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Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
Die Brücke lag still und verwaist. Talan ging hinüber zu den Kontrollkonsolen und warf einen Blick auf die Statusanzeigen, um sie eine Weile zu beobachten. Nach einer gewissen Wartezeit wußte er, daß die letzten Crewmitglieder das Schiff verlassen hatten. Langsam wandte er sich um, brachte die wenigen Schritte zu dem im Zentrum des großen Raumes stehenden Kommandosessel hinter sich und ließ sich darin nieder. Dann legte er die Fingerspitzen zusammen, sah geradeaus und schwieg. Die Zeit verging. Leise summten die Lebenserhaltungssysteme, reicherten die Raumluft mit Sauerstoff an und sorgten für eine behagliche Temperatur. Das Licht flackerte nicht ein einziges Mal. Sie wußte, daß er da war. Talan ließ noch etwas Zeit verstreichen. Dann atmete er tief durch. "Arrhinia D'jah!" "Ja, Talan?" kam es augenblicklich aus der Kommunikation. Er schwieg noch einen kurzen Moment, dann begann er erneut zu sprechen. "Ich kann es immer noch nicht fassen, daß du das getan hast." "Ich verstehe nicht!" erwiderte die Frauenstimme maßlos erstaunt. Der Romulaner rieb sich die brennenden Augen. "Du verstehst recht gut!" knurrte er. "Fast drei Tage lang war ich mit der Leitung und Beaufsichtigung der Manöver beschäftigt. Ich habe Angriffsszenarios durchspielen lassen, die planetare Verteidigung auf Schwachstellen überprüft und die einzelnen Schiffe auf ihre Kampftauglichkeit untersucht. Wie dir bekannt ist, habe ich während der ganzen Zeit kaum Gelegenheit für Ruhepausen gefunden. Und dann, nach drei Tagen im Einsatz, ziehe ich mich in meine Unterkunft zurück, um nur wenig später von Borial darüber informiert zu werden, daß du meine Abwesenheit auf dreiste Weise ausgenutzt hast." "Es tut mir wirklich leid, aber ich weiß nicht, wovon du redest." Talan ballte die Faust und schlug auf die Armlehne. "Verdammt, ich rede davon, daß Mongaris Mühe hatte, ihre Wut zu beherrschen!" donnerte er. "Du kennst die Gefechtsregeln ganz genau: Durch deine Tat ist die Bergschnee für heute aus dem Kampf ausgeschieden. Ich war nicht gerade glücklich darüber, mich für deine kleine Eskapade entschuldigen zu dürfen." Einen Augenblick herrschte Stille, dann begann die Sternschwinge in raschem, unbekümmerten Tonfall zu sprechen. "Glaub mir, Bergschnee wird mir eines Tages dankbar sein. Sie denkt insgesamt noch viel zu geradlinig und existiert in der festen Überzeugung, das wäre bei anderen genauso. Eigentlich war es allerhöchste Zeit, sie auf den Gedanken zu bringen, daß der Feind auch schmutzige Tricks einsetzen könnte." "Du hast sie regelrecht aus dem Gefecht geworfen, Arrhinia D'jah! Ganz davon abgesehen hatten wir Glück, daß es zu keiner Kollision gekommen ist. Und nebenbei scheint auch noch einer der neuen Traktoremitter Schaden davongetragen zu haben. Rilkar wird begeistert sein!" "Sieh es als Belastungstest an! Offenbar sind die Traktoremitter technisch noch nicht ganz ausgereift. Es ist gut, das zu wissen." Talan schüttelte den Kopf. "Es reicht, Arrhinia D'jah! Mein Entschluß steht endgültig fest: Auf die nächste technische Innovation wirst du warten dürfen wie jede andere Sternschwinge auch. Sie wird als erstes an die Bergschnee gehen." "Wie bitte?" rief das Schiff empört. "Ich denke, ich habe mich unmißverständlich ausgedrückt." erwiderte der Romulaner, während er sich aus dem Kommandosessel erhob. "Bergschnee weiß doch gar nichts mit technischen Verbesserungen anzufangen." rief es hinter ihm her, als er die Brücke verließ. "Sie wäre damit restlos überfordert." Talan strebte mit raschen entschlossenen Schritten dem Lift zu. In der nächsten Kommunikationseinrichtung ertönte ein Knacken. "Gib die nächste Neuerung wenigstens an Narhamak!" hörte er im Vorbeigehen. "Oder an Xaringal! Verschwende sie nur nicht an diese flugfähige Metallansammung von den Sirk! Talan!" Im Lift ertönte dann ein Seufzen. "Gut, ich habe verstanden, daß du wütend bist. Es war dir unangenehm, dich meinetwegen bei Mongaris entschuldigen zu müssen, sicher! Aber das eben war doch nicht dein Ernst?" Talan verließ den Lift und wandte sich in die Richtung, die zum Transporterraum führte. "Mein vollster!" antwortete er knapp. Im Transporterraum schließlich herrschte einen Moment Ruhe, bis die Stimme der Sternschwinge erneut hörbar wurde. "Na schön!" gab sie nach. "Soll Bergschnee sie haben! Aber ich warne dich: Sie hat keinerlei Erfahrung mit noch nicht erprobter Technik. Ich bin neugierig, wie sie zurechtkommt." Ihr Schiffsführer stieg auf die Transporterplattform. "Freut mich, daß du langsam Einsicht zeigst. Und jetzt wäre es mir lieb, wenn du mich nach unten beamen würdest. Ich habe noch etwas Schlaf nachzuholen." "Ja, selbstverständlich! Übrigens... Talan?" "Was ist?" "Ist dir eigentlich gestern Larin auf der Brücke aufgefallen? Sie zeigt meiner Ansicht nach ein bemerkenswertes Geschick im Umgang mit den Kontrollen, ich war recht angetan von ihr. Eigentlich sollte sie grundsätzlich dieselbe Schicht wie du übernehmen, damit du sie in ihren Fortschritten unterstützen kannst." Talans Gesicht lief dunkel an. "Arrhinia D'jah!" "Nein, wirklich, ich finde sie nicht übel! Sicher noch talentierter als Nusharit. Vielleicht könntest du einmal mit ihr sprechen. Oder du... "Arrhinia D'jah!" "Ja?" "Beam mich runter! Jetzt!"
Sofort nach ihrer Materialisierung im Habitat begann T'Alai damit, bei der Verteilung der Container zu helfen. Ihr war bewußt, daß die Terraner erst einmal eine unangenehme Zeit der Anpassung würden durchleben müssen, während sie selbst keine Beeinträchtigung durch die neuen Schwerkraftverhältnisse erfuhr. So tat sie ihr möglichstes, um ihre Crewkameraden zu entlasten. Wenig später bekam sie dann Gelegenheit, das ihr zugewiesene Quartier aufzusuchen. Zwar besaß dieses keine Fenster, verfügte jedoch über eine erstaunlich reichhaltige und komfortable Einrichtung, die von T'Alai interessiert in Augenschein genommen wurde. Aufmerksam untersuchte sie die vorgefundenen Tierhäute, registrierte, daß diese offenbar erst vor kurzem gegerbt worden waren und stellte Vermutungen über ihre ursprünglichen Träger an. Ihre besondere Aufmerksamkeit fand dabei ein vollständiges mittelgroßes Fell, bei dem sie in der Halsgegend vier weit auseinanderliegende Löcher entdeckte. Nachdem sie das durch Schnitzereien verzierte Mobiliar begutachtet und einen Blick in den Wasserbereich geworfen hatte, verließ sie ihre Unterkunft, um die Erlaubnis für einen Rundgang einzuholen. Unmittelbar darauf stieg sie die Habitatstreppe hinunter, immer wieder stehenbleibend, um Details wie die Schriftzeichen an jeder neuen Ebene, Wandmalereien und unterschiedlich gefärbte Beleuchtungskörper in sich aufzunehmen. Vor allem jedoch beobachtete sie konzentriert die Bewohner des Habitates, die die Treppe mit ihrem Kommen und Gehen belebten. Bereits nach kurzer Zeit hatte sie das Glück, die Umwandlung eines Einheimischen aus nächster Nähe erleben zu können. Beim Anblick ihrer Uniform wechselte er seine Gestalt von einem raubtierähnlichen Geschöpf beachtlicher Größe in die humanoide Grundform. Direkt danach warf er ihr einen besorgten Blick zu, um dann jedoch erkennbar erleichtert weiterzugehen. Die Vulkanierin machte sich sofort eine gedankliche Notiz, daß auf Rhazaghan die Anfertigung von Kleidung vermutlich überflüssig war. Gleich darauf mußte sie ihre Meinung jedoch revidieren, als sie eine Gruppe spielender Kinder entdeckte, die ganz eindeutig in bunt gefärbte Gewänder aus Leder oder baumwollähnlichem Material gekleidet waren. Anscheinend mußte die bei dem Erwachsenen beobachtete Fähigkeit erst erlernt werden. Kurze Zeit blieb T'Alai stehen, um das lebhafte Spiel zu beobachten, welches offensichtlich eine Jagd zum Inhalt hatte. Unter viel Gelächter wurde die sich energisch zur Wehr setzende Beute gestellt und zur Strecke gebracht, worauf diese in der nächsten Spielrunde die Rolle eines Jägers einnahm. Nachdem das Lachen und Rufen in einem entfernten Gang verklungen war, wandte sich die Vulkanierin ab und setzte ihren Weg nach unten fort.
