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Rhazaghan© by Dreher, G. ()
Der Mann von der Sicherheit hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. "Unglaublich, was in letzter Zeit so alles auf die Station kommt." raunte er seinem Kollegen zu, der den Wachdienst mit ihm teilte. "Nun sieh dir den an!" Ihre Aufmerksamkeit galt einem hochgewachsenen Mann, der soeben in den Gang eingebogen war und sich auf sie zubewegte. Bei dem Aussehen handelte es sich mit Sicherheit um keinen Angehörigen der Sternenflotte. Diese pflegten normalerweise selbst in der Freizeit keine enganliegenden, aus gefärbtem Leder bestehenden Kleidungsstücke zu tragen, es sei denn, man war vielleicht dabei, ein ausgefallenes Holoprogramm aufzusuchen. Zudem hätte die dunkelrote Haarmähne, die dem Ankömmling über Schultern und einen Teil des Rückens fiel, selbst bei dem gutmütigsten Vorgesetzten einen Tobsuchtsanfall ausgelöst. Am meisten verblüffte den Wächter jedoch das Geschöpf, das den Mann wie selbstverständlich begleitete. Als der Fremde zwei Schritte vor ihnen noch immer keinerlei Anstalten machte, stehenzubleiben, hob der Wachmann die Hand und hielt ihn an. "Entschuldigen Sie, Sir! Ich weiß nicht, ob Sie einen Termin beim Admiral haben, aber mit diesem Tier kommen Sie hier nicht rein." Er warf einen mißtrauischen Seitenblick auf die orangebraune, mit einer lebhaften Streifenzeichnung versehene Kreatur und glaubte sich erinnern zu können, so etwas schon einmal hinter dickem Panzerglas gesehen zu haben. "Den Bestimmungen nach hätten Sie Ihr Haustier noch nicht einmal auf die Station bringen dürfen." erklärte er. Der Ankömmling richtete sich zu beunruhigender Größe auf und warf dem Wächter einen eisigen Blick zu. Sein Gesicht verdunkelte sich. "Es handelt sich nicht um mein Haustier!" erwiderte er mit mühsam beherrschter Stimme. "Dies ist meine Gefährtin!" Im nächsten Augenblick öffneten sich zischend die Türflügel hinter den Sicherheitsleuten und Admiral Hagman trat in den Durchgang. "Tarkin von den Vari!" begrüßte er den Mann liebenswürdig und lächelte. "Ich freue mich, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind." Er bemerkte die düstere Miene seines Gastes und senkte den Blick auf das gestreifte Geschöpf. "Oh, verzeihen Sie, Aslari! Ich hatte Sie eben nicht bemerkt. Ich hoffe, Sie können mir diesen uncharmanten Fehler verzeihen." "Bitte machen Sie sich keine Gedanken, Admiral!" erwiderte jenes mit einer weichen weiblichen Stimme. "Es ist ein durchaus erwünschter Effekt der Krallenluum, nicht aufzufallen." Tarkin verschränkte die Arme vor der Brust. "Ihr Wachmann machte mich soeben darauf aufmerksam, daß es nicht erlaubt wäre, Haustiere auf die Station mitzunehmen." Hagmans Gesicht fuhr zu seinem Adjutanten herum, der hinter ihm erschienen war. "Wer ist für die Unterrichtung der Wachen zuständig?" fragte er in einem Tonfall, der für den Betreffenden nichts Gutes erahnen ließ. Sein Untergebener lief rot an. "Ich kümmere mich darum, Sir!" "Dafür wäre ich Ihnen in der Tat dankbar." erwiderte der Admiral verärgert. "Es ist unverzeihlich, daß meine Gäste gekränkt werden, nur weil man es nicht für nötig hielt, die Wachleute hinreichend zu informieren." Er wandte sich an seine Besucher. "Bitte verzeihen Sie vielmals! Wenn ich Sie hereinbitten darf?"
Als beide der Einladung gefolgt waren und das Besprechungszimmer betreten hatten, ließ sich Aslari ohne Umstände in der Mitte des Raumes nieder. Tarkin dagegen legte die wenigen Schritte zu der breiten Fensterreihe zurück, hinter der kalt die Sterne glänzten. Er stützte sich mit vorgestreckten Armen auf den breiten Rahmen und wandte seinen Kopf leicht nach rechts, als erwarte er von dort etwas. "Entschuldigen Sie bitte, Admiral! Aber ich habe nur selten Gelegenheit, die Narhamak zwischen den Sternen zu beobachten." Hagman öffnete eine Karaffe mit saurianischem Brandy, der ausschließlich für Besucher reserviert war und lächelte verständnisvoll. "Sie brauchen sich deshalb nicht zu entschuldigen. Ich erinnere mich, daß ich während meiner Zeit als Captain jede Gelegenheit nutzte, mein Schiff von außen zu sehen. Wenn man etliche Wochen im Inneren einer solchen Konstruktion gelebt hat, neigt man dazu, es zu vergessen, welch einen atemberaubenden Anblick sie eigentlich bietet. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?" Tarkin sah noch immer abwartend nach draußen. "Wenn Sie an Bord der Station gutes Wasser haben... Da ist sie!" Von der rechten Fensterseite aus rückte ein stattliches Schiff mit dem Aussehen eines Raubvogels ins Blickfeld. Tarkin verfolgte es aufmerksam mit den Augen. Admiral Hagman wandte sich Aslari zu. "Wie ist es mit Ihnen? Möchten Sie etwas trinken?" Das gestreifte Geschöpf blinzelte. "Ich bevorzuge ebenfalls Wasser, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Wenn Sie vielleicht ein möglichst breites Trinkgefäß für mich hätten?" Der Admiral verschloß die Karaffe wieder und sah mit einer gewissen Verlegenheit zu seinem Untergebenen. Dieser reagierte sofort dienstbeflissen. "Ich werde das Nötige aus der Bar besorgen, Sir! Wenn Sie einen Augenblick warten wollen?" Er begab sich zur Tür. Aslari sah ihm nach. "Wenn es zu viel Mühe macht, könnte ich auch wechseln. Ihr Adjutant hätte nicht extra meinetwegen den Raum verlassen müssen." "Aber ich bitte Sie! Das macht keine Umstände. Die Bar liegt lediglich ein Stockwerk über uns. Sie werden sehen, er wird gleich zurück sein." In der Tat hatte der Mann kurz darauf das Gewünschte gebracht, was den Admiral in die Lage versetzte, seine Gäste bedienen zu können. Tarkin beobachtete verdrossen die Kohlendioxidbläschen, die in seinem Glas aufstiegen. Als er zu Aslari sah, die im Begriff war, sich über eine flache Schale zu beugen, erwiderte sie seinen Blick und zwinkerte. Daraufhin stellte er mit einem Seufzer sein Glas ab. "Ich hoffe doch, Sie hatten einen problemlosen Herflug." bemerkte Hagman. Tarkin sah auf. "Wir mußten keine Angriffe durch cardassianische oder Jem´Hadar-Schiffe abwehren, wenn Sie das meinen." antwortete er. "Bisher ist es ohnehin erstaunlich ruhig in unserem Sektor. In der Nähe von Rhazaghan hat sich noch kein Feindschiff blicken lassen." "Ich fürchte, ich muß Ihnen mitteilen, daß sich das wahrscheinlich bald ändern wird." seufzte der Admiral. "Wie Sie wissen, läuft der Krieg nicht gut für die Föderation. In letzter Zeit haben wir schwere Verluste an Leben und Schiffen hinnehmen müssen, dabei war der kürzliche Fall von Betazed sowie einiger anderer Planeten ein besonders harter Schlag. Dadurch ist nun ein Korridor entstanden, der etliche Welten, darunter auch Ihre, in den unmittelbaren Gefahrenbereich rückt. Die Sternenflotte sieht sich aber momentan kaum in der Lage, ihre Präsenz in diesem Sektor zu verstärken. Offen gestanden sind wir froh, daß gerade Ihr Planet mit seinen Dilithiumvorkommen eine starke Flotte zu seiner Verteidigung unterhält. Aus diesem Grund würden wir gern die Bitte an Rhazaghan richten, einige Schiffe einzusetzen, um einen Teil des Sektors zu schützen." Tarkin wirkte nicht uninteressiert. "Ich habe für diese Bitte durchaus Verständnis, Admiral! Ich bin selbst der Ansicht, daß es gefährlich ist, sich auf die unmittelbare Verteidigung des Planeten zu beschränken. Leider werden voraussichtlich die Clanführer anderer Ansicht sein. Es wird ihnen nicht gefallen, Rhazaghan teilweise zu entblößen, daher fürchte ich, daß ich Ihnen ihre Antwort bereits voraussagen kann." "Ich habe gehört, daß Ihr Planet Schiffe besitzt, die bisher noch nicht zur Verwendung kamen." bemerkte der Admiral hoffnungsvoll. Tarkin zog die Brauen hoch. "Die schlafenden Schiffe? Sie schlagen vor, die schlafenden Schiffe zum Einsatz zu bringen? Ich fürchte, das ist unmöglich. Sie waren von jeher als Reserve für im Kampf beschädigte Sternschwingen gedacht. Wir wären überhaupt nicht in der Lage, zusätzliche Schiffe zu bemannen. Wie Sie wissen, ist unsere Bevölkerungszahl verglichen mit der der meisten anderen Föderationsplaneten recht klein. Hinzu kommt, daß ein Teil von uns ständig mit der Versorgung der übrigen beschäftigt ist." Tarkin erhob sich und begann im Raum auf und ab zu gehen, während Aslari ihm mit den Augen folgte. "Als wir seinerzeit bei der Schlacht von Rhazaghan die Cardassianer vertrieben, waren die fünf Schiffe, die wir besaßen, noch stark bemannt. Wir hatten mit Entermanövern von Seiten der Cardassianer gerechnet und außerdem haben wir damals noch nicht so viel den Schiffen selbst überlassen können. Mittlerweile fliegen wir nur noch mit Minimalbesatzungen. Als wir seinerzeit unsere Clanschwester vermißten, entschlossen wir uns, alle drei Vari-Schiffe für die Suche einzusetzen. Wir gingen mit so geringer Mannschaftsstärke an Bord, wie es nur irgend möglich war, dennoch mußten wir bei den Nachbarclans um Hilfe bei der Versorgung der Zurückgebliebenen bitten. Sie sehen also, es ist uns einfach nicht möglich, noch weitere Schiffe in Betrieb zu nehmen." Er blieb stehen und sah Hagman offen an. "Es sei denn, die Sternenflotte schickt uns Leute, die wir dafür ausbilden können." Der Admiral schüttelte niedergeschlagen den Kopf. "Ich würde Ihnen diesen Wunsch gern erfüllen, aber bei der augenblicklichen Situation können wir nirgendwo Personal entbehren. Ich sagte Ihnen ja schon, daß unsere Verluste in der letzten Zeit außerordentlich hoch gewesen sind. Irgendwo Leute abzuziehen, ist absolut unmöglich." Tarkin schwieg und tauschte nachdenklich einen Blick mit Aslari, die aufrecht und mit gespitzten Ohren dasaß. Dann trat ein unternehmungslustiges Funkeln in seine Augen. "Wie ich gehört habe, hat die Föderation seit kurzer Zeit einen neuen Verbündeten." Hagman runzelte die Stirn. "Sie reden von den Romulanern?" "So ist es! Wie wäre es, sie um Unterstützung in dieser Sache zu bitten? Sie haben immerhin ein Interesse daran, daß das Dominion und die Cardassianer in erster Linie auf Föderationsgebiet beschäftigt gehalten werden. Sie müßten für diesen Einsatz noch nicht einmal ihre Schiffe riskieren. Das einzige was wir benötigten, sind Leute." Der Admiral überlegte einen Moment. "Mir leuchten Ihre Argumente durchaus ein. Zudem habe ich eine vage Vorstellung, an wen speziell Sie wahrscheinlich denken. Ich kann nach den Vorkommnissen in der neutralen Zone durchaus verstehen, daß Sie zu manchen Romulanern ein gewisses Vertrauen entwickelt haben. Dennoch muß ich Sie warnen: Die romulanischen Oberkommandierenden werden mit Sicherheit auch mit Spionagetätigkeit beauftragte Leute zu Ihnen schicken." Der Rhazaghaner lächelte, und seine Augen wurden schmal. "Sollen Sie! Das einzige, was jene bei uns in Erfahrung bringen werden, ist, wie man eine Sternschwinge fliegt." Der Admiral zögerte noch etwas. Dann gab er sich einen Ruck. "Nun gut!" Er erhob sich. "Vielleicht wäre das in der Tat die Lösung für unser Problem. Sollten Sie die Clanführer Ihres Planeten für diesen Plan gewinnen können, so wird sich das Oberkommando der Sternenflotte unverzüglich an die romulanische Regierung mit der Bitte um Unterstützung wenden." Tarkin nickte. "Abgemacht! In Kürze wird eine Clanführerversammlung stattfinden, dort werde ich das Anliegen der Föderation unterbreiten. Sollte es auf Zustimmung stoßen, werden Sie von uns hören."
