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Schwarze Rose© by Birgitt ()
Welch ein Irrsinn! Welcher Teufel reitet mich? Hat mich die Vergangenheit nicht gelehrt, wohin solche sentimentalen Torheiten führen? Die Vergangenheit... "Alle Fehler, die ich in der Vergangenheit begangen habe, werden durch ihn wiedergutgemacht." Athos' Worte, seine Stimme voller Liebe und Bewunderung für seinen Sohn, kommen mir wieder in den Sinn, die Erinnerung schmerzhaft und scharf wie ein Rapier, das die Haut aufschlitzt. Nur ist diese Wunde, die mir Athos' Anblick vor wenigen Augenblicken geschlagen hat, keine rein blutende, keine, die jemals heilen wird. Sie wird ewig schmerzen, nie vernarben, mich immer erinnern, was mein Sohn meinem besten Freund angetan hat. "Du bist der Verräter." Niemals hätte ich gedacht, daß irgend etwas, irgend jemand unsere Freundschaft zerstören könnte. Ich hätte es verhindern müssen. Bin ich doch der Einzige, der es vermag, Louis' ungezügeltes Temperament einzuschätzen und wenigstens etwas zu steuern. Doch ich war zu feige zuzugeben, daß ich dieses Mal nichts würde ändern können, indem ich Louis gut zuredete. Mit Worten und Ratschlägen, die nach Weisheit klangen, doch hohl und unbedeutend wurden, sobald sie mit der Wirklichkeit konfrontiert wurden. Einer Wirklichkeit, die von Louis geformt wurde. Louis, mein König. Louis, mein Sohn. Louis, meine Schuld.
Waren wahrhaftig erst drei Tage vergangen, seitdem Louis Christine unter seinen Gästen entdeckte? In Begleitung von Raoul, Sohn des Athos, gewiß, doch dieser Umstand wurde zu einer Nichtigkeit in der Sekunde, als Louis' Begierde geweckt worden war. Ich kannte diesen Ausdruck in seinen Augen, hatte ihn oft genug gesehen. Dennoch unterschätzte ich Louis' Hartnäckigkeit und vor allem Schnelligkeit in diesem Fall. Er beorderte Raoul an die Front, bevor ich Athos auch nur über das Geschehene informieren konnte. Raoul und Christine... Wie glücklich hatten sie zu Beginn des Festes ausgesehen, ehe der König Christine bemerkte und sie ansprach. Sie erinnerten mich an unbekümmerte Zeiten. An eine Zeit, zu der Athos und ich noch Seite an Seite kämpften. Als ich Tollkühnheit mit Mut verwechselte und Passion mit wahrer Liebe. Als ich so dumm war, das Herz einer Königin zu erobern, ohne die Konsequenzen zu fürchten.
* * * * *
"D'Artagnan, sieh her! Wie gefällt er dir?"
Ich sah von meinem Buch auf, in das gerötete Gesicht meines Freundes. Ich lächelte; es war lange her, daß ich ihn so... ausgelassen erlebt habe. Dann blickte ich auf den Gegenstand, der auf seiner Handfläche lag. Er würde es wirklich tun. Er würde Louise heiraten. "Wie er *mir* gefällt, Athos? Du fragst die falsche Person." Ich konnte nicht widerstehen, mußte ihn herausfordern. Doch ging er nicht auf meine Stichelei ein. "Planchet sei dank, konnten wir den Verkäufer noch um etliche Livres herunterhandeln." Er fuhr mit der Hand durch sein Haar. "Planchet konnte es. Mein Beitrag zu der ganzen Aktion war es, den Preis durch meine Faszination für das Stück heraufzutreiben - wie Planchet es ausdrückte." Die Tatsache allein, daß er eingewilligt hatte, meinen Diener Planchet mitzunehmen, war ein deutliches Anzeichen für seine außergewöhnliche Stimmung. "Ich hoffe, er hatte den Anstand, diese Weisheit nicht laut auf der Straße zu verkünden." "Hatte er. Und er war mit mir vollkommen einverstanden, als ich ihm in deinem Namen für den Rest des Tages freigab. Und einige Silberstücke aus meiner Börse." Er betrachtete den Ring eingehend. "Louise wird ihn lieben, Athos. Sei unbesorgt." Athos sah mich an und sein Ausdruck wurde ernst. Mir wurde klar, daß er die leise Bitternis in meinem Ton wohl bemerkt hatte. "Verzeih mir, mein Freund. Über mein Glück vergaß ich, wie du--" Bevor er den Satz beenden konnte, stand ich auf und hob die Hand. "Nein, Athos, du hast nichts zu verzeihen. Dein Glück-- Euer Glück macht mich froh. Du hast es verdient." Als meine Worte keinen Effekt hatten, fihr ich fort. "Wann wirst du sie fragen?" Immer noch war seine Miene ernst. "Morgen ist Louise' Geburtstag. Sobald mein Dienst beendet ist, werde ich zu ihr