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Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
Tybrang beugte sich konzentriert über seine Schieferplatte, die er hinaus in die Sonne geschafft hatte und bemühte sich, seinem Schreibhölzchen zeichnerische Feinheiten abzuringen. Bisher blieben die Ergebnisse ein gutes Stück hinter seinen Wünschen zurück, doch er hatte die Hoffnung, daß er die Unzulänglichkeiten seines Zeichenmaterials bald durch Übung würde ausgleichen können. Anderenfalls würde er etwas Zeit in die Herstellung von Pinseln und vielleicht einiger Farben investieren müssen. Der Talkessel war ihnen mittlerweile recht vertraut geworden. Tybrang selbst hatte zu Anfang mehrere Erkundungstrupps hinausgeführt, sich einen Eindruck von der Größe und Vielfalt ihres neuen Clangebietes verschafft und sich bemüht, mehr über die einheimische Fauna und Flora herauszufinden. Dabei hatten sie festgestellt, daß ihnen von der hiesigen Tierwelt kaum Gefahr drohte, auch wenn sie etwas weiter unten im Sumpfland dem ersten ernstzunehmenderen Nahrungskonkurrenten begegnet waren. Tybrangs Trupp hatte ein Gehölz verlassen, war dabei auf ein trübes Gewässer gestoßen und hatte sich ein Stück das schmale Ufer entlangbewegt. Da schnellte völlig unvermutet eine schwarzbraun glänzende Kreatur aus der Tiefe herauf, schloß seine hornigen Kiefer um Antaliks Vorderlauf und versuchte unter kräftigen Schwanzschlägen, die Rhazaghani zu sich ins Wasser zu zerren. Gleich darauf hatte Antalik das Geschöpf an Land geschafft und mit einem gezielten Biß erlegt. Ihre Beute besaß in etwa die Länge von drei Rhazaghanerschritten und stellte sich bei näherer Betrachtung als räuberisch lebende Amphibie heraus. Das Fleisch erwies sich als durchaus schmackhaft und ließ sich gut einlagern, auch wenn es für rhazaghanische Ansprüche ein wenig zu weich war. Auf ihren Streifzügen hatten die Numa das Clangebiet gewissenhaft abgeschritten und dabei festgestellt, daß eine Zahnluum für eine komplette Umrundung etwas mehr als eineinhalb Tage benötigte, wenn sie sich ständig entlang der Felswand bewegte. Bei dieser Gelegenheit stellte sich auch heraus, daß die Rampe, über der sie ihre neue Heimat erreicht hatten, nicht die einzige war, die den Boden des Talkessels mit der Oberwelt verband. Zwei weitere lagen in westlicher und in nordöstlicher Richtung, auch wenn sich insbesondere jene im Westen in einem sehr schlechten Zustand befand. Ein Umstand, der Tybrang nach wie vor Kummer bereitete, war die Tatsache, daß es fast unmöglich schien, wirkliche Behaglichkeit im Habitat zu schaffen. Gewiß zeigten sich die verzweigten Gänge nach ihrer Unterteilung in einzelne Räumlichkeiten etwas wohnlicher, auch trugen die Lintofelle an Boden und Wänden sowie die Beleuchtung durch Röhrichtfackeln einiges an Annehmlichkeit bei, doch es war einfach unbestreitbar, daß ihnen Fenster fehlten. Rhazaghanische Wohnstätten waren stets so konzipiert, daß sie einen guten Fernblick ermöglichten, und oftmals dachte Tybrang voller Wehmut an die zauberhafte Aussicht, die das Vari-Habitat geboten hatte. Überhaupt schien es in stillen Momenten wie diesem fast unmöglich, das würgende Gefühl des Heimwehs zu unterdrücken. Wenn Tybrang hinauf zum Rand des Talkessels blickte, über dem sich in entrückter Ferne der Himmel wölbte, wurde er auf quälende Weise von den Bildern seiner verlorenen Ursprungswelt eingeholt. Sie wurden begleitet von Stimmen, von Gesichtern und vertrautem Gelächter, sowie von der Erinnerung an eine geradezu unglaubliche Freiheit, von der er im Grunde kaum Gebrauch gemacht hatte. Häufig gedachte er voller Bewunderung der Entschlossenheit und Zuversicht, mit der seine Artgenossen ihr Schicksal trugen. Keiner von ihnen klagte, jeder Einzelne war bemüht, sein Bestes für die Gemeinschaft zu leisten, und das Wissen um die Tapferkeit, die sein Clan an den Tag legte, weckte einen fast schmerzlichen Stolz in Tybrang. "Wenn es überhaupt jemanden gibt, der es verdiente, wieder nach Hause gebracht zu werden, dann sie." dachte er bekümmert. Gleich darauf wurde er durch sich nähernde Schritte wieder seiner Umgebung bewußt, und er blickte auf. Riardis kam den bewachsenen Hang herabgestiegen, hielt neben ihm an und betrachtete mit zur Seite gelegtem Kopf die Darstellung eines gefiederten Blattes, welches Tybrang auf die Tierhaut gebannt hatte. "Das ist gut geworden." bemerkte sie. "Was ist das?" Ihr Clanführer hielt die Vorlage für seine Zeichnung in die Höhe. "Eine der Arzneipflanzen, die Aryshtin beim letzten Mal mitgebracht hat. Ich dachte mir, daß eine bloße Beschreibung möglicherweise nicht ausreicht, und hielt es daher für besser, ein Bild hinzuzufügen." Riardis nickte. "Das ist eine gute Idee. Machst du noch mehr davon?" Tybrang warf einen prüfenden Blick zum Himmel, der sich mittlerweile wieder bewölkt hatte. "Vielleicht morgen, es ist gut möglich, daß es bald zu regnen anfängt. Bei dem unruhigen Licht der Rohrfackeln möchte ich eigentlich nicht arbeiten." "Das Ergebnis käme sicher nicht an dieses heran. Aber wenn du ohnehin jetzt aufhörst, könntest du Aryshtin begleiten. Sie ist drüben bei den Rotbäumen und schart ihren Jagdtrupp um sich." Über Tybrangs Gesicht huschte eine gewisse Verlegenheit. "Sag ihnen, sie können ruhig aufbrechen. Ich hatte eigentlich die Absicht, die Möglichkeiten unserer Vorratshaltung noch einmal genau zu überprüfen. Ich denke schon, daß sich bei etwas Überlegung das eine oder andere verbessern läßt." "Das ist Beratertätigkeit!" entgegnete Riardis. "Es ist vollkommen unnötig, den Clanführer für solche Aufgaben in Anspruch zu nehmen. Du kränkst Dylas, wenn du ihm das Gefühl gibst, du hättest kein Vertrauen zu ihm." Tybrang sah beunruhigt zu ihr auf. "Glaubst du wirklich?" "Ich bin mir sogar vollkommen sicher." bestätigte Riardis. "Übrigens," fügte sie bedeutungsvoll hinzu, "habe ich Aryshtin letztens sagen hören, du zeigtest momentan recht wenig Interesse an ihrem Ressort." Ihr Clanführer erhob sich voller Bestürzung. "Tatsächlich? Das tut mir wirklich leid, aber... ich hatte gar nicht geahnt... Glaubst du, sie sind noch da?" "Ich denke schon! Auf alle Fälle dürftest du keine Probleme haben, sie noch einzuholen, vorausgesetzt, du machst dich sofort auf den Weg."
Aryshtin lehnte an der Rinde eines Rotbaumes und grinste, als sie Tybrang hastig den schmalen Pfad heraufkommen sah. Sie wandte sich zu ihren wartenden Leuten um. "Ein glücklicher Tag liegt vor uns." kündigte sie ihnen an. "Wir werden die Freude haben, an der Seite des Clanführers zu jagen. Laßt ihn uns nicht enttäuschen und beweisen wir ihm, daß seine Jäger zum Besten zählen, was Rhazaghan jemals hervorgebracht hat."
Überrascht nahm Tybrang zur Kenntnis, mit welchem Jubel er von der Schar empfangen wurde, und er spürte, wie ihn ein vages Schuldgefühl beschlich. Es stimmte; nachdem sich ihre Umgebung als relativ ungefährlich herausgestellt hatte, war er erleichtert gewesen, die Leitung der Jagdtrupps Aryshtin überlassen zu können, um sich ganz der Organisation und Einrichtung des Habitats zu widmen. Der Gedanke, daß seine ständige Abwesenheit bei der Jagd die Stimmung seiner Artgenossen beeinträchtigen könnte, war ihm dabei nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen. "Riardis hat recht, ich sollte mich wirklich hin und wieder bei den Jagdtrupps blicken lassen." dachte er reuevoll. Gleich darauf wechselte die nun siebzehnköpfige Jagdgesellschaft in die Zahnluum, und Aryshtin gab das Zeichen zum Aufbruch, indem sie sich wie gewohnt an die Spitze begab. Tybrang hatte die Absicht gehabt, sich im Mittelfeld der Schar zu bewegen, doch bereits im nächsten Moment hielt Aryshtin an und sah sich erstaunt nach ihm um. Erst als ihr Clanführer zu ihr aufschloß und sich an ihre Seite gesellte, setzte sie sich erneut in Bewegung. "Wir könnten unser Glück an der Nahen Tränke versuchen." schlug sie Tybrang vor. "Oder wir machen vielleicht einen Abstecher hinüber zum Schattenhang, wenn dir das lieber ist." "Ganz wie du meinst, Aryshtin!" gab ihr Clanführer freundlich zur Antwort. "Ich vertraue auf deine Erfahrung und bin überzeugt, daß du eine gute Wahl treffen wirst." Die ockerfarbene Rhazaghani zögerte kurz, doch dann nickte sie. "In Ordnung! Gehen wir also zum Schattenhang." Sofort schlug sie den Weg Richtung Süden ein, um der Steilwand zuzustreben, die aufgrund ihrer Lage nie vom Sonnenlicht beschienen wurde. Auf jener Seite lag auch die Rampe, welche die Numa in ihr neues Clangebiet geführt hatte und über die ein häufig begangener Wildpfad lief. Aryshtin hatte jene Gegend schon längere Zeit nicht mehr aufgesucht, und so rechnete sie sich gute bis sehr gute Chancen für eine erfolgreiche Jagd aus. Im Talkessel gab es vor allem in der Nähe der Kraterwand keine horizontale Luftströmung; aus diesem Grund konnte das Wild nur über seine direkte Fährte oder aber mit Hilfe des Gehörs aufgespürt werden, wenn man nicht das Glück hatte, regelrecht in eine Herde hineinzulaufen. So etwas war durchaus möglich, wenn sich sowohl Jäger als auch Beute vorsichtig bewegten, doch in diesem Fall konnten Aryshtins sensible Ohren die Anwesenheit der nahen Lintoherde bereits frühzeitig melden. Kurz darauf nahm auch Tybrang das feine Geräusch brechender Zweige aus dem Dickicht des Waldes wahr. Er verharrte still und beobachtete, wie seine Jagdführerin mit einer Kopfbewegung die Nachfolgenden anwies, die Herde in weitem Bogen einzukreisen. Wenige Augenblicke später waren zwölf der Jäger im Unterholz verschwunden, während Matani und zwei weitere bei ihnen zurückblieben. Aryshtin horchte angestrengt, aber nichts wies daraufhin, daß das Wild Verdacht geschöpft hatte. Nach wie vor drang leises Rascheln und Knistern aus dem Gehölz und ließ sie die Anzahl der Lintos erahnen, die sich dort friedlich äsend hin und her bewegte. Tybrang selbst vermutete, daß es sich um eine vielköpfige Herde handelte, war sich seiner Einschätzung jedoch unsicher, da er über keinerlei Erfahrungen in der Lintojagd verfügte. Es dauerte geraume Zeit, bis sich Aryshtin wieder in Bewegung setzte, worauf ihre Begleiter augenblicklich in breit gestreuter Reihe vorwärts rückten. Tybrang beteiligte sich an dem Manöver, achtete allerdings darauf, seine Beraterin nicht aus den Augen zu verlieren. Er wußte, daß Aryshtin eine vorzügliche Jägerin war, und die Aussicht, sie in wenigen Augenblicken in Aktion