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Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
Die Chusa erkletterte behende den höchsten Steinhaufen, dann hob sie ihre faltige Schnauze in die Luft und schnupperte argwöhnisch. Ilgash, der sich bereits ein gutes Stück angenähert hatte, erstarrte augenblicklich. Erst als das Tierchen seine Aufmerksamkeit erneut dem Schutt zuwandte und zu wühlen begann, setzte sich der Cardassianer wieder langsam in Bewegung. Sachte senkte sich seine linke Hand in die Tasche des verschlissenen Militärmantels, um gleich darauf einen passenden Stein zutage zu fördern. Noch während Ilgash damit beschäftigt war, seine primitive Schleuder vorzubereiten, zog die Chusa einen sich windenden Panzerläufer unter einem Stein hervor und begann schmatzend zu fressen. Der Cardassianer lächelte. So wie es aussah, würde ihm diesmal genügend Zeit bleiben, um sein Ziel sorgfältig anzuvisieren. Zwar bereitete ihm die lautlose Annäherung an die Beute keine Schwierigkeiten, doch es war einfach nicht abzustreiten, daß er nur einen äußerst mittelmäßigen Schützen abgab. Es mochte eine Menge Tätigkeiten geben, bei denen das Fehlen der räumlichen Wahrnehmung keine Beeinträchtigung darstellte; die Jagd gehörte nachgewiesenermaßen nicht dazu. Natürlich wußte Ilgash, daß er verhältnismäßig viel Glück gehabt hatte, und so haderte er nicht mit seinem Handicap. Der Krieg auf Bajor hatte ihn gepackt, nachlässig zerkaut und nach Ende der Besatzungszeit wieder ausgespuckt, was mehr war, als so mancher Soldat von sich hatte behaupten können. Die Militärärzte hatten die Beschädigungen an seinem Körper einigermaßen ausgebessert, allerdings hatte sich Ilgash mit dem Verlust eines Auges abfinden müssen. Es überstieg seine finanziellen Möglichkeiten bei weitem, sich ein Ersatzorgan in einem Kloning-Tank nachwachsen zu lassen. Während der Cardassianer sein linkes Auge auf die Chusa gerichtet hielt, legte er mit einer geübten Bewegung den Stein ein, spannte langsam und vorsichtig die Schleuder und begann zu zielen. Gerade als er sich seines Zieles sicher war, erklang in einiger Entfernung das Geräusch eines Steines, der auf Stein traf, gefolgt von einer Salve cardassianischer Kraftausdrücke. Die Chusa drehte sich hastig um, flüchtete den Steinhaufen hinunter und verschwand im nächsten Gebüsch. Ilgash richtete seufzend seinen hageren Körper auf und wandte sich der Richtung zu, aus der die Flüche gekommen waren. "Nicht schon wieder, Bentrang!" rief er resigniert. "Einem Mann mit zwei Augen sollte es doch gar nicht möglich sein, sein Ziel derart häufig zu verfehlen." Zwischen dem Durcheinander aus Röhren, Steinen und Strauchwerk tauchte ein weiterer Cardassianer auf, der genau wie Ilgash seine Jugend schon längere Zeit hinter sich gelassen hatte. "'tschuldige, Ilgash!" kam es schuldbewußt von ihm. "Ich hatte genau gezielt, aber das Mistvieh hat im letzten Moment Lunte gerochen, und zang! Daneben! Ehrlich, da war nichts zu machen." Ilgash nahm den Stein aus der Schlaufe und steckte ihn wieder ein. "Ich will dir sagen, woran es liegt: Du machst immer noch zu viel Lärm, das ist es! Wenn du dich bewegst, könnte man glauben, ein Bande Bajoraner feiert Neujahr. Außerdem schnaufst du wie ein verfetteter Gul; kein Wunder, daß die Biester dich nicht näher heranlassen. Los, komm, versuchen wir es in der Nähe der Gießerei! Mittlerweile dürften sämtliche Chusas hier mitbekommen haben, daß wir hinter ihnen her sind." Wenig später nahmen sie ihre Jagd wieder auf, doch auch auf dem neuen Gelände hatten sie kein Glück. Was sie auch unternahmen, ihre Beutetiere zeigten an dem heutigen Tage eine fast an Hellsichtigkeit grenzende Vorsicht. Schließlich brach Ilgash entnervt die Suche ab und entschied, den Standort noch ein weiteres Mal zu wechseln. "Hat keinen Zweck!" stellte er fest. "Wir waren in der letzten Zeit zu häufig hier, die Viecher wissen, was ihnen von uns blüht. Na gut, letzter Versuch: Wir gehen zum kleinen Lager bei der Kohlenstoffdestillation, dort haben wir uns schon länger nicht mehr blicken lassen. Tu mir nur den Gefallen, nicht gleich wieder alles zu vermasseln, anderenfalls bin ich wohl gezwungen, heute abend einen gewissen Volltrottel auf den Spieß zu stecken." "Ich bin leise, Ilgash!" beteuerte Bentrang. "Ich schwör's!" "Schön!" entgegnete Ilgash. "Also beeilen wir uns, damit wir heute noch etwas in den Magen bekommen. Ich habe nicht die geringste Lust, mich noch einmal mit hohlem Bauch schlafen zu legen." Als sie bei ihrem Ziel eintrafen, warf Ilgash seinem Kameraden noch einen warnenden Blick zu, dann betraten sie mit großer Vorsicht das Halbdunkel der Halle. Zunächst dauerte es etwas, bis sich ihre Augen an die schlechten Lichtverhältnisse angepaßt hatten, doch dann begann Ilgash die lockere Erdschicht am Boden nach Nistkuhlen abzusuchen. Lautlos schlich er um einige ausrangierte Maschinenteile, als er plötzlich von der Seite her eine Bewegung wahrnahm. Der Cardassianer drehte den Kopf und erstarrte. Nur ein kleines Stück weiter hinten im Schatten erkannte er ein pelziges Geschöpf, welches soeben den Kopf gehoben hatte. Spitz zulaufende Ohren stellten sich auf, und Ilgash sah zwei große, helle Augen, die sich mit einem überraschten Ausdruck auf ihn richteten. Gleich darauf kam Bewegung in eine zweite Gestalt, die der Cardassianer bis eben für ein Bündel Lumpen gehalten hatte, dann in eine dritte. Fassungslos schaute sich Ilgash um, um festzustellen, daß sie von einer großen Zahl von Kreaturen umgeben waren, die offensichtlich gerade dabei waren, zu erwachen. Bentrang schrie auf und krallte sich an ihm fest. "Kildars!" kreischte er entsetzt. "Schieß doch, Ilgash!" Ilgash ließ die Schleuder fallen und griff zu seinem kostbarsten Besitz, einem alten cardassianischen Disruptor, den er am Gürtel trug. Dann begann er auf das erste der Geschöpfe zu zielen, welches sich mittlerweile aufgesetzt hatte, jedoch keine Anstalten machte, anzugreifen. Verzweifelt schüttelte er Bentrang ab. "Schießen!" zischte er. "Du weißt genau, daß die Waffe schon ziemlich entladen ist, ich könnte nicht einmal die Hälfte von ihnen erledigen. Außerdem sind das keine Kildars. Kannst du sagen, wie sie auf einen Schuß reagieren?" Noch ehe er eine Entscheidung fällen konnte, gleißte helles Licht auf, um im nächsten Augenblick zu verlöschen. Als der Cardassianer herumwirbelte, sah er sich einem hochgewachsenen Humanoiden gegenüber, dem langes Haar über die Schultern fiel. Der Mann, der ihn glatt um einen Kopf überragte, hob deutlich sichtbar die Hände und schob sich behutsam zwischen die Kreaturen und Ilgashs Waffe. "Bitte," begann der Mann erschrocken auf Föderationsstandard, "schießen Sie nicht! Wir sind nicht das, wonach wir aussehen. Können Sie mich verstehen?" Ilgash starrte ihn an. "Ich... ich verstehe!" brachte er fassungslos heraus, doch als der Mann den Versuch machte, noch ein Stück näherzukommen, zuckte er drohend mit dem Disruptor. "Das ist nahe genug! Ich will wissen, wer Sie sind. Und was sind das dort für Tiere?" Der Fremde warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter, dann wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. "Sie sind keine Tiere." antwortete er. "Es handelt sich um meine Artgenossen. Ich bin bereit Ihnen alles zu erklären, wenn Sie nur nicht schießen." Der Cardassianer beobachtete ihn mißtrauisch. "Artgenossen, wie?" knurrte er. "Ihr seid keine Formwandler, soweit kenne ich mich aus. Also was seid ihr dann?" Der Mann seufzte. "Es ist eine längere Geschichte, glauben Sie mir! Bitte, können wir das nicht in Ruhe besprechen?" Der Cardassianer überlegte. Jemand, der sich vor eine Waffe stellte, um seine Leute zu schützen, bedeutete seiner Erfahrung nach eine Menge Ärger. Im Moment mochte sich sein Gegenüber noch friedlich zeigen, doch es war unübersehbar, daß er bereits versuchte, seinen Gegner hinzuhalten. Nachdenklich musterte Ilgash den Fremden, während in ihm die Frage aufstieg, wie sich wohl die übrigen Geschöpfe verhalten mochten, wenn er gerade diesen Mann erschoß. Im nächsten Moment kam es ein Stück weiter hinten zu einem weiteren Lichtblitz, was den Cardassianer jedoch nicht dazu brachte, die Waffe herumzureißen. Stattdessen hielt er sie weiter auf sein Gegenüber gerichtet, während er gleichzeitig die Gestalt beobachtete, die aus dem Schatten trat. Was er erblickte, ließ ihn allerdings seine Überlegungen für das erste beiseite schieben: Die Person, die nun mit selbstbewußtem Lächeln neben den Fremden trat, entpuppte sich als eine Frau. "Wer ist das?" brachte Ilgash nach kurzer Pause heraus. "Dies ist Aryshtin!" beantwortete der Mann seine Frage. "Bitte verzeihen Sie, ich habe mich Ihnen noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Tybrang. Darf ich auch Ihren Namen erfahren?" "Ilgash!" antwortete der Cardassianer, ohne seinen Blick von der Frau abzuwenden. "Und nun legen Sie mal los! Ich bin wirklich sehr gespannt auf Ihre Geschichte." Der Fremde holte Luft, doch bevor er seinen Bericht beginnen konnte, erhob sich ein lautes, langanhaltendes Grollen aus Ilgashs Magengrube. Sowohl der Mann als auch die Frau rissen die Augen auf. Ihre Gesichter spiegelten eine solch arglose Verblüffung, daß Ilgash gegen seinen Willen zu lachen begann. "Nur keine Angst!" grinste er schließlich. "Es liegt nur an meinen Eingeweiden. Sie haben schon längere Zeit nichts mehr zu tun bekommen. Es sieht wohl ganz so aus, als wären die Chusas in dieser Gegend mittlerweile ziemlich raffiniert geworden." Der Mann, der sich Tybrang nannte, stutzte. "Chusas? Und Sie ernähren sich von ihnen? Kleine graue Tiere mit spitzer Schnauze, dünn behaart, etwa so groß?" Der Cardassianer nickte, noch immer grinsend. "Doch, doch! So sehen sie aus! Ich merke schon, Sie kennen sie ebenfalls." "Hören Sie!" begann der Mann aufgeregt. "Ich kann Ihnen ein solches Tier sehr schnell beschaffen. Auch mehrere, wenn Sie wollen! Nur bitte, schießen Sie nicht auf meine Leute!" Ilgash zögerte einen Moment, doch schließlich setzte sich das hohle Gefühl in seinem Magen durch, und er traf eine vorläufige Entscheidung. "Gut!" nickte er. "Machen Sie! Allerdings bleibt die..." Er räusperte sich. 