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Vari und Numa
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Teil 2
Teil 3
Teil 4
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Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
 
 

Vari und Numa

Teil 13
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 
16.

 

Tarkin bemerkte die Gefahr noch rechtzeitig. Das Leben eines normalen Humanoiden wäre ohne Zweifel an dieser Stelle zu Ende gewesen, doch der Rhazaghaner verfügte wie jeder Angehörige seines Volkes über außerordentlich scharfe Sinne, und daran änderte sich auch nichts, wenn er schlief. Mit einem Ruck hochfahren und die lebenswichtige Tasche mit den Zähnen packen war eins, bereits im nächsten Augenblick hatte sich Tarkin in das Geäst des Baumes gerettet, unter dem er Schutz gesucht hatte. Es war keinen Moment zu früh gewesen; einen Atemzug später erzitterte der Stamm unter der Wucht eines heftigen Angriffes.

 

Nach seinem Aufbruch vom alten Industriepark hatte sich der Rhazaghaner mit einer selbst für seine Begriffe hohen Reisegeschwindigkeit vorwärtsbewegt, und so hatte er die einförmige Buschlandschaft rasch hinter sich gelassen. Seine Umgebung zeigte nun ein etwas freundlicheres Gesicht; grasbewachsene Hügel wechselten in immer rascherer Folge mit lockeren Baumbeständen, so daß es Tarkin keine Schwierigkeiten bereitete, bei seinen Ruhepausen hinreichenden Sichtschutz zu finden. Schließlich wurden am Horizont die ersten deutlich abgehobenen Ausläufer des Ishra sichtbar.

Dieser Anblick bedeutete noch einen zusätzlichen Ansporn für den Rhazaghaner; anstatt sich wie sonst gegen Mittag nach einem Schlafplatz umzusehen, blieb er bis in die späte Nacht in Bewegung. Einer unvorsichtigen Chusa, die ihm über den Weg lief, brach er im Vorbeilaufen das Genick, verschob die Einnahme der Mahlzeit jedoch auf später. Die Hoffnung, am nächsten, spätestens jedoch am übernächsten Tag sein Ziel zu erreichen, trieb ihn vorwärts.

Gegen Ende der Nacht dann sah er sich gezwungen, eine Pause einzulegen. Eine Baumgruppe bot sich als Ruheplatz an, und so hatte sich der Rhazaghaner zwischen den Wurzeln des höchsten Exemplars zum Schlaf zusammengerollt.

 

Tarkin blickte hinunter zum Fuß des Stammes, wo ihm im ersten Dämmerlicht eine ganze Anzahl hungriger Augen entgegenfunkelte. Er wußte, was für eine Spezies er da vor sich hatte, immerhin hatte er Rilkar und Talan über die Fauna ihrer jeweiligen Heimat ausgefragt, und natürlich war auch das Thema Raubtiere zur Sprache gekommen. Mochten die Kildars auch auf Cardassia fremd sein, so stand doch außer Frage, daß sie sich ausgezeichnet auf dieser Welt zurechtfanden.

Eines der Tiere nahm Anlauf und sprang erneut am Stamm hoch, ohne jedoch den Rhazaghaner ernsthaft zu gefährden. Tarkin beobachtete eine Zeitlang die Bemühungen der stummen Schar, dann schüttelte er den Kopf.

"Tut mir leid!" wandte er sich freundlich an seine Belagerer. "Aber ich habe im Moment nicht die geringste Lust, mich mit euch anzulegen."

Der vorderste Kildar spitzte die Ohren und starrte zu ihm herauf, dann unternahm er einen neuen Versuch, seiner Beute habhaft zu werden. Nach ein paar weiteren Mißerfolgen legte sich das Geschöpf am Fuß des Baumes nieder; mehrere seiner Artgenossen folgten seinem Beispiel.

Tarkin seufzte. Offenbar blieb ihm nichts anderes übrig, als eine Zwangspause einzulegen. Dieser Zeitverlust war ihm unangenehm, aber da sich nichts daran ändern ließ, beschloß er, das Beste daraus zu machen. Nachdem er seine Jagdtasche sicher im Geäst verankert hatte, wechselte er in die Grundform, um gleich darauf neugierig zu den Kildars hinunterzublicken. Der Lichtblitz hatte die Tiere wieder aufspringen lassen, doch nach einer Überprüfung seines neuen Äußeren kehrte überraschend schnell wieder Ruhe unter den Belagerern ein. Diese Geschöpfe waren mit Humanoiden vertraut, soviel stand fest, und es war nur zu ersichtlich, daß sie Tarkin als ungefährlich ansahen.

Der Rhazaghaner lehnte in aller Ruhe den Rücken an den Stamm, öffnete seine Tasche und zog die erlegte Chusa hervor. Mittlerweile knurrte sein Magen ganz beträchtlich, und so war er froh, daß ihn der Zufall bereits mit einer Mahlzeit versorgt hatte. Zufrieden schälte er den Balg von seiner Beute, dann begann er zu essen, während er vom Fuß des Baumes aus mit höchster Aufmerksamkeit beobachtet wurde.

Tarkin betrachtete während des Essens nachdenklich die zu ihm heraufstarrende Meute, von der im stärker werdenden Licht mehr und mehr Details hervortraten. Er sah knochige Ramsköpfe, blitzende Zahnreihen und muskelbepackte, mit grauem Fell bedeckte Rücken. Nach nur kurzer Betrachtung wußte er, daß diese Geschöpfe eine ernstzunehmende Konkurrenz für jede Zahnluum darstellten. Freilich sagte das Erscheinungsbild nicht viel über das Verhalten einer Kreatur aus, darum riß der Rhazaghaner seine Chusa in der Mitte durch, um den vorderen Teil direkt unter die graue Schar zu werfen.

Die in der Nähe befindlichen Kildars erstarrten förmlich, während das Tier, vor dessen Pranken die halbe Chusa gelandet war, geradezu entsetzt vor dem Stück Fleisch zurückwich. Ein weiter Kreis entstand um Tarkins Gabe, doch schon wenige Augenblicke später geriet der Rand des Rudels in Bewegung. Langsam schob sich eine große dunkelgraue Gestalt durch die Menge, trat nach vorn und blickte zu Tarkin hinauf.

Fasziniert betrachtete der Rhazaghaner sein Gegenüber. Das Geschöpf schenkte dem Fleisch nicht die allergeringste Beachtung, sondern musterte Tarkin auf eine ruhige und nachdenkliche Weise, die seltsam unpassend für ein Tier erschien. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, dann wandte der Kildar den Kopf.

Wie auf ein unhörbares Kommando schoß ein mageres silbergraues Jungtier nach vorn, packte den halben Kadaver und verschlang ihn innerhalb von wenigen Augenblicken. Danach nahm es eine demütige Haltung ein und wich wieder unter die Schar seiner Artgenossen zurück.

Tarkin hatte den Vorgang aufmerksam beobachtet. Als der dunkle Kildar wieder zu ihm heraufblickte, nickte er ihm zu.

"Du bist also ihr Anführer, wie? Du hast mein Mitgefühl. Keine leichte Aufgabe unter diesen Umständen, könnte ich mir vorstellen."

Ein paar Herzschläge lang blieb der Kildar regungslos. Dann, völlig unvermittelt, wandte er seine Aufmerksamkeit dem Boden unter Tarkins Baum zu und begann nach kurzer Überprüfung zu graben.

Auf der Stelle versammelten sich fünf, sechs weitere Tiere um den Stamm und folgten dem Beispiel ihres Anführers. Die Erde flog nur so von den kräftigen Pranken der Geschöpfe, und binnen kurzem war die erste armdicke Baumwurzel freigelegt. Ohne Zögern senkte der führende Kildar den wuchtigen Schädel, gedämpftes Knirschen wurde hörbar, dann hatte das fürchterliche Gebiß seine Arbeit getan. Währenddessen waren auf der anderen Seite des Stammes zwei weitere Wurzeln sichtbar geworden.

Der Rhazaghaner staunte. Es überraschte ihn, daß diese Geschöpfe bereit waren, ein derartiges Maß an Energie zu investieren, immerhin gab er nur eine relativ kleine Beute ab. Nach kurzem Nachdenken kam er jedoch zu dem Schluß, daß es vermutlich gerade die Hartnäckigkeit dieser Kreaturen war, die sich auf Cardassia ausgezahlt hatte. Wer auch immer ihnen begegnet war, hatte nur eine äußerst geringe Chance gehabt, anderen von ihrer Anwesenheit zu berichten. Bis man sich auf die Suche nach dem Vermißten gemacht und seine Überreste gefunden hatte, war das betreffende Rudel längst weitergezogen.

Tarkin sah sich suchend um. Noch machte er sich keine allzugroßen Sorgen, auch wenn Rilkar ihn beschworen hatte, während seiner Mission auf die Schwinge zu verzichten. Zwar verfügte er über ein Gerät, das seine Biosignale unterdrückte, allerdings konnte er durch nichts verhindern, daß sein Körper von der Luftüberwachung erfaßt wurde. Unter den gegebenen Umständen würde ihm also nichts anderes übrigbleiben, als eine andere Lösung für sein Problem zu finden.

Gleich darauf hatte der Rhazaghaner seinen Entschluß gefaßt. Die Krone des nächsten Baumes befand sich gut fünf Schritte entfernt, eine Distanz, die er in der Krallenluum ohne weiteres zu überspringen imstande war. Dennoch hielt Tarkin es für sinnvoll, so lange zu warten, bis sein Baum ins Schwanken geriet. Es war durchaus denkbar, daß der Anführer die Jagd abbrach, wenn er feststellte, daß sich der Kraftaufwand nicht ausgezahlt hatte. Für den Fall, daß er sich auch dann noch beharrlich zeigte, standen Tarkin noch zwei weitere Bäume zur Verfügung. Alles weitere blieb abzuwarten.

Die Zeit verging. Während die Kildars gruben und den Wurzelstock immer weiter unterwühlten, beschäftigte sich der Rhazaghaner damit, seine Belagerer zu beobachten. Vergleiche der unterschiedlichen Felltöne brachten ihn zu der Vermutung, daß diese Kreaturen mit fortlaufendem Alter immer dunkler wurden. Das Junge, das er kurz zu Gesicht bekommen hatte, war ihm durch seine silberglänzende Farbe aufgefallen, während der führende Kildar ein fast anthrazitfarbenes Fell besaß. Überhaupt trugen sämtliche Grabenden dunkle Grautöne, während das Spektrum ihrer wartenden Artgenossen von Hell- bis Eisgrau reichte. Dabei bemerkten die geübten Augen des Rhazaghaners Nuancen, deren Feinheit den meisten anderen Humanoiden entgangen wären.

Schon bald war Tarkin zu der Überzeugung gelangt, daß Kildars die Führung stets dem ältesten und erfahrensten Rudelmitglied anvertrauten. Er wandte seine Aufmerksamkeit noch einmal dem dunklen Kildar zu. Dieser hatte schon vor einiger Zeit die Grabungsarbeiten seinen Artgenossen überlassen und stattdessen ein kleines Stück vom Stamm entfernt Position bezogen. Dort stand er und wartete geduldig, während er den Rhazaghaner nicht ein einziges Mal aus den Augen ließ. Tarkin wußte nur zu gut, wer als erster bei ihm sein würde, sollte er tatsächlich mit dem Baum in die Tiefe stürzen.

Die Erschütterungen, die durch den Stamm gingen, wurden heftiger. Der Rhazaghaner nahm dies zu Anlaß, seine Aufmerksamkeit dem benachbarten Baum zuzuwenden, um einen der höheren Äste als Landepunkt anzuvisieren. Er stellte sich bereits im Geiste auf den Wechsel ein, doch wie sich herausstellte, war es noch nicht soweit. Offenbar waren die Belagerer auf ein etwas massiveres Hindernis gestoßen, dessen Beseitigung sie noch ein wenig aufhielt.

Während Tarkin sich wieder entspannte, kam plötzlich Bewegung in den führenden Kildar. Er spitzte die Ohren, dann drehte er sich um und lauschte auf etwas, das dem Grundformgehör des Rhazaghaners verborgen blieb. Gleichzeitig wandten mehrere Mitglieder des Rudels die Köpfe, um ebenfalls zu horchen.

Wenige Augenblicke später entstand Unruhe unter den Kildars. Die Grabenden unterbrachen ihre Arbeit und blickten abwartend zu ihrem Anführer hinüber. Dieser hatte sich mittlerweile ein Stück von dem geschwächten Baum entfernt, stand witternd am Rande des kleinen Wäldchens und rang sichtbar mit einem Entschluß. Endlich ging ein Ruck durch seinen Körper; der Kildar blickte noch einmal kurz über die Schulter, um sich dann endgültig von Tarkin abzuwenden. Gleich darauf sah der Rhazaghaner das Rudel in östlicher Richtung über die Hügel verschwinden.

Tarkin zögerte nicht einen Augenblick. Nach seinem Wechsel in die Krallenluum verließ er mit einem mächtigen Sprung seine Zufluchtsstätte. Er hielt sich nicht damit auf, die unvollendete Arbeit der Kildars zu begutachten, sondern strebte in raumgreifenden Sätzen seinem Ziel zu, in dem dankbaren Bewußtsein, daß sich lohnendere Beute für das Rudel gefunden hatte.

 

Bereits in der darauffolgenden Nacht erreichte er die Höhenzüge des Ishra. Erleichtert tauchte Tarkin in den Schutz der Wälder ein, stieß nur wenig später auf einen tiefen Taleinschnitt und entschied sich dafür, seinen Kurs von dessen Verlauf bestimmen zu lassen. Er war sicher, daß Tybrang es vermieden haben würde, sich kreuz und quer über die Gebirgsketten hinweg zu bewegen. Die allgemeine Orientierung war für einen Rhazaghaner zwar kein Problem, doch in dieser Situation galt es Vorsicht zu wahren und mit den Kräften hauszuhalten.

Der Morgen war schon angebrochen, als Tarkin ein Stück vor sich etwas erblickte, das ihn überrascht anhalten ließ. Von Talwand zu Talwand erstreckte sich eine hohe Mauer, die ihm den Weg versperrte. Von ihrer Größe und Form her glich sie in etwa der Staumauer am Vari-Habitat, allerdings war es dem Rhazaghaner nicht möglich, die typische Witterung einer großen Wasseransammlung wahrzunehmen. Nochmals sog Tarkin prüfend die Luft ein, dann war er ganz sicher: Es war definitiv kein See, was sich hinter dieser Wand verbarg, allerdings kam dem Rhazaghaner ein eigenartiger Geruch entgegen, den er nicht recht einzuordnen vermochte. Einen Moment lang zögerte er, doch dann beschloß er, die bewaldete Bergwand zu seiner Linken zu erklimmen, das Hindernis in einem großzügigen Sicherheitsabstand zu umgehen, um schließlich seinen Weg auf der anderen Seite fortzusetzen.

Etwas später blickte Tarkin dann von der Spitze des Berghanges auf die steinerne Barriere zurück, die er bereits ein gutes Stück hinter sich gelassen hatte. In weitem Bogen zog sie sich von der linken zur rechten Felswand, ohne einen Hinweis auf ihren Zweck oder ihre Schöpfer. Schließlich wandte sich Tarkin von dem rätselhaftem Bauwerk ab und beschloß, sich nach einem Ruheplatz umzusehen.

Nicht allzuweit hangabwärts stieß er dann auf eine Stelle unter einem Felsvorsprung, die Schutz und eine gewisse Behaglichkeit versprach. Es regnete schon seit einer ganzen Weile, und daher war Tarkin dankbar, hier eine trockene Schlafstätte vorzufinden. Vor seiner Jagd entledigte er sich wie üblich seiner Jagdtasche, um sie an seinem Lagerplatz zurückzulassen, doch nach kurzem Nachdenken entschied er sich dafür, sie in einen nahen Baum zu hängen. Es war absolut möglich, sogar recht wahrscheinlich, daß auch diese Wälder von Kildars durchstreift wurden.

Als er den Stamm hinaufkletterte, fielen ihm mehrere rötliche, beulenförmige Verdickungen auf, welche die Rinde durchbrachen. Manche hatten lediglich die Größe einer Faust, während andere das Ausmaß eines Kopfes erreichten oder sogar überschritten. Der Rhazaghaner holte kurz Luft, dann wußte er auch schon, daß der seltsame, mittlerweile fast penetrante Geruch diesen Objekten entströmte.

Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm, daß das ungewöhnliche Phänomen allgemein verbreitet zu sein schien. Einige Bäume trugen nur ein oder zwei dieser Anschwellungen, andere dagegen schienen davon geradezu übersät zu sein. Tarkin überkam bei diesem Anblick ein diffuses Unbehagen; irgend etwas in ihm gab ihm das Gefühl, daß diese Erscheinung sich nicht zum Vorteil für die betroffenen Bäume auswirkte.

Als er kurz darauf den Hang hinuntertrabte, verdrängte er seinen Widerwillen, indem er sich vergegenwärtigte, daß er diese Gegend bald hinter sich gelassen haben würde. Irgendwo dort draußen in den Bergen lebten seine Artgenossen und mit ihnen Tybrang, daran zweifelte er keinen Augenblick. Tarkin begann sich bereits voller Vorfreude den Gesichtsausdruck seines überraschten Freundes auszumalen - als völlig unvermittelt die ganze Welt um ihn herum ins Rutschen geriet.

Rings um ihn erklang das Aufstöhnen stürzender Bäume, ein dröhnendes Grollen erfüllte die Luft, dann erfaßte der Aufruhr auch ihn. Der Boden wich von seinen Pranken, und während sich Tarkin überschlug, begriff er, daß es hier selbst für eine Schwinge zu spät gewesen wäre.

 

 
17.