erleben zu dürfen, erfüllte ihn mit Neugier und Erwartung. Zwar waren sie in der Vergangenheit häufig gemeinsam auf der Kleintierjagd gewesen, jedoch hatte er noch nicht die Gelegenheit gehabt, Aryshtin bei der Erlegung von größerem Wild zu beobachten. Noch während sich die Rhazaghaner lautlos durch das Dickicht bewegten, erklang schräg vor ihnen ein hoher scharfer Warnlaut, dann wurde es lebhaft im Gehölz. Ein Trappeln von vielen Hufen erklang, Zweige brachen knisternd und krachend, und im nächsten Augenblick erkannte Tybrang eines der hochbeinigen Geschöpfe, das ihnen in vollem Galopp entgegenstürmte. Gleichzeitig sah er im Augenwinkel seine Beraterin starten, als die Linto, ein mächtiges graubraunes Tier, auch schon zur Seite auswich. Aryshtin warf sich herum und nahm seine Verfolgung auf, während Tybrang sich anstrengte, nicht den Anschluß zu verlieren. Auf gar keinen Fall wollte er das Nachfolgende verpassen. Zunächst stellte er voller Verblüffung fest, wie flink sich Aryshtins anvisiertes Beutetier bewegte. Geschickt umlief es dichteres Gehölz und Stämme, setzte in gewaltigen Sprüngen über Hindernisse, während es immer wieder die Richtung wechselte. Tybrang hatte Mühe, auch nur annähernd in der Nähe der energisch nachsetzenden Aryshtin zu bleiben, und mehrmals war er darauf angewiesen, sich bei der Verfolgung auf sein bloßes Gehör zu verlassen. Irgendetwas machte ihn freilich sicher, daß das verfolgte Tier keineswegs kopflos floh, sondern daß es bewußt versuchte, freieres Gelände zu erreichen, wo es seine ganze Schnelligkeit würde entfalten können. Gleich darauf fand er seine Vermutung bestätigt; der Wald öffnete sich, und er sah in einiger Entfernung die Linto und ihre Verfolgerin auf eine weite grüne Fläche hinausschießen. Im nächsten Augenblick hatte dann Tybrang das Gebiet erreicht, und er spürte feuchten, leicht nachgiebigen Boden unter den Pranken. Ohne sein Tempo zu vermindern richtete er sein Augenmerk wieder auf das Schauspiel vor ihm, und das, was er sah, ließ rückhaltlose Bewunderung in ihm aufsteigen. Die Linto versuchte immer noch, die nachfolgende Rhazaghani abzuschütteln, indem sie sich wieder und wieder mit geradezu unglaublicher Leichtigkeit herumwarf, um bereits im nächsten Moment in eine gänzlich andere Richtung zu stürmen. Tybrang war sich sicher, daß sie jedes andere Geschöpf längst abgeschüttelt hätte, allerdings hatte sie eine Verfolgerin auf den Fersen, deren Kraft und Schnelligkeit ihresgleichen suchte, und die den jungen Clanführer an einen anderen Jäger erinnerte. Tatsächlich verlor Aryshtin durch die plötzlichen Kurswechsel der Linto nie mehr als einen knappen Schritt an Boden, vielmehr schien sie jeden Haken frühzeitig vorauszusehen, wobei sie sogar zu wissen schien, in welche Richtung sich ihre Beute als nächstes bewegen würde. Immer öfter schnitt sie in geradezu anmutigen Wenden dem Tier den Weg ab und trieb es zurück, was es Tybrang ermöglichte, die Jagd weiterhin verfolgen zu können. Es war unglaublich, wie gut seine Beraterin das Wild mittlerweile unter Kontrolle hatte, und Tybrang war sicher, daß Aryshtins Jagd kurz vor ihrem Ende stand. "Kein Zweifel, die Dana haben ihre prächtigste Jägerin an die Numa verloren." dachte er begeistert. Noch einmal warf sich das gehetzte Tier herum, in dem verzweifelten Versuch, seine geschmeidige Verfolgerin abzuschütteln, und Tybrang sah die Linto bereits im Geiste fallen, als etwas geschah, was ihn beinahe vor Verblüffung stoppen ließ: Die ockergelbe Gestalt seiner Beraterin überschlug sich mitten in der Wende, und der Rhazaghaner begriff, daß Aryshtin ausgerutscht war. Sofort brach die Linto zur anderen Seite aus, und diesmal bewegte sie sich genau auf Tybrang zu. Für die Dauer eines Herzschlages zögerte er, doch dann stürmte er entschlossen dem Wild entgegen. Mit mehr Glück als Geschicklichkeit gelang ihm der Wechsel in die richtige Richtung, als das Tier seinen zweiten Gegner erkannte und noch einmal seine Kräfte für eine Kehre mobilisierte. Dann war der Rhazaghaner heran, sah die schlanken Läufe mit den scharfen Hufen unmittelbar vor sich, und sein Herz begann zu rasen. Vergessen war seine Rolle als begeisterter Zuschauer, nun war er Verfolger, und während er in weiten Sätzen vorwärts stürmte, begriff er, daß er in diesem Moment nur noch eines wollte: Jagen. Er wollte das fliehende Geschöpf, das sich in lockender Nähe vor ihm bewegte, einholen, es packen, niederreißen und töten. Mit jeder Faser seiner Seele spürte er, daß er lebte. Immer näher arbeitete er sich an seine Beute heran, innerlich zitternd vor Erregung, und plötzlich war er vollkommen sicher, daß die ermüdete Linto noch einen letzten Versuch unternehmen würde, ihm zu entkommen. Ohne weiteres Bedenken folgte er der Stimme seines Instinktes und warf sich herum. Fast hätte er triumphierend aufgeschrien; seine Vermutung war richtig gewesen, er hatte es fertiggebracht, dem Wild den Weg abzuschneiden, und nun duckte er sich, um sich in einem einzigen weiten Satz vorwärts zu katapultieren.
Es war wie ein Rausch, aus dem Tybrang erwachte. Langsam löste er seine Kiefer aus dem Hals des Tieres und blickte unter sich. Seine Zähne hatten die richtige Stelle gefunden; die Linto hatte nicht lange leiden müssen. Es dauerte einen Moment, bevor er begriff und den ersten freudigen Stolz in sich aufsteigen fühlte, und so richtete er sich fast verwundert auf. Ein Stückchen weiter zurück erklang übermütiges Gelächter, das er als Aryshtins erkannte. "Heute abend wird der Clan nach einer Erzählung fragen, und wahrhaftig, er wird sie bekommen. Dann wird er wissen, daß Tybrang von den Numa nicht nur ein weiser Clanführer, sondern auch ein geschickter Lintojäger ist." schallte es zu ihm herüber. In Tybrang stieg ein leiser Verdacht auf. Er wollte sich gerade umwenden, um die entsprechende Frage zu stellen, als er eine Bewegung am nahen Waldrand wahrnahm. Bereits im nächsten Augenblick vergaß er alles, was er hatte sagen wollen, denn das, was er sah, ließ ihm den Atem stocken.
In einer Entfernung von etwa vierzig Schritten war eine dunkelgraue Kreatur ins Freie getreten. Langsam und zögernd bewegte sie sich ein kleines Stück auf ihn zu, um dann zu verharren und unsicher zu ihm herüberzublicken. Gleich darauf verließ ein weiteres, nur geringfügig helleres Geschöpf den Schatten der Bäume, dann ein Drittes, ein Viertes, ein Fünftes. Ein Tier gesellte sich zum anderen, unschlüssig, verwundert ihm entgegen witternd. Keines von ihnen gab einen Laut von sich, noch gab es eine drohende Bewegung; still standen die Fremden da und warteten. Tybrang starrte noch immer auf jenes Tier, welches als erstes aus dem Wald hervorgetreten war. Der stattliche und muskulöse Körper ruhte auf vier hohen, kräftigen Läufen, welche in krallenbewehrte Pranken ausliefen. Das Fell dagegen war kürzer und weniger zottig als das der Zahnluum, während der massive Nacken zu einem dicken, gewölbten Kopf aufstieg. Die stark gekrümmte Nase schien nur aus Knochen zu bestehen, und eine ungeheure Kiefermuskulatur ließ den Schädel runder wirken, als er tatsächlich war. Der Rachen des Geschöpfes war geschlossen, und dennoch wußte Tybrang, daß, sollte er sich öffnen, er in seinem Inneren vier sägeartige Zahnleisten von mörderischer Schärfe erblicken würde. Schweigend war Aryshtin an seine Seite gekommen. "Da sind sie also!" sagte sie leise. Mittlerweile war die Zahl der Wesen auf zwölf angewachsen, eine stumme Schar in helleren oder dunkleren Grautönen. Noch immer schien sich keines von ihnen entschließen zu können, zum Angriff überzugehen, als plötzlich in der Gruppe Bewegung entstand. Mehrere Tiere wichen scheu zur Seite, um einer riesigen, fast schwarz wirkenden Kreatur Platz zu machen, die Tybrang als weiblich zu erkennen glaubte. Ruhig und bedächtig schob sie sich nach vorn, daraufhin hielt sie an und ließ ihren Blick langsam von links nach rechts wandern. Tybrang bemerkte eine Bewegung im Augenwinkel und erkannte Matani, die neben ihn getreten war. Als er sich umschaute, sah er die anderen, die im Begriff waren, sich um ihn zu scharen. Seine Jäger mußten sich in unmittelbarer Nähe aufgehalten haben. Das große Kildarweibchen betrachtete bewegungslos die Front der Rhazaghaner, dann drehte es völlig unvermittelt den Kopf und blickte direkt zu Tybrang hinüber. Klug wirkende schwarze Augen musterten den jungen Clanführer, um schließlich nochmals über die gegnerische Schar zu wandern. Matani starrte nach drüben und zitterte vor Wut und Angriffslust. "Sie machen uns das Clangebiet streitig." zischte sie Tybrang zu. "Das können wir nicht dulden. Laß sie uns töten, Clanführer!" Tybrang sah, daß sich die Augen des Kildarweibchens wieder auf ihn gerichtet hatten. Er schüttelte den Kopf und trat der zornigen Rhazaghani in den Weg. "Nein, Matani!" antwortete er. "Wir müssen alles tun, um einen Kampf zu vermeiden. Wenn wir jetzt zum Angriff übergehen, wäre das Ergebnis eine Schlacht, in der viele von uns ihr Leben verlieren würden. Außerdem ist es nicht ihre Schuld, daß sie sich hier befinden. Sie sind Gestrandete wie wir, weit fort von ihrer Heimat, gezwungen, auf einer fremden Welt um ihr Dasein zu kämpfen. Sieh sie dir an, Matani! Die beiden hellgrauen Geschöpfe dort drüben tragen ebenso wie du neues Leben in sich; das dunklere da vorn scheint vor kurzem geboren zu haben. Wahrscheinlich warten die Jungen irgendwo in den Büschen darauf, daß ihre Mutter von der Jagd zurückkehrt." Matani schwieg und Tybrang konzentrierte sich wieder auf das führende Kildarweibchen. Einen Moment stand es noch da und beobachtete aufmerksam die Reihen der Rhazaghaner, dann wandte es sich abrupt ab und tauchte im Dunkel des Waldes unter. Ohne Zögern drehten sich auch die übrigen Kildars um und folgten ihrer Anführerin; wenige Augenblicke später war der ganze Spuk zwischen den Bäumen verschwunden. Tybrang hob den Blick über die Kronen des Waldes. Nur ein kleines Stück dahinter lag der Schattenhang, und an seiner Flanke zog sich jener Weg hinauf, der in die Oberwelt Cardassias führte. Geraume Zeit stand er inmitten seiner Jäger da und wartete, dann erkannten seine scharfen Augen eine Bewegung auf der Rampe. Eine graue Schar stieg langsam die Schräge hinauf, immer wieder verdeckt von Bäumen und Gestrüpp, zuletzt kaum noch erkennbar. Es dauerte eine ganze Weile, dann hatte auch der letzte Kildar den Talkessel verlassen.