Als die Rhazaghaner beim Verlassen des Raumes die Wachen passierten, streckte Tarkin beiläufig die Hand aus und strich Aslari liebevoll über das Fell. Sie reagierte darauf, indem sie sanft den Kopf an seinem Bein rieb. Die beiden Sicherheitsleute beobachteten sprachlos den Austausch der Zärtlichkeiten, um den beiden anschließend nachzusehen, bis sie um die Ecke bogen und außer Sicht gerieten. Während sie gemeinsam dem Gang folgten, warf Aslari von der Seite einen prüfenden Blick hinauf in das Gesicht ihres Gefährten. Wie sie vermutet hatte, zeigte es noch immer einen Hauch von Übermut. "Hältst du es für richtig, eine solche Entscheidung auf dieser Basis zu treffen?" fragte sie leise. Tarkin sah zu ihr herunter und legte scheinbar erstaunt den Kopf zur Seite. "Es hat dich sehr geärgert, daß du damals an Bord der Narhamak keine Gelegenheit mehr hattest, dich mit ihm zu messen, nicht wahr?" fuhr sie fort. "Und da hast du dir gedacht, wenn es schon keine Möglichkeit für dich gibt, zu ihm zu gelangen, so könnte man ihn vielleicht kommen lassen, habe ich recht?" Er sah sie vergnügt an. "Mag sein! Aber wir sind uns doch beide darüber einig, daß Rhazaghan Hilfe benötigen wird. Und die haben wir zugesagt bekommen, oder nicht?" Auf dieses Argument hin fiel Aslari keine Erwiderung mehr ein.
Raleb vom Clan der Laro rematerialisierte auf dem weiten Platz vor dem Nordosttor des Sirk-Habitats. Er konnte sich noch gut an die Zeiten erinnern, in denen es diese Art des Transports auf Rhazaghan nicht gegeben hatte. Damals war es grundsätzlich üblich gewesen, mit Hilfe der Schwingenluum zu den Clanführer-Versammlungen anzureisen, was es meist notwendig gemacht hatte, dafür etliche Tage unterwegs zu sein. Gewiß hatte auch das seinen Reiz gehabt, aber Raleb war praktisch veranlagt und schätzte es sehr, seinen Clan nicht über längere Zeit ohne seinen Entscheidungsträger lassen zu müssen, auch wenn er viel Vertrauen zu seinem Beraterstab hatte. Unwillkürlich warf er einen Blick zum grauen Himmel hinauf. Er wußte eigentlich recht gut, daß er selbst bei klarem Wetter die Nachtsee nicht hätte erkennen können, aber der Wunsch, sein Schiff einmal während des Fluges zu sehen, spielte ihm häufig solche Streiche. Zwar hatte er schon oft genug gesehen, wie der Trägerstrahl es aus dem Hangar hob, aber es war etwas vollkommen anderes, beobachten zu können, wie es sich aus eigener Kraft bewegte. Daher spielte er schon länger mit dem Gedanken, allein zu diesem Zweck an Bord eines Schiffes zu gehen, das den Orbit-Dienst gerade mit der Shamorial teilte. Er seufzte. Nun ja, vielleicht würde die Pflicht ihm im Laufe des nächsten oder übernächsten Jahres auch einmal den Freiraum lassen, sich diesen törichten aber nichtsdestotrotz langgehegten Wunsch zu erfüllen. "Warum bittest du sie nicht, Schleifen über dem Laro-Habitat zu ziehen?" vernahm er eine weibliche Stimme hinter seinem Rücken. "Mach dich nicht auch noch über mich lustig, Selembri!" erwiderte er und drehte sich um. "Es ist mir ohnehin peinlich genug, daß du es bemerkt hast. Wie geht es den Dana? Ich hoffe doch, ihr seid alle wohlauf." Seine alte Freundin lächelte. Sie befand sich wie Raleb bereits in der humanoiden Grundform, obwohl sie noch ein wenig Zeit bis zur Versammlung hatten. "Ich bin zufrieden. Seit dem Winter sind keine ernsthaften Jagdverletzungen mehr aufgetreten. Statt dessen wurden einige Kinder geboren. Wenn alles weiterhin so glücklich läuft, werden wir das Habitat vergrößern müssen." Raleb legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zur Spitze des Sirk-Habitates. Es ragte wie ein gewaltiger, leicht geöffneter Koniferenzapfen aus dem schwarzgrünen Meer aus Nadelwald, der sich in drei Himmelsrichtungen bis zum Horizont erstreckte. Nur im Südosten erhoben sich in graublauem Dunst die ersten Ausläufer des Gebirges. "Wenn du dich mit solchen Überlegungen trägst, solltest du erwägen, die Sirk um Hilfe zu bitten. Wie ich sehe, wurden die Instandsetzungsarbeiten pünktlich abgeschlossen. Man kann nur sagen, daß sie gute Arbeit geleistet haben." Selembri nickte. "Ich weiß, ich habe mir vorhin die Westseite angesehen. Dort sind sie nur noch damit beschäftigt, die Maschinen wieder zu zerlegen. Als Baumeister sind die Sirk einfach ungeschlagen. Haben sie nicht damals beim Neuaufbau des Vari-Habitates Hilfe geleistet?" Raleb bewunderte noch immer das herrliche Bauwerk, das sich bis in die Wolken zu erheben schien. "Ja, das stimmt! Der Clan der Vari ist zwar nicht so groß, aber es sollten beim Bau des Habitates einige neue Wege beschritten werden, daher hatte man hier um Unterstützung bei der Entwicklung gebeten. Es war nach allem, was geschehen war nur recht und billig, der Bitte zu entsprechen." Beide bewegten sich gemächlich auf das große Tor zu, vor dem ein reges Gedränge von Rhazaghanern in allen Erscheinungsformen herrschte. Viele Clanführer wurden von einem oder mehreren Beratern begleitet, die allerdings später keinen Zutritt zum Versammlungssaal erhalten würden. Traditionsgemäß stand nur den Clanführern selbst die Teilnahme an den Zusammenkünften zu. Selembri verharrte einen Moment, um etwas Dunkelrotem nachzusehen, das gerade in der Menge verschwand. Raleb dagegen richtete seine Aufmerksamkeit auf eine Steppenluum mit schwarzbraunem, ölig schillerndem Fell, das sie als eine Bewohnerin der regenreichen Sumpfwaldgebiete des südwestlichen Kontinents kennzeichnete. "Wer ist sie?" wandte er sich an seine Begleiterin. "Ich kann mich nicht erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben." Selembri folgte seinem Blick. "Das ist Tibalit von den Nilba." klärte sie ihn auf. "Sie hat den Clan nach Assabs Tod übernommen und wird heute vor die Clanführer treten." Raleb wirkte betroffen. "Der alte Assab lebt nicht mehr? Das wußte ich nicht! Wann ist es passiert?" "Bereits kurz nach dem letzten Treffen. Er starb, wie wir es uns alle wünschen: Ihm blieb während einer Jagd einfach das Herz stehen. Ich glaube, er wußte selbst nicht mehr genau, wie alt er eigentlich war, aber jagen konnte er bis zum Schluß, auch wenn seine Leute immer gut auf ihn achtgegeben haben. Tibalit gehörte seinem Beraterstab an, und sie steht in dem Ruf, sehr umsichtig und kompetent zu sein. Ich glaube, die Nilba haben eine gute Wahl getroffen."
Sie durchschritten das Tor zum Habitat und traten in die hohe Eingangshalle ein, deren reich geschmückter Mosaikfußboden bei dem lebhaften Betrieb kaum zu sehen war. Der Versammlungssaal lag in der vierten Ebene, die man wahlweise durch die beiden breiten Treppenaufgänge oder aber mit Hilfe des Nordostliftes erreichen konnte. Raleb und Selembri verschmähten jedoch das technische Hilfsmittel und benutzten die Treppe. Sie hätten auch kein Problem darin gesehen, die oberste Kuppel des Habitates aus eigenen Kräften zu erreichen, auch wenn sie nicht mehr zu den allerjüngsten Teilnehmern gehörten. Wenig später hatten sie den runden, holzgetäfelten Versammlungssaal betreten, der genug Platz für die Vertreter der vierhundertunddreiundachtzig Clans des Planeten bot. Inzwischen waren sämtliche Teilnehmer in die Grundform gewechselt, was die ersten dafür nutzten, auf einer der zwölf Bankreihen aus poliertem Holz Platz zu nehmen, die sich in mehreren Ebenen die Wand entlang zogen. Als die beiden sich interessiert unter den Anwesenden umsahen, bemerkte Selembri ein Winken in der Menge, und ein gemeinsamer Freund bahnte sich einen Weg zu ihnen durch. Darbris von den Kelp führte den Clan, der zwischen ihren Gebieten lag, an und er vertrat ungefähr dieselbe Altersgruppe. Es fand ein reger Austausch unter ihren Clans statt, was auch dazu geführt hatte, daß Selembris jüngere Tochter einen Kelp als ersten Reifungspartner gewählt hatte. "Wißt ihr, ob wir diesmal vollzählig sind?" fragte Darbris. "Beim letzten Treffen waren unsere Reihen ja ziemlich gelichtet." "Im Süden haben sie mit der Rauhkrankheit kaum zu tun, und auf der Nordhalbkugel ist das Jahr dafür zu weit fortgeschritten." meinte Selembri. "Bei uns Dana sind schon seit längerem alle wieder auskuriert. Ich denke schon, daß diesmal alle erschienen sind. Es herrschte jedenfalls reger Betrieb vor dem Habitat." "Ich habe Tarkin draußen gesehen." bemerkte Darbris. "Soviel ich weiß, bat er darum, sprechen zu dürfen." Die Dana-Clanführerin lächelte mütterlich. "Er ist mir ebenfalls vorhin aufgefallen. Er ist groß für sein Alter. Außerdem haben die wenigsten die Luuma in so kurzer Zeit vollendet wie er. Ich bin gespannt, was er uns zu sagen hat." Raleb seufzte. "Ich hoffe, er kommt, um uns darüber zu unterrichten, daß er sich endlich entschieden hat, die Clanführerschaft anzunehmen. Nun wursteln sich die Vari seit der Katastrophe auf der Arrhinia D'jah immer noch irgendwie durch. Was ist das für ein Zustand! Ich habe ja durchaus Verständnis dafür, daß es am Anfang nicht anders ging. Es war wirklich ein Unglück, daß der Clan mit einem Schlag die meisten Personen mit voller Luumreife verloren hat. Aber seitdem Tarkin herangewachsen ist, schielen die Vari nur noch auf das, was er tut und meint. Verständlich, mit seiner Energie und seinem Ideenreichtum wäre er für die Clanführerschaft überaus geeignet. Zudem besitzt er Ausstrahlungskraft und versteht es auch, sich für seine Leute einzusetzen. Aber was bekommt man auf den Versammlungen von ihm zu hören? "Die Vari haben mich geschickt, um," und "die Vari glauben, daß". Es ist zum Verrücktwerden! Er wäre jetzt alt genug, um die Verantwortung zu tragen, aber leider liebt er seine Freiheit viel zu sehr, um sich zu einer Entscheidung durchzuringen." Darbris runzelte mißbilligend die Stirn. "So ein Unsinn! Niemand wird wirklich gern Clanführer. Aber wen der Ruf des Clans erreicht, den erreicht er eben. Er stünde ja nicht einmal allein da. Tarkin hätte in Tybrang und Aslari sowie einigen anderen jungen Leuten fähige Berater. Außerdem würden sie schon dafür sorgen, daß er sein etwas überschäumendes Temperament zu zügeln lernt." "Ich habe Aslari auf die Angelegenheit angesprochen." ließ sich Selembri sanft vernehmen. "Sie meint, daß man Tarkin noch etwas Zeit geben sollte und hält es für falsch, ihn zu drängen. Ich bin geneigt, ihr zuzustimmen. Warten wir erst einmal ab, was er uns zu sagen hat. Vielleicht wird sich das Problem gleich von selbst lösen."
