sabbath und ihrem Album "Tyr", das 1991 erschien. Fragt mich jetzt bitte nicht nach der Plattenfirma!
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der Highlander-Sektion

 

Argud gönnte seinen Leuten eine kleine Verschnaufpause, wahrscheinlich ihre letzte vor der entscheidenden Schlacht, die sie mit Faulenzen verbrachten, mit Flirten oder auch nur mit Plaudern. Bei ihrem Anblick wurde Resa unwillkürlich an die Zeit auf See erinnert, die sie als tödlich langweilig empfunden hatte.

Sie hingegen erkundete die Umgebung, ging am Strand spazieren und genoß die süßen Tändeleien mit ihrem König, der ihren Launen nur zu gerne nachgab. Es machte ihn vergessen, daß es da draußen etwas gab, das auf sie wartete. Wenn ihre Blicke ihn lockten, hielt ihn nichts mehr zurück, ihr zu folgen, egal ob ins Haus oder in die Wälder oder gar ins Wasser... Seine Geliebte war nicht wählerisch mit den Orten für die Erfüllung ihrer Lust und er wollte es auch nicht mehr sein!

"Du bist so schön!"

"Sag es mir noch mal!"

Resa lachte leise, ihre grünen Augen blitzten übermütig, als sie sich über Argud beugte und ihre Haarspitzen sein Gesicht kitzelten. Sie lagen in etlicher Entfernung vom Dorf im Gras, oben auf dem Hügelkamm, und gaben sich neckischen Spielen hin.

Argud lachte nur und zog sie an den Haaren.

"Du bist unverschämt, weißt du das?"

"Scheint, als würden wir uns in nichts nachstehen, hm?"

Ein Räuspern erklang und zwang die beiden, ihre Aufmerksamkeit auf den Besucher zu richten, der verlegen von einem Bein auf das andere trat. Beide hatten sie schon lange bemerkt, daß sie nicht mehr alleine waren, aber bisher hatten sie keinen Anlaß zur Tätigkeit gesehen. Jetzt mußten sie ja wohl oder übel sich darum kümmern.

"Störe ich?"

Es war das kleine Mädchen vom Vortag, das hochrot im Gesicht zur Seite starrte, aber keinerlei Anstalten machte, diesen Ort zu verlassen, egal ob sie störte oder nicht.

Bevor Argud antworten konnte, richtete Resa sich mit einem freundlichen Lächeln auf und richtete unauffällig ihre Rüstung.

"Nein, du störst uns nicht. Können wir etwas für dich tun?"

Dabei ignorierte sie das feste Kneifen in ihre Schenkel, mit dem Argud seinen Unmut äußerte und den vernichtenden Blick, den er ihr zuwarf. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund mochte Resa die Kleine, die so unbeholfen da stand und sich verlegen wand; sie erinnerte die junge Frau an eine alte Freundin....

"Ich...ääähh... Ich würde gerne mit dir alleine sprechen."

Das Mädchen vermied bei diesem vernichtenden Satz jeden Blickkontakt mit dem Wikingerführer, der entnervt die Augen schloß, tief durchatmete und sich dann seufzend auf die Seite rollte, als er von seiner Gespielin keine negative Antwort auf dieses Anliegen hörte. So weit war es also schon: seine Gegenwart wurde bereitwillig eingetauscht für die eines Kindes! Na warte, Valkyrja, dafür wirst du heute Nacht bezahlen!, schwor er sich. Schweigend verließ er die beiden Frauen und begab sich ins Dorf, um sich die Zeit mit seinen eigenen Leuten beim Würfeln zu vertreiben.

"Nun?"

Resa schnürte sich ihre Rüstung, seelenruhig, während die Kleine nach wie vor stumm da stand und sie einfach nur anstarrte. Sie machte keine Anstalten, sich der Kriegerin zu nähern, noch einen Versuch, mit ihr zu sprechen; - sie stand einfach nur da und starrte sie an. Resa wurde es langsam zu dumm.

"Wie heißt du?" fragte sie gezwungen ruhig.

"Hanna."

"Schön, Hanna. Komm rüber, setz dich zu mir und erzähl mir, was du auf dem Herzen hast."

Einladend klopfte Resa auf den weichen Boden neben sich und lächelte dem Mädchen freundlich zu. Es schien, als atmete Hanna regelrecht auf, bevor sie sich langsam heran schob und sich scheu setzte. Resa hatte schnell einen Eindruck von dem kleinen Mädchen gewonnen: hellblond, mit einem liebreizenden Gesicht und kräftiger Statur unterschied sie sich nicht von all den anderen Kindern hier oben im kühlen Norden. Sie trug ein einfaches Kleid aus Leinen und wirkte im großen und ganzen eher schutzbedürftig als frech. Kein Wort mehr davon, daß sie Argud mitsamt seinen Leuten zum Teufel jagen wollte. Resa grinste vor sich hin. Allerdings machte sie das Schweigen ungeduldig; wenn Hanna etwas wollte, sollte sie es doch sagen, verdammt! Ach, wo waren nur die Zeiten geblieben, wo man sich nicht mit unnötigem Geplänkel aufhalten mußte?

"Bring mir bei, wie man kämpft!" brach es plötzlich leidenschaftlich aus dem kleinen Ding heraus, daß Resa überrascht die Augenbrauen hochzog und sie verdutzt musterte. Sie glaubte, sie habe sich verhört! Konnte es tatsächlich die Möglichkeit sein? Dieses kleine Mädchen wollte, daß sie ihr beibrachte, wie man ein Schwert führte???

"Nein."

"Wieso nicht?"

Hanna war den Tränen nah, als die fremde, berühmte Kriegerin ihr eine so deutliche Abfuhr erteilte. Damit hatte sie nicht gerechnet! Als Cassandra ihnen von der Ankunft Fenris' Tochter erzählt hatte, war Hanna sich sicher gewesen, daß dies ein Zeichen der Götter für sie war. - Und jetzt so was! Hanna war bitter enttäuscht.

"Wieso sollte ich dir beibringen, wie man ein Schwert hält, Kleine?"

Resa redete absichtlich von oben herab mit Hanna, um sie auf die Unmöglichkeit ihres Anliegens aufmerksam zu machen, die selbst SIE sehen mußte. Aber in dem hübschen Gesicht konnte sie nichts anderes sehen als Enttäuschung und Traurigkeit. - Und endlich Wut, weil sie erst langsam den Ton und die Worte realisierte, die die Ältere ihr gegenüber anschlug!

"Ich weiß, wie man ein Schwert hält!!!" schrie sie trotzig auf, Tränen schimmerten in den großen, kindlich runden Augen. "Und warum soll ich es dir dann noch einmal zeigen?" Mutlos sank Hanna in sich zusammen. "Ich hab... Ich dachte... Als Cassandra sagte..." "Paß mal auf, Hanna. Egal, warum du unbedingt so werden willst wie ich, ich gebe dir einen einzigen, guten Rat: sobald dir jemand ein Schwert in die Hand drücken will, dreh' dich um und lauf! Lauf so schnell und so weit wie du nur kannst und dreh' dich nicht um!" Die Mundwinkel des Mädchen bebten verdächtig. "Ich... verstehe das nicht..." "Ach, meine Süße, es ist doch so einfach: ein Schwert kann keine Auseinandersetzung beenden, selbst wenn viele das denken. Wo auch immer man es versucht, wird es in Tragödien enden. Ist es das, was du dir von deinem Leben wünschst?" Sanft streichelte Resa die Wange der Kleinen neben sich, die ihr schniefend zuhörte. "Mein Onkel..." brachte sie unter Schluchzern heraus. "... Mein Onkel hat es mir verboten und dabei hat er selber gesagt, daß sie den Tod mehr als nur verdient hätten..." "Wer?" "Ich kenne sie nicht.. Sie kamen eines Tages hierher und... Meine Eltern..." Mitleidig schüttelte die Unsterbliche ihren Kopf. Sie verstand gut, aber dies war nicht der richtige Weg für Hanna, das kleine Wikingermädchen. "Und deshalb möchtest du gegen jeden Fremden kämpfen, weil du glaubst, er hätte deine Eltern getötet?" "Aber nein!" rief Hanna entsetzt aus. "Nur gegen die Schuldigen!" "Und woher willst du wissen, wer schuldig ist?" Unerbittlich bohrte Resa weiter nach und Hanna schwieg verstört. Die Worte der Frau gaben ihr zu denken. Ja, woher wollte sie eigentlich wissen, wen sie töten durfte und wen nicht? Niemand würde zu ihr kommen und sagen "Ich habe deine Eltern auf dem Gewissen!" und es wäre eine zu große Verantwortung. Was, wenn sie einen Unschuldigen traf?

Lächelnd sah die Unsterbliche die nachdenkliche Miene des Mädchens und dachte sich ihren Teil dazu. So war es richtig! Erst denken, dann handeln! Entspannt hielt sie ihr Gesicht in die leidlich warmen Sonnenstrahlen und schloß die Augen.

"Dein Onkel ist ein weiser Mann, Hanna. Aber,... ich werde sein Verbot umgehen.... Halt, halt, halt! Ich habe nicht gesagt, daß ich dir beibringe, wie man tötet, du freust dich also zu früh! Ich werde dir beibringen, wie du dein eigenes Leben schützen kannst. Gut?" Aus dem Brustteil ihrer Rüstung zog Resa einen kleinen Dolch hervor, dessen Griff überreich mit Edelsteinen besetzt war. Liebevoll streichelten ihre Augen das kostbare Stück, dann reichte sie es an das Mädchen neben sich weiter. "Hier, für dich. Mein Lehrer hat ihn mir geschenkt, nun schenke ich ihn dir. Wenn du verstanden hast, was ich dir beibringen wollte, dann gebe ihn weiter. Als ein Zeichen für Verständnis und Hoffnung.... So, genug der melancholischen Worte! Komm, wir fangen gleich mit deiner Ausbildung an!"

Schwungvoll erhob Resa sich und klopfte sich den Hosenboden ab. Ihre Augen funkelten fröhlich und sie summte den ganzen Weg über vor sich hin, als sie mit Hanna ein abgelegenes Stück Wald aufsuchte, um sie dort ungesehen von allen anderen in der Kampfkunst zu unterrichten.

 

**

 

Ein sanft auf den Nacken gehauchter Kuß weckte sie, kaum daß der Dunst des frühen Morgens sich aufgelöst hatte, und wohlig schnurrte die Unsterbliche bei der Berührung. Ihre Hand glitt hinter sich und schmunzelnd schob Argud sich ganz nahe an sie heran, legte seine Arme um sie und seine Wange an das weiche Haar. Eine ganze Zeit lang lagen sie einfach nur beieinander und genossen diese Vertraulichkeit, bis der junge König das Schweigen brach.

"Was wirst du unternehmen?"

