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Vari und Numa
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
 
 

Vari und Numa

Teil 11
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 

 
9.

 

"Was, ich?" rief Tybrang entsetzt.

Er sah sich fassungslos unter seinen Besuchern um, doch Dylas und Aryshtin hielten weiterhin die Arme verschränkt und schwiegen, während Riardis ihm ungerührt gegenüberstand.

"Du hast richtig gehört, Tybrang!" bestätigte sie. Dann wiederholte sie nochmals ihre Worte. "Der Clan bittet dich um Führung. Nimm den Platz an seiner Spitze ein und sprich fortan für die Numa!"

Tybrangs Blick sprang erschrocken zwischen den Anwesenden hin und her.

"Aber das kann ich nicht!" rief er aus. "Es wäre falsch! Dylas würde einen weitaus besseren Clanführer abgeben. Er besitzt Erfahrung, er verfügt über Klugheit und Weitsicht, er..."

Der ältere Rhazaghaner trat vor.

"Ich bin es nicht!" erklärte er ruhig. "Du bist es, da gibt es keinen Zweifel. Wir haben zunächst noch abgewartet, doch nun ist sich der Clan vollkommen sicher."

Der bernsteinfarbene Rhazaghaner ächzte, dann sah er zu Boden und schüttelte den Kopf.

"Nein! Nein, es geht nicht!" sagte er leise.

Riardis tauschte ein kurzes Lächeln mit den anderen, um sich schließlich wieder Tybrang zuzuwenden.

"Kein Rhazaghaner ist jemals leichten Herzens an die Spitze getreten." entgegnete sie freundlich. "Aber es ist nun einmal eine Tatsache, daß du der zukünftige Clanführer bist. Es ist jetzt nur noch an dir, es einzusehen. Erkenne deinen Platz und beuge dich der Entscheidung der Numa, Tybrang!"

Der Angesprochene sah ruckartig auf.

"Aber habt ihr es denn noch immer nicht erkannt?" schrie er verzweifelt. "Mit dieser Wahl würdet ihr einen Verräter zum Clanführer machen. Habt ihr euch wirklich nie gefragt, wie es möglich war, daß Luratar so gut über Rhazaghaner Bescheid wußte? Unsere Fortpflanzung, der Werdegang unseres Nachwuchses, die Speicherung des Hüllbildes, über all das war er bestens informiert. Sein ganzes Wissen konnte nur von jemandem stammen, der sich auskannte, und dieser jemand war ich! Ich langweilte mich, ich fühlte mich nutzlos und allein, und mein Reden war es, was mir Gesellschaft verschaffte. Aus diesem Grund erzählte ich Luratar bedenkenlos alles, was er wissen wollte. Und damit kennt ihr jetzt auch endlich die Ursache für eure Leiden, Riardis: Ich war es! Ich war derjenige, der euch in seiner Torheit an Luratar ausgeliefert hat."

Er war darauf gefaßt gewesen, daß sich die Anwesenden auf diese Eröffnung hin abrupt von ihm abwenden würden oder hatte doch zumindest mit heftigen Vorhaltungen gerechnet. Aber nichts dergleichen geschah. Keiner der drei Rhazaghaner zuckte auch nur mit der Wimper.

"Ja, das wissen wir!" erwiderte Riardis gelassen. "Aber es spielt keine Rolle. Den Numa geht es um jenen Rhazaghaner, der in diesem Moment vor uns steht, und sie hegen keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihrer Wahl. Du bist der zukünftige Clanführer, Tybrang!"

Ungläubig starrte er sie an, doch weder in den Augen von Riardis, noch in denen von Dylas und Aryshtin erblickte er auch nur einen Hauch von Unsicherheit. Es stimmte: Die Numa hatten in vollem Wissen um seine begangenen Fehler ihre Entscheidung getroffen.

Noch zögerte er. Die Verantwortung würde schwer auf ihm lasten, das wußte Tybrang. Dennoch bot ihm der Clan mit seiner Wahl eine Chance, die Chance, seine Vergehen wieder gutzumachen, indem er fortan für die Numa sorgte. Er dachte darüber nach und empfand Beschämung wie auch Dankbarkeit ob der Großzügigkeit des Angebots.

Er atmete tief durch und sah sich unter seinen Beratern um.

"Ich beuge mich eurer Entscheidung." antwortete er ihnen. "Mein Fühlen und Handeln werden von nun an in euren Diensten stehen. Die Numa haben einen Clanführer."

Wie Tybrang zu seiner Erleichterung feststellen konnte, wirkte sich seine neue Position vorerst nicht sonderlich gravierend auf sein Leben aus. Auch weiterhin widmete er sich der Organisation und Einrichtung des Habitates, wobei er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Wohlergehen seiner Bewohner richtete. Er war sicher, daß es mit der Zeit möglich sein würde, den Numa ein bescheidenes Maß an Komfort zu schaffen, und die Überlegung, mit welchen Mitteln dieses Ziel erreicht werden konnte, beschäftigte ihn stark. Hielt er eine Idee für vielversprechend, unterbreitete er sie Dylas, Riardis und Aryshtin. Alle drei unterstützten seine Arbeit den jeweiligen Neigungen und Begabungen entsprechend, und Tybrang war froh, auf ihre Hilfe zählen zu können.

Unbehagen bereitete dem jungen Clanführer hingegen der Umstand, von seinen Artgenossen in respektvoller Weise mit seiner Rangbezeichnung angesprochen zu werden. Die Distanz, die diese Anrede zwangsläufig schuf, irritierte und mißfiel ihm. Zweifellos hätte sich dieser Sachverhalt zu einem ernsthaften Problem für Tybrang entwickelt, hätten seine Berater nicht auch hier für ein ausgleichendes Moment gesorgt. Nach altem Brauch nannten sie ihren Clanführer auch weiterhin beim Namen, was diesen immer wieder aufs Neue daran erinnerte, daß er von Freunden umgeben war.

Ilgashs Präsenz beunruhigte Tybrang nach wie vor, und so legte er großen Wert darauf, den Cardassianer im Auge zu behalten. Verließ dieser jedoch am Abend kurz nach Aryshtin das Habitat, pflegte er auf eine Verfolgung zu verzichten, obwohl ihm die Art der Beziehung, die Ilgash und seine Beraterin verband, unbegreiflich war. Im Stillen hegte Tybrang den Verdacht, daß es Aryshtin nicht anders ging, dennoch schien dieser Umstand sie in keiner Weise zu stören.

Tybrang war gerade dabei, in der Ruhe seines Quartieres erste Überlegungen über eine Wasserpumpe anzustellen, als der Cardassianer eines Tages ohne irgendwelche Umstände eintrat. Der Rhazaghaner warf ihm einen gleichgültigen Blick zu, dann widmete er sich wieder seiner Zeichnung, die er mit Kohlenstoff direkt auf seiner Schreibtischplatte festhielt. Ilgash trat näher und sah ihm neugierig über die Schulter.

"Zeigen Sie mal her!" verlangte er. "Nicht schlecht, könnte eine Art Pumpe abgeben. Habe ich richtig geraten?"

Tybrang unterbrach seine Arbeit nicht.

"Warum sollte Sie das interessieren? Sie wollen mir doch nicht etwa sagen, daß Sie vorhaben, sich an dem Bau zu beteiligen?"

Ilgash lachte und schlug ihm auf die Schulter, dann ging er in aller Ruhe um den Schreibtisch herum und stellte sich dem Rhazaghaner gegenüber.

"Nicht doch!" winkte er ab. "Solche Sachen überlasse ich lieber Ihnen und Ihren Leuten. Dennoch muß ich zugeben, daß Sie eine Menge Ehrgeiz dabei entwickeln, sich dieses Ding hübsch herzurichten. Glauben Sie denn wirklich, daß sich diese Mühe auch lohnt?"

Tybrang blickte auf.

"Was wollen Sie damit sagen?" fragte er mißtrauisch.

Der Cardassianer verschränkte die Arme und beobachtete sein Gegenüber durch sein schmal gewordenes Auge.

"Oh, es handelt sich da nur um ein paar Überlegungen, nichts weiter! Zum Beispiel wäre es doch denkbar, daß irgend ein überraschendes Ereignis eintritt. Ein Jammer, wenn sich herausstellen sollte, daß Sie sich die ganze Arbeit umsonst gemacht haben."

Den Rhazaghaner überlief es kalt. Langsam erhob er sich von seinem Platz.

"Und was für ein Ereignis könnte das sein?" erkundigte er sich mit belegter Stimme.

Ilgash zuckte scheinbar leichthin die Achseln.

"Schwer zu sagen! Immerhin: Ihr Institutsleiter wäre wahrscheinlich sehr beeindruckt, wenn er dies alles hier sehen könnte, nicht wahr?"

Daraufhin drehte er sich um und verließ den Raum. Tybrang hingegen brauchte einige Zeit, um sich aus seiner Erstarrung zu lösen. Er wußte nur zu gut, was ihm der Cardassianer gerade angekündigt hatte.

Den Rest des Tages verbrachte er in Angst und Sorge, doch noch schreckte er davor zurück, seine Befürchtungen mit den anderen zu teilen. Er war der Clanführer, und damit war es seine Aufgabe, für die Sicherheit seiner Leute zu sorgen, nicht, sie durch die eigene Ratlosigkeit in Panik zu versetzen. So verhielt er sich still und zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einem rettenden Gedanken. Irgend etwas in ihm ließ ihn keinen Augenblick daran zweifeln, daß es Ilgash ernst mit seiner Warnung gewesen war.

Schließlich wurde es Abend, und Tybrang beobachtete von einem Fenster des Gemeinschaftsaales aus, wie der Cardassianer die Wohnstätte verließ, um Aryshtin zu folgen. Mit raschen Schritten stieg der Mann den Habitatssockel hinab, dann schlug er die Richtung zur alten Gießerei ein. Kurz darauf geriet er zwischen Sträuchern und Gebäudewänden außer Sicht.

Der Rhazaghaner verharrte noch einen Moment an seinem Platz am Fenster, dann wandte er sich abrupt ab und suchte sein Quartier auf. Dort angekommen, ließ er sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Er wußte, daß es eine äußerst einfache Lösung für ihr Problem gab, aber alles in ihm sträubte sich gegen diese Erkenntnis.

Langsam verstrich die Zeit. In Tybrangs Inneren war eine mahnende Stimme wachgeworden, die ihn unaufhörlich an seine Verantwortung erinnerte, und die ihn zum Handeln drängte. Dieses verlassene Bauwerk bot dem Clan Schutz und Behaglichkeit, es entsprach seinen Bedürfnissen auf wunderbare Weise, und darum hatten sie begonnen, es zu ihrer Heimat zu machen. Auf einer Welt voller Cardassianer war es das einzige, was sie für sich beanspruchten, und es erschien Tybrang nicht gerecht, daß es ihnen eines einzigen Cardassianers wegen wieder genommen werden sollte.

Schließlich vernahm er das Geräusch einer Tür, die behutsam geöffnet und wieder geschlossen wurde. Sacht und leise wie immer war Aryshtin ins Habitat zurückgekehrt.

Nur wenig später wurden hallende Schritte hörbar, die sich über die östliche Habitatstreppe näherten, in den Gang einbogen und kurz darauf anhielten. Einen Moment blieb es still, dann betrat auch Ilgash seine Unterkunft und schloß die Tür hinter sich.

Es war ein qualvolles Warten, das sich nun anschloß. Tybrang saß allein und verzweifelt in der Dunkelheit seines Quartiers, voller Abscheu gegen das, was seine Führerschaft ihm jetzt abverlangte, und doch wußte er sich keinen anderen Rat. Als er glaubte, hinreichend lange gewartet zu haben, erhob er sich und trat auf den finsteren Gang hinaus.

Vorsichtig und mit Bedacht bewegte er sich auf die betreffende Tür zu, verharrte dann direkt davor und lauschte. Sein feines Gehör vermittelte ihm nichts außer dem Geräusch leise schnarchender Atemzüge, dennoch stand er lange Zeit horchend da. Endlich gab er sich einen Ruck und betrat lautlos den dunklen Raum.

Er brauchte kein Licht, um sich zurechtzufinden. Dem verhaltenen Schnarchen zufolge hatte sich Bentrang auf der rechten Seite vor der Quartierwand niedergelegt. Der Rhazaghaner lauschte einen Moment auf die rauhen Töne, die der Cardassianer wie stets im Schlaf von sich gab. Dieser Mann würde keine Gefahr für den Clan darstellen, das wußte Tybrang. Nach dem Verschwinden seines Kameraden würde er jenen binnen kurzem vergessen haben, wenn sie ihn weiterhin ernährten und schützten; Ilgash selbst hatte es gesagt. Bentrang würde mit den Numa leben, ihre Sprache lernen, vielleicht eine Reifungspartnerin wählen, und mit der Zeit würde er nicht mehr an sein eigenes Volk denken, für das er ohnehin nichts als ein Ausgestoßener war. Tybrang war vollkommen sicher, daß es so ablaufen würde.

Langsam wandte er sich nach links, in die Richtung, wo kaum wahrnehmbare Atemzüge die Anwesenheit des zweiten Schlafenden verrieten. Der Rhazaghaner schloß die Augen und horchte konzentriert. Ilgashs Kopf befand sich genau zweieinhalb Schritte weit vor ihm.

Tybrang hatte schon einmal getötet. Damals hatte er sich an der Seite von Tarkin und seinen Freunden befunden, und sie waren eingeschlossen und voller Angst gewesen. Sie hatten sich einer Überzahl von unbarmherzigen Feinden gegenübergesehen, und die Furcht um ihr Leben hatte sämtliche inneren Barrieren niedergerissen. Trotzdem erinnerte sich der Rhazaghaner noch immer an das Entsetzen, das er empfunden hatte, als der Kampf vorbei war.

Dieser Cardassianer hingegen war kein Teil einer feindlichen Übermacht. Er stand Tybrang noch nicht einmal drohend gegenüber, sondern er lag schutzlos auf dem Boden und schlief. Mit aller Macht versuchte sich der Rhazaghaner zu vergegenwärtigen, daß Ilgashs Existenz die Numa gefährdete, und daß er es auf sich genommen hatte, den Clan zu schützen. Immer verzweifelter rang er mit seinem Gewissen, doch es war ihm unmöglich, auch nur einen Schritt in Richtung des Schlafenden zu unternehmen. Tybrang haßte diesen Mann noch nicht einmal, und selbst der wildeste Haß hätte nicht bewirken können, wozu die Liebe zu seinem Clan nicht fähig war: Die Sanftmut aus seinem Wesen zu tilgen. Tybrang sah sich einfach außerstande, Ilgash zu töten.

Irgendwann begriff er die Vergeblichkeit seiner inneren Anstrengungen. Eine Weile blieb er noch stehen, wo er war, abgekämpft und unglücklich, in dem niederschmetternden Gefühl, versagt zu haben. Durch seine Unfähigkeit, diesen einen Mord zu begehen, hatte er die Heimat der Numa verloren.

