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Vari und Numa
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Vari und Numa

Teil 14
© by Dreher, G. ()

 

Disclaimer: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und ich habe nicht die Absicht, durch diese Fanfiction Story irgendwelche Rechte zu verletzen. Die Welt Rhazaghan und ihre Bewohner allerdings sowie sämtliche hier auftretenden Charaktere haben ihren Ursprung und ihr Zuhause in meinem Kopf .
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jörg, meinem Mann und Gefährten danken. Ohne sein Verständnis, seine Liebe und seine nie endenwollende Gesprächsbereitschaft hätte ich diese Geschichte wohl niemals geschrieben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/) in der StarTrek-Sektion

 
19.

 

Immer weiter bewegte sich Tarkin nach Osten.

Bislang hatte er Glück gehabt; ihm war kein weiteres Kildar-Rudel begegnet, ein Umstand für den er nur dankbar sein konnte. Das Land, das er durchquerte, hielt so gut wie keine Zufluchtsmöglichkeiten für ihn bereit, so daß ihn im Fall eines Angriffs nur noch das Signal an die Arrhinia D'jah retten konnte, vorausgesetzt, es erfolgte noch rechtzeitig.

Noch zweimal hatte er versucht, sein Knie mit Hilfe des Regenerators zu heilen, allerdings vergeblich, und so bemühte er sich, sein langsames Marschtempo auszugleichen, indem er möglichst lange in Bewegung blieb. Er achtete kaum auf sich, schlief nur wenig und machte lediglich hin und wieder für eine flüchtige Mahlzeit Rast.

Er wußte, daß der lang anhaltende Marsch seinem Knie nicht besonders gut tat. Das verletzte Gelenk war trotz des ungemütlichen Wetters heiß und geschwollen; der Schmerz in seinem Inneren steigerte sich von dem allgegenwärtigen dumpfen Klopfen zu einem scharfen, quälenden Stechen, wenn Tarkin gezwungen war, das Bein etwas stärker zu belasten. Manchmal stieg in dem Rhazaghaner die leise Frage auf, wann es endgültig seinen Dienst versagen mochte, doch meist gelang es ihm, diese Sorge bis an den äußersten Rand seines Bewußtseins zu verdrängen. Seine gesamte Willensenergie war auf sein Ziel dort draußen im Osten gerichtet.

Dann aber trat etwas von Tarkin völlig Unerwartetes ein; etwas, das an seiner Entschlossenheit zehrte und ihn unsicher und wankend machte.

Zunächst bemerkte er es kaum. Noch nie hatte er es so nötig gehabt, eine sich nähernde Gefahr rechtzeitig zu erkennen, und doch begannen seine Gedanken allmählich und wie von selbst, sich von seiner Umgebung zu lösen. Immer öfter hinkte er in völliger geistiger Abwesenheit dahin, den Kopf angefüllt mit Bildern und Stimmen aus seiner Heimat. Die Ebene. Das Habitat. Der Clan, der ihn hervorgebracht hatte. Seine Gefährtin Aslari. Vor allem sie war es, zu der sein unruhiger Geist immer wieder zurückkehrte.

Gleichgültig wohin er blickte, Aslaris Gesicht stand stets vor seinem inneren Auge, sanft, liebevoll und besorgt. Dann begann es in ihm zu flüstern, zunächst nur leise, doch schließlich erhob sich unverkennbar Aslaris zärtliche Stimme in ihm, und da begriff er, was mit ihm vorging.

Der rhazaghanische Hochsommer stieg in ihm auf.

In der Vergangenheit hatte Tarkin es stets mit einer gewissen Amüsiertheit zur Kenntnis genommen, wenn er den Beginn der Fortpflanzungszeit in sich spürte. Gewöhnlich hatte er darauf geachtet, daß er sich gerade in diesem Zeitraum auf der Jagd befand, und nie hatte er dabei irgendwelche Beeinträchtigungen an sich festgestellt. Dieses Mal sah es jedoch anders aus. Sowohl Tarkins Geist als auch sein Körper wußten um seine Entschlossenheit, sich fortzupflanzen, und die Folge war, daß seine Natur unbarmherzig an ihm zu zerren begann. Der Ruf nach Hause schien von Tag zu Tag lauter zu werden, er drängte und verfolgte ihn und füllte sein Herz mit Zweifel. Er wußte, daß Aslari voller Sehnsucht und verzweifelter Angst auf ihn wartete, und der Gedanke an die Qualen, die seine Gefährtin durchleiden mußte, drohte ihn an den Rand der Raserei zu bringen. Wer gab ihm das Recht, ihr derartiges Leid zuzumuten? Genaugenommen war es nichts weiter als ein Hirngespinst, dem er da nachjagte.

Während sich Tarkin immer weiter Richtung Osten schleppte, versuchte sein Wille den Kampf gegen die wachsende Macht seines Körpers aufzunehmen, doch allmählich fühlte der Rhazaghaner den Aufruhr in sich übermächtig werden. Seine nächtlichen Träume waren erfüllt von der zärtlichen Gegenwart Aslaris, und wenn er gegen Morgen erwachte, hatte er Mühe, in die Wirklichkeit zurückzufinden.

Eine weitere Nacht war vergangen. Der Rhazaghaner stemmte sich mühsam in die Höhe und folgte, mittlerweile fast mechanisch, seinem Weg nach Osten. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als er es schon wieder beginnen fühlte. Tarkin wußte, daß es reine Einbildung war, die ihm diesen grausamen Streich spielte, doch er war nicht sicher, wie lange er diese Erkenntnis noch in seinem Bewußtsein halten konnte.

Aslaris Stimme beschwor ihn ein weiteres Mal.

"Hör auf, Tarkin, es ist genug! Komm zurück!"

Der Rhazaghaner schüttelte den Kopf, wie um ein Rauschen aus seinen Ohren zu vertreiben, doch vergeblich.

"Tarkin, bitte, es reicht! Du hast alles versucht. Es hat keinen Sinn mehr."

Er ächzte leise.

"Ich muß nachsehen, ob sie da sind, Aslari, es geht nicht anders. Tybrang... ich kann ihn nicht einfach aufgeben."

"Er ist weit fort, Tarkin, du erreichst ihn nicht mehr." kam die Antwort. "Laß ihn nun endlich gehen! Komm heim, wir brauchen dich."

"Aslari, versteh mich doch bitte! Nur noch dorthin und nachsehen, dann komme ich nach Hause, ich verspreche es dir."

Aslaris Stimme klang schrill in seinem Inneren.

"Du wirst nicht nach Hause kommen, Tarkin, du wirst sterben. Sterben wirst du, hier auf dieser fremden Welt. Sieh dich an! Sieh dich an, wie allein, schutzlos und verwundbar du bist! Nicht mehr lange, und sie werden dich finden und töten, Tarkin!"

"Aslari..."

"Komm heim, Tarkin, komm heim! Wir brauchen dich! Ich brauche dich! Laß mich bitte nicht allein, Tarkin! Tarkin, bitte!"

Tarkin gab einen erstickten Laut von sich, doch dann riß er die Augen auf, weil ein anschwellender Heulton in sein Bewußtsein gedrungen war. Augenblicklich kehrte der Rhazaghaner in die Wirklichkeit zurück, aber noch bevor er sich zu Boden werfen konnte, raste ein Raumschiff pfeilschnell über den Himmel und verschwand Richtung Osten.

Vergessen war alles, was ihn eben noch gequält hatte. Der kurze Augenblick hatte genügt, ihn das Schiff erkennen zu lassen, und er begriff schlagartig, daß er sich auf dem richtigen Weg befand - und daß er dabei war, das Rennen um das Leben seiner Leute zu verlieren.

Ohne sich zu besinnen, jeglichen Schmerz ignorierend, wechselte er in die Steppenluum. Dann begann er seinem Körper auch die letzten Reserven abzufordern.

 

Tybrang verstaute sorgsam das Fellbündel mit der Clanchronik, dann erhob er sich und reckte sich ausgiebig.

"Auf geht's!" meinte er zufrieden, wobei die Worte mehr ihm selbst als der neben ihm stehenden Riardis galten.

Seine Partnerin runzelte etwas unbehaglich die Stirn.

"Du bist also immer noch entschlossen, allein zu gehen?"

Er drehte ihr den Kopf zu und lächelte.

"Aber natürlich! Ich werde höchstens vier oder fünf Tage unterwegs sein, länger wird es kaum dauern. Außerdem freue ich mich wirklich auf die Gelegenheit, einmal in aller Ruhe meinen Gedanken nachhängen zu können."

"Glaubst du nicht, du könntest das auch innerhalb des Clangebietes tun?" wandte Riardis ein, während sie ihm durch die Quartiere hindurch folgte.

Tybrang lachte gutmütig.

"Der obere Kesselrand ist ein Teil des Clangebietes, nur haben wir ihn viel zu lange vernachlässigt. Wir wissen nicht einmal, was der umgebende Waldstreifen zu bieten hat. Meiner Ansicht nach ist dies ein guter Zeitpunkt, ihn sich näher anzusehen. Die Kildars sind fort, die Lücken in den Vorratskammern praktisch wieder gefüllt, und momentan scheint das Wetter etwas besser zu werden. Wenn der cardassianische Winteranfang tatsächlich ein paar schöne Tage bereithält, möchte ich sie ausnutzen."

Vor dem nächsten Quartier hielt er an und schob zunächst behutsam den Vorhang beiseite. Erst als er festgestellt hatte, daß die Bewohnerin wach war, trat er zügig ein.

"Du machst einen guten Eindruck! Wie geht es dir heute morgen?"

Aryshtin lächelte. Sie hatte mehrere Fellbündel im Rücken, die es ihr ermöglichten, mit halb aufgerichtetem Oberkörper auf ihrer Schlafstätte zu liegen.