Talan stieg schlecht gelaunt die Habitatstreppe hinauf. Er war stark übermüdet und hatte das Gespräch mit der verärgerten Sirk-Clanführerin noch in deutlicher Erinnerung. Zudem verdroß ihn der Streich, den sich die Arrhinia D'jah während seines Schlafes erlaubt hatte, und ihr dreistes Verhalten war nicht das einzige, was ihn erzürnte. Zu wissen, daß man sein Schiff an dem Komplott gegen ihn beteiligt hatte, war mehr, als er im Moment glaubte ertragen zu können. T'Alai hatte sich indessen weiter abwärts bewegt und dabei den Eindruck erhalten, daß ihr erstes Tageslicht aus einem der nächsten Stockwerke entgegenschimmerte. Erwartungsvoll beschleunigte sie ihre Schritte, bog um die Ecke und blickte überraschend in ein vulkanisch geschnittenes Gesicht, das sich jedoch durch unerhörte Lebhaftigkeit auszeichnete. Augenblicklich begann sie, ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die fremden Züge zu konzentrieren. Der Mann stand regungslos, schaute entgeistert aus glänzenden dunklen Augen auf sie herab und blinzelte. Dann beobachtete T'Alai fasziniert, wie seine Pupillen sich weiteten. Talan starrte auf die Vulkanierin, die unvermittelt vor ihm erschienen war. Er sah ein kühles, intelligentes Gesicht, das eine vollkommene Selbstbeherrschung demonstrierte und sich momentan einzig mit der Erforschung seines Mienenspiels beschäftigte. Voller Unbehagen spürte der Romulaner, wie ihm das Blut in die Wangen zu schießen begann. T'Alai beobachtete gespannt die ebenmäßigen Gesichtszüge, die noch immer bemerkenswerte Fassungslosigkeit zeigten, dann ging sie dazu über, die Gesamtheit des Mannes zu erfassen. Zunächst schätzte sie sein ungefähres Alter ab und ordnete ihn gleich darauf nur wenig oberhalb ihrer eigenen Altersgruppe ein. Soweit es die schwere Uniform erkennen ließ, schien er sich in einem guten bis sehr guten physischen Zustand zu befinden, jedoch war unübersehbar, daß er momentan an Übermüdung litt. T'Alai nahm nun die romulanische Montur in näheren Augenschein, glaubte sich erinnern zu können, daß es sich um eine Uniform etwas älteren Stiles handelte und konzentrierte sich schließlich auf die Rangzeichen. Würdevoll senkte sie den Kopf. "Kommandant!" grüßte sie höflich. Die Nennung seines Dienstgrades ließ Talan endlich zu seiner gewohnten Geistesgegenwart zurückfinden. Er wich dem streng analytischen Blick aus, mit dem die Frau ihn noch immer fixierte und begann eilig mit der Identifizierung ihrer Sternenflottenuniform. "Lieutenant!" erwiderte er ernst. Dann schob er sich an ihr vorbei und strebte rasch seinem Quartier zu. T'Alai sah ihm einen Augenblick nach, dann setzte sie langsam ihren Weg fort, während sie sich geistig noch immer mit den kindlich unkontrollierten Reaktionen des Romulaners beschäftigte. Auf Vulkan wurde man bereits in früher Jugend in Biokontolle und Mentaldisziplin unterwiesen, so daß gewisse körperliche Reaktionen bei erwachsenen Vulkaniern kaum mehr beobachtet werden konnten. Eine derart ursprüngliche Mimik wie an diesem Mann hatte T'Alai noch niemals bei einem Vulkanoiden gesehen. Gleichzeitig nahm sie mit Erheiterung zur Kenntnis, daß er nicht in der Lage gewesen war, die Symptome für sein sexuelles Interesse zu unterdrücken. "Da hätten wir also das erste Exemplar dieses angeblich so ausnehmend tückischen und verschlagenen Volkes!" dachte sie amüsiert.
In seinem Quartier angekommen entledigte sich Talan des Oberteils seiner Montur und warf es wütend auf das Bett. Natürlich hatte er gewußt, daß die Sternenflottenleute im Habitat eingetroffen waren, dennoch war er von dem plötzlichen Auftauchen der Vulkanierin völlig überrascht worden. Noch immer erinnerte er sich deutlich an das Gefühl, wie sich sein Gesicht ihr gegenüber verdunkelt hatte. "Und das Schlimmste ist, daß sie es auch noch gemerkt hat." dachte er verärgert. "Es wird allmählich Zeit, daß ich mich ablösen lasse." Allerdings wußte er recht gut, daß solche Überlegungen momentan illusorisch waren. Das romulanische Oberkommando hatte deutlich gemacht, daß es großen Wert auf den zwar strategisch unbedeutenden, jedoch politisch äußerst wertvollen Standort Rhazaghan legte. Aus diesem Grund hatte es Talans Kompetenzen erweitert, und ihm unter anderem das Recht eingeräumt, ungeeignet erscheinende Leute auszutauschen. Das Ergebnis war mittlerweile ein Regiment, das bemerkenswert gut an die hiesigen Verhältnisse angepaßt war. Rein theoretisch würde es natürlich möglich sein, das Kommando an Borial abzugeben, der sich zu einem tüchtigen und pflichtbewußten Offizier entwickelt hatte. Gleichzeitig war sich der Romulaner vollkommen im klaren darüber, daß Tarkin jegliche romulanische Präsenz ablehnen würde, die nicht Talans Führung unterstand. Er hatte reichlich Zeit gehabt, Einblicke in die Gedankengänge des Rhazaghaners zu gewinnen.
Als Tarkin anfing, sich von den Folgen seiner Gefangenschaft zu erholen, begann er damit, die Sporthalle aufzusuchen, um seine angegriffene Muskulatur wieder aufzubauen. Täglich trainierte er mehrere Stunden mit Rilkar und dem Romulaner und verlangte dabei, nicht geschont zu werden. Zu Beginn bot er noch einen mitleiderregenden Anblick und konnte nicht ein einziges Gefecht für sich entscheiden, dennoch war deutlich erkennbar, daß ihm die Übungen Freude machten. War er auch zunächst allein der Schüler des Ingenieurs gewesen, so entwickelte sich doch rasch ein herzlicher Kontakt zwischen ihm und Talan, was zur Folge hatte, daß die drei unterschiedlichen Männer nach Trainingsende häufig noch lange beisammensaßen. Allerdings legte der Rhazaghaner sein tiefes Mißtrauen gegenüber alkoholischen Getränken niemals ab. Nach und nach fand Tarkin zu seiner alten Form zurück, allerdings wurde schnell ersichtlich, daß er dabei in einen Gewissenskonflikt geriet. Zwar zeigte er keine Hemmungen, seinem früheren Lehrer gegenüber sein Bestes zu geben, doch wenn er gegen Talan antrat, offenbarte er eine eigenartige Scheu. Der Romulaner erkannte rasch, daß es Tarkin Überwindung kostete, seinen Lebensretter in dessen Kampfdisziplin zu schlagen, und schließlich geschah es regelmäßig, daß der Rhazaghaner hastig zupackte, um seinen überwundenen Gegner vor dem Sturz zu bewahren. Nur wenig später dann begann Tarkin die Halle unter den verschiedensten Ausflüchten zu meiden. Diese Entwicklung mißfiel Talan. Er hatte die herzliche und spontane Art des Rhazaghaners zu schätzen gelernt, und der Gedanke an den Verlust dieser Freundschaft störte ihn. Schließlich brachte ihn der Ärger über seine auf das Habitat beschränkte Bewegungsfreiheit auf den Gedanken, sich von Tarkin schulen zu lassen. Tarkin reagierte zunächst verblüfft und etwas zweifelnd auf die Bitte des Romulaners, doch ließ er sich bald für die neue Idee begeistern. Die Frage nach einer geeigneten Jagdhilfe war rasch beantwortet. Talans Waffe war der Stock, und so ließ er sein vertrautes Fechtgerät nach seinen Anweisungen durch eine zweischneidige Duraniumspitze erweitern, die in der Lage war, auch stärker gepanzerte Haut problemlos zu durchdringen. Es folgte eine Phase, in der Tarkin viel Sorgfalt darauf verwendete, seinen Schüler mit den einheimischen Tier- und Pflanzenarten vertraut zu machen. Er erzählte ihm von den jahreszeitlich bedingten Wanderungsbewegungen der Herden, beschrieb für ihn in Frage kommende Möglichkeiten, sich der Beute zu nähern und hörte ihn über die verletzlichen Stellen der verschiedenen Arten ab. Bald wurde es Talan klar, daß er sich in ein beachtliches Wissensgebiet vorgewagt hatte, doch er war fest entschlossen, sich als würdiger Schüler zu erweisen. Dann kam die kalte Jahreszeit und mit ihr die Kajas, die das Clangebiet durchquerten. In warme Felle gehüllt verließ Talan das erste Mal gemeinsam mit Tarkin und dessen Jagdbegleiter Intral das Habitat und erfuhr am eigenen Leib, wie schwierig die unbemerkte Annäherung an das Wild war. Den anderen beiden schienen solche Anfangsschwierigkeiten jedoch vertraut, und wenn Talan wieder einmal innerlich fluchend einer flüchtenden Herde nachsah, erklang hinter ihm das schallende Gelächter der Rhazaghaner. Es dauerte fast bis zum Frühjahr, bis Talan genug Erfahrungen mit Windrichtung, Deckungsmöglichkeiten und Untergrund gesammelt hatte, daß es ihm möglich war, sein erstes Kaja zu erlegen. Zwar handelte es sich um kein voll ausgewachsenes Tier, doch dem Romulaner war selten etwas so kostbar erschienen wie diese erste selbständig erlegte Beute. Auch das von Tarkin und Intral reichlich spendierte Lob spornte ihn zum Weitermachen an. Als Tarkin die Nachricht erhielt, ein Tirst müsse sich in der Nähe des Habitates aufhalten, zögerte er etwas. Erst nach einem längeren Gespräch mit dem Romulaner entschied er sich dafür, ihm die Jagd auf dieses schnelle und für Humanoide durchaus gefährliche Geschöpf zu gestatten. Zu dritt gingen sie hinaus und machten sich auf die Suche nach dem unerwünschten Eindringling. Wahrscheinlich hatte es Tarkin reichlich Überwindung gekostet, Talan dem flinken Räuber allein gegenübertreten zu lassen, und der Romulaner erkannte rasch, was den Hauptunterschied zu einer Kaja-Jagd ausmachte: Er hatte es nicht nötig, sich langsam und vorsichtig seiner Beute zu nähern, denn diese näherte sich ihm. Und zwar außerordentlich schnell. Als Talan die Jagdwaffe aus der Kehle des Raubtieres löste, hätte er am liebsten lauthals gejubelt. Tarkins gewissenhafte Unterweisungen hatten sich ausgezahlt, gleichzeitig wußte der Romulaner nun, daß er genug Selbstvertrauen besaß, um einen solchen Gegner an sich herankommen zu lassen. Alles weitere hatten sein sicheres Auge und seine guten Reflexe für ihn erledigt, und er empfand eine unbändige Freude darüber, daß er auf dem besten Wege war, ein Jäger zu werden. Tarkin lobte seinen Schüler überschwenglich und bot ihm an, das Gerben der herrlich grün schimmernden Haut für ihn zu übernehmen. Talan nahm das Angebot dankbar an, und nachdem sie Tarkin das erlegte Tier über den Rücken geworfen hatten, kehrten sie in Hochstimmung ins Habitat zurück. Einige Zeit später stieg Talan abends nach Beendigung seines Dienstes zur achtundzwanzigsten Ebene hinauf, da Tarkin ihm am Vortag mitgeteilt hatte, daß seine Trophäe bei ihm zum Abholen bereitlag. Wie sich herausstellte, war der Rhazaghaner noch nicht heimgekehrt, und da Talan freien Zugang zu Tarkins Quartier besaß, beschloß er, dort auf ihn zu warten. Seine Trophäe war nirgendwo zu sehen, und so durchschritt er die offene Terrassentür, um die Milde des Abends zu nutzen. Zwar zeichneten sich die Winter im Vari-Gebiet nicht gerade durch ihre Härte aus, doch Talan war Romulaner und nahm die zunehmende Wärme mit Erleichterung zur Kenntnis. Er wußte, daß er Tarkins Vergnügen an einer Schneedecke niemals würde teilen können. Die Arme auf die Steinbrüstung gelehnt, bemühte er sich, die letzten sichtbaren Einzelheiten im abnehmenden Licht wahrzunehmen. Das Wäldchen zu Füßen des Habitates lag bereits in dämmerigem Dunkel, doch am Horizont hob sich die Silhouette des Darjis noch gut erkennbar gegen den Abendhimmel ab. Ein heller Lichtpunkt zog zügig Richtung