Am späteren Abend beugte sich Tybrang wieder über seine Schieferplatte, um das unheimliche Zusammentreffen gewissenhaft in der Clanchronik festzuhalten. Hin und wieder strich er dabei ein paar Strähnen zurück, die ihm ins Gesicht gefallen waren. Er hatte sich mittlerweile an seine neue Haartracht gewöhnt, auch wenn sie ihm hin und wieder ein wenig lästig wurde, wenn er schrieb oder zeichnete. Dennoch spielte er nie auch nur einen Moment lang mit dem Gedanken, zu seinem früheren Äußeren zurückzukehren. Schließlich beendete er seinen Bericht und fügte die beschriebene Tierhaut sorgfältig der Clanchronik hinzu. Danach streckte er sich auf seinem Lager aus und ließ seinen Geist noch einmal zu den Ereignissen des Tages zurückkehren. Die Begegnung mit den anderen beschäftigte ihn sehr, hatte der Name Kildar doch endlich ein greifbares Gesicht bekommen. Sowohl die gelegentlichen Knochenfunde als auch Ilgashs Beschreibung hatten dafür gesorgt, daß in den Köpfen der Numa eine recht phantastische und beängstigende Vorstellung von den Fremden entstanden war. Von daher war es beruhigend gewesen, feststellen zu können, daß es sich um normale Tiere aus Fleisch und Blut, nicht aber um monströse und übermächtige Kreaturen handelte. Trotz dieser Erkenntnis mußte jedoch Tybrang vor sich zugeben, daß diese Geschöpfe ihm Respekt eingeflößt hatten. Ganz besonders beeindruckt war er von jenem Tier gewesen, welches unverkennbar die Anführerin des Kildar-Rudels war. Stark, achtunggebietend, ein gutes Stück größer und schwerer als er selbst, so hatte sie ihm gegenübergestanden, eine wahre Matriarchin, die zweifellos viel gesehen und verstanden hatte. Der Rhazaghaner war vollkommen sicher, daß dieses Geschöpf über eine beträchtliche Intelligenz verfügte, so deutlich hatte sich der Denk- und Entscheidungsprozeß in den Augen der Kildar widergespiegelt. "Erstaunlich, wie schnell sie mich als Anführer ihrer Gegner erkannt hat." dachte Tybrang bei sich. "Und der Blick, mit dem sie unseren Trupp musterte! Ganz als ob..." Der breite Fellvorhang, der seine Unterkunft von dem vorderen Teil des Ganges abtrennte, geriet ein wenig in Bewegung. "Tybrang?" erklang eine weibliche Stimme, welche er als die von Riardis erkannte. "Ich bin hier!" gab er zur Antwort und richtete sich eilig auf. "Komm nur herein, Riardis!" Seine Beraterin schob das Lintofell ein Stück zur Seite. "Ich störe dich doch hoffentlich nicht?" "Ich habe noch nicht geschlafen. Setz dich! Was gibt es?" Die Rhazaghani trat ein und nahm wie angeboten neben Tybrang Platz. "Ich habe mich gerade mit Dylas und Aryshtin unterhalten." eröffnete sie ihm. "So?" erwiderte ihr Clanführer erstaunt. "Worum ging es?" erkundigte er sich dann, während eine leichte Beunruhigung in ihm aufstieg. "Um die Zukunft des Clans! Wie wir bei den Fremden gesehen haben, lassen sie ihren Lebensfluß auch auf dieser Welt nicht versiegen. Vielleicht sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen. Es ist ein guter Anfang, daß bald ein Kind in diesem Habitat zur Welt kommt, außerdem rechne ich damit, daß die Beziehung zwischen Raiji und Zelar bald ihren endgültigen Status erreichen wird." "So schnell? Glaubst du wirklich?" "Bei manchen Verbindungen braucht es nur wenig Zeit bis zur Gewißheit." erklärte sie. "Im übrigen werden sich sicher bald noch ein paar weitere Partnerschaften ergeben. Wie ich erfahren habe, möchten sich die meisten von uns demnächst wieder binden. Dylas hingegen hat nach dem Tod seiner Gefährtin den Wunsch, allein zu bleiben, und ich denke, daß man diese Einstellung respektieren sollte. Zumindest scheint ihm seine Lebensführung keine Probleme zu bereiten, er wirkt in jeder Hinsicht gesund und zufrieden. Aber leider gibt es dafür jemand anders, der uns Anlaß zur Sorge gibt." Ihr Clanführer betrachtete sie bestürzt. "Tatsächlich? Mir ist bisher niemand aufgefallen. Wer...?" Seine Beraterin erwiderte ruhig seinen Blick. "Du bist es, Tybrang! Bisher hast du noch nicht ein einziges Mal Interesse daran geäußert, eine Wahl zu treffen. Dylas und Aryshtin sind aber ebenso wie ich der Meinung, daß sich dieser Umstand möglichst bald ändern sollte." "Aber..." "Nein, hör mir zu! Du hast die Position des Clanführers inne, und diese Stellung ist mit einem großen Maß an Arbeit und Anspannung verbunden. Du trägst die Verantwortung für uns alle, was bedeutet, daß du dir weder geistige noch körperliche Beeinträchtigung leisten kannst. Ein Entscheidungsträger, der seine natürlichen Bedürfnisse außer acht läßt, muß nicht nur als unvernünftig, sondern geradezu als leichtfertig bezeichnet werden. Ein Clanführer, der ohne Partner bleibt, ist vollkommen undenkbar, und deshalb hielt ich es für besser, mich mit Aryshtin abzusprechen. Sie empfindet Sympathie für dich und sieht die Vorstellung einer Verbindung mit dir als durchaus reizvoll an; andererseits hält sie sich für eine eher schwierige Partnerin, die nur für zusätzliche Unruhe in deinem Gemüt sorgen würde. Außerdem wies sie mich darauf hin, daß ihre letzte Beziehung noch nicht lange zurückliegt. Tatsächlich sollte man Aryshtin erst einmal Gelegenheit geben, diese vollständig zu verarbeiten." Tybrang sah seine Beraterin noch immer mit großen Augen an. "Aber du..." begann er hilflos. "Was mich betrifft, so empfinde ich ebenfalls Sympathie für dich." eröffnete sie ihm freundlich. "Meine bisherigen Beziehungen verliefen ruhig und harmonisch, und so wäre es mir eine Freude, dir eine Reifungspartnerschaft anzubieten." Sie hielt einen Moment inne und runzelte die Stirn. "Oder empfindest du keine Sympathie für mich?" erkundigte sie sich besorgt. "Wie?" brachte Tybrang heiser heraus. "Was? Oh doch, sicher! Natürlich!" "Gut!" Sie lächelte erfreut. "In diesem Fall gebe ich dir mein Einverständnis." Tybrang fühlte sich zu keinem Wort fähig. Einen Moment lang blieb er wie erstarrt und blickte sie ungläubig an, doch dann fügte er sich willig seiner Beraterin. Als er sich ihren zärtlichen Händen überließ, überkam ihn das seltsame Gefühl, eine unsichtbare Kluft zu überwinden, die ihn schon viel zu lange von seinem Volk getrennt hatte.
Später lag er wach in ihren Armen und schaute nachdenklich zur Decke des Ganges hinauf. "Ich weiß wohl, daß du Mongaris' Beraterstab angehört hast, Riardis!" begann er nach einer Weile. "Allerdings habe ich dich noch nie nach deinem damaligen Ressort gefragt. Was war das eigentlich?" "Mein Ressort?" Riardis richtete sich auf und lächelte sanft auf ihn hinab. "Oh, das! Das war 'allgemeines Wohlbefinden'." Tybrang schmunzelte, dann zog er sie wieder an sich. Er fühlte sich ausgefüllt und zufrieden wie schon seit langen Jahren nicht mehr, dennoch dauerte es noch etwas, bis er in den Schlaf sank. Ganz gegen seinen Willen kehrten seine Gedanken immer wieder zu der machtvollen Kildar zurück, die ihm gegenüber gestanden hatte. Noch immer sah er die unergründlichen dunklen Augen vor sich, und er konnte sich dabei nur schwer des Eindrucks erwehren, daß die Matriarchin sie gezählt hatte.
Ungefähr eine Million Rhazaghanerschritte von Cardassia Prime entfernt lag die getarnte Arrhinia D'jah bewegungslos im All. Ihre Reise war vollkommen unproblematisch verlaufen, auch wenn man nach Erreichen des feindlichen Raumes die Geschwindigkeit hatte drastisch reduzieren müssen, um das Risiko einer Entdeckung so gering wie möglich zu halten. Zum Schluß war das Triebwerk ganz abgeschaltet worden, worauf die Sternschwinge den Rest der Strecke treibend zurückgelegt hatte. Mittlerweile hatte man die endgültige Position erreicht und wartete, während die natürliche Rotation des Planeten die Metropole Cardassias immer näher heranrückte. Die unmittelbare Präsenz so vieler feindlicher Schiffe stellte die Nerven der Mannschaft auf eine harte Probe. Oftmals entstand der Eindruck, als befände sich ein einzelner Schlachtkreuzer oder sogar ein ganzer Verband auf direktem Kollisionskurs mit der Sternschwinge, um sie dann jedoch in der Entfernung von etlichen tausend Schritt zu passieren. Es war, wie Talan betonte, äußerst unwahrscheinlich, rein zufällig von einem Feindschiff gerammt zu werden. Viel entscheidender für ihre Sicherheit war dagegen, daß die Tarnvorrichtung absolut fehlerfrei arbeitete, und das schien nach den bisherigen Beobachtungen der Fall zu sein. Tarkin saß in seiner Unterkunft und überbrückte die Wartezeit, indem er sich noch ein wenig mit Nirrits Trikorder beschäftigte. Er hatte das Gerät mittlerweile zu schätzen gelernt und war sicher, daß sich dessen Funktionen hervorragend mit seinen rhazaghanischen Fähigkeiten ergänzen würden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte er sich schnell sowohl mit der Handhabung als auch den fremdartigen Einheiten zurechtgefunden, und nun ging er davon aus, daß ihm die Bedienung keine Probleme mehr bereiten würde. Tarkin freute sich geradezu auf den Augenblick, in dem er diesen Ausrüstungsgegenstand das erste Mal einsetzen konnte. Er war gerade dabei, einige fiktive Daten in das Gerät einzugeben, als er hörte, wie sich die automatische Tür seines Quartiers öffnete und kurz darauf wieder schloß. Ohne sich umzuwenden hob er den Kopf, doch hinter ihm blieb es still. "Was denkst du, Gefährtin?" fragte er nach einer geraumen Weile des Schweigens. "Ich denke," erklang Aslaris Stimme langsam in seinem Rücken, "daß es einmal sehr schwer gewesen war, dich zurückzubekommen. Dennoch war es damals tröstlich gewesen, etwas für deine Rückkehr tun zu können, anstatt einfach dazusitzen und zu warten und zu hoffen. Heute allerdings habe ich die Befürchtung, daß meine Hoffnungen dieses Mal vergeblich sein werden." Tarkin drehte sich zu ihr um und lächelte. "Mach dir keine Sorgen!" versuchte er sie zu beruhigen. "Ich bin ganz sicher, daß alles gutgehen wird. Zum Hochsommer werde ich wieder zu dir zurückgekehrt sein." In Aslaris Augen blitzte es zornig auf. "Wahrhaftig, ein stolzes Versprechen, das du mir da gibst! Aber leider wird es dir nicht möglich sein, es zu halten. Denn dieses Mal wird das eintreten, was dir viele schon vor etlichen Jahren prophezeit haben: Du wirst deiner Eitelkeit zum Opfer fallen, roter Tarkin!" Ihr Gefährte setzte zu einer beschwichtigenden Antwort an, doch Aslari unterbrach ihn auf der Stelle. "Als du das erste Mal das Sim-Habitat besucht hast, mußt du gemerkt haben, daß dir sämtliche Partnersuchenden aus dem Weg gingen." fuhr sie gnadenlos fort. "Jemand wie du fiel selbstverständlich auf, und so habe ich dich damals beobachtet. Ich habe gesehen, wie sie dich alle höflich, aber bestimmt abwiesen, eine nach der anderen, und ich konnte durchaus verstehen, warum sie sich gegen eine Partnerschaft mit dir entschieden. 'Tarkin? Oh sicher, er ist hübsch und lustig, und die Jagdtrupps reißen sich um ihn. Aber wozu sich mit jemandem binden, der ohnehin nicht mehr lange leben wird,' so hieß es. Ein Rhazaghaner, der in einer solchen Farbe das Habitat verläßt, kehrt über kurz oder lang nicht mehr zurück, das war die einhellige Meinung über dich. Und dann wurdest du auf mich aufmerksam. Wenige Tage darauf konntest du mich dann zu der Überzeugung bringen, daß du trotz allem imstande wärest, auf Rhazaghan zu überleben. Auf Rhazaghan, Tarkin! Nicht auf Cardassia! Der Planet dort unten wimmelt von Feinden und ist dir zudem fast völlig fremd; dennoch glaubst du, deine alten Gewohnheiten dort beibehalten zu können. Bildest du dir denn wirklich ein, du könntest diese Welt deinen Bedingungen unterwerfen?" Sie schwieg, doch sie hielt weiterhin ihre Augen herausfordernd auf ihn gerichtet. Ein paar Herzschläge lang hielt Tarkin ihr stand, dann seufzte er und senkte den Kopf. Direkt danach folgte ein leichtes Aufblitzen. Demütig sah er auf. "Ist es so besser?" fragte er leise. Aslari betrachtete ihn einen Moment, dann begann sie zu lächeln. "Viel besser!" gab sie zur Antwort. Gleich darauf legte sie den Kopf zur Seite und musterte ihn noch einmal sorgfältig. Schließlich trat sie an ihren Gefährten heran und strich ihm ein paar widerspenstige Strähnen aus der Stirn. Sie waren von jenem vollkommen unauffälligen Braun, mit dem jedes rhazaghanische Kind geboren wurde. "Einer Sache bin ich mir allerdings ziemlich sicher:" bemerkte sie nachdenklich, "Ein Sternenflottenoffizier wäre mit dieser Länge immer noch nicht ganz zufrieden." Tarkin warf ihr einen konsternierten Blick zu. "Aslari! Bitte!" erwiderte er vorwurfsvoll.
