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Innere Werte© by Birgitt ()
*Wir befinden uns im Jahre 2003 n.Chr. Ganz Hamburg ist von trauter Ein-, Zwei- und Mehrsamkeit erfüllt... Ganz Hamburg? Nein! Ein von unbeugsamen Männern bewohntes Haus hört nicht auf, dem Seelenfrieden Widerstand zu leisten...*
"Guido!" Seufzend lege ich den Asterix zur Seite. Das klingt nicht gut. Das klingt ganz und gar nicht gut. Eher wie ein Fluch als liebevolle und zärtliche Anrede. Aber eigentlich habe ich ja nichts anderes erwartet. Wenn Wolfgang eines nicht ausstehen kann, sind es innovative Änderungen in *seinem* Haushalt. Und früher oder später mußte er es ja entdecken. Mir wäre später lieber gewesen. Es bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder eile ich an den Ort der vermeintlichen Katastrophe oder ich warte und harre der Dinge, die da kommen mögen. Irgend etwas - wahrscheinlich mein, wenn auch nur rudimentär vorhandener, Überlebensinstinkt - sagt mir, daß ich da, wo ich mich gerade befinde, ganz gut aufgehoben bin. Langsam zähle ich von zweiundvierzig abwärts. Wenn dies laut Mr. Adams die Antwort auf alles ist, warum sollte ich nach anderen Strategien suchen? Weit komme ich allerdings nicht. "Guido! Komm auf der Stelle in den Keller!" Seltsam, wie schnell sich gute Ideen in einen Alptraum verwandeln können. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Vor einigen Tagen hat Wolfgang etwas Ähnliches gerufen. Ich habe allerdings meine Zweifel, daß es diesmal um ausgefallene Sexualpraktiken geht. Sein Tonfall ist eindeutig ein anderer. Nun, wenn er glaubt, er könne mich auch zu Hause kommandieren, hat er sich geschnitten. "Guido!" *Jetzt* klingt er wirklich sauer. Überzeugt, daß der Brüllaffe das fehlende Glied in der Evolutionskette ist, überschlage ich mich beinahe, die Treppe hinunter in die Kellerräume zu kommen. Leider habe ich eine ziemliche gute Vorstellung davon, wo genau Wolfgang sich im Moment befindet. Ich trete durch die zweite Tür und stehe Wolfgang gegenüber. Er hört sich nicht nur wütend an, er sieht auch wütend aus. Wirres Haar, gerötetes Gesicht, geballte Hände. Das volle Programm. Das mit dem Brüllaffen erwähne ich besser nicht. Auch wenn es schwer fällt. "Sag mal, hast du zusätzlich zu deinem Verstand auch noch dein Hörvermögen eingebüßt?" Das ging eindeutig zu weit. Wider besseres Wissen nehme ich den verbalen Kampf auf. "Schön wäre es. Seitdem du Dieter Bohlen zu deinem ganz persönlichen Superstar erkoren hast, den ganzen Tag Modern Talking im CD-Player liegen hast und Samstag für Samstag die RTL-Hotline terrorisierst, weil du dich beschwerst, daß man die Jury nicht wählen kann, würde ich was drum geben, wenn ich nicht nur taub, sondern auch--" "DAS Thema ist durch, Guido!" Wolfgang deutete hinter sich. "DIESES nicht!" "Was genau meinst du jetzt?" Nicht, daß ich es nicht genau weiß. An der Wand, wo normalerweise ein paar Kästen Getränke stehen, blitzt und blinkt in Rot-weiß ein Getränkeautomat. Sieht eindrucksvoll aus. Nun, oben würde sich das Prachtstück noch viel besser machen. Und es wäre weitaus bequemer. Sich vorzustellen, für jede Cola in den Keller zu müssen! Wenn wir im Wohnzimmer die Musiktruhe ganz in die Ecke rücken und diese scheußliche Stehlampe von Tante Sofie endlich zum Sperrmüll geben-- "Was ich meine? Was ich meine? Guido, was zum Teufel ist das?" "Ein Schnäppchen." Nicht schlecht. Ich klinge absolut ruhig. Langsam sinkt Wolfgangs Kinnlade abwärts. Sicherheitshalber trete ich ein paar Schritte zurück. Vielleicht sollte ich bei Wolfgangs Mutter Asyl suchen. Bei meiner eigenen habe ich keine Chance. Die kennt mich zu lange und zu gut. Außerdem steckt sie mit Wolfgang unter