"Die Natur liebt Unruhe, und darum gibt es nichts, das sich so schnell erholt wie ein Quälgeist." gab sie zur Antwort. Sie drehte den Kopf zur Seite und blickte zu Tybrangs ältestem Berater hinüber, der sich ebenfalls im Raum befand. "Allerdings ist Dylas anderer Meinung. Ich würde mich gern vor den Eingang setzen, um meine Nase etwas auszulüften, aber er erlaubt es nicht."

"Morgen vielleicht!" erwiderte dieser geduldig. "Es hat uns einiges an Mühe gekostet, die Wunden zu schließen, ich möchte die frischen Narben nicht zu früh belasten. Außerdem haben sich unsere bissigen Freunde in den Winterschlaf begeben, da sollten wir lieber kein Risiko eingehen."

"Natürlich, Dylas!" nickte Tybrang grinsend. "Also keine Schlachten mit Kildars vor dem nächsten Frühjahr, wir haben verstanden. Vielleicht sollten wir uns zur Vorsicht ein Beispiel an den Festhaltern nehmen und ebenfalls eine Winterruhe halten, auf diese Weise könnten wir eine Menge Vorräte sparen."

Ihr Clanführer blieb nur kurz bei ihnen, dann verabschiedete er sich und begab sich zum Eingang. Ein Blick nach draußen informierte ihn darüber, daß der Tag verhältnismäßig schön zu werden versprach. Die Bewölkung war ungewöhnlich dünn für nordcardassianische Verhältnisse und ließ fast die Farbe des Himmels erahnen. Gutgelaunt wechselte Tybrang in die Steppenluum und ließ das Habitat hinter sich.

Als er den Schatten der Südwand erreichte, traf er zum ersten Mal auf gefrorenen Boden. Das Herbstlaub lag erstarrt, und der Rauhreif zeichnete mit seinen weißen Nadeln die Konturen der Blattadern nach. Tybrang verharrte einen Moment und lauschte hinaus in die frühwinterliche Stille, dann setzte er seinen Weg fort, vom trockenen Rascheln des Untergrundes begleitet.

Schließlich hatte er die Rampe erreicht. In Gedanken versunken stieg er hinauf und fühlte, wie die Erinnerung an den Rausch der Jagd noch einmal in seinem Inneren widerhallte. Ein weiteres Mal dachte er an die dunkle Matriarchin zurück; sie war eine beeindruckende Gegnerin gewesen.

Oben angekommen, orientierte er sich Richtung Osten und begann frohgemut seine Wanderung um den Talkessel. Er hatte die Absicht, die Breite des Waldstreifens unterwegs sorgfältig auszuloten, doch momentan genoß er lediglich die klare, kalte Luft und die Ruhe, die rings um ihn herrschte. Zufrieden blickte er hinauf in die entlaubten Baumkronen. Wenn sich der Himmel in den nächsten Tagen noch etwas weiter aufklarte, würde er zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einen Blick auf die Sonne werfen können.

Das, was daraufhin geschah, erfolgte völlig ohne Warnung. Von einem Augenblick zum anderen wurde Tybrang von einer fürchterlichen Kraft aus der Steppenluum heraus in die Grundform gerissen. Der Rhazaghaner kam nicht einmal dazu, einen Schrei auszustoßen, er stürzte zu Boden wie vom Blitz gefällt. Der Schock benahm ihm den Atem, raubte ihm die Kontrolle über seine Sinne. Blind, hilflos, dem Ersticken nahe, lag er im feuchten Laub. Mehrere Augenblicke lang fühlte er nichts als seine Todesangst, doch dann meldete sich sein Überlebensinstinkt und wies seinen Körper an, sämtliche verbliebene Kraft in die Atmung zu investieren.

Krampfhaft schöpfte er Luft, das erste, das zweite Mal. Mit seiner ganzen Willensstärke zwang Tybrang seine Lungen zum Gehorsam, während er gewaltsam versuchte, seine Panik zu unterdrücken. Weitere Atemzüge folgten. Immer noch schnappte er keuchend nach Luft, doch nun nahm sein Verstand seine Arbeit auf. Seines Wissens nach gab es nur eine einzige Sache, die das bewirken konnte, was gerade mit ihm geschehen war, und zusammen mit dem Begreifen stieg eine ungeheure Wut in ihm hoch. Er hatte sich so sicher gefühlt, war vollkommen sorglos gewesen, und damit war er ihnen wie eine junge Chusa in die Falle gegangen. Es war kaum zu glauben, wie leicht er es ihnen gemacht hatte.

Noch immer fühlte er sich zu keiner Bewegung fähig, als sein Gehör ihm wieder die ersten Geräusche zutrug. In seiner Nähe raschelte es, Schritte von Grundformfüßen bewegten sich eilig auf ihn zu. Gleichzeitig begann er, die ersten verschwommenen Schemen wahrzunehmen. Ein Schatten beugte sich über ihn, dann zeigte sich eine Bewegung am Rande seines Gesichtsfeldes.

Tybrang Halsmuskeln verkrampften sich, doch dann drehte er ruckartig den Kopf und schnappte zu. Im nächsten Augenblick hielt er eine Hand zwischen den Zähnen gefangen, und der Geschmack von Blut, der sich in seinem Mund ausbreitete, erfüllte ihn mit grimmiger Genugtuung. Über ihm erklang leises Ächzen, dann versuchte der Verletzte sich loszureißen, doch vergebens; der Rhazaghaner preßte hartnäckig die Kiefer zusammen.

Der Mann schrie nicht, doch ein weiteres Stöhnen folgte. Gleich darauf legten sich Finger um die Kehle des Rhazaghaners und schlossen sich zu einem kraftvoll würgenden Griff. Tybrang fühlte erneut seine Luft knapp werden, aber er war fest entschlossen, bis zum Ende durchzuhalten. Es würde nicht ganz einfach werden, ihm nach seinem Tod die Kiefer auseinanderzubrechen.

Hastige Schritte näherten sich, dann erfolgte ein scharfer Befehl. Der Schmerz hatte die Atemzüge des Mannes mittlerweile schnell und heftig werden lassen, doch er gehorchte sofort; seine Hand gab die Kehle des Rhazaghaners frei.

Tybrang riß beim Klang der gehörten Stimme die Augen auf, erkannte aber nichts als die Helligkeit des Himmels und einen Schatten, der sich in unmittelbarer Nähe bewegte. Dann schien sich eine weitere Person über ihn zu beugen.

"Tybrang, hör auf, das hat doch keinen Zweck!" sprach jemand sanft auf ihn ein. "Tybrang, nicht doch, du verletzt ihn ja!"

Ein wilder und unversöhnlicher Haß stieg in Tybrang an die Oberfläche und ließ ihn seinen ersten Gegner augenblicklich vergessen. Er ließ den Mann los und drehte seinen Kopf suchend dem Ursprung der Stimme entgegen.

"Luratar!" keuchte er heiser.

"Ja, Tybrang!" kam freundlich die Antwort. "Ich bin hier, direkt neben dir."

Luratar schwieg einen Moment, während der Rhazaghaner noch nach Atem rang, dann ergriff er erneut das Wort.

"Tybrang, warum seid ihr weggelaufen?" begann er mit sanftem Vorwurf. "Ihr hättet das nicht tun dürfen, wir haben uns die ärgsten Sorgen um euch gemacht." Er seufzte tief, dann fuhr er in verständnisvollerem Tonfall fort. "Gewiß, ich kann mir vorstellen, was wahrscheinlich in dir vorgegangen ist, aber du mußt einfach verstehen, daß dies hier nicht eure Welt ist. Hier herrschen gänzlich andere Lebensbedingungen, ihr habt es lediglich sehr viel Glück zu verdanken, daß ihr bis heute durchgehalten habt. Nun allerdings beginnt der cardassianische Winter mit seiner Kälte, seinem Hunger und seinen Entbehrungen, und das bedeutet, daß ihr hier ohne Hilfe nicht mehr lange überleben könnt. Ihr würdet unweigerlich in diesem elenden Loch dort unten umkommen. Seit dem Frühjahr haben wir im Institut nichts unversucht gelassen, euch zu finden, immer mit der Befürchtung, daß ihr bereits den Strapazen der Flucht erlegen seid. Die allerschlimmste Sorge galt allerdings der Möglichkeit, daß ihr irgendwann dem Militär in die Hände fallt. Tybrang, ich weiß, du entstammst einem vertrauensvollen Volk, und so bist du mit Sicherheit gar nicht in der Lage, dir auszumalen, was für entsetzliche Dinge man euch dort angetan hätte."

Tybrang lag noch immer da und versuchte angestrengt, Einzelheiten zu erkennen, allerdings vergeblich. Das Gesicht über ihm blieb weiterhin schemenhaft und undeutlich.

"Entsetzliche Dinge!" sagte er langsam. "Solltest du tatsächlich noch Entsetzlicheres meinen, als ein lebendes und fühlendes Geschöpf auszulöschen, um seinen Körper als Anschauungsobjekt nutzen zu können?"

Der Schatten schwieg einen Moment.

"Was meinst du damit?" fragte er dann.

Der Rhazaghaner versuchte, tief und gleichmäßig zu atmen.

"Oh, ich denke, du weißt recht gut, wovon ich rede. Wir Rhazaghaner mögen ein vertrauensvolles Volk sein, aber es war ein großer Fehler, diese Eigenschaft mit Dummheit zu verwechseln. Dumm waren wir noch nie, Luratar!"

Eine weitere Pause folgte.