Nordwesten, und Talan nahm an, daß es sich wahrscheinlich um eine Sternschwinge auf einer tieferen Kreisbahn handelte. Sofort begann er in Gedanken weitere Details des bevorstehenden Manövers zu überdenken. Tarkin hatte bei der letzten Clanführerversammlung angeregt, die Leistungsstärke der rhazaghanischen Flotte durch großangelegte Gefechtsübungen zu verbessern. Für die Planung und Leitung der Manöver schlug er Talan vor, da dieser als Angehöriger einer kriegerischen Spezies über den reichsten Erfahrungsschatz in diesem für Rhazaghaner fremden Metier verfügte. Nach kurzer Diskussion beschloß man, den Gedanken aufzugreifen. Man rief Talan vor die Clanführer, um ein Bild von seinen Fähigkeiten zu gewinnen und entschied nach einem Gespräch mit ihm, ihn mit der Organisation der Gefechtsübungen zu betrauen. Seit diesem Tag war Talan fieberhaft damit beschäftigt, Angriffsmuster von cardassianischen und Jem'Hadar-Geschwadern zu untersuchen, ihre allgemeinen Strategien zu studieren und ihre Stärken und Schwächen herauszuarbeiten. Diese anspruchsvolle Aufgabe lastete ihn vollkommen aus und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Allein auf den Jagdausflügen mit Tarkin kam sein geschäftiger Geist zur Ruhe. Noch während Talans Gedanken bei dem bevorstehenden Manöver weilten, nahm er wahr, daß drinnen die Beleuchtung aktiviert wurde. Er wandte sich um, in der Absicht, sich bemerkbar zu machen, bremste sich aber sofort. In Tarkins Begleitung befand sich Aslari, und beide Rhazaghaner hatten sich bereits ihres Hüllbildes entledigt. Tarkin ließ sich mit einem erleichterten Seufzer auf dem Rand seines Lagers nieder, worauf Aslari sich hinter ihn kniete, um seine Schultern mit sanften Strichen zu massieren. Tarkin begann zufrieden zu knurren. Talan stand unschlüssig auf der Aussichtsplattform und überlegte. Er wußte inzwischen, daß er Tarkin und seine Gefährtin nicht in Verlegenheit bringen würde, wenn er sich zu erkennen gab, dennoch widerstrebte es ihm, sie in dieser privaten Situation zu stören. Schließlich faßte er den Entschluß, die beiden kurz zu begrüßen, um unmittelbar danach das Quartier zu verlassen, als die Nennung seines Namens ihn aufhorchen ließ. Der Romulaner hielt sich inzwischen fast ein Jahr auf Rhazaghan auf, und in dieser Zeit hatte er sich solide Kenntnisse der rhazaghanischen Sprache erworben. So hatte er kaum Probleme, dem Gespräch der beiden zu folgen. "Warum, was meinst du?" fragte Tarkin gerade. "Erinnere dich an das, was Nirrit neulich meinte: Es ist seine Position, die ihn davon abhält, eine Wahl unter seinesgleichen zu treffen. Vielleicht wird es Zeit, etwas zu unternehmen." "Und an was hast du dabei gedacht?" "Das einfachste wird sein, dafür zu sorgen, daß grundsätzlich mehrere weibliche Vari mit ihm Dienst tun. Sie sollten in dem passenden Alter, intelligent und ohne Reifungspartner sein, vor allem aber müssen sie wissen, worum es geht. Es dürfte keine Probleme bereiten, geeignete Kandidatinnen zu finden, Talan zieht leicht weibliche Sympathie auf sich." Tarkin gab ein besänftigendes Brummen von sich. "Glaubst du wirklich, daß das nötig ist? Auch Tybrang und Tabantani sind schon längere Zeit ohne Reifungspartner ohne daß Handlungsbedarf bestünde. Talan ist noch nicht allzulange hier; laß ihn seine Wahl selbst treffen!" "Wenn Tabantani von den Dana zurückkehrt, wird sie eine Wahl getroffen haben, soviel steht fest. Und Tybrang - sieh ihn dir an: Überarbeitet, reizbar und nervös! Was aber Talan angeht, so kannst du sicher sein, daß er Rhazaghan verlassen wird, wenn in dieser Hinsicht nichts geschieht. Meiner Ansicht nach haben wir durchaus Grund, uns Gedanken zu machen." Tarkin wandte ihr den Kopf zu und lächelte. "Das glaube ich eigentlich nicht! Man merkt Talan an, daß er sich bei den Vari wohlfühlt. Er ißt, er lacht, er jagt mit uns, warum sollte er gehen wollen?" Seine Stimme wurde deutlich weicher. "Hör einmal, Gefährtin, vielleicht..." Aslari drehte ihm den Kopf entschlossen wieder nach vorn und fuhr fort, ihm mit geschickten Händen über Nacken und Schultern zu streichen. "Halt still! Wie ich dir schon sagte, wird die Zeit gegen uns arbeiten. Bleibt Talan allein, so wird er sich von hier abberufen lassen, dessen bin ich mir sicher! Er wird zu seinem Volk zurückkehren, um sich dort auf die Suche nach einer Gefährtin zu machen. Kannst du sagen, was dann weiter aus ihm werden wird?" "Ja, gewiß, ich verstehe, was du mir sagen willst!" erwiderte Tarkin ergeben und versuchte sich umzuwenden. "Aber vielleicht müssen wir das nicht unbedingt jetzt besprechen. Aslari...?" "Ich möchte, daß du stillhältst, Tarkin! Ich kann mich nicht um deinen Rücken kümmern, wenn du dauernd zappelst. Im übrigen ist es das Vernünftigste, konkrete Überlegungen zu diesem Thema nicht länger aufzuschieben. Also was sagst du?" Ihr Gefährte ächzte. "Ich weiß nicht, möglich, daß du recht hast! Laß uns morgen darüber reden, Aslari, bitte!" "Morgen erwartet dich Arbeit, die Arbeit eines Clanführers. Außerdem möchte ich nicht ständig das Thema von neuem anschneiden müssen. Es ist besser, die Entscheidung jetzt gleich zu treffen." "Aslari..." begann er flehend. Sie nickte grimmig. "Du siehst, daß Talan ißt und lacht und Freude an der Jagd hat, gewiß! Denkst du denn wirklich, daß es sonst keine weiteren Bedürfnisse gibt, die gleichermaßen bei Rhazaghanern und Romulanern existieren? Er wird auch in dieser Hinsicht nicht anders empfinden als du. Und da sitzt du hier und bringst es über dich, eine solch einfache Entscheidung aufschieben zu wollen!" Tarkin seufzte. "Ja, Gefährtin, du hast recht! Es ist wohl besser, etwas zu unternehmen. Frag morgen im Habitat herum, ich werde die Betreffenden auf die Arrhinia D'jah schicken." Aslari lächelte sanft. "Ich bin froh, daß du eingewilligt hast. Du wirst sehen, es ist eine gute Entscheidung." Er nickte langsam. "Ich möchte gern, daß er hier glücklich ist. ... Aslari?" "Ja, Tarkin!" erwiderte sie zärtlich. "Du hast mein Einverständnis!" Talan wandte sich lautlos ab und stieg hinüber zur Nachbarterrasse, um seinen Rückweg über ein leerstehendes Quartier zu nehmen. Er hatte genug gehört, und es traf ihn bis in sein Innerstes, wie genau man sein Hauptproblem verstanden hatte. Auch die Tatsache, daß er bei seinen Besuchen in Nirrits Quartier gelegentlich die eine oder andere ihrer Freundinnen angetroffen hatte, ergab nun ein völlig neues Bild. Offenbar hatte man sich entschlossen, sich fürsorglich seines Privatlebens anzunehmen, und zu allem Überfluß war nun Tarkin dazu genötigt worden, seine Unterstützung zuzusichern. Tatsächlich waren von da an die meisten auf der Arrhinia D'jah diensttuenden Rhazaghaner junge Frauen, und Talan rechnete damit, daß sich seine Situation bald auf das Unerträglichste zuspitzen würde.
Der Romulaner seufzte und hatte sich gerade auf seinem Lager ausgestreckt, als sich jemand vor seiner Tür bemerkbar machte. Verdrossen stemmte er sich hoch und öffnete, fühlte sich jedoch bei dem Anblick des Ingenieurs etwas besänftigt. "Entschuldige!" begrüßte ihn dieser nach einem Blick in Talans Gesicht. "Du hattest dich wohl gerade hinlegen wollen?" "Auf den kurzen Moment kommt es nach drei Tagen nicht mehr an. Komm rein!" Er wandte sich ab und Rilkar folgte ihm zur Fensterreihe, wo sich der Romulaner in einen Sessel fallen ließ. Der Ingenieur ließ sich ihm gegenüber nieder. "Ich bin vorhin Borial begegnet." begann er. "Er erwähnte kurz, daß ein Temperaturanstieg an einem der neuen Traktoremitter registriert wurde. Wie ist es dazu gekommen?" Talan erwiderte düster seinen Blick. "Muß ich dir das wirklich beantworten?" Rilkar stieß verärgert die Luft durch die Nase aus. "Es darf nicht wahr sein! Kaum hat man glücklich eine Installation abgeschlossen, setzt sie gleich alles daran, die neu eingebauten Teile zu ruinieren. Was hat sie angestellt?" "Sie hat die Bergschnee mitten im Flug arretiert und damit dem Übungsfeuer der nachfolgenden Jem'Hadar-Seite preisgegeben. Ich hatte mich gerade schlafengelegt, als es passierte. Nur wenig später weckte mich Borial, um mich unter anderem darüber zu informieren, daß Mongaris ein Gespräch mit mir wünschte." Der Ingenieur begann gegen seinen Willen zu schmunzeln. "Wahrscheinlich sind sie ganz hübsch durchgeschüttelt worden, einen solchen Ruck fängt kein Trägheitsdämpfer vollständig ab. Wie lange wurden die Traktoremitter belastet?" "Wie ich dir schon sagte, war ich zu dem bewußten Zeitpunkt nicht auf der Brücke. Nach Borials Meldung kann es jedoch nur für einen kurzen Moment gewesen sein. Wieso fragst du?" "Weil ich dann nur hoffen kann, daß es sich um ein Materialproblem handelt, eine solch kurzfristige Überlastung liegt eigentlich innerhalb der Toleranzen. Schlimmstenfalls werde ich mir sämtliche Traktoremitter noch einmal ansehen müssen. Wer weiß, vielleicht ist das alte Mädchen tatsächlich auf einen Konstruktionsfehler gestoßen." "Wenn das ein Versuch war, mich aufzumuntern, so kommt er zu spät. Für mich ist der Tag gelaufen. Aber wie sieht es eigentlich im Habitat aus? Hast du schon etwas von den Föderationsleuten bemerken können?" "Ich war noch nicht unten, ich habe nur gehört, daß die Technikercrew ihres Schiffes im Augenblick damit beschäftigt ist, die Replikatoren anzuschließen. Knut war allerdings so aufgekratzt, daß ich ihn runtergeschickt habe. Unsere Neuankömmlinge sind nun einmal größtenteils Vertreter seiner Spezies, und mit Sicherheit möchte er sich ansehen, wie sie mit der Gravitation zurechtkommen. Er selbst hat damals ziemlich lange gebraucht, um sich anzupassen." In Talans Augen blitzte es amüsiert. "Ich verstehe! Gibt es sonst noch etwas Neues?" "Tabantani ist wieder im Habitat. Sie kam vorgestern." "Und?" "Sein Name ist Malukan von den Tar. Macht einen guten Eindruck, der Bursche. Ich habe mich gestern mit ihm unterhalten." "Soviel ich weiß, sind die Tar doch ganz oben auf dem Nordkontinent. Wollte Tabantani nicht zu den Dana?" "Sie ist ihm dort begegnet. Durch die Abgeschiedenheit ihrer Wohnstätte sind die Tar wohl ziemlich wanderlustig, wenn sie auf Partnersuche sind. Als Malukan bis zu den Sirk gekommen war, packte ihn der Ehrgeiz, sich auch auf dem Zentralkontinent etwas umzusehen. Bei Wintereinbruch traf er dann bei den Dana ein. Sein Rhazaghanisch wird dir übrigens schnell auffallen: Es hat einen etwas zischenden Klang." Er erhob sich ohne Umstände, um Talan nicht weiter von seiner verdienten Bettruhe abzuhalten. Auf dem Weg zur Tür blieb sein Blick erneut an der Tirsthaut hängen, die die Wand mit ihrem grünen Schillern schmückte. Er drehte sich noch einmal um. "Eigentlich bist du übergeschnappt!" bemerkte er zum wiederholten Male. "Du weißt das doch hoffentlich?" Talan schmunzelte. "Warum kommst du nicht mit nach draußen und probierst es einmal aus?" "Vielen Dank! Das einzige Raubtier, das ich jemals erlegt habe, war eine Chusa, die im Maschinenraum meines Schiffes Löcher in die Konsolen nagte. Ansonsten füllt mich der Kampf mit der eigenwilligen Schönheit da unten im Hangar vollkommen aus. Schlaf gut, Talan! Wir sehen uns morgen!"