Kurz darauf trat die Clanführerin der Sirk vor und kündigte die Eröffnung der Versammlung an, worauf die Anwesenden auf den Bankreihen Platz nahmen. Wie es bei neuen Clanführern üblich war, wurde als erstes Tibalit hereingebeten. Als sie in den freien Kreis unter die vielen Augen trat, die auf sie gerichtet waren, war ihr die Aufregung deutlich anzumerken. "Ich bin Tibalit!" erhob sie die Stimme und sah nervös auf die Bankreihen, um dort Selembris Blick zu begegnen. Als die junge Clanführerin zögerte, blinzelte ihr die Dana ermutigend zu. Tibalit holte nochmals Luft. "Ich spreche für die Nilba." Die Anwesenden nickten ernst, aber wohlwollend. Dann trat die Clanführerin der Sirk zu der erleichterten Tibalit. "Sei willkommen, Tibalit von den Nilba!" vollendete sie das schlichte Ritual. "Nimm deinen Platz in unserer Mitte ein und mit dir der Clan, den du vertrittst." Mit einem schüchternen Lächeln setzte sich die Nilba zu den übrigen Clanführern, denen sie jetzt offiziell angehörte. Gleich darauf erhob sich Stimmengemurmel im Saal. Fast jeder wußte, daß Tarkin von den Vari um das Wort gebeten hatte, und es herrschte eine allgemeine Neugier vor. So entschied man sich, ihn als nächsten vorzulassen. Als Tarkin hereingebeten wurde, kam es zu erwartungsvoller Stille unter den Anwesenden. Der stattliche junge Rhazaghaner trat in die Mitte des Raumes und senkte zum Gruß respektvoll den Kopf. "Die Vari haben mich gesandt, um einen Vorschlag zu unterbreiten." begann er. Selembri seufzte lautlos. Raleb schnaubte verärgert, während Darbris die Augen verdrehte. Die Reaktion auf seine Worte entging Tarkin keineswegs, doch er zog es vor, sie zu ignorieren. Es war Brauch, vor Beginn des Dialogs den Sprechenden sein Anliegen ohne Unterbrechung vortragen zu lassen, daher herrschte Stille, während Tarkin weitersprach. "Die Föderation hat sich an die Vari gewandt mit der Bitte, ein Anliegen an die Clanführer heranzutragen. Es sieht ganz so aus, als ob der Planetenbund im Kampf um diesen Quadranten immer mehr in die Defensive gerät. Mehrere Planeten wurden von den Kriegern des Dominion eingenommen, und die Gefahr rückt langsam, aber sicher auch auf uns zu. Es werden zusätzliche Maßnahmen zur Verteidigung dieses Sektors erforderlich sein, daher ist es vielleicht an der Zeit, unsere Reserven zu mobilisieren, um den Gegner frühzeitig zurückschlagen zu können." Ein Raunen ging durch den Saal, verklang jedoch nach kurzem wieder. Tarkin wartete ab, bis wieder vollständige Ruhe eingekehrt war, dann fuhr er fort. "Selbstverständlich bin ich mir darüber im klaren, daß wir nicht über genug Mannschaften verfügen, um zusätzlich die schlafenden Schiffe in Betrieb nehmen zu können. Es wäre eventuell eine Lösung gewesen, dafür ausbildungsfähiges Föderationspersonal nach Rhazaghan kommen zu lassen, jedoch hat der Planetenbund in der letzten Zeit gravierende Verluste erlitten und sieht sich im Moment nicht dazu in der Lage. Aber vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit." Tarkin schwieg. Er wußte, daß es schwer sein würde, die Clanführer für diesen Vorschlag zu gewinnen. Während des Sprechens hatte er zunehmende Unruhe unter den Zuhörern gespürt. Er atmete tief durch. "Die Föderation hat vor kurzem ein Bündnis mit dem romulanischen Reich geschlossen. Sie hält es für recht wahrscheinlich, daß man dort bereit ist, uns Hilfe zu schicken. Daher möchten wir die Erlaubnis erbitten, ein gewisses Kontingent an romulanischen Soldaten nach Rhazaghan zu holen. Wir könnten sie an den Vari-Schiffen für die Verteidigung des Planeten sowie des Sektors ausbilden." Der Vari beobachtete scharf die Reaktion der Zuhörer. Sie war nicht sonderlich ermutigend. Viele hatten mit verärgertem Gesicht begonnen, sich mit ihren Sitznachbarn auszutauschen. Andere betrachteten ihn verdrossen. In der dritten Reihe erhob sich Laskani von den Dral. "Seit der Vertreibung der Cardassianer haben wir alles getan, um unsere Welt zu schützen." begann die alte, und daher hochgewachsene Rhazaghani mit kräftiger Stimme. "Wir taten dies aus einem einfachen Grund: Nämlich, weil dies unsere Welt ist und wir keine andere Heimat haben als diese. Nun verlangst du aber von uns, daß wir hinausziehen zu Planeten, deren Namen wir nicht kennen und den Zorn eines Gegners auf uns ziehen, der uns bisher nicht einmal belästigt hat. Wer sagt uns denn, daß er überhaupt hierherkommen wird? Dieser Krieg ist eine Sache der Föderation und nicht die unsere. Wir sollten uns weiterhin um die Sicherheit Rhazaghans kümmern, anstatt uns in einen Kampf verwickeln zu lassen, dessen Ursache uns nicht einmal bekannt ist." Tarkin wandte sich Laskani zu. "Ich verstehe deine Argumente durchaus, Clanführerin der Dral! Habe ich auch noch längst nicht dein ehrwürdiges Alter erreicht, so kann ich mich doch noch gut an den Tag erinnern, als der Rauch des Numa-Habitates bis hin zu uns Vari sichtbar war. Es war ein furchtbarer Tag, der uns dazu brachte, einen gänzlich neuen Weg zu beschreiten, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Es war ein schwerer Weg, denn niemand kam von einer fremden Welt, um uns Unterstützung anzubieten, auch wenn wir wahrhaftig dankbar dafür gewesen wären. Die einzigen, die nach Belieben kamen und gingen, waren die Cardassianer, die in Rhazaghan nichts anderes als einen riesigen Klumpen Dilithium sahen. Nun sind sie schon lange vertrieben, und wir leben in der Hoffnung, daß der neu aufgetauchte Gegner an unserer Tür vorbeigehen wird. Leider stellt sich die Frage anders. Es geht nicht darum, ob, sondern wann er kommen wird. So wie er sich bisher verhalten hat, ist er gieriger und gefräßiger als jedes Raubtier, das auf unserer Welt lebt. Er wird nicht auf diese Beute verzichten wollen, nur weil wir uns das wünschen. Daher sollten nicht warten, bis er vor unserer Haustür steht, sondern ihm schon weitab von hier die Stirn bieten. Soll er ruhig feststellen, daß wir nicht dabei zusehen, wie zuerst der ganze Sektor und dann als letztes dieser Planet fällt." Laskani setzte sich mit nachdenklichem Gesicht. Auch auf einige andere schien Tarkins Entgegnung Eindruck gemacht zu haben. Da erhob sich Raleb von den Laro und ging ein paar Schritte auf Tarkin zu. Er legte leicht den Kopf zur Seite und betrachtete sein jüngeres Gegenüber prüfend. "Deine Argumente klingen gut und könnten mich durchaus überzeugen." gab er zu. "Das einzige, was mich stört, ist die unleugbare Tatsache, daß sie von jemandem stammen, der von jeher Herausforderungen geliebt hat. Ich habe schon einiges von deinen waghalsigen Unternehmungen gehört, und bin da sicher nicht der einzige. Die Sache mit der kleinen Nirrit will ich dabei klar ausnehmen. Zugegeben, ich hatte meine schweren Zweifel, als ihr nach ihrem Verschwinden mit drei Schiffen aufgebrochen seid und eine lange Zeit nicht wiederkehrtet. Aber daß ihr sie heil und gesund zurückbrachtet, hat mich wirklich beeindruckt und spricht für deine Führungsqualitäten. Ich finde es allerdings auffällig, daß all jene Dinge, in die du deine persönliche Energie investierst, eine Gemeinsamkeit haben: Sie haben mit Kräftemessen zu tun. Ein Kampf ist etwas, das dir Spaß macht, nicht wahr, Tarkin? Du liebst es, einem ernsthaftem Gegner gegenüberzustehen. Selbst deine Sternschwinge scheint schon über eine gewisse Aggressivität zu verfügen." "Die Narhamak ist ein vernünftiges Schiff!" verteidigte sie Tarkin verärgert. "Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, daß sie bei der Verfolgung einer Spur selbständig vor der romulanischen Grenze haltgemacht hat." Raleb nickte. "Das hat sie, habe ich sagen hören. Aber erst, nachdem sie gemeinsam mit dir durch die gesamte neutrale Zone gerast ist. Vielleicht liegt es ja noch nicht einmal an dir. Die Narhamak hat im Vari-Hangar nun einmal die Parkposition neben der Arrhinia D'jah. Ich weiß, daß wir dem Schiff des Anfangs Dank schulden, aber ich habe noch gut in Erinnerung, daß sie beim Auftauchen der ersten Föderationsschiffe kurz davor war, das Feuer auf sie zu eröffnen. Das ist eigentlich auch kein Wunder, wenn man bedenkt, was das Schiff durchgemacht hat. Dennoch weiß niemand, worüber sie und die Narhamak sich austauschen, wenn nicht gerade eine von ihnen Dienst im Orbit hat." "Sternschwingen sollten eine gesunde Aggressivität besitzen!" machte Tarkin seinen Standpunkt deutlich. "Habt ihr vergessen, wofür sie gebaut wurden? Sie dienen immerhin der Verteidigung des Planeten." Der Laro-Clanführer schüttelte den Kopf. "Verteidigung ist notwendig." stellte er fest. "Aber man sollte kein Spiel daraus machen. Und genau diesen Eindruck habe ich bei dir: Du siehst in der Sache einen unterhaltsamen Zeitvertreib, ein Amüsement mit dem Ziel, herauszufinden, wer der Stärkere ist. Und ich bin dagegen, zu diesem Zweck Angehörige eines Volkes hierherzuholen, über das wir nur wissen, daß es noch vor kurzem von der Föderation als Gegner bezeichnet wurde."