Talan stand wartend im Transporterraum und betrachtete das Bild, das der Wandmonitor ihm zeigte. Die Hauptstadt Cardassias lag ahnungslos im trüben Licht des Spätnachmittags, wobei sich im Zentrum gut erkennbar der Regierungspalast mit seinen krallenförmig gebogenen Türmen abhob. Der Romulaner kniff bei seinem Anblick leicht die Augen zusammen. Es war recht naheliegend anzunehmen, daß sich die gesamte Führungsspitze des cardassianischen Reiches und vielleicht sogar des Dominions in genau diesem Augenblick dort unten aufhielt. "Nur ein einziger gut plazierter Schuß!" murmelte er leise. "Und die ganze Sache hätte wahrscheinlich ein Ende." Dabei wußte Talan recht gut, wie illusorisch dieser Wunsch war. Um genügend Energie für die Bordgeschütze freizumachen, mußte man erst einmal das Schiff enttarnen, und schon der Beginn dieses Vorgangs würde auf dem Planeten eine große Zahl automatischer Abwehrsysteme auf den Plan rufen, die nur auf ein derartiges Signal warteten. Die Sternschwinge würde bereits vernichtet sein, noch bevor die Geschütze ihren feuerbereiten Status zurückerhalten hatten. Der militärische Gegner kannte die technischen Möglichkeiten eines tarnfähigen Schiffes und hatte Vorsorge getroffen, eine Erkenntnis, die das Bündnis einige gute Mannschaften gekostet hatte. Die Stimme der Sternschwinge, die schon seit einer ganzen Weile im Hintergrund zu hören war, riß den Romulaner nun endgültig aus seinen Gedanken. "'Während der gesamten Operation gilt es, äußerste Vorsicht zu wahren.'" zitierte die Arrhinia D'jah verärgert. "'Bis das verabredete Signal eintrifft, haben sämtliche nicht lebensnotwendigen Systeme abgeschaltet zu bleiben, die Beleuchtung ist auf die Hälfte zu reduzieren. Die Kommunikation an Bord ist soweit wie möglich einzuschränken, keinesfalls dürfen Sondierungen oder andere aktive Scans durchgeführt werden. Warp und Impuls bleiben deaktiviert, allein für den Fall einer drohenden Kollision stehen die Manövrierdüsen zur Verfügung.' - Kaum ein Energieverbrauch, den er nicht untersagt hätte! Bis zu seiner Rückkehr dürfen wir also nichts tun, außer diesen verdammten Schlachtkreuzern beim Kommen und Gehen zuzusehen und uns dabei hübsch leise und friedlich zu verhalten. Um es ihm vollends recht zu machen, müßten wir uns eigentlich im Vakuum auflösen. Dabei frage ich mich ernsthaft, wozu wir uns überhaupt die Mühe mit dieser ganzen Heimlichtuerei machen. In dem Augenblick, in dem unser prunkverliebter Clanführer dort unten eintrifft, wird ohnehin halb Cardassia zusammenlaufen, um das rote Ding anzustaunen, das da gelandet ist. Und gegen das, was sie daraufhin mit ihm anstellen werden, wird die Sache vor zwei Jahren wahrscheinlich nichts als ein freundlicher Anfang gewesen sein." Talan nickte grimmig und wandte sich von dem Monitor ab. "Ich stimme dir voll und ganz zu: Es ist viel zu gefährlich, wenn er das Unternehmen auf seine gewohnte Art und Weise angeht. Ich jedenfalls habe vor, noch ein paar deutliche Worte mit ihm zu sprechen, bevor ich ihn dort hinunterlasse. Daheim auf der Jagd mag er wissen, was er tut, aber dieses hier ist etwas anderes; hier muß er einsehen, daß er sein Leben aufs Spiel setzt, und damit automatisch auch die Rettung der anderen. Tu mir nur den Gefallen, und misch dich nicht ein; in dem Fall würde wahrscheinlich selbst der vernünftigste und eindringlichste Appell von ihm abprallen." Gleich darauf betraten Nirrit und ihr Gefährte den Transporterraum. Die Rhazaghani lächelte fast unmerklich, während Rilkar ein unübersehbares Grinsen zur Schau trug. Der Romulaner musterte sie verwundert. "Stimmt etwas nicht?" erkundigte er sich irritiert. Das Grinsen des Ingenieurs wuchs noch ein Stück in die Breite. "Warte es ab! Du wirst staunen." Im nächsten Moment trat Aslari ein, und mit ihr ein Mann, den Talan zunächst für einen Fremden hielt, so ungewohnt war der Anblick, der sich ihm bot. Dann erst riß er seine Augen von dem etwas zerzaust wirkenden braunen Schopf los, um darunter Tarkins vertraute Züge zu finden. Ganz offensichtlich fiel es dem Rhazaghaner schwer, seine Verlegenheit zu verbergen, was Talan dazu bewog, seine Überraschung augenblicklich hinter seine gewohnte Maske aus Ruhe und Selbstdisziplin zu verbannen. "Alles bereit?" erkundigte sich Tarkin rasch. Der Romulaner nickte. "Die Stadt liegt beinahe unter uns. Es ist fast Abend, aber du wirst noch für kurze Zeit genug Licht haben, um dich umzusehen." "Gut! Auf diese Weise werde ich noch den breitesten Eindruck von der Umgebung erhalten. Vielleicht wäre es das Beste..." Er wurde von einem vernehmlichen Kichern aus der Kommunikation unterbrochen. "Oh, äh, nun sieh mal einer an! Also wenn mir irgendwann jemand gesagt hätte, daß... Ich meine, äh, ich hätte kaum geglaubt... Natürlich hat es... Aber genaugenommen ist es gar nicht so furchtbar übel. Vielleicht nur ein ganz kleines bißchen..." Tarkin wirbelte augenblicklich zum Monitor herum, wo sich die optischen Sensoren des Schiffes befanden. "Hast du deinem Clanführer IRGEND etwas zu sagen, Arrhinia D'jah???" donnerte er in einer Lautstärke, daß der Transporterraum widerhallte. Es gab eine Pause. "Nein! Nichts!" antwortete das Schiff schließlich mit winziger Stimme. Tarkin nickte energisch, dann wandte er sich wieder dem Romulaner zu, der erhebliche Mühe hatte, sein Lächeln zu verbergen. "Du weißt Bescheid!" sagte Talan dann. "Du kannst das Signal ein einziges Mal senden, danach werden wir dich und die anderen unverzüglich an Bord beamen. Unmittelbar darauf werden wir von hier verschwinden müssen, es ist trotz aller Vorsicht damit zu rechnen, daß dein Ruf die planetare Abwehr mobilisiert. Sobald sie beginnen, nach dem Urheber suchen, werden wir hier nicht mehr sicher sein. Solltest du also dazu gezwungen werden, das Zeichen vorzeitig zu senden, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als das Unternehmen abzubrechen." "Das wird nicht geschehen!" entgegnete Tarkin ruhig, aber bestimmt. "Gibt es sonst noch etwas?" "Nur die Hoffnung, daß wir dich und die anderen bald gesund zu uns heraufholen können." gab Talan zur Antwort. "Viel Glück, Tarkin!" Aslari trat an ihren Gefährten heran und überreichte ihm die aus Atalanleder gefertigte Jagdtasche mit den Ausrüstungsgegenständen, die er wortlos schulterte. "Wenn du einem Formwandler begegnest..." begann sie eindringlich. Tarkin nickte. "...werde ich rennen, so schnell mich meine Beine nur tragen." vollendete er den Satz. Gleich darauf betrat er die Transporterplattform, um bis zum Schluß den Blick auf seine Gefährtin gerichtet zu halten. Als der Beamvorgang einsetzte, äußerte er etwas, was nicht von allen verstanden wurde, dann verschwamm seine Gestalt und löste sich auf. Rilkar wandte Aslari den Kopf zu. "Was hat er gesagt?" erkundigte er sich. Tarkins Gefährtin erwiderte seinen Blick. "Hochsommer!" beantwortete sie seine Frage. Daraufhin drehte sie sich um und verließ den Transporterraum, um ihre Wartezeit zu beginnen.