Resa seufzte leise auf. Immer noch war sie nicht begeistert von der Aussicht, den Kampf eines anderen auszutragen, aber soweit wie sie das überblicken konnte, hatte der Mann an ihrer Seite seine Hilfe schon zugesagt. Sie konnte nicht davon zurücktreten, ohne daß er sein Gesicht verlor! Grauenvoll, was Zuneigung so alles anrichten konnte! - Jetzt bekam sie sogar schon ein Gewissen!

"Mir erst einmal einen Überblick über die Lage verschaffen." murmelte sie in seine Armbeuge. "Ääähm... nachdem du mich davon überzeugt hast, daß es noch nicht Zeit zum Aufstehen ist." Argud lachte laut auf, tat ihr aber den Gefallen nicht, sondern stand sprühend vor Energie auf und zog sich an. Mit funkelnden Augen beobachtete Resa ihn dabei, bis sie urplötzlich nach seinem Hosenbund haschte und sich halb von der Bettstatt erhob. Eine steile Falte stand zwischen ihren Augenbrauen.

"Hörst du das?" Ihre Stimme war nurmehr ein dunkles Raunen, irgendwie alarmiert und angespannt. Der Wikingerführer lauschte, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. "Nein." "Eben!" Schnell sprang die junge Frau auf und stand auch schon in ihrer Rüstung, die sie hastig schnürte, ebenso wie die hohen Stiefel. Grübelnd lauschte Argud. Ja, es stimmte: es war rein gar nichts zu hören! Es war so totenstill, als wären sie die einzigen Lebewesen auf dieser Welt. Ein schnelles Ordnen ihrer Haare, dann griff sie zielsicher nach ihrem Schwert, der Mann tat es ihr nach und auf einen verständigenden Blick hin öffnete Resa schwungvoll die Tür. - Und prallte zurück!

"Was zur Hölle...?" Mehr brachte sie nicht heraus. Im Hafen lagen an die zwanzig Drachenboote, die flachen Ebenen um das Dorf herum waren übersät mit Pferden und ihren Reitern, mit kleinen Lagerfeuern, deren spärliche Rauchsäulen immer noch in den Himmel stiegen. Ungläubig drehte Resa sich um ihre eigene Achse, doch zu jeder Himmelsrichtung bot sich ihr derselbe Anblick. Vor dem Haus, das sie sich mit Argud teilte, standen Männer und schienen sie erwartet zu haben, denn sobald sie sich ihnen jetzt zuwandte, brachen sie in Hochrufe aus.

"Sie huldigen Fenris' Tochter." übersetzte Argud die alte Sprache der Nordmänner, die Resa nicht kennen konnte und die fremd in ihren Ohren klang, auch wenn sie sich die Bedeutung der Worte denken konnte. Diese Anerkennung rang der Unsterblichen ein gequältes Lächeln ab, nichtsdestotrotz war sie immer weniger begeistert von der Art und Weise, wie die Dinge sich entwickelten. Wie im Trance legte Resa den Weg zu Tjørve zurück, der sie in seinem Haus erwartete, kaum nahm sie die Glückwünsche wahr, das unablässige Händeschütteln, das Schulterklopfen, durch das sie durch mußte. Herausfordernd blickten ihre grünen Augen auf den Häuptling, verlangten geradezu herrisch nach einer Erklärung, auch wenn sie kein Wort verlor.

"Es sind Verbündete im Kampf gegen Ragnarök." erklärte Tjørve ruhig, seine ausholende Handbewegung schloß die Menschen sowohl an Land als auch auf See ein und machte aus vielen kleinen Gruppen ein Ganzes, als sei es selbstverständlich und könne nur so und nicht anders weitergehen. Wortlos drehte die Frau in der Rüstung sich um und verließ den Schauplatz, an dem sie das Gefühl hatte, ersticken zu müssen.

Aufgebracht wanderte Resa am aufgewühlten Meer entlang, die Schiffe und Freunde hatte sie schon lange hinter sich gelassen und genoß für den Augenblick nur die Ruhe, die sie umgab. Das Rauschen der Wellen, die an den Strand schlugen, der frische Wind, der an ihrem Haar zerrte, das klagende Schreien der Möwen, die im Wind segelten... Warum nur? Wieso mußten sich so viele Menschen zusammenfinden und ihre Pläne durchkreuzen? Sie warf einen schrägen Blick zum Himmel hinauf. Ob die da oben ihre Finger mit im Spiel hatten? Möglich war alles. Ach, es war zum verrückt werden! Nun gut, überlegte sie nüchtern, entschlossen, ihre Lage ganz vernünftig zu betrachten, jetzt hatte sie eine Menge Pilger am Hals, die es loszuwerden galt. Oder doch nicht? Über ihrem Kopf kreisten laut krächzend zwei Raben am klaren Himmel, bekamen jedoch lediglich einen flüchtigen, desinteressierten Blick zugeworfen. "Ach, verschwindet doch, ihr!" murmelte sie halblaut. Die junge Frau ließ einen flachen Kiesel über das Wasser springen und sah ihm zu, wie er sechs Mal sprang, bevor er unterging.

"Nicht schlecht!"

Glöckchen! Wo, zur Hölle, waren die Glöckchen???

"Du bist nicht glücklich?"

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, als er ihr nun seine Hände auf die Schultern legte und den Nacken leicht massierte. Aufseufzend schüttelte Resa ihn ab.

"Nein, bin ich nicht." Entnervt gab sie ihre mühsam bewahrte Haltung auf und wischte verärgert mit der Hand durch die Luft. "Ich weiß nicht, was das soll. Sie erleichtern mir meine Arbeit nicht, eher das Gegenteil tritt ein! Und jetzt nenn mir bitte einen einzigen Grund, weswegen ich glücklich sein sollte!" Argud sah sie einfach nur lange und ruhig an, schweigend, wie er es häufig tat, wenn sie sich aufregte. Seiner Miene war nicht abzulesen, ob er ihr zustimmte oder ob er anderer Meinung war, sein Blick war unergründlich, aber anstatt sie zu beruhigen, regte es sie nur noch mehr auf.

"Besorg mir ein Pferd!" befahl sie ihm gebieterisch, ihre grünen Augen blitzten kalt. "Ich will das Lager der anderen suchen!"

Schweigend entfernte Argud sich und kam bald darauf mit zwei Pferden zurück, die er am Zügel hinter sich her führte. Auf den stirnrunzelnden Blick der jungen Frau hin, erklärte er gleichmütig: "Ich begleite dich!" Dabei klang seine Stimme so endgültig, daß Resa keinen Widerspruch erhob. Gemeinsam schwangen sie sich auf die Tiere und galoppierten in rasendem Tempo den Strand entlang, bevor sie kurz vor einer Felsformation auf das Festland abbogen und die Hügel hinauf preschten. Sie ritten lange, bevor Resa ihr Pferd zügelte und absaß. Sie hockte sich hin und berührte mit der Hand die weiche Erde, auf der der Wikingerführer gar nichts sehen konnte.

"Sie waren hier!"

"Woran siehst du das?"

Die Frau lachte leise. "Oh, du mein großer Held, bist du der Kunst des Fährtenlesens womöglich nicht mächtig?" Ohne weitere Erklärung saß sie wieder auf und ritt langsamer weiter, ihren Blick immer zu Boden gerichtet, damit ihren achtsamen Augen auch nicht die kleinste Unebenheit entging. Den ganzen Weg über sprachen die beiden Reiter kein Wort miteinander, als fürchteten sie, man könnte sie beobachten oder hören.

Resa machte keine Anstalten umzukehren, und dabei würde in ein paar Stunden die Dämmerung über sie hereingebrochen sein, wie Argud mit einem schnellen Blick in den Himmel feststellte. Er verspürte Hunger und Durst, und er hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn er endlich vom Pferd herunter steigen könnte, aber seine Begleiterin ritt unbeirrt weiter. Während der junge Mann sie beobachtete, dachte er an die Legenden, die man ihm in seiner Kindheit erzählt hatte. Von Frauen, die echte Kriegerinnen waren, keine Walküren, nein ihre Namen hatten anders geklungen, sie kamen weit aus dem Süden und hatten dort wie Männer geherrscht und gelebt. So einen Eindruck machte die Frau auf ihn auch, auch wenn er wußte, daß sie niemals eine solche Frau gewesen sein konnte. - Viel zu jung dafür!

Resa zügelte erst ihr Pferd, als sie kaum noch etwas erkennen konnte, und drehte sich im Sattel um.

"Ich glaube, wir sollten hier übernachten und morgen dann weitersuchen. Was denkst du?"

Argud gab sich keine Mühe, seine Erleichterung zu verbergen, als er sich nun im Sattel aufrichtete und den schmerzenden Rücken streckte. Resa grinste schadenfroh vor sich hin, bis sie sich plötzlich hoch aufrichtete und angespannt lauschte. Ein Kribbeln durchlief sie und wurde immer stärker. Ein anderer Unsterblicher! War er derselbe, den sie vor ein paar Nächten schon einmal gefühlt hatte? Hastig riß sie das Pferd herum und galoppierte los, der Richtung zu, aus der sie gekommen waren. Verstört folgte Argud ihr.

"Was ist los?"

"Nichts!" lautete ihre knappe Antwort. "Beeil dich!"

Sobald es möglich war, gab Resa ihrem Pferd noch mehr Zügel und trieb es zu Höchstform an. Weg, nur weg von hier! Mittlerweile war es finstere Nacht und sie verließ sich nur noch auf den Instinkt des Tieres unter sich, das unfehlbar seinen Weg nach Hause finden würde. Hinter sich hörte sie den Hufschlag von Arguds Pferd und dankte inbrünstig den Göttern dafür, daß er ihr so sehr vertraute, daß er keine Fragen stellte, daß er nicht anfing zu diskutieren Wieso und Warum, daß er ihr folgte, auch wenn er es nicht verstehen konnte... - Daß er sie nicht aufhielt und somit unnötig den Gefahren des Entdecktwerdens aussetzte....

Resas Vertrauen in den Urinstinkt des Pferdes sollte sich bezahlt machen und nach einem anstrengenden, scharfen Ritt sahen sie in der Ferne endlich die unzähligen kleinen Lagerfeuer, die ihnen zeigten, daß sie dem Dorf ganz nahe waren. Schon kurz nachdem sie den Rückzug angetreten hatten, hatte Resa gespürt, daß man sie nicht verfolgte, mit etwas Glück hatte man sie noch nicht einmal wahrgenommen. Trotzdem wollte sie keine Zeit verlieren, sondern sofort, heute Nacht noch handeln! - Und dafür brauchte sie die Hilfe der Dorfbewohner und der Menschen, die sich auf Pilgerfahrt hierher begeben hatten! Wie ein Irrwisch sprengten sie ins Dorf, fast im Lauf sprangen sie aus den Sätteln, doch bevor Resa sich bemerkbar machen konnte, legte sich Arguds schwielige Hand auf ihren Mund.