Langsam wandte er sich um, trat hinaus auf den Gang und schloß leise die Tür. In stiller Verzweiflung ließ er sich auf dem Boden nieder, lehnte sich an die Wand und schlang die Arme um sich. Nun war es an ihm, den Numa zu erklären, daß sie ihre Flucht wieder aufnehmen mußten.

Drinnen in der Schwärze des Quartiers löste Ilgash langsam den Finger vom Abzug seines Disruptors.

 

Am nächsten Morgen rief Tybrang die Numa zusammen und verkündete ihnen die schlimme Neuigkeit. Wie er es erwartet hatte, bestand die Reaktion in Fassungslosigkeit und allgemeiner Bestürzung.

"So sieht es leider aus!" erklärte Tybrang zum Schluß. "Es ist furchtbar, ich weiß, aber es ist unumgänglich, daß wir uns so schnell wie möglich wieder auf den Weg machen."

Riardis dachte einen Moment nach, dann ergriff sie das Wort.

"Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit." bemühte sie sich zu helfen. "Was, wenn man noch einmal mit ihm reden würde? Wir könnten versuchen, mit ihm zu verhandeln."

"Ich verstehe, was du meinst." erwiderte Tybrang. "Allerdings würden wir uns mit einer solchen Lösung seiner Willkür ausliefern. Es liefe auf ein Erpressungsverhältnis hinaus, und das kommt für uns nicht in Frage. Außerdem hat Ilgash seine Entscheidung bereits getroffen. Es wäre zwecklos, mit ihm zu reden."

Dylas hatte beunruhigt zugehört.

"Du bist dir ganz sicher?" hakte er nun nach.

"Vollkommen! Ich bin überzeugt, daß sein Entschluß feststeht, es fragt sich jetzt nur noch, wie bald er ihn umsetzen wird. Ich fürchte aber, daß uns nicht mehr viel Zeit bleiben wird."

Dylas schwieg zunächst, doch dann nickte er bekümmert.

"Gut!" sagte er leise. "Dann müssen wir eben gehen."

Auf diese Worte hin entstand Unruhe unter einigen weiter hinten Stehenden, und plötzlich schob sich Antalik, eine der Vari-Geborenen, vor.

"Wir sollen das Habitat aufgeben?" rief sie entgeistert. "Aber das geht nicht! Dies ist jetzt unser Zuhause, Clanführer! Wir wollen es nicht verlassen."

Tybrang seufzte und wandte sich der Rhazaghani zu.

"Ich weiß, wie du fühlst, Antalik!" antwortete er ihr. "Und glaub mir, der Gedanke, von hier fortzugehen, schmerzt mich ebenso wie dich. Aber ich weiß, daß Ilgash uns verraten wird, und darum bleibt uns nichts anderes übrig, als uns einen neuen Platz zum Leben zu suchen."

"Antalik hat recht, das Habitat ist unsere Heimat." meldete sich Sispar, der ebenfalls von den Vari stammte. "Außerdem halte ich es für durchaus möglich, daß du Ilgash falsch verstanden hast, Clanführer! Er lebt mit uns, wir versorgen ihn, er hat keinerlei Gründe, die Numa zu bedrohen. Aryshtin hat sogar eine Reifungspartnerschaft mit ihm geschlossen, warum sollte er uns da verraten wollen?"

Aryshtin hatte bisher mit verschränkten Armen dagestanden und geschwiegen. Nun aber runzelte sie die Stirn.

"Meine Reifungspartnerschaft mit Ilgash ist eine Sache." stellte sie fest. "Eine andere ist aber, daß der Clanführer zu der Überzeugung gelangt ist, daß wir uns in Gefahr befinden. Ich vertraue seinem Urteil, und darum werde ich mit ihm gehen."

"Das sind doch nichts als Vermutungen!" rief ein weiterer ehemaliger Vari ärgerlich. "Sollen wir vielleicht noch einmal ins Ungewisse aufbrechen und dies alles hier zurücklassen? Wahrscheinlich hat es sich bei den Bemerkungen des Cardassianers nur um einige unbedachte Äußerungen gehandelt. Warum sie derart überbewerten?"

Viele der Numa hatten begonnen, befremdete Blicke zu wechseln, während Dylas vor unterdrücktem Zorn das Blut ins Gesicht schoß.

"Wahrhaftig, Tarkin von den Vari hat mein Mitgefühl!" brach es aus ihm heraus. "In den langen Jahren nach Jarsalis Tod müssen sie dort vergessen haben, was ein Clanführer ist. Der Clanführer der Numa sagt, wir sind hier nicht mehr sicher, und darum hält er es für richtig, zu gehen. Sollen wir nun beginnen, mit ihm zu feilschen, nur weil uns dieser Entschluß unbequem erscheint?"

In Tybrang stiegen Erinnerungen an seine letzte Zeit im Vari-Habitat auf, und so schwieg er in stiller Beschämung. Er selbst war derjenige gewesen, der Tarkin seine Aufgabe noch zusätzlich erschwert hatte, und es erschien ihm als eine Ironie des Schicksals, daß sein Verhalten jetzt auf Umwegen zu ihm zurückkehrte. Während er die Numa noch stumm beobachtete, entstand Bewegung in der Menge, und Matani bahnte sich empört einen Weg nach vorn. Sie stellte sich Tybrang zur Seite und wandte sich zornig gegen jene, die aus Unwillen ihre Stimme erhoben hatten.

"Es stimmt, Dylas!" zischte sie. "In einigen Vari muß eine seltsame Vorstellung von der Position des Clanführers entstanden sein, aber das trifft keineswegs für alle zu. Ich stamme ebenfalls von den Vari, und ich sage, der Clanführer hat recht. Sicher, es gefiel uns, uns hier einzunisten, wo wir alles zu unserer Bequemlichkeit vorfanden. Aus einem cardassianischen Institut konnten wir glücklich entkommen, und nun sitzen wir in diesem von Cardassianern errichteten Gebäude, bereit, uns erneut den Launen eines Cardassianers zu unterwerfen. Der Clanführer aber sagt, dieses Bauwerk ist es nicht wert, durch das Risiko der Entdeckung erkauft zu werden, und das ist eine gute und weise Entscheidung. Ich weiß nicht, wie es mit euch steht, aber Trysnar und ich wollen nicht erleben, wie unser Kind eines Tages Luratars Wissensdurst in die Hände fällt."

Matanis Gefährte hatte währenddessen ebenfalls an Tybrangs Seite Aufstellung bezogen und erwiderte ernst und stumm den Blick der Vari-Geborenen. Das Schweigen hielt einen Moment an, dann senkte Antalik schamerfüllt den Kopf.

"Du sprichst für die Numa, Clanführer!" sagte sie leise. "Wir haben deine Entscheidung gehört und werden mit dir gehen."

Der Clan war sich nun einig, doch Tybrang wollte nach Möglichkeit vermeiden, die Numa einfach ins Unbekannte zu führen, und so wandte er sich an Riardis.

"Wenn Ilgash heute abend das Habitat verläßt, dann geh zu Bentrang und sprich mit ihm!" richtete er seine Bitte an sie. "Du hast dich schon häufiger mit ihm verständigt, vielleicht wird es dir möglich sein, einige Informationen von ihm zu erhalten. Frag ihn als erstes nach den Städten hier in der Nähe. Dem Himmel nach muß es mindestens eine in südöstlicher Richtung geben, wahrscheinlich noch eine zweite etwas weiter weg im Westen. Erkundige dich nach Wäldern, Gebirgen, einer Gegend, die uns Nahrung und Raum zum Leben bietet. Vielleicht weiß Bentrang irgendetwas, das uns weiterhelfen kann."

Am späteren Abend dann wartete Tybrang voller Ungeduld auf die Rückkehr seiner Beraterin. Ilgash war wie gewöhnlich Aryshtin gefolgt, und sofort hatte sich Riardis zur Unterkunft der beiden Cardassianer begeben. Es dauerte eine Weile, doch schließlich hörte Tybrang leichte, rasche Schritte, die den Gang heraufkamen. Gleich darauf wurde seine Tür geöffnet.

"Es war nicht ganz leicht." begann Riardis, sobald sie sich ihm gegenüber niedergelassen hatte. "Vielfach hatte er Mühe, meine Fragen zu verstehen, und so habe ich ihm das Meiste aufzeichnen müssen. Nach dem, was ich von ihm erfahren konnte, befindet sich tatsächlich eine Stadt im Südosten, und er zeigte auch in Richtung des Sonnenunterganges. Als ich einen Berg und Bäume aufmalte, wurde er aufgeregt und richtete seinen Finger zum Fenster; ich bin mir ziemlich sicher, daß er die nordwestliche Richtung meinte. Dann zögerte er und zeigte abwechselnd zur Wand und zu Boden. Wahrscheinlich sollte das Erste Nordosten bedeuten, doch was er mir mit dem anderen mitzuteilen versuchte, ist mir ein Rätsel geblieben."

"Berge!" murmelte Tybrang. "Wälder! Es wäre zu schön, um wahr zu sein."

Er überlegte einen Moment, dann blickte er auf.

"Nordwesten! Riardis, der Wind kam während unseres Aufenthaltes hier die meiste Zeit aus dieser Himmelsrichtung! Vielleicht wäre es möglich, Bentrangs Aussagen zu überprüfen."

Riardis wiegte zweifelnd den Kopf.

"Man müßte auf alle Fälle das Industriegebiet verlassen." gab sie zu bedenken. "Und auch dann ist es schwierig, der Luftströmung genaue Details zu entlocken."

"Für dich und mich vielleicht schon!" antwortete Tybrang lächelnd. "Aber es gibt jemanden unter uns, der dieser Aufgabe eher gewachsen sein dürfte."

Kurze Zeit später verließ Tybrang gemeinsam mit Matani das Habitat. Sie schlugen die nördliche Richtung ein, jenen Weg, auf dem vor nicht allzulanger Zeit Ilgash seine Begleiterin zu den Lintos geführt hatte. Im schwindenden Licht wanderten sie bis hinauf bis zu den Hügelkuppen, dann ging Tybrang in die Zahnluum und hielt die Nase in den Nordwestwind.

Er schnupperte eine Weile. Die Witterung schien ihm von Bäumen und Erde zu künden, allerdings war es ihm bei aller Anstrengung nicht möglich, mehr auszumachen. Schließlich kehrte er in die Grundform zurück und wandte sich an die Rhazaghani, die schweigend gewartet hatte.

"Matani, du besitzt zur Zeit die schärfsten Sinne von uns allen." erklärte er. "Bitte erforsche nun die Luftströmung so gut du kannst, und sag mir, was du wahrnimmst!"

Die Schwangere wechselte ohne ein weiteres Wort in die Zahnluum, dann stellte sie sich auf die Spitze des Hügels, schloß die Augen und witterte.

"Bäume." sagte sie nach einer Weile leise. "Fels und Geröll. Erde."

"Das klingt recht ermutigend." warf Tybrang ein.

"Erde. Viel, viel Erde." fuhr die Rhazaghani wie entrückt fort. "Und irgendetwas Seltsames dazwischen."

"Was meinst du?" erkundigte sich ihr Clanführer beunruhigt.

Matani schwieg und witterte gründlich und lange.

"Etwas Ungesundes!" antwortete sie schließlich und öffnete die Augen. "Eine Witterung, die... ich weiß nicht recht! Sie erinnert mich an Fäulnis."

Tybrang seufzte.

"Gut, also nicht dort entlang! Zumindest soviel wissen wir jetzt."

Er drehte sich um, und gemeinsam wanderten sie den Hügel wieder hinunter. Als sie die Stelle passierten, an der Aryshtin ihre Jagd auf die Lintos begonnen hatte, blieb der Rhazaghaner wieder stehen.

"Diese Tiere!" begann er überlegend. "Wo sind sie jetzt?"

"Aryshtin glaubt, daß sie weitergewandert sind." antwortete Matani. "Sie hat erzählt, daß sie in diese Richtung davonzogen."

"Nordosten!" murmelte Tybrang. "Sie wissen etwas, das wir nicht wissen. Allerdings haben wir erfahren, daß sie scheu sind, daß sie Cardassianer meiden würden. Und sie haben es fertiggebracht, auf dieser Welt zu überleben."

Er dachte einen Augenblick nach.

"Ihre Fährte ist wahrscheinlich mittlerweile zu alt." murmelte er. "Ihre Losung hingegen... Matani?"

"Ja, gewiß!" lächelte die Angesprochene. "Ich wäre in der Lage, dieser Spur zu folgen, Clanführer!"

 

"So, Sie und Ihre Leute wollen also wieder aufbrechen!" stellte Ilgash fest. "Das ist wirklich sehr schade! Aber es hat wahrscheinlich keinen Zweck, Sie zum Bleiben überreden zu wollen. In welche Richtung werden Sie gehen?"

Tybrangs Gesicht verriet keine Gefühlsregung. Er streckte den Arm aus.

"Dort entlang!" sagte er.

Ilgash warf einen kurzen Blick über die Schulter, dann wandte er sich wieder dem Rhazaghaner zu.

"Nach Südwesten also! Nun ja, sicher werden Sie dort finden, was Sie sich erhoffen. Bleibt uns also nur noch, Ihnen viel Glück zu wünschen."

Der Rhazaghaner nickte ihm flüchtig zu, dann wechselte er in die Krallenluum und begab sich an die Spitze jener Numa, die sich bereits vor dem Habitat versammelt hatten. Ilgash wartete noch einen Moment, dann erkannte er Aryshtin, die in der Dämmerung den Habitatssockel herabgestiegen kam.

Am vorigen Abend hatte sie ihn an ihrem üblichen Treffpunkt erwartet, um ihm mit freundlichen Worten zu eröffnen, daß sich der Clan wieder auf den Weg machen würde. Anschließend hatte sie sich von ihm verabschiedet. Ilgash begann zu lächeln, als er daran zurückdachte. Es war wahrhaftig kein schlechter Abschied gewesen, zumal er mittlerweile wußte, was ihr gefiel.

Als sie vor ihm anhielt, lächelte sie ebenfalls.

"Ich danke dir, Ilgash!" sagte sie sanft. "Ich habe an deiner Seite an Reife gewonnen."

Irgend etwas an ihrem Tonfall ließ ihn vermuten, daß sie diese Worte nicht zum ersten Mal aussprach, dennoch konnte er nicht anders, als zu schmunzeln.

"Du, Aryshtin?" erwiderte er in gespielter Verblüffung. "Eigentlich hatte ich angenommen, daß ich der Schüler von uns beiden war. Ich hoffe nur, daß ich auch eines Tages dazu komme, mein neues Wissen anzuwenden."

Das Gesicht der Rhazaghani wurde wieder ernst.

"Ich wünsche mir sehr, daß dir ein anderer Ort die Möglichkeit gibt, eine erneute Wahl zu treffen." sagte sie leise. "Dennoch hoffe ich, daß du dir deinen Weg dorthin gut überlegt hast. Es gibt auf dieser Welt Kreaturen, die tückisch und gefährlich sind. Nimm dich vor ihnen in acht, Ilgash!"