Tarkin ging augenblicklich in die Hocke, als er das Ende des Transfervorganges spürte. Ein knisterndes, brechendes Geräusch und ein paar Kratzer an den Unterarmen ließen ihn erkennen, daß er inmitten einer großen Zahl von Ilikonai-Sträuchern rematerialisiert war. Vorsichtig löste er sich aus der Umarmung der stacheligen Gewächse, dann sah er sich aufmerksam um. Von seinem momentanen Standpunkt aus war nicht viel mehr als eine monotone, leicht hügelige Buschlandschaft zu erkennen, was ihn nicht sonderlich überraschte. Talan hatte darauf bestanden, ihn auf der Nordseite des bewußten Hügels abzusetzen, um das Risiko der Entdeckung so gering wie möglich zu halten. Tarkin vergewisserte sich, daß weder seine Tasche noch ihr Inhalt Schaden genommen hatte, dann erhob er sich und bewegte sich geduckt den Hang hinauf. Es kostete ihn kaum Mühe, den Hügel zu erklimmen. Geschickt bahnte er sich einen Weg durch das widerspenstige Gestrüpp, während ihm die leicht abnehmende Steigung signalisierte, daß er den Gipfel fast erreicht hatte. Gleich darauf hielt er abrupt an und riß die Augen auf, denn jenseits der Anhöhe erblickte er die Metropole Cardassias, die sich dort im abnehmenden Licht ausbreitete. Rilkars Stadt! Einige Momente lang stand Tarkin nur da und starrte auf den lebenssprühenden Moloch aus Glas, Stahl und Stein, der sich von Südwesten aus bis weit nach Osten erstreckte und damit fast sein gesamtes Gesichtsfeld ausfüllte. Lichter flammten auf, vermehrten ihre Zahl mit jedem verstreichenden Augenblick und zeigten an, daß der Abend begonnen hatte. Luftfahrzeuge verschiedenster Größe manövrierten durch den Luftraum, wichen Gebäuden aus, stiegen auf und landeten. Selbst der kleinste Punkt dort unten schien mit cardassianischer Betriebsamkeit ausgefüllt zu sein. Der Rhazaghaner staunte. Gewiß hatte der Ingenieur ihm diese Stadt in den leuchtendsten Farben geschildert, immer wieder unterbrochen von den spöttischen Bemerkungen Talans, der ebenfalls die Vorzüge seiner Heimat angepriesen hatte. Nun jedoch hätte Tarkin nicht einmal zu sagen gewußt, ob er das, was er sah als schön empfand oder nicht. Seine Augen waren an die kompakte, konkrete Form der Habitate gewöhnt; doch dieser graue Ozean, der sich aus Straßen, Boulevards, Kasernen, Plätzen, Wohnhäusern, Fabriken, Gassen, Industriekomplexen und Prachtbauten zusammensetzte, war zu fremdartig, um vollständig von seinem Verstand erfaßt zu werden. Hilfesuchend glitt sein Blick über das brausende Labyrinth, um endlich auf etwas zu stoßen, was er anhand von Rilkars Beschreibungen jederzeit erkannt hätte: Ein gutes Stück weiter südlich erhoben sich die Türme des Regierungspalastes von Cardassia Prime, die sich wie schützend einem Mittelpunkt zuneigten. Tarkin betrachtete nachdenklich den monumentalen Bau. Rilkar hatte viel von der Residenz gesprochen, sein eigener Bruder sogar eine Zeitlang dort gearbeitet. Den Schilderungen des Ingenieurs zufolge besaß dieser Palast eine viele Jahrhunderte zurückreichende Geschichte, und die Kühnheit und schlichte Anmut seiner Silhouette war angeblich so berühmt geworden, daß sie als Vorbild für zahlreiche andere Konstruktionen gedient hatte. Tarkin fühlte jedoch trotz Rilkars begeisterter Lobeshymnen eine gewisse Enttäuschung in sich aufsteigen: Er empfand die Linien des Gebäudes einfach als zu streng. Gleich darauf ließ er sich nieder und zog die erste Karte zu Rate. Noch war das Licht stark genug, und so blickte der Rhazaghaner immer wieder auf und verglich die schematische Darstellung mit seiner Umgebung. Er wußte, daß sein Material bereits etwas älter war, dennoch fiel ihm nach kurzer Überprüfung ein von einer Mauer umgebenes Gelände auf. Seiner Ansicht nach war diese Stelle mit der auf seinem Plan markierten identisch. Allerdings gab es einen einzigen Unterschied, und dieser war es, der Tarkins Herz schneller schlagen ließ. Dort unten erstreckte sich ein langer, fast fensterloser ebenerdiger Bau, der offensichtlich vor recht kurzer Zeit fertiggestellt worden war. Sämtliche in der Nähe stehenden Gebäude wiesen die typischen Merkmale cardassianischer Architektur auf, doch dieses Ding da vorn ließ jegliche Liebe zum Detail vermissen. "Ein Gefängnis!" murmelte Tarkin. "Gebaut für vierunddreißig Rhazaghaner!" Ein heißer Zorn wallte in ihm auf, doch er unterdrückte ihn sofort. Hier hatte er das erste Indiz, daß die Geschichte des Cardassianers stimmte, daß seine Artgenossen lebten, daß sie ebenso wie er auf dieser Welt atmeten. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer so übermächtigen Freude und Zuversicht, daß er sämtliche bislang gehegten Zweifel endgültig von sich wies. "Tybrang!" sagte er leise, und es erschien ihm fast so, als müßte irgendwo dort draußen sein alter Freund seine Stimme hören. Nun, da er zu der Überzeugung gelangt war, daß sich seine Artgenossen tatsächlich auf Cardassia befanden, begann seine eigentliche Aufgabe: Den Weg herauszufinden, den ihr Jagdführer gewählt hatte, und diesen bis zu seinem Ziel zu folgen. Tarkin suchte eine andere Karte hervor, auf der die Hauptstadt nebst ihrer weiteren Umgebung abgebildet war. Stirnrunzelnd überflog er die Namen der benachbarten Städte, von denen der eine oder andere in Rilkars Erzählungen aufgetaucht war und hob schließlich den Kopf, um der sich immer weiter verdunkelnden Erzschmiede ein wissendes Lächeln zuzuwerfen. "Oh nein, diesen Gefallen hättest du ihnen nie getan." sagte er ruhig. Es war naheliegend, sich in diese Richtung zu wenden - allzu naheliegend, geradezu offensichtlich. Tarkin war davon überzeugt, daß es etliche Rhazaghaner gab, die gerade diesen Fehler begangen hätten: Sich zu dem Gebirge dort zu flüchten, das der Südbarriere auf fast verblüffende Weise glich, und das dennoch nichts weiter als leere Stollen und Schuttberge zu bieten hatte. Eine Flucht zur Erzschmiede war genau das, wovon jeder Verfolger als Erstes ausgehen würde. Tarkin kannte Tybrang, und er wußte, daß sein Freund über Intelligenz und Geistesgegenwart verfügte. Tybrang hatte einen anderen Weg gewählt, soviel stand für ihn fest, und nun galt es, seinen Entscheidungsprozeß zu begreifen und nachzuvollziehen. Vor allem würde es erst einmal nötig sein, den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Tarkin wußte nichts über die genauen Umstände des Ausbruchs, doch eines war sicher: Er mußte in tiefer Nacht stattgefunden haben, anderenfalls hätte man der Flucht ein schnelles Ende gesetzt. Um nun Tybrangs weitere Handlungsweise verstehen zu können, wollte Tarkin versuchen, in etwa das zu sehen und zu hören, was auch sein Freund in eben jener Nacht gesehen und gehört hatte. Tarkin hatte die Vermutung, daß es irgendetwas gab, das Tybrang Auskunft über die Beschaffenheit seiner Umgebung gegeben hatte. Aus diesem Grund zog er sich etwas hinter die Hügelkuppe zurück und sah geduldig zu, wie sich die Nacht über Cardassia senkte. Dabei hatte er keine Vorstellung, worauf er wartete, sondern konnte nur hoffen, daß sich Tybrangs Entscheidungshilfe auch ihm mitteilen würde. Anderenfalls blieb ihm nur übrig, sich auf gut Glück in die bezeichnete Himmelsrichtung aufzumachen. Mittlerweile war das Tageslicht vollständig geschwunden, die Zeit verstrich, ohne daß sich irgendetwas ereignete. Unruhig suchte Tarkin immer wieder den Horizont ab, bis er plötzlich die Feststellung machte, daß der Himmel im Westen einen eigenartig hellen Fleck aufwies. In Gedanken überprüfte er noch einmal die Karte, die er zuletzt vor Augen gehabt hatte. "Ebas-Riaskal!" murmelte Tarkin verblüfft. Genau in dieser Richtung lag sie, jene Stadt, die Rilkar einmal als Heimatort von Okar, dem berühmten cardassianischen Philosophen, bezeichnet hatte. Mit wachsender Aufregung lenkte Tarkin seine Augen ein kleines Stück weiter nordwestlich, und auch dort, wenn auch deutlich blasser, zeigte sich eine Aufhellung. Der Rhazaghaner wußte von seinen Karten, daß sich an jener Stelle Dubror befand, einstmals die Speerspitze der nordcardassianischen Industrie, mittlerweile jedoch eine bedeutungslose Ansiedlung mit erheblichen sozialen Problemen. Der Ingenieur hatte stark bezweifelt, daß der Krieg dazu beitrug, die Lebensbedingungen der dortigen Bewohner zu verbessern. Tarkin wandte sich in die nördliche Richtung. Der Mischling Rilkar hatte zwar mit den örtlichen Temperaturen keinerlei Probleme gehabt, dennoch war es eine Tatsache, daß reine Cardassianer bereits das Klima im Bereich der Hauptstadt als zu kalt und feucht empfanden. So war es nicht verwunderlich, daß weiter oben im Norden trotz reichlich vorhandener Bodenschätze nur wenige Siedlungen entstanden waren. Wer es sich irgendwie leisten konnte, zog es vor zu pendeln, wie der Ingenieur die tägliche Anreise zur Arbeitsstätte nannte. Schließlich zog sich die Industrie vollständig aus der ausgebeuteten Provinz Lirdash zurück, während die paar dort ansässigen Gemeinden versuchten, sich mit der Produktion von Lebensmitteln und anderen Erzeugnissen über Wasser zu halten. Nur wenige hatten Erfolg mit dieser Strategie, und so kam es, daß der Rhazaghaner nicht die allergeringste Aufhellung von der nördlichen Seite her feststellen konnte. Tarkin begann zu lächeln. "Dort ist er!" sagte er leise. "Dein Richtungsweiser, mein Freund!" Der Cardassianer hatte nicht gelogen; er war den vierunddreißig tatsächlich im alten Industriepark vor Nor-Istrin begegnet. Tybrang hatte die am dünnsten besiedelte Gegend des Kontinents mit Hilfe des Himmels herausgefunden. Kurzentschlossen griff der Rhazaghaner nach seiner Tasche und verstellte ihre sinnreich angebrachten Riemen auf eine Weise, daß sie problemlos von der Krallenluum getragen werden konnte. Gleich darauf streifte er sie über und wechselte. Er wußte, daß Tybrang zum Schluß in keiner besonders guten Form gewesen war; dennoch zweifelte er nicht daran, daß sich sein Freund nach Kräften bemüht hatte, die ihm Anvertrauten so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Von daher hielt Tarkin es für angemessen, nur knapp unter seiner gewohnten Laufgeschwindigkeit zu bleiben. Wenn er sich mit ungefähr demselben Tempo wie der Jagdtrupp vorwärts bewegte, würde er vielleicht sogar an manchen ihrer Rastplätze Halt machen und weitere Einzelheiten in Erfahrung bringen können. Tarkin tat das, was jeder seiner Artgenossen getan haben würde: Er blieb die gesamte Nacht in Bewegung und ließ so das Leuchten der Hauptstadt immer weiter hinter sich. Als dann schließlich die Dämmerung anbrach, begann er sich Gedanken um einen Unterschlupf zu machen, doch rings um ihn zeigte sich nichts als mageres Gestrüpp, das als Versteck nicht sonderlich taugte. Ein wenig ratlos sah er sich um, dann entschloß er sich, auf einen kleineren Baum zuzusteuern, dessen Silhouette am heller werdenden Himmel sichtbar geworden war. Dort angekommen blickte er zweifelnd in die nicht sehr dichte Krone hinauf, dann seufzte er mitfühlend. Tarkin wußte nicht, wo die anderen den ersten Tag verbracht hatten, doch die Suche nach einem Versteck für vierunddreißig Rhazaghaner mußte in dieser Umgebung einem Albtraum gleichgekommen sein. Bevor sich Tarkin hinauf ins Geäst begab, mußte er sich jedoch der Lösung eines weiteren Problems