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Vari und Numa
Teil 1
Teil 2
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Teil 4
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Teil 9
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Teil 11
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Teil 14
 
 

Vari und Numa

Teil 1
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 

P R O L O G

 

Tybrang sprang auf, stürzte aus seinem Quartier und rannte den Gang entlang. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, die langsame Grundform zu verlassen und in die Zahnluum zu gehen, unterdrückte den Impuls jedoch, als er nur mit Mühe einer größeren Gruppe ausweichen konnte, die ihm entgegenkam. Es herrschte ohnehin genug Chaos um ihn her.

Im nächsten Gang geriet er in einen regelrechten Pulk, und während er sich einen Weg durch das Gedränge bahnte, glaubte er bereits den ersten Rauchgeruch wahrzunehmen. Rings um ihn erklang das Gewirr erschrockener Stimmen, in einiger Entfernung schrie jemand, und über allem lag der markerschütternde Ton der Alarmsirenen.

Kurz darauf hatte er das Gewühl hinter sich gelassen, und nun endlich war es ihm möglich, Tempo zu entwickeln. Mit raumgreifenden Schritten rannte er seinem Ziel zu, als ihn plötzlich das Gesicht eines Entgegenkommenden stutzen ließ. Dann erkannte er weitere Details der Szene und plötzlich wußte er, daß hinter der nächsten Biegung die kampfbereite Aryshtin stand, die sich leicht umwenden würde, um ihm einen kurzen Blick zuzuwerfen. Dann würde sie sich erneut auf die Geräusche konzentrieren, die den Gang heraufkamen.

"Hör auf!" fuhr ihm durch den Kopf. "Du träumst!"

Im nächsten Moment schoß er auf seinem Lager hoch und starrte in vertrautes Dunkel. Ein paarmal atmete er tief durch, dann lehnte er sich an die kalte Wand und wartete, bis sich sein Herzschlag beruhigt hatte.

Er wußte aus Erfahrung, daß es keinen Sinn hatte, sich sofort wieder auszustrecken und auf Schlaf zu warten, daher erhob er sich und tastete sich routiniert an der Wand des Stollens entlang. Bereits nach zwei Biegungen schimmerte ihm das erste Licht des Wachfeuers entgegen.

Kurz darauf langte er bei Raiji und Zelar an, die ihm zunickten und es kommentarlos zur Kenntnis nahmen, daß er in den Lagergang einbog, wenig später mit einem ihrer kostbaren Talglichter zurückkam und es in Brand setzte. Dann kehrte er zu seinem Schlafbereich zurück.

Dort angekommen, griff er zu seinem kleinen Pergamentvorrat, kniete vor der Schieferplatte nieder, die ihm als Schreibtisch diente und begann zu schreiben.

 

Clanführer Tybrang, im Jahr der Neugründung des Clans, am einhundertundsiebzehnten Tag.

 

Die Einrichtung des Habitates macht weiter Fortschritte. Versuche mit getrockneten Fleischstreifen haben gezeigt, daß sich allem Anschein nach das Tote Ende als Vorratslager eignet. Wir werden nun damit beginnen, nach unseren Möglichkeiten Lebensmittel haltbar zu machen und dorthin zu schaffen. Zwar ist es schade, daß wir noch immer kein Salz gefunden haben, doch ich bin zuversichtlich, daß es uns gelingen wird, den Winter zu überstehen, selbst wenn das Wild teilweise oder sogar ganz abwandern sollte.

Wir haben angefangen, das Habitat durch Felle abzuteilen, was den Aufenthalt in seinem Inneren wesentlich angenehmer macht. Tatsächlich ist inzwischen kaum noch etwas von der bisher allgegenwärtigen leichten Zugluft zu spüren. Es ist ohnehin nur nötig, einen verschwindend kleinen Teil der Stollen einzurichten, so wenige, wie wir sind.

Natürlich ist es nicht leicht für den Clan, sich an diese Behausung zu gewöhnen. Rhazaghaner sollten nicht wie Kralips leben müssen. Dennoch sind wir froh und dankbar, daß wir es bis zu diesem Ort geschafft haben und hoffen, hier vor einer Entdeckung sicher zu sein. Vielleicht gestattet uns das neue Clangebiet eine bescheidene Zukunft. Zumindest ist es in der Lage, uns zu ernähren. Allmählich beginnen sogar die ersten von uns, wieder wirkliche Freude an der Jagd zu entwickeln.

 

Tybrang hielt im Schreiben inne. Es war naheliegend, an Tarkin zu denken, und die Erinnerung schnürte ihm die Kehle zu. Es gab nichts, was ihm das Gefühl nehmen konnte, sich wie ein Verräter verhalten zu haben. Manchmal fragte er sich ernsthaft, ob er sich selbst irgendwann würde verzeihen können.

Tarkin! Eine Welle des Kummers stieg in ihm auf. Tarkin, Nirrit, Aslari und die anderen; es war schwer, an sie alle zurückzudenken.

Er seufzte und versuchte, sich erneut auf seine Chronik zu konzentrieren, mußte jedoch feststellen, daß der Beerensaft in dem hohlen, angespitzten Ästchen, das ihm als Schreibgerät diente, begonnen hatte zu trocknen. Vielleicht hatte auch ein Fruchthäutchen oder irgendwelche Schmutzpartikel die Öffnung verstopft. Ihre Methode, die schwarzrote Flüssigkeit durch Sand hindurch zu filtern, mußte eventuell noch etwas verbessert werden.

Er blies das Röhrchen mehrmals kräftig durch und tauchte es erneut ein. Danach bereitete der Tintenfluß keine Schwierigkeiten mehr und Tybrang nahm seinen Bericht wieder auf.

 

Zwar läßt nichts darauf schließen, daß unsere Spur entdeckt wurde, doch wir erforschen unsere neue Umgebung nur mit Vorsicht. Bisher jagen wir ausschließlich in kleinen Trupps und vermeiden alles, was Aufmerksamkeit erregen könnte. Außerdem scheint es mir ratsam, den nächtlichen Wachdienst bis auf weiteres aufrecht zu erhalten.

Sorgen bereitet uns nach wie vor die ärztliche Versorgung. Jeden Tag sind die Sachkundigeren von uns in der Zahnluum unterwegs und untersuchen das Gebiet auf medizinisch wirksame Pflanzen, dabei konnten bereits erste Erfolge verzeichnet werden. Entdeckt wurden unter anderem ein Pilz und eine Alge, die jeweils fiebersenkende Substanzen enthalten, ein schleimlösendes Mittel in einer Grasart, und, was besonders erfreulich ist, Baumrinde mit einem Antiseptikum. Bedauerlich ist allerdings, daß sich kein Arzt unter uns befindet, und obwohl wir versuchen, unsere Kenntnisse so gut es geht zu ergänzen, wird es wahrscheinlich Jahrhunderte dauern, bis das Wissen des Clans wieder seinen alten Stand erreicht hat.

 

An dieser Stelle legte Tybrang sein Schreibhölzchen beiseite und gab den letzten Schriftzeichen Gelegenheit zu trocknen. Dann öffnete er das Fellbündel mit den früheren Berichten und fügte die neue Seite hinzu, um daraufhin das Päckchen sorgsam wieder zu verschnüren. Erst dann kehrte er zu seiner Schlafstätte zurück, hüllte sich in mehrere Felle und sank nach einer gewissen Zeit des Nachdenkens erneut in Schlaf.

 

 

V A R I

 

 
1.
Starbase One, dreihundertundsiebenundvierzig Standardtage zuvor

 

Als Nicola Pittoni einen Blick in den Raum warf, erkannte sie die neue Adjutantin des Admirals, die gerade mit dem Sortieren verschiedener Unterlagen beschäftigt war. Dennoch bemerkte die Frau sie fast augenblicklich und warf ihr einen freundlichen Blick zu.

"Kann ich Ihnen helfen?"

"Pittoni ist mein Name. Ich hatte einen Termin beim Admiral. Bin ich zu früh?"

Das Lächeln der Adjutantin verstärkte sich.

"Keineswegs, Captain! Er ist gerade eingetroffen. Gehen Sie einfach durch, er erwartet Sie bereits!"

Gleich darauf blieb Pittoni höflich in der Tür zu dem Raum stehen, wo Admiral Lacasse lesend an seinem Schreibtisch saß. Noch bevor sie sich bemerkbar machen konnte, hob der Admiral den Kopf.

"Guten Morgen, Captain Pittoni! Kommen Sie nur herein und nehmen Sie Platz!"

Während sie der Aufforderung nachkam, warf ihr Vorgesetzter ihr einen prüfenden Blick zu.

"Ich freue mich, daß Sie wiederhergestellt sind. Wie ich gehört habe, hatten Sie nicht unerhebliche Verletzungen davongetragen."

Pittoni lächelte schwach. "Nur ein paar leichte bis mittelschwere Verbrennungen, Admiral! Sie wissen ja: Einem mysteriösen Naturgesetz zufolge kommt die Person am Steuer meist mit einem blauen Auge davon. Ich wünschte, es wäre für etliche meiner Mannschaftsmitglieder ähnlich glimpflich ausgegangen."

Lacasse betrachtete sie ernst.

"Ich kann durchaus nachvollziehen, was in Ihnen vorgeht, Captain! Glauben Sie mir, alle paar Tage sitzt auf diesem Stuhl ein anderer Kommandant, der sich anklagt, den Tod von Mannschaftsmitgliedern verschuldet zu haben. Die Terminkalender unserer Stationscounselor platzen aus allen Nähten. Ich möchte Ihnen jedoch noch einmal versichern, daß gerade für Sie keinerlei Grund für Selbstvorwürfe besteht. Sie waren besonnen genug, um zu erkennen, daß der Kampf für Sie vorbei war, und nicht zuletzt Ihrer Erfahrung ist es zu verdanken, daß Sie Ihr Schiff noch rechtzeitig hinter die Linien bringen konnten. Leider besitzt nicht jeder Captain die Einsicht, wann es an der Zeit ist aufzuhören."

Pittoni seufzte lautlos. Beteuerungen dieser Art hatte sie in den letzten Wochen reichlich gehört. Der Wortlaut unterschied sich dabei nur recht geringfügig voneinander.

"Ich danke Ihnen, Sir! Wahrscheinlich haben Sie recht. Wo wir übrigens gerade bei dem Thema sind, würde ich Sie gern um eine Auskunft bitten: Haben Sie etwas von der Jules Verne gehört? Ich habe mehrfach versucht, Erkundigungen einzuziehen, doch bisher keine definitive Antwort erhalten."

Der Admiral schwieg einen Moment.

"Es tut mir leid, Captain!" erwiderte er schließlich. "Man hat sich gegen eine Reparatur entschieden."

Pittoni sah ihn an.

"Admiral..." begann sie, doch Lacasse schüttelte sofort den Kopf.

"Ich weiß, was Sie mir jetzt sagen wollen, aber es hat keinen Sinn, sie noch einmal ins Dock zu bringen. Bei näheren Untersuchungen haben sich schwere innere Strukturschäden herausgestellt, die wahrscheinlich zum Teil noch von vergangenen Gefechten herrühren. Sie können von Glück sagen, daß die Jules Verne beim letzten Einsatz nicht auseinandergebrochen ist. Daß sie den Kampf überhaupt überstanden hat, ist ein halbes Wunder. Außerdem ist sie mittlerweile fast sechzig Jahre alt. Eine erneute Reparatur und Umrüstung lohnt einfach nicht. Danken Sie ihr, daß sie Sie noch einmal nach Hause gebracht hat, und lassen Sie es dabei bewenden!"

Pittoni atmete tief durch und senkte den Blick auf die Schreibtischplatte vor ihr.

"Es sieht wohl ganz so aus, als bliebe mir nichts anderes übrig." erwiderte sie leise. "Immerhin: Das unscheinbare alte Ding ist fast siebzehn Jahre lang für mich und etliche meiner Leute das Zuhause gewesen. Es hat nicht unerheblich zur Kartographierung des Dukai-Sektors beigetragen. Darf ich fragen, ob man bereits ein anderes Schiff für uns vorgesehen hat?"

Lacasse blickte kurz zur Seite.

"Sie wissen ja, wie es im Moment aussieht!"

Sie nickte. "Also kein Schiff!" stellte sie fest.

"Nein, kein Schiff!" bestätigte er. "Leider ist in dieser Hinsicht bis auf weiteres nichts zu machen. Allerdings gibt es da eine etwas heikle Aufgabe, bei der Sie und Ihre Crew benötigt werden."

Sie runzelte die Stirn.

"Von was für einem Einsatz sprechen Sie?"

"Einsatz trifft vielleicht nicht ganz den Kern der Sache. Man könnte eher von einer diplomatischen Mission reden."

"Diplomatie? Bei allem Respekt, Admiral, aber darf ich Sie darauf hinweisen, daß die Mannschaft der Jules Verne damals im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Qualifikation zusammengestellt wurde? Wäre es nicht besser, hier auf entsprechend geschultes Personal zurückzugreifen?"

"Unsere Diplomaten sind im Moment vollauf mit dem Versuch beschäftigt, unsere militärischen Bündnisse stabil zu halten. Außerdem würde uns in diesem Fall diplomatisches Personal nicht viel nützen. Was wir benötigen, ist eine erfahrene Raumschiffcrew."

Pittoni lehnte sich vor.

"Worum geht es?"

Lacasse aktivierte seinen Monitor und drehte ihn so, daß Pittoni ihn einsehen konnte.

"Erkennen Sie das Raumgebiet?"

"Selbstverständlich! Das ist der Betazed umgebende Raumsektor."

"Ganz recht! Wie Sie wissen, hatte das Dominion hier vor eineinhalb Jahren eine Großoffensive gestartet. Die Sternenflotte mußte schwere Verluste hinnehmen und war gezwungen, sich vorerst aus diesem Gebiet zurückzuziehen. Demzufolge war der benachbarte Sektor schlagartig den Angriffen der Jem'Hadar ausgesetzt."

