|
Vari und Numa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Teil 14
"Sie sehen also, daß meine Vorgesetzten nach all diesen Erfahrungen über die Lage informiert bleiben möchten." schloß Pittoni. "Selbstverständlich respektieren wir das rhazaghanische Recht, die eigenen Angelegenheiten ohne Einmischung von außen zu regeln; nicht umsonst gilt die erste Direktive als unser oberstes Gebot. Andererseits wissen wir nur zu gut, daß Gesetze dieser Art für Romulaner keine Gültigkeit haben. Aus diesem Grund möchte die Föderation in der Lage sein, Ihnen unverzüglich Unterstützung leisten zu können, falls die Verhältnisse irgendwann Ihrer Kontrolle entgleiten sollten. Im übrigen sind wir natürlich sehr dankbar, daß Sie Verständnis für unser Anliegen aufbringen." Tybrang hatte ihr ernst zugehört. "Natürlich!" nickte er. "Ich begreife die Notwendigkeit des Subraumsenders vollkommen. Ich hatte mir bereits selbst einige Gedanken dieser Art gemacht, und daher werden Sie von mir jede Hilfe erhalten, die Sie benötigen, um vom Clanführer die gewünschte Genehmigung zu bekommen." Pittoni warf ihrem ersten Offizier einen erleichterten Blick zu, um sich gleich darauf wieder an den Rhazaghaner zu wenden. "Ihre Bereitschaft, uns zu unterstützen, trägt sehr zu unserer Beruhigung bei." gestand sie. "Wie Sie natürlich wissen, bedeutet der Krieg eine außerordentlich starke Belastung für die Föderation, und daher ist sie mehr denn je auf die Beständigkeit und Solidarität ihrer Mitglieder angewiesen. Zwar zweifeln wir nicht daran, daß Kommandant Talan und seine Leute bereit sind, ihren Beitrag zur Verteidigung Rhazaghans zu leisten, dennoch ist nicht zu leugnen, daß ihre Präsenz einen gewissen Unsicherheitsfaktor darstellt. Der Sternenbund hatte ausreichend Gelegenheit, Erfahrungen mit der Unberechenbarkeit der Romulaner zu sammeln, und so werden Sie sicher begreifen, daß wir besorgt sind. So ist zum Beispiel die Möglichkeit, daß man versuchen wird, Einfluß auf Ihr politisches System zu nehmen, keineswegs von der Hand zu weisen." Tybrang erhob sich. "Ich schlage vor, daß wir uns sofort an Clanführer Tarkin wenden. Zwar sage ich Ihnen voraus, daß es nicht leicht sein wird, ihn zu überzeugen, da er eine hohe Meinung von Kommandant Talan hat; dennoch wird er sich den Argumenten, die Sie mir genannt haben, nicht verschließen können. Ich verspreche Ihnen, daß wir mit etwas Geduld die Installation des Senders erreichen werden."
Auch Fähnrich Corestid befand sich auf der Suche nach dem Clanführer, der sich, wie er von einem Rhazaghaner erfuhr, in der Eingangshalle aufhielt, um einen Jagdtrupp mit Instruktionen zu versehen. Der Tresquodocer hatte am Vorabend eine handfeste Rüge erhalten, in der Captain Pittoni ihm unter anderem mit harten Disziplinarmaßnahmen gedroht hatte. In dem festen Willen, seinen Schnitzer wiedergutzumachen, brach er nach unten auf. Das ihm zugewiesene Quartier lag auf der fünften Ebene, und so hatte er die Halle mit dem hohen Portal rasch erreicht. Staunend betrachtete er die gemischte Jagdgesellschaft, die fast den kompletten Saal ausfüllte und ließ seinen Blick über die verschiedenen rhazaghanischen Erscheinungsformen wandern. Er sah kleine und wendige, schlanke und hochgebaute sowie stattliche und muskulöse Gestalten, gefleckt, gestreift, in Grau- oder Brauntönen, mit dichtem, zottigen oder langem und seidigen Fell bedeckt. Nicht ein einziges Geschöpf schien hier dem anderen zu gleichen. Nach kurzem Suchen hatte er die hochgewachsene humanoide Gestalt des Clanführers unter ihnen ausgemacht, doch hielt er sich zunächst vorsichtig im Hintergrund. Erst als sich das große Tor öffnete und die Jäger ins Freie entließ, trat er auf den Mann zu, den er auf der Feier in der Nähe des romulanischen Kommandanten hatte sitzen sehen. Tarkin hatte die Absicht gehabt, nach der Entlassung des Jagdtrupps auf den neu bezogenen Ebenen nach dem Rechten zu sehen, als er den Tresquodocer auf sich zukommen sah. In der Erinnerung an den Vorabend blieb er stehen und runzelte die Stirn, was dem jüngeren Mann keineswegs entging. Mit etwas beklommenem Gefühl trat er auf Tarkin zu. "Äh, guten Morgen, Clanführer - ist doch richtig, die Anrede, oder?" begann er unbehaglich. "Wenn ich Sie vielleicht einen Moment sprechen könnte? Ich glaube, ich habe ich mir da gestern ein ziemliches Ding geleistet, wenn ich recht verstanden habe, und dafür würde ich mich gern bei Ihnen entschuldigen." Tarkin stand ihm noch immer schweigend und mit verschränkten Armen gegenüber. Corestid hielt inne und fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. "Wissen Sie, der Captain hat mir gestern einen ordentlichen Einlauf verpaßt wegen der Sache, und da dachte ich mir, ich sage Ihnen direkt, daß mir das Ganze leid tut. Ich hatte nie vorgehabt, jemanden zu belästigen oder irgendwelchen Ärger zu machen. Eigentlich gefällt es mir hier sogar, die Unterkünfte sind urgemütlich, und Ihre Leute gerade eben - wirklich phantastisch! Die jagen einfach nur so, ohne alles, wie ich gestern gesehen habe, oder? Mann, und Brad dachte... Aber egal! Und Ihr Habitat ist ein tolles Ding, ein richtiges Schmuckstück, also ehrlich! War eine nette Idee, es als Schneckenhaus zu errichten." Tarkin hatte sich Corestids Wortschwall mit großen Augen angehört. "Sie haben es bereits von außen gesehen?" fragte er verblüfft. "Nein, nicht direkt!" mußte Corestid zugeben. "Aber der Captain hatte einen Berg Informationsmaterial an uns verteilen lassen. Ich muß zugeben, daß ich es noch nicht ganz durchhabe, aber das Bild mit Ihrem Habitat ist mir gleich aufgefallen. Hab wirklich selten so ein hübsches Gebäude gesehen." Tarkin begann zu lächeln. "Bei Ihnen wird es sicher noch wesentlich größere Bauwerke geben, nehme ich an!" "Auf Tresquodoc? Doch sicher, klar! Da gibt es Bürogebäude und Produktionslandschaften, so etwas haben Sie noch nicht gesehen! Riesenkomplexe, so weit das Auge reicht! Ist ja auch kein Wunder, wenn man die Leistungsfähigkeit unserer Industrie bedenkt! Die Tritaniumförderquoten sind mittlerweile die höchsten der Föderation, und im Bereich der Polyduranid-Fabrikation werden wir ebenfalls in ein paar Jahren auf Platz eins liegen. Seit Kriegsbeginn haben etliche Betriebe ihre Kapazität mehr als verdoppelt, die kommen mit der Vergrößerung ihrer Fertigungsstraßen schon gar nicht mehr nach." Der Rhazaghaner nickte verständnisvoll. "Gewiß, mit so etwas können wir hier natürlich nicht mithalten." "Das würde ich nicht sagen!" widersprach der Tresquodocer schnell. "Schließlich stehen Sie doch erst am Beginn der industriellen Erschließung Ihres Planeten, wenn ich recht verstanden habe. Ich bin sicher, daß Sie es in wenigen Jahrzehnten auf ein wesentlich höheres Niveau gebracht haben werden. Wenn man dann bedenkt, welche Mittel Ihnen im Moment noch zur Verfügung stehen, ist die Errichtung Ihres Habitates bereits eine erstaunliche Leistung." "Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, das zu sagen." bemerkte Tarkin, während er lächelnd zum ersten Treppenabsatz hinaufblickte. "Ich weiß Ihre freundliche Anerkennung wirklich zu schätzen. Was halten Sie denn von einem kleinen Wettlauf nach oben?" "Wie meinen Sie das?" fragte Corestid überrascht. "Wie ich es sagte! Sieger ist, wer als erster die Spitze erreicht!" Der junge Mann lachte ungläubig. "Soll das heißen, Sie fordern mich zu einem Wettkampf im Treppensteigen heraus?" "Wenn Sie es so ausdrücken wollen! Also was sagen Sie?" Der Tresquodocer begriff allmählich, daß es seinem Gegenüber Ernst mit seinem ungewöhnlichen Vorschlag war. Während er noch überlegte, glitt sein Blick über die langen Beine des Rhazaghaners, jedoch verwarf er seine Bedenken, als er an die höheren Schwerkraftverhältnisse seiner Heimat dachte. Wenn er gleich zu Beginn ein hohes Tempo anschlug, würde er seinen Gegner abhängen können. "Ich wäre schon dabei!" erwiderte er. "Vorausgesetzt, Sie spielen ohne Tricks!" Tarkin legte erstaunt den Kopf schräg. "Inwiefern?" "Keine Verwandlungen in Pferde oder so etwas in der Art! Wir wollen doch fair bleiben, oder?" "Ein Rennen in der Grundform, selbstverständlich! Sie wären also bereit?" Corestid grinste. "Okay, Sie haben Ihren Gegner! Von mir aus können wir loslegen." Beide begaben sich zum Fuß der Habitatstreppe und bezogen nebeneinander Aufstellung. Corestid sah sich suchend um. "Wollen Sie keinen Starter bestimmen?" "Ein Starter? Was ist das?" "Eine unabhängige Person, die das Signal zum Wettkampfbeginn gibt. Auf diese Art und Weise schließt man Benachteiligungen aus." Tarkin lachte. "Ich denke, darauf können wir verzichten. Beginnen Sie einfach, ich werde es schon merken, wenn Sie loslaufen." Corestid lehnte sich leicht nach vorn und spannte die Muskeln an. "Na gut, wenn Sie es so wollen! Vergessen Sie nicht, es war Ihre Entscheidung!" Er sah zum ersten Treppenabsatz hinauf und atmete mehrmals tief durch. Dann schnellte er wie von einem Katapult abgeschossen los, sprang in weiten Sätzen die Treppe hinauf, erreichte den Absatz mit hohem Tempo, bog ein und geriet gleich darauf außer Sicht, während er weiterhin beschleunigte. Tarkin hatte sich nicht gerührt, sondern sich darauf beschränkt, dem Tresquodocer nachdenklich hinterherzusehen. Augenblicke später sagte ihm sein Gehör, daß der junge Fähnrich mittlerweile die zweite Ebene erreicht hatte und sich nun anschickte, die dritte in Angriff zu nehmen. Er wartete noch einen kurzen Moment, während er auf die sich schnell entfernenden Schritte seines Gegners lauschte, dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Vergnügt begann er, die Verfolgung aufzunehmen. Corestid hatte es sich zum Ziel gesetzt, gleich zu Beginn des Rennens in Führung zu gehen, um dann eine möglichst hohe Distanz zu seinem Gegner aufzubauen, war jedoch selbst überrascht, wie schnell und problemlos ihm das gelungen war. Er beging nicht den Fehler, sich nach seinem Mitstreiter umzusehen, sondern bemühte sich, dessen Rückstand mit Hilfe seines Gehörs einzuschätzen, konnte aber keine Schritte hinter sich wahrnehmen. Offenbar war der Clanführer tatsächlich von seinem blitzartigen Start überrascht worden. "Sein Problem!" dachte der Tresquodocer mit einem inneren Achselzucken. "Er war derjenige, der auf den Starter verzichten wollte. Ich konnte nicht mehr tun, als ihn zu warnen." Er wich zwei Rhazaghanern aus und erreichte gleich darauf die erste Föderationsebene, wo er einen seiner Kameraden fast überrannte. "Nicht so eilig, Arie!" schallte es ihm nach, da hatte er bereits den nächsten Aufstieg erreicht. Mit kraftvollen Sprüngen brachte Corestid ihn hinter sich, ohne sich um die verwunderten Blicke zu kümmern, die ihm von ein paar ausweichenden Sternenflottenangehörigen zugeworfen wurden. Dann folgte die zweite Föderationsebene; zufrieden spürte er, wie leicht ihm das Rennen fiel, und noch immer waren keinerlei Anzeichen eines aufholenden Verfolgers festzustellen. "Wenn er mich jetzt noch kriegen will, wird er sich ziemlich beeilen müssen." dachte er triumphierend. "Nur noch zwei, dann beginnen die romulanischen Ebenen." Er brachte die letzte Föderationsebene hinter sich und langte danach auf der Etage an, auf welcher die gestrige Feier stattgefunden hatte. Zwangsläufig stieg in Corestid die Erinnerung an den Romulaner mit dem wendigen Fechtstil auf. Es war ihm unerklärlich, aus welchem Grund der Mann den Kampf künstlich hinausgezögert und damit seinem Gegner die unsterbliche Blamage erspart hatte. "Ich hätte das nicht getan." dachte der Tresquodocer kleinlaut, während sich sein Tempo etwas reduzierte. "Und ich gehe jede Wette ein, daß ihm das klar war. Brad mag einiges über Spitzohren behaupten, aber dieser Bursche ist in Ordnung." Im nächsten Augenblick mußte er rasch ausweichen, denn seine geistige Abwesenheit hätte ihn fast in zwei verdutzte Romulanerinnen hineinrennen lassen, die die Treppe nebeneinander herunterkamen. "He, Terraner, zum Abort geht es direkt den nächsten