Pittoni blieb stehen und sah zurück auf die überwundene Treppe, die eben von ihrem ersten Offizier erklommen wurde. Als er bei ihr anhielt, warf sie einen Blick von gespielter Strenge auf seine Kleidung. "Alles klar zum Gefecht, Commander?" Er nickte etwas unglücklich. "Sicher! Dennoch muß ich gestehen, daß ich mich ein wenig unwohl fühle. Vielleicht bin ich schon zu lange dabei, aber irgendwie widerstrebt es mir, ohne meine Paradeuniform auf einen solchen Empfang zu gehen." "Ich weiß, mir geht es nicht anders. Aber es ist wichtig, einen sichtbaren Kontrast zu dem militaristischen Auftreten der Romulaner zu setzen, außerdem ist es einfach eine Tatsache, daß Zivilkleidung die Kontaktaufnahme ganz erheblich erleichtert. Trösten Sie sich, Sie machen einen hervorragenden Eindruck. Ist das nicht der Anzug, den Sie auf Captain Kenyattas Hochzeit getragen haben?" "Ich hatte ihn mir extra zu dem Anlaß zugelegt, und das nur, weil sie damals angekündigt hatte, daß sie jeden vor die Tür setzen würde, der es wagte, in Uniform zu erscheinen. Leider hatte ich bei dem Kauf nicht auf modernes Material geachtet. Ich war heute fast den halben Nachmittag damit beschäftigt, die ärgsten Knitterfalten zu beseitigen." "Ja, es ist bedauerlich, daß die Kleidungsaufbereiter erst morgen angeschlossen werden." stimmte ihm Pittoni im Weitergehen zu. "Aber immerhin sind die Replikatoren komplett, und alles weitere ist uns bis spätestens morgen abend zugesagt worden. Die Leute von der Ivanhoe tun, was sie können. Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben?" "Ähnlich wie damals auf Vulkan. Das Bett ist zwar recht komfortabel, aber ich hatte die ganze Nacht das Gefühl, unter einer Bleidecke zu liegen. Heute morgen stellte ich dann einen handfesten Muskelkater bei mir fest." Pittoni nickte mitfühlend. "Das wird wahrscheinlich auf jedes Crewmitglied zutreffen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Ich fürchte, wir werden erst einmal eine Zeitlang die Zähne zusammenbeißen müssen. Hoffen wir, daß es sich bei der Begrüßungsfeier um keine Stehparty handelt, andernfalls werden wir ein recht erbärmliches Bild neben den Romulanern abgeben." Noch während sie dem von Aslari beschriebenen Weg folgten, drang ihnen erstes Stimmengewirr entgegen. Kurz darauf langten sie in einer nicht zu grell beleuchteten Halle von beachtlicher Größe an, die schon von einigen plaudernden Gruppen belebt wurde. Gemusterte Felle schmückten die Wände, und Pittoni erkannte erleichtert zahlreiche weiche Teppiche und Polster, die den Boden vor den Längswänden sowie der einen Stirnwand bedeckten. Als sie die Anwesenden näher betrachtete, glitt ihr Blick auch über mehrere Romulaner in Uniform, die sich ungezwungen mit den Einheimischen unterhielten. "Wer auch immer das Regiment befehligt," raunte ihr Malewitsch zu, "er hat es geschickt verstanden, einen Kontakt zu den Einheimischen aufzubauen. Außerdem scheint er die Sache verhältnismäßig tolerant zu handhaben. Haben Sie das rhazaghanisch-romulanische Paar dort drüben gesehen?" Pittoni nickte. "Ja, erstaunlich, wie flexibel Romulaner sein können, wenn es die Umstände erfordern. Der hiesige Kommandant weiß natürlich, daß der rhazaghanische Standort von einer guten Beziehung zur Bevölkerung abhängig ist, daher hat er sich wohl mit einigen Kompromissen abgefunden. Es ist sogar denkbar, daß er seine Leute dazu ermutigt, Liebesverhältnisse mit Einheimischen einzugehen. So wie es aussieht, werden wir keinen ganz leichten Stand haben." Als sich Pittoni weiter umsah, bemerkte sie hinten an der gegenüberliegenden Stirnwand etwas, das ihr von zahlreichen anderen Empfängen vertraut war. "Schauen Sie, Konstantin! Zumindest in dieser Hinsicht scheinen unsere Gebräuche den rhazaghanischen zu entsprechen. Ich schlage vor, wir werfen schon einmal einen Blick auf das kalte Buffet, damit wir uns eine Vorstellung von den einheimischen Speisen verschaffen können. Ich würde es gern vermeiden, den Clanführer ein weiteres Mal zu brüskieren." Gleich darauf flanierten sie an der Reihe der mit diversen Tellern und Gefäßen gedeckten Tische vorbei und versuchten den Ursprung der verschiedenen Gerichte zu enträtseln. Ein großer Teil der Auswahl schien dabei von Fleischspeisen bestritten zu werden, doch sie bemerkten auch Früchte sowie gemüseartige Zubereitungen unter dem Angebotenen. Dann fiel ihr Blick auf den Inhalt einer riesigen Schüssel, und sie hielten abrupt an. Malewitsch riß die Augen auf. "Captain, kann es sein, daß es sich bei dem da vorne um das handelt, wofür ich es halte?" Pittoni starrte ebenfalls. "Ich denke schon, Konstantin! Die Form ist mir nicht gänzlich vertraut, aber ich bin mir tatsächlich ziemlich sicher, daß es sich hier um ein kolossales Herz handelt. Du lieber Himmel, von was für einem Tier mag dieses Organ bloß stammen? Sehen Sie sich bloß einmal den Aortenbogen an!" Malewitsch schluckte. "Glauben Sie, man erwartet von uns, davon zu kosten? Ich muß gestehen, ich wäre nicht gerade begeistert, ein Stück davon auf meinem Teller wiederzufinden. Das Ding sieht mir doch ziemlich naturbelassen aus." "Zumindest ist es gegart, das ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit." erklang eine ruhige männliche Stimme hinter ihnen. "Im übrigen würde ich Ihnen das Sabreshherz nur dann empfehlen, wenn Sie über außerordentlich gute Zähne verfügen." Pittoni wandte sich rasch dem Sprecher zu, um sich bei seinem Anblick unwillkürlich etwas aufzurichten. Sie hatte keine Mühe, die romulanische Kommandantenuniform zu erkennen, doch bevor sie eine Begrüßung improvisieren konnte, neigte der Mann bereits höflich den Kopf. "Ich bin Talan, der Kommandant des auf Rhazaghan stationierten romulanischen Regimentes. Wenn ich Ihnen bei der Auswahl der Speisen behilflich sein kann?" Pittoni faßte sich sofort. "Captain Pittoni und Commander Malewitsch!" stellte sie sich und ihren ersten Offizier vor. "Vielen Dank für Ihr Angebot, Kommandant! Wie Sie vielleicht erfahren haben, sind wir erst gestern hier eingetroffen und daher mit den einheimischen Gerichten noch nicht allzu vertraut. Wenn Sie so liebenswürdig wären, uns zu helfen, wären wir Ihnen sehr dankbar." Der Romulaner stand in perfekter Haltung vor ihnen, ein halbgeleertes Glas in der Linken, die Rechte auf den Rücken gelegt. Einen kurzen Augenblick musterte er sie interessiert, dann trat ein humorvolles Funkeln in seine Augen. "Selbstverständlich! Ich möchte nur ungern, daß es später von uns Romulanern heißt, wir würden tatenlos dabei zusehen, wie sich andere den Magen verderben. Kommen Sie! Wir werden sehen, ob wir etwas Genießbares für Sie finden können." Langsam schritt er mit seinen Schützlingen die Reihen der aufgebauten Speisen ab, um kurz darauf vor einem Teller mit appetitlich rosafarbenen Scheiben stehenzubleiben. "Sollten Sie Fleisch mögen, dann kann ich Ihnen den Kaja-Rücken empfehlen. Die Tiere wurden während des Winters erlegt, direkt weiterverarbeitet und die Teile in eine spezielle Lake eingelegt, die ihnen eine leicht bittere Würze verleiht. Diese Spezialität wird von vielen meiner Leute sehr geschätzt." Er ging ein Stück weiter und deutete auf mehrere Gefäße. "Ebenfalls für Sie geeignet dürften die gegarten Kralips hier und die gesäuerten rohen Fischstücke dort drüben sein. Falls Sie jedoch pflanzliche Kost bevorzugen sollten, so rate ich Ihnen zu Naripah. Wie Sie sehen, gibt es sie in unterschiedlichen Helligkeitsabstufungen. Das liegt daran, daß der Grundstoff, eine Wildgetreideart, einem Fermentierprozeß unterzogen wird, in dem vorhandene Bitterstoffe abgebaut werden, wie man mir erklärt hat. Wenn Sie also eine eher herbe Geschmacksrichtung bevorzugen, so sollten Sie zu der hellen Naripah greifen, während die schwarzbraune ein fast süßliches Aroma aufweist." "Sie wissen gut Bescheid!" erwiderte Pittoni anerkennend. "Wie sieht es mit Besteck aus? Bisher habe ich lediglich die schalenartigen Teller dort drüben bemerken können." Talan wandte sich ihr zu. "Eßhilfen meinen Sie? Die werden Sie hier nicht finden. Die Vorstellung, Werkzeuge zu fertigen, die allein dem Transport der Speisen zum Mund dienen, würde einige Heiterkeit in den meisten Rhazaghanern hervorrufen. Zwar liegen auch Messer zum Zerteilen der größeren Stücke bereit, aber das ist auch alles. Dennoch gibt es hier ein paar Leute, die eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Bestecken besitzen. Clanführer Tarkin gehört zu ihnen, weil er sich sehr für fremde Gebräuche interessiert." "Das deckt sich mit dem Eindruck, den wir von ihm erhalten haben!" bemerkte Pittoni vielsagend. "Zudem kann ich wohl annehmen, daß Sie diese Leidenschaft mit ihm teilen, immerhin haben Sie sich bereits ein beachtliches Wissen über die rhazaghanische Lebensweise verschafft. Dennoch könnte ich mir vorstellen, daß es nicht immer einfach ist, ein romulanisches Regiment in dieser Abgeschiedenheit zu kommandieren." Der Romulaner richtete den vollen Blick seiner dunklen Augen auf sie. Dann begann er leise und wissend zu lächeln. "Es ist nicht so schwer, wie Sie vielleicht denken. Glauben Sie mir, ich und die meisten meiner Leute wissen, daß es weitaus unangenehmere Orte gibt, an die ein romulanischer Soldat versetzt werden kann. Zudem leben wir hier unter wesentlich weniger beengten Verhältnissen als an Bord eines Warbirds. Romulaner wachsen unter strenger Disziplin auf, dennoch habe ich einige Regelungen getroffen, um unsere Lebensweise an die hiesigen Gegebenheiten anzupassen. Meine Leute haben vom Clanführer die Erlaubnis erhalten, sich nach Dienstende frei im Habitat zu bewegen, die Sporthallen aufzusuchen, Freundschaften, ja sogar Partnerschaften zu pflegen. Es ist möglich, die Wohnstätte zu verlassen, um sich die Umgebung