 

Plantagenaufseher Kaldissom verließ das Wärterhaus und überquerte den regennassen Shuttleparkplatz, auf dem er am Vortag den Gleiter abgestellt hatte. Es war deprimierend, wie einsam und deplaziert das kleine Luftfahrzeug dort wirkte, zumal es hier noch vor knapp zwei Jahren ganz anders ausgesehen hatte. Nun jedoch spielte die Landestelle nicht mehr die allergeringste Rolle; Kaldissom hätte ebensogut im Zentrum der weiten Fläche aufsetzen können.

Der Cardassianer hatte gerade seinen Fuß auf die Sperrmauer gesetzt, als ihn der Ruf seines Kollegen noch einmal zurückhielt.

"He, Kal! Kal, komm her und sieh dir das an!"

Kaldissom kehrte ohne Zögern um und begab sich hinüber zu der Stelle, wo Jaldris bei einer Gruppe von jungen Silberbäumen stehengeblieben war. Er arbeitete schon einige Jahre mit ihm zusammen, und daher wußte er, daß ihn sein Kamerad nicht ohne triftigen Grund zurückgerufen hatte.

Jaldris wandte nicht den Kopf, als Kaldissom bei ihm anlangte.

"Da!" stieß er hervor, indem er auf einen nahen Stamm zeigte. "Es ist soweit! Jetzt sind sie schon hier oben."

Seine Aufmerksamkeit galt einem kleinen, wurmähnlichen Geschöpf in rötlicher Farbe, das gemächlich die Rinde hinaufkroch. Eine Weile blieb das Wesen in suchender Bewegung, dann hielt es unvermittelt an. Gleich darauf lösten sich seine Konturen auf, bildeten eine sich schnell ausbreitende rotschimmernde Pfütze, die urplötzlich im Stamm zu versickern begann. Wenige Augenblicke später war von der ganzen Erscheinung keine Spur mehr zurückgeblieben.

Kaldissom und Jaldris hatten den Vorgang in verzweifelter Resignation verfolgt. Es wäre sinnlos gewesen einzugreifen, immerhin wußten sie, daß hier irgendwo ein Blasennest zwischen acht- bis zwölfhundert Rotkeime entlassen hatte. Es galt jetzt nur noch ein Vierteljahr abzuwarten, dann würde der Zyklus von Neuem beginnen.

"Vielleicht sollte man sämtliche Bäume im Umkreis verbrennen." begann Jaldris schließlich zögernd.

Kaldissom schüttelte den Kopf und schulterte den schweren Jagddisruptor, den er vorschriftsmäßig bei sich trug.

"Wozu?" seufzte er, während er sich abwandte. "Sie sind ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Wahrscheinlich wird es noch nicht einmal ein Jahr dauern, bis sie auf der anderen Seite sind. Genaugenommen hat doch keiner von uns daran geglaubt, daß die Infektionssperren viel bringen würden."

Jaldris schwieg und folgte ungeachtet des nassen Wetters seinem Kollegen auf den Kontrollgang. Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her, um schließlich kurz vor dem Ende der Sperrmauer anzuhalten. Jaldris stützte die Arme auf die Brüstung und blickte in die Tiefe, wo zersplitterte Äste und entwurzelte Stämme kreuz und quer zwischen Erdmassen aufragten.

"Du hast natürlich recht!" gab er plötzlich zu. "Aber was hätte man denn machen sollen? Vielleicht wieder Gift einsetzen wie damals? Du weißt genau, wo das Zeug später überall aufgetaucht ist. In einem solchen Fall hätte man das Holz gleich der Blasenfäule überlassen können, es hätte sich nie wieder ein Käufer dafür gefunden."

Sein Kollege trat neben ihn und blickte nachdenklich über das Tal. Oberflächlich betrachtet schien alles in Ordnung zu sein, wenn man einmal von den breiten Schneisen weiter unten absah. Dennoch wußte er, daß der herbstliche Laubfall um einiges zu früh eingesetzt hatte.

"Es war einfach ein Fehler gewesen, sich ausschließlich auf Silberbäume zu verlegen." erklärte er schließlich. "Die Mischpflanzungen seinerzeit waren nicht annähernd so anfällig gewesen, aber als die Nachfrage nach Silberholz rapide stieg, konnte man ja den Hals nicht voll kriegen." Er seufzte nochmals. "Es stimmt schon, daß wir alles in allem nicht schlecht daran verdient haben, aber jetzt ist das Ende wohl abzusehen. Die Infektionssperren haben die Sache zumindest noch für zwei, drei Jahre aufgehalten. Hätte man das ganze Zeug ungehindert talabwärts rutschen lassen, sähe es drüben auf der anderen Seite schon längst so aus wie hier."

Ein dumpfes Grollen ließ beide Männer die Köpfe heben.

"Da gehen wieder welche runter." bemerkte Jaldris. "Diesmal ist es da oben an der Südseite, kannst du es sehen?"

Nur wenige Augenblicke später kam ein Mahlstrom aus Holz und schlammiger Erde den Hang herabgestürzt, ergoß sich brüllend in den abschüssigen Taleinschnitt und strömte mit erschreckender Geschwindigkeit auf die Talsperre zu. Gleich darauf prallte die erste zähe Woge gegen die Mauer, doch diese hielt stand; man hatte sie wohlweislich für Belastungen dieser Art ausgelegt.

Der Hauptteil der Masse war nun dort unten zum Stillstand gekommen, doch noch immer strömten große Mengen an Erde, durchmischt mit blasenübersätem Holz talabwärts. Die Cardassianer beobachteten schweigend das Schauspiel, doch dann stockte beiden der Atem, denn nur etwas weiter oben sahen sie zwischen tosendem Erdreich und rutschenden Stämmen ein Tier um sein Leben kämpfen.

Jaldris stieß einen keuchenden Laut aus.

"Ein Kildar! Sieh nur, Kal, das ist doch ein Kildar, oder?"

"Nein!" schrie dieser durch das Dröhnen, "Das ist irgendein anderes Biest. Aber es ist ohnehin erledigt. Wenn der Stamm da vorne es nicht erwischt, prallt es unten gegen die Mauer."

Das um sich schlagende Geschöpf war nun der Sperre sehr nahe gekommen. Ein starker Silberbaum trieb halb rollend halb rutschend immer weiter zur Seite und stand kurz davor, es an der Felswand zu zermalmen. Die Cardassianer sahen, wie die Kreatur hart gegen den Stamm geschmettert wurde und glaubten sie bereits am Ende, als das Tier plötzlich blitzschnell herumwirbelte, sich am Holz hochzog und sprang. Im nächsten Augenblick zersplitterte der Silberstamm an der Talsperre.

"Unglaublich!" rief Jaldris aus. "Hast du das gesehen?"

Kaldissom antwortete nicht. Er hatte sich weit über die Brüstung gelehnt und schaute hinüber zu rechten Felswand.

Der Sprung war zu kurz gewesen. Jetzt hing das Geschöpf zitternd und schwer atmend im senkrechten Fels, nur ein kleines Stück unterhalb der Stelle, an welcher der sanfter ansteigende bewachsene Hang ansetzte.

Kaldissom nahm den Jagddisruptor von der Schulter, stützte ihn auf die Brüstung und legte an. Die empfindliche Optik der Waffe holte die Kreatur ganz nahe heran, zeigte das Beben des fellbedeckten Körpers, ließ fast seinen Herzschlag erahnen. Der Cardassianer hielt den Disruptor ganz ruhig, während sein Finger zum Abzug wanderte.

Im nächsten Augenblick hob das Geschöpf den Kopf und sah sich suchend um. Sein Blick fiel auf die Sperrmauer, glitt daran in die Höhe - und traf den auf ihn zielenden Mann. Kaldissom, der die Kreatur sorgfältig anvisiert hielt, begegnete großen türkisfarbenen Augen, die sich voller Entsetzen weiteten. Die Mimik des Tieres wirkte alles andere als starr, sondern spiegelte Angst und Verzweiflung derart deutlich wieder, daß Kaldissom zögerte.

"Schieß doch, Kal!" hörte er die Stimme seines Kollegen hinter sich. "Warum schießt du denn nicht?"

In das Tier kam Bewegung. Mit verzweifelter Kraft zog es sich die Felswand hinauf, immer wieder ein Stück abrutschend. Endlich konnte es sich es sich über den Rand schieben, worauf es erschöpft niederfiel. Kaldissom sah deutlich, daß es aus einer Verletzung am Hinterlauf blutete.

"Kal..." drängte ihn Jaldris' Stimme.

Das Geschöpf stemmte sich mühsam in die Höhe. Noch einmal blickte es zu Kaldissom hinauf und ihre Blicke trafen sich erneut. Dann verschwand es im nächsten Gebüsch.

"Verdammt!" sagte Jaldris.

Kaldissom atmete tief durch, dann setzte er den Jagddisruptor ab und wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht.

"Verdammt, Kal!" wiederholte Jaldris. "Was sollte denn das eben? Darf man fragen, warum du nicht geschossen hast?"

Sein Kollege schüttelte den Kopf.

"Es ging irgendwie nicht." versuchte er sein Verhalten zu erklären. "Als dieses Tier zu mir hochblickte... Jaldris, ich weiß, es klingt jetzt vielleicht blödsinnig, aber ich schwöre dir, daß das arme Vieh genau wußte, was ich vorhatte. Als ich seine Augen sah... so erschrocken und verzweifelt... Ich konnte es einfach nicht erschießen."

"Na wunderbar!" schnaubte Jaldris verärgert. "Jetzt fängst du schon an, irgendwelche fremden Biester zu bemitleiden. Als ob wir nicht schon genug Ärger mit den verfluchten Kildars hätten! Das Vieh da eben ist eingeschleppt worden, das dürfte dir ja wohl klar sein, und wenn du mich fragst, sah es ziemlich gefährlich aus. Kannst du vielleicht sagen, wieviele von dieser Sorte sich da draußen noch herumtreiben?"

Kaldissom strich sich nervös die Haare zurück.

"Hast ja recht!" murmelte er. "War wahrscheinlich ein Fehler, es laufenzulassen. Wenn es noch mehr davon gibt, bekommen wir sicher bald Probleme."

"Freut mich, daß du das einsiehst! Und? Hast du wenigstens eine Vorstellung, was wir jetzt tun sollen? Du kennst doch die Firmenleitung! Wenn du das Biest erschossen hättest, hätten wir einen Beweis, aber so wird es lediglich heißen, wir hätten einen Kildar gesehen."

"Wir müßten uns irgendwo erkundigen." überlegte Kaldissom. "Sich an die Regierung zu wenden, hat nicht viel Sinn, die interessieren sich einen Dreck für unsere Probleme hier draußen. Für die zählen nur Militärs und die Frage, wie sich dieser elende Krieg doch noch gewinnen läßt. Das Beste wäre wahrscheinlich, wenn wir uns an jemanden wenden würden, der sich mit so etwas auskennt. Gibt es nicht in der Hauptstadt ein Institut für fremde Lebensformen?"

"Soviel ich weiß, schon! Vorausgesetzt, es wurde nicht bei Kriegsbeginn aufgelöst. Du meinst, wir sollten bei denen mal nachfragen?"

Kaldissom dachte noch einen Moment nach, dann nickte er entschlossen. "Zumindest könnte ich mir vorstellen, daß man uns zuhört. Wenn überhaupt jemand über eine neu eingeschleppte Spezies informiert sein dürfte, dann diese Leute dort. Hör mal, Jaldris, ich gehe jetzt zurück und sehe zu, ob ich einen von diesen Wissenschaftlern erreichen kann. Bleib du in der Zwischenzeit mit dem Disruptor hier und paß auf, nur für den Fall daß das Tier noch einmal auftaucht. Vielleicht haben wir ja Glück, und ich kann etwas erfahren."

Jaldris nahm die Waffe entgegen und begann den Waldrand nach einer verdächtigen Bewegung abzusuchen, während sein Kollege den Rückweg über die Sperrmauer antrat. Es verging eine geraume Zeit, doch das fremde Tier ließ sich nicht noch ein zweites Mal blicken. Schließlich erkannte der Cardassianer seinen Kollegen, der im Laufschritt wieder zu ihm unterwegs war.

"Ich bin durchgekommen!" berichtete Kaldissom etwas außer Atem, als er bei ihm anlangte. "Als ich damit begann, mein Anliegen zu schildern, ließ man mich zuerst einen Augenblick warten, doch dann meldete sich eine sehr höfliche junge Frau, hörte sich alles an und bat mich am Schluß um eine Beschreibung des Tieres. Jaldris! Sie sagen, sie wüßten was es ist! Und sie werden gleich hier sein. Sie kommen mit einem Schiff der Asid-Klasse, darum habe ich unseren Gleiter noch ein Stück zur Seite gestellt. Da sage mir noch mal einer, Wissenschaftler hätten keinen Sinn für die Sorgen einfacher Leute!"

 

Tarkin versuchte mühsam hinkend seinen Lagerplatz zu erreichen. Er wußte, daß er ungeheures Glück hatte, noch am Leben zu sein. Wohl hatten ihn seine schnellen Reflexe im letzten Augenblick aus den Erdmassen gerettet, doch an der Felswand war er auf Gnade oder Ungnade den beiden Cardassianern ausgeliefert gewesen. Er konnte sich noch immer nicht erklären, warum der Mann mit der Waffe darauf verzichtet hatte, ihn zu töten, doch aus irgendeinem Grund hatte er ihn verschont, und dafür war der Rhazaghaner ihm dankbar.

Leider würde er von nun an damit rechnen müssen, daß man nach ihm suchte. Er war gesehen worden, und zu allem Überfluß hatte er seine Ausrüstungsgegenstände nicht bei sich. Tarkin war sicher, daß ihn der Erdrutsch ein erhebliches Stück aus der Reichweite des Tarnsenders gebracht hatte, und obendrein war fraglich, ob sich dieser überhaupt noch in Funktion befand. Wenn die Erdmassen auch den Baum mit der Tasche mit sich gerissen hatten, würde es nur noch eine Frage der Zeit sein, daß man ihn entdeckte und gefangennahm.

 

"Und Sie sind sich ganz sicher, Obtanas?" forschte Luratar noch einmal nach.

"Vollkommen, Indiv!" antwortete seine Assistentin. "Der Mann beschrieb ganz ohne Zweifel eine Krallenluum, und er war durch seine Beobachtung außerordentlich beunruhigt. Er war sehr dankbar und erleichtert, als er hörte, daß wir bereit wären, ihm zu helfen."

"Sehr gut!" Der Indiv lächelte. "Ich denke, es wird nicht allzu schwierig werden, die Angelegenheit zu regeln. Die Hauptsache ist, daß wir erfahren konnten, wo in etwa sich unsere Versuchsexemplare verborgen halten."

Obtanas schwieg eine Weile. Dann sprach sie den Gedanken aus, der sie schon seit längerem beschäftigte.

"Glauben Sie, der Deserteur im alten Industriepark hat Sie bezüglich der Fluchtrichtung belogen, Indiv?" erkundigte sie sich vorsichtig.

Luratar sah auf. Einen Augenblick lang bereute seine Assistentin ihre Frage, doch zu ihrer Erleichterung schüttelte der Institutsleiter geduldig den Kopf.

"Keineswegs! Bei diesem Mann handelte es sich um eine Kreatur niedrigster Gesinnung, ein verräterisches Subjekt, fern von jeglichem Gewissen oder Moral. Der Gedanke, jemanden schützen zu wollen, hätte ohne Zweifel sein beschränktes Vorstellungsvermögen gesprengt. Leider hatte ich nicht bedacht, daß dieser Umstand auch Tybrang aufgefallen sein muß. Er besitzt für seine Verhältnisse erstaunlich hohe moralische Wertvorstellungen, und so hat er natürlich erkannt, daß diese Person jeglichen Vertrauens unwürdig war."

Der Institutsleiter sah einen Moment nachdenklich vor sich hin, dann blickte er noch einmal kurz zu seiner Assistentin auf.

"Er hat den Mann hinsichtlich seiner Fluchtrichtung getäuscht, das ist alles, Obtanas!" fügte er abschließend hinzu. "Eine wahre Schande, daß Endraks Leute es nicht fertigbrachten, diese beiden verkommenen Burschen zu finden."

Im gleichen Augenblick wandte sich der Mann hinter den Kontrollen hastig zu seinem Vorgesetzten um.

"Indiv!" rief er aufgeregt. "Die Sensoren haben gerade einen Rhazaghaner geortet."

"Wirklich?" Der Indiv erhob sich, um sich persönlich nach vorn zu begeben. Stirnrunzelnd beugte er sich über die Anzeigen, dann begann er zu lächeln.

"Sie haben tatsächlich recht! Ein Rhazaghaner, männlich! Den Biowerten nach scheint er verletzt zu sein, allerdings nicht sonderlich gravierend. Wir haben doch eine Notausrüstung zur medizinischen Erstversorgung an Bord, Obtanas?"

"Selbstverständlich, Indiv!"

"Sehr schön! Es ist wichtig, daß das Exemplar sofort behandelt wird, sobald es sich wieder in unserer Obhut befindet. Es wird schnell begreifen, wie wohltuend es ist, wieder bei uns in Sicherheit zu sein."

Der Institutsleiter begab sich zurück in den hinteren Teil der kleinen Brücke. Er hatte sich kaum auf seinem Platz niedergelassen, als sich der Pilot bestürzt zu ihm umdrehte.

"Indiv! Es ist mir unerklärlich, aber..." Er schluckte nervös. "Es tut mir sehr leid, aber der Rhazaghaner ist soeben von den Anzeigen verschwunden."

 

Als Tarkin bei seinem Lagerplatz eintraf, sah er zunächst seine schlimmsten Befürchtungen erfüllt: An der Stelle, wo er seine Ausrüstungsgegenstände zurückgelassen hatte, fand er nur noch verwüsteten Boden, aus dem einige halbverfaulte Wurzeln ragten. Voller Verzweiflung hinkte er hangabwärts, um kurz darauf auf eine Anzahl Bäume zu stoßen, die lediglich ein Stück die Böschung hinabgeglitten waren. Das Exemplar mit der Tasche befand sich darunter.