Als Tarkin den Versammlungssaal verließ, wurde er bereits von Aslari empfangen, die vor der hohen verzierten Tür gewartet hatte. "Was haben sie zu dem Vorschlag gesagt?" fragte sie. Tarkin, der den Saal mit langen, zornigen Schritten verlassen hatte, blieb nicht stehen, und Aslari bemühte sich, mit ihm Schritt zu halten. "Sie haben ihn abgelehnt." antwortete er wütend. "Raleb von den Laro warf mir unumwunden vor, die Verteidigung des Planeten zu meiner Unterhaltung zu nutzen. Sie haben einfach nichts begriffen. Trotzdem: Ich kann dir nicht sagen, wann, aber das Dominion wird kommen, da bin ich mir sicher."
Eine heftige Erschütterung ging durch das Schiff. Raleb ächzte und drehte sich zwei Mitgliedern seiner Brückenbesatzung zu. "So geht das nicht!" rief er verzweifelt. "Ihr müßt sie bei den Ausweichmanövern besser unterstützen. Die Shamorial hat schon genug einstecken müssen." Eine weitere Erschütterung erfolgte, und der Schiffsführer glaubte, die Nachtsee stöhnen zu hören. Die Frontabbildung der Sternschwinge erschien auf dem Monitor am Kommandosessel. "Raleb!" ertönte die besorgte Stimme des Schiffes. "Wenn ich noch so einen Treffer erhalte, werde ich den Frontschild verlieren." Auf dem Hauptbildschirm wurden weitere Jem´Hadar-Schiffe sichtbar. Sie hatten eine kleinere Sternschwinge anvisiert und feuerten ununterbrochen. Im nächsten Moment erhellte eine mächtige Explosion den Bildschirm. Die Mitglieder der Brückenbesatzung starrten erschüttert auf die auseinanderwirbelnden Trümmer. "Was war das?" fragte Raleb entsetzt. "Die Windbaum von den Sita!" antwortete seine stellvertretende Kommandantin kummervoll. "Sie ist letztes Jahr in Dienst gestellt worden. Ihr Persönlichkeitsbild hatte gerade angefangen, sich zu differenzieren. Hoffentlich war wenigstens nur die Minimalbesatzung an Bord." Der Laro-Clanführer wandte sich dem Rhazaghaner an der Funkanlage zu. "Verdammt! Frag nach, wo die Vari bleiben! Wir brauchen die Arrhinia D'jah hier oben." Nach kurzem erhielt er die Antwort. "Sie sagen, der Vari-Hangar sei bereits offen. Die Arrhinia D'jah kommt gerade hoch, gefolgt von der Narhamak und der Xaringal." Raleb seufzte erleichtert. "Wahrhaftig, ich will nie wieder etwas Schlechtes über die Vari-Schiffe sagen, wenn sie nur dafür sorgen, daß wir möglichst viele von diesen Jem´Hadar-Jägern loswerden." Nur wenig später wurde auf dem Bildschirm das älteste Schiff von Rhazaghan sichtbar, das mit mörderischer Geschwindigkeit auf Kollisionskurs mit dem ersten Feindschiff ging und dabei feuerte, was seine Geschütze hergaben. Hinter ihm warfen sich seine Hangarschwestern ins Gefecht. Der Laro-Clanführer beobachtete ihre rücksichtslose Vorgehensweise, die aber offenkundig Erfolg hatte. Wenig später konnten sowohl die Narhamak als auch die Arrhinia D'jah einen Abschuß erzielen. "Die Shamorial besitzt keinen Vernichtungswillen, und das merkt man ihr an." murmelte Raleb. "Sobald sie ein gegnerisches Schiff beschädigt hat, verfolgt sie es einfach nicht weiter. Es sieht ganz so aus, als hätte Tarkin recht mit seiner Ansicht, daß eine Sternschwinge über eine gewisse Aggressivität verfügen sollte." Während sich die Nachtsee tapfer gegen neu aufgetauchte gegnerische Schiffe zur Wehr setzte, bemühte sich Raleb, die Vari-Schiffe im Auge zu behalten. Zwischendurch verschwanden sie aus seiner Sicht, aber dann wurde die Narhamak sichtbar, die soeben unter heftigen Beschuß geriet. Im nächsten Moment schien das Schiff schwungvoll zur Seite gerissen zu werden, als wäre es mitten im luftleeren Raum von einer ungeheuren Windböe erfaßt worden. Die Verfolger verloren den Anschluß und rasten weiter geradeaus. Als sie reagiert hatten, war es bereits zu spät, denn die Narhamak hatte nun ihrerseits das Feuer auf sie eröffnet. Raleb blickte verblüfft auf den Schirm. "Was war denn das?" fragte er erstaunt. "Dieses Ausweichmanöver habe ich noch auf keiner Übung gesehen." Seine stellvertretende Kommandantin wirkte ebenso verdutzt. "Ich weiß nicht, für mich sah das eben so aus wie ein Regensänger im Sturm." Raleb starrte wieder auf den Schirm. Die Xaringal, die es im Moment mit keinem Gegner zu tun hatte, war bewegungslos stehengeblieben. Als kurz darauf ein Jem´Hadar-Schiff dem Geschützfeuer der Narhamak ausweichen mußte, durchquerte es den Raum unter ihr, worauf das kleinere Vari-Schiff augenblicklich feuernd in den Sturzflug ging. "Das kenne ich!" nickte Ralebs Stellvertreterin. "Ein Hakenvogel bei der Jagd. Beim Habitat habe ich sie schon oft beobachtet. Der erste Vogel scheucht die Beute auf, worauf der Partner sie dann im Sturzflug erlegt." Raleb sah sie mit großen Augen an. "Vögel? Du meinst, sie hätten ihren Schiffen die Flugmuster rhazaghanischer Vögel eingegeben?" Sie zuckte verlegen die Achseln. "Eigentlich finde ich diesen Gedanken gar nicht so abwegig." "Ruft die Arrhinia D'jah! Visuelle Übertragung!" befahl Raleb. Gleich darauf erschien auf dem Hauptbildschirm Tybrang, der zur Zeit das Kommando auf der Arrhinia D'jah innehatte. "Kann es sein, daß ihr eure Schiffe mit Informationen über Vogelflug gefüttert habt?" fragte Raleb ohne Überleitung. "Tarkin war davon überzeugt, daß die Jem´Hadar mit den üblichen Angriffs- und Ausweichmanövern bestens vertraut sind." erwiderte Tybrang. "Er glaubte jedoch, daß diese Krieger wohl kaum erfahrene Naturbeobachter wären. Ich gebe zu, daß ich am Anfang meine Bedenken hatte, aber es sieht ganz so aus, als würde es funktionieren."
Tarkin saß ruhig in seinem Kommandosessel und verfolgte am Hauptbildschirm konzentriert die Schlacht. Wenn eine Sternschwinge in der Nähe in Bedrängnis geriet, wies er die Narhamak an, Hilfe zu leisten. Die Brückenbesatzung leistete dem Schiff Unterstützung und überwachte die Systeme, während im Maschinenraum fieberhafte Tätigkeit herrschte, um die bisher nur leichten Schäden schnellstmöglich zu beseitigen. Der Vari-Kommandant beobachtete aufmerksam die Jem´Hadar-Schiffe, die noch immer einen Angriff nach dem anderen flogen, und die so wirkten, als könnten sie ewig so weitermachen. Zwar hatten sie vor allem bei den kleineren Jagdmaschinen Verluste erlitten, aber das schien sich nur noch verstärkend auf ihre Hartnäckigkeit auszuwirken. "Die kämpfen wirklich wie besessen." überlegte Tarkin halblaut. "Es sieht nicht so aus, als spielten sie mit dem Gedanken, nach Hause zu fliegen. Ich möchte mal wissen, wo die ihre Verbissenheit hernehmen. Dies ist schließlich nicht ihr Revier." Der Monitor am Kommandosessel schaltete sich ein. "Ihr Fanatismus ist leicht zu erklären." informierte ihn die Narhamak. "Sie glauben, für ihre Götter zu kämpfen." Der Rhazaghaner sah fasziniert auf den Bildschirm. "Ist das tatsächlich so? Woher weißt du das?" "Die Informationen wurden mit den letzten Föderationsdateien in meinen Datenspeicher überspielt. Demnach werden die Jem´Hadar eigens für den Kampf gezüchtet, ebenso wie das Volk der Vorta, das vor allem für die Verwaltung des Dominion zuständig ist. Das eigentliche Herrschervolk sind die sogenannten Gründer. Sie leben verborgen, greifen nur in Notfällen ein und werden aufgrund ihrer formwandlerischen Fähigkeiten von ihren Dienervölkern als Götter betrachtet." Tarkin richtete sich in seinem Kommandosessel auf. "Was sagst du da?" "Soll ich das eben Gesagte noch einmal wiederholen?" "Nein, ich war nur überrascht über die letzte Information. Die Gründer werden also von den Jem´Hadar als Gottheiten anerkannt, weil sie in der Lage sind, ihr Erscheinungsbild zu verändern, habe ich dich da richtig verstanden?" "Das ist korrekt!" "Gib mir bitte alles darüber auf den Monitor!" Tarkin las aufmerksam. Als er damit fertig war, starrte er nachdenklich vor sich hin. In ihm arbeitete es. Dann sprang er auf und wandte sich an die Rhazaghani am Funk. "Rufe die Arrhinia D'jah und die Xaringal! Wir müssen noch einmal versuchen, an das große Flaggschiff der Jem´Hadar heranzukommen." "Unsere Aussichten, dort einen Abschuß zu erzielen, sind verschwindend gering." gab Laraskir, der junge Rhazaghaner an den Kontrollen zu bedenken. "Außerdem werden sehr rasch die anderen Jem´Hadar-Schiffe zur Stelle sein und verhindern, daß wir ernsthaftere Beschädigungen anrichten." Tarkin lachte. Seine Augen funkelten. "Es geht mir nicht darum, das Schiff zu beschädigen. Es reicht, wenn für einen kurzen Moment seine Schilde unten sind, und das müßte eigentlich zu bewerkstelligen sein, wenn wir unser Feuer bündeln. Wenn das geschafft ist, müßt ihr mich direkt auf die gegnerische Brücke beamen. Versucht dann nicht, in der Nähe zu bleiben, sondern bringt euch sofort danach in Sicherheit! Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, werde ich mich in Kürze wieder bei euch melden." Seine Brückenbesatzung starrte ihn entsetzt an. "Und wenn nicht?" fragte Laraskir. Sein Kommandant lächelte. "Dann bin ich den vielen anderen gefolgt, die heute auf die andere Seite gegangen sind. Aber ich glaube nicht, daß es dazu kommt. Sind die Arrhinia D'jah und die Xaringal schon in Reichweite?"