anzusehen, allerdings sind solche Ausflüge nur unter dem Schutz der Einheimischen gestattet. Wem danach zumute sein sollte, sich zu betrinken, kann das in unserem Casino tun, vorausgesetzt, er bleibt danach auf den romulanischen Ebenen. Sollten zwei meiner Leute das Bedürfnis haben, sich zu prügeln, so steht ihnen auch diese Möglichkeit offen, allerdings haben sie zu diesem Zweck eine Sporthalle aufzusuchen." Sein Lächeln bekam etwas Grimmiges. "Selbstverständlich müssen sie das in dem Bewußtsein tun, daß ich mir die Namen der Betreffenden merken werde." "Ich bin überzeugt, daß dieses Wissen die allermeisten Ihrer Leute dazu anhalten wird, sich in Friedfertigkeit zu üben. Aber was unternehmen Sie, wenn Ihre Leute in Streitigkeiten mit Einheimischen verwickelt werden? Immerhin überschneiden sich in dem Fall die romulanische und die rhazaghanische Gerichtsbarkeit." "Differenzen zwischen Einheimischen und meinen Leuten konnten von mir noch nicht beobachtet werden. Sie werden bald feststellen, daß Rhazaghaner ausgesprochen friedfertig sind. Handfeste Streitigkeiten kommen unter ihnen kaum vor, das liegt in ihrer speziellen Natur begründet. Sollte dennoch jemand durch permanente Unverträglichkeit auffallen, so kann es vorkommen, daß man ihn dazu auffordert, das Habitat zu wechseln. Der Schock darüber, im angestammten Clan unerwünscht zu sein, sorgt im allgemeinen dafür, daß der oder die Betreffende in der neuen Wohnstätte niemals wieder auffällig wird." Pittoni hatte aufmerksam zugehört. "Ich verstehe! Haben Sie einen solchen Fall schon einmal erlebt?" Der Romulaner betrachtete sie nachdenklich, dann schüttelte er den Kopf. "Nein!" erwiderte er. "Nicht ein einziges Mal! Wie ich Ihnen schon sagte, sind Rhazaghaner von Natur aus sehr verträglich." Bevor Pittoni eine neue Frage an ihn richten konnte, sah der Romulaner zur Hallenmitte hinüber, wo aus dem reger werdenden Gedränge ein Ruf erklungen war. Rasch leerte er sein Glas und wandte sich dann noch einmal den beiden Terranern zu. "Wir werden sicher noch im Laufe des Abends Gelegenheit finden, uns zu unterhalten. Wenn Sie bereit wären, mich für den Augenblick zu entschuldigen?" Anschließend wandte er sich ab und strebte dem Zentrum der Halle zu. Pittoni und Malewitsch sahen ihm einen Moment nach. "Da haben wir also unseren Gegenspieler." bemerkte Malewitsch. "Ich kann mir nicht helfen, aber auf mich wirkt er auf den ersten Blick nicht unsympathisch." Pittoni seufzte. "Ja, ich muß zugeben, daß es mir ähnlich geht. Das romulanische Oberkommando hat hier bemerkenswerte Geschicklichkeit bewiesen. Statt einen Offizier der üblichen arrogant-verschlagenen Sorte auszuwählen, hat es uns einen jungen Fuchs mit Charme vor die Nase gesetzt. Es ist gut möglich, daß uns dieser neue Schlag Romulaner mehr Kopfschmerzen bereiten wird, als der bisherige. Kein Wunder, daß sich Talan mit seinem Regiment hier so festgesetzt hat!" Gleich darauf beobachteten sie, wie der Romulaner bei einer Person stehenblieb, die ihm ein neues Glas mit blauem Inhalt reichte. Sie warfen einander einen verblüfften Blick zu. "Ich lasse mich gern anders belehren, Captain!" bemerkte Malewitsch. "Aber meiner Ansicht nach ist der Mann da drüben mindestens zur Hälfte Cardassianer." "Ich stimme völlig mit Ihrer Einschätzung überein, Konstantin!" erwiderte seine Vorgesetzte, die mit zusammengekniffenen Augen die beiden unterschiedlichen Männer beobachtete. "Und haben Sie gesehen, was er an den Handgelenken trägt?" Malewitsch folgte ihrem Blick. "Sind das tatsächlich romulanische Grav-Spangen?" "Und ob! Präzise die gleichen Metallringe, welche die Gefangenen trugen, die uns damals von den Romulanern überstellt wurden, da besteht gar kein Zweifel!" "Was mag das für einen Hintergrund haben? Ob es sich um Talans Leibsklaven handeln könnte?" Pittoni hatte noch immer ihre Augen auf die beiden miteinander scherzenden Männer gerichtet. "Wer weiß? Zumindest hat er ihm ein Getränk gebracht, romulanisches Ale, wie es aussieht. Allerdings scheinen sich die beiden recht gut zu verstehen." "Es wäre nicht das erste Mal, daß sich eine herzliche Beziehung zwischen Herr und Sklave entwickelt. In der römischen Literatur finden sich zahlreiche Beispiele dafür. Haben Sie Plinius gelesen?" Pittoni nagte auf ihrer Unterlippe. "Plinius? Schon möglich! Allerdings bin ich langsam geneigt, das Spekulieren aufzugeben, die Dinge scheinen mir hier doch reichlich kompliziert zu sein. Kommen Sie! Suchen wir uns einen Platz, von wo wir das weitere Geschehen in aller Ruhe beobachten können." Kurz darauf setzen sie sich auf zwei Polster vor einer Längswand und genossen die Entlastung ihrer strapazierten Muskeln und Gelenke. Die eintreffenden Mitglieder ihrer Crew nahmen sich ein Beispiel daran und ließen sich in ihrer Nähe nieder, während auf der gegenüberliegenden Seite ausschließlich Romulaner und Rhazaghaner Platz nahmen. Immer mehr füllte sich die Halle, und Pittoni begann im Stillen, Größenvergleiche anzustellen. Ihre Unterlagen hatten die Information enthalten, daß das rhazaghanische Wachstum niemals ganz abgeschlossen war, und diese Auskunft fand sie anhand ihrer Beobachtungen bestätigt. Junge Rhazaghaner besaßen stets eine geringere Größe, während es einfach war, die Anwesenden auszumachen, die sich bereits im fortgeschrittenen Alter befanden. Eine auffällig große Person war normalerweise angegraut, obwohl es auch individuell bedingte Größenunterschiede zu geben schien. Plötzlich und unvermittelt wurde Pittoni aus ihren Gedanken gerissen, als sie die Stimme ihres ersten Offiziers neben sich wahrnahm. "Captain!" zischte er leise. "Der Clanführer!" Nun erst stellte sie fest, daß der Geräuschpegel deutlich abgenommen hatte. Als sie zum Eingang blickte, erkannte sie Tarkin, der gerade mit seinem Beraterstab eingetreten war. Noch während er sich umsah, löste sich Talan aus der Menge und richtete einige für Pittoni unverständliche Worte an ihn. Der Clanführer begann zu lächeln. Dann schlug er dem Romulaner freundschaftlich auf die Schulter und folgte ihm zur gegenüberliegenden Wand, wo man Polster für ihn und seine Leute freigehalten hatte. "Wir hätten Platz für den Clanführer lassen sollen." wurde Pittoni schlagartig ihr Fehler bewußt. "Stattdessen habe ich zugelassen, daß fast die ganze Wandseite von unseren Leuten besetzt wurde. Nun sitzt er drüben bei den Romulanern. Die Sache fängt ja großartig an!" Bevor Tarkin sich niederließ, wartete er, bis alle Stimmen gänzlich verstummt waren, dann wandte er sich an die Anwesenden. "Unsere Gemeinschaft ist größer geworden," begann er, wobei er würdevoll zu Pittoni hinübernickte, "und wir wollen unsere neuen Gäste hier willkommen heißen. Wie ihr alle wißt, sind jene, die gestern bei uns eintrafen, Angehörige der Sternenflotte. Ebenso wie unsere romulanischen Freunde sind sie hier, um ihren Dienst gemeinsam mit uns auf den Sternschwingen zu versehen, ihre Kräfte für die Verteidigung Rhazaghans einzusetzen, und um mit den Vari zu leben. Der heutige Abend ist der Beginn dieses Zusammenlebens, und wir beginnen ihn voll Neugier und Erwartung, aber auch in dem Wissen, daß wir verschieden sind. Natürlich muß sich unsere neue Gemeinschaft erst festigen, und so ist es gut, daß wir auf vier Helfer vertrauen können, die diesen Prozeß beschleunigen werden. Der erste ist das Kennenlernen des anderen, und mit dieser Feier sind wir im Begriff, den Anfang dafür zu machen. Die anderen drei erwarten voller Ungeduld den Beginn der Ausbildung, und wenn sie auch nicht hier bei uns sein können, so will ich doch ihre Namen nennen: Arrhinia D'jah! Narhamak! Xaringal!" Ein Raunen der Zustimmung ging durch den Saal, und der Clanführer setzte sich. Nach einem Moment der Ruhe wies er mit einer schlichten Handbewegung zur hinteren Stirnwand, worauf sich die ersten Anwesenden erhoben, um den aufgebauten Speisen zuzustreben. Nur wenig später ließ sich Pittoni wieder auf ihrem Platz nieder und kostete von den rosafarbenen Scheiben, die ihr Talan empfohlen hatte. Dabei mußte sie zugeben, daß der Romulaner recht gehabt hatte; das Fleisch schmeckte vorzüglich. Auch Getränke wurden angeboten, und ihr wurde bewußt, daß sie es versäumt hatte, sich über ihre Herkunft und Beschaffenheit zu informieren. So schlug sie eine teeartige Flüssigkeit aus und entschied sich für einfaches Wasser, das sie jedoch durch seine auffallend gute Qualität beeindruckte. In deutlich gehobener Stimmung sah sie zu ihrem ersten Offizier hinüber. "Wie ist Ihr Fisch?" Malewitsch schluckte, bevor er antwortete. "Gar nicht übel! Zwar hätte er für meinen Geschmack noch etwas stärker gewürzt sein können, aber an seiner Frische besteht überhaupt kein Zweifel. Wie sieht es mit Ihrem Essen aus?" "Ganz ausgezeichnet! Und wie es scheint, haben sich auch unsere Leute nach unseren Hinweisen gerichtet. Mit etwas Glück überstehen wir den Abend, ohne morgen über Personalausfall klagen zu müssen. Können Sie erkennen, was Rowland macht?" Malewitsch drehte den Kopf zur anderen Seite. "Soweit ich sehen kann, ist er friedlich dabei zu essen, und sein Trüppchen ebenfalls. Möglich, daß ihn die fremde Umgebung etwas einschüchtert, vielleicht ist es sogar die Zivilkleidung, die zu seiner Zähmung beiträgt. Es gibt eine Menge forscher Sternenflottenoffiziere, die sich privat wesentlich moderater verhalten." "Vielleicht besteht hier ja noch Hoffnung! Eigentlich sollten wir versuchen, uns etwas mehr zu entspannen, um den interessanten Abend genießen zu können. Wir sind erst gestern eingetroffen, und zu erwarten, daß sich gleich am Anfang alles zu Gunsten der Föderation regelt, ist sicher zu viel verlangt. Und schließlich wollen wir auch nicht vergessen, daß es sich hier um unsere Begrüßungsfeier handelt."
