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Rosen für Mrs. Watson© by Lady Charena (), Februar 2003
Dieser Tag hatte nicht gut begonnen.
Um genau zu sein, der Abend zuvor war bereits nicht nach meinem Gefallen verlaufen. Mary hatte sich sorgenvoll darüber geäußert, dass ich zu viel arbeiten würde. Ich will nicht leugnen, dass sie recht hat. Denn offen gestanden hatte ich mich finanziell übernommen. Meine nicht gerade üppige Armeerente hatte völlig ausgereicht, solange ich mit Holmes eine Wohnung teilte, die Miete, die Mrs. Hudson verlangte, war nur gering und ich hatte durch das Entgelt für meine Veröffentlichungen im Strand-Magazine ein kleines Zubrot. Zwar bezahlte ich häufig Holmes' Rechnungen, da dieser nicht das geringste Interesse daran zeigte, doch wurde dies von Mycroft Holmes, der als älterer Bruder das Familienvermögen verwaltet, stets großzügig ausgeglichen. Doch nun als respektabler Ehemann und Arzt sah ich mich der Doppelbelastung, eine Praxis und einen Haushalt zu unterhalten, ausgesetzt. So klein beides auch war, so benötigte ich doch in der Praxis eine Krankenschwester als Hilfe und um die Ordination zu führen und einen Burschen, der die Patienten einließ, Botengänge erledigte und Rezepte, Medikamente oder Rechnungen austrug. Um Marys Gesundheit stand es nicht immer zum allerbesten und außerdem missfiel es mir, sie den ganzen Tag allein Zuhause zu wissen, so dass wir ein Hausmädchen eingestellt hatten. Nun war es in London zur Zeit nicht leicht, von ehrlicher Hände Arbeit zu leben, was ich als Arzt auch zu spüren bekam. Meine Patienten bezahlten nur sehr spät, nur sehr wenig oder überhaupt nicht. Dazu kam, dass in England - in London und Umgebung im Speziellen - eine regelrechte Ärzteschwemme auftrat. Unfern meiner Praxis, in der Harley-Street, war es bereits soweit gekommen, dass sich eine Arztpraxis an die nächste anschloss und man kein anderes Geschäft dort finden konnte. Um nun leben zu können, versuchte ich die geringen Einnahmen durch eine größere Patientenzahl auszugleichen, was bedeutete, dass ich Praxisvertretungen annahm, ganz zu schweigen von den miserabel bezahlten Nachtdiensten.
Auch in dieser Nacht wurde ich dreimal aus meinem warmen Bett geholt - das erste Mal zu einem Unfall, das zweite Mal zu einem kranken Kind und schließlich das dritte Mal (um fünf Uhr morgens) zu einem alten Mann, der sich eine Lungenentzündung zugezogen hatte und nun über heftige Atembeschwerden klagte. Seine Familie war zu arm, um ihn ins Krankenhaus zu bringen und die staatliche Gesundheitsfürsorge hatte meinen Antrag auf eine Unterstützung noch nicht beantwortet. Als ich bei der Familie ankam, war der alte Mann bereits tot und mir blieb nicht mehr zu tun, als den Totenschein auszustellen. Meine Rechnung über die Behandlung und die Medikamente schrieb ich erst gar nicht aus - selbst ein Armengrab würde mehr kosten, als die Familie aufbringen konnte - mit einer Bezahlung der Arztkosten war nicht zu rechnen.
Müde kehrte ich gegen sechs Uhr in mein Heim zurück. Das Hausmädchen öffnete mir und ich trug ihr auf, mir ein Frühstück zu bereiten. Ich war sehr müde, doch ich wusste, ich würde nicht schlafen können und sah auch keinen Sinn darin, mich schlaflos im Bett zu wälzen und Mary zu wecken, die ihren Schlaf so dringend benötigte.
Während des Frühstücks blätterte ich ohne großes Interesse in den Morgenzeitungen, die mir das Mädchen gebrachte hatte. Ich überflog die Seiten nur nachlässig, bis mir eine Notiz ins Auge stach. Sie beschäftigte sich mit dem Leben und Tod eines Heiligen Valentin, der tausend Jahre zuvor heimlich liebende Paare zu Eheleuten getraut und mit Blumen beschenkt hatte. Dafür war er am 14. Februar hingerichtet worden. Seither galt er als eine Art Schutzheiliger der Liebenden. Mancherorts schenkten sich Paare an diesem Tag Blumen, um ihrer Verbundenheit Ausdruck zu verleihen. Diese Vorstellung appellierte an mein romantisches Wesen, wenn auch der Zustand meiner Börse von ihrer Verwirklichung abriet. Oder vielleicht doch nicht?