Einen Augenblick lang hatte der Cardassianer Mühe zu antworten, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.

"Geh jetzt, Aryshtin!" ermahnte er sie. "Euer Clanführer wartet."

Gleich darauf beobachtete er schweigend, wie sie in die Krallenluum wechselte, sich zu ihren Artgenossen begab und an Tybrangs linker Seite Aufstellung bezog. Zelar und Raiji richteten indessen noch ein paar Abschiedsworte an den bekümmerten Bentrang, dann reihten auch sie sich in die Marschkolonne ein. Unmittelbar darauf gab Tybrang das Zeichen zum Aufbruch.

Ilgash sah ihnen nach, bis Aryshtins gefleckte Gestalt im Dämmerlicht verschwunden war, dann wandte er sich abrupt ab und entfernte sich vom Ort des Aufbruchs.

Bentrang, der noch dabei war, den Letzten des Zuges nachzuwinken, warf einen kurzen Blick über die Schulter, um zu erkennen, daß sich Ilgash mit raschen Schritten von ihm entfernte. Sofort eilte er seinem Kameraden hinterher.

"Ilgash!" rief er. "Warte doch, wo willst du hin?"

Der andere Cardassianer setzte seinen Weg fort, ohne sich umzusehen.

"Ich denke, ich werde unserem Sender einen kleinen Besuch abstatten." gab er zur Antwort, als Betrang atemlos bei ihm anlangte. "Mir scheint, es wird allmählich Zeit, den Ladezustand der Energiezellen zu überprüfen."

 

Tybrang führte die Numa bis an den südwestlichen Rand des Industriegebietes, um dort einen weiten Bogen um das Labyrinth zu schlagen. Als die Rhazaghaner schließlich an der Stelle eintrafen, an der Aryshtin den Lintos begegnet war, herrschte bereits finstere Nacht.

"Hier wollen wir beginnen!" erklärte der Clanführer seinen Artgenossen. "Folgen wir dem Weg, den die Lintos gegangen sind! Sie werden uns zeigen, wie man es schaffen kann, auf Cardassia Cardassianern aus dem Weg zu gehen."

 

 
10.

 

Als Luratar sich dem Eingang des Hauptgebäudes näherte, kam hastig einer der als Institutsgehilfen dienenden Soldaten herbeigesprungen und riß die Tür auf. Der Dank des Institutsleiters bestand in einem knappen Nicken. Zwar war ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Männer am Institut zu behalten, dennoch hielt er es nur für angemessen, wenn sich die Leute wenigstens etwas nützlich machten.

Tatsächlich hatten sich die Soldaten als zuverlässig und verschwiegen erwiesen und nichts über die Flucht der Rhazaghaner durchsickern lassen, allerdings hatte der Indiv auch nichts anderes erwartet. Wer in diesen Zeiten einmal den Schutz des Institutes genossen hatte, verließ es nur sehr ungern wieder, außerdem mußten die Männer zu Recht fürchten, daß eine Aufdeckung des Ausbruchs auch für sie üble Konsequenzen nach sich ziehen würde. Die Regierung neigte in solchen Fällen zu rigorosen Strafmaßnahmen und pflegte sich nur selten mit der Frage nach einer tatsächlichen Schuld der Betroffenen aufzuhalten.

Als Luratar sein Büro betrat, fand er auf seinem Schreibtisch eine weitere Bestellung von Gul Endrak vor, die wie üblich sorgfältig codiert worden war. Der Institutsleiter runzelte die Stirn, als sein Blick auf die Mengenangabe fiel. Entweder war Endrak nun endgültig entschlossen, sich umzubringen, oder aber - was der Indiv für wahrscheinlicher hielt - dieser versorgte neuerdings noch einen anderen Lirra-Konsumenten mit der begehrten Substanz. Sicherlich befand sich der Abhängige ziemlich weit oben in der Hierarchie des Regimes, was es Endrak ermöglichte, einigen Nutzen aus dieser Verbindung zu ziehen. Luratar überlegte einen Moment, um wen es sich möglicherweise handeln könnte, dann beschloß er, noch einen weiteren Assistenten für die Lirra-Produktion freizustellen.

Gerade der Kontakt zu Endrak hatte sich in den letzten Jahren als äußerst wertvoll erwiesen. Erst vor relativ kurzer Zeit hatte sich Luratar auf diesem Wege ein kleines Schiff der Asid-Klasse verschaffen können, für 'planetare Forschungen', wie es offiziell begründet worden war. Die Nilkos hatte im Kampf ihre Raumtauglichkeit verloren und stand kurz vor ihrer Ausschlachtung, als sich Luratar an Endrak wandte. Leider hatte sich dann später herausgestellt, daß das Schiff einer veralteten Baureihe angehörte, deren Sensoren unter atmosphärischen Bedingungen nur eine äußerst geringe Reichweite aufwiesen. Und so war dann die Suche nach den geflüchteten Versuchsexemplaren auch mit diesem neuen Hilfsmittel ergebnislos geblieben.

Der Indiv trat ans Fenster und sah auf den Neubau hinunter, der sich dort draußen ausbreitete. Allein der Anblick genügte, um eine nachhaltige Mißstimmung in ihm hervorzurufen, und doch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit diesem deprimierenden Überbleibsel vielversprechender Forschungsarbeit abzufinden. Zwar hatte der junge Elartas seine Ankündigung wahr gemacht und das Institut nicht wieder aufgesucht, dennoch war weiterhin äußerste Vorsicht geboten. Eventuellen Besuchern des Instituts mußte der Eindruck vermittelt werden, daß dort unten noch immer vierunddreißig Rhazaghaner in ihren Zellen saßen. Mit der Warnung vor einer ausgebrochenen Krankheit würde man sicherlich allzu Neugierige von einem Besuch des Neubaus abhalten können.

Gleich darauf riß ihn ein höflicher Morgengruß aus seinen Gedanken und bewog ihn, sich von der Fensterseite abzuwenden.

"Ihnen ebenfalls, Obtanas!" antwortete er seiner Assistentin. "Ich schätze, es gibt noch immer nichts Neues?"

Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf.

"Leider nicht, Indiv! Unsere Leute haben noch ein weiteres Mal den südlichen Teil des in Frage kommenden Gebietes abgesucht, aber ohne Erfolg. Zumindest hat es bis jetzt auch noch keinerlei Berichte über irgendwelche rätselhaften Funde gegeben." fügte sie etwas erleichtert hinzu.

Luratar seufzte.

"Ja, wer hätte gedacht, daß wir einmal Nutzen aus diesem Krieg ziehen würden. Momentan besitzt kaum jemand die Neigung oder die Möglichkeit, sich dort draußen herumzutreiben. Trotzdem: Ich darf gar nicht darüber nachdenken, was wir da verloren haben. Forschungsmaterial für Jahrzehnte, Quellen neuer, faszinierender Erkenntnisse, einfach verdorben, unter irgendwelchen Sträuchern verwest. Es ist wirklich bedauerlich, daß alles so gekommen ist."

Obtanas schwieg einen Moment bedrückt.

"Immerhin konnten wir eine große Zahl an Informationen sammeln." gab sie schließlich zaghaft zu bedenken.

Über das Gesicht des Institutsleiters glitt ein schwaches Lächeln.

"Es ist sehr liebenswürdig, daß Sie mich trösten wollen, allerdings muß ich zugeben, daß es mir noch immer außerordentlich schwerfällt, die Enttäuschung zu verwinden. Allein die Möglichkeiten und das Wissen, die Projekt fünf uns eröffnet hätte, wären von elementarer Bedeutung gewesen. Es ist ganz einfach ein Jammer, Obtanas!"

Seine Mitarbeiterin kam nicht mehr dazu, etwas zu erwidern, weil bereits im nächsten Augenblick ein Institutsangestellter die Tür aufriß.

"Indiv!" brachte er atemlos heraus. "Sie werden in der Kommunikation gebraucht. Dort hat sich ein Mann gemeldet, der Sie nachdrücklich zu sprechen wünscht. Er behauptet, vierunddreißig Rhazaghanern begegnet zu sein."

 

Der Pilot mußte die Nilkos längere Zeit über dem Industriegebiet kreisen lassen, bevor er eine akzeptable Stelle zum Landen ausmachen konnte. Endlich ging das Schiff auf einem einigermaßen frei anmutenden Platz nieder, um anschließend in einer Schräglage von vierzehn Grad zur Ruhe zu kommen. Sofort eilten zwei der Institutssoldaten zu Luratars Platz, in dem Bestreben, ihm den Weg zur Ausstiegsluke zu erleichtern.

Als der Indiv das Schiff in Gesellschaft seiner Assistentin nebst vier Mann Begleitung verlassen hatte, mußte er erkennen, daß noch eine gute Strecke bis zum vereinbarten Treffpunkt zurückzulegen war. Zudem erwies sich der Marsch dorthin als ausgesprochen mühsam, da die Wege zwischen den Gebäuden unter Trümmern und wucherndem Gestrüpp geradezu erstickten. Als die kleine Gruppe endlich bei ihrem Ziel anlangte, atmete der Institutsleiter erleichtert auf. Er sah es als eine Zumutung an, sich durch diese Haufen von Wildwuchs und schmutzigem Unrat hindurcharbeiten zu müssen.

Mißmutig blickte er zu dem blauen Gebäude auf, das vor ihnen in die Höhe ragte. Ein extravagantes Bauwerk aus erlesenen Materialien, sicherlich von einem der teuersten Architekten entworfen. Genaugenommen war es ein Skandal, daß Unsummen an derartige Industriepaläste verschwendet wurden, während ihm die Erlaubnis zur Erweiterung des Institutes verweigert wurde.

Während seine Begleiter schweigend mit ihm warteten, schaute er sich suchend auf dem Platz um, in der Hoffnung, daß sein Informant möglichst bald zwischen den Ruinen auftauchen möge. Als er dann kurz darauf den Blick wieder hob, stellte er zu seiner Überraschung fest, daß er und seine Leute nicht mehr allein waren. Jemand stand regungslos auf dem Sockel des Gebäudes und beobachtete sie aufmerksam.

Der Mann verharrte einige Momente lang auf seinem Platz, dann kam er langsam die Steintreppe herabgeschritten, um schließlich in nicht allzugroßer Entfernung stehenzubleiben. Er wartete noch einen Augenblick, dann brach er das Schweigen.

"Die Bezahlung?"

Der Institutsleiter wandte sich um und gab einem der Soldaten einen Wink. Sofort trat der Mann vor und setzte eine schwarze Tasche auf dem Boden ab.

Luratar nickte. "Wenn Sie sich selbst überzeugen wollen?"

Die Antwort kam mit einem kurzen Lachen.

"Alles gut und schön, allerdings würde ich es vorziehen, wenn Ihr Mann das Zählen übernimmt. Sagen Sie ihm, er soll die Tasche ausschütten!"

Während der Fremde den Zählvorgang überwachte, nahm der Indiv die Gelegenheit wahr, sein Gegenüber einer sorgfältigen Musterung zu unterziehen. Er sah einen nicht mehr jungen Mann vor sich, der in einen schäbigen alten Militärmantel gekleidet war. Sein rechtes Auge fehlte, und ganz offensichtlich hatte er noch nicht einmal die zurückgebliebenen Narben kosmetisch behandeln lassen. Der Fremde war weder sonderlich groß, noch erweckte er den Anschein außergewöhnlicher Stärke; er hätte vollkommen durchschnittlich gewirkt, wäre da nicht der abstoßende Anblick seines Gesichtes gewesen. Als der Institutsleiter noch einmal zum Gebäude aufblickte, erkannte er eine zweite Person, die auf dem Steinsockel stehengeblieben war und einen nervösen, ja geradezu verängstigten Eindruck machte. Es war nur zu ersichtlich, daß dieser Mann im Notfall augenblicklich die Flucht ergreifen würde.

Auf Luratars Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

"Sagen Sie -," begann er in bedächtigem Tonfall, "- sind Sie nicht eigentlich auch der Ansicht, daß Sie Ihr Wissen ziemlich teuer verkaufen?"

Im verbliebenen Auge des Mannes blitzte es kurz auf, dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen, das geradezu etwas Raubtierartiges hatte.

"Das kann ich nicht finden, vor allem wenn man bedenkt, wie teuer die Geschichte hier Sie tatsächlich kommen könnte. Sollten Sie sich aber mit Überlegungen tragen, daß man das Ganze etwas billiger abwickeln könnte, so lassen Sie sich lieber davon abraten. Sicher, ich kann mir gut vorstellen, daß Sie an die kräftigen Burschen denken, die da hinter Ihnen stehen. Nun bin ich lange genug dabei gewesen, um zu merken, daß alle vier Soldaten sind, allerdings kenne ich die Bestimmungen, und so denke ich doch, daß ich da einen entscheidenden Vorteil besitze."

Er öffnete seinen Mantel und zog in aller Ruhe einen alten Militärdisruptor hervor. Zwar zielte er nicht gerade auf sein Gegenüber, hielt jedoch die Waffe auch nicht gesenkt.

"Sehen Sie?" fuhr er fort. "Ihre Beziehungen mögen es Ihnen vielleicht erlauben, sich ein paar Soldaten auszuleihen, allerdings dürfte es selbst für Sie nicht ganz leicht sein, sich so ein Schmuckstück zu beschaffen. Und da sich Ihre Leute momentan nicht im Militäreinsatz befinden, werden sie wohl kaum in der Lage sein, Ihnen auszuhelfen."

Luratar, der den Disruptor nicht aus den Augen ließ, nickte langsam.

"Natürlich, Sie haben vollkommen recht! Wozu noch verhandeln, schließlich haben wir unsere Vereinbarung schon getroffen. Darf ich also, nachdem Sie Ihr Honorar überprüfen konnten, die Antwort auf meine Frage erfahren?"

Der Mann musterte ihn einen Augenblick nachdenklich, dann erst entschloß er sich, zu antworten.

"Südwesten!" sagte er. "Sie sind geradewegs nach Südwesten aufgebrochen. Es ist jetzt einen Tag her, daß sie sich auf den Weg gemacht haben."

Der Institutsleiter lächelte. "Also Südwesten! Vermutlich haben Sie ihnen mit keinem Wort angedeutet, daß dieser Kurs sie zurück in die dichter besiedelten Gebiete führen wird. Aber das macht nichts! Es wird uns wohl keine Probleme bereiten, sie vorher abzufangen."

"Davon bin ich überzeugt!" Der Fremde trat vor und nahm die Tasche an sich, während er Luratar wachsam im Blick behielt. Er zog sich einige Schritte vor ihm zurück, blieb dann jedoch noch einmal stehen.

"Ach richtig, wenn Sie mir vielleicht noch eine neugierige Frage gestatten:" bemerkte er mit häßlichem Grinsen. "Was fangen Sie eigentlich mit ihnen an, wenn Sie sie haben? Schneiden Sie sie auf und sehen Sie nach, wie es da drinnen aussieht?"