'Die Kleine' hatte er sagen wollen, allerdings schien ihm eine solche Bezeichnung beim Anblick dieser Frau nicht gerade angemessen. "...Ihre Freundin hier bei uns." schloß er dann. "Versuchen Sie besser keine Tricks! Ich kann mit diesem Ding umgehen." Der Mann namens Tybrang nickte, dann richtete er einige Worte an seine Artgenossin, die sich seelenruhig auf dem Boden niederließ. Daraufhin wandte er sich wieder an den Cardassianer. "Ich bin gleich zurück!" versprach er. Als der Mann den Lagerraum verlassen hatte, wies Ilgash den ängstlichen Bentrang an, die übrigen Kreaturen sorgfältig im Auge zu behalten, dann setzte er sich der Frau gegenüber. Langsam ließ er seinen Blick über die Gestalt der Fremden gleiten, die an dieser Musterung nicht den geringsten Anstoß zu nehmen schien und ruhig lächelnd vor ihm saß. Mit ausgemachter Gründlichkeit betrachtete er ihr Gesicht, den geschmeidig wirkenden Körper und das, was ihn vor seinen Blicken verbarg. Dann überlegte er eine Weile. "Verdammt, wie zieht man so etwas aus?" dachte er schließlich. Gleich darauf stellte er fest, daß er nun seinerseits einer aufmerksamen Musterung unterzogen wurde. Neugierig betrachtete die Frau seinen schäbigen Mantel, das schadhafte Schuhwerk, ließ ihren Blick wieder hinauf zu den Händen wandern, um sich schließlich in den Anblick seines Gesichtes zu vertiefen. Ilgash beobachtete sie fasziniert. Die cardassianischen Frauen, die er sich hatte leisten können, waren nicht gerade von der zartfühlenden Sorte gewesen, doch auch ihre Blicke hatten seine rechte Gesichtshälfte grundsätzlich ausgespart und sich stattdessen an dem gesunden Auge festgeklammert. Bei den Bajoranerinnen, die er gehabt hatte, war er sich ziemlich sicher, daß dieses spezielle Detail für sie ohnehin keine Rolle mehr gespielt hatte. Die Frau, die ihm allerdings nun gegenübersaß, gab sich keinerlei Mühe, den Anblick der narbigen Augenhöhle zu meiden. Stattdessen musterte sie die Stelle ohne die geringsten Anzeichen von Widerwillen, in einer Art und Weise, die geradezu etwas Sachkundiges hatte. "Eine Jagdverletzung?" erkundigte sie sich unvermittelt. "Wie?" fragte Ilgash überrascht, um dann ein leichtes Grinsen aufzusetzen. "Doch, ja, in gewisser Weise könnte man es so bezeichnen. Das Jagdglück wechselte damals fast täglich die Seiten. Sie sehen so etwas wohl nicht zum ersten Mal?" "Es kommt vor." erwiderte sie gelassen. "Besitzen Ihre Ärzte nicht die Möglichkeit, den Schaden zu beheben? Ein fehlendes Auge bedeutet eine starke Beeinträchtigung bei der Jagd." "Da haben Sie wohl recht!" entgegnete er lachend. "Leider gibt es ein winziges Problem: Mir fehlen die Mittel, um diese kleine Reparatur bezahlen zu können. Außerdem müßte ich mich dafür in die nächste Stadt begeben, und gerade dazu fehlt mir im Moment jegliche Neigung." Die Frau legte verwundert den Kopf schräg, doch bevor sie ihre Frage stellen konnte, trat Tybrang zu ihnen und legte eine Chusa von geradezu ungeheuren Ausmaßen vor Ilgash ab. Der Cardassianer riß das Auge auf. "Donnerwetter! Wie sind Sie denn an dieses Riesenvieh geraten?" "Es war das Größte, was ich in der Eile finden konnte." erwiderte Tybrang schlicht. Bentrang starrte verzückt auf das erlegte Tier, dann sah er zu den beiden Fremden hinüber. Er hatte der auf Föderationsstandard geführten Unterhaltung nicht folgen können, doch nun, da sich ihr Nahrungsproblem so unerwartet gelöst hatte, begann er ein gewisses Interesse zu entwickeln. Er stieß seinen Kameraden vorsichtig an. "Was sind sie, Ilgash?" erkundigte er sich eifrig. "Haben sie dir schon gesagt, was sie sind?" "Ach, richtig!" Ilgash wandte sich wieder Tybrang zu. "Mein Freund hier würde gern erfahren, worum es sich bei Ihnen handelt. Ganz direkt gefragt: Woher kommen Sie eigentlich?" Tybrang zögerte, doch angesichts der Waffe entschied er sich, zu antworten. "Rhazaghan!" antwortete er, an Bentrang gerichtet. "Wir kommen von Rhazaghan!" Das Gesicht des Cardassianers zeigte zunächst Verwirrung, doch dann schien eine furchtbare Erkenntnis in ihm aufzusteigen. Er stieß ein Keuchen aus. "Blutgeister!" rief er entsetzt. "Ilgash, es sind Blutgeister! Weißt du denn nicht, was der alte Nordak von ihnen erzählt hat? Sie verwandeln sich in Ungeheuer und trinken das Blut ihrer Gefangenen. Sie bringen Schiffe, die sich ihrem Planeten nähern, durch Magie zum Absturz, und ihre eigenen Schlachtkreuzer lassen sie von Toten fliegen. Nordak war dabei, er hat es selbst gesehen." Ilgash verdrehte gereizt das Auge. "Nordak war ein altes Waschweib, Bentrang! Zufällig weiß ich, daß er nie auch nur in der Nähe von Rhazaghan war, er hat die Geschichte von irgendeinem seiner Kumpel übernommen. Und jetzt hör auf mit dem Blödsinn! Wenn du dieses Märchen unbedingt glauben willst, dann geh schon einmal raus auf den Hof und mach Feuer! Allerdings sehen mir unsere beiden Freunde hier nicht gerade so aus, als würden sie in der nächsten Zeit Appetit auf Blut entwickeln." Er wandte sich wieder Tybrang und Aryshtin zu. "Sie müssen Bentrang entschuldigen, er ist abergläubischer als ein Bajoraner. Über Ihre Spezies existiert in der Armee eine Menge Geschwätz, müssen Sie wissen, und diese Geschichten haben ziemlichen Eindruck auf ihn gemacht." "Und Sie?" wollte Aryshtin wissen. "Fürchten Sie sich nicht vor uns?" Ilgash grinste sie an. "Ich glaube, was ich sehe. Und bei allem Respekt: Sie lösen in mir vielleicht einige Assoziationen aus, aber Dämonen und dunkle Mächte gehören nicht unbedingt dazu." Bald darauf verließen sie gemeinsam die Lagerhalle und betraten den Hof, wo Bentrang das erlegte Tier ausnahm, häutete und anschließend zum Braten vorbereitete. Nach und nach wechselten auch die anderen Rhazaghaner in die Grundform und kamen zögernd heran, während Ilgash sie beobachtete und dabei Tybrangs Bericht lauschte. Der Cardassianer hatte zwar die Waffe noch nicht wieder am Gürtel verstaut, doch er hielt sie mittlerweile gesenkt, locker auf den Oberschenkel gestützt. Dennoch wußte Tybrang, daß die kleinste verdächtige Bewegung dazu führen würde, daß sich der Disruptor wieder hob. "Hab' noch nichts mit Wissenschaftlern zu tun gehabt." bemerkte Ilgash nach einer Weile. "Hört sich aber ganz so an, als wäre dieser Institutsleiter ein verdammt gerissener Mistkerl, alle Achtung!" Tybrang hob den Kopf und sah den Cardassianer fest an. "Dieser Mann ist durch und durch skrupellos." betonte er. "Für ihn existieren ausschließlich sein Institut und seine Forschungen, während jede Person, die nicht seiner Welt angehört, in seinen Augen keinen Daseinszweck erfüllt. Ich bin sicher, daß er zu allem fähig ist." "Was ist mit Ihnen?" meldete sich Aryshtin plötzlich zu Wort. "Sie sagten vorhin, daß Sie kein Interesse daran hätten, diesen Ort zu verlassen. Ist diese Lebensweise für einen Angehörigen Ihres Volkes nicht etwas ungewöhnlich?" "Mag sein!" gab Ilgash zu. "Andererseits hänge ich ziemlich stark an meinem Leben. Ich weiß nicht, wie hoch die Verluste jetzt sind, kann sein, daß wir mittlerweile sogar auf einem Schlachtkreuzer landen würden. Ansonsten würde man uns als Arbeitsverweigerer direkt auf die nächstbeste Raumwerft schaffen. Die Arbeiter dort schuften praktisch ohne Pause, bis sie dann einfach irgendwann umfallen, das heißt, wenn sie nicht noch vorher bei einem Angriff ums Leben kommen. Die Flotte ist kaum noch in der Lage, die Werften ausreichend zu schützen, und das bedeutet, daß die Arbeit in einer solchen Einrichtung dem Leben auf einer Zielscheibe gleicht. Unsere sogenannten Verbündeten interessiert das einen Dreck, stattdessen wird permanent gefordert, die Produktion noch weiter zu steigern. Unter diesen Umständen begreifen Sie vielleicht, daß ich es vorziehe, mein Dasein von Chusas und anderem Viehzeug zu fristen, anstatt mein Leben für das ehrenwerte Dominion zu lassen." Wenig später streifte Bentrang die halbwegs gare Chusa vom Spieß herunter, und die beiden Männer begannen mit ihrer Mahlzeit, während die Rhazaghaner sie stumm dabei beobachteten. Ilgash verzehrte seinen Anteil langsam und mit Bedacht, während sich Bentrang mit der Gier eines Verhungernden auf das Fleisch stürzte. Bald hielt es Riardis nicht mehr auf ihrem Platz; sie erhob sich und verschwand zwischen den Sträuchern, um kurz darauf mit einer weiteren Chusa zurückzukehren. Bentrang stöhnte beim Anblick des Tieres selig auf, dann unterbrach er seine Mahlzeit und versorgte den zweiten Braten auf dieselbe Art wie den ersten. Danach setzte er sich erneut nieder und fuhr fort, mit den Zähnen das Fleisch von den Knochen zu zerren. Auf diese Weise verging einiges an Zeit. Hin und wieder verließ einer der Numa die Gruppe, um für Nachschub zu sorgen, der von Bentrang beglückt entgegengenommen wurde. Offenbar hatte der Cardassianer die unheimlichen Gerüchte, die über Rhazaghaner kursierten, völlig vergessen; hingebungsvoll und unbekümmert widmete er sich seinem Festmahl. Sein Magen war leer gewesen, und diese Geschöpfe hatten ihn mit Nahrung versorgt, das war das einzige, was für ihn zählte. Schließlich verstaute Ilgash seinen Disruptor wie selbstverständlich am Gürtel und versetzte Bentrang einen Knuff in die Seite. "Schluß jetzt!" befahl er. "Hör auf damit, sonst wird dir schlecht!" Er wandte sich an Tybrang. "Was ist mit Ihnen? Was haben Sie jetzt als Nächstes vor?" Der Rhazaghaner zögerte und sah zu Dylas hinüber, der ruhig und ernst bei ihnen saß. "Ich denke, da wir nun schon einmal wach sind, könnten wir uns hier etwas näher umsehen und uns ebenfalls auf Nahrungssuche begeben. Wir wissen noch nicht, was dieses Gebiet für uns bereithält. Oder was meinst du, Dylas?" "Ich denke, das ist ein guter Vorschlag." antwortete der ältere Numa. "Gehen wir also, und lernen wir das Wild dieser Gegend kennen! Es wird angenehm sein, wieder einmal tagsüber jagen zu können." Tybrang erhob sich, doch dann drehte er sich noch einmal zu Ilgash um. "Ach richtig, noch eine Frage:" bemerkte er beiläufig. "Gibt es hier draußen eigentlich noch mehr Leute wie Sie?" Ilgash hob den Kopf und erwiderte seinen Blick, dann begann er leise zu lächeln. "Nein!" sagte er dann. "Nein, hier gibt es nur Bentrang und mich." Tybrang nickte nur, daraufhin wandte er sich ab und ging hinüber zu den anderen. Wenig später beobachtete der Cardassianer, wie sich die Rhazaghaner zu zweit oder zu dritt, teilweise auch zu kleinen Trupps zusammenfanden und sich erwartungsvoll in alle Richtungen davonmachten. Kurz darauf war der Platz leer, nur die Frau, die ihm gegenübergesessen hatte, schaute sich noch überlegend um, um dann ohne Eile in südlicher Richtung davonzuschlendern. Ilgash sah ihr nach, dann wandte er sich Bentrang zu, der gerade das Feuer löschte. "Hol unsere Schlafsachen und bring sie hierher!" wies er ihn an. "Ich möchte mir unsere Gastgeber noch ein wenig näher ansehen." Daraufhin drehte er sich um und folgte der gelbhaarigen Frau, die soeben um eine Gebäudeecke verschwunden war.
Tybrang hatte sich allein aufgemacht, in der Absicht, sich zunächst einen genaueren Eindruck von der Umgebung zu verschaffen. In der Krallenluum erstieg er einen mittelgroßen Baum, von dem aus er sich mit einem Satz auf ein nur schwach geneigtes Dach katapultierte. Danach war es ihm ein Leichtes, sich mit einigen weiteren Sprüngen bis zu einer von einem Geländer umgebenen Plattform hinaufzuarbeiten. Interessiert sah er sich um, ließ seinen Blick über Dächer, Schlote und aufstrebendes Grün wandern, als ein etwas weiter weg stehendes Bauwerk seine Aufmerksamkeit gefangennahm. Ganz offensichtlich handelte es sich um kein reines Industriegebäude; wie ein schlanker, rhombischer Kristall erhob es sich zwischen den klobigen Zweckbauten seiner Umgebung. Seine Farbe wie auch die seiner größtenteils erhaltenen Fenster war von einem reinen klaren Blau, und gemeinsam mit seiner natürlichen Form verlieh sie ihm etwas, das fremd wirkte in dieser auf Nutzen ausgerichteten Welt: Schönheit. Tybrang starrte hinüber. Sein Ziel stand nun für ihn fest; er wollte dorthin und einen Blick auf das Innere dieses außergewöhnlich anmutenden Gebäudes werfen. Mit den Augen machte er sich auf die Suche nach dem kürzesten Weg dorthin, da erkannte er in geringer Entfernung den Fremden namens Ilgash, welcher der ein Stück vorausgehenden Aryshtin etwas zurief. Tybrang sah sie auf den Ruf hin sich umwenden, worauf der Cardassianer zu ihr aufschloß. Allem Anschein nach hatte der Mann die Absicht, die Numa zu begleiten. Der Rhazaghaner überlegte kurz, dann beschloß er, sein Vorhaben zu verschieben. Mit einem Sprung setzte er über das Geländer und landete geschickt auf einer Dachschräge, von wo aus er den Dachfirst erstieg. Kurz darauf erreichte er ein Bündel Rohre, auf welchen er rasch und behende eine Gebäudeschlucht überquerte, ohne jedoch ein einziges Mal die beiden Personen, denen er folgte, aus den Augen zu lassen.