einer Decke. Bildlich gesprochen. Wolfgang schließt seinen Mund, langsam. Ich bekomme das Gefühl, in einem Traum zu stecken. Er dreht sich um und steuert auf den Automaten zu. "Das-" Er tippt daran. "ist-" Er tippt nochmal. "ein-" Er preßt beide Handflächen auf die Oberfläche. "Schnäppchen?" Er drückt voller Kraft mit der Schulter dagegen. Der Automat ist wenig beeindruckt. Ich schon mehr. Wenn er eine Delle reinmacht... "Wie du weißt, kann das Aussehen täuschen, Wolfgang." Hoffentlich hört er das Zittern in meiner Stimme nicht. Er läßt von dem Automaten ab und kommt mit schnellen Schritten auf mich zu. Ich weiche nochmals zurück, bis ich nicht mehr weiter kann. Ich hasse es, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Meistens jedenfalls. Es gibt da ein paar Stellungen, die ich durchaus zu genießen-- "Und ob ich das weiß! Wenn man dich so sieht, könnte man dich für einen mental gesunden und kultivierten Menschen halten." Ich hoffe, Wolfgang stemmt sich nicht auch gegen mich. Nicht, daß ich etwas gegen körperliche Nähe habe, schon gar nicht, wenn es Wolfgang ist, der mir nahe kommt, aber unter diesen Umständen ziehe ich eine gesunde Distanz vor. Mit der Betonung auf *gesund*. "Wie kommt dieses Monstrum in unseren Keller?" Hartnäckig ist er, das muß man ihm lassen. Ich verfluche mich dafür, daß ich so feige gewesen bin und ihm nicht von vornherein reinen Wein eingeschenkt habe. Schließlich konnte ich kaum damit rechnen, daß er das Teil nicht bemerkt. *Unseren Keller*, hat er gesagt. Doch ich weiß, er meint *meinen Keller*. "Genau. Unser Keller. Deiner und meiner. Auch ich habe Rechte. Bedürfnisse." Wolfgang lacht mir humorlos ins Gesicht. "Das Teil da ist ein Bedürfnis? Ich stelle fest, ich kenne dich nicht!" "Offenbar. Denn sonst wüßtest du, daß ich mir so etwas schon immer gewünscht habe. Seit ich ein kleiner Junge war. Nenne es bescheuert, aber ändern kannst du es nicht. Ich habe es gesehen und ich habe es gekauft. Ich dachte, du freust dich." Eine glatte Lüge. Ich habe in dem Moment gewußt, daß ich in Schwierigkeiten bin, als ich den Scheck unterschrieben habe. "Ich habe ihn Manfred vom 'Alsterwässerchen' abgekauft. Der wollte es nämlich loswerden; das mit dem Dosenpfand war ihm zu kompliziert." So formuliert hört es sich sogar an, als hätte ich ein gutes Werk getan. "Bestimmt hätte der Großhandel das Teil zurückgenommen." Der Mann nimmt mir alle Illusionen. "Aber ich wollte es! Endlich habe ich... haben wir den Platz für so etwas. Solche Kleinigkeiten machen doch den Unterschied aus zwischen dem eigenen Haus und einer Mietwohnung." "Kleinigkeiten." In Wolfgangs Gesicht beginnt es zu zucken. Ich bin mir nicht sicher, was der Grund dafür ist. Bei Wolfgang bin ich mir nie ganz sicher, ob er mich im nächsten Moment küssen oder erwürgen wird, wenn ich ihm eine meiner Überraschungen präsentiere. Warum ich immer wieder die schlechtere der beiden Alternativen riskiere, ist mir offen gestanden ein Rätsel. Lebensmüde bin ich nie gewesen. In der Stille zwischen uns ist das leise Brummen des Automaten zu hören. Ich mag das Geräusch, es ist irgendwie beruhigend. Ich muß mich zusammenreißen, daß ich nicht meine Hand auf die Oberfläche legen, um das sanfte Brummen fühlen zu können. *Bernstein, du bist verrückt!