Luratar hob in einer entsetzten Geste die Hände.

"Aber selbstverständlich nicht, wie kommen Sie denn auf einen derartigen Gedanken? Sehen Sie, wir müssen alles daransetzen, diese Geschöpfe zu finden, bevor ihnen etwas zustößt. Sie besitzen einfach nicht das nötige Rüstzeug, um sich auf dieser für sie fremden Welt zurechtzufinden, und darum ist es nötig, sie dem Schutz unseres Instituts zu unterstellen. Ohne unsere Hilfe könnten sie hier auf Dauer nicht überleben."

Der Einäugige lachte höhnisch auf.

"So, wirklich?" spottete er. "Wie man sich doch irren kann! Dabei hatte ich in der Zeit ihres Hierseins schon fast zu glauben begonnen, daß nicht wir, sondern sie diejenigen sind, die auf dieser Welt geboren wurden."

 

Wieder beim Schiff angekommen, ließ sich der Indiv erschöpft auf seinen Platz fallen. Gleich darauf bezog die ebenfalls etwas derangiert wirkende Obtanas eilig bei ihm Aufstellung, um seine Befehle entgegenzunehmen.

"Abschaum!" murmelte Luratar. "Widerwärtig, sich mit so etwas auseinandersetzen zu müssen. Nun, immerhin haben sie ihren Zweck erfüllt."

Er dachte einen Moment nach, dann hob er den Kopf und wandte sich an seine Untergebene.

"Setzen Sie sich mit Gul Endrak in Verbindung! Geben Sie ihm Bescheid, daß wir hier eine Begegnung mit zwei Deserteuren hatten, die nach Nor-Istrin unterwegs sind. Weisen Sie ihn darauf hin, daß der eine der beiden Männer eine Waffe bei sich trägt und richten Sie ihm von mir aus, es wäre das Beste, die Leute in bewußtlosem Zustand auf die nächstbeste Raumwerft zu schaffen. Dort wissen sie, wie sie mit Feiglingen und Arbeitsscheuen umzugehen haben. Geben Sie Endrak außerdem zu verstehen, daß es sich bei dem Inhalt der mitgeführten Tasche um mein Eigentum handelt. Sie können sicher sein, daß er Ihnen keine Fragen stellen wird."

 

Ilgash beobachtete, wie das kleine Schiff über dem Industriegebiet aufstieg, Kurs setzte und in südlicher Richtung verschwand. Er spuckte aus.

"Tybrang hatte recht!" knurrte er. "Der Kerl ist ein arrogantes und hinterhältiges Drecksstück. Höchste Zeit, uns aus dem Staub zu machen!"

Er eilte die Stufen hinauf und stieß Bentrang an, der noch immer unschlüssig auf dem Steinsockel stand.

"Pack deine Sachen!" wies er ihn an. "Decke und Proviant, der Rest bleibt hier. Wir machen uns auf den Weg nach Slodarn und sehen uns dort ein wenig unter den Frachterbesatzungen um. Jetzt, wo wir die Mittel dazu haben, sollten wir diesen unfreundlichen Planeten so schnell wie möglich verlassen."

Bentrang rannte ihm mit aufgerissenen Augen hinterher.

"Aber Ilgash!" rief er entsetzt. "Das sind bestimmt sechs Tage Fußmarsch. Nor-Istrin liegt doch viel näher, warum gehen wir da ausgerechnet nach Slodarn?"

"Weil ich es so will!" gab Ilgash gelassen zur Antwort. "Ich habe meine Gründe dafür. Beeil dich also ein bißchen und stell keine Fragen nach Dingen, die du ohnehin nicht verstehst!"

Es folgte ein längeres Schweigen, dann begann Bentrang wieder zu sprechen.

"Ich weiß, du denkst, ich bin ein Idiot." begann er langsam. "Aber das stimmt nicht. Ich bin keiner, Ilgash!"

Sein Freund lachte.

"Aber natürlich bist du einer, Bentrang!" antwortete er, während sie die Osttreppe hinaufstiegen. "Du begreifst es nur nicht, das ist alles."

"Ich bin keiner!" wiederholte Bentrang. "Ich verstehe eine Menge. Und ich weiß, daß es eine Gemeinheit war, sie zu verraten. Der Mann da eben, er wird ihnen folgen. Und wenn er sie findet, wird er sie umbringen, Zelar hat es mir gesagt."

"Er wird sie aber nicht finden. Tybrang hat mir nie auch nur einen Moment lang getraut, er hat mir eine falsche Richtung angegeben. Außerdem habe ich ihnen wohlweislich drei Tage Vorsprung gelassen, wahrscheinlich sind sie schon längst über alle Berge."

"Er wird sie finden!" beharrte Bentrang. "Und darum hättest du es nicht tun dürfen. Sie waren freundlich zu uns, sie haben uns zu essen gegeben. Und dann die Gelbe, Aryshtin! Du hast sie gehabt, Ilgash, ich weiß es!"

Ilgash wirbelte herum.

"Gehabt!" zischte er. "Ich will dir mal eines sagen, Bentrang: So etwas hat man nicht, man bekommt es höchstens für kurze Zeit geliehen, bis man dann eines Tages zusehen darf, wie es einem wieder aus den Händen gleitet. Sie dagegen hätte mich gehabt, ohne es eigentlich zu wollen, also mußte ich handeln, solange ich noch dazu fähig war. Ich weiß nicht, wie du dir den Rest deines Lebens denkst, aber ich habe keine Lust, hier abzuwarten, wer uns als erstes erwischt, das Militär oder die Kildars. Ich bin nicht wie sie, ich will endlich wieder eine Stadt sehen, Leute um mich haben, Canar trinken, romulanisches Ale, irgendetwas, Hauptsache, man wird davon betrunken. Der Inhalt dieser Tasche wird uns weit weg bringen, vielleicht bis nach Risa, das soll eine hübsche freundliche Welt sein, habe ich sagen hören. Ich jedenfalls bin schon verdammt neugierig darauf, Bentrang, du vielleicht nicht?"

Der Angesprochene schwieg einen Moment.

"Aber dieser Mann..." sagte er leise.

"Tybrang ist zu schlau für ihn. Glaub mir, er wird auf sie aufpassen. Die ganze Zeit über hat er auf sie aufgepaßt."

Ilgash drehte sich rasch wieder um und stieg weiter die Treppe hinauf. Bentrang folgte ihm zögernd.

"Er wird sie finden! Ich weiß, daß er sie finden wird!" murmelte er.

 

Tarkin war auf dem Weg zur nächsten Ebene, als er hörte, daß er von hinten angerufen wurde. Sofort wandte er sich um und erkannte am Fuß der Treppe ein rhazaghanisches Paar, das dort stand und zu ihm hinaufblickte.

"Es gibt einen Rhazaghaner im Habitat zu begrüßen." informierte ihn der Mann.

Lächelnd stieg Tarkin die Treppe wieder hinunter und nahm das in Felle gehüllte Bündel auf ebenso behutsame wie routinierte Weise entgegen. Vorsichtig schob er die Tierhäute auseinander und betrachtete einen Moment lang den dichten Schopf aus mittelbraunem Haar, der zum Vorschein gekommen war. Erneut kam ihm zu Bewußtsein, daß Aslari und er sich genau in der richtigen Lebensphase befanden, und daß es mittlerweile keinerlei Gründe mehr gab, die Fortpflanzung noch ein weiteres Mal hinauszuschieben. Tarkin beschloß, noch an diesem Abend mit seiner Gefährtin zu sprechen: Der kommende Hochsommer sollte ihr Hochsommer werden.

Er hob den Kopf.

"Wie ist sein Name?" wandte er sich an die jungen Eltern.

Die Antwort des Vaters kam ruhig und selbstverständlich.

"Tybrang!"

Durch Tarkins Arme ging ein solcher Ruck, daß der kleine Rhazaghaner erwachte und einen fragenden kleinen Zirpton von sich gab. Sofort verständigte sich die Mutter des Kindes durch einen raschen Blick mit ihrem Gefährten, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Clanführer zu.

"Es muß nicht gerade dieser Name sein." sagte sie sanft. "Eigentlich war es nur eine Idee gewesen. Wenn du vielleicht einen Vorschlag für uns hättest...?"

Tarkin nickte wortlos und bemühte sich, seine Fassung wiederzugewinnen.

"Gewiß, mal sehen!" antwortete er schließlich mit fester Stimme. "Es gibt durchaus ein paar Namen, die schon längere Zeit ohne Träger sind. Wie wäre es mit... Raspin?"

Er lächelte, als er die aufgerissenen Augen des Paares sah.

"Wir haben jeden Grund, Jarsali und ihrem Gefährten Respekt zu zollen." erklärte er den beiden. "Dennoch entspräche es sicher ihrem Wunsch, wenn sich ihre Namen nun allmählich wieder mit Leben füllten. Seid ihr mit dieser Wahl einverstanden?"

"Natürlich, Clanführer!" stammelte der junge Vater noch immer voller Überraschung. "Wir hätten nur niemals gewagt..."

Tarkin nickte, dann beugte er sich über das Fellbündel, aus dem heraus ihn zwei türkisfarbene Augen ernst beobachteten.

"Sei willkommen im Clan, Raspin von den Vari!" richtete er das Wort an den kleinen Rhazaghaner. "Finde deinen Platz unter uns, sammle Reife und lerne, deine Talente zu nutzen! Mögest du dich immer auf unserer Welt behaupten können!"

Etwas später stieg er langsam die Habitatstreppe hinauf. Als er die zweiundzwanzigste Ebene passierte, zögerte er kurz, doch dann bog er ein und schloß kurz darauf die Tür der betreffenden Unterkunft hinter sich. Niedergeschlagen ließ er sich auf den nächsten Sessel sinken. Der Verlust mochte ein Dreivierteljahr zurückliegen, dennoch ließ nichts darauf schließen, daß der Schmerz jemals an Schärfe verlieren würde.

Schließlich hob er den Kopf und ließ seinen Blick über Tybrangs Habseligkeiten wandern. Das Quartier lag unverändert, doch Tarkin wußte, daß eines Tages ein neuer Bewohner diese Räumlichkeiten beziehen würde, ebenso wie er irgendwann den Namen seines toten Freundes würde vergeben müssen. Aber auch wenn er diese Dinge nicht verhindern konnte, so gedachte er doch, sie möglichst weit in die Zukunft zu schieben.

Traurig betrachtete er die Darstellung der Vari-Wohnstätte, welche die gegenüberliegende Wand schmückte. Wie er hatte sich Tybrang dem Habitat stets auf ganz besondere Weise verbunden gefühlt, allerdings war in Tarkin zuletzt der Verdacht aufgestiegen, daß diese Liebe nur noch dem reinen Bauwerk galt, nicht mehr dem, was es verkörperte. Trotzdem war es eindeutig der alte Tybrang gewesen, der ihm am Tag ihres Abschieds entgegengetreten war - konfrontationsfreudig und unnachgiebig, gewiß, aber mit einem Gesicht, in dem blanke Sorge gestanden hatte.

An jenem Tag war Tarkin fest entschlossen gewesen, sich seinen schlimmsten Ängsten zu stellen. Er ertrug die Vorstellung nicht, für den Rest seines Lebens auf den Schutz des Clans angewiesen zu sein, und so gedachte er, noch einmal den Kampf gegen einen Gründer aufzunehmen - auf welche Weise auch immer. Mochte er auch nicht in der Lage sein, seinen Luumwechsel zu verzögern, er würde einen anderen Weg finden. Allerdings hatte Tarkin nicht geahnt, wie genau Tybrang um seine Unfähigkeit wußte.

Und nun war es also jener, der an der Spitze der anderen in den Tod gegangen war. Was immer sich auf der Station ereignet hatte, keinem der vierunddreißig war es möglich gewesen, sich durch seine Fähigkeiten zu retten. Tarkin seufzte leise. Sie alle waren vollkommen sinnlos gestorben, und doch würde er sich immer an Tybrangs letztes Bestreben erinnern: Einen alten Freund vor einer tödlichen Dummheit zu bewahren.

 

 
11.

 

Immer weiter zogen sie, über nächtliche Hügelketten, die nur noch schwach mit Sträuchern bewachsen waren, durch krautige Vegetation, die sich mit Gräsern abwechselte, um schließlich endgültig einer weiten Graslandschaft Platz zu machen. Diese Umgebung ermöglichte ihnen ein rasches Vorankommen während der Nacht, die Tage allerdings verbrachten sie nahezu schutzlos, dicht an den Boden geschmiegt. Tybrang schlief in dieser Zeit nur äußerst unruhig; er verging fast vor Sorge, ein Gleiter oder ein Shuttle könnte am Himmel auftauchen und sie entdecken.

Sie wußten, daß sie den Lintos mittlerweile dicht auf der Spur waren. Matanis zuverlässiger Nase zufolge betrug ihr Vorsprung nur noch einen knappen Tag, und auch den übrigen Numa bereitete es keine Mühe mehr, die leicht süßliche Witterung wahrzunehmen. Hinzu kamen andere Hinweise, abgeäste Spitzen, frische Losung und niedergedrücktes Gras, die den Rhazaghanern bewiesen, daß ihnen eine größere Anzahl von Tieren vorauszog.

Einmal stießen sie auf eine Stelle, an der die Überreste von acht oder neun Lintos über eine weite Fläche verstreut lagen. Die Knochen waren alt und brüchig, grünlich verfärbt von einem glitschigen Bewuchs, doch zermalmte Wirbel und zerbissene Schulterblätter ließen die Rhazaghaner ahnen, welche Spezies hier reiche Ernte gehalten hatte.

Die vertraute Art von Strauchlingen wich mehr und mehr einer bräunlichen Form, je weiter sie nach Nordosten vordrangen. Diese Tiere waren etwas größer und dichter behaart als ihre grauen Vettern, ihre Ohren waren klein und ihre Schnauzen erheblich plumper. Außerdem begnügten sie sich nicht mit bloßen Mulden, sondern legten regelrechte Baue an, aus denen die Numa sie ausgruben. Eine weitere Bereicherung des Speisezettels kündigte sich an, als sie auf ein mittelgroßes, flinkes Geschöpf stießen, das durch seine Grünfärbung hervorragend an die Umgebung angepaßt war. Zur allgemeinen Überraschung stellte es sich als Säuger heraus; der Grünton des Pelzes rührte ausschließlich von einer Unmenge winziger Algen her, die sich darin angesiedelt hatten.

Es war in der einundzwanzigsten Nacht kurz vor Tagesanbruch, als Tybrang einen dunklen Streifen am Horizont zu erkennen glaubte. Sogleich beschleunigte er das Tempo, in der ebenso frohen wie bangen Hoffnung, der Schatten möge sich als das herausstellen, wofür er ihn hielt. Schließlich, bei Sonnenaufgang, gab es keinerlei Zweifel mehr: Es war wahrhaftig ein Waldrand, dem sie sich näherten.