"Entschuldigung!" sagte Ilgash, während er sich näherte. "Hab' vorhin Ihren Namen nicht richtig verstanden, mußte erst einmal die Situation in den Griff kriegen. Wie heißen Sie also nochmal?" Die Rhazaghani stand ruhig da und wartete, bis der Cardassianer heran war. "Aryshtin!" beantwortete sie dann seine Frage, während sie ihn neugierig betrachtete. "Schön!" erwiderte er. "Also, Aryshtin, Sie hatten doch auf die Jagd gehen wollen, nicht wahr? Was halten Sie davon, wenn ich Sie begleite? Ich kenne mich hier ziemlich gut aus und könnte Ihnen zeigen, wo..." "Ausgezeichnet, gehen wir!" wurde er unterbrochen. Auf diese Aufforderung hin folgte ein greller Blitz, dann setzte sich die Rhazaghani wieder in Bewegung. Ilgash ging eine Weile schweigend neben ihr her. Mit gemischten Gefühlen betrachtete er den geschmeidigen gelben Körper, der von einer Vielzahl keilförmiger schwarzbrauner Flecken bedeckt war. Nach den Seiten hin kleiner werdend, schwärmten sie auf und ab, bildeten Ströme und Wirbel und schienen geradezu über das Fell zu tanzen. Die Ohren spielten vergnügt, und die Pranken bewegten so rasch über das moosbedeckte Pflaster, daß Ilgash Mühe hatte, mit der Rhazaghani Schritt zu halten. "Mußten Sie das tun?" fragte er nach einer Weile. Aryshtin hielt inne und sah ihn mit allen Anzeichen von Überraschung an. "Was?" "Nun ja, sich in diese... diese Gestalt hier begeben. Ich bin so etwas nicht gerade gewöhnt, wissen Sie?" Die spitzen Ohren klappten zur Seite, scharfe Zähne wurden teilweise entblößt, und Ilgash begriff schlagartig, daß die Rhazaghani grinste. "Wenn ich Sie vorhin richtig verstanden habe, haben Sie mir angeboten, mich auf einen Jagdausflug zu begleiten. Nun, und es verhält sich eben so, daß meine zweibeinige Erscheinungsform für eine solche Aufgabe nicht besonders taugt. Sie ist wesentlich langsamer als diese hier, verfügt nur über einen Bruchteil ihres Hör- und Witterungsvermögens und ihr Talent zum Klettern ist äußerst beschränkt. Ich nehme doch an, daß auch Sie für jeden individuellen Zweck das passende Werkzeug auswählen, oder?" "Naja, wenn Sie es so ausdrücken, klingt es einleuchtend." murmelte der Cardassianer. Er dachte kurz nach, während beide ihren Weg fortsetzten. "Wenn es Ihnen recht ist, können wir uns auf dem Gelände des alten Polyduranid-Werkes umsehen." meinte er dann. "Ich und Bentrang haben dort meistens nicht viel Glück, weil es da eine Menge Schlupfwinkel gibt, aber bei Ihnen sieht die Sache wahrscheinlich etwas anders aus, könnte ich mir vorstellen." Im nächsten Moment bogen sie um eine Ecke, hinter der sich unvermittelt ein weiter Platz vor ihnen öffnete. In einer Entfernung von etwa zwanzig Schritt tat sich ein ganzer Schwarm mittelgroßer graubrauner Vögel an den Kräutern gütlich, welche die Steine fast komplett überwucherten. Die Rhazaghani stutzte, um auch schon im nächsten Augenblick zu starten. "Warten Sie!" rief Ilgash ihr nach. "Auf diese Weise können Sie nicht..." Gleich darauf erkannte er, daß es seiner Begleiterin in keiner Weise Ernst mit ihrer Attacke gewesen war. Vergnügt sprang sie hierhin und dorthin und schlug spielerisch nach den davonstiebenden Vögeln. Erst als der Platz leer war, kehrte sie um und schloß sich ihm wieder an. Irritiert sah er auf sie hinunter. "Sie machen mir Spaß!" erklärte er. "Eben haben Sie noch behauptet, Sie wollten auf die Jagd gehen." "Ich bin von zu Hause wesentlich größere Beute gewohnt." erwiderte sie abwesend. "Ach wirklich?" bemerkte er. "Wie groß?" fragte er dann. Sie wandte ihm ihr Gesicht ganz zu und sah ihn nachdenklich an. "Größer, als Sie es sich vorstellen können." antwortete sie sanft, fast zärtlich. Er erwiderte unsicher ihren Blick. Er war es nicht gewohnt, daß man zu ihm wie zu einem kleinen Kind sprach, und er war sich sehr unschlüssig, ob es ihm gefiel. "Na schön!" entgegnete er. "Ich fürchte nur, das, was Sie da im Sinn haben, werden wir hier nicht finden. Sie haben mir doch vorhin etwas von passendem Werkzeug erzählt. Wie wäre es denn, wenn Sie Ihre Ansprüche ebenfalls ein wenig anpassen würden?" Die Rhazaghani gab ein glucksendes Gelächter von sich. "Natürlich, Sie haben vollkommen recht! Wünsche haben nicht viel Nährwert. Stattdessen sollten wir wohl zusehen, daß wir etwas finden, das sich für unsere Mägen eignet." Sie blickte die Wand eines nahestehenden Gebäudes hinauf, wo weiße Kotstreifen auf die Existenz einer Nistkolonie hinwiesen. "Wie sieht es aus? Ernähren sich Cardassianer auch von Eiern?" "Unter normalen Umständen schon! Hier muß ich allerdings sagen, daß mir die Lust fehlt, mir das Genick zu brechen." Aryshtins Blick untersuchte aufmerksam das Bauwerk und blieb schließlich an ein paar Bäumen hängen, die dahinter aufragten. "Warten Sie!" In raschem Trab bog sie um die Ecke, um wenig später ihr geflecktes Gesicht über den Rand des Daches zu schieben. "Sie bauen nicht sehr sorgfältig." stellte sie fest. "Die Nester hier könnte man fast schlampig nennen. Fangen Sie!" Ein Ei flog über die Kante, doch ehe der Cardassianer reagieren konnte, schlug es bereits neben ihm auf dem Boden auf. Ilgash legte den Kopf in den Nacken und blinzelte nach oben. "Ich muß gestehen, daß ich kein besonders guter Fänger bin. Wenn diese Sache hier also irgendeinen Zweck haben soll, müssen Sie schon etwas gezielter werfen." "Das läßt sich einrichten." antwortete ihm Aryshtins Stimme von oben. "Einen Moment!" Es blitzte, und im nächsten Moment hockte die Rhazaghani in ihrer Grundform auf dem Dach. Ilgash sah lächelnd zu ihr hinauf, während sie ein weiteres Ei in die Höhe hob und es prüfend gegen das Licht hielt. "Dieses hier ist schon etwas angebrütet. Macht Ihnen das etwas aus?" "Sie scherzen wohl! Angebrütete Naudar-Eier gelten als Delikatesse." "Na gut, dann geben Sie acht! Ich lasse es jetzt fallen." Der Cardassianer öffnete die Hände, und es gelang ihm tatsächlich, das Ei weich und federnd aufzufangen. Auf diese Weise ging es eine Weile so weiter, bis dann die Aufnahmekapazität seines Mantels erschöpft war. "Es reicht, hören Sie auf!" rief er zum Dach hinauf. "Wenn ich noch mehr in meine Taschen stopfe, gibt es eine Katastrophe. Außerdem hatte ich gedacht, daß wir noch zum Polyduranid-Werk rüber wollten." Zu seiner Enttäuschung nahm die Rhazaghani diese Worte zum Anlaß, sich wieder in ihre gefleckte Gestalt zurückzuversetzen. Nur wenige Augenblicke später hatte sie das Dach verlassen, worauf beide ihren Weg fortsetzten. Nach nur kurzem Fußmarsch langten sie bei ihrem Ziel an. Das Polyduranid-Werk lag beinahe zur Hälfte in Trümmern, da man nach der Stillegung etliche Wände abgerissen hatte, um einen Teil der Maschinen entfernen zu können. Andere hatte man dagegen einfach zurückgelassen und sie dem Verfall preisgegeben, und so herrschte auf dem ehemaligen Werksgelände ein heilloses Chaos aus Steintrümmern, Kabelsträngen und zu unförmigen Klumpen korrodiertem Metall. Über all das hatte sich eine muntere Vegetationsmischung ausgebreitet und machte das Gelände noch unübersichtlicher, als es ohnehin schon war. Ilgash begab sich sofort auf die Suche nach möglichen Chusa-Schlupfwinkeln. Er stieg vorsichtig über Steinhaufen, schaute in halbzerdrückte verfallene Röhren und untersuchte verfilztes Strauchwerk. Aryshtin dagegen ließ sich auf den Überresten einer Treppe nieder und sah ihm interessiert dabei zu. Schließlich gab der Cardassianer auf und ging zu seiner Begleiterin hinüber, die sich nicht vom Fleck bewegt hatte. "Glauben Sie nicht, es wäre sinnvoll, wenn Sie mir etwas helfen?" "Wozu?" erwiderte sie amüsiert. "Ich finde, Sie machen das erstaunlich gut. Mit ganzem Herzen bei der Sache, so sollte es sein! Machen Sie nur weiter damit!" "Und Sie? Haben Sie kein Interesse, ein paar Chusas zu erwischen?" Aryshtin hatte begonnen, sich hinter dem Ohr zu kratzen. Sie hielt einen Moment inne. "Nein!" sagte sie entschieden, dann setzte sie ihre Fellpflege fort. Ilgash seufzte und wandte sich ab, doch schon nach wenigen Schritten hörte er hinter sich die überraschte Stimme der Rhazaghani. "Nanu, was haben wir denn hier?" Er drehte sich um und erstarrte. Zwischen den Steinen war ein Tier aufgetaucht, dessen flacher grauer Körper in eine große Zahl von gepanzerten Segmenten unterteilt war. Das Geschöpf, das auf vielen Beinen vorwärts kroch, hatte in etwa die Länge eines Unterschenkels und war nahezu ebenso breit, wobei der Rumpf sich nach hinten etwas verjüngte. Langgestreckte Fühler tasteten emsig die Umgebung ab, während die Kreatur sich ihren Weg durch das Trümmerfeld suchte. Aryshtin verließ mit einem weiten Sprung ihren Platz, setzte eine Pranke auf das Geschöpf und hielt es fest. Zunächst bewegten sich die Beine des Tieres unbeirrt weiter, dann schien es zu begreifen, daß etwas nicht in Ordnung war, denn es verhielt sich still. Allein die Fühlerbewegungen wurden lebhafter. Der Cardassianer ächzte entsetzt. "Was machen Sie da?" schrie er der Rhazaghani zu. "Lassen Sie ihn los und gehen Sie weg! Schnell, bevor..." Im nächsten Augenblick begann er bereits zu husten. Keuchend zog er sich zurück und wedelte sich hastig frische Luft zu. "Da! Habe ich es nicht gesagt? Warum haben Sie ihn verdammt noch mal nicht losgelassen?" Aryshtin hatte sich nicht gerührt, sondern hielt weiterhin das fremde Tier an den Boden gedrückt. "Seltsam!" bemerkte sie. Zwischen den Panzersegmenten des Geschöpfes war eine ganze Anzahl kleiner gelblicher Tröpfchen erschienen. Ansonsten machte das Tier nicht die geringste Abwehrbewegung, sondern schien lediglich zu warten. Ilgash schüttelte fassungslos den Kopf. "Ja, riechen Sie es denn nicht?" Aryshtin sah erstaunt zu ihm hinüber. "Doch, natürlich! Ähnlich wie ein männlicher Zerlik während der Paarungszeit. Sehr intensiv, aber nicht unangenehm! Das stört Sie doch nicht etwa?" Ilgash seufzte. "Was schätzen Sie? Sehe ich so aus, als ob ich es lieben würde?" Die Rhazaghani wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geschöpf unter ihrer Pranke zu. Sie suchte einen Augenblick, dann bohrten sich ihre Krallen entschlossen in den Spalt zwischen dem ersten und zweiten Panzersegment. Die Beine des Tieres zappelten hastig und erschlafften. "Wie auch immer, wir nehmen es jedenfalls mit." entschied sie. "Was ist das? Ich sehe so etwas zum ersten Mal." "Das ist ein Lorrick!" antwortete ihr Ilgash aus einiger Entfernung. "Sie lieben schattige Plätze wie diesen hier und ernähren sich von dem, was sie finden. Normalerweise werden sie von aller Welt in Ruhe gelassen; warum, haben Sie gesehen. Erstaunlich, daß Ihnen der Geruch nichts ausmacht!" "Ich bin kein Teil dieser Welt!" erklärte Aryshtin fröhlich. Daraufhin packte sie ihre Beute am Rand des Panzers und begab sich auf den Rückweg, während der Cardassianer ihr in respektvollem Abstand folgte. Als sie den Lagerplatz erreichten, wurden sie freudig begrüßt, denn viele Jäger waren bereits erfolgreich zurückgekehrt und hatten ihre Beute zur Begutachtung ausgebreitet. Aryshtin fügte ihren Lorrick der Strecke hinzu und bewunderte ausgiebig die Funde der anderen. Unter dem Mitgebrachten befanden sich drei stattliche Vogelarten nebst ihren Eiern, eine mittelgroße Reptilienart, die sich den Berichten nach springend fortbewegte, und ein Säuger in Chusa-Länge, der über hohe, schlanke Läufe verfügte. Raiji und Zelar dagegen hatten in einem mit Regenwasser gefüllten Fundament eine große Anzahl von farbenprächtigen, dick gepanzerten Krebstieren entdeckt. Das vordere Beinpaar dieser Tiere besaß die Form langer gebogener Klingen und konnte ganz eindeutig zur Verteidigung eingesetzt werden. Ilgash betrachtete überrascht die beiden erlegten Exemplare. "Tupanras!" bemerkte er. "Eigentlich kommt man überhaupt nicht an sie heran. Wie ist es Ihnen gelungen, sie zu erwischen?" Zelar erklärte ihm daraufhin, daß sie die beiden Tiere mit je einem raschen Prankenhieb an Land befördert und daraufhin gegen einen Stein geschmettert hatten. Der Cardassianer schüttelte verwundert den Kopf. "Sie können ihre Säbel ziemlich schnell bewegen; ist fast unmöglich, sich ihnen zu nähern, ohne ein paar Schnitte abzukriegen. Allerdings würde sich kaum jemand diese Mühe machen, weil sie völlig ungenießbar..." Er unterbrach sich und sah zu Aryshtin hinüber, deren Lorrick gerade gebührend bestaunt wurde. "Zumindest würde sie ein Cardassianer nicht anrühren." schloß er dann. Gleich darauf wurde er auf eine große bernsteinfarbene Gestalt aufmerksam, die soeben den Lagerplatz erreichte. Bereits im nächsten Augenblick hatte sich der Mann namens Tybrang in seine humanoide Form zurückversetzt und gesellte sich zu der Gruppe. Ilgash lächelte spöttisch. "Schon zurück?" erkundigte er sich mit gespielter Überraschung. "Ohne das Geringste aufgetrieben zu haben? Geradezu erstaunlich, wenn man bedenkt, daß Ihre Leute wesentlich mehr