Wenig später beobachtete Raleb von der Nachtsee aus, wie die drei Vari-Schiffe in V-Formation in das Zentrum des Kampfgeschehens flogen. Als sie das riesige Flaggschiff der Jem´Hadar erreicht hatten, bündelten sie ihr Geschützfeuer und nahmen es ohne Pause unter Beschuß, ohne sich um die zahlreichen Jäger zu kümmern, die zur Verteidigung heranschossen. Kurz darauf begannen die Schilde des großen Schiffes zu flackern. Als sie erloschen, stellten die Vari-Schiffe augenblicklich ihr Feuer ein und spritzten nach drei Seiten auseinander, die Jem´Hadar-Jäger verwirrt zurücklassend.
Auf dem feindlichen Flaggschiff hatte man soeben beunruhigt verfolgt, wie die Schilde unter dem konzentrierten Feuer der Rhazaghaner zusammenbrachen. Gleich darauf wurde das scharfe Sirren eines Transporterstrahls hörbar, und Tarkin materialisierte mitten unter ihnen in der Steppenluum. Die Jem´Hadar starrten die riesige dunkelrote Gestalt an, die bewegungslos auf ihrer Brücke stand. Dann richtete einer der Krieger unsicher seine Waffe auf ihn. Tarkin ging ohne Zögern mit einem hellen Aufblitzen in die Grundform. Die Anwesenden fuhren sofort erschrocken zurück. Ihnen schienen fast die Augen aus dem Kopf zu fallen, und hier und da erklang entsetztes Stöhnen. Tarkin richtete sich hoch auf, streckte langsam den Arm aus und zeigte auf den Mann, der die Waffe gehoben hatte. "Du!" sagte er leise und drohend. "Wie kannst du es wagen, eine Waffe gegen mich zu erheben? Ist dir der Frevel nicht bewußt, den du begehst?" Der Flottenkommandant der Jem´Hadar erhob sich vom Kommandosessel. "Wer bist du?" fragte er verstört. Tarkin drehte ihm den Kopf zu und wechselte in die Krallenluum. Die Krieger schnappten nach Luft. "Ich bin einer derjenigen, deren Planeten ihr euch erdreistet anzugreifen." knurrte er. "Was ist mit den Jem´Hadar geschehen? Kennt ihr diejenigen nicht mehr, denen ihr Respekt schuldet?" Als der Eindringling in die Zahnluum wechselte, war es um die Selbstbeherrschung des Kommandanten geschehen. Er schrie auf und wich zurück. Ein mächtiges, mit scharfen Zähnen versehenes Geschöpf sah sich langsam unter den Anwesenden um und bohrte seinen Blick nacheinander in die Augen jedes einzelnen. Es herrschte ehrfürchtige Stille. Dann wechselte Tarkin in die Schwingenluum und flog mit zwei Flügelschlägen auf die Rückenlehne des Kommandosessels. Das Material kreischte auf, als sich seine Krallen hineinbohrten. Der Rhazaghaner streckte den Kopf vor. "Wollt ihr weiterhin unseren Zorn auf euch ziehen?" zischte er. "Noch waren wir mit euch geduldig, aber auch unsere Langmut kennt Grenzen. Überlegt euch euer Handeln gut! Wünscht ihr wirklich zu wissen, was mit denen geschieht, die es wagen, uns herauszufordern?"
Besorgt beobachtete die Besatzung der Narhamak die weitere Entwicklung. Sie hatten sich, wie von Tarkin verlangt, nach dem Angriff in Sicherheit gebracht, was die Leute im Maschinenraum dazu nutzten, sich hektisch an die Beseitigung der bei dem Angriff erlittenen Schäden zu machen. Auf der Brücke der Sternschwinge herrschte Stille. Noch hatte es nicht den Anschein, daß Tarkins Plan Erfolg gehabt hätte. Dann kamen die ersten Meldungen von den anderen Schiffen herein. Die Rhazaghani am Funk sah hoffnungsvoll in die Gesichter der übrigen Anwesenden. "Sie sagen, die Jem´Hadar brechen ihren Angriff ab. Sie haben das Feuer eingestellt und treten den Rückzug an." Unmittelbar darauf wurde die Narhamak vom Jem´Hadar-Flagschiff gerufen, und auf dem Hauptbildschirm wurde Tarkin sichtbar. Er stand majestätisch auf der Brücke des feindlichen Schiffes und lächelte. "Die Jem´Hadar haben Einsehen gezeigt und bereuen ihr Handeln zutiefst." informierte er seine Besatzung. "Wir sollten nachsichtig mit ihnen sein, da sie nicht wußten, was sie taten. Ihr könnt mich jetzt zurückbeamen!"
Raleb gab den Befehl, die Narhamak zu rufen. Kurz darauf erschien Laraskir auf dem Bildschirm. "Die Jem´Hadar ziehen tatsächlich ab." wandte sich Raleb an ihn. "Es ist mir ein Rätsel, woher dieser Sinneswandel kommt. Habt ihr zufällig etwas damit zu tun?" Der junge Rhazaghaner auf dem Bildschirm lächelte stolz und glücklich. "Tarkin war der Ansicht, daß man die Jem´Hadar bewußt nicht darüber informiert hat, gegen wen sie hier eigentlich kämpfen. Daher hat er sich auf das Flaggschiff hinüberbeamen lassen und dort eine Vorstellung gegeben. Wie man sieht, hatte er damit Erfolg." Im Hintergrund wurde Tarkin sichtbar, der eben die Brücke der Narhamak betrat und von seinen Leuten begeistert empfangen wurde. Er strahlte und wirkte wie jemand, der sich gerade prächtig amüsiert hatte. "Typisch!" murmelte Raleb, doch er war viel zu dankbar und erleichtert, um im Moment ernsthaft Ärger empfinden zu können. Gleich darauf erhielt er die Gelegenheit, mit Tarkin zu sprechen. "Ich habe eben von deinem Bravourstück erfahren." sprach er ihm seine Anerkennung aus. "Kompliment! Allerdings hätte dich die Sache ebensogut das Leben kosten können. Was hast du den Jem´Hadar gesagt?" "Ich glaube, es ging ihnen nicht so sehr um den Inhalt der Worte." schmunzelte Tarkin. "Jedenfalls ist es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn sie zu der Ansicht gelangt sind, daß es sich bei den Bewohnern dieses Planeten um Götter handelt. Es soll immer noch Cardassianer geben, die glauben, daß Rhazaghan die Heimat böser Geister ist. Allerdings können wir nicht davon ausgehen, daß der Schock von langer Dauer sein wird. Das Dominion wird diese Schlappe wohl kaum unerwidert hinnehmen. Über kurz oder lang wird es zurückkehren." Raleb nickte langsam. "Leider fürchte ich, daß du recht hast. Die Tage der Sicherheit sind ein für allemal vorbei, und wir werden uns wohl an Neuerungen gewöhnen müssen. Daher bin ich bereit, mir den Vorschlag der Vari noch einmal anzuhören." Er sah, wie sich Tarkins Gestalt straffte. Man merkte ihm die Befriedigung über das Angebot deutlich an. "Gut!" nickte der Vari nach einem kurzen Moment. "Aber vielleicht wäre es nur recht und billig, wenn auch die anderen Clanführer, die gerade im Orbit sind, Näheres darüber hören könnten. Ich schlage vor, wir treffen uns im Vari-Habitat, um die Angelegenheit zu besprechen. Außerdem möchten wir den Clanführern gern über unsere Erfahrungen mit den Romulanern berichten." "Ich werde es an die anderen weiterleiten." erklärte sich Raleb einverstanden. "Wir sehen uns unten im Vari-Habitat."
Der runde Versammlungssaal des Vari-Habitates war deutlich kleiner als jener, der bei den Sirk für diese Zwecke zur Verfügung stand, jedoch hatte man ihn um so liebevoller ausgestattet. Die Scheiben der breiten Westfensterreihe waren aus verschiedenfarbigen Glasstücken zusammengesetzt und glichen einem leuchtenden Bilderbuch, das verschiedene einheimische Tier- und Pflanzenarten zeigte. An sonnigen Nachmittagen färbten die bunten Darstellungen den weißen Steinfußboden und flimmerten munter auf jeder Person, die in das schräg einfallende Licht trat. Die polierten Bankreihen, die die Wand entlangliefen, waren anders als jene im Sirk-Habitat aus hellem Holz, wobei man besonderen Wert auf eine lebhafte Maserung gelegt hatte. Der gesamte Raum vermittelte eine gewisse Heiterkeit, während sein Sirk-Gegenstück Würde und Strenge ausstrahlte. Der kleine Saal war nicht vollständig gefüllt, da bei weitem nicht alle Clanführer vertreten waren. Noch besaßen erst gut die Hälfte aller Clans einen Hangar mit eigenen Schiffen, weshalb sich etliche der rhazaghanischen Entscheidungsträger während der Schlacht auf dem Planeten befunden hatten. Raleb, der wartend zur Tür blickte, bemerkte, wie diese einen Spalt geöffnet wurde und eine junge Frau einen vorsichtigen Blick in den Raum warf. Zunächst erkannte er das Gesicht nicht, doch dann erinnerte er sich. "Aber Nirrit!" sprach er sie nachsichtig an. "Hier findet in Kürze eine Versammlung von Clanvertretern statt. Wußtest du das nicht?" "Doch, Clanführer der Laro!" erwiderte Nirrit schüchtern. "Tarkin bat mich über Funk, herzukommen. Ist er noch nicht hier?" Selembri trat neben Raleb und lächelte ermutigend. "Nein, er wollte sich vorher ein Bild von den Schäden an der Narhamak machen. Sie hat offenbar bei dem Angriff auf das feindliche Flaggschiff etwas gelitten. Komm nur herein, Mädchen! Wenn Tarkin dich hergebeten hat, geht die Sache in Ordnung. Er wird seine Gründe dafür haben." Nirrit näherte sich befangen und sah zu Selembri hoch. Diese lächelte noch immer freundlich. "Du hattest den Halbcardassianer zum Reifungspartner gewählt, nicht wahr? Ich habe davon gehört. Wie geht es ihm?" Nirrits Augen strahlten. "Rilkar hat sich nach seiner Flucht von Cardassia gut hier eingelebt. Es macht ihn froh, daß er auch hier als Ingenieur beim Schiffsbau tätig sein kann. Als die Sternschwingen vorhin in den Hangar zurückkehrten, ist er gleich dorthin aufgebrochen, um nach der Arrhinia D'jah zu sehen. Dann wollte er Tarkins Wunsch folgen und ebenfalls hierherkommen." Im nächsten Moment öffnete sich die Tür, worauf Tarkin gemeinsam mit Aslari und Nirrits Partner in den Raum kam. Als der Ingenieur Nirrit bei Raleb und Selembri stehen sah, trat er auf sie zu und legte ihr liebevoll den Arm um die Schultern, nicht ohne den beiden Clanführern freundlich zuzunicken. "Wie geht es dem Schiff des Anfangs?" fragte Raleb. Rilkar konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. "Sie hat zum Glück keine allzuschweren Schäden davongetragen. Als ich sie mir ansah, warf sie mir ganz offen vor, ich suchte nach einem Grund, ihr das fertiggestellte neue Triebwerk nicht einbauen zu müssen. Wie es jedoch aussieht, wird sich der Einbau kaum verzögern. Es müssen lediglich ein paar beschädigte Teile ausgetauscht werden, dann können wir mit der Umrüstung beginnen." Einige Clanführer hatten die Gelegenheit genutzt, Tarkin für seine erfolgreiche Aktion zu beglückwünschen. Nun aber trat der Vari in die Mitte des Raumes, und es kehrte Ruhe ein. "Ihr wißt, daß die Vari den Versuch wagen wollen, romulanische Soldaten nach Rhazaghan kommen zu lassen, um sie an den Sternschwingen auszubilden." richtete er das Wort an die Anwesenden. "Damit würden wir in die Lage versetzt, unsere Flotte zur Verteidigung des Sektors zu vergrößern. Raleb erhob den berechtigten Einwand, auf diesem Planeten sei fast nichts über Romulaner bekannt. Aus diesem Grund habe ich Nirrit hergebeten, die dieses Volk weit besser kennt als jeder andere von uns. Auch Rilkar kann vieles darüber berichten. Ihr werdet also die Möglichkeit erhalten, euch selbst ein Bild von denen zu machen, die wir um Hilfe bitten wollen." Er sah zu Nirrit hinüber. "Nirrit, bitte erzähle ihnen, was du in der neutralen Zone erlebt hast! Wir hatten es zwar zunächst für besser gehalten, nicht über die genauen Umstände deines Verschwindens zu berichten, aber jetzt ist es vielleicht an der Zeit, das Schweigen zu brechen." Die junge Rhazaghani warf einen besorgten Blick hinauf in das Gesicht ihres Partners, doch dieser lächelte ihr beruhigend zu. Dann begann Nirrit zu erzählen. Es wurde ein langer Bericht, wobei vor allem zu Beginn düstere Blicke den Ingenieur trafen. Tarkin jedoch stand währenddessen mit verschränkten Armen neben ihm, um keinen Zweifel an seiner Freundschaft zu ihm aufkommen zu lassen. Nach einer Weile fuhr der Ingenieur mit dem Bericht fort, um ihn durch seine Sichtweisen und Erlebnisse zu ergänzen. Schließlich wurde die Erzählung wieder von Nirrit übernommen. Sowohl sie als auch er gaben dabei bewußt jene Version der Geschichte wieder, die auch Tarkin kannte, denn es herrschte zwischen ihnen das stille Einverständnis darüber, daß gewisse nähere Details nur sie beide sowie eine bestimmte dritte Person etwas angingen. Als sie zum Ende gelangt waren, herrschte eine Weile Stille. Dann ergriff Raleb das Wort. "Du hast mich überzeugt, Tarkin von den Vari! Es scheint sich bei den Romulanern um ein Volk zu handeln, dem Barmherzigkeit, Freundschaft und Hilfsbereitschaft nicht fremd sind. Ich habe keine Einwände mehr, sie kommen zu lassen. Wir werden diesen Versuch mit Interesse verfolgen. Dennoch halte ich eine gewisse Vorsicht für angebracht. Es sollte erst einmal nur ein einziges Regiment hierherkommen, dessen Verhalten man beobachten sollte. Und ich stelle als Bedingung, daß ihm jener Mann vorsteht, von dem ihr uns berichtet habt." Tarkin warf Aslari einen triumphierenden Blick zu.