T'Alai war soeben im Begriff, ihre Mahlzeit zu beenden. Commander Malewitsch war so liebenswürdig gewesen, sie auf die Schüsseln mit Naripah hinzuweisen, und so hatte sie sich für eine Portion von der mittelhellen Sorte entschieden. Gleich darauf hatte sie zufrieden festgestellt, daß das Gericht voll und ganz ihren geschmacklichen Ansprüchen genügte. Bevor sie die Aufmerksamkeit wieder ihrer Umgebung zuwandte, faßte sie den Entschluß, bei Gelegenheit näheres über die Herstellung dieser Speise in Erfahrung zu bringen. Im ganzen Saal wurde nach und nach die Nahrungsaufnahme eingestellt und das Eßgeschirr eingesammelt. Nur wenig später erhob sich ein Mann von seinem Platz, dessen ehrwürdiges Alter sich anhand seiner beachtlichen Größe sowie seiner grauen Haare erahnen ließ. Augenblicklich begannen die Gespräche zu verstummen. Als Ruhe eingekehrt war, fing der alte Rhazaghaner an, mit bedächtiger Stimme zu erzählen. "Diese Geschehnisse liegen weit zurück und wären längst im Dunkel der Zeit versunken, wenn sie nicht in der Chronik der Vari von einem Clanführer an den nächsten überliefert würden. So ist es möglich, daß die Namen jener, deren Körper längst an Rhazaghan zurückgingen, durch meine Worte erneut erwachen und sich mit Leben füllen, um uns an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen. Durch die Südbarriere führt der Numa-Paß, wie wir ihn nennen, und die Numa waren es, die dort vor langer Zeit ihr erstes Habitat errichteten. Sie hatten den Ort für ihre Heimstatt gut gewählt, denn jedes Frühjahr durchquerten dort die Herden der Sabreshs das Gebirge, um das nördliche Land mit ihren gewaltigen Leibern zu überschwemmen. Die Numa folgten ihnen und erlegten sie, außerdem durchstreiften sie das Vorgebirge, um Bilash einzutragen, Früchte zu sammeln, Fische zu fangen und Zerliks zu jagen. Manchmal kam es vor, daß ein Uraukh oder ein Atalan den Spuren der Sabreshs von Süden her durch den Paß folgte, doch die Numa hatten Vorsorge getroffen und töteten die übermächtigen Feinde, indem sie künstliche Steinschläge auslösten. Ein Habitat folgte auf das andere, und aus der anfangs noch kleinen Gemeinschaft wuchs mit den Jahrtausenden ein großer und tüchtiger Clan heran, der regen Austausch mit den ebenfalls erstarkenden Dana und Kelp hielt. Schließlich bauten die Numa ihr größtes Habitat in der Form weißer Quarzkristalle, um jedem Clanmitglied genügend Raum zugestehen zu können. Wieder verging Zeit, und die Clanführer, die einander ablösten, sorgten gut für ihr Volk. Die Numa fühlten sich sicher und geborgen, und in dieser Gewißheit kamen in jedem Frühjahr neue Kinder zur Welt. Die Raubtiere hatten gelernt, einen Bogen um die starken Jagdtrupps zu schlagen oder sie mieden das Clangebiet ganz, so daß kaum Verluste beklagt werden mußten. Auch sonst hatten die Numa Glück: Die damals gefürchtete Rauhkrankheit und die Atemlähme schienen das Habitat zu meiden, und so kam es, daß es sich immer weiter mit den sich vermehrenden Numa füllte. In dieser Zeit übernahm Naukai die Einäugige den Clan, und wie ihre Vorgänger machte sie ihre Sache gut. Dennoch sah sie mit Sorge, wie zahlreich die Numa geworden waren; die Luft im Habitat roch schlecht und verbraucht, die Jagdtrupps mußten inzwischen weite Wege auf sich nehmen, um den Clan versorgen zu können, und es war nur eine Frage der Zeit, wann eine Seuche ihren Weg in das Habitat finden würde, um dort furchtbare Ernte zu halten. Auch Lushak, ihr Berater, hatte diese Gedanken, und so suchte er eines Tages die Clanführerin auf, um mit ihr zu sprechen. "Naukai, wir sind zu viele geworden." begann er, als er ihr gegenüberstand. "Den Numa ist es noch niemals so lange so gut ergangen, sie haben sich über die Jahrhunderte vermehrt, und bald werden die ersten auf den Gängen schlafen. Es ist kaum noch möglich, das Habitat ausreichend zu belüften, die Enge, in der wir leben, läßt aus Nichtigkeiten Streit entstehen, und es ist nicht auszudenken, was eine Krankheit unter uns anrichten würde." Naukai hatte ihrem Berater voller Ernst zugehört. "Auch ich bin der Ansicht, daß etwas geschehen muß." entgegnete sie. "Dennoch wissen wir beide, daß es nicht mehr möglich ist, dieses Habitat zu vergrößern. Eine Wohnstätte zu bauen, die für uns alle ausreicht, wird zu lange dauern, außerdem übersteigt die Errichtung eines solchen Habitates unsere Fähigkeiten. Die Kelp und die Dana sehen sich nicht in der Lage, noch weitere Leute zu übernehmen, denn auch sie hatten gute Jahre und klagen über Platzmangel. Wenn du also einen Vorschlag hast, Lushak, so trage ihn mir vor!" Da richtete sich Lushak hoffnungsvoll auf. "Clanführerin, rufe die stärksten und erfahrensten Jäger zusammen und laß mich mit ihnen hinausgehen. Wir werden uns auf die Suche machen, auf die Suche nach einer Gegend, die ein Habitat tragen kann. Wenn wir glauben, fündig geworden zu sein, so werden wir das neue Gebiet prüfen. Ein Jahr lang werden wir dort leben, jagen und sehen, welche Früchte der Boden für uns bereit hält. Erst dann, wenn wir sicher sind, daß das neue Land in der Lage ist, einen Clan zu ernähren, werden wir zurückkehren, um die mitzunehmen, die bereit sind, uns zu begleiten. Daraufhin werden wir gehen, um das Habitat eines neuen Clans zu errichten." Naukai war eine kluge Clanführerin, und so gab sie Lushak die Erlaubnis, sich auf die Suche nach einem neuen Clangebiet zu machen. Zu Beginn des kommenden Frühjahrs brachen sie dann zu vierzig auf und kehrten dem Numa-Habitat den Rücken, in der Absicht, ein Jahr lang unter freiem Himmel zu leben wie die Tiere Rhazaghans. Ein Jahr wollten sie auf den Schutz eines Habitates verzichten, den Unbillen des Wetters trotzen und den Raubtieren die Stirn bieten, in der Hoffnung, ein Areal zu finden, das ein Habitat tragen konnte. Sie wanderten zunächst Richtung Norden, denn sie wußten, daß jenseits des Gebirges eine dauerhafte Existenz für Rhazaghaner nicht möglich ist; jeder von ihnen hatte die mächtigen Knochen der Erschlagenen in den Schluchten liegen sehen. So durchquerten sie das Vorgebirge und wandten sich dann nach Westen. Bald mußten sie jedoch einsehen, daß das Land, auf das sie stießen, für ihre Zwecke nicht geeignet war; der Boden war durchweicht vom Schmelzwasser, ganze Gebiete lagen überschwemmt, und nur selten zeigte sich ein Lebewesen, das in der Lage war, inmitten der Nässe zu überleben. Noch lag die Vegetation faulend am Boden, und nichts ließ auf eine rasche Änderung schließen. Die Vierzig kehrten um. Diesmal führte sie ihre Wanderung nach Nordosten, indem sie sich zur Linken der sich endlos ziehenden Südbarriere hielten, und hier trafen sie auf die Sabreshherden, die bereits ihre Frühjahrswanderung begonnen hatten. Frohen Herzens zogen die Vierzig mit ihnen, stillten ihren Hunger und freuten sich an dem vertrauten Anblick der langsamen Riesen. Schließlich breitete sich wie ein grünes Meer eine fruchtbare Ebene vor ihnen aus, und nun begannen sich die Herden zu zerstreuen. Manche schienen in ihrem Brutgebiet angelangt zu sein, während andere weiter nach Norden zogen, in die Richtung der Dana und Kelp, wie die Vierzig vermuteten. Die Gegend, die sie erreicht hatten, gefiel ihnen, und so begannen sie sich näher umzusehen. Bereits am dritten Tag stießen sie am südlichen Rand der Ebene auf einen hochgelegenen See, dessen überlaufendes Wasser einen Fluß bildete. Als sie sich dort weiter umsahen, machten sie eine große Menge von Fischen aus, hochschießendes Bilash und Kralips in Massen. Beim Anblick dieser Fülle kamen sie zu der Überzeugung, daß sie ihr Ziel erreicht hatten, und so begannen sie entschlossen, den Raubtieren das neue Clangebiet streitig zu machen." T'Alai hatte gebannt der Erzählung zugehört. Ihr war klar, daß man um Verständnis für die rhazaghanische Lebensweise warb, ebenso wie sie sicher war, daß es eine Ehre darstellte, diese alte Erzählung hören zu dürfen. Daher runzelte sie unwillig die Stirn, als ihr scharfes Gehör gedämpfte Stimmen in ihrer Nähe wahrnahm. Sie drehte den Kopf in die bewußte Richtung und erkannte Lieutenant Rowland, der sich leise mit den ihn umgebenden Leuten unterhielt. "Bist du sicher, Brad? Woher hast du die Information?" Rowland deutete auf die gegenüberliegende Seite. "Von dem Frettchen, das da vorn zwischen dem Lemnorianer und dem Kobaltfresser sitzt. Er trieb sich gestern auf unserer Etage herum, da habe ich die Gelegenheit genutzt, und ihn ein bißchen über die Verhältnisse hier ausgehorcht. Nach dem, was er behauptete, scheinen sie auch zusammen auf die Jagd zu gehen." "Ich weiß nicht recht, so verbreitet ist die Kampfart nicht. Beherrscht Arie die überhaupt?" "Mann, sag mir, welche er nicht beherrscht! Boxen, Karate, Aikido, was du willst! Ich habe ihn gefragt, und er sagt, er wäre ziemlich gut darin. Bei einem Wettkampf auf Sternenbasis Eins hat er letztens sogar den Zweiten gemacht. Der Sieger stammte übrigens auch von Tresquodoc, verstehst du? Also: Laß ihren Kommandanten dreimal Romulaner sein, bei Arie wird ihm das nicht viel nützen." "Und das andere?" "Da sehe ich kein Problem. Sicher, vielleicht konnte er durch seine Geschicklichkeit mit dem Disruptor Eindruck schinden, aber wir haben einige bei uns, die verdammt gut mit einem Phaser umgehen können. Wir werden dem großen Häuptling da