"Laß sie schlafen, Valkyrja. Sie werden ihre Kräfte brauchen und es reicht alle Mal, wenn wir sie im Morgengrauen sammeln. Komm!"

Widerwillig folgte die Frau dem König, bis er leise die Tür ihrer Unterkunft hinter ihnen geschlossen hatte.

"Ich halte es für besser, wenn wir uns sofort auf den Weg machen! Wir können sie überraschen, wir sind im Vorteil! Mit so etwas rechnen sie nicht!" Und bevor Argud ihr antworten konnte, winkte sie auch schon ernüchtert ab. "Ah, keine gute Idee." brummte sie ungnädig. "Bis wir mit ihnen dort angekommen sind, sind unsere Leute total erschöpft und die selig ausgeruht und frisch aufgestanden." Leidenschaftlich schlang sie ihre Arme um die Mitte ihres Liebhabers und legte ihre Stirn an seine Brust. "Ach, sag mir, sag mir, was sollen wir nur tun?" Heftig atmete sie ein und aus, mit jedem Atemzug seinen Duft aufnehmend, während er ihr nur sanft über das Haar strich, ohne zu antworten. "Könnte man einen Boten hinschicken?" tönte es erstickt von seiner Brust her und Argud grinste. "Du opferst einen guten Mann, um einen Versuch zu starten?" neckte er sie boshaft. Einen Moment verharrte sie still an seiner Brust, dann drehte sie ihr Gesicht zur Seite und er konnte ihr breites Grinsen sehen, als sie zum Gebälk des Hauses hinauf schaute. "Nein... an einen Mann hatte ich da nicht gedacht..." Argud folgte ihren Blicken und betrachtete einen Moment lang die beiden Raben, die scheinbar dort oben schliefen. Sie waren Odins Boten, diese Ungläubige würde doch wohl nicht wirklich daran denken, sie zum Feind zu schicken, oder??? Oooh doch, sie würde! Und wie! Aber nicht jetzt. In der Nacht war die Gefahr zu groß, daß man sie abschoß und sie ihren Auftrag nicht erfüllen konnten, den Resa ihnen zugedacht hatte. Und so befreite sie sich lediglich aus den Armen ihres Liebhabers und machte sich auf den Weg zur Tür.

"Du schläfst nicht?"

"Nein, ich werde Cassandra aufsuchen...... Guck mich nicht so an! Soll ich dir meine Waffen hier lassen, damit du dir keine Sorgen machst?"

Mit einem amüsierten Schmunzeln entließ Argud die junge Frau, die lautlos das Haus verließ und sich über den Vorplatz und quer durch das Dorf schlich, bis sie an der Hütte der Hexe angekommen war. Unschlüssig verharrte sie einen Augenblick vor der Tür, dann stieß sie sie weit auf und trat ungefragt ein.

"Ich habe dich erwartet."

"Das sollte mich jetzt wohl freuen!"

Resa durchmaß die kleine, primitive Bleibe der anderen Unsterblichen mit drei großen Schritten und drehte sich dann schwungvoll wieder um. Es juckte Resa regelrecht in den Fingern, Cassandra das Schwert an den Hals zu setzen, sie herauszufordern, sie ein bißchen zu quälen... Zwischen ihren Augenbrauen grub sich eine steile Falte ein, als sie sich daran erinnerte, was sie Argud versprochen hatte. Nun denn, wir sehen uns bestimmt einmal wieder, meine Liebe!, dachte sie zynisch und ein wenig beruhigte sie dieser Gedanke.

Cassandra ließ den späten Gast nicht einen Moment lang aus den Augen. Sie spürte die Gefahr, die von Fenris' Tochter für sie ausging und wußte instinktiv, daß sie der anderen im Zweikampf nicht gewachsen wäre. Offenbar war die Kriegerin wie so viele andere ihrer Art auch: sie lebten für den großen, unbekannten Preis, eine Freundschaft mit ihresgleichen war ihnen egal. Sie bildeten lediglich Zweckbündnisse für die Zeit, in der man sich gegenseitig brauchte, danach mußte man doppelt so achtsam sein, wenn man ihnen den Rücken zukehrte.

"Danke."

"Wofür?" fragte Resa unwirsch zurück.

"Für Hanna. Sie ist ein liebes, kleines Ding, aber dieser unselige Wunsch, ihre Eltern zu rächen..."

"Spar dir deine Lobhudeleien!" unterbrach die Kriegerin die Seherin schroff, kalt taxierten ihre Augen die andere. "Ich will, daß du .... deine Fähigkeiten, wenn wir sie mal so nennen wollen... benutzt und ein bißchen hellsiehst."

"Ich fürchte, ich verstehe nicht..."

"Natürlich nicht!" Resas Stimme troff nur so von Sarkasmus. "Mach deine Augen zu, Hexe! Sag mir, was ich wissen will!"

Verunsichert und eingeschüchtert tat Cassandra, was man von ihr verlangte. Sie nahm einen Zweig Weihrauch und schwenkte ihn über den knisternden Flammen,, bis das ganze Gebäude vom durchdringenden Geruch der Pflanze erfüllt war. Dann hockte sie sich vor das Feuer und starrte gebannt hinein. Ungeduldig wartete Resa.

"Sag mir, was du wissen willst."

Wieder einmal klang die Stimme der Seherin hohl und tonlos, und die zweite Frau grinste finster vor sich hin.

"Argud und ich waren ihnen heute sehr nahe, ihr Lager konnte nicht weit entfernt von unserem Standpunkt aus sein..... Wie viele Männer muß ich einplanen?"

"Öffne dich mir.... Gib mir deine Gedanken preis...."

Äh! Das war eigentlich das letzte, was Resa wollte, aber annehmbare Alternativen wurden ihr nicht geboten und so setzte sie sich dem Feuer gegenüber und schloß ihre Augen. Sie befreite ihren Geist von allem unnötigen Ballast und schickte ihn auf die Reise....

Im Geiste legte sie wieder den gleichen Weg zurück, wie sie es am Tage mit dem Wikingerkönig getan hatte, allerdings viel schneller, als würde sie fliegen. Sie kamen zu der Stelle, an der sie gehalten hatten und wieder überkam sie der Buzz, noch während sie mit Argud sprach. Das Echo dieses Gefühls klang in der Unsterblichen nach, widerhallte von den Wänden ihres inneren Seins und bauschte sich immer mächtiger auf. Resa atmete ruhig und gleichmäßig. Der Buzz füllte sie aus, überrollte sie mit einer Kraft, die ihr bekannt vorkam, irgendwie vertraut und doch fremd....

Abrupt stand Resa auf und unterbrach so die geistige Verbindung mit der Seherin, die wie vor den Kopf geschlagen wirkte, kaum, daß sie sich fassen konnte.

"Ich weiß, was ich wissen wollte." An der Tür warf die Kriegerin noch über die Schulter hinweg nach hinten: "Wir sehen uns wieder, Cassandra. Bereite dich darauf vor!" Und dann ging sie einfach. Die Tür ließ sie offen, durch die der kalte Nachtwind wehte und die unsterbliche Hexe im Haus schüttelte sich fröstelnd. Ob es wegen der kühlen Brise war oder wegen der letzten Worte der Auserwählten? Sie vermochte es nicht genau zu sagen.....

 

**

 

Lässig stand Resa gegen die Hauswand gelehnt und lauschte den Worten der Männer. Argud hatte seinen Leuten die Pläne, die er mit der Kriegerin an seiner Seite ausgearbeitet hatte, dargelegt und nun diskutierten sie über das Für und Wider, über bessere Alternativen und Dinge, die man noch berücksichtigen sollte....

Gelangweilt schweiften Resas grünleuchtende Augen zuerst ziellos durch den Raum, dann zum Fenster hinaus und verfolgten dort den Flug einiger Seevögel am strahlend blauen Himmel. Am frühen Morgen war sie in das Gebälk ihrer Unterkunft hinauf geklettert und hatte sich einen der Raben geschnappt, der zwar laut protestierend geschrien und wild geflattert hatte, sich jedoch nicht alleine befreien konnte. Ganz eng hatte sie das Tier an sich gepreßt und ihm ihre Wünsche zugeflüstert, die er - oder besser noch: alle beide - dem unsichtbaren Gegner überbringen sollte. Für den Fall, daß er sich weigerte, ihr zu helfen, würde sie ihm den Hals umdrehen, das hatte sie ihm versprochen, und anscheinend hatte dieses Vieh richtig Verstand, denn mit seinem Gefährten erhob er sich lauthals schimpfend in die Luft und flog weg. An seinem kleinen Bein war die Nachricht angebracht, die Argud für sie geschrieben hatte, beherrschte sie die Runen der Wikinger doch noch nicht. Immer noch stand ihr Arguds mißbilligendes Gesicht vor Augen und sie grinste spitzbübisch vor sich hin...

"Was hast du vor, Valkyrja?"

"Warten." Resa antwortete fast automatisch, aus den Gedanken heraus, ohne wirklich zugehört zu haben. Bevor ihre Plagegeister nicht zurück waren, konnten sie gar keine Entscheidungen treffen. Daß sie kommen würden, stand für die junge Frau außer Frage. Ihr Liebhaber hatte die anderen herausgefordert und sie war sich sicher, daß diese das Angebot nicht ausschlagen würden. Sie oder wir, der Sieger bekommt das Land und ich persönlich werde ihm den Weg nach Walhall weisen. So überheblich, wie die anderen sind, können sie gar nicht anders, als diese Herausforderung annehmen! Ein leichtes Prickeln rann ihr über die bloßen Arme. Die Vorfreude auf einen Kampf! Für die Unsterbliche ein ebenso untrügliches Zeichen wie eine Vorahnung. Wie die Vision eines Buzz, den ihr eine Hexe schickte. Wer, bei den Göttern, mochte der Anführer der anderen sein?...

"Allerdings halte ich es für angebracht, wenn wir diejenigen, die nicht kämpfen, ebenfalls auf die Schlacht vorbereiten." Die ruhige, melodische Stimme erhob sich wieder und die Männer schenkten Resa ungeteilte Aufmerksamkeit, die sie selbstverständlich hinnahm. "Sie werden hier nicht bleiben können, also sollten wir versuchen, ihnen einen sicheren Unterschlupf zu suchen und dort für eine Notration an Wasser und Lebensmitteln zu sorgen. Gibt es hier in der Gegend eine solche Möglichkeit?" Tjørve nickte ernst. Ein guter Gedanke! "Sicher." antwortete er mit seiner volltönenden Stimme. "Die Hügel bieten uns eine Vielzahl an Höhlen und Unterschlupfmöglichkeiten, von denen die meisten nur die Leute meines Stammes kennen." "Gut. Sorge dafür, daß sie sich dorthin begeben. Cassandra soll mit ihnen gehen und im Zweifelsfall kann sie ja auch noch nachhelfen mit... ihren Zauberkräften. Vielleicht sollten wir auch ein paar Männer zurücklassen?" überlegte die junge Frau halblaut. Dann hob sie ihren Blick und fegte mit einer schnellen Bewegung die Becher vom Tisch, um den einige Männer herum saßen. Kaum drei Herzschläge später schossen zwei Raben in den Raum hinein und landeten auf dem einzigen freien Platz: dem Tisch. Vorsichtig befreite Argud das Bein des einen Tieres von der Last und warf sie verächtlich auf die Platte. Es war ein kleines Stück Holz, in das eine Rune geschnitzt war. Für Resa bedeutungslos, für die Männer Grund genug, das sich ihre Mienen verfinsterten und sie grimmig dreinschauten.