Jagdglück hatten." Tybrang verzichtete auf eine Entgegnung. Es schadete nichts, wenn Ilgash wußte, daß er ein Auge auf ihn hielt, allerdings erstaunte es ihn, daß ihn dieser trotz seiner Vorsicht bemerkt hatte. Der Cardassianer mochte an die Grundform gebunden sein und nur ein Auge besitzen, dennoch war nicht zu bestreiten, daß er über eine ungewöhnlich stark ausgeprägte Wachsamkeit verfügte. Der Rhazaghaner war nun endgültig davon überzeugt, daß man gut daran tat, diesen Mann nicht zu unterschätzen. Nach der Rückkehr der letzten Jäger machten sich die Rhazaghaner gemeinschaftlich daran, die erbeuteten Tiere zu verzehren. Fast jeder Jagdtrupp hatte sich der beiden ausgehungerten Cardassianer erinnert, und so konnte der fassungslose Bentrang eine ganze Anzahl von Mitbringseln für seine Küche entgegennehmen. Frohgemut entfachte er ein Feuer auf dem Hof und nahm nach anfänglichem Zögern auch ein Stück Lorrick-Fleisch von Aryshtin an, welches er auf einen Spieß steckte. Später kostete er vorsichtig davon, nickte anerkennend und bot auch Ilgash davon an. Dieser lehnte jedoch nachdrücklich ab und beschränkte sich ausschließlich auf jene Beutestücke, die eine weniger anrüchige Herkunft besaßen. Tybrang beobachtete die Cardassianer eine Weile, dann zog er sich früher als die anderen auf seinen Schlafplatz zurück, nicht ohne sich zuvor an den Ältesten zu wenden. "Wir sollten auf jenen, der sich Ilgash nennt, achtgeben." sagte er leise zu ihm. "Ich traue ihm nicht." "Du hast recht!" stimmte ihm Dylas zu. "Er ist schlau und erfahren, vor allem aber ist er gewohnt, auf seine Weise zu überleben. Niemand kann sagen, ob, und wenn, welchen Prinzipien er folgt, und daher sollten wir im Umgang mit ihm Vorsicht walten lassen." Tybrang nickte. Er hatte es für seine Pflicht gehalten, seine Bedenken dem Ältesten mitzuteilen, und nun hatte er das Gefühl, von einer Last entbunden worden zu sein. Dylas teilte seine Einschätzung und würde den Cardassianer mit der Waffe im Auge behalten. Erleichtert begab sich Tybrang zu seinem Erdlager, streckte sich aus und nahm ergeben das Pochen hin, das sich kurz darauf hinter seinen Schläfen einstellte. Eine gewisse Zeit lag er still und dachte an Luratar, dann schlief er ein. Am nächsten Morgen erwachte er als erster, wie erhofft. Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm seine friedlich schlummernden Artgenossen, und gleich darauf hatte er auch Aryshtins lebhafte Zeichnung neben Matanis muskulösem Körper ausgemacht. Es war unwahrscheinlich, daß sich die Numa vor dem späten Vormittag erheben würde. In einer nahen Ecke erkannte Tybrang die regungslosen Gestalten der beiden Cardassianer, die sich in schwere Decken gehüllt hatten. Leise stand er auf, schlich zu ihnen hinüber, um dann lautlos vor ihnen in die Hocke zu gehen. Er wartete eine Weile. Von dem vor einer Wand liegenden Bentrang war nur der Rücken zu sehen, doch nachdem der Rhazaghaner eine Zeitlang dessen geräuschvollem Atmen gelauscht hatte, war er sicher, daß der Mann fest schlief. Ilgash hingegen lag auf dem Rücken, und diese Tatsache lud geradezu zum Betrachten seines Gesichtes ein. Die unbewegten Züge mit den leicht geöffneten Lippen trugen einen gelösten und entspannten Ausdruck. Das linke Augenlid hatte sich fest über das gesunde Auge geschlossen, doch die rechte Augenhöhle lag im Schatten und vermittelte Tybrang das irritierende Gefühl, von dort aus wachsam beobachtet zu werden. Mißtrauisch behielt er den Cardassianer im Blick und rührte sich nicht. Es dauerte lange, bis dessen gleichmäßige Atemzüge den Rhazaghaner zu der Überzeugung brachten, daß auch Ilgash in tiefem Schlaf lag. Vorsichtig erhob er sich, verließ die Werkhalle und trat ins Freie. Bald hatte er seinen alten Aussichtspunkt erreicht und blickte zu dem kristallin wirkenden Gebäude hinüber, das er am Vortag entdeckt hatte. Er brauchte einen Moment, um einen Überblick über das vor ihm liegende Labyrinth zu gewinnen, dann hatte er sich orientiert und machte sich auf den Weg. Einige Zeit später hatte er sein Ziel erreicht. Das Bauwerk erhob sich auf einem weiten Sockel aus poliertem Stein und befand sich in einem erstaunlich guten Zustand. Seine Oberfläche bestand aus einem blauen, spiegelnden Material, das nicht die geringsten Risse aufwies und so der Vegetation nur wenig Angriffsfläche geboten hatte. Weit oben ging die senkrechte Form in abgeschrägte Flächen über, die schließlich in pyramidenähnliche Spitzen ausliefen, und nur dort hatten es einige Pflanzen fertiggebracht, den Monolithen zu erobern. Grüne Ranken und hellrote fedrige Zweige fielen bis auf die obersten Fenster hinab und stellten einen schönen Kontrast zu der Farbe des Gebäudes her. Langsam wanderte Tybrang um das Bauwerk herum, bis er die durch ein metallenes Portal gekennzeichnete Frontseite erreicht hatte. Dort stieg er die Stufen hinauf, die auf den Sockel führten und blieb schließlich vor dem Eingang stehen. Die Metalltor war nicht vollständig geschlossen; ein schmaler Spalt ermöglichte einen Weg in das Gebäudeinnere, und Tybrang folgte der unausgesprochenen Einladung. Mit beiden Händen drückte er gegen das Metall und war überrascht, wie leicht die beiden Torflügel ihm nachgaben. Im nächsten Augenblick breitete sich eine geräumige Eingangshalle vor ihm aus. Mit einem andächtigen Gefühl trat er ein und sah sich um. Zahlreiche Fenster ließen reichlich Licht in den weiten Saal und sorgten für einen hellen freundlichen Eindruck. Auf der linken Seite befand sich eine Art langer geschwungener Steintisch, während eine Wand weit hinten mehrere breite Türen aufwies, die vermutlich zu Aufzügen führten. Vier Torbögen an den verschiedenen Seiten der Halle luden zur näheren Besichtigung des Erdgeschosses ein. Langsam wanderte Tybrang durch die Halle, bis er ihre Mitte erreicht hatte. Dort war eine Vielzahl kleiner blauer Steinchen in den weißen Untergrund eingelassen worden, die sich in ausgedehntem Halbkreis zu vier fremdartigen Figuren fügten. Der Rhazaghaner ging in die Hocke und strich behutsam mit der Hand über das zweite Zeichen. Es sah einer fliegenden Schwinge nicht unähnlich. "CAMB!" hörte er unvermittelt eine Stimme hinter sich lachen. "Man sieht doch sofort, wo das Geld sitzt." Tybrang fuhr hoch und wirbelte herum. Dort am Eingang lehnte Ilgash, der den Mund zu einem spöttischen Grinsen verzogen hatte. Es dauerte einen Augenblick, bis sich der Rhazaghaner gefaßt hatte. Er hatte noch niemals erlebt, daß sich ein Angehöriger einer Grundformspezies so leise bewegte. Argwöhnisch beobachtete er sein Gegenüber, doch der Cardassianer machte keine Anstalten, zur Waffe zu greifen. "Was meinten Sie eben?" erkundigte sich Tybrang schließlich. Ilgash verließ seinen Platz am Tor und kam langsam heran. "Eine Zeitlang hatte hier einer unserer Rüstungskonzerne einen Zweigsitz." erklärte er. "Von hier wurden Speziallegierungen für Schiffsrümpfe bezogen, allerdings nicht sehr lange. Als man die Erzvorkommen auf Ingrar und Rushub entdeckte, wurde alles aufgegeben. Das sind zwei unserer Nebenwelten, falls Ihnen die Namen nichts sagen sollten." Tybrang, der den Cardassianer wachsam im Blick behielt, runzelte die Stirn. "Man zog es vor, einfach fortzugehen?" fragte er verwundert. "Weshalb?" "Warum hier weitermachen?" entgegnete Ilgash. "Das meiste ist abgebaut, und das was noch übrig ist, befindet sich in ziemlich großer Tiefe. Da ist es weitaus billiger, den Kram hier liegenzulassen und eine neue, modernisierte Anlage auf einer Nebenwelt zu errichten. Außerhalb der Städte ist cardassianischer Boden ohnehin nichts mehr wert." Er blickte nachdenklich zur Hallendecke hinauf, dann wandte er sich wieder Tybrang zu. "Ich muß Ihnen übrigens gratulieren: Sie haben das beste Quartier weit und breit für Ihre Leute ausfindig gemacht." "Woher wollen Sie überhaupt wissen, daß ich vorhabe, die anderen hierherzubringen?" Ilgash legte den Kopf etwas schräg und betrachtete den Rhazaghaner aufmerksam. "Oh, da bin ich mir ausgesprochen sicher! Sie fühlen sich für sie verantwortlich und wollen, daß es ihnen gut geht, stimmt's? Nun, und dieses Gebäude ist ohne Zweifel tadellos erhalten, ein wahres Schmuckstück verglichen mit den meisten Ruinen dort draußen. In etlichen Räumen gibt es sogar noch Möbel und Teppiche, die sich in einem recht guten Zustand befinden. Was liegt da näher, als es sich gerade hier gemütlich einzurichten?" Tybrang erwiderte schweigend den Blick des Cardassianers, dann wandte er sich ab und strebte wieder dem Ausgang zu. "Ach ja!" hörte er Ilgashs Stimme noch einmal hinter sich. "Normalerweise pflegen Bentrang und ich ebenfalls hier zu logieren. Man könnte also sagen: Herzlich willkommen!"
Riardis sah sich staunend in der Eingangshalle um. "Das ist großartig, Tybrang!" rief sie begeistert aus. "Schutz und Behaglichkeit für Generationen von Rhazaghanern! Wer hätte gedacht, daß wir hier ein komplettes Habitat vorfinden würden?" Dylas, der sprachlos zur Decke hinaufgeblickt hatte, drehte sich zu Tybrang um. "Und du sagst, es wären sogar Einrichtungsgegenstände zurückgeblieben?" "Zumindest Ilgash behauptet es!" antwortete dieser mit einer gewissen Zurückhaltung. "Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich näher umzusehen, aber wenn wir uns verteilen, könnten wir rasch feststellen, was uns dieses Gebäude zu bieten hat. Immerhin sind wir bis jetzt auf nichts Vergleichbares gestoßen." "Hallo!" schallte Trysnars Stimme zu ihnen herüber. "Hier gibt es sogar zwei Habitatstreppen, eine auf der Ost- und eine zweite auf der Westseite. Was haltet ihr davon, wenn wir einmal hinaufgehen würden?" Tybrang wandte sich ihm zu. "Wie sieht es dort aus, Trysnar?" rief er zurück. "Gibt es nur Wege nach oben, oder hast du auch Stufen gesehen, die in tiefere Stockwerke führen?" "Das letztere!" gab Trysnar zu Antwort. "Dennoch würden Matani und ich es erst einmal vorziehen, die höheren Ebenen zu erkunden. Ich könnte mir vorstellen, daß man von dort einen wunderbaren Blick auf die Umgebung hat." "Kellergeschosse!" murmelte Tybrang. "Räumlichkeiten, in denen auch ohne künstliche Hilfsmittel eine konstant kühle Temperatur zu herrschen pflegt. Wir hätten die Möglichkeit, Vorräte einzulagern." Brispin, der sich über die in den Boden eingelassenen Schriftzeichen gebeugt hatte, sah auf. "Vorräte!" rief er. "Tybrang! Antalik, Naupal und ich sind gestern auf gewaltige Lager mit Salz gestoßen. Antalik äußerte die Vermutung, daß man daraus Natrium gewinnen wollte, um es zur Metallreduktion zu verwenden. Leider konnten wir in der Umgebung keine Gefäße finden, sonst hätten wir davon mitgebracht." Tybrang atmete glücklich durch. "Vorratshaltung! Sicherheit für den Winter!" sagte er leise. "Das würde dann das Ende unserer Flucht bedeuten. Wir hätten eine Heimat!" stimmte Dylas zu. "Quartiere! Trockene Schlafstätten! Gemeinschaftsräume!" ergänzte Riardis freudestrahlend. "Die Numa könnten endlich beginnen, wie ein Clan zu leben." "Ein Jagdgebiet, das nur so strotzt vor Kleinzeug!" seufzte Aryshtin hinter ihnen. "Nun ja, da man uns nun freundlicherweise all diese Annehmlichkeiten zur Verfügung gestellt hat, wäre es sicher unverschämt, obendrein noch eine Herde Sabreshs zu verlangen. Zugegeben: Wir werden niemals wieder eine Beute zerlegen müssen, um sie nach Hause schaffen zu können. Stattdessen sollten wir uns wohl lieber an die Herstellung von Sammeltaschen machen." Bereits kurze Zeit später hatten sich die Rhazaghaner über die Stockwerke verteilt und erkundeten die neue Wohnstätte. Tybrang arbeitete sich auf der vierten Ebene systematisch voran und fand dabei schnell heraus, daß Ilgash die Wahrheit gesagt hatte: Wohl erwiesen sich viele der vorgefundenen Räume als leer, andere verfügten jedoch noch über einen Rest an Ausstattung, während man manche komplett möbliert zurückgelassen hatte. Als Tybrang auf das erste Zimmer dieser Art stieß, unterzog er es sogleich einer gründlichen Untersuchung. Den gut erhaltenen Schreibtisch sowie die drei schlichten Stühle, die zum Inventar gehörten, würde man gebrauchen können. Weniger interessant waren dagegen ein verstaubtes Computerterminal nebst einigen blinden Beleuchtungskörpern, die aufgrund des Fehlens einer Energiequelle ihren Zweck nicht mehr erfüllen konnten. Dafür weckte ein großer Metallschrank mit zahlreichen Schubfächern Tybrangs Aufmerksamkeit. Der Reihe nach öffnete er die mit primitiven Datenträgern gefüllten Laden und entleerte sie auf den Fußboden. Brispin hatte nicht erwähnt, in welchem Zustand sich das entdeckte Salz befand, doch in diesen Fächern würde man es transportieren, trocknen und später auch lagern können. Zufrieden schob er die Laden wieder an ihren alten Platz zurück und lud sich den Metallschrank auf die Schulter, um ihn hinunter zu den Kellergeschossen zu