Als sie den Schutz der Bäume erreichten, war schon heller Tag, doch niemandem war danach zumute, sich zum Schlafen niederzulegen. Ausgelassen begrüßten die Numa die neue Umgebung, tollten durch das Laub und jagten sich zwischen den Stämmen. Tybrang beobachtete seine Leute mit innerem Lächeln, als er zu seiner Überraschung ein Zwicken in der Schwanzspitze verspürte. Herumfahrend konnte er gerade noch das tiefbraun und cremefarben gezeichnete Fell von Riardis ausmachen, dann verschwand seine Beraterin mit einem übermütigen Satz im nächsten Gebüsch.

Verblüfft hielt er einen Moment inne, doch im nächsten schüttelte er Verantwortung und Pflichtgefühl bedenkenlos von sich und machte sich an die Verfolgung. In weiten Sprüngen jagte Tybrang durch das Unterholz, setzte vergnügt über gestürzte Stämme und hatte Riardis nach kurzem Lauf eingeholt. Eine kurze, freundschaftliche Balgerei folgte, dann erhoben sich beide Rhazaghaner und machten sich auf den Weg zurück zu den anderen.

"Wir sollten lieber etwas mehr Vorsicht walten lassen." fand Tybrang. "Die Vegetation erscheint vielversprechend, aber noch ist uns dieser Wald fremd. Es ist besser, wenn wir vorläufig zusammenbleiben und unserer Umgebung vermehrte Aufmerksamkeit schenken."

"Du hast Recht!" gab seine Beraterin zu. "Wir wissen, daß es die anderen gibt, möglich, daß sie auch hier auf die Jagd gehen. Stellen wir also erst einmal fest, was es für Geschöpfe sind, die hier zwischen den Bäumen leben."

Nur wenige Augenblicke später passierten sie eine Stelle, an welcher der Sturm eine breite Schneise in den Wald gerissen hatte. Ringsumher lagen verrottende Stämme, doch es gab keinerlei Anzeichen, daß die Natur im Begriff stand, die Wunde wieder zu schließen. Zwar war der Boden mit niedrigem, verkrüppelt und verwachsen wirkendem Strauchwerk bedeckt, doch nirgendwo schien eine Pflanze den Ehrgeiz zu besitzen, über die Länge eines Rhazaghaners hinauszuwachsen. Verwundert sahen sich Tybrang und Riardis um.

"Eigenartig!" bemerkte die Rhazaghani schließlich. "Dies alles hätte längst wieder zuwachsen müssen. Warum schießen hier keine Bäume in die Höhe?"

Tybrang wandte seine Aufmerksamkeit dem Boden zu, wo er die vertraute Losung von Lintos ausgemacht hatte. Er hob den Kopf und erblickte ein paar Schritte entfernt weitere Hinterlassenschaften der schnellen Pflanzenfresser. Langsam und allmählich stieg eine Erkenntnis in ihm auf.

"Sie werden daran gehindert." murmelte er halb bei sich. "Ihre jungen Triebe werden abgeweidet, wieder und immer wieder, und so kommen sie einfach nicht über eine bestimmte Höhe hinaus. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn wir hier noch weitere Lichtungen dieser Art finden."

"Aber das würde heißen..." begann Riardis hinter ihm verblüfft.

Er nickte und drehte sich zu ihr um.

"Daß es viele Lintos sind! Zu viele für dieses Gebiet, und das läßt auf wenig oder gar keine Jäger schließen. Riardis! Es kann sein, daß dies der Platz ist, nach dem wir gesucht haben."

Kurz darauf bekamen auch die übrigen Numa die Gelegenheit, die ungewöhnliche Lichtung zu besichtigen. Dylas untersuchte aufmerksam Vegetation und Waldboden, dann schüttelte er verwundert den Kopf.

"Es stimmt, Tybrang! Sie sind häufig hier, um zu weiden, allerdings kann ich nirgendwo Spuren von Jägern ausmachen. Sollte es tatsächlich möglich sein, daß wir vor den anderen hierhergefunden haben?"

"Ilgash hat behauptet, daß sie sich nie sehr lange an ein- und derselben Stelle aufhalten." überlegte Tybrang. "Er sagte, dieses Verhalten hätte die Kildars bisher vor der Ausrottung bewahrt. Demnach ist es denkbar, daß sie diese Gegend zwar hin und wieder erreichen, aber dann stets nach kurzer Zeit weiterziehen. Sie sind eine fremde Lebensform, die den Gesetzen einer anderen Welt folgt. Über ihren Instinkt können wir bestenfalls Vermutungen anstellen."

"Nun, solange er ihnen befiehlt 'zieh weiter und überlaß das Land den Rhazaghanern!', findet er meine Zustimmung." ließ sich Aryshtin hören. "Auf alle Fälle sind sie nicht hier, und so schlage ich vor, daß wir allmählich an unsere Mägen denken. Allerdings bin ich während der letzten Mahlzeiten recht häufig Stumpfgräbern und Graspelzen begegnet, daher würde mich interessieren, ob ab heute wieder die Jagd auf Lintos gestattet ist."

Tybrang schmunzelte. "Ehrlich gesagt wäre auch ich für etwas Abwechslung dankbar." gestand er. "Allerdings sollten wir uns nicht gleich am ersten Tag über die ganze Gegend verteilen, sondern ein Teil von uns an dieser Stelle warten, während sich ein Jagdführer mit einem Trupp auf die Suche nach Wild begibt. Aryshtin, du besitzt schon etwas Erfahrung im Lintofang. Fühlst du dich dieser Aufgabe gewachsen?"

Die Rhazaghani betrachtete ihn überrascht, dann klappte sie die Ohren zur Seite.

"Wieviel Zeit bekomme ich, um darüber nachzudenken?" erkundigte sie sich vergnügt.

Kurz darauf machte sie sich an der Spitze eines siebenköpfigen Jagdtrupps, zu dem auch Matani, Trysnar und Brispin gehörten, auf den Weg. Als routinierte Jäger wählten sie die Richtung, die sie dem Wind entgegen führte, was zur Folge hatte, daß sie sich zunächst parallel zum Waldrand bewegten. Allerdings hatten sie erst ein kleines Stück zurückgelegt, als ihnen eine deutliche Lintowitterung entgegenwehte. Sofort gab Aryshtin den anderen ein Zeichen, sich in Deckung zu begeben.

Sie mußten sich eine Weile gedulden, bis die ersten leisen Geräusche ihnen verrieten, daß sich das Wild näherte. Endlich trat in nicht allzugroßer Entfernung ein älteres weibliches Tier aus dem Gehölz, verhielt einen Moment und sicherte mißtrauisch witternd die Umgebung. Die schmalen Ohren spielten unruhig, doch dann setzte sich die Linto langsam wieder in Bewegung. Ihr folgten drei fast ausgewachsene Männchen sowie acht Weibchen, von denen sechs je ein zierliches Jungtier mit sich führten.

Aryshtin wartete buchstäblich bis zum letzten Augenblick. Erst als die alte Linto alarmiert den Kopf hochriß und mit einem Zischen herumfuhr, katapultierte sich die Rhazaghani vorwärts, um noch mitten im Sprung in die Zahnluum zu wechseln. Die übrigen Numa folgten ihrem Beispiel und setzten dem flüchtenden Wild nach, ohne den Muttertieren und ihrem ängstlich schreienden Nachwuchs auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Die beiden schwächeren Männchen und die zwei jungen Weibchen waren es, denen ihre Aufmerksamkeit galt, und so bemühten sie sich, die anvisierten Tiere von der in wilder Panik flüchtenden Herde zu trennen.

Aryshtin und Brispin hatten sich hinter eines der männlichen Exemplare gesetzt, doch das flinke Geschöpf hielt seine Verfolger auf Abstand, indem es immer wieder seitlich ausbrechend die Richtung wechselte. Die Jagd ging durch lichtes Gehölz, dann durch prasselndes und brechendes Dickicht, als Brispin plötzlich helles Licht bemerkte, das seitlich von ihm durch die Zweige fiel. Im Rennen drehte er seiner Jagdführerin den Kopf zu.

"Ich schneide ihr den Weg ab!" schrie er. "Hier rechts scheint es noch einen weiteren Windbruch zu geben."

Im nächsten Augenblick bog er auch schon ab, dem gleißenden Licht entgegen.

 

Trotz ihres hohen Tempos war Aryshtin noch nahe genug, um Brispins Aufschrei zu hören. Auf der Stelle stemmte sie abbremsend ihre Pranken in den Waldboden, dann wirbelte sie herum und lief zurück.

"Brispin!" rief sie erschrocken. "Was ist los, wo bist du?"

Zunächst herrschte Stille, doch dann kam die Antwort aus nicht allzugroßer Entfernung.

"Ich bin hier drüben! Wo das Licht durch die Blätter scheint. Sei bloß vorsichtig, Aryshtin!"

Noch während die Rhazaghani sich suchend umblickte, vernahm sie Geräusche im Unterholz, dann erkannte sie Tybrang, der sich in schnellem Lauf näherte. Offenbar hatte die Verfolgungsjagd sie in die Nähe ihres Lagerplatzes geführt.

"Ich habe Brispin schreien hören." erklärte der Clanführer, als er bei ihr anhielt. "Was ist passiert, ist einer von euch verletzt?"

Im nächsten Moment erblickten sie eine Hand, die aus den Büschen winkte.

"Hallo!" hörten sie Brispins Stimme. "Macht euch keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Auch wenn ich ziemlich erschrocken bin."

Gleich darauf fanden sie Brispin, der in der Grundform im Gesträuch hockte und den linken Arm um einen Baum geschlungen hielt. Als sie sich näherten, drehte er ihnen den Kopf zu.

"Als wir der Linto folgten, sah ich plötzlich Sonne durch die Zweige scheinen und glaubte, hier wäre eine Lichtung." setzte er ihnen auseinander. "Und dann konnte ich gerade noch bremsen; es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre abgerutscht. Im ersten Moment dachte ich wahrhaftig, hier wäre die Welt zu Ende -" er bog die Zweige auseinander, " - aber dann stellte ich fest, daß sie sehr wohl weitergeht, allerdings da unten."

Wenig später nahm der ebenfalls hinzugekommene Dylas die Stelle in Augenschein. Es blickte in die Tiefe, wo weit unten die Wipfel von Bäumen zu erkennen waren, dann schüttelte er fassungslos den Kopf.

"Sie haben ein Loch in ihre Welt gegraben." stellte er fest. "Ein noch gewaltigeres Loch als damals im Numa-Gebiet. Sie müssen etliche Jahre damit beschäftigt gewesen sein."

Tybrang wanderte mit den Augen den Rand der Grube ab und bemühte sich schließlich angestrengt, die gegenüberliegende Seite zu erkennen, allerdings vergeblich: Irgendwo in weiter Ferne verschwamm sie im Dunst, der aus dem ungeheuren Kessel aufstieg.

"Sie haben etwas abgebaut." antwortete er. "Etwas, das ihnen erhebliche Mühe wert war. Als sie es hatten, sind sie gegangen, ohne sich weiter um den Rest zu kümmern. Und irgendwann kehrte dann die Natur zurück, um dieses hier zu schaffen."

In allen Grünschattierungen schillernd breitete sich der Boden des Talkessels zu ihren Füßen aus, eine versenkte Welt aus Baumkronen, Gehölzen, Sumpf- und Grasland. Jenseits des mächtigen Schattens, den die Südseite der Grubenwand warf, blinkte hier und dort der Spiegel eines halbverborgenen Gewässers auf. Vögel schossen, glitten oder segelten durch den Luftraum, stiegen in die Höhe und tauchten wieder ab, in unermüdlicher Suche nach ihrer jeweiligen Lieblingsbeute.

Die Rhazaghaner beobachteten stumm das lebhafte Treiben, jeder in wehmütigem Gedenken an die eigenen Flugkünste. Schließlich brach Dylas das Schweigen.

"Unter normalen Umständen wäre der Weg zum Grund kein Problem, aber wir wissen einfach nicht genug über die cardassianische Luftüberwachung. Möglich, daß sie nicht in der Lage wären, uns in dem Kessel zu orten, es bliebe jedoch ein Risiko. Was sagst du, Tybrang?"

Sein Clanführer seufzte und schüttelte den Kopf.

"Es ist verlockend, ich weiß, aber es ist und bleibt zu gefährlich. Laßt uns also lieber auf die Schwinge verzichten und uns stattdessen eine andere Möglichkeit suchen, nach unten zu gelangen. Ich schlage vor, wir machen uns erst einmal daran, die Grube zu umrunden, es kann gut sein, daß wir auf diese Weise einen Weg finden."

"Warte!" rief Aryshtin. "Vielleicht ist das nicht nötig. Ich würde da gern einen Verdacht überprüfen."

Sie sah sich suchend um, dann trat sie sich den Weg zu einem jungen Baum frei, der seinen Standort am äußersten Rand des Abgrundes hatte. Prüfend rüttelte sie an dem schlanken Stamm, dann griff sie nach dem kräftigsten Ast und machte Anstalten, sich über den Rand des Kessels hinauszulehnen. Sofort trat Tybrang ihr zur Seite, packte sie sichernd am Handgelenk und stemmte seine Beine fest in den Erdboden. Die Rhazaghani nickte, dann reckte sie sich weit hinaus und richtete ihren Blick in die Tiefe. Bereits im nächsten Augenblick stieß sie einen triumphierenden Schrei aus.

"Ganz wie ich es vermutet hatte!" rief sie den anderen zu und wies nach unten. "Dort drüben scheint es eine Art Schräge oder Rampe zu geben, die direkt an der Grubenwand entlangläuft. Wir hatten vorhin nicht die geringsten Anzeichen von der Lintoherde bemerkt, als uns urplötzlich ihre Witterung entgegenschlug. Das ist also des Rätsels Lösung: Sie kamen einfach aus dem Talkessel herauf."

"Sehr gut, Aryshtin!" Tybrang zog seine Beraterin wieder auf sicheren Boden. "Wenn der Weg von Lintos begangen werden kann, dann auch von uns. Geben wir also den anderen Bescheid und machen wir uns auf den Weg nach unten! Es wird Zeit, daß die Numa ihr neues Clangebiet kennenlernen."

Sie hatten den Lagerplatz noch nicht erreicht, als ihnen Trysnar atemlos entgegenkam.

"Aryshtin, gut daß ihr da seid!" keuchte er. "Wir hatten schon befürchtet, dir und Brispin wäre etwas zugestoßen." Er wandte sich an Tybrang. "Clanführer!" rief er aufgeregt. "Es gibt da etwas, was du sehen mußt. Wir haben vorhin eine flüchtende Lintoherde verfolgt. Du wirst es nicht glauben, wo sie uns hingeführt haben."