Gang hinunter!" rief ihm eine von ihnen auf Föderationsstandard nach. Helles Gelächter schloß sich unmittelbar an, und der Fähnrich begann gegen seinen Willen zu grinsen. Die Begegnung mit den beiden jungen Frauen spornte ihn unwillkürlich wieder zu schnellerem Lauf an, und so zog er sich auf den nächsten Treppen noch einige weitere Bemerkungen zu, von denen er längst nicht alle verstand. Gleich darauf stellte er fest, daß er offenbar die romulanischen Ebenen hinter sich gelassen hatte. In konstantem Tempo und fast lautlos lief Tarkin die Treppen hinauf. Das kräftige Schuhwerk des Tresquodocers war auf der Habitatstreppe gut zu vernehmen, und so schätzte der Rhazaghaner, daß sich sein Mitstreiter etwa zwei Ebenen über ihm befand. Dennoch unternahm er keine Anstalten, seine Laufgeschwindigkeit zu erhöhen und versäumte es nie, auf die respektvollen Grüße der Habitatsbewohner mit einem freundlichen Nicken zu antworten. Während seines Aufstiegs geschah es nicht ein einziges Mal, daß er einen Blick auf die Anzeigen an den Wänden warf, noch hatte er es nötig, die Stockwerke anhand der Malereien zu identifizieren. Er wußte einfach, wo er sich befand, und selbst verbundene Augen hätten nichts daran geändert. Das Habitat war ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und jede Ebene strömte für ihn ihre eigene unverwechselbare, von ihren jeweiligen Bewohnern geprägte Atmosphäre aus. Es hätte ihm keine Probleme bereitet, seinen Weg mit ihren Namen zu begleiten: "Jallap, Tsalin, Elani, Larosanit, Ivatas..." Er kannte sie alle, wußte die neuen, die das Frühjahr dem Habitat hinzugefügt hatte, ebenso wie jene, die frei geworden waren und auf ihre neuen Träger warteten. Dies war eine eigene Welt, ein lebendiger Organismus, und auch wenn er es selbst nicht so ausgedrückt hätte, war es doch so, daß er sein Herz darstellte. Knapp zwei Ebenen über ihm jagte Fähnrich Corestid weiter aufwärts. Inzwischen machte sich die anhaltende Anstrengung an ihm bemerkbar, und trotzdem wies noch nichts darauf hin, daß er sich der Habitatsspitze näherte. "Verdammt, wie hoch ist das Ding eigentlich?" schoß es ihm durch den Kopf, und ihm kam zu Bewußtsein, daß er vergessen hatte, nach der Anzahl der Stockwerke zu fragen. Eine kurze Überschlagung brachte ihn darauf, daß er sich mittlerweile der sechzehnten Etage näherte, als Stimmengewirr ihn alarmiert den Kopf heben ließ. Eine gemischte Abteilung Rhazaghaner schickte sich gerade an, die Treppe zu betreten, wobei die ersten der Gruppe ihm verständnislose Blicke zuwarfen. Noch während Corestid heftig atmend auf die Schar zurannte, wurden ein Stockwerk tiefer zwei oder drei kurze Worte gerufen, worauf die Rhazaghaner augenblicklich auseinanderspritzten, um ihn durchzulassen. Als der Tresquodocer zwischen ihnen hindurchstürmte, hatte er begriffen, daß ihm sein Gegner offenbar recht nahe war, und so strengte er sich an, sein Tempo noch etwas zu beschleunigen. Bereits zwei Treppen weiter tauchten zwei Personen vor ihm auf, bei denen es sich offenbar um den Menschen sowie den Andorianer handelte, die sich ebenfalls auf der Feier aufgehalten hatten. Wortlos stürmte er an ihnen vorüber, ohne zu bemerken, daß die beiden anhielten, um ihm interessiert nachzusehen. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann wurde die Stelle von dem nachfolgenden Rhazaghaner erreicht. Dem unisono vorgebrachten Morgengruß der beiden jungen Männer begegnete er mit freundlichem Lächeln und einer Kopfneigung, um gleich darauf ebenfalls außer Sicht zu geraten. Soto, der ihm mit den Augen gefolgt war, legte nachdenklich die blauen Kopffühler zurück. "Hättest du Lust zu wetten?" "Kommt darauf an! Wenn du auf den Neuen setzt, dann schon." Der Andorianer nickte resigniert. "Schon gut, vergiß es! War nur so ein Gedanke!"
Inzwischen hatte Corestid festgestellt, daß sein Abstand zu seinem Verfolger im Begriff war, stark zusammenzuschrumpfen. Mittlerweile war er schon in der Lage, dessen leichte Tritte auf der Treppe hinter sich wahrzunehmen, während ihm immer bewußter wurde, daß er sich bereits stark verausgabt hatte. Dann erkannte er voller Entsetzen drei Gesichter, die ihm vom nächsten Absatz aus entgeistert entgegenstarrten. "Captain! Commander!" keuchte er verzweifelt im Vorbeihasten. Dann jagte er die nächste Treppe hinauf. Noch bevor sich die beiden Terraner gefaßt hatten, sah Tybrang Tarkin sich nähern. "Es ist gut, daß wir dich treffen!" rief er ihm entgegen. "Ich hätte da ein wichtiges Anliegen." "Nicht jetzt, Tybrang!" antwortete Tarkin, ohne seine Geschwindigkeit zu reduzieren. "Ich habe jetzt keine Zeit! Sag es mir später!" Dann war er auch schon vorbei. Pittoni sah ihm verblüfft nach. "Was tut der Clanführer da?" fragte sie staunend. "Er liefert sich ein Rennen mit Ihrem Untergebenen!" zischte Tybrang wütend. "Auf der Habitatstreppe!"
Dem Tresquodocer wurde es immer schwerer, die Beine ausreichend zu heben. Nachdem er zweimal gestrauchelt und dabei fast zu Fall gekommen war, mußte er sich damit abfinden, bei jedem Satz nur noch zwei Stufen auf einmal zu nehmen. Zwar verlieh ihm das mehr Stabilität, doch merkte er deutlich, wie sich sein Steigtempo immer mehr reduzierte. Dann auf einmal war Tarkin neben ihm, und Corestid beobachtete fassungslos, wie weich und federnd, frisch und routiniert der Clanführer sich aufwärts schnellte. Wie eine Erkenntnis stieg in ihm der Gedanke auf, daß sich dieser Mann täglich durch sein Habitat bewegte, wahrscheinlich viele Male, und das womöglich seit seiner Kindheit. Noch einmal nahm er seine Kräfte zusammen und beschleunigte seinen Lauf in dem Versuch, seinen Gegner erneut hinter sich zu lassen, doch noch vor dem nächsten Treppenabsatz blieb sein Fuß an einer Stufe hängen. Tarkin packte ihn rasch am Arm und zog ihn ein Stück mit sich, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. "Halten Sie sich an Ihren eigenen Rhythmus!" riet er ihm. "Bei dauerhafter Belastung sollte man Tempo und Schrittweite der individuellen Natur angleichen, sonst läuft man Gefahr zu fallen. Wenn Sie im Moment das Bedürfnis haben, mit einem Schritt zwei Stufen zu nehmen, so sollten Sie nicht drei überspringen, nur weil Sie es bei mir sehen. Ich nehme doch an, daß Ihnen daran gelegen ist, Ihr Ziel heil zu erreichen." Corestid warf dem neben ihm Schritt haltenden Clanführer einen Blick zu. Ihm fehlte die Luft, um eine längere Antwort zu formulieren, doch er begann zu nicken. "In Ordnung!" brachte er heraus. Tarkin nickte ebenfalls und hielt sich noch einige Augenblicke mit ihm auf gleicher Höhe, dann zog er an ihm vorbei und war kurz darauf den Blicken des Terraners entschwunden. Der Tresquodocer zwang sich, weiter seine Beine zu bewegen. Gewiß war seine Muskulatur an eine höhere Schwerkraft angepaßt, doch war er von gänzlich falschen Voraussetzungen ausgegangen. Mittlerweile wußte er, daß er das Rennen viel zu schnell angegangen war, daß er seine Kräfte in Unkenntnis der Strecke leichtfertig verausgabt hatte. Keuchend quälte er sich weiter nach oben, immer in der Hoffnung, daß sich die nächste Treppe als die letzte erweisen würde, einfach die letzte sein mußte, nur um nach dem Erreichen des nächsten Treppenabsatzes festzustellen, daß ihn ein neuer Aufstieg erwartete. "Das kann doch nicht ewig so weitergehen!" dachte er verzweifelt. "Irgendwann müßte doch Schluß sein." Nach Luft schnappend schleppte er sich aufwärts. Es war ihm nun schon länger keine Person mehr begegnet, und so blieb es ihm wenigstens erspart, in diesem Zustand gesehen zu werden. Vielleicht war ja auch das Ausbleiben von Passanten ein Zeichen, daß er sich allmählich der Spitze dieses endlos erscheinenden Gebäudes näherte. Diese Hoffnung hielt ihn aufrecht, während er begann, sich am Geländer weiter hinaufzuziehen. "Nicht mehr lange und ich krieche auf allen Vieren nach oben." dachte er bei sich. Ohne daß Corestid es merkte, waren die Wände näher gerückt. Auch die breite Treppe war immer mehr zu einer Stiege geworden. Dann stellte er plötzlich fest, daß er in einem Streifen Sonnenlichtes stand, das aus einer geöffneten Dachluke nach unten fiel. Ein paar steile Stufen führten hinauf. Oben empfing ihn ein kräftiger Wind, der über eine kreisrunde Plattform strich. Nur einige Schritte entfernt erkannte er den Clanführer, der dort mit dem Rücken zu ihm stand, hochaufgerichtet, die Arme verschränkt. Er schien ihn nicht zu bemerken. Corestid ließ sich keuchend auf einer großen schwarzen Steinplatte nieder, welche das Zentrum der geländerlosen Habitatsspitze bildete. Einige Momente lang war er ausschließlich damit beschäftigt, Luft zu holen, dann sah er hinüber zu Tarkin, der noch immer bewegungslos unweit des Randes stand. "Sieht wohl so aus, als hätte ich mir bereits die zweite Blamage geleistet." brachte er heraus. Der Rhazaghaner warf einen Blick über die Schulter. "Es ist höher als man denkt, nicht wahr?" bemerkte er. "Machen Sie sich nichts daraus! Bald werden Sie das Habitat besser kennen und Ihre Kräfte entsprechend einteilen." Wenig später hatte Corestid sich dann so weit erholt, daß er wieder begann, seiner Umgebung Beachtung zu schenken. Interessiert ließ er seine Hände über den polierten schwarzen Stein gleiten, aus dem seine augenblickliche Sitzgelegenheit bestand und bemerkte dabei zahlreiche kleine Öffnungen, die die runde Platte in regelmäßigen Abständen durchbrachen. "Eigenartig, die winzigen Löcher hier!" meinte er. "Wozu sind die gut?" Tarkin sah erneut zu ihm hinüber. "Wir leiten Gas hindurch!" erklärte er. "Auf diese Art ist es leichter, den Verbrennungsprozeß aufrecht zu erhalten, wenn wir die Körper an Rhazaghan zurückgeben." Der Tresquodocer brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, doch dann schoß er entsetzt in die Höhe. "Soll das heißen, dies ist Ihr Krematorium?" "Ich kenne zwar dieses Wort nicht, aber wenn Sie damit ausdrücken wollen, daß hier der Ort ist, an dem wir unsere Toten verbrennen, so ist das richtig. Der Wind facht die Flammen an und verteilt die Überreste der zurückgelassenen Körper über das Clangebiet. Sie hätten übrigens ruhig sitzenbleiben können, es liegt schon etwas zurück, daß wir Trisalis Leib dem Feuer übergeben haben, und der Wind hat die letzten Spuren schon davongetragen. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, hätte sie kaum irgendwelchen Anstoß daran genommen." Corestid warf einen Blick auf die blanke Steinplatte und schauderte. Dann wandte er ihr den Rücken zu und ging zum Clanführer hinüber, der noch immer mit verschränkten Armen am Rande der Plattform stand. Im nächsten Augenblick schnappte er nach Luft, als er die Landschaft sich zu seinen Füßen öffnen sah. "Donnerwetter!" stieß er nach einem Moment des Staunens aus. "Sie haben hier ja eine phantastische Aussicht!" Zum ersten Mal seit seiner Ankunft lenkte er seinen Blick in die Ferne, erkannte die dunstverhangene Südbarriere, die sich mit ihren immer mehr verschwimmenden Spitzen bis nach Nordosten zog, das glänzende Wasser des anliegenden Sees, dessen Massen durch das Habitat gestaut wurden und die grüne Ebene, die sich schier endlos ausbreitete. Über allem wölbte sich ein ungeheurer Himmel, und Corestid, der noch niemals eine Landschaft so nah und ursprünglich erlebt hatte, erschien es, als wären sie allein in dieser gewaltigen Welt. "Wundervoll, die Berge!" brachte er heraus, während er sich umsah. "Und diese weite grüne Fläche! Ist das wirklich ein Baum da draußen? Menschenskind, was für ein riesiges Exemplar! So etwas habe ich noch nie gesehen." Tarkin nickte. "Das ist ein Darji, einer von dreien, die wir im Clangebiet haben. Dieser ist allerdings der größte von ihnen. Der Boden auf dem er steht, ist übrigens reich an Dilithium, können Sie sich das vorstellen? Die ganze Ebene, die Sie hier sehen, deckt eine ansehnliche Lagerstätte. Zwar nicht so reich, wie jene auf dem ehemaligen Numa-Gebiet, aber doch ganz beachtlich. Ich bin bereits am überlegen, wie man den zukünftigen Abbau am günstigsten aufziehen könnte." Corestid warf ihm einen irritierten Seitenblick zu. "Was meinen Sie?" "Nun, Sie haben mir doch von Ihrer Heimat erzählt, von den mächtigen Industriekomplexen und Bürogebäuden. So weit das Auge reicht, nicht wahr? Es dürfte doch eigentlich keine allzugroßen Schwierigkeiten bereiten, so etwas auch hier aufzubauen. Warten Sie ab, wenn die Förderstätte erst voll erschlossen ist, werden Sie diese Stelle nicht wiedererkennen, immerhin haben unsere Bodenschätze lange genug unter der Oberfläche geschlummert. Ich sehe es schon deutlich vor mir: Erzaufbereitungsanlagen, Hochfrequenzöfen, weiterverarbeitende Industrien, ausgefeilte Transportwege, und natürlich auch Kraftwerke, Wohnanlagen für Industriearbeiter, Freizeiteinrichtungen nebst Raumflughäfen und allem, was dazugehört. Wie Sie schon sagten, stehen wir erst am Anfang." Der Tresquodocer starrte hinaus auf die Ebene, wo sich der Darji in all seiner majestätischen Pracht erhob. Dann drehte er den Kopf und sah den Clanführer fassungslos an. Dieser lächelte leise und undurchsichtig. "Genug von der Zukunft geträumt!" erklärte Tarkin endlich und wandte sich von der Landschaft ab. "Auf mich wartet noch etwas Arbeit. Was würden Sie von einem Wettlauf nach unten halten?" Corestid stöhnte entsetzt. "Wollen Sie mich umbringen? Mir reicht es erstmal für heute! Da ich schon einmal hier oben bin, werde ich mir noch etwas die Gegend ansehen, vorausgesetzt, Sie haben nichts dagegen." Tarkin schmunzelte. "Nicht im entferntesten! Schauen Sie nur, so lange Sie möchten! Sie kennen ja den Weg." Dann verschwand er durch die Dachluke. Als er kurz darauf vor seinem Quartier anlangte, wurde er bereits erwartet. "Es ist zu gnädig, daß du dich doch noch entschlossen hast, uns deine kostbare Zeit zu schenken." bemerkte Tybrang in beißendem Tonfall. "Darf man fragen, ob du nun bereit bist, dir Captain Pittonis Anliegen anzuhören, oder hattest du vielleicht noch einen weiteren Wettkampf geplant?" "Im Augenblick nicht!" erwiderte Tarkin ruhig. "Worum geht es?" "Wie Ihr Berater Tybrang schon sagte, würden wir gern eine Bitte an Sie richten, Clanführer!" begann Pittoni vorsichtig. "Es geht dabei um ein Gerät, das Teil unserer technischen Ausrüstung ist, und das als einziges noch nicht an Ihr Energienetz angeschlossen wurde. Selbstverständlich erkennen wir an, daß für eine solche Einrichtung Ihre Billigung zwingend erforderlich ist, und so möchte ich Sie offiziell darum bitten, uns die Verwendung eines Subraumsenders zu gestatten." "Natürlich!" nickte Tarkin. "Sie möchten Ihren Vorgesetzten Bericht erstatten können. Benötigen Sie Hilfe bei der Aufstellung des Gerätes?" "Nein!" antwortete Pittoni überrascht. "Wir würden die Installation von der Crew der Ivanhoe durchführen lassen." "Gut! Sollte es dennoch zu irgendwelchen Problemen kommen, so sagen Sie mir einfach Bescheid. Ingenieur Rilkar oder einer unserer Vari-Techniker werden sicher gern bereit sein, Ihnen zu helfen. Gibt es sonst noch etwas?" Pittoni und Malewitsch tauschten einen verwirrten Blick, dann wandte sich die Terranerin Tarkin wieder zu. "Das war eigentlich alles!" erklärte sie. "Allerdings möchte ich mich bei dieser Gelegenheit gleich danach erkundigen, wie die Schulung im einzelnen ablaufen wird. Ich würde meine Crew gern angemessen vorbereiten, wenn das möglich ist." "Die Schulung, gewiß! Nun, bei der Ausbildung Ihrer Mannschaft kommen zunächst die diversen Simulationsprogramme zum Einsatz, die sich bereits beim ersten Mal bewährt haben. Sie reichen von einem simplen Start aus dem Hangar bis hin zu komplexen Kampfsimulationen. Auf diese Weise erhalten Ihre Leute Gelegenheit, sich an die Zusammenarbeit mit einer rhazaghanischen Sternschwinge zu gewöhnen, bis sie dann soweit sind, die ersten realen Übungen im Orbit zu absolvieren." Pittoni dachte über seine Antwort nach. Dann entschied sie sich, hier noch einmal nachzuhaken. "Verzeihen Sie, Clanführer, aber Sie haben gerade eben von einer "Zusammenarbeit" gesprochen! Ich vermute, die Ursache für diese spezielle Ausdrucksweise liegt in der rhazaghanischen Mentalität begründet, daher frage ich noch einmal nach. Es ist durchaus auch bei uns üblich, Raumschiffe zu personifizieren, ihnen einen bestimmten Charakter zuzugestehen und ihnen Zuneigung entgegenzubringen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß eine solche Sichtweise es einem erleichtert, sein Leben einer technischen Konstruktion anzuvertrauen. Dennoch habe ich bereits auf der gestrigen Feier den Eindruck gewonnen, daß die Bindung der Rhazaghaner an ihre Schiffe ganz besonders stark ist, ist das richtig?" Tarkin lächelte. Dann schüttelte er geduldig den Kopf. "Zumindest in einer Hinsicht haben Sie recht: Zwischen einer Sternschwinge und ihrer Crew besteht eine ganz besondere Verbundenheit, doch geht sie weit über jegliche Symbolik hinaus. Das liegt darin begründet, daß es sich bei unseren Schiffen um hochentwickelte künstliche Intelligenzen handelt, von denen jede einzelne über Sensibilität, Lernfähigkeit und eine einzigartige Persönlichkeit verfügt. In diesem Zusammenhang von einer bloßen "Bedienung" zu sprechen, wäre reichlich unangemessen, daher ziehen wir die Bezeichnung "Zusammenarbeit" vor." Pittoni sah mit großen Augen zu ihm auf. Wie sich gerade herausgestellt hatte, war ihr Auftrag noch wesentlich komplizierter als befürchtet. "Die Kontaktaufnahme mit dem Schiffscomputer der Ivanhoe!" nickte sie begreifend. "Und das computeranimierte Bild auf dem Hauptschirm! Es handelte sich um gar keinen Scherz der romulanischen Crew, nicht wahr?" "Nein, keineswegs! Das ist vielmehr jene Art von Humor, der für die Arrhinia D'jah typisch ist. Allerdings dürfte sich Kommandant Talan zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Brücke befunden haben, normalerweise vermeidet sie Eigenmächtigkeiten in seiner Gegenwart." Der Terranerin atmete tief durch. "Clanführer Tarkin!" begann sie aufs Äußerste beunruhigt. "Ich weiß natürlich, daß es mir nicht zusteht, mich in Ihre Gebräuche einzumischen. Dennoch halte ich es für meine Pflicht, Sie zu warnen: Es gab in der Vergangenheit der Föderation schon einmal den Ansatz, Raumschiffe mit intelligenten und eigenverantwortlich handelnden Computern auszurüsten, allerdings kam man von diesem Gedanken sehr rasch wieder ab. Die diesbezügliche Versuche endeten allesamt katastrophal und kosteten eine große Anzahl von Personen das Leben. Mittlerweile ist man bei uns übereingekommen, Experimente dieser Art nicht mehr durchzuführen, da sie sich als bei weitem zu riskant erwiesen haben." "Ich verstehe!" nickte der Rhazaghaner. "Darf ich fragen, wieviel Zeit man jenen Systemen seinerzeit gewidmet hat, um sie in der Entwicklung und Festigung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen?" "Zeit?" erwiderte Pittoni verwundert. "Nun, eben die Frist, die man für Installation und Datenübertragung benötigt hat, nehme ich an. Wie Sie wissen, ist ein Computer in der Lage, Informationen außerordentlich rasch zu verarbeiten." "Darin steht ihm ein gewöhnliches Gehirn nicht viel nach, und dennoch benötigt eine biologische Intelligenz reichlich Zeit für ihre Reifung und Entwicklung. Es ist nicht möglich, die bloße Speicherung von Daten mit ihrer Verarbeitung gleichzusetzen. Man muß den Informationen Gelegenheit geben, miteinander zu interagieren, ein Prozeß, der zum großen Teil nach dem Zufallsprinzip abläuft. Zugegeben, die Persönlichkeit einer künstlichen Intelligenz entwickelt sich außerordentlich rasch, dennoch sollte sie eine gewisse sensible Phase abgeschlossen haben, bevor sie zum Einsatz kommt. Wären Sie bereit, einem Kleinkind die Verantwortung für das Wohl Ihrer Mannschaft zu übertragen?" "Nein, auf gar keinen Fall!" mußte Pittoni zugeben. "Aber genau das haben Ihre Leute offenbar getan: Man brachte Computer zum Einsatz, deren Persönlichkeitsentwicklung noch ganz am Anfang stand. In einem solchen Fall ist es unbedingt erforderlich, ausgereifte und erfahrene Systeme einzusetzen, die in der Lage sind, die noch junge Intelligenz anzuleiten und notfalls zu kontrollieren. Jegliche andere Vorgehensweise kann man in der Tat als nichts anderes als ein riskantes und verantwortungsloses Experiment bezeichnen. Es ist tragisch, daß es bei Ihnen erst zum Verlust von Leben kommen mußte, bevor man zu dieser Einsicht kam. Um so mehr verwundert es mich, daß keine Schlußfolgerungen aus den Fehlschlägen gezogen wurden, stattdessen zog man es wohl vor, einfach aufzugeben. Ich hätte Ihre Spezies eigentlich für hartnäckiger gehalten. - Haben Sie außerdem noch Fragen?" Die Terranerin zögerte. Tatsächlich konnte sie sich nur schwer des Eindrucks erwehren, daß die Argumente des Rhazaghaners etwas Stichhaltiges hatten. "Nur was den Beginn der Ausbildung angeht!" erwiderte sie schließlich. "Könnten Sie mir vielleicht sagen, welchen Zeitpunkt Sie in etwa anvisiert haben?" "Wegen des genauen Schulungsbeginns wenden Sie sich am besten an Kommandant Talan! Ich habe ihm gestern abend die Ausbildungsleitung übergeben, daher schlage ich vor, daß Sie sich zwecks einer Absprache mit ihm zusammensetzen. Er hat im Moment dienstfrei, und so ist es recht wahrscheinlich, daß er sich in seinem Quartier aufhält. Es liegt auf der dreizehnten Ebene, wenn Sie es versuchen möchten." Tybrang war bei seinen Worten blaß vor Fassungslosigkeit geworden. "Du hast was getan?" brachte er heraus. "Du willst die Unterweisung unserer Bündnispartner einem Romulaner überlassen? Bist du nun komplett wahnsinnig geworden?" Tarkin sah gelassen zu ihm hinüber. "Wie du selbst oft genug betonst, habe ich mich um einen Clan zu kümmern! Es wird mir nicht möglich sein, mich täglich in den Hangar zu begeben, um die Ausbildung zu überwachen, wie du vielleicht verstehen wirst. Also habe ich mich entschlossen, die Organisation und Durchführung an Talan zu übergeben. Ich bin überzeugt, daß er dieser Aufgabe gerecht werden wird." "Warum hast du nicht mich gefragt?" "Weil ich der Ansicht bin, daß du dich in der letzten Zeit etwas übernommen hast. Es ist allmählich unumgänglich, daß du das Habitat verläßt, um dich nach einer Reifungspartnerin umzusehen. Tabantani ist erfolgreich zurückgekehrt, und so ist es vertretbar, daß auch du dich wieder auf die Suche begibst." Tybrang starrte ihn an. "Ich will mit dir reden!" zischte er. "Jetzt auf der Stelle!" Tarkin nickte langsam. "Natürlich, wenn das dein Wunsch ist!" Er wandte sich an die beiden Terraner. "Glauben Sie, daß Sie allein zum Habitatslift zurückfinden?" "Gewiß!" erwiderte Pittoni unangenehm berührt. "Ich bin sicher, daß wir zurechtkommen. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken, Clanführer!" "Notfalls bitten Sie einfach jemanden um Auskunft. Man wird gern bereit sein, Sie zu ihrem Ziel zu begleiten." Als die beiden Terraner wenig später den geräumigen Lift betraten, stieß Malewitsch einen geräuschvollen Seufzer aus. "Sieht ganz so aus, als würden sich an unserer Anwesenheit die Gemüter entzünden. Nur zu dumm, daß wir ausgerechnet den Clanführer gegen uns haben." "Ja, obwohl er mich zunächst angenehm überrascht hat. Ich hätte nicht gedacht, daß er uns den Subraumsender ohne jegliche Diskussion genehmigen würde. Die Sache mit den Schiffen beunruhigt mich allerdings, obwohl ich zugeben muß, daß Tarkins Erklärung mir irgendwie einleuchtet. Möglich, daß man seinerzeit tatsächlich versäumt hat, den neuen Systemen Gelegenheit zur Reifung zu geben." "Sie halten das für denkbar?" "Wer weiß? Das Projekt ist damals ziemlich überstürzt eingestellt worden. Vielleicht hätte man doch noch etwas Ursachenforschung betreiben sollen. Nun, ich bin bereit, mich überraschen zu lassen." "Vorausgesetzt, wir erhalten überhaupt eine Chance. Ein geschickter Schachzug von Tarkin, uns dem Romulaner zu unterstellen! Wahrscheinlich wird Talan einiges unternehmen, um uns auszubremsen." Pittoni nickte nachdenklich. "Damit werden wir rechnen müssen! Allerdings vermag ich kaum einzuschätzen, wie weit er zu gehen bereit ist. Ich glaube, das beste wird wirklich sein, ihn in seinem Quartier aufzusuchen und mit ihm zu sprechen. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, einen Blick hinter seine romulanische Maske zu werfen." Der Lift hielt, doch Malewitsch unternahm keine Anstalten, die Tür freizugeben. Er sah seine Vorgesetzte voller Unbehagen an. "Sie wollen allein zu ihm gehen? Halten Sie das für klug?" Sie lächelte erheitert. "Ich glaube, hier übertreiben Sie Ihre Fürsorge etwas, Konstantin! Ich weiß, was für Berichte über Romulaner kursieren, allerdings sollten wir eigentlich über solche Vorurteile hinaus sein. Gewiß, Talan gehört dem romulanischen Militär an, doch Sie müssen zugeben, daß er einen durchaus kultivierten Eindruck macht. Ich glaube kaum, daß er bereit wäre, über die nächstbeste alternde Sternenflottenangehörige herzufallen, nur weil sie sein Quartier betritt. Außerdem hat ein Mann seines Aussehens eine solche Verzweiflungstat wohl kaum nötig." "Die letzte Bemerkung will ich nicht gehört haben, Captain! Aber gut, wenn Sie beabsichtigen, sich ein näheres Bild von ihm zu verschaffen, ist es vielleicht wirklich besser, ihn allein aufzusuchen. Ich werde in der Kantine auf Sie warten." Pittoni öffnete die Lifttür. "Abgemacht! Ich hoffe, daß wir nach meiner Rückkehr etwas schlauer sein werden. Wir sehen uns nachher, Konstantin!" Gleich darauf betrat sie beherzt die vor ihr liegende Ebene und sah sich suchend um. In einiger Entfernung erkannte sie mehrere Romulaner in Uniform, die offenbar gerade Instruktionen von einem Vorgesetzten erhielten. Noch bevor sie sich bemerkbar machen konnte, hob bereits der Unteroffizier den Kopf und sah zu ihr hinüber. Er richtete einige kurze Worte an seine Leute, dann wandte er sich von ihnen ab und kam Pittoni entgegen. Als er vor ihr stehenblieb, neigte er höflich den Kopf. "Kann ich Ihnen helfen?" "Ich hätte gern Kommandant Talan gesprochen. Man sagte mir, daß er auf dieser Ebene wohnen würde." "Sie sind richtig informiert! Momentan dürfte er sich in seinem Quartier aufhalten. Ich kann Sie dorthin führen, wenn Sie bereit sind, mir zu folgen." Pittoni dankte und begleitete den Romulaner durch das Labyrinth der Gänge, bis sich vor ihnen eine der Vorhallen öffnete, welche die Absätze der Habitatstreppe umgaben. Während sie den Raum durchquerten, bemerkte die Terranerin eine Person, die ihnen aus einem gegenüberliegenden Gang entgegenkam, und die sie sofort erkannte. Es handelte sich eindeutig um den Mischling mit den Grav-Spangen, der dem romulanischen Kommandanten sein Getränk gebracht und später während des Kampfes dessen Uniformoberteil gehalten hatte. Als er sich bis auf wenige Schritte angenähert hatte, warf ihr der Mann einen Blick zu und lächelte. "Captain!" grüßte er freundlich. Dann bog er ein und stieg die Habitatstreppe hinab. Pittoni verharrte einen Moment und sah ihm voller Mitgefühl nach. Gleich darauf sah sie sich jedoch gezwungen, sich wieder in Bewegung zu setzen, da ihr Begleiter sich bereits fragend nach ihr umdrehte. So beeilte sie sich, wieder zu ihm aufzuschließen, um nur wenig später mit ihm gemeinsam vor einer Tür anzuhalten. Ohne zu zögern klopfte der Romulaner an. Nach nur kurzem Warten wurde geöffnet. Der Unteroffizier richtete in respektvollem Tonfall einige Worte an seinen Kommandanten, dann verabschiedete er sich und wandte sich zum Gehen. Als Pittoni hochblickte, fand sie Talans aufmerksamen Blick auf sich gerichtet. "Sie hatten mich sprechen wollen, Captain?" "Das ist richtig! Clanführer Tarkin hatte mich wegen der Schulung an Sie verwiesen. Könnten Sie etwas Zeit für mich erübrigen?" Der Romulaner trat zur Seite und gab damit den Durchgang frei. Mit einer Kopfneigung wies er auf das Innere seiner Unterkunft. "Ich nehme an, man hat Ihnen schon mitgeteilt, daß mein Dienst heute etwas später beginnt. Wenn Sie also eintreten möchten?" Mit etwas beklommenem Gefühl folgte Pittoni der Einladung und nahm in einem angebotenen Sessel Platz, während sich der Romulaner direkt ihr gegenüber niederließ. Bei dieser Gelegenheit wurde ihr zum ersten Mal bewußt, daß sie ihn nicht in Uniform, sondern in einer Art schlichter Lederkleidung angetroffen hatte. In gewisser Weise übte dieser Umstand einen beruhigenden Einfluß auf sie aus, bis sie sich vergegenwärtigte, daß sie hier einen Sklavenhalter vor sich hatte. Sofort ging sie innerlich wieder auf Distanz. Möglich, daß Talan keinen allzustrengen Dienstherren abgab, immerhin schien der Halbcardassianer sein Schicksal mit bewundernswerter Gelassenheit zu tragen. Vielleicht hatten sich dessen Lebensumstände seit seiner Gefangennahme sogar verbessert, schließlich war die cardassianische Härte gegenüber Mischlingen allgemein bekannt. Dennoch: Die Vorstellung, daß hier eine lebende Person als Eigentum betrachtet wurde, weckte tiefen Widerwillen in der Terranerin. "Unglaublich, daß ein technisch so weit entwickeltes Volk keinen Anstoß an Sklaverei nimmt." dachte sie erzürnt. "Ich nehme an, daß Sie Informationen bei mir einholen möchten!" riß Talans sachliche Stimme sie aus ihren Gedanken. Pittoni rief sich im Stillen zur Ordnung. Bei dem augenblicklichen Stand der Dinge würde es nicht gerade hilfreich sein, den Romulaner gegen sich aufzubringen, und so beschloß sie, zunächst den unangenehmsten Teil zu erledigen. "Gewiß, doch zunächst möchte ich mich bei Ihnen für den gestrigen Vorfall entschuldigen. Die Herausforderung geschah ohne Wissen oder Billigung von meiner Seite, wie ich Ihnen versichern kann. Ich habe dem Mann noch gestern verwarnt und hoffe sehr, Ihre Vergebung für diesen ungewollten Affront zu finden." Talan legte den Kopf etwas zur Seite. Dann begann er kaum merklich zu lächeln. "Ihre Sorgen sind unbegründet, Captain! Die Herausforderung durch Ihren Untergebenen stellte keineswegs eine Beleidigung für mich dar. Allerdings muß ich zugeben, daß mich seine Eigenmächtigkeit in Ihrer Gegenwart im ersten Moment überrascht hat, bis mir dann einfiel, daß ein Offizier der Sternenflotte seine Befehlsgewalt mit seiner Uniform ablegt. Der Vorfall war darauf zurückzuführen, daß Sie und Ihre Leute sich in Zivil befanden, nicht wahr?" Pittoni, die im Begriff gewesen war, sich weitere Worte der Beschwichtigung zurechtzulegen, erwiderte verdutzt seinen Blick. "Doch, in gewisser Weise haben Sie recht!" gab sie dann zu. "Mein Kommando ist normalerweise an meine Uniform gebunden, was es mir ermöglicht, mich außerhalb meiner Dienstzeit als freie Privatperson zu bewegen. Ist das bei Ihnen nicht üblich?" Der Romulaner legte die Fingerspitzen zusammen und betrachtete sie ruhig. "Nein, keineswegs!" erwiderte er selbstbewußt. "Zwar folge auch ich festen Dienstzeiten, jedoch ist meine Befehlsgewalt dauerhaft mit meinem Rang verknüpft. Ich bin romulanischer Soldat, und bis zu dem Tag meines Ausscheidens aus dem Dienst übe ich das Kommando über meine Untergebenen aus, ebenso wie ich grundsätzlich meinen Vorgesetzten unterstehe und ihnen Rechenschaft schuldig bin. Auch die Privatkleidung, die Sie hier an mir sehen, ändert an diesem Umstand nicht das Geringste. Von einem in diesem Moment in Zivil eintretenden Subkommandanten würde ich unbedingten Gehorsam erwarten, ebenso wie ich jederzeit bereit bin, einem Befehl meiner Vorgesetzten Folge zu leisten." Pittoni schauderte innerlich. "Sie sind also niemals in der Lage, einen privaten Status anzunehmen?" "Erst an dem Tag, an dem ich mein Kommando ablege oder verliere, ganz recht!" antwortete Talan gelassen. "Ich verstehe!" sagte Pittoni leise. Sie sah ihn nachdenklich an. "Um so mehr erstaunt es mich dafür, daß Sie so gut über die diesbezüglichen Vorschriften der Sternenflotte informiert sind. Wahrscheinlich erwartet das romulanische Oberkommando von seinen Soldaten, daß sie sich in jeder freien Minute mit möglichen Fehlern und Schwächen ihrer Gegner befassen, habe ich recht?" Der Romulaner lächelte. "Streng genommen schon! Allerdings muß ich zugeben, daß mein Wissen über die Sternenflotte nicht so sehr auf einem gezielten Studium ihrer Bestimmungen beruht. Eigentlich ist es auf eine recht unfreiwillige Erfahrung zurückzuführen." Pittoni brauchte einen Augenblick, bis sie geschaltet hatte. Dann riß sie unwillkürlich die Augen auf. "Habe ich Sie da eben richtig verstanden? Sie waren Gefangener der Sternenflotte?" Talan neigte den Kopf. "Das ist korrekt!" Die Terranerin betrachtete den Romulaner mit aufkommender Neugier. "Dann vermute ich wohl richtig, daß Ihre Gefangennahme noch vor Kriegsbeginn erfolgt ist. Meines Wissens nach hat es danach keine ernsteren Grenzzwischenfälle zwischen romulanischem Reich und Föderation mehr gegeben. Darf ich mich erkundigen, was Sie für Eindrücke von den Angehörigen der Sternenflotte gewonnen haben?" "Recht unterschiedliche, würde ich sagen! Offen gestanden war ich ziemlich überrascht, wie zuvorkommend mir Ihre Offiziere während der Verhöre begegneten. Ein Gefangener des romulanischen Reiches könnte kaum mit einer solch schonenden Behandlung rechnen." "Das kann ich mir vorstellen! Und das andere?" Der Romulaner erwiderte ruhig ihren Blick. "Das entsprach eher meinen Erwartungen. Allerdings schätze ich, daß das Handeln der Betreffenden in jenem Fall wohl ebenfalls auf Eigenmächtigkeit beruhte." Pittoni schnappte empört nach Luft. Irgend etwas an ihrem Gegenüber ließ sie keinen Augenblick an seiner Aussage zweifeln. "Man hat Sie mißhandelt? Warum haben Sie nicht offiziell Protest eingelegt? Als Gefangener der Sternenflotte hatten Sie ein Anrecht auf eine menschenwürdige Behandlung." Der Romulaner lächelte erneut. Es war ihm anzusehen, daß ihn die Ausdrucksweise seiner Gesprächspartnerin amüsierte. "Ich trug die Verantwortung für ein komplettes romulanisches Regiment, und mir war an einer raschen Heimkehr meiner Leute gelegen. Ein Verfahren hätte die Lage nur verkompliziert und unsere Entlassung in die Heimat hinausgezögert. Im übrigen hätte hier Aussage gegen Aussage gestanden, wie man mir unmißverständlich klarmachte. Es wäre schwierig für mich gewesen, die Anschuldigung, ich hätte einen gewaltsamen Fluchtversuch unternommen, zu widerlegen." "Man hätte Ihnen Glauben geschenkt. Es widerspricht unseren sämtlichen Prinzipien, solche Leute davonkommen zu lassen." "Die Aufrechterhaltung der Föderationsprinzipien ist nicht meine Sache." erklärte Talan gelassen. "Man genehmigte unsere Rückkehr, und das war es, was zählte. Kommen wir lieber zurück zu Ihrer bevorstehenden Schulung! Haben Sie irgendwelche Fragen?" Pittoni lehnte sich zurück und betrachtete den Romulaner, der geduldig auf eine Antwort wartete. Noch immer war sie sich ihres Gegenübers nicht sicher, doch die Art, wie er von den Übergriffen gegen seine Person gesprochen hatte, gab ihr das Gefühl, daß dieser Mann mit sich reden ließ. Sein Bericht war vollkommen neutral und ohne die geringste Spur von Haß gewesen. Sie zögerte noch einen kurzen Moment, dann beschloß sie, die Karten auf den Tisch zu legen. Nur wenig später hatte sie ihm alles Wesentliche über die Jeanne D'Arc-Leute vorgetragen. Talan saß ihr mit gerunzelter Stirn gegenüber. "Ich verstehe!" bemerkte er schließlich. "Durch den Krieg wurde die Ausbildung jener Leute von Anfang an vernachlässigt, und später ließ man es zu, daß sie unter ihresgleichen verwilderten. Daß daraus Insubordinationsprobleme erwachsen, ist nicht weiter überraschend. Haben Sie sich schon zu einer bestimmten Vorgehensweise entschlossen?" "Noch nicht!" gestand sie. "Offen gesagt ist mir ein solcher Menschenschlag in der Sternenflotte noch nie begegnet. Disziplinarmaßnahmen wie Arrest und Androhung von Degradierung scheinen in der Vergangenheit nichts gefruchtet zu haben. Ich fürchte, es bleibt über kurz oder lang nichts anderes als der Ausschluß aus der Sternenflotte übrig." "Diese Konsequenz halte ich für verfrüht!" bremste Talan. "Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Haben