drüben schon begreiflich machen, daß er keine Romulaner nötig hat, weder für sein Training noch für sein Jagdvergnügen." "Und du glaubst, das ist es dann?" "Klar! Schau dir doch an, wie er da zwischen ihnen hockt. Der hat keine Ahnung, was er sich da eingeladen hat. Junge, Junge, das reinste Horrorkabinett! Spitzohr an Spitzohr, und als Krönung auch noch ein Halbcardie mittendrin! Kaum zu glauben, daß wir auf Föderationsgebiet sind." T'Alai war zunehmend unruhiger geworden. Man mußte nicht besonders scharfsinnig sein, um zu begreifen, daß Rowland etwas plante, und wie es aussah, hatte er es auf jenen Mann abgesehen, der am Vortag so befangen auf ihre Gegenwart reagiert hatte. Sie warf einen Blick auf die andere Seite, wo der Romulaner in der Nähe des Clanführers saß und aufmerksam lauschte. Die Vulkanierin wußte, daß es momentan nicht möglich sein würde, den Captain zu informieren, ohne den Vortrag auf kränkende Weise zu stören, und so bemühte sie sich, sich auf den Rest der Erzählung zu konzentrieren. "...und nachdem sie Lushaks und Shobais Körper an Rhazaghan zurückgegeben hatten, verzehrten sie den Goroch, nicht ohne zuvor Tolanit die Führung anzuvertrauen. Dann wurde es Herbst, und die Sabreshs zogen zurück nach Süden. Als dann der erste Schnee fiel, machte sich Sorge unter den Neunundzwanzig breit. Wenn es keine weitere Ernährungsmöglichkeit gab, würde das so hart umkämpfte Gebiet keinen Wert für den neuen Clan haben. Die Tage vergingen, der Hunger stellte sich bei ihnen ein, aber noch mochte niemand von Aufgabe reden. Und dann geschah es, daß sie auf ihrem Lagerplatz am Seeufer erwachten, weil sie das vielstimmige Trompeten von Tieren wahrnahmen. Sie stiegen den Hang hinauf und schauten auf die Ebene, und da erblickten sie die Herden der Kajas, die aus dem Gebirge in das neue Clangebiet hinunterzogen. Von da ab fanden sie einen reich gedeckten Tisch vor, und als der Frühling kam, kehrten die Neunundzwanzig zurück in das Clangebiet der Numa und traten vor Naukai. Die Numa ließ ihren Blick über sie wandern, wie sie da vor ihr standen, wild, mager und voller Narben, aber stolz und glücklich. "Habt ihr das gefunden, wonach ihr gesucht habt?" fragte sie schließlich, und Tolanit ergriff das Wort für die anderen. "Wir hatten Erfolg, Clanführerin Naukai! Bitte erlaube, daß diejenigen die Numa verlassen, die sich uns anschließen wollen!" "Das will ich euch gern gewähren." entgegnete Naukai. "Wo werdet ihr euer Habitat errichten?" "An einem See!" antwortete Tolanit, und sie sagte es auf Rhazaghanisch: "Va Rial!" Naukai aber lächelte. "Dann wünsche ich den Vari Glück und alles Gute! Möge immer Freundschaft zwischen unseren Clans bestehen!" Und so schrieb es Tolanit in die Clanchronik der Vari." Der Erzähler setzte sich langsam, und kurz darauf wurden die ersten gedämpften Stimmen hörbar, als die Anwesenden begannen, sich über die alte Überlieferung auszutauschen. T'Alai beobachtete scharf das Verhalten des Clanführers, der gerade eine offenbar zwanglose Unterhaltung mit der Frau an seiner Seite begann. Die Vulkanierin nahm an, daß es sich bei ihr mit großer Sicherheit um seine Gemahlin handelte. Erst als sie sicher war, daß keine Gefahr bestand, die Anwesenden zu verärgern, erhob sie sich, um sich mit raschen Schritten zu ihrer Vorgesetzten zu begeben. Pittoni hob erstaunt den Kopf, als die Vulkanierin vor ihr anhielt. "Ich bedaure die Störung, Captain!" begann T'Alai. "Aber ich sehe mich gezwungen, Ihnen etwas zu melden." Malewitsch sah zur anderen Seite hinüber. "Was ist denn da drüben los?" unterbrach er alarmiert die Vulkanierin. "Das ist doch Fähnrich Corestid, wenn ich mich nicht irre!"
Talan sah überrascht auf, als der Tresquodocer vor ihm stehenblieb. "War ja ganz hübsch, die Märchenstunde!" bemerkte der junge Bursche mit selbstbewußtem Grinsen. "Trotzdem wäre es nicht schlecht, hier etwas Leben in die Bude zu bringen. Wie fänden Sie es, wenn wir ein wenig zur Unterhaltung beitragen würden?" "Und wie stellen Sie sich das vor?" fragte der Romulaner verblüfft. "Sie haben doch eine Schwäche fürs Stockfechten, wenn ich richtig informiert bin. Sehen Sie, und hier haben wir tatsächlich etwas gemeinsam. Wie wäre es denn mit einem kleinen Gefecht?" Talan ließ seinen Blick durch die Halle wandern, wo sich die Augen von immer mehr Anwesenden auf sie richteten. "Hier und jetzt, meinen Sie?" "Klar, dies ist doch normalerweise eine Sporthalle, wenn ich das richtig sehe. Wenn Sie Bedenken wegen des Panzers haben, den Sie da tragen, dann machen Sie es doch einfach so wie ich." Er schlüpfte aus dem Jackett und hatte gleich darauf seinen muskulösen Oberkörper von der Bekleidung befreit. "Also, wie sieht es aus?" wandte er sich nochmals an den Romulaner. "Machen Sie mit, oder fühlen Sie sich heute nicht so recht in Form?" Der in der Nähe sitzende Borial erhob sich langsam und drohend. Talan bremste ihn mit einer einzigen kurzen Handbewegung.
Pittoni starrte ungläubig auf die andere Seite. "Nein!" stieß sie entsetzt hervor. "Bitte sagen Sie mir, daß er nicht das tut, was ich befürchte!" "Ich hatte es Ihnen gerade mitteilen wollen, Captain!" erklärte T'Alai. "Ich habe eben ein Gespräch zwischen Lieutenant Rowland und seinen Leuten verfolgt. Allem Anschein nach ging es darum, den romulanischen Kommandanten zum Kampf herauszufordern." Pittoni sah erneut zur anderen Seite und begegnete dem durchdringenden Blick des Clanführers. Tarkins Augen waren schmal geworden und vermittelten eine Vorstellung seines mühsam beherrschten Zornes. "Er glaubt, daß ich die Sache eingefädelt habe." stöhnte Pittoni. "Wer will es ihm verübeln? Konstantin, wir müssen irgend etwas unternehmen!" "Zu spät!" murmelte Malewitsch. "Der Romulaner hat die Herausforderung schon angenommen."
"Das ist ein Wort!" lachte Corestid. "Warten Sie, ich bringe meine Sachen nur mal eben zu meinen Freunden." Talan erhob sich und begann seine Montur zu öffnen. Rilkar stand wartend neben ihm, um ihm die schwere Uniformjacke abnehmen zu können. "Paß auf!" bemerkte er. "Hast du gesehen, wie er sich bewegt? Der Bursche kommt nie im Leben von der Erde; Hochschwerkraftplanet würde ich sagen." Talan nickte. "Ja, habe ich bemerkt! Aber Kraft ist nicht alles. Ich bin neugierig, wie weit sein technisches Können geht." "Ich möchte mal wissen, woher er von deiner Vorliebe weiß!" Rilkar wandte den Kopf. "Knut! Du warst doch unten! Worüber hast du mit ihnen gesprochen?" Der Terraner erhob sich schuldbewußt. "Einer von ihnen hatte sich erkundigt, womit sich der romulanische Kommandant so beschäftigt. Naja, und da ergab dann ein Wort das andere." "Na wunderbar!" schnaubte der Ingenieur verärgert. "Und jetzt haben wir die Folgen deiner kleinen Plauderei! Kannst du uns wenigstens etwas über terranisches Stockfechten erzählen?" "Stockfechten? Keine Ahnung!" stammelte Knut unglücklich. "Halt, ich glaube in Asien war das gebräuchlich. In irgendwelchen Mönchsklöstern, wenn ich mich nicht irre." Rilkar sah ihn fragend an. "Mönchsklöstern?" "Na, du weißt schon! Ein Ort, wo nur Männer leben." Talan wandte ihm interessiert den Kopf zu. "Soldaten!" "Nein, nicht ganz! Schwer zu erklären!" Der Ingenieur sah zu seiner Gefährtin hinüber, doch diese hob nur ratlos die Schultern. Er seufzte. "Ich schätze, du mußt dich überraschen lassen, Talan!"
"Und jetzt, Captain?" "Jetzt können wir nur noch beten, daß der Romulaner etwas auf dem Kasten hat; Corestid gilt als die absolute Sportskanone seines Jahrgangs. Wenn er den Kampf gewinnen sollte, dann dürfen wir unsere Sachen gleich wieder einpacken, soviel steht fest!"
Rowland verstaute zufrieden Corestids entgegengenommene Kleidung hinter seinem Sitzpolster. "Ich wußte, daß er es nicht fertigbringen würde, vor seinen Leuten zu kneifen. Gut gemacht, Arie! Alles weitere ist jetzt nur noch eine Formfrage." Della Escobedo sah hinüber und pfiff anzüglich durch die Zähne. "Ich weiß nicht, Brad! Stell dir die Sache nicht zu einfach vor, der Romulaner ist nicht ohne!" Corestid wandte sich um und sah seinen Gegner bereits in der Hallenmitte warten. "Hast recht, Della! Der verbringt garantiert nur einen Teil seiner Zeit hinter dem Schreibtisch. Ist ja auch logisch, wenn er mit dem Clanführer trainiert. Ich bin mal gespannt, was er drauf hat!" Als der Tresquodocer auf die Hallenmitte zusteuerte, wandte sich Rowland Escobedo zu. "Mußte die Bemerkung eben sein, Della?" fragte er ärgerlich. "Auf wessen Seite stehst du eigentlich?" "Ich halte es für besser, wenn er nicht zu sehr von sich überzeugt ist, so etwas macht unvorsichtig. Überhaupt wäre mir wesentlich wohler, wenn die Romulaner nicht so komisch grinsen würden." Im nächsten Moment war Corestid bei Talan angelangt. "Und? Bereit?" fragte er herausfordernd. Talan nickte zu dem jungen Rhazaghaner hinüber, der neben ihm stand und mehrere Fechtstöcke bereithielt. "Suchen Sie sich eine Fechtwaffe aus!" erwiderte er lediglich. "Laraskir war so liebenswürdig, uns eine Auswahl zu bringen." Kurz darauf bezogen sie mit ihren Waffen voreinander Aufstellung. Corestid beobachtete den Romulaner, der ihm bewegungslos gegenüberstand, ruhig, entspannt und mit einer geradezu irritierenden Konzentration in den Augen. Nichts ließ darauf schließen, daß er das Gefecht eröffnen würde. Da griff der Tresquodocer an.