 

Auch die Rampe war mit Bäumen und Gestrüpp bewachsen, doch durch die Wanderbewegungen des Wildes war ein leicht begehbarer Weg freigehalten worden. Voller Erwartungen stiegen sie abwärts, immer weiter dem Boden des Talkessels entgegen. Am Ende der Schräge schließlich legten sie die Köpfe in den Nacken und blickten die Steilwand hinauf. Jenseits ihres Randes breitete sich die Oberfläche Cardassias aus, jene Welt, der sie nun den Rücken gekehrt hatten.

Eine Weile schwiegen sie, doch schließlich riß sich Tybrang vom Anblick des weit entfernten Himmels los und sah sich unter seinen Artgenossen um.

"Soweit hätten wir es geschafft. Jetzt sollten wir uns genauer ansehen, was wir da gefunden haben. Laßt uns zunächst Ausschau nach einem geschützten Ort halten, wo wir uns Obdach und eine Lagermöglichkeit schaffen können. Das Jahr ist schon ein gutes Stück fortgeschritten; wir müssen uns beeilen, wenn wir für den Winter Vorsorge treffen wollen."

So nahmen sie ihre Wanderung durch den Krater auf. Um sich in der fremden Umgebung leichter zurechtzufinden, bewegten sie sich zunächst Richtung Osten, wobei sie stets in der Nähe der Steilwand blieben. Zufrieden nahmen sie die große Zahl unterschiedlicher Pflanzen zur Kenntnis, die sie nur zu geringem Teil vom Sehen kannten, begutachteten die allgegenwärtigen Fraßspuren der Lintos und spürten den Fährten verborgenen Kleingetiers nach.

Gegen Nachmittag stießen sie auf eine Stelle, wo eine rotbraun gefärbte Schicht den Boden nicht nur bedeckte, sondern dort regelrechte Dünen bildete. Befremdet betrachteten sie das seltsame Phänomen, das sich über ein erhebliches Stück erstreckte. Hier und da bildete das Material groteske, miteinander verbackene Klumpen, doch zum größten Teil besaß es eine mürbe, krümelige Konsistenz und verteilte sich bis weit in die Umgebung. Riardis wechselte in die Grundform, bückte sich und nahm etwas von der mysteriösen Substanz auf. Sie prüfte es aufmerksam und ließ die Bruchstücke schließlich durch die Finger rieseln.

"Korrodiertes Eisen!" stellte sie fest. "Hier muß etwas Ungeheures zerfallen sein."

"Ich denke, ich habe sogar eine ungefähre Vorstellung, worum es sich handelte." bemerkte Aryshtin. "So ein Loch kratzt man schließlich nicht mit den Nägeln in den Boden. Wenn man schon so etwas plant, schafft man sich auch die nötigen Hilfsmittel dazu."

"Und wieder haben sie am Schluß alles liegenlassen." murmelte Dylas. "Warum nehmen diese Leute ihre Sachen eigentlich nicht wieder mit?"

Aryshtin zuckte die Achseln.

"Wahrscheinlich hatten sie zu jenem Zeitpunkt bereits woanders etwas Besseres. Oder was glaubst du, Tybrang?"

Ihr Clanführer reagierte zunächst nicht. Er war weiter oben auf dem Berg aus Metallschutt in die Hocke gegangen und untersuchte etwas Kleines zwischen den Fingern. Schließlich begann er damit, den unsichtbaren Gegenstand durch Reiben zu säubern.

"Was hast du da?" erkundigte sich Aryshtin neugierig, als sie bei ihm anhielt.

Tybrang blickte zu ihr auf und hielt ein blankes gewölbtes Glasstück in die Höhe.

"Feuer!" lachte er.

 

Der Platz, der zu ihrer Wohnstätte werden sollte, befand sich nicht allzuweit entfernt. Sie waren mittlerweile bis zum nördlichen Rand des Talkessels gelangt, und dort gähnten von der Mitte an bis hinab zu ihrer Basis eine große Zahl von Öffnungen in der Steilwand. Ihre regelmäßige Anordnung ließ keinen Zweifel daran, daß ihr Ursprung künstlich war.

"Das verstehe ich nicht!" bemerkte Antalik verwundert. "Sie hatten die Möglichkeit, gewaltige Gesteinsmengen fortzuschaffen. Aus welchem Grund kamen sie nur auf den Gedanken, solche Löcher in die Felswand zu bohren?"

Riardis schüttelte nachdenklich den Kopf.

"Ehrlich gesagt glaube ich gar nicht, daß sie das getan haben. Vielmehr halte ich es für wahrscheinlicher, daß dies ein ehemaliges Bergwerk ist, in dem sie in fernerer Vergangenheit nach Bodenschätzen suchten. Später begannen sie dann damit, die gesamte Oberfläche aufzureißen, um schließlich irgendwann auf die alten Gänge zu stoßen. Sie haben sie einfach bis zu dieser Stelle hin aufgegraben."

Eine andere Sirk-Geborene trat an die Steilwand heran und strich interessiert über einige winzige Kristalle, die im Licht funkelten.

"Das kenne ich!" erklärte sie. "Das ist Dilithium, allerdings nur noch kleine Einsprengsel davon. Das übrige dürften sie weggeholt haben."

Tybrang horchte auf diese Worte hin auf.

"Dilithium!" knurrte er. "Das war es also! Und als irgendwann ihre Resourcen erschöpft waren, brauchte sich niemand zu beunruhigen. Es gab ja noch genügend andere Welten, wo man sich bedienen konnte. Ganze Völker wurden unterjocht, ein Clan ausgelöscht, damit Cardassias Hunger nach diversen Rohstoffen gestillt werden konnte. Sie hätten sich wohl kaum träumen lassen, daß ihre zurückgelassenen Löcher eines Tages zu einem neuen Zuhause für die Numa werden würden."

Riardis sah ihn an und lächelte.

"Du meinst also, diese Stollen...?"

Ihr Clanführer nickte. "Das meine ich! Eines Tages werden wir dann unser eigenes Habitat errichten, aber für das Erste werden wir mit diesem hier zurechtkommen. Matanis und Trysnars Nachwuchs wird vor Nässe und Kälte geschützt sein, und wir werden in der Lage sein, ein Vorratslager anzulegen. Kommt! Es wäre doch gelacht, wenn es bei dieser Vielzahl von Gängen nicht ein paar gäbe, die sich für Rhazaghaner eignen."

 

 
12.

 

Captain Nicola Pittoni war gerade im Begriff, die Transporthülle über ihren Datenblock zu ziehen, als ihr ein Klopfen signalisierte, daß ein Besucher vor ihrer Tür stand. Hoffnungsvoll gab sie Antwort, worauf Lieutenant T'Alai das Quartier betrat.

"Lieutenant Commander Li bittet vielmals um Entschuldigung wegen der Verzögerung." richtete sie ihrer Vorgesetzten aus, während sie ihr einen Datenträger überreichte. "Laut seiner Erklärung trafen einige der Formulare erst in, wie er sagte, allerletzter Sekunde ein."

"Ich danke Ihnen, Lieutenant!" seufzte Pittoni erleichtert, und nahm ihren Datenblock noch einmal in Betrieb, um die erhaltenen Informationen einzusehen. "Die leichte Verspätung ist nicht weiter tragisch, allerdings wäre es mir ziemlich unangenehm gewesen, mich vor Kommandant Talan zu blamieren. Nach dem, was ich gehört habe, soll ihm das Ergebnis der Befragung schon seit gestern früh vorliegen."

"Seit vorgestern nachmittag, um genau zu sein." entgegnete die Vulkanierin.

Ihre Vorgesetzte sah überrascht auf. T'Alais Antwort schien nichts als eine nüchterne Feststellung zum Ausdruck gebracht zu haben, dennoch war die leise Genugtuung darin unüberhörbar gewesen.

"Schau einer an!" dachte Pittoni amüsiert. "Sie prahlt mit seiner Tüchtigkeit. Die Beziehung der beiden scheint sich doch recht positiv entwickelt zu haben."

Zwar wußte jedermann um das Verhältnis, das T'Alai mit dem Romulaner verband, doch wer darauf gehofft hatte, beide als Liebespaar in der Öffentlichkeit zu erleben, sah sich enttäuscht. Tatsächlich begann man sich zu fragen, ob die Unterschiede zwischen beiden Personen tatsächlich so groß waren, wie man anfangs geglaubt hatte. Weder der Vulkanierin noch dem romulanischen Kommandanten war in Gegenwart des anderen auch nur die geringste Gefühlsregung anzumerken; man hätte ohne weiteres gemeinsame Arbeit als Grund für das gegenseitige Beisammensein vermuten können. Begegneten sich beide auf der Habitatstreppe, bestand die Begrüßung des einen stets in einem wortlosen Nicken, was von dem anderen in gleicher Weise beantwortet wurde. Überhaupt hätte nicht das Geringste auf eine intime Beziehung hingewiesen, wären nicht die häufigen Besuche des Romulaners auf den Föderationsebenen gewesen.

Pittoni selbst hatte mehrere Male erlebt, wie sich der Kommandant nach Ende seiner Dienststunden zu T'Alais Quartier begab, anklopfte, um gleich darauf dort Einlaß zu finden. Beobachter der Szene konnten selten umhin, den Vorgang mit gedämpften Bemerkungen zu kommentieren; dabei ging es meistens um den Wunsch, sich in Gestalt eines kleinen Tieres unbemerkten Zugang zu der betreffenden Unterkunft zu verschaffen. Pittoni fühlte sich durch solche Äußerungen stets erheitert, zumal es ihr schwerfiel, derartige Gedanken von sich zu weisen.

"Wie auch immer, wie es aussieht, werde ich ihn wohl doch nicht enttäuschen müssen." erwiderte sie, während sie die Ergebnisse der Befragung studierte. "Zudem ist die Reaktion auf den Vorschlag recht erfreulich. Über zweiundsiebzig Prozent befürworten die Einrichtung eines Gemeinschaftscasinos ohne jegliche Einschränkungen. Die übrigen achtundzwanzig Prozent stehen der Idee zwar nicht ablehnend gegenüber, doch befürchten zu Anfang Probleme aufgrund der Mentalitätsunterschiede. Das ist weitaus besser, als ich zunächst angenommen hatte."

T'Alai zögerte einen Moment, doch dann entschloß sie sich, ihr Wissen an ihre Vorgesetzte weiterzugeben.

"Vielleicht beruhigt Sie die Auskunft, daß auch auf den romulanischen Ebenen eine positive Erwartung vorherrscht." bemerkte sie. "Der Kommandant hat aufgrund der ihm vorliegenden Ergebnisse die Absicht, den Vorschlag zu befürworten."

Pittoni lächelte und deaktivierte ihren Datenblock.

"Das beruhigt mich in der Tat, Lieutenant! Es ist recht angenehm, sich nicht auf längere Überzeugungsarbeit einrichten zu müssen. Haben Sie also vielen Dank für die Vorabinformation."

Die Vulkanierin schwieg, während ihre Vorgesetzte die restlichen Unterlagen zusammensuchte. Gleich darauf begleitete sie diese auf den Gang hinaus und stand kurz davor, sich zu verabschieden, als sich jemand im schnellen Laufschritt näherte. Pittoni wandte sich verwundert um und erkannte Lieutenant Shastri, der auch schon im nächsten Augenblick bei ihnen anhielt.

"Bitte verzeihen Sie, Captain!" begann er außer Atem. "Sie werden dringend gebeten, in den Funkraum zu kommen. Vor wenigen Minuten ist eine Nachricht der Sternenflotte eingetroffen."

Pittoni runzelte die Stirn und tauschte einen Blick mit T'Alai.

"Leider erwartet man mich in diesem Moment zum Meinungsaustausch." antwortete sie dem Mann. "Welche Dringlichkeitsstufe hat die Nachricht?"

"Eins, Captain! Ihr persönlicher Code ist erforderlich."

Pittoni nickte ernst. "In dem Fall komme ich sofort!"

Sie wandte sich an die Vulkanierin.

"Lieutenant, ich möchte Sie bitten, mich in der Zwischenzeit auf dem Treffen zu vertreten. Richten Sie dem Clanführer meine Entschuldigung aus und sagen Sie ihm, daß ich nachkomme, sobald es mir möglich ist."

"Natürlich, Captain!"

T'Alai nahm den Datenblock ihrer Vorgesetzten entgegen und machte sich unverzüglich auf den Weg zum kleinen Versammlungsraum. Wenig später hielt sie vor der mit Schnitzereien verzierten Tür und klopfte höflich an. Die Stimme des Clanführers antwortete, und die Vulkanierin trat ein, um dort die übrigen Berater um Tarkin versammelt vorzufinden.

Talan unterbrach seine Unterhaltung mit Malukan und Rilkar nicht, als sie hinzutrat, doch er senkte kaum merklich den Kopf, um ihr zu verstehen zu geben, daß er ihre Anwesenheit begrüßte. Während sie ihm auf gleiche Weise dankte, wurde sie sich aufs Neue der Zuneigung und tiefen Wertschätzung bewußt, die sie für den Romulaner empfand. Die Ruhe und Würde, die er bei ihren Begegnungen in der Öffentlichkeit an den Tag legte, hätten ohne Zweifel einem Vulkanier zur Ehre gereicht. Dennoch wies sein Wesen auch starke Abweichungen vom üblichen vulkanischen Verhaltensmuster auf, und es erfüllte T'Alai mit ebensoviel Erleichterung wie Zufriedenheit, daß Talan diese ausschließlich in der Stille ihres Quartiers entfaltete.

Tarkin richtete seinen fragenden Blick auf sie, was sie dazu bewog, Captain Pittonis Entschuldigung weiterzugeben. Der Clanführer nickte auf die Erklärung hin verständnisvoll.

"Selbstverständlich, nehmen Sie ruhig Platz, Lieutenant! Ich hoffe nur sehr, daß es sich um keine schlimme Nachricht handelt."

Er wandte sich an die übrigen Anwesenden.

"Beim letzten Meinungsaustausch hatte Nirrit angeregt, ein Gemeinschaftscasino zwischen den romulanischen und den Föderationsebenen einzurichten. Sowohl Kommandant Talan als auch Captain Pittoni hatten daraufhin eine Befragung unter ihren Leuten durchführen wollen, um ein möglichst detailliertes Meinungsbild zu erhalten. Da Captain Pittoni im Moment nicht da ist, würde ich vorschlagen, daß uns zunächst Kommandant Talan seine Ergebnisse mitteilt."

Der Romulaner nickte, dann aktivierte er seinen Datenblock und erhob sich. Jedoch noch bevor er zum Sprechen ansetzen konnte, wurde völlig unvermittelt die Tür aufgerissen. Sämtliche Anwesenden wandten überrascht die Köpfe und erblickten Captain Pittoni, die atemlos und mit aufgerissenen Augen vor ihnen stand.

Tarkin erhob sich zutiefst beunruhigt.

"Gibt es Berichte über eine neue Offensive?"

Die Terranerin konnte zunächst nur wortlos den Kopf schütteln.