"Dann hast du es also erfahren." murmelte es schließlich über ihm. "Sicher, natürlich, eigentlich ist das nicht allzu überraschend! In eurem Clan lebt ein Cardassianer, von daher hätte ich davon ausgehen müssen, daß einige von euch etwas Cardassianisch verstehen. Das tut mir wirklich sehr leid, Tybrang, ich kann mir denken, wie dies alles auf dich wirken muß. Versuch bitte trotzdem, unsere Handlungsweise zu begreifen! Wir wußten fast nichts über euch, jede beliebige Krankheit hätte euch allesamt dahinraffen können, ohne daß wir die geringste Chance gehabt hätten, euch zu helfen. Niemand von euch verfügte über medizinisches Wissen, von daher mußten wir selbst tätig werden und Erkenntnisse über eure Spezies sammeln. Aus diesem Grunde kamen wir auf den Gedanken, einige wenige von euch zum Wohle der anderen zu opfern. Denk nach, Tybrang! Du bist ihr Jagdführer, du besitzt Verstand, und du weißt, was Verantwortung bedeutet. Und so müßte dir auch klar sein, daß es manchmal unumgänglich ist, Opfer zu bringen, so schmerzlich sie uns auch ankommen mögen."

"Ja!" antwortete Tybrang langsam. "Du hast recht! Ich weiß, was Verantwortung heißt."

"Davon bin ich überzeugt." kam die freundliche Antwort. "Du hast mit Sicherheit nur ihr Bestes gewollt, und dafür hast du meine volle Anerkennung. Vor allem aber wird es jetzt unbedingt erforderlich sein, Matani eine sorgfältige medizinische Untersuchung zukommen zu lassen. Wie geht es ihr? Das Baby dürfte mittlerweile schon geboren sein, nicht wahr?"

Tybrang holte ein letztes Mal Luft, dann schoß er mit einer enormen Kraftanstrengung in die Höhe, während seine Hände nach der verschwommenen Gestalt über ihm griffen. Ein lauter Fluch entfuhr ihm, als er erkannte, daß er sein Opfer verfehlt hatte, dann waren sie auch schon über ihm und versuchten ihn wieder zu Boden zu reißen. Einige Augenblicke noch schlug der Rhazaghaner blind und zornig um sich, dann wandte sich sein eigener Körper gegen ihn, und die Beine versagten ihm den Dienst

Im nächsten Moment stürzte er wieder ins Laub, während er spürte, wie zahlreiche Hände nach ihm griffen, seine Arme und Beine packten und niederhielten. Kurz darauf lag er hilflos auf dem Rücken, ohne die geringste Möglichkeit, sich wieder zu erheben. Nach wie vor vermochte er nichts außer Licht und Schatten zu unterscheiden, doch er brauchte nicht zu sehen, um zu wissen, daß sein Feind da war.

"Hör zu, du gewissenloses und verlogenes Zerrbild von einem Gelehrten!" schrie er außer sich vor Wut. "So leicht wird es dir nicht werden, deine schmutzigen Hände an Matanis Tochter zu legen. Du wirst dich selbst auf die Suche nach ihr machen müssen, und dabei wirst du feststellen, daß wir Numa nicht die einzigen hier draußen sind. Wir sind ihnen bereits begegnet, unseren wilden Nachbarn, ich glaube, ihr nennt sie Kildars. Ein Grundformgeschöpf wie du sollte ihnen wohl lieber aus dem Weg gehen, obwohl ich mir einer Sache völlig sicher bin: Es würde ihnen schwer fallen, sich auf eine derart hinterhältige und erbarmungslose Weise wie du zu verhalten, Luratar!"

Einen Moment blieb es still, dann wurde Luratars Stimme wieder hörbar, die einen kurzen Befehl gab. Gleich darauf kniete jemand neben dem Rhazaghaner nieder. Ein Gegenstand wurde gegen seinen Hals gedrückt, ein zischendes Geräusch erklang, und Schwärze legte sich über Tybrangs Augen. Dann verlor er das Bewußtsein.

 

Der Institutsdiener erhob sich wieder und verstaute den entleerten Injektor in der mitgeführten Tasche. Obtanas stand noch immer da und starrte auf den Rhazaghaner, der regungslos vor ihren Füßen lag, das Haupt von einer wilden Haarmähne umflossen.

"Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte... Unglaublich, diese Veränderung!" brachte sie erschüttert heraus.

Luratar seufzte. "Ja, ich hatte es bereits befürchtet. Er ist während der Zeit hier draußen verwildert. Schade, wirklich schade, aber nicht zu ändern. Allerdings könnte man versuchen, seine Erinnerungen der letzten Zeit zu löschen; sehen wir einmal, was sich da machen läßt. Bringen wir ihn also als erstes zum Schiff. Wenn das wirklich stimmt, was er da eben behauptet hat, wird es ziemlich gefährlich sein, sich hier längere Zeit im Freien aufzuhalten."

Er wandte den Kopf und rief zwei weitere Institutsdiener heran.

"Gehen Sie und holen Sie das Anti-Gravmodul, auf dem wir den Geongenerator mitgebracht haben." wies er sie an. "Es wird uns den Transport des Versuchsexemplars ganz erheblich erleichtern."

Gleich darauf drehte er sich um und ging ein Stück in den Wald hinein, bis er die Stelle erreicht hatte, an der sein Techniker noch mit dem Generator beschäftigt war.

"Haben Sie ihn?" erkundigte sich der Mann.

"Er konnte von den Institutsdienern überwältigt werden." bestätigte Luratar.

"Gratuliere, Indiv! Das nennt man einen schnellen Erfolg."

"In der Tat! Wie sieht es inzwischen bei Ihnen aus?"

Der Techniker erhob sich und zog eine wetterfeste Schutzplane über die Geräte.

"Ich bin hier fertig. Sobald irgendwelche Rhazaghaner die Sensorenschwelle überschreiten, wird der Generator aktiviert und gleichzeitig Informationen über Anzahl und Geschlecht der erfaßten Exemplare an das Schiff gesendet."

"Sehr gut! In dem Fall können wir uns jetzt auf den Rückweg machen. Die Strecke ist lang genug, und ich empfinde es nicht gerade als Vergnügen, mich hier in der Kälte aufzuhalten."

"Da haben Sie allerdings recht, Indiv! Ich auch nicht!"

Unterwegs blickte Luratar immer wieder unruhig horchend um sich. Es war eine unangenehme Vorstellung, daß diese Wildnis hier draußen neben cardassianischem Ungeziefer auch Kildars beherbergte. Mehrmals griff er in die Tasche seiner dick gefütterten Jacke und tastete nach der Leihgabe der beiden Plantagenaufseher. Er war heilfroh, den Disruptor mitgenommen zu haben. Tatsächlich hatte er einige Abende investiert, um sich mit dem Umgang der Waffe vertraut zu machen, und inzwischen traute er sich zu, sich mit ihrer Hilfe zu verteidigen - vor allem, wenn der Angreifer eine solche Größe besaß.

Der Rückweg nahm einige Zeit in Anspruch, doch schließlich geriet jenseits von ein paar niedrigen Bäumen die Nilkos in Sicht, die man ein Stück westlich vom Talkessel gelandet hatte.

Dankbar hielten die Institutsleute auf den Eingang zu. Sie hatten den größten Teil des Tages im Freien zugebracht, und nun stand jedem einzelnen der Sinn nach Wärme und einer reichlichen Mahlzeit.

Wieder an Bord, suchte Luratar unverzüglich die kleine Brücke auf. Er war nach dem langen Marsch durch die Kälte nicht mehr gewillt, geduldig abzuwarten, bis ihnen sämtliche Rhazaghaner in die Falle gegangen waren. Es mochte dauern, bis sich die anderen auf die Suche nach ihrem Jagdführer machten, und das bedeutete, daß er unter Umständen gezwungen war, sich etliche Tage in dieser verwünschten Umgebung aufzuhalten. Möglicherweise ließ sich die ganze Angelegenheit auch etwas beschleunigen.

Er fror noch immer, daher hielt er sich nicht damit auf, sich seiner Jacke zu entledigen, sondern suchte als erstes eine Sammlung von Karten und Luftaufnahmen hervor. Gleich darauf begann er, sich in sein Material zu vertiefen. Die Versuchsexemplare hatten ein Kind bei sich, und das bedeutete, daß sie irgendwo hatten Schutz suchen müssen. Der Zeitraum war zu kurz gewesen, ein Gebäude zu errichten, und daher nahm er an, daß die Rhazaghaner über einen Unterschlupf wie eine Höhle oder etwas ähnliches verfügten. Seiner Ansicht nach war es am erfolgversprechendsten, wenn er sein Augenmerk auf die Wände des Talkessels richtete.

Hinter ihm erklang ein Räuspern.

"Verzeihen Sie, Indiv?"

"Ja, was ist denn, Obtanas?" gab er abwesend zur Antwort.

"Bitte entschuldigen Sie, aber die Leute sind hungrig und durchgefroren. Gestatten Sie, daß wir uns schon einmal in den Gemeinschaftsraum begeben, um dort etwas zu essen?"

"Was ist mit Tybrang?" erkundigte er sich, ohne sich umzudrehen.

"In der ersten der vorbereiteten Zellen, wie Sie befohlen haben. Sollen noch weitere Maßnahmen ergriffen werden?"

"Das hat Zeit, er wird nicht vor morgen früh aufwachen. Gehen Sie nur hinunter, Obtanas! Sobald ich hier fertig bin, komme ich nach."

"In Ordnung, Indiv!"

Gleich darauf hörte er, wie seine Assistentin in das untere der beiden Decks hinunterstieg. Während er noch aufmerksam sein Kartenmaterial betrachtete, schallte ein dumpfes Dröhnen zu ihm herauf. Vermutlich hatte jemand im Gemeinschaftsraum ein komplettes Tablett fallen lassen. Nur wenig später erklang dann ein leises Geräusch am Eingang.

In dem Institutsleiter stieg leiser Ärger auf. Er schätzte es nicht, beim Studium von Unterlagen gestört zu werden.

"Was gibt es denn schon wieder, Obtanas?" brachte er gereizt heraus.

"Es tut mir leid, Sie meinen sicher einen von Ihren Leuten." meldete sich eine fremde männliche Stimme hinter ihm. "Ich fürchte allerdings, sie befinden sich alle ausnahmslos im Unterdeck."