Das Bild auf dem Monitor wechselte. Lacasse deutete auf die linke untere Ecke.

"Und hier liegt es: Rhazaghan! Ein gar nicht so unbedeutender Rohstofflieferant für die Föderation. Ist Ihnen der Planet ein Begriff?"

Pittoni runzelte die Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf.

"Ich bedaure, Sir!"

"Sie müssen sich für Ihre Unkenntnis nicht entschuldigen, Captain! Um ehrlich zu sein, hörte ich diesen Namen vor wenigen Wochen zum ersten Mal. Wie es aussieht, wurde im Hinblick auf Rhazaghan einiges versäumt. Die Kontakte beschränkten sich bislang in erster Linie auf das rein Wirtschaftliche, ansonsten scheint der Planet nur das Aufsehen einiger Wissenschaftler erregt zu haben. Tatsächlich wurde direkt nach dem Beitritt Rhazaghans zur Föderation ein Forschungsteam entsandt, jedoch nur drei Monate später wieder abberufen. Zu diesem Zeitpunkt wurden zahlreiche neue Welten entdeckt, und die Föderation verfügte über nicht genug wissenschaftliches Personal, um sich mit jeder einzelnen näher befassen zu können. Also begnügte man sich mit dem Abschluß eines Handelsabkommens und setzte weitere Forschungsprojekte erst einmal aus. Außerdem liefen die wirtschaftlichen Kontakte von Anfang an reibungslos. Die Rhazaghaner zeigten sich als vollkommen unproblematische Bündnispartner.

Einige Jahre später wurde dann ein zweites Forschungsteam nach Rhazaghan geschickt, was wiederum nach wenigen Monaten seine Tätigkeit einstellen mußte. Man hatte verschiedenen anderen Planeten eine größere Priorität eingeräumt. Alles weitere können Sie sich möglicherweise vorstellen. Es blieb beim guten Vorsatz, und da sich der rhazaghanische Sektor ansonsten nur durch seine Abgeschiedenheit auszeichnet, sind die Kenntnisse über seine Bewohner noch immer vergleichsweise rudimentär."

Pittoni hatte sich den Bericht interessiert angehört.

"Was wurde aus den Rhazaghanern während der Attacken des Dominion, Sir?"

"Ob Sie es glauben oder nicht, es gelang ihnen tatsächlich, den ersten Jem'Hadar-Angriff abzuwehren. Wahrscheinlich steckt dahinter eine ganz einfache Erklärung. Mit Sicherheit hatte das Dominion nicht damit gerechnet, auf eine solch starke Gegenwehr zu stoßen und geglaubt, der Sektor ließe sich in einem Handstreich nehmen. Ich muß Sie darauf hinweisen, daß die Rhazaghaner eine erstaunlich starke Flotte unterhalten. Interessanterweise sind sie angeblich nicht in der Lage, sie komplett zu bemannen."

"Sie meinen, man verfügt dort über mehr Schiffe als Mannschaften?" fragte Pittoni verblüfft. "Eigentlich müßte doch dort bei einem solch regen Schiffsbau Interesse an der Raumfahrt bestehen."

"Als ich davon hörte, war ich ebenso erstaunt wie Sie. Als Grund wurde die ausgesprochen niedrige Einwohnerzahl des Planeten angegeben. Es ist natürlich möglich, daß die Bevölkerung Rhazaghans in der Vergangenheit durch äußere Umstände, beispielsweise eine Seuche, drastisch dezimiert worden ist. Sicher wäre Admiral Hagman in der Lage, uns die genauen Hintergründe mitzuteilen, weil er damals die Gespräche mit den Rhazaghanern geführt hat, aber leider kommen die Verhandlungen nicht voran."

"Das Dominion weigert sich noch immer, ihn auszutauschen?"

Lacasse seufzte. "Leider! Man verlangt nach wie vor unseren Rückzug aus verschiedenen strategisch bedeutsamen Gebieten, eine Forderung, der wir natürlich keinesfalls nachgeben können. Es bleibt uns nur zu hoffen, daß sich in der nächsten Zeit auch einige Vorta unter unseren Gefangenen befinden. Vielleicht läßt das Dominion eher mit sich handeln, wenn es um seine Verwalter geht."

Lacasse verstummte und Pittoni beobachtete ihn einen Moment lang.

"Sie sind mit Hagman persönlich bekannt?" entfuhr ihr unvermittelt.

Er sah hoch.

"Wie? Doch, ja, Sie sind richtig informiert. Wir kennen uns durch den Literaturkreis der Sternenflottenakademie. Seither ist der Kontakt nie ganz abgerissen."

Er richtete sich wieder auf.

"Aber lassen wir das! Wir waren bei der rhazaghanischen Flotte stehengeblieben. Nach den schweren Verlusten im letzten und vorletzten Jahr entschied das Oberkommando, sämtliche in Frage kommende Reserven zu mobilisieren. Und tatsächlich: Auf die Bitten der Sternenflotte, den weiteren Sektor in ihren Schutz miteinzubeziehen, reagierten die Rhazaghaner zwar durchaus offen, erklärten jedoch rundheraus, nicht mehr Leute für Schiffsbesatzungen aufbringen zu können. Stattdessen schlug man vor, Sternenflottenpersonal für den Dienst auf rhazaghanischen Schiffen auszubilden."

"Es ist natürlich möglich, daß es sich hier um einen Vorwand handelte, um die Föderation dazu zu bringen, sich endlich für Rhazaghan zu engagieren. Durchaus verständlich in einer solchen Situation."

"Ein Gedanke, den auch ich nicht für abwegig halte. Leider mußte das Ersuchen mit dem Hinweis auf die hohen Verluste der Föderation abgelehnt werden. Daraufhin regte der rhazaghanische Gesprächspartner an, die Bitte um Unterstützung an die Romulaner weiterzuleiten."

"Lassen Sie mich raten! Die Romulaner taten das, was die Sternenflotte verweigerte, und gewährten einem vernachlässigten Föderationsmitglied Hilfe, ohne dabei eigene Schiffe aufs Spiel setzen zu müssen. Nicht dumm, in der Tat!"

Der Admiral nickte. "Allerdings! Nach dem, was man so hört, haben es die Romulaner seitdem verstanden, sich auf Rhazaghan recht beliebt zu machen. Zu beliebt, wie es aussieht! Zwar hat sich die militärische Lage mittlerweile leicht entspannt, und das Dominion hat offenbar zur Zeit andere Probleme, als sich für den rhazaghanischen Sektor zu interessieren. Dennoch zeigen die Rhazaghaner kein Interesse an einem Abzug der Romulaner. Inzwischen war die romulanische Regierung sogar zu Zugeständnissen bereit, um sich diesen Standort zu erhalten. So wurden auf Anregung des dort stationierten Regimentskommandanten eine gewisse Anzahl der Soldaten ausgetauscht - angeblich, um Mentalitätskonflikten vorzubeugen."

"Ungewöhnlich rücksichtsvoll für Romulaner, könnte man sagen!"

Lacasse schnaubte. "Sie sagen es! Inzwischen hört man vom romulanischen Botschafter, dieser Fall würde wieder einmal beweisen, daß es sich bei den Romulanern keineswegs um die machthungrigen, zur Völkerverständigung unfähigen Usurpatoren handelt, als die Föderationsvertreter sie darstellten. Bemerkenswerterweise wäre Rhazaghan sehr zufrieden damit, seinen Schutz romulanischen Truppen anvertraut zu haben."

"Das daraus zu schlagende politische Kapital ist natürlich unbezahlbar." murmelte Pittoni.

"Ganz davon abgesehen, daß wir selbst, sollte es uns nicht gelingen, die Rhazaghaner umzustimmen, mit einem politischen Ärgernis zu rechnen haben: Einer dauerhaften romulanischen Präsenz mitten auf Föderationsgebiet. Sie werden sicher verstehen, das wir so etwas vermeiden möchten."

"Natürlich, Admiral!"

"Wie Sie sich vielleicht denken können, kommen an dieser Stelle Sie und Ihre Crew ins Spiel. Es ist wichtig, daß der Völkerbund nach den Versäumnissen der Vergangenheit Engagement zeigt. Wir müssen den Rhazaghanern das Gefühl geben, daß Wert auf ihre Föderationsmitgliedschaft gelegt wird, und sie daher auf die Unterstützung der Romulaner nicht angewiesen sind."

Pittoni nickte ergeben. "Wie stellen Sie sich unseren Einsatz vor, Sir?"

"Wir haben den Rhazaghanern den Wunsch der Föderation übermittelt, ihnen Personal für die Bemannung ihrer Schiffe zu entsenden. Ich muß zugeben, daß wir daraufhin einiges an Überzeugungsarbeit leisten mußten. Unsere Gesprächspartnerin versicherte uns, daß auf Rhazaghan augenblicklich kein Bedarf an Verstärkung bestünde. Schließlich erklärte sie sich einverstanden, bot uns jedoch an, unsere Leute bei ihrem eigenen Stamm aufzunehmen. Es war uns jedoch wichtig, Sie in unmittelbarer Nähe des romulanischen Regiments unterzubringen, schließlich müssen wir wissen, was dort vor sich geht. Das anschließende Gespräch gestaltete sich als erstaunlich schwierig. Schließlich brachten wir den Hinweis vor, daß die Anpassung an die rhazaghanischen Schiffe mit Sicherheit am raschesten durch die Leute erfolgen würde, die bereits Erfahrung mit der Schulung gesammelt hätten. Erst dann gab unsere Ansprechpartnerin zögernd nach."

"Das hört sich nicht so an, als würde unsere Ankunft Begeisterungsstürme auslösen." bemerkte Pittoni mit einem gequälten Lächeln.

Lacasse lehnte sich zurück. "Machen Sie sich keine Sorgen!" erwiderte er gelassen. "Nach dem was ich hörte, sind Rhazaghaner von Natur aus recht liebenswürdig. Ich bin sicher, daß sich Anfangsschwierigkeiten rasch geben werden."

"Ich wünschte, ich könnte Ihren Optimismus teilen, Sir! Ich habe den Eindruck, hier ist möglicherweise mehr diplomatisches Porzellan zerschlagen als gekittet worden."

"Es war wichtig, den Fuß in die Tür zu bekommen, wenn Sie verstehen. Was wir brauchten, war eine Chance, und die haben wir erhalten. In zwei Tagen wird die Ivanhoe Sie und Ihre Mannschaft nach Rhazaghan bringen."

Pittoni lächelte. "Galaxy-Klasse, Admiral? Wir fahren mit der großen Limousine vor?"

"Wie ich Ihnen schon sagte, will die Sternenflotte Interesse demonstrieren. Meines Wissens nach hat noch nie ein Schiff der Galaxy-Klasse Rhazaghan angeflogen. Vielleicht gelingt es uns, etwas Eindruck zu machen."

"Gut, Admiral, ich werde meine Mannschaft über unseren Einsatz informieren. Außerdem möchte ich Sie bitten, mir Informationen über Rhazaghan zukommen zu lassen."

"Selbstverständlich! Ich werde dafür sorgen, daß Sie entsprechende Unterlagen erhalten."

Seine Untergebene machte soeben Anstalten, sich zu erheben, als Lacasse sie noch einmal zurückhielt.

"Einen Moment, Captain! Ich habe noch ein weiteres Anliegen an Sie."

Sie hob fragend die Brauen, als Lacasse auch schon weitersprach.

"Ich möchte, daß Sie die Überlebenden der Jeanne D'Arc mitnehmen."

Pittoni starrte ihn ungläubig an.

"Verzeihen Sie, Sir, aber ist das wirklich Ihr Ernst?" brachte sie schließlich heraus.

"Es würde einen schlechten Eindruck hinterlassen, mit einer zu kleinen Abteilung auf Rhazaghan zu erscheinen. Je mehr Leute wir erübrigen können, desto besser. Das romulanische Regiment ist Ihrer Crew ohnehin zahlenmäßig deutlich überlegen."

Seine Untergebene ächzte entsetzt.

"Sie wollen uns tatsächlich zusammen mit diesem aggressiven und undisziplinierten Haufen auf eine diplomatische Mission schicken? Sie wissen doch sicher, was sich auf der Jeanne D'Arc abgespielt hat! Captain Rüang hatte keinerlei Freigabe, der Angriff erfolgte vollkommen unüberlegt und eigenmächtig. Was von ihrem Offiziersstab übriggeblieben ist, spricht Bände. Wie man hört, ist die Gruppe um Lieutenant Rowland fast täglich in irgendwelche Streitigkeiten verwickelt."

Lacasse sah zur Fensterreihe hinüber.

"Sagen wir einfach, daß Sie mir damit einen persönlichen Gefallen tun."

"Admiral, ich bin keine Erzieherin für mißratene Junioroffiziere."

Er drehte sich wieder dem Schreibtisch zu, faltete die Hände darüber und lehnte sich vor.

"Dann will ich es so formulieren: Es ist wohl kaum die Schuld dieser jungen Leute, daß die Verantwortlichen meinen, es reiche vollauf, halbe Jugendliche im Rekordtempo durch die Sternenflottenakademie zu jagen, um schnellstmöglich Nachschub für die Front zu erhalten. Die Jahrgänge, die die Akademie inzwischen verlassen, haben nur einen Bruchteil der Ausbildung hinter sich, die für uns noch selbstverständlich war. Fächer wie interplanetare Kultur und Xenobiologie sind inzwischen aus Zeitgründen ersatzlos gestrichen. Für den Wissenschaftsdienst wird kaum noch ausgebildet, es sei denn, es geht um Forschung nach neuen Waffentechnologien, in welche Richtung sie auch führt. Unsere Kadetten lernen fast nichts über fremde Spezies, es sei denn, wie man auf sie schießt. Was auf der Jeanne D'Arc passiert ist, überrascht mich nicht im mindesten. Unsere erfahrenen Offiziere fallen massenweise an der Front, und viel zu junge Leute rücken in Positionen, die sie maßlos überfordern. Im schlimmsten Fall bestehen ganze Schiffsbesatzungen aus xenophobischen, auf Aggressivität abgerichteten Neulingen."