Sie Ihre Leute bereits in Mannschaften aufgeteilt?" "Nein!" erwiderte Pittoni überrascht. "Clanführer Tarkin hatte mich wegen der Details zu Ihnen geschickt. Warum fragen Sie?" "Weil ich Ihnen in diesem Fall einen Vorschlag zu machen hätte: Stellen Sie die entsprechenden Leute zu einer einzigen Schicht zusammen, wobei die Bildung der Brückencrew unter Berücksichtigung der problematischsten Fälle, insbesondere der Rädelsführer, erfolgen sollte. Die so entstandene Abteilung schicken Sie zu mir auf die Arrhinia D'jah! Ich werde mich selbst um ihre Schulung kümmern." Pittoni atmete tief durch. "Bei allem Respekt, Kommandant, aber wollen Sie sich wirklich darauf einlassen?" "Machen Sie sich um mich keine Gedanken! Sagen Sie mir nur, ob Sie bereit sind, meinen Vorschlag anzunehmen!" "Du lieber Himmel, ja! Ich bin es! Ich bin Ihnen sogar außerordentlich dankbar dafür. Immerhin ist er die einzige Chance, die ich noch für diese Leute sehe." Talan nickte. "Gut, es ist also abgemacht!" Er erhob sich und begab sich hinüber zu seinem reich verzierten Schreibtisch, um gleich darauf einen Datenblock an Pittoni zu übergeben. "Ich denke, daß Sie hier sämtliche erforderlichen Informationen finden. Sollten Sie nach Durchsicht der Unterlagen noch irgendwelche Fragen haben, so stehe ich Ihnen selbstverständlich zur Verfügung. Die Ausbildung kann beginnen, sobald Sie und Ihre Leute sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen haben." Pittoni warf einen flüchtigen Blick auf den Datenblock, dann erhob sie sich und schüttelte dem Romulaner in aufrichtiger Erleichterung die Hand. "Ich danke Ihnen nochmals für Ihr großzügiges Angebot. Ich hoffe nur inständig, daß Sie bei den Jeanne D'Arc-Leuten etwas erreichen können. Auf alle Fälle weiß ich Ihr Engagement in dieser Sache sehr zu schätzen." Als sie sich zum Gehen wandte, hielt Talan sie noch einmal auf. "Moment, Captain! Da ist noch eine Sache, die ich gern sicherstellen möchte." Sie wandte sich um. Der Romulaner hielt seinen ernsten Blick auf sie gerichtet. "Was die Einteilung für die verschiedenen Schulungsmannschaften angeht: Wie sie im einzelnen aussehen werden, überlasse ich Ihnen, doch eines mache ich für mein Angebot zur Bedingung." Sein Gesicht verhärtete sich und die dunklen Augen blitzten warnend. "Es geht um die Vulkanierin! Es ist mir egal, ob ihre Schulung auf der Narhamak oder der Xaringal stattfindet. Mein Schiff wird sie jedenfalls nicht betreten. Haben wir uns hier verstanden?" "Natürlich, Kommandant!" stammelte Pittoni überrascht. "Es wird sicher kein Problem sein, das einzurichten." Als sich gleich darauf Talans Tür hinter ihr schloß, hatte Pittoni das Gefühl, daß das romulanische Wesen offenbar doch wesentlich unergründlicher war, als sie gerade zu glauben begonnen hatte.
"Und ich sage es noch einmal:" brachte Tarkin inzwischen ausnehmend gereizt heraus. "Du bist lange genug allein gewesen. Mittlerweile macht deine Unausgeglichenheit und Launenhaftigkeit einen friedlichen Umgang mit dir fast unmöglich. Begib dich endlich wieder auf die Suche, damit dein Inneres zur Ruhe kommt!" Tybrang schnaubte verächtlich. "Du unterstellst mir Launenhaftigkeit? Ausgerechnet du? Immerhin dürfte deine spezielle Wesensart vom Gebiet der Tar bis hin zu den Nilba bekannt sein. Noch bis vor kurzem hatte ich mich der Illusion hingegeben, daß die Stellung des Clanführers dich endlich zu mehr Einsicht und Verantwortungsbewußtsein führen würde, aber davon ist nicht das Geringste zu spüren. Anstatt dich auf deine Pflicht zu besinnen, bist du einfach Tarkin der Rote geblieben. Ein schöner Clanführer, dem man einen Jagdbegleiter mitschicken muß, damit er sich nicht in einer leichtsinnigen Aktion umbringt! Verschwendest du eigentlich auch mal einen einzigen Gedanken an den Clan?" "Die Vari wollten Tarkin den Roten als Clanführer, und sie haben ihn bekommen." verteidigte sich Tarkin. "Ich habe den Eindruck, daß sie nicht unzufrieden damit sind. Im übrigen sollte einem Clanführer auch das Clangebiet am Herzen liegen, anstatt sich darauf zu beschränken, wie ein Brutkralip im Bau zu hocken. Sieh dich doch an, Tybrang! Wozu hat dir die Schöpfung diese Muskeln gegeben, wenn du sie nicht einsetzt? Wo sind die Zeiten geblieben, in denen wir gemeinsam hinausgegangen sind, um unsere wachsenden Fähigkeiten zu erproben? Du gabst einmal einen vielversprechenden Jäger ab, aber mittlerweile hast du das Habitat seit dem letzten Sommer nicht mehr verlassen. Was bist du eigentlich für ein Rhazaghaner?" "Das will ich dir sagen:" schnappte Tybrang. "Ich bin derjenige, der sich hier darum kümmert, daß die Einlagerung der Vorräte, die Energieversorgung, die Instandhaltung des Habitates und die Versorgung mit den erforderlichen Rohstoffen gewährleistet sind. Ich sehe mich dazu gezwungen, alles selbst zu erledigen, nur weil man sich auf den eigentlichen Clanführer nicht verlassen kann, weil man damit rechnen muß, daß er von einem Augenblick auf den anderen aus dem Habitat verschwindet. Kennst du eigentlich die Bedeutung des Wortes Pflicht, Tarkin?" Tarkins Augen wurden schmal. "Ich denke sehr wohl, daß Verlaß auf mich ist. Du müßtest wissen, daß ich meine Arbeit ausführe, so gut ich kann. Es paßt dir nur nicht, daß ich sie nicht genau dann erledige, wenn du es mir sagst. Weißt du, was dein Problem ist, Tybrang? Du bildest dir ein, daß du unabkömmlich bist, daß das Leben und Schaffen der Vari zum Stillstand käme, würdest du das Habitat verlassen. Ich habe auch noch weitere Berater, denen es weder an Kompetenz noch an Tüchtigkeit fehlt, doch das scheinst du völlig zu ignorieren. Mittlerweile glaubst du allen Ernstes, daß du der einzige von uns bist, der ein Verantwortungsbewußtsein besitzt. Jegliche anfallende Aufgabe reißt du an dich, dabei hast du begonnen, Nirrits Ausbildung auf das Bedenklichste zu vernachlässigen. Hätte ich sie nicht hin und wieder auf einige meiner Schulungsausflüge mitgenommen, würde die Entwicklung ihrer Fähigkeiten stagnieren. Und zu allem Überfluß weigerst du dich nun, dir eine Reifungspartnerin zu suchen, weil du mich für fähig hältst, während deiner Abwesenheit den Clan herunterkommen zu lassen." Während Tarkin sprach, hatte Tybrang mit verschränkten Armen an der Fensterreihe gestanden und nach draußen gesehen. Nun jedoch wandte er ruckartig den Kopf und trat wieder auf Tarkin zu. "Ganz recht! Ich halte es absolut für möglich, daß du die Dinge hier schleifen lassen würdest. Leider ist das nicht einmal meine einzige Sorge. In den letzten zwei Tagen durfte ich beobachten, wie du unser lebenswichtiges Bündnis mit der Föderation leichtfertig mit Füßen trittst. Und warum das alles? Weil du dir neuerdings angewöhnt hast, gemeinsam mit diesem Romulaner irgendwo dort draußen herumzuziehen, anstatt dich ausschließlich auf deine Arbeit zu konzentrieren." "Es war notwendig, mit der Terranerin zu sprechen, das sollte dir klar sein! Die Romulaner und die Sternenflottenleute werden auf unabsehbare Zeit mit uns auf engem Raum zusammenleben, und daher müssen aufkeimende Aggressionen augenblicklich unterdrückt werden. Sollte es zu einem gegenseitigen Aufschaukeln solcher Emotionen kommen, könnte die Sache für uns alle katastrophal enden." Tybrang atmete tief durch und sah ihn an. "Dann laß den Romulaner gehen!" Tarkin warf ihm einen fassungslosen Blick zu. "Auf gar keinen Fall!" fauchte er. "Ach! Und darf ich fragen, warum du dich gegen diese einfache Lösung sträubst?" "Wenn du das nicht weißt, dann ist dir nicht zu helfen! Du weißt, was Talan für mich, was er für uns alle getan hat. Vielleicht ahnt er es selbst nicht, aber er hat bereits damit begonnen, sich anzupassen. Ich bin nicht bereit, ihn hinauszuwerfen und damit in ein System zurückzuschicken, das längst nicht mehr das seine ist." Sein Berater nickte langsam. "Es ist genau, wie ich dachte! Du findest noch immer nichts dabei, deine persönlichen Interessen über das Wohl des Clans zu stellen, vielleicht wärest du sogar bereit, unser Bündnis mit der Föderation deiner Vorliebe für diesen Mann zu opfern." Er setzte sich in Bewegung und strebte, ohne Tarkin noch einmal anzusehen, an ihm vorbei. "Es war kein schlechter Versuch, aber so leicht wirst du mich nicht los!" hörte der Clanführer Tybrangs Stimme hinter seinem Rücken. Dann fiel die Tür seines Quartiers geräuschvoll ins Schloß. Kurz darauf stieg Tarkin in niedergeschlagener Stimmung die Habitatstreppe hinunter. Die ständigen Auseinandersetzungen mit seinem Berater betrübten ihn, spürte er doch, wie ihre langjährige Freundschaft langsam aber sicher in die Brüche ging. Hinzu kam, daß die zermürbenden Streitgespräche immer mehr an seinen Nerven zerrten und ihn müde und reizbar machten. Als er mehrere Ebenen hinter sich gebracht hatte, hörte er eine wohlbekannte Stimme, die seinen Namen rief. Auf der Stelle wandte er sich um und lächelte, als er die zugehörige Person erkannte. "Es ist schön, daß du sie jetzt auch im Habitat einsetzt! Wie geht es auf den Stufen?" Die hochgebaute rotbraune Gestalt schritt auf ihn zu und ließ vergnügt die Ohren spielen. "Ich muß mich beim Setzen der Hufe noch etwas konzentrieren, aber ich bin bereits viel schneller als heute morgen. Du hattest recht, es bringt eine Menge, wenn man sich dazu zwingt, einen längeren Weg zurückzulegen." "Mach nur weiter damit! Es ist zunächst etwas ermüdend, ich weiß, aber man gewöhnt sich dadurch einen schönen regelmäßigen Schritt an. Nicht mehr lange, und er wird dir in Fleisch und Blut übergegangen sein." Nirrit senkte den schmalen Kopf etwas ab, dann stieß sie irritiert die Luft aus. "Tarkin, ist etwas nicht in Ordnung?" Er sah kurz zu ihr auf, dann seufzte er. "Es ist schwer, eine Mißstimmung vor dir zu verbergen, Nirrit!" "Aus diesem Grund setzt du mich als Berater ein. Was ist passiert?" Tarkin schüttelte den Kopf. "Tybrang! Ich weiß allmählich nicht mehr, was ich mit ihm anfangen soll. Die Kritik eines Beraters könnte ich verkraften, aber inzwischen ist es so weit, daß er jede meiner Entscheidungen in Frage stellt. Ein Entschluß von mir führt grundsätzlich zu einer nervtötenden Diskussion mit ihm, ohne auch nur zu dem geringsten Resultat zu führen. Heute hat er mir unumwunden Selbstsucht und Gleichgültigkeit gegenüber dem Clan unterstellt. Ich kann so nicht arbeiten, Nirrit!" Sie nickte nachdenklich. "Das ist uns nicht entgangen. Ich muß zugeben, daß er sich allmählich zu viel anmaßt. Hast du ihm den Vorschlag unterbreitet?" "Er will nichts davon wissen. Er glaubt anscheinend, daß ich nichts Eiligeres zu tun habe, als mit der Föderation zu brechen und den Clan allein zu lassen, sobald er dem Habitat den Rücken gekehrt hat. Mittlerweile habe ich den dringenden Verdacht, daß er jeder beliebigen Person Vertrauen schenken würde, nur mir nicht." Er warf ihr einen fast verzweifelten Blick zu. "Das ist die Sorge, die mich am meisten bedrückt: Daß ich vielleicht nicht in der Lage sein könnte, dem Clan durch meine Führerschaft Hoffnung und Zuversicht zu geben. Du bist doch heute durch das Habitat gegangen, Nirrit! Hast du schon einen Eindruck gewinnen können?" Nirrit legte die Ohren nach vorn, und er wußte, daß sie lächelte. "Ich bin natürlich erst bei einigen gewesen, aber so wie es aussieht, werden es recht viele werden, deutlich mehr als im letzten Jahr. Die meisten der angesprochenen Paare erklärten, sie wären fest entschlossen, sich im Hochsommer zu vereinigen. Was Tybrang auch immer meint, ich bin davon überzeugt, daß dir die Vari vertrauen, Tarkin!" Ihr Clanführer atmete glücklich auf. "Ich bin sehr froh über diese Nachricht! Der Lebensfluß hat schon viel zu lange gestockt in diesem Habitat. Es wird höchste Zeit, daß sich die Gänge wieder mit spielenden Kindern füllen, wie zu Jarsalis Zeiten. Sie war eine herausragende Clanführerin, und es wird schwer sein, aus ihrem Schatten zu treten, aber dennoch habe ich keinen innigeren Wunsch, als die Vari wieder aufblühen zu sehen."