Mit klopfendem Herzen arbeitete sich der Rhazaghaner an die arg mitgenommene Krone heran. Die Tasche war offensichtlich ein Stück durch den Schlamm gezogen worden, dabei jedoch nicht zerrissen. Als Tarkin sie öffnete, fand er zu seiner grenzenlosen Erleichterung den Inhalt unversehrt; glücklicherweise war das Behältnis nicht unter den Stamm geraten, alles andere hatte er dem ebenso steifen wie robusten Atalanleder zu verdanken.

Tarkin sah sich nicht mehr in der Lage, seinen ersten Lagerplatz weiter oben aufzusuchen. Mittlerweile war er fast am Ende seiner Kräfte angelangt; außerdem machte sich die Verletzung, die sich über das rechte Knie und den Oberschenkel erstreckte, durch heftiges Klopfen bemerkbar. Der Rhazaghaner zog sich lediglich etwas aus der breiten Schneise zurück, die der Erdrutsch hinterlassen hatte, dann begann er mit der Wundbehandlung.

Einige Zeit später schaltete er entmutigt den Regenerator wieder ab. Es war genau das eingetreten, wovor Darrab ihn gewarnt hatte. Wohl hatte sich die rein oberflächliche Verletzung einigermaßen rasch desinfizieren und schließen lassen; doch wenn Tarkin den Versuch unternahm, das Bein voll zu belasten, fuhr ein stechender Schmerz durch das Knie, der ihn wieder zu Boden zwang. Das Hauptproblem lag tiefer, irgendwo im Inneren des Gelenkes, und der Rhazaghaner verfügte nicht über das nötige Wissen und Geschick, den Schaden zu beheben. Bis zu seiner Rückkehr an Bord der Arrhinia D'jah würde er zum Hinken verurteilt sein.

Tarkin blinzelte verzagt in den Regen hinaus. Er wußte, daß alles Bisherige ein Kinderspiel gewesen war, verglichen mit dem, was nun vor ihm lag. Noch am Morgen hatte er geglaubt, kurz vor dem glücklichen Abschluß seiner Suche zu stehen, doch nun hatte er begriffen, daß er wieder ganz am Anfang stand. Dieses Land starb, soviel stand fest, und das bedeutete, daß sich seine Artgenossen nicht hier befanden. Wenn Tybrang tatsächlich mit den anderen hier eingetroffen war, dann war er zweifellos wieder umgekehrt. Sich im Schatten dieser Wälder zu verbergen, hieße über kurz oder lang den Tod in den Erdmassen zu finden.

Er aber war hier, ohne den geringsten Anhaltspunkt, wohin seine Leute gezogen waren, und obendrein hatte er einen entscheidenden Vorteil eingebüßt: Seine Schnelligkeit. Er war schwerfällig und verwundbar geworden, eine leichte Beute für jedes umherstreifende Kildar-Rudel, und dabei lag wahrscheinlich noch eine weite Strecke vor ihm. Der Rhazaghaner wußte, was es bedeutete, in verletztem Zustand in der Wildnis unterwegs zu sein. Das Überleben in einer solchen Situation verlangte Zeit, viel Zeit, und genau das war es, was ihm nicht zur Verfügung stand. Zum allerersten Mal stieg in Tarkin die Befürchtung auf, daß sich seine Aufgabe als unlösbar erweisen könnte.

Noch während er verzweifelt überlegte, meldete ihm sein Gehör ein weit entferntes Heulen, das ungeheuer rasch an Lautstärke gewann. Der Rhazaghaner kroch zum Rand des Gebüschstreifens und schaute über das Tal, um ein großes Shuttle, nein, ein regelrechtes Raumschiff zu erblicken, das gerade im Begriff war, seine Fluggeschwindigkeit zu drosseln. Das Bremsmanöver war fast komplett, und nun zündeten die Manövrierdüsen, welche das Schiff in langsame horizontale Drehung versetzten. Vorsichtig steuerte die große Maschine auf die rechte Seite der Talsperre zu, begann zu sinken und setzte schließlich mit kaum wahrnehmbarem Ruck auf einer weiten Plattform auf, die es fast vollkommen ausfüllte. Der Pilot verstand sein Handwerk, soviel stand fest.

Tarkin starrte entsetzt auf das Schiff, dessen Triebwerk noch immer summend auslief. Hier hatte er die Antwort auf seine Begegnung mit den beiden Cardassianern. Wie es aussah, hatte man sich entschieden, Hilfe anzufordern, und diese war dem Ruf außerordentlich rasch gefolgt. Die Augen des Rhazaghaners glitten über den braunen Rumpf, um festzustellen, daß die militärische Kennzeichnung des Raumschiffes übermalt worden war. An ihrer Stelle fand sich ein großes Emblem, und bei längerer Betrachtung gelangte Tarkin zu der Überzeugung, daß er es früher schon einmal gesehen hatte. Die Institutsleiterin, die ihn seinerzeit über die näheren Umstände von Nirrits Entführung informiert hatte, hatte eben dieses Zeichen an der Schulter getragen.

 

Als Luratar die Nilkos verließ, hatte er den Piloten insgesamt viermal die gesamte Länge des Ishra abfliegen lassen, in der Hoffnung, eine weitere Anzeige zu erhalten, allerdings vergeblich. Der Rhazaghaner war und blieb wie vom Erdboden verschluckt, und so sah sich Luratar gezwungen, erst einmal den Bericht des angeblichen Augenzeugen abzuwarten.

Wenig später schaute sich Luratar auf dem Shuttleparkplatz um und spürte voller Unbehagen, wie ihm die feinen Regentropfen Haar und Kleidung zu durchweichen begannen. Er fand jedoch rasch zu seinem liebenswürdigen Lächeln zurück, als er die beiden Plantagenaufseher bemerkte, die gerade bewundernd das Raumschiff umrundeten. Der Institutsleiter ließ die obligatorische Begrüßung über sich ergehen, dann begann er behutsam mit der Befragung.

"Sie also sind derjenige, der das Tier vorhin beobachtet hat." wandte er sich freundlich an Kaldissom. "Das habe ich doch richtig verstanden?"

"Doch, ja!" gab dieser etwas verunsichert zur Antwort. "Das heißt, mein Kollege war auch dabei. Wir haben es beide gesehen."

"Sehr schön! Wären Sie in der Lage, es mir kurz zu beschreiben?"

Die beiden Aufseher wechselten einen raschen Blick, dann ergriff Kaldissom wieder das Wort.

"Tja, also, wie ich Ihrer Assistentin schon sagte, war das Tier relativ langgestreckt und wirkte außerordentlich beweglich. Vorder- und Hinterpfoten trugen scharfe Krallen. Der Schwanz hatte, ich schätze mal, diese Länge," - er hielt die Hände weit auseinander - " und der Kopf besaß eine eher runde Form, ganz anders als bei einem Kildar. Es hatte auffallend große und spitze Ohren und seine Augen..."

"Danke, das genügt!" wurde er von Luratar unterbrochen. "Ich denke, hier sind wirklich keine Zweifel mehr möglich. Könnten Sie mir vielleicht jetzt die Stelle zeigen, wo Sie es gesehen haben?"

"Natürlich!" antwortete Kaldissom rasch. "Das war da drüben auf der anderen Seite. Wenn Sie sich vielleicht dorthin bemühen wollen?"

Gleich darauf betraten sie gemeinsam die Sperrmauer und strebten der gegenüberliegenden Felswand zu. Jaldris hatte es bisher vorgezogen, sich bei dieser Sache zurückzuhalten, doch nach wenigen Schritten siegte seine Neugier.

"Verzeihen Sie bitte!" wandte er sich an den schweigend neben Kaldissom hergehenden Institutsleiter. "Aber was ist das eigentlich für ein Tier, das wir da vorhin gesehen haben? Woher kommt es, und wie konnte es überhaupt hierher gelangen?"

Luratar warf dem Mann einen Seitenblick zu, dann lächelte er gutmütig.

"Nun, ich muß Ihnen gestehen, daß man mich eigentlich in dieser Angelegenheit um Diskretion gebeten hat. Andererseits habe ich den Eindruck, daß ich es hier mit zwei zuverlässigen und pflichtbewußten Männern zu tun habe, die diesen Vorfall nicht herumtragen werden. Im übrigen ist es natürlich absolut verständlich, daß Sie beunruhigt sind. Um Ihnen also Ihre Frage zu beantworten: Es handelt sich bei dem beobachteten Geschöpf um ein äußerst seltenes und wertvolles Tier, das aus einer Privatzucht in der Nähe der Hauptstadt stammt. Ein unachtsamer Bediensteter hatte nach der Fütterung versäumt, das Gehege zu schließen, und so konnten vierunddreißig von diesen Tieren ins Freie gelangen. Sobald die Sache bemerkt wurde, betraute man unser Institut mit der Aufgabe, sie möglichst unauffällig wieder einzufangen, zumal ihr Eigentümer, ein in höchsten Kreisen ansässiges Regierungsmitglied, der Bevölkerung unnötige Panik ersparen möchte."

Jaldris erbleichte. "Ein Regierungsmitglied, sagen Sie?" Er warf Kaldissom einen bestürzten Blick zu. "Wenn das allerdings so ist, kann man nur von Glück sagen, daß du nicht geschossen hast."

Luratar sah zu dem Angesprochenen hinüber.

"Sie hatten die Absicht gehabt, das Tier zu töten?" erkundigte er sich.

Kaldissom blickte zu Boden.

"Zunächst schon!" murmelte er. "Ich konnte ja nicht ahnen... Allerdings war es mir nicht möglich, abzudrücken. Wissen Sie, es war die Art, wie es mich anschaute. Irgendwie muß es instinktiv gespürt haben, daß ich kurz davor stand, mit ihm Schluß zu machen, und ich..." Er hob etwas hilflos die Schultern. "Ich konnte es einfach nicht mehr." schloß er daraufhin.

Luratar schwieg einen Moment.

"Ich bin froh, daß Sie nicht geschossen haben." sagte er dann sanft. "Sie müssen wissen, daß der Eigentümer außerordentlich an seinen Tieren hängt und zudem bereit ist, eine nicht unerhebliche Belohnung für sachdienliche Hinweise zu zahlen, Diskretion natürlich vorausgesetzt. Und schließlich kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung versichern, daß das Tier einer äußerst scheuen und in keiner Weise aggressiven Spezies angehört."

"Es ist harmlos?" platzte Jaldris heraus. "Sind Sie da ganz sicher?"

"Vollkommen!" antwortete Luratar. "Warum meinen Sie?"

"Nun, es... es war einfach die Art, wie es wirkte. Es war in einen Erdrutsch geraten, wissen Sie, und auch wenn es ziemlich bei den letzten Erdmassen dabei war, war es doch fast ein Wunder, daß es noch lebte, als es hier unten ankam. Wir glaubten schon, ein dicker Stamm würde es zerquetschen, aber als ob es auf diesen Augenblick gewartet hätte, krallte es sich daran fest, zog sich aus den Erdmassen, und sprang von da aus in die Felswand. Ungeheuer schnell, sage ich Ihnen, so etwas haben Sie noch nicht gesehen! Kal sagte mir dann hinterher, daß es am Hinterbein verletzt war, und trotzdem war es noch zu einem solchen Sprung fähig. Wahrscheinlich wäre es normalerweise noch ein gutes Stück weiter oben gelandet."

"Hier war es." unterbrach ihn Kaldissom und blieb stehen. Er streckte den Arm aus und zeigte zur Felswand hinüber. "Da, an dieser Stelle hing es zunächst. Als es mich entdeckte, begann es damit, sich die Wand hinaufzuziehen, bis in den Hang, dort blieb es einen Moment liegen. War natürlich völlig erschöpft. Trotzdem erhob es sich gleich darauf und sah mich noch einmal an, fast als wollte es sich bedanken. Tja, und dann war es weg."

"Ich verstehe!" murmelte Luratar. Er räusperte sich. "Und danach haben Sie es nicht mehr beobachten können?"

"Ich habe hier noch eine Zeitlang mit der Waffe gestanden und gewartet, während mein Kollege Ihr Institut informiert hat. Es blieb allerdings alles ruhig." erzählte Jaldris. "Man kann nur von Glück sagen, daß diese Tiere ungefährlich sind, wir haben in unserer Provinz schon reichlich Probleme mit den Kildars. Sogar aus den Randgebieten mancher Ortschaften sind bereits Personen verschwunden, zumal es dort meist nur noch Alte, Frauen und Kinder gibt. In Eilikar, wo ich herkomme, trauen sich die Leute nachts kaum noch auf die Straße, können Sie sich das vorstellen? Wir haben schon mehrmals die Regierung um Hilfe gebeten, aber anscheinend ist unser Ersuchen nicht weitergeleitet worden."

Der Indiv lächelte mitfühlend. "Ja, die Kildars! Es ist traurig. Aber leider..."

"Sagen Sie," unterbrach Jaldris ihn aufgeregt, "fremde Lebensformen sind doch Ihr Fachgebiet! Glauben Sie, Sie könnten in dieser Angelegenheit etwas unternehmen?"

Luratar seufzte schwer. "Sie können sich nicht vorstellen, wie gern ich das täte! Es ist erschütternd, wenn man bedenkt, mit welchen Ängsten die Leute bei Ihnen leben müssen. Leider muß ich gestehen, daß mir einfach die Mittel für eine solch umfangreiche Aktion fehlen. Die Reichweite unserer Sensoren ist äußerst gering, man müßte den gesamten Kontinent in schmalen Streifen abfliegen. Da Kildars jedoch die meiste Zeit über in Bewegung sind, würden uns die allermeisten entgehen. Außerdem besitzen wir nicht einmal Waffen; Sie wissen ja, daß die militärischen Bestimmungen in dieser Hinsicht ganz besonders streng sind."

"Wir könnten Ihnen eine von unseren Jagdwaffen leihen." begann Kaldissom zögernd. "Wir haben noch ein paar drüben im Wärterhaus, und da wir nur noch zu zweit sind... Früher waren wir hier oben stets an die zwölf bis achtzehn Mann, aber der Krieg..." Er verstummte.

Luratar runzelte die Stirn und musterte ihn interessiert.

"Sie verfügen über Waffen, sagen Sie? Natürlich, ich verstehe, hier draußen... Und Sie wären bereit, uns eine davon zur Verfügung zu stellen? In dem Fall sähe die Sache natürlich schon etwas anders aus. Haben Sie vielleicht auch kleine Handwaffen in Ihrem Arsenal?"

"Schon, die kleinen Selbstverteidigungswaffen für Holzarbeiter!" gab Jaldris zur Antwort. "Aber meinen Sie nicht, daß ein richtiger Jagddisruptor hier etwas sinnvoller wäre?"

Der Institutsleiter schüttelte abwehrend den Kopf.

"Es hat keinen Zweck, wenn ich mich hier irgendwelchen Illusionen hingebe. Ich kenne meine Leute und weiß, daß es zu lange dauern würde, bis sie mit einer solchen Waffe zurechtkämen. Ich hätte aber noch eine weitere Frage: Kann man die Geräte so modifizieren, daß sie das getroffene Tier lediglich betäuben?"

"Sicher, Sie bräuchten nur die Energiestärke zu reduzieren." erwiderte Kaldissom verwundert. "Aber welchen Sinn sollte das haben?"

"Nun, stünden uns ein paar lebende Exemplare zur Verfügung, könnte uns das helfen, die Schwachstellen jener Spezies herauszufinden." erklärte Luratar gutgelaunt. "Forschungsarbeit, verstehen Sie? Allerdings kann ich Ihnen trotz Ihrer freundlichen Leihgabe nicht allzuviel versprechen. Wie ich Ihnen schon sagte, ist es außerordentlich schwierig, diese Tiere auszumachen."

"Sie müßten ein paar von den Mini-Sensorstationen haben, mit denen das Militär seine Einrichtungen vor Spionage schützt." schaltete sich Jaldris ein. "Mein Bruder und ich haben uns während seines letzten Fronturlaubes darüber unterhalten, und er war der Ansicht, daß die Geräte dabei helfen könnten, die Kildars auszurotten. Wie er sagte, werden sie einfach auf das gewünschte Biomuster programmiert und anschließend über das in Frage kommende Gebiet verteilt. Durch das so entstandene selektiv arbeitende Netz erhält man wesentlich genauere Anzeigen als von herkömmlichen Sensoren."

Der Indiv blieb einen Moment stumm.

"Ich wußte nichts von solchen Geräten." sagte er dann.

"Es gibt sie noch nicht sehr lange." erklärte Jaldris vorsichtig. "Sollten Sie sich allerdings danach erkundigen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie meinen Namen und den meines Bruders aus dem Spiel lassen würden. Militärgeheimnis, verstehen Sie...?"

"Aber natürlich!" Luratar begann strahlend zu lächeln. "Schließlich möchten Sie nur Ihren Mitbürgern helfen. Machen Sie sich keine Sorgen, niemand wird etwas von Ihrer Äußerung erfahren. Und wer weiß, vielleicht wird es mir ja tatsächlich möglich sein, ein paar von diesen Sensorstationen aufzutreiben. Ich kenne da zufällig einen Angehörigen des Militärs, der mir noch einige Gefallen schuldig ist."

Mittlerweile stand Luratar der Sinn nach einem heißen Bad und trockener Kleidung, und da ihn die Betrachtung der Felswand nicht weiterbrachte, begab er sich auf den Rückweg zum Shuttleparkplatz. Unterwegs hörte er sich geduldig Vorschläge zur Kildarbekämpfung an. Er hatte eine wertvolle Information erhalten und eine Waffe zugesagt bekommen, von daher war er gern bereit, noch etwas Höflichkeit in diese Männer zu investieren.