Er schwieg einen Moment, dann sah er seiner Untergebenen in die Augen.

"Damit Sie klarsehen: Ich will die Jeanne D'Arc-Leute aus dem Kriegsgeschehen raushalten. Die Alternative wäre, sie über kurz oder lang aus der Sternenflotte zu werfen, wenn sie sich nicht noch vorher bei einer weiteren sinnlosen Aktion umbringen. Meiner Ansicht nach haben sie weder das eine noch das andere verdient. Nehmen Sie sie mit nach Rhazaghan, dort können sie nicht so leicht zur Gefahr für sich und andere werden. Ich habe die Hoffnung, daß Sie ihnen einiges von dem vermitteln können, was einen guten Sternenflottenoffizier ausmacht."

Seine Untergebene seufzte. "Ich verstehe, Sir!"

Er nickte. "Gut! Wir sind uns also einig. Ich wünsche Ihnen viel Glück."

Sie erhob sich und ging zur Tür. Als sie im Begriff war, den Raum zu verlassen, hob Lacasse noch einmal den Kopf.

"Captain!"

Sie wandte sich noch einmal um.

"Ich erwarte natürlich, daß bei Ihrer Mission mit dem gebotenen Feingefühl vorgegangen wird."

Die Tür schloß sich zischend.

"Zu spät, du rettest den Freund nicht mehr!" murmelte Pittoni verbittert.

 

Vier Tage später signalisierte ein zwitschernder Ton in der Kabine Pittonis, daß jemand um Einlaß bat.

"Herein!" antwortete sie, ohne ihre Aufmerksamkeit von ihrem Datenblock abzuwenden.

Die Tür öffnete sich, und Commander Malewitsch warf einen Blick in den Raum.

"Störe ich, Captain?"

Sie sah kurz auf, um sich direkt wieder ihren Unterlagen zuzuwenden.

"Nein, Konstantin! Kommen Sie nur herein und nehmen Sie Platz!"

Er durchquerte den komfortabel eingerichteten Raum und ließ sich in dem Sessel ihr gegenüber nieder. Rasch vorbeiziehende Sterne jenseits des Fensters zeigten an, daß sich die Ivanhoe im schnellen Warptransfer befand.

Er warf einen neugierigen Blick auf den Datenblock seiner Vorgesetzten.

"Immer noch Hausaufgaben?"

Sie seufzte. "Das Material scheint von einem dieser halbintelligenten Auswahlprogramme zusammengestellt worden zu sein. Man kann zwar nicht unbedingt von einem heillosen Chaos sprechen, aber es kommt dem doch ziemlich nahe. Vielleicht sind auch einige Parameter falsch eingegeben worden."

"Schaffen Sie es bis morgen?"

"Notfalls hänge ich die Nacht dran. Es bleibt dabei: Spätestens morgen mittag wird bei jedem Mannschaftsmitglied ein Exemplar des Informationsblattes auf dem Tisch liegen. Die Leute sollen Zeit genug haben, das Material in aller Ruhe durchzuarbeiten."

"Warum übergeben Sie das Zeug nicht T'Alai? Es fällt doch in ihr Ressort."

"Sie hat es mir angeboten, und ich muß zugeben, daß ich nahe dran war, der Versuchung zu erliegen. Aber es ist ohnehin nötig, daß ich mir ein umfassendes Bild von unserem Einsatzort verschaffe. Außerdem kenne ich das: Informationsblätter, die von Angehörigen des wissenschaftlichen Dienstes zusammengestellt wurden, werden häufig nur überflogen. Ich lege Wert darauf, daß die Crew das Material sorgfältig durcharbeitet."

"Ich muß Ihnen zustimmen! Bei der Art unseres Auftrages ist es besser, auf Nummer sicher zu gehen. Haben Sie schon etwas über unsere Gastgeber in Erfahrung bringen können?"

Sie lächelte. "Allerdings! Warten Sie, ich zeige Ihnen etwas. Einen Moment!"

Er erhob sich und sah ihr interessiert über die Schulter. Die Schrift auf dem Monitor machte einer Darstellung Platz.

Malewitsch legte den Kopf schräg.

"So sehen die aus? Recht menschlich, würde ich sagen. Allerdings macht die Frau einen ziemlich sportlichen Eindruck."

"Ein Erbe aus der Zeit, in der sich die Rhazaghaner mit zahlreichen Raubtieren auseinandersetzen mußten. Außerdem eine Folge der hohen Gravitation. Wir bekommen Gelegenheit, etwas für unsere Fitneß zu tun, Konstantin!"

Ihr erster Offizier stöhnte.

"Auch das noch! Mit wieviel bekommen wir es zu tun?"

"Erinnern Sie sich an Vulkan?"

"Und ob! Ich fürchte, für solche Einsätze werde ich langsam zu alt."

"Übertreiben Sie nicht! Ich denke, wir beide können noch ganz gut mithalten. Ich war aber noch nicht ganz fertig. Haben Sie sich das Bild der Rhazaghani gut angesehen? Jetzt passen Sie mal auf!"

Das Bild auf dem Datenblock wechselte abermals. Malewitsch betrachtete es nachdenklich.

"Ganz hübsch! Was ist das für ein Tier?"

"Es handelt sich um dasselbe Individuum, das Sie eben gesehen haben. Und das ist noch nicht alles! Ich hätte noch dies, dieses und zum Abschluß das Bild anzubieten."

Die Darstellungen wechselten rasch hintereinander. Malewitsch schwieg einen Moment verblüfft.

"Sie meinen, es handelt sich um ein und dasselbe Geschöpf?"

"Ganz recht! Und nun denken Sie einmal scharf nach!"

Er warf ihr einen ratlosen Blick zu, doch gleich darauf begann sein Gesicht, sich aufzuhellen.

"Moment, da war doch was, als wir damals den Wolf-Rayet-Stern beobachteten..."

"Genau! Ich sehe, Sie erinnern sich."

"Die astrophysikalische Abteilung arbeitete wochenlang auf Hochtouren, während der Rest der Mannschaft mit Langeweile zu kämpfen hatte. Fähnrich Christiansen hatte im Casino eine dieser Was-wäre-wenn-die-Dinosaurier-nicht-ausgestorben-wären-Diskussionen angefangen. Die meisten Crewmitglieder vertraten die Ansicht, daß die Säugetiere in diesem Fall niemals eine Chance bekommen hätten. Und dann ging T'Alai und brachte einen wissenschaftlichen Artikel aus ihrem Quartier mit."

"Sehen Sie? Ihr Gedächtnis funktioniert doch noch ganz tadellos."

"Doch, das Gedächtnis schon! Ich weiß noch genau, wie erstaunt unsere Leute über die beschriebene Spezies waren." Er lächelte. "Die sind das also?"

"Eben dieselben! Ich schätze, der Aufenthalt dort wird nicht uninteressant werden. Sie haben doch keine Angst vor großen Tieren, Konstantin?"

"Meine Großeltern sind mit mir früher häufig in den Zoo gegangen, Captain!" antwortete er würdevoll.

Pittoni nickte anerkennend. "Eine ausgezeichnete Vorbereitung! Seien Sie aber auf Rhazaghan mit solchen Bemerkungen vorsichtig! Ich möchte Lacasse nicht den Abbruch sämtlicher diplomatischer Beziehungen erklären müssen."

Er lachte. "Keine Angst, ich habe nicht vor, Sie zu blamieren." Er neigte den Kopf hinüber zum Datenblock. "Wissen Sie noch mehr über die Rhazaghaner?"

"Eben da geht es los! Die meisten Daten stammen wohl von den beiden Forschungsteams, die kurzfristig auf Rhazaghan waren. Die Zusammenstellung der Informationen ist dabei zum Teil ziemlich konfus. Es findet sich in meinen Unterlagen sogar ein geharnischter Brief von Professor Iyengar, in dem sie offiziell beim Wissenschaftsdienst gegen ihren Abzug von Rhazaghan protestiert. Sie hat damals das zweite Forschungsteam geleitet. Von ihr stammt übrigens auch der bewußte Artikel."

Sie blätterte weitere elektronische Seiten durch.

"Hier haben wir die Planetendaten, Masse, Dichte, Oberflächengravitation, durchschnittliche Oberflächentemperatur bis hin zur Rotationsdauer. Soweit scheint alles komplett und in Ordnung zu sein. Dann das: Geschätzte Bevölkerungszahl unter zehn Millionen. Das könnte ein Übersetzungsfehler sein oder sogar eine gezielte Fehlinformation. Sprache ausschließlich Rhazaghanisch, es existieren nur leichte Tendenzen zur Dialektbildung. Klassen- oder Standesunterschiede existieren nicht, Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Lebensweise als Jäger und Sammler. Hier haben wir es wieder! Völlig unvermittelt irgendwelche kulturhistorische Informationen. Meiner Ansicht nach ist es nicht gerade glücklich, die Datenzusammenstellung für eine solche Mission einem Programm zu überlassen."

Ihr erster Offizier grinste. "Vielleicht wollte Lacasse gern neu eingetroffene Software ausprobieren. Haben Sie auch etwas über die politische Organisation?"

"Nur wenig! Die Bevölkerung ist in sogenannte Clans aufgespalten, die wahrscheinlich in etwa unseren Nationen entsprechen. Als planetare Regierung fungiert ein Rat aus den einzelnen Clanoberhäuptern."

"Also eine Art Föderalismus!"

"So verstehe ich das auch. Allerdings finde ich keine Informationen darüber, wie die einzelnen Herrscher an die Macht kommen. Von einem demokratischen Wahlsystem ist nirgendwo die Rede. Hier ist natürlich alles vorstellbar. Also weiter! Aktuelle Zahl der Clans vierhundertdreiundachtzig. Vor der Zeit der cardassianischen Besetzung vierhundertvierundachtzig."

"Die Cardassianer waren auf Rhazaghan? Die haben wohl gleich gezeigt, was mit dem passiert, der Ärger macht, wie?"

"Sieht ganz so aus! Die Cardassianer fackeln nicht lange. Ein kleiner Völkermord ist das letzte, was denen unruhige Nächte bereitet. Und hier haben wir die Ursache für die cardassianische Besetzung. Bodenschätze: Hauptsächlich Dilithium. Inzwischen wird auch mit gewissen Mengen an Tritanium gehandelt."

"Darum also! Wie sind die Rhazaghaner ihre Besatzer wieder losgeworden?"

"Das wird nirgendwo erwähnt. Ich könnte mir aber vorstellen, daß sich die Cardassianer durch die sich ausbreitende Föderation beunruhigt fühlten und es daher vorzogen, Rhazaghan zu räumen. Jedenfalls haben die Rhazaghaner aus dem Überfall gelernt und innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Flotte aufgebaut. Im Orbit muß es von Werften nur so wimmeln. Sehen Sie hier! Geschätzte Flottenstärke um die fünfhundert Schlachtkreuzer."

Malewitsch pfiff durch die Zähne. "Donnerwetter! Damit stellen die Rhazaghaner eine Großmacht in ihrem Sektor dar. Bleibt nur zu hoffen, daß dort niemand auf dumme Gedanken kommt."

Pittoni lehnte sich zurück.

"Es ist natürlich denkbar, daß so etwas ohne die rhazaghanische Föderationsmitgliedschaft längst passiert wäre. Ich weiß nicht, wie die weitere Entwicklung aussähe, wenn sich die Föderation aus irgendeinem Grund von hier zurückziehen müßte. Glücklicherweise sind das bis jetzt nur Spekulationen. Aber ehe ich es vergesse: Ich habe hier noch etwas interessantes."

Sie reichte ihm den Datenblock. Er betrachtete die neue Abbildung aufmerksam.

"Wohl aus dem Orbit aufgenommen!" überlegte er halblaut. "Ansprechendes Gebäude! Wie eine Seemuschel, oder?"

"Sie waren wohl nicht viel am Meer." stellte Pittoni fest. "Das Bauwerk ist einer Schnecke nachempfunden. Sie sehen hier unseren Unterbringungsort, ein Habitat von den Vari, wie sich unsere Gastgeber nennen. Wenn ich recht verstanden habe, werden wir die Wohnstätte mit den Romulanern teilen."

Malewitsch warf einen zweifelnden Blick auf die Darstellung.

"Das dürfte eng werden. Wie bringt man da drin ein romulanisches Regiment unter?"

"Romulaner werden in der Hinsicht recht spartanisch erzogen, und zumindest hier sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen. Wir gehen nicht nach Rhazaghan, um dort Urlaub zu machen. Schränken wir uns alle etwas ein! Übrigens: Wie sieht es mit unseren Sorgenkindern aus?"

"Im großen und ganzen erstaunlich ruhig. Allerdings habe ich vorhin zwei jungen Burschen von Rowlands Haufen mit Arrest drohen müssen."

"Was war passiert?"

"Sie hatten in der hiesigen Bar einen vulkanischen Fähnrich angepöbelt. Immerhin war die von ihnen verwendete Bezeichnung nicht besonders einfallsreich."

"Ich verstehe!" erwiderte sie ernst.

"Vielleicht sollten wir T'Alai vorwarnen."

Seine Vorgesetzte schüttelte den Kopf und lächelte.

"Machen Sie sich da keine Sorgen! T'Alai kommt zurecht. Ich glaube kaum, daß es möglich ist, sie durch Bemerkungen dieser Art zu verletzen. Stattdessen halte ich es für viel wahrscheinlicher, daß sie heimlich entzückt wäre, neues Material für ihre soziologischen Studien zu bekommen."