"Sie verhöhnen uns!" stieß einer der Männer hervor, und ein anderer schloß an: "Morgen früh werden wir ihnen das austreiben!"

Das war mehr als genug, was Resa wissen mußte. "Gut. Dann sollten wir keine Zeit verschwenden und uns auf sie vorbereiten." Damit verließ sie das Haus des Stammesältesten und marschierte energisch zur Schmiedestatt, die sie gründlich in Augenschein nahm.

"Willst du wieder Wälle bauen und Unterstände ausheben?" neckte Haakon seine Freundin, in Erinnerung an ihre erste Begegnung, als sie beim Anblick der doch eher primitiven Waffen die Stirn runzelte und sich überlegte, wie sie diesen Nachteil in einen Vorteil umwandeln konnte. Resa ging auf diese Anspielung nicht ein, sie war mit ihren Gedanken ganz woanders. "Habt ihr eigentlich auch Bogenschützen, Haakon?" fragte sie unvermittelt. "Nicht so viele. Eigentlich noch weniger als Schwertträger und Axtschwinger. Warum?" Eine wegwerfende Handbewegung war die Antwort darauf. "Hm, ich dachte, wir könnten ihre Reihen etwas aufreiben, indem wir brennende Pfeile abschießen." "Du bist sicher, daß du Fenris' Tochter bist?" "Wieso?" Verständnislos blickte die Unsterbliche zu ihrem Freund auf. "So viel Heimtücke hätte Loki alle Ehre gemacht!" Lachend stand Resa auf und klopfte sich die Hände ab. "Du hast mir immer noch nicht erzählt, wer Loki ist!" erinnerte sie den Mann neben sich. "Und heimtückisch ist das keineswegs. Ja, wenn ich angespitzte Pfähle zum Stoppen der Pferde in den Boden legen lassen würde oder einen Ring aus Öl um den Platz ziehen würde, an dem sie stehen werden, um ihn dann in Brand zu stecken oder..." "Hör auf!" bat Haakon lachend. "Du machst mir Angst!" Gut gelaunt legte er seinen kräftigen Arm um die Schultern der Kriegerin und führte sie mit sich fort. "Woher nimmst du nur so scheußliche Einfälle?" zog er sie liebevoll auf. "Das willst du gar nicht wissen!" kam ihre prompte Antwort und erheiterte Haakon nur noch mehr.

 

Resa und ihre Mitstreiter hatten alle Hände voll zu tun, um sich vorzubereiten, wobei doch etliche ihrer "scheußlichen Einfälle" in die Tat umgesetzt wurden, um Hab und Gut sowie Land und Leute zu schützen. Sie arbeiteten den ganzen Tag und die halbe Nacht und kurz bevor die Sonne hinter dem Horizont aufging, legte Resa letzte Hand an einen Verteidigungsstand an, der sozusagen die letzte Hürde darstellte vor dem Eindringen in die Höhle, in der sich die Dorfbewohner verbergen würden. Trotz Arguds Zweifel war die Frau keineswegs erschöpft oder müde, das Gegenteil war der Fall: die Vorfreude ließ ihr keine Ruhe angedeihen, machte sie ungeduldig und rastlos, kaum konnte sie eine Minute lang still stehen und sehnte sich den Augenblick des Kampfes herbei, der ihr erhitztes Blut zum Sieden bringen würde, der ihre Erregung zum Gipfel steigerte und sie zwang, sich diesem Gefühl auszuliefern und es zu leben. Nichts hatte sich geändert! Es war immer noch so, wie es vor Jahr und Tag einmal gewesen ist: sie lebte für den Kampf. - Etwas anderes hatte es in ihrem Leben nie gegeben. Ihr wahres Ich war wieder da, lebendig wie nie zuvor, und es forderte seinen Tribut. Die Jahre ohne Schwert waren Resa nun endgültig entschwunden und nicht mehr als ein flüchtiger Gedanke.....

 

**

 

Zusammen mit den Freunden, Dorfbewohnern und dazugestoßenen Verbündeten stand Resa auf dem Kamm eines Hügels und sah dem bisher unsichtbaren Gegner ins Auge. Resa ächzte leise auf. Goten! Nach Hunnen gab es kaum etwas schlimmeres, und sie waren bewundernswert gut formiert. Wie Eis rann das Blut durch ihre Adern, als sie die furchterregenden Helme und Rüstungen im Sonnenlicht blinken sah. Zum perfekten Horror fehlten eigentlich nur noch die Flammenzungen, die aus den Nüstern der Pferde schlugen, und Totenschädel mit rotglühenden Augenhöhlen. Neben sich hörte sie Argud reden, und obwohl er leise sprach, fielen die andere mit ein und Resa fühlte sich schwindelig. Dieselben Worte, die Haakon gesprochen hatte, als sie ihn gefunden hatte! Dasselbe Gebet:

 

"Allmächtiger Odin, Gott des Krieges, ich rufe dich.
Weise mir den Weg ins Geheiligte Land.
Dort treffe ich dann meinen Vater,
dort treffe ich meine Mutter, meine Schwestern und meine Brüder.
Dort treffe ich dann all jene Menschen meiner Ahnenreihe von Beginn an.
Sie rufen bereits nach mir.
Sie bitten mich, meinen Platz zwischen ihnen einzunehmen,
hinter den Toren Walhallas,
wo die tapferen Männer für alle Ewigkeit leben."
 

Jetzt, wo Resa die Worte verstand, kam es ihr umso mehr wie eine schicksalshafte Fügung vor, daß sie den Barbaren vor dem sicheren Tod bewahrt hatte, den er mehr als alles andere verdient hatte. Diese einfachen Worte ergriffen sie, und wenn sie sonst die junge Frau vielleicht auch zum Spotten angeregt hätten, so berührten sie jetzt nur ihr Innerstes auf ganz eigentümliche Weise und rangen ihr nicht mehr als ehrliche, schweigende Zustimmung ab.

"Was tust du hier?"

Argud und seine Leute wandten ihre Köpfe, als sie Tjørve' strenge Stimme vernahmen, die verärgert klang. Hanna stand neben ihm, trotzig sah sie zu ihrem Onkel auf, in ihrer Hand hielt sie ein Halbschwert. Ihre entschlossene Miene ließ keine Zweifel zu und machten ihre Worte eigentlich schon im voraus überflüssig.

"Ich komme mit!"

"Nein!"

"Du kannst mir gar nichts verbieten!" schrie Hanna den Mann an, der so überrumpelt war von diesem Ausbruch, daß ihm keine Antwort einfiel.

Resa seufzte leise auf - teils genervt, teils resigniert - und ging zu den beiden hinüber. Sie legte einen Arm um die Schultern der Jüngeren und drängte sie bestimmt zur Seite.

"Darf ich?"

"Hanna, was tust du hier?" Resa kniete sich vor dem Kind auf den Boden, ihre Schultern fest umfaßt, ihr Blick streng, wenn auch nicht zornig, wie das Mädchen erleichtert feststellte. Energisch schob sie ihr kleines, rundes Kinn vor und antwortete trotzig: "Ich will mit euch kämpfen!" Über Resas Gesicht huschte so etwas wie ein Schatten von Traurigkeit, als sie das hörte. "Hast du denn gar nichts von dem verstanden, was ich dir gesagt habe?" fragte sie sanft. "Gut, ich werde dich nicht davon abhalten, wenn es dein ausdrücklicher Wunsch ist. Aber ich möchte, daß du dich selber einmal genau umsiehst. Dies hier, Hanna, ist ein Ort zum Sterben! Möchtest du das? Reicht es nicht, daß viele von denen, die hier stehen, nicht mehr heimkehren werden? Willst du unbedingt zu ihnen gehören?" Erschöpft lehnte Resa ihre Stirn an die des Mädchens und ein heftiger Schmerz durchzuckte sie dabei, so daß sie wieder zurückfuhr. "Was ist? Was hast du?" Hanna sah ganz ängstlich aus, als sie ihre ältere Freundin forschend musterte. Mit einem schwachen Lächeln winkte die Unsterbliche ab.

"Deine Aufgabe liegt noch vor dir, Hanna, und ich wäre froh, wenn du sie wahrnehmen würdest. Nur so könnte ich jetzt ruhigen Gewissens in die Schlacht ziehen." "Was für eine Aufgabe?" Hannas Stimme war nur noch ein neugieriges Flüstern, voll atemloser Spannung und kindlichem Glauben. Verschwörerisch wandte Resa ihr Gesicht und blickte bedeutungsvoll in Richtung Argud. Hanna folgte ihrem Blick, schlug jedoch schnell die Augen nieder, worauf die Ältere grinste. "Du magst ihn, nicht wahr?" Hanna nickte stockend. "Geh zu Cassandra und den anderen, dort wird dir nichts passieren. Ich möchte, daß du bereit bist, wenn Argud seine neue Königin abholt."

Groß und fassungslos starrte Hanna ihre Freundin an, die ihr aufmunternd zulächelte und einmal knapp nickte. Das Mädchen warf noch einmal einen schnellen Blick auf die Krieger, dann drehte sie sich um und rannte so schnell sie nur konnte in das Dorf zurück, um sich bei der Hexe in Sicherheit zu begeben. Ich hoffe, du paßt gut auf sie auf, Cassandra!, dachte Resa grimmig, als sie der Kleinen nachsah. Wenn nicht, werde ich dich zur Rechenschaft ziehen!

"Wie konntest du sie überzeugen?"

Tjørve wirkte mehr als nur leicht verstört über den plötzlichen Sinneswandel seiner ansonsten störrischen Nichte. Resa grinste.

"Frauensache!" lautete ihre lakonische Antwort.

Jetzt waren sie gewappnet, und ihre Gegner schienen es ebenso zu empfinden. Der Kampf hatte begonnen!