Der romulanische Unteroffizier nickte der Gruppe schweigend zu, dann wandte er sich von ihr ab und strebte den Gang wieder hinunter, den er sie entlanggeführt hatte. Mehrere verblüffte Blicke folgten ihm, bis er um die nächste Biegung verschwunden war. Lieutenant Rowland zögerte etwas, doch dann trat er entschlossen auf die Tür zu, deren Flügel sich sofort zischend vor ihm öffneten. Nach zwei Schritten blieb er stehen und ließ seinen Blick über die stille Brücke gleiten, die sich im Halbdämmer vor ihm ausbreitete. Er stieß einen überraschten Pfiff aus. "Nun sieh sich einer das Riesending an! Platz für eine ganze Herde Rhazaghaner! Direkt erstaunlich, daß sie hier keinen Rasen angelegt haben." Einer seiner Leute lachte und schob sich an ihm vorbei. "Ich schätze, die Burschen haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Wer weiß, vielleicht halten sie ihre Jagden auch hier oben ab! Naja, solange sie anschließend den Fußboden wieder aufwischen, kann es uns eigentlich egal sein, stimmt's, Isabel?" Die Angesprochene verzog das Gesicht und würdigte ihn keiner Antwort. Rowland ging langsam an den Konsolen entlang, die sich die sanfte Wölbung der Brückenwand entlangzogen. Die zahlreichen Monitore waren ausnahmslos dunkel, und nicht ein Kontrollämpchen zeigte Bereitschaft an. Sämtliche Einrichtungen waren deaktiviert, die einzige Ausnahme bildete der Beleuchtungskörper, der ein trübes Raumlicht verbreitete. Die Brücke des Schiffes schien in tiefem Schlaf zu liegen. "Möchte mal wissen, wie man den Bereitschaftsstatus wieder herstellt." murmelte Rowland nach seinem Rundgang. "Eine auffällige Kennzeichnung ist nirgendwo zu sehen, keine optische Hervorhebung, nichts! Irgendwo müssen die doch ihr rotes Knöpfchen haben." Er wandte sich dem Zentrum der Brücke zu und brachte die Distanz zum Kommandosessel mit ein paar raschen Schritten hinter sich. Zufrieden ließ er sich darin nieder und lehnte sich zurück. Dann klopfte er mit dem Fingerknöchel gegen den kleinen Monitor, der sich neben der linken Armlehne befand. "Auch dunkel!" Er lehnte sich zur Seite, um das Gerät näher zu betrachten. "Und nicht die geringste Spur von irgendwelchen Bedienungselementen! Verdammt, wie aktiviert man das Ding?" Corestid, der mit ein paar anderen unschlüssig im Raum gestanden hatte, wandte sich zu ihm um. "Bist du verrückt, Brad!" entfuhr es ihm im nächsten Augenblick. "Komm da raus! Wahrscheinlich kann er jeden Moment hier sein." Rowland sah zu ihm hinüber und lächelte geringschätzig. "Oh ja, natürlich, ich vergaß! Uns wird ja heute eine besondere Ehre zuteil: Der große Meister unterrichtet uns persönlich. Um den mach dir mal keine Sorgen! Mag ja sein, daß der romulanische Leuteschinder an blinden Gehorsam gewöhnt ist, aber er wird schon bald merken, daß er nichts in der Hand hat, um uns auch nur einen Finger rühren zu lassen. Wir sind schließlich Angehörige der Sternenflotte, romulanische Methoden greifen bei uns nicht, und das wird er schnell mitkriegen. Im übrigen garantiere ich dir, daß er es nicht wagen wird, uns anzurühren, immerhin sind wir auf Föderationsgebiet. Wenn er merkt, daß er nichts bei uns ausrichtet, wird in er spätestens drei Tagen kapitulieren, alles klar, Arie?" Der Tresquodocer schwieg einen Moment, dann blickte er zu Boden. "Nein, Brad!" antwortete er leise. "Es tut mir leid, aber bei dieser Sache mache ich nicht mit." Rowland zog überrascht die Brauen zusammen, doch dann begann er langsam zu nicken. "Ich verstehe! Das Spitzohr hat dir wohl neulich ziemlich den Schneid abgekauft, wie? Na gut, dann tanze du ruhig nach seiner Pfeife, wenn du so scharf darauf bist! Ich bin mal gespannt, wann du es leid wirst, als einziger den Knecht für ihn zu spielen." Er erhob sich und ging nach vorn zu den Navigationskontrollen, um sich neben Della Escobedo niederzulassen, die bereits dort Platz genommen hatte. "Das ist die Navigation, soviel steht fest!" bemerkte er. "Eigentlich würde ich gern mal ausprobieren, wieviel dieser Vogel so drauf hat. Direkt schade, daß es nicht dazu kommen wird." Escobedos Hände fuhren versuchsweise über die Bedienungselemente. "Das scheint eine dieser neuen kommunikativen Brücken zu sein, erstaunlich auf so einem Provinzplaneten! Ich muß zugeben, daß mich die Funktionen der Einrichtungen hier vor ein Rätsel stellen. Eine derart komplex ausgestattete Navigationskonsole habe ich noch nie gesehen." Im nächsten Augenblick flammte die Brückenbeleuchtung auf, die Monitore und Displays erwachten nacheinander in rascher Folge zum Leben, die Lebenserhaltungssysteme begannen leise zu summen, worauf sich sofort die Raumtemperatur spürbar erhöhte. Rowland fuhr auf seinem Stuhl herum. Der romulanische Kommandant hatte die Brücke betreten. Ohne eine erkennbare Gemütsregung stand Talan am Eingang und musterte seine Schüler, die teils noch standen, teils bereits an den Konsolen saßen und ihm schweigend entgegensahen. Langsam glitt sein Blick über jeden einzelnen, verharrte kurz bei der an der Lebenserhaltung sitzenden Isabel Wilkinson, die nervös an ihrem Ärmel zu zupfen begann und wanderte anschließend weiter zu Corestid, der die Augen niederschlug. Schließlich erreichte er die neugierig abwartende Escobedo, um endlich bei Rowland stehenzubleiben, der betont lässig auf seinem Stuhl lehnte und dabei herausfordernd grinste. Talan senkte leicht den Kopf. "Lieutenant Brad Rowland, nehme ich an!" Das Grinsen des Terraners verstärkte sich noch etwas. "Sieh mal einer an! Sie scheinen sich ja direkt über uns informiert zu haben. Wir fühlen uns geehrt, und darum wollen wir Sie auch nicht da vorn am Eingang stehen lassen. Kommen Sie nur herein und fühlen Sie sich wie zu Hause! Herzlich willkommen auf diesem Schiff der Föderation!" "Auf diesem Schiff der rhazaghanischen Verteidigungsflotte!" verbesserte ihn Talan gelassen. Er wies mit dem Kopf zur Funkstation. "Setzen Sie sich dort hinüber! Ich möchte Sie erst etwas näher kennenlernen, bevor ich Ihnen einen Platz an der Navigation gestatte." Rowlands Augen verengten sich. "Ach, tatsächlich? Da bin ich aber mal gespannt, wie Sie mich von hier wegschaffen wollen. Mir fehlt nämlich jegliche Neigung, mich von einem Usurpator und Feind der Föderation herumkommandieren zu lassen. Die Einwohner dieses Planeten mögen ja recht naiv sein, aber ich garantiere Ihnen, daß wir ihnen die Augen über Sie öffnen werden. Von mir aus können Sie dann an Bord eines Warbirds das Zepter schwingen, doch dieses Schiff werden Sie die längste Zeit kommandiert haben." Im nächsten Moment erfüllte das Sirren eines Transporterstrahls den Raum, und die Gestalt Rowlands löste sich auf. Bevor sich seine verblüfften Leute wieder gefaßt hatten, wechselte das Bild auf dem Hauptschirm, welches eine Orbitaufnahme Rhazaghans gezeigt hatte und wich der Frontdarstellung des Schiffes. "Ich weiß, was du mir gleich sagen wirst!" meldete sich eine erboste weibliche Stimme. "Daß du Eigenmächtigkeiten nicht leiden kannst und ich mich nicht einzumischen habe, aber trotzdem: Ich bin nicht bereit, mir den Lümmel noch einen einzigen Augenblick länger anzuhören. Tu mir bitte den Gefallen und verlange jetzt nicht von mir, ihn wieder an Bord zu holen!" Talan schritt langsam um den Kommandosessel herum und ließ sich darin nieder. "Ich hatte nichts dergleichen vor." antwortete er ruhig. "Trotzdem: Schalte die Hangarbeleuchtung wieder an, damit es ihm möglich ist, sich unten zurechtzufinden!" "Woher wußtest du, daß ich sie deaktiviert hatte?" fragte die Arrhinia D'jah beeindruckt. "Ich weiß, daß du es kannst, und ich kenne dich. Wenn du also bitte meiner Aufforderung nachkommen würdest?" Der Mann, der die Brücke nach Rowland betreten hatte, löste sich als erster aus seiner Erstarrung. "Jetzt ist es aber langsam genug!" brach es aus ihm heraus. "Wenn Sie glauben, daß wir Ihnen dieses Theater hier abnehmen, so haben Sie sich geirrt! Sie können Ihren Leuten im Transporterraum sagen, daß sie gleich noch eine Person zum Beamen haben, denn ich habe nicht vor, weiter hierzubleiben." Gleich darauf schloß sich zischend die Brückentür hinter ihm. Talan lehnte sich auf seinem Kommandosessel zurück, legte die Fingerspitzen zusammen und lächelte still in sich hinein. Fähnrich Wilkinson zögerte, dann machte sie Anstalten, dem Mann zu folgen. Corestid fuhr augenblicklich zu ihr herum. "Bleib wo du bist, Isabel! zischte er. Die junge Frau erstarrte in ihrer Bewegung, dann gehorchte sie und ließ sich wieder auf ihrem Stuhl nieder. Corestid sah zu Talan hinüber. "Das... das war kein Trick eben, nicht wahr, Sir?" fragte er vorsichtig. Talan erwiderte ruhig seinen Blick. "Die korrekte Anrede lautet Kommandant!" verbesserte er ihn geduldig. "Und um Ihre Frage zu beantworten: Nein, es war kein Trick! Wer war der Mann eben?" "Lieutenant Shastri, Kommandant!" Talan nickte langsam, dann erhob er sich, um gemessenen Schrittes auf der Brücke auf und ab zu gehen. "Dies ist die Arrhinia D'jah," begann er mit erhobener Stimme, "das älteste, erfahrenste und gleichzeitig leistungsstärkste Schiff der rhazaghanischen Flotte. Sie wurde zur Zeit der cardassianischen Besetzung in diesem Hangar gebaut, und sie hat die Cardassianer das Fürchten gelehrt zu einer Zeit, als Ihre Eltern gerade damit beschäftigt waren, das Laufen zu lernen. Wie die Aufgeweckteren unter Ihnen eben bemerkt haben dürften, handelt es sich bei ihr um eine künstliche Intelligenz, eine Folge des speziellen Computerbaus, welcher hier auf Rhazaghan gepflegt wird. Die direkte Übersetzung von Arrhinia D'jah lautet Stahlgefährtin, und Sie werden bald feststellen, daß sie dieser Bezeichnung voll und ganz gerecht wird. Mit welcher Seite ihres Namens Sie in Zukunft stärker konfrontiert werden, entscheiden Sie selbst. Die Arrhinia D'jah stellt höchste Ansprüche an ihre Mannschaft, und Sie werden sich anstrengen müssen, um