"Wahrscheinlich haben Sie recht! Dennoch werde ich ihr zur Sicherheit einen Hinweis geben."

Ihr Untergebener erhob sich.

"Ich möchte Sie nicht länger von Ihrer Arbeit abhalten. Sehen wir uns morgen nachmittag in der Bar?"

"Das müßte zu machen sein. Wo liegt die hier?"

"Deck zehn, ganz vorne! Frohes Schaffen, Captain!"

Pittoni lächelte. "Danke, Konstantin! Halten Sie mir die Raubtiere gut in Schach!"

Gleich darauf war sie mit ihren Unterlagen allein.

 

Am nächsten Nachmittag betrat sie die Bar der Ivanhoe, versorgte sich mit einem Getränk und ließ sich an dem Tisch nieder, an dem ihr erster Offizier bei einer Tasse Tee saß.

"Espresso, Captain?" bemerkte er. "Wie lange haben Sie noch drangesessen?"

Pittoni nippte vorsichtig an der heißen Flüssigkeit, bevor sie antwortete.

"Um zwei Uhr früh hatte ich das Material durch. Gegen halb sechs war ich dann mit der Zusammenstellung fertig."

Malewitsch verzog mitfühlend das Gesicht, doch Pittoni winkte ab.

"So wild ist es nicht! Als das Informationsblatt raus war, habe ich mich noch etwas hingelegt. Ist es schon bei Ihnen eingetroffen?"

"Ich fand es nach dem Mittagessen in meinem Quartier vor. Allerdings muß ich Ihnen gestehen, daß ich es erst knapp zur Hälfte durchgelesen habe."

"Sie brauchen sich damit nicht zu hetzen. Es genügt vollkommen, wenn Ihnen das Wissen in dreizehn Tagen zur Verfügung steht. Ich bin bei der Durchsicht des Materials übrigens noch auf die eine oder andere interessante Quelle gestoßen. Zum Beispiel gibt es da ein Zeitungsinterview mit dem Mitarbeiter einer skandinavischen Firma, die eine vollautomatisierte Fertigungsstraße auf Rhazaghan installiert hat. Er sprach von kilometerlangen unterirdischen Fabrikationshallen mit modernster Technik. Außerdem zeigte er sich recht erbaut von der Art seiner Kunden und beschrieb sie als freundlich und aufmerksam."

"Das klingt doch ermutigend!"

"Mag sein! Ich muß Ihnen allerdings sagen, daß es da etwas gibt, das mir Kopfschmerzen bereitet. Unter meinen Informationen finden sich auch ein paar Randnotizen über den Beherrscher unseres gastgebenden Clans, einen Mann namens Tarkin. Tarkin von den Vari lautet wohl die vollständige Anrede."

"Und was für eine Vorstellung haben Sie von ihm gewonnen?"

"Ich weiß nicht recht, urteilen Sie selbst! Nach dem, was mir vorliegt, geht der Gedanke, die Romulaner nach Rhazaghan kommen zu lassen, auf Tarkin zurück. Außerdem zeigte er sich sehr interessiert daran, den umgebenden Sektor in den rhazaghanischen Schutz miteinzubeziehen. Dann wird noch erwähnt, er hätte in der Vergangenheit schon einmal damit gedroht, das Bündnis platzen zu lassen."

Malewitsch wiegte sorgenvoll den Kopf.

"Das klingt mir nicht nach einem Freund der Föderation. Vielleicht haben wir hier tatsächlich jemanden vor uns, der auf die Idee gekommen ist, die Stärke der rhazaghanischen Flotte ließe sich auch zu expansorischen Zwecken nutzen. So ein Mann wäre nur allzu bereit, die Romulaner als Lehrmeister zu akzeptieren."

Pittoni nickte nachdenklich, doch bevor sie zu einer Erwiderung ansetzen konnte, wurde eine höfliche Stimme hörbar.

"Captain! Commander! Verzeihen Sie bitte?"

Pittoni drehte den Kopf und lächelte, als sie die junge Vulkanierin erkannte.

"Lieutenant! Sie haben ein Anliegen?"

"Nicht direkt! Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich Ihr Informationsblatt vorgefunden habe. Ich halte es für sehr umfassend und informativ."

"Sie haben es schon gelesen?"

"Selbstverständlich! Außerdem fand Ihr Exkurs über die spezielle Fauna des Planeten mein besonderes Gefallen. Ich bin überzeugt, daß die Crew ihn faszinierend finden wird."

"Es freut mich, Ihre fachliche Zustimmung zu finden, T'Alai! Eigentlich mische ich mich nur ungern in Ihr Ressort ein, aber ich hielt es für meine Pflicht, mich persönlich um die Vorbereitung der Crew zu kümmern."

"Natürlich! Außerdem ist es eher unwahrscheinlich, daß ein von mir erstelltes Informationsblatt mit gleicher Aufmerksamkeit gelesen würde. Das Bewußtsein, daß das Material vom Captain persönlich stammt, erhöht das Interesse der Leute erfahrungsgemäß ganz erheblich."

Pittoni sah in ihre leere Tasse.

"Das ist sicher nicht ganz auszuschließen." murmelte sie.

"Sie brauchen keine Bedenken zu haben, daß mich dieser Umstand psychisch beeinträchtigen könnte, Captain!" erklärte T'Alai erkennbar amüsiert. "Er stellt ganz einfach eine unleugbare Tatsache dar. Im übrigen möchte ich Ihnen noch sagen, daß mich die Aussicht, auf Rhazaghan tätig werden zu können, mit großer Erwartung erfüllt. Wenn ich mich dann verabschieden darf? Ich habe die Absicht, mich noch ein wenig auf diesem Schiff umzusehen."

Gleich darauf sahen Pittoni und Malewitsch der davongehenden Vulkanierin nach. Nach kurzem gemeinsamen Schweigen seufzte der Captain.

"Ich muß gestehen, daß ich sie beneide. Ich habe T'Alai selten so aufgeregt gesehen. Vulkanierin oder nicht, irgendwie wirkt sie wie ein Kind, dem man einen Besuch in einem Spielzeugladen versprochen hat. Es wird auch höchste Zeit, daß sie die Möglichkeit erhält, wieder in ihrem Bereich tätig zu werden. Man muß sagen, daß unsere Einsätze in der letzten Zeit nicht viel Raum für Xenobiologie oder -soziologie ließen. Aber jetzt gibt es wenigstens eine Person, die sich auf diese ganze unselige Mission freuen kann."

 

 
2.

 

Der Boden war noch immer feucht und nachgiebig. Tarkin sank bei jedem Schritt etwas ein, während er den Hang hinaufstieg. Der Frühling hatte dieses Jahr bemerkenswert lange auf sich warten lassen, doch nun überwucherte bereits neues Grün die vermodernden Strähnen, die der vorige Sommer zurückgelassen hatte. Nicht mehr lange, und die ansteigenden Temperaturen würden Moose und Flechten verblassen lassen, die jetzt noch in leuchtenden Farben Steine und Felsen bedeckten.

Als er die Anhöhe erreicht hatte, fuhr ihm ein kräftiger Wind ins Gesicht, der vom Fuß der Hügelkette aus nicht zu spüren gewesen war. Nach alter Gewohnheit hatte er sorgfältig darauf geachtet, sich entgegen der Luftströmung seinem Ziel anzunähern. Nun blieb er stehen und sah erwartungsvoll nach unten.

Dort stand er und spiegelte sich im flachen Wasser. Der kleine Kopf an dem schlangengleichen Hals durchstieß kurz die Oberfläche, um vom Grund ein neues Bündel Pflanzen loszureißen, die die Wärme hatte üppig gedeihen lassen. Über den Beinen, die wie stämmige Säulen aufragten, wölbte sich in elegantem Bogen ein massiger Rücken, um am Ende in einen sich verjüngenden Schwanz von ungeheurer Länge auszulaufen. Zahlreiche Risse und Narben furchten die grün-braun marmorierte Haut und ließen erahnen, wie vielen Angriffen dieser Riese standgehalten haben mochte.

Bedächtig mahlend hob der alte Sabreshbulle den Kopf und warf aus seinen kleinen Augen einen Blick auf die Gestalt, die auf der Spitze des Hügels erschienen war. Dann, nach kurzem Zögern, kam Bewegung in den mächtigen Leib. Der schwere Rumpf geriet in Drehung, zog langsam herum, bis das Rückenende auf den Rhazaghaner ausgerichtet war. Gemessen und doch warnend schwang der peitschenartige Schwanz über der Wasseroberfläche hin und her, während sich der Kopf bereits wieder senkte. Gleich darauf tauchte er erneut in den See ein, um die Weide unbesorgt fortzusetzen. Tarkin schmunzelte, denn er wußte, daß er erkannt worden war.

"Willkommen im Vari-Gebiet, alter Freund!" sagte er leise.

Zufrieden atmete er durch, dann ließ er sich im Gras nieder und beobachtete den alten Koloß, der weiterhin friedlich weidete, ohne sich im mindesten um ihn zu bekümmern. Noch nach all den Jahren empfand Tarkin diesen Anblick als atemberaubend.

Natürlich gab es unten im Süden andere, noch weitaus mächtigere Tiere, Arten, von denen erzählt wurde, daß sie in der Länge mehr als fünfundvierzig Schritt maßen, dennoch waren Sabreshs die unbestritten riesigsten Geschöpfe, die durch das Vari-Gebiet zogen und das größte, was Tarkin zu erlegen imstande war. Sobald sich der Schnee zurückgezogen hatte, kamen die Herden der Weibchen mit ihren halbwüchsigen Jungen durch den Numa-Paß, gefolgt von den lockeren Verbänden der jüngeren Männchen und schließlich den riesigen Bullen, die gewöhnlich als Einzelgänger lebten. Auf der Nordseite des Gebirges ergossen sie sich dann in das Vari-Gebiet, um sich schließlich auch auf die Areale der Laro, der Kelp und der Dana zu verteilen. Das Brutgeschäft war für sie hier gefahrloser als im warmen Süden, wo es weitaus gefräßigere Feinde als die vergleichsweise genügsamen Rhazaghaner gab.

Sobald Tarkin eine gewisse Größe und Stärke erreicht hatte, begann er, auf Sabreshs Jagd zu machen, wobei er sich zunächst auf halbwüchsige Exemplare beschränkte. Anstatt auf altbewährte Art das Opfer gemeinsam mit anderen in der Zahnluum einzukreisen, warf er sich in der Steppenluum mitten in die Herde, stiftete dort Verwirrung, um sich urplötzlich auf ein geeignetes flüchtendes Tier zu konzentrieren. Sobald er es erreicht hatte, wechselte er in die Zahnluum und packte es im Sprung hinter dem Kopf.

Erst als er diese Jagdmethode perfektioniert hatte, wagte er sich auch an erwachsene weibliche Exemplare heran. Da er jedoch zu derart gewaltigen Sätzen nicht in der Lage war, verlegte er sich darauf, an jener Stelle zuzupacken, an der die beiden mächtigen Halsarterien ihren Weg hinauf in den Kopf begannen. Nach einigen Jahren beherrschte er dann diese Jagdmethode so gut, daß er sich vornahm, bei der nächsten Gelegenheit einen der wesentlich größeren Bullen zu erlegen.

Das erste Mal hatte er Glück. Das ausgewählte Exemplar war noch jung, relativ unerfahren und hatte seine volle Größe bei weitem noch nicht erreicht. Dennoch war Tarkin außer sich vor Freude, als er es zur Strecke gebracht hatte. Er war sich nun sicher, es auch mit einem voll ausgewachsenen männlichen Tier aufnehmen zu können.

Als er das erste Mal dem alten Sabreshbullen begegnete, war er fassungslos vor Staunen. Er hatte nicht geahnt, daß es diese Tiere auf eine derart phantastische Länge bringen konnten. Mehrere Tage lang beobachtete er andächtig seine auserwählte Beute, dann machte er sich zur Jagd bereit.

Wie üblich näherte er sich scheinbar harmlos in der Steppenluum, um dann plötzlich zum Angriff überzugehen. Jedoch mußte er zu seinem Erstaunen feststellen, daß seine Beute nicht wie sonst erschrocken auswich, sondern lediglich begann, sich zu drehen. Tarkin hatte es allein seiner Beweglichkeit zu verdanken, daß ihn der Schwanz nur streifte, dennoch schleuderte ihn die Wucht des Hiebes mehrere Schritte zur Seite. So schnell es ihm möglich war, raffte er sich auf und brachte sich in Sicherheit.

Ein Jahr später war er soweit, den nächsten Versuch zu wagen. Dieses Mal ließ er sich zähneknirschend dazu herab, zunächst in die Krallenluum zu wechseln, um sich dann von vorn durch hohes Spätsommergras hindurch seiner Beute zu nähern. Erst als er den größten Teil der Distanz hinter sich gebracht hatte, wechselte er in die Zahnluum und sprang los.

Der Sabresh mußte ihn noch vor seinem Start bemerkt haben, denn er befand sich bereits in der Drehung. Während er vorwärtsraste, stellte Tarkin triumphierend fest, daß die Zeit nicht mehr ausreichen würde, ihm das Rückenende zuzuwenden. Dann, während die mächtige Flanke noch an ihm vorbeizog, erkannte er entsetzt, daß er die ungeheure Schwanzlänge seines Gegners nicht in seine Berechnungen miteinbezogen hatte. So traf ihn das schnell herumschwingende Ende mit einer solchen Macht, daß er die Besinnung verlor und wehrlos in der Grundform liegenblieb.

Als er mit mehreren gebrochenen Rippen erwachte, bemühte er sich sofort ächzend, sich auf die Beine zu stemmen. Ihm waren Fälle bekannt, in denen Sabreshs einen gestürzten Jäger zertrampelt hatten. Als er jedoch aufsah, bemerkte er in einiger Entfernung den alten Bullen, der vollkommen ohne Interesse eine Baumkrone abäste. Würdelos humpelnd, machte sich Tarkin davon.