Wenig später verließ er das Wärterhaus, wo er sich einen wunderbaren kleinen Handdisruptor ausgesucht hatte. Der Rhazaghaner mochte ihm zwar vorläufig entkommen sein, dennoch war Luratar der Ansicht, daß er mit dem Ergebnis der heutigen Suche sehr zufrieden sein konnte. Als er die Schiffsrampe erreicht hatte, drehte er sich noch einmal zu den beiden Plantagenaufsehern um, die ihn zur Nilkos begleitet hatten.

"Ich möchte mich vielmals für Ihre Mitarbeit bedanken." richtete er das Wort an sie. "Und sollten Sie noch ein weiteres Mal eines dieser Tiere bemerken, so wenden Sie sich bitte wieder sofort an uns; wir werden uns unverzüglich auf den Weg machen."

"Verlassen Sie sich auf uns, Indiv!" antwortete Jaldris sofort. "Wir halten die Augen für Sie offen. Wenn uns irgendetwas auffällt, so erhalten Sie Bescheid und sonst niemand."

"Sehr schön!" Der Institutsleiter lächelte erfreut. "Ich bin froh, mit Ihrer Unterstützung rechnen zu können. Bevor ich allerdings jetzt aufbreche, hätte ich gern noch etwas von Ihnen gewußt. Ich kenne ein paar der entwichenen Tiere und mich würde natürlich interessieren, ob es sich bei dem bewußten Exemplar um eines von ihnen handelt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, mir seine Fellfarbe zu beschreiben?"

Die beiden Aufseher sahen sich an. Dann wandten sie sich wieder dem Institutsleiter zu.

"Es war braun!" erklärten beide.

Luratar nickte geduldig.

"Braun also, sehr schön! Allerdings muß ich sagen, daß es bei dieser Spezies außerordentlich feine Farbnuancen gibt. Um was für eine Art Braun handelte es sich? War es leicht rötlich? Oder vielleicht besonders hell, eher sandfarben? War womöglich ein warmer Goldton darin wie bei dunklem Steinharz?"

"Nein, nichts davon, es war einfach braun." antwortete Kaldissom. "Es war weder dunkel noch hell, es war das normalste und unauffälligste Braun, das Sie sich vorstellen können. Das einzig farblich Auffällige an dem Tier betraf seine Augen. Ich habe sie durch die Optik meiner Waffe sehen können und dabei festgestellt, daß sie von einem schönen klaren Türkis waren. Wirkten seltsam, diese hellen türkisfarbenen Augen."

Luratar schwieg einen Moment. Unter seinen Versuchspersonen gab es lediglich zwei braunhaarige Männer, die türkisfarbene Augen besaßen: Trysnar, der eindeutig dunkelhaarig war, und Salikarn, dessen Haarfarbe einen unübersehbaren Stich ins Graue aufwies. Außerdem besaß die Iris des Letzteren zusätzlich eine braune Musterung, die jedem sogleich auffallen mußte. In der Hoffnung, daß seine momentane Ratlosigkeit nicht bemerkt worden war, beschloß der Indiv, sich nach weiteren Details zu erkundigen.

"Also gut! Es war braun und hatte türkisfarbene Augen. Wie steht es mit der Fellzeichnung? War es gefleckt? Gestreift? Beides? Besaß es irgendwelche Aufhellungen in der Bauchgegend?"

"Es hatte keine Fellzeichnung." gab Kaldissom zur Antwort.

Luratar starrte ihn an.

"Keine Fellzeichnung?"

"Nein, gar keine! Ich habe es genau gesehen. Das Fell war zwar schmutzig, aber nicht so, daß mir ein solches Detail entgangen wäre. Die Sache scheint Sie zu beunruhigen. Ist es denn ein schlechtes Zeichen, daß das Tier keine Musterung aufwies?"

"Nein, nein!" murmelte Luratar. "Es ist nur sehr selten, wie man mir sagte. Nun ja!"

Er räusperte sich, dann brachte er ein paar Abschiedsworte zustande. Gleich darauf stieg er die Rampe seines Schiffes hinauf.

Bevor er es betrat, drehte er sich noch einmal um und schaute suchend über die Berge und das Tal, doch diese behielten ihr Geheimnis für sich. Er verharrte noch einen Moment, um sich schließlich abzuwenden und sich ins Innere zu begeben.

"Fünfunddreißig!" murmelte er.

 

Es dauerte zwei Tage, bis sich Tarkin wieder zurück an den Rand des Ishra geschleppt hatte, dort ließ er sich dann an einem schmalen Wasserlauf nieder, um seinem Knie Kühlung und etwas Ruhe zu gönnen. Der Regenerator bot ihm hier keine Hilfe, und so konnte er lediglich darauf hoffen, daß sich seine Beschwerden durch die Schonung ein wenig besserten. Er hatte ohnehin keine Vorstellung mehr, in welche Richtung er sich wenden sollte, ein Umstand, der ihm noch schlimmer belastete als seine Verletzung. Bisher war seine Suche von einer freudigen Zuversicht begleitet gewesen, doch nun fühlte sich der Rhazaghaner mutlos und allein. Hier saß er nun, ohne Ziel oder auch nur den geringsten Hinweis, dabei brachte jeder neue Tag das Risiko mit sich, daß die Arrhinia D'jah durch einen Zufall entdeckt und zerstört wurde. Genaugenommen konnte er noch nicht einmal sicher sein, daß dieser Fall nicht schon eingetreten war.

Gleiches galt auch für die vierunddreißig Verschollenen. Es war absolut denkbar, daß man Tarkins Artgenossen bereits geortet und wieder gefangen hatte. Womöglich hatten sich diese schon längst wieder in ihrem Gefängnis befunden, während er sich zur gleichen Zeit auf die Suche nach ihnen gemacht hatte.

Tarkin dachte eine Zeitlang über diese deprimierende Möglichkeit nach, dann schüttelte er den Kopf.

"Nein!" murmelte er. "In dem Fall hätte das Institut gar nicht erst eingegriffen. Man hätte die beiden Männer guten Gewissens an die Spionageabwehr verweisen und in aller Ruhe abwarten können. Aber stattdessen hat man unverzüglich reagiert und sich hierher bemüht. Der Jagdtrupp muß sich also noch in Freiheit befinden."

In Freiheit, ein tröstlicher Gedanke. Aber wohin hatten sich die vierunddreißig geflüchtet? Tarkin vermochte es nicht mehr zu sagen, und damit rückte die Gefahr näher, daß der Rettungsversuch scheiterte, daß Tybrang und die anderen dazu verdammt sein würden, den Rest ihres Lebens auf Cardassia Prime zu verbringen. Sie würden nicht einmal erfahren, daß verzweifelt nach ihnen gesucht worden war.

Die beiden folgenden Tage verbrachte Tarkin damit, sowohl sein Kartenmaterial als auch den mitgeführten Trikorder zu Rate zu ziehen, jedoch ohne Ergebnis. Das kleine Gerät blieb stumm, und auch die Karten lieferten ihm keinen Hinweis auf einen Ort, der vierunddreißig Rhazaghanern als Zuflucht dienen konnte. Vielleicht befanden sie sich noch immer auf der Flucht, und das würde bedeuten, daß sie für Tarkin mittlerweile unerreichbar geworden waren. Mochten sie auch irgendwo dort draußen sein, so war es doch völlig unmöglich, die Arrhinia D'jah so lange im Orbit warten zu lassen, bis er den gesamten Kontinent nach ihnen abgesucht hatte.

Wieder brach eine Nacht an, doch der Rhazaghaner vermochte keinen Schlaf zu finden. Mit jedem weiteren Tag rückte der schwere Moment näher, an dem er sich seine Niederlage eingestehen und die Suche abbrechen mußte, doch noch wehrte er sich mit aller Gewalt gegen diesen Gedanken. Es war eine schreckliche Vorstellung, Tybrang und die anderen am Leben zu wissen, und sie dennoch den Gefahren dieser Welt überlassen und nach Rhazaghan zurückkehren zu müssen.

Gegen Morgen schreckte er mit einem Ruck aus dem Halbdämmer, in den er gesunken war. Irgendwo in der Ferne war ein heiserer Schrei erklungen, und als Tarkin lauschte, wiederholte sich der rauhe Laut. Nur wenige Augenblicke später war die Luft über ihm von einem vielstimmigen Rufen erfüllt.

Der Rhazaghaner legte den Kopf in den Nacken, und dort bot sich ihm ein Bild, das ihm seit seiner frühesten Kindheit vertraut war: Eine Vielzahl dunkler Silhouetten bewegte sich in ausgedehnter Linie über den blassen Himmel, unbeirrbar und zielstrebig, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen. Wie stets bei diesem Anblick spürte Tarkin eine leichte Wehmut in sich aufsteigen. Waren Cardassia und Rhazaghan auch in vieler Hinsicht verschieden, so änderte das doch nichts daran, daß gewisse ewige Gesetze für beide Welten Gültigkeit hatten. Und dazu gehörte auch, daß sich die Zugvögel auf ihre Reise begaben, wenn sie den Winter nahen fühlten.

Still saß er da und folgte er dem Schwarm sehnsüchtig mit den Augen. Alle Schwerfälligkeit ablegen, den Boden hinter sich zurücklassen und über das Land gleiten - diesen Geschöpfen dort oben stand frei, was ihm untersagt war. Die Vorgänge zwischen den Sternen betrafen sie nicht, ruhig und ungehindert zogen sie der aufgehenden Sonne entgegen.

Tarkin hielt in seinen Gedanken inne und runzelte die Stirn. Es stimmte, diese Vögel flogen geradewegs nach Osten, nicht nach Süden, wie es das Klima hätte erwarten lassen. Er wußte zwar, daß ausgedehnte Wasserflächen oder hohe Gebirgszüge Vogelschwärme zu Umwegen veranlassen konnten, doch ein solches Hindernis war nirgendwo auf seinen Karten verzeichnet. Es war einfach nichts vorhanden, was Vögel zu einem Ausweichkurs veranlassen konnte.

"Vielleicht weichen sie gar nicht aus." fuhr ihm plötzlich durch den Kopf. "Möglicherweise steuern sie etwas an. Einen Ort, der Schutz und Nahrung für den Winter bietet. Oder zumindest für einen Zwischenstop."

Hastig griff er nach seiner Tasche und zog noch einmal die Karten hervor. Das Morgenlicht war allerdings noch zu schwach, daher mußte er sich zunächst ein wenig gedulden, bis er die ersten Einzelheiten zu unterscheiden vermochte. Wenig später hatte er die richtige Abbildung herausgesucht, setzte den Zeigefinger auf seinen momentanen Standort und führte ihn in gerader Linie nach Osten.

An der Küste hielt er an. Es gab nichts in dieser Himmelsrichtung, einfach gar nichts, abgesehen von einer Stelle, die auf der Karte als ehemalige Erzförderstätte gekennzeichnet war. Anscheinend hatte man dort das Land in großem Umfang aufgegraben, es jedoch nicht für nötig befunden, es später wieder zuzuschütten.

Tarkin unterdrückte einen Seufzer. Steine und Geröll, das war nicht gerade das, auf was er gehofft hatte. Zumindest war es kaum vorstellbar, daß es ausgerechnet dieser Ort war, auf den die Vögel zusteuerten. Nun, es war ohnehin nur eine äußerst geringe Chance gewesen.

Niedergeschlagen schob er sein Kartenmaterial zurück in die Tasche, doch noch während er sie schloß, begann er nachzudenken. Was geschah mit einer solchen Stelle, wenn man sie lange in Ruhe ließ? Nicht nur ein Jahr oder zwei, sondern wirklich lange? Auf der Karte war kein Hinweis verzeichnet gewesen, seit wann die Förderstätte verlassen lag, aber angenommen es handelte sich um einen Zeitraum von fünf, sechs oder sogar noch mehr Jahrzehnten?

In Tarkins Geist stieg die Erinnerung an das alte Industriegebiet auf. Dort hatte es Pflanzen und Tiere gegeben, eine große Zahl unterschiedlichster Geschöpfe, die einen vielfältigen Lebensraum erobert hatten. Eine Oase des Lebens gerade dort, wo man sie normalerweise am wenigsten erwartet hätte. Was, wenn nun in dieser gewaltigen Grube das gleiche geschehen war?

Er wußte, es war ein Strohhalm, an den er sich jetzt klammerte, aber es war der einzige Weg, der sich noch vor ihm auftat. Wie die vierzig Gründer des Vari-Clans seinerzeit mit den Herden der Sabresh gezogen waren, so wollte er nun den Zugvögeln folgen. Zerschlug sich auch diese letzte Hoffnung, würde er dazu gezwungen sein, die Suche aufzugeben.

Vorsichtig erhob sich der Rhazaghaner und prüfte die Belastbarkeit seines Knies. Die Verletzung machte sich recht nachdrücklich bemerkbar, allerdings hatte Tarkin den Eindruck, daß sich die Ruhepause wohltuend auf das Gelenk ausgewirkt hatte. Natürlich war an einen schnellen Trab nicht mehr zu denken, doch er würde vorankommen.

Entschlossen griff er zu seiner Jagdtasche, verstellte die Riemen und streifte sie über. Der Wechsel in die Krallenluum erfolgte fast reflexartig.

Dann machte sich Tarkin auf den langen und beschwerlichen Weg nach Osten.

 

"Haben Sie wirklich alles überprüft?" fragte Luratar ein zweites Mal nach.

"Alles, Indiv!" antwortete der Mann verzweifelt. "Laut den Testläufen sind die Sensorstationen sachgemäß installiert worden, nicht eine einzige Anzeige weist auf einen Systemfehler hin. Dennoch bleibt es dabei: Im gesamten Nordteil des Kontinents gibt es nichts, was auf die Anwesenheit von Rhazaghanern schließen läßt."

Er sah zaghaft hoch. "Es ist natürlich möglich, daß die Geräte hier an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen. Immerhin mußten wir sie auf maximale Reichweite stellen, um das Gebiet komplett abdecken zu können."

Der Institutsleiter stieß einen leisen Fluch aus und wandte sich ab. Sein Untergebener sah ihm bekümmert nach.

"Soll ich das Netz deaktivieren?" erkundigte er sich vorsichtig, bevor der Indiv den Raum verließ.

Luratar blickte sich um.

"Wie? Nein, nein, lassen Sie es eingeschaltet! Es ist immerhin möglich, daß unsere Versuchsexemplare aus irgendeinem Grund in den Erfassungsbereich einer Station geraten. Und wenn das geschehen sollte, werden sie uns nicht mehr entkommen."

 

 
18.

 

In Matanis Augen funkelte es gefährlich.

"Du schon wieder?" fauchte sie gereizt. "Was hast du dich ständig hier herumzutreiben? Kannst du dir eigentlich nicht vorstellen, daß es Leute unter uns gibt, die wenigstens hin und wieder etwas Ruhe wollen?"

Brispin blinzelte überrascht.

"Ich hatte lediglich vorgehabt, zu Zelar hinüberzugehen." rechtfertigte er sich. "Und da kam mir der Gedanke, ich könnte einmal nachschauen, ob Naukai schon munter ist. Sie lacht und freut sich, wenn sie mich sieht." fügte er erklärend hinzu.

"Naukai schläft, und darum wirst du sie jetzt in Ruhe lassen." gab Matani barsch zur Antwort. "Sie mag noch klein sein und sich nicht zur Wehr setzen können, doch sie hat das selbe Recht auf ungestörten Schlaf wie wir alle. Sieh zu, daß du verschwindest, Brispin!"

"Aber Matani!" stammelte der jüngere Rhazaghaner. "Warum bist du so unfreundlich? Ich hatte doch gar nicht die Absicht gehabt, sie zu wecken. Ich hatte einfach nur nach ihr sehen wollen, das ist alles."

"Eine Aufgabe, die wohl nur Trysnar und mir zusteht, meinst du nicht? Damit du es endlich weißt: Das Letzte, was wir brauchen, ist jemand, der ständig seine neugierige Nase hinter unseren Vorhang schiebt. Und jetzt hau ab, oder ziehst du es vor, daß ich dich an den Haaren packe und dich zurück in deinen eigenen Wohnbereich schleife?"

Dem verdatterten Brispin stand der Mund offen. Es dauerte einen Moment, bis er die Sprache wiederfand, doch noch bevor er zu einer beschwichtigenden Antwort ausholen konnte, erklang ein vergnügtes Kichern in seinem Rücken.

"Mach dir nichts daraus, Brispin, es liegt nicht an dir. Alle Mütter machen eine Hütephase durch. Bei Matani verläuft sie lediglich etwas heftiger als üblich, das ist alles."

Matanis Kopf fuhr zu der Sprecherin herum.

"Behalte deine neunmalklugen Bemerkungen gefälligst für dich, Aryshtin!" schnappte sie. "Ich habe von dir und deinem ewig vorwitzigen Mundwerk ohnehin gründlich die Nase voll. Verschwindet von hier, und zwar alle beide, bevor ich mich vergesse!"

Aryshtin lächelte zu Brispin hinüber, dann zuckte sie gelassen mit den Schultern und drehte sich um. Der jüngere Rhazaghaner folgte ihr durch die Quartiere der anderen hindurch den Gang hinunter.

"Warum ist sie so unverträglich?" beklagte er sich. "Es mag ja sein, daß junge Mütter einen ausgeprägten Drang haben, ihr Neugeborenes zu beschützen, aber mittlerweile übertreibt Matani es wirklich. Im Laro-Habitat kamen in jedem Frühjahr einige Kinder zur Welt, doch ich wüßte nicht, daß sich jemals eine Mutter derart aggressiv verhalten hätte."

Aryshtin trat hinaus ins Freie und reckte sich zufrieden, als sie die kühle, feuchte Luft in ihren Lungen spürte. Mehrmals atmete sie tief durch, dann wandte sie sich zu ihrem Begleiter um.