Calea stand wartend am Rand der Trainingshalle und lauschte dem harten Klang der aufeinanderschlagenden Fechtstöcke. Sie wußte, sie würde noch etwas ausharren müssen, aber sie hatte im Laufe der Zeit gelernt, sich zu gedulden, was sie früher weit von sich gewiesen hätte. Wenn man beim romulanischen Militär einen solch hohen Rang erreicht hatte, standen einem Mittel zur Verfügung, die Dinge zu beschleunigen. Allerdings hatte sie die Erfahrung machen müssen, daß es auch hier, wie fast überall, Ausnahmen gab.
Es war knapp zwei Jahre vor den letzten Kämpfen gewesen. An jenem Tag hatte sie sich wie heute im Trainingszentrum der romulanischen Hauptstadt befunden und sich nach ihren Nahkampfübungen noch ein wenig in den Hallen anderer Disziplinen umgesehen. Sie pflegte hier ihre zukünftigen Liebhaber auszuwählen, in den meisten Fällen gutaussehende junge Offiziere, die ihr Interesse zu schätzen wußten. Caleas Aufmerksamkeit zu erregen, galt als Karrieregarantie, und selbst wenn die Affäre mit dem Betreffenden der Vergangenheit angehörte, verfolgte sie dessen Laufbahn aufmerksam und mit Anteilnahme. Dabei zögerte sie auch nicht, helfend einzugreifen, wenn ihr das erforderlich schien. Während ihres Rundganges war das Knallen von Fechtstöcken an ihr Ohr gedrungen, und hatte in ihr freundliche Erinnerungen an einen ihrer ehemaligen Geliebten ausgelöst. Daher entschied sie sich, den scharfen Lauten nachzugehen und trat in die Halle der Fechter ein. Es war bereits recht spät, die meisten der Anwesenden hatten ihr Training schon beendet, unterhielten sich oder strebten den Umkleideräumen zu. Nur in einiger Entfernung waren zwei Männer immer noch dabei, einen heftigen Kampf auszutragen. Der jüngere von beiden war nach dem Rangzeichen auf seiner Trainingskleidung Offizier der mittleren Kommandoebene, und er gefiel Calea sofort. Er wirkte stark, aber elegant und beweglich, und der konzentrierte Ausdruck seines Gesichtes übte keine geringe Anziehungskraft auf sie aus. Es kostete sie keine Überwindung, ihn eine Zeitlang zu beobachten, und dabei kam sie zu der Überzeugung, daß er genau das war, was sie gesucht hatte. Etwas später beendeten die beiden Männer das Gefecht, unterhielten sich noch einen Moment und machten die eine oder andere scherzhafte Bemerkung. Dabei hatte sich die ernste Mine des jungen Offiziers aufgeheitert und Calea hörte ihn nun zum ersten Mal lachen, was sie für den richtigen Augenblick hielt, ihr Interesse anzumelden. Bei ihrer Annäherung riß der andere Mann die Augen auf, wobei sie wußte, daß diese Reaktion nicht ausschließlich ihrem Rang galt. Der Offizier jedoch zog die Brauen zusammen und sah ihr auf seinen Fechtstock gestützt abwartend entgegen. "Ich habe Sie hier noch nie gesehen." sprach sie ihn an. "Kann es sein, daß Sie noch nicht lange in der Hauptstadt sind?" "Das Regiment, in dem ich diene, wurde erst vor kurzer Zeit hierher versetzt." war die Antwort. "Ich dachte es mir! Darf ich nach Ihrem Namen fragen?" Ein Hauch von Unwillen ging über das Gesicht des jungen Mannes. "Talan." Die leicht ablehnende Haltung ihres Gegenübers überraschte sie, doch Calea beschloß, nicht locker zu lassen. "Ich habe Sie ziemlich lange beim Training beobachtet. Ich muß Ihnen ein Kompliment aussprechen. Sie scheinen recht gut zu sein." Sie hatte gehofft, eine geschmeichelte oder verlegene Reaktion zu erhalten, aber sie sah sich getäuscht. Talans Züge verhärteten sich sogar noch etwas, und er sah mit einer gewissen Strenge auf sie herab. "Das ist der Fall!" Einen Augenblick war sie sprachlos. Dann spürte sie, wie ein deutlicher Ärger über diese arrogante Erwiderung in ihr aufstieg. Dennoch oder gerade wegen des ungewohnten Widerstandes beschloß sie, einen letzten Versuch zu unternehmen. Daher zwang sie sich zu einem Lächeln. "Wohin muß man gehen, um Sie wiederzutreffen?" "Hierher!" erwiderte Talan kalt. "Wenn man mich sehen will, muß man in diese Halle kommen. Ich suche sie nach Beendigung meines Dienstes auf und verlasse sie erst spätabends wieder. Wenn Ihnen das nicht lästig werden sollte - ich werde Sie mit Sicherheit nicht daran hindern." Als Calea an diesem Abend heimkehrte, platzte sie fast vor Wut. Gleichzeitig mußte sie verärgert feststellen, daß ihr Talan nicht mehr aus dem Kopf ging. Die nächsten Tage wehrte sie sich hartnäckig, dann kapitulierte sie und suchte die Halle wieder auf. Dieses Mal reagierte der junge Offizier sogar noch einsilbiger, aber in Calea hatte sich die Entschlossenheit festgesetzt, sich mit der Zurückweisung nicht abzufinden. Daher ließ sie sich öfters in der Halle sehen und beobachtete ihren auserkorenen Favoriten beim Training. Talan bemerkte sie jedesmal, ohne sich jedoch im mindesten freundlicher zu geben. Da beschloß sie noch einmal in die Offensive zu gehen und trat eines Tages nach Beendigung seiner Übungen an ihn heran. "Warum lehnen Sie mich ab?" fragte sie offen. "Sage ich Ihrem Geschmack so wenig zu?" Talan musterte sie nachdenklich. "Das ist nicht der Grund. Ihr Äußeres ist für mich durchaus ansprechend." "Warum also?" "Sagen wir einfach, daß Ihr Ruf Ihnen vorauseilt." "Ich verstehe Sie nicht." "Dann werde ich mich deutlicher ausdrücken. Ich gebe mir grundsätzlich bei dem, was ich tue, Mühe. Ich habe mir den Rang, den ich einnehme, aus eigenen Kräften erarbeitet und beabsichtige, auch weiterhin bei dieser Vorgehensweise zu bleiben. Ich würde es nicht sonderlich schätzen, eines Tages anhand meiner erreichten Position feststellen zu können, wie groß das Gefallen war, welches Sie an mir fanden. Verstehen Sie mich nun?" Calea nickte ernst und nachdenklich. "Ich denke schon!" Nach diesem erneuten Fehlschlag beschränkte sie sich einige Abende darauf, Talan zu beobachten, ohne ihn jedoch noch einmal anzusprechen. Zwar warf er ihr gelegentlich einen prüfenden Blick zu, aber das war letztendlich seine einzige Reaktion auf ihre Gegenwart. Das Wichtigste auf der Welt schien ihm der Fechtkampf zu sein, das einzige was ihn interessierte und gefangennahm. Daher kam Calea auf den Gedanken, seinem Stolz einen Dämpfer zu versetzen. Karim reagierte erstaunt, aber durchaus erfreut, als sie ihn aufsuchte. Ihr Verhältnis lag schon einige Zeit zurück, dennoch kam es noch immer zu gelegentlichen freundschaftlichen Kontakten zwischen ihnen. Inzwischen hatte er eine recht hohe Stellung in der romulanischen Kommandohierarchie inne, was zwar zum Teil auf ihre Hilfe zurückzuführen, aber absolut nicht unverdient war. Nach dem üblichen Austausch von Neuigkeiten kam sie ihm gegenüber zur Sache. "Karim, ich würde gern deine Hilfe in Anspruch nehmen." "Nimm sie so oft und wann du willst. Worum geht es?" "Um einen störrischen jungen Mann! Er treibt mich noch zur Raserei." Karim lachte. "Daß so etwas auch dir einmal passiert! Was verlangst du von mir? Soll ich ihn festhalten?" "Rede keinen Unsinn! Es handelt sich bei ihm um einen jungen Fechter. Er ist maßlos von sich selbst überzeugt und seine Gedanken kreisen nur um seine Disziplin. Ich würde es begrüßen, wenn du ihm zeigen würdest, daß auch seiner Perfektion Grenzen gesetzt sind. Niemand könnte das wohl besser als der Mann, der bei den Kämpfen im Stockfechten zweimal hintereinander den Sieg davongetragen hat." Ihr ehemaliger Geliebter lächelte. "Ein Fechter also! Darf ich mir einbilden, daß auch ein paar nostalgische Gefühle zu deiner Wahl beigetragen haben? Aber wie auch immer, ich stehe ganz zu deiner Verfügung." Als Calea zusammen mit Karim zwei Tage später die Halle betrat, erlebte sie es das erste Mal, daß Talans sonst so beherrschte Züge Anflüge von Fassungslosigkeit zeigten. Vollkommen gerade aufgerichtet beobachtete er ihre Annäherung, während in seine Augen ein Hauch von Ehrfurcht trat. Karim sprach ihn freundlich an. "Meine Freundin Calea berichtete mir, daß Sie hier jeden Tag bis spätabends trainieren würden. Ich finde diese Disziplin beachtlich und wollte Sie gern einmal persönlich kennenlernen. Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie sich bereits auf die Kämpfe vorbereiten?" Talan neigte respektvoll den Kopf. "Das ist richtig!" erwiderte er. "Aus diesem Grund verbringe ich hier jene Zeit, in der ich nicht durch meinen Dienst gebunden bin. Allerdings habe ich gehört, daß gerade Sie mit einer eisernen Disziplin für die Kämpfe trainiert haben." "Was Freude bereitet, bedarf keiner Überwindung." erwiderte Karim. "Kann es sein, daß ich Sie schon einmal bei den Kämpfen gesehen habe?" "Das ist durchaus möglich. Ich war vor zwölf Jahren Teilnehmer. Ich bekleidete zu jener Zeit einen Rang der untersten Kommandoebene." Karim wirkte überrascht. "Vor zwölf Jahren schon? Darf ich Sie nach Ihrem Abschneiden damals fragen?" "Ich blieb in fünf Gefechten siegreich. Dann traf ich auf Sirkaras." "Sie sind gegen Sirkaras angetreten? Er hat mir im Finalkampf ein hartes Gefecht geliefert. Es bedeutete wahrhaftig keine Schande für Sie, gegen ihn zu verlieren. Ein Jammer, daß er bei Abisk ums Leben kam. Er war einer unserer besten Männer. Aber warum haben Sie nicht vor fünf Jahren noch einmal Ihr Glück versucht?" Für einen Augenblick trat ein schmerzlicher Ausdruck in Talans Gesicht, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. "Ich lag im Lazarett. Wir waren auf Rubia in einen Hinterhalt geraten." "Sie waren auf Rubia dabei? Dann haben Sie Glück, noch am Leben zu sein. Wir haben damals wahrhaftig viele Soldaten durch die verdammten Rubianer verloren." Talan nickte nachdenklich. Dann sah er Karim ruhig in die Augen. "Ich hatte mich lange auf die Kämpfe vorbereitet. Sie wären mein Wunschgegner gewesen." Karim lachte. "Wenn das so ist, wird