Einige Jahre später unternahm er noch zwei weitere Versuche, war jedoch diesmal klug genug, sie rechtzeitig abzubrechen. Danach wußte er, daß er keinen Gegner für dieses Geschöpf darstellte. Hier, genau hier, lag Tarkins Grenze, und dieses Wissen hatte für ihn etwas seltsam Beruhigendes. Er richtete eine Bitte an die Clanältesten, diesem Sabresh lebenslange Schonung zu gewähren, und wie erhofft wurde ihm der Wunsch erfüllt. Seit jenem Zeitpunkt pflegte er regelmäßig jedes Frühjahr auf die Rückkehr des alten Riesen zu warten.

Als die Sonne gegen Mittag kletterte, erhob sich Tarkin und stieg wieder den Hügel hinab. So gelangte er zurück zu der Stelle, wo Intral auf ihn wartete, geduldig, schweigsam und zuverlässig wie immer.

"Er hat mich wiedererkannt!" bemerkte Tarkin zufrieden.

Intral, der Tarkin etwas überragte, nickte bedächtig.

"Ich habe schon oft sagen hören, sie hätten ein gutes Gedächtnis. Allerdings sollen sie nicht sehr intelligent sein."

Tarkin lächelte. "Ich glaube, das, was sie an Intelligenz besitzen, reicht vollkommen aus. Mehr wäre für sie wahrscheinlich nur eine Belastung."

Gleich darauf wechselte Tarkin in seine dunkelrote, Intral in seine tiefbraune Steppenluum, und sie machten sich auf den Rückweg. Sie schlugen ein scharfes Tempo an, und so wurde bereits am Nachmittag das Vari-Habitat im Osten sichtbar. Einiges später durchschritten sie dann das Portal und betraten die große Eingangshalle, wo sie sich in ihre Grundformen zurückbegaben.

Als Tarkin kurz darauf die dritte Ebene passierte, begegnete er Tybrang, der sich ihm auf dem Weg nach oben anschloß.

"Ich war den ganzen Morgen auf der Suche nach dir, bis mir Nirrit sagte, daß du das Habitat verlassen hättest." bemerkte der bernsteinfarbene Rhazaghaner vorwurfsvoll. "Wo bist du gewesen?"

"Wir waren nicht weit weg, es war nur ein kleiner Abstecher nach Nordwesten. Eine Schwinge hatte den alten Sabresh am Kaja-Auge gesichtet."

"Großartig! Wir rechnen jeden Tag mit unseren neuen Gästen, und du pilgerst zu deinem Liebling. Uns erwartet einiges an Arbeit, hast du das vergessen?"

Tarkin blieb stehen und warf einen verärgerten Blick auf die verwaiste fünfte Ebene, auf der sie angelangt waren.

"Wie sollte ich das wohl vergessen können? Drei komplette Ebenen, die wir räumen mußten! Ich hoffe, die Sternenflotte ist zufrieden."

"Immerhin sind sie nicht sehr geräumig. Nebenbei bemerkt: Du hättest nicht gerade die neben dem Kraftwerk liegenden Etagen für die Föderationsleute auswählen müssen. Darf ich fragen, was dich eigentlich stört?"

Tarkin wandte sich zu ihm um.

"Eine ganz simple Tatsache!" erklärte er in bitterem Tonfall. "In der Vergangenheit war die Föderation nicht gerade sehr bemüht, wenn es um Rhazaghan ging. Noch im letzten Jahr bestand ihr einziges Interesse darin, Verstärkung für ihren Krieg zu erhalten. Als wir um Leute baten, beschränkte man sich darauf, uns an die Romulaner zu vermitteln, dabei blieb es dann. Aber nun, nach der ganzen ruhigen Zeit, ist man auf einmal besorgt um uns. Es heißt, es wäre der Föderation wichtig, Rhazaghan Unterstützung zukommen zu lassen, daher hätte man es möglich gemacht, woanders Personal abzuziehen. Als Mongaris betonte, daß dieser Aufwand vollkommen unnötig wäre, redete man von allen Seiten auf sie ein. Die Einladung ins Sirk-Habitat wurde bezeichnenderweise völlig ignoriert, es mußten schon die Vari sein. Wie Mongaris berichtete, war es bei aller Nachsicht nicht mehr möglich, das Benehmen ihrer Gesprächspartner als höflich zu bezeichnen."

"Was willst du?" erwiderte Tybrang, während beide ihren Weg nach oben wieder aufnahmen. "Immerhin handelt es sich um unseren Bündnispartner. Außerdem dürfte die Föderation schon einige Erfahrungen mit den Romulanern gemacht haben. Daß sie infolgedessen hier nach dem Rechten sehen möchte, halte ich für eine sehr begrüßenswerte Entwicklung."

Tarkin warf ihm einen gereizten Blick zu.

"Auch ein Verbündeter gewährt dir nichts, ohne etwas dafür zu verlangen. Wenn er gar Fürsorge entwickelt, ist doppelte Vorsicht geboten. Es ist wohl kaum die liebenswerte Art der Rhazaghaner, die der Föderation an Herz gewachsen ist, vielmehr möchte sie auf den Standort Rhazaghan, seine Rohstoffe und seine Flotte nicht verzichten. Weißt du, was in Wahrheit hinter der ganzen rührenden Aufmerksamkeit steckt, Tybrang? Man will uns ermahnen, bei der Auswahl unserer Freunde pflichtbewußter zu sein, so sieht es aus!"

Tybrang sah Tarkin offen ins Gesicht.

"Und weißt du, was ich glaube? Dich bewegt vor allem die Sorge, daß man Talan und seine Leute eines Tages von Rhazaghan wegbeordern könnte. Die Vorstellung, daß du deinen neuen Jagdfreund verlieren könntest, gefällt dir nicht. Nebenbei gesagt: Ich halte es für unverantwortlich, ihn mit raus zu nehmen. Du bringst ihn nur unnötig in Gefahr."

"Es war sein eigener Wunsch." rechtfertigte sich Tarkin. "Er hat mich darum gebeten, ihn zu schulen. Ich möchte betonen, daß er sich gar nicht schlecht macht."

"Schulen? Einen Romulaner?" Tybrang schnaubte verächtlich. "Wie kannst du jemanden ausbilden, der über keine nennenswerten Sinne verfügt, willst du mir das einmal verraten? Von seinen Möglichkeiten, sich zu verteidigen einmal ganz abgesehen. Was ist das für eine Jagdwaffe - eine Metallspitze an einem Stock, ich bitte dich!"

"Es mag sein, daß er über keine Witterung verfügt, gewiß! Sein Gehör ist dagegen bemerkenswert scharf und sein Lichtsinn zumindest durchschnittlich ausgeprägt. Außerdem ist er für eine Grundform recht beweglich. Was seine Jagdwaffe angeht, muß ich allerdings zugeben, daß ich ihn bewundere. Ich glaube nicht, daß ich es fertigbrächte, mein Leben einem solchen Ding anzuvertrauen. Er jedoch hat keine Probleme damit, und so wie es aussieht, schätzt er sich richtig ein."

"Die Sache neulich hätte auch ganz anders ausgehen können. Angenommen, er hätte den Tirst verfehlt? Ich glaube kaum, daß er am Leben geblieben wäre."

"Intral und ich waren ganz in der Nähe. Du weißt, daß man einen Schüler nicht allein läßt."

"Na schön! Ich weiß aber auch, daß man die Anforderungen an einen Schüler zu steigern pflegt. Was willst du tun? Hast du vor, ihn eines Tages auf die Larkjagd mitzunehmen?"

Tarkin lächelte und seine Augen begannen zu leuchten.

"Warum nicht? Wenn er Talent dafür zeigt?"

Tybrang sah ihn einen Moment an, dann seufzte er.

"Du bist verrückt, Tarkin!"

"Ja, das weiß ich! Du erzählst es mir schon seit vielen Jahren!"

 

 
3.

 

Bevor Pittoni den Container mit ihren Habseligkeiten verschließen konnte, machte sich das Zwitschern des Türmelders bemerkbar. Auf ihre Antwort hin trat Malewitsch ein und warf einen Blick auf die geräumte Kabine.

"Wie ich sehe, haben Sie schon gepackt, Captain! Soll ich Bescheid geben, daß Ihr Gepäck in den Frachtraum gebracht werden kann?"

Pittoni ließ die letzten Verschlüsse zuschnappen.

"Ja, ich bin hier fertig! Die Sachen können nach unten. Allerdings habe ich das dumme Gefühl, zuviel mitgenommen zu haben. Es ist gut möglich, daß ich in unserer neuen Unterkunft Schwierigkeiten haben werde, all das unterzubringen. Wie sieht es mit der Mannschaft aus?"

"Die meisten sitzen bereits auf gepackten Koffern, wenn Sie den Ausdruck gestatten. Die übrigen sind dabei, die Kabinen zu räumen. In spätestens einer Stunde dürften sämtliche Container im Frachtraum sein."

"Gut! Was machen unsere Neuzugänge?"

"Mir ist nichts Negatives aufgefallen."

"Sehr schön!" Pittoni nickte. "Lassen Sie bekanntgeben, daß vor unserem Transfer sämtliche Offiziere im Transporterraum eins antreten sollen. Ich habe die Absicht, noch ein paar kurze Worte an sie zu richten. Zwar habe ich wegen unserer Leute keine Bedenken, aber was die Gruppe um Rowland angeht, hege ich doch ein paar Zweifel. Es ist mir lieber, hier nichts dem Zufall zu überlassen."

Bevor ihr erster Offizier ihr zustimmen konnte, ertönte erneut der Türmelder, worauf Captain van Gelderen die Kabine betrat. Nachdem er die Anwesenden begrüßt hatte, wandte er sich Pittoni zu.

"Entschuldigen Sie, Captain! Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich gleich die Brücke übernehmen werde. Hätten Sie vielleicht Interesse, mich zu begleiten? Die Ivanhoe wird in schätzungsweise einer Stunde in den rhazaghanischen Orbit einschwenken."

"Das ist ein liebenswürdiges Angebot, Captain van Gelderen, ich nehme es gerne an. Sind Sie damit einverstanden, daß Commander Malewitsch uns begleitet?"

Der Kommandant der Ivanhoe lächelte.

"Aber selbstverständlich! Waren Sie schon einmal auf der Brücke eines Schiffes der Galaxy-Klasse, Commander?"

Malewitsch schüttelte den Kopf.

"Bisher noch nicht, Captain!"

"Dann wird es Zeit! Kommen Sie! Sie werden sehen, wir haben oben eine Menge Platz, weit mehr, als man auf einem Kartographierungsschiff vorfindet."

Malewitsch atmete tief durch, dann nickte er.

"Ich danke Ihnen, Sir! Das ist wirklich überaus großzügig von Ihnen."

Kurz darauf betraten sie die Brücke, wo van Gelderen den Kommandosessel übernahm, während Pittoni und Malewitsch zwei Plätze seitlich von ihm angeboten wurden.

"Bericht!" verlangte van Gelderen.

An der Navigation drehte sich eine junge Frau zu ihm um.

"Wir haben vor einer ganzen Weile ein Schiff geortet, das uns entgegenkommt, Sir! Allem Anschein nach kommt es direkt von Rhazaghan."

Der Captain nickte zufrieden. "Man scheint uns jemanden zur Begrüßung entgegengeschickt zu haben. Das nenne ich einen aufmerksamen Empfang! Zeigen Sie doch einmal her, was wir da haben, Lieutenant!"

Gleich darauf verschwand das Bild vorbeiziehender Sterne vom Hauptschirm und machte der Darstellung eines Raumschiffes Platz. Van Gelderen betrachtete es überrascht.

"Nun sieh sich das einer an! Ich habe zwar noch nicht viel über Rhazaghaner gehört, aber es scheint sich um ein Volk von Vogelliebhabern zu handeln. Was meinen Sie, Pittoni? Das kommt einem Raben doch recht nahe, oder?"

Pittonis Blick klebte ebenfalls fasziniert am Hauptschirm. Sie schüttelte den Kopf.

"Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das da vorn würde ich für einen Greifvogel halten, ähnlich wie ein Habicht, könnte man sagen. Wirklich liebevoll gearbeitet und erstaunlich groß! Ich schätze, hier haben wir einen rhazaghanischen Schlachtkreuzer vor uns, Captain!"

Der Mann an den Kontrollen wandte sich um. Sein Gesicht verriet allgemeine Ratlosigkeit.

"Sir, ich habe hier etwas Eigenartiges. Es scheint sich um einen Ruf des uns entgegenkommenden Schiffes zu handeln. Anscheinend wird gerade der Versuch unternommen, Kontakt zu unserem Schiffscomputer herzustellen."

Der Captain sprang auf.

"Was?" rief er überrascht. "Sofort unterbinden!"

"Ich bemühe mich bereits, Sir!" erwiderte der Mann verzweifelt. "Aber so wie es aussieht, findet schon eine Art Kommunikation statt. Jetzt wurde die Verbindung wieder abgebrochen." fügte er gleich darauf erleichtert hinzu.

"Rufen Sie das Schiff!" befahl van Gelderen. "Das ist ja ein merkwürdiges Benehmen! Jetzt bin ich wirklich gespannt, wie die da drüben sich dazu stellen."

Im nächsten Moment erschien ein neues Bild auf dem Hauptschirm und bot der Brückenbesatzung die computeranimierte Frontansicht des entgegenkommenden Schiffes.