Die Goten schickten eine Reihe an Bogenschützen nach vorne, die zwar begnadet schlecht zielten, aber dafür machte die Masse der Pfeile, die auf die Verteidiger nieder regneten, dieses Manko wieder wett. Resa brüllte nach den eigenen Schützen, die nach vorne traten, ihre Pfeile entzündeten und schossen. Pferde wieherten schrill, scheuten und stoben teilweise davon. Tjørve nickte wohlwollend bei diesem Teilerfolg. Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß die verrückten Ideen, die Fenris' Tochter vorbrachte, von Erfolg gekrönt sein würden, aber anscheinend hatte er sich getäuscht. Mit diesem Klein-Angriff konnten sie zwar nur wenige Gegner töten, aber es reichte für den Moment, daß sie sich etwas zerstreuten und nicht mehr so formiert angriffen, wie sie es vielleicht geplant hatten. Mit lautem Kriegsgeschrei warfen die Goten sich in die Schlacht, von Strategie keine Spur mehr, in ihnen wohnte nur der Wunsch nach Töten, den sie unbedingt ausleben wollten. Mit dem Schrei der Wikinger stürzten sich die Nordmänner ins Getümmel, ein jeder bewaffnet mit dem, was er am besten handhaben konnte, ein jeder mit dem Wissen, daß er seinen Frieden mit den Göttern gemacht hatte. Resa zögerte noch einen Augenblick, bis Haakon sie ermunternd anstupste und sie ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, bevor sie sich mit ihm gemeinsam in die Schlacht warf.

Für Resa war es der reinste Jungbrunnen! Das Gefühl, wenn sie ihr Schwert führte, wenn sie einen Mann tötete, es ließ sich nicht beschreiben... Für einen einzigen, winzigen Moment wünschte sie sich, Kronos wäre an ihrer Seite; dann wäre es genau wie damals, sie beide, Seite an Seite, ein jeder, der dem anderen glich, ihn verstand, und gemeinsam machten sie die Welt zur Bühne eines blutrünstigen Stücks, das sie ehrte und den Göttern gleich setzte... Und dann war dieser Moment vorbei und Resa machte die Erfahrung, daß die Leute den fürchteten, der ihnen mit einem Lächeln den Tod brachte.......

Pfeifend zischte ihre Klinge durch die Luft, mit einer gespenstischen Präzision traf sie immer ihr Ziel. An ihrer Seite kämpfte Haakon, behende, wenn auch nicht begnadet, aber er stand seinen Mann! Ein Ziehen und Kribbeln erfaßte Resa. Es zog ihr durch Mark und Bein und ließ sie erschauern. Sie durchbohrte ihren Gegner und drehte sich dann dem Hügel zu. Auf dessen Kuppe stand ein Reiter mit Pferd und seine arrogante Haltung brachte die junge Frau in Rage. Mit der Schwertspitze zeigte sie in seine Richtung.

"Wer ist das?" verlangte sie zu wissen.

"Das ist Meander." antwortete ihr einer der Dorfbewohner und seine Stimme bebte. "Wo er ist, ist Darius nicht weit."

Darius... In Resa schwang eine Saite, als sie diesen Namen hörte. Woher nur kannte sie ihn? Was brachte sie mit diesem Namen bloß in Verbindung? So sehr sie sich auch das Hirn zermarterte, es fiel ihr nicht ein, aber sie hatte auch nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie einer Haakon von hinten niederstrecken wollte, und mit einem weiten Satz war sie bei ihrem Freund und sicherte seinen ungeschützten Rücken, was er ihr mit einem flüchtigen, dankbaren Lächeln vergalt.

Meander beobachtete mit zusammengekniffenen Augen die Kriegerin, die sich keine drei Schritte von dem Wikinger fort bewegte, und die ihr Schwert so sicher führte, als sei sie damit aufgewachsen. Er hatte sie gespürt, sie war wie er. - Und er wollte sie! Mit einem winzigen Grinsen in den Mundwinkeln überlegte er, ob er ihr sofort ihren Kopf nehmen sollte oder ob er sich noch ein wenig die Zeit vertrieb und ausprobierte, wie lange es wohl dauern mochte, bis er ihren Willen gebrochen hatte. Sie gefiel ihm: exotisch sah sie aus, die Sonne, die auf ihr Haar traf, verwandelte es in ein flammendes Rot, ihre Augen leuchteten vor Leidenschaft. - Im Kampf, wohlgemerkt, aber immerhin.... Auf ein Zeichen von ihm hin, machten sich einige seiner Männer an die beiden heran. Er wollte die beiden trennen und er wußte auch schon, wie er sich der Unsterblichen bemächtigen konnte.

"Bringt mir den Wikinger!"

Wie aus dem Boden gewachsen tauchten vor Resa und Haakon sechs Kerle auf, die sie in die Zange nahmen. Sie waren nicht so ernstzunehmen, daß sie ihnen wirklichen Schaden zugefügt hätten, aber sie schafften es, die beiden Freunde voneinander zu trennen und trieben Haakon Meander zu, der siegessicher aus dem Sattel glitt, als er seine Männer kommen sah. Unten, in der Ebene, kämpfte Resa und erst, als sie etwas Luft hatte, sah sie sich nach ihrem Blutsbruder um, dessen Nähe sie vermißte. Aus dem Handgelenk heraus schlug sie zu und ein Gote fiel laut schreiend zu Boden, wo er sich wälzte, als könnte das seine Schmerzen lindern, welche die fremde Frau ihm zugefügt hatte, indem sie ihm einen Schwertstreich quer über die Brust zugefügt hatte. Achtlos stieg sie über ihn hinweg, ihren Blick fest auf die beiden Kämpfenden auf dem Hügel geheftet. In dem einen erkannte sie Haakon, der andere war der Mann namens Meander, vor dem man sich hier so fürchtete und der unsterblich war wie sie selber. Ein Krieger wollte sich auf sie stürzen, aber auf eine knappe Handbewegung Meanders hin hielt er sich zurück. Resa kniff die Augen zusammen. Was hatte das zu bedeuten? Haakon kämpfte gut, aber der andere war besser, die Unsterbliche sah es auf den ersten Blick und siedend heiß kam ihr die Erkenntnis: Haakon sollte sterben und Meander wollte, daß sie es mitbekam! Vor ihrem geistigen Auge zuckte das Bild eines anderen Mannes auf, der in ihren Armen gestorben war - Danael - und die junge Frau stöhnte auf. Alles, nur das nicht!

Haakon schwitzte. Er war nicht mehr der Jüngste und mit den geschmeidigen Bewegungen seines um viele Jahre jüngeren Gegners konnte er nicht mehr mithalten. Das einzige, was er dem anderen voraus hatte, war Erfahrung und das Wissen des Alters. Jetzt wünschte der Wikinger sich mehr von den Tricks, die seine fremdartige Freundin so auf Lager hatte, und etwas von ihrer Kraft im Kampf, die sie immer wieder unter Beweis gestellt hatte. Zwar hatte er Meander verletzen können, so hatte er gemeint, aber der zeigte keine Wunde, so daß Haakon anfing, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Der Boden unter ihm war schlüpfrig und machte ihm das Ausweichen schwer, die todbringende Klinge des anderen kam ihm immer näher. Als er schließlich ausrutschte und fiel, war ihm, als würde die Welt für einen Augenblick den Atem anhalten. Er hörte seine Freundin, wie sie seinen Namen schrie, sah die Klinge auf sich zu rasen und fühlte den Schmerz, als sie in seine Brust drang. Mit erstaunlicher Klarheit sah er den Triumph in den Augen des Goten über ihm, sah seine Frau und sein Kind, die hinter dem Rücken des Barbaren standen, bevor rote Nebel ihm die Sicht nahmen. Ein letztes Mal riß er seinen Arm mit dem Schwert hoch und der Ruf "ODIN!!!" hallte in den Nebeln wider, bevor die Walküren ihn mitnahmen nach Walhall.....

"NEIN!!!"

Die weibliche Stimme hallte zwischen den Hügeln wider, der Schmerz, der aus ihr sprach, war zum Greifen nah, fast schien es, als würde sie in die Knie brechen, als sie ihren Freund zu Boden sinken sah. Das alles mußte ein böser Traum sein! Wie konnte die Geschichte sich in so kurzer Zeit nur so grausam wiederholen? Den Blick fest auf Meander gerichtet, achtete Resa gar nicht auf die Männer, die sich ihr in den Weg stellten - und fielen. Meander erwartete sie auf einer Anhöhe und Resa bahnte sich ihren blutigen Weg dorthin. Wut schlug heiß in ihr hoch und es gab keinen Platz mehr für andere Gefühle. Ihr einziges Ziel war vernichten, töten, um nicht den Schmerz im Herzen spüren zu müssen, weil ihre Seele schon lange wußte, was ihr Verstand sich weigerte zu akzeptieren: Haakon, ihr Blutsbruder, war tot! Sie wußte nichts von Argud und Ole, die ihr hinterher wollten, um ihr den Rücken freizuhalten. Sie sah nicht Lars fallen, von einem guten Dutzend Pfeilen durchbohrt und sie hörte nicht Tjørve, wie er seine Befehle brüllte. Resa war blind und taub für alles, was um sie herum vorging, sie sah nur noch den Unsterblichen, der ihr arrogant entgegensah, als wollte er sie verhöhnen. Über seinem Kopf kreisten laut krächzend zwei Raben, stießen hinab und flatterten wieder weg, als der Mann nach ihnen schlug. Mit einer letzten Anstrengung erklomm die Kriegerin die Anhöhe, keine zehn Schritte vor ihr stand der Gote - und grinste!

"Ich heiße dich willkommen, Kriegerin!" tönte er überheblich, sein Schwert zeichnete mit der Spitze einen Kreis in den losgetretenen Boden. "Ist heute nicht ein schöner Tag, um zu sterben?" Die Klinge von Resas Schwert kippte nach unten, kalt blitzte es in den grünen Augen auf. "Du wirst es gleich herausfinden!" knurrte sie kehlig, zischend zerschnitt die Klinge die Luft und traf auf Meanders, der sich überrascht zeigte von der Kraft und der Wut, mit dem die Unsterbliche ihr Schwert führte. Gekonnt blockte er sie ab und als sie zurücksprang, setzte er noch einmal nach. Und jetzt zeigten sich die Vorteile von Resas Waffenführung: sie steppte zurück, während ihr Arm mit dem Schwert vorne blieb, wischte Meanders Klinge wie ein lästiges Insekt zur Seite und traf ihn am Oberarm, wo sie eine tiefe Wunde schlug, aus der sofort ein Blutstrahl heraus schoß. So schnell wie sie angegriffen hatte, so schnell zog Resa sich auch wieder zurück und die beiden Unsterblichen umkreisten sich lauernd. Meander kochte vor Wut, aber seine Verletzung gab Resa viel Aufschluß über ihn. Der andere blutete lange und die Wunde schloß sich nur zögernd, demnach war er noch jung und umso schneller zu besiegen!

 

Unter der Anhöhe warfen sich die Parteien mit unverminderter Härte entgegen, gewillt, den anderen vom Erdboden zu tilgen, restlos, gnadenlos. Pferde wieherten schrill, ihre Hufe stampften auf dem Boden, Schwerter trafen klirrend aufeinander, Menschen schrien, sei es aus Wut, sei es aus Schmerz... Die Luft war erfüllt von Rauch, heiß und stickig, als wären sie in einer unsichtbaren Kugel, die sie einhüllte, und nicht mitten auf dem Felde.