"Es liegt an der Enge." erklärte sie ihm. "Matani hat keine Möglichkeit, sich in die Stille eines wirklichen Quartiers zurückzuziehen, und das geht ihr auf die Nerven. Hab noch ein wenig Geduld, es wird nicht mehr allzulange dauern, dann hat sie es überstanden. Außerdem weiß der Clanführer sehr gut, daß die mangelnde Privatsphäre hier ein Problem darstellt, und darum hat er bereits mit den Plänen für ein Habitat angefangen. So wie ich ihn kenne, wird er alles daransetzen, daß wir im Frühjahr mit dem Bau beginnen können."

"Ein richtiges Habitat!" Brispin seufzte sehnsüchtig. "Vielleicht könnten wir es bei der Nahen Tränke errichten; es ist schön dort, und man bräuchte seinen Durst morgens nicht mehr aus einer Felsvertiefung zu stillen. Auf alle Fälle wird es gut sein, wieder in einer rhazaghanischen Wohnstätte zu leben."

Er reckte sich, dann ließ er sich auf dem Felsboden nieder, doch bereits im nächsten Augenblick schoß er mit einem Satz wieder in die Höhe.

"Verflixt!" rief er aus. "Und ich dachte, sie hätten sich endlich zur Winterruhe begeben. Hör doch auf zu lachen, Aryshtin! Hilf mir lieber, ihn loszuwerden!"

Die Rhazaghani unterdrückte ihren Heiterkeitsausbruch und trat an Brispin heran, der sich unter wilden Verrenkungen bemühte, einen Blick auf sein Rückenende zu werfen. Im nächsten Moment hatte er seinen kleinen Quälgeist am Hinterleib gepackt und begann zu ziehen. Aryshtin schüttelte den Kopf.

"Laß es lieber, so hat das keinen Zweck. Wenn du einem Festhalter den Kopf abreißt, ist es fast unmöglich, seine Zangen zu öffnen. Hast du es schon einmal mit einem verzögerten Luumwechsel versucht?"

Brispin starrte sie an. "Du meinst, das funktioniert? Bist du sicher?"

Aryshtin grinste. "Vertrau einer erfahrenen Freundin! Du bist nicht der erste, der es sich hier auf Festhalterzangen gemütlich gemacht hat."

Brispin überlegte nicht lange. Mit dem nächsten Atemzug ließ er seinen Körper in einen ausgedehnten Luumwechsel gleiten, um diesen kurz darauf abzubrechen und gekonnt in die Grundform zurückzukehren. Erleichtert beobachtete er, wie das käferähnliche Geschöpf in hektischen Kreisen über den Boden krabbelte und wenig später in einer Felsspalte verschwand.

"Da stecken sie also!" bemerkte er. "Eigentlich sollten wir sie nicht so nah am Habitat dulden."

Aryshtin nahm den Jüngeren beim Arm und zog ihn ein Stück beiseite.

"Laß sie nur! Sie mögen klein sein, doch sie verstehen es, ihr Völkchen auf wirkungsvolle Weise zu verteidigen. Ich bin mir fast sicher, daß wir eines Tages von einem tapferen Rhazaghaner sagen werden, er sei furchtlos und wehrhaft wie ein Festhalter."

Brispin runzelte zweifelnd die Stirn. "Ich weiß nicht so recht!"

Er warf einen Blick zurück auf den Habitatseingang.

"Glaubst du, sie hat sich inzwischen wieder beruhigt?" fragte er dann sorgenvoll.

"Matani?" Aryshtin hob die Brauen und lachte leise. "Vielleicht wäre es sicherer, noch ein wenig Zeit verstreichen zu lassen. Komm, machen wir das Beste daraus, indem wir uns ein wenig Bewegung verschaffen. Ich möchte um nichts in der Welt eine Tracht Prügel von unserer jungen Mutter einstecken müssen."

Einträchtig wechselten sie in die Zahnluum und hatten kurz darauf das Habitat hinter sich gelassen. Gutgelaunt bewegten sie sich am Waldrand entlang, wo seit Tagen kalter weißer Nebel zwischen den Stämmen stand, ein sicheres Zeichen, daß der Winter nicht mehr weit war. Beide Rhazaghaner hatten erst ein kleines Stück Wegs zurückgelegt, als brausend ein Schwarm rot und grau gezeichneter Vögel vor ihnen aufstieg. Brispin lachte und machte ein paar übermütige Sprünge.

"Diese hier sind neu!" rief er begeistert seiner Begleiterin zu. "Nicht mehr lange, und der Kessel wird bis zum Rand mit Vögeln gefüllt sein. Was meinst du, Aryshtin, ob sie alle bleiben werden?"

"Das glaube ich eigentlich nicht!" gab diese zurück. "Zumindest ein Teil von ihnen wird wahrscheinlich weiterziehen. Die Schwarzbraunen mit den Sterntupfen sind allerdings schon recht lange da, ich halte es für durchaus möglich, daß sie den Winter hier bei uns verbringen wollen."

"Die Tümpelwächter haben ein paar von ihnen erwischt, hast du es mitbekommen?"

"Die Tümpelwächter, ha!" Aryshtin sträubte selbstbewußt die Halsmähne. "Die sollten besser darauf achten, daß sie sich ihre Bäuche nicht zu sehr mit Zugvögeln füllen. Ein langsamer Tümpelwächter kann in diesen Zeiten nur zu leicht auf satte Rhazaghaner hinauslaufen."

Brispin hob den Kopf. Ein gutes Stück von ihnen entfernt steig ein weiterer Vogelschwarm aus den Nebelschwaden auf, was der Rhazaghaner zum Anlaß nahm, sich hastig zu seiner Begleiterin umzuwenden.

"Sieh nur, Aryshtin!" zischte er aufgeregt. "Wollen wir hinübergehen und nachschauen, ob sich dort hinten eine Herde befindet? Bis zum Winteranbruch muß ohnehin noch einiges eingelagert werden."

Die Rhazaghani hob die Nase und schnupperte prüfend, aber es herrschte nicht die geringste Luftbewegung.

"Ich weiß nicht recht!" meinte sie zögernd. "Vielleicht sollte man... Ach, was soll's!" unterbrach sie sich. "Mittlerweile weiß ich kaum noch, wie es ist, ohne einen ganzen Troß Rhazaghaner zur Jagd aufzubrechen. Ich denke schon, daß auch wir beide allein etwas ausrichten können, Brispin!"

Beide setzten sich in Bewegung, doch schon kurz darauf vernahmen sie aus dem Dickicht prasselndes Knacken, das ihnen entgegenkam. Noch bevor die beiden Rhazaghaner in Deckung gehen konnten, brach ein großer Lintobock aus dem Gehölz und raste an ihnen vorbei, ohne sie auch nur im Geringsten zu beachten.

"Was sagt man dazu?" rief Brispin verblüfft. "Wenn das keine Gelegenheit ist! Los, komm, Aryshtin, ein Kinderspiel für uns beide!"

Während der jüngere Rhazaghaner durchstartete, blickte sich seine Begleiterin verwirrt um.

"Warte!" rief sie ihm nach. "Warum ist er so einfach..."

"Es ist Paarungszeit!" schrie Brispin über die Schulter zurück. "Sein Rivale muß ihn noch ein Stück verfolgt haben. Nun komm doch schon, bevor er uns entwischt!"

Für die Dauer von zwei Herzschlägen zögerte Aryshtin, doch dann setzte auch sie der flüchtenden Linto nach. Bereits wenige Augenblicke später hatte sie Brispin eingeholt, und nun nahmen sie den keuchenden Bock gemeinschaftlich in die Zange, schnitten ihm wechselseitig den Weg ab und arbeiteten sich immer weiter an ihn heran. Schließlich gelang Aryshtin der entscheidende Angriff, und gleich darauf hauchte das mächtige Tier unter ihren Zähnen sein Leben aus.

Brispin kam vergnügt auf sie zu.

"Ein guter Sprung!" rief er. "Ich glaubte eigentlich, er würde diesmal zur linken Seite ausbrechen, aber dann nahm er doch noch einmal den anderen Weg. Manchmal habe ich direkt das Gefühl, daß du sie denken hören kannst, Aryshtin!"

Nun, da der Rausch der Jagd vorbei war, kam die Rhazaghani wieder dazu, in Ruhe nachzudenken. Unruhig sah sie auf die erlegte Linto hinab.

"Er war bereits ziemlich erschöpft." murmelte sie. "Ich möchte mal wissen, was..."

Sie kam nicht dazu, ihre Überlegungen auszusprechen, weil sie im nächsten Moment von Brispins Aufschrei unterbrochen wurde.

"Aryshtin!" keuchte er fassungslos. "Sieh nur! Dort drüben!"

Mehr brachte er nicht heraus, doch seine Freundin hatte schon erkannt, was sich da vom Waldrand aus auf sie zubewegte. Vier wuchtige graue Schatten rasten heran, die Augen blitzend, die kleinen Ohren flach an die Köpfe gelegt. Die Tiere bewegten sich ebenso lautlos wie damals bei ihrer ersten Begegnung, aber diesmal waren die Kiefer geöffnet und gaben den Blick auf die mörderischen Zahnreihen frei.

Brispin sprang an Aryshtins Seite.

"Unsere Beute!" rief er. "Sie werden sie uns streitig machen."

"Laß sie!" schrie ihm Aryshtin ins Ohr. "Wir müssen laufen, Brispin!"

Beide wirbelten herum und schlugen den Weg zum Habitat ein. Die anderen mußten wissen, daß sich die Kildars entschlossen hatten, ihnen das Clangebiet streitig zu machen, denn es bestand nicht der allergeringste Zweifel daran, daß es so war. Noch während die Rhazaghaner beschleunigten, erkannten sie weitere Gestalten, die erschreckend schnell aus dem Nebel auftauchten, erst vier oder fünf, dann folgten noch mindestens sieben weitere Tiere in rascher Folge nach.

"Es sind mehr als damals!" rief Brispin voller Entsetzen.

Aryshtin antwortete nicht, und auch Brispin bemühte sich, ab jetzt keine weitere Luft zu verschwenden. Beide rannten, was ihre Beine hergaben, in der Hoffnung, daß sie ihre Feinde bis zum Habitat ein Stück würden hinter sich lassen können. Auf gar keinen Fall durfte es geschehen, daß die Kildars den Clan vollkommen ahnungslos und unvorbereitet antrafen. Brispin lauschte im Dahinjagen hinter sich, doch von dort vernahm er keinen Laut, kein drohendes Knurren, kein schweres Atmen, nichts, was darauf hinwies, wie dicht die Räuber ihnen auf den Fersen waren. Es war absolut denkbar, daß diese bereits wieder umgekehrt waren, um sich der erlegten Linto zuzuwenden, doch es gab keine Möglichkeit, diese verzweifelte Hoffnung zu überprüfen. Laufen, laufen, das war alles, worauf es jetzt ankam.  

Schon war es nicht mehr weit zum Habitat, gleich mußten die Kronen der ersten Rotbäume aus dem Nebel auftauchen, als dem jüngeren Rhazaghaner der Atem stockte. Ein gutes Stück vor ihnen brachen drei weitere Schatten aus dem Gehölz und begannen ihnen den Weg abzuschneiden.

"Wir werden nicht an ihnen vorbeikommen!" keuchte Brispin.

Es gab eine Pause von einem Herzschlag.

"Lauf!" gab Aryshtin dann zur Antwort. "Lauf und sag es den Numa, Brispin!"

Daraufhin wich sie zur Seite und stürmte mit einem schrillen Jagdschrei den drei Kildars entgegen.

Brispin wandte nicht einmal den Kopf, um ihr nachzusehen. Er wußte, in welcher Überzeugung sich Aryshtin von ihm getrennt hatte, doch er war entschlossen, alles daranzusetzen, daß es nicht zum Schlimmsten kam. Aryshtin war stark, sie würde kämpfen bis zum letzten Augenblick, und so würde es vielleicht noch nicht zu spät sein, wenn er mit den Numa hierher zurückkehrte. Nur schnell mußte er sein, sehr schnell, wenn das, was gerade hinter ihm stattfand, nicht zu Aryshtins letztem Kampf werden sollte.

Brispin rannte, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht gerannt war. Die Rotbäume ließ er in rasendem Lauf hinter sich. Dort drüben tauchte bereits die heimatliche Felswand auf, und ein Stück weiter hinten warf das Licht des Wachfeuers einen gelblichen Schein in den Nebel. Noch ein leichter Anstieg durch den Schotter, dann stürmte Brispin durch den Habitatseingang und riß im letzten Schwung Naupal zu Boden, der eben Holz hatte nachlegen wollen.

Ein halbes Dutzend Augenpaare richtete sich verblüfft auf den stürmischen Ankömmling, doch das einzige, was für diesen zählte, war das Gesicht des Clanführers, das er unter den Anwesenden erkannte. Tybrang musterte ihn voller Bestürzung, kam jedoch nicht mehr dazu, eine Frage zu stellen.

"Kildars!" schrie Brispin so laut und verzweifelt, daß es im ganzen Habitat widerhallte.

"Wo?" stieß Tybrang hervor.

"Jenseits der Rotbäume!" keuchte der Jüngere. "Aryshtin... sie hat sie aufgehalten."

Tybrang stürmte an ihm vorbei und wechselte in die Zahnluum, noch bevor er ganz im Freien war. Den Schotterhang hinunterjagen und die Rotbäume erreichen war eine Sache von wenigen Augenblicken, dann war er auch schon an den Stämmen vorbei. Im nächsten Moment drang aus dem Nebel ein schriller, heiserer Schrei, der dem Rhazaghaner das Fell sträubte.

Blind hielt er auf die Stelle zu, von wo der rauhe Ton erklungen war und stieß als erstes auf einen Kildar mit halb zerrissener Kehle. Das Tier versuchte unter fürchterlichen Röchel- und Gurgellauten, wieder auf die Beine zu kommen, obwohl ersichtlich war, daß es kurz vor dem Erstickungstod stand. Nur ein paar Schritte weiter weg erkannte Tybrang einen silberfarbenen Kildar und ein großes dunkles Exemplar, wobei das hellere Tier schrie und sich wie rasend gebärdete. Seine Pranke saß zwischen den Zähnen der am Boden liegenden Aryshtin fest, deren schwache Gegenwehr nur noch darin bestand, eisern die Kiefer geschlossen zu halten. Über der Rhazaghani stand der dritte Kildar und schüttelte sie wie einen Lumpen.

Mit gebleckten Zähnen ging Tybrang zum Angriff über, doch noch bevor er den Schauplatz des Kampfes ganz erreicht hatte, schoß Matani an ihm vorüber und stürzte sich auf das größere Tier, während das andere hinkend die Flucht ergreifen konnte. Tybrang beobachtete nicht mehr, was mit dem großen Kildar passierte, sondern beugte sich hastig über Aryshtin, die mit geschlossenen Augen dalag, das ockerfarbene Fell förmlich starrend vor Blut.

"Aryshtin!" sprach er auf sie ein. "Bitte, Aryshtin, es ist wichtig, daß du in die Grundform gehst. Anders wird es uns nicht möglich sein, dich ins Habitat zu bringen."

Zunächst kam keine Reaktion, doch dann öffnete die Rhazaghani einen Spalt weit die Augen. Im nächsten Moment erfolgte der Lichtblitz des Wechselvorgangs. Tybrang atmete dankbar auf, auch wenn ihn das Ausmaß von Aryshtins Verletzungen schaudern ließ.

"Glaubst du, daß du dich auf meinem Rücken halten kannst?" fragte er behutsam.

Die Rhazaghani nickte schwach, doch noch bevor sich Tybrang niederlegen konnte, sah er aus dem Augenwinkel etwas Ungeheures, das aus dem Nebel kam. Er fuhr herum und erblickte zu seinem Entsetzen die dunkle Matriarchin, die zielstrebig auf ihn zujagte. Ein Rudel von mindestens fünfundzwanzig Kildars folgte nach.

Tybrang stand wie erstarrt, aber dann schob sich eine zottige anthrazitfarbene Schulter zwischen ihn und die Raubtiere.

"Schützt den Clanführer!" donnerte die mächtige Stimme von Dylas, und im nächsten Augenblick war Tybrang von seinem Clan umringt, der ihm nachgefolgt war. Der Angriff, der daraufhin folgte, war von einer entsetzlichen Wucht, doch die Rhazaghaner hielten stand. Tybrang zögerte nicht mehr länger, sondern warf sich direkt neben der Verletzten zu Boden.

"Aryshtin, schnell!" flehte er sie an.

Erbärmlich mühsam stemmte sich die Rhazaghani auf Hände und Knie, kroch zu Tybrang und legte sich auf seinen Rücken. Dann schlang sie ihm die Arme um den Hals. Tybrang spürte, wie schwach der sichernde Zugriff war und hoffte inständig, daß es ihm möglich sein würde, Aryshtin in Sicherheit zu bringen, bevor sie sich nicht mehr auf ihm halten konnte. Mit aller Vorsicht erhob er sich und sah sich um, und das Bild das sich ihm bot, erfüllte ihn mit Entsetzen.

Überall ringsum tobte die Schlacht. In unmittelbarer Nähe hatte sich Brispin in einen hellen Kildar verbissen; beide wälzten über den Boden, der Kildar schweigend, der Rhazaghaner unter wütendem Knurren. Etwas weiter weg hatte Matani einen Angreifer auf den Rücken geworfen und versuchte nun, ihm trotz seiner heftigen Gegenwehr die Bauchdecke zu zerreißen. Raiji und Zelar kämpften Seite an Seite, hatten jedoch einen schweren Stand, weil sie es gleich mit drei Gegnern zu tun hatten. Im nächsten Moment kam ihnen Naupal zu Hilfe; Salikarn folgte unmittelbar darauf nach.