ihrer würdig zu sein. Respektlosigkeit, Ignoranz, Borniertheit und Stümperei sind ihr zutiefst verhaßt, eine Einstellung, die ich mit ihr teile. Dabei muß ich Sie darauf hinweisen, daß sie mitunter den Hang zu einem etwas skurrilem Humor aufweist. Sie sehen also, es ist keine leichte Aufgabe, die Sie hier erwartet. Ich bin schon sehr gespannt darauf, ob Ihr Leistungsvermögen es zuläßt, die Mannschaft des legendärsten Schiffes von Rhazaghan zu stellen." Er richtete seinen Blick auf Lieutenant Escobedo, die noch immer an der Navigationskonsole saß und ihn anlächelte. "Sie machen einen zuversichtlichen Eindruck! Glauben Sie, daß Sie den Anforderungen, die hier an Sie gestellt werden, gewachsen sind?" Escobedo sah ihm in die Augen und fuhr fort, zu lächeln. "Ich denke schon, Kommandant!" Talan lächelte ebenfalls. "Sehr gut! Ich weiß eine ehrgeizige Besatzung zu schätzen." Er richtete sich auf. "Arrhinia D'jah! Lade Übungsprogramm Nummer einhundertundneunundzwanzig! Abfahren!" Im nächsten Moment schrillten die Alarmsirenen, und auf dem Hauptschirm wurden vier Jem'Hadar-Schiffe sichtbar, die sich im Anflug befanden und gerade das Feuer eröffneten. Talan wandte sich Escobedo zu, die die Augen aufgerissen hatte. "Die Arrhinia D'jah wird Ihre Hilfe einfordern. Ich rate Ihnen, sie nicht zu enttäuschen!" Escobedos Finger huschten panisch über die fremden Kontrollen. Als sie einen hilfesuchenden Blick über die Schulter warf, erkannte sie, daß der Romulaner im Begriff war, die Brücke zu verlassen. "Sie lassen uns mit ihr allein? Wo gehen Sie hin, Kommandant?" Talan drehte sich noch einmal um. "Ich werde jetzt Lieutenant Shastri aus dem Maschinenraum holen. Nach meiner Rückkehr können Sie mir zeigen, was Sie gelernt haben." Dann schloß sich die Brückentür hinter ihm. Da Talan wußte, daß Lift Eins blockiert war, nahm er den Umweg zu Lift Nummer zwei auf sich und erreichte wenig später das unterste Deck der Arrhinia D'jah, welches dem Bereich der Maschinenräume angehörte. Auf seinem Weg klangen ihm aus einem Raum mehrere cardassianische Flüche entgegen, was er zum Anlaß nahm, dort einzubiegen. Gleich darauf langte er bei seinem Freund an, der dabei war, die Diagramme auf mehreren Monitoren zu studieren. Der Romulaner warf ihm einen Seitenblick zu. "Die neuen Traktoremitter?" Rilkar nickte, ohne seine Augen von den Graphiken abzuwenden. "Sieht so aus, als hätte die Arrhinia D'jah recht gehabt. Ganz offensichtlich ist bei diesem Konzept der Phasengenauigkeit zuwenig Beachtung geschenkt worden, es ist mir ein Rätsel, wie das den Planern verborgen bleiben konnte. Die Messungen zeigen fast neun Komma drei Bogensekunden pro Millisekunde an, kein Wunder, daß es zu einer Überhitzung im Bereich der Subraumfeldverstärker gekommen ist." "Woher stammt das Konzept?" "Ich habe Tarkin nicht gefragt, und ich will es auch lieber gar nicht wissen. Fest steht allerdings, daß es noch immer zu sporadischen Kontakten zwischen Rhazaghanern und Ferengis kommt, wenn du verstehst. Schade, bisher hatten wir keinen Ärger mit neuerworbenen Innovationen." Talan runzelte beunruhigt die Stirn. "Du meinst, du wirst die Geräte austauschen müssen?" "Nicht unbedingt! Erst möchte ich noch ein paar Sachen ausprobieren, vielleicht kriegen wir das Problem doch noch in den Griff. Ich hätte da schon die eine oder andere Idee." "Du machst das schon! Aber nur so nebenbei: Hast du eigentlich etwas von der neuen Schulungscrew bemerkt?" "Ach ja, richtig! Da kam vorhin tatsächlich so ein Trüppchen hier hereinspaziert, machte dumme Bemerkungen und fiel mir auf die Nerven. Das ging ein paar Momente so, dann sirrte es, und als ich mich umdrehte, stand da niemand mehr. Ich muß zugeben, daß das alte Mädchen auch manchmal ganz fürsorgliche Anwandlungen hat." "Sie versteht es, ihre Eskapaden auf die richtigen Leute zu verteilen, oder zumindest meistens! Mach's gut, ich muß gleich wieder zurück auf die Brücke." Einige Räume weiter langte der Romulaner dann bei seinem Ziel an, wo wie erwartet gedämpfte Hilferufe durch die geschlossene Lifttür drangen. Mutub war damit beschäftigt, eindringlich in die nächste Kommunikation zu sprechen, während gleich daneben Knut und Soto dabei waren, sich krank zu lachen. Als Talan sich näherte, wandte sich der Lemnorianer von der Kommunikation ab und kam auf ihn zu. "Gut, daß Sie da sind, Kommandant! Ich habe versucht, sie dazu zu bewegen, die Lifttür zu öffnen, aber sie läßt nicht mit sich reden. Wenn Sie vielleicht mit ihr sprechen würden? Außerdem habe ich den dringenden Verdacht, daß sich Leute im Musterpuffer des Transporters befinden." Talan nickte, dann ging er hinüber zum Lift. "Arrhinia D'jah, Lifttür öffnen!" Augenblicklich glitten die beiden Türhälften auseinander, und der befreite Gefangene kam derart überstürzt herausgeschossen, daß er Talan fast in die Arme fiel. Mit leichenblassem Gesicht starrte er den Romulaner an. "Der Lift! Ich hatte lediglich mein Ziel angegeben, da schoß die Kabine mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit in die Tiefe. Ich dachte schon, das Ding würde mit mir zerschellen!" "Wie wäre es mit noch einer Fahrt?" höhnte die Stimme des Schiffes aus dem Liftinneren. "Nur hereinspaziert, aufwärts kann ich's genauso schnell! Glaub mir, mein Junge, wenn wir zwei miteinander fertig sind, bist du flacher als ein rhazaghanischer Nordscheibenfisch!" "Es ist gut, Arrhinia D'jah!" bremste sie Talan. "Ich denke, Lieutenant Shastri hat seine Lektion gelernt. Und jetzt würde ich es begrüßen, wenn du uns wieder nach oben bringst." Shastri schloß kurz die Augen, dann sah er den Romulaner verzweifelt an. "Bitte, Sir, ich... ich möchte nicht noch einmal dort hinein!" Talan lächelte nachsichtig. "Natürlich steht es Ihnen frei, die Notleitern zu benutzen, aber von diesem mühsamen Weg würde ich Ihnen abraten. Es ist gut möglich, daß Sie sich im Inneren dieses Schiffes verirren, und das möchten Sie doch sicher vermeiden. Kommen Sie nur! Wenn ich Ihnen eines versprechen kann, dann das, daß Sie vollkommen sicher sind, solange Sie sich an meiner Seite befinden."
Pittoni befand sich mit ihrer Gruppe auf dem Weg zu den Liften, die sie aus dem Hangar zurück ins Habitat tragen sollten, als sie in einiger Entfernung das Leuchten eines Rematerialisierungsvorganges wahrnahm. Sie beschleunigte ihre Schritte und hatte wenig später die Abteilung ihres ersten Offiziers erreicht, die soeben ihr Schiff verlassen hatte. Dank der Wegbeleuchtung hatte sie keine Probleme, Malewitsch zwischen seinen Leuten zu erkennen. Nach einem kurzem Ruf wandte er sich um und ermöglichte es ihr, zu ihm aufzuschließen. "Und? Wie war es bei Ihnen?" fragte Pittoni gespannt, während sie nebeneinander hergingen. "Was für einen Eindruck haben Sie von Ihrem Schiff erhalten?" Das Licht des nächsten Hangarscheinwerfers fiel auf Malewitschs Gesicht, und sie konnte sehen, daß er lächelte. "Einen sehr guten, würde ich sagen! Die Xaringal ist ein reizendes Ding, neugierig, aufgeschlossen und bemüht. Irgendwie hat sie etwas Jungmädchenhaftes an sich, und dem hat man auch bei der Auswahl ihrer Stimme Rechnung getragen. Man traut es ihr zunächst nicht zu, doch sie hat bereits im letzten Jahr bei der Verteidigung des Planeten Kampferfahrung gesammelt. Und Ihre Narhamak, Captain? Was ist sie für ein Schiff?" "Eigentlich müßte man von "ihm" statt von "ihr" sprechen, aus irgendeinem Grund ist seine Persönlichkeit männlich geprägt, was ebenfalls in der Stimme zum Ausdruck kommt. Ich hatte eigentlich geglaubt, die Schulung würde direkt nach unserer Ankunft beginnen, aber offenbar legte Narhamak großen Wert darauf, sich erst ein Bild von uns zu machen. Er suchte gezielt das Gespräch, fragte unter anderem nach unseren früheren Schiffen und erkundigte sich nach unseren Kriegserfahrungen." Sie warf ihrem ersten Offizier einen etwas verlegenen Seitenblick zu, bevor sie weitersprach. "Ich muß zugeben, daß ich ihm alles über die Jules Verne erzählt habe, den letzten Kampf, unsere Hoffnungen, die anschließende Verschrottung. Auch wenn es sich jetzt absurd anhört, aber er begegnete uns mit großer Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Er erwähnte auch, daß er vor einiger Zeit ebenfalls schwer beschädigt worden war, in einem Gefecht mit cardassianischen Schiffen, wenn ich recht verstanden habe. Ich hätte ihn gern ein wenig über den Vorfall ausgefragt, aber er äußerte sich nur sehr zurückhaltend darüber. Lachen Sie mich jetzt nicht aus, Konstantin, aber irgendwie wirkte er auf mich wie jemand, der eine lange Zeit im Lazarett zubringen mußte." "Darf ich daraus ersehen, daß Sie keine Bedenken mehr bezüglich der hiesigen Schiffscomputer haben?" "Eigentlich ist es noch zu früh, um zu einem festen Urteil zu gelangen, doch Narhamak wirkte auf mich derart aufrichtig und verständig, so zuverlässig und erfahren, daß ich mir bereits vorstellen könnte, ihm mein Leben anzuvertrauen. Die bei der Schulung anwesenden Rhazaghaner und Romulaner scheinen damit jedenfalls keine Probleme zu haben." Sie hielten vor den Lifttüren an, und Pittoni nutzte die Gelegenheit, noch einmal das gewaltige Gewölbe mit den Augen abzuwandern. Weit, weit hinten im Halbdunkel wurde kurz das Aufleuchten eines Transfervorganges sichtbar. Malewitsch nickte in die entsprechende Richtung. "Die Jeanne D'Arc-Leute! Ich möchte zu gerne wissen, was für einer Persönlichkeit sie da oben begegnet sind." Pittoni lächelte. "Mal überlegen! Ein junges Mädchen und ein erfahrener Mann! Was liegt näher als zu vermuten, daß es sich bei dem dritten Schiff in diesem Hangar um die dazugehörige mütterliche Komponente handelt? Wer weiß, vielleicht wäre es genau das, was unsere Sorgenkinder brauchen!" Die Lifttür hinter ihnen öffnete sich, was Pittoni und Malewitsch zum Anlaß nahmen, sich umzuwenden, um mit ihren Gruppen in das Habitat zurückzukehren.