"Sagen Sie, hat die Föderation eigentlich nach all den Jahren immer noch keine Fortschritte im Computerbau gemacht?" wurde gleich darauf eine unsagbar verächtlich klingende weibliche Stimme hörbar. "Ich habe versucht, ein Gespräch mit Ihrem Schiffscomputer anzufangen, und es ist kaum zu glauben, was für dümmliche Antworten ich erhalten habe. Es wird allmählich höchste Zeit, daß Sie ein paar Anstrengungen auf diesem Gebiet unternehmen, damit man sich so etwas nicht mehr anhören muß. Nebenbei bemerkt: Für die Ästhetik Ihrer Schiffshüllen könnte auch noch einiges getan werden."

Dann brach der Kontakt schlagartig ab, und der Hauptbildschirm zeigte wieder Sterne. Van Gelderen sah hilfesuchend zu Pittoni hinüber.

"Haben Sie dafür eine Erklärung?"

Sie zog nur ratlos die Achseln hoch, um sie langsam wieder sinken zu lassen.

"Captain, wir werden gerufen!" meldete sich ein Besatzungsmitglied.

Van Gelderen hob den Kopf.

"Auf den Schirm!"

Im nächsten Moment wurde der Hauptschirm von dem Bild einer riesigen Brücke ausgefüllt, die von einer gemischten Besatzung belebt wurde. Im Kommandosessel im Zentrum der Befehlszentrale lehnte ein junger Mann, der eindeutig als Romulaner zu erkennen war. Sein Gesicht zeigte ein erheitertes Schmunzeln, das sich auch in den Mienen der anderen anwesenden Romulaner wiederfand.

"Es tut mir leid, Captain!" wandte er sich an van Gelderen. "Ich muß mich wohl für die Arrhinia D'jah entschuldigen. Sie hat keine Geduld im Umgang mit weniger weit entwickelten Computern und reagiert bei solchen Kontakten meist ungnädig." Sein Lächeln wuchs etwas in die Breite. "Ich hoffe sehr, daß Sie sich durch ihre Bemerkungen nicht gekränkt fühlen."

"Was reden Sie da?" schnaubte van Gelderen verärgert. "Mit wem spreche ich überhaupt?"

"Ich bin Borial, der stellvertretende Schiffsführer der Arrhinia D'jah." informierte ihn der junge Romulaner gelassen. "Um Rhazaghan finden zur Zeit Manöver statt, und aus diesem Grund hielt man es für besser, einige Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Wir haben den Auftrag erhalten, Sie nach Rhazaghan zu eskortieren. Wenn ich Sie auffordern darf, uns in möglichst geringem Abstand zu folgen?"

Van Gelderen schwieg einen Moment verblüfft, dann hatte er sich gefaßt.

"Na gut!" knurrte er. "Einverstanden! Fliegen Sie voraus, wir schließen uns Ihnen an."

Borial nickte würdevoll, dann wechselte die Darstellung wieder zu dem sich rasch nähernden rhazaghanischen Schiff.

Der Captain der Ivanhoe stieß erbost die Luft aus.

"Die Berichte, die man über Rhazaghan erhält, sind nicht übertrieben. Das war die vergnügteste Romulanerbande, die ich jemals gesehen habe. Die scheinen sich hier verdammt wohl zu fühlen. Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so ist es allerhöchste Zeit, daß die Föderation etwas dagegen unternimmt."

Pittoni nickte sorgenvoll. "Ich fürchte, ich muß Ihnen zustimmen. Man scheint den Romulanern hier tatsächlich eine Menge Vertrauen zu schenken, ich habe lediglich zwei Rhazaghaner auf der Brücke bemerken können. Wie es aussieht, wartet noch einiges an Überzeugungsarbeit auf meine Leute und mich."

Nur wenig später hatte das rhazaghanische Schiff die Ivanhoe erreicht, worauf es wendete, um die Führung zu übernehmen. Eine gute halbe Stunde später erreichten sie dann das rhazaghanische Sonnensystem.

Noch vor Erreichen der Gasriesen begegneten ihnen die ersten kämpfenden Schiffe. Sich heftige Gefechte liefernd, jagten sie unter Übungsfeuersalven hin und her, bremsten ab, ließen den Gegner vorbeirasen, um dann urplötzlich zu beschleunigen und die Verfolgung des genarrten Gegenspielers aufzunehmen. Ganze Formationen schossen aufeinander los, um dann in Einzelkämpfe auseinanderzubrechen, feuernd, kurvend, scheinbar ohne Rücksicht auf jegliche Strukturintegrität. Wenn eines der Schiffe längere Zeit unter gegnerisches Feuer geriet, simulierte es wie im wirklichen Kampf Beschädigungen, indem es die Geschwindigkeit reduzierte, oder aber es zog sich als zerstört ganz aus dem Gefecht zurück.

Nach nur kurzer Beobachtungszeit waren die Schiffe auszumachen, die die angreifenden Jem'Hadar verkörperten. Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit zu nehmen, in der grimmigen Gewißheit, der zahlenmäßig Überlegene zu sein, flogen sie Angriff auf Angriff, geradlinig, schonungslos und selbstzerstörerisch. Die rhazaghanische Seite dagegen baute in Angriff und Verteidigung auf gegenseitige Hilfe, nahm den Feind in komplizierten Flugmustern gemeinschaftlich in die Zange, während man versuchte, Treffer möglichst lange von den vogelartigen Gebilden fernzuhalten. Nie wurde ein Schiff allein gelassen. Geriet eines in Bedrängnis, schossen augenblicklich weitere zu seiner Verteidigung heran. Das ganze Sonnensystem bildete ein einziges Schlachtfeld stürmisch durcheinanderwirbelnder Metallkonstruktionen.

Auf der Brücke der Ivanhoe beobachtete man schweigend die feuernden Schiffe, die sich stets bemühten, einen rücksichtsvollen Bogen um den Neuankömmling und seine dicht vorausfliegende Lotsin zu schlagen. Immer mehr wuchs die leuchtende Scheibe Rhazaghans im Hintergrund an, als plötzlich eine ganze Schar von Kämpfenden seitlich vorbeischoß. Im nächsten Augenblick hatte die Arrhinia D'jah bereits ihren Traktorstrahl aktiviert, packte eines der verfolgten Schiffe und hielt es einen kurzen Moment lang in ihrem energetischen Griff, mit dem Ergebnis, daß es unter den massiven Beschuß seiner Verfolger geriet. Völlig unvermittelt erlosch der Traktorstrahl wieder, und das vorausfliegende Schiff näherte sich weiterhin dem Planeten an, ohne den Gefechtsteilnehmern noch einmal Beachtung zu schenken.

Captain van Gelderen sah zu Pittoni hinüber.

"Haben Sie das eben gesehen? Was mag das zu bedeuten haben?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte sich hier um ein Anzeichen für schwelende Clanrivalitäten handeln. Die Romulaner scheinen bei der Angelegenheit nach Kräften mitzumischen. Anscheinend stehen die Dinge noch wesentlich schlimmer, als wir bisher ahnten, Captain!"

Kurz darauf wurden sie gerufen, und Borial erschien erneut auf dem Bildschirm.

"Aus Sicherheitsgründen ist es nötig, Ihr Schiff vor dem Personentransfer über dem Habitat auszurichten." erklärte er. "Wir könnten das mit Hilfe unseres Traktorstrahls vornehmen, aber Sie können sich natürlich auch von der Sirk-Zentrale helfen lassen, wenn Sie es wünschen."

Van Gelderen betrachtete ihn argwöhnisch.

"Wir ziehen die zweite Möglichkeit vor." teilte er ihm mit. "Das wirft doch wohl keine Probleme auf?"

"Keineswegs! Wir werden der Sirk-Zentrale Ihren Wunsch mitteilen. Wenn ich mich dann verabschieden darf? Wir haben die Absicht, wieder unseren Hangar anzusteuern."

Das Bild des Romulaners erlosch. Kurz darauf erschien die Computeranimation eines sich drehenden, kristallin wirkenden Gebildes auf dem Hauptschirm. Der Captain seufzte bei dem Anblick des Objektes auf.

"Noch so ein Rätsel! Hat vielleicht jemand von den Anwesenden eine Vorstellung, worum es sich hier handeln könnte?"

Die Frau an der Navigation wandte den Kopf.

"Verzeihen Sie, Captain, aber ich glaube, ich weiß, was das ist. Das sieht wie der Zapfen von einer Pinie aus. Bei uns Zuhause gibt es jede Menge davon."

Ehe van Gelderen auf diese Information eingehen konnte, drang die Stimme eines jungen Mädchens durch die externe Kommunikation.

"Dies ist die Torwächterin von den Sirk. Sie möchten über dem Vari-Habitat ausgerichtet werden?"

"Das ist korrekt! Mit wem...?"

"Ich werde die Ausrichtung vornehmen. Wenn Sie mir bitte Zugang zu Ihrer Navigationseinheit ermöglichen würden?"

"Einen Augenblick!" bremste van Gelderen. "Darf ich fragen, mit wem wir hier verbunden sind?"

"Mit der Torwächterin von den Sirk!" kam die Antwort mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme. "Sie wünschen doch eine Ausrichtung?"

"Schon!" räumte der Captain ein. "Allerdings müssen Sie verstehen, daß wir Ihnen nicht so ohne weiteres Zugang zu unserem Schiffscomputer gewähren können. Ich möchte gern sicherstellen, daß Sie überhaupt die Befugnis besitzen, ein solches Manöver vorzunehmen."

"Die Autorisation wurde mir von Clanführerin Mongaris erteilt."

"Sehr schön! Ist diese Dame vielleicht zu sprechen?"

"Clanführerin Mongaris befindet sich im Augenblick mit der Bergschnee im Manöver." erwiderte die Mädchenstimme nun leicht gereizt. "Wenn Sie es wünschen, werde ich die Arrhinia D'jah noch einmal kontaktieren. Es ist allerdings möglich, daß der Trägerstrahl sie schon erfaßt hat."

"Nein, das wird nicht nötig sein!" hielt van Gelderen die Torwächterin hastig auf. "Nehmen Sie die Ausrichtung vor! Ich nehme an, hier wird wohl alles seine Richtigkeit haben."

Noch während der Captain der Ivanhoe mit der Torwächterin sprach, erhoben sich Pittoni und Malewitsch, um die restlichen für den Transfer notwendigen Formalitäten hinter sich zu bringen. Etwas später traf Pittoni dann im Transporterraum ein, wo sie die Offiziere vollzählig versammelt vorfand. Sie warf einen prüfenden Blick auf Rowland, aber der junge Mann sah vorschriftsmäßig geradeaus und rührte sich nicht.

Pittoni blieb vor ihren angetretenen Leuten stehen und legte die Hände auf den Rücken.

"Wie Sie inzwischen wissen, bekommen wir Gelegenheit, ein außerordentlich interessantes Volk kennenzulernen, das bislang kaum von Föderationswissenschaftlern aufgesucht worden ist." begann sie ihre kurze Ansprache. "Was wir jedoch genau wissen, ist, daß es sich um eine überaus liebenswürdige und umgängliche Spezies handelt, die zudem in dem Ruf steht, besonders gastfreundlich zu sein. Es liegt nun an uns, zu zeigen, daß auch der übrige Teil der Föderation von Völkern bewohnt wird, denen Eigenschaften wie Höflichkeit, Taktgefühl und Anstand nicht fremd sind. Ich setze mein volles Vertrauen in Sie, daß Sie sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen. Es ist möglich, daß die verschiedenen Wandlungsformen der Rhazaghaner anfangs auf Sie ungewohnt, ja, vielleicht sogar erschreckend wirken. Ich bin jedoch sicher, daß Sie sich rasch an die zweifellos faszinierenden Fähigkeiten unserer Gastgeber gewöhnen werden, wenn Sie sich vor Augen halten, daß die jeweilige Gestalt ausschließlich eine Frage des Äußeren ist." Sie sah zu T'Alai hinüber und lächelte. "Lassen Sie uns also eine Mission beginnen, die uns möglicherweise eine Menge Diplomatie abfordern wird, um die uns jedoch mit Sicherheit sämtliche Biologen und Ethnologen von Herzen beneiden."

Gemeinsam mit Malewitsch stieg sie hinauf auf die Transporterplattform und machte sich bereit. Der Transporteroffizier hatte offenbar noch ein paar Probleme, denn der Transfer verzögerte sich einen kurzen Moment, jedoch lang genug für Pittoni, um sehen zu können, wie der junge Bursche links von Rowland sich seinem Nachbarn zuwandte.

"Was hat sie da von Wandlungsformen geredet?" hörte sie den Mann raunen. "Ich dachte, wir sind hier, um den verdammten Spitzohren eins zu verpassen."

Dann setzte der Transportereffekt ein.

 

 
4.

 

Pittonis nächste bewußte Handlung bestand darin, nach Luft zu schnappen, um dem Transporteroffizier Einhalt zu gebieten, doch dann begannen ihre Sinne, die neue Umgebung wahrzunehmen. Der Transfer war erfolgt; irgendwelche Rücksprachen würden vorerst warten müssen.

Der Raum, in dem sie und Malewitsch materialisiert waren, erwies sich als überraschend groß, durch mildes künstliches Licht erhellt, die Wände mit den Darstellungen verschiedener Bäume in dezenten Farben geschmückt. Pittoni erkannte eine breite Treppe, die bogenförmig ihren Weg in ein höheres Stockwerk begann, während weitere Stufen den Gang nach unten ermöglichten. Einige Schritte entfernt saßen mehrere gestreifte oder gefleckte Kreaturen in variierenden Fellfarben und warfen interessierte Blicke auf die Neuankömmlinge.

"Die Krallenluum!" dachte Pittoni fasziniert. "So sieht die Krallenluum aus!"

Sie trat vor und wollte gerade einige Begrüßungsworte an die Geschöpfe richten, als sie aus dem Augenwinkel eine Annäherung wahrnahm. Als sie sich umwandte, mußte sie den Kopf etwas heben, um der Person ins Gesicht sehen zu können, einer noch relativ jungen Frau, die ihren Blick aus sanften, erstaunlich dunkelgrünen Augen erwiderte. Fragend neigte sie den Kopf.