zuwenden: Dem seiner Ernährung. Er hatte sich bislang bemüht, diesen Gedanken zu verdrängen, indem er sich sagte, daß schließlich auch die anderen eine Möglichkeit gefunden haben mußten, sich am Leben zu erhalten. Dennoch war eine fast abergläubische Furcht geblieben. Freilich hatte er auf dem Weg hierher den Eindruck erhalten, daß es tierisches Leben in den Büschen gab, allerdings war die Witterung derart allgegenwärtig, daß es ihm fast schien, als entströmte sie den Büschen ringsumher. Zweimal hatte er Knistern und Rascheln vor sich wahrgenommen, aber solange er die Urheber noch nicht kannte, fühlte er sich nicht dazu fähig, Vertrauen zu dieser Welt zu fassen. Er zögerte etwas, bevor er sich auf die Jagd begab, doch schließlich entschied er sich dafür, seine Tasche hinauf in das Geäst des Baumes zu hängen. Die Reichweite des seine Biosignale unterdrückenden Tarnfeldemitters war groß genug, um seine Sicherheit im Umkreis von etwa vierhundert Schritt zu gewährleisten, und es durfte auf gar keinen Fall geschehen, daß seine Ausrüstungsgegenstände beschädigt wurden. Vor allem die Karten und der Regenerator waren zu unentbehrlich, um ihren Verlust zu riskieren. Ein Ausfall des Signalsenders schließlich würde für ihn die endgültige Strandung auf Cardassia Prime bedeuten. Er war noch nicht weit gelaufen, als er auch schon abbog, um der ersten frischen Spur zu folgen. Welche Geschöpfe hier auch immer lebten, sie schienen in erster Linie tagaktiv zu sein. Tarkin spürte, wie sich Aufregung in ihm ausbreitete. Diese Welt mochte nicht seine eigene sein, dennoch war es wohl nicht ihre Art, einem Fremden gleichgültig den Rücken zu kehren; wie es aussah, zeigte sie sich bereit, ihm Nahrung zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich dauerte es nur noch wenige Herzschläge, bis ein kleiner grauer Schatten vor ihm das Dickicht verließ. Der Rhazaghaner zögerte nicht einen Augenblick; noch bevor das Geschöpf die Gefahr begriff, hatte es bereits sein Leben ausgehaucht. Tarkin öffnete die Kiefer und ließ es fallen. Gleich darauf wechselte er in die Grundform und nahm das erlegte Tier andächtig in die Hände. Verblüfft stellte er fest, daß es ihm nicht fremd war; der Ingenieur hatte ihm diese Spezies schon einmal anschaulich beschrieben. Einen Moment lang dachte er nach, dann erinnerte er sich. "Chusa!" sprach er das Tierchen leise an und lächelte. Tarkin hob den Kopf und blickte über die strauchbewachsenen Hügel, die ihn umgaben. Er wußte, daß seine Situation jeglichen Leichtsinn verbot, dennoch war ihm danach zumute, einen lauten Jubelschrei auszustoßen. Seine Furcht, die ihn bis zum Schluß begleitet hatte, hatte sich als unbegründet erwiesen. Hier würde es ihm möglich sein, sich zu ernähren. Froh kehrte er zu seiner Jagdtasche zurück und nahm im Schatten des Baumes seine erste cardassianische Mahlzeit zu sich. Anschließend vergrub er sorgfältig die Überreste, wechselte in die Krallenluum und kletterte mit Leichtigkeit den schmalen Stamm hinauf. Auf einem der unteren Äste machte er es sich bequem. Er hatte schon des öfteren auf Bäumen übernachtet, von daher sah er kein Problem darin, sich für die Dauer des Tages hier niederzulassen. Bevor er die Augen schloß, blickte er noch einmal aufmerksam in die Runde und überprüfte seine Umgebung, und so entging ihm auch nicht das große Bauwerk, daß sich ein ganzes Stück weiter zurück im Südwesten zeigte. Tarkin mußte es in nicht unerheblicher Entfernung passiert haben. Der Rhazaghaner überlegte. Genaugenommen waren die Chancen, auf einen Lagerplatz der anderen zu stoßen nur sehr gering; immerhin bewegte er sich in direkter Linie auf den Industriepark zu, während Tybrang einfach jegliches Licht gemieden hatte; andererseits war dieses Gebäude weithin sichtbar, und so konnte er sich vorstellen, daß es auch von seinen Artgenossen bemerkt worden war. Diese Gegend hier bot kaum Deckung für einen, geschweige denn für vierunddreißig Rhazaghaner, schon von daher kam ein altes Bauwerk wie das dort drüben einer Einladung gleich. Nur wenige Augenblicke später hatte Tarkin den Baum verlassen und strebte in raschem Lauf dem Gebäude zu, um sich die Sache näher anzusehen. Der Zaun, der das Gelände umgab, besaß eine Höhe von etwa zwei Schritten, war also nicht gerade das, was ein Rhazaghaner als Hindernis betrachtet hätte. Tarkin sah sich noch einmal sichernd um, horchte und witterte, dann wußte er, daß sich hier wirklich niemand mehr aufhielt. Kurz darauf trabte er über den Hof eines wohl schon vor längerer Zeit stillgelegten Betriebes. Ein Stück weiter vorn führte ein breites Förderband zum obersten Geschoß einer Produktionshalle hinauf, und Tarkin beschloß, sich von dort einen Überblick über das Werksgelände zu verschaffen. Zuvor legte er vorsichtshalber seine Tasche neben einer Mauer ab. Auf dem Aussichtspunkt angekommen, ließ er seinen Blick über ein paar kleinere Werkhallen, überwachsene Wege, verwahrloste Plätze und eine Anzahl offener Schuppen gleiten. Berge von Metallschutt nahmen einen Großteil der Fläche ringsum ein, während man es wohl vorgezogen hatte, wertvollere Teile in den Schutz der Unterstände zu schaffen. Mittlerweile hatte jedoch diese Vorsicht ihren Sinn verloren; offenbar hatte man sich entschlossen, das komplette hier lagernde Material dem Verfall preiszugeben. Tarkin war noch nicht wieder auf den Boden zurückgekehrt, als ein heftiger Regenguß einsetzte. Die Nässe störte den Rhazaghaner nicht sonderlich, doch ihm war klar, daß eventuell vorhandene Spuren schon lange weggewaschen worden waren; an irgendwelche Witterungsrückstände war nach der langen Zeit gar nicht mehr zu denken. Er überlegte, ob sich ein Gang durch die Werkhallen lohnte, verschob ihre Untersuchung jedoch auf später. Ohnehin war er sicher, daß Tybrang eine Ruhepause in einem geschlossenen Gebäude eher vermieden hätte; ein solcher Unterschlupf hätte nur zu leicht zur Falle für die Flüchtenden werden können. Als er einen Blick in den ersten Unterstand warf, erkannte er sofort, daß hier Vorsicht angebracht war. Wohl hatte man schmale Gänge zwischen den lagernden Gegenständen freigehalten, allerdings der Sicherheit nur wenig Beachtung geschenkt. Fast überall gab es scharfkantige Teile, die ein Stück weit in den Weg ragten. Tarkin verspürte keine große Lust, sich bereits am ersten Tag mit einer Wundbehandlung aufzuhalten, und so bewegte er sich nur langsam und mit höchster Aufmerksamkeit durch das Dämmerlicht des Schuppens. Als er die Untersuchung des ersten Unterstandes abgeschlossen hatte, wandte er sich dem zweiten zu, danach einem dritten. Mittlerweile machte sich seine Müdigkeit immer stärker bemerkbar, und so kostete es ihn fast seine gesamte Konzentration, den Metallkanten auszuweichen. Schließlich sah er sich dazu gezwungen, auf die scharfen Sinne der Krallenluum zu verzichten; es war um einiges ungefährlicher, sich auf zwei Beinen durch dieses Gerümpel hindurchzubewegen. Tarkin stand kurz davor, jenen dritten Schuppen auf der anderen Seite wieder zu verlassen, als er stutzte. Langsam und vorsichtig ging er in die Hocke und richtete sein Augenmerk auf den Rest eines dünnen Bolzens, der aus einer Metallplatte ragte. Einen Moment lang blieb er bewegungslos, doch dann streckte er die Hand aus und schloß sie um ein flaumiges Büschel. Mit klopfendem Herzen verließ er den Unterstand und trat hinaus ins Tageslicht, dort öffnete er unendlich behutsam die Faust und hielt seinen Fund in die Höhe. Es waren ohne Zweifel Haare, Haare von einer Krallenluum. Sie leuchteten in einem schönen Ockergelb, mit einigen schwarzbraunen Abschnitten dazwischen. Tarkin lachte auf. "Euer erster Lagerplatz, Aryshtin!" rief er außer sich vor Freude. Der erste unwiderlegbare Beweis! Der Rhazaghaner betrachtete glücklich das zurückgelassene Haarbüschel, dann steckte er es zu seinen Ausrüstungsgegenständen in die Tasche. Er war froh, daß Tybrang auf Aryshtins Hilfe zurückgreifen konnte. Tarkin kannte sie als eine passionierte Jägerin mit beeindruckenden Fähigkeiten und einem unverwüstlichen Humor, vor allem aber war sie klug und verläßlich. Wenn jemand in dieser Situation eine Stütze darstellte, dann sie. Aufgeregt kehrte er in den Unterstand zurück und betrachtete noch einmal die freien Stellen zwischen dem umherliegenden Schrott. Noch vor einiger Zeit hatten hier seine Artgenossen gelagert, Kraft für ihre weitere Flucht gesammelt und sich ihrer neugewonnenen Freiheit gefreut. Bei Einbruch der Dämmerung hatten sie sich dann erhoben, diesen Ort verlassen und ihren Weg nach Norden fortgesetzt. Der Rhazaghaner schritt noch einmal sorgfältig den Gang ab, der durch das Gerümpel führte und stieß an vier weiteren Stellen auf hängengebliebene Haare, wenn es auch nicht allzuviele waren. Das eine jener Büschel stammte ebenfalls von Aryshtin, die anderen drei mußten jedoch zu jemand anders gehören. Tarkin nahm sie mit nach draußen und betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. Rhazaghaner besaßen ein untrügliches Farbgedächtnis, und so fiel es ihm nicht schwer, diesen Braunton, der an altes Darji-Holz erinnerte, einer bestimmten Person zuzuordnen. "Matani!" murmelte er. Tarkin dachte nach. Es hatte den Anschein, als ob die beiden Frauen den Gang mehrfach passiert hätten, anders konnte er sich nicht erklären, daß die einzigen Spuren von ihnen stammten. So wie es aussah, konnte man annehmen, daß sie hier unermüdlich auf und ab gelaufen waren. Der Rhazaghaner versuchte sich die Szene vorzustellen, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er glaubte nun zu wissen, was sich hier abgespielt hatte, und sein nächster Gedanke galt seinem Trikorder. Er zog ihn aus der Tasche, nahm ein paar Einstellungen vor, die etwas Zeit in Anspruch nahmen, dann ging er ins Freie und umrundete langsam den Unterstand, während er das Gerät aufmerksam im Blick behielt. Vor einigen Büschen hielt er an. Seine Vermutung hatte sich bestätigt. Laut den Anzeigen des Trikorders ruhten direkt vor ihm die Überreste von vierunddreißig Chusas in der Erde. Es wäre ziemlich gewagt gewesen, mit dem kompletten Jagdtrupp die Umgebung zu durchstreifen, und so hatte Tybrang die Nahrungsbeschaffung zwei routinierten Jägerinnen überlassen. Sie hatten ihre Beute hierher gebracht und waren gleich darauf wieder umgekehrt, um für Nachschub zu sorgen. Offensichtlich hatten sie keine Probleme gehabt, genügend Mahlzeiten für alle herbeizuschaffen; jeder einzelne war satt geworden. Den Rest des Tages verbrachte Tarkin im ehemaligen Unterschlupf seiner Artgenossen, doch als es dämmerte, gab es für ihn kein Halten mehr. Er hatte sich entschlossen, keine Zeit mehr mit der Suche nach weiteren alten Lagerplätzen zu vergeuden, sondern sich stattdessen auf dem schnellsten Wege zum alten Industriepark zu begeben. Seine Leute waren am Leben und hatten sich zu helfen gewußt, das waren die beiden Informationen, die für ihn am meisten zählten. Alles weitere würde sich zeigen, wenn er jenen Ort erreichte, an dem sie sich von dem Cardassianer getrennt hatten. Bisher war seine Suche überraschend glatt verlaufen, und so hegte Tarkin nicht mehr den allergeringsten Zweifel, daß es ihm möglich sein würde, die anderen zu finden.