Della Escobedo sah nach oben und strich sich die schweißnassen Haare aus der Stirn. "Was für ein Biest!" brachte sie heraus. "Es ist mir ein Rätsel, wie Talan das fertigbringt, daß sie ihm aufs Wort gehorcht." Corestid folgte ihrem Blick hinauf zur Hangardecke, wo die Arrhinia D'jah mächtig und schattenhaft über ihnen hing. Er grinste. "Durch natürliche Autorität und Charakterfestigkeit, würde ich sagen! Zu schade, daß er nicht auf deinen Charme angesprungen ist, was, Della? Und was machen wir nun? Gehen wir zurück ins Habitat und versuchen die Bedeutungen der Beschimpfungen herauszufinden, mit denen dich unser neues Schiff so großzügig belegt hat?" "Ach, hör schon auf, mir reicht es für heute! Zum Glück besitzt der Kommandant wesentlich mehr Geduld als dieser Satansbraten. Komisch, dich scheint sie zu mögen!" "Eine Dame mit erlesenem Geschmack!" Er streckte den Arm aus und zeigte auf eine schattenhafte Gestalt, die auf sie zukam. "Seht übrigens mal, wer da kommt!" Als Rowland sich ihnen bis auf wenige Schritte angenähert hatte, erkannten sie, daß er die Arme um sich geschlungen hielt. Die niedrige Temperatur, die im Hangar vorherrschte, hatte seinen Körper erheblich ausgekühlt, und mittlerweile bebte er vor Kälte. Als er bei seinen Kameraden anhielt, warf ihm Corestid einen verwunderten Blick zu. "Du warst die ganze Zeit über hier unten, Brad? Warum bist du nicht ins Habitat zurückgekehrt? Das Licht dürfte doch eigentlich schnell wieder angegangen sein, oder irre ich mich?" Rowland schlang die Arme noch fester um sich und sah ihn düster an. Oh, sicher!" knurrte er. "Nachdem ich einige Momente in totaler Finsternis gestanden hatte, war das Licht wieder da. Als ich dann allerdings zurück ins Habitat wollte, ließen sich die Lifttüren nicht öffnen. Ich schwöre dir, wenn ich diesen Dreckskerl von Romulaner in die Finger kriege, breche ich ihm sämtliche Knochen." "Davon kann ich dir nur abraten!" meinte der Tresquodocer. "Zufällig hatte ich kürzlich die Gelegenheit, mir ein Bild von seiner Trainingsform zu verschaffen. Laß dir im übrigen sagen, daß die Sache kaum auf ihn zurückgehen dürfte. Die wahre Verantwortliche für diesen kleinen Streich hängt nämlich da oben." Rowland sah dorthin, wo sich die gewaltigen Schwingen im Schatten der Hangardecke wölbten. "Was meinst du damit?" fragte er irritiert. "Ich schlage vor, wir gehen erstmal ins Habitat, damit du dich aufwärmen kannst. Danach werden wir dir erzählen, was heute so bei uns abgelaufen ist. Auch wenn ich es absolut für möglich halte, daß du uns ohnehin kein einziges Wort glauben wirst."
Als Talan am nächsten Morgen die Tür öffnete, um sein Quartier zu verlassen, lief er fast in Nirrit hinein, die sich eben hatte bemerkbar machen wollen. Überrascht sah er auf sie hinab. "Es tut mir leid, Nirrit, ich wollte gerade hinunter in den Hangar. Hattest du etwas mit mir besprechen wollen?" Die Rhazaghani trat zur Seite, um den Durchgang freizumachen. "Nein, ich wollte dir nur rasch Bescheid geben." erklärte sie, während sie neben ihm herging. "Rilkar bat mich, dir zu sagen, daß er den Maschinenraum heute an Tsalin übergeben hat. Soviel ich weiß, wollte er einigen Überlegungen nachgehen." "Richtig, die Traktoremitter! Er sprach schon gestern davon, daß er möglicherweise das Problem lösen könnte. Manchmal habe ich das Gefühl, es genügt ihm, die Faust in der Luft zu schließen, um einen Einfall darin zu finden. Und wie geht es bei dir voran, Nirrit? Wie steht es mit den Aussichten für den Hochsommer?" Sie sah ihn groß von der Seite an. "Du weißt davon?" Er schmunzelte. "Rilkar erwähnte, daß du zur Zeit mit einer Schätzung beschäftigt bist. Außerdem ist es ziemlich schwer, die augenblickliche Aufbruchsstimmung im Habitat zu ignorieren. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas im Vorjahr erlebt zu haben." "Das stimmt! Ohne Clanführer befand sich der Clan eine lange Zeit in einem Schwebezustand, und die vorherrschende Unsicherheit hat die meisten Vari bewogen, die Fortpflanzung ungewöhnlich lange hinauszuschieben. Natürlich werden viele zunächst das erste Jahr von Tarkins Führerschaft abwarten wollen, dennoch wird die Anzahl der Geburten im kommenden Frühjahr richtungsweisend sein. Nach dem, was ich feststellen konnte, herrscht jedoch im Moment eine sehr positive Stimmung vor, und das läßt für die Zukunft hoffen." Er sah neugierig auf sie hinunter. "Und was ist mit euch beiden? Habt ihr schon irgendwelche näheren Pläne gefaßt?" Sie erwiderte zutraulich seinen Blick. "Wir haben uns entschlossen, zunächst das Ende des Krieges abzuwarten. Schließlich werden wir medizinische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, und es wäre gut, auf die Erfahrungen der Föderation zurückgreifen zu können. Es wäre ohnehin noch etwas früh für mein Alter." "Da habt ihr recht! Unter den momentanen Umständen ist es sicher besser, wenn ihr euch noch etwas Zeit laßt. Wie alt bist du eigentlich, Nirrit?" Sie lachte. "Das ist komisch, daß du das jetzt fragst! Gerade gestern habe ich wieder einmal nachgehalten. Es müßten jetzt knapp fünfeinhalb Jahrzehnte seit jenem Frühjahr vergangen sein." Talan nickte nachdenklich. In diesem Alter hätten auch erst wenige Romulanerinnen eine Schwangerschaft in Betracht gezogen. "Was ist mit Tarkin und Aslari? Die beiden müßten sich doch eigentlich gerade im passenden Alter befinden." "Das ist richtig, aber sie stehen im Moment zu stark unter Anspannung, um an Fortpflanzung denken zu können. Wahrscheinlich verschieben sie es auf nächstes Jahr, wenn sich die Lage etwas normalisiert hat." Gleich darauf erreichten sie die Habitatstreppe und verabschiedeten sich voneinander. Nur wenig später durchquerte Talan mit raschen Schritten den Hangar, bis er durch den Beginn des Transportvorganges spürte, daß sein Schiff ihn ausgemacht hatte. Im Transporterraum angekommen, begab er sich dann unverzüglich zur Brücke. Als er den großen Raum betrat, trafen ihn die Blicke seiner Schüler, in denen sich Nervosität und Neugier zu gleichen Teilen mischten. Talan sah sofort, daß der Platz am Funk unbesetzt war. "Wo ist Lieutenant Rowland?" fragte er knapp. Corestid sah sich unsicher unter seinen Kameraden um, dann ergriff er das Wort. "Noch im Habitat, Kommandant! Er kündigte bereits gestern abend an, daß er nicht herkommen würde. Er meinte, Sie hätten nicht die allergeringste Handhabe gegen ihn, und daher..." Er zuckte entschuldigend mit den Achseln. "Es tut mir leid, Kommandant, aber er ließ nicht mit sich reden." Talan hob den Kopf. "Arrhinia D'jah! Übungsprogramm Nummer vierundneunzig! Beginn!" Dann fuhr er auf dem Absatz herum und verließ die Brücke. Lieutenant Escobedo warf einen entmutigten Blick auf den Hauptbildschirm. Er hatte sich auf Talans Befehl hin mit Sternschwingen gefüllt, die sich im Gefecht mit zahlreichen Jem'Hadar-Jägern befanden. "Auf geht's, Nyshik!" wandte sich die Stimme der Arrhinia D'jah spöttisch an sie. "Ich nehme doch an, daß wir alle da vorn etwas mitmischen wollen. Es wäre überaus erfreulich, wenn du dich heute etwas weniger langweilig zeigen würdest." Escobedo nickte ergeben. Dann beugte sie sich über die Kontrollen und begann Kurs zu setzen.
Innerhalb von kürzester Zeit hatte Talan das Habitat erreicht und eilte die Treppenstufen hinauf, bis er auf der ersten Föderationsebene angelangt war. Dort hielt er die nächstbeste Person an, einen weiblichen Fähnrich, dessen Schicht erst am Nachmittag beginnen würde. Kurz darauf hatte er die gewünschte Information erhalten und befand sich auf dem Weg zu Lieutenant Rowlands Unterkunft. Rowland hatte es sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf seinem Lager bequem gemacht. Dennoch war er angekleidet und zeigte sich nicht sonderlich überrascht, als Talan ohne irgendwelche Umstände eintrat und direkt vor ihm stehenblieb. "Bei kultivierten Völkern ist es üblich, die Erlaubnis des Bewohners einzuholen, bevor man eine Privatunterkunft betritt." bemerkte er herablassend. "Sie besitzen im Augenblick keinen Privatstatus!" erwiderte Talan ungerührt. "Ihr Dienst hat schon vor einiger Zeit begonnen, und darum werden Sie mich jetzt auf die Brücke der Arrhinia D'jah begleiten, um Ihren Platz am Funk einzunehmen." Rowland richtete sich langsam auf und setzte sich auf den Rand seiner Lagerstätte. Er lächelte. "Die Arrhinia D'jah, richtig! Meine Freunde haben mir erzählt, was sich gestern da unten abgespielt hat. Ist wohl eine tolle Nummer gewesen! Das Ding scheint ja ziemlich auf Sie fixiert zu sein, nach dem was ich so gehört habe. Da ist es natürlich kein Wunder, daß Sie Ihre Show jetzt auch vor mir abziehen wollen, aber wissen Sie was? Ich fürchte, ich muß Sie leider enttäuschen. Ich habe nicht die geringste Lust, mich von Ihrem zweihundertfünfzig-Meter-Schoßhündchen tyrannisieren zu lassen." Er erhob sich und reckte sich ausgiebig. "Wissen Sie, die Runde gestern mag ja vielleicht an Sie gegangen sein, da hatten Sie den Überraschungseffekt auf Ihrer Seite. Allerdings garantiere ich Ihnen, daß Ihnen meine Leute rasch wegbleiben werden, wenn sie feststellen, daß es kein Mittel für Sie gibt, mich an Bord Ihrer fliegenden Giftspritze zu schaffen. Ich habe mich nämlich erkundigt. Auf diesem Planeten darf wegen der hohen Dilithiumvorkommen nicht durch Fels hindurch gebeamt werden, und da Sie nun einmal Ihr Schiff nicht ins Habitat hinaufbekommen, bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als mich hier zu lassen." Er grinste den Romulaner überlegen an. "Schließlich können Sie mich schwerlich in den Hangar hinunterschleifen, richtig?" Talan erwiderte kalt seinen Blick. "Falsch!" antwortete er.
Tybrang war soeben von einem Inspektionsgang durch das Kraftwerk zurückgekehrt, als er eine aufgebrachte Stimme auf einer tieferen Ebene wahrnahm. Als er sich mit raschen Schritten der Habitatstreppe näherte, konnte er Einzelheiten der auf Föderationsstandard vorgebrachten Schimpftirade vernehmen. "Lassen Sie mich auf der Stelle los! Das hier ist Nötigung, ein tätlicher Angriff auf einen Sternenflottenoffizier! Sie befinden sich auf dem Gebiet der Föderation und haben sich an ihre Gesetze zu halten. Wissen Sie überhaupt, was passiert, wenn man beim Föderationsrat von dieser Sache erfährt, Sie romulanischer Bluthund? Das kostet Sie Kopf und Kragen, die werfen Romulus hier raus und stellen Sie vor Gericht! Sie werden verurteilt, sage ich Ihnen! Verdammt noch mal, Sie brechen mir den Arm, ist Ihnen das eigentlich völlig egal?" Tybrang beugte sich über das Geländer und erkannte Talan, der schweigend den protestierenden Rowland die Treppe hinunterzerrte. Einige Zeitlang drang das Gezeter noch undeutlich zu ihm herauf, dann verklang es allmählich in der Tiefe. Der bernsteinfarbene Rhazaghaner hielt das Geländer mit beiden Fäusten umklammert. Schließlich ließ er es abrupt los, um die Habitatstreppe hinaufzusteigen.
Als Talan mit Rowland im Transporterraum materialisierte, wurde er von der Stimme seines Schiffes begrüßt. "Schau an, hast du also unseren kleinen Drückeberger erwischt! Hallo, mein Jungchen, freut mich, dich hier zu sehen! Wo du doch eigentlich so gerne wissen wolltest, was ich so draufhabe! Zu dumm, daß es nun doch dazu kommt, nicht wahr?" Talan ließ Rowland los und wandte sich ihm zu. "Und jetzt passen Sie mal auf!" sagte er beherrscht. "Wir sind hier im Krieg, und meine Aufgabe ist es, eine Crew auf den Kampfeinsatz vorzubereiten. Das letzte, was ich zu dulden bereit bin, ist ein Sicherheitsrisiko in Form eines Mannes, der es vorzog, während seiner Ausbildung schmollend in seinem Quartier zu sitzen. Sie werden Ihre Schulung hinter sich bringen, wie jeder andere auch, und eines sage ich Ihnen: Sollte ich mich noch einmal dazu gezwungen sehen, Sie aus dem Habitat zu holen, werden Sie für den gesamten Rest der Ausbildungszeit auf diesem Schiff bleiben." Rowland starrte ihn an und erbleichte. "Das ist nicht Ihr Ernst!" "Wollen wir wetten?" kicherte die Arrhinia D'jah.
|