es langsam Zeit, daß wir den verpaßten Kampf nachholen. Sind Sie damit einverstanden, mir ein Gefecht zu liefern? Ich bin zwar nicht in der gleichen Form wie bei meinem zweiten Sieg, aber ich glaube doch, noch recht gut mithalten zu können." Talans Körper straffte sich und seine Augen begannen zu leuchten. "Wären Sie tatsächlich bereit, mir diese Ehre zu erweisen?" "Gewiß! Eigentlich hatte mich Calea um diesen Gefallen gebeten, aber ich muß gestehen, daß ich nun selbst neugierig auf Ihr Können geworden bin." Ohne ein weiteres Wort zog Talan einen zweiten Fechtstock aus einem Ständer und reichte ihn seinem Gegner. Dann beobachtete Calea, wie die beiden Männer die Mitte der Halle aufsuchten. Sie hoffte sehr, daß sich der jüngere Fechter wenigstens eine gewisse Weile gegen den zweimaligen Sieger halten konnte. Zwar gönnte sie dem überaus selbstbewußten Talan eine kleine Demütigung, doch sie begann sich zu sorgen, wie er reagieren mochte, wenn diese zu heftig ausfiel. Es war durchaus möglich, daß er sie in seinem verletzten Stolz nie wieder würde ansehen können. Unruhig stellte sie sich die Frage, ob sie hier keinen Fehler begangen hatte. Als der Kampf begann, stellte sie nach kurzem fest, daß Karim der Waffengang Freude machte. Er wirkte heiter und gelöst, ganz offensichtlich zufrieden damit, seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können. Dann, als der Schlagabtausch begann, sich länger hinzuziehen, zog er plötzlich im Tempo an und konfrontierte seinen ruhig und konzentriert wirkenden Gegner mit einer ganzen Serie von blitzschnellen Angriffen. Verblüfft stellte er jedoch fest, daß Talan problemlos mithielt und nun seinerseits schneller wurde. Als hätte er durch seine Steigerung einen Bann gebrochen, mußte Karim erleben, daß Talan ihn immer öfter zurücktrieb. Entschlossen, das Blatt zu wenden, setzte er ein Täuschungsmanöver ein, aber sein Gegner durchschaute die Finte sofort und nutzte sie seinerseits für einen Angriff, der den Altmeister fast um seinen Fechtstock gebracht hätte. Calea beobachtete sprachlos, wie ihr früherer Geliebter immer mehr in die Defensive geriet. Nie im Leben wäre ihr der Gedanke gekommen, daß der Kampf anders als mit einem überzeugenden Sieg Karims enden könnte, doch nun stellte sie fest, daß diesem bereits der Schweiß über das Gesicht lief. Der junge und bewegliche Talan, der seine Freizeit ausschließlich in der Fechthalle verbrachte, setzte seinem Gegner immer stärker zu. Plötzlich, Calea vermochte nachträglich nicht mehr zu sagen, wie es zugegangen war, waren Karims Hände leer und er sah ungläubig seinem Fechtstock nach. In den Saal war Ruhe eingekehrt. Talan blieb einen Moment ruhig stehen, dann neigte er den Kopf. "Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Ehre erwiesen haben. Glauben Sie mir, das bedeutet mir viel!" Karim lächelte etwas mühsam. "Es sieht ganz so aus, als wäre die Ehre eher auf meiner Seite gewesen. Ich gratuliere Ihnen! Mir fehlt die Zeit, um mich noch einmal angemessen auf die Kämpfe vorzubereiten, aber ich verspreche Ihnen, daß ich in zwei Jahren nach Ihnen Ausschau halten werde." Als Calea Karim später durch das Trainingszentrum begleitete, war dieser noch immer etwas außer Fassung. "Du brauchst jedenfalls nicht mehr zu glauben, daß es sich bei Talans Äußerung bezüglich seines Könnens um dreiste Prahlerei gehandelt hat, Calea! Er hat dir einfach eine Tatsache genannt, nichts weiter." "Du meinst also, er ist gut?" "Gut? Er ist brilliant! Ich hatte eigentlich vorgehabt, bei den nächsten Kämpfen auf Ragor zu wetten, aber dieser Mann kann ihn schlagen, wenn er so weitermacht. Ich bin dir zu Dank verpflichtet, daß du mich auf ihn aufmerksam gemacht hast. Ich verliere mein Geld nicht gern, vor allem nicht, wenn es um Wetten im Bereich meiner Kampfdisziplin geht." Am nächsten Abend suchte Calea wie so oft in der letzten Zeit erneut die Halle auf. Talan hatte sie bereits erwartet und kam zum ersten Mal von selbst auf sie zu. Als er vor ihr stand, sah er einen langen Moment schweigend auf sie herab. "Ich bin Ihnen sehr dankbar für das, was Sie für mich getan haben." begann er schließlich zu sprechen. "Ich hatte keine Hoffnung mehr, jemals gegen Karim anzutreten zu dürfen. Könnten Sie den heutigen Abend Zeit für mich erübrigen?"
Noch nie zuvor hatte sich Calea so sehr um einen zukünftigen Liebhaber bemühen müssen, und es erfüllte sie mit großer Befriedigung, nun am Ziel ihrer Wünsche zu sein. Sie ging auf Talans Bitte ein, sich nicht in seine Laufbahn einzumischen, ferner achtete sie sorgfältig darauf, daß er sein Nachgeben nicht zu bereuen hatte. Mit der Zeit stellte sie außerdem fest, daß es sich bei ihrem Geliebten um einen überaus fähigen und charakterfesten Offizier handelte. Als die Affäre bereits einige Zeit anhielt, erreichte Calea kurz vor Antritt einer längeren Dienstreise die Nachricht, daß einer ihrer ehemaligen Liebhaber völlig überraschend seinen Abschied eingereicht hatte. Die Liaison lag schon etwas zurück, dennoch sah sie im Geiste sofort das Gesicht eines heiteren jungen Mannes mit einem gewissen Hang zu respektlosen Bemerkungen vor sich. Sie hatte sich auf ihre gewohnte Weise für ihn eingesetzt, und ihm zu einer Beförderung verholfen. Dann hatte sie ihn eine Zeitlang aus den Augen verloren. Sie mußte nachträglich feststellen, daß sich ihr Schützling in seiner neuen Stellung Feinde gemacht haben mußte, denn er war weiter befördert worden: Zu Shadars Stellvertreter. Über Kommandant Shadar wurde hinter vorgehaltener Hand Übles berichtet, und es hieß unter anderem, er setze drastische Körperstrafen in seinem Regiment ein. Dabei hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß Aufrechterhaltung der Disziplin für ihn lediglich ein Vorwand war, denn er pflegte offenbar die Züchtigungen mit höchster Aufmerksamkeit zu beobachten. Bisher war man davor zurückgeschreckt, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, denn auch wenn Shadars Ruf seine Karriere erheblich gebremst hatte, verfügte er doch über eine in höchsten Kreisen ansässige Verwandtschaft. Vielleicht hätten konkrete Beweise einige Möglichkeiten eröffnet, ihm das Genick zu brechen, aber Shadars Leute waren derart verängstigt, daß man sie zu keinerlei Aussagen bewegen konnte. Calea konnte sich gut vorstellen, was mit dem übermütigen jungen Mann geschehen sein mußte, dem sie seinerzeit ihre Zuneigung geschenkt hatte: Shadar hatte ihn regelrecht vernichtet. Sie war außer sich vor Zorn und Empörung, und beschloß, etwas zu unternehmen. Um Kommandant Shadar das Handwerk legen zu können, mußte sie vor allem mehr über ihn in Erfahrung bringen. Dafür würde sie jemanden in das Regiment versetzen lassen müssen, der ihr Vertrauen besaß und sich vor allen Dingen nicht einschüchtern ließ. Der nächste Gedanke war nur allzu naheliegend. Zwar hatte Calea ihrem Geliebten versprochen, nicht in seine Laufbahn einzugreifen, doch in diesem Fall hielt sie einen Wortbruch für gerechtfertigt. Sofort nach Shadars Sturz wollte sie dann dafür sorgen, daß Talan zur Entschädigung dessen Regiment erhielt. So veranlaßte sie das Nötige, um sich danach auf die Reise zu begeben. Dabei hoffte sie, daß Talan ihr ihre Handlungsweise nicht verübeln würde. Als sie nach Romulus zurückgekehrt war, wurde sie noch am Tag ihrer Ankunft von ihrem Geliebten aufgesucht. Er blieb mit geballten Fäusten im Raum stehen und starrte Calea in einer Mischung aus hilflosem Zorn und Verzweiflung an. "Was habe ich dir getan, daß du mich so haßt?" brachte er schließlich heraus. Erschüttert von seiner Reaktion hob sie beschwichtigend die Hände und trat vor ihren Schreibtisch. "Talan, bitte sei mir nicht böse! Ich brauche jemanden in diesem Regiment, dem ich trauen kann. Er ist furchtbar, ich weiß, aber ich versichere dir, daß ich dich vor Shadar und seiner Peitsche schützen werde." Talan lachte bitter auf. "Ich bin neugierig, wie du das anfangen willst! Im übrigen geht es mir nicht um die Peitsche. Auch nicht um dieses Zerrbild eines romulanischen Offiziers, der lüstern beobachtet, wie seine Leute zerfleischt werden. Ich rede von unserer Verlegung. Wir gehen in die neutrale Zone." Calea starrte ihn einen Augenblick ungläubig an. Dann verstand sie. "Man schickt euch zum Dilithiumsammeln?" fragte sie entsetzt. Talan zitterte bei diesem Wort vor Wut. "Ganz recht, so nennt man es! Es bereitete Ragor gestern abend in der Fechthalle viel Spaß, meinen Namen ausgiebig mit diesem Begriff in Verbindung zu bringen. Du hast meine Chancen bei den Kämpfen hiermit ausgelöscht, Calea! Ebensogut könntest du mir bis dahin die Hände auf den Rücken binden." "Ich wußte nichts von der geplanten Verlegung!" stammelte sie verzweifelt. "Ich hätte dich sonst niemals in dieses Regiment versetzen lassen. Glaub mir, ich werde alles tun, um diesen Befehl rückgängig zu machen." Leider stellte sich heraus, daß der Beschluß eine Kommandostufe höher gefaßt worden war. Den Verantwortlichen war nicht entgangen, daß man in Offizierskreisen begonnen hatte, über Shadar zu reden. Um zu vermeiden, daß es durch dessen Umgang mit seinem Regiment zu Schwierigkeiten kam, hatte man sich zu einer einfachen Vorgehensweise entschlossen: Man entfernte ihn und seine Leute einfach. Für die heimliche Dilithiumausbeutung in der neutralen Zone wurden ohnehin Soldaten gebraucht, und so war man mit dieser eleganten Lösung überaus zufrieden. Als Talan auf jenes Schiff gebeamt wurde, das ihn aus ihrer Reichweite bringen sollte, war Calea anwesend. Sie warf ihm einen um Verzeihung flehenden Blick zu, den er kühl und resigniert erwiderte. Dann löste sich seine Gestalt auf.