Luratar fuhr herum. In den Durchgang gelehnt stand ein erschöpft wirkender, unglaublich schmutziger Mann, der den Kopf etwas gesenkt halten mußte, um nicht gegen den oberen Rahmen zu stoßen.

Einen Moment stand der Institutsleiter wie erstarrt. Dann erkannten seine geschulten Augen das Hüllbild, und er verstand.

Der Fremde in der Tür unternahm nicht die geringste feindselige Bewegung, sondern wartete geduldig. Luratar ergriff sofort die Gelegenheit und unterzog das Erscheinungsbild seines Gegenübers einer sorgfältigen Betrachtung.

Der Mann wirkte stark, aber keinesfalls massig. Sein Gewicht schien momentan sogar etwas unter dem Wert zu liegen, der für ihn als normal gelten mußte; offenbar hatte er seine Ernährung während der letzten Zeit sehr vernachlässigt. Des weiteren war erkennbar, daß er sich bemühte, eine Belastung seines rechten Beines zu vermeiden; nach wie vor nutzte er dabei den Türrahmen als Stütze. Über der linken Schulter des Fremden hing an einem Riemen eine große Tasche aus grob genarbtem graugrünen Leder. Ein breiter rotbrauner Steifen lief von ihrer linken oberen in die rechte untere Ecke und bildete die einzige Zierde an dem schlichten Gepäckstück.

Der Institutsleiter sah auf und musterte aufmerksam den Kopf des Mannes. Das Haar besaß eine unauffällige braune Farbe und bildete über der Stirn einen widerspenstigen Schopf, der Luratars Gegenüber einen seltsam jugendlichen Ausdruck verlieh. Die gutmütig blickenden Augen des Fremden waren von einem reinen hellen Türkis, doch abgesehen von diesen Einzelheiten ähnelte sein Gesicht dem Tybrangs auf eine Weise, die geradezu verblüffend war.

Der Indiv beendete seine Betrachtung. Er wartete noch ein paar Herzschläge, dann neigte er den Kopf.

"Ich fühle mich geehrt, Ihre Bekanntschaft zu machen und heiße Sie auf Cardassia herzlich willkommen, Clanführer Tarkin!" begrüßte er respektvoll sein Gegenüber.

Er blickte wieder auf.

"Habe ich die richtige Form der Anrede gewählt?" fragte er lächelnd.

Der Rhazaghaner antwortete mit einem ruhigen Nicken, ohne im geringsten überrascht zu wirken.

"Wenn wir an die Spitze treten, geben wir einen großen Teil unserer Freiheit auf." erklärte er freundlich. "Aus Anerkennung dieser Tatsache wird uns ein hohes Maß an Respekt entgegengebracht."

Luratar betrachtete ihn fasziniert.

"Sie sind wegen Ihrer Leute hier." stellte er dann fest.

Tarkin veränderte vorsichtig die Stellung seines Beines.

"Ich bin gekommen, um sie nach Hause zu holen. Es tut mir übrigens leid, aber ich sah mich gezwungen, die Tür zum Eßraum zu verklemmen. Ich hatte Sorge, daß Ihre Mitarbeiter mich bei der Erfüllung meiner Aufgabe behindern könnten."

"Natürlich, ich verstehe!" Luratars Lächeln verstärkte sich. Er empfand die Arglosigkeit, mit der Rhazaghaner jedem Fremden begegneten, immer wieder als bezaubernd.

"Ich muß gestehen, ich bin überwältigt." bekannte er gleich darauf. "Es war wahrhaftig eine Meisterleistung, unbemerkt auf diesem kriegführenden Planeten zu landen und sich dann anschließend bis hierher durchzuschlagen. Gewiß, ich weiß nur zu gut, daß Liebe und Verantwortungsgefühl gewaltige Kräfte freizusetzen vermögen, aber eine solche Tat setzt zudem noch ein außergewöhnliches Maß an Kühnheit und Einfallsreichtum voraus. Schon allein darum war es kein besonderes Kunststück für mich, Ihren Namen zu erraten. Wer sonst wäre so findig, so scharfsinnig und unerschrocken wie Tarkin der Rote, der mächtigste Jäger von Rhazaghan. Vielleicht wundert es Sie, daß ich so gut über Sie unterrichtet bin, aber Tybrang hatte mir voller Begeisterung von Ihren Unternehmungen berichtet."

Tarkin legte den Kopf zur Seite.

"Tatsächlich?" antwortete er überrascht.

"Allerdings, er war des Lobes voll über Ihre Taten. Er erzählte mir, daß Sie der einzige Jäger auf Ihrer Welt wären, der es fertigbrächte, ohne den Schutz einer Tarnung zu überleben und schilderte Ihre Erfolge in den glühendsten Farben. Seine Berichte waren so faszinierend und mitreißend, daß ich tiefstes Bedauern darüber empfand, keine Möglichkeit zu haben, Sie kennenzulernen. Wie konnte ich mich derart täuschen! Ich hätte mir denken müssen, daß Sie Ihre Leute niemals aufgeben würden, daß Sie nichts unversucht lassen würden, sie zu finden, und nun stehen wir uns tatsächlich hier gegenüber."

Er lächelte den Rhazaghaner an.

"Ich hoffe allerdings, daß Sie mir meine Bemerkung nicht übelnehmen" - hier glitt sein Blick vielsagend über Tarkins abgerissene Erscheinung - "aber ich muß zugeben, daß ich Sie mir aufgrund seiner Beschreibung etwas anders vorgestellt hatte."

Zum ersten Mal zeigte sich Verunsicherung im Gesicht des Rhazaghaners und er sah verlegen an sich herunter.

"Ich weiß!" antwortete er betreten. "Normalerweise pflege ich meinem Äußeren etwas mehr Beachtung zu schenken, aber in Anbetracht der Umstände..."

"Natürlich, lassen Sie es gut sein!" Luratar tastete unauffällig in die Tasche seiner Jacke und stellte den Disruptor auf Betäubung. "Ich kann mir vorstellen, was für enorme Strapazen Sie hinter sich haben müssen. Sie wurden im Gebiet des Ishra verletzt, und bisher hatten Sie nicht die geringste Möglichkeit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es muß sehr schwer gewesen sein, die ganze Strecke bis hierher in diesem Zustand zurückzulegen."

Tarkin sah auf. "Ach, Sie wissen... Nun ja, die beiden Männer auf der Mauer haben Ihnen sicher von meinem Mißgeschick erzählt. Leider hatte ich nicht mehr verhindern können, gegen den Stamm geschmettert zu werden; dabei muß mein Knie irgendwo in seinem Inneren beschädigt worden sein."

Luratar vermochte seine Aufregung kaum noch unterdrücken. Dieses Geschöpf dort war etwas Besonderes, etwas an ihm hatte seine Artgenossen bewogen, es zu ihrem Anführer zu machen. Es würde eine Herausforderung sein, sein Vertrauen zu gewinnen und seine Persönlichkeit näher zu erforschen. In der Zwischenzeit mochte Gul Endrak zusehen, wie er eine leistungsfähigere Gravitationskammer beschaffte. Bevor es allerdings so weit war, würde man den Rhazaghaner erst einmal wieder zurück in seinen körperlichen Bestzustand versetzen müssen.

Er atmete tief durch, dann wiegte er besorgt den Kopf.

"Sie sollten die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen, ich glaube nicht, daß es sich dabei um eine geringfügige Verletzung handelt. Wenn die Sache weiterhin unbehandelt bleibt, werden Sie einen irreparablen Schaden davontragen. Es wäre wahrhaft eine Tragödie, wenn ein so vielfältig begabter Mann wie Sie eine dauerhafte Behinderung hinnehmen müßte."

Er senkte den Blick und biß sich auf die Unterlippe.

"Wahrhaft eine Tragödie!" wiederholte er leise, während sich seine Finger um den Disruptor schlossen.

Überraschend sah er auf. "Hören Sie!" fuhr er eilig fort. "Ich weiß, wie dies jetzt für Sie aussehen muß. Dennoch kann ich nicht zulassen, daß gerade Sie leichtfertig Ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Ich verspreche Ihnen, daß ich die Sache mit Ihren Leuten regeln werde. Haben Sie keine Angst, wenn Sie wieder zu sich kommen, wird Ihr Knie bereits wieder auf dem Wege der Besserung sein."

Er riß die Hand aus der Tasche, zielte noch in der Bewegung und drückte ab. Nichts geschah. Der Disruptor schwieg.

Ungläubig senkte Luratar seinen Blick auf die Waffe. Dann versuchte er noch ein weiteres Mal zu feuern, ohne daß eine Reaktion erfolgte.

Als er aufsah, begegnete er den Augen seines Gegenübers. Tarkin hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Nun begann er langsam zu nicken.

"Ich hatte mir schon gedacht, daß Sie so etwas in der Art versuchen würden, darum hatte ich Vorsorge getroffen. Sie brauchen sich nicht weiter zu bemühen, es wird Ihnen nicht möglich sein, die Waffe auszulösen." Für einen kurzen Moment blitzte es in seinen Augen auf. "Wir mögen solche Geräte nicht besonders, müssen Sie wissen."

Er stieß sich vom Türrahmen ab, dann hinkte er unbeholfen zu Luratar hinüber und pflückte ihm den Disruptor aus den Händen. Der Cardassianer war zu verblüfft, um irgendwelchen Widerstand zu leisten. Stumm sah er zu dem Rhazaghaner auf.

Tarkin betrachtete die Waffe eingehend, dann entfernte er die Energiezelle und steckte sie in seine Tasche. Anschließend schloß er seine Faust um den Rest. Luratar sah fassungslos zu, wie eine Anzahl von Kleinteilen zu Boden fiel.

"Tut mir leid!" kommentierte der Rhazaghaner, als er den Inhalt seiner Hand zur Seite warf. "Aber ich denke, auf dieses eine Gerät kommt es jetzt auch nicht mehr an."