Von den beiden Unsterblichen auf dem Hügel bekam keiner dieses Inferno mit. Ihre Wut, ihre Kraft konzentrierte sich einzig und allein aufeinander.

 

Wutentbrannt fuhren die beiden wie auf ein unsichtbares Kommando aufeinander los, schnelle Hiebe prasselten nieder, die ein jeder parierte und zurückschlug. Resa wirbelte um die eigene Achse, ihre Klinge suchte sich ihren Weg in Höhe der Kehle, aber Meander hatte sie durchschaut und brachte sich mit einem weiten Satz nach hinten in Sicherheit. Er schlitterte, stürzte beinahe und nur mit Mühe konnte er sich abfangen. Neben ihm lag die Leiche eines Kumpanen und blitzschnell hatte er sich dessen Schwert gegriffen und schwang nun beide triumphierend, ein fieses Grinsen auf den Lippen.

 

"Ach, es könnte doch so einfach sein, Mädchen." rief er Resa gönnerhaft zu. "Du legst dein Schwert weg und ich nehme dich mit mir. Ich glaube, Darius hätte nichts dagegen einzuwenden." "Das freut doch zu hören." versetzte die junge Frau ironisch. Sie stellte die Spitze ihres Schwertes auf dem Boden ab und stützte sich, Stärke demonstrierend, auf den Knauf. "Aber weißt du, Meander... Du bist nicht mein Typ. Ich bevorzuge echte Männer!" Einen Augenblick lang starrte der Unsterbliche die Frau verständnislos an, dann sickerte der Sinn ihrer Worte in seinem Hirn durch und er wurde ganz bleich vor Zorn.

"Deine Überheblichkeit wird dir noch vergehen, bis ich mit dir fertig bin!"

Statt einer Antwort schwang Resa ihr Schwert in einer eleganten Bewegung zur Seite, sie deutete eine leichte Verbeugung an und lächelte nichtssagend. Außer sich raste Meander auf sie zu, aber kurz bevor er sie erreicht hatte, hatte sie sich vom Boden abgestoßen, vollführte einen Salto in der Luft und landete hinter dem Mann, der augenblicklich herumfuhr, aber sein Schwertstreich ging ins Leere. Resa katapultierte sich in die Luft, ein hoher Tritt von ihr warf Meander zurück, ein Fausthieb trieb ihn weiter, rückwärts, wo er mehrmals über Leichen stolperte und sich immer wieder erst im letzten Augenblick abfangen konnte. Die Frau ließ ihm Zeit, in der er sich immer wieder berappeln konnte. Wie eine Katze, so spielte auch sie mit ihrer Beute, gab ihr Gelegenheit, sich zu erholen, bevor sie wieder zuschlug. Sie fügte ihm zwar Wunden zu, aber keine war so bedeutend, daß sie ihn beeinträchtigte. Und obwohl Meander mit zwei Schwertern kämpfte, hatte es ihm keinen Vorteil gebracht. Resa wich ihm schlangengleich aus, schien jede Bewegung schon von vornherein zu ahnen und startete eine Gegenattacke. Resas ziemlich unkonventionelle Art der Schwertführung machte ihrem Gegner zu schaffen, denn sie führte es hervorragend, sowohl mit der gekippten Schwertklinge nach unten, als auch richtig herum geschwungen, wenn sie einen seiner Angriffe abblockte. Die schwerelose Behendigkeit, mit der sie es immer wieder um das Handgelenk schwingen ließ, um seine Position zu verändern, hätte Meander eigentlich warnen sollen, daß er es hier mit keinem unerfahrenen Gegner zu tun hatte. - Wäre er nicht so sehr damit beschäftigt gewesen, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, hätte er es vielleicht sogar gemerkt.

"Argud!"

Der Angerufene hieb kräftig auf einen Goten ein, dessen Schild unter der Wucht des Schlages zerbarst und ihn tödlich in der Brust traf. Röchelnd sank er zu Boden, aber sein Todeskampf wurde nicht mehr wahrgenommen, denn sein Richter hatte sich Ole zugewandt, der auf den Fuß des Hügels deutete, und wo der junge Wikingerkönig die Walküre sehen konnte. Bei Odin, wie sie kämpfte! Gebannt beobachtete er sie einen Moment lang, bis ein anderer Gote ihn angriff und dazu zwang, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als der Geliebten.

Meander kam ins Rutschen. Der Boden unter ihm war aufgeweicht und zäh, jeder Schritt stellte eine ungeheure Anstrengung dar, aber der Frau in der Rüstung schien das nichts auszumachen: sie bewegte sich anmutig, als stände sie auf einem Tanzplatz. Als Meander seine Schwerter wie Windmühlenflügel schwang, sah sie sich gezwungen, sich ebenfalls ein zweites Schwert zu suchen, um ihm standzuhalten. Klirrend trafen die beiden Klingen sich, verhakten sich ineinander, aber keiner der beiden Kontrahenten gab nach. Wutentbrannt maßen sie sich mit Blicken, ihr keuchender Atem zeugte von den Anstrengungen, die es sie kostete, nichtsdestotrotz versuchter jeder, den anderen in die Knie zu zwingen. Als keiner von beiden Erfolg hatte, warfen sie sich - beide einer Eingebung folgend - gegeneinander, lösten die Schwerter und brachten hastig etwas Platz zwischen sich.

Resa wich einem Streich aus, indem sie nach hinten sprang, als sie den Buzz spürte..... Sie hielt inne, suchend glitten ihre Augen über die Landschaft, über die Männer, die kämpften; sie hatte Meander völlig vergessen. Es war der Buzz, den sie schon mehrmals gespürt hatte! Der Buzz, den selbst Cassandra ihr geschickt hatte! Wo, zur Hölle, war er??? Ihre Augen schweiften über die Leute, stockten und glitten zurück zu einer hoch aufgerichteten Gestalt, die aufrecht im Sattel auf der Hügelkuppe verweilte und sie ansah. Das mußte er sein!, schoß es Resa durch den Kopf und sie drehte sich ihm etwas zu, um ihn besser sehen zu können. Ein großer Mann, etwas zu schlank, mit scharfen, ja schon asketischen Gesichtszügen und halblangen dunkelblonden Haaren. Ruhig starrte er in die Ebene, beobachtete die beiden Unsterblichen bei ihrem Kampf, ohne daß man ihm auch nur eine Regung ansah. Er trug einen gehörnten Helm und eine für die Goten typische Rüstung, dazu hohe Stiefel und ein verflucht langes Breitschwert, wie Resa mit grimmiger Genugtuung registrierte. Das würde er auch brauchen, wäre sie erst einmal mit Meander fertig!

 

Ein scharfer Schmerz erinnerte sie daran, daß Meander immer noch da war. - Und daß er die Gunst der Stunde genutzt hatte und die Ablenkung der Frau dazu nutzte, ihr eine tiefe Stichwunde zuzufügen, auf die Resa jetzt mehr erschrocken, als wirklich schmerzerfüllt ihre Hand preßte. Blut sickerte zwischen ihren Fingern hindurch, auf das sie einigermaßen fassungslos starrte, ungläubig, daß EIN KRIEGER so hinterhältig sein konnte und sie von hinten angriff. Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen wich sie einen Schritt nach hinten aus und nahm die Hand von der Wunde. Meander konnte nicht glauben, was er sah: reine, makellose Haut, ohne auch nur die Spur eines Kratzers! Unsicher geworden warf er einen Blick auf seinen Lehrer Darius. Die Fremde mußte sehr stark sein, wenn ihre Wunden sich so schnell schlossen. Aber hatte Darius ihn nicht zum besten Kämpfer aller gemacht, mit Ausnahme von ihm selbst? Stand er nicht hier, um seinem Mentor zu beweisen, daß er bereit war, für sich und die Welt? Seine Gesichtszüge verhärteten sich, er machte einen Ausfallschritt und fixierte die Frau in der Rüstung kalt. Die kreuzte ihre Schwerter vor sich, wandte ihm ihre Seite zu und grinste freudlos.

"Dein Ende ist nah, Meander. Hel erwartet dich!"

Noch ein kurzes Abmessen mit den Augen, ein letztes Lockern der Muskeln... Sie beide waren bereit für den letzten Schritt. Einer von ihnen würde hier sein Leben lassen, das wußten sie, und keiner wollte es sein.

Mit einem wütenden Aufschrei stürzten die beiden aufeinander zu, Meander holte weit aus, beinahe flog er über den zertretenen Boden... Resa ließ sich einfach auf die Knie fallen, sie versenkte ihren Kopf zwischen die beiden, gerade ausgestreckten Armen, beide Schwerter lagen so aufeinander, daß sie wie eines aussahen, und so trieb sie die Klingen in Meanders Leib, daß sie auf dem Rücken wieder hinaustraten, und verharrte für einen Moment still in dieser Haltung....

Meander verspürte keinen Schmerz, er war nur sehr überrascht, als er den Kopf senkte und die beiden Schwerter in sich stecken sah. Der Schock hatte sein Denkvermögen ausgeschaltet, er fühlte nur Verständnislosigkeit und einen solchen Blick sandte er seinem Lehrer, der noch immer unbeweglich auf dem Hügel stand. Verflucht, dachte er noch. Dieses Miststück ist wirklich gut! - Dann zog Resa die Klingen nach links und rechts durch.

Geschafft ließ Resa ihre Arme sinken, wischte sich mit dem Oberarm Blutspritzer aus dem Gesicht, bevor sie sich daran begab, aufzustehen. Selbst für die teils sehr blutrünstigen Wikinger mußte es grausam anmuten, als sie nun ausholte und dem Toten den Kopf nahm, sie ahnte es, aber sie wollte auch nicht, daß dieser Mensch jemals wieder zurückkehrte. Zu viel Leid hatte er über die Menschen gebracht, nicht zuletzt über sie selbst, wenn sie an Haakon dachte. Erschöpft sackten ihre Schultern nach vorne und sie machte Anstalten, sich ein paar Schritte von dem geteilten Leichnam zu entfernen. Um den bildeten sich nun kleine Nebelschwaden, in denen es hell zuckte, wie von kleinen Blitzen. Wind kam auf und zerrte an ihren langen Haaren, ihre grünen Augen leuchteten gespenstisch auf, als sie die Arme weit ausbreitete und die Erneuerung willkommen hieß, die Meander ihr gab. Die Nebel waberten höher, die Blitze wurden gewaltiger, das dürre Gras setzte sich in Brand und hell loderten die Flammen, als wollten sie die Szenerie noch zusätzlich beleuchten. Resa fuhr die Erneuerung ins Gebein, füllte sie aus mit einer ungeahnten Wucht, die immer wieder neu und trotz allem vertraut war. Ihr Geist empfing Bilder aus einer anderen Welt, die sie erschauern ließen: Dörfer, die brannten, furchterregende Krieger, die Frauen und Kinder töteten, Meander mit dem Schwert in der Hand, wie er unterlag und nach Walhall ging, doch an der Schwelle auf Loki traf, der ihm von ewigem Leben und Ruhm flüsterte, sollte es ihm gelingen, Odin und die seinen zu stürzen, Meander, wie er sich mit Darius verbündete, Frauen auf fliegenden Pferden, die im wilden Ritt durch die Lüfte schwebten und mit lautem Kriegsgeheul Schwerter schwangen, der Schatten eines riesigen Wolfes, der mit weit geöffnetem Rachen auf sie zu sprang und sie zu verschlingen drohte, eine Riesenschlange, deren peitschender Schwanz das Meer aufwühlte und deren Leib sich um die Wurzeln einer gewaltigen Esche wand...