reiten." "Nein, Athos, ich übernehme deinen Dienst." Ich rechnete mit seinem Gegenangebot, doch es ließ auf sich warten. "Dann werde ich dich heute nacht vertreten." Etwas stimmte nicht. "Athos? Was ist geschehen? War Planchet unverschämt oder hat er--" "Dies hat nichts mit Planchet zu tun, D'Artagnan. Nur mit dir. Ich möchte, daß du ihr sagst, daß es vorbei ist, wenn du sie heute nacht triffst." Es überraschte mich nicht, daß Athos es wußte. Er kannte mich zu gut, vielleicht besser als ich mich selbst. Ich konnte ihn nicht täuschen. Aber ich konnte versuchen, ihn zu belügen. "Athos, ich habe es mir oft selbst gesagt, daß es enden muß. Aber es geht nicht nur um mich. Anne braucht mich." "Nein, D'Artagnan. Damit betrügst du dich nur selbst. Sie ist die Königin von Frankreich. Es ist nicht dein Platz, ihr etwas zu geben, was sie nicht braucht." Er griff meine Schulter, ein Griff, der mir mehr als nur körperliche Schmerzen bereitete. "Sie ist die Königin von Frankreich. Ihr Privatleben ist Politik. Du bist kein Höfling. Ihr werdet dieses Spiel verlieren. Beende es, bevor der Einsatz zu hoch wird. Für uns alle." Er verdiente es, daß ich seinem Blick begegnete. "Du selbst bist aus enttäuschter Liebe fast zum Mörder geworden. In deinem Herzen hast du diese Tat sogar begangen." "Ich hatte damals keinen Freund, D'Artagnan. Heute nacht muß es enden." Damit ließ er mich stehen, beraubte mich jeder Gelegenheit, mit ihm zu streiten. Vielleicht war es gut so, denn diese Auseinandersetzung hätte Athos niemals verloren.
***
Rote Rosen. Ich hätte kaum ein unpassenderes Geschenk zum Abschied wählen können. Anne liebte rote Rosen. Und so sprach der Strauß in meinen Händen eine deutlichere Sprache als meine gestammelten Worte, mit denen ich halbherzig versuchte, meiner Pflicht als Freund und loyaler Soldat Genüge zu tun. Ihr Kuß brachte mich zum Schweigen. Hier in ihrer Kapelle, in der sie allabendlich für mehrere Stunden zu beten und meditieren pflegte, träumten wir uns in eine sichere Zufluchtsstätte, in der nichts zählte als unsere Liebe. Ich hielt es für Liebe und hoffte, sie tat es auch. Leidenschaft war es ohne Zweifel, und eine Berührung von mir ließ ihren Körper erzittern, ein Blick von ihr zwang mich auf die Knie. Letztlich war sie eine Königin. Meine Königin der Nacht. Der Narr in mir lachte über den König, meinen Herrn, der ihre Liebe verschmähte, der ihre Schönheit nicht erkannte. Im nächsten Moment kniete sie mir gegenüber. Ich griff nach dem Strauß, den ich hatte zu Boden fallen lassen, und zog eine einzelne Blume aus dem Bund. Ich reichte sie Anne, sie umfaßte meine Hand mit den ihren, sog begierig den Duft ein. "D'Artagnan, im Geiste schrieb ich dir heute Dutzende Liebesbezeugungen. Doch nun bist du hier und ich kann dir zeigen, wie sehr ich mich nach dir verzehre, wie sehr ich dein bin." Ich nickte wortlos. So sollte es sein. Egal, wer wir waren, wem wir dienten, der heutige Tag stand unter der Herrschaft der Liebe. Ich fühlte mich wie ein Rebell, der einen Weg gefunden hatte, seinen übermächtigen Gegner zu besiegen. Meine Lippen fanden die ihren, ihr Mund öffnete sich und gewährte mit den ersehnten Zutritt. Ich ließ die Rose los, faßte ihren Hals und streichelte ihn, während ich ihre Süße auskostete und versuchte, ihren Quell zu erforschen. Meine Finger ertasteten eine Kette und folgten dieser entlang, bis sie auf den Anhänger trafen, spielten damit. Bis Anne meine Hand griff und festhielt. Sie löste unseren Kuß. "Was?" keuchte ich atemlos. "Ich hatte noch keine Gelegenheit, sie abzunehmen." Anne löste die Kette, betrachtete den goldenen Anhänger in Form einer Sonne. "Die Valentinsgabe meines Königs." Etwas gefror in mir. *Meines Königs.* "D'Artagnan, Lieber, dies ist nichts. Er hat sie nicht einmal selbst ausgewählt." Ihre Augen flehten mich an, und ich begriff, daß die Worte, die mich so getroffen hatten, keinen Respekt hatten ausdrücken sollten, sondern lediglich Verachtung. Sie warf die Kette fort. "Dies ist nichts. Du bist alles." In der Sekunde, in der ihre Hand meine Wange liebkoste, wurde mir klar, daß dies die Nacht war, in der alles begann.