Der Institutsleiter starrte auf die Trümmer des Disruptors, dann kam ihm die letzte Bemerkung seines Gegenübers zu Bewußtsein und ließ in ihm sämtliche Alarmsirenen schrillen.

"Was meinen Sie damit?" fragte er heiser.

Tarkin sah bedächtig auf ihn hinunter.

"Nun, man könnte sagen, daß ich mich bemüht habe, die Zeit Ihrer Abwesenheit möglichst gut zu nutzen. Mein allererster Weg führte mich in Ihren Maschinenraum, und dort habe ich mich etwas näher mit dem Antriebssystem sowie dem größten Teil der Energiezellen befaßt. Anschließend stieß ich auf Ihr Ersatzteillager, und schließlich habe ich mich hier auf die Brücke begeben. Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, die Abdeckung dort drüben zu lösen, werden Sie feststellen, daß auch von Ihrer Funkanlage nicht viel intakt geblieben ist. Wie gesagt, ich hatte Bedenken, daß Sie mich von der Erfüllung meiner Aufgabe abhalten könnten."

Luratar öffnete und schloß seine Lippen mehrmals, ohne einen Ton hervorzubringen.

"Sie haben alles zerstört?" stieß er dann endlich hervor.

Tarkin nickte. "So könnte man sagen. Ich bekomme zwar öfters zu hören, daß ich keinen sehr begabten Techniker abgebe, aber mein Wissen reicht doch aus, um Ihnen sagen zu können, daß dieses Schiff nicht mehr flugfähig ist. Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben, als es zur Reparatur in eine Werft schleppen zu lassen."

Der Institutsleiter riß entsetzt die Augen auf.

"Aber... aber ohne Funkanlage würde das ja bedeuten..."

Der Rhazaghaner nickte abermals. "...daß Sie sich zu Fuß aufmachen müssen, ganz recht!" Er betrachtete den Cardassianer ernst. "Gewiß, diese Vorstellung mag Sie vielleicht schockieren, dennoch möchte ich Ihnen raten, das, was vor Ihnen liegt, als Chance zu begreifen. Auf Ihrem Weg nach Hause werden Sie Gelegenheit haben, Cardassia auf eine ganz neue Weise kennenzulernen, und Sie werden dabei feststellen, daß es hier einiges gibt, was der Behandlung bedarf. Lernen Sie daraus und setzen Sie nach Ihrer Rückkehr Ihr Wissen ein, um Ihrer eigenen Welt zu helfen, anstatt fremde Geschöpfe den Torturen Ihrer Forschung auszusetzen."

Der Cardassianer spürte ein Würgen im Hals, als er die ganze Bedeutung des Gesagten begriff.

"Sie... Sie wollen uns ohne Waffe in diese Wildnis dort draußen schicken?" brach es aus ihm heraus. "Aber verstehen Sie denn nicht: Meine Untergebenen im Institut werden nichts unternehmen, ich habe strikte Anweisung ausgegeben, meine Rückkehr abzuwarten. Es ist Winter, wir haben keine Möglichkeit uns haltbare Lebensmittel zu verschaffen, und vor allem gibt es entsetzliche Kreaturen dort draußen! Wer sagt Ihnen denn, daß wir es überhaupt schaffen, lebend nach Hause zu kommen?"

Tarkin erwiderte ruhig seinen Blick.

"Niemand, und, um ehrlich zu sein, es interessiert mich auch nicht. Dies ist Ihre eigene Welt, also müßten Sie wissen, wie man auf ihr zurechtkommt. Meine Aufgabe ist es, meine Leute nach Hause zu holen, alles weitere geht mich nichts mehr an."

Luratar starrte zu ihm hoch.

"Aber... das ist nicht möglich! Das wäre Mord, kaltblütiger Mord! Haben Sie denn vergessen, welchem Volk Sie angehören? Rhazaghaner sind sanftmütige Geschöpfe, sie sind zu so etwas überhaupt nicht fähig."

Tarkin runzelte die Stirn und legte etwas nachdenklich den Kopf zur Seite.

"Das stimmt so nicht ganz!" entgegnete er. "Es geschieht immer wieder, daß Rhazaghaner geboren werden, denen jegliche Hemmung, Gewalt anzuwenden fehlt. Sie töten ebenso leicht, wie sie atmen, teilweise aus den allernichtigsten Anlässen, und manchmal sogar auf heimtückische Weise. Wir nennen so einen Rhazaghaner 'Achaji' - nicht lebensfähig."

Er schwieg einen Moment, dann fuhr er fort. "Eine solche Person stellt ein großes Problem für eine Clangemeinschaft dar, denn sie ist nicht in der Lage, sich vor diesen Individuen zu schützen. Vielleicht begreifen Sie, daß es nicht möglich ist, einen Rhazaghaner einzusperren und bis zu seinem Lebensende aufzubewahren wie ein Stück gesalzenes Fleisch. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis die betreffende Person derart wahnsinnig ist, daß sie keine Kraft der Welt mehr in ihrem Gefängnis halten könnte. Ebensowenig könnte man sie aus dem Habitat verbannen, um sie dann irgendwo einsam und elend zugrunde gehen zu lassen. Es ist einem Rhazaghaner nicht möglich, fern von jeglicher Gemeinschaft zu existieren. Sie sehen also, es ist ein schweres Problem. Und genau hier pflegt der Clanführer aktiv zu werden."

Tarkin sah seinem vor Entsetzen stummen Gegenüber ruhig in die Augen.

"Es verläuft jedesmal auf die gleiche Weise. Eines Nachts steht der Entscheidungsträger des betroffenen Clans neben dem Lager der gefährlichen Person, traurig, verzweifelt und voller Mitleid mit dem Unglücklichen. Nichtsdestotrotz handelt er schließlich - und bricht dem Schlafenden mit einem Ruck das Genick. Am darauffolgenden Tag wird der Tote hinauf auf die Habitatsspitze gebracht und dort verbrannt, von der Clangemeinschaft betrauert als jemand, dem die Schöpfung das Rüstzeug versagt hat, das nötig ist, um auf unserer Welt zu überleben."

Tarkins Augen funkelten freundlich.

"Wie Sie also sehen, gibt es durchaus Rhazaghaner, die in der Lage sind, einen Wehrlosen zu töten. Ein Achaji wird mit dieser Fähigkeit geboren, in einem Clanführer dagegen wird sie ausschließlich durch die Tötungsbereitschaft des Achajis freigesetzt. Ist die nicht vorhanden, kann ihn keine Macht der Welt dazu bewegen, sich an einem Schlafenden zu vergreifen, und mag er auch hundertmal Clanführer sein. Aus demselben Grund können Sie auch völlig sicher sein, daß Ihnen von mir keine Gefahr droht. Jener Einäugige, der uns die Nachricht über unsere Leute zukommen ließ, berichtete, alle vierunddreißig wären zum Zeitpunkt der Begegnung am Leben und unverletzt gewesen. Hätte ich allerdings auch nur den geringsten Hinweis, daß Sie die Absicht hatten, sie umzubringen, könnte ich in diesem Moment für nichts garantieren."

"Das ist barbarisch!" flüsterte Luratar. "Gibt es denn auf Ihrer Welt keine Gesetze?"

Tarkin hob die Brauen. "Gesetze? Selbstverständlich gibt es Gesetze! Die Gesetze der Notwendigkeit. Und jetzt möchte ich Sie bitten, mich zu meinem Freund Tybrang zu bringen. Ich hatte die Gelegenheit, etwas Cardassianisch zu lernen, und da ich über ein gutes Gehör verfüge, weiß ich, daß er an Bord ist."

Luratar sah ihm stumm ins Gesicht, dann machte er sich widerstandslos zu Tybrangs Zelle auf, während er hörte, wie ihm Tarkins hinkende Schritte folgten. Wenig später blieb der Cardassianer vor den Tasten einer elektronischen Verriegelungseinrichtung stehen und gab den Öffnungscode ein. Im nächsten Moment öffnete sich zischend die danebenliegende Tür, um den Blick in einen kleinen unbeleuchteten Raum freizugeben.

Der Institutsleiter beobachtete, wie der Rhazaghaner sich in Bewegung setzte, doch noch bevor auch nur die kleinste Hoffnung in ihm aufkeimen konnte, wandte Tarkin sich um und versetzte der Schalttafel einen kräftigen Schlag mit der Faust. Ein paar Funken sprühten, dann wußte der Cardassianer, daß es nicht mehr möglich sein würde, die Zellentür zu schließen.

Tarkin hinkte rasch in das Dunkel des Raumes hinein und beugte sich über die Gestalt, die regungslos am Boden lag. Seine Hand tastete hastig nach der Halsseite des Bewußtlosen, doch schließlich, nach ein paar Herzschlägen, begann er zu lächeln.

"Tybrang!" sagte er leise und glücklich. Dann schob er vorsichtig die Arme unter den Körper seines betäubten Freundes, hob ihn auf seine linke Schulter und stemmte sich mit einem leisen Ächzen hoch.

Kurz darauf stand Luratar im Eingang der Nilkos und sah ihm nach. Hilflos schaute er zu, wie der Rhazaghaner mit seiner Last die Schiffsrampe hinunterhinkte und auf den Waldrand zuhielt. Eine Weile noch vermochten seine Augen die humpelnde Gestalt zwischen dem Gesträuch auszumachen. Dann verschwand Tarkin endgültig in der Dämmerung, die um das Schiff herum aufstieg.

 

 
20.

 

Tybrang atmete tief ein, gleichzeitig spürte er, wie sich die allgegenwärtige Schwärze aus seinem Bewußtsein zurückzuziehen begann. Seine Sinne erwachten wieder und meldeten ihm als erstes einen kalten, feuchten, aber dennoch weichen Untergrund. Wie es aussah, mußte er immer noch im Laub liegen.

Er begann zu blinzeln. Grelles Licht ließ ihn hastig die Augen wieder schließen, dann versuchte er es erneut. Es bestand kein Zweifel: Der Himmel wölbte sich klar und unverhüllt jenseits der kahlen Baumkronen; die Sonne schien.