"Captain Pittoni und Commander Malewitsch?"

"Das ist richtig!"

Die Frau lächelte.

"Mein Name ist Aslari." stellte sie sich vor. "Ich heiße Sie im Vari-Habitat herzlich willkommen. Sie hatten hoffentlich eine gute Reise?"

Während Pittoni nebenbei wahrnahm, wie im Hintergrund der Transfer fortgesetzt wurde, konzentrierte sie sich auf das Gesicht der Rhazaghani. Sie empfand es als heiter, offen und überaus warmherzig. Augenblicklich stieg in ihr Sympathie für ihr Gegenüber auf.

"Unser Flug verlief ohne jegliche Probleme, vielen Dank!" ergriff sie das Wort. "Außerdem bekamen wir vorhin noch Gelegenheit, Ihre Flotte im Manöver zu beobachten. Ich muß Ihnen ein Kompliment aussprechen: Der Anblick, der sich uns bot, war wirklich überwältigend. Nach dem, was wir gesehen haben, wird das Dominion in Rhazaghan einen entschlossenen und gut vorbereiteten Gegner finden."

"Das Dominion hat bereits Bekanntschaft mit Rhazaghan gemacht." erklärte Aslari ruhig und selbstbewußt. "Wir nehmen kaum an, daß es diese Erfahrung wiederholen möchte. Sollte es uns aber noch einmal die Cardassianer schicken, so werden sie über die Veränderungen, die auf diesem Planeten vorgegangen sind, sehr überrascht sein. Rhazaghan wird nie wieder eine leichte Beute darstellen."

"Ich habe bereits gehört, daß Sie in der Vergangenheit schon einmal Opfer eines cardassianischen Überfalls waren." erwiderte Pittoni mitfühlend. "Wenn ich richtig informiert bin, wurde dabei ein ganzer Clan vernichtet."

Die Rhazaghani nickte ernst. "Es dauerte einige Zeit, bis wir die Erbarmungslosigkeit unserer Invasoren begriffen. Die Numa zahlten den Preis für diese Erkenntnis, und ihr Verlust riß eine unheilbare Wunde in die Gemeinschaft der Clans. Wir haben mittlerweile Sorge getragen, daß es die einzige bleiben wird, aber das ändert nichts an ihrer Existenz. Darf ich Sie jetzt auffordern, mich hinauf auf die nächste Ebene zu begleiten? Clanführer Tarkin erwartet Sie bereits."

"Er ist hier?" fragte Pittoni überrascht.

Aslari betrachtete sie erstaunt.

"Im Habitat, ja, natürlich!" erwiderte sie. "Hatten Sie aus irgendeinem Grund angenommen, er würde abwesend sein?"

Pittoni tauschte mit Malewitsch einen verwirrten Blick.

"Eigentlich nicht! Ich hatte nur nicht damit gerechnet, daß er Zeit finden würde, uns hier persönlich zu empfangen. Ich halte das für außerordentlich aufmerksam, zumal er mit Sicherheit ein vielbeschäftigter Mann sein wird."

Aslari lächelte. "Er ist der Clanführer!" erklärte sie freundlich. "Kommen Sie!"

Sie schickte sich an, sich umzuwenden, doch noch bevor sie die Führung übernehmen konnte, wurde hinter ihr ein ebenso leises wie unscheinbares Geräusch hörbar: Jemand nieste.

Aslaris Augen weiteten sich, die heitere Sanftmut verschwand schlagartig aus ihren Zügen, um etwas Wildem und Verbissenem Platz zu machen. Sie fuhr herum, um nach nur wenigen Schritten an der Stelle anzulangen, von wo der Laut erklungen war. Dort wurde gerade eine eben materialisierte Person von mehreren in der Krallenluum befindlichen Rhazaghanern umringt, die ihre spitzen Ohren flach an die Köpfe angelegt hatten. Gleich darauf erklang ein zweites Niesen.

"Gehört diese Frau zu Ihren Leuten, Captain?" fragte Aslari knapp.

Pittoni warf einen Blick auf die Unglückliche und erkannte einen weiblichen Fähnrich, der der Gruppe um Rowland angehörte.

"Das ist korrekt!" antwortete sie. "Welchen Vergehens hat sie sich schuldig gemacht?"

Aslari beobachtete die Eingekreiste aus schmalen Augen.

"Sie hat ihren Körpergeruch mit einer stark riechenden Substanz verfremdet. Es tut mir leid, Captain, aber wir sind nicht bereit, so etwas zu dulden."

Pittoni warf der jungen Frau einen verärgerten Blick zu.

"Aber Fähnrich Wilkinson!" begann sie vorwurfsvoll. "Haben Sie denn mein Informationsblatt nicht gelesen? Ich hatte ausdrücklich hervorgehoben, daß die Verwendung von Parfüm und ähnlichen Substanzen auf Rhazaghan strikt verboten ist. Der Geruchsinn der Bewohner dieses Planeten ist außerordentlich sensibel. Darf ich fragen, was Sie gemacht haben?"

Fähnrich Wilkinson warf einen verängstigten Blick hinunter auf die Rhazaghaner, die sie umringten.

"Ich... ich hatte mir an Bord der Ivanhoe noch ein denebianisches Duftbad gegönnt, Captain! Das mit dem Parfümverbot wußte ich nicht, ich muß es überlesen haben. Es tut mir wirklich furchtbar leid. Bitte, Madam, könnten Sie vielleicht dafür sorgen, daß man diese Tiere wegnimmt?"

Aslari atmete tief durch.

"Ich bedaure es sehr," sagte sie leise und bestimmt, "aber ich fürchte, Sie werden sich einer Körperreinigung unterziehen müssen."

Sie drehte sich um und winkte zwei hochgewachsene Rhazaghaner in der Grundform heran, dann wandte sie sich wieder an Pittonis Untergebene.

"Ich muß Sie nun dazu auffordern, einen unserer Wasserbereiche aufzusuchen, die Kleidung abzulegen und den Fremdgeruch dort zu entfernen. Raban und Jarasin werden Sie begleiten."

Die junge Frau warf einen fassungslosen Blick auf die beiden Rhazaghaner, die ernst auf sie herabsahen.

"Captain!" rief sie entsetzt. "Sie werden es doch nicht zulassen, daß diese beiden Männer mir bis ins Bad folgen? Ich bin auf gar keinen Fall bereit, mich vor ihren Augen zu entkleiden. Bitte, Captain..."

Noch während sie Pittoni anflehte, trat eine deutlich kleinere Rhazaghani an Aslari heran und begann leise auf sie einzusprechen. Nach nur wenigen Worten runzelte Aslari überrascht die Stirn, dann nickte sie.

"Nirrit hat mir gerade erklärt, daß männliche Begleitung in ihrem Fähnrich Unbehagen hervorrufen würde." richtete sie das Wort wieder an Pittoni. "Aus diesem Grund werden zwei Frauen Ihrem Crewmitglied bei der Reinigung Gesellschaft leisten. Sind Sie damit einverstanden?"

Pittoni, die sich von einem schwierigen Dilemma erlöst sah, atmete erleichtert auf.

"Ich danke Ihnen sehr für Ihr Entgegenkommen und möchte mich für diesen Verstoß gegen Ihre Sitten entschuldigen. Ich fürchte, es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß unsere Unkenntnis anfangs noch einige Mißverständnisse verursachen wird, allerdings werden wir unser Möglichstes tun, um uns rasch an Ihre Bräuche anzupassen. Leider kann ich bis dahin nur um Nachsicht für meine Leute und mich bitten."

Aslaris Züge entspannten sich etwas.

"Natürlich, Captain, ich sehe ein, daß es nicht ganz einfach für Sie ist, sich bei uns einzugewöhnen. Wenden Sie sich bei Verständnisschwierigkeiten einfach an Nirrit oder mich, wir werden uns bemühen, Probleme rasch zu beseitigen. Wenn Sie mir nun zu Clanführer Tarkin folgen möchten?"

Gleich darauf befanden sie sich auf dem Weg in das nächste Stockwerk. Pittoni hatte schon zuvor den kraftvollen Griff des Planeten gespürt, doch nun hatte sie das Gefühl, daß ihre Kniegelenke bei jeder Stufe empört aufschrien.

"Konstantin hat recht!" seufzte sie im Stillen. "Für solche Missionen sollte man jüngere Leute einsetzen. Ich werde wohl oder übel mit einer Kollagen-Therapie beginnen müssen."

Nachdem sie aufatmend die Treppe hinter sich gelassen hatte, folgten sie und Malewitsch ihrer Führerin bis an das Ende eines Ganges, wo die Rhazaghani stehenblieb, um eine geschnitzte Tür zu öffnen. Sie betraten ein geräumiges Quartier, dem Pittoni jedoch zunächst keine Beachtung schenkte, weil ihr Blick sofort an der breiten Fensterreihe hängenblieb. Dort draußen befand sich irgend etwas Gewaltiges und verdunkelte die Sonne.

Aslari brachte sie hinaus auf eine bepflanzte Terrasse, wo sie bereits von zwei Personen erwartet wurden. Die eine von ihnen erwies sich als ein großer, athletischer junger Mann mit kurzem Haarschnitt, der ihnen freundlich entgegensah. Die andere, noch etwas größere, hatte ihnen den Rücken zugewandt und die ausgestreckten Arme auf die Steinbrüstung gestützt. Kräftiges dunkelrotes Haar reichte ihr weit bis über die Schultern.

All das erfaßte Pittoni nur nebenbei, denn sie hatte ihren fassungslosen Blick auf die riesige Silhouette gerichtet, die sich dort draußen langsam und geräuschlos abwärts bewegte. Gerade erschien die Sonne wieder hinter dem unwirklichen Objekt, warf gleißendes Licht über die mächtigen Tragflächen und ließ deutlich die Konturen eines Greifvogels erkennen. Pittoni riß die Augen auf und trat an die Brüstung.

"Aber... aber das ist das Schiff, das uns bis Rhazaghan eskortierte!" rief sie aus.

"Das haben Sie richtig erkannt!" erklang eine Stimme neben ihr. "Das ist die Arrhinia D'jah von den Vari. Sie untersteht der Führung von Kommandant Talan."

Pittoni wandte den Kopf und blickte zu dem neben ihr an der Brüstung stehenden Mann auf.

"Sie landen sie auf dem Planeten?"

"In ihrem Hangar, ganz recht! Eine Sternschwinge gehört in die Nähe ihres angestammten Clans."

Pittoni sah wieder hinaus auf die Ebene, wo das Raumschiff gerade von einer gähnenden Öffnung ungeheurer Größe verschlungen wurde. Kurz darauf begannen sich die Tore des unterirdischen Hangars zu schließen.

"Unglaublich!" staunte sie. "Darüber wurde in meinen Unterlagen nichts berichtet."

"Das wundert mich nicht!" erwiderte der Rhazaghaner. "Wie wir feststellen durften, war die Föderation während der letzten Jahrzehnte ungewöhnlich beschäftigt."

Der leise Tadel in der Stimme des Mannes veranlaßte Pittoni nun dazu, sich endgültig zu ihm umzuwenden.

"Dessen sind wir uns bewußt." gestand sie. "Allerdings möchte die Föderation diesen Fehler gern wiedergutmachen. Man hat sich entschlossen, alles Erforderliche zu unternehmen, um Rhazaghan in seinem Kampf um diesen Sektor zu unterstützen. Wenn ich mich vorstellen darf: Ich bin Captain Nicola Pittoni und dies ist mein erster Offizier Commander Konstantin Malewitsch."

Malewitsch trat heran und neigte höflich den Kopf.

"Wir sind hierherbeordert worden, um bei der Verteidigung dieses Planeten Hilfe zu leisten." schloß Pittoni hoffnungsvoll.

Sie stellte sich im Stillen die Frage, ob ihr Gegenüber mit dem Brauch des Händeschüttelns vertraut war, doch diese wurde gleich darauf beantwortet: Der Mann nickte ernst und legte die Hände auf den Rücken. Zwei helle scharfe Augen sahen aufmerksam und kritisch auf sie herab.

"Clanführer Tarkin!" stellte sich der Rhazaghaner vor.

Er wies mit einer Kopfneigung zu dem anderen Mann, der ebenfalls herangekommen war. "Dies ist Tybrang, einer meiner Berater. Wir wissen Bescheid, man hat uns über Ihr Kommen informiert. Interessanterweise haben wir dabei den Eindruck gewonnen, daß die Föderation uns Vari als ganz besonders hilfsbedürftig einstuft."

Pittoni zuckte innerlich zusammen. Tybrang dagegen sah zu Tarkin hinüber und runzelte deutlich erkennbar die Stirn. Einen Moment lang herrschte unangenehmes Schweigen.

"Wir fühlen uns außerordentlich geehrt, Clanführer!" fuhr Pittoni schließlich, Tarkins Kritik verzweifelt ignorierend, mit ihrer Begrüßung fort. "Offen gestanden hatten wir nicht damit gerechnet, daß wir Ihnen bereits direkt nach unserer Ankunft vorgestellt würden. Daß Sie sich eigens die Mühe gemacht haben, uns hier in unserem Habitat aufzusuchen, ist wirklich sehr liebenswürdig. Wir wissen diese Aufmerksamkeit zu schätzen."

Tarkin betrachtete sie verblüfft.

"'Ihr Habitat' ist gut!" bemerkte er. "Schauen Sie es sich an! Ich fürchte, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als es mit nicht weniger als gut siebentausend Vari und nebenbei noch mit einem romulanischen Regiment zu teilen."