* * * * *
Ich weiß, es war ein Traum, der sich bald zum Alptraum wandelte. Ein paar Monate später endete unser Balanceakt zwischen Wunder und Wahnsinn. Anne war schwanger. Ich hatte den Thronerben Frankreichs gezeugt. Athos hatte sich geirrt, grausam geirrt. Ich hatte Anne etwas gegeben, was sie brauchte, doch dies zerstörte unser bißchen Glück. Wann immer ich das Gefühl des Verlustes nicht mehr ertragen konnte, ging ich in die Kapelle, und legte dort eine Rose nieder. Natürlich nur dann, wenn ich sicher war, daß Anne nicht dort war.
So auch am Tag des Festes. Nach dem Attentat auf Louis suchte Anne mich auf, um mir für die Rettung ihres Sohnes zu danken. Sie sagte noch mehr, mit Worten und mit ihren Augen, doch so wohl mir ihre Sorge tat, so wenig durfte ich dem Verlangen nachgeben. Louis war jetzt wichtiger, Athos und Raoul waren wichtiger. Ich klammerte mich an mein Pflichtbewußtsein und meine Loyalität, als wollte ich so wiedergutmachen, daß ich vor über zwanzig Jahren viele Leben leichtsinnig aufs Spiel gesetzt hatte. Pflichtbewußtsein und Loyalität vermochten nichts gegen die Liebe und den Zorn eines Königs, nichts gegen die Verzweiflung eines Vaters. Raoul starb durch die Kanonen in der Schlacht, aber Athos hatte allen Lebenswillen verloren, der ihn dazu gebracht hätte, sich an diese Lüge zu klammern und so sein eigene Existenz zu bewahren. Er wußte, er konnte Louis nicht töten für diesen Verrat und Mord an seinem Sohn, doch er konnte sich selbst töten und dafür sorgen, daß sein Blut an meinen Händen klebt. Es demütigte ihn, daß ich ihn nur überwältigte und wieder freiließ. Und bei dem Treffen mit Aramis und Porthos in den Katakomben machte ich ihm klar, wo meine Loyalität liegt. Ich werde meinen Eid gegenüber Louis nicht brechen, da ich meinen Sohn zu sehr liebe und da das Unglück, das ich mit diesem König über das Land gebracht hatte, nie gutzumachen ist. Wenn ich Athos hätte sagen können, was Louis mir wirklich ist, vielleicht hätte er verstanden. Vielleicht hätte er mich auf der Stelle erschlagen.
Welch ein Irrsinn! Ich hoffe gegen besseres Wissen, Louis noch ändern zu können, nur um eine Fassade der Ehre zu erhalten, damit meine Schuld vor der Welt verborgen bleibt. Vor der Welt und mehr noch vor meinen Freunden. Der Preis für die Liebe ist hoch, sagt man, doch meine Liebe fordert mehr, als ich geben kann. Andere müssen für meine Torheit büßen. Heute werde ich wieder die Kapelle aufsuchen. Mir ist klar, daß dies die Nacht ist, in der alles endet. Diesmal wird es eine schwarze Rose sein.
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