schaffen. Unterwegs begegnete er dann einigen seiner Artgenossen, die eine Reihe von komfortablen Sesseln aufgetan hatten. "Wohin damit, Tybrang?" erkundigte sich einer von ihnen. "Wir brauchen einen Platz, wo wir dies abladen können." Der Angesprochene dachte kurz nach. "Ich denke, es ist wohl am günstigsten, wenn wir uns erst einmal auf halber Höhe einrichten." antwortete er. "Nach dem, was ich sehen konnte, sind dort die Fenster ausnahmslos erhalten, außerdem verbänden wir kurze Wege mit einer guten Aussicht. Sicherlich wäre auch Dylas damit einverstanden, wenn wir uns auf die neunte Ebene einigen. Inventar für die Vorratshaltung hingegen sollte wohl besser ganz nach unten gebracht werden." Wenig später hatte er seine Last in das erste Kellergeschoß gebracht, doch da es dort kein Licht gab, stellte er den Schrank einfach ab und verschob die Erkundung der Räumlichkeiten bis zu jenem Augenblick, an dem ihm Fackeln zur Verfügung stehen würden. Immerhin war zu merken, daß die Temperatur dort unten wesentlich niedriger als im übrigen Gebäude war. Als er sich gleich darauf auf der neunten Ebene umsah, stellte er fest, daß dort lebhafter Betrieb herrschte. Offenbar war sein Vorschlag auf breite Zustimmung gestoßen, und so hatten die Numa bereits begonnen, sich dort wohnlich einzurichten. Das entsprechende Stockwerk verfügte wie erwartet über zahlreiche kleinere Räume, die sich ausgezeichnet als Quartiere eigneten, während ein mittelgroßer Saal als Gemeinschaftsraum Verwendung finden sollte. Wie Tybrang bald herausfand, waren Wasserstellen und sanitäre Anlagen außer Funktion, aber er zweifelte nicht daran, daß sie für dieses Problem eine Lösung finden würden. Bis auf weiteres mußten sie eben ihren Wasserbedarf decken, indem sie die Tanks und Fundamente der Umgebung als Zisternen nutzten. Vielleicht würden sie sogar eines Tages ein Pumpsystem fertigstellen können, mit dessen Hilfe es möglich war, das lebensnotwendige Naß bis ins Habitat zu schaffen. Vor die Entscheidung gestellt, sich wieder nach unten zu begeben oder aber die höheren Ebenen zu erforschen, gab Tybrang spontan seiner Neugier nach und strebte aufwärts. Weiter oben stieß er dann auf den nächsten Metallschrank, leerte ihn und machte sich mit seinem Fund auf der Schulter auf den Weg ins Kellergeschoß. Auf der Treppe begegnete ihm Ilgash, der zwar in belustigter Anerkennung die Brauen hob, sich jedoch nicht allzu eifrig dabei zeigte, Tybrang durchzulassen. In aller Ruhe verschränkte er die Arme, lehnte sich ans Geländer und begutachtete das Möbelstück auf der Schulter des Rhazaghaners. "Wie ich sehe, haben Sie sich schon allein zurecht gefunden." bemerkte er gutgelaunt. "Sie gehen ja ganz schön ran, das muß man Ihnen lassen! Aber natürlich haben Sie vollkommen recht: Es wird allmählich höchste Zeit, daß jemand kommt und diesen Laden wieder auf Vordermann bringt. Und da Sie gerade so fleißig sind, werden Bentrang und ich uns ein Beispiel daran nehmen und unsere Sachen zu Ihnen rüberschaffen." Tybrang unternahm keine Anstalten, seine Last abzusetzen. Mit unbewegtem Gesicht stand er dem Cardassianer gegenüber und beobachtete ihn aus schmalen Augen. "Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie uns Gesellschaft leisten wollen." entgegnete er leise. "Allerdings möchte ich Ihnen versichern, daß wir es gewohnt sind, allein zurechtzukommen. Darum ist es vielleicht besser, wenn Sie eine solche Mühe erst gar nicht auf sich nehmen." Ilgash schmunzelte. "Oh, keine Sorge, die Mühe ist nicht der Rede wert. Ich muß nämlich gestehen, daß ich schon sehr gespannt auf unser gegenseitiges Kennenlernen bin. Sie etwa nicht?" Er hob den Blick, da zwei miteinander plaudernde Frauenstimmen sich ihnen von oben näherten. Gleich darauf kamen Matani und Aryshtin in Sichtweite, die jede eine ansehnliche Rolle Teppichboden unter dem Arm trugen. Ilgash stieß sich vom Geländer ab und begann zu lächeln. "Sie sind also ebenfalls fündig geworden!" stellte er in freundlichem Tonfall fest. "Teppiche gibt es hier natürlich eine Menge, allerdings in ziemlich unterschiedlicher Qualität. Darf ich mir einmal ansehen, was Sie da haben, Aryshtin?" Er trat näher und untersuchte einen Zipfel des Ballens zwischen zwei Fingern. Die Rhazaghani sah ihm geduldig dabei zu, während sie wartete. "Gut erhalten, aber ein bißchen dünn!" bemerkte er. "Ich wüßte da etwas weiter oben ein wesentlich schöneres Stück. Wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen zeigen." Aryshtin überlegte kurz. "Doch!" entgegnete sie dann. "Ich würde es mir gern ansehen. Allerdings müßte ich dies hier erst hinunter zur neunten Ebene bringen. Wenn Sie vielleicht so lange warten wollen?" Matani streckte einen muskelbepackten Arm aus. "Laß gut sein, Aryshtin! Gib mir den Teppich, ich habe noch eine Hand frei." Sie warf dem Cardassianer einen argwöhnischen Blick zu. "Bist du vollkommen sicher, daß er dir nicht zuviel versprochen hat?" Aryshtin lächelte und übergab die Last ihrer Freundin. "Oh, ich denke, ich werde mich überraschen lassen. Man weiß nichts genau, wenn man nicht bereit ist, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Aus diesem Grund sollte man auch ruhig einmal das Risiko eingehen, enttäuscht zu werden. Ich danke dir, Matani!" Daraufhin drehte sie sich um und begleitete Ilgash nach oben. Tybrang und Matani sahen ihnen mit düsterem Gesichtsausdruck nach, dann trafen sich wie auf Verabredung ihre Blicke. Tybrang sprach kein Wort. Mit einem Ruck nahm er den Schrank von seiner Schulter, plazierte ihn auf den Stufen und schlich lautlos die Treppe hinauf.
Ilgash deutete mit dem Daumen über die Schulter. "Eine respektable Freundin haben Sie da! Mir scheint, die würde glatt zwei Elitesoldaten ersetzen. Gibt es in Ihrer Heimat noch mehr von der Sorte?" Aryshtin lächelte nachsichtig. "Im Winter schon! Das ist die Zeit, in der kleine Rhazaghaner ihrer Geburt entgegenwachsen. Und bei Matani ist es nun einmal so, daß sie zur Zeit ein Kind in sich trägt." Ilgash brauchte einen Moment, um zu schalten, dann schaute er überrascht zurück, obwohl sie bereits mehrere Treppen hinter sich gebracht hatten. "Wirkt sich das bei Ihnen so aus?" fragte er entgeistert. "Und was tun die Väter in der Zwischenzeit? Verstecken sie sich?" Aryshtin blieb nicht stehen, doch sie wandte ihm das Gesicht zu. "Sie üben ihren beruhigenden Einfluß aus." erwiderte sie schlicht. "Eine werdende Mutter ist ein streitbares Geschöpf, und es ist nun einmal eine Tatsache, daß niemand die Umgebung der Schwangeren besser vor ihren Mißstimmungen schützen kann als ihr Gefährte. Bitte verzeihen Sie, aber diese spezielle Lebensphase scheint Ihnen recht unvertraut zu sein. Haben Sie sich denn noch nicht fortgepflanzt?" Er erwiderte überrascht ihren Blick, dann dachte er einen Augenblick nach. "Ich weiß nicht genau, möglich wäre es schon!" erwiderte er. "Allerdings dürften dann die Folgen etwas anders ausgesehen haben. Verdammt, man stelle sich nur vor, man käme einige Zeit danach..." Er räusperte sich. "Also die Sorte Frauen, die ich kenne, entwickelt anschließend keine derartigen Schultern. Wohl eher das Gegenteil!" "Bei uns heißt es: Soll die Jagd gut sein, schick eine Schwangere!" erklärte die Rhazaghani selbstbewußt. "In dieser Phase erreicht der weibliche Körper den Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit, während Jagdtrieb und Verteidigungsbereitschaft außerordentlich zunehmen. Ein Raubtier, das auf eine werdende Mutter stößt, erlebt für gewöhnlich eine unangenehme Überraschung." "Jagd ist wohl so ziemlich Ihr Lebensinhalt, wie?" Ein wehmütiger Ausdruck huschte über Aryshtins Züge. "Eine Tugend auf Rhazaghan, eine Unart auf Cardassia!" antwortete sie resigniert. "Fähigkeiten, in vielen Jahren ausgereift und perfektioniert, verschwendet an eine Welt, auf der die Jagd zum simplen Ernten von Kleingetier verkommt. Auf dem ganzen Weg hierher habe ich nichts gesehen, was der Mühe wert gewesen wäre. Nun ja, es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als uns in Bescheidenheit zu üben." Sie hatten mittlerweile das oberste Stockwerk erreicht und bewegten sich auf eine zweigeteilte Tür zu, welche die gleichen Zeichen aufwies, die auch den Boden der Eingangshalle schmückten. Der Cardassianer trat vor und stieß die beiden Flügel auseinander. Die Wände des großen Raumes bestanden hauptsächlich aus Fenstern, doch das einfallende Licht wurde von dem reichen Pflanzenbewuchs auf ihrer Außenseite gedämpft. Aryshtin folgte ihrem Begleiter hinein, um gleich darauf stehenzubleiben und ihn zu beobachten. Ilgash lächelte und betrachtete sie einen Augenblick, dann zog er sich vor ihr bis zu den Fenstern zurück und verschränkte die Arme. Er wies mit dem Kopf etwas zur Seite. "Da drüben liegt er! Was halten Sie davon?" Langsam legte die Rhazaghani die wenigen Schritte bis zu ihrem Ziel zurück, die Waffe des Cardassianers wachsam im Blick behaltend. Einen Moment zögerte sie, dann ging sie in die Hocke und strich mit der Hand über den Flor des herrlichen, rot und blau gemusterten Teppichs. "Er ist prächtig!" erkannte sie rückhaltlos an. "Ich habe selten eine so vortreffliche Arbeit gesehen." Ilgash nickte. "Bajoranisch! Er dürfte in einem ihrer Tempel gelegen haben, es gibt eine ganze Reihe davon. Wie Sie sehen, hat er ein paar Canar-Flecken abbekommen, wahrscheinlich hat man aus diesem Grund keinen Wert mehr auf ihn gelegt. Aber ich nahm an, daß Sie das wohl nicht stören würde." Aryshtin blickte auf. "Ich nehme keinen Anstoß daran. Tüchtigkeit und Ausdauer haben zu einem beeindruckenden Resultat geführt, und daran können auch oberflächliche Mängel nichts ändern. Ich denke mir, daß er trotz allem in der Lage ist, Wärme zu geben, und das ist es, worauf es ankommt." Ein Hauch von Verunsicherung huschte über die Züge des Cardassianers, dann zuckte er leichthin die Achseln. "Freut mich, daß er Ihnen gefällt! Bentrang und ich haben schon viele Male darauf genächtigt, aber ich bin gern bereit, ihn für Ihre Ausstattung zu stiften. Soll ich Ihnen damit helfen?" Die Rhazaghani, die bereits dabei war, ihre Neuerwerbung zu einem dichten Ballen zusammenzurollen, schüttelte den Kopf. "Das ist nicht nötig, ich fühle mich ausgezeichnet. Es wird kein Problem für mich darstellen, ihn nach unten zu schaffen." Sie hielt einen Moment inne und stützte den Arm auf ihr Knie. "Verspürten Sie nie den Wunsch nach einer Gefährtin?" fragte sie unvermittelt. "Was, ich?" Der Cardassianer lachte. "Sehen Sie mich an! Mache ich auf Sie den Eindruck, als wäre ich scharf darauf, mir eine Frau ans Bein zu binden? Und eine Horde brüllender Gören vielleicht noch dazu? Während all der Jahre habe ich es verstanden, mich einigermaßen durchzuschlagen, und ich habe nicht die geringste Lust, mich zu allem Überfluß noch mit einer Familie abzuschleppen." "Und dennoch ist da Ihr Freund." "Sicher, da haben Sie wohl recht." gab Ilgash zu. "Ohne ihn käme ich natürlich besser zurecht, aber was soll ich machen? Der arme Idiot ist so lebenstüchtig wie ein drei Tage alter Säugling, ich kann mich schwerlich aus dem Staub machen und ihn alleine sitzenlassen." "Sie haben sich seiner angenommen und tragen Sorge für ihn, und dafür ist er Ihnen dankbar." stellte Aryshtin fest. "Bentrang? Wenn Sie sich da nur nicht täuschen! Füttern Sie ihn, und es wird ihm nicht einmal auffallen, wenn mir etwas zustößt. Wahrscheinlich hat er bereits am nächsten Tag vergessen, daß es mich jemals gegeben hat. In der Hinsicht gebe ich mich keinen Illusionen hin." "Er würde Sie vermissen." beharrte die Rhazaghani. Dann erhob sie sich, nahm den stattlichen Teppichballen mühelos auf und klemmte ihn sich unter den Arm. Abwartend sah sie dem Cardassianer entgegen. Ilgash wußte, daß sie es nach Möglichkeit vermeiden wollte, ihm den Rücken zuzuwenden, und so verließ er bereitwillig seinen Platz am Fenster, um sich als erster zur Tür zu begeben. Er hatte den Raum gerade verlassen, als er eine ruhige männliche Stimme hinter sich hörte. "Es ist wirklich sehr großzügig von Ihnen, uns Ihr Nachtlager zu überlassen. Ich kann nur hoffen, daß Sie nicht irgendwann anfangen, diese Entscheidung zu bereuen." Der Cardassianer hatte die Stimme augenblicklich erkannt, daher faßte er sich schnell und wandte sich langsam um. Tybrang lehnte zwei Schritte neben der Tür und betrachtete ihn ernst. Dann sah er zu Aryshtin hinüber, die mit ihrem Teppich gerade den Durchgang passierte und die Anwesenheit ihres Artgenossen ohne die geringsten Anzeichen von Überraschung zur Kenntnis nahm. Ilgash begann zu lächeln. "Nicht schlecht!" bemerkte er anerkennend. "Diesmal waren Sie wirklich sehr vorsichtig." Tybrang nickte ruhig. "Das war ich!" bestätigte er. "Überhaupt werden Sie viel Gelegenheit erhalten, festzustellen, wie vorsichtig unser Volk tatsächlich sein kann."