"Die Sternenflotte hat eine ungewöhnliche Nachricht empfangen." begann sie endlich. "Man weist darauf hin, daß man nicht in der Lage war, den Inhalt zu verifizieren und hat sie ansonsten unkommentiert an mich weitergeleitet. Dieser Nachricht zufolge sieht es ganz so aus, als ob auf Cardassia Prime vierunddreißig Rhazaghaner aufgetaucht wären."

 

Der Cardassianer auf dem Bildschirm trug elegante Kleidung, doch sein Gesicht bildete einen krassen Gegensatz zu dieser Aufmachung. Besonders das fehlende Auge erinnerte Pittoni an einen der Hauptakteure eines antiken Piratenfilmes, den sie einmal in ihrer Jugend gesehen hatte, und vermittelte ihr den Eindruck, einen reich gewordenen Schurken vor sich zu haben. Die Intelligenz und Verschlagenheit, die hin und wieder in der Mimik des Mannes aufblitzten, schienen dieses Bild perfekt zu ergänzen.

"Wie gesagt, ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind." schloß er gerade seinen Bericht. "Die einzige Himmelsrichtung, die nicht in Frage kommt, ist Südwesten, demnach wäre es wahrscheinlich sinnvoll, irgendwo in entgegengesetzter Richtung nach ihnen zu suchen. Die Gegend weiter rauf im Norden ist zum größten Teil verwaist; dort existieren bis hin zur Küste nur noch wenige Städte. Möglich, daß sie sich da oben in einem der abseits gelegenen Gebiete verborgen halten."

Es entstand eine kleine Pause, dann wurde ein unsicheres Räuspern hörbar, und die Stimme eines jüngeren Mannes meldete sich.

"Also hören Sie, das ist ja eine recht ungewöhnliche Geschichte, die Sie mir da aufgetischt haben. Sie wollen also diesen Leuten auf Ihrer Heimatwelt begegnet sein, so weit, so gut. Allerdings gibt es da ein kleines Problem: Wer sagt mir denn, daß Ihr phantastischer Bericht überhaupt stimmt? Immerhin habe ich nicht den allergeringsten Grund, Ihnen zu glauben."

Der Cardassianer nickte gelassen. "Absolut richtig, das haben Sie nicht! Und darum würde ich vorschlagen, daß Sie sich umgehend mit Ihren Verbündeten auf Rhazaghan in Verbindung setzen und sich als erstes danach erkundigen, ob dort eine gewisse Anzahl von Leuten vermißt wird. Und vermißt werden sie, das kann ich Ihnen versprechen."

Eine erneute Pause folgte, während der hektisches Flüstern im Hintergrund erklang. Schließlich ergriff der junge Mann wieder das Wort.

"Na gut, nehmen wir also einmal an, Ihre Angaben sind korrekt und es irrt tatsächlich eine kleine Schar Rhazaghaner auf Cardassia Prime herum. Und wie soll es nun Ihrer Ansicht nach weitergehen? Soll die Sternenflotte vielleicht einen Galaxy-Verband losschicken, der die feindlichen Linien durchbricht, in das Herz des cardassianischen Reiches vordringt und mal eben den Krieg für uns entscheidet? Allein um vierunddreißig Personen zu bergen, die es dorthin verschlagen hat? Sie haben vielleicht Nerven! Wissen Sie überhaupt, wie viele Leben uns Ihr verdammter Krieg schon gekostet hat?"

Sein Gegenüber runzelte die Stirn und beugte sich vor.

"Ich habe nicht im Mindesten erwartet, daß die Sternenflotte aktiv werden würde." erwiderte er beherrscht. "Alles, worum ich Sie bitte, ist, die genannten Informationen an die Heimatwelt jener Männer und Frauen weiterzuleiten. Sagen Sie den Betreffenden, daß ihre Leute in Gefahr sind, daß sie dort weg müssen, und zwar so schnell wie möglich. Nach dem, was ich von Rhazaghan erfahren habe, wird man dort alles tun, um sie da rauszuholen."

Der junge Mann stieß ein kurzes Lachen aus.

"Sicher, vielleicht sollten wir die Leute auch gleich darum bitten, das cardassianische Regime zu stürzen und die anwesenden Gründer gefangenzunehmen, wenn sie schon einmal am Ort sind. Wäre doch eine schnelle Lösung unseres kleinen Problems, oder? Aber Spaß beiseite! Auf mich wirken Sie eigentlich nicht wie jemand, der gewohnheitsmäßig in Barmherzigkeit und Nächstenliebe macht. Also warum zum Teufel sind Sie so irrsinnig dahinterher, daß diese Personen gerettet werden?"

Der Cardassianer schwieg einen Moment, dann breitete sich auf seinem Gesicht ein ungemütliches Lächeln aus.

"Unter normalen Umständen würde ich sagen, daß dich das verflucht wenig angeht, mein Junge!" sagte er leise. "Aber ich möchte nun einmal, daß du diese Nachricht weitergibst. Und darum eine kleine Frage: Hast du schon einmal vor etwas gestanden, das dir mehr gefallen hat als alles, was du in deinem Leben gesehen hast?"

"Wie?" stotterte der Angesprochene überrascht. "Was? Doch, doch! Äh, ich meine, ich glaube schon!"

Sein Gegenüber nickte ruhig.

"Gut! Dann möchtest du doch sicher darauf hoffen können, daß das Betreffende noch immer in diesem Universum existiert - irgendwo! Und jetzt würde ich dieses Spielchen gern beenden. Du kannst deinen Leuten da im Hintergrund sagen, daß ich es mich einiges habe kosten lassen, meinen Sender zu maskieren. Sie können ihre Bemühungen also einstellen, zumal ich im Augenblick nicht die geringste Lust habe, mich einem Verhör durch die Sternenflotte zu unterziehen. Mach's gut und vergiß nicht, die Informationen weiterzuleiten. Es sind schließlich eure Verbündeten, nicht wahr?"

Damit wurde der Bildschirm dunkel.

 

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann wurde Nirrits Stimme hörbar.

"Sie sind noch am Leben. Sie sind alle noch am Leben." sagte sie leise.

"Am Leben, ja!" bemerkte Aslari sorgenvoll. "Aber so weit fort auf dieser feindlichen Welt." Sie wandte den Kopf. "Was meinst du, Tarkin, wie...?"

Auf dem Gesicht ihres Gefährten stand ein strahlendes Lächeln.

"Es gibt nur eine einzige Möglichkeit:" antwortete er sofort. "Ich werde gehen und sie suchen."

Sämtliche Gesichter wandten sich ihm zu und starrten ihn an.

"Sie suchen, gewiß!" entgegnete Malukan zweifelnd. "Aber warum ausgerechnet du? Du, der Clanführer!"

"Weil es so am Besten ist!" erwiderte Tarkin. "Um der Spur von Rhazaghanern zu folgen, braucht es einen Rhazaghaner. Und es braucht mich, weil ich Tybrang schon seit vielen Jahren kenne. Ich werde versuchen, den Weg zu gehen, den er sie geführt hat. Außerdem bin ich der einzige von uns, der etwas Wissen über Cardassia besitzt, von Nirrit einmal abgesehen."

Ein unruhiger Ausdruck huschte über Aslaris Gesicht, doch Malukan und Tabantani nickten nachdenklich, was Talan zum Anlaß nahm, sich zu erheben.

"Einen Augenblick, Tarkin!" schaltete er sich ein. "Ich kann mir vorstellen, was du da im Sinn hast, aber ich muß dir sagen, daß dieser Weg außerordentlich gefährlich ist. Selbst wenn wir sicher sein könnten, daß es sich hier um keine Falle der Gründer handelt, so wird es doch viel zu riskant sein, dich auf Cardassia einzuschleusen. Intergalaktische Händler sind grundsätzlich auf Gewinne aus, wahrscheinlich kämen sie auf den Gedanken, daß es weitaus lukrativer sein könnte, ihren Passagier an das Dominion zu verkaufen, als ihn an seinem Zielort abzusetzen. Du kannst ein solches Wagnis nicht auf dich nehmen."

Sein Lehrer wandte ihm den Kopf zu.

"Ich werde mich keines Händlers bedienen." sagte er schlicht. "Es gibt einen anderen Weg, einen wesentlich einfacheren und sicheren. Die Vari haben ihn schon einmal beschritten."

Talan stand einige Momente stumm da, doch dann begriff er und schnappte entsetzt nach Luft. Er fuhr zu Rilkar herum, dessen Miene einen schuldbewußten Ausdruck trug.

"Die Tarnvorrichtung!" fauchte er. "Du hast sie kopiert!"

Der Ingenieur breitete in einer hilflosen Geste die Arme aus.

"Talan..."

"Die Tarnvorrichtung!" zischte der Romulaner nochmals. "Das Herzstück der romulanischen Verteidigung! Wie konntest du mir das nur antun, Rilkar?"

Tarkin trat ihm gegenüber und sah ihm ruhig in die Augen.

"Mach ihm keine Vorwürfe, es ist nicht seine Schuld. Er handelte auf meine Anweisung, die Anweisung des Clanführers. Talan, bitte versuch mich zu verstehen! Ich bin derjenige, dem die Vari die Sorge um ihr Wohl anvertrauten, und nicht einmal unsere Freundschaft gibt mir das Recht, auf eine solche Innovation zu verzichten. Ich war sicher, daß die Tarnvorrichtung uns eines Tages helfen wird, Leben zu retten, und genau das wird sie jetzt tun: Sie wird uns in die Lage versetzen, Tybrang und die anderen nach Hause zu holen."

Talan erwiderte den Blick seines Lehrers und verstand. Natürlich, es stimmte: Tarkin hatte nicht anders handeln können.

Langsam ließ sich der Romulaner auf einen Stuhl sinken und schlug die Hände vor das Gesicht. Nach dem Gehörten war es ihm nicht mehr möglich, seine Fassung zu wahren.

"Aus!" ächzte er. "Vorbei! Es gibt keinen Kommandant Talan mehr. Wenn das romulanische Oberkommando erfährt, daß ich die Tarnvorrichtung in die Hände der Föderation habe fallen lassen, kann ich von Glück sagen, wenn man mir noch die Wahl der Hinrichtungsart läßt."

Die Anwesenden tauschten betroffene Blicke. Nirrit eilte zu dem verzweifelten Romulaner und kniete bei ihm nieder.

"Aber nein, Talan!" sprach sie auf ihn ein. "Du hast Tarkin nicht verstanden. Es ist keine Rede davon, die Tarnvorrichtung an die Föderation weiterzugeben. Einzig und allein die Arrhinia D'jah hat sie, und ein weiteres Schiff ihrer Art wird es nicht geben. Die Sternenflotte wird nicht das Geringste davon erfahren."

Talan hob langsam den Kopf und warf der stumm dastehenden Pittoni einen Blick zu.

"Glaubst du wirklich, Nirrit?" fragte er bitter. "Sieh einmal dort hinüber! Weißt du, welchen Auftrag ihre Vorgesetzten ihr erteilten, als sie sie hierherschickten? 'Sehen Sie zu, daß die verdammten Romulaner von Rhazaghan verschwinden, egal, wie Sie es anstellen!', so lautete ihr Befehl. Und nun ist die Gelegenheit endlich da! Sie weiß genau, daß es ohne Kommandant Talan keine romulanische Präsenz auf Rhazaghan geben wird, was liegt da näher, diese interessanten Neuigkeiten an das Oberkommando der Sternenflotte weiterzugeben. Danach wird meine Abberufung nur noch eine Frage von Tagen sein. Und was euch betrifft, Nirrit, so wird die Föderation bald erheblichen politischen Druck auf euch ausüben. Es wird euch über kurz oder lang nichts anderes übrigbleiben, als die Tarnvorrichtung herauszugeben."

Talan spürte, wie sich leicht und sanft eine Hand auf seine Schulter legte. Überrascht blickte er auf. Es war noch niemals geschehen, daß T'Alai ihn in der Öffentlichkeit berührt hatte.

"Captain!" begann die Vulkanierin mit kaum wahrnehmbarem Beben in der Stimme. "Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß, sollten diese Informationen an die Sternenflotte weitergeleitet werden, ich dies zum Anlaß nehmen werde, meinen Dienst zu quittieren."

Pittoni schaute sich unter den schweigenden Anwesenden um und blieb schließlich am Gesicht des Clanführers hängen. Tarkins Blick trug eine Mischung aus Bitten und Hoffen, die sie schon einmal gesehen hatte.

Sie wandte sich wieder ihrer Untergebenen zu.

"Sie brauchen mir nicht zu drohen, T'Alai!" sagte sie leise.

Sie trat zu dem gebeugten Romulaner hinüber, ging vor ihm in die Hocke und sah zu ihm auf.

"Kommandant Talan, ich gebe zu, daß ich zu Anfang schwere Zweifel an der Aufrichtigkeit Ihrer Absichten hegte. Mittlerweile jedoch verbindet uns unsere gemeinsame Arbeit, und daher weiß ich, daß Sie nicht dazu fähig wären, etwas zu unternehmen, was dieser Welt und ihren Bewohnern schaden könnte. Es ist gut, daß Sie hier sind, und darum gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich das Gehörte niemals an die Föderation weitergeben werde."

Sie wechselte einen kurzen Blick mit T'Alai.

"Zum Teufel mit Admiral Lacasse!" fügte sie hinzu.

 

"Selbstverständlich steht außer Frage, daß wir etwas unternehmen müssen." wandte sich Nirrit etwas später an Tarkin. "Andererseits muß ich sagen, daß Talans Einwand von vorhin nicht von der Hand zu weisen ist. Es könnte sich um eine Falle der Gründer handeln."

Der Angesprochene nickte nachdenklich.

"Ich weiß, und darum wird es zu gefährlich sein, die Suche dort zu beginnen, wo dieser Cardassianer unseren Leuten begegnet sein will. Sollte es sich tatsächlich um einen Hinterhalt handeln, dann wird man davon ausgehen, daß ich mich direkt an jenem Ort absetzen lasse. Also gilt es, das Unerwartete zu tun. Ich werde an dem Punkt ansetzen, wo auch die anderen begannen und mich bemühen, ihre gesamte Flucht nachzuvollziehen. Auf diese Weise habe ich die Möglichkeit, zu überprüfen, ob sie den angegebenen Kurs tatsächlich eingeschlagen hätten. Gleichzeitig wird es so wesentlich leichter sein, sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Ein Nachteil dieser Vorgehensweise ist leider, daß sie einiges an Zeit kostet, allerdings sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, als sie zu investieren."

Rilkar runzelte die Stirn.

"Du hast tatsächlich vor, in der Hauptstadt zu beginnen?"

"Nicht ganz! Ihr habt einmal erwähnt, daß das xenobiologische Institut seine Lage am Rande der Stadt hat, nicht wahr?"

"Ja, das stimmt!" schaltete sich Nirrit ein. "Noch vom Institutsgelände aus kann man einen recht hohen bewachsenen Hügel erkennen."