Währenddessen umkreiste die Matriarchin lauernd die Stelle, in deren Zentrum sich Tybrang mit der Verwundeten befand, sah sich jedoch ständig Dylas, Riardis und ein paar weiteren Numa gegenüber, die ihren Clanführer sorgfältig vor allen Angriffen abschirmten. Die große Kildar griff nicht ein einziges Mal selbst in den Kampf ein, sondern suchte unermüdlich nach einer Lücke in der aus Rhazaghanern bestehenden Festung. Mehrere Male duckte sie sich prüfend, worauf ihr Dylas jedesmal drohend gegenübertrat, die Zähne entblößt, den dunklen Körper hoch aufgerichtet. Er war kleiner als seine Gegnerin, doch er machte ihr unmißverständlich deutlich, daß es ihr nicht möglich sein würde, bis zu ihrem Ziel vorzudringen.

Tybrang erkannte, daß seine Leute geringfügig in der Überzahl waren, dennoch wußte er vor allem eines: Wenn er die Schlacht nicht sofort abbrach, würde es nicht mehr lange dauern, bis der erste Rhazaghaner starb. Um nichts in der Welt durfte dies hier noch länger fortsetzt werden.

"Zurück zum Habitat!" schrie er lauthals und wandte sich heimwärts. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, daß die Numa seinem Befehl folgten. Überall ließen sie von ihren Gegnern ab und setzten ihre verbliebenen Kräfte ein, um bedrängteren Artgenossen zu helfen. Kurz darauf hatten sich dann auch die letzten aus dem Gefecht gelöst und wandten sich gemeinsam mit dem Clan zur Flucht.

Noch bevor Tybrang das Habitat erreichte, spürte er, daß Aryshtin die Kräfte verließen. Langsam glitt sie von seinem Rücken und blieb regungslos liegen. Ohne Zögern wechselte ihr Clanführer in die Grundform, schob behutsam beide Arme unter ihren Körper und trug sie hinauf zur Wohnstätte. Am Eingang angekommen, drehte er sich noch einmal um.

In einiger Entfernung erkannte er die Matriarchin, die bewegungslos an der Spitze ihres Rudels stand und ihm nachsah. Dem Rhazaghaner war klar, daß sie sich verschätzt hatte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie siebzehn Gegner gezählt, und keiner davon, nicht einmal Matani, hatte nach baldigem Nachwuchs ausgesehen. Daß im Talkessel noch siebzehn weitere Rhazaghaner existierten, hatte die Kildar nicht ahnen können.

Dennoch waren ihre Gegner geflohen. Tybrang wußte, daß das Rudel dieses Mal nicht so schnell wieder abziehen würde; es würde für unbestimmte Zeit im Talkessel bleiben, jagen und fressen. Die Numa hatten eine fürchterliche Konkurrenz bekommen.

Als Tybrang die Wohnstätte betrat, erkannte er Trysnar, der sich in der Zahnluum befand und breitbeinig den Gang versperrte. Kein Kildar würde dazu in der Lage sein, in jenen Teil des Habitates vorzudringen, in dem Naukai zwischen ihren Fellen lag und schlief.

"Wie steht es?" fragte der junge Vater besorgt.

"Wir haben niemanden zurückgelassen." gab sein Clanführer knapp zur Antwort. Tybrang hörte noch, wie Trysnar bei Aryshtins Anblick entsetzt nach Luft schnappte, dann zwängte er sich wortlos an ihm vorbei.

Als er Aryshtins Quartier erreicht hatte, legte er sie vorsichtig auf ihrem Lager ab und versuchte in verzweifelter Eile auszumachen, welche ihrer Verletzungen am schnellsten behandelt werden mußten. Auf Anhieb war das kaum zu sagen, denn deren gab es entsetzlich viele.

Tybrang spürte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte.

"Laß mich für sie sorgen!" vernahm er Dylas' Stimme sanft hinter seinem Rücken.

Ohne Widerspruch erhob sich der Clanführer und machte Platz für seinen Berater. Als ihr Ältester hatte Dylas die meiste Erfahrung im Umgang mit Verwundeten. Noch während dieser die ersten Maßnahmen traf, wurde der Fellvorhang beiseite geschoben und Brispin kam hereingehinkt.

"Wird sie leben, Dylas?" fragte der jüngere Rhazaghaner unglücklich.

"Ich weiß es nicht, Brispin! Wie ist es mit dir? Bist du verletzt?"

"Es ist nicht so schlimm. Mein Gegner war kein besonders guter Kämpfer."

Dylas seufzte. "Er ist noch jung. Die vielen hellen Kildars, die wir gesehen haben - sie sind alle in diesem Jahr geboren worden. Die meisten wahrscheinlich noch nach unserer ersten Begegnung."

Brispin riß die Augen auf.

"Bist du sicher? Aber wie ist so etwas nur möglich?"

"Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß nur, daß es so ist. Geh jetzt und bring mir die blutstillenden Pflanzen, die wir eingelagert haben, Brispin!"

Niedergeschlagen verließ Tybrang das Quartier. Er wußte, daß er keinen besonders guten Arzt abgab, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als Aryshtin der Obhut von Dylas zu überlassen. Seine eigene Aufgabe war es, nachzusehen, was das Rudel der Kildars unter seinen Leuten angerichtet hatte.

Wie er feststellen konnte, waren die Numa bereits damit beschäftigt, sich gegenseitig zu versorgen. Die unverletzte Riardis war gerade dabei, sich um Antalik zu kümmern, die mehrere unterschiedlich stark blutende Verletzungen davongetragen hatte. Auch bei Zelar, Raiji, Salikarn und etlichen anderen hatte der Kampf üble Spuren hinterlassen, doch glücklicherweise befand sich keiner in einem derartigen Zustand wie Aryshtin. Allerdings war die Anspannung unter den Numa deutlich zu spüren.

"Als ob man eine Säge angesetzt bekäme." bemerkte Zelar gerade und betrachtete melancholisch die häßliche Verletzung auf seinem Arm, die wie häufig in solchen Fällen nach dem Luumwechsel etwas verzerrt wirkte. "Die Schöpfung hat sie beneidenswert gut bewaffnet, soviel steht fest."

"Bah!" meinte Matani wegwerfend. "Ihr Gebiß mag gut sein, aber ihr Fell taugt nicht viel. Nicht im mindesten so dicht und verwoben wie bei der Zahnluum, man kommt fast sofort durch. Ich glaube kaum, daß die Kildars zuhause auf ihrer Welt gegen bissige Larke und nadelzähnige Uraukhs antreten müssen."

"Oder gegen Atalane!" rief Salikarn auftrumpfend. "Wißt ihr noch, Clanführer Tarkin letztes Jahr? Das gesamte Rudel da draußen brächte so etwas nicht fertig, da gehe ich jede Wette ein."

"Natürlich nicht!" stimmte ihm Sispar zu. "Und sie waren nicht ganz so zahlreich wie wir, habt ihr es gesehen? Außerdem dürften es jetzt noch zwei oder drei weniger sein. Was meinst du, Clanführer, sollten wir nicht hinausgehen und sie aus unserem Clangebiet vertreiben?"

"Nein, Sispar!" antwortete Tybrang ruhig. "Wir mögen in der Überzahl sein, das ist richtig, aber wenn wir uns jetzt wieder in den Kampf werfen, dann werden wir noch heute die ersten Toten zu beklagen haben. Ich bin nicht bereit, eine solche Entscheidung gutzuheißen."

"Aber was sollen wir dann tun?" rief Sispar. "Sie sind dort draußen, sie machen uns das Clangebiet streitig, unsere Heimat, nach der wir so verzweifelt gesucht haben. Gibt es denn nicht Dinge, für die man auch bereit sein muß, Opfer zu bringen?"

Die Augen seines Clanführers wurden schmal.

"Du willst Opfer bringen, Sispar? Sieh dich um! Wer von den Numa soll es denn sein, auf wen bist du bereit zu verzichten? Auf Dylas vielleicht? Er ist immerhin derjenige von uns, der auf die meisten Jahre zurückblicken kann. Oder wie wäre es mit Matani? Sie hatte jedenfalls schon die Gelegenheit, sich fortzupflanzen, vielleicht macht es ihr dieser Umstand leichter, ihr Leben zu lassen. Es könnte auch Raiji treffen, möglicherweise noch Zelar dazu, schließlich sind sie Gefährten. Und schließlich macht der Tod auch nicht vor einem Clanführer halt. Also was sagst du, Sispar?"

Mehrere Augenblicke herrschte betroffenes Schweigen. Tybrang wartete noch einen Moment ab, dann beendete er die Diskussion mit einem einzigen Satz, wobei er jedes Wort betonte.

"Der Einzelne bedeutet viel bei uns!!!"

Daraufhin drehte er sich um und kehrte wieder zu Aryshtins Quartier zurück.

Dort angekommen ließ er sich in einer Ecke nieder und beobachtete hilflos die Bemühungen seines Beraters. Wenn Dylas etwas benötigte, erhob er sich eilig und brachte ihm das Gewünschte, während Brispin die Maßnahmen des Älteren aufmerksam und geschickt unterstützte. Hin und wieder warf einer der Numa einen besorgten Blick in das Quartier, doch ihr Clanführer bedeutete jedem mit einem stillen Kopfschütteln, daß Dylas zur Zeit nicht abgelenkt werden durfte.

Es waren quälende Gedanken, die Tybrang in der Zeit des Wartens durch den Kopf gingen. Aryshtin hatte ihn seit Beginn ihrer Flucht unterstützt, hatte ihm ihr Vertrauen geschenkt und seine Entscheidungen mitgetragen. Er selbst hatte schon bald erkannt, welch verläßliche Freundin ihm das Schicksal hier zur Seite gestellt hatte und so hatte er ihren klugen Rat, ihre Tapferkeit und ihren vergnügten Humor schätzen und lieben gelernt. Eine Clangemeinschaft ohne Aryshtin war etwas, was ihm schlicht unvorstellbar erschien.

Tybrang biß verzweifelt die Zähne zusammen. Er wollte niemanden verlieren, weder Aryshtin noch irgend jemand anderen. Mochten die Kildars auch dort draußen lauern, er würde zu verhindern wissen, daß sie noch einen weiteren von seinen Leuten zu fassen bekamen. Notfalls würden sich die Numa so lange im Habitat aufhalten müssen, bis die Eindringlinge den Talkessel wieder verlassen hatten. Die Wohnstätte war leicht zu verteidigen; sollten sich ihre Gegner also die für ihren rasanten Fortpflanzungszyklus benötigte Energie einverleiben und danach verschwinden.

Er wurde aufmerksam, als Dylas sich zurücklehnte und sich mit einem Seufzer das Haar aus der Stirn strich.

"Wie steht es mit ihr?" fragte Tybrang hoffnungsvoll.

Sein Berater wandte ihm das Gesicht zu.

"Die Blutungen sind nun endgültig gestillt, allerdings wäre ich glücklich, wenn wir einen Regenerator hätten." gab er zur Antwort. "Sieh dir diese eingesackten Wundränder an; so etwas heilt nicht von selbst. Eigentlich müßte man sie zusammennähen wie einen Vorhang oder ein Kindergewand, so hätte man es in alten Zeiten gemacht. Das Dumme ist nur, daß wir über kein Material verfügen, das sich für eine solche Arbeit eignet. Natürlich ließe sich eine Nadel rasch herstellen, aber was nützt uns das, wenn wir über nichts als derbe Lederriemen verfügen. Was mir fehlt ist etwas, das entsprechend fein ist, und dennoch die Wundränder zuverlässig zusammenhält."

Brispins Augen weiteten sich.

"Dylas!" rief er aus. "Ich glaube, ich kann dir etwas in der Art besorgen. Warte einen kleinen Moment, ich bin gleich wieder da!"

Im nächsten Augenblick war er aufgesprungen und hatte das Quartier verlassen. Tybrang erhob sich beunruhigt und folgte ihm nach.

"Brispin!" rief er dem Jüngeren hinterher. "Warte, wo willst du hin? Du darfst auf gar keinen Fall das Habitat verlassen. Hörst du, Brispin?"

"Mach dir keine Sorgen, Clanführer!" erklang Brispins Stimme ein paar Quartiere weiter vorn. "Ich habe nicht vor, wegzugehen; das was ich suche, kann ich direkt vor dem Eingang finden, du wirst es gleich sehen."

Tybrang war noch nicht im Freien angelangt, als Brispin auch schon wieder an ihm vorbeieilte.

"Entschuldige, Clanführer!" rief er über die Schulter zurück. "Es muß schnell gehen, ich weiß nicht, ob ich ihn noch lange halten kann."

Tybrang sah ihm verblüfft nach, dann trat er den Rückweg zu Aryshtins Unterkunft an. Als er dort anlangte, konnte er erkennen, daß Brispin Dylas etwas Kleines, sich Windendes entgegenhielt. Der ältere Rhazaghaner betrachtete das Etwas mit großen Augen.

"Mein Junge," sagte er dann nach kurzem Schweigen, "das ist eine großartige Idee. Prüfen wir also nach, ob sie funktioniert!"

Neugierig trat Tybrang näher und beobachtete sprachlos, wie sein Berater die Ränder einer klaffenden Oberschenkelverletzung gegeneinander drückte, während Brispin das kleine Geschöpf, das sich als Festhalter entpuppte, an die Wunde heranbrachte. Er brauchte das Tierchen nicht lange zu reizen; die winzigen Zangen packten zu und hielten das Gewebe zusammen.

Dylas handelte sofort. Entschlossen setzte er seine Nägel direkt hinter dem Kopf des Festhalters an und kniff dessen Hinterleib ab, doch das Tier zeigte sich selbst nach seinem Tod noch beharrlich: Die Zangen blieben geschlossen.

"Dylas, es geht!" rief Brispin glücklich aus.

Der ältere Rhazaghaner atmete tief durch.

"Wieviele kannst du mir davon besorgen?" fragte er dann.

"Eine ganze Menge!" antwortete Brispin eifrig. "Sie leben in einer Felsspalte im Boden, man muß nur aufpassen, daß sie einen nicht zuerst zu fassen kriegen. Darf ich, Clanführer?"

Tybrang legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Ich komme mit, Brispin!" sagte er. "Versuchen wir unser Jagdglück! Außerdem bin sicher, daß Riardis und noch ein paar andere dir ebenfalls gern zur Hand gehen würden."

 

Es folgten Tage der Untätigkeit. Tybrang hatte ein striktes Verbot ausgegeben, das Habitat zu verlassen, und so blieb den Numa nichts anderes übrig, als in der Enge ihrer Quartiere zu sitzen, ihre Wunden auszukurieren und auf den Abzug der Kildars zu warten. Da niemand auf die Jagd ging, mußten die Vorräte angebrochen werden, während Wasser nur aus den Felsvertiefungen der unmittelbaren Umgebung geschöpft werden konnte.

Der Habitatseingang wurde ständig bewacht. Tybrang selbst stand oft lange da und beobachtete die Baumkronen, die sich ringsum im Talkessel erhoben, und wenn ein Vogelschwarm in wilder Panik in die Höhe stieg, wußte er, daß sich die Kildars wieder auf der Jagd befanden. Es schien fast so, als wollten die Eindringlinge nicht gehen, bevor sie das gesamte Numa-Gebiet leergefressen hatten.

Immer wieder suchte Tybrang Aryshtins Quartier auf, sah nach der Verletzten und sorgte dafür, daß Dylas ein wenig Schlaf bekam. Aryshtins Zustand war weiterhin ernst. Zwar machten ihre Wunden einen sauberen Eindruck, doch wenn man die Rhazaghani ansprach, erfolgte meistens keine Reaktion; dennoch war erkennbar, daß ihr Bewußtsein zeitweilig in einen halbwachen Dämmerzustand aufstieg. Solche Momente nutzten Dylas und Tybrang, um der Geschwächten unter sanften und ermutigenden Worten etwas Wasser einzuflößen.

Wieder brach eine neue Morgendämmerung an. Tybrang schob unruhig die Felle zur Seite und erhob sich von seinem Lager; er hatte fast die ganze Nacht über wach gelegen.

Riardis richtete sich auf und musterte ihn besorgt.

"Du bekommst viel zu wenig Schlaf, Tybrang! Bleib doch liegen und ruh dich noch ein wenig aus! Ich kann sehr gut an deiner Stelle nach dem Rechten sehen."

"Im Moment bekomme ich mehr Ruhe als mir lieb ist." seufzte ihr Partner. "Tätig zu werden, das ist es, was ich mir wünsche, aber leider gibt es keine andere Möglichkeit als zuzusehen, wie unsere Feinde das Clangebiet plündern. Es hasse es, derart hilflos zu sein, Riardis!"

Die Rhazaghani schwieg betrübt, und Tybrang begab sich zum Eingang, wo Isnalikit und Salikarn am Wachfeuer saßen. Beide reagierten nicht, als er herankam, sondern horchten weiterhin schweigend nach draußen, weshalb auch ihr Clanführer lauschend stehenblieb.

Einen Moment blieb alles ruhig. Dann gellte der Schrei einer zu Tode geängstigten Linto durch den Talkessel.

"So geht das nun schon seit Tagen." flüsterte Isnalikit. "Man könnte fast meinen, sie würden niemals satt. Weshalb benötigen sie bloß solch ungeheure Mengen?"

Tybrang verzog grimmig das Gesicht.

"Wegen ihrer Fortpflanzung, Isnalikit!" gab er ihr zur Antwort. "Wegen ihrer Fortpflanzung und ihres schnellen Wachstums. Sie müssen über eine gute Möglichkeit verfügen, die aufgenommene Energie zu speichern und anschließend an ihren Nachwuchs weiterzugeben. Sobald sie auf eine reiche Nahrungsquelle stoßen, geht es los: Sie füllen ihre Depots und pflanzen sich unmittelbar darauf fort. Bei diesem Tempo ist es kein Wunder, daß sich ihre Spezies hier so hartnäckig hält."

Salikarn schwieg; dann sah er zaghaft zu ihm auf.