Während der darauffolgenden Tage widmeten sich die Numa voller Eifer der Einrichtung ihrer neuen Wohnstätte. Da es in den Kellergeschossen noch an hinreichenden Beleuchtungsmöglichkeiten fehlte, entschied man sich dafür, die Nahrung im Erdgeschoß für die Lagerung herzurichten und sie erst anschließend nach unten zu bringen. Bereits nach kurzer Zeit hatte man eine beachtliche Menge an Salz ins Habitat geschafft und mit seiner Trocknung begonnen. Gleichzeitig begann eine zweite Gruppe damit, die Umgebung zu durchstreifen und Beutetiere einzutragen, so daß die Vorratshaltung ihre Arbeit aufnehmen konnte. Am vierten Tag stieß der Jagdtrupp auf eine größere Anzahl gut erhaltener Kunststofftanks, die Tybrang als Wasserreservoirs zu nutzen gedachte. Natürlich würde man vorläufig nur kleine Mengen im Habitat lagern können, da die Qualität des Frischwassers in den Behältern rasch nachlassen würde, doch es war zumindest ein Anfang. Auf alle Fälle würde der Clan die Möglichkeit haben, seine Grundbedürfnisse in der Wohnstätte zu stillen. Nachdem die Einzelquartiere zufriedenstellend ausgestattet waren, trat Tybrang an Dylas mit dem Vorschlag heran, eine Feuerstelle in der Mitte des Gemeinschaftssaales einzurichten, was von dem älteren Rhazaghaner befürwortet wurde. Natürlich würde man für einen gut funktionierenden Rauchabzug sorgen müssen, aber Tybrang war sicher, daß es unter Verwendung von Metallröhren möglich sein würde, eine einfache Anlage dieser Art herzustellen. Schon bald darauf hatte man genug Material herangeschafft und begann mit dem Bau. Drei Tage später waren sie dann soweit, den Rauchfang für einen ersten Versuch in Betrieb zu nehmen. Über der Feuerstelle war ein trichterförmiges Gebilde aus zurechtgehämmerten und miteinander verfalzten Blechen angebracht worden, das in eine Rohranlage mündete. Diese zog sich bis in die rechte obere Ecke der Fensterreihe, wo man eine Scheibe mitsamt dem Rahmen entfernt hatte. Später würde man die Öffnung zumauern, aber vorerst ging es nur darum, die neue Einrichtung zu testen. Tybrang schichtete sorgfältig trockenes Holz und Laub über die Kohlenstoffblöcke, während Riardis ihm weiteres Brennmaterial anreichte. Dann drehte er sich zu dem neugierig zuschauenden Bentrang um und gab ihm mittels Zeichen zu verstehen, daß sein Feuerschläger benötigt wurde. Gleich darauf hatte der Mann begriffen, suchte kurz in seiner Tasche, um schließlich dem Rhazaghaner das Verlangte in die ausgestreckte Hand zu legen. Die meisten Numa hatten sich mittlerweile vollkommen an die Anwesenheit der Cardassianer gewöhnt und empfanden es als eine Selbstverständlichkeit, die beiden Männer mitzuversorgen. Insbesondere der etwas einfältige Bentrang wurde mit allgemeinem Wohlwollen betrachtet und von den Jagdtrupps mit Leckerbissen geradezu verwöhnt. Es bereitete jedermann Freude, zuzusehen, wie sich die Miene des Cardassianers beim Anblick der appetitlichen Mitbringsel aufhellte. Inzwischen gab es sogar mehrere Clanmitglieder, die sich bemühten, ihm ein paar Worte aus der rhazaghanischen Sprache beizubringen. Binnen kurzem hatte sich in der Herdstelle ein kräftiges Feuer entwickelt, dessen Rauch plangemäß zur Öffnung des Abzuges hinaufstieg. Tybrang eilte zur Fensterreihe hinüber und lehnte sich hinaus, um einen Blick auf das Schornsteinende zu werfen, das sich etwas entfernt auf der Höhe der elften Ebene befand. Die austretende Rauchfahne stieg nur noch ein kleines Stück an der Gebäudefront empor und wurde dann von der stetigen Luftströmung zerrissen, die um das Habitat strich. "Ja, so habe ich es mir vorgestellt!" rief der Rhazaghaner aus. "Der Wind ist stark genug. Wenn wir grundsätzlich auf trockenes Brennmaterial achten, wird man den Rauch nicht bemerken." Gleich darauf begannen sie, mit unterschiedlichen Brennstoffen zu experimentieren. Tybrang setzte sich in die Fensteröffnung, lehnte seinen Rücken gegen den Mauerrand und beobachtete aufmerksam die austretende Rauchmenge und -farbe. Zwischendurch ließ er hin und wieder seinen Blick nach unten wandern und bemerkte bei dieser Gelegenheit, daß Ilgash von einem seiner morgendlichen Ausflüge ins Habitat zurückkehrte. Er wußte, daß der Cardassianer seit ein paar Tagen Wanderungen zum nördlichen Rand des Industriegebietes unternahm, wenn ihm der Grund dafür auch verborgen blieb. Wichtig war ihm jedoch vor allem, daß der Mann die Wohnstätte ohne Ausrüstungsgegenstände verließ. Es war recht unwahrscheinlich, daß sich Ilgash ohne Decke und Proviant zur nächsten Siedlung aufmachen würde.
Ilgash betrat die Eingangshalle und strebte mit raschen Schritten der östlichen Habitatstreppe zu, als er mehrere Stimmen hinter sich wahrnahm. Er blickte sich um und erkannte die Mitglieder des Jagdtrupps, unter ihnen auch Aryshtin, die offenbar gerade von der Vorratshaltung zurückkehrten. Der Cardassianer lächelte und ging der Rhazaghani entgegen. "Hallo, gut daß ich Sie treffe, zu Ihnen wollte ich nämlich!" rief er ihr entgegen. "Haben Sie momentan etwas Zeit?" Aryshtin blieb stehen und drehte sich zu ihm um. "Zeit?" fragte sie erstaunt. "Zeit wofür?" Sein Lächeln verstärkte sich. "Nun, sagen wir einfach, es handelt sich um eine kleine Überraschung. Also wie steht es? Kommen Sie mit?"
Tybrang befand sich noch immer an seinem Platz am Fenster, als Ilgash gemeinsam mit der Rhazaghani die Wohnstätte verließ. Der Rhazaghaner erblickte sie sofort. Einen leisen Fluch ausstoßend, sprang er zurück auf den Hallenboden, dann begab er sich im Laufschritt zur Habitatstreppe.
"Und, wie sieht es aus?" erkundigte sich der Cardassianer, während er die nördliche Richtung einschlug. "Hatten Sie heute früh eine gute Jagd?" Aryshtin hob kurz den Kopf, dann sah sie wieder auf den Weg zu ihren Füßen. "Messerkrebse!" antwortete sie leise. "Spitzläufer! Mauerspringer und Strauchlinge." Ilgash hörte deutlich heraus, wie peinlich es ihr war, ihre Jagdstrecke aufzuzählen. Er schmunzelte und fuhr fort, sie zu betrachten. Mittlerweile begab sich die Rhazaghani nicht mehr in die Krallenluum, sobald er sie zu einem Ausflug begleitete. Zwar hatte sie zu Anfang noch einen gewissen Sicherheitsabstand eingehalten, doch auch dieser war nach und nach zusammengeschrumpft. Inzwischen duldete es Aryshtin, daß er sich unmittelbar an ihrer Seite aufhielt und nahm auch keinen Anstoß daran, wenn er zu ihr hinüberblickte, um sich an ihrem Anblick zu weiden. Sie wußte, daß er sie begehrte, gleichzeitig hatte sie keine Schwierigkeiten, diese Tatsache zu akzeptieren, und auch das war etwas, was ihm gefiel. "Machen Sie sich nichts daraus!" antwortete er. "Glauben Sie nicht, daß Sie es auch im Kleintierfang zu etwas bringen könnten? Sie könnten bestimmte Quoten festlegen und dann versuchen, sie innerhalb möglichst kurzer Zeit zu erfüllen. Ich bin mir vollkommen sicher, daß Sie es in diesem Sport zur absoluten Meisterschaft bringen würden." Aryshtin sprach kein Wort, doch sie warf ihm einen Blick zu, in dem ein tief gekränkter Vorwurf lag. Ilgash hob sich ergebend die Hände. "Schon gut, vergessen Sie es, es war nur eine Idee! Sieht mir ganz so aus, als wäre es heute eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, Sie aufzuheitern." Gemeinsam wanderten sie durch den Irrgarten des einstigen Industriegebietes, wobei sie sich immer weiter auf dessen nördlichen Rand zubewegten. Hin und wieder hob die Rhazaghani lauschend den Kopf, wenn sie eine Bewegung im Strauchwerk wahrnahm. Erschien ihr das Geräusch vielversprechend, wechselte sie in die Krallenluum hinüber und machte sich auf, um dessen Urheber festzustellen, kehrte jedoch jedesmal enttäuscht wieder zurück. Der Cardassianer faßte sich bis dahin in Geduld, lehnte sich gegen einen Baum oder eine Gebäudewand und wartete, bis Aryshtin bereit war, den Weg fortzusetzen. Er hatte gerade wieder die Arme verschränkt und beobachtete, wie seine Begleiterin in den Überresten eines Schuppens verschwand, als ihm etwas einfiel. Sofort richtete er sich auf und begann, Gebäude und Vegetation mit seinem verbliebenen Auge abzusuchen, wobei er auf jedes einzelne Detail achtete. Dieses Spiel bereitete ihm viel Vergnügen, da er begonnen hatte, darin eine willkommene Herausforderung an seine Aufmerksamkeit zu sehen. Seit seiner Zeit auf Bajor hatte er es nicht mehr nötig gehabt, sich derart sorgfältig auf seine Umgebung zu konzentrieren. Zunächst ließ der Erfolg auf sich warten, doch dieser Umstand bedeutete nur einen zusätzlichen Ansporn für ihn. Der Andere befand sich irgendwo in der Nähe, und nach ihren unausgesprochenen Spielregeln hielt er sich nie vollständig vor ihm verborgen. Sein Gegenspieler legte Wert darauf, daß Ilgash wußte, daß er da war. Erst nach einer ganzen Weile hatte er ihn ausgemacht. In erstaunlich geringer Entfernung hockte Tybrang auf einer Dachschräge, von Stahlträgern halb verdeckt. Er hatte es nicht einmal für nötig befunden, die Krallenluum aufzusuchen. Ilgash drehte sich ihm zur Gänze zu, um dem Rhazaghaner zu verstehen zu geben, daß er ihn gefunden hatte. Tybrang dagegen bewegte sich nicht. Vollkommen ruhig hielt er seine Position und erwiderte den Blick des Cardassianers. Es raschelte zwischen den Sträuchern, und die Rhazaghani erschien wieder auf der Bildfläche. "Nun?" erkundigte sich Ilgash interessiert. Aryshtin kehrte in die Grundform zurück. "Mauerspringer!" erwiderte sie einsilbig. Dann fuhr sie fort, den Cardassianer zu begleiten. Nach einer Weile erreichten sie das Randgebiet des zerfallenden Industrielabyrinths, welches sich dort durch eine wesentlich geringere Bebauungsdichte auszeichnete. In der Nähe der Gebäude hatten sich regelrechte Wäldchen angesiedelt, während sich noch etwas weiter draußen eine hügelige Graslandschaft erstreckte. Nur hier und dort stießen noch einzelne Schuttberge aus der mehr als kniehohen Vegetation. Aryshtin überquerte an Ilgashs Seite den Hof eines ehemaligen Schmiedewerkes, bewegte sich mit ihm gemeinsam eine Gebäudewand entlang, bog um dessen Ecke - und erstarrte. Hier hatte sie erstmalig die Gelegenheit, einen Blick auf die bewachsene Hügelkette zu werfen, die sich kaum fünfhundert Schritt vor ihnen erhob. Ein stetiger Wind hielt das Meer von grünen Halmen in wogender Bewegung, und kurz vor der Spitze der Anhöhe - die Rhazaghani vermochte kaum ihren Augen zu trauen - weideten acht oder neun große graubraune Tiere mit hohen, schlanken Läufen. Einen Moment war sie sprachlos, dann aber wandte sie ihre aufgerissenen Augen dem Cardassianer zu. "Sie sehen fast wie Zerliks aus." hauchte sie. "Was für Tiere sind das?" Ilgash, dem es gefiel, sie derart außer Fassung zu sehen, lächelte. "Hier werden sie Lintos genannt. Früher gab es weiter im Süden noch eine etwas kleinere Art, die den Namen Tolinto trug. Ich weiß nicht, ob sie noch existiert, aber Sie wollten doch ohnehin etwas Größeres zu Gesicht bekommen, oder?" "Woher wußten Sie...? Der Cardassianer verschränkte die Arme und betrachtete sie zufrieden. "Ich habe sie bereits im letzten und vorletzten Jahr hier draußen gesehen, ebenfalls um diese Jahreszeit. Ich hatte einfach die Hoffnung, daß sie auch diesmal wieder auftauchen würden." Aryshtin starrte erneut zu den fremden Tieren hinüber. Ihr Blick bekam etwas Fiebriges. "Ist es Ihnen schon gelungen, einige davon zu erlegen?" fragte sie heiser. Ilgash lachte leise