Erleichtert stellte der Rhazaghaner fest, daß er wieder sehen konnte, und so drehte er suchend den Kopf hin und her. Nach einem Blick zu seiner linken Seite begriff er allerdings, daß mit den Bildern, die er soeben aufgenommen hatte, etwas nicht stimmen konnte. Nur wenige Schritte von ihm entfernt hob sich eine regungslose Gestalt vor dem Hintergrund des strahlenden Himmels ab; jemand, der ihm den Rücken zukehrte. Tybrang brauchte nicht lange zu rätseln, er hatte die Person sofort erkannt. So und nicht anders hatte Tarkin vor etlichen Jahren ausgesehen.

Hoch aufgerichtet, die Arme verschränkt, der Körper in seiner Gesamtheit einiges schmaler, so stellte er sich Tybrang dar. Sein Haar wies noch das typische Braun der Kinder und Jugendlichen auf, während sich weiter oben der unverkennbare widerspenstige Schopf erhob, mit dem sämtliche Freunde und Altersgenossen ihn damals aufgezogen hatten.

Tybrang rührte sich nicht, er lag nur da und schaute. Er wußte, daß die Erscheinung dort drüben nur in seinem Kopf existierte, dennoch brachte er es nicht fertig, seine Augen abzuwenden. Er hatte keine Vorstellung, wo er sich in Wirklichkeit befand, und tatsächlich war es ihm auch vollkommen gleichgültig. In diesem Moment wollte er nichts anderes, als sich in das Bild seines alten Freundes vertiefen.

Es dauerte ein paar Augenblicke, dann spürte er, daß er zu frieren begann. Bis eben noch hatte er nichts davon gespürt, doch nun schien die Wärme aus irgendeinem Grunde von ihm zu weichen. Gleichzeitig begann sein Verstand, Unstimmigkeiten an der Erscheinung vor ihm wahrzunehmen. Das Bild vor ihm kam zwar Tarkins früherem Äußeren recht nahe, allerdings war dieser seinerzeit bei weitem nicht so groß gewesen. Dieser Widerspruch verwirrte ihn, und so richtete er seinen Oberkörper auf, um sich auf seinen linken Unterarm abzustützen. Sofort reagierte sein Herz auf die leichte Anstrengung und beschleunigte seine Schlagfrequenz. Tybrang blinzelte mehrmals.

"Tarkin?" entfuhr es ihm.

Die Gestalt fuhr herum und lachte. Noch bevor Tybrang einen klaren Gedanken fassen konnte, war Tarkin bei ihm. Fassungslos stemmte sich der gerade Erwachte in die Höhe, während sein Freund ihm dabei half, auf die Beine zu kommen. Tybrang schwankte kurz, doch dann fühlte er, wie die Kraft in seinen Körper zurückströmte, und er starrte seinem Gegenüber ins Gesicht.

"Du bist es tatsächlich, nicht wahr?" brachte er heiser heraus. Hastig griff er nach dem Handgelenk des anderen. Ein seliger Schauer durchfuhr ihn, als er die Körperwärme unter seinen Fingern spürte.

Tarkin lachte ihn noch immer glücklich an.

"Beruhige dich, ich hatte ich nicht die Absicht, mich vor deinen Augen aufzulösen, wenn du das befürchtest. Zwar weiß ich nicht, was dieser glattzüngige Bursche mit dir gemacht hat, aber ich denke, du hast es jetzt überstanden." Er wies hinüber zum Abgrund, wo sich der Talkessel in seiner winterlichen Pracht vor ihnen ausbreitete. "Dies ist ein wundervolles Versteck, mein Freund!" fügte er voller Anerkennung hinzu.

Tybrang folgte kurz seinem Blick, dann sah er wieder in Tarkins Gesicht. Ganz konnte er es immer noch nicht fassen, ihm hier an dieser Stelle gegenüberzustehen.

"Wie konntet ihr..." begann er fast verstört. "Ich meine, warum bist du..."

Tarkin verschränkte die Arme, dann betrachtete er ihn lächelnd.

"Nun, schließlich wollte ich nur ungern auf meine neun Vari verzichten, zumal sich auch noch mein tüchtigster Berater unter ihnen befand; also habe ich einiges darangesetzt, euch zurückzuholen. Gleiches gilt für Mongaris, Raleb, Zarab und Selembri. Sie alle warten schon voller Ungeduld und Freude darauf, ihre verloren geglaubten Leute bei sich in den heimatlichen Habitaten zu begrüßen."

Tybrang blickte ihn einen Moment ungläubig an, dann erstarrte er innerlich, als er die Bedeutung des Gesagten begriff. Tarkin war gekommen, um sie zu holen, und auf diese Weise würde er all das zerstören, worum sie so verzweifelt gekämpft hatten. Er würde sie zurück nach Rhazaghan bringen, die verschworene Gemeinschaft, die hier auf Cardassia entstanden war, unerbittlich auseinanderreißen und ihren Clan auslöschen. Der Name Numa würde ein zweites Mal sterben, und dieses Mal würde es für immer sein.

Eine plötzliche Wut und Verzweiflung erwachte in Tybrang, breitete sich in seinem ganzen Körper aus und ließ ihn heftig nach Atem ringen. Ohne auch nur im mindesten über sein Tun nachzudenken, trat er vor und stieß Tarkin hart vor die Brust.

Der Vari hatte während seiner langen Suche einiges an Gewicht verloren, hinzu kam, daß er durch sein verletztes Knie einen unsicheren Stand hatte. Aus diesem Grunde war es nicht allzu verwunderlich, daß er den Halt verlor und rückwärts hinstürzte. Verblüfft saß er da und schaute zu Tybrang auf.

"Du willst deine Vari zurück?" schrie dieser ihn an. "Wenn das so ist, dann geh nur wieder! Denn so wie die Dinge stehen, gibt es hier keinen einzigen Vari mehr, Tarkin!"

Sein Freund erbleichte schlagartig.

"...keinen Vari?" brachte er betroffen heraus.

"Nein, weil sie jetzt den Namen Numa tragen, jeder einzelne von ihnen. Sie haben ihn sich hart erkämpfen müssen, haben bittere Enttäuschungen tapfer hingenommen und sich jeder Herausforderung gestellt, immer in der Entschlossenheit, ihre Gemeinschaft gegen die Gefahren dieser Welt zu verteidigen. Sie haben sich auf bewundernswerte Weise gehalten, und darum werde ich nicht zulassen, daß du daherkommst und mit ihnen Schluß machst, daß du das auslöschst, was sie sich unter Mühen und Entbehrungen aufgebaut haben, hörst du das, Tarkin?"  

Der am Boden Sitzende schwieg verblüfft. Er sah sich einem großen, starken Rhazaghaner gegenüber, dessen Augen vor Zorn und Wildheit sprühten. Das Sonnenlicht hob jeden Muskel des durchtrainierten Körpers hervor, und der Wind ging durch das lange Haar.

Einen Moment lang war Tarkin sprachlos, doch dann begann er laut und schallend zu lachen.

Tybrang blinzelte. Er wußte nicht, welche Reaktion er erwartet hatte, aber dies überraschte ihn. Dennoch tat es ihm wohl, nach so langer Zeit wieder Tarkins Gelächter zu hören, und so begann er gegen seinen Willen zu schmunzeln.

"Was ist los?" erkundigte er sich. "Findest du es denn derart komisch, wenn jemand dich umwirft?"

Tarkin schüttelte nur, noch immer lauthals lachend, den Kopf. Schließlich beruhigte er sich soweit, daß er sprechen konnte.

"Schau uns beide an!" platzte er heraus, dann legte er wieder los.

Einen kurzen Augenblick sah Tybrang stumm an sich herunter, doch dann folgte blitzartig die Erkenntnis, und ein Zucken ging durch seinen Körper. Im nächsten Moment mischte sich sein haltloses Gelächter mit dem seines Freundes.

Als sich beide wieder etwas gefaßt hatten, stützte Tarkin eine Hand auf den Boden und versuchte unsicher, sich wieder auf die Beine zu stemmen. Tybrang riß die Augen auf, als er seine Anstrengung bemerkte.

"Tarkin, du bist verletzt!" rief er betroffen. Sofort bückte er sich, griff behutsam unter die Arme seines ehemaligen Clanführers und zog ihn vorsichtig in die Höhe.

"Es darf nicht wahr sein!" schalt er dabei mit sich selbst. "Du verläßt Rhazaghan, landest auf dieser fremden Welt, begibst dich für uns von einer Gefahr in die andere, trägst Verletzungen davon, und mir fällt zum Dank nichts besseres ein, als handgreiflich zu werden. Es tut mir leid, Tarkin, ich weiß wirklich nicht, was eben in mich gefahren war."

Sein Freund lächelte. "Ich denke, ich weiß es!"

Er wandte sich um und sah seinem Gegenüber eindringlich in die Augen.

"Wie viele seid ihr noch, Tybrang?" fragte er leise.

Über das Gesicht des Numa glitt ein stolzes Lächeln.

"Fünfunddreißig!"

Tarkin riß die Augen auf. "Fünf...?" Dann hielt er inne und lachte.

"Komm, Clanführer Tybrang!" rief er, indem er seinem Freund auf die Schulter schlug. "Geh voran und zeig mir alles! Tarkin von den Vari brennt darauf, euer Clangebiet zu sehen."

 

"Vorsicht, langsam!" warnte Riardis. "Nichts überstürzen! Gut so! Und jetzt nur noch dieses kleine Stück."

Aryshtin setzte schweigend einen Fuß vor den anderen, während ihre Freundin sie ebenso behutsam wie kraftvoll stützte. Schon strahlte ihnen in überwältigender Helligkeit der Habitatseingang entgegen; ein paar mühevolle Schritte noch, dann befanden sie sich im Freien.