"Aber die Herden, Clanführer!" sagte er leise. "Sie werden sie auf das Fürchterlichste dezimieren. Und wir müssen damit rechnen, daß das übrige Wild nicht bleibt, sondern aus dem Talkessel flüchtet. Wir haben aber schon jetzt damit angefangen, unsere Wintervorräte zu verzehren, sie werden niemals bis zum Frühjahr reichen. Clanführer, glaubst du nicht, es wäre doch besser, wenn..."

In Tybrang stieg eine Welle der Verzweiflung auf. Wild fuhr er zu Salikarn herum.

"Niemand verläßt das Habitat!" donnerte er. "Niemand, habe ich gesagt!"

Salikarn zog eingeschüchtert den Kopf ein, Tybrang dagegen drehte sich um und schritt wieder den Gang hinunter.

Während seines Weges durch die Quartiere hatte er Mühe, sich die Ratlosigkeit, die ihn quälte, nicht anmerken zu lassen. Salikarns Überlegungen waren ihm alles andere als neu; es waren jene Gedanken, die ihm schon seit Beginn ihrer Belagerung durch den Kopf gingen. Tatsächlich mußte man befürchten, daß die Kildars ein leergefegtes Clangebiet hinterließen, dabei waren die Vorratskammern der Numa noch nicht einmal annähernd gefüllt gewesen. Diesmal würde es ihnen allerdings nicht möglich sein, sich ein weiteres Mal auf den Weg zu machen um sich nach neuen Jagdgründen umzusehen. Sie hatten ein Kind bei sich, ein kleines Kind, und Tybrang wußte, daß Naukai niemals in der Lage sein würde, die Kälte und Strapazen einer Winterwanderung zu überstehen. Rhazaghanischer Nachwuchs war auf den Schutz des Habitates angewiesen.

Als er den Vorhang vor Aryshtins Unterkunft zur Seite schob, blickte Dylas auf. Der ältere Rhazaghaner wirkte müde und abgekämpft; auch er hatte in der letzten Zeit nur wenig Ruhe gefunden.

"Ich bleibe jetzt eine Weile bei ihr." erklärte Tybrang. "Leg dich hin und schlaf, Dylas!"

Sein Berater stand auf und reckte sich, dann schüttelte er den Kopf.

"Nur einen Moment hinlegen, mehr ist nicht nötig. Allerdings würde ich jetzt gern eine Kleinigkeit essen. Sollte in der Zwischenzeit irgend etwas sein, dann zögere nicht, mich sofort zu rufen."

Gleich darauf war Tybrang mit der Bewußtlosen allein. Behutsam ließ er sich neben dem Kopfende nieder und bemühte sich, den Zustand von Aryshtins Verletzungen einzuschätzen. Die Wundränder wurden in schönen regelmäßigen Abständen von Festhalterköpfen zusammengehalten, ein Bild, das ebenso akkurat wie makaber wirkte. Aber auch wenn die meisten Stellen ein wulstig geschwollenes Aussehen besaßen, bestand doch kein Zweifel daran, daß der Heilungsprozeß eingesetzt hatte.

Tybrang seufzte lautlos und erleichtert, wurde jedoch bald wieder von seinen sorgenvollen Gedanken eingeholt. Einige Zeit saß er da und überlegte verzweifelt, bis ihm bewußt wurde, daß er eben eine leise Bewegung im Augenwinkel wahrgenommen hatte.

Sofort wandte er den Kopf. Seine Beraterin hatte die Augen geöffnet, schaute ihn an und lächelte.

"Aryshtin!" rief er glücklich und beugte sich über sie. "Endlich, wir hatten uns solche Sorgen gemacht. Wie geht es dir, hast du Schmerzen?"

Die Verletzte antwortete nicht gleich, sondern fuhr zunächst fort, zu lächeln. Schließlich versuchte sie zu sprechen, brachte aber nur einen kratzigen Laut zustande.

"Warte, ich hole etwas Wasser!" beschwichtigte sie Tybrang, doch Aryshtin holte Luft und setzte ein zweites Mal an.

"Ilgash..." begann sie, dann brach sie wieder ab, versuchte es jedoch gleich darauf von Neuem.

"Ilgash meinte, wir... wären zu verschieden... er... und ich." kam es rauh und fremd aus ihrer Kehle. Sie verstummte einen Moment, daraufhin erschien wieder ein schwaches Lächeln auf ihrem Gesicht.

"Er... würde staunen... über unsere Ähnlichkeit... jetzt." brachte sie anschließend mit Mühe zustande.

Tybrang betrachtete sie bekümmert. Kein Zweifel, Aryshtin wußte, wie sie aussah, und da sie keinen Regenerator besaßen, mußte ihr auch klar sein, daß ihr ein schlimm zernarbter Körper bleiben würde. Bei dem Ausmaß ihrer Verletzungen war es sogar sehr unwahrscheinlich, daß sie eines Tages ihr bisheriges Leben wieder aufnehmen konnte. Die Begegnung mit den Kildars hatte Aryshtins Existenz als Jägerin ausgelöscht.

Etwas später kehrte Dylas zurück und Tybrang verließ Aryshtins Quartier, fieberhaft über eine Lösung nachgrübelnd.

"Ein Meisterjäger, das ist es, was wir bräuchten!" murmelte er verzweifelt.

Ein Meisterjäger, ja! Aryshtin jedoch lag schwer verletzt auf ihrem Lager und würde ihnen in dieser Hinsicht nie wieder helfen können. Es war eine hoffnungslose Situation.

"Du gabst einmal einen vielversprechenden Jäger ab." wandte eine Stimme aus Tybrangs Erinnerung ein.

"Das war damals!" antwortete er leise ihrem Eigentümer. "Tarkin, was würdest du tun?"

Er dachte kurz nach, und gegen seinen Willen begann er zu lächeln.

"Was für eine Frage! Du würdest dich aufmachen, in der Steppenluum natürlich, und würdest dich mit ihnen anlegen. Und du würdest es auch schaffen, Tarkin, da habe ich nicht den geringsten Zweifel. Verdammt, ich wünschte, ich könnte sie sehen, die dummen Gesichter der Kildars, wenn eine Steppenluum..."

Er hielt in seinen Gedanken inne. Die Steppenluum. Die Kildars hatten noch nie eine Steppenluum gesehen.

Und Tybrang begann zu überlegen. Es war nicht gerade viel, was sie über die Kildars wußten. Dennoch konnte man aus den bisherigen Erfahrungen durchaus ein paar Schlußfolgerungen ziehen. Diese Geschöpfe waren furchtlos, stark und anpassungsfähig, soviel hatte sich gezeigt. Sie vermehrten sich schnell, und die Älteren unter ihnen gaben kluge und verschlagene Gegner ab. Ganz besonders schien das aber für das älteste, das Leittier zu gelten.

Tybrang dachte an die dunkle Matriarchin. Zweifellos eine mächtige Jägerin, intelligent und erfahren, die unumstrittene Herrscherin unter ihren Leuten, und gerade hier lag seiner Ansicht nach ihre Chance. Sie war nur gering und beruhte allein auf einer Vermutung, doch zum ersten Mal tat sich vor Tybrangs Augen eine Möglichkeit auf.

Er wußte, daß er schnell war. Nicht so schnell wie Tarkin, das nicht, aber vielleicht doch schnell genug. Es stand ihm genau ein Versuch zur Verfügung, um das herauszufinden.

Nun, nachdem er seinen Plan gefaßt hatte, begab er sich zu den Vorratskammern und versorgte sich mit einer reichlichen Mahlzeit. Anschließend kehrte er zu seinem Quartier zurück, streckte sich auf seinem Lager aus und versuchte, noch etwas Kraft zu sammeln. Wie er es erwartet hatte, war er zu unruhig, um wirklichen Schlaf finden zu können, dennoch wollte er seinem Körper so viel Ruhe zugestehen, wie unter diesen Umständen möglich war.

Mehrmals wurde sein Vorhang beiseite geschoben, doch der Clanführer schloß jedesmal die Augen und stellte sich schlafend. Er war nicht sicher, ob er seine innere Anspannung während des gesamten Tages würde verbergen können, und so war er erleichtert, daß sich jeder seiner Besucher still und rücksichtsvoll wieder entfernte. Bald darauf sank der Geräuschpegel in den näheren und weiteren Quartieren stark ab, wie Tybrang gerührt feststellen konnte.

Erst tief in der Nacht erhob er sich wieder von seinem Lager. Er war sicher, daß die meisten Numa mittlerweile schliefen, und ein leiser Gang durch die Quartiere bestätigte seine Vermutung. Lediglich Zelar, Raiji und Niskard saßen noch im Licht der Rohrfackeln beisammen und unterhielten sich flüsternd. Tybrang nickte ihnen kurz zu, als er den Wohnbereich durchquerte.

Es folgte Salikarns Quartier, dann Brispins. Vor Riardis' Lager hielt er kurz an und betrachtete seine schlafende Partnerin. Es betrübte ihn, daß ihm keine Möglichkeit zum Abschied geblieben war, doch es wäre zu riskant gewesen, wenn er Riardis ins Vertrauen gezogen hätte. Bei dieser Sache sollte nur ein Leben aufs Spiel gesetzt werden und nicht ein einziges mehr.

In Aryshtins Quartier fand er sowohl die Verwundete als auch Dylas schlafend vor, was Tybrang mit Erleichterung zur Kenntnis nahm. Es war ein gutes Zeichen, wenn ihr Ältester es für tragbar hielt, sich etwas Schlaf während der Krankenwache zu gönnen. Anscheinend war Dylas während des Tages zu der Überzeugung gelangt, daß die kritischste Phase nun überwunden war.

Behutsam ging Tybrang neben Aryshtin in die Hocke und betrachtete ihre entspannten Züge. Aryshtins Zeit als Jägerin war vorbei, aber sie würde eine gute und verläßliche Beraterin für Dylas abgeben, wenn dem bisherigen Clanführer etwas zustoßen sollte. Das gleiche galt für Riardis. Was auch immer geschah, die Numa würden einen Weg finden, um weiter zu existieren.

"Clanführer?" hauchte eine Stimme hinter Tybrang Rücken.

Er wandte den Kopf.

"Ja, was ist denn, Matani?"

Die junge Mutter erwiderte seinen Blick, dann wanderten ihre Augen zu der schlafenden Aryshtin hinüber.

"Ich... ich wollte nur sagen, daß es meinetwegen geschah." bekannte sie kummervoll. "Ich hatte schlechte Laune und wollte meine Ruhe, da habe ich den beiden mit Handgreiflichkeiten gedroht. Sie verließen das Habitat nur deshalb, weil sie mir aus dem Weg gehen wollten. Ich habe sie den Kildars direkt in den Rachen gejagt."

Ihr Clanführer seufzte und sah wieder auf Aryshtin hinab.

"Die Eindringlinge hätten auf jeden von uns stoßen können, aber der Zufall wollte, daß sie auf eine mutige Kämpferin und einen schnellen Läufer trafen. Wer weiß, was sonst alles geschehen wäre. Klag dich nicht weiter an, Matani!"

Hinter seinem Rücken blieb es ruhig, so daß Tybrang nach einer Weile über die Schulter blickte. Wie er feststellen konnte, stand dort niemand mehr. Matani war still wieder gegangen.

Er blieb noch eine Zeitlang sitzen und lauschte Dylas' und Aryshtins friedlichen Atemzügen. Schließlich erhob er sich und begab sich zum Habitatseingang, wo Flindal und Antalik beim Wachfeuer saßen.

"Geht ruhig schlafen!" wandte er sich an die beiden. "Ich habe mich heute tagsüber ausgeruht und kann den Rest eurer Wache übernehmen."

"Du ganz allein, Clanführer?" fragte Flindal überrascht. "Sollte nicht lieber einer von uns hierbleiben und dir Gesellschaft leisten?"

"Das ist nicht nötig, momentan würde ich nur einen recht wortkargen Gesprächspartner abgeben. Ich wollte hier lediglich etwas sitzen und nachdenken, und darum wäre es mir ganz lieb, wenn ich allein sein könnte."

Flindal wechselte einen kurzen Blick mit Antalik, dann nickten beide und erhoben sich. Bevor sie ihn verließen, drehte sich Antalik noch einmal um.

"Clanführer," fragte sie zaghaft, "glaubst du, daß..."

"Mach dir keine Sorgen!" wurde sie sanft unterbrochen. "Ich bin sicher, daß sich ein Ausweg finden wird. Geh jetzt und schlaf, Antalik!"

Die Rhazaghani nickte beruhigt, dann folgte sie Flindal den Gang hinunter. Kurz darauf verhallten ihre Schritte, und Tybrang war allein.

Lange Zeit saß er da, horchte hinaus in die Nacht und wartete. Die kalte Luft trug eine Vielzahl von Gerüchen mit sich, und Tybrang atmete sie tief ein, sann über sie nach und genoß seine Lebendigkeit. Schließlich sah er den Himmel blasser werden, und bald darauf breitete sich die Dämmerung im Talkessel aus.

Bevor er ging, legte er so lange Holz nach, bis das Feuer hell und prasselnd brannte. Er konnte nur hoffen, daß, sollte sein Plan fehlschlagen, es die Kildars noch bis weit in den Morgen hinein vom Habitat abhalten würde. Nachdem er diese Vorsorge getroffen hatte, machte er sich auf und schritt langsam den Schotterhang hinunter.

Auf festem Boden angekommen, drehte er sich noch einmal um und blickte zurück zur leuchtenden Öffnung der Wohnstätte. Einen Moment lang stand er still da und dachte an das Jahr, das hinter ihm lag. Dann wandte er sich ab, wechselte in die Steppenluum und machte sich auf den Weg.

Es war zunächst ein seltsames und ungewohntes Gefühl, sich nach so langer Zeit wieder in diesem Körper zu befinden. Das letzte Mal, daß Tybrang die Steppenluum verwendet hatte, war vor über zwei Jahren gewesen, als er mit Nirrit zu einem Schulungsausflug aufgebrochen war. Überrascht stellte er fest, daß er seine Beine in dieser Gestalt gar nicht als so lang in Erinnerung gehabt hatte.

Eine leichte Besorgnis überkam ihn, doch bereits nach wenigen Schritten kehrte das vertraute Gefühl für den hochgebauten Körper wieder zurück, und Tybrang setzte sich in Trab. Dann griff er weiter aus, fühlte sich schneller werden und sah den dampfenden Atem, den er in die Morgenluft blies. Schon wenige Augenblicke später passierte er den Schauplatz des Kampfes, jenen Ort, an dem die dunkle Kildar versucht hatte, den Clan der Numa zu enthaupten.

Tybrang wußte, was passiert wäre, wäre er der Matriarchin zum Opfer gefallen. Es hätte sich nichts geändert, weil Dylas ohne Zögern die Lücke geschlossen hätte, und wäre er als nächster gefallen, hätte Riardis seinen Platz eingenommen. Ein Clan brauchte und liebte seinen Clanführer, doch das bedeutete nicht, daß er ohne ihn handlungsunfähig war. Das Volk der Rhazaghaner hätte niemals auf seiner Welt bestehen können, wenn es sich nicht durch enorme Flexibilität ausgezeichnet hätte.

Natürlich waren ihnen die Lebensgewohnheiten der Kildars noch so gut wie unbekannt. Das Verhalten der Matriarchin während des Kampfes ließ jedoch darauf schließen, daß sie sich von ihrer Strategie ein ganz bestimmtes Ergebnis versprochen hatte. Tybrang war nicht sicher, wie ihre Erwartung ausgesehen hatte, doch er gedachte es herauszufinden.

Zunächst jedoch galt es eine Aufgabe zu lösen, die sich ebenso schwierig wie riskant gestalten mochte: Er mußte die Kildars schneller aufspüren als sie ihn. Hatten die Eindringlinge erst einmal einen Kreis um ihn geschlossen, würde er unrettbar verloren sein. Tybrang hielt es für sinnvoll, zunächst einmal die verschiedenen Wasserstellen aufzusuchen, und so machte er sich horchend und witternd zur Nahen Tränke auf.

Seine Feinde fand er dort nicht, dafür aber das, was sie übriggelassen hatten. Offenbar hatten die Kildars eine komplette Lintoherde am Wasser überrascht und ihnen den Fluchtweg abgeschnitten. Tybrang zählte die Überreste von sechzehn Tieren, die über das Ufer und die unmittelbare Umgebung verstreut lagen; starke Böcke und kräftige Weibchen, erfahrene Alttiere und zierliche Halbwüchsige, sie alle waren gleichermaßen dem jagenden Rudel zum Opfer gefallen.

Tybrang betrachtete bekümmert das Schlachtfeld, denn nun vermochte er sich vorzustellen, was in der Zwischenzeit im Clangebiet vorgegangen war. Rhazaghaner hatten Erfahrung darin, durch die Wahl ihrer Beute den Wildbestand kurz und gleichzeitig gesund zu halten, sie stellten eine Ergänzung und keine Belastung des Clangebietes dar. Die Kildars dagegen folgten den Gesetzen einer Welt, dessen Fauna sich wahrscheinlich wesentlich schneller zu regenerieren vermochte, und daher wirkte sich ihre Gegenwart hier verheerend aus. Zwar vermochte die fremde Spezies auf Cardassia zu existieren, war jedoch nicht dazu fähig, mit der einheimischen Tierwelt ein ausgewogenes Ganzes zu bilden. Die Kildars würden auf dieser Welt immer ein Fremdkörper bleiben.

Mit gebotener Vorsicht setzte der Rhazaghaner seine Suche fort, immer wieder auf Überreste von Kildar-Mahlzeiten stoßend. Schließlich, die Sonne bewegte sich bereits gegen Mittag, entdeckte er an mehreren Stellen frische Losung, die eindeutig von Fleischfressern stammte; das Rudel mußte sich ganz in der Nähe befinden.