und zog seine Steinschleuder aus der Tasche. "Was denn, hiermit vielleicht? Ich glaube, noch nicht einmal Sie sind in der Lage, an sie heranzukommen. Sie mögen eine verdammt gute Jägerin sein, aber die Biester da vorne sind ungeheuer wachsam und flink außerdem. Ich sage Ihnen das lieber gleich, bevor Sie allzusehr enttäuscht sind." Offenbar hatte ihre gedämpfte Unterhaltung eine der Lintos in Unruhe versetzt. Witternd hob sie den schlanken Kopf, um unmittelbar darauf einen hohen Zischton auszustoßen. Wie auf ein Kommando warfen sich daraufhin sämtliche Tiere herum und ergriffen die Flucht. Nur einen Augenblick später waren sie jenseits der Hügelkuppe verschwunden. Ilgash seufzte und zuckte die Achseln. "Sehen Sie, was habe ich Ihnen gesagt? Sie sind verflixt schnell. Es ist vollkommen unmöglich, sie zu erwischen." Aryshtin lachte hell auf. Ihre Augen blitzten. "Es sei denn, man ist schneller als sie!" rief sie aus. Das nächste, was der völlig überraschte Cardassianer von ihr wahrnahm, war das blendende Licht der Luumumwandlung, dann hatte die Frauengestalt auch schon einer riesigen, ockerfarbenen Kreatur Platz gemacht, die unmittelbar darauf startete. Fassungslos sah Ilgash dem eleganten Geschöpf hinterher, das mit phantastischem Tempo an Abstand gewann, gleich darauf das hohe Gras erreichte und immer noch beschleunigte. Mit einem inneren Hochgefühl jagte Aryshtin in der Steppenluum vorwärts, während die schmalen Halme ihre Beine streiften. Sie sah die Hügelkuppe rasch näherkommen, als auch schon im nächsten Augenblick ihre Hufe gegen etwas Hartes stießen. Ein hohes, trockenes Geräusch erklang, dann stoben rings um sie Wirbel und lange, gebleichte Rippen auseinander. Als Tybrang herankam, befand sich die Rhazaghani bereits wieder in der Grundform. Sie war bei den Überresten des Skeletts niedergekniet und untersuchte aufmerksam die einzelnen Knochen. Ilgash reagierte zunächst nicht auf die Annäherung des Rhazaghaners, doch dann wandte er ihm sein bleiches Gesicht zu. "Was ist das?" fragte Tybrang staunend. Der Cardassianer fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. "Kildar!" antwortete er rauh. "Es sieht wohl ganz so aus, als kämen sie doch bis hierher." Tybrang blickte zu den Knochen hinüber. "Es gibt tatsächlich noch Raubtiere auf dieser Welt?" Ilgash schüttelte den Kopf. "Sie sind keine cardassianische Lebensform; sie haben ihren Ursprung irgendwo anders. Ich weiß noch genau, wie die ersten Gerüchte aufkamen, es wäre etwas eingeschleppt worden, etwas Gefährliches. Zu diesem Zeitpunkt waren schon ein paar Leute den Tieren zum Opfer gefallen, aber die Vorfälle hatten sich allesamt ziemlich weit draußen abgespielt. Die Betreffenden waren also arme Schlucker gewesen, solche, die sich keine Behausung in Stadtnähe leisten konnten, und daher hatte sich kaum jemand dafür interessiert. Dann begannen sich die Fälle zu häufen. Die Leute wurden unruhig und fingen an zu reden, außerdem wurden erste Mutmaßungen angestellt. Zunächst hieß es, die Kreaturen stammten aus irgendeiner Forschungsanstalt, aber dann kam nach und nach die Wahrheit ans Licht. Anscheinend war es in exklusiven Kreisen Mode geworden, bei intergalaktischen Händlern fremde Bestien zu kaufen, um sie anschließend in Schaukämpfen gegeneinander zu hetzen. Ein Rudel einer besonders wilden Spezies mußte es wohl irgendwie fertiggebracht haben, der Gefangenschaft zu entkommen." Tybrang hatte mit gerunzelter Stirn zugehört. "Von wem stammten die Tiere?" Der Cardassianer zuckte die Achseln. "Das kam niemals heraus, also dürfte es sich bei dem Verantwortlichen um eine sehr einflußreiche Persönlichkeit gehandelt haben. Es wurde nur gemunkelt, die Biester wären über orionische Händler hierher gelangt, und so setzte sich nach einiger Zeit die Bezeichnung 'orionische Kildars' durch. Nachdem die Sache erst einmal bekannt geworden war, unternahm die Regierung einige Versuche, die Plage zu beseitigen, aber trotz aller Anstrengungen gibt es sie immer noch. Irgendwie scheint es unmöglich zu sein, die Kildars wieder loszuwerden." "Ist Ihnen schon einmal ein solches Tier begegnet?" Ilgash hob die Brauen, dann lachte er kurz auf. "Sie machen mir Spaß! Ich stehe doch hier vor Ihnen, oder nicht? Meine gesamten Kenntnisse über Kildars stammen vom Hörensagen, was mir vollkommen genügt. Wie es heißt, sollen sich diese Tiere nie lange an einem Ort aufhalten, das macht es so schwer, sie auszurotten. Die Rudel wandern die meiste Zeit umher und machen nur Halt, wenn sie auf ein vielversprechendes Jagdgebiet stoßen. Dort räumen sie gründlich unter dem ansässigen Wild auf, um dann anschließend weiterzuziehen. Nach dem, was man hört, sollen sie schnell, außerordentlich stark und zudem verdammt intelligent sein. Keine Kreatur, mit der man es gerne zu tun bekommen möchte, wie Sie sich vielleicht vorstellen können." Tybrang nickte nachdenklich, dann ging er zu Aryshtin hinüber, die noch immer die Überreste des Kildars begutachtete. "Derselbe Platz im Gefüge wie die Zahnluum." sagte er leise, nachdem er einen längeren Blick auf die Knochen geworfen hatte. Die Rhazaghani brummte zustimmend, hob den stattlichen gewölbten Schädel in die Höhe und zog Ober- und Unterkiefer auseinander. Statt der Zähne befanden sich dort vier lange schimmernde Reihen, deren gezackte Form an grobe Sägen denken ließ. Aryshtin schloß den Rachen und ließ das knöcherne Maul noch mehrmals hintereinander zuschnappen. Ein schabendes Geräusch war jedesmal die Folge. "Selbstschärfend!" bemerkte sie anerkennend. "Ich vermute, daß ihre Zahnreihen laufend nachwachsen." Tybrang seufzte. "Wir sind nicht die Einzigen hier draußen, zumindest das wissen wir jetzt. Komm, Aryshtin, laß uns zum Habitat zurückkehren und es den anderen sagen!" Die Rhazaghani erhob sich und übergab ihm den Schädel. "Geh schon einmal mit Ilgash vor! Ich würde mich hier gern noch ein wenig umsehen, wenn du verstehst, was ich meine." Er nickte. "Gewiß! Tu mir aber den Gefallen und sei vorsichtig, Aryshtin!" Gleich darauf machte er sich mit dem Cardassianer auf den Rückweg. Eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her, dann wandte Ilgash dem Rhazaghaner das Gesicht zu und musterte ihn mit seinem einen Auge. "Ihre Leute stecken ja voller Überraschungen!" bemerkte er. "Ich habe nicht schlecht gestaunt bei der Sache vorhin. Kann es vielleicht sein, daß da noch die eine oder andere Nummer in Ihnen steckt?" Der Rhazaghaner warf ihm einen knappen Seitenblick zu. "Und wenn es so wäre?" "Schon gut, vielleicht sollte ich nicht weiter nachfragen. Allerdings dürften Ihnen Ihre Kunststückchen gegen einen Kildar nicht viel nützen. Schon ihre Knochen sind beachtlich, wie Sie gerade feststellen konnten, aber ich kann Ihnen versichern, daß ein lebendes Tier noch sehr viel erschreckender wirkt. Ich habe Bilder von ihnen gesehen und weiß, wovon ich rede." Tybrang überlegte kurz, dann hielt er abrupt an und setzte den Kildarschädel auf dem Boden ab. "Passen Sie auf!" wandte er sich an den Cardassianer. "Erschrecken Sie aber nicht, Sie wissen ja, daß ich es nach wie vor bin." Im nächsten Moment blitzte es. Ilgash riß das Auge auf. "Was schätzen Sie?" erkundigte sich Tybrang, nachdem er in die Grundform zurückgekehrt war. "Wäre so etwas in der Lage, mit den Kildars mitzuhalten?" Ilgash starrte ihn nach wie vor an. "Ich weiß es nicht!" murmelte er schließlich. "Möglich wäre es! Ich glaube, ich sollte da lieber keine Vermutungen äußern." Beide nahmen ihren Weg wieder auf. Ilgash schwieg einen Weile. "Sie können verdammt froh sein, daß Ihre Leute bei unserer ersten Begegnung nicht so ausgesehen haben." sagte er plötzlich in leisem Tonfall. "Denn soviel kann ich Ihnen versprechen: Egal was Sie unternommen hätten, ich hätte geschossen." Der Rhazaghaner sah zu ihm hinüber. "Da hege ich nicht den allergeringsten Zweifel." entgegnete er ruhig. In der großen Eingangshalle trennten sich ihre Wege. Ilgash bog zur Vorratshaltung ab, da er von dort Bentrangs Stimme vernommen hatte, während sich Tybrang zur neunten Ebene hinaufbegab. Er hatte die Hoffnung, im Gemeinschaftssaal auf Dylas zu stoßen, und tatsächlich sah er seine Erwartung erfüllt. Der ältere Rhazaghaner war gerade dabei, den fertiggestellten Rauchfang in Augenschein zu nehmen, richtete sich jedoch sofort auf, als er Tybrang mit dem Kildarschädel unter dem Arm eintreten sah. Wenig später hatte ihm der Jüngere alles Nötige berichtet. "Es gibt also noch andere Jäger auf dieser Welt." stellte Dylas sorgenvoll fest, während er den Schädel eingehend betrachtete. "Und wie es aussieht, sind sie stark und wild. Das ist eine beunruhigende Entdeckung." Er gab den Schädel an Raiji weiter, die mit ein paar anderen herangekommen war. Augenblicklich begann eine lebhafte Diskussion zwischen den Rhazaghanern, während der Fund von Hand zu Hand gereicht wurde. Tybrang, der seine Artgenossen aufmerksam beobachtete, nickte. "Du hast recht, wir werden ab jetzt doppelt vorsichtig sein müssen. Allerdings wäre es nicht gut, wenn wir uns von dieser Tatsache zu sehr verunsichern lassen. Die Clangemeinschaft hat bisher eine Menge Anspannung ertragen müssen, es wird Zeit, auch freudige Momente in ihr Leben zu bringen. Der Rauchfang ist fertig und funktioniert, ich glaube, das wäre ein guter Anlaß für ein Fest, Dylas!" Der Angesprochene betrachtete ihn einen Augenblick mit verschränkten Armen, dann begann er zu lächeln. "Natürlich, wir haben eine schwere Zeit hinter uns und kehren nun langsam zur Normalität zurück, das ist ein Grund zum Feiern. Geh nur, Tybrang, und sag es den anderen! Ich werde in der Zwischenzeit die ersten Vorkehrungen treffen." Die Nachricht, man werde die Feuerstelle im Gemeinschaftssaal mit einem Fest einweihen, wurde von allen begeistert aufgenommen, und man begann augenblicklich, Sitzgelegenheiten und Nahrungsmittel in den großen Raum zu schaffen. Tybrang und seine Helfer befanden sich noch mitten in den Vorbereitungen, als von unten mehrere Freudenrufe durch das offene Fenster hereinschallten. Der bernsteinfarbene Rhazaghaner warf einen Blick in die Tiefe und lachte auf. Aryshtin stand in ihrer Steppenluum vor dem Habitat, das gelbliche Fell dunkelrot bespritzt, unter dem Gewicht ihrer Beute fast zusammenbrechend. "Ich wußte es!" rief er Riardis zu, die ebenfalls herangeeilt kam. "Aryshtin gibt nicht so leicht auf. Unsere erste Feier im Habitat, und schon haben wir einen erfolgreichen Jäger, der ihr Glanz verleiht!"
Ilgash stieg langsam den Habitatssockel hinab. Nur ein paar Schritte entfernt stand das ockerfarbene Geschöpf, dessen Sprint er hatte verfolgen können, und nahm die Glückwünsche seiner Artgenossen entgegen. Weitere Rhazaghaner kamen heran und leisteten Hilfe, indem sie die herabgleitende Linto auffingen. Etwas hatte ihr die Kehle zerrissen. Als der Cardassianer stehenblieb, wandte Aryshtin ihm den Kopf zu. Unmittelbar darauf wechselte sie in die Grundform und drehte sich ganz zu ihm um. Hals, Brust und Schultern der Rhazaghani waren mit dem Blut des Tieres befleckt, doch ihre Augen strahlten, während er sprachlos vor ihr stand. "Sie haben es tatsächlich geschafft!" brachte er schließlich heraus. "Sie haben eine von ihnen erlegt." "Sie hingegen haben an mich gedacht." antwortete Aryshtin lächelnd. "Und dafür danke ich Ihnen, Ilgash!"