Er wies nach oben. Seine Gesprächspartnerin sah nun erstmalig auf und schnappte nach Luft, als sie den Kopf in den Nacken legen mußte, um die Wohnstätte in ihrer ganzen Ausdehnung erfassen zu können. Stockwerk türmte sich auf Stockwerk in weichen fließenden Formen, die Bögen und Spitzen ausbildeten und mit Bäumen bepflanzte Plattformen modellierten. Ein Heer von abgerundeten Fensterreihen zog sich, immer kleiner werdend, die gesamte Breite der gewölbten Außenwand hinauf. Weit oben war zu erkennen, daß sich das Habitat in eleganten Windungen zusehends verjüngte, um schließlich in eine filigrane Spitze auszulaufen. Pittoni wandte sich ihrem ebenfalls starrenden ersten Offizier zu.

"Commander, sehen Sie!" rief sie aus. "Es handelt sich um gar kein Gebäude. Es ist vielmehr eine kleine Stadt, worin wir uns befinden."

Tarkin nickte. "Eine Stadt, ja! Die Stadt der Vari! Was Sie hier vor sich sehen, ist das Heim sämtlicher Angehöriger unseres Clans. Wir nennen es das Vari-Habitat. Kommen Sie mit hinein, Captain, dann kann ich Ihnen Ihre Unterkunft zeigen."

Er drehte sich um und betrat die Räumlichkeiten, die Pittoni und Malewitsch kurz zuvor durchquert hatten. Nun, nachdem der Hangar die Sternschwinge verschluckt hatte, fiel helles Sonnenlicht durch die Fensterscheiben und ließ das Quartier freundlich und behaglich erscheinen. Tarkin führte Pittoni einmal herum und sah sie dann erwartungsvoll an.

"Sind Sie mit der Auswahl Ihrer Unterkunft einverstanden?"

Pittoni blickte verwundert auf die zahlreichen Häute und Felle.

"Selbstverständlich, Clanführer! Ich hatte gar nicht mit einem solch geräumigen Quartier gerechnet. Im übrigen wäre es wirklich nicht nötig gewesen, die vielen kostbaren Pelze hierherzuschaffen."

Tarkin nickte. "Es freut mich, daß Sie zufrieden sind, es ist eines der wenigen Terrassenquartiere auf den unteren Ebenen. Falls dennoch irgend etwas fehlen sollte, so zögern Sie nicht, sich an uns zu wenden! Was die Felle angeht, so brauchen Sie sich nicht zu bedanken, sie fallen ohnehin massenweise bei der Jagd ab. Wenn wir uns dann empfehlen dürfen? Wegen der Einquartierung wartet noch eine Menge Arbeit auf uns."

Als sich die Tür hinter den Rhazaghanern geschlossen hatte, ließ sich Pittoni auf den nächsten fellbezogenen Sessel sinken. Malewitsch sah sie mit einem gequälten Lächeln an.

"Jäger und Sammler, Captain!"

Sie warf ihm einen Seitenblick zu und seufzte.

"Ich muß wohl zugeben, daß diese Information tatsächlich korrekt war. Ansonsten gibt unsere Vorbereitung leider kein berühmtes Bild ab. Was halten Sie von Tarkin?"

Er stieß nervös die Luft aus.

"Nach meinem ersten Eindruck zu urteilen würde ich ihn nur ungern zum Feind haben wollen. Außerdem hat er nicht gerade einen Hehl daraus gemacht, daß es ihm nicht gefällt, uns hier zu sehen."

"Ja, er ist nicht dumm! Er hat genau begriffen, woher der Wind weht und fühlt sich von der Föderation kontrolliert. Ich möchte zu gerne wissen, was genau in ihm vorgeht. Angeblich hat es ja den Beruf des Kriegers auf Rhazaghan nie gegeben, aber dieser Bursche gibt mir das Gefühl, als wäre er gerade im Begriff, ihn zu erfinden."

"Haben Sie auf seinen Berater geachtet? Er erweckte den Eindruck, als wäre er mit Tarkins Äußerungen nicht ganz einverstanden."

"Tybrang? Ja, das ist mir aufgefallen. Möglich, daß wir in ihm einen zukünftigen Verbündeten haben. Aber was Tarkin betrifft, fehlt mir wirklich jegliche Vorstellung, wie wir sein Vertrauen gewinnen können. Eigentlich hatte ich trotz allem bis heute gehofft, hier einem gemütlichen Patriarchen vorgestellt zu werden, aber stattdessen treffen wir auf einen möglichen jungen Revolutionär mit dem Charisma eines Sektenführers. Meiner Ansicht nach könnten wir wohl kaum schlechtere Voraussetzungen für den Erfolg unserer Mission vorfinden."

 

"Das war ja eine schöne Begrüßung!" bemerkte Tybrang verstimmt. "Du hättest ruhig etwas mehr Liebenswürdigkeit an den Tag legen können, die Frau war restlos verunsichert. Und was sollte das eben auf der sechsten Ebene? Meiner Ansicht nach wäre das nicht unbedingt nötig gewesen."

Tarkin legte amüsiert das linke Ohr schräg, während er weiter aufwärts stieg.

"Zumindest wissen sie jetzt Bescheid." erwiderte er. "Wozu die Leute im Unklaren lassen? Immerhin war es ziemlich ersichtlich, daß einige von ihnen überhaupt nicht wußten, wo man sie hingeschickt hat."

"Man wirbt nicht gerade um Verständnis, indem man andere erschreckt. Es reicht vollkommen aus, wenn unsere neuen Gäste auf der Begrüßungsfeier in unsere Kultur eingeführt werden. Hast du dir eigentlich schon etwas dazu überlegt?"

"Ich habe an die Sporthalle auf der achten Ebene gedacht, schließlich liegt sie genau zwischen den Föderationsleuten und den Romulanern. Es dürfte kein Problem darstellen, sie entsprechend auszustatten und zu schmücken."

"Und das Programm?"

Tarkins Schulter zuckte kurz. "Ich habe Darrab gebeten, die Vari-Geschichte zu erzählen. Sie ist relativ ruhig und ein Wechsel für die Erzählung nicht unbedingt erforderlich. Außerdem könnten einige Heranwachsende eine Kaja-Jagd darstellen."

"Schön! Und was ist mit dir?"

Tarkin warf einen erstaunten Seitenblick auf ihn hinunter.

"Was soll mit mir sein?"

"Du bist der Clanführer, eigentlich gebietet es die Höflichkeit, daß auch du etwas zu dem Abend beiträgst. Überhaupt wäre es weitaus passender, wenn du die Vari-Geschichte vorträgst, anstatt sie Darrab zu überlassen."

Tarkin blieb vor seinem auf der achtundzwanzigsten Ebene liegenden Quartier stehen und wechselte wieder in die Grundform.

"Darrab ist erster Habitatsarzt und zudem einer der Clanältesten, ich wollte ihn nicht übergehen." erklärte er. "Schließlich handelt es sich um eine Begrüßungsfeier, nicht um eine Zusammenkunft. Was mich betrifft, so habe ich vor, mir während des Abends in aller Ruhe anzusehen, was das überhaupt für Gäste sind, die wir da ins Habitat hineinbekommen haben. Das wird nicht gut möglich sein, wenn ich mich auch noch auf einen Beitrag konzentrieren muß, wenn du verstehst, was ich meine."

Er nickte Tybrang zu und öffnete die Tür zu seiner Unterkunft.

"Denkst du wenigstens an die Clanchronik?" fragte Tybrang, bevor er sich abwandte.

Tarkin verdrehte gereizt die Augen.

"Ja, doch, ich werde daran denken! Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, daß ich heute keine Zeit dafür finden werde."

"Ich habe sie mir neulich angesehen. Du hast seit dem Winter nichts mehr eingetragen."

"Keine Angst, ich hole es schon noch nach. Vielleicht komme ich in ein paar Tagen dazu, aber im Moment sehe ich einfach keine Möglichkeit, mich dranzusetzen. Wir sehen uns nachher!"

Tybrang drehte sich um und stieg die Habitatstreppe wieder hinunter.

"Du machst es dir verdammt einfach, Tarkin!" murmelte er verärgert.

 

Lieutenant Brad Rowland und einer seiner Leute schafften mühsam einen Container mit Gepäck hinauf auf die siebente Ebene.

"Das ist vielleicht ein Laden hier!" keuchte der junge Fähnrich. "Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen, als sich der rothaarige Kerl in das Riesenviech verwandelt hat. Was sollte das sein, ein Gaul, oder was? Mann, meine Großtante hatte früher auch Pferde, aber die haben sich anders bewegt. Nicht so, als wären sie dazu fähig, dich in Stücke zu reißen."

Rowland nickte und stellte nach Luft ringend den Behälter auf den Stufen ab.

"Ja, ich dachte auch einen Moment lang, wir wären in ein verdammtes Formwandlernest geraten. Kein Wunder, daß die Decken hier so hoch sind, kann gut sein, daß wir noch größere Biester zu sehen kriegen. Irgendwie würde ich mich mit einem Phaser am Gürtel wesentlich wohler fühlen."

"Nach dem, was Pittoni da vorhin im Transporterraum erzählt hat, sollen die Einheimischen allerdings recht friedfertig sein."

"Ach, Pittoni!" Rowland machte eine wegwerfende Handbewegung. "Die ist nicht wie Rüang. Pittoni würde bei einem Jem'Hadar-Angriff nichts anderes einfallen, als die Grußfrequenzen zu öffnen. Die lebt immer noch in den Zeiten der Erforschung neuer Welten und neuer Zivilisationen. Vergiß sie, bei diesem Einsatz sind wir ganz auf uns gestellt."

Noch bevor sie ihre Last wieder aufgenommen hatten, belebte sich die Treppe zusehends mit Romulanern, die auf dem Weg in die höheren Stockwerke des Habitates waren. Einer von ihnen verharrte einen Augenblick, warf demonstrativ einen spöttischen Blick auf den Container, der noch immer auf den Stufen stand, um dann seinen Weg nach oben fortzusetzen. Die beiden Terraner warteten eine Weile, bis wieder Ruhe eingekehrt war, dann schnaubte Rowland wütend.

"Spitzohren! Die fühlen sich natürlich obenauf bei der Gravitation hier. Glauben sich über uns lustig machen zu können, weil wir sie nicht gewöhnt sind. Alles derselbe arrogante Haufen!"

Noch während er sprach, kam ein außerordentlich muskulöser junger Mann die Treppe emporgeeilt. Er hatte einen der Container geschultert und nahm bei jedem Satz mehrere Stufen auf einmal.

"Noch so einer!" bemerkte Rowland mit einem neidvollen Seitenblick. "He, Arie, du blühst hier ja geradezu auf! Fühlst dich wohl wie zu Hause, wie?"

Arie blieb stehen ohne das Gepäckstück abzusetzen und grinste.

"Es geht! Bei uns auf Tresquodoc ist die Gravitation noch etwas stärker, aber wenigstens hat man jetzt nicht mehr bei jedem Schritt das Gefühl, gleich abzuheben."

Rowland schüttelte zweifelnd den Kopf.

"Nicht zu fassen, daß deine Vorfahren von der Erde stammen. Eigentlich nur schwer vorstellbar, daß ein richtiger Mensch so etwas auf Dauer aushält."

Sein Gegenüber lächelte überlegen.

"Wer nach Tresquodoc kam, entsprach nie dem üblichen Durchschnitt. Viele waren Berufssportler wie Ringer, Gewichtheber, Turner oder Ruderer. Andere hatten schon vorher auf Hochschwerkraftplaneten gelebt. Wer mit der Gravitation absolut nicht zurechtkam, ging nach einer Weile wieder, allerdings nimmt man für solche Berge an Bodenschätzen einiges auf sich. Immerhin heißt es auch heute noch bei uns: Es ist unmöglich, nach Tresquodoc zu kommen, ohne reich zu werden."

"Alles schön und gut!" warf der neben Rowland stehende Fähnrich ein. "Aber daß du mit diesen Schwerkraftverhältnissen immer noch so gut klarkommst, ist schon erstaunlich. Du lebst bereits eine ganze Weile genau wie wir bei eins Komma null G. Dein Muskelapparat müßte doch allmählich abbauen, oder irre ich mich?"

Arie wuchtete mit unglaublicher Leichtigkeit den Container auf die andere Schulter.

"Was glaubst du, warum ich meine gesamte Freizeit in der Sporthalle verbringe? Schließlich fahre ich regelmäßig nach Hause, und ich möchte nur ungern, daß meine Eltern das Gefühl bekommen, sie hätten einen Schwächling großgezogen. Meine alten Kumpels holen mich bei jedem meiner Besuche vom Raumflughafen ab und hoffen darauf, mich keuchend und japsend aus dem Shuttle steigen zu sehen, aber glaub mir: Lieber dreht sich Arie Corestid beim Training dreimal pro Tag die Lunge auf links, bevor das passiert."

Der Tresquodocer wandte sich von ihnen ab und sprintete mit seiner Last die Treppe hinauf. Seine Gesprächspartner sahen ihm nachdenklich hinterher.

"Verstehen kann ich ihn schon." bemerkte Rowland. "Los, komm! Packen wir's, auch wenn wir nicht so gut in Form sind wie Arie."

Beide bückten sich und nahmen den Container wieder auf. Auf dem Weg nach oben wurden sie von einem weiblichen Lieutenant überholt, der in dem von Pittoni zusammengefaßten Informationsmaterial blätterte.

"Hey, Della! Schreibst du eine Doktorarbeit, oder was?" rief Rowland spöttisch. "Was willst du mit dem wissenschaftlichen Zeug."

Die junge Frau sah stirnrunzelnd auf und drehte sich um.

"Du solltest es ruhig lesen, Brad! Ist gar nicht uninteressant."

"Meine Güte, wozu?" lachte Rowland. "Eine Karriere als Biologieprofessor ist mir noch nie in den Sinn gekommen."

Della zuckte gleichgültig die Achseln. Dann fuhr sie fort, die Habitatstreppe hinaufzusteigen.

 
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