Die Unsterbliche war sich nicht bewußt, daß sie schrie, während diese Bilder auf sie einstürmten, daß sie inmitten eines Infernos stand, das ihre Gefährten sahen; sie fühlte einzig und allein den Sog, in dem es weder Zeit noch Raum gab und der sie mit sich fortriß, und so plötzlich, wie diese Visionen begannen, so schnell endeten sie auch wieder und Dunkelheit umfing die Frau.

Ächzend fiel Resa auf die Knie, Schweiß rann ihr über das Gesicht, während sie zitternd versuchte, ihre Fassung zurück zu gewinnen. Qualvoll stach jeder Atemzug in ihrer Lunge und sie war versucht, sich einfach fallen zu lassen und zu schlafen, wäre da nicht noch etwas, was sie erledigen wollte.... Sie fühlte sich sanft unter die Schultern gefaßt und hochgezogen, als sie schwankend stand, sah sie Argud ins Gesicht, der sie sorgenvoll musterte. Sie versuchte ein beruhigendes Lächeln, das kläglich mißlang, und machte sich nachdrücklich los, um dem Hügel zuzustreben. Die Goten hatten sich zurückgezogen, das Ende Meanders und die Erneuerung hatten sie zu Tode erschreckt und sie glaubten ihre Götter gegen sich zu haben. Darius stand noch immer auf dem Hügel und genau dort wollte Resa hin! Jetzt, da sein Schüler endgültig verloren war, wendete er sein Pferd und ritt langsam fort.

"Darius!!" Resa stolperte mehr als daß sie ging, ihr Schwert fühlte sich bleischwer an. "Darius!!!!"

Als Resa auf der Kuppe ankam, sah sie den Goten nurmehr von hinten. Er hatte es nicht eilig, als schien er zu wissen, daß die Unsterbliche ihn nicht verfolgen konnte in ihrem Zustand. Früher oder später würden sie sich wieder begegnen, unter einem besseren Stern, und dann würden sie genug Muße haben, herauszufinden, wer von ihnen der Bessere war. Und bis dahin sollte sie ihre Wut pflegen...

"DARIUS!!!!"

Resas Stimme hallte über die abziehenden Goten hinweg und ließ die Männer unwillkürlich schneller reiten, sahen sie in der fremdartigen Frau doch einen Dämon, der sie verschlingen würde, kam man ihm zu nahe. Mit einem Schluchzen, das Verzweiflung und Wut ausdrückte, brach Resa in die Knie und starrte ihnen aus brennenden Augen hinterher.....

 

**

 

Argud hatte seine Geliebte in das Haus schaffen lassen, in dem sie bisher residiert hatten, und dort hockte sie nun am Boden und starrte mit brennenden Augen auf dem blanken Boden vor sich, kaum daß sie die zuckenden Flammen der Feuerstelle wahrnahm, die ihr Gesicht gespenstisch beleuchteten. In sich verspürte sie dumpfe Leere, wunderbar betäubend, bis am nächsten Morgen das Erwachen umso furchtbarer werden wird. Tot! Immer wieder hämmerte dieses Wort hinter Resas Stirn, aber sie konnte seinen Sinn einfach nicht verstehen. Früher einmal hatten sie die Totenwachen mit Singen verbracht, um Leben und Wirken der Dahingeschiedenen zu ehren, aber aus ihrer Kehle wollte sich kein Ton zwingen lassen; sie war schmerzhaft trocken und wie zugeschnürt. Vor ihrem Geist spielte sich immer und immer wieder die gleiche Szene ab: Haakon, wie er tödlich getroffen zu Boden sank und regungslos liegen blieb. Jedesmal aufs Neue durchzuckte die junge Frau der stechende Schmerz, den sie bei diesem Anblick empfunden hatte, loderte die verzweifelte Hoffnung auf: Er ist nur verwundet! Er ist nicht tot!, gefolgt von der peinigenden Erkenntnis, daß sie noch nicht einmal sich selber täuschen konnte.

"Wieso trauerst du um mich,... Morregan?"

"Woher weißt du meinen Namen?"

"Ich bin in Walhall eingegangen, kleine Schwester. Wie sollte ich deinen Namen da nicht kennen?"

Die Unsterbliche wandte ihr Gesicht der geisterhaften Erscheinung zu, die Haakon darstellte und von der sie nicht wußte, ob sie wirklich da war oder ob sie nur in ihrer Phantasie existierte. Aber seine Nähe war tröstlich....

"Gibst du dich wegen so ein bißchen Schmerz auf, Morregan?" fragte der Geist sie unerbittlich weiter und Morregan war sich nun sicher, daß dieser Geist nicht nur in ihrer Phantasie existierte, sondern real war. Nur Haakon hatte es gewagt, so mit ihr zu sprechen! Sie fühlte Ärger in sich aufsteigen, weil er ihr so etwas unterstellte. Was wußte er schon!?

"Ich habe mich niemals aufgegeben!" schnappte sie heftig und er winkte nur müde ab. "Sicher. Du hast nach dem letzten Mal deine Waffen abgelegt, dich in die Einsamkeit zurückgezogen und wie ein Tier deine Wunden geleckt. Wahrlich, so hätte es ein wahrer Krieger auch gemacht!" Der kühle Spott traf sie wie ein Schlag ins Gesicht und in ihren Augen blitzte das Aufbegehren. "Du hast ja gar keine Ahnung, wovon du redest!!!" schrie sie wütend dagegen. "Du verstehst es eben nicht!" "Nein." entgegnete er ruhig. "Das tue ich wirklich nicht. Du warst eine der größten Kriegsherren aller Zeiten, die Welt lag dir zu Füßen... - Und du ziehst es vor, in Selbstmitleid zu ertrinken. Erklär mir, wieso." Ein Schatten legte sich auf Morregans Züge, als man sie zwang, sich an Dinge zu erinnern, die sie lieber vergessen hätte. "Ich habe alles verloren..." flüsterte sie tonlos. "Meine Freunde, meine Familie, alles...." "Was hat dich aufrecht gehalten, als du deinen Lehrer verloren hast?" "Der Glaube daran, daß er es hören kann, wenn ich an ihn denke."

"Wir hören dich immer noch!"

Ungläubig wandte die Unsterbliche den Kopf, starrte fassungslos auf die gefallenen Gefährten längst vergangener Zeiten, die ihr aus der Welt der Geister und Toten ihren Gruß entsandten. Sie alle waren da versammelt und Morregan streckte ihre Hände nach ihnen aus.

"Azra... Kela..."

Tränen rannen ihr über das Gesicht, die Stimme versagte ihr den Dienst und für sie schien einfach nur noch die Zeit still zu stehen, während sie auf die geisterhaften Wesen blickte. Mozar, ihr Lehrer, Azra, der einzige Mensch, dem sie ihr Leben anvertraut hätte, Kela, ihr Sohn, und noch viele andere, die ihr Leben für sie gelassen hatten, die mit ihr geritten waren, um ihren Willen den Menschen aufzuzwingen und sie davon zu überzeugen, daß Morregan eine Göttin war. Unbesiegbar und unsterblich!

"Das kann nicht sein..." stammelte sie immer wieder, bis Haakon eine leichte Handbewegung machte und die Erscheinungen durchsichtiger wurden und schließlich gänzlich wieder verschwunden waren.

"Dein Weg ist noch lange nicht zu Ende, Morregan, aber wenn es soweit ist, wird dein Platz an Odins Tafel auf dich warten. - Und wir mit ihm. Ich bin glücklich dort, wo ich bin, und ich weiß, daß du ebenso glücklich unter den Lebenden bist. Eines Tages sehen wir uns wieder, kleine Schwester... Denk an mich!"

Die Stimme entschwand und die junge Frau in der Rüstung war alleine in dem kleinen Haus. Verwirrt zwinkerte sie mehrmals, dann schüttelte sie die Steifheit ihrer Glieder verärgert ab und erhob sich schwerfällig. Von draußen erklangen Schritte und nur Augenblicke später standen Argud und Ole vor ihr, die Haakons Leichnam abholen wollten, um ihn zu bestatten. Etwas unsicher sahen die beiden Männer die Frau an, aber als die keine Anstalten machte in hysterische Tränen auszubrechen, nahmen sie ihren Gefährten und trugen ihn fort. Die Unsterbliche begleitete sie schweigend, bis Ole, neben dem sie herging, halblaut meinte: "Und ich habe gedacht, er würde meine Tochter endlich heiraten, nachdem sie sich schon so lange in sein Haus schleicht!" Verdutzt starrte Morregan den hünenhaften Wikinger neben sich an, dann brach ein schallendes Gelächter aus ihr heraus, das erst langsam erstarb, als ihr Tränen über das Gesicht liefen. Oles halb vorwurfsvoller, halb enttäuschter Ton brachte ihr Haakons verschmitztes Grinsen wieder ins Gedächtnis, als er zu ihr gesagt hatte, daß Ole keine Ahnung davon habe, was seine Tochter treibe, ansonsten würde er Haakon wohl auch dafür umbringen. Oh, Bruder!, dachte sie dabei und unterdrückte den widersinnigen Drang, weiter zu kichern.

 

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Hochaufgerichtet stand Morregan neben Argud, um Haakon die letzte Ehre zu erweisen. Man würde das kleine Drachenboot auf die See bringen und es dort entzünden, ganz so, wie es die Tradition verlangte.

Mitleidig streiften Arguds Augen die Geliebte, die keine Träne vergossen hatte seit der Gewißheit, daß ihr Freund tot war. Ihre Miene wirkte versteinert, ihre Augen leuchteten unheimlich in ihrem bleichen Antlitz; sie machte auf den Wikinger einen angespannten Eindruck, von dem er sie gerne erlöst hätte. - Aber die junge Frau schwieg. In der Hand hielt sie die Zügel ihres Pferdes, ein Geschenk der Wikingerführer, und Argud wußte, daß dies ihre letzten gemeinsamen Momente waren. Sie würde gehen! Wann er sich mit diesem Wissen abgefunden hatte, wußte der junge Mann nicht zu sagen, irgendwann einmal war es Gewißheit geworden, auch wenn er immer noch hoffte. Alles hätte er ihr zu Füßen gelegt, würde sie bei ihm bleiben! Aber die stumme Entschlossenheit, mit der sie ihre Habseligkeiten zusammengepackt hatte, beantwortete all seine ungestellten Fragen.