Es war noch heller Nachmittag, als die Numa mit ihrer Feier begannen. Warmes Sonnenlicht fiel durch die Fensterreihe, unter dem Rauchfang brannte ein kräftiges Feuer, und der appetitliche Duft garender Lintostücke zog durch den Saal. Tybrang hatte es sich neben Dylas auf einem Stuhlpolster bequem gemacht und sah zufrieden auf seine Artgenossen, die plaudernd und lachend beisammensaßen. Die Atmosphäre wirkte so unbekümmert, so freundlich und vertraut, daß er fast hätte glauben können, zuhause auf Rhazaghan zu sein. Allein der Anblick der zwei Cardassianer brachte ihn immer wieder in die Wirklichkeit zurück. Tybrang beobachtete die beiden Männer einen Augenblick. Der schlichte Bentrang schien vollkommen in der Gemeinschaft aufzugehen; er wirkte munter und vergnügt, während Zelar sich mittels einfacher Handzeichen um Verständigung mit ihm bemühte. Ilgash hingegen überwachte wie stets konzentriert seine Umgebung. Als hätte er Tybrangs Aufmerksamkeit gespürt, wandte er ihm langsam das Gesicht zu und begann leise zu grinsen, als sich ihre Blicke trafen. Der Rhazaghaner hingegen blieb ernst. Es war kein angenehmer Gedanke, daß die Numa fortan gezwungen sein würden, mit diesem undurchsichtigen Mann in ihrer Mitte zu leben. Unvermittelt schob sich etwas in Tybrangs Blickfeld, und er sah verwundert auf. Er erkannte Riardis, die vor ihm Aufstellung bezogen hatte, und bemerkte gleichzeitig, daß das Stimmengemurmel in Saal abebbte und auch schon im nächsten Moment verstummte. "Eine Geschichte, Tybrang!" richtete die Rhazaghani gut verständlich das Wort an ihn. "Die Numa hungern nach deiner Stimme, darum erhebe dich und sättige sie mit einer Erzählung!" Tybrang sah sich verblüfft unter den Anwesenden um, die erwartungsvoll ihre Augen auf ihn gerichtet hatten. Er hatte damit gerechnet, daß Aryshtin ihre Jagdgeschichte zum Besten geben würde, doch die Rhazaghani saß vergnügt schmunzelnd zwischen den anderen und machte keine Anstalten, aufzustehen. "Aber Aryshtin..." begann er schließlich. "Aryshtin wird uns später von ihrer Jagd berichten." erwiderte Riardis unbeirrt. "Nun allerdings harrt sie ungeduldig deiner Worte, so wie wir alle. Steh auf und erzähle, Tybrang!" Sie lächelte, während er ratlos die Stirn runzelte. Dann plötzlich kam ihm ein Gedanke, und auf einmal wußte er, welche Geschichte sich für die Numa eignen würde. Er erhob sich, holte tief Luft und fing an zu erzählen. "Die Geschehnisse, von denen ich euch berichten will, nahmen vor zwei Jahren ihren Anfang. Zwei Jahre, so lange ist es nun her, daß die Herren des Dominion den Namen Rhazaghan zu fürchten begannen. Ein Volk, begabt mit außergewöhnlichen Kräften, beschützt von einer Armee unerschrockener Krieger, gerüstet mit einer übermächtigen Invasionsflotte, stolpert über einen einzigen einsam gelegenen Planeten - und erzittert. 'Wie war das möglich?' würde jetzt ein Fremder fragen. 'War die Spezies, auf die sie dort stießen, so grausam, so kriegerisch, so gewalttätig, daß die Invasoren allen Mut verloren?' Nichts von alledem! Die Bewohner jenes Planeten verspürten keinen anderen Wunsch, als in Frieden auf ihrer Welt zu leben. 'Dann -' könnte der Fremde nun vermuten - 'schützte sich jenes Volk sicherlich mit außergewöhnlich schrecklichen Waffen, so daß die Angreifer in die Flucht geschlagen werden konnten?' Auch diese Vermutung trifft nicht die Wahrheit. Wohl hatten die Bewohner Rhazaghans durch bittere Erfahrungen lernen müssen, was Verteidigung bedeutet, aber noch waren sie keine Meister darin. Was also war es, was das Dominion von der Eroberung Rhazaghans abgehalten hatte? Die Antwort ist ebenso einfach wie unglaublich: Ein Mann! Ein einzelner Rhazaghaner brachte es fertig, daß die Krieger des Dominion voller Entsetzen ihre Schiffe wendeten und den Orbit des Planeten verließen. Was Phaserstrahlen und Photonentorpedos nicht hatten bewirken können, erreichte eine List, die Tarkin von den Vari ersonnen hatte. Formwandel bedeutet Göttlichkeit. Das ist jene Lüge, mit der die Gründer ihre Diener gefügig halten. Tarkin jedoch war klug und findig, er erkannte, daß das Dominion uns hier seine Kehle bot, und so ging er das Wagnis ein und trat den feindlichen Kriegern gegenüber als das, was er war: Als ein Geschöpf, das in der Lage ist, seine Gestalt zu ändern. Wir wissen, was daraufhin geschah: Die Jem'Hadar flohen und lebten fortan in dem Glauben, daß Rhazaghan die Heimat göttlicher Wesen sei. Die Gründer jedoch gerieten in Furcht, denn sie vermochten nichts dagegen zu tun, und so begannen sie Tarkin zu hassen. Eine Formwandlerin brach auf, mit dem Auftrag, den einfallsreichen Rhazaghaner zu fangen, und tatsächlich: Der Feind fand seinen Weg mitten unter uns und brachte Tarkin in seine Gewalt. Aushungern wollte man den Gefangenen, ihn brechen, damit er vor den Jem'Hadar seine List offenbarte, und so brachte man ihn weit fort von seiner Heimat, um ihn auf einer öden Welt auszusetzen. Der Einzelne bedeutet viel - noch nie war dieser Satz so wahr gewesen. Tarkin mußte gerettet werden, aber wie ihn den Gründern und ihren cardassianischen Helfern entreißen? Man überlegte verzweifelt, und schließlich war es Tarkins Gefährtin Aslari, die einen tollkühnen Plan entwickelte: Eine Sternschwinge sollte den Transport des Gefangenen abwarten und ihre Mannschaft das feindliche Schiff entern. Für dieses Unternehmen würde man jedoch etwas benötigen, was Rhazaghan niemals besessen hatte: Eine Tarnvorrichtung! Tatsächlich ruhte zu diesem Zeitpunkt ein romulanischer Warbird im Hangar der Sita. Jenes Schiff hatte ein Regiment Soldaten von Romulus nach Rhazaghan gebracht, damit es dort militärische Unterstützung leistete. Eine Tarnvorrichtung war also in Reichweite, doch es war fraglich, ob unsere Verbündeten uns dieses sorgfältig gehütete Gerät überlassen würden. Romulaner sind mißtrauisch, so heißt es, sie empfinden kein Mitleid, und sie kennen keine andere Loyalität als die zu ihrem Volk. Was also würde ihr Kommandant tun? Er tat etwas, worauf wir alle gehofft hatten: Er strafte die Geschichten über Romulaner Lügen und erklärte sich bereit, uns zu helfen. Und damit handelte er nicht als Verbündeter an uns, er handelte als Freund. Kein Rhazaghaner sollte das je vergessen. Von nun an arbeiteten wir Hand in Hand. Die Arrhinia D'jah, das kampferprobteste Schiff von Rhazaghan, sollte die Tarnvorrichtung erhalten, und so wurde ihr das von den Romulanern geliehene Gerät von einem Halbcardassianer eingebaut. Dann stellten die Clanführer der fünf beteiligten Clans eine starke Mannschaft zusammen, indem jeder von ihnen eine Wahl traf. Sie wählten mutige und verläßliche Leute, und darunter fanden sich Rhazaghaner, die Erfahrung besaßen, solche, die sich durch Kühnheit auszeichneten oder andere, die listig und gewitzt waren. Es war eine Mannschaft, die ihres Schiffes würdig war. Von all dem ahnten die Gründer nichts. Ohne Mitleid sahen sie zu, wie Tarkin vor ihren Augen verfiel, und endlich war es soweit, daß eine von ihnen mit ihrem Gefangenen aufbrach. Doch da lauerte schon die Arrhinia D'jah in unmittelbarer Nähe, durch die Tarnvorrichtung verborgen wie ein Uraukh im Schatten des Waldes. Als sie zum Angriff überging, spritzen die beiden Schlachtschiffe gleich flüchtenden Kralips auseinander, und so setzte die Stahlgefährtin sie nacheinander außer Gefecht. Als unser Enterkommando das feindliche Schiff betrat, herrschte Dunkel, denn wir hatten ein Hilfsmittel bei uns, das Waffen und sämtliche Geräte stillzulegen vermochte. In dem Licht mitgebrachter Lampen suchten wir uns unseren Weg zu Tarkins Gefängnis, doch dort wartete schon die Formwandlerin auf uns. In ihrer Arroganz hatten sich die Herren des Dominion stets für unbesiegbar gehalten, aber nun zeigte ihnen Aslari, daß sie sich geirrt hatten. Sie griff die Formwandlerin an, überwand sie und entriß ihr Tarkin, der vom Tode gezeichnet, aber ungebrochen war. Man half dem Befreiten, sich zu erheben, und da wandte er sich noch einmal an seine Entführerin. "Schickt die Cardassianer nach Rhazaghan, und sie werden eine Festung vorfinden." lautete seine Warnung an sie. "Schickt die Jem'Hadar, und ihr werdet euren eigenen Untergang heraufbeschwören, denn wir werden ihnen die Augen über ihre vermeintlichen Götter öffnen." So sprach er zu der Gründerin, und noch heute liegt Rhazaghan sicher und geborgen hinter dem Schild, den Tarkin mit diesen Worten schuf. Wir wissen, daß es so ist, denn wir haben selbst erfahren können, wie sehr das Dominion uns immer noch fürchtet. Dieses also ist die Geschichte von Tarkins Rettung, an der nicht nur Vari, Sirk, Dana, Laro und Sim, sondern, wie wir nun wissen, auch Numa ihren Anteil hatten." Tybrang verstummte und blickte in die strahlenden Augen seiner Artgenossen. Es war richtig gewesen, diese Erzählung zu wählen, die, wie er sich sicher war, irgendwann von Dylas in die Chronik der Numa geschrieben werden würde. Der junge Clan besaß bereits eine Geschichte, und es war wichtig, daß er sich dessen bewußt wurde. Der Fortgang des Festes verlief in glänzender Stimmung, und auch Aryshtin kam dazu, ihre Erzählung vorzubringen. Dabei zeigte sich zwar, daß der Gemeinschaftssaal etwas klein für eine temperamentvolle Jagddarstellung war, aber die Berichtende überspielte die Einschränkungen, die sie hinnehmen mußte, mit viel Humor. So verging der Nachmittag und wich allmählich dem Abend. Das Licht im Saal nahm durch die Feuerstelle einen rötlichen Ton an, und noch zeigte sich keiner gewillt, sich in seine Unterkunft zurückzuziehen. Ilgash sah sich aufmerksam unter den Feiernden um, dann erhob er sich langsam und verließ möglichst unauffällig den Saal. Er hoffte, daß Tybrang bis auf weiteres abgelenkt sein würde, denn im Moment war ihm an keinem Verfolger gelegen. Gleich darauf hatte er seine alte Militärdecke geholt und stieg die östliche Habitatstreppe hinab. Im Freien angekommen, empfing ihn ein warmer Regen, der das Industriegebiet hinter einem grauen Vorhang verschwinden ließ. Einen Moment stand der Cardassianer still und orientierte sich, dann schlug er die Richtung zur alten Gießerei ein. Nur wenig später hatte auch Aryshtin die Feier verlassen. Vor dem Habitat wechselte sie in die Krallenluum und witterte konzentriert, hatte den vertrauten Geruch jedoch schnell erfaßt. Ohne zu zögern machte sie sich auf den Weg.
Tybrang stand am offenen Fenster und sah ihre Gestalt kurz nach dem Cardassianer in der Dämmerung verschwinden. Er seufzte. "Steppenluum!" bemerkte Riardis neben ihm. "Aryshtin ist neugierig." Tybrang wandte sich langsam um. "Ja, ich weiß! Aber es ist nicht nur das!" Daraufhin nickte er dem schweigenden Dylas zu und begab sich zur Habitatstreppe.
In der Gießerei angekommen, durchquerte Ilgash die Werkhalle und ging zu dem großen Schreibtisch, hinter dem einmal der Schichtleiter gethront hatte. Das Licht war bereits sehr schlecht, und so suchte er als erstes eine der Chemolampen heraus, die er hier vor den Rhazaghanern verborgen hatte. Er verspürte keine Neigung, diesen wertvollen Besitz für eine Kellerbeleuchtung zu stiften. Kurz darauf wich die Dämmerung einem bläulichen Leuchten, welches es dem Cardassianer leicht machte, auch die benötigten Werkzeuge hervorzuholen. Nachlässig warf er seine Decke auf den Boden, dann ließ er sich hinter dem Schreibtisch nieder, legte seine Beine auf dessen Platte und begann seinen Disruptor zu untersuchen. Er war lange Zeit nicht mehr abgefeuert worden, und nach den Erlebnissen des heutigen Tages hielt Ilgash eine sorgfältige Wartung für mehr als angebracht. Natürlich wußte er, daß Tybrang die Waffe haßte, und so war es nur ratsam, die Arbeiten an einem sicheren Ort durchzuführen. Auf keinen Fall durfte der Rhazaghaner ihn mit zerlegtem Disruptor erwischen. Er war gerade dabei, den Ladestand der Energiezelle zu überprüfen, als er ein Geräusch in unmittelbarer Nähe wahrnahm. Sofort riß er die Füße vom Schreibtisch, da hatte er auch schon die Gestalt erkannt. Aryshtin trat langsam aus den Schatten und lächelte. Der Cardassianer erhob sich zögernd. Die Rhazaghani hingegen rührte sich nicht und sprach kein Wort, doch ihr Lächeln hielt an. Dann glitten ihre Augen zu der Waffe in den Händen ihres Gegenübers, und Ilgash verstand. Mit hastigen Schritten eilte er zu der Mitte des Raumes, bückte sich und legte den Disruptor dort ab. Dann sah er zaghaft zu seiner Besucherin hinüber, aber diese hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Langsam und vorsichtig kam er näher, darauf gefaßt, daß sie sich zur Flucht wenden würde, doch Aryshtin lächelte noch immer und zeigte keine Neigung, den Raum zu verlassen. Endlich hatte er sie erreicht und blickte fassungslos in ihr sanftes Gesicht. Einen kurzen Moment noch hielt seine Beherrschung an, dann zog er sie heftig an sich.
Tybrang war gleich nach Verlassen des Habitates in die Krallenluum gewechselt, und so hatte es kein Problem für ihn bedeutet, das richtige Gebäude zu finden. Nun sah er verwundert auf das blaue Licht, das durch ein Fenster des ersten Stockwerkes schimmerte. Offenbar besaß der Cardassianer Ausrüstungsgegenstände, von denen niemand etwas geahnt hatte. Der Rhazaghaner überlegte kurz, dann nahm er Anlauf und schoß gleich darauf gut gezielt durch die scheibenlose Öffnung. Seine Landung erfolgte vollkommen lautlos, und so verharrte er zunächst einen Augenblick, um sich zu orientieren. Wie es aussah, befand er sich auf einer Art Galerie, die sich die gesamte Hallenwand entlangzog, und die einst der Überwachung der Arbeitsvorgänge gedient hatte. Langsam schlich Tybrang zum Geländer, um hinunter zu blicken, und sofort empfand er Erleichterung. Ganz offensichtlich benötigte Aryshtin keine Hilfe. Dann fanden seine Augen den Disruptor, der sich weit entfernt von den beiden Liegenden befand, und den Ilgash eigens gut sichtbar auf dem Boden plaziert haben mußte. Einen Augenblick spielte der Rhazaghaner mit dem Gedanken, ihn unauffällig an sich zu bringen, doch er verwarf ihn rasch wieder. Ilgash würde mit Sicherheit glauben, daß Aryshtin eine aktive Rolle bei dem Diebstahl gespielt hatte. Nachdenklich betrachtete er den zernarbten Körper des Cardassianers, dessen Zärtlichkeiten rauh und unbeholfen auf ihn wirkten. Aryshtin jedoch lächelte, und ihre Berührungen waren sanft, daher zog sich Tybrang auf demselben Weg zurück, auf dem er gekommen war. Vor dem Gebäude suchte er sich eine regengeschützte Stelle und legte sich nieder, um dort ein wenig zu dösen. Erst nach einer ganzen Weile erkannte er Aryshtin, die sich in der Krallenluum näherte. Wortlos schloß er sich ihr an und beobachtete gleich darauf, wie sie bei einem vorspringenden Dach Halt machte und das herabströmende Regenwasser ausgiebig über ihren Körper laufen ließ. "Es ist nur wegen der Decke." erklärte sie zufrieden. Dann schüttelte sie sich und sie nahmen ihren Weg wieder auf. Schweigend erreichten sie das Habitat, stiegen die dunkle Osttreppe hinauf und bogen auf der neunten Ebene ein. Als Aryshtin vor der Tür ihres Quartieres hielt, wandte sie sich noch einmal zu ihrem Artgenossen um. "Er brauchte es!" sagte sie schlicht. "Ebenso wie du, Aryshtin!" antwortete Tybrang freundlich. "Ich freue mich für dich, daß du Erfüllung gefunden hast, dennoch muß ich gestehen, daß mir dein neuer Reifungspartner unheimlich ist." "Ich teile deine Einschätzung." kam Aryshtins heitere Stimme aus dem Dunkel. "Gleichwohl empfinde ich Sympathie für ihn. Er wäre nicht mehr in der Lage, mir etwas anzutun." Tybrang nickte. "Dir nicht, Aryshtin, da magst du recht haben." stimmte er ihr zu. "Dir wohl ganz sicher nicht!"
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