Tarkin lächelte. "Eine ideale Stelle, um mit der Suche zu beginnen. Wo würdet ihr als erstes hingehen, wenn ihr über unbekanntes Gebiet flüchten müßtet?"

Nirrit und Rilkar sahen sich an. Dann wandten sie sich wieder Tarkin zu.

"Zu einem Aussichtspunkt!" antworteten beide.

"Eben das würde ich auch tun. Es ist also beschlossene Sache: Genau dort werde ich mit meinen Nachforschungen ansetzen."

"Was meinst du, wie stark sollte der Suchtrupp sein?" erkundigte sich Tabantani.

Ihr Clanführer schüttelte den Kopf.

"Kein Suchtrupp! Ich werde allein gehen."

Mehrere Momente lang herrschte entsetztes Schweigen. Malukan faßte sich als erster.

"Clanführer, deine Sicherheit..." begann er verzweifelt, doch Tarkin unterbrach ihn mit einem weiteren Kopfschütteln.

"Genau daran denke ich. Wir haben einen Jagdtrupp, der über Cardassia irrt, schon von daher sollten wir es nicht noch schlimmer machen, indem wir eine komplette Suchmannschaft hinterherschicken. Es gilt, so unauffällig wie möglich vorzugehen. Eine einzelne Person hat meiner Meinung nach noch die besten Chancen, der Aufmerksamkeit der Cardassianer zu entgehen."

Malukan schwieg einen Augenblick, dann begann er langsam zu nicken.

"Es ist gefährlich!" gab er jedoch zu bedenken.

"Das weiß ich! Und darum werde ich ein paar Ausrüstungsgegenstände benötigen, die das Risiko auf ein vertretbares Maß senken. Zum Beispiel wäre ein Gerät nützlich, das in der Lage ist, meine Biosignale zu maskieren oder zu unterdrücken."

"Die Sternenflotte besitzt solche Geräte." meldete sich Pittoni sofort. "Sie dienen der gefahrlosen Informationsbeschaffung und haben sich bereits auf zahlreichen Welten bewährt." Sie unterbrach sich und sah zu Talan hinüber, der überrascht den Kopf gehoben hatte.

"Nicht jeder hat die Option, sich nach Belieben als Vulkanier oder Romulaner ausgeben zu können." fügte sie entschuldigend hinzu.

"Haben Sie ein solches Gerät hier?" erkundigte sich Tarkin interessiert.

"Das nicht!" gab Pittoni zu. "Allerdings kann ich Ihnen den vollständigen Bauplan beschaffen. Er befindet sich in einer unserer Datenbanken." Sie warf ihrer Untergebenen einen Blick zu. "T'Alai, wenn Sie so liebenswürdig wären...?"

Die Vulkanierin nickte wortlos, dann erhob sie sich, um den Raum zu verlassen. Währenddessen sah sich Tarkin unter den übrigen Anwesenden um.

"Sehr gut! Ich denke, damit stehen meine Chancen bereits wesentlich besser, auf Cardassia unentdeckt zu bleiben. Als nächstes könnte ich mir vorstellen, daß mir ein Trikorder dort gute Dienste leisten würde."

"Du kannst meinen haben, er ist sehr leistungsfähig." ließ sich Nirrit hören. "Ich müßte dich allerdings zuerst in seine Bedienung einweisen, da er mit romulanischen Einheiten arbeitet."

"Auf dem Weg nach Cardassia werde ich wohl ausreichend Muße finden, mich mit ihm vertraut zu machen." entgegnete Tarkin. - "Rilkar!" wandte er sich an Nirrits Gefährten. "Ich werde cardassianische Landkarten brauchen, so detailliert und übersichtlich wie möglich. Kannst du sie mir beschaffen?"

"Das ist kein Problem, im Bordcomputer der Talan liegen Karten der gesamten Oberfläche von Cardassia." antwortete ihm der Ingenieur. "Allerdings muß ich dich darauf hinweisen, daß selbst die Aktuellsten schon ein paar Jahre alt sind. Soll ich sie dir auf einen elektronischen Atlas überspielen?"

"Eigentlich würde ich gern auf ein solch empfindliches Gerät verzichten, Darstellungen auf flexiblem wasserfesten Material wären mir lieber. Wenn es geht, möchte ich meine technische Ausrüstung so klein wie möglich halten."

"Da hast du wohl recht. Ich werde gleich hinuntergehen und nachsehen, was ich da habe. Willst du mitkommen? Ich könnte dir bei der Auswahl helfen."

"Geh ruhig, ich komme gleich nach. Sag unten Bescheid, daß die Arrhinia D'jah startklar gemacht werden muß! Wir brechen in zwei Tagen auf."

In Talans Gesicht hatte noch immer eine gewisse Verdrossenheit gestanden. Nun jedoch zeigte sich ein Blitzen in seinen Augen.

"In zwei Tagen wird sie fertig sein." versprach er. "Unter einer Bedingung: Ich werde die Arrhinia D'jah nach Cardassia führen."

Tarkin drehte ihm den Kopf zu und sah ihn an.

"Selbstverständlich!" antwortete er erstaunt. "Sie ist dein Schiff."

Der Romulaner nickte besänftigt, was Tarkin zum Anlaß nahm, seine Aufmerksamkeit wieder den übrigen Anwesenden zuzuwenden.

"Gut, das wäre also geklärt." stellte er fest. "Was mich angeht, so werde ich jetzt noch einen kleinen Abstecher in die Krankenstation machen."

Er hielt einen Moment inne.

"Sicherlich wäre es gut, einen Regenerator auf eine solche Reise mitzunehmen." schloß er dann nach einigem Zögern.

Er hatte sich die meiste Zeit über bemüht, einem bestimmten Blick auszuweichen. Nun aber konnte er nicht anders, als zu seiner Gefährtin hinüberzusehen, die während der gesamten Diskussion geschwiegen hatte.

"Aslari, bitte!" sagte er fast flehend. "Tybrang und die anderen... Sie leben! Sie sind dort draußen. Wir können sie nicht allein lassen."

Aslari hob langsam den Kopf und richtete den vollen Blick ihrer schwarzgrünen Augen auf ihn.

"Dann wirst du wohl gehen müssen." antwortete sie leise.

 

Kurz darauf rannte Tarkin hinauf zur zwanzigsten Ebene, um Darrab die großartige Neuigkeit mitzuteilen. Seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Der normalerweise so besonnene Habitatsarzt reagierte bemerkenswert aufgeregt auf die Nachricht, wurde jedoch sofort wieder ernst, als ihm der Clanführer sein Anliegen mitteilte. Wortlos verließ er den Raum und kehrte gleich darauf mit einem handlichen kleinen Regenerator wieder zurück.

"Das ist der Modernste, den wir haben; die Konstruktionspläne stammen vom letzten Einkauf bei der Föderation." teilte er Tarkin mit. "Er ist weitaus leistungsfähiger als sein Vorgänger oder sämtliche Modelle, die wir jemals auf Rhazaghan fertiggestellt haben. Ich arbeite gern mit ihm."

"Ich weiß!" antwortete Tarkin. "Ich habe die Bestellung selbst genehmigt und an Mongaris weitergegeben."

Darrab nickte und übergab ihm das Gerät.

"Wie gesagt, er läßt sich ausgezeichnet handhaben, aber - ," er hob warnend die Hand, als Tarkin den Regenerator zufrieden untersuchte, " - das bedeutet noch lange nicht, daß er seinen Eigentümer automatisch zum Arzt macht. Es ist immer noch eine Menge Sachkenntnis erforderlich, um ihn richtig zu bedienen; wäre es anders, würde ich mich darauf beschränken, ein paar hundert in Auftrag zu geben und mich anschließend zur Ruhe setzen. So muß ich dich aber warnen: Schaden würdest du wohl kaum mit ihm anrichten können, dafür haben seine Konstrukteure gesorgt. Auch die Behandlung einer leichten Fleischwunde wird dich sicher vor keine Probleme stellen. Das ist freilich auch schon alles. Glaub also bloß nicht, daß dir der Besitz dieser hübschen kleinen Maschine jegliche Vorsicht ersparen wird."

Sein Clanführer sah von dem Gerät auf und lächelte.

"Keine Sorge, Darrab! Ich habe nicht die Absicht, die Sache leichtfertig anzugehen. Vor mir liegt eine lange Reise, und soviel ist mir klar: Ich werde meine gesamte Leistungsfähigkeit brauchen, um die anderen zu finden, und es gibt absolut nichts, was mich dazu bringen könnte, ihre Heimkehr aufs Spiel zu setzen."

 

Lieutenant Shastri schirmte die Augen vor der Sonne ab und blickte hinauf in den blendenden Himmel, vor dem sich die Arrhinia D'jah wie der Schatten eines gigantischen Greifvogels abhob. Schweigend beobachtete er, wie die Einzelheiten der Sternschwinge immer weiter im goldenen Dunst verschwammen, bis er schließlich nach einer Weile die Hand sinken ließ.

"Tja!" bemerkte er melancholisch, "Das wars! Ich möchte mal wissen, ob er wirklich wieder zurückkehren wird, allein oder mit den anderen."

Corestid, der etwas weiter zum Rand der Habitatsspitze hin stand, wandte ihm den Kopf zu.

"Was denn!" kam es tadelnd von ihm. "Er ist mit einem T.Rex fertiggeworden, oder etwa nicht?"

Shastri dachte einen Moment nach, dann lachte er auf.

"Hast ja recht, Arie! Nichts ist so schrecklich wie ein T.Rex, auch nicht Gul Dukat. Ich bin sogar bereit zuzugeben, daß der noch nicht einmal so häßlich ist."

Rowland hielt noch immer seinen Blick in den Himmel gerichtet, wo die Arrhinia D'jah nur noch schwer zu erkennen war.

"Irgendwie ist etwas Merkwürdiges an der Sache." murmelte er.

Escobedo, die gerade ihre Unterhaltung mit Knut und Soto beendet hatte, kam zu ihm herüber und warf ihm einen Seitenblick zu.

"Was ist los mit dir, Brad? Stimmt etwas nicht?"

Rowland zuckte die Achseln.

"Ich weiß nicht recht! Je mehr ich darüber nachdenke, um so eigenartiger kommt mir das Ganze vor. So heißt es zum Beispiel, Ingenieur Rilkar hätte Kontakt zu einem befreundeten Händler aufnehmen können. Dieser hätte sich daraufhin bereit erklärt, den Clanführer auf Cardassia Prime einzuschleusen."

"Na und?"

"Denk doch einmal nach! Wenn überhaupt irgend etwas scharfen Kontrollen unterliegt, dann die Handelsraumer, die Cardassia Prime noch anfliegen dürfen; etwas anderes anzunehmen, wäre wohl mehr als hirnrissig. Ein Schiff, das sich dem Planeten nähert, dürfte einem Scan unterworfen werden, dem nicht einmal verborgen bleibt, was der Captain zu Mittag gegessen hat, ganz zu schweigen davon, was für Leute sich an Bord befinden. Außerdem möchte ich gar nicht darüber nachdenken, was dem blüht, der den Versuch unternimmt, einen Fremden auf Cardassia einzuschmuggeln. Kein Händler geht so ein Risiko ein, selbst für den allerbesten Freund nicht."

Corestid war mittlerweile herangekommen und hatte aufmerksam zugehört.

"Klar, du hast natürlich recht, Brad, aber glaubst du denn nicht, daß sie sich darüber ebenfalls Gedanken gemacht hätten?" wandte er ein.

Rowland sah zur anderen Seite der Plattform, wo sich Knut und der Andorianer noch immer bemühten, die aufsteigende Sternschwinge im Auge zu behalten.

"Doch, das glaube ich schon!" antwortete er leise.

"He, Knut!" rief er unvermittelt nach drüben. "Ihr arbeitet doch die meiste Zeit unten im Hangar. Sag mal, was baut ihr eigentlich so alles in die Arrhinia D'jah ein?"

Der junge Bursche ließ schlagartig die Hand sinken und starrte zu ihm herüber.

"Was meinst du?" stotterte er, während sein Gesicht eine dunkelrote Tönung gewann. "Was in aller Welt sollten wir ihr denn einbauen?"

Rowland grinste, während Escobedo und Corestid einen überraschten Blick wechselten.

"Also, ehrlich gesagt..." begann der Tresquodocer verwirrt.

"Das ist das Zweite, was mir an dieser Angelegenheit komisch vorkam." erklärte er ihnen. "Wir haben hier drei Schiffe mit ziemlich gleichwertiger technischer Ausrüstung. Identische Bewaffnung, dasselbe Antriebskonzept! Warum also ausgerechnet die Arrhinia D'jah?"

"Dämliche Frage!" mischte sich Shastri ein. "Weil sie das beste Schiff im gesamten Universum ist, darum!"

Rowland legte den Kopf etwas schräg und verschränkte die Arme.

"Ich habe mich etwas umgehört im Habitat. Tarkin hat bereits einiges an Raumerfahrung, und er hängt an seinem Schiff, soviel steht fest. Vor ihm liegt eine verdammt gefährliche Mission, ein regelrechtes Himmelfahrtskommando, was also wäre unter diesen Umständen verständlicher, als sich von der Narhamak zum Treffpunkt bringen zu lassen? Aber nichts da, es muß unbedingt unsere alte Hexe sein. Dabei heißt es, der nächste Streit liegt bereits in der Luft, sobald sich die beiden auch nur riechen. Ist schon ganz gut, daß es da jemanden gibt, dem dieses Schiff regelrecht in Fleisch und Blut übergegangen ist."

Escobedo stutzte einen Moment, dann pfiff sie leise durch die Zähne.

"Wenn du das meinst, was ich jetzt gerade denke..." sagte sie langsam.

"Genau!" nickte Rowland. "Ich sehe, du hast begriffen."

"Was denn?" fragte Shastri verwirrt. "Ich begreife gar nichts."

"Du lieber Himmel..." begann Corestid, dem ebenfalls ein Licht aufging.

"Er glaubt, daß die Arrhinia D'jah Tricks auf Lager hat, die keine andere Sternschwinge beherrscht." setzte Escobedo Shastri auseinander. "Romulanische Tricks!"

Shastri verstand und sah sie erschrocken an.

"Aber wenn das romulanische Oberkommando hinter diese Sache kommt..."

"...dann ist Talans Leben keinen Pfifferling mehr wert." beendete Rowland grimmig den Satz. Er warf einen warnenden Blick in die Runde. "Darum ist uns natürlich allen klar, wie absurd dieser Gedanke ist, schließlich gibt es nicht den allergeringsten Beweis, und letztendlich ist Talan der anständigste und pflichtgetreueste Offizier, mit dem wir es jemals zu tun hatten. Ich persönlich würde sogar sagen, daß man jedem die Knochen brechen sollte, der eine derartig blödsinnige Vermutung verlautbaren läßt. Sind wir uns darüber einig?"

Corestid sah ihn an und lächelte.

"Vollkommen, Brad!" antwortete er für seine Kameraden.

 
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