Ich hatte ein wenig Geld zur Seite gelegt um Mary zu ihrem Geburtstag ein Umschlagtuch aus französischer Spitze kaufen zu können. Einen Teil davon würde ich verwenden, um ihr jetzt ein Geschenk zu kaufen.
Als ich mein Frühstück beendet hatte, machte ich mich auf den Weg in meine Praxis - nicht ohne vorher noch einen Blick auf Mary zu werfen und mich zu versichern, dass sie schlief und dem Dienstmädchen einzuschärfen, jede Störung von ihrer Herrin fernzuhalten. Die Krankenschwester, die meine Ordination führte, wirkte erstaunt, als ich sie um das Ordinationsbuch bat. Die Termine zu vereinbaren und zu führen oblag normalerweise ihrer Verantwortung allein. Ich nahm es mit in mein Behandlungszimmer und betrachtete nachdenklich die Auflistung an Patienten, die unter dem Datum des Vierzehnten eingetragen waren. Mrs. Hoskins brachte ihre fünf Kinder auf Anordnung des Gesundheitsamtes zum Impfen gegen Masern - was ihr fünf Shilling und mir nur zwei einbrachte. Mr. Enderbly kam zur Behandlung eines Furunkels am Rücken. Mrs. Allen Taylor klagte über Schmerzen in ihrem gebrochenen Arm. Mrs. Lilith hatte ihre einjährigen Zwillinge wegen Kopfkrätze angemeldet. Die kleine Margaret-Rose Thompson kam mit ihrer Mutter vorbei, sie hatte gerade eine schwere Grippe überstanden. Bei Miss Ariane Kavit stand eine Blutuntersuchung zur Feststellung einer Schwangerschaft an. Mr. Tylor (Nathan) litt unter ständiger Atemnot, die davon verursacht wurde, dass er in einem Kohlenlager arbeitete und dort den ganzen Tag Staub einatmete. Miss Gabriel-Delore hatte keinen Grund angegeben, warum sie einen Arzt konsultieren wollte. Der alte Bert Haggert litt unter Rheuma, das er sich bei der Arbeit in den Docks zugezogen hatte... So ging es weiter. Die Hausbesuche hatte die Schwester auf einem separaten Blatt Papier notiert, damit ich es in meine Tasche legen konnte, wenn ich die Praxis verließ.
Ich verspürte eine heftige Unlust, die mit meiner Verantwortung für die Patienten kämpfte. Dieser Tag wäre eine wunderbare Gelegenheit gewesen, Mary zu zeigen, was ich für sie empfinde, ihr etwas Zeit zu widmen. Aber konnte ich es mir leisten - menschlich und finanziell gesehen - all diese Menschen, die meine Hilfe suchten, abzulehnen? Um den Preis, Mary zu vernachlässigen... Vielleicht gab es ja eine Lösung für beide Probleme.
Plötzlich hielt ich eines der schmalen Skalpelle in der Hand, die ich benutzte, um Verbände zu öffnen und ertappte mich selbst dabei, wie ich lächelte, als ich die Seite mit den Terminen des Vierzehnten aus dem Buch trennte. Dann brachte ich das Ordinationsbuch der Schwester zurück und wies sie an, einen der jungen Ärzte, die von Vertretungsdiensten lebten, ausfindig zu machen und in die Praxis zu rufen. Dann gab ich dem Botenjungen zehn Shilling und wies ihn an, den prachtvollsten Rosenstrauß zu erwerben, denn er für diesen Betrag erhalten würde.
* * *
Mary frühstückte im Bett, als ich nach Hause kam. Sie errötete vor Freude, als ich ihr den Rosenstrauß überreichte und ich konnte mich an ihrem strahlenden Lächeln kaum satt sehen. Dann gab ich ihr den Bogen Papier aus dem Ordinationsbuch. Alle Namen auf der Seite waren durchgestrichen, dafür hatte ich quer über die Seite 'Mary' geschrieben.
"Was hat das zu bedeuten, John?", fragte sie mit gerunzelter Stirn. Ich setzte mich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, um die Runzeln zu glätten. "Dass ich dir diesen Tag schenken möchte, Mary, Liebste."
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