Siebzehn Tage später schüttelte er verdrossen die schwarz verfärbten Tagit-Blätter von den Pranken, dann drehte er sich um und blickte zurück auf den Asthalpa, dessen trübe Fluten er gerade durchquert hatte. Seiner Ansicht nach war es eine ziemlich fragwürdige Methode, sich des auf den Tagit-Kulturen anfallenden Abfalls zu entledigen, indem man ihn einfach dem Fluß überließ. Rilkar hatte ihm zwar einmal erklärt, daß die Provinz Ebris durch ihre Armut keine andere Möglichkeit besaß, die nur langsam verrottenden Hüllblätter der Tagit zu beseitigen; dennoch war Tarkin sich recht sicher, daß der verantwortliche Entscheidungsträger hier einen schweren Fehler begangen hatte. Der Fluß litt unter seiner Fracht, das war deutlich zu merken. Genaugenommen glich er nur noch wenig dem, was der Rhazaghaner unter normalen Umständen als Fluß bezeichnet hätte. Tarkin schüttelte sich noch einmal gründlich, dann wechselte er in die Grundform und überprüfte seine Tasche auf eingedrungenes Wasser. Zwar waren die von ihm mitgeführten Geräte gegen Nässe geschützt, dennoch war es ihm lieber, wenn sie ihr nur möglichst kurz ausgesetzt wurden. Seine Sorge erwies sich allerdings als unnötig; das robuste Behältnis war dicht geblieben. Der Rhazaghaner blinzelte zum verhangenen Himmel hinauf. Es war bereits heller Vormittag, dennoch war er entschlossen, noch eine gute Strecke hinter sich zu bringen, bevor er einen Lagerplatz auswählte. Es war äußerst unwahrscheinlich, daß er in dieser einsamen Gegend gesehen wurde, im übrigen würde er notfalls einigermaßen raschen Schutz in den Büschen finden können. Er hatte wohlweislich darauf bestanden, sich allein auf die Suche zu begeben, und diesen Vorteil gedachte er nun bis zur Neige auszuschöpfen. Bereits am Tag zuvor war er bis in den Mittag hinein unterwegs gewesen, doch irgendwann war ihm nichts anderes übriggeblieben, als seiner Müdigkeit nachzugeben. Schließlich hatte er sich in einer Sandkuhle zum Schlaf zusammengerollt, dabei kam ihm nebenbei zu Bewußtsein, daß er es versäumt hatte, sich mit Nahrung zu versorgen. Tarkin schob diesen Gedanken rasch beiseite; er hatte weitaus schlimmeren Hunger kennengelernt und war sicher, daß er es überleben würde, wenn er gelegentlich die eine oder andere Mahlzeit ausließ. In der Morgendämmerung der neunzehnten Nacht seiner Suche erblickte der Rhazaghaner eine ganze Herde hochgebauter Pflanzenfresser, die in einiger Entfernung seinen Weg kreuzten. Überrascht verfolgte er den Zug der ihm unbekannten Geschöpfe mit den Augen, ohne jedoch seinen Kurs auch nur im Mindesten zu ändern. Er wußte sich seinem Zwischenziel recht nahe und verspürte nicht die geringste Neigung, sich durch den Verzehr einer so großen Beute tagelang aufhalten zu lassen. Hinzu kam, daß die Jagd nach größerem Wild stets ein gewisses Verletzungsrisiko barg, und schon dieses allein war für ihn Grund genug, die fremden Tiere unbehelligt passieren zu lassen. Tarkin erreichte den verlassenen Industriepark am späten Vormittag des zwanzigsten Tages. Er hatte zwar versucht, sich sein Zwischenziel bildlich vorzustellen, indem er sich immer wieder das Aussehen der Hauptstadt in Erinnerung rief, mußte allerdings feststellen, daß dieser Ort einen noch weitaus verwirrenderen Anblick bot. Überwältigt ließ sich der Rhazaghaner auf der Spitze der alten Abraumhalde nieder, die er gerade erklommen hatte. Diese Umgebung eignete sich großartig als Zuflucht für Gejagte, und so konnte er gut verstehen, daß Tybrang den Versuch unternommen hatte, sich mit den anderen hier niederzulassen. Gleichwohl war sein Freund nach einer gewissen Zeit wieder aufgebrochen; wohin, hatte der Cardassianer nicht zu sagen gewußt. Tarkin blickte nachdenklich auf das überwucherte Chaos aus Steinen und Röhren. Er hatte sich die Botschaft des Fremden viele Male angehört, und mittlerweile stand eine Sache für ihn fest: Tybrang hatte dem Cardassianer mißtraut, er hatte ihn über sein Ziel im Unklaren gelassen, ihm allem Anschein nach sogar eine falsche Richtung angegeben. "Die einzige Himmelsrichtung, die nicht in Frage kommt, ist Südwesten," hatte der Einäugige betont, was wohl bedeutete, daß er sich bezüglich Tybrangs Haltung ihm gegenüber keinerlei Illusionen hingab. Tarkin erinnerte sich an die elegante Kleidung des Cardassianers. Solche Sachen erwartete man nicht an einer Person, die es noch bis vor kurzem nötig gehabt hatte, inmitten von Industrieruinen zu leben. Die materiellen Verhältnisse des Mannes mußten sich demnach schlagartig verbessert haben, und zwar derart, daß er es sich sogar hatte erlauben können, das kriegführende Cardassia zu verlassen. Tarkin vermochte sich recht gut vorzustellen, wo genau die Quelle für diesen plötzlichen Reichtum zu suchen war. Und dennoch hatte der Einäugige das Bedürfnis verspürt, den gestrandeten Rhazaghanern zu helfen. Nach eigenen Angaben hatte er sogar eine erhebliche Summe investiert, um sich einigermaßen risikolos an die Sternenflotte wenden zu können, und schließlich hatte er es fertiggebracht, die Verantwortlichen von der Dringlichkeit seiner Botschaft zu überzeugen. "Dir war daran gelegen, Wiedergutmachung zu leisten, Cardassianer!" murmelte Tarkin. "Und ich glaube, ich kann mir sogar den Grund für deine nachträglichen Skrupel denken." Der Rhazaghaner wußte, daß Grundformleute zu einer heftigen und unkontrollierten Art von Zuneigung fähig waren, die starke Verhaltensänderungen bewirken konnte. So war es durchaus nicht abwegig zu vermuten, daß der Cardassianer seine Geschäftspartner in die Irre geführt hatte. Zumindest wollte Tarkin an diese Möglichkeit glauben. Doch auch wenn er in der Lage war, sich einiges von den hier stattgefundenen Ereignissen zusammenzureimen, änderte das doch nichts an der letztendlich entscheidenden Frage: Jener nach dem Verbleib der vierunddreißig Rhazaghaner. Tarkin spielte mit dem Gedanken, sich nach dem verlassenen Unterschlupf seiner Artgenossen umzusehen, verwarf diesen jedoch rasch wieder. Schon allein aus Sicherheitsgründen würde Tybrang es vermieden haben, irgendeinen Hinweis auf seine Marschrichtung zu hinterlassen; eine solche Suche würde also nur auf eine Menge verschwendeter Zeit hinauslaufen. Tarkin versuchte ein weiteres Mal, sich in Tybrangs Lage zu versetzen. "Wahrscheinlich warst du auch dieses Mal gezwungen, deinen Trupp ins Ungewisse zu führen." überlegte er im Stillen. "Den Cardassianer um direkte Informationen zu bitten, hätte für dich ein unkalkulierbares Risiko bedeutet, und ich glaube kaum, daß du vor dem endgültigen Aufbruch die weitere Umgebung erkundet hast. Du bist ihr Jagdführer und hättest sie niemals allein gelassen. Deinen Trupp geteilt, um eine kleinere Gruppe auf die Suche nach einer Zuflucht zu schicken, hättest du schon gar nicht. In Anbetracht der Tatsache, daß du diesen Ort für nicht mehr sicher gehalten hast, denke ich, daß du ohne langes Zögern zusammen mit ihnen aufgebrochen bist." Tybrang hatte den Jagdtrupp aus südlicher Richtung hierhergeführt, schon von daher war Tarkin geneigt, dem Cardassianer zuzustimmen: Der Südwesten kam wohl kaum in Frage, es hatte sich hier um eine gezielte Fehlinformation gehandelt. Der Osten schied ebenfalls als mögliche Fluchtrichtung aus, da sich in ungefähr südöstlicher Richtung die kleinere Stadt Nor-Istrin befand. Das im Westen befindliche Slodarn lag noch ein Stück weiter weg, war aber auch größer, so daß es möglicherweise noch am Himmel wahrgenommen werden konnte. Von daher erschien die Vermutung des Cardassianers, Tybrang hätte sich wieder Richtung Norden orientiert, durchaus realistisch. Dennoch hielt Tarkin es für unumgänglich, erst einmal die Nacht abzuwarten. Um die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen, umging der Rhazaghaner das Industriegebiet in einem Bogen, bis er den nördlichen Rand des Areals erreicht hatte. Höchstwahrscheinlich würde er von hier aus aufbrechen, allerdings vermochte er noch nicht zu sagen, wohin genau ihn sein Weg führen würde. Letztendlich konnte er nur hoffen, daß er nach Einbruch der Dunkelheit mehr wissen würde. Als die Nacht anbrach, stellte Tarkin fest, daß er richtig vermutet hatte: Die beiden Städte erleuchteten den Himmel nur äußerst schwach, doch Tybrangs geschultes Auge mußte sie wahrgenommen haben. Als fragliches Gebiet blieb also der Norden in seiner gesamten Ausdehnung. Der Rhazaghaner überlegte angestrengt. Es war vollkommen ausgeschlossen, eine komplette Himmelsrichtung abzusuchen, außerdem konnte er sich nicht vorstellen, daß Tybrang seine Fluchtrichtung auf gut Glück gewählt hatte. Wahrscheinlich gab es irgendeine Entscheidungshilfe, und wenn diese nicht mit den Augen auszumachen war, dann vielleicht mit einem anderen Sinn. Tarkin witterte probeweise in den stetigen Wind, der über die nächtlichen Hügel strich. Er kam aus Nordwesten. Genaugenommen war die Luftströmung praktisch die ganze Zeit über aus Nordwesten gekommen; er nahm an, daß es sich hier um eine klimatische Besonderheit handelte. Es war keine besondere Überraschung für den Rhazaghaner, daß er dem Wind keine Details entnehmen konnte. Für eine solche Aufgabe war der Geruchssinn der Krallenluum einfach nicht ausgeprägt genug. Gleich darauf wechselte Tarkin in die Zahnluum hinüber, schloß die Augen und witterte. Nur wenige Atemzüge später begann sein Herz schneller zu schlagen, so vielversprechend erschienen ihm die Botschaften, die ihm mit der Luftströmung entgegenwehten. Das was er roch, waren Erde, Bäume und Fels, und er wußte, daß diese Witterungen vom Ishra kündeten, einem kleineren Gebirge, dessen Höhenzüge ein Stück weiter oben im Nordwesten ihren Anfang nahmen. Der Dufthauch der Berge konnte seinen Artgenossen unmöglich entgangen sein. Voller Freude wechselte der Rhazaghaner in die Krallenluum zurück und trabte den Hügel hinunter. Er hatte wieder eine Spur, und diesmal war er sicher, daß er sie bis zu Tybrang und den anderen würde verfolgen können. Frohgemut wandte sich Tarkin direkt nach Nordwesten - und nahm dieses Mal den falschen Weg.