Stumm blinzelte Aryshtin in den Talkessel hinaus und drehte den Kopf von einer Seite zur anderen.

"Die Sonne!" murmelte sie schließlich. "Es gibt sie also doch noch!"

Dylas schob sich an ihnen vorbei und beeilte sich, mehrere Felle vor der Felswand auszubreiten. Dann kam er Riardis zu Hilfe, und gemeinsam halfen sie der Verletzten, sich darauf niederzulassen. Brispin brachte noch eine Anzahl weiterer Lintohäute, in die Aryshtin sorgsam eingehüllt wurde. Es würde mit Sicherheit noch einige Zeit dauern, bis sie wieder in der Lage sein würde, sich ausreichend gegen die Kälte zu isolieren.

"So, das hätten wir geschafft!" erklärte Dylas zufrieden. "Was meinst du, Aryshtin, wird es erst einmal so gehen?"

Die Angesprochene lächelte.

"Ich denke, wir kommen zurecht, Riardis und ich. Sollte aber dieses eigenartige Blau dort oben plötzlich gefährlich werden, wird es mir mit ihrer Hilfe möglich sein, mich nach drinnen zu retten. Also mach dir keine Sorgen, Dylas!"

Der ältere Rhazaghaner schmunzelte freundlich, dann verschwand er gemeinsam mit Brispin im Inneren des Habitates, während Aryshtin ihren Blick wieder auf den Talkessel lenkte. Riardis blieb still an ihrer Seite; sie wußte, daß ihre Freundin im Moment nicht den Wunsch hatte, sich zu unterhalten.

Eine ganze Weile saßen sie nur da und genossen die Strahlen der cardassianischen Sonne, die auf die Felswand fielen. Hin und wieder gingen ein paar Bemerkungen zwischen ihnen hin und her, doch die meiste Zeit über zog Aryshtin es vor zu schweigen. Langsam wanderte das Tagesgestirn über den Himmel und stand schon kurz davor, hinter dem Rand des Talkessels zu verschwinden, als Aryshtin sich plötzlich kerzengerade aufsetzte. Sofort wurde Riardis aufmerksam und folgte ihrem Blick.

Zwei Gestalten traten zwischen den Stämmen der Rotbäume hervor, von denen die eine auffällig hinkte. Die andere, die sie gleich darauf als ihren Clanführer erkannten, bemühte sich nach Kräften, sie zu stützen.

Stumm und zu keiner Bewegung fähig beobachteten die beiden Frauen, wie sich Tybrang und der andere Mann gemeinsam dem Habitat näherten und schließlich den Schotterhang erklommen, eine Aufgabe, die sich als nicht ganz einfach erwies. Doch schließlich bleiben beide vor ihnen stehen.

"Aryshtin, Riardis!" rief Tybrang lachend. "Freut euch, ich habe jemanden mitgebracht."

Der Mann richtete als erstes seine Aufmerksamkeit auf Aryshtin und sah sie an. Dann begann er leise zu sprechen.

"'Naukai ließ ihren Blick über sie wandern, wie sie da vor ihr standen, wild, mager und voller Narben - aber stolz und glücklich.'" Er lächelte sanft. "Guten Tag, Aryshtin! Ich freue mich, dich wiederzusehen."

Aryshtin hatte während des Zitates fassungslos zu dem Fremden aufgesehen. Nun aber warf sie sämtliche Felle zur Seite.

"Hilf mir auf, Riardis!" verlangte sie.

"Aryshtin..."

"Hilf mir auf, habe ich gesagt!"

Entschlossen stemmte sich die Rhazaghani mit der Hilfe ihrer Freundin in die Höhe. Dann straffte sich ihre Gestalt, und sie erwiderte das Lächeln des Neuankömmlings.

"Unser erster Gast!" richtete sie würdevoll das Wort an ihn. "Wir sind stolz, daß du uns die Ehre deines Besuches erweist, Clanführer Tarkin! Sei willkommen im Habitat der Numa!"

 

Talan kehrte nach zwei Schichten erleichtert von der Brücke zurück. Natürlich war es immer noch nicht ganz ausgeschlossen, daß der Transportvorgang bemerkt worden war, dennoch war es sehr unwahrscheinlich, daß man sie zu diesem Zeitpunkt noch einholte; von der Schwierigkeit, sie zu orten, einmal ganz abgesehen.

Er hatte es als seine Pflicht betrachtet, möglichst lange die Stellung zu halten, für den Fall, daß etwas Unvorhergesehenes eintrat. Nun allerdings war er der Ansicht, daß er seinen Dienst mit gutem Gewissen beenden durfte, um seinen eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Natürlich verspürte er nach der Doppelschicht eine gewisse Müdigkeit, allerdings gab es da etwas noch wesentlich Wichtigeres, etwas, das ihm die letzte Zeit auf der Brücke fast unerträglich hatte werden lassen: Er brannte darauf, sich Tarkins Bericht von seiner phantastischen Suche anzuhören.

Kurz darauf hielt der Lift auf dem gewünschten Deck, und Talan strebte mit langen, ungeduldigen Schritten seinem Ziel entgegen. Schließlich hielt er an und betätigte den Türmelder.

Er wartete ein wenig, ohne daß sich etwas ereignete. Schließlich versuchte er es ein zweites Mal.

"Er wird dir nicht öffnen." meldete sich die Stimme seines Schiffes über ihm. "Wir haben Hochsommer, weißt du!"

Talan sah auf.

"Richtig!" murmelte er verblüfft. "Ich hatte es ganz vergessen."

Die Arrhinia D'jah kicherte.

"Als unser Clanführer im Transporterraum materialisierte, hatte er es so eilig, daß er sich noch nicht einmal die Zeit nahm, zuvor sein Knie behandeln zu lassen. Nun, ich denke, es war auch allerhöchste Zeit für die beiden. Ich bin schon sehr gespannt, was sie da zustande bringen."

Talan biß sich auf die Unterlippe, und so gelang es ihm, ernsthaft zu nicken.

"Was ist mit den anderen?" erkundigte er sich schließlich, um vom Thema abzulenken.

"Im Moment hocken sie alle auf der Krankenstation. Darrab ist dabei, die gelbe Aryshtin wieder herzurichten; meiner Einschätzung nach muß es sie ganz hübsch zerlegt haben. Und die meisten anderen sehen ebenfalls so aus, als würden sie eine Regeneratorbehandlung nicht unbedingt ablehnen. Tybrang und Brispin reichen Matanis Winzling zwischen sich hin und her und führen sich auf wie die Narren"

Talan atmete tief durch. "Nun ja! Kannst du Rilkar für mich orten?"

"Dein Freund hat sich vorhin schlafengelegt - in meinem Maschinenraum! Also wenn du meine Meinung hören willst..."

"Ich kann seine Vorsicht gut verstehen, Arrhinia D'jah! Wir haben Cardassia hinter uns gelassen, aber das bedeutet noch nicht, daß wir in Sicherheit sind. Wir werden uns noch tagelang quer durch feindliches Gebiet bewegen müssen. - Wie sieht es mit Nirrit aus? Schläft sie ebenfalls?"

"Nein, sie ist auf der Krankenstation und unterhält sich mit Riardis über Partnerschaften." Das Schiff kicherte nochmals. "Es klingt nicht uninteressant. Riardis meinte eben..."

"Danke, das genügt!" Talan reckte sich ausgiebig. "Ich denke, wie die Dinge im Moment stehen, wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als mich in mein Quartier zurückzuziehen. Tarkin wird mir vermutlich erst kurz vor unserer Rückkehr von seiner Suche berichten können."

Er wandte sich um, doch die Sternschwinge hielt ihn noch einmal zurück.

"Talan?"

"Was ist?"

"Pflanzen sich Vulkanier ebenfalls im Hochsommer fort?"

"Was, Vulkanier? Ich... Nein! Nein, das tun sie nicht, Arrhinia D'jah!"

"Oh, gut!" kam die erleichterte Antwort.

Der Romulaner wartete noch einen Moment, doch diesmal blieb es still in der Kommunikation. Nachdenklich sah er vor sich hin, dann lächelte er und nahm seinen Weg wieder auf. Er wußte, daß es daheim auf Rhazaghan jemanden gab, dem das Warten eine gewaltige Portion Gefühlsbeherrschung abverlangt hatte.

 

 
Epilog

 

Tybrang sprang geschmeidig die Stufen zur siebten Ebene hinauf, dann legte er den Kopf in den Nacken und formte vor dem Mund die Hände zu einem Trichter.

"He, Suriakim, laß die neunte räumen! Die Dana haben eben durchgegeben, daß sie bereit sind, die Südostwand an die vorbereitete Stelle zu beamen."

"Geht klar!" schallte eine weibliche Stimme von oben zurück. Gleich darauf belebte sich die roh und unfertig aussehende Habitatstreppe, und ein größerer Trupp Rhazaghaner kam nach unten gestiegen.

Tybrang sah sich noch einmal auf der Ebene um, dann ging er in aller Ruhe zur Nordseite hinüber, wo noch einige Wände gesetzt werden mußten. Zufrieden begutachtete er die halbfertige Arbeit, dann warf er einen Blick in die Tiefe.  

Sogleich begann sein Herz vor Freude schneller zu schlagen. Weit unten, am Fuß der Baustelle, bewegten sich zwei Gestalten durch das emsige Treiben, von denen die größere auffallend dunkelrotes Haar besaß.

Eilig wandte er sich ab, durchquerte die Halle im Laufschritt und brachte die nächsten vier Treppen in raschem Tempo hinter sich. Als er auf die fünfte einbog, erkannte er Nirrit, die ihm entgegenkam.

"Nirrit!" lachte er glücklich. "Es ist schön, daß ihr uns besucht. Tarkin ist mit dir auf einem Lehrausflug, nehme ich an?"

Die Rhazaghani strahlte, als er sie mit einer Umarmung begrüßte.