Bald hatte er die Eindringlinge ausgemacht. Die Kildars hielten sich in der Nähe einer größeren Wasserfläche auf, wo sie eine Anzahl von Tümpelwächtern erbeutet hatten. Nun lagen die Räuber ein Stück weit entfernt im nassen Herbstlaub und dösten.

Tybrang beobachtete seine Feinde eine Weile vom Gehölz aus, dann war er sicher, daß der Zeitpunkt günstig war. Zwar hatten die Eindringlinge erst vor kurzem Nahrung aufgenommen, doch auf ihre Raubgier würde Verlaß sein. Scheinbar ruhig und arglos verließ er die Deckung, zog ein Stück auf die Lichtung hinaus und senkte den Kopf wie zur Weide. Daraufhin blickte er auf und sah mit unschuldig spielenden Ohren zu den Kildars hinüber.

Bei seinem Anblick waren zwei dunkle Angehörige des Rudels aufgesprungen, jedoch ohne sich völlig aufzurichten. Halbgeduckt, wie mitten in der Bewegung eingefroren, standen sie da, zitternd vor Jagdfieber, und wandten die Köpfe ihrer Anführerin zu.

Die Matriarchin blieb zunächst bewegungslos, doch dann erkannte Tybrang, wie sie die klobige Nase vorschob und mißtrauisch in seine Richtung witterte. Dieses Geschöpf dort drüben ähnelte zwar geringfügig einer Linto, war jedoch größer und kräftiger gebaut. Zudem besaß es eine gänzlich andere Witterung, ganz davon abgesehen, daß es sich auf eine Weise verhielt, die ihr noch nicht untergekommen war. Die alte Jägerin streckte den Hals noch etwas weiter vor und blinzelte verwundert.

Tybrang machte ein paar gemessene Schritte und wartete geduldig, während er seine Gegnerin aufmerksam beobachtete. Er war sicher, daß sie der Versuchung nicht würde widerstehen können. In ihrem ganzen Leben war sie noch keiner Beute wie ihm begegnet, und das bedeutete, daß sie der Einladung folgen würde. Tybrang wußte von keinem intelligenten Geschöpf, daß nicht zugleich auch neugierig gewesen wäre.

Langsam erhob sich die alte Kildar, stemmte die starken Pranken in den Boden und reckte sich ausgiebig, während die übrigen Mitglieder des Rudels ihrem Beispiel folgten. Einige gähnten lautlos und ließen dabei die sägeartigen Zahnleisten sehen, andere schüttelten die mächtigen Leiber. Es war ein Bild, das denkbar harmlos gewirkt hätte, wäre der Anblick jedes einzelnen Räubers nicht so furchterregend gewesen.

Tybrang spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Noch vor wenigen Augenblicken war er von seinem Vorhaben völlig überzeugt gewesen, doch nun war er sich nicht mehr so sicher. Überdeutlich kam ihm zu Bewußtsein, daß er sich in der Steppenluum befand, und daß er diesen Ungeheuern dort im Kampf fast nichts entgegenzusetzen hatte. Sein Überlebensinstinkt meldete sich lautstark zu Wort, forderte ihn dazu auf, Vernunft anzunehmen und beschwor ihn, die Steppenluum zu verlassen. So übermächtig wurden die Stimmen des Zweifels, daß der Rhazaghaner um ein Haar den Moment des Angriffes verpaßt hätte.

Mit erschreckender Plötzlichkeit war die dunkle Kildar gestartet und raste in weiten Sätzen auf ihn zu, das Rudel hinter sich. Der Rhazaghaner warf sich auf der Hinterhand herum und legte seine ganze Kraft in die Beschleunigung, flüchtete ohne das geringste Besinnen zur einzigen offenen Seite. Sein Körper streckte sich und gewann weiter an Geschwindigkeit, brachte ihn in halsbrecherischem Tempo voran. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten rannte Tybrang wieder um sein Leben.

Mehrere Augenblicke vergingen, bis endlich das Gefühl der Panik soweit von ihm wich, daß ihm sein Vorhaben wieder in Erinnerung trat. Sofort schlug er in einem weiten Bogen seine endgültige Richtung ein, direkt nach Süden, zum Schattenhang. Er hatte noch eine tüchtige Strecke Wegs vor sich, und selbst bei dieser Geschwindigkeit würde sie ihm lang werden, äußerst lang, das wußte er. Er konnte nur hoffen, daß er in der Lage war, seine Verfolger bis zum Schluß auf Abstand zu halten.

Er blickte nicht hinter sich, doch er wußte, daß die Kildars ihm dicht auf den Fersen waren, ohne den geringsten Laut folgten sie ihm nach. Der Rhazaghaner wäre froh gewesen, hätten seine Feinde während der Jagd geheult, gefaucht oder geschrien; diese leise, schweigende Meute hinter ihm war etwas, wovor ihm graute. Kam er aus irgendeinem Grund zu Fall, würde sie sich vermutlich mit derselben Lautlosigkeit auf ihn stürzen und ihn zerreißen.

Tybrangs Augen hefteten sich auf den Waldrand, der rasch näherkam und sich wie eine Barriere vor ihm ausbreitete. Gleich darauf hatte er entdeckt was er suchte; erleichtert hielt er auf einen der zahlreichen Wildpfade zu, die durch Generationen von durchziehenden Lintos entstanden waren. Sich den gesamten Weg durch das Unterholz freizubrechen, hätte ihn womöglich zu viel Kraft gekostet.

Gleich darauf schoß er durch den noch vor Kurzem grünbelaubten, nun jedoch entblätterten Tunnel aus Zweigen und Stämmen. Er mußte den Kopf tief halten, damit ihm das höhere Geäst nicht ins Gesicht schlug; keine noch so hungrige Linto war in der Lage, den Weg bis zur kompletten Höhe einer Steppenluum freizuhalten.

Zum ersten Mal nahm er von seinen Verfolgern verursachte Geräusche wahr: Hinter ihm erklang ein deutliches Knacken und Prasseln. Der Wildpfad war für das gesamte Rudel zu schmal, und so stürmten einige der Tiere in ihrem Jagdeifer durch das Gehölz. Tybrang hörte, wie sie nach und nach zurückfielen.

In wildem Galopp folgte der Rhazaghaner den Biegungen des Waldweges, dann wichen Bäume und Gesträuch zurück, und vor Tybrang breitete sich erneut eine Lichtung aus. Im nächsten Augenblick stockte sein Herzschlag, denn vor ihm bogen zwei große Kildars ein und begannen ihm den Weg abzuschneiden; die beiden Raubtiere mußten im Unterholz auf einen abkürzenden Pfad gestoßen sein.

Der Rhazaghaner raste mit unverminderter Geschwindigkeit auf die beiden Kildars zu. Abzubremsen hätte bedeutet, von dem Rudel hinter ihm eingeholt zu werden, während ihn ein Ausweichen von seinem Ziel abgebracht hätte. Tybrang wollte jedoch zum Schattenhang, und er war nicht gewillt, die Kildars seine Laufrichtung kontrollieren zu lassen.

Er sah, wie sich seine Gegner auf sein Herannahen hin duckten. Sie wußten genau, wie sich eine Linto jetzt verhalten würde, und der Rhazaghaner wußte es ebenfalls. Er zögerte nicht, sondern spannte seine Muskeln an und setzte in einem Sprung von phantastischer Weite über die beiden Räuber hinweg.

Tybrang hätte am liebsten einen Jubelschrei ausgestoßen, beherrschte sich aber, weil er Luft sparen wollte. Es war schade, daß er die Verblüffung seiner Gegner nicht hatte beobachten können. Er war eben keine Linto, die verzweifelte Haken schlug, um ihren Jägern zu entkommen, er war Rhazaghaner, und es gab kaum einen besseren Springer als die Steppenluum. Während seines bisherigen Lebens hatte Tybrang nur wenig Gebrauch von ihr gemacht; er hatte die Zahnluum wegen ihrer Kraft und Tüchtigkeit vorgezogen. Dennoch war die Steppenluum schnell und wendig, und sie gab alles andere als ein Opfer ab. Mochten die Kildars hinter ihm nur glauben, daß sie einen harmlosen Pflanzenfresser hetzten; tatsächlich hatten sie nicht die geringste Vorstellung, was sie da verfolgten. Es würde sich zeigen, ob die Kildars in der Lage waren, mit dieser Gestalt mitzuhalten.

Mittlerweile war Tybrang in den mächtigen Schatten der Südseite eingetaucht und schlug den direkten Weg zur Rampe ein. Er hatte es bis jetzt nicht gewagt, sich einzugestehen, doch der Gedanke an den steilen Anstieg der Schräge bereitete ihm Sorge. Er wußte nicht, wie schnell die Kildars an einer solchen Steigung werden konnten, und so konnte er nur hoffen, daß er sich auch hier als der Schnellere und Ausdauernde erwies.

Schon erhob sich seitlich von ihm der Schattenhang; wenige Augenblicke später erblickte er dann den Fuß der Rampe, welche er seit ihrer Ankunft nicht mehr betreten hatte. Die Distanz schrumpfte rasch, noch drei Galoppsprünge, noch zwei - er befand sich auf der Schräge.

Und die Steppenluum ließ ihn nicht im Stich. Der Rhazaghaner fühlte, wie sich eine gewaltige Kraft in den Muskeln seiner Hinterläufe entfaltete, und so jagte er mit kaum verminderter Geschwindigkeit aufwärts. Immer weiter ging es, dem Licht, der Oberwelt entgegen. Mit rasender Geschwindigkeit kam das Ende der Rampe näher, und noch immer verspürte er keine Erschöpfung, keine Müdigkeit. Dann erreichte Tybrang den oberen Rand des Talkessels.

Und nun schaute er zurück. Ein gutes Stück weiter unten erblickte er das Rudel, das von der Matriarchin angeführt wurde. Tybrang sah, wie die Augen der Kildar vor Wut und Jagdfieber blitzten.

Spöttisch und für seine Verfolgerin deutlich sichtbar stampfte der Rhazaghaner mit dem Huf auf, dann drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen. Er wußte, daß der Waldstreifen nicht sonderlich breit war, dahinter begann die freie Ebene, und dort würde sich zeigen, ob er richtig vermutet hatte. Innerlich lächelnd drosselte er das Tempo und verschaffte damit den Räubern Gelegenheit, wieder ein Stück zu ihm aufzuschließen. Er wollte auf keinen Fall riskieren, daß die Matriarchin aufgab und wieder in den Talkessel zurückkehrte, doch irgend etwas machte ihn sicher, daß die Kildar nicht mehr bereit war, die Jagd vor ihrem Ende abzubrechen.

Während hinter ihm das Knacken und Brechen von Ästen erklang, rannte Tybrang weiter nach Süden, dem Waldrand entgegen. Schon spürte er den lange vermißten Wind und sah das Licht durch die Stämme schimmern, dann breitete sich das offene Land vor ihm aus.

Er warf einen Blick zurück. Hinter ihm verließ das Rudel den Wald und schoß ins Freie, fast rasend vor Gier. Wahrscheinlich hatte es noch nicht einmal ihre Anführerin mit derart schwer zu stellendem Wild zu tun bekommen. Und nun begann Tybrang langsam und mit Bedacht das Tempo zu steigern.

Bald zog sich das Feld der Verfolger immer weiter auseinander und begann schließlich zu zerfallen. Die ersten, die zurückfielen, waren die Jungtiere; sie hatten noch nicht die Gelegenheit gehabt, eine Muskulatur wie die ihrer älteren Artgenossen aufzubauen. Dann verloren auch die dunkleren Kildars den Anschluß. Allein die Matriarchin hielt unverändert mit dem Rhazaghaner mit. Seit langem war sie die größte und stärkste Jägerin des Rudels, und ihr einziges Verlangen galt in diesem Moment ihrer Beute. Sie dachte nicht daran, von ihr abzulassen.

Tybrang rannte. Sie waren nun praktisch allein, alle anderen Kildars waren weit abgeschlagen. Ein Verfolgerin und eine Verfolgter. Eine Jägerin und ein Gejagter. So dachte die große Kildar.

Der Rhazaghaner wartete noch etwas, dann nahm er das Tempo zurück. Es dauerte ein wenig, dann hörte er an dem keuchenden Atem hinter ihm, daß die Kildar zu ihm aufschloß. Und im selben Moment wurde aus dem Gejagten ein Jäger.

Tybrang wirbelte herum, und noch bevor die überraschte Matriarchin sich fassen konnte, holte er aus und schlug mit seiner gesamten verbliebenen Kraft zu. Es gab einen kurzen, trockenen Knall, dann lebte die große Kildar nicht mehr. Tybrang hatte ihr den Schädel zertrümmert.

Der Rhazaghaner wandte sich nicht wieder zur Flucht; stattdessen wechselte er in die Zahnluum und bezog direkt neben der Toten Position. Mit gespannter Aufmerksamkeit sah er die ersten des Rudels herankommen, dann beobachtete er, wie die Kildars abbremsten und schließlich in einiger Entfernung anhielten.

Das gleiche vollzog sich mit den übrigen. Jedes der Tiere bleib ein Stück weit entfernt stehen, unschlüssig, hilflos und verwirrt. Jene, die bisher für sie dachte und entschied, war ihnen genommen worden.

"Geht!" rief Tybrang ihnen zu. "Geht fort und kehrt nicht wieder. Dies ist das Clangebiet der Numa, und wir werden es immer zu verteidigen wissen."

Er wartete noch ein wenig, dann sah er, wie das große Rudel zerfiel. Eines der dunklen Tiere wandte sich ab, um Richtung Osten davonzuziehen; ein paar hellere Artgenossen folgten ihm nach. Ein weiterer Kildar löste sich aus der Gruppe und schlug, von einigen Jüngeren begleitet, den Weg nach Nordwesten ein. So ging es weiter. Es dauerte einige Zeit, doch schließlich waren sämtliche Eindringlinge fort, und Tybrang war allein.

Erst als er sicher war, daß keine Gefahr mehr bestand, wechselte er wieder in die Steppenluum. Dann machte er sich auf in den heimatlichen Talkessel. Zurück auf dem Platz blieb einzig der leblose Körper der dunklen Matriarchin.

 

Als sich Tybrang der Wohnstätte näherte, erkannte er, daß sich etliche Clanmitglieder vor dem Eingang drängten, offenbar unruhig nach ihm Ausschau haltend. Kein einziger jedoch hatte sich weiter als zwei Schritte von den anderen entfernt. Tybrangs Gebot, das Habitat nicht zu verlassen, war befolgt worden.

Als die Numa ihn erblickten, erhob sich erleichtertes Stimmengewirr, das ihn den Rest des Weges begleitete.

"Clanführer, wo..."

"Tybrang, warum hast du..."

"Wir hatten schon gefürchtet, daß..."

Dann traf er bei ihnen ein, lächelte und blickte in die vertrauten Gesichter seiner Leute. Er war dankbar, das er zu ihnen hatte zurückkehren dürfen.

Schließlich verstummten ihre Stimmen. Alle sahen ihn voller Spannung an und warteten ab, was er ihnen zu sagen hatte.

Tybrang lächelte noch immer, dann brach er sein Schweigen.

"Stellt einen Jagdtrupp zusammen!" rief er aus. "Laßt uns hinausgehen und unsere Vorräte auffüllen! Das Clangebiet gehört wieder den Numa."

Einen Moment herrschte Stille, dann faßte sich Brispin als Erster.

"Tybrang von den Numa!" jauchzte er begeistert.

Was daraufhin folgte, war der vielstimmige Jubelschrei der Rhazaghaner, der weit in den Talkessel hinausschallte.

 

"Indiv, hier, sehen Sie sich das an!"

Der Institutsleiter lehnte sich hinter seinem Schreibtisch zurück und warf seinem Mitarbeiter einen befremdeten Blick zu. Er wußte wissenschaftlichen Eifer zu schätzen, dennoch legte er Wert darauf, daß man beim Betreten seines Büros gewisse Umgangsformen beachtete. Sofort wurde dem Mann sein Fehler bewußt, und er lief dunkel an.

"Verzeihen Sie bitte, Indiv, aber es ist eine Sache von höchster Wichtigkeit. Eine der Sensorstationen hat uns Daten übermittelt. Ein männlicher Rhazaghaner wurde geortet."

Luratar erhob sich abrupt.

"Tatsächlich? Wo? Wieder im Bereich des Ishra?"

Der Assistent kam heran und zeigte ihm seinen Datenblock.

"Nein, etwas weiter östlich. Sehen Sie, genau hier tauchte er auf, bewegte sich ein Stückchen in die südliche Richtung, um etwas später umzukehren und wieder zu verschwinden. Wir haben auch bereits eine Erklärung, warum es uns davor und danach nicht gelang, ihn zu erfassen."

Auf dem Gesicht des Institutsleiters breitete sich ein verstehendes Lächeln aus.

"Eine ehemalige Dilithiumförderstätte, natürlich! Das Gestein muß noch Reste von dilithiumhaltigem Erz führen, nicht viel wahrscheinlich, aber sicherlich genug, um biologische Signale zu maskieren. Dort haben sie also die ganze Zeit über gesteckt."

Er sah auf und begegnete dem Blick seines Mitarbeiters. Der Mann lächelte.

"Ihre Befehle, Indiv?"

"Lassen Sie das Schiff fertigmachen, und geben Sie im Institut bekannt, daß ich Leute für einen längeren Außeneinsatz benötige. Unsere neuen Institutsgehilfen sollen sich ebenfalls bereithalten; wir werden sie mit Sicherheit brauchen."

Er erwiderte das Lächeln des Assistenten.

"Führen Sie alle Vorbereitungen umsichtig und mit Sorgfalt aus! Wir werden etwas Zeit für unsere Aufgabe benötigen, und übertriebene Eile ist nicht mehr erforderlich. Schließlich wissen wir jetzt, wo wir nach unseren Versuchsexemplaren Ausschau halten müssen."

 
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