T'Alai hatte die Vorgänge mit Verärgerung und einem gewissen Mitgefühl verfolgt. Sie hielt es für unentschuldbar, den Kommandanten in Bedrängnis zu bringen, indem man ihn vor seinen Leuten herausforderte, schließlich war nicht die geringste Provokation von seiner Seite ausgegangen. Auch wußte sie von der überragenden Form des Tresquodocers und nun hegte sie starke Befürchtungen, daß der Romulaner vor aller Augen das Gesicht verlor. Die Vulkanierin spürte, wie ein tiefer Widerwille gegen diese gezielte Bloßstellung in ihr aufstieg. Dann begann der Kampf, und erst einige Momente später wurde es T'Alai bewußt, daß sie noch immer die Luft anhielt. Leicht und wendig wie ein Schatten bewegte sich der Romulaner über die Kampffläche, wich aus, wirbelte geduckt herum, griff schnell wie der Blitz an, um gleich darauf den Gegenangriff des Tresquodocers mühelos abzuwehren. Zwar hatte T'Alai gewußt, daß diese Kampfart existierte, doch bisher hatte sie kein intensiveres Interesse bei ihr hervorgerufen. Beim Anblick des Gefechtes allerdings begriff die Vulkanierin, daß dieser Mann sie mit einer ganz eigenen Ästhetik ausfüllte. Noch niemals hatte sie jemanden sich so elegant und geschmeidig bewegen sehen. Auch der Tresquodocer begriff bereits nach kurzem Kampf, daß ihm sein Gegenüber technisch weit überlegen war. Egal, welche Bemühungen er unternahm, er fand in dem Romulaner einen Gegner, der jede Finte augenblicklich durchschaute, mit beunruhigend fremd wirkenden Manövern reagierte und ihn vor allem durch seine Beweglichkeit zum Verzweifeln brachte. Bereits nach kurzem Gefecht war Corestid im Begriff, sich rückwärts zu bewegen, in der stillen Überzeugung, daß es sich bei dem Andauern des Kampfes um nichts als ein freundliches Zugeständnis des Romulaners handelte. Er war sicher, daß der andere ihn schon längst aus dem Gefecht hätte fegen können, dennoch verstand es dieser, ihr bereits entschiedenes Kräftemessen in Gang zu halten. Offenbar lag ihm nichts daran, seinen Gegner dem Spott preiszugeben, und eine leise Beschämung stieg in dem Tresquodocer auf. Corestid empfand fast Erleichterung, als Talan sich entschied, das Gefecht zu beenden. Einen Moment lang sah der junge Fähnrich heftig atmend dem davonschlitternden Stock nach, dann wandte er sich seinem Gegner zu, der die Hände auf seine Waffe gestützt hatte. "Ich danke Ihnen für die Lektion!" sagte er. "Es war mir eine Ehre!" erwiderte der Romulaner ruhig. Dann drehte er sich um und kehrte zu seinem Platz zurück. Als sich Corestid wieder bei seinen Freunden niederließ, warf ihm Rowland einen Seitenblick zu. "Das war nichts, Arie!" knurrte er leise, doch der Tresquodocer wußte, daß ihr Anführer keinen bleibenden Groll gegen ihn hegen würde. "Du hast gut reden!" erwiderte er noch etwas außer Atem. "Das ist kein Romulaner, das ist ein Panther! Man kommt überhaupt nicht an ihn heran. Meiner Ansicht nach ist der Mann mit einem Fechtstock in der Hand geboren worden."
Rilkar erwartete Talan mit dessen Uniformoberteil über dem Arm. "Du warst sehr rücksichtsvoll." bemerkte er. Der Romulaner zeigte ein beinahe gutmütiges Lächeln. "Borial wäre mit ihm fertig geworden." erwiderte er leise. Er nahm seine schwere Uniformjacke entgegen. Während er im Begriff war, sie überzustreifen, sah er nach drüben zu der Reihe der Gegenübersitzenden, um gleich darauf auf bekannte Gesichtszüge zu stoßen. Die dunklen Augen der Vulkanierin ruhten auf ihm, kühl, aufmerksam und interessiert. Ihr Blick hatte eine Intensität, die ihn fast schmerzte, und Talan spürte seine Wangen heiß werden. Hastig wandte er das Gesicht ab.
Pittoni sah aufatmend zu ihrem ersten Offizier hinüber. "Sieht so aus, als wären wir noch einmal davongekommen." seufzte sie erleichtert. Dann bemerkte sie, daß ein Schatten auf sie fiel. "Ich möchte mit Ihnen reden!" stieß Tarkin scharf hervor. "Allein!" Während sie sich erhob, um ihm zu folgen, warf ihr Malewitsch einen Blick zu. "Soll ich Sie begleiten, Captain?" fragte er beunruhigt. "Sie haben ihn gehört!" erwiderte sie. Dann verließ sie hinter dem Clanführer die Halle. Tybrang war der Terranerin mit den Augen gefolgt. Wenig später hielt es ihn nicht mehr auf seinem Platz; er sprang auf, um ebenfalls den Saal zu verlassen. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und bog schließlich nach kurzem Lauschen in einen Gang mit leerstehenden Unterkünften ein, von wo ihm gedämpft Tarkins aufgebrachte Stimme entgegenkam. Jedoch noch bevor er sein Ziel erreicht hatte, glitt Aslari geschmeidig an ihm vorbei und eilte auf das bewußte Quartier zu, so daß der Rhazaghaner es von Tarkins Gefährtin versperrt fand, als er dort anlangte. Mit verschränkten Armen lehnte sie an der geschlossenen Tür und sah ihm ruhig entgegen. "Die Terranerin vertritt unsere Alliierten!" begann Tybrang, als er vor ihr anhielt. "Warum läßt du es zu, daß er so mit ihr umspringt?" Sie lauschten beide auf Tarkins immer noch zornig klingende Stimme, die aus dem Quartier herausschallte. Zwar waren keine Einzelheiten zu vernehmen, doch das Wort Habitatsfrieden war einen Moment lang deutlich zu hören. Aslari erwiderte gelassen Tybrangs vorwurfsvollen Blick. "Weil er der Clanführer ist!" erwiderte sie. "Weil er allein mit ihr sprechen wollte! Und weil er recht hat!" "Du glaubst tatsächlich, daß die Herausforderung auf Captain Pittoni zurückging? Mach dich nicht lächerlich, Aslari! Die ganze Sache war nichts anderes als der unüberlegte Streich eines jungen Burschen, das weißt du so gut wie ich." Aslari rührte sich nicht von der Stelle. "Das spielt keine Rolle!" erklärte sie. "Die Terranerin steht den ihren vor und damit ist sie für sie verantwortlich. Wenn sie nicht in der Lage ist, ihre Leute unter Kontrolle zu halten, kann niemand für unser friedliches Zusammenleben garantieren. Je eher sie diesen Zusammenhang begreift, um so besser ist es für uns alle." Tarkin verstummte. An seiner Statt wurde nun Pittonis deutlich leisere Stimme hörbar, erklärend, entschuldigend, um Verständnis bittend. Tybrang starrte verdrossen gegen die Tür. "Tarkin verhält sich unklug." tadelte er. "Wer Bündnisse schließt, muß bereit sein, Zugeständnisse zu machen. Wir profitieren von unserer Föderationsmitgliedschaft und können es uns nicht leisten, diese Leute vor den Kopf zu stoßen. Ich wünschte, Tarkin würde endlich beginnen, etwas Weitblick zu zeigen, anstatt nach Lust und Laune seinem Temperament nachzugeben." "Er ist der Clanführer!" wiederholte Aslari unerschütterlich. "Und er tut, was er für erforderlich hält." Tybrang lauschte nochmals auf das Gespräch hinter der Tür, wo Tarkin erneut, diesmal etwas leiser, zu sprechen begonnen hatte. "Was auch immer das sein mag!" knurrte er. Damit drehte er sich um, um an den Schauplatz der Feier zurückzukehren.
Zu seiner Erleichterung bemerkte Malewitsch etwas später seine Vorgesetzte, die die Halle betrat, um gleich darauf neben ihm Platz zu nehmen. "Alles in Ordnung?" raunte er ihr zu. "Alles!" erwiderte sie grimmig. "Abgesehen von einem kräftigen Anpfiff, den ich noch heute an gewisse Leute weitergeben werde. Zumindest glaube ich aber, daß ich Clanführer Tarkin unsere Lage verständlich machen konnte. Wie sah es in der Zwischenzeit hier aus?" "Furchtbar!" gestand er. "Stellen Sie sich vor, kurz nachdem Sie mit dem Clanführer die Halle verlassen hatten, forderte man mich dazu auf, ein Erlebnis zum Besten zu geben." "Und? Sind Sie der Bitte nachgekommen?" "Herrje, was hätte ich anderes tun sollen? Nach schnellem, verzweifeltem Nachdenken habe davon berichtet, wie wir während unserer Wolf-Rayet-Vermessung von der Existenz Rhazaghans erfuhren. Ich gewann dabei übrigens den Eindruck, daß es unter den Rhazaghanern durchaus Befriedigung hervorrief, zumindest einen gewissen Bekanntheitsgrad zu besitzen, und sei es auch durch eine wissenschaftliche Veröffentlichung." "Gut gemacht! Dank Ihnen sind wir immerhin in diesem Bereich ohne handfeste Blamage davongekommen, alles weitere muß sich dann nach und nach ergeben. Vielleicht gelingt es uns auch, die Erlaubnis für die Installation des Subraumsenders zu erhalten, allerdings hege ich schwere Zweifel, ob der Clanführer ein solches Überwachungsinstrument in seinem Machtbereich zulassen wird. Wir werden hier mit einer Menge Fingerspitzengefühl vorgehen müssen. Wahrscheinlich ist es geschickter, uns zunächst die Unterstützung von Tarkins Berater zuzusichern, es ist durchaus möglich, daß er einen gewissen Einfluß auf den Clanführer ausüben kann." Im nächsten Augenblick änderte sich die Beleuchtung, und man erhielt den Eindruck, als habe sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Die beiden Terraner blickten auf und sahen zwei Gruppen von jüngeren Rhazaghanern in einigem Abstand voneinander in der Halle stehen. "Was mag das geben?" wunderte sich Malewitsch. "Sieht nach einem neuen Programmpunkt aus. Lassen wir uns überraschen!" In der Tat waren die neuen Gäste gleich darauf höchst überrascht, denn eine Anzahl von Blitzen erhellte den Raum, und dann zeigten die Heranwachsenden, wie man auf Rhazaghan Kajas jagte.
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