An das darauffolgende Jahr dachte Calea nur sehr ungern zurück. Es ging nicht allein darum, daß ihr Talans Zärtlichkeiten fehlten. Sie hatte nach einer Weile versucht, sich anderweitig zu trösten, mußte aber feststellen, daß sie durch ihre Schuldgefühle wie blockiert war. Dabei verfolgte sie die Frage, was Shadar ihrem Geliebten in der Zwischenzeit bereits angetan haben mochte, sogar bis in den Schlaf. Am meisten entsetzte sie jedoch die Vorstellung, daß Talan ihr nach seiner Rückkehr gebrochen gegenüberstehen könnte, auf die gleiche Weise psychisch zerstört wie ihr einstiger Liebhaber. Als ihr dann völlig unerwartet einer von Talans Trainingsfreunden die Nachricht zukommen ließ, Talan sei für die Dauer der Kämpfe zurückgekehrt und habe bereits die ersten Gefechte erfolgreich hinter sich gebracht, machte sie sich sofort auf den Weg ins Austragungszentrum. Überaus erleichtert konnte sie beobachten, daß ihr Geliebter sowohl physisch als auch psychisch einen hervorragenden Eindruck machte. Ganz offensichtlich hatte er wider Erwarten Hilfe für sein Training erhalten. Sie wußte, daß es keinen Sinn hatte, sich vor dem Finalkampf an ihn zu wenden, daher suchte sie ihn erst nach seinem Sieg auf. Bei ihrer Begegnung stellte sie fest, daß er nicht unfreundlich, aber leicht abwesend wirkte, und sie mußte von ihm die Erklärung hinnehmen, daß sein Aufenthalt auf Romulus sehr kurz und daher mit der Erledigung von Pflichten ausgefüllt sein würde. Sie gab sich verständnisvoll und schied von ihm mit einer gewissen Verwirrung. Nicht allzulange nachdem er Romulus wieder verlassen hatte, gelangte der Tal Shiar an die Information, daß die Föderation Schiffe mit neuen Langstreckensensoren ausrüstete. Zu Caleas Freude traf man hektisch die Entscheidung, den Standort von Shadars Regiment aufzugeben. Seine Lage war zu exponiert, daher entsandte man ein tarnfähiges Kurierschiff, um die Aufgabe der Förderstätte vorbereiten zu lassen. Nur Tage später traf dann die Nachricht von einem fatalen Vorfall in der neutralen Zone ein: Der Schirmfeldgenerator, der das Lager des Regimentes schützte, war explodiert. Die Detonation war von den Sensoren eines Föderationsschiffes geortet worden und das gesamte Regiment in Gefangenschaft geraten. Glücklicherweise hatten sich die Führungsoffiziere besonnen verhalten und keine Gegenwehr geleistet. Aus diesem Grund hatte die Föderation erstaunlich moderat auf den Bruch des Abkommens reagiert und nur geringfügig versucht, politisches Kapital aus dem Zwischenfall zu schlagen. Dort schickte man wie in solchen Fällen üblich die Gefangenen nach einem kurzem Verhör zurück in ihre Heimat. Wie man auf Romulus mit heimlicher Erleichterung erfahren hatte, war Shadar bei der Explosion ums Leben gekommen, weshalb sich Talan als der nun ranghöchste Offizier der Untersuchungskommission stellen mußte. Man gelangte jedoch schon bald zu der Ansicht, daß die Entdeckung des Standortes durch rechtzeitige Lieferung von angefordertem Material hätte verhindert werden können. Es handelte sich hier wieder einmal um einen ärgerlichen Fall von Behördenschlamperei, also entfernte man die Verantwortlichen aus ihren Ämtern und legte den Fall zu den Akten. Calea war überglücklich über diesen Ausgang und sorgte dafür, daß Talan Shadars Nachfolge antrat, wie sie es geplant hatte. Dennoch mußte sie feststellen, daß sich Talan ihr gegenüber sonderbar zurückhaltend benahm. Sie vermutete, daß er ihr den Aufenthalt in der neutralen Zone noch immer verübelte und tat alles, um ihn diesen Fehler vergessen zu lassen. Dennoch erreichte ihre Beziehung nie wieder ihre frühere Intensität. Selbst als Calea einige halbherzige Versuche unternahm, Talans Eifersucht zu wecken, mußte sie enttäuscht feststellen, daß er nicht reagierte. Nur wenig später erhielt sie dann die Information, daß Talan über verborgene Kanäle Kontakt zu einer Person auf Cardassia Prime hielt. Neugierig geworden, ließ sie die nächste Sendung abfangen und machte dabei eine verblüffende Entdeckung: Der eine der beiden Briefe stammte von einer Frau. Zwar war der Inhalt in einem eher herzlichen als leidenschaftlichen Ton gehalten, aber in Calea keimte die Erkenntnis, daß Talan in der neutralen Zone nicht so einsam gewesen war, wie sie geglaubt hatte. Sie ließ sich ihr Wissen Talan gegenüber nicht anmerken, denn sie sagte sich, daß ein rein brieflicher Kontakt auf Dauer keine Konkurrenz für sie darstellen würde. Kurz darauf kam es dann auf Cardassia zum Umsturz und die Nachrichten blieben aus. Sie hatte danach die Angelegenheit für erledigt gehalten, aber nun, geraume Zeit später, hatte es eine Anfrage der Föderation an die romulanische Regierung gegeben, die sie vermuten ließ, daß es da einen gewissen Zusammenhang gab.
Calea sah zur anderen Seite der Halle. Talan hatte das Training beendet und sprach noch einen Moment mit seinem Trainingspartner. Dann verabschiedeten sich die beiden Männer voneinander und Talan kam, den Fechtstock noch in der Hand, zu ihr herüber. "Es gibt Neuigkeiten!" begann sie, noch ehe er ganz heran war. Talan legte fragend den Kopf zur Seite, wartete jedoch ab, bis sie weitersprach. "Die Föderation befürchtet, bald einen ihrer Sektoren nicht mehr halten zu können und wies die Regierung auf das neugeschlossene Bündnis hin. Man bittet uns um Hilfe bei der Verteidigung eines Planeten, der dort in letzter Zeit an strategischer Bedeutung gewonnen hat." Talan hörte sich die Nachricht nicht uninteressiert an. "Weißt du, ob der Bitte stattgegeben wurde?" "Die Regierung hat bereits zugestimmt. Man ist der Ansicht, daß es im Interesse des Reiches ist, wenn sich die Kampfhandlungen auch weiterhin auf Föderationsgebiet konzentrieren. Versuchsweise soll erst einmal ein Regiment entsandt werden. Erstaunlich ist dabei, daß die Antragsteller besonderen Wert darauf gelegt haben, daß du diesem Regiment vorstehst." Talan runzelte überrascht die Stirn. "Wir sollen also verlegt werden. Kennst du schon den Namen des Planeten, zu dem es gehen soll?" Calea konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf sein Gesicht. "Rhazaghan!" Sie sah, wie sich seine Augen weiteten. Einen kurzen Moment blieb er bewegungslos, dann wandte er sich abrupt ab und ging zu einem Ständer mit Fechtstöcken hinüber, in dem er seine Waffe abstellte. Calea holte Luft. "Es sieht ganz so aus, als hätte sie großen Einfluß in ihrer Heimat." Talan erstarrte in seinen Bewegungen. Dann drehte er sich langsam zu ihr um. Sein Gesicht hatte einen kalten Ausdruck angenommen. "Du interessierst dich für meine Briefe?" "Sei froh, daß ich es tue und nicht ein anderer. Man könnte dich noch einmal nach den genauen Ereignissen in der neutralen Zone fragen. War das Schiff, das euch dort entdeckte, nicht zufällig ein rhazaghanisches?" Er erwiderte ruhig ihren Blick. "Und wenn es so wäre?" "Du weißt, daß du dir meinetwegen keine Sorgen zu machen brauchst. Aber ich muß doch sagen, daß du mich überrascht hast. Ich habe mich über Rhazaghan informiert. Ich hätte nie gedacht, daß du an einem solchen Geschöpf Gefallen finden könntest." Talans Lächeln bezog die Augen nicht mit ein. "Vielleicht kennst du mich nicht gut genug. Aber wie auch immer, jetzt ist es vorbei. Ich bin mir sehr sicher, daß nicht sie der Auslöser für die Bitte um Unterstützung war. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, wenn ich mit dem Regiment nach Rhazaghan gehe." "Ich mache mir keine Sorgen, denn ich werde mich mit euch dorthin begeben." Er wirkte leicht erstaunt. "Du hast vor, uns zu begleiten?" "So ist es! Ich habe den Vorschlag gemacht, mich dort im Interesse des Reiches um die Informationsbeschaffung zu kümmern. Auch wenn das Bündnis mit der Föderation im Augenblick für uns notwendig ist, kann es dennoch nicht schaden, an die Zeit zu denken, in der dieser Krieg vorüber sein wird. Normalerweise wird es schwer sein, jemanden auf diesem Planeten einzuschleusen, daher ist es sinnvoll, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. In wenigen Tagen wird uns ein Warbird dorthinbringen. Du bist bei diesem Einsatz meinem Kommando unterstellt." "Ich verstehe!" nickte Talan. "Nun gut! In dem Fall wirst du dich ja nicht sonderlich umstellen müssen."
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