"Er ist im Moment dabei, meine Ausbildung etwas voranzutreiben, und er meinte, wenn schon eine längere Strecke, dann könnten wir auch zum Paß gehen. Er brannte natürlich darauf, sich die Fortschritte anzusehen, und ich muß sagen, es ist unglaublich, wieviel in dieser kurzen Zeit geschafft worden ist."

"Ja, die Sirk bauen auf die Erfahrungen auf, die sie beim Bau des Vari-Habitates sammeln konnten. Mittlerweile greifen sie auch in noch wesentlich stärkerem Maße auf die Transportertechnik zurück. Und nicht zuletzt ist da die tatkräftige Hilfe, die uns sämtliche Clans leisten."

Sein Blick fiel auf die darunterliegende Ebene, wo Tarkin erschienen war, und etwas in ihm verkrampfte sich schmerzhaft. Während er stumm beobachtete, wie sein Freund mit hinkenden Schritten auf die Treppe zustrebte, verspürte er erneut die Gewißheit, daß er sich niemals an diesen Anblick würde gewöhnen können.

"Ich verstehe das immer noch nicht!" murmelte er. "Bei Aryshtin hat Darrab wahre Wunder gewirkt, aber bei ihm..."

Nirrit sah zu ihm auf.

"Du weißt, was Darrab gesagt hat!" entgegnete sie sanft. "Das Knie ist viel zu lange unbehandelt geblieben, es ist verschlissen und eine Wiederherstellung nicht mehr möglich. Immerhin hat er keine Schmerzen mehr und mittlerweile kommt er gut damit zurecht. - Wirklich, das tut er!" beteuerte sie auf Tybrangs zweifelnden Blick. Dann wurde ihre Stimme unversehens schärfer.

"Tarkin weiß sehr wohl, daß ihn die Suche noch wesentlich mehr hätte kosten können, wenn nicht sogar das Leben. Wir haben uns an Bord große Sorgen um ihn gemacht, entsetzlich große Sorgen, Tybrang!"  

Ihr ehemaliger Lehrer richtete seine volle Aufmerksamkeit auf sie und betrachtete sie erstaunt. Manchmal hatte er das eigenartige Gefühl, Nirrit zu unterschätzen, aber noch bevor sein Mißtrauen recht in ihm erwachen konnte, entspannten sich ihre Züge und sie begegnete seinen Augen mit ihrem gewohnten arglosem Blick.

"Laß ihn! Bitte laß ihn, Tybrang!" sagte sie leise, dann war Tarkin auch schon heran.

"Tybrang, das ist phantastisch!" rief er begeistert. "Ich hätte niemals geglaubt... Ihr haltet euch an die alten Baupläne, nicht wahr?"

Der bernsteinfarbene Rhazaghaner lachte und packte Tarkin zur Begrüßung an den Schultern, dann stieg er mit ihm in rücksichtsvollem Tempo die Treppe hinauf.

"Größtenteils!" beantwortete er die Frage. "Die Sirk hatten noch eine Kopie in ihrem Bauarchiv. Allerdings gab es bei uns noch die eine oder andere eigene Idee."

"Ja, ich habe es auf der Nordseite gesehen. Sieht gut aus, die blaue Verkleidung. Hat es damit eine besondere Bewandtnis?"

Sein Freund lächelte. "Man könnte sagen, daß wir ein paar nostalgischen Gefühlen nachgegeben haben. Aber wie sieht es eigentlich bei euch aus? Wie geht es Aslari?"

"Ausgezeichnet!" antwortete Tarkin und begann zu grinsen. "Wäre ich nicht ihr Gefährte, so müßte ich sie wahrscheinlich fürchten. Wie heißt es so schön: Eine grimmige Mutter trägt ein gesundes Kind. Von daher brauchen wir uns wohl keine Sorgen zu machen."

"Das freut mich! Und dein anderer Schüler? Was macht er?"

"Welchen meinst du? Talan oder Laraskir?"

"Offen gestanden hatte ich an Talan gedacht."

Tarkin blieb stehen und legte eine genießerische Pause ein.

"Er hat kurz vor unserem Aufbruch seinen ersten Lark erlegt." rückte er dann mit der Sprache heraus.

"Was?" rief Tybrang verblüfft. "Doch nicht mit diesem merkwürdigen Ding, mit dem er damals den Tirst erwischt hat?"

"Eben damit! Er hat den Lark quer durch ein Sumpfgebiet verfolgt, es war für mich gar nicht so einfach, unbemerkt in seiner Nähe zu bleiben. Als der Lark dann urplötzlich zum Angriff überging, schleuderte er seine Waffe auf ihn; er mußte das schon länger geübt haben. Es war unglaublich, wie schnell daraufhin alles vorbei war, allerdings habe ich noch nie einen derart verdreckten und durchgefrorenen Romulaner gesehen. Momentan liegt er mit einer Art romulanischer Rauhkrankheit im Bett und hört sich die rational formulierten Vorwürfe seiner Partnerin an."

"Richtig, die Vulkanierin! Ich habe gehört, sie hätte jetzt einen Forschungsauftrag, oder bin ich da falsch informiert?"

Der Vari setzte sich wieder in Bewegung, und der Numa folgte seinem Beispiel.

"Nein, das stimmt. Sie hatte beim Wissenschaftsdienst der Sternenflotte eine dauerhafte Stationierung zu Forschungszwecken beantragt, und ihrem Wunsch wurde stattgegeben. Die Föderation setzt momentan alles daran, Interesse an unserer Welt zu demonstrieren. Offenbar hat man dort begriffen, daß der Aufenthalt des Regimentes erst einmal von Dauer sein wird. Auf der nächsten Clanführerversammlung wird übrigens auch ein Abgesandter der Föderation anwesend sein. Der Mann äußerte gegenüber Mongaris unter anderem auch die Absicht, sich an dich zu wenden. Soviel ich weiß, strebt er ein Gespräch über einen zukünftigen Abbau der Dilithiumvorkommen im Numa-Gebiet an."

Tybrang stieß ein verächtliches Lachen aus.

"Dann soll er in einem Jahrzehnt noch einmal wiederkommen. Ich habe im Moment anderes zu tun, als den unersättlichen Rachen der Föderation mit weiterem Dilithium zu füllen. Immerhin bin ich zur Zeit damit beschäftigt, einen Clan aufzubauen."

Tarkin lächelte. "Ich hatte mir schon gedacht, daß du das sagen würdest. Soll er sich also bis auf weiteres in Geduld üben. Wie stark sind die Numa jetzt eigentlich, Tybrang?"

"Wir sind mittlerweile fast zwölfhundert Personen!" antwortete sein Freund mit berechtigtem Stolz. "Erst gestern kam ein vierundsechzigköpfiger Trupp von den Risla an. Wenn das so weitergeht, werden sich die Numa bald aus sämtlichen Clans des Planeten zusammensetzen."

"Rhazaghanisches Blut ist immer in Bewegung." kommentierte Tarkin. Dann blieb er stehen, weil sie mittlerweile die vorläufige Spitze des Numa-Habitates erreicht hatten. Der Rhazaghaner atmete tief durch, dann trat er zur Südseite hinüber und blickte den gewaltigen Paß hinauf.

"Ein großartiger Anblick!" bemerkte er nach kurzem gemeinsamen Schweigen. "Haben sich dort oben eigentlich schon Raubtiere blicken lassen?"

"Keine Atalane, wenn du das meinst, aber die Frühjahrswanderung der Sabreshs hat ja noch nicht begonnen. Aryshtin ist vor zwei Tagen mit einem Jagdtrupp in den Paß aufgebrochen. Sie werden weiter oben die ersten Fallen aufstellen."

"Atalanfallen!" murmelte Tarkin mit leuchtenden Augen. "Das würde ich mir gern einmal ansehen."

"Wir können morgen hinaufsteigen, wenn du möchtest; Aryshtin wird sich freuen. Unterhalte dich ein wenig mit ihr, das wird sie auf andere Gedanken bringen."

Tarkin wandte sich ihm wieder zu.

"Sie hat noch immer keine Wahl getroffen?"

"Nein, und darum wäre ich dir dankbar, wenn du ein paar geeignete Kandidaten herschicken würdest. Ich hätte ihr verschweigen sollen, daß Ilgash die bewußte Nachricht an die Sternenflotte geschickt hat. Offenbar hatte sich die Beziehung der beiden zum Zeitpunkt der Trennung in einer etwas sensiblen Phase befunden."

Sein Freund betrachtete ihn nachdenklich.

"Er war dir unheimlich." bemerkte er.

Tybrang atmete tief durch.

"Das ist eine starke Untertreibung. Es hätte nicht allzuviel gefehlt, und ich hätte ihn umgebracht."

Tarkin nickte und sah wieder zum Paß hinauf.

"Er hatte niemanden töten wollen." stellte er fest.

"Mag sein!" seufzte Tybrang. "Trotzdem wäre ich dankbar, wenn ich den alten Gauner vergessen könnte, aber das wird wohl nicht gut möglich sein. Immerhin stehen wir in seiner Schuld."

Er wandte sich wieder dem Treppenabgang zu.

"Komm!" forderte er Tarkin auf. "Nirrit ist sicher auf Riardis gestoßen. Sehen wir also zu, daß ihr etwas Vernünftiges in den Magen bekommt. Unser Jagdtrupp hat heute morgen eine ganze Anzahl Zerliks mitgebracht, um unsere Vorräte aufzufüllen."

Tarkin folgte ihm nicht sofort, sondern blickte gedankenvoll nach unten. Noch war dies Habitat nicht viel mehr als eine Baustelle, doch es würde wachsen und irgendwann in der Form eines blauen Kristalls in den Himmel ragen. Es würde eine Heimat sein, eine Heimat für einen tüchtigen, lebendigen Clan, der im Laufe der Jahrhunderte wieder erstarken würde.

 

Die letzte Wunde Rhazaghans hatte begonnen, sich zu schließen.

 
Ende

 
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