Tybrang rannte aus Leibeskräften. In weiten Sätzen jagte er vorwärts, während niedriges Gesträuch unter seinen Pranken zerknickte und Zweige seine Seiten peitschten. Ein kleines Stück voraus drohte ihm stacheliges Geäst in die Augen zu stoßen; erst im letzten Augenblick erkannte der Rhazaghaner die Gefahr und wich hastig zur Seite aus. Nach dieser Warnung senkte er den Kopf etwas ab, dann brach er sich blinzelnd einen Weg durch das verfilzte Dickicht. Er war ziemlich sicher, daß er einiges an Vorsprung besaß; nun kam es nur noch darauf an, das freie Gelände auf der anderen Seite des Gestrüppwaldes zu erreichen. Hatte er es erst einmal so weit geschafft, würde der Rest des Weges verhältnismäßig leicht zu bewältigen sein. Er glaubte nicht daran, daß es dort noch möglich sein würde, ihn einzuholen. Er hatte sich nicht verschätzt; bereits im nächsten Moment sah er Licht durch die Zweige schimmern, und mit einem Krachen sprengte er den Saum des Dickichts auseinander und schoß ins Freie. Er hob den Kopf. Nicht weit vor ihm vor ihm grüßte der Schattenhang zu ihm herüber, und mit ihm der Weg in die Oberwelt, die Rampe, die sie in den Talkessel geführt hatte. Noch einmal sammelte Tybrang all seine Kräfte für eine Beschleunigung, dann hatte er den Fuß der Schräge auch schon erreicht. Bremsend stemmte er die Pranken in den Boden, doch er rutschte noch ein kleines Stück und kam schließlich unmittelbar vor der Felswand zum Stehen. Dort wechselte er zurück in die Grundform, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den kühlen Stein und suchte den Waldrand mit den Augen ab. Es dauerte etwas, bis Riardis´ dunkelbraun und cremefarben gezeichnete Gestalt das Dickicht verließ. Tybrang beobachtete sie, wie sie heranschoß, geschmeidig und elegant; ein Bild von einer Zahnluum, wie er nicht zum ersten Mal bemerkte. Nur wenige Augenblicke später hielt die Rhazaghani bei ihm an, verließ die vierbeinige Form und suchte mit beiden Händen Halt an der Felswand, während ihr Atem Mühe hatte, sich zu beruhigen. Tybrang gab ihr einen Moment Zeit, sich zu erholen, dann grinste er sie überlegen an. "Nun?" fragte er herausfordernd. "Wie war noch deine Bemerkung, Riardis? 'Unser Clanführer hat ein ruhiges Temperament und demzufolge zieht er ein gemächliches Tempo vor.' Möchtest du dir diese Äußerung nicht vielleicht noch einmal überlegen?" Seine Partnerin lehnte sich neben ihn und sah mit großen Augen zu ihm auf. "Ich nehme alles zurück!" stieß sie hervor. "Du bist schnell, Tybrang, außerordentlich schnell sogar! Ich könnte mir direkt vorstellen, daß es dir möglich wäre, mit Disbarn mitzuhalten." Tybrang begann zu lächeln. Er wußte, daß sie ihm ein großzügiges Kompliment ausgesprochen hatte. Disbarn von den Sirk galt seit vielen Jahren als einer der namhaftesten Jagdführer seines Clans, und es hieß von ihm, es gäbe kaum ein Geschöpf, das in der Lage war, ihm zu entkommen. Tarkin selbst hatte sich eine Zeitlang seinen Jagdtrupps angeschlossen, um von ihm zu lernen. "Schau nur!" lenkte er von seiner Verlegenheit ab, indem er zum Waldrand deutete. "Wir werden bereits vermißt. Aryshtin wird mit Sicherheit glauben, wir hätten uns vor der Arbeit drücken wollen." Beide sahen der sich in aller Ruhe nähernden Rhazaghani entgegen. Während Aryshtin herantrabte, überkam Tybrang ein Hauch von schlechtem Gewissen, das ihn jedoch nicht allzusehr belastete. "Ein schöner Clanführer, der die anderen nach der Jagd allein läßt, um sich ein Wettrennen mit seiner Reifungspartnerin zu liefern." dachte er erheitert. "Aryshtin hätte eigentlich allen Grund, verärgert zu sein." Tatsächlich schien seine Jagdführerin nicht den allergeringsten Groll gegen ihn zu hegen. Stattdessen zeigte ihr Gesicht ein vergnügtes Grinsen, als sie sich zu ihnen gesellte. "Laß mich raten, Riardis!" wandte sie sich an die andere Rhazaghani. "Euer Rennen lief für dich nicht besonders. Eigentlich hatte ich dich noch warnen wollen; du magst gut laufen können, aber unser Clanführer ist flink wie eine rhazaghanische Nirong. Ich habe es bereits an jenem Tag gemerkt, als die Kildars uns ihre Aufwartung machten." Tybrang schüttelte lachend den Kopf. "Zuviel des Lobes, Aryshtin!" wehrte er ab. "In diesem Bereich gebe ich mich keinen Illusionen hin. Ich weiß sehr gut, daß du die mit Abstand Schnellste von uns allen bist." Die Rhazaghani schmunzelte. "Jedem sein besonderes Talent!" antwortete sie schlicht. "Und wie sieht es nun mit euch aus? Kommt ihr mit zurück zum Jagdplatz oder hattet ihr noch etwas Spezielles vor? In dem Fall würde ich den Numa die Nachricht überbringen, daß ihr Clanführer die Absicht hat, sich noch etwas an der Gesellschaft seiner Partnerin zu erfreuen. Ich nehme an, es hätte wohl keinen Zweck, vor dem ersten Schnee mit euch zu rechnen?" Tybrang stieß sich von der Felswand ab. "Nicht so schnell!" bremste er. "Wir beugen uns unseren Pflichten, Riardis und ich, und daher werden wir dich jetzt begleiten - wenn auch nur widerwillig und unter Zähneknirschen. Andererseits möchte ich nicht bei unserer Rückkehr zu hören bekommen, wir kämen zu spät; die Clanführung läge mittlerweile in den Händen der kühnen Jägerin Aryshtin. In dem Fall bliebe uns wohl nichts anderes übrig, als einen weiteren Clan zu gründen." Die ockerfarbene Rhazaghani kicherte. "Ein verlockender Gedanke, der allerdings viel Fleiß voraussetzt! Möge also immer Freundschaft zwischen uns bestehen, oh Tybrang, Erzeuger des Schattenhang-Clans!" Riardis war ihren Neckereien nur noch mit halbem Ohr gefolgt, da etwas anderes ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie entfernte sich ein kleines Stück, um gleich darauf vor einer halbhohen strauchigen Pflanze anzuhalten. Verwundert streckte sie die Hand aus und strich über das grüne Laub. Ihre beiden Artgenossen wurden aufmerksam und kamen heran. Noch bevor einer von ihnen eine Frage stellen konnte, blickte Riardis auf. "Ich erinnere mich an diese Pflanze." begann sie kopfschüttelnd. "Als wir den Talkessel betraten, war sie das erste, was mir auffiel, weil ihre Blätter in Umriß und Größe einer Zahnluumpranke ähnelten. Und jetzt sieh sie dir an, Tybrang! Sie besitzen zwar noch die gleiche gelappte Form, aber inzwischen haben sie nur noch die Größe einer halben Hand, nicht mehr." Aryshtin beugte sich interessiert vor. "Du hast recht, Riardis! Ich kann mich ebenfalls an diese Pflanze erinnern, etwas weiter westlich gibt es noch mehr davon. Die Blätter waren ziemlich groß, das weiß ich genau, also müssen sie mittlerweile kleiner geworden sein. Was mag das zu bedeuten haben?" Die drei Rhazaghaner sahen sich ratlos an. Dann kam Tybrang blitzartig die Erleuchtung, und er begann schallend zu lachen. "Ich denke, ich weiß es!" platzte er auf den verblüfften Blick der zwei Frauen heraus. "Die Erklärung ist tatsächlich ganz einfach: Herbst!" Beide stutzten einen Augenblick, dann stimmten sie übermütig in sein Gelächter ein. Als sich Aryshtin etwas beruhigt hatte, trat sie an den Strauch heran. "Schrumpfblatt, du bist erkannt!" wandte sie sich gutgelaunt an die Pflanze. "Und du solltest dich schämen: Dein Geiz betrügt das kleine Gewürm unter dir. Hoffen wir also, daß sich deine Vettern noch auf das Schenken verstehen, ansonsten werden unsere Kinder diese Jahreszeit auf völlig neue Weise besingen müssen." Tybrang legte ihr die Hand auf die Schulter. "Mach dir keine Sorgen!" beruhigte er sie, weiteres Gelächter unterdrückend. "In ihren Liedern wird nicht nur von schrumpfenden, sondern auch von tanzenden Blättern die Rede sein. Die Überreste vom vorjährigen Laubfall sind noch deutlich zu erkennen. Wahrscheinlich ist es nur diese Art und vielleicht noch ein, oder zwei andere, die ihr Laubwachstum in dieser Jahreszeit umzukehren pflegen. Jedenfalls wissen wir nun, daß das kühle Wetter der letzten Tage kein Zufall war und wir uns auf niedrigere Temperaturen einstellen müssen. Kommt! Gehen wir zurück zu den anderen!" Als sie auf dem Jagdplatz eintrafen, stellten sie fest, daß die drei zur Strecke gebrachten Lintos fast vollständig zerlegt und zum Teil auch schon auf einfachen Zugschlitten verschnürt waren. Tybrang steckte gutmütig ein paar scherzhafte Bemerkungen ein, während er Brispin dabei half, das restliche Fleisch in die Felle zu verpacken. Keines der Tiere war von ihm persönlich erlegt worden, vielmehr war es seine Aufgabe gewesen, mit seiner Gruppe den Lintos den Fluchtweg abzuschneiden. Er hatte seine Sache gut gemacht, und so störte es ihn nicht, daß sich keine Gelegenheit für ihn ergeben hatte, selbst einen Tötungsbiß anzusetzen. Wenig später machten sie sich auf den Rückweg zum Habitat. Sie waren am frühen Morgen von dort aufgebrochen, dennoch war es bereits fast dunkel, als sie die heimatliche Felswand erreichten. Tybrang sah schon aus einiger Entfernung das warme Licht des Wachfeuers, das ihnen durch die Büsche entgegenschimmerte. Er hatte kaum die Wohnstätte betreten, als er auch schon überrascht stehenblieb. Der gesamte restliche Clan stand dort im Gang versammelt, doch niemand rief etwas zur Begrüßung, kein einziger sprach. Verwundert sah sich Tybrang unter ihnen um und begegnete schließlich dem Blick von Dylas. Der ältere Rhazaghaner stand ihm groß und regungslos gegenüber, ebenfalls schweigend, doch er lächelte. Dann trat er zur Seite. Sein Clanführer sah den Gang hinunter. Nur wenige Schritte entfernt, vom Licht der Rohrfackeln beschienen, standen Matani und ihr Gefährte. Beide hielten etwas zwischen sich, das in Felle gehüllt war. Tybrang fühlte sich zu keiner Bewegung fähig, während er beobachtete, wie Matani ihm entgegenkam. Im nächsten Augenblick hielt sie vor ihm an und legte ihm das Bündel behutsam in die Arme. "Es gibt eine Rhazaghani im Habitat zu begrüßen." erklärte sie leise. Tybrang erwiderte stumm ihren Blick, dann schaute er hinunter auf das kleine Gesicht, das staunend zwischen den Tierhäuten hervorlugte. Er wußte, daß es nun an ihm war, eine Frage zu stellen, doch im Moment konnte er nur daran denken, daß er noch niemals ein so kleines Kind in den Armen gehalten hatte. Das Schweigen hielt an. Noch immer brachte Tybrang kein Wort heraus, doch dann schloß er die Augen und versuchte, sich zu erinnern. Es dauerte nur einige wenige Atemzüge, bis sich seine Lider wieder öffneten. "Wie ist ihr Name?" hörte er sich fragen. Matani lächelte. "Naukai!" Tybrang reagierte nicht sofort. Er konnte nicht umhin, zuerst Matanis Lächeln zu erwidern. "Ein guter und wohlüberlegter Name!" schoß ihm durch den Kopf, doch er sprach den Gedanken nicht aus. Es würde sich später eine Gelegenheit dafür finden. Er betrachtete noch einmal das Kind in seinen Armen, dann holte er tief Luft. "Sei willkommen im Clan, Naukai von den Numa!" wandte sich mit leiser und doch fester Stimme an die kleine Rhazaghani. "Finde deinen Platz unter uns, sammle Reife und lerne, deine Talente zu nutzen! Mögest du dich immer auf dieser Welt behaupten können."
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