Morregan war kalt. Nicht von außen, sie fror innerlich. Es tröstete sie wenig, daß Haakon seinen Platz an Odins Tafel eingenommen hatte und auf sie wartete. - Mit all den anderen. Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals und schmerzte unsäglich, aber sie weigerte sich schlichtweg nachzugeben und zu weinen. Irgendwann, schwor sie sich, den Blick fest auf den aufgehenden Mond gerichtet, der gerade aus dem Meer auftauchte, irgendwann werde ich bei euch sein. Noch nicht. Aber wenn es soweit ist, wird es sein, als käme ich nach Hause! Die Unsterbliche blinzelte, dann wandte sie sich ab, bestieg schweigend ihr Pferd und ritt los. Kein Wort des Abschieds an Argud oder all die anderen, liebgewonnenen Freunde. Sie fürchtete, die Beherrschung zu verlieren, wenn sie mit ihnen sprach. Also ritt sie nur langsam durch die Gasse, die sich für sie bildete.

In einem Anflug von Galgenhumor dachte Morregan daran, daß sie ihre beiden ständigen Begleiter endlich los geworden war. Es war doch sehr störend gewesen, daß sie einen andauernd im Blick gehabt haben! Daß sie fort waren, stimmte die Frau fröhlicher, auch wenn sie sich fragte, weshalb sie hierher gekommen war. Zu viele tote Freunde in den letzten Wochen, zu viele zerstörte Träume... - und kein Drachen. Was also hatte es ihr gebracht, einem Traum zu folgen? Nichts! Nein, korrigierte sie sich schnell und ein befreites Lächeln huschte über ihr Gesicht, ich weiß wieder, wer ich bin. Was ich bin. Dafür bin ich dir Dank schuldig, Bruder. Lebe wohl.

In Morregans Rücken kam der Mond über dem Horizont hoch und als sein fahles Licht das gestreifte Segel traf, züngelten die ersten Flammen am Mast hoch und breiteten sich rasend schnell weiter aus, bis das Boot wie ein gleißender Lichtball aussah. Bis an die Küste war das Fauchen der Flammen zu hören.

"Da! Seht doch!"

Svens Stimme klang so aufgeregt, daß Morregan neugierig das Pferd zügelte und es wendete. Staunend riß sie Mund und Augen auf, als sie den Grund für den Ausruf sah. Vom brennenden Boot aus waren die Flammen hochgeschlagen und formierten sich am nachtschwarzen Himmel zu einem rotglühenden Drachen, der sich wie toll wand, bevor er mit einem lauten Fauchen seine Flügel ausbreitete und sich empor hob, um die Sterne zu berühren.

Gebannt verfolgten die Menschen dieses Ereignis, allein Morregan lächelte still vor sich hin.

Nichts war umsonst gewesen! Ihr Drache war ihr die ganze Zeit über so nah gewesen, allein sie war blind und taub für ihn gewesen und hatte ihn nicht erkannt. Haakon, ihr Bruder! Ein warmes, zärtliches Gefühl wärmte ihr Herz und ließ sie unendlich schön aussehen.

"Valkyrja!"

Fragend wandte sie Argud ihr Gesicht zu, der sie anrief.

"Verrätst du mir jetzt deinen Namen?"

Die Frau lachte auf, und es klang richtig glücklich, sie riß das Pferd herum und sprengte in halsbrecherischem Galopp den nächsten Hügel hinauf.

"Morregan!" rief sie über die Schulter zurück. "Mein Name ist Morregan!"

Sinnend sah der junge König seinem verlorenen Traum nach, der sich schnell von ihm entfernte. Auf der Hügelkuppe hielt sie noch einmal, das Pferd stieg und der Wikinger hob die Hand zu einem letzten Gruß, den sie ehrlich erwiderte. Dann verschwand sie....

 
ENDE

 

Nein, doch nicht: es geht weiter und zwar mit Echoes.

 

und, weil's so schön war, hier noch das Glossar:

 

Odin: Göttervater und Hochgott der Asen, zu denen 12 Götter, u.a. auch Thor, Balder, Frigg usw., gehören und die in Asgard, der germ. Himmelswelt, ihren Herrschersitz haben

Valkyrja: auch Walküre, Valkyrie; jungfräuliche Kriegerinnen, die in glänzenden Rüstungen auf wilden Rössern durch die Luft fliegen und im Auftrage Odins die auf dem Schlachtfeld gefallenen Helden (Einherier) nach Walhalla bringen

Valhöll: Walhalla, Walhall; Odins Wohnsitz in Asgard, wo er mit den gefallenen Helden an einer Tafel sitzt

Drache: sowohl Fabeltier als auch Boot bzw. Schiff der Wikinger, benannt nach dem Tierkopf am Steven

Ragnarök: Ragnarökkr; der christl. Apokalypse gleich: der Untergang der Welt (wörtl. "Verfinsterung der Götter")

Midgard: Midgardr; "Mittelwelt" der Menschen

Midgardsomr: Midgardschlange; sie ringelt sich im Weltmeer rings um die Welt und ist verantwortlich für Seebeben, Flutwellen etc.

Runen: älteste germanische Schriftzeichen

Fenris: Fenrir, Fenrisúlfr, Fenriswolf; der Götterwolf, der bei Ragnarök die Sonne verschlingen und Odin im Zweikampf töten wird

Tyr: unsterbliche Worte von Black Sabbath, denen nichts hinzuzufügen ist: "The Bringer of Law and Order"

Loki: germ. Halbgott; Trickser, Heimtücker, Hinterlistiger Freya: die Hohe Frau; Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings, des Glücks und der Liebe

Thor: germ. Donner-, Gewitter- und Fruchtbarkeitsgott, sowie Schutzgott der Menschen und Götter

Folkwang: Sitz der Freya, wo die ihr zustehende Hälfte der Einherier hingelangt

Yggdrasill: Weltenbaum, Schicksalsbaum; eine Esche, die für die Nordgermanen den Baum des Lebens darstellt und von der untersten (Hel, Niflheim) bis zur obersten Welt (Asgard) reicht. Wenn sie bebt, kündigt sich Ragnarök an.

Einherjar: Einherier, Einheri; Helden, die im ruhmvollen Zweikampf auf der Walstatt (Schlachtfeld) gefallen sind und von den Walküren nach Walhall gebracht wurden, wo sie an Odins Tafel sitzen und von ihm auf Ragnarök vorbereitet werden, um die Götter zu verteidigen

Hel: sowohl nordgerm. Totengöttin als auch Totenreich  

 

Nachwort:

 

Eigentlich vermeide ich ja Nachwörter, hier muß es einmal sein.

 

Zu allererst einmal möchte ich etwas über die Stellung der Frauen bei den Wikingern sagen. Der Form halber, sozusagen. ;-) Mein Beta hat es - zu Recht - kritisiert, allerdings habe ich es im Text nicht geändert, weil vorher ganz deutlich steht: "...sie vermutete, daß...". Tatsache ist, daß ... Ach, wißt ihr was? Ich füge einfach den Text des Betas ein, denn besser könnte ich es nicht ausdrücken: »Die freien Frauen hatten durchaus ansehnliche Rechte und wurden geachtet. Wenn jemand so behandelt wurde, wie du es schreibst, dann die Sklaven und Unfreien, nicht die Frauen und Töchter der Krieger, der freien Bauern oder Handwerker. Diese Frauen mußten manchmal jahrelang einen Hof alleine leiten, wenn die Männer auf Fahrt waren, waren selbstbewußt und klug.«

Dann die Sache mit den gehörten Helmen der Wikinger, die ich am Anfang anspreche: nach fachlich versierter Auskunft gab es diese Helme nicht. Wahrscheinlich hat man sie den Wikingern angedichtet, um sie furchteinflößender wirken zu lassen und kleine Kinder zu erschrecken. ;-) Was mich nicht davon abhält, sie dennoch drin stehen zu lassen, um den Schrecken, den sie den "zivilisierten" Menschen einjagen, zu verdeutlichen.

 

Desweiteren möchte ich diese Gelegenheit nutzen und mich bedanken. Bei Atti, weil sie mich immer wieder ermuntert hat, ich solle weiterschreiben. Hey, merkst du was? Ich glaube, ich werde besser! :-) Oder muß es heißen: mutiger? ;-))

Ganz besonderer Dank geht an Sigrun. Nicht nur für das Betalesen, sondern auch dafür, weil sie mir mit ihrem Fachwissen zur Seite gestanden hat; für das Mutmachen und das Vorantreiben, für ihre unbezahlbaren Kommentare :-) und für ihre immerwährende Inspiration. Dank ihr habe ich so einen "toten Punkt" überwunden, diese Hemmschwelle, die ich mich stets geweigert habe zu übertreten. Anscheinend gehören falsche Hemmungen jetzt der Vergangenheit an; Sex und Gewalt gehören irgendwie dazu, in einem gewissen Rahmen, und durch Sigruns Mitarbeit habe ich die Kurve - glaub ich - ganz gut gekriegt.

Und Danke an Oli, ohne den es diese Story gar nicht gäbe. Danke dafür, daß du gezweifelt hast, daß diese Konstellation überhaupt möglich ist, und mich damit gezwungen hast, dir das Gegenteil beweisen zu wollen. Danke für das Betalesen und für dein wirklich aufschlußreiches Mienenspiel dabei. :-)

 

Zum Ursprung dieser Geschichte:

Als ich "Sturz aus Asgard" gelesen habe, war ich begeistert! Dieses Thema hat mich gefesselt - ich liebe Mythologie! - und die lebendige Schreibweise hat mir außerordentlich gut gefallen. Kein Wunder also, daß ich sie weiterempfahl. - Und feststellen mußte, daß nicht viele meine Begeisterung teilten. Wieso? Die Lösung war recht simpel: die meisten verstanden gar nicht, worüber geschrieben wurde! Zwar war irgendwie der Name Odin geläufig, aber dann hörte es meistens auch schon auf. "Asgard? War das nix zum Haare waschen?" Die Grundidee zu "Odin's Court" spukte schon lange in meinem Kopf herum (immerhin ist die Scheibe von Black Sabbath schon zehn Jahre alt), aber durch die Diskussionen über Sigruns Story nahm meine immer mehr Gestalt an, bis ich sie aufschrieb. Es war mein bescheidener Versuch, etwas Licht in die komplexe Welt der nordischen Mythologie zu bringen. Ob es gelungen ist, weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur hoffen, daß ich niemanden damit vollends verwirrt habe.

 

Ach ja: und Danke an den Leser, der es bis hierher geschafft hat. :-) :-)

 
Ende

 
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