* "Du bist so ein genial verrückter Typ, weißt du das?" Ein Grinsen breitet sich auf Wolfgangs Gesicht aus, eines, dem ich noch nie habe widerstehen können. Ich grinse zurück, erleichtert, daß die Krise überstanden ist. "Klar, weiß ich. Deshalb liebst du mich ja!" "Ey, spiel' nicht mit dem Feuer!" Wolfgang geht zurück zu dem Automaten, besieht ihn sich von allen begehbaren Seiten. "Trotzdem würde mich interessieren, wie du das hier rein geschafft hast. Das muß doch Tonnen wiegen!" "Gib mir einen festen Punkt und ich bewege die Welt." "Bernstein!" Sein Ton ist wieder drohend, aber jetzt spielt er. Mit mir. "Nööö. Archimedes." Und ich mit ihm. Wolfgang holt zu einem Kinnhaken aus. Ich mache mir nicht mal die Mühe, den Kopf zu wenden. "Spielverderber. Du bist trotzdem verrückt. Wir hatten uns geeinigt, daß wir in den nächsten Monaten sparen, bis wir aus dem Gröbsten raus sind. Bei den Kosten für das Haus ist jede Ausgabe außer der Reihe reiner Irrsinn." Er hat recht, natürlich hat er recht. "Ich gehe beim Chef putzen. Ich mähe bei den Nachbarn den Rasen. Ich halte meine große Klappe, bis du endlich deine Beförderung hast. Ich esse mein Brot trocken - alles, nur laß es uns behalten." Wolfgang schüttelt den Kopf, und ich setze nach, setze alles auf diese meine letzte Trumpfkarte. "Wir können es nicht wieder abgeben. Es hat schon einen Namen." "Ich weiß, ich sollte nicht fragen--" "Destille!", rufe ich, bevor er den Satz beenden kann. Wolfgang liebt Hawkeye und ich Trapper. "Sobald die jugendfreien Dosen raus sind, werden wir diese Schatztruhe angemessen auffüllen. Natürlich erst, wenn unsere Finanzen mitspielen." Wolfgang legt den Kopf schief, läßt dann seinen Blick zwischen mir und dem Automaten hin und her wandern. "Das Teil ist noch voll?" *Strike!* "Bis an den Rand. Probier's mal aus!" *Go, Wolfgang, go!* Ohne zu zögern drückt Wolfgang auf Cherry-Cola. Was soll man von einem Bohlenfan auch sonst erwarten! Und mich nennt er verrückt. Ich gebe offen zu, ich habe auf eine andere Sorte gehofft. Wolfgang bleibt mein Favorit für den Cola-Light-Mann. "Sie ist kaputt." Er hört sich enttäuscht an, und er sieht auch enttäuscht aus. Aber er hat *sie* gesagt! Innerlich reibe ich mir bereits die Hände, außen bleibe ich ganz cool. Wäre ich ein Poet, würde ich eine Metapher bemühen, die mich mit dem Automaten vergleicht. Okay, vergessen wir das mit der Metapher. Aber wir sind auf dem besten Weg, daß Wolfgang den neuen Hausgenossen akzeptiert. "Du mußt sie nur bestechen. Na los! Du als Bulle solltest wissen, was die Welt sich drehen läßt." Er fingert in den Taschen seiner Jeans nach Kleingeld und schmeißt es ein, drückt noch einmal den Knopf, und die Dose knallt in den Ausgabeschlitz. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist alles Geld wert, das ich für das Teil hingeblättert habe. Und all die Mühe, die es Manfred und mich gekostet hat, es hierher zu schaffen. "Voilà", bemerke ich triumphierend, als sei ich der Schöpfer dieser Konstruktion. "Wie du die Sorte allerdings runter bekommst, ist mir schleierhaft." Wolfgang strahlt wie ein Werbespot. "Süss und doch gesund." "Dann nimm zwei!" "Meinst du?" Das Kind im Manne ist geweckt - funktioniert immer. Habe ich mir Sorgen gemacht? Nicht wirklich. Ehrlich nicht! "Klar. Ist doch schließlich dein Mammon!" Und ich habe den Schlüssel zum Geldfach... "Und du hast den Schlüssel zum Geldfach!" Schlaues Kerlchen. "Wenn du dein Okay gibst, daß wir die Destille nach oben schaffen, machen wir halbe-halbe." Er ist offensichtlich geschockt. Wolfgang ist das Gewissen unseres Duos. Ehrlich und gerecht. Voller Grundsätze und Moral. Korrekt. Unbestechlich. So gar nicht mein Typ. "Du würdest unsere Freunde und Verwandten ausnehmen?" Ist das nicht grauenhaft? Aber er ist auch Pragmatiker und skrupellos ist mein zweiter Vorname. "Ach, die hätten ihren Spaß. Event-Gastronomie." Er sieht zum Anknabbern aus, wenn er nachdenkt. "Glaubst du, du könntest noch einen Snackautomaten organisieren?" Und er ist unwiderstehlich